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Kapitel 48 - Im goldenen Käfig

Aktualisiert: 30. Dez. 2024

[???] ,,Guten Morgen, Miss Leyla, konnten Sie gut schlafen?’’


Verschlafen rieb sich Leyla ihre Augen, während die sanfte Stimme der Dienerin sie in die Realität zurückholte. Es war mittlerweile drei Wochen her, dass sie gegen Bournadette gekämpft hatte. Der Gedanke daran ließ ihren Magen sich zusammenziehen. Die Kopfgeldjägerin hatte sie in die Kaiserstadt gebracht, das wusste Leyla noch. Doch die Zeit während der Fahrt war hinter einem Schleier. Sie erinnerte sich daran, erst am Vorabend in diesem Zimmer erwacht zu sein.


Das Zimmer war makellos eingerichtet: ein großes, weiches Bett mit einem schwarzen Bettbezug, ein Schreibtisch mit ordentlich gestapeltem Papier, ein Bücherregal, das mit einer beeindruckenden Auswahl an Büchern gefüllt war, und ein massiver Kleiderschrank aus dunklem Holz. Doch trotz der Pracht fühlte es sich für Leyla wie eine Zelle an. ,,Es ist ein Gefängnis, nicht mehr und nicht weniger’’, dachte sie und spürte die kalte Realität, die von den Wänden widerhallte.


Ihr gegenüber stand Filia, eine zierliche Frau mit höflicher Haltung, die ihr erklärt hatte, dass sie als Gast in diesem Teil des Kaiserpalastes untergebracht sei.


Sie war eine Bedienstete des Kronprinzen, dem dieser Teil des Kaiserpalastes gehörte. Sie schien freundlich, doch in Leylas Augen war sie nur eine Überwacherin. In den nächsten Tagen, so hatte Filia gesagt, würde sie Besuch bekommen. Bis dahin sollte sie sich ausruhen. Doch Leyla konnte keine Ruhe finden. Ihre Gedanken wanderten immer wieder zu dem, was geschehen war.


Ihre Hand glitt unbewusst zu ihrem Finger, wo die feinen Linien des Tattoos leuchteten. Sie betrachtete die braunen Muster, die wie ein ewiges Mahnmal in ihre Haut gezeichnet waren. Der Stein, den sie berührt hatte – was auch immer er war – hatte ihr gewaltige Kräfte verliehen, doch jetzt schien alles verschwunden.


,,Sind die Armreife schuld?’’ fragte sie sich und ließ ihren Blick auf den beiden goldenen Reifen an ihren Handgelenken ruhen. Sie schienen harmlos, doch Leyla wusste es besser. Fer hatte ihr einst von magieunterdrückenden Handschellen erzählt.


Ihre Gedanken wurden von einem dunklen Schatten durchzogen, der sie an ihre Freunde erinnerte.


Fer. Sie spürte ein Stechen in ihrer Brust. Er war tot, das hatte sie begriffen, doch das Gewicht der Wahrheit lastete schwer auf ihrer Seele. Sie schloss die Augen, und vor ihrem inneren Blick tauchten die letzten Momente des Kampfes auf: Schmerz, Dunkelheit, die seltsamen Kerzen. Was war geschehen? Es fühlte sich an, als ob ein wichtiger Teil fehlte – ein Puzzlestück, das alles erklären würde.


Dann dachte sie an Roxy und Liam. ,,Was ist mit ihnen passiert? Geht es ihnen gut? Ich hoffe, ich habe sie nicht getötet…’’


Der Gedanke jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken und Übelkeit stieg in ihr auf. Die Vorstellung, dass sie selbst für den Tod ihrer Freunde verantwortlich sein könnte, war unerträglich.


,,Miss Leyla?’’


Filias Stimme schnitt durch Leylas Gedanken wie ein Messer. Leyla schüttelte den Kopf, um die Schatten abzuschütteln, und richtete ihren Blick auf die Dienerin, die mit geduldiger Miene wartete.


,,Ja, danke Filia. Ich habe gut geschlafen.’’ Ihre Worte klangen mechanisch, doch sie reichten aus, um die Dienerin zufriedenzustellen.


Mit langsamen Bewegungen stand Leyla auf und zog sich an. Ihre Kleidung fühlte sich schwer an, wie eine zusätzliche Last auf ihren Schultern. Ihr Blick glitt zum Bücherregal. Sie würde die Zeit, die sie hier verbringen musste, nutzen. Diese Bücher könnten Antworten enthalten – über die Kaiserstadt, über Bournadette, über alles, was hier geschah. Und sobald sich eine Gelegenheit bot, würde sie fliehen.



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Ein goldenes Omelett, flankiert von einer dicken Scheibe Brot und einem Stück Fleisch – vielleicht Ente oder etwas Ähnliches?


Leyla betrachtete das Frühstück, das vor ihr auf dem Tisch stand. Das Omelett schimmerte appetitlich im Licht, und der Duft des frisch gebackenen Brotes stieg ihr in die Nase. Langsam begann sie zu essen. Der Geschmack war besser, als sie erwartet hatte, und sie spürte, wie sich ihre Laune leicht hob. Sie hatte erkannt, dass sie schon längst tot wäre, wenn die, die sie gefangen hielten, das gewollt hätten. Vergiftetes Essen konnte sie daher ausschließen – zumindest für den Moment.


Bedächtig aß sie weiter, genoss jeden Bissen des Omeletts und des Brotes, aber das Fleisch ließ sie unberührt. Der Gedanke daran ließ sie innehalten. Sie hatte noch nie Tiere gegessen, und heute würde sie sicher nicht damit anfangen. Außerdem war sie bereits satt.


,,Mögt Ihr das Fleisch nicht? Ich kann etwas anderes zubereiten, wenn Ihr das wollt, Miss Leyla.’’


Filias Stimme war höflich und weich, ohne einen Hauch von Verärgerung. Die Dienerin stand mit einer anmutigen Haltung neben dem Tisch und blickte Leyla erwartungsvoll an.


Leyla schüttelte den Kopf. ,,Nein danke, ich esse einfach kein Fleisch. Aber ich bin schon satt. Es war genug.’’


Filia nickte verstehend, ihre Miene blieb neutral. Mit geübten Bewegungen nahm sie den Teller und verließ das Zimmer mit einer leichten Verbeugung, die fast zu höflich für die Situation wirkte.


,,Warum werde ich so behandelt?’’ 


Leyla starrte auf die Tür, durch die Filia verschwunden war, und spürte, wie die Frage sich wie ein Echo in ihrem Kopf wiederholte. Auf der einen Seite war sie eingesperrt, ihre Magie war versiegelt, und sie war eine Gefangene – das war offensichtlich. Doch auf der anderen Seite erhielt sie gute Nahrung, ein komfortables Zimmer und Bücher, als ob sie eine geschätzte Besucherin wäre. Es war eine seltsame Mischung aus Kontrolle und Wohlwollen, die sie nicht einordnen konnte.


Sie ließ ihren Blick über die Titel der Bücher streifen.


Das Regal war mit verschiedensten Büchern mit wunderschön angefertigten Einbänden gefüllt, und ihre Finger glitten über die Buchrücken, während sie die Titel las. ,,Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs’’ fiel ihr ins Auge. Es schien ein Buch über einen längst vergangenen Konflikt zu sein, der vor über siebenhundert Jahren stattgefunden hatte. Es klang bedeutend, doch es war nicht das, was Leyla jetzt suchte.


Ihre Finger wanderten weiter, bis sie auf ein Werk stieß, das ihr Interesse weckte: ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’. Der Titel klang vielversprechend. Leyla wusste erschreckend wenig über die Welt um sie herum, und dieses Buch versprach, ihr einen Einblick zu geben. Vielleicht konnte es sogar helfen, die Lücken in ihrer Vergangenheit zu füllen.


Der verzierte Einband war weich, aber mit einer leichten Rauheit, die ihre Fingerspitzen kribbeln ließ. Der rote Stoff fühlte sich sowohl edel als auch vertraut an, obwohl Leyla sicher war, dieses Buch noch nie zuvor gesehen zu haben. Vorsichtig zog sie es aus dem Regal und öffnete es, ihre Augen glitten über die ersten Zeilen. Die Worte zogen sie in die Welt des Kaiserreichs, und sie begann zu lesen, hungrig nach Antworten, nach einem Verständnis von der Welt, was sie umgab.



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Politische Aufteilung des Kaiserreichs:

An der Spitze des Kaiserreichs steht der Kaiser. Er ist das absolute Machtzentrum und verfügt über die uneingeschränkte Entscheidungsgewalt in allen Belangen des Reiches. Ob es sich um Fragen der Verwaltung, der Rechtsprechung oder um alltägliche Angelegenheiten handelt, seine Entscheidungen sind Gesetz. Kein Aspekt des Kaiserreichs entzieht sich seinem Einfluss.


Dem Kaiser direkt unterstellt ist der Kaiserliche Rat. Dieser besteht aus zehn Mitgliedern, die ihn in seiner Herrschaft unterstützen. Der Rat dient dazu, die Aufgaben zu übernehmen, die der Kaiser nicht selbst bearbeiten möchte. Jedes Mitglied hat eine spezifische Rolle und trägt mit seinen Entscheidungen zur Verwaltung und Stabilität des Reiches bei.


Der Ratsvorsitzende ist der Koordinator und Organisator des Rates. Er plant und leitet nicht nur die Sitzungen des Gremiums, sondern ist auch für besondere Ereignisse in der Kaiserstadt verantwortlich. Dazu zählen festliche Anlässe, wie die opulenten Paraden des Militärs oder die Organisation öffentlicher Gerichtsverfahren. Unter seiner Leitung wird das Leben in der Kaiserstadt orchestriert.


Der Kaiserliche Minister trägt die Verantwortung für die Innenpolitik des Reiches. Er hat die Macht, neue Gesetze zu erlassen und Bauprojekte im gesamten Kaiserreich zu genehmigen. Ob es um die Errichtung von Straßen, Brücken oder neuen Magieakademien geht – der Minister bestimmt, wie sich die Infrastruktur des Landes entwickelt.


Der Oberbefehlshaber ist der Anführer der Landstreitkräfte. Er ist für die Organisation und Disziplin des Heeres verantwortlich, plant militärische Strategien und sorgt für die Verteidigungsbereitschaft des Reiches. Seine Entscheidungen formen die Stärke der Armee, die das Kaiserreich schützt.


Der Erste Admiral führt die Kaiserliche Flotte. Sein Einfluss reicht weit über die Meere hinaus, denn er ist nicht nur ein militärischer Führer, sondern auch ein Diplomat. In Verhandlungen mit anderen Staaten repräsentiert er das Kaiserreich und trägt so zur Stabilität der internationalen Beziehungen bei.


Der Großmagier ist der höchste Magieexperte des Kaiserreichs. Seine Aufgaben umfassen die Ausbildung der Mitglieder der Kaiserfamilie und deren engsten Verbündeten in magischen Künsten. Gleichzeitig organisiert er die zahlreichen Magieakademien im Land und stellt sicher, dass die magischen Ressourcen des Kaiserreichs optimal genutzt werden.


Der Schatzmeister ist der Hüter der Finanzen. Er verwaltet die Goldreserven und plant den Haushalt des Kaiserreichs. Mit der Macht, die Steuerpolitik zu bestimmen, beeinflusst er die wirtschaftliche Stabilität des Reiches und sorgt dafür, dass genug Mittel für den militärischen, magischen und infrastrukturellen Fortschritt bereitstehen.


Der Tribun ist die Stimme des Volkes im Kaiserlichen Rat. Seine Aufgabe ist es, die Bedürfnisse und Sorgen der Bevölkerung in den Diskussionen des Rates zu vertreten. Er hat die wichtige Rolle, sicherzustellen, dass kein Einwohner des Kaiserreichs in den Entscheidungen vergessen wird.


Die drei flexiblen Plätze im Rat bieten zusätzliche Möglichkeiten. Diese Positionen wechseln alle zwei Jahre und werden vom Ratsvorsitzenden vergeben. Sie ermöglichen es, externe Experten oder wichtige Persönlichkeiten in die Regierung einzubinden, um besondere Herausforderungen anzugehen.


Jede Person, die für die Regierung arbeitet, ist an die Entscheidungen des Rates gebunden. Ob Soldaten, Beamte oder Magier – sie alle müssen den Weisungen des Rates folgen. Diese Struktur sichert, dass die Macht des Kaisers und seines Rates bis in die entlegensten Winkel des Kaiserreichs reicht.



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Erschöpft klappte Leyla das Buch zu. Die Dunkelheit hatte den Raum längst gefüllt, und nur der schwache Schein einer Öllampe beleuchtete die Ecken. Sie blickte hinauf zum einzigen Fenster, das in die Schräge des Daches eingelassen war. Der Himmel dahinter war schwarz wie Tinte, mit kaum sichtbaren Sternen, die wie vergessene Funken in der Ferne flimmerten.


Das Fenster war unerreichbar hoch, ein stiller Wächter, der sie von der Außenwelt trennte. Sie wusste, dass sie sich im Kaiserpalast befand, doch wo genau? Wie hoch über der Erde? Diese Ungewissheit war wie eine unsichtbare Kette, die sich um ihre Gedanken legte.


Sie hatte schon gut die Hälfte des Buches gelesen. Die Struktur des Kaiserreichs war ihr nun vertrauter, die Details geordnet und klar in ihrem Kopf. Doch die erhoffte Hilfe bei ihrer Suche nach Erinnerungen blieb aus. Die Jahre vor Migar waren immer noch ein leeres, bodenloses Schwarz. Keine Gesichter, keine Stimmen, keine Ereignisse – nur ein Abgrund von Ungewissheit. Sie fragte sich, was sie all die zwanzig Jahre getan hatte, die in ihrem Gedächtnis fehlten.


Mit einem leisen Seufzen ließ sie sich rücklings aufs Bett fallen. Die weiche, schwere Decke war wie eine flüchtige Umarmung, die ihre Gedanken für einen Moment besänftigte.


Ihre Gedanken wanderten zu Liam. Die Erinnerungen an sein warmes Lächeln, seine beruhigende Stimme und seinen lockeren Sprüche stachen wie Messer in ihrem Herzen. ,,Lebst du noch, Liam? Vermisst du mich genauso wie ich dich? Suchst du mich?’’ 


Sie spürte, wie Tränen ihre Wangen hinunterliefen, heiße Tropfen, die die Kälte in ihrem Inneren nicht vertreiben konnten. Sie wollte nichts sehnlicher, als in seinen Armen zu liegen – dort, wo sie sich sicher fühlte, wo die Welt für einen Moment wieder Sinn ergab.


,,Vielleicht kann ich Bournadette fragen…’’


Der Gedanke kam ihr plötzlich, während sie sich die Tränen abwischte. Falls sie diese Frau jemals wiedersehen würde, könnte sie vielleicht Antworten bekommen. Der Gedanke war absurd, doch sie klammerte sich daran, wie an einen Strohhalm in einem reißenden Fluss.


Doch die Verzweiflung kroch bereits in ihr hoch, wie kaltes Wasser, das bis zu ihrem Hals emporstieg. Es war ein stiller, unbarmherziger Druck, der sich in ihrer Brust festsetzte und ihr den Atem raubte.


Ihr Körper begann zu zittern. Die Welt um sie herum schien sich plötzlich zu drehen, als ob sie in einem Strudel gefangen wäre.


,,Was ist jetzt los? Bin ich doch vergiftet worden?’’ dachte sie panisch, während sie verzweifelt nach Luft rang.


Die Angst übernahm die Kontrolle. Ihre Hände klammerten sich an die Bettdecke, doch nichts konnte die Dunkelheit in ihrem Inneren aufhalten.


Panikattacken waren nichts neues für Leyla. Seit dem Tod ihrer Mutter hatten sie sie wie Schatten begleitet, unvorhersehbar und erbarmungslos. Sie hatte damals gelernt, mit ihnen umzugehen, sie zu erkennen und ihnen die Macht zu nehmen. Doch mit den verlorenen Erinnerungen war auch dieses Wissen verschwunden.


Und so fühlte sie sich nun wie ein kleines Kind, hilflos, verloren in der Dunkelheit ihrer eigenen Gedanken. Der Schrei nach Hilfe blieb in ihrer Kehle stecken, und die Panik war alles, was sie spüren konnte.

 
 
 

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