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Kapitel 50 - Kronprinz Eugenius

Aktualisiert: 7. Jan. 2025

Die Kaiserfamilie Algavia gehört zu den ältesten und ehrwürdigsten Familien des Menschengeschlechts. Ihre Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück, und die erste bekannte Erwähnung ihrer Existenz findet sich in einer Inschrift auf den Steintafeln eines alten Tempels nördlich des heutigen Vallykas. Dieser Tempel, der der Göttin Kamera gewidmet ist, gilt als einer der heiligen Orte des Kontinents.


Die Macht und der Einfluss der Algavia gründen sich auf zwei außergewöhnliche Stärken, die sie von allen anderen Familien abheben und ihnen ihre einzigartige Position sichern.


Die erste Stärke ist ihre Verbindung zur Zeitmagie. Die Algavia sind die einzige Familie unter den Menschen, deren Blutlinie die Fähigkeit zur Kontrolle der Zeit verleiht. Diese Gabe variiert in ihrer Ausprägung stark von Mitglied zu Mitglied. 


Einige Kaiser konnten die Zeit für alles Lebendige anhalten oder sogar für kurze Momente zurückspulen. Andere hingegen beherrschten nur einfache Manipulationen, wie das Einfrieren kleiner Objekte in der Zeit. Dennoch bleibt diese Gabe eine unvergleichliche Waffe und ein Symbol der göttlichen Autorität der Algavia.


Die zweite Stärke ist eine Verbündete von unvorstellbarer Macht: Yang. Sie gehört dem sagenumwobenen Volk der Wacal an, einer Rasse, die für ihre enorme Lebensspanne und ihre außergewöhnlichen magischen Fähigkeiten bekannt ist. Yang ist nicht nur die stärkste Kriegerin des Kaiserreichs, sondern sie dient der Kaiserfamilie seit über 1500 Jahren als Beschützerin und Beraterin. 


Ihre Loyalität zu den Algavia ist unerschütterlich, doch die Gründe für ihre Verbundenheit bleiben ein Geheimnis. Viele Gelehrte und Adlige haben über die Natur dieser Beziehung spekuliert, doch weder die Kaiserfamilie noch Yang selbst haben dazu je Stellung genommen. Ihre schiere Präsenz und ihre Fähigkeiten machen sie zu einer lebenden Legende im Kaiserreich. 


Es waren die Algavia, die einst die zersplitterten Menschenkönigreiche unter ihrer Herrschaft vereinten und sie zu einem Kaiserreich formten. In den dunklen Tagen des Großen Krieges führten sie ihre Truppen mit unerschütterlicher Entschlossenheit und gewannen die Kontrolle über den gesamten Kontinent. 


Die Kaiserkrone, die sie seither tragen, ist mehr als ein Symbol ihrer Macht – sie ist ein Beweis für ihre göttliche Berufung und ihre unvergleichliche Herrschaft über die Menschen.



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Eugenius Algavia wurde als dritter Sohn von Verion Algavia geboren. Als Enkel von Kaiser Tavil IV war er von Geburt an Teil der mächtigsten Familie des Kaiserreichs. In seiner Jugend genoss er den Schutz und die Fürsorge, die nur einem Nachkommen des Kaisers zuteilwerden konnten. 


Doch trotz des Luxus seines Lebens war Eugenius schon immer ein Kind, das seine Umgebung aufmerksam beobachtete und sich mit einem ungewöhnlich scharfen Verstand von seinen Geschwistern unterschied.


Im Alter von sieben Jahren begann er eine Ausbildung in der kaiserlichen Privatakademie. Schon bald wurde deutlich, dass Eugenius kein Talent für Magie oder den Schwertkampf hatte. 


Während seine Brüder sich in der Kunst der Kriegführung übten, entfalteten sich seine Stärken in ganz anderen Bereichen. Verwaltung, Diplomatie und Politik fielen ihm leicht, und seine Lehrer erkannten schnell, dass er ein außergewöhnliches Gespür für strategisches Denken besaß.


Sein Vater, Verion Algavia, erkannte dieses Potenzial und traf eine ungewöhnliche Entscheidung. Anstatt Eugenius wie die anderen Prinzen in der Hauptstadt auszubilden, schickte er ihn an verschiedene Akademien im gesamten Kaiserreich. Diese Reisen ermöglichten es Eugenius, nicht nur von den besten Lehrern zu lernen, sondern auch das Reich und seine Menschen aus nächster Nähe kennenzulernen.


Diese Zeit prägte ihn. Während andere Prinzen die Theorie in den Hallen der Kaiserstadt studierten, bereiste Eugenius abgelegene Dörfer, lernte regionale Dialekte und sah die Realitäten des Lebens außerhalb des Hofes. Er verstand die Nöte und Hoffnungen der einfachen Leute besser als seine Brüder, die das Kaiserreich nur durch Berichte und Karten kannten.


Im Alter von zweiundzwanzig Jahren kehrte Eugenius schließlich in die Kaiserstadt zurück. Inzwischen war er ein Mann geworden, gereift durch seine Erfahrungen und entschlossen, seinen Platz in der Politik zu finden. Er hatte sich bereits entschieden: Sein Ziel war es, in die Verwaltung einzusteigen. Der Schatzmeister des Kaiserlichen Rats zu werden war sein erklärtes Ziel. Dort glaubte er, könnte er nicht nur seine Talente einsetzen, sondern auch langfristig das Kaiserreich stärken.


Doch sein sorgfältig geplanter Weg wurde durch eine einzige Entscheidung seines Vaters zerstört. Verion Algavia, nun Kaiser, rief das sogenannte Prinzenspiel aus. Dieses Spiel zwang alle Prinzen, um den Thron zu kämpfen, und das Ausscheiden bedeutete nicht nur den Verlust aller Titel, sondern auch die Verbannung aus dem Kaiserreich. 


Eugenius hätte kein Problem damit gehabt, wenn einer seiner Brüder zum Kronprinzen ernannt worden wäre. Er war sogar bereit gewesen, sie in ihrer Rolle zu unterstützen, solange er seinen Platz in der Verwaltung finden konnte. Doch die Gefahr, alles zu verlieren und ins Exil geschickt zu werden, war etwas, das er nicht ignorieren konnte.


Es war diese Entscheidung seines Vaters, die Eugenius veränderte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er den Druck, mit allen Mitteln kämpfen zu müssen. Er erkannte, dass es keine Kompromisse mehr gab – wenn er überleben wollte, musste er den Thron besteigen.


Und so begann er, mit ruhigem Kalkül und unnachgiebigem Ehrgeiz seinen Weg zu planen. Der Prinz, der einst nur ein Diener des Kaiserreichs sein wollte, machte sich bereit, dessen Herrscher zu werden.



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Leyla trat durch die Tür in den Raum. Das Zimmer war großzügig und elegant eingerichtet. Der Boden war bedeckt mit einem großen Teppich, der in lebhaften Farben das Bild eines majestätischen Adlers darstellte. Lange Bücherregale, gefüllt mit prächtig gebundenen Werken, säumten die Wände und verliehen dem Raum die Atmosphäre einer Gelehrtenbibliothek. Zwei goldene Kronleuchter erhellten den Raum mit einem warmen, einladenden Licht.


Am Ende des Raumes befand sich ein großes Fenster, das den Blick auf die Kaiserstadt freigab. Das Zimmer hatte etwas Beruhigendes, doch Leyla konnte die Anspannung nicht abschütteln. Es wirkte mehr wie eine Inszenierung von Macht und Wissen als ein tatsächlicher Rückzugsort.


In der Mitte des Raumes stand ein massiver Holztisch, auf dem Bücher, Schriftrollen und ein Tintenfass verstreut lagen. Der Kronprinz saß dahinter, seine Haltung entspannt, als gehöre ihm die Welt. Sein prunkvolles blaues Gewand schimmerte im Licht der Kronleuchter, und seine langen, goldenen Haare fielen wie ein glänzender Wasserfall über seine Schultern.


Leyla neigte hastig ihren Kopf und verbeugte sich tief. Ihre Stimme war fest, doch sie konnte den Anflug von Unsicherheit nicht verbergen, der sich in ihre Haltung einschlich. ,,Ihr habt mich gerufen, Eure Hoheit?’’ Ihre Hände waren feucht vor Nervosität, während sie versuchte, sich aufrecht zu halten.


Der Kronprinz musterte sie mit einem ruhigen, durchdringenden Blick, bevor er das Buch in seiner Hand langsam zuklappte und es bedächtig auf den Tisch legte.


,,Erhebe dein Haupt und setze dich zu mir. Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.’’


Leyla zögerte, bevor sie den freien Stuhl vor dem Tisch nahm. Der Stuhl war zwar schlicht, aber komfortabel, und sie konnte nicht anders, als ihn mit den unbequemen Holzmöbeln der Tavernen zu vergleichen, in denen sie einst Zuflucht gefunden hatte.


,,Du fragst dich sicher, warum du als Gast hier festgehalten wirst.’’ Seine Stimme war ruhig, fast einladend, doch Leyla spürte den unausgesprochenen Druck, der in jedem seiner Worte lag. ,,Das hat einen guten Grund. Eine Freundin von mir, Lady Lacroix, hat mir von der Kraft, die du freigesetzt hast, erzählt. Ich würde diese gerne erforschen und…’’ 


Er hielt inne, als habe er sich verplappert. Dann fuhr er in einem anderen Ton fort: ,,Möchtest du Tee?’’


Leyla nickte zögerlich, ihre Gedanken rasten. Wäre sie nur ein weiteres Experiment für den Adel? Würde er sie wie ein Werkzeug behandeln, um seine eigenen Ziele zu erreichen? Sie ahnte die Antworten bereits.


Der Prinz schenkte ihr Tee ein und räusperte sich leise, bevor er fortfuhr. ,,Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Ich will deine Kraft erforschen und sie entwickeln. Ich glaube du hast ein großes Potenzial und du könntest dem Kaiserreich damit helfen.’’



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Leylas Magen zog sich zusammen. Der Gedanke, das Kaiserreich zu unterstützen, widerstrebte ihr. Diese Kraft war nicht ihre eigene und sie wollte sie nicht für den Adel nutzen.


,,Nächste Woche wird ein guter Bekannter von mir dich besuchen und sich deiner Kraft annehmen.’’ Seine Worte klangen wie eine Anweisung, nicht wie ein Angebot. ,,Bis dahin erwarte ich, dass du dich ausruhst.’’


Alles ging zu schnell. Leyla fühlte sich überrannt, als sei sie ein Bauer auf einem Spielbrett, der von einer unsichtbaren Hand gezogen wurde. Sie wusste, dass der Adel gewohnt war, über das Leben anderer zu verfügen, doch es zu erleben, war etwas ganz anderes.


,,Ich habe mit Filia gesprochen. Sie hat erzählt, dass es dir gestern nicht gut ging.’’ Sein Tonfall war plötzlich weich, fast besorgt. ,,Wenn du etwas brauchst oder dir etwas fehlt, dann sag es ihr. Dir darf es an nichts fehlen.’’


Sein Lächeln war freundlich. Sie nahm einen Schluck Tee, während ihre Gedanken rasten.


,,Kann ich ihm vertrauen? Er ist ganz anders als ich mir Prinzen vorgestellt habe.’’


Der Prinz wartete, sein Blick fest auf sie gerichtet. Leyla wusste, dass sie etwas sagen musste, doch ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf wie ein Sturm umher. Schließlich öffnete sie den Mund:


,,Ähm, Eure Hoheit?’’


,,Ja, Miss Leyla?’’ Seine Stimme blieb geduldig.


,,Ich würde gerne wissen, wie es meinen Freunden geht. Wisst Ihr etwas darüber?’’ Ihre Stimme zitterte leicht, und sie biss sich auf die Unterlippe.


Der Kronprinz zeigte keine Reaktion, als er antwortete: ,,Mir ist nichts zu deinen Freunden bekannt. Lady Lacroix hat niemanden erwähnt.’’


Leylas Herz krampfte sich zusammen. Sie wollte nichts mehr, als zu Roxy und Liam zurückzukehren. Doch dieser Weg schien immer weiter in die Ferne zu rücken. Der Schmerz musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen, denn der Kronprinz ließ seine freundliche Maske kurz sinken.


,,Am besten vergisst du deine Freunde.’’ Seine Stimme wurde kühler, während seine Worte wie Dolche stachen. ,,Du bist jetzt hier, in meinem Besitz. Je schneller du dich damit abfindest, desto besser.’’


Leyla spürte, wie ihre Wut aufflammte, doch sie hielt sie zurück. Seine Worte brannten sich in ihren Verstand und hinterließen Wunden in ihrem Herzen.


,,Ich wusste es. Er ist ein Adliger, natürlich kann ich ihm nicht vertrauen. Filia genauso wenig. Alles was ich ihr erzähle, wird an ihn weitergegeben. Ich muss mich auf mich selbst verlassen.’’


Mit äußerster Beherrschung zwang sie sich, höflich zu bleiben. ,,Ich bin erschöpft. Erlaubt Eure Hoheit, dass ich mich auf mein Zimmer begebe?’’


Der Kronprinz nickte, sein Lächeln kehrte zurück, als sei nichts geschehen. ,,Natürlich. Charles wird dich zurückbegleiten.’’

 
 
 

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