top of page

Kapitel 52 - Filia

Die Kaiserstadt, das pulsierende Herz des Kaiserreichs, erhebt sich majestätisch im Zentrum des fruchtbaren Herzlands. Umgeben von üppigen Feldern und Dörfern, bildet sie den Knotenpunkt von Macht, Handel und Kultur. 


Mit fast 1,5 Millionen Bewohnern, überwiegend Menschen, ist sie unangefochten die größte Stadt des Reiches und strahlt einen Glanz aus, der sich in den Geschichten und Träumen seiner Einwohner widerspiegelt.


Die Straßen der Kaiserstadt sind lebendig und geschäftig. Tausende von Geschäften reihen sich in den belebten Vierteln aneinander und bieten alles, was das Herz begehrt. Doch es sind die Akademien, die den Geist der Stadt prägen. Dutzende Bildungsstätten säumen die Stadt, darunter vier angesehene Magieakademien, die angehende Magier aus allen Teilen des Kaiserreichs anziehen. Diese Orte sind Quellen des Wissens und der Macht, ihre Einflüsse spürbar in den glänzenden Augen der Lernenden.


Im Herzen der Stadt thront der Kaiserpalast, ein Symbol der unerschütterlichen Herrschaft der Algavia-Dynastie. Seine weißen Türme und prächtigen Palastgebäude sind seit über tausend Jahren für alle Bewohner sichtbar. Der Palastkomplex, der in neun Teile gegliedert ist, dominiert das Stadtbild. 


Der Hauptpalast beherbergt den Thronsaal und dient als Residenz des Kaisers und der Kaiserin. Die acht Nebenpaläste sind den Familienmitgliedern der Algavia vorbehalten, in der Regel den Prinzen, umgeben von vier prachtvollen Gärten. Diese grünen Oasen bieten dem Hochadel einen Rückzugsort, wo Politik und Vergnügen aufeinandertreffen.


Doch die Kaiserstadt ist eine Stadt der Kontraste. Die strahlende Pracht der Adelspaläste steht im scharfen Gegensatz zu den schäbigen Straßen der ärmeren Viertel. Abseits der acht makellosen Hauptstraßen, die von kunstvollen Laternen und reich verzierten Gebäuden gesäumt sind, breiten sich heruntergekommene Gassen aus. Diese Orte, verborgen im Schatten der Stadt, sind ein Labyrinth der Verzweiflung und des Überlebens.


In diesen dunklen Winkeln zeigt die Kaiserstadt ihr anderes Gesicht. Bordelle, Tavernen und zwielichtige Geschäfte florieren in den schmalen Gassen, und die Stimmen der Verzweifelten und Verlorenen hallen durch die Dunkelheit. Solange diese Aktivitäten die heiligen Bezirke des Adels nicht berühren und die Hauptstraßen sauber bleiben, greifen die Behörden selten ein. Es ist eine stille Übereinkunft, die den Frieden in einer Stadt voller Spannungen bewahrt.


Der Goldene Fluss, der größte Fluss des Kaiserreichs, durchzieht die Kaiserstadt wie eine Lebensader. Sein Wasser glitzert im Sonnenlicht, und seine Ufer sind gesäumt von Werften und Lagerhäusern. Vom großen Hafen der Stadt legen unzählige Handelsschiffe ab, die Waren und Reichtümer den Fluss hinab in den Süden tragen, wo die großen Handelsstädte und das Meer auf sie warten. Der Fluss verbindet die Kaiserstadt mit dem Rest des Kaiserreichs und ist ein Symbol für den unaufhaltsamen Strom von Macht und Reichtum.


Die Kaiserstadt ist das strahlende Juwel des Kaiserreichs, ein Ort, der von Reichtum und Pracht erzählt. Doch dieser Glanz erstrahlt nur für jene, die es sich leisten können. Für die Armen ist die Stadt ein Käfig, in dem Träume verloren gehen und Hoffnungen verblassen. Es ist ein Ort, der ebenso inspirierend wie unerbittlich ist, ein Spiegelbild der Ungerechtigkeiten und Wunder des Kaiserreichs.



--------------------------------------------------------------------------



,,Dein Name ist Filia, ja? Deine Aufgabe wird es sein, unseren Sohn zu erziehen und dich um ihn zu kümmern.’’ Graf Herold Lugnics Stimme war ruhig, aber in seiner Betonung lag etwas, das Filia daran erinnerte, dass es hier keinen Raum für Widerspruch gab.


Filia musterte den Mann vor ihr. Er war groß, mit einem gepflegten Bart und eleganter Kleidung, die seinen Stand unverkennbar machte. Seine Augen musterten sie, nicht kalt, aber mit einer Art distanziertem Wohlwollen, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Es war dieser Blick, der ihr klarmachte, dass sie für ihn nur eine Dienerin war – kein Mensch, sondern ein Besitz.


Noch vor wenigen Wochen hatte sie in den Straßen der Kaiserstadt gebettelt, hungernd und verzweifelt, während sie sich durch die schmutzigen Gassen kämpfte, auf der Suche nach etwas Essbarem. Sie erinnerte sich an den Tag, als dieser Mann aus einer prächtigen Kutsche stieg, umgeben von Bediensteten, die ihm blind gehorchten.


Filia sah die Szene vor ihrem inneren Auge, als wäre sie erst gestern geschehen. Sie hatte damals auf der Straße gesessen, die Beine angezogen, während sie das Knurren in ihrem Magen ignorierte. Der Graf war direkt auf sie zugetreten, und sein Blick hatte sie durchbohrt. Sie hatte sich sofort kleiner gefühlt, nicht nur wegen seiner imposanten Gestalt, sondern wegen der Art, wie er sie ansah – wie eine Ware, die er begutachtete.


,,Du hast ein hübsches Gesicht und einen hübschen Körper. Kannst du kochen? Dich um ein Kind kümmern?’’ Seine Stimme klang fast beiläufig, als wäre ihre Antwort für ihn nicht mehr als eine Formalität.


Filia hatte in dem Moment große Angst gespürt. Sie war jung, vielleicht vierzehn, aber genau wusste sie es nicht. Die Jahre waren ineinander verschwommen, ein grauer Schleier aus Hunger, Angst und Überlebenskampf. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann sie so ansah. Sie kannte diesen Blick, hatte ihn oft genug erlebt. Die meisten Männer wollten von den Mädchen der Straße nur eines — und ihnen war dabei egal, ob es aus Geldnot oder Einverständnis war.


Instinktiv hatte sie den Ekel hinuntergeschluckt, der sich in ihrem Bauch zusammengeballt hatte. Sie zwang sich zu lächeln, ein Lächeln, das nicht ihre Unsicherheit, sondern ihre Bereitschaft vortäuschen sollte. ,,Danke für Eure Komplimente. Ja, ich kann gut Kochen und mich auch um Kinder kümmern.’’ Ihre Stimme war süßlich, fast freundlich, und doch hallte sie hohl in ihren eigenen Ohren.


In den letzten Jahren hatte sie gelernt, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Eine Maske aufzusetzen, war für sie zur Überlebensstrategie geworden. Wenn man das, was man fühlte, nicht zeigte, konnte man wenigstens die Kontrolle über die Situation bewahren – oder sich das einbilden.


Doch dann hatte der Graf sie überrascht. Er hatte sie nicht berührt, hatte nicht von ihr verlangt, was andere Männer vor ihm verlangt hatten. Stattdessen hatte er sie eingeladen, zu seinem Anwesen zu kommen. Er hatte ihr Geld für eine Bleibe, neue Kleidung und Essen gegeben, bevor er wieder in seine Kutsche gestiegen und davongefahren war.


Jetzt, einige Wochen später, stand sie hier, vor seinem Anwesen, das größer war, als sie es sich je hätte vorstellen können. Die Mauern waren hoch und makellos weiß, die Fenster glänzten im Licht der Morgensonne. Alles hier schrie Reichtum und Macht, doch für Filia hatte es den Geschmack von Käfigstäben.


Der Graf lächelte sie an, sein Gesichtsausdruck freundlich, fast zuvorkommend. Doch Filia durchschaute diese Maske. Sie wusste, dass dieses Lächeln nichts bedeutete. Für ihn war sie kein Mensch, sondern ein Mittel zum Zweck – ein Werkzeug, das er nach Belieben einsetzen konnte.


,,Ja, mein Name ist Filia, Euer Gnaden. Ich freue mich darauf, mich um Euren Sohn zu kümmern.’’ Ihre Worte klangen höflich, fast enthusiastisch, doch in ihrem Inneren fühlte sie nichts als Leere.



--------------------------------------------------------------------------



Seit mittlerweile knapp fünfzehn Jahren war Filia im Anwesen der Lugnics angestellt. Ihre Aufgabe war es, sich um Mattheo Lugnics zu kümmern, ihn zu erziehen und ihm die Grundlagen des Lebens beizubringen. 


Der Graf hatte darauf bestanden, dass Filia ebenfalls Unterricht nahm. So lernte sie Lesen und Schreiben, einfache Mathematik und die Grundlagen der Alltagsmagie – Fähigkeiten, die ihr in ihrem früheren Leben unvorstellbar erschienen wären.


Das Leben im Anwesen war für Filia zweifellos besser geworden. Sie wurde gut behandelt, hatte ein eigenes Zimmer, stets genug zu essen und musste sich keine Sorgen mehr machen, auf den Straßen zu verhungern oder sich Männern anzubieten, um zu überleben. Dennoch blieb ein nagendes Gefühl.


Es war das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Freiheit. Die Straßen der Armut waren gegen die Mauern des Anwesens getauscht worden, und Filia fragte sich oft, ob sie jemals wirklich frei sein würde – frei von Armut, Erwartungen und den Zwängen, die ihr Leben von außen bestimmten.


Mit einem gedankenverlorenen Blick ließ Filia ihre Augen durch den Empfangsraum des Anwesens gleiten. Heute war ein besonderer Tag. Der Graf hatte ein wichtiges Treffen, das war nicht ungewöhnlich, doch heute war seine Nervosität deutlich spürbar. Es lag eine Anspannung in der Luft, die Filia unruhig machte.


[???] ,,Seine Hoheit, Prinz Eugenius wird nun eintreten!’’ Die laute Stimme eines Dieners von draußen riss Filia aus ihren Gedanken.


Ein Prinz? Ein Mitglied der Kaiserfamilie? Filia konnte es kaum glauben. Sicher, der Graf war ein Adliger, aber er hatte keinen direkten Einfluss oder Verbindungen zur Kaiserfamilie. Warum war ein Prinz hier?


Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, auch wenn ihr Herz schneller schlug. Ihre Unsicherheit durfte nicht sichtbar sein.


Die großen Türen des Empfangsraumes öffneten sich mit einem kräftigen Schwung, und ein Mann mit langen, goldblonden Haaren trat ein. Seine Präsenz war einschüchternd und doch faszinierend, und sein Gewand spiegelte die Pracht seines Standes wider.


Sofort verbeugten sich der Graf, seine Frau, Filia und die anderen Dienerinnen tief vor ihm. Ihre Haltung war respektvoll und demütig, wie es sich gehörte.


,,Es freut mich, Euch in meinem bescheidenen Anwesen willkommen heißen zu dürfen, Eure Hoheit.’’ Die Worte des Grafen klangen unterwürfig, fast devot – eine Seite von ihm, die Filia noch nie gesehen hatte.


Die Schritte des Prinzen hallten durch den Raum, gleichmäßig und selbstbewusst. Filia hielt ihren Blick weiter auf den Boden gesenkt, während ihre Gedanken unkontrolliert rasten. Plötzlich spürte sie, wie die Schritte vor ihr zum Stillstand kamen. 


,,Ist dies hier die Dienerin, von der Ihr mir berichtet habt, Graf Lugnics?’’ Die Stimme des Prinzen war klar, durchdringend und trug eine unausgesprochene Autorität in sich.


Filia zuckte zusammen. Warum hatte der Graf dem Prinzen von ihr erzählt? Was wollte ein Mitglied der Kaiserfamilie von ihr?


,,Genau, mein Prinz. Das ist die fähige Dienerin, die meinen Sohn großgezogen und betreut hat. Sie kann lesen und schreiben, arbeitet unermüdlich und beherrscht die Etikette des Hofes. Ihr werdet mit ihr nicht enttäuscht sein.’’ Der Stolz des Grafen war in seinen Worten unüberhörbar, doch Filia fühlte, wie die Unsicherheit sie zu erdrücken drohte.



--------------------------------------------------------------------------



Filia schwitzte vor Angst und Nervosität. Ihre Hände lagen steif in ihrem Schoß, und ihr Blick war starr auf ihre Füße gerichtet, als hätte sie Angst, dass jede Bewegung unangenehme Aufmerksamkeit auf sie ziehen könnte. Sie wagte es kaum zu atmen, während die Kutsche sanft über den gepflasterten Weg rollte.


Sie saß in der opulent ausgestatteten Kutsche des Prinzen Eugenius, unterwegs zur Kaiserstadt. Die schweren Vorhänge, die das Innere der Kutsche vom hellen Licht der Außenwelt abschirmten, verstärkten das Gefühl der Enge, das sie erdrückte. Die luxuriösen Polster und Verzierungen, die für den Prinzen selbstverständlich waren, fühlten sich für Filia wie Requisiten einer fremden Welt an.


Er hatte sie einfach mitgenommen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, ihre wenigen Besitztümer einzupacken. ,,Du kriegst alles, was du brauchst, lass deine Sachen hier.’’ Das waren die Worte, die der Prinz gesagt hatte, bevor sein Leibdiener sie wortlos in die Kutsche gebracht hatte.


Nun saß sie alleine mit ihm, dem dritten Enkel des Kaisers, in dieser geschlossenen, fast unwirklich anmutenden Welt. Sie fühlte sich klein und machtlos, als ob jeder ihrer Atemzüge zu laut sein könnte.


,,Nur nichts Falsches sagen, keine falsche Bewegung machen’’, flüsterte sie in Gedanken zu sich selbst, während sie ihren Kopf noch tiefer neigte, um seinem Blick auszuweichen. 


,,Du brauchst nicht so angespannt sein, ich tue dir nichts.’’ Die Stimme des Prinzen war ruhig, fast sanft, doch für Filia war sie nicht beruhigend. Jedes seiner Worte schien von einem unausgesprochenen Befehl getragen zu sein, von der Autorität eines Mannes, der es gewohnt war, über das Leben anderer zu bestimmen.


,,Ich war seit einiger Zeit auf der Suche nach einer Bediensteten, die in meinem Abschnitt des Kaiserpalasts arbeitet. Ich vertraue nicht vielen Menschen, deswegen wollte ich eine aussuchen, die keine direkte Verbindungen zu den hohen Familien der Kaiserstadt hat.’’ All seine Worte klangen fast beiläufig, doch Filia konnte das Gewicht hinter ihnen spüren.


Er sprach weiter, seine Stimme unverändert weich, aber für Filia war sie wie das leise Knirschen von Zahnrädern, die sich in einer präzisen Maschinerie bewegten. ,,Ich bin mir sicher, dass du deine Aufgaben gut erledigen wirst. Es wird dir an nichts fehlen und dich wird niemals jemand anfassen.’’


Filia nickte langsam, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, während sie die Worte in sich aufnahm. Es war das zweite Mal in ihrem Leben, dass ihr ein neuer Lebensabschnitt aufgezwungen wurde. Das erste Mal hatte sie die Straßen der Kaiserstadt hinter sich gelassen und war Dienerin im Anwesen des Grafen Lugnics geworden.


Und jetzt war es der Prinz selbst, der sie in diese neue Welt zog. Ihre Situation hatte sich wieder einmal verbessert – die Straßen und die Unsicherheit waren mittlerweile durch prunkvolle Korridore und garantierte Sicherheit ersetzt worden. Doch gleichzeitig waren die Ketten, die sie gefangen hielten, enger und unnachgiebiger geworden.



--------------------------------------------------------------------------



Filia hatte bereits ein Jahr im Kaiserlichen Palast gearbeitet. Die anfängliche Aufregung und die fremde Pracht waren einer bedrückenden Routine gewichen. Während sie im Anwesen des Grafen gelegentlich die Möglichkeit gehabt hatte, die Welt außerhalb zu erleben, war sie im Palast an diesen Ort gebunden. Ein unsichtbarer Käfig umgab sie, strenger und undurchdringlicher als zuvor.


Der Nebenpalast des Prinzen war ihre gesamte Welt geworden. Direkt bei der Ankunft war es ihr untersagt worden, ihn zu verlassen. Jeden Tag sah sie dieselben drei Gesichter: Prinzen Eugenius, den Leibdiener Charles Winson und den Koch. Ihre Aufgaben waren eintönig, unnachgiebig in ihrer Gleichförmigkeit: die Gänge und Zimmer reinigen, dem Prinzen das Essen bringen und dem Leibdiener bei seinen Aufgaben assistieren. Die Tage verschwammen zu einem endlosen Strom aus Wiederholung.


Wenn Besucher in den Nebenpalast kamen, wurde sie gezwungen, sich in ihrem Zimmer zu verstecken. Jede Bitte um Kleidung, Bücher oder etwas Besonderes musste durch Charles gehen. Ihre Isolation war vollständig, durchbrochen nur von den engen Grenzen der Pflichten, die man ihr auferlegte.


Die Welt außerhalb hatte sich in der Zwischenzeit verändert. Kaiser Tavil IV war verstorben, und sein Sohn Verion war gekrönt worden. Charles hatte ihr vom Prinzenspiel erzählt, einer grausamen Idee des Kaisers, die Eugenius vom Prinzen zum Kronprinzen gemacht hatte. Doch für Filia war dies alles nur Hintergrundrauschen in ihrer eintönigen Existenz.


Dann, vor zwei Tagen, war alles anders geworden. Ein neues Mädchen war in den Palast gekommen. Leyla, eine junge Frau mit auffälligen blauen Haaren, war in einem der Gästezimmer einquartiert worden. Filia hatte die Anweisung erhalten, sich um sie zu kümmern. Doch sie brauchte keine Erklärungen, um zu wissen, dass Leyla genauso gefangen war wie sie.


Am ersten Abend hatte Filia sich bemüht, Leyla die Situation zu erklären. Sie hatte versucht, es ihr so leicht wie möglich zu machen, sich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Trotz ihrer Unterschiede fühlte Filia eine stille Verbundenheit mit ihr. Beide waren Gefangene, eingeschlossen in den unsichtbaren goldenen Ketten, die Eugenius ihnen auferlegt hatte.


Der gestrige Abend war beunruhigend gewesen. Leyla hatte einen Anfall gehabt, und nur Filias Entscheidung, noch einmal bei ihr vorbeizusehen, hatte das Schlimmste verhindert. Sie hatte Leyla beruhigen können, doch die Angst, etwas könnte wieder geschehen, blieb in ihr zurück.


Jetzt saß Filia in ihrem kleinen Zimmer und starrte aus dem Fenster auf die Kaiserstadt. Der Himmel war bedeckt, und die grauen Wolken ließen die Stadt trostlos erscheinen. Filia seufzte, ihre Gedanken drifteten zurück zu Leyla. Vielleicht war sie jetzt wieder in ihrem Zimmer, dachte sie. 


Ihr Blick fiel auf die Amphore mit dem Wein, die Charles ihr kürzlich besorgt hatte. Der Gedanke kam ihr plötzlich und unerwartet: Leyla könnte ja vielleicht Gesellschaft gebrauchen. Sie nahm die Amphore in die Hand, ihre Bewegungen entschlossen.


Filia wollte Leyla näherkommen. Sie wollte eine Freundschaft aufbauen, die die Einsamkeit für sie beide lindern konnte. Doch in ihrem Herzen wusste sie, dass Leyla eines Tages gehen würde. Sie würde den Palast verlassen. Und Filia? Sie würde bleiben, wieder gefangen in der Isolation, die sie zu erdrücken drohte.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page