Kapitel 53 - Nähe im Schatten der Mauern
- empirewebnovel
- 7. Jan. 2025
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Aktualisiert: 8. Jan. 2025

Das Kaiserreich erstreckt sich über den gesamten Kontinent, dessen ursprünglicher Name längst in Vergessenheit geraten ist. Angeführt wird es von den Menschen, genauer gesagt von der mächtigen Kaiser-Dynastie Algavia, die seit Jahrhunderten über die Lande herrscht und ihre Ordnung bewahrt.
Die territoriale Aufteilung des Kaiserreichs spiegelt die Vielfalt der Landschaft und Kulturen wider. Es besteht aus neun Herzogtümern, fünf Markgrafschaften und dem Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie regiert wird. Jedes dieser Gebiete hat seine eigene Identität und Besonderheiten, die es auszeichnen.
Im eisigen Norden befinden sich die Herzogtümer Kartaffel und Randurin. Kartaffel ist zur Hälfte von den mysteriösen Eiswäldern und zur anderen Hälfte von der schroffen Schneewüste bedeckt. Die gleichnamige Hauptstadt, eine uneinnehmbare Festungsstadt auf einem hohen Plateau, hat sich traditionell gegen den Kaiser gestellt. Ihre Bevölkerung besteht aus einer außergewöhnlich geringen Anzahl an Menschen, was sie zu einer kulturellen Besonderheit macht.
Randurin, das zweite Herzogtum des Nordens, teilt sich ebenfalls einen Teil der Eiswälder, doch der größte Teil seiner Landschaft ist von der unwirtlichen Schneewüste geprägt. Die Hauptstadt Randurin ist jedoch das blühende Herz des Handels am Nordmeer. Ergänzt wird das Herzogtum durch die berüchtigte Gefängnisinsel Loin de la Peur, deren Name allein schon Respekt einflößt.
Im Osten breitet sich die Endlose Wüste aus, eine heiße und lebensfeindliche Landschaft, die Heimat zweier Herzogtümer ist. Karintes, das erste, ist der Sitz der Kameristischen Kirche. Die gleichnamige Hauptstadt thront am Fuße des Berges der Dämonen, der im Norden an den undurchdringlichen Denja-Dschungel grenzt. Dieses Herzogtum ist das spirituelle Zentrum des Kaiserreichs.
Kries, das zweite Herzogtum der Endlosen Wüste, ist das am dünnsten besiedelte Gebiet des Kaiserreichs. Selbst seine Hauptstadt Ellenach zählt nur etwa fünftausend Einwohner. Hier sind Einsamkeit und Weite die vorherrschenden Merkmale, die das Leben der Bewohner prägen.
Westlich der Endlosen Wüste erstreckt sich die Steppe, aufgeteilt in die Herzogtümer Vallyka und Rubendy. Vallyka, bekannt als der Ort der menschlichen Ursprünge, hat eine historische Bedeutung. Die Hauptstadt Vallyka liegt an der Grenze des sagenumwobenen Tiefenwalds und war einst die Hauptstadt der Menschen vor dem Großen Krieg.
Rubendy hingegen wird stark vom Sang-See und dem majestätischen Goldenen Fluss geprägt. Die Hauptstadt Rubendy ist ein Dreh- und Angelpunkt des Handels, der durch die Wasserstraßen des Flusses ermöglicht wird. Der Goldene Fluss verbindet die Kaiserstadt mit den wohlhabenden südlichen Regionen des Kaiserreichs.
Im reichen Süden liegen die Handelsherzogtümer Welldyl und Inhantes. Welldyl wird von einem riesigen Sumpf dominiert, doch die Städte Anjen und Welldyl machen es zu einem zentralen Handelsstandort. Anjen ist der Sitz der Handelsgilde, während die gleichnamige Stadt Welldyl als Hauptumschlagplatz des Kaiserreichs dient.
Inhantes hingegen ist von dem prächtigen Grünwald bedeckt. Auch wenn es nicht so reich ist wie Welldyl, genießt es durch seine Hauptstadt Inhantes dennoch Wohlstand und Bedeutung im Handel des Kaiserreichs.
Das letzte Herzogtum, die Mittellande, liegt in den fruchtbarsten Gebieten des Kaiserreichs. Mit den Großstädten Malyl und Schneeburg sowie zahllosen Kleinstädten und Dörfern bildet es das bevölkerungsreichste Gebiet. Es wird von den majestätischen Larifen im Osten und Hamalien im Westen begrenzt, den beiden Gebirgen, die den Kontinent prägen.
Diese beiden Gebirgszüge sind zugleich Heimat zweier Markgrafschaften. Im Westen, jenseits der Hamalien, liegt die Markgrafschaft Westkap, ein kulturell eigenständiges Gebiet, das sich stark vom Rest des Kaiserreichs unterscheidet. Ihre isolierte Lage hat einzigartige Traditionen hervorgebracht.
Die Waldmarkgrafschaften Denja und Stela sind ebenso beeindruckend wie gefährlich. In Denja liegt der gleichnamige Dschungel, ein undurchdringlicher Regenwald voller Geheimnisse aus der Zeit vor der Herrschaft der Menschen. Der Wald der Träume in Stela, beherrscht von kleinen bis gigantischen Pilzen, ist ebenso tödlich für Unvorsichtige, die keine Kenntnisse in Alchemie oder Pflanzenkunde besitzen.
Im Zentrum des Kaiserreichs liegt das Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie verwaltet wird. Die Kaiserstadt, die prächtige Hauptstadt, erhebt sich hier wie ein Monument der Macht. Ihre weißen Türme und Mauern sind seit über tausend Jahren ein Symbol für die Unantastbarkeit der Algavia-Dynastie.
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Leyla hörte Filias Geschichte mit schwerem Herzen zu. Auch wenn ihre Wege unterschiedlicher kaum hätten sein können, entdeckte sie immer wieder Parallelen zwischen sich und Filia. Es tat ihr weh, zu hören, was Filia durchgemacht hatte, und mehr als einmal verspürte sie das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen.
,,Sie's wie ich,’’ dachte Leyla träge, während der Wein warm durch ihre Adern floss. ,,Gefangen in diesem... diesem Schloss. Ohne Freiheit, ohne... irgendwas zu entscheiden…’’ Ihre Gedanken stolperten, aber ein weiches Lächeln glitt über ihre Lippen. ,,Die Arme... bestimmt war sie voll einsam..’’
Die Amphore mit Wein war fast leer, und beide Frauen waren vom Alkohol deutlich gezeichnet. Leyla kicherte unvermittelt, der Gedanke, dass sie betrunken mit jemandem reden konnte, machte sie plötzlich glücklich.
,,Fi-Filia, ey, du tust mir voll leid!’’, murmelte sie, ihre Worte leicht lallend. ,,Ich... wusste nich’, dass... dass du so’n Mist durchmachen musstest.’’
Filia sah Leyla lange an, ihre grünen Augen schimmerten im warmen Licht des Zimmers. Dann setzte sie sich mit einer fast eleganten, aber wackeligen Bewegung neben Leyla aufs Bett und schmiegte sich an sie. Leyla ließ sich fallen, ihren Kopf auf Filias Schoß legend. Die Nähe fühlte sich gut an, fast wie eine Decke, die sie vor der ganzen Welt abschirmte.
,,Also... wir sind ja quasi... in derselben... Situation, weißt du?’’ murmelte Leyla langsam und hob den Kopf leicht, um in Filias Gesicht zu schauen. ,,Was, wenn wir... ich meine, wenn wir abhauen? Also, so zusammen. Raus aus diesem... diesem Käfig oder so.’’
Filia lächelte schwach und begann, Leyla zärtlich durch die Haare zu streichen. Ihr Blick war weich, aber auch ein wenig traurig. ,,Das wär... echt schön, Leyla. Aber ich glaub’... ich glaub nich’, dass ich hier je... rauskomm’’’, Ihre Stimme hatte einen melancholischen Unterton, doch sie schien nicht verbittert – eher erschöpft.
Leyla fühlte, wie etwas in ihr zu lodern begann, eine Entschlossenheit, die sie zuvor nicht gekannt hatte. ,,Dann... dann halt ich’s für dich frei, Filia!’’ Ihre Worte waren holprig, aber in ihrer Stimme lag ein Feuer, das selbst der Wein nicht dämpfen konnte. ,,Ich mach dis. Echt jetzt.’’
Filias Lächeln vertiefte sich, und Leyla konnte nicht anders, als in ihre smaragdgrünen Augen zu starren. Sie waren so intensiv, so lebendig, dass sie ein Kribbeln in ihrem Bauch spürte. Unbewusst hob sie ihre Hand und strich Filia vorsichtig über die Wange.
Filia schloss die Augen, und Leyla hielt den Atem an, während sie sich vorsichtig aufrichtete.
Langsam kam sie Filia näher, bis sie den zarten Duft ihrer Haut wahrnahm. ,,Wie gut sie riecht…’’ dachte Leyla, ihre Atmung unregelmäßig. Sie zögerte, ihre Unsicherheit nagte an ihr, doch bevor sie etwas sagen oder tun konnte, spürte sie Filias Lippen auf ihren.
Der Kuss war warm, weich und schmeckte nach Wein. Leyla fühlte, wie ihr Herz sich plötzlich schwer und leicht zugleich anfühlte, während ein ungeahntes Feuer durch ihren Körper schoss.
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Leyla erwachte mit einem stechenden Schmerz im Kopf, der sich wie ein wild pochender Trommelschlag anfühlte. Ihr Magen rebellierte, und das Drehen der Welt ließ sie blinzelnd die Augen schließen. Langsam sammelten sich die Erinnerungen des Vorabends. Der Kronprinz, Filias Geschichte, und schließlich… Filia selbst. Bilder blitzten in ihrem Geist auf: Filia, die sich an sie schmiegte, die Berührung ihrer Lippen.
,,Was hab ich da nur gemacht…’’ murmelte Leyla leise, während ein Knoten aus Angst sich in ihrer Brust zusammenzog. Was, wenn sie mit ihrer impulsiven Aktion alles zerstört hatte? Ihre Freundschaft zu Filia, das fragile Band zwischen ihnen? Der Gedanke, Filia könnte dem Prinzen davon erzählt haben, ließ sie erschaudern, doch sie schob ihn sofort beiseite. Nein, sie hatte sich entschieden, Filia zu vertrauen.
,,So verletzlich, wie sie sich mir gegenüber gezeigt hat… sie ist wie ich, gefangen’’, dachte Leyla und fühlte, wie ihre Entschlossenheit zurückkehrte. Der Entschluss, mit Filia zu fliehen, war im Rausch des Weins getroffen worden, doch selbst jetzt, im nüchternen Zustand, fühlte sich dieser Plan richtig an.
,,Noch nicht’’, flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar. ,,Erst brauche ich mehr Informationen. Einen Plan. Die richtige Gelegenheit.’’
Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren, und Filia trat ein, ein Lächeln auf den Lippen. Auf ihrer einen Hand balancierte sie einen Teller mit Frühstück, in der anderen hielt sie eine Flasche Wasser.
,,Guten Morgen Leyla’’, sagte Filia mit einer weichen Stimme, die wie Balsam auf Leylas pochenden Kopf wirkte. Sie stellte den Teller behutsam auf den Nachttisch und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett.
,,Ich habe dir Brot mit Rührei, einige Früchte und ein Stück Kuchen gemacht’’, erklärte Filia, ihre Stimme voller Wärme.
Leyla spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Kuchen hatte sie noch nie gegessen, und allein der Gedanke daran erfüllte sie mit kindlicher Neugier. Doch zunächst wandte sie sich den Früchten und dem Brot zu, kaute langsam, genoss jeden Bissen. Als sie schließlich fertig war, lehnte sie sich zurück und atmete tief durch.
,,Das war sehr lecker, danke Filia’’, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen.
Filia erwiderte das Lächeln. ,,Gerne. Wie fühlst du dich?’’
Leyla zuckte leicht mit den Schultern, spürte, wie ihre Wangen leicht rot wurden, als sie Filias smaragdgrünen Augen begegnete. ,,Mein Kopf tut weh… das war definitiv zu viel Wein gestern.’’
Filia lachte leise, ein Klang, der Leyla seltsam beruhigte. ,,Das hatten wir beide. Trotzdem… ich habe den Abend sehr genossen. Aber wir sollten kein Risiko eingehen. Wer weiß, was der Kronprinz machen würde, wenn er davon erfährt. Lass es uns bei diesem einen Abend belassen.’’
Leyla nickte langsam. Die Worte schnitten wie ein feines Messer, hinterließen einen kleinen Stich in ihrem Herzen. Sie hatte die Nähe genossen, mehr, als sie sich eingestehen wollte, und der Gedanke, dass es bei einem einzigen Abend bleiben sollte, machte sie traurig, obwohl sie wusste, dass es die richtige Entscheidung war.
,,Ich würde gerne noch etwas schlafen,’’ sagte Leyla schließlich, ihre Stimme leise und zurückhaltend. ,,Können wir später weiterreden?’’
Filia nickte, ihr Lächeln blieb warm und verständnisvoll. ,,Natürlich. Ruh dich gut aus. Soweit ich weiß, soll der Bekannte des Prinzen in drei Tagen kommen. Bis dahin hast du Zeit, dich zu erholen..’’
Filia erhob sich, nahm den Teller mit, und verließ das Zimmer mit leisen Schritten, die kaum ein Geräusch hinterließen. Leyla blieb zurück, alleine mit ihren Gedanken.
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Leyla lag zusammengerollt auf ihrem Bett, ihre Beine angezogen, während ihre Gedanken wie ein Sturm durch ihren Kopf tobten. Seit Stunden suchte sie nach Klarheit, nach einem Weg, ihre Gefühle zu ordnen. Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto unklarer wurde alles.
Es hatte sie tief getroffen, als Filia gesagt hatte, dass der Abend nicht wiederholt werden sollte. Für Leyla war dieser Abend mehr gewesen als nur ein Moment des Vergessens. Er hatte ihr eine Wärme gegeben, die sie seit Tagen vermisst hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Palast hatte sie sich nicht einsam gefühlt.
Aber dann war da Liam. Dieser Name brachte sofort eine Flut von Emotionen mit sich. Sie liebte ihn, daran bestand kein Zweifel. Die Nähe zu Filia war wohltuend gewesen, ja, sogar ein Lichtblick in der Dunkelheit. Aber sie konnte sie nicht mit der intensiven Verbindung vergleichen, die sie mit Liam hatte. Seine Berührungen, sein Lächeln, die Art, wie er sie ansah – das war Liebe, echte Liebe.
,,Wie es ihm wohl geht? Lebt er noch? Wenn ja, sucht er nach mir? Vermisst er mich? Weiß er wo ich bin?’’ Die Fragen schmerzten, jede einzelne ein Stich in ihr Herz, doch sie konnte nicht aufhören, sie sich zu stellen.
Leyla wischte sich die Tränen hastig weg und setzte sich aufrecht hin. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Murmeln, aber entschlossen: ,,Ich kann hier nicht in Selbstmitleid versinken…’’ Sie atmete tief durch, als wollte sie die Schwere aus ihrer Brust vertreiben, und erhob sich langsam.
Mit einem leisen Seufzen nahm sie ,,Die Reisen des Gheng Chu’’ von ihrem Nachttisch und trat an das Bücherregal heran. Sie strich mit den Fingern über die Rücken der Bücher, ihre Gedanken schweiften weiter, während sie das Buch zurückstellte. Sie ließ ihren Blick wandern, suchte nach einem neuen Titel, etwas, das sie ablenken konnte. Doch keiner der vertrauten Titel schien sie anzusprechen.
Dann fiel ihr Blick auf ein schmales, schwarzes Buch. ,,War das gestern schon dort gewesen?’’ fragte sie sich und runzelte die Stirn. Es wirkte fehl am Platz, beinahe wie ein Eindringling zwischen den eleganten Einbänden der anderen Werke.
Sie zog es vorsichtig heraus und drehte es in ihren Händen. Der Einband war schlicht, fast unscheinbar, doch die feinen Muster, die ihn zierten, zogen ihren Blick magisch an. Eine einzige schwarze Feder schmückte das Cover. Es wirkte seltsam lebendig, fast als würde es das Licht im Raum verschlucken.
,,Rabe’’, las sie leise den Titel. Das Wort war in einer schlichten, aber markanten Schrift gehalten. Das Buch fühlte sich unerwartet schwer an, viel schwerer, als seine Größe vermuten ließ. Leyla spürte, wie sich ein leichtes Unbehagen in ihr ausbreitete, doch es war gemischt mit Neugier. Was war dieses Buch? Und warum schien das Buch nach ihr zu rufen?



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