Kapitel 54 - Rabe
Aktualisiert: 9. Jan. 2025

Leyla saß auf dem Stuhl, das schwarze Buch mit dem Titel ,,Rabe’’ vor sich auf dem Tisch liegend. Ihr Blick klebte daran, unsicher, ob sie es wagen sollte, es zu öffnen.
Es hob sich deutlich von den anderen Büchern in der Bibliothek ab, wie ein dunkler Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Sie fühlte sich von ihm gleichzeitig angezogen und abgestoßen, als würde das Buch sie herausfordern, sich ihm zu stellen, nur um sie dann zu verschlingen.
Das Gefühl war schwer zu beschreiben, aber es ließ sich nicht ignorieren.
Es war, als würde das Buch eine unsichtbare Präsenz im Raum entfalten, etwas Kaltes und Schweres, das ihre Brust füllte. Leyla seufzte, schüttelte leicht den Kopf und stand auf, um ihre Gedanken zu klären. Sie begann, durch den Raum zu gehen, ihre Schritte unbewusst leise, als wolle sie das Buch nicht stören.
Ihr Blick fiel auf eine Spinne, die in einer Ecke des Raumes ihr Netz gesponnen hatte. In dem Netz zappelte eine Fliege, gefangen und hilflos, während die Spinne unbeweglich und geduldig verharrte.
Der Anblick jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Leyla ging es genauso wie der Fliege. Ihr Netz war der Palast, und die Spinne… war der Prinz.
Auch dieser Gedanke hielt sie nicht davon ab, zu dem Buch zurückzukehren, das immer noch wie ein dunkler Fleck auf dem Tisch lag. Trotz ihres Widerwillens fühlte sie sich davon angezogen. Es war, als rief es nach ihr, leise und unaufdringlich, aber unaufhörlich. Sie wusste nicht, ob Mut oder Neugier sie antrieb, doch sie fand sich bald wieder am Tisch stehend, das Buch vor sich.
Langsam glitt ihre Hand über den schwarzen Einband. Es fühlte sich seltsam weich an, fast wie Stoff, aber gleichzeitig war es kalt. Kälter, als ein Buch sein sollte. Die Kälte kroch durch ihre Fingerspitzen und ließ sie leicht erschaudern. Was war das für ein Buch?
Leyla hob es vorsichtig hoch und setzte sich zögernd auf ihr Bett. Ihre Finger gruben sich leicht in das Buch, während sie es langsam öffnete. Die Seiten raschelten leise, ein Geräusch, das in der Stille des Zimmers fast bedrohlich wirkte. Das erste, was sie sah, war ein schwarzes, leeres Blatt, das wie ein Vorhang wirkte, hinter dem sich ein Geheimnis verbarg. Sie hielt den Atem an und begann, die erste Seite umzublättern.
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Alles um Leyla herum war mit einem Mal in endlose Dunkelheit gehüllt. Sie konnte nichts sehen, nicht einmal den Hauch eines Schimmers, der das schwarze Nichts durchbrach. Es war, als hätte die Welt um sie herum nie existiert.
Sie wollte sprechen, wollte wissen, was geschehen war, doch es kam kein Laut aus ihrem Mund. Verwirrt stellte sie sich die Frage: Hatte sie überhaupt noch einen?
,,Wo bin ich? Ich hab gerade das Buch in der Hand gehalten?’’ Der Gedanke trieb durch ihren Geist, doch sie konnte ihn nicht laut aussprechen. Trotz der seltsamen, erdrückenden Situation spürte sie keine Panik.
Stattdessen war da eine seltsame Ruhe, die sich in ihr ausbreitete. Es war, als hätte jemand die Last, die sie so lange getragen hatte, einfach von ihren Schultern genommen. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war Leyla nicht von einem Sturm aus Gedanken und Gefühlen überwältigt.
Leyla ließ sich von dieser Ruhe einhüllen. Sie wusste nicht, wie lange sie so verweilte. Es fühlte sich wie ein Moment und gleichzeitig wie eine Ewigkeit an. Sie spürte keine Zeit mehr, nur die Leere in ihrem Kopf und die Dunkelheit um sie herum.
Doch dann geschah es. Ein schwacher Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit, und nach und nach wurde die Umgebung heller. Leyla blinzelte – oder sie hätte geblinzelt, wenn sie Augen gehabt hätte. Sie erkannte, dass sie keinen Körper besaß. Sie war nicht mehr als eine Beobachterin, schwebend in einem Raum, der sich nach und nach offenbarte.
Vor ihr erstreckte sich eine Höhle. Schwaches Sonnenlicht drang durch einen kleinen Eingang und tauchte die Umgebung in diffuses Licht. Leyla ließ ihren Blick wandern, bis ihre Aufmerksamkeit auf drei riesige schwarze Eier fiel. Sie standen in einer lockeren Anordnung, jedes größer, als sie es sich hätte vorstellen können.
Direkt neben den Eiern kauerte eine Gestalt, deren Erscheinung Leyla den Atem – falls sie atmen konnte – stocken ließ. Die Haut der Gestalt war mit schuppigen Platten bedeckt, und aus ihrem Mund blitzten weiße, spitze Reißzähne hervor.
Leyla spürte keine Angst, nur eine seltsame Faszination. Sie beobachtete, wie das mittlere Ei zu knacken begann. Feine Risse zogen sich über die glatte, schwarze Schale, wie Spinnweben, die sich immer weiter ausbreiteten.
Die Schale brach langsam auseinander, und ein seltsames, unerklärliches Gefühl durchströmte Leyla. Es war, als spürte sie die Erleichterung der gekauerten Gestalt, die das Ei mit angespannten Augen beobachtete.
Leyla fühlte plötzlich, dass es Zeit war zu gehen. Die Umgebung begann, sich vor ihren Augen aufzulösen. Die Höhle verschwamm, die Gestalt und die Eier wurden zu Schatten, bis nur noch das Bild des mittleren Eies blieb.
Aus den Rissen in der Schale trat eine Person hervor, gekleidet in ein dichtes Federkleid, so schwarz wie die Dunkelheit, die Leyla zuvor umgeben hatte. Sie sah, wie diese Gestalt aufrecht stand, den Kopf leicht neigte und dann in die Dunkelheit hinaustrat.
Plötzlich war sie zurück. Sie saß auf ihrem Bett, ihr Atem ging stoßweise. Mit einem lauten Knall klappte das Buch zu, und Leyla zuckte zusammen. Instinktiv zog sie ihre Finger zurück, als hätte das Buch sie gebissen.
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Wieder und wieder ließ Leyla in Gedanken ihr Erlebnis Revue passieren. Die Leere, die sie umgeben hatte, das schwache Sonnenlicht, das durch den Höhleneingang schien, die drei schwarzen Eier und die seltsame Gestalt, die wie ein Wächter – nein, wie eine Mutter – neben den Eiern gekauert hatte. Und schließlich die Person im schwarzen Federkleid, die aus dem mittleren Ei gestiegen war.
,,Seltsam’’, flüsterte Leyla in den stillen Raum, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, ,,ich spüre keinerlei Unsicherheit, wenn ich daran denke…’’ Ihre Gedanken glitten zu dem Buch auf ihrem Schoß, das sie noch immer nicht aus den Augen ließ. ,,Auch das Buch verunsichert mich nicht mehr. Was ist das nur für ein Buch?’’
Ein Gedanke formte sich langsam in ihrem Inneren, festigte sich wie eine unausgesprochene Wahrheit: Dieses Buch war anders. Es war nicht einfach nur ein Gegenstand. Es war etwas Besonderes – und es gehörte ihr. Nein, das war nicht ganz richtig. Es gehörte zu ihr, und sie gehörte zu ihm. Zwischen ihnen schien ein unsichtbares Band zu existieren, eines, das sie nicht erklären konnte, das aber genauso real war wie die Luft, die sie atmete.
Ein mulmiges Gefühl kroch in ihr auf, als sie begann, sich zu fragen, wo sie das Buch verstecken sollte. Ihr Blick schweifte durch das Zimmer und suchte nach möglichen Verstecken.
Im Kleiderschrank? Das wäre sicher, aber auffällig, falls jemand den Schrank durchsuchte. Unter dem Bett? Zu offensichtlich. Der Nachtschrank? Vielleicht. Oder sollte sie es einfach im Bücherregal lassen, wo es zwischen den anderen Büchern kaum auffallen würde?
Doch je länger sie nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass dieses Buch nicht versteckt werden musste. Sie war sich sicher, dass es nur auf sie so eine Anziehungskraft ausübte. Schließlich war es ihr Buch. Andere würden es kaum bemerken, vielleicht würden sie es nicht einmal sehen.
Ihre Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als das Buch plötzlich begann, schwarz zu glühen. Ein dunkler Nebel erhob sich aus den Seiten, bewegte sich träge und zugleich lebendig durch die Luft. Leyla hielt den Atem an, ihre Augen weit geöffnet, während das Buch nach und nach zu verschwinden begann. Die glühenden Umrisse lösten sich in der Dunkelheit des Raumes auf, bis nichts mehr übrig war.
Sie versuchte, die Leere zu benennen, die das Verschwinden hinterlassen hatte, doch anstelle von Verlust spürte sie eine unerwartete Wärme. Diese Wärme, still und sicher, schien ihr zu sagen, dass sie nicht allein war. Es war, als ob das Buch ihr etwas versprochen hätte, ohne ein Wort zu sprechen. Leyla blieb allein zurück. Ihre Hände leicht zitternd.
Während Leyla ihre bebenden Hände betrachtete, kehrte ihr Geist unwillkürlich zu den Bildern aus der Höhle zurück. Die Eier, die Gestalt, die so wachsam und beschützend neben ihnen gehockt hatte, und die Person im Federkleid – es war, als ob all das mit dem Buch zusammenhing, als ob es Teil eines größeren Geheimnisses war, das sie noch nicht verstehen konnte.
Besonders die Figur, die aus dem Ei gestiegen war, schien eine Antwort in sich zu tragen, die Leyla noch nicht greifen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich fragte, ob diese Person sie beobachtete, irgendwo dort draußen, in einer Welt, die sie noch nicht kannte.
Sie wusste mit einer unerklärlichen Sicherheit, dass dies nicht das Ende war. Das Buch war weg, aber sie würde es wiedersehen. Irgendwann, ganz sicher.



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