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Kapitel 55 - Ein Garten der Freiheit

Aktualisiert: 11. Feb. 2025

Leyla warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die lockere Kleidung, die sie gewählt hatte, saß perfekt. Eine schlichte schwarze Hose, die ihre schlanke Figur betonte, und eine dunkelblaue Jacke, die ihr einen Hauch von Eleganz verlieh, bildeten das Ensemble. Sie strich sich unwillkürlich eine Strähne aus dem Gesicht und nickte zufrieden. Für diesen besonderen Tag fühlte sie sich angemessen gekleidet.


Heute war es soweit: Der Bekannte des Prinzen würde kommen, und die Ungewissheit darüber, was sie erwartete, ließ ihr Herz schneller schlagen. War es jemand, dem sie vertrauen konnte, oder würde sie sich erneut einer feindseligen Präsenz gegenübersehen?


Ein Funken Hoffnung keimte in ihr auf. Vielleicht war es jemand Nettes, jemand, von dem sie nichts zu befürchten hatte. Diesen Gedanken hielt sie fest, während sie in ihrem Zimmer auf und ab ging.


Ihre Nervosität wurde immer größer, doch dann erinnerte sie sich an die Worte des Prinzen: ,,Wenn du etwas brauchst oder dir etwas fehlt, dann sag es Filia.’’ Die letzten Tage hatten sich zäh gezogen, und die Langeweile hatte sich wie eine unsichtbare, aber schwere Last auf sie gelegt. Das Lesen hatte sie für eine Weile abgelenkt, aber das Verlangen nach etwas anderem, etwas Kreativem, wuchs immer weiter.


,,Eine Leinwand und Farben’’, murmelte sie leise, während sie ihre Schritte verlangsamte. Die Vorstellung, wieder malen und zeichnen zu können, erfüllte sie mit einer vermissten Freude. Bilder formten sich in ihrem Kopf: Motive, die sie schon lange hatte umsetzen wollen, Szenen, die sie festhalten wollte. Sie würde bei der nächsten Gelegenheit Filia darum bitten.


Ein plötzlicher Klang durchbrach ihre Gedanken.


Ein Klopfen.


Leyla blieb stehen, ihr Herz schlug wieder schneller. Sie drehte sich zur Tür, ihre Augen voller Erwartung. ,,Herein’’, rief sie, ihre Stimme glücklicherweise fester, als sie sich fühlte. Langsam öffnete sich die Tür, und ein Lichtstrahl fiel in den Raum, bevor der Besucher eintrat.



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Ein älterer Mann trat in das Zimmer. Sein langer grüner Umhang wirkte trotz seiner Schlichtheit edel, und darunter schimmerte ein weißes Gewand hervor, das von einer blauen Schärpe gehalten wurde. Seine langen weißen Haare fielen glatt über seine Schultern, und auf seinem Gesicht lag ein warmes, freundliches Lächeln. Doch das Auffälligste waren die beiden braunen Hörner, die sich von seinem Kopf erhoben.


Leyla spürte, wie ihre Augen an diesen Hörnern hängen blieben. Sie hatte in ihrem ganzen Leben erst einmal eine Oni gesehen, und sie fühlte die Faszination, die von dieser seltenen Erscheinung ausging. 


Schnell fing sie sich jedoch wieder und verbeugte sich mit respektvoller Haltung. ,,Freut mich Euch kennenzulernen, ich bin Leyla, der Kronprinz hat mir von Eurem Erscheinen berichtet.’’


Der Mann lachte, ein Klang, der den Raum erfüllte und jede Anspannung aufzulösen schien. Es war ein Lachen, das aufrichtig und beruhigend wirkte. ,,Freut mich, Leyla. Ich bin Yaga. Du kannst ganz entspannt mit mir reden. Ich bin weder ein Adliger noch jemand, dem man Respekt entgegenbringen muss.’’ 


Mit diesen Worten streckte er Leyla seine Hand entgegen, während sein Blick den Raum ruhig musterte.


Leyla zögerte kurz, doch dann ergriff sie seine Hand und erwiderte sein Lächeln. In diesem Moment fühlte sie, wie ein Teil ihrer Anspannung von ihr abfiel. ,,Er scheint sehr nett zu sein’’, dachte sie erleichtert.


Yaga begann sogleich in einem sachlichen, aber freundlichen Ton zu sprechen: ,,Eugenius hat mich darum gebeten, deine Magie zu untersuchen und dir, wenn nötig, zu helfen, sie zu kontrollieren. Was hältst du davon, wenn wir uns einen Ort suchen, an dem du mir zeigen kannst, was es mit deinen Fähigkeiten auf sich hat?’’


Leyla zog die Augenbrauen zusammen, ihre Stimme etwas zurückhaltender: ,,Ich darf mein Zimmer eigentlich nicht verlassen, das wird also nicht gehen.’’


Der Mann hielt für einen Moment inne, ein nachdenklicher Ausdruck trat auf sein Gesicht. Dann drehte er sich gelassen um und sagte mit fester Stimme: ,,Komm einfach mit, das geht schon in Ordnung.’’


Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ er den Raum. Leyla zögerte, ihre Gedanken wirbelten durcheinander. ,,Wer ist dieser Mann? Er ist kein Adliger und möchte keinen Respekt, aber für ihn ändert der Prinz seinen Befehl?’’ Schließlich folgte sie ihm, ihre Neugier überwog ihre Unsicherheit.



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Leyla folgte Yaga schweigend durch die langen Gänge des Palastes. Es war das zweite Mal, dass sie ihr Zimmer verlassen durfte, und sie nutzte die Gelegenheit, ihre Umgebung so aufmerksam wie möglich zu betrachten. 


Ihre Augen glitten über die hohen, kunstvoll verzierten Decken und die eleganten Bögen, die die Gänge säumten. Sie nahm jedes Detail der goldenen Muster und der farbigen Glasfenster in sich auf. Je länger sie gingen, desto mehr versuchte sie, sich einen Plan von den verwinkelten Wegen und zahlreichen Türen zu merken.


Schließlich traten sie aus dem inneren Palast heraus in einen großen Garten, der Leyla den Atem raubte. Die Luft war erfüllt vom Duft blühender Blumen, ein zarter Hauch von Jasmin und Flieder mischte sich mit dem erdigen Geruch des frisch gepflegten Rasens. 


Der Garten war ein Kunstwerk für sich, mit symmetrisch angelegten Blumenbeeten in allen erdenklichen Farben. Kleine Hecken, perfekt geschnitten und wie grüne Mauern arrangiert, umrahmten die Beete, während dazwischen schmale Kieswege verliefen, die unter ihren Schritten leicht knirschten. Brunnen aus weißem Stein, deren Wasser leise plätscherte, und verzierte Gartenhäuschen fügten der Szenerie eine sanfte Eleganz hinzu.


Leyla holte tief Luft und ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen. Der weiße Palast, der sich hinter ihr erhob, war majestätisch, seine strahlenden, fast blendenden Mauern bildeten einen Kontrast zum sanften frühlingshaften Grün des Gartens. 


Vögel flogen in kleinen Schwärmen über sie hinweg, ihr Zwitschern vermischte sich mit dem Rauschen des Windes, der durch die Baumkronen strich. Es fühlte sich gut an, wieder draußen zu sein, auch wenn die Freiheit nur von kurzer Dauer sein würde.


,,Hat das Tattoo an deinem Finger mit deiner Magie zu tun?’’ fragte Yaga plötzlich. Seine Stimme durchbrach die friedliche Ruhe, und Leyla sah zu ihm. Er war stehen geblieben und hatte sich mit einem freundlichen Lächeln zu ihr umgedreht.


Leyla zögerte. Ihre Augen wanderten kurz zu ihrem Finger, wo das feine, schwarze Muster ihres Tattoos glänzte. ,,Ja, das stimmt’’, antwortete sie schließlich. ,,Ich habe dieses Tattoo schon immer gehabt, doch erst vor kurzem ist die Magie in mir erwacht.’’


,,Ich verstehe…’’ Yaga nickte langsam, seine Augen wirkten für einen Moment nachdenklich. Doch ohne weiter nachzuhaken, drehte er sich um und ging mit gleichmäßigen Schritten weiter durch den Garten.


Nach einer Weile erreichten sie einen sandigen Trainingsplatz, der von den hohen weißen Mauern des Palastes umgeben war. Der Platz war weitläufig und mit rotbraunem Sand bedeckt, der in der Mittagssonne funkelte. Leyla konnte die Wärme des Sandes spüren, der die Hitze speicherte und abstrahlte. Der Boden war fest getreten.


Am Rand des Platzes standen einige Übungspuppen, aus Holz geschnitzt und von jahrelangem Gebrauch bereits abgenutzt. Ein kleiner Brunnen in einer Ecke des Platzes war von niedrigen, blühenden Sträuchern umgeben.


Die hohen Mauern ragten bedrohlich um sie herum auf und schnitten den Blick auf die Kaiserstadt ab. Sie gaben dem Platz ein Gefühl der Isolation, fast wie ein weiteres Gefängnis. Doch in der Mitte des Platzes schien die Mittagssonne die Dunkelheit zu vertreiben, ihre Wärme durchbrach den beklemmenden Eindruck.


Yaga drehte sich zu Leyla um und trat ein paar Schritte auf sie zu. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er einen Schlüssel aus einer Tasche und öffnete die Armreife, die Leylas magische Kräfte unterdrückt hatten. Die Reife fielen mit einem leisen Klirren zu Boden. Leyla spürte sofort, wie die magische Energie wieder in ihr erwachte, wie ein warmer Strom, der durch ihre Adern floss.


,,Dann zeig mir mal, was du drauf hast’’, sagte Yaga mit gelassener Stimme, seine Augen glitzerten leicht amüsiert. ,,Du kannst dich gerne verausgaben, wenn es gefährlich wird, werde ich eingreifen.’’


Yagas Gesichtsausdruck war weiterhin freundlich und entspannt, was Leyla ein mulmiges Gefühl bereitete. ,,Wenn er wüsste, was meine Magie in den Bergen angerichtet hat, dann würde er das nicht sagen’’, dachte sie, während sie sich langsam in die Mitte des Platzes begab.


Leyla ließ ihre Augen durch die Umgebung schweifen, nahm jede Einzelheit in sich auf. Sie atmete tief durch, streckte die Arme aus und ließ ihre Finger knacken. Die Sonne wärmte ihre Haut, und für einen Moment spürte sie, wie sich das Gefühl von Freiheit in ihr breit machte.

 
 
 

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