Kapitel 58 - Wille gegen Stein
Aktualisiert: 21. Jan. 2025

,,... und deswegen habe ich entschieden, dass ich deine Magie mit dir zusammen verfeinern werde.’’
Leyla ließ Yagas Worte in ihrem Kopf nachhallen. Dies war nun das vierte Mal, dass sie sich trafen. Während ihrer ersten beiden Treffen hatte er nur beobachtet, wie sie ihre Magie einsetzte. Beim dritten Mal hatte er ihr Fragen gestellt, detaillierte und persönliche, wie sich ihre Magie für sie anfühlte, wie sie sie kontrollierte – oder wieso es ihr manchmal nicht gelang.
Und jetzt, heute, hatte er ihr verkündet, dass er sie persönlich ausbilden würde. Seine Worte wogen schwer, als er erklärte, dass sie ihre Magie meistern lernen müsse, um Kronprinz Eugenius besser dienen zu können.
Leylas Gedanken wirbelten. ,,Ich will Kronprinz Eugenius nicht dienen’’, dachte sie mit einem stechenden Missmut, der sich in ihrem Magen festsetzte. Gleichzeitig konnte sie sich der Wahrheit nicht entziehen, dass dies eine einmalige Möglichkeit war. Eine Möglichkeit, ihre Magie zu kontrollieren, zu verstehen, was sie war, und vielleicht – vielleicht – auch, wie sie sie nutzen konnte, um sich selbst zu befreien.
Ihr Blick wanderte zu Yaga. Er saß entspannt auf einem Stuhl, die Beine locker übereinandergeschlagen, und betrachtete sie mit einem leichten Lächeln, das sie weder beruhigte noch beunruhigte. Es war ein Lächeln, das zu viel verbarg, um ehrlich zu wirken.
,,Wie genau soll ich dem Kronprinzen denn dienen?’’ fragte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem misstrauischen Unterton.
Yaga blinzelte, überrascht von ihrer Frage, als hätte er erwartet, dass sie längst Bescheid wüsste. ,,Weißt du denn gar nicht, was das Prinzenspiel ist?’’ fragte er schließlich, und in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Interesse und Amüsement.
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,,Hast du jetzt verstanden, wie du ihm dienen sollst?’’ Yaga hatte ihr in aller Ruhe die Regeln des Prinzenspiels erklärt. Eugenius, der dritte Kronprinz, lag momentan auf dem fünften Platz – kein Grund zur Sorge, wie Yaga betont hatte. Kronprinz Geroius, der Erstgeborene, war hingegen aktuell Letzter. Bei gleichbleibender Platzierung würde er in knapp zwei Monaten mitsamt seiner Familie und allen seinen Angestellten verbannt werden. Das Exil war eine unausweichliche Strafe, die jeden im Kaiserreich in Angst versetzte.
Zuerst hatte Leyla in der möglichen Verbannung des Prinzen eine Chance gesehen, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden. Doch es hatte nicht lange gedauert, bis sie erkannte, dass sie mit Eugenius verbannt werden würde, sollte er scheitern. Die Aussicht, für den Rest ihres Lebens aus dem Kaiserreich ausgeschlossen zu sein, ließ ihre vermeintliche Hoffnung schnell verblassen. Der Gedanke daran lastete schwer auf ihr.
,,Ja, das habe ich, denke ich. Aber was genau soll ich tun?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. Sie wollte Klarheit, auch wenn sie fürchtete, die Antwort könnte ihr nicht gefallen.
Yaga zuckte mit den Schultern, sein Blick war gleichgültig. ,,Das weiß ich nicht, der Kronprinz entscheidet das, nicht ich.’’
Leyla biss die Zähne zusammen, innerlich brodelte es. ,,Na super, also kann mich tatsächlich jederzeit ein Befehl erwarten, dem ich mich nicht widersetzen kann…’’ dachte sie frustriert, während sie ihre Hände zu Fäusten ballte. Die Vorstellung, ein Werkzeug für Eugenius’ ehrgeizige Pläne zu sein, widerte sie an.
,,Gut’’, sagte Yaga, als wäre nichts gewesen, und erhob sich von seinem Platz. ,,Wenn du alles verstanden hast, können wir mit deinem Training anfangen.’’ Seine Stimme hatte einen Hauch von Vorfreude, der Leyla misstrauisch machte.
Sie nickte nur, während Yaga sich in Richtung Tür bewegte. ,,Lass uns zum Trainingsplatz gehen!’’ Er war bereits einen Schritt voraus, sein Ton ließ keine Diskussion zu. Leyla stand langsam auf, ihre Gedanken noch immer von der bitteren Erkenntnis durchzogen, dass ihre Freiheit nach wie vor in weiter Ferne lag.
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,,Versuch mal, mit aller Kraft deiner Magie deinen Willen aufzwingen. Behandel sie wie einen Sklaven, der sich dir unterzuordnen hat.’’ Yagas Stimme war ruhig, aber die Worte hatten einen Unterton, der Leyla unangenehm berührte.
,,Wie einen Sklaven?’’ fragte Leyla, ihr Ton war skeptisch und ein wenig ablehnend. Die Vorstellung, jemanden oder auch nur etwas wie einen Sklaven zu behandeln, widerstrebte ihr zutiefst. In einer Welt, die Sklaven wie Vieh behandelte, wollte sie nicht Teil dieser Denkweise sein.
,,Genau.’’ Yagas Gesicht blieb ausdruckslos. ,,Wir wissen nicht, woher deine Magie diese Menge an Mana nimmt, aber vielleicht hat dein Tattoo seinen eigenen Willen, den du brechen musst, um es vollständig zu kontrollieren.’’
Leyla atmete tief durch und konzentrierte sich erneut. Vor ihrem inneren Auge formte sie eine große Steinkugel, die langsam in den Himmel steigen sollte. Die Aufgabe war klar: Sie musste die Kugel etwa drei Meter über dem Boden in der Luft rotieren lassen, während sie selbst darauf stand. Doch bisher waren die Versuche jedes Mal fehlgeschlagen – entweder hatte sich die Kugel unkontrolliert gedreht oder war außer Reichweite in die Höhe geschossen.
Sie hob ihre Hände leicht, und der Stein begann sich unter ihren Füßen zu formen. Leyla stieg vorsichtig auf die Kugel, die sich allmählich in die Luft erhob. Doch wie zuvor spürte sie, dass die Kontrolle über den Stein schwierig war. Er begann, ungleichmäßig zu schwanken. Leyla schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Ihr Fokus richtete sich auf die Energie, die sie von dem Stein spürte.
,,Ich weiß nicht, was genau du bist, aber gib mir deine Kraft. Lass sie mich nutzen", befahl sie ihm halbherzig.
Doch kaum waren die Worte ausgesprochen, schoss der Stein ruckartig nach oben, als würde er ihrer Bitte widersprechen. Leyla rutschte aus und klammerte sich an der rauen Oberfläche fest, während sie schrie: ,,Fuck, das klappt nicht!’’ Die Kugel schien sich ihren Befehlen zu widersetzen, und sie spürte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug.
Sie nahm einen tiefen Atemzug, beruhigte ihre Gedanken und sprach diesmal mit fester Stimme: ,,Gib mir deine Kraft, das ist ein Befehl!’’
Für einen Moment hielt die Kugel inne, und Leyla fühlte einen Triumph. Doch dieser währte nicht lange, denn die Kugel begann plötzlich, mit rasanter Geschwindigkeit in Richtung Boden zu stürzen. Panik durchflutete Leyla, als sie versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen. ,,Wenn ich so tief stürze, könnte mich das umbringen…’’ fluchte sie, während sie verzweifelt ihre Magie zu lenken versuchte.
—RUMBLE—
Der Boden unter ihr begann zu beben, als hätte die Erde selbst beschlossen, sich gegen sie aufzulehnen. Der Lärm ließ ihr Trommelfell beben. Sie wusste, dass dies ihre letzte Chance war.
Ein letztes Mal sammelte sie ihre gesamte Konzentration. Ihre Stimme war nun ein scharfer, endgültiger Befehl: ,,Du hast mich ausgewählt, also gehörst du mir. Gib mir sofort deine Kraft, sonst werde ich dich eigenhändig aus meinen Körper reißen!!!’’
Das Beben hörte auf. Die Kugel, die zuvor wie ein widerspenstiges Tier agiert hatte, blieb plötzlich ruhig. Sie schwebte exakt drei Meter über dem Boden, und Leyla stand wieder aufrecht auf ihr. Um sie herum erschien eine blau-braune Aura, die wie ein lebendiges Licht flackerte. Sie fühlte die Macht, die sie durchströmte – dieselbe Kraft, die sie im Kampf mit Bournadette gespürt hatte. Doch diesmal war es anders: Die Kraft war nun vollständig unter ihrer Kontrolle.
Ein stolzes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wollte Yaga zurufen, dass sie es geschafft hatte, doch noch bevor sie ein Wort sagen konnte, wurde ihr schlagartig schwarz vor Augen. Ihr Körper fiel schlaff von der Kugel, während diese sanft zu Boden sank. Leyla war ohnmächtig.
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Kaltes Wasser schoss über Leylas Gesicht und riss sie aus der Dunkelheit. Sie schnappte nach Luft und richtete sich prustend auf. Das Wasser rann ihr in kleinen Bächen über das Kinn, und ihre Augen suchten hektisch nach dem Grund für diese plötzliche Erfrischung. Neben ihr saß Yaga, der sie mit einem süffisanten Lächeln betrachtete.
,,Was sollte das denn?’’ fauchte Leyla, ihre Stimme voller Empörung, während sie das Wasser aus ihrem Gesicht wischte.
,,Ich wollte dich wecken’’, antwortete Yaga schulterzuckend, ohne sich von ihrem Ärger beirren zu lassen. Seine Augen funkelten leicht, als er fortfuhr: ,,Du hast es geschafft, die Kraft zu beherrschen. Jetzt arbeiten wir daran, dass du das länger aushältst. Und daran, dass sie für dich natürlicher wird.’’ Seine Stimme trug einen Hauch von Stolz, und er nickte leicht, als wolle er seinen Worten mehr Nachdruck verleihen.
Leylas Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war. Das Lob ihres Lehrers ließ sie aufblühen, und ein breites, zufriedenes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. ,,Ich habe es geschafft’’, dachte sie und fühlte, wie das erste mal seit langem Stolz in ihr aufkeimte.
Motiviert sprang sie auf, ihre Augen leuchteten vor Entschlossenheit. ,,Dann versuche ich es gleich nochmal’’, rief sie, und bevor Yaga etwas sagen konnte, hob sie ihre Hände, bereit, erneut eine Steinkugel zu erschaffen. Doch Yaga legte sanft seine Hand auf ihre Schulter und hielt sie zurück.
,,Das brauchst du nicht mehr machen.’’ sagte er in seinem ruhigen Tonfall, der keine Widerworte duldete. Leyla spürte, wie seine Hand sie leicht drückte, bevor er fortfuhr: ,,Versuche einfach, deine Kraft ausströmen zu lassen, so wie eben. Wenn sich erneut diese Aura bildet, versuche sie so lange zu halten wie du kannst.’’
Leyla nickte. Ihre Entschlossenheit war ungebrochen, und ohne weitere Fragen begann sie mit ihrer nächsten Übung. Sie schloss die Augen, ließ das Mana in sich aufsteigen und konzentrierte sich auf das Gefühl, das sie zuvor gespürt hatte. Das Training hatte gerade erst begonnen.



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