Kapitel 59 - Ein Mann namens Jamall
- empirewebnovel
- 21. Jan. 2025
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Jamall war kein guter Mann.
Er wuchs in den kalten Straßen der Festungsstadt Kartaffel auf. Es war nicht so, dass er kein Zuhause gehabt hätte – im Gegenteil, er stammte aus einer bürgerlichen Familie. Doch anstatt ein geregeltes Leben zu führen, zog es ihn schon in jungen Jahren auf die Straßen.
Mit anderen jungen Wesen streifte er durch die frostigen Gassen, immer auf der Suche nach Streit oder Möglichkeiten, krumme Dinger zu drehen. Die Kälte der Stadt schien sich in seinem Herzen widerzuspiegeln.
Manchmal suchte er eine Prügelei, wie mit dem Oger, der nichts weiter wollte, als höflich nach dem Weg zu fragen. Ein anderes Mal brach er in die Bäckerei eines alten Mannes ein, stahl alles Brot und verteilte es dann nicht an die Bedürftigen, sondern an die streunenden Tiere der Stadt.
Nein, Jamall war wirklich kein guter Mann.
Als er langsam erwachsen wurde, ließ er die Jugendsünden hinter sich. Stattdessen fand er eine neue Heimat bei den Falken, einer berüchtigten Söldnergruppe der Region. Ihre Aufträge waren skrupellos, ihre Loyalität war käuflich, und Jamall fühlte sich bei ihnen zu Hause.
Er erledigte jeden Auftrag, den man ihm gab, ohne Fragen zu stellen. Warum auch? Für Jamall zählten die Münzen, die in seinen Beutel wanderten, und das Bier, das er sich davon leisten konnte. Moral war ein Luxus, den er sich nie erlaubt hatte.
Das Töten fiel ihm leicht. Menschen, die um ihr Leben bettelten, bedeuteten ihm nichts. Er wusste, dass eines Tages auch sein eigenes Leben durch eine Klinge enden würde. Doch das war ihm gleich. Solange er am richtigen Ende des Schwertes stand, störte ihn das nicht.
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Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen.
Als er in seine Dreißiger kam, begann ihn das Söldnerleben zu ermüden. Der Nervenkitzel, der ihn einst antrieb, war verblasst, und die Jahre des Blutvergießens hinterließen eine Leere, die selbst das Gold, das er gehortet hatte, nicht füllen konnte. Schließlich kaufte er sich ein kleines Haus in Kartaffel, eine bescheidene Zuflucht vor der Welt, und hängte sein Schwert endgültig an den Nagel. Seine Abende verbrachte er in den Tavernen der Stadt, wo die Geräusche von Gelächter und schiefen Liedern seine Einsamkeit übertönten.
Er wollte einfach für sich sein. Was um ihn herum geschah, interessierte ihn nicht. Wenn es anderen schlechter ging als ihm, störte ihn das nicht. Warum auch? Jeder ging seinen eigenen Weg, und Jamall hatte sich für den seinen entschieden.
Wenn er Unrecht sah – einen Händler, der betrogen wurde, oder ein Kind, das geschlagen wurde – wandte er sich ab. Nicht aus Angst, oh nein. Angst war etwas, das Jamall längst hinter sich gelassen hatte. Es war reines Desinteresse. Selbst wenn er einschreiten würde, dachte er, würde dasselbe Unrecht irgendwo anders geschehen. Es war nicht seine Aufgabe, die Welt zu retten, und er hatte nicht vor, es zu versuchen.
Nein, Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen.
Als seine Mutter schwer krank wurde, ließ er sie allein. Er besuchte sie nicht, schrieb ihr nicht, und selbst der Tod, der schließlich über sie kam, berührte ihn nicht. Für ihn war es nur ein weiterer unvermeidlicher Teil des Lebens – nicht mehr und nicht weniger. Seine Mutter war für ihn eine Fremde, jemand, der längst keinen Platz mehr in seinem Herzen hatte.
Jamall hatte sich bewusst für ein Leben der Einsamkeit entschieden. Es war keine Frage der Möglichkeiten – er war ein gutaussehender Mann mit einer charismatischen Art, die ihm durchaus hätte Türen öffnen können, aber er wollte niemanden an seiner Seite haben. Niemanden, um den er sich kümmern musste. Niemanden, der ihn aus seiner Ruhe riss oder von seinem Weg ablenkte.
Jamall wollte frei sein – frei von Verpflichtungen, frei von Verantwortung, frei von anderen Menschen.
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Jamall war kein Mann guter Taten.
Er hatte genug Gold, um Leuten in Not zu helfen. Doch er behielt es für sich. Nicht aus Gier, nicht, um Macht zu demonstrieren, und auch nicht, weil er Freude daran hatte, Reichtum anzuhäufen. Jamall verstand einfach nicht, warum er etwas teilen sollte, das ihm gehörte. Wieso sollte er den Weg eines anderen Menschen erleichtern, wenn dieser nichts mit seinem eigenen Leben zu tun hatte?
Die Welt war einfach für Jamall, solange er sicherstellte, dass nichts seinen Weg beeinflusste. Weder Licht noch Schatten sollten ihn berühren. Der Pfad, den er sich gelegt hatte, war gerade und stabil, und er wollte ihn genau so belassen. Ohne Hindernisse. Ohne Umwege.
Schwierige Entscheidungen? Für Jamall existierten sie nicht. Sein Kodex, wenn man ihn überhaupt so nennen konnte, war simpel und unerschütterlich. Er stellte sich keine Fragen, die er nicht beantworten wollte. Er hinterfragte nichts, das nicht unmittelbar seinen Weg betraf. Falsches Handeln? Wie konnte es falsch sein, wenn es doch zu seinem eigenen Wohl geschah?
Nein, Jamall war wirklich kein Mann guter Taten.
Deshalb war es umso ungewöhnlicher, als er an diesem Tag neben der Bettlerin anhielt. Sie saß auf einer Stufe, die Arme schlaff auf ihren Knien, die Schultern gebeugt, als trüge sie das Gewicht der ganzen Welt. Ihre Kleider waren zerschlissen, und ihr Gesicht war ausdruckslos. Es war ein leeres Gesicht, das von einer Person sprach, die längst alles verloren hatte. Eine Person, die Gefahr bedeutete – denn sie könnte Jamalls sorgsam geordneten Weg beeinflussen, nur durch ihre bloße Anwesenheit.
Jamall wusste das. Er wusste, dass sie die einzige Gefahr darstellte, die ihn je wirklich beunruhigen konnte: die Gefahr, seinen Weg zu ändern. Und trotzdem sprach er sie an. Ihre Augen, kalt und fast leblos, richteten sich langsam auf ihn. Und in diesem Moment schrie alles in ihm danach, sich abzuwenden und weiterzugehen. Doch seine Füße blieben fest auf dem Boden.
Die Frau war erschreckend in ihrer Hoffnungslosigkeit. Ihr einziges Merkmal von Lebendigkeit waren ihre feuerroten Haare, die trotz allem eine Spur von Glanz inmitten des Elends trugen. Doch ihre Haltung, ihre leeren Augen, erzählten eine andere Geschichte. Sie hatte aufgegeben, und Jamall konnte es sehen. Warum sie sich in diesem Zustand befand, war ihm egal. Ebenso wenig wollte er etwas von ihr – keine Dankbarkeit, keine Schuld. Er hatte keinerlei Interesse daran, ihre Situation zu seinem Vorteil auszunutzen.
Eigentlich, dachte er, wollte er sie so schnell wie möglich vergessen. Sie war ein Hindernis, ein Problem, das er nicht lösen wollte. Doch an diesem Abend, an dem der Schnee kalt und unnachgiebig auf die Straßen von Kartaffel fiel, tat Jamall etwas, das er niemals für möglich gehalten hätte. Er streckte seine Hand aus, zog die Frau auf die Füße und nahm sie mit zu sich nach Hause.
Es war ein einfacher Akt, fast bedeutungslos in seiner Ausführung. Doch für die Frau war es eine Rettung vor dem sicheren Tod. Der Kältetod hätte sie ein paar Stunden später ereilt, hätte Jamall sie dort sitzen lassen. Doch er hatte es nicht getan.
Jamall war kein Mann guter Taten — und doch beging er die eine gute Tat, die sein Leben drastisch veränderte.



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