Kapitel 60 - Ein Kalkül fernab von Liebe
- empirewebnovel
- 21. Jan. 2025
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[???] ,,Was soll das bedeuten, Charles? Erkläre mir sofort, wie es dazu gekommen ist!’’
Kronprinz Eugenius kochte vor Wut. Sein ohnehin schon unordentlicher Arbeitstisch war ein einziges Chaos, überzogen mit zerknüllten und durcheinandergeworfenen Dokumenten. Derjenige, der für dieses Durcheinander verantwortlich war, war niemand anderes als der Prinz selbst. Seine Bewegungen waren hektisch, seine Hände zitterten vor Zorn.
Charles, sein loyaler Diener, zögerte einen Moment. Doch schließlich räusperte er sich und trat näher. Seine Stimme war ruhig, fast kühl, als er zu sprechen begann: ,,Sowohl Seine Hoheit Sebastian als auch Kronprinz Geroius sind an euch vorbeigezogen. Kronprinz Geroius hat eine Berghydra besiegt, und Kronprinz Sebastian hat seinen neugeborenen Sohn nach Eurem Vater benannt. Durch diese Taten seid Ihr nun auf dem letzten Platz.’’
Die Worte ließen die Luft im Raum förmlich einfrieren. Es waren nur noch zwei Wochen bis zum jährlichen Prinzenspiel-Treffen, und Eugenius hatte die vergangenen Wochen damit verbracht, größere Pläne für das kommende Jahr zu schmieden. Dass beide Brüder ihn plötzlich überholt hatten, war ein Schlag, mit dem er nicht gerechnet hatte.
Der Prinz ließ sich in seinen Stuhl fallen, vergrub das Gesicht in seinen Händen. Ein Gefühl der Verzweiflung kroch in ihm hoch, kalt und unerbittlich – ein Gefühl, das er selten spürte.
,,Wie soll ich denn jetzt noch die nötigen Punkte bekommen…’’ Seine Stimme war leise, gedämpft durch die Hände, die noch immer sein Gesicht bedeckten. Doch selbst in diesem Ton war die brodelnde Wut deutlich zu hören. ,,Wenn das so weitergeht werde ich ins Exil verbannt…’’
Sein Kopf pochte vor Schmerz, die Gedanken in seinem Geist wirbelten durcheinander wie ein tobender Sturm. Klare Entscheidungen zu treffen, schien in diesem Moment eine unmögliche Aufgabe zu sein.
Charles wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass er den Kronprinzen nicht unterbrechen würde. Dann sprach er vorsichtig, seine Stimme bedacht: ,,Wenn Ihr erlaubt, ich hätte eine Idee.’’
Eugenius hob den Kopf, und seine Augen blitzten. ,,Dann verrate sie mir, Charles!’’ Seine Stimme donnerte durch den Raum, wuchtig wie ein Hammer. Sein Gesicht war vor Wut gerötet, die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor. Es war untypisch für den sonst so kontrollierten Prinzen, so die Fassung zu verlieren.
Charles trat noch einen Schritt näher, seine Haltung blieb demütig, doch seine Worte waren klar. ,,Wie wäre es, wenn Ihr heiratet?’’
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Der Kronprinz war fassungslos. Er war der einzige der Prinzen, der noch nicht geheiratet hatte. Nun, abgesehen von dem zwölfjährigen Ludwig, doch dieser würde sich verloben, sobald er das vorgeschriebene Alter von vierzehn Jahren erreichte. Eugenius fühlte den Druck, der auf ihm lastete, stärker denn je.
Es gab gute Gründe dafür, dass der Kronprinz die Ehe bisher ausgeschlossen hatte. Er wollte keine Adlige heiraten – nicht, weil er sich über sie erhaben fühlte, sondern weil er wusste, dass man Adligen nicht trauen konnte. Zu viele Intrigen, zu viele versteckte Messer in den Schatten ihrer Höflichkeit. Doch eine niedere Bürgerin zu ehelichen, wäre ebenso wenig eine Lösung gewesen. Es würde sein Ansehen beschmutzen, anstatt ihm die notwendige Anerkennung zu verschaffen.
Die einzige Adlige, die er je in Betracht gezogen hatte, war Bournadette Lacroix. Mit ihr hatte er sich schon immer verstanden. Sie waren mehr als nur befreundet; sie waren Verbündete, eine seltene Verbindung aus Vertrauen und gegenseitigem Respekt.
Die Erinnerung an ihre erste Begegnung ließ ihn für einen Moment innehalten. Während seiner Ausbildung in Karintes war Bournadette für einen Auftrag dort gewesen. Zufällig hatten sich ihre Wege gekreuzt, und von diesem Moment an war eine Verbindung zwischen ihnen entstanden. Es war etwas, das er, so glaubte er, Liebe nennen konnte.
Doch Bournadettes Stellung machte es unmöglich. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin war ihr die Heirat untersagt. Es war ein fester Bestandteil ihrer Aufgabe, frei von jeglichen Bindungen zu sein, die ihre Loyalität hätten beeinflussen können. Und so blieb diese Hoffnung für Eugenius ein Traum, der niemals Realität werden würde.
Um seine Position zu sichern, brauchte er eine Frau, die aus keiner adligen Familie stammte, jedoch auch nicht zum einfachen Volk gehörte. Eine Frau, die außergewöhnlich genug war, um seine Wahl zu rechtfertigen. Aber wo sollte er jemanden wie sie finden?
Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Seine Gedanken klärten sich, und ein Plan formte sich in seinem Geist: ,,Was ist denn mit der jungen Erdmagierin, die als Gast bei mir ist?’’
Der Gedanke brachte einen Funken Hoffnung zurück. Leyla war keine Adlige, doch ihre außergewöhnliche magische Kraft machte sie einzigartig. Sie stach heraus, nicht nur unter den Bürgerlichen, sondern sogar im Vergleich zu vielen Adligen. Eugenius wusste, dass magische Begabungen oft an die Nachkommen weitergegeben wurden. Leylas Erdmagie war auf einem beeindruckenden Niveau – auch wenn sie noch Feinschliff benötigte.
Er lächelte, während der Plan sich in seinem Kopf formte. Mit der Begründung, dass er seine Kinder mit dieser mächtigen Magie ausstatten wollte, konnte er seine Entscheidung rechtfertigen. Es würde seinen Ruf retten, ihn vor dem Exil bewahren und gleichzeitig die Grundlage für eine stärkere Zukunft legen.
,,Und nach der Hochzeit’’, dachte Eugenius, sein Lächeln wurde breiter, ,,wird sie für mich ihre Magie verbessern und Kinder gebären.’’
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,,Charles, bitte teile unserem Gast unverzüglich mit, dass ich beabsichtige, den Ehebund mit ihr zu vollziehen.’’
Der Kronprinz wirkte erleichtert. Nein, er wirkte sogar erfreut. Seine Finger griffen methodisch nach den verstreuten Papieren und Gegenständen auf seinem Schreibtisch, als er begann, das Chaos vor ihm zu ordnen. Die Aufräumbewegungen schienen einen beruhigenden Effekt auf ihn zu haben, während er sich auf das konzentrierte, was vor ihm lag.
,,Sehr wohl, Eure Hoheit. Was soll ich ihr als Grund nennen?’’ fragte Charles mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung. Sein Tonfall war sachlich, doch in seinen Worten lag eine Spur von Neugier.
Eugenius Hände hielten kurz inne, während er seinen Leibdiener nachdenklich musterte. Dann sprach er mit fester Stimme: ,,Sag ihr, dass es für das Prinzenspiel notwendig ist. Sie würde schließlich mit ins Exil verbannt werden und sie genießt meine Gastfreundschaft. Sie wird sicher verstehen, dass dies ein vernünftiger Schritt ist.’’
Charles neigte leicht den Kopf, bevor er antwortete: ,,Wie Ihr wünscht, mein Prinz.’’
Ohne eine weitere Frage drehte er sich um und verließ das Arbeitszimmer des Kronprinzen. Seine Schritte hallten leise auf den polierten Fliesen, und mit einer sanften Bewegung schloss er die schwere Tür hinter sich.
Eugenius blieb allein zurück, seine Augen wanderten zurück zu dem Brief, der die niederschmetternde Nachricht von den Erfolgen seiner Brüder enthielt. Der zerknitterte Bogen Papier lag auf der Kante seines Schreibtischs, ein stummer Zeuge seines Zorns von zuvor.
,,Wenn ich die Hochzeit am Tag vor dem Tag der Entscheidung abhalte, werden meine Brüder wohl kaum reagieren können.’’ Seine Worte waren ein leises Murmeln, das den Raum erfüllte. Sein Tonfall war wieder kalkuliert und ruhig, jegliche Wut war aus seiner Stimme verschwunden. Stattdessen wirkte er wie jemand, der einen präzisen Plan schmiedete, dessen Details bereits in seinem Kopf Gestalt annahmen.
Sein Blick wanderte kurz zur Standuhr in der Ecke des Raumes, dann ließ er sich langsam in seinen Stuhl zurücksinken. Seine Finger trommelten rhythmisch auf die polierte Holzfläche des Schreibtischs, während seine Gedanken weiterarbeiteten.



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