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Kapitel 62 - Bunj

Aktualisiert: 31. Jan. 2025

Der Stamm der Korr’ak lebte tief verborgen im dichten Grün des Denja-Dschungels. Ihre Heimat war ein Labyrinth aus gewaltigen Bäumen, schattigen Lichtungen und tückischen Sümpfen. Hier, in einer Welt, die von Feuchtigkeit und Leben durchdrungen war, herrschten raue Gesetze. Wie es für die Chimp üblich war, wurden Neugeborene für eine Woche allein im Wald ausgesetzt. Dies war das Ritual ihrer Initiation, ein Prüfstein, der entschied, wer leben und wer sterben durfte. Der Dschungel war sowohl ihre Wiege als auch ihr Richter.


Die Mutter des Jungen zögerte nicht, als sie ihn auf den feuchten Boden des Waldes legte. Das Ritual war so alt wie der Stamm selbst, und Widerwille hatte in diesem Moment keinen Platz. Sie hatte ihn zur Welt gebracht, ja, doch ob er sein Leben behalten durfte, lag nicht in ihren Händen. Der Dschungel würde sein Urteil sprechen.


Der Junge war kräftig. Seine kleinen Finger krallten sich bereits instinktiv in die Erde, und seine Schreie hallten wie ein trotziges Echo zwischen den Baumstämmen. Die Mutter beobachtete ihn kurz, ihr Blick hart, doch voller Stolz. Sie war sich sicher, dass er überleben würde. Seine Augen funkelten wie die eines Tieres, wild und ungebrochen.


Ohne ein weiteres Wort kletterte sie geschmeidig die Bäume hinauf. Das Blätterdach verschlang sie, und die grüne Decke des Regenwaldes wurde zu ihrer letzten Umarmung für ihren Sohn. Einen letzten Blick warf sie zurück auf ihn, bevor sie verschwand. Nun war er allein.



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Als die Mutter eine Woche später an die Stelle im Wald zurückkehrte, war sie voller Anspannung. Der Dschungel war unberechenbar, und obwohl sie sicher gewesen war, dass ihr Sohn überleben würde, nagte mittlerweile die Unsicherheit an ihr. 


Doch was sie vorfand, übertraf ihre Vorstellungen: Ihr Sohn saß hoch oben in den Bäumen. Er hatte sich aus Ästen und Blättern ein kleines Baumhaus gebaut, das erstaunlich stabil wirkte. Selbst für einen Chimp, deren Entwicklung stets schnell verlief, war das außergewöhnlich. Ein Funke von Stolz flammte in ihrem Herz auf.


Langsam näherte sie sich dem Baum, ihre Augen suchten die ihres Sohnes. Als sie schließlich näher kam und ihn erreichen konnte, streckte sie die Arme nach ihm aus. Sie wollte ihn in die Arme schließen, seinen vertrauten Geruch einatmen und spüren, dass er tatsächlich lebte. Doch noch bevor sie ihn wirklich berühren konnte, stieß er sie mit einer entschlossenen Bewegung zurück. Der Schlag war nicht stark, doch er war entschieden.


Die Mutter hielt inne, überrascht von der Ablehnung. Einen Moment lang blickte sie ihn an, bevor sie erneut ihre Hand ausstreckte, eine Geste des Friedens. Doch er reagierte mit demselben Stolz, derselben Härte. Er schlug ihre Hand weg, und der Ausdruck in seinen Augen war klar: Er war unabhängig. Der Dschungel hatte ihn geformt, und seine Regeln hatten ihn stärker gemacht. Doch diese Stärke ließ keinen Platz für Zuneigung, keinen Raum für die Bindung, die sie sich so sehr wünschte.


Es war in diesem Moment, dass die Mutter verstand. Der Dschungel hatte ihn als würdig erachtet. Er hatte ihn geprüft, und ihr Sohn hatte bestanden. Doch während der Dschungel ihn akzeptiert hatte, hatte er auch etwas von ihm genommen – seine Verbindung zu ihr. Der wilde, ungezähmte Geist des Waldes hatte ihn verändert, und sie gehörte nicht mehr zu seiner Welt.


Mit schweren Schritten zog sie sich zurück, ihr Herz schmerzend vor Trauer. Dennoch, inmitten dieses Schmerzes, entbrannte eine stolze Flamme. Ihr Sohn hatte etwas erreicht, was nur wenige Chimp je geschafft hatten. Er war nicht mehr nur ein Kind – er war ein Überlebender, ein Symbol der Stärke. Und auch wenn sie es nicht wissen konnte, so ahnte sie bereits, dass ihr Sohn eines Tages der stärkste Chimp der Welt werden würde.



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Der Chimp beschritt von nun an seinen eigenen Weg. Der Dschungel war sein Lehrmeister, und er wanderte durch die endlosen grünen Weiten, erkundete das Dickicht und die verborgenen Pfade, die nur wenige kannten. Er begegnete anderen Völkern, lernte von ihnen und ließ sich von ihrer Vielfalt inspirieren. 


Jede Begegnung, ob mit freundlichen Händlern oder feindseligen Jägern, lehrte ihn etwas Neues. So kam es, dass er nicht nur die Sitten und Gebräuche der Menschen verstand, sondern auch ihre Sprache lernte – die Kaisersprache, die sich mittlerweile über den ganzen Kontinent ausgebreitet hatte.


Von den Händlern, die die Randgebiete des Urwalds durchstreiften, hörte er zum ersten Mal von der Kaiserstadt. Eine Stadt, die nicht nur für ihren Reichtum, sondern auch für ihre Krieger berühmt war. 


Zu diesem Zeitpunkt hatte der Chimp noch nie jemanden getroffen, der stärker war als er selbst. Jeder Kampf, jede Herausforderung, war zu einem weiteren Beweis seiner Überlegenheit geworden. Die Idee, in der Kaiserstadt vielleicht auf einen ebenbürtigen Gegner zu treffen, ließ sein Blut vor Aufregung kochen.


Ohne zu zögern machte er sich auf den Weg. Sein Ziel war klar: Er wollte kämpfen, und zwar gegen die Besten. Der Gedanke an einen würdigen Gegner trieb ihn an, durch dichte Wälder, endlose Ebenen und unbekannte Territorien. 


Das einzige, was er bei sich trug, war ein alter Kampfstab, den er tief im Herzen des Denja-Dschungels gefunden hatte. Dieser Kampfstab war kein gewöhnlicher. Er trug eine seltsame Energie in sich, die jede Form von Magie neutralisieren konnte, was ihn zum Albtraum eines jeden Magiers machte. Doch für den Chimp war der Stab mehr als nur eine Waffe – er war ein Symbol seiner Stärke und seines Stolzes.


Als er schließlich die Kaiserstadt erreichte, war seine Ankunft alles andere als leise. Der mächtige Chimp marschierte durch die breiten Straßen der Stadt und verkündete lautstark seine Absichten. Seine raue Stimme hallte zwischen den hohen Gebäuden wider, und die Menschen wichen ehrfürchtig oder verängstigt zur Seite.


,,Ich bin gekommen, um den Stärrksten in derr Kaiserrstadt zu töten!’’ rief er, immer und immer wieder, an jeden gerichtet, der es hören wollte – und auch an die, die es nicht wollten. Die Botschaft war unmissverständlich. Die Kaiserstadt hatte einen neuen Herausforderer.



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Es dauerte nicht lange, bis sich dem jungen Krieger ein Gegner stellte. Eine junge Frau trat aus der Menge hervor. Ihr langer, leuchtend roter Mantel flatterte hinter ihr wie eine brennende Flamme, während sie ihn mit eiskalten Augen fixierte. Ihre blonden Haare waren unter der Kapuze verborgen, doch ihr Blick schien direkt in seine Seele zu blicken. 


Es war nicht nur die Schärfe ihrer Augen, die ihn innehalten ließ, sondern auch die absolute Selbstsicherheit, die von ihr ausging. Diese Haltung reizte ihn – und verunsicherte ihn zugleich.


Ohne ein einziges Wort begann der Kampf. Die beiden Kontrahenten bewegten sich mit einer Eleganz, die einem Tanz glich. Ihre Bewegungen waren schnell, präzise und kraftvoll. Die Straßen der Kaiserstadt wurden zum Schauplatz ihres Duells, doch bald reichte ihnen der Platz nicht mehr. 


Sie sprangen von einem Dach zum nächsten, während ihre Angriffe aufeinanderprallten wie Blitze in einem Sturm. Der Kampfstab des Chimps schwirrte durch die Luft, während er die Dolchstöße der Frau abwehrte. Anfangs gelang es ihm, ihre Angriffe zu parieren, und seine Überzeugung, stärker zu sein, wuchs.


Doch bald merkte er, dass etwas nicht stimmte. Ihre Bewegungen waren unnatürlich flüssig, übermenschlich. Es schien, als könnte sie seine Angriffe vorausahnen. Jeder Schlag, den er führte, verpuffte ins Leere, und jeder Ausweichschritt, den sie machte, wirkte wie eine perfekte Antwort auf seine Taktik. Währenddessen wurde die Stadt um sie herum immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Zerbrochene Dächer, gesplitterte Mauern und aufgeschreckte Bewohner zeugten von der Intensität ihres Kampfes.


Mit jeder Minute, die verging, spürte der Chimp, wie die Chance zu gewinnen ihm entglitt. Er kämpfte härter, schneller, doch sein Atem wurde schwerer, und seine Bewegungen begannen an Präzision zu verlieren. Sie hingegen schien kaum angestrengt, als würde sie den Kampf genießen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er an seiner eigenen Überlegenheit zweifelte.


Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurden beide Kämpfer von einer unsichtbaren Kraft zu Boden geschleudert. Der Aufprall ließ den Boden erbeben, und Staub wirbelte in die Luft. Als der Chimp aufblickte, stand eine schwarze Frau zwischen ihnen. 


Ihr Afro rahmte ihr Gesicht wie eine dunkle Krone, und ihre Haltung strahlte eine Autorität aus, die nicht von dieser Welt war. Ihre Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch die angespannte Stille schärfer als jedes Schwert. ,,Hört sofort auf!’’ befahl sie.


Der Chimp konnte sich nicht rühren. Sein Körper war wie gelähmt, nicht durch Angst, sondern von der schieren Präsenz dieser Frau. Sie hatte keine Waffe gezogen, keinen Schlag geführt, und doch wusste er, dass sie ihn mit einer einzigen Bewegung hätte vernichten können. Die blonde Kriegerin, die ihn zuvor an den Rand der Niederlage gebracht hatte, erhob sich langsam, doch auch sie wagte es nicht, die ihm Fremde zu hinterfragen.


Es war eine demütigende Erkenntnis. Die blonde Frau war stärker als er, das hatte er bereits akzeptiert. Doch diese schwarze Frau – sie war auf einem ganz anderen Level. Er wusste instinktiv, dass er sie selbst nach tausenden Jahren Training nicht hätte besiegen können.


Wieder erwarten wurde er verschont. Die Frau warf ihm keinen weiteren Blick zu, bevor sie sich der blonden Kämpferin zuwandte. Ohne ein weiteres Wort bedeutete sie ihm, zu gehen. 


Zögernd, seine Niederlage an seinem Stolz nagend, drehte der Chimp sich um und zog sich zurück. Doch während er sich entfernte, schwor er sich, dass dies nicht das Ende sein würde. Er dachte nicht daran, die Kaiserstadt zu verlassen. Der stärkste Kämpfer der Kaiserstadt – oder wem auch immer dieser Titel gehörte – war immer noch sein Ziel.



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Miguel Astradis war einer der reichsten Händler der Kaiserstadt. Sein Name war in den oberen Kreisen ein Synonym für Erfolg und Reichtum, doch Stärke war keine seiner Eigenschaften. Für den Chimp war es ein Leichtes, sich Miguel zu entledigen und sein immenses Vermögen für sich zu beanspruchen.


Mit dem neu gewonnenen Gold ließ der Chimp eine Kampfarena in der Kaiserstadt bauen. Das Prinzip war so simpel wie brutal – und genau deshalb so erfolgreich. In dieser Arena würden Herausforderer gegen sieben Gegner antreten. Jeder Gegner war stärker als der vorherige, eine stetig steilere Treppe aus Kraft, Geschick und tödlicher Präzision. Und wenn es ein Herausforderer schaffen sollte, die ersten sechs Gegner zu besiegen, würde der siebte Gegner der Chimp selbst sein.


Diese Arena war mehr als ein bloßes Vergnügen für ihn. Sie war seine persönliche Trainingsstätte, sein Spielfeld, auf dem er seine Grenzen testen und erweitern konnte. Es war eine perfekte Symbiose aus Unterhaltung und Selbstverbesserung, ein Ort, an dem nur die Stärksten Anerkennung fanden.


Die Arena wurde schnell ein etablierter Bestandteil des Lebens in der Kaiserstadt. Die Menschen strömten in Scharen herbei – gemeine Bürger und Adlige gleichermaßen – um die spektakulären Kämpfe zu sehen. Blut, Schweiß und triumphale Siege fesselten die Massen, und die Geschichten über die Arena verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.


Eines Tages, während die Arena von lauten Rufen und tosenden Jubel erfüllt war, betrat eine bekannte Gestalt den Kampfplatz. Die blonde Frau, die ihn einst an den Rand der Niederlage gebracht hatte, stand plötzlich vor ihm. Ohne Mühe besiegte sie die ersten sechs Gegner.


Der Chimp, voller Vorfreude auf den ultimativen Kampf, machte sich bereit, erneut gegen sie zu kämpfen.

 

Die Frau hingegen machte ihm schnell klar, dass sie nicht gekommen war, um erneut gegen ihn anzutreten. 


Stattdessen bot sie ihm etwas an, das seinen Ehrgeiz direkt ansprach: eine Möglichkeit, sich den Kaiserlichen Kopfgeldjägern, der Eliteeinheit des Kaisers, anzuschließen. Diese Einheit, berüchtigt für ihre Stärke und Unerbittlichkeit, schien genau das zu verkörpern, wonach der Chimp suchte. Das Angebot; Mit den Besten kämpfen und die eigenen Fähigkeiten erweitern, war zu verlockend, um es zu ignorieren.


Der Preis für diese Aufnahme war ungewöhnlich. Die Frau machte unmissverständlich deutlich, dass er erst beweisen musste, dass er seinen Platz in dieser Eliteeinheit verdient hatte. Sein Auftrag war simpel: Er sollte den dritten Kopfgeldjäger der Einheit töten. Es war nicht nur ein Test seiner Stärke, sondern auch seiner Entschlossenheit, sich den hohen Anforderungen der Kopfgeldjäger zu stellen.


Für den Chimp war es keine schwere Entscheidung. Die Aussicht, Teil dieser gefürchteten und gleichzeitig respektierten Elite zu werden, überwog jede moralischen Bedenken. Sein Blick war frei von Zweifel, als er das Angebot ohne zu zögern annahm.



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Der Chimp hatte sich auf einen schwierigen Kampf eingestellt, als er schließlich dem Erzmagier gegenübertrat, der den dritten Platz unter den Kaiserlichen Kopfgeldjägern innehatte. Die Erwartung eines herausfordernden Duells ließ sein Herz schneller schlagen. Er hatte sich auf Magie vorbereitet, auf mächtige Zauber und geschickte Illusionen, die ihn an seine Grenzen bringen würden. 


Zu seiner Überraschung – und seiner Enttäuschung – war der Dracharenmagier kein Gegner, der ihm das Wasser reichen konnte. Der Kampfstab, den er bei sich trug und der jede Magie neutralisieren konnte, machte ihn seinem Gegner weit überlegen. 


Was als spannender Test seiner Fähigkeiten dienen sollte, wurde zu einer bloßen Machtdemonstration seinerseits. Mit jedem blockierten Zauber und jedem nutzlosen Angriff seines Gegners schwand das Interesse des Chimps an diesem Kampf. Der Sieg war unvermeidlich, und das wusste er.


Doch anstatt den Dracharenmagier zu töten, entschied sich der Chimp anders. Er schickte seinen Gegner fort, ließ ihn leben. Töten war für ihn eine Frage der eigenen Entscheidung. Er wollte nicht nach den Regeln anderer spielen, selbst wenn es sich um die Kaiserlichen Kopfgeldjäger handelte. Das Töten, so dachte er, sollte aus eigenem Antrieb geschehen, nicht auf den Befehl eines anderen.


Trotz dieser unerwarteten Wendung wurde sein Sieg anerkannt. Die anderen Kopfgeldjäger, die ihn beobachtet hatten, mussten zugeben, dass er bewiesen hatte, dass er stark genug war, um zu ihnen zu gehören. Und so wurde er in die Reihen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger aufgenommen, ein Schritt, der seinen Ruhm im Kaiserreich weiter festigte. 


Seither ist er bekannt als einer der stärksten und gefürchtetsten Krieger des Landes – Bunj, der Chimp, der seinen eigenen Weg geht.

 
 
 

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