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Kapitel 63 - Töten für die Freiheit

Aktualisiert: 26. Jan. 2025

Leyla ließ ihren Blick über die Kaiserstadt schweifen und genoss die unerwartete Schönheit, die sich ihr bot. Sie hatte sich diesen Ort als grausam und verkommen vorgestellt, voller Intrigen und Dunkelheit. Und wahrscheinlich war er das auch. 


Doch von hier oben, vom Dach des Palastes aus, wirkte die Stadt wie ein Meer aus kleinen Lichtern, friedlich und still. Die Lichter der Häuser erinnerten sie an unzählige Glühwürmchen, die sich in ihrem Sichtfeld verteilt hatten. Zum ersten Mal, seit sie in die Kaiserstadt gebracht worden war, fühlte sie sich nicht eingesperrt.


Neben ihr saß Bunj. Er hatte sie die ganze Zeit über angesehen, und sie merkte, wie schwer ihr es fiel, seine Mimik zu deuten. Schließlich wandte sie sich ihm zu, denn das Schweigen zwischen ihnen schien schwerer zu werden.


,,Warum bist du hier?’’ Ihre Stimme war leise, fast vorsichtig, als hätte sie Angst, eine Grenze zu überschreiten.


Bunj zeigte sein breites, unheimliches Grinsen. Seine Zähne blitzten im schwachen Licht der Stadt, während er antwortete. ,,Darrf ich eine Frreundin von mirr nicht besuchen?’’ Sein Ton war zugleich verspielt und ernst, schwer zu entschlüsseln.


Freundin? Leyla blinzelte verwirrt. Sie? Eine Freundin? Hatte sie die Begegnung auf dem Trainingsplatz damals so falsch eingeschätzt? Das Wort fühlte sich seltsam an, fremd.


,,Du bezeichnest mich als Freundin?’’ Ihre Stimme stockte leicht, nicht vor Angst, sondern vor Überraschung. ,,Wieso tust du das?’’


,,Weil ich dich mag’’, knurrte er schlicht. Ein Knurren, das gleichzeitig rau und ehrlich klang. ,,Du wirrkst wie eine Menschin, derr ich vertrrauen kann.’’ Bunjs Worte überraschten Leyla, doch sie spürte, dass sie aufrichtig waren. Seine bedrohlich klingende Stimme schien einfach seine natürliche Art zu sprechen zu sein, und nicht, wie sie anfangs geglaubt hatte, ein Ausdruck von Aggression.


Leyla überlegte kurz, bevor sie ihre nächste Frage stellte. ,,Kann ich dir dann auch vertrauen?’’ Ihre Worte waren vorsichtig, fast tastend, doch in ihr keimte ein unerwartetes Gefühl von Sicherheit. An diesem Ort, in der sie bisher nur Filia vertraut hatte, war es seltsam befreiend, jemanden wie Bunj vor sich zu haben. Er wirkte aufrichtig, ungeschönt, jemand, der keine Masken trug, um sich zu verbergen.


,,Natürrlich kannst du das, Kleinerr Wellensittich.’’ Seine Stimme hatte zum ersten Mal einen weichen Unterton, der sie mehr überraschte als seine Worte.


,,Warum nennst du mich so? Kleiner Wellensittich?’’ fragte Leyla nach einer kurzen Pause. Das Wort klang seltsam in ihren Ohren, und doch weckte es eine seltsame Neugier in ihr.


Bunj überlegte kurz, bevor er antwortete, und seine Augen blitzten im fahlen Licht. ,,Wellensittiche sind Vögel aus meinerr Heimat, dem Denjarr-Dschungel. Sie sind seit Ewigkeiten eng mit uns Chimp befrreundet.’’ 


Er hielt inne, sein Blick schweifte kurz ab, bevor er sie erneut ansah. ,,Fürr mich bist du wie ein kleinerr Wellensittich. Störrt dich derr Name?’’


Leyla schüttelte den Kopf und lächelte leicht. ,,Nein, überhaupt nicht. Er hatte mich nur gewundert.’’ Ohne es bewusst zu merken, lehnte sie sich gegen das weiche Fell des Chimp. Zum ersten Mal in dieser Stadt fühlte sie sich sicher – sicher und frei, wie die Glühwürmchen in der Nacht. 


Bunj, der ihre innere Anspannung bemerkte, kratzte sich am Kinn. Vielleicht eine unbewusste Geste? Leyla fand, dass sie zu ihm passte. ,,Beschäftigt dich etwas, kleinerr Wellensittich?’’


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,,Kronprinz Eugenius hat mir befohlen, ihn zu heiraten.’’ Leyla sprach die Worte leise, fast zögerlich. Sie wusste nicht genau, wie Bunj zu den Algavia stand. Schließlich war er Mitglied in der Eliteeinheit des Kaisers, und sie nahm an, dass er zumindest eine neutrale Haltung ihnen gegenüber hatte. Dennoch spürte sie den Drang, es ihm zu erzählen. Sie erhoffte sich von ihm einen guten Rat.


Bunj musterte sie aufmerksam, sein Blick weiterhin schwer zu lesen. Schließlich fragte er: ,,Und du möchtest das nicht?’’ Dabei begann er sich beiläufig an seinem Knie zu kratzen.


Leyla schüttelte den Kopf, ein bitteres Lächeln auf den Lippen. ,,Nein. Ich möchte nicht heiraten, vor allem niemanden, der es mir befiehlt. Aber ich kann mich ja auch nicht wirklich wehren, wie soll ich mich schon wehren…’’ Ihre Stimme zitterte leicht, während sie die Worte aussprach. ,,Wenn ich abhaue, lässt er mich wieder einfangen. Wenn ich mich weigere, lande ich bestenfalls im Gefängnis und im schlimmsten Fall… war’s das für mich.’’


Sie hielt kurz inne, bevor sie mit einem Seufzen fortfuhr: ,,Weißt du Bunj, es gibt schon jemanden, den ich liebe, auch wenn ich keine Ahnung habe, wo er sich befindet oder wie es ihm geht. Und selbst bei ihm wäre mir momentan eine Heirat viel zu früh. Ich will keine Kindergebärmaschine für jemanden sein…’’


Bunj blieb gelassen, seine Miene zeigte keine Regung. ,,Dann heirrate ihn doch einfach nicht.’’


Leyla blinzelte ungläubig, und starrte ihn an. Hatte er ihr überhaupt zugehört? Seine Antwort klang so einfach, so beiläufig, als ob es keinerlei Konsequenzen hätte. ,,Wie gesagt, ich habe keine andere Wahl…’’ Ihre Stimme wurde lauter, und ein Hauch von Verzweiflung schwang in ihren Worten mit.


,,Man hat immerr eine anderre Wahl, man muss nurr den Mut haben sie zu trreffen.’’


Leyla schüttelte den Kopf, ihre Hände zitterten leicht. ,,Was für eine Wahl wäre das denn? Selbstmord?’’ Ihre Stimme brach, und sie spürte, wie Tränen in ihre Augen schossen. ,,Darüber habe ich nachgedacht. Und ich habe realisiert, dass das wahrscheinlich noch schlimmer wäre. Wenn ich eine Möglichkeit sehen würde, dann würde ich sie ergreifen.’’ Die Tränen liefen ihr nun frei über die Wangen, während sie ihre Hände in den Stoff ihres weißen Nachthemdes krallte.


Bunj schien jedoch weiterhin ruhig zu bleiben, unerschütterlich, als wäre ihm alles egal. Schließlich sprach er weiter, diesmal mit einem leicht amüsierten Unterton, der Leyla zugleich irritierte und neugierig machte: ,,Als Kaiserrlicherr Kopfgeldjägerr darrf man nicht verrheirratet sein’’


Leyla hob den Kopf, ihre Tränen schimmernd im Mondlicht, und sah ihn an. Während er sprach, begann Bunj, sie mit seiner großen Hand zu tätscheln. Die Berührung war grob, wie es für ihn typisch schien, aber irgendwie auch beruhigend. Leyla konnte sich ein leises, müdes Lächeln nicht verkneifen.



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,,Aber ich bin keine Kaiserliche Kopfgeldjägerin… Das bringt mir also nichts.’’ Leyla sprach die Worte mit einem leichten Seufzen aus, doch ein Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. In ihrem Kopf formte sich ein Gedanke:  ,,Vielleicht ist das einfach seine Art, mich aufmuntern zu wollen. Das ist mir immer noch lieber, als wenn er mir nicht zuhören würde.’’


Bunj blickte sie an, seine Augen ruhten auf ihrem Gesicht. ,,Jarr, das bist du nicht.’’ Die Worte hatten ein Gewicht, das Leyla nicht erwartet hatte, schließlich hatte sie diese Worte auch ausgesprochen, und sie fühlte, wie eine kleine Welle der Enttäuschung über sie schwappte. Doch bevor sie etwas erwidern konnte, sprach er weiter: ,,Das bist du nicht’’, fuhr er fort, ,,aberr du kannst es werrden.’’


Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig, aber die Worte trafen sie wie ein Blitz. ,,Wie soll ich denn eine werden?’’ fragte Leyla mit einem Hauch von Skepsis in ihrer Stimme. Sie wusste wenig über die Eliteeinheit des Kaisers, aber eines war klar: Sie waren außergewöhnlich stark, viel stärker, als sie selbst – oder etwa nicht?


Bunj grinste breit und schlug ein paar Mal spielerisch in die Luft, bevor er sie mit seinem Finger anstupste. ,,Du musst einfach einen von uns im Kampf töten, ist ganz einfach.’’


Leyla schüttelte ungläubig den Kopf. ,,Ich will niemanden töten, den ich nicht kenne. Außerdem bin ich nicht stark genug dafür.’’ Ihre Stimme klang bestimmt, doch in ihrem Inneren regte sich ein leiser Zweifel. Was, wenn Bunj recht hatte?


,,Doch bist du.’’ Die Worte waren voller Überzeugung, und er hielt kurz inne, bevor er weitersprach. ,,Ich habe deine Magie beobachtet, und unserre Nummerr Zehn besiegst du im Schlaf.’’ 


Sein Kommentar ließ Leyla innehalten. Sie konnte es nicht wirklich glauben. War sie wirklich in der Lage, einen der zehn Kopfgeldjäger zu besiegen? Der Gedanke fühlte sich surreal an. ,,Wer ist die Nummer Zehn?’’ fragte sie schließlich, ihre Neugier siegend. Was jedoch stärker als die Neugier war, war ihr Hoffnung.


,,Die Numerr Zehn ist ein Magierr. Ein Elf mit dem Namen Varragil. Genauso wie du beherrscht err Errdmagie.’’


Ein Elf, der wie sie Erdmagie beherrschte? Leyla fühlte, wie ihre Unsicherheit erneut wuchs. ,,Dann habe ich ja keine Chance. Er hat bestimmt viel mehr Kampferfahrung und kann seine Magie besser kontrollieren.’’


Bunj nickte leicht, als würde er ihre Worte anerkennen, doch blieb er bei seiner Einschätzung. ,,Das stimmt beides. Aberr du gewinnst trrotzdem. Deine Magie ist um Längen stärrkerr als seine. Was err an Errfahrrung und Kontrrolle hat, hast du an Krraft.’’


Sein aufmunterndes Nicken und der Ton seiner Worte ließen Leyla kurz innehalten. In ihrem Inneren wuchs die Hoffnung weiter. Sollte sie ihm glauben? Auf der anderen Seite, was hatte sie zu verlieren? Mit einem tiefen Atemzug dachte sie: ,,Was soll’s. Er sagt, dass er mich beobachtet hat. Er würde sowas bestimmt nicht halbherzig sagen.’’



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,,Also gut, ich versuche es!’’ Leyla sprach die Worte mit einer Entschlossenheit aus, die sie selbst überraschte. Minutenlang hatte sie in der Stille der Nacht nachgedacht, die Zweifel mit ihrem Wunsch nach Freiheit abgewogen. Schließlich hatte die Hoffnung gesiegt. ,,Was muss ich tun, um gegen ihn zu kämpfen?’’ fragte sie, ihre Stimme fest, auch wenn ihre Hände leicht zitterten


,,Garr nichts. Ich rregel das fürr dich’’, antwortete Bunj mit seinem üblichen Grinsen, das seine Reißzähne entblößte. Er streckte ihr seinen Daumen entgegen, eine Geste der Zuversicht. ,,In ein paarr Tagen, wirrd dich jemand abholen und dann errhälst du deine Chance.’’


Plötzlich trat er vor und nahm sie in den Arm. Seine Hand strich sanft über ihren Rücken, ein für Leyla überraschend fürsorglicher Moment. ,,Du wirrst es schaffen, kleinerr Wellensittich’’, murmelte er, seine Stimme ruhig und voller Vertrauen. Es fühlte sich für Leyla an wie ein Versprechen. Ein Versprechen, dass für sie das gleiche Gewicht hatte, wie das Versprechen an Filia. 


Mit einer Hand hob Bunj sie hoch und kletterte mit ihr zurück in ihr Zimmer. Sanft setzte er sie auf ihrem Bett ab. ,,Wirr sehen uns wiederr, verrsprrochen’’, sagte er, während er sich zum Fenster wandte, bereit, wieder in die Nacht hinauszuklettern.


Doch bevor er gehen konnte, spürte er, wie Leyla nach seinem Fell griff. Überrascht hielt er inne und schaute sie fragend an. Noch bevor er etwas sagen konnte, schlang sie ihre Arme um ihn und drückte ihn fest an sich. ,,Danke Bunj. Du hast mir die Hoffnung gegeben, dass ich vielleicht wirklich aus dieser Situation rauskomme.’’ Ihre Worte waren leise, aber voller Dankbarkeit.


Sein typisches Grinsen kehrte zurück, als er die Umarmung erwiderte. Dann, ohne ein weiteres Wort, machte er einen Satz hinauf zum Fenster, warf ihr einen letzten Blick zu und winkte zum Abschied. Sekunden später war er verschwunden, und die Stille der Nacht kehrte zurück.


Leyla kicherte leise, während sie sich in die weiche Wärme ihres Bettes sinken ließ. Der Gedanke, dass sie tatsächlich eine Chance hatte, dem Prinzen zu entkommen, erfüllte sie mit einer vermissten Leichtigkeit. Trotz des anstrengenden Tages schlief sie zufrieden ein.

 
 
 

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