Kapitel 64 - Masken die fallen
- empirewebnovel
- 26. Jan. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 27. Jan. 2025

Die Tage zogen still an Leyla vorbei, jede Stunde schwerer als die letzte. Von Bunj hatte sie nichts mehr gehört. Die anfängliche Aufregung, die Hoffnung, dass sich etwas verändern könnte, war wie Sand durch ihre Finger geronnen. An ihre Stelle war eine vertraute Dunkelheit getreten – Enttäuschung, Unsicherheit und eine tiefe, lähmende Resignation.
Das schwarze Hochzeitskleid wurde schließlich geliefert. Filia hatte es für sie entgegengenommen, ein Kleid, um das Leyla nur halbherzig gebeten hatte. Niemand außer ihr wusste von ihrer Begegnung mit Bunj, und Leyla war froh darüber. Filia hätte sicher gelacht, hätte sie davon erzählt, wie viel Vertrauen sie dem Chimp geschenkt hatte.
Jetzt stand Leyla vor einem hohen Spiegel und betrachtete ihr Spiegelbild. Der Stoff des Kleides umschmeichelte ihre Silhouette, die Details waren kunstvoll und elegant. Es war ein Kleid, das jede Braut erfreuen würde – nur nicht sie. Wäre der Anlass ein anderer gewesen, hätte sie sich vermutlich anders gefühlt. Doch es war nun einmal kein anderer Anlass. Heute fühlte sie sich leer, wie eine Puppe, aus der alles Leben gesogen worden war.
,,Morgen werde ich dann zu einer Algavia…’’ Die Worte entglitten ihren Lippen, kaum hörbar, und dennoch hallten sie in ihrem Kopf wider wie eine unausweichliche Wahrheit. Für die meisten Menschen wäre dies ein Anlass zur Freude. Es wäre eine Ehre, in die Familie Algavia einzuheiraten, Teil des Kaiserreichs, Teil der Kaiserfamilie zu werden. Aber sie war nicht wie die meisten anderen.
,,Wie gefällt Ihnen Ihr Kleid, Miss Leyla?’’ Charles’ Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Er stand in respektvoller Distanz neben ihr, sein Gesicht wie immer unleserlich. Seine ruhige, emotionslose Haltung wirkte wie ein Spiegel der höfischen Kälte, die sie in dem Kaiserpalast umgab.
Leyla war in dieses große, fremde Zimmer gerufen worden, ein Ort, den sie vorher nie gesehen hatte. Die Wände waren hoch, geschmückt mit schweren Vorhängen, und der Boden glänzte wie poliertes Glas. Es war pompös, nichts, das Leyla positiv beeindruckte.
,,Es ist schön’’, sagte Leyla, ihre Stimme ruhig, ihr Gesicht von einem höflichen Lächeln erhellt. Sie war mittlerweile gut darin geworden, ihre wahren Gefühle zu verstecken. In der Kaiserstadt war das Überleben oft eine Frage davon, wie gut man seine Maske tragen konnte.
Ihr Blick glitt zu Filia, die leise im Hintergrund stand. Es war Filia, die ihr geholfen hatte, das Kleid richtig anzuziehen, die passenden Schuhe auszusuchen. Seit jenem Gespräch über die Heirat hatten sie nicht mehr über diese gesprochen. Es war, als hätten sie sich stumm darauf geeinigt, dieses Thema zu meiden, um die wenigen freien Momente, die ihnen noch blieben, nicht zu vergiften.
Doch dieser fragile Frieden wurde jäh unterbrochen. Die Tür flog mit einem ohrenbetäubenden Knall auf, und eine dröhnende Stimme durchbrach die Stille. Leyla zuckte zusammen, ihre Hände verkrampften sich am Rock des Kleides. Sie brauchte einen Moment, um zu erkennen, wer da schrie.
Es war Kronprinz Eugenius. Sein Gesicht war vor Wut gerötet, seine Augen blitzten gefährlich. ,,WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN?!’’ donnerte er, seine Worte schienen den Raum zu erzittern. Sein Blick wanderte zwischen Leyla, Charles und Filia, als würde er bei jedem von ihnen die Antwort suchen, die seine Wut besänftigen könnte.
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Leyla blickte erschrocken zu Kronprinz Eugenius. Wie immer trug er sein blaues Gewand, das im Kontrast zu seinem vor Zorn geröteten Gesicht stand. Seine langen, blonden Haare hingen wild über seine Schultern, und in seiner Hand hielt er einen schwarzen, zerknitterten Briefumschlag. Seine Fingerknöchel erschienen fast weiß, so fest umklammerte er ihn. Die Wut, die von ihm ausging, war fast greifbar, und Leyla spürte, wie sich eine unangenehme Nervosität in ihrem Inneren ausbreitete.
,,Eure Hoheit, wovon sprecht Ihr?" Charles’ Stimme durchbrach die Spannung im Raum, ruhig und höflich wie immer. Der Leibdiener schien von der aufgebrachten Erscheinung des Kronprinzen völlig unbeeindruckt. Filia hingegen war angespannt. Sie stand mit gesenktem Kopf in einer höflichen Verbeugung, doch Leyla bemerkte, wie ihre Hände nervös den Stoff ihres Kleides kneteten.
Eugenius ignorierte Charles’ Frage völlig. Er atmete tief ein, als würde er versuchen, seine Fassung zurückzugewinnen, bevor er mit entschlossenen Schritten auf Leyla zuging. Seine Augen funkelten gefährlich, und ohne Vorwarnung packte er sie unsanft an der Schulter. Leyla spürte den Druck seiner Fingernägel auf ihrer nackten Haut, doch sie riss sich zusammen, hielt seinem Blick stand und bemühte sich, ihre Stimme ruhig zu halten.
,,Habe ich etwas falsch gemacht, Eure Hoheit?’’ fragte sie, während sie ihre Höflichkeit wie eine zähe Maske über ihre wahren Gefühle legte. Die Galle stieg ihr bei diesen Worten hoch, doch sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte, als dieses Spiel zu spielen. Das höfische Theater war unumgänglich.
,,Ob etwas passiert ist?’’ Eugenius’ Stimme war nun leiser, aber keineswegs weniger durchdringend. ,,Ich habe einen Brief von meinem Vater erhalten. Du sollst heute Abend gegen Varragil in einem Kampf um einen Platz bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern antreten.00 Wie kommst du dazu, so eine Dummheit zu begehen?’’
DIe Worte des Prinzen waren eigentlich als Peitschenhiebe gedacht, doch Leylas Herz schlug schneller, als sie seine Worte hörte. Bunj hatte also sein Versprechen gehalten. Er hatte das Duell arrangiert, und der Kaiser wusste offenbar davon. Doch bevor sie etwas sagen konnte, donnerte Eugenius weiter, ohne ihr eine Chance zur Antwort zu geben.
,,Ich erlaube es dir nicht’’, zischte er, während seine Nägel sich noch tiefer in ihre Schulter bohrten. ,,Du bist immer noch mein Besitz. Du wirst mich heiraten und nicht in einem aussichtslosen Kampf sterben.’’ Seine Worte waren kalt und besitzergreifend, und Leyla spürte, wie ihre Wut unter der Oberfläche zu kochen begann.
,,Mit Verlaub Eure Hoheit’’, wagte Filia leise, aber bestimmt zu sprechen. Leyla hielt den Atem an, als sie sah, wie ihre Freundin einen Schritt nach vorn trat. Ihre Stimme war sanft, aber fest. ,,Es liegt nicht in Eurer Hand, ob sie das Duell bestreitet.’’
Leyla spürte, wie ihr Puls zu rasen begann. Filia riskierte alles für sie, indem sie sich offen gegen den Kronprinzen stellte. Eugenius drehte sich zu ihr um, und der Ausdruck in seinen Augen ließ keine Zweifel an seinem Zorn. Doch anstatt Filia anzusprechen, wandte er sich an Charles.
,,Dann heiraten wir jetzt.’’ Seine Stimme war leise, aber bedrohlich. ,,Charles, hole sofort den Hohepriester.’’ Dies war keine Bitte, sondern ein Befehl.
Doch Leyla hatte genug. In den letzten Tagen hatte sie ihr Selbstvertrauen aufgebaut, und in diesem Moment kam ihr eine riskante Idee. Sie wusste nicht viel über die Machtstrukturen und Gepflogenheiten des Kaiserreichs, aber eines schien ihr klar: Die Kaiserlichen Kopfgeldjäger unterstanden direkt dem Kaiser, nicht den Kronprinzen. Vielleicht konnte sie diese Tatsache ausnutzen.
Ihre Faust ballte sich. Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr brannte ein Funken Entschlossenheit, den Eugenius nicht überhören konnte. Sie blickte ihm direkt in die Augen, ohne zu blinzeln, und sprach.
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,,Und was, wenn ich mich weigere? Wenn ich darauf bestehe wie geplant morgen zu heiraten?’’ Leylas Stimme war bemerkenswert sanft, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm aus Angst und Wut. Sie wusste, dass ihre Worte den Kronprinzen provozieren würden, doch es war ihr egal. Sie wollte nicht länger zurückweichen.
Für einen kurzen Augenblick war der Raum vollkommen still. Eugenius starrte sie an, fassungslos über ihre Dreistigkeit, und die Muskeln in seinem Kiefer spannten sich an. Dann brach der Sturm los. Sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn, und er holte mit der Hand aus. ,,Was erlaubst du dir, Weib? Es ist eine Ehre, meine Frau zu werden! Deine Wünsche haben hier keinen Platz!’’
Der Schlag, den er in ihre Richtung führte, war ungelenk, fast schon erbärmlich. Leyla wich mühelos zur Seite aus, ihre Bewegungen waren fließend und präzise. Selbst ein Laie hätte erkennen können, dass der Kronprinz keinerlei Kampffertigkeiten besaß. Im Gegensatz zu ihm hatte Leyla bereits Kämpfe auf Leben und Tod überstanden, und sie wusste, wie sie sich verteidigen konnte.
Für einen Moment keimte in ihr die Hoffnung, dass Eugenius seinen Fehler erkennen und sich beruhigen würde. Doch stattdessen wandte er sich an Charles. Seine Stimme war noch immer kalt und befehlend, doch sein Tonfall erinnerte mehr an ein verzogenes Kleinkind als an einen erwachsenen Kronprinzen. ,,Schlag sie!’’ befahl er.
,,Zu Befehl, Eure Hoheit.’’ Charles’ Antwort war prompt, ohne Zögern. Er zog gemächlich seine Handschuhe aus und begann, langsam auf Leyla zuzugehen. Seine Bewegungen waren ruhig, beinahe routiniert, als wäre dies für ihn nichts Außergewöhnliches.
,,Wollt Ihr jetzt Eure zukünftige Frau schlagen, Hoheit?’’ Filias Stimme zitterte vor Empörung und Verzweiflung. Sie hatte den Prinzen angebrüllt, etwas, das für eine Dienerin unverzeihlich war. Doch in ihrem Blick lag eine Entschlossenheit, die Leyla innehalten ließ. Filia war tatsächlich bereit, alles für sie zu riskieren.
Eugenius schenkte Filia keine Beachtung. Er verließ den Raum, und die Tür krachte mit einem lauten Knall hinter ihm zu. Die Spannung, die er zurückließ, war fast greifbar.
Charles war inzwischen nah genug, dass Leyla die eisige Professionalität in seinen Augen erkennen konnte. ,,Ich möchte mich entschuldigen, aber ein Befehl ist ein Befehl.’’ Seine Stimme klang nüchtern, ohne einen Funken echter Reue. Es war klar, dass er keinerlei Interesse daran hatte, den Befehl zu hinterfragen.
Leyla stand still, ihre Gedanken rasten. ,,Was soll ich tun? Ich bin auf jeden Fall stärker, auch ohne Magie, aber was wären die Konsequenzen?’’ Die Unsicherheit nagte an ihr.
Sollte sie sich einfach von Charles schlagen lassen? Oder sollte sie sich wehren und die unvorhersehbaren Konsequenzen riskieren? In ihrem Kopf malte sie sich aus, was Eugenius tun könnte, wenn sie sich seinem Leibdiener widersetzte oder ihn gar verletzte.
Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, und für einen Moment spürte sie den aufkommenden Drang, zu kämpfen. Doch die Angst vor den möglichen Folgen ließ sie zögern. Was immer sie tat, es würde sie in eine Richtung führen, aus der es vielleicht kein Zurück mehr gab. ,,Andererseits bin ich bereits auf einem Weg, von dem es kein zurück mehr gibt…’’
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Zu Leylas Glück musste sie keine Entscheidung treffen, denn die Tür öffnete sich erneut. Hinein trat Yaga, der wie immer ein freundliches Lächeln auf den Lippen trug. Seine entspannte Haltung wirkte fehl am Platz in der angespannten Atmosphäre des Raumes. ,,Ich würde gerne mit meiner Schülerin sprechen. Alleine, Charles.’’
Charles hielt inne, sein Blick fiel auf Yaga, und Leyla konnte förmlich spüren, wie ein innerer Kampf in ihm tobte. Die Loyalität gegenüber Eugenius stand gegen die Autorität des Oni, der offensichtlich keiner gewöhnlichen Hierarchie unterlag.
Sekundenlang herrschte eine drückende Stille, bevor Charles schließlich seinen Arm senkte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verbeugte er sich knapp und verließ den Raum. Auch Filia folgte ihm, ihre Schritte allerdings zögerlich, als würde sie am liebsten bleiben.
Leyla wollte Filia zurückhalten, doch sie wusste, dass dies zu viel verlangt gewesen wäre.
Mit einem leisen Seufzen wandte sie sich an Yaga, dessen Blick zwar wie immer ruhig, aber diesmal auch durchdringend war. ,,Wer ist Yaga eigentlich?’’ fragte sie sich insgeheim. Der Oni schien keiner üblichen Autorität zu unterstehen, weder den Kaiserlichen Kopfgeldjägern noch dem Kronprinz. Doch diesen Gedanken schob sie beiseite. Es gab Wichtigeres zu klären.
,,Ich habe gehört, dass du heute Abend für einen Platz bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern kämpfst?’’ Yagas Ton war neugierig, doch Leyla erkannte auch eine Spur von Besorgnis. ,,Wie ist es dazu gekommen?’’
Leyla zögerte kurz, dann sprach sie. ,,Bunj hat mir erklärt, dass das ein Weg wäre, der Hochzeit zu entgehen.’’ Ihre Stimme war fest und sie erwartete, dass Yaga ihren Entschluss gutheißen würde.
Die Reaktion des Oni überraschte sie. Seine Augenbraue hob sich leicht, und sein Lächeln verschwand, als sich seine Miene verdüsterte. Zum ersten Mal spürte Leyla Enttäuschung in seinem Blick, die sie nicht ganz deuten konnte. ,,Ich verstehe… Dann hoffe ich für dich, dass du Erfolg hast. Auch für deine Freundin.’’
Leyla blinzelte verwirrt. Filia? ,,Wieso auch für Filia?’’ fragte sie vorsichtig, unsicher, worauf er anspielte.
,,Nun’’, begann Yaga ruhig, ,,du kannst dir sicher sein, dass Eugenius ihr eine Menge schlimmer Dinge antun wird. Egal, ob du gewinnst oder verlierst, er wird dadurch aus dem Kaiserreich verbannt werden. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin hast du jedoch das Recht, eine Person in deinen Dienst zu stellen – egal, ob sie bereits für jemanden arbeitet.’’
Leyla hielt für einen Moment den Atem an. Die Bedeutung seiner Worte hallte in ihrem Kopf wider. Wenn sie gewann, wäre das nicht nur ein Ausweg für sie selbst, sondern auch für Filia. Ein Funken neuer Entschlossenheit flammte in ihr auf.
,,Ich denke ich kann das schaffen’’, begann sie, der Funke Hoffnung wuchs in ihrer Stimme. ,,Bunj meinte…’’ Doch Yaga unterbrach sie mit einer scharfen Geste.
,,Hör nicht zu viel darauf, was der Affe sagt’’, entgegnete er. Sein Ton war kühl, fast abweisend. ,,Er hat wahrscheinlich einfach Spaß daran, dich kämpfen zu sehen.’’
Leyla schwieg. Sie wollte ihm widersprechen, aber sie hielt sich zurück. Sie war sich sicher, dass Bunj ehrlich gewesen war. Seine Hilfe war keine Laune gewesen, sondern ein echter Versuch, ihr zu helfen. Doch sie wusste, dass es wenig Sinn hatte, Yaga zu überzeugen.
,,Ich werde es schaffen, Yaga.’’ Ihre Stimme war fest und entschlossen, doch der Ausdruck in seinem Gesicht änderte sich nicht. Die Enttäuschung blieb, und Leyla konnte nur raten, womit sie begründet war. Hatte sie einen Fehler gemacht, den sie noch nicht erkennen konnte?
Der Oni zuckte schließlich mit den Schultern und wandte sich zur Tür. ,,Viel Glück Leyla. Du wirst es brauchen.’’
Mit diesen Worten verließ er den Raum, und die Tür fiel mit einem dumpfen Knall ins Schloss. Leyla war allein, doch fest entschlossen sich und Filia zu befreien.



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