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Kapitel 65 - Zum Zuschauen gezwungen

27. Jan. 2025
7 Min. Lesezeit

Mit einer tief ins Gesicht gezogenen Kapuze bahnte sich Liam seinen Weg über die Augustius-Straße, die vierte der acht Hauptstraßen der Kaiserstadt. Die Straße, benannt nach dem Kaiser, der den großen Krieg beendet hatte, war die Straße, auf der die meisten Händler ihre Stände hatten. 


Diese priesen lautstark ihre Waren an, und das dichte Gedränge machte es nahezu unmöglich, den Überblick zu behalten. Liam spürte, wie sich der Lärm und die Enge wie ein schwerer Mantel auf seine Schultern legten. Er hasste Menschenmengen. Doch heute blieb ihm keine Wahl – er war hier, um die wichtigste Person in seinem Leben zu retten.


Leyla war in den Fängen des Kronprinzen Eugenius. Warum hatte Bournadette sie an den Prinzen übergeben? Das wusste Liam nicht, doch das spielte sowieso keine Rolle. Es war genug, dass sie in Gefahr war. Der Grund war unwichtig. Alles was zählte, war, sie da herauszuholen, egal, was es kostete. Seine Schritte wurden schneller, der Gedanke an Leyla ließ das Gedränge um ihn herum fast verblassen.


Er war nicht allein in der Kaiserstadt. Theol und Ralf, seine engen Verbündeten, waren ebenfalls hier, um ihren Teil des Plans umzusetzen. 


Theol, der schwarze Vishap, hatte die Aufgabe, Kontakt mit dem Untergrund der Stadt aufzunehmen. Liam wusste, wie unberechenbar und gefährlich diese Leute waren. Doch wenn man sie gut genug bezahlte, dann taten sie, was man verlangte. Theol sollte einen Fluchtweg organisieren, der sie in den kalten Norden nach Kartaffel führen würde – ein Ort, der so abgelegen war, wie sonst kaum ein Ort im Kaiserreich.


Ralf hingegen suchte Söldner, die bereit waren, sich ihrem Vorhaben anzuschließen. Es war ein riskanter Plan, und Liam wusste, dass es kein Zurück mehr geben würde, sobald sie loslegten. Doch er vertraute darauf, dass Ralf die richtigen Männer finden würde. Söldner, die nicht nach dem ,,Warum’’ fragten, sondern nur nach dem ,,Wie viel’’.


Während er weiterging, fiel sein Blick auf die große Kampfarena. Sie ragte majestätisch in den Himmel, fast so hoch wie der Kaiserpalast oder die gewaltige Großkirche Kameras. Die Menschen strömten in Massen in ihre Richtung, und Liam spürte die Anziehungskraft des Ortes. Es war, als würde die Arena selbst die Menge herbeirufen, wie ein hungriger Moloch, der nach Unterhaltung gierte.


Liam hielt kurz inne. Er hatte noch Zeit, bis seine Begleiter ihre Aufgaben abgeschlossen hatten. Vielleicht könnte er sich ablenken. Vielleicht würde die Arena etwas Interessantes zu bieten haben. Ein gedämpftes Murmeln entkam seinen Lippen: ,,Vielleicht wird das ja ganz interessant…’’ Mit diesen Worten nahm er einen großen Schluck aus seiner Flasche. Der Alkohol brannte angenehm in seiner Kehle und ließ die Anspannung für einen Moment nach. Dann wandte er sich der Arena zu und ließ sich von der Menschenmenge treiben.



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,,Ein Gold als Eintrittsgebühr für einen Kampf ist ganz schön viel…’’ murmelte Liam missmutig, während er sich auf seinem Sitzplatz niederließ. Seine schlechte Laune war deutlich spürbar. Die Bewohner der Kaiserstadt konnten die Kämpfe kostenlos genießen, doch Besucher wie er mussten Unsummen zahlen. Das war nur eine weiterer Beweis dafür, dass er nicht hierhergehörte.


Sein Platz ließ ebenfalls zu wünschen übrig. Er saß weit oben, in den Reihen des obersten Blocks, wo die Arena nur noch wie ein riesiges Schachbrett wirkte. Von hier aus konnte man große Bewegungen und auffällige Angriffe erkennen, aber die Nuancen des Kampfes blieben verborgen. Liam seufzte leise und strich sich durch die Haare. Seine Jacke hatte er beim Eingang abgeben müssen. Ohne sie fühlte er sich verwundbar.


,,Hoffentlich ist es ein Kampf zwischen Magiern", dachte er sich, während er die Arena betrachtete. Solche Duelle boten zumindest genug Spektakel, dass selbst von hier oben etwas zu erkennen war.


Vor ihm saßen zwei junge Männer, die sich laut und ohne Rücksicht auf ihre Umgebung unterhielten. Ihre Stimmen drangen mühelos durch den allgemeinen Lärm der Menge.


,,Ich bin gespannt, wer die Herausforderin ist, die sich mit Varragil messen will.’’ Der Mann mit den braunen Haaren klang aufgekratzt, als hätte er eine lange Zeit auf diesen Moment gewartet.


,,Das könnte wirklich interessant sein, Kaiserliche Kopfgeldjäger sieht man nicht oft kämpfen!’’ Der Glatzköpfige neben ihm war mindestens genauso gespannt. Seine Augen waren fest auf die Mitte der Arena gerichtet, wo die Vorbereitungen noch im Gange waren.


Liams Interesse wurde geweckt. Er hatte noch nie einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger in Aktion gesehen, mit Ausnahme von Bournadette Lacroix. In seiner Zeit als Söldner war es klüger gewesen, diesen Elitekämpfern aus dem Weg zu gehen. Doch jetzt, wo er ohnehin hier war, konnte er nicht leugnen, dass ihn die Aussicht auf einen solchen Kampf reizte.


[???] ,,Hey, ist der Platz neben dir noch frei?’’ 


Liam drehte sich um und begegnete dem Blick einer jungen Frau, vielleicht sechzehn Jahre alt. Sie trug elegante, vornehme Kleidung, die auf einen gehobenen Hintergrund schließen ließ. Ihr Lächeln war freundlich, neugierig.


,,Klar, setz dich gerne zu mir’’, sagte er schließlich. Obwohl er keine Lust hatte, mit jemandem zu reden, wusste er, dass er unter keinen Umständen negativ auffallen durfte. Die Kaiserstadt war kein Ort für ihn, um Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.


Die junge Frau ließ sich neben ihm nieder und richtete ihren Blick sofort auf die Arena. Momentan waren die Mitarbeiter noch damit beschäftigt, das Kampffeld zu überprüfen. Sie schien die Atmosphäre zu genießen, während Liam sie aus dem Augenwinkel musterte. 


,,Ich bin Nea und du?’’ fragte sie nach einer Weile, ohne den Blick von der Arena abzuwenden.


,,Ich bin David, freut mich’’, antwortete Liam knapp. David war der Name, den er immer benutzte, wenn er anonym bleiben wollte.


Nea nickte leicht und lächelte wieder. Doch bevor sie das Gespräch weiterführen konnte, hallte eine laute Stimme durch das Kolosseum und zog die Aufmerksamkeit aller auf sich. Die Menge verstummte fast augenblicklich, und die Atmosphäre im Kolosseum veränderte sich. Der Kampf würde bald beginnen.



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,,Herzlich Willkommen, werte Bürger des heiligen Kaiserreichs. Ihr seid bestimmt schon gespannt auf den heutigen Kampf!’’ Die Stimme des Halbriesen hallte durch die Arena, kraftvoll und voller Energie. Er stand inmitten des riesigen Kampfrings, eine imposante Erscheinung, die selbst auf die hintersten Ränge eine Wirkung hatte. Auch Liams neugieriger Blick richtete sich auf ihn.


,,Ihr müsst nicht mehr lange warten, denn es geht gleich los!!!’’ Der Halbriese streckte die Spannung bewusst in die Länge, ließ das Publikum in Vorfreude verharren. Schließlich hob er seinen rechten Arm und deutete auf eines der beiden Tore der Arena. ,,Unser erster Kämpfer ist kein geringerer als Varragil, die Nummer zehn der Kaiserlichen Kopfgeldjäger!!!’’


Aus dem Tor trat ein rothaariger Elf in schwarzer, eng anliegender Kampfkleidung. Mit anmutigen Bewegungen betrat er die Arena, und die jubelnde Menge brach förmlich in Ekstase aus. Liam beobachtete die Szene mit gerunzelter Stirn, während die Begeisterung um ihn herum explodierte. Neben ihm begann auch Nea, begeistert zu klatschen.


—LOS GEHTS VARRAGIL—


—DU SCHAFFST DAS—


—VARRAGIL ICH LIEBE DICH—


Liam lehnte sich genervt in seinem Sitz zurück. Der Elf war ohne Frage hübsch, und sein Rang in der Eliteeinheit des Kaisers erklärte seine Popularität. Doch für Liam war diese schreiende Anbetung übertrieben und nervig.


Varragil schien die Aufmerksamkeit zu genießen. Mit einem charmanten Lächeln verbeugte er sich vor den jubelnden Zuschauern. Er ließ einige kleine Steine in der Luft erscheinen und schleuderte sie ins Publikum. Die Fans, die einen fangen konnten, hielten ihre Trophäen stolz in die Höhe und jubelten noch lauter.


,,Doch Varragil könnte heute nicht nur seinen Status — Nein! Sogar sein Leben könnte er verlieren, denn er wurde zu einem Duell um seinen Platz in der Eliteeinheit Seiner Majestät herausgefordert!’’ Die Worte des Halbriesen brachten eine förmlich greifbare Spannung in die Arena. Die Zuschauer wurden stiller, ihre Neugier geweckt. Mit einer dramatischen Geste hob er seinen linken Arm und zeigte auf das gegenüberliegende Tor.


,,Eine junge Frau Namens Leyla, aus dem Gefolge Seiner Hoheit Kronprinz Eugenius, möchte heute einen Namen für sich machen!!!’’ Seine Worte hallten durch die Arena, und die Zuschauer begannen zu tuscheln. Einige schienen überrascht, andere begeistert.


Liam erstarrte. Seine Kehle wurde trocken, und er musste husten, um sich wieder zu fangen. ,,Habe ich mich verhört? Leyla?’’ Sein Herz begann schneller zu schlagen, während er seinen Blick auf das gegenüberliegende Tor richtete. Das, was er sah, konnte nicht wahr sein – oder doch?



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Liam starrte wie versteinert auf das zweite Tor, als Leyla in die Arena trat. Sein Herz setzte für einen Moment aus. Es war ohne jeden Zweifel die gleiche Leyla, die er kannte. Die Frau, die er liebte. Die Frau, die er vor knapp drei Monaten bei der Katastrophe im Engelstempel aus den Augen verloren hatte – und die er nun um jeden Preis retten wollte.


Warum war sie dort? Wieso kämpfte sie gegen einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger? Der Anblick traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube. Als er Leyla das letzte Mal gesehen hatte, war sie stark gewesen, ja, aber nur im Vergleich zu gewöhnlichen Abenteurern. 


Er selbst war ihr weit voraus gewesen, sowohl in Kampfkunst als auch in Erfahrung. Es schien unmöglich, dass sie in nur drei Monaten so stark geworden war, dass sie sich mit der absoluten Elite des Kaiserreichs messen konnte.


Seine Gedanken wurden von Neas Stimme unterbrochen. ,,Das ist ja mal eine interessante Gegnerin. Hoffentlich kann sie mit Varragil mithalten, es wäre langweilig, wenn der Kampf sofort vorbei wäre.’’ Sie blickte mit leuchtenden Augen in Richtung der Arena, während ihre Worte vollkommen sorglos klangen.


Liam biss die Zähne zusammen, hielt sich jedoch zurück, etwas zu sagen. Er fühlte, wie sich eine kalte Angst in seinem Inneren ausbreitete und sich wie ein Stein in seiner Brust festsetzte. Verzweiflung drang in seine Knochen. 


Leyla aus der Kaiserstadt zu befreien war schon eine fast unmöglich erscheinende Aufgabe gewesen. Jetzt saß er hier, unfähig, irgendetwas zu tun, während sie sich einem Kaiserlichen Kopfgeldjäger stellen musste.


Er wusste, wie solche Duelle endeten. Es gab nur eine mögliches Ende: der Tod eines der beiden Kämpfer. Allein der Gedanke daran ließ ihn fast den Atem verlieren.


,,Noch viel spannender: Beide Kämpfer sind Erdmagier! Kann Varragil seinen Status bewahren oder wird die bisher unbekannte Leyla ihn wie einen Stein zerschmettern und sich seinen Platz verdienen?’’ Die Worte des Halbriesen stachelten die Menge weiter an, und die Begeisterung schwoll zu einem ohrenbetäubenden Rauschen an.


,,Du bist blass, David, ist alles okay bei dir? Brauchst du was zu trinken?’’ Neas Stimme war jetzt leiser, besorgt. Sie hatte sich zu ihm gelehnt und ihre Hand prüfend auf seine Stirn gelegt. Liam zuckte zusammen.


Instinktiv stieß er sie zurück, etwas stärker als beabsichtigt, und sie fiel unsanft auf den Boden. Sofort sprang er auf. ,,Tut mir leid!’’ rief er, sein Tonfall panisch. Doch Nea hob nur die Hand, ihr Lächeln ungebrochen, während sie sich wieder aufrappelte.


,,Da bin ich dir wohl zu Nahe gekommen, mein Fehler.’’ Ihre Worte klangen ehrlich und sie setzte sich erneut neben ihn. Liam beobachtete sie kurz aus dem Augenwinkel und fragte sich, wer sie wirklich war. Ihre ruhige Art und ihr offenes Verhalten irritierten ihn mehr, als er zugeben wollte.


Doch der Gedanke verflog fast sofort, als sein Blick wieder zur Arena wanderte. Die Atmosphäre verdichtete sich, die Zuschauer wurden still, und der Beginn des Kampfes zeichnete sich ab. Sein Atem stockte, als die beiden Magier in Position gingen. Leyla stand da, ruhig und gefasst, bereit, sich der bisher größten Herausforderung ihres Lebens zu stellen.

 
 
 

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