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Kapitel 66 - Der Schrecken von Macht

Liam konnte nichts anderes tun, als zuzusehen, wie der Kampfrichter – ein älterer Mann mit einer ernsten Miene – den Kampf anpfiff. Die Spannung in der Arena erreichte ihren Höhepunkt, als die Zuschauer den Atem anhielten. Für Liam war diser Moment eine Ewigkeit, eine quälende Stille vor dem unvermeidlichen Tosen.


Varragil agierte sofort. Mit einer fließenden Bewegung schoss er auf Leyla zu, während spitze Steine wie Geschosse aus seinen Händen vorausflogen. Leyla reagierte schnell und errichtete eine massive Steinmauer vor sich, die die Projektile mühelos abfing. Doch Varragil ließ sich davon nicht aufhalten. 


Er machte einen Haken, sprang um die Mauer herum und verpasste Leyla einen kräftigen Tritt. Sie hob zwar ihren Arm, um den Schlag abzuwehren, doch die Wucht war zu stark. Sie wurde zurückgeschleudert, schlug hart auf den Boden und wirbelte eine große Staubwolke auf.


Die Menge tobte, ihre Begeisterung erfüllte die Arena wie ein donnernder Sturm. Liam hingegen saß zusammengesunken auf seinem Platz, seinen Kopf eingezogen. ,,Ich wusste es…’’ murmelte er tonlos vor sich hin. ,,Sie hat keine Chance, Varragil hat nicht einmal ernst gemacht.’’ Seine Worte klangen wie ein Urteil, und er fühlte die Last dieser Erkenntnis auf seinen Schultern.


Leyla rappelte sich auf, ihr Blick entschlossen. Neben ihr formte sich ein Steinspeer, der unter ihrer Magie immer größer wurde. Die Luft um ihn herum schien zu vibrieren, als er sich begann zu drehen. Mit einem kraftvollen Schwung feuerte sie ihn ab. Der Speer flog mit unvorstellbarer Geschwindigkeit auf Varragil zu.


In einem instinktiven Reflex erschuf Varragil eine Steinmauer, ähnlich wie die, die Leyla zuvor errichtet hatte. Doch der Speer durchschlug die Mauer mit Leichtigkeit. Varragil musste sich zur Seite abrollen, um dem tödlichen Angriff zu entgehen. Er landete dennoch sicher, stand sofort wieder auf und antwortete mit einer Hagel aus Steinkugeln, die er in den Himmel feuerte, bevor sie wie Geschosse auf Leyla herabregneten.


,,David, bist du sicher das alles okay ist?’’ Neas Stimme drang durch den Lärm der Menge. Sie hielt einen Trinkschlauch in der Hand und streckte ihn Liam entgegen.


Liam schüttelte den Kopf und winkte müde ab. ,,Nein, danke…’’ Seine Hand wanderte zu seiner Tasche, aus der er eine kleine Flasche zog. Es war ein teurer Rum aus Inhantes, eines der wenigen Dinge, die ihn noch trösteten. Er nahm einen großen Schluck, das Brennen in seiner Kehle brachte ihm eine kurze Erlösung. Doch das stärker werdende Ziehen in seiner Brust blieb. Kein Alkohol konnte den Schmerz in seinem Herzen lindern.


Sein Blick kehrte unweigerlich zum Kampf zurück. Mit jedem Moment, jedem Zusammenprall von Steinen und Willenskraft, wurde das Duell einseitiger. Leyla hatte sich verbessert, daran bestand kein Zweifel. Ihre Magie war auf einem völlig anderen Niveau, kraftvoll und präzise. 


Doch es reichte nicht. Varragil war erfahrener, schneller, besser. Und während Liam jede ihrer Bewegungen beobachtete, konnte er nichts tun, außer sich der grausamen Wahrheit zu stellen: Sie war noch nicht bereit, gegen jemanden wie ihn zu bestehen.



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Der Kampf war für einen Moment zur Ruhe gekommen. Leyla und Varragil standen sich gegenüber, beide wachsam und lauernd, wie Raubkatzen kurz vor dem Sprung. Leylas schwere Atemzüge waren selbst von hier oben zu erkennen, während Varragil keinerlei Erschöpfung zeigte. Er wirkte, als hätte der Kampf für ihn gerade erst begonnen.


Plötzlich flackerte eine braun-blaue Aura um Leyla auf. Das Licht tanzte um sie, wie ein lebendiger Schatten aus Erde und Mana. Ein Raunen ging durch die Zuschauer, und Liam Augen weiteten sich vor Überraschung. ,,Was ist das?’’ flüsterte er, unfähig, den Blick abzuwenden.


Leyla agierte ohne zu zögern. Sie schoss auf den Elfen zu, ihre Bewegungen kraftvoll und entschlossen. In ihrer Hand formte sich ein Messer aus Eisen, schimmernd und tödlich. Varragil riss seine Augen auf, doch er fing sich schnell wieder. Mit einem kräftigen Fußtritt auf den Boden schickte er eine Welle aus Gestein und Staub in ihre Richtung. Doch Leyla war bereit. Eine Steinsäule brach unter ihr aus dem Boden hervor, und sie nutzte sie, um sich mit einem mächtigen Sprung über die Welle hinwegzusetzen.


Sie landete elegant hinter ihm und versetzte ihm einen schnellen Tritt in den Rücken, der ihn aus dem Gleichgewicht brachte. Die Klinge blitzte im Licht der Arena, als sie zuschlagen wollte. Doch Varragil reagierte wieder schneller. Mit einer weiteren Druckwelle schleuderte er Leyla zurück, und sie landete erneut auf dem Boden.


Liam spürte, wie seine Schultern immer schwerer werden. ,,Das reicht nicht…’’ murmelte er leise, während ein bitteres Gefühl ihn überkam. Er ballte seine Hände zu Fäusten, und ein Gedanke begann an ihm zu nagen: Sollte er nicht etwas tun? Sie anfeuern? Ihr Kraft geben? Stattdessen saß er hier und zweifelte an ihr, während sie dort unten mit aller Kraft kämpfte.


Neben ihm begann Nea wieder zu sprechen, ihre Stimme lebhaft und begeistert. ,,Ich frage mich, ob die Blauhaarige noch einen Trick hat. Varragil hat seine stärkste Karte nämlich noch nicht gezeigt.’’ Sie schien entschlossen, ein Gespräch zu beginnen, vielleicht um Liam aufzumuntern?


Er drehte sich zu ihr, seine Stimme am Zittern. ,,Seine stärkste Karte?’’


,,Genau’’, Nea grinste und lehnte sich vor, ihre Augen funkelten voller Aufregung. ,,Er kann die Erdmagie seiner Gegner komplett absorbieren. Er spielt einfach nur mit ihr… Sie tut mir schon etwas leid.’’ Ihre Begeisterung schien aufrichtig, doch Liam fühlte, wie sich sein Magen weiter verkrampfte. Ein Kampf, den er bereits für aussichtslos hielt, hatte sich gerade in einen Albtraum verwandelt.


Neas Begeisterung wurde von dem Glatzkopf unterbrochen, der sich zu ihr umdrehte und in ihr Gespräch einhakte. ,,Er kann ihre Magie absorbieren?’’  fragte er neugierig.


Neas Augen verengten sich, und ihre Stimme wurde kalt. ,,Sprich mich nicht an, sonst zerschlag ich dir den Kopf.’’ Der Glatzkopf schluckte hörbar und drehte sich schnell wieder nach vorne. Liam beobachtete die Szene überrascht, seine Gedanken kurz abgelenkt von der Dramatik des Kampfes.


Nea bemerkte seinen Blick und grinste ihn breit an. ,,Ich hasse es, wenn mich Leute ansprechen.’’


Liam nickte zögernd, unsicher, wie er reagieren sollte. ,,Das verstehe ich, aber ihm mit Gewalt zu drohen? Wobei…’’ Er hielt inne und dachte an die letzten Wochen, an die Taten, die er begangen hatte. ,,Ich kann es schon nachvollziehen.’’ Seine Stimme wurde leiser, als er sprach. 


Menschen zu verletzen und zu töten, war für ihn in den letzten Wochen zur Gewohnheit geworden – alles, um Leyla zu retten. Doch jetzt, wo sie direkt vor ihm war, saß er einfach nur da.


Nea ließ ihn nicht lange in seinen Gedanken verharren. Sie sprang förmlich in ihrem Sitz auf und ab, und klatschte begeistert in die Hände. ,,Varragil fängt mit seiner Technik an!!!’’ jubelte sie, ihre Stimme voller Vorfreude. Liam spürte, wie seine Kehle trocken wurde. Das, was Nea so erwartungsvoll ankündigte, würde das Ende für Leyla bedeuten.



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Leyla hielt ihren Blick fest auf Varragil gerichtet, während ihre Brust sich langsam hob und senkte. Ihre Seiten stachen, ihre Lunge brannte. Sie hatte sich besser gehalten, als sie erwartet hatte, aber jeder Angriff des Elfen hatte ihr ihre Grenzen aufgezeigt. Seine Erfahrung und sein Können schienen wie eine unsichtbare Schlucht zwischen ihnen, einen Abgrund, die sie einfach nicht überwinden konnte.


Varragils Hände hoben sich langsam, seine Finger zeigten direkt auf sie. Der Boden unter ihren Füßen begann zu beben, ein dumpfes Grollen füllte die Arena. Leyla spürte plötzlich ein seltsames Zerren, nicht körperlich, sondern tief in ihrem Inneren. Ihre Augen weiteten sich, als sie das Flackern ihrer braun-blauen Aura bemerkte. Sie verblasste rasch, wie eine Kerze, die von einem plötzlichen Windstoß ausgelöscht wurde.


,,Was macht er da?’’ Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf, bevor die Erkenntnis sie traf. Die Aura war vollständig verschwunden, und ein lähmendes Gefühl überkam sie. Ihre Erschöpfung, die sie vorher gerade noch unter Kontrolle gehalten hatte, brach über sie herein wie eine Flut. 


Das Ziehen verstärkte sich, und sie erkannte, dass es an ihrem Mana zog. Ihre Magie, die sie gestützt und gestärkt hatte, wurde von Varragil aufgesaugt, als würde er sie von ihr losreißen.


Leyla taumelte leicht, ihre Knie begannen nachzugeben. In einem verzweifelten Versuch, den Zauber zu unterbrechen, sammelte sie ihre verbleibende Kraft und formte einen Steinsplitter. Sie schleuderte ihn in Varragils Richtung, doch der Splitter zerfiel in der Luft, bevor er ihn erreichen konnte. 


Der Schmerz in ihrem Inneren wuchs, als sie spürte, wie ihre Energie fast vollständig entwichen war. Es war als würde sich ihr Körper leeren, wie ein Fass, dessen Inhalt unaufhaltsam abfloss.


Doch inmitten dieser Dunkelheit begann etwas in ihr zu brodeln. Ein seltsames, warmes Gefühl breitete sich in ihrem Körper aus, flammte in ihrer Brust auf und raste durch ihre Glieder. Leylas Blick fiel auf ihre Hand, und sie sah, wie das Tattoo auf ihrem Finger zu leuchten begann. Die Linien des Musters glühten in einem hellen, lebendigen Licht, das von einer Intensität zeugte, die sie erst ein Mal zuvor gespürt hatte.


Das Licht durchbrach die entstandene Schwärze in ihr und ließ einen Funken Hoffnung aufblitzen.



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Leyla stand inmitten der Arena, Energie strömte in Wellen um sie herum. Ihre Augen waren weit aufgerissen, der Blick auf Varragil gerichtet, während ein seltsames, braunes Glühen ihren Körper umgab. Liam starrte sie fassungslos an, unfähig zu verstehen, was vor sich ging.


,,Nanu? Seine Technik funktioniert nicht?’’ Nea beugte sich noch weiter vor, ihre Augen glitzerten voller Überraschung, doch ihr Tonfall war weiterhin fröhlich. Es schien, als sei sie von der Situation eher begeistert als schockiert. 


Plötzlich drehte sie sich zu Liam um. ,,Du, David, was macht sie da? Du kennst sie doch, oder?’’ Die Frage traf Liam wie ein Blitz, und er zuckte unwillkürlich zusammen. Sein Herz schlug schneller, die Panik kroch ihm den Nacken hoch. Woher wusste sie das? Sein Blick wich ihrem aus, doch bevor er etwas sagen konnte, hob Nea beschwichtigend die Hände.


,,Ist schon gut, du musst nichts sagen, wenn du nicht willst.’’ Ihr Ton war beruhigend, fast schon zu freundlich. Doch Liam konnte nichts erwidern. Wer war diese Frau? Sie machte ihn nervös, ihr Verhalten schien wie eine Maske, hinter der sich etwas Unbekanntes verbarg. Doch bevor er weiter darüber nachdenken konnte, hüllte die gesamte Arena sich plötzlich in Schweigen.


Sein Blick kehrte zum Kampf zurück. Leylas Stand war nun fester, ihr Atem schien ruhiger, ihre Haltung kampfbereit. Eben noch am Rand des Zusammenbruchs, schien sie jetzt voller unbändiger Energie. 


—KNALL—


Mit einem lauten Donnern stürmte sie auf Varragil zu. Ihre rechte Hand war von einer metallischen Schicht umhüllt, die im Licht der Arena glänzte. Varragil reagierte sofort, versuchte, eine Steinwand zu errichten, doch sie fiel in sich zusammen, noch bevor sie vollständig entstanden war. Seine weiteren Versuche, Steinpfeile zu formen, scheiterten ebenso. Die Geschosse zerbröselten förmlich in der Luft, bevor sie abgefeuert werden konnten.


,,Ohh, ich verstehe!’’ rief Nea, ihre Stimme vor Begeisterung überschäumend. Sie sprang aufgeregt auf ihrem Platz auf und ab. ,,Seine Erdmagie wird einfach von ihr überschrieben.’’


Liam schüttelte den Kopf, verwirrt von ihren Worten. ,,Überschrieben? Wie kann Magie überschrieben werden?’’ fragte er leise, mehr zu sich selbst. Doch bevor er eine Antwort erhalten konnte, mischte sich der Glatzkopf vor ihnen erneut ein.


,,Wie funktioniert das denn? Kann Magie überhaupt—’’


Nea drehte sich blitzschnell um und trat mit voller Wucht gegen seinen Kopf. Der Schlag war so stark, dass sein Schädel in unzählige Splitter zersprang, und sein lebloser Körper sackte zu Boden. Blut spritzte über die Sitze, und ein erschrockenes Keuchen ging durch die Reihen. 


Die Zuschauer zuckten zusammen, Liam inklusive. Doch Nea setzte sich wieder, als wäre nichts passiert. Ihre Stimme war klar und bestimmt, als sie erklärte: ,,Beruhigt euch. Ich bin Nea, die achte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Im Namen Seiner Majestät habe ich diesen Mann hingerichtet. Schaut euch einfach weiter den Kampf an.’’


Liam konnte nicht atmen. Seine Gedanken überschlugen sich. Er saß direkt neben einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin, einer der gefährlichsten Personen des Kaiserreichs. Genau diesen Leuten wollte er aus dem Weg gehen. Doch nun war er gefangen in ihrer Nähe, unfähig, sich zu bewegen oder etwas zu sagen.


Sein Blick wanderte zurück zur Arena. Keine fünf Sekunden waren vergangen. Leyla schoss noch immer auf Varragil zu. Der Elf wich zurück, seine Schritte immer unkoordinierter, während Leyla mit unnachgiebiger Geschwindigkeit näherkam. Der Abstand zwischen ihnen schmolz, und er drehte sich verzweifelt um, als suchte er nach einem Fluchtweg.


Dann geschah es. Leyla schlug zu. Ihre mit Metall umhüllte Hand bohrte sich durch Varragils Brust. Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz, und ein keuchender Laut entrang seiner Kehle. Sein Körper stolperte nach vorne und schlug schwer auf den Boden auf, eine Spur von Blut zeichnete seinen Weg, während er noch etwas weiter über den Sand der Arena rutschte.


Der Halbriese sprang aufs Feld, seine kräftige Stimme hallte durch das Kolosseum. ,,LEYLA HAT DEN KAMPF GEWONNEN UND IST DAMIT ZUR ZEHNTEN KAISERLICHEN KOPFGELDJÄGERIN GEWORDEN.’’


Die Zuschauer brachen in Jubel aus, ihre Stimmen vermischten sich zu einem donnernden Klang, der die Arena füllte. Liam blieb starr, unfähig, etwas zu fühlen außer einem wirbelnden Mix aus Schock und Angst, die seine Erleichterung zu ersticken drohten.

 
 
 

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