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Kapitel 67 - Das Ende eines Traums?

Aktualisiert: 28. Jan. 2025

Leyla hatte gewonnen. Liam ließ die Worte in seinem Kopf widerhallen. Der Knoten in seiner Brust löste sich, und für einen kurzen Moment vergaß er die Anwesenheit der Kopfgeldjägerin neben ihm. Es war ein Sieg, den er sich für sie gewünscht hatte, und doch fühlte sich etwas daran falsch an.


Nea wippte begeistert in ihrem Sitz auf und ab, ihre Augen funkelten vor Aufregung. ,,Super gemacht Leyla!’’ rief sie laut. Dann drehte sie sich zu Liam, ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht. ,,Da hatte Bunj doch den richtigen Riecher, sie hat es tatsächlich geschafft.’’


Liams Verwirrung wuchs. Bunj? Was hatte Leyla mit Bunj zu tun? Seine Gedanken rasten, doch er fand keine Antworten. Langsam erhob er sich von seinem Platz, seine Bewegungen träge, als würde etwas an ihm ziehen, und machte sich auf den Weg in Richtung Ausgang.


,,Huh, willst du dir nicht die Siegerehrung angucken?’’ Neas Stimme klang überrascht, beinahe vorwurfsvoll. Sie beobachtete ihn mit schief gelegtem Kopf.


,,Kein Interesse…’’ murmelte Liam knapp und verabschiedete sich mit einem knappen Winken, ohne sie anzusehen.


Während er die Arena verließ, begann das Gewicht der Realität, ihn zu erdrücken. Leyla brauchte ihn nicht mehr. Sie war weit über ihn hinausgewachsen, hatte sich in eine Richtung entwickelt, die ihn zurückließ. 


Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals, und er fühlte eine lähmende Müdigkeit, die ihn bis ins Mark erschütterte. Wo war die Leyla, die er gekannt hatte? Die, die er geliebt hatte? Ein Gedanke nagte an ihm: Wäre es anders gekommen, wenn er damals den Auftrag nicht angenommen hätte?


Schweigend ging er zur Garderobe, nahm seine Jacke entgegen und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Seine Schritte hallten schwer in den schmalen Gängen wider. Was sollte er jetzt tun?


,,Wo gehen wir hin, David?’’ Neas Stimme zerschnitt die Stille wie ein Messer.


Liam zuckte zusammen, der Klang ihrer Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Sie war ihm gefolgt und lief jetzt mit ihrem strahlenden Lächeln neben ihm her, als wäre nichts geschehen.


,,Warum verfolgst du mich?’’ fragte Liam. Seine Stimme klang müde. Hatte sie erkannt, warum er wirklich in der Kaiserstadt war? Wobei, es spielte keine Rolle mehr. Sein Grund zum Leben hatte sich aufgelöst. Die Leyla, die er liebte, war nur noch eine Erinnerung.


,,Na ja’’, begann Nea unbekümmert, während sie ihn spielerisch am Arm anstupste, ,,du wirkst niedergeschlagen, obwohl deine Freundin gewonnen hat. Warum das wohl so ist? Komm schon, lass uns etwas unternehmen! Das bringt dich bestimmt auf andere Gedanken.’’


Liam zog seinen Arm weg, seine Bewegungen grob und unmissverständlich. ,,Nein, ich habe schon etwas zu erledigen. Ich würde es bevorzugen, wenn du mich in Ruhe lässt.’’


Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung schien Nea betroffen. Ein Hauch von Traurigkeit legte sich über ihr Gesicht, doch er verschwand so schnell, dass Liam sich fragte, ob er ihn sich nur eingebildet hatte. ,,Na gut… dann machs gut…’’ murmelte sie leise.


Er verspürte einen Stich von Schuld, aber er ignorierte ihn. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und bog in eine schmale Seitengasse. Seine Schritte wurden schneller, als würde er die Flucht ergreifen.


,,Wir sehen uns bestimmt wieder! Lass uns dann wieder etwas zusammen unternehmen, Liam!’’ Neas Stimme wehte ihm hinterher, ihre Worte ließen ihn zusammenzucken.


Sie hatte seinen Namen gesagt. Seinen echten Namen. Hatte sie ihn die ganze Zeit gekannt? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Ohne zurückzublicken, beschleunigte er seinen Schritt. Er musste weg, weit weg. Diese Frau… Nein, dieses Mädchen war gefährlich.



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[???] ,,Da bist du ja, Ralf und ich haben dich die ganze Zeit gesucht!’’


Liam hörte Theols Stimme durch die Taverne dröhnen, doch er hob nicht einmal den Kopf. Seine Augen blieben auf das leere Glas vor ihm gerichtet, während seine Finger sich darum verkrampften. ,,Noch einen Whiskey!’’ rief er dem Wirt entgegen, ohne auch nur aufzublicken.


Der Wirt kam seiner Bitte ohne ein Wort nach und füllte das Glas erneut. Der Alkohol floss in einer klaren, goldenen Linie, und Liam starrte gedankenverloren auf das schimmernde Licht, das sich im Glas brach.


Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, und Theols Stimme wurde leiser, fast besorgt. ,,Liam, was ist los?’’


Liam ignorierte ihn, hob das Glas an die Lippen und kippte den Whiskey in einem Zug hinunter. Der bittere Geschmack brannte in seiner Kehle, aber es war nicht genug, um den Knoten in seiner Brust zu lösen. Er musste alles vergessen. Leyla vergessen.


Die nächste Sekunde war ein verschwommener Moment aus Schmerz und Überraschung. Theol hatte ihn unsanft nach hinten gezogen und zu Boden geworfen. Die kühle Härte der Dielen drückte unangenehm gegen seine Handflächen, als er sich aufsetzte und in Theols wütende Augen blickte.


,,Was ist los mit dir?’’ fragte der Vishap, während er sich über ihn beugte. ,,Es ist alles bereit und du besäufst dich?’’ Seine Stimme war zornig, doch dahinter lag auch ein Hauch von Verzweiflung.


Liam verzog das Gesicht und stieß Theol von sich weg, bevor er sich aufrappelte. Ohne ein weiteres Wort stürmte er aus der Taverne, hinaus in die Dunkelheit. Die Gassen der Kaiserstadt waren verlassen, und die Schatten der Nacht schienen nicht nur das Licht, sondern auch jede Hoffnung zu verschlingen.


Doch Liam kam nicht weit. Ein harter Tritt in seinen Rücken warf ihn unsanft zu Boden. Der Aufprall auf dem kalten Pflaster ließ ihn für einen Moment den Atem anhalten. Bevor er sich umdrehen konnte, landete Theol auf ihm und drückte seinen Kopf auf die steinige Straße.


,,Liam verdammte scheiße, jetzt red mit mir!’’ knurrte Theol, seine Stimme rau und unnachgiebig.


Liam keuchte, spürte das Blut, das von seiner Stirn in seine Augen rann. Es brannte, aber der Schmerz war fast eine Erleichterung. ,,Es ist vorbei…’’ murmelte er, seine Stimme kaum hörbar.


Theol erstarrte, doch seine Wut ließ nicht nach. ,,Was ist vorbei? Wir sind hier, und du sagst, es ist vorbei?’’ Ein kräftiger Schlag traf Liam am Hinterkopf, und ein dumpfer Schmerz breitete sich aus. ,,Erinnerst du dich, wie du uns angefleht hast, dir zu helfen? Wie du gesagt hast, dass du Leyla finden und beschützen musst?’’


Liam blieb still, ließ die Worte über sich ergehen. Er hatte nichts zu sagen, nichts, das die Situation ändern konnte. Doch bevor Theol weiterreden konnte, unterbrach ihn eine zweite Stimme, ruhig, aber bestimmt. ,,Theol, geh runter vom Boss. Lass uns in Ruhe mit ihm reden.’’


Liam spürte, wie der Druck auf seinem Rücken nachließ, als Theol widerwillig von ihm heruntergezogen wurde. Langsam setzte er sich auf und wischte sich das Blut aus den Augen. Vor ihm stand Ralf, sein Gesicht besorgt.


,,Dann erzähl mal, Liam,’’ sagte Ralf sanft, doch sein Ton ließ keinen Raum für Ausflüchte. ,,Was ist heute passiert?’’



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Liam erzählte seinen beiden Begleitern, was sich in der Arena ereignet hatte. Seine Worte waren stockend, doch Ralf und Theol hörten ihm aufmerksam zu. Hin und wieder legte Ralf ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, ein stilles Zeichen der Unterstützung. Liam spürte es kaum. 


Die Last seiner eigenen Gedanken drückte ihn zu Boden, während er weiter sprach. Als er schließlich endete, hob er den Kopf und suchte in den Gesichtern seiner Begleiter nach einer Antwort, die ihm weiterhelfen könnte.


Ralf war der Erste, der die Stille durchbrach. ,,Und was jetzt? Wir werden sie niemals von den Kopfgeldjägern wegbekommen. Vor allem nicht, wenn sie dort bleiben möchte.’’ Seine Worte klangen ruhig, aber nicht kalt. Er rieb sich nachdenklich das Kinn und fügte hinzu: ,,Lass uns doch erstmal nach Kartaffel reisen, wie wir es geplant hatten. Vielleicht fällt uns dort ja etwas ein.’’


Theol nickte und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Leyla ist jetzt in einer Position, wo sie nicht mehr gerettet werden muss. Ich verstehe, dass es hart für dich ist, aber ich stimme Ralf zu.’’ Seine Stimme war tief und ruhig, doch Liam spürte, dass auch Theol den Schmerz verstand, den er durchmachte.


Die Stimmen drangen nur dumpf zu Liam durch und er starrte auf eine Pfütze am Boden. Sie schienen von weit her zu kommen, wie durch eine dicke Wand. Alles fühlte sich taub an, und das lag nur teilweise am Alkohol, der schwer in seinem Magen lag.


Er wusste, dass sie Recht hatten. Ihre Worte waren logisch, vernünftig – und doch fühlte sich sein Herz bei der Vorstellung, Leyla für immer aus seiner Reichweite zu wissen, wie von einem Dorn durchbohrt. Eine dunkle Erkenntnis schlich sich in seinen Geist. Es war nicht nur das, was sie von ihm entfernte – es war das, was sie sein könnte. Eine Feindin.


Ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Lippen, als seine Gedanken in die Vergangenheit schweiften. Während der Zeit in Malyl war er, ohne das Wissen von Roxy, Fer und Leyla, der Gruppe ,,Schwarzer Stern’’ beigetreten. 


Die Organisation galt im Kaiserreich als Terrorgruppe, ihre Mitglieder wurden gnadenlos gejagt. Er hatte seine Gründe gehabt, sich ihnen anzuschließen. Er hatte geplant, alles nach dem Auftrag im Engelstempel offenzulegen. Doch dieser Zeitpunkt war nie gekommen.


Denn jetzt war alles anders. Fer war tot, Roxy verschollen und Leyla… Leyla war unerreichbar.


Ein schwerer Seufzer entwich seinen Lippen, und Liam erhob sich langsam. Seine Bewegungen waren mechanisch, wie die eines Mannes, der nicht wusste, wohin er sich wenden sollte. Sein Blick fiel auf Ralf und Theol. ,,Ihr habt Recht. Wir brechen jetzt gleich auf. Keine weitere Nacht will ich in dieser verdammten Stadt verbringen.’’


Seine Begleiter tauschten einen kurzen Blick, bevor sie erleichtert aufatmeten. Sie folgten Liam durch die stillen Straßen, deren Dunkelheit sich wie eine Decke über die Stadt legte. Die kühle Luft brannte leicht auf der Haut, doch für Liam war sie nichts als ein weiterer Teil dieser trostlosen Nacht. Zusammen liefen sie zum Treffpunkt, von dem aus sie die Kaiserstadt verlassen würden.

 
 
 

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