Kapitel 68 - Das Schwert der fünf Monde
Aktualisiert: 29. Jan. 2025

,,Was soll ich nur mit dir machen..?’’
Jamall stand in seinem schlichten, aber ordentlich gehaltenen Haus und blickte auf die Frau, die ruhig auf seinem Bett schlief. Ihr Atem war flach und ihr Gesicht entspannt, doch Jamall konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Stunden waren vergangen, seit er sie auf der Straße aufgelesen hatte, und er fühlte seinen wachsenden Unmut. Er hasste sich dafür, dass er sie mitgebracht hatte.
Er hatte in seinem Leben schon viele Menschen sterben sehen – oder sie selbst getötet. Andere Menschen bedeuteten ihm nichts, und er hatte sich immer geschworen, dass es so bleiben würde. Alles, was für ihn zählte, war der Weg, den er gewählt hatte, der Weg, der ihn eines Tages zum Schwert der fünf Monde führen würde. Und für diesen Weg musste er egoistisch sein.
Warum also hatte er diese Frau gerettet? Der Gedanke nagte an ihm, wie ein unerwünschter Dorn in seinem Verstand.
,,Noch kann ich sie töten… Noch kann ich die Gefahr beseitigen’’, murmelte er leise und spürte, wie seine Hand unwillkürlich zu den Schwertern an seinem Gürtel glitt. Er zog das kürzere von beiden. Seine Augen verharrten einen Moment auf der glänzenden Klinge. Doch dann schüttelte er den Kopf, als wolle er die Gedanken loswerden, und wandte sich von der schlafenden Frau ab.
Er ging hinaus auf die Veranda, ein Stockwerk tiefer, griff nach einem der Krüge und füllte ihn an dem Bierfass, das er eigens für Nächte wie diese aufgestellt hatte. Das Bier war kühl und bitter, genau das, was er jetzt brauchte. Seufzend ließ er sich in seinen alten Sessel im Wohnzimmer fallen, die Stuhlbeine knarrten leise unter seinem Gewicht.
Heute würde er sie schlafen lassen. Aber was dann? Was sollte er morgen tun? Der Gedanke ließ ihn nicht los, und es war, als hätte sich ein Netz aus Zweifeln um ihn gelegt, das sich immer enger zusammenzog.
,,Verdammt, Jamall, was machst du nur? Erinner dich an deinen Weg, an dein Ziel…’’ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, verflog im leeren Raum. Mit jedem weiteren Krug Bier schwand sein klarer Verstand, bis nur noch ein trüber Nebel seinen Geist einhüllte.
Nach dem zwölften Krug stolperte er schließlich aus dem Sessel. Seine Schritte waren schwer und unsicher, als er zu seinem Schreibtisch ging. Mit zittrigen Händen öffnete er die unterste Schublade und zog seinen Dolch hervor. Die Klinge schimmerte kalt im schwachen Licht der Kerze. Ohne ein weiteres Wort machte er sich auf den Weg nach oben, dorthin, wo die rothaarige Frau immer noch schlief.
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Jamall stand stumm in der Tür zu seinem Schlafzimmer, sein Blick erstaunlich fest auf das Bett gerichtet. Genauer gesagt, auf die rothaarige Frau, die dort lag. Der Dolch wo schwer in seiner Hand, als würde die Waffe sein Zögern spüren.
Es war ein schöner Dolch. Die Klinge bestand aus weißem Obsidian, ein seltenes Material, das im schwachen Licht des Zimmers einen leichten Schimmer hatte. Der Griff war mit kostbarem Kuschelhirschleder umwickelt, weich und gleichzeitig sicher in der Hand. Jamall hatte den Dolch seit seinen Söldnertagen, und er hatte längst aufgegeben zu zählen, wie oft er ihn benutzt hatte.
,,Verzeih mir…’’ murmelte er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Langsam, so leise er konnte, ging er zu dem Bett.
Die roten Haare der Frau glänzten, selbst in ihrem ungepflegten Zustand. Der Rest ihres Körpers war gezeichnet: zerschunden, dreckig, eine Hülle ihres einstigen Selbst. Jamall konnte erkennen, dass sie einst eine Kriegerin gewesen sein musste. Ihre vernarbten Hände, ihre kräftigen Unterarme – sie sprachen von einem Leben, das vom Schwert geprägt gewesen war. Jamall hatte ein Auge für solche Dinge.
Er beugte sich über sie, den Dolch fest umklammert. Den Dolch, der ihn wie ein Anker davon abhielt, seinen Weg zu verlieren. Ihr sanfter Atem war zu hören, das regelmäßige Heben und Senken ihrer Brust ihre einzige Bewegung in der Dunkelheit.
,,Ich mache es, ich korrigiere meinen Fehler’’, dachte er, während der Alkohol seine Zweifel betäubte. Seine Hand hob sich, der Dolch blitze auf, als…
,,Danke, dass Sie mich gerettet haben.’’
Die leise, brüchige Stimme der Frau schnitt durch seine Gedanken wie ein weiterer Dolch. Ihre Augen waren leicht geöffnet, ein müdes, aber klares Braun, das sich in seinem Geist festsetzte.
Jamalls Atem stockte. Ein Schweißtropfen löste sich von seinem Kinn und fiel auf die zerknitterte Bettdecke. Warum konnte er nicht weitermachen? Töten war für ihn nie ein Problem gewesen – bis jetzt. Warum zögerte er?
,,Ich kann Ihnen leider keine Münzen geben, ich habe nichts… Wenn Ihr etwas anderes verlangt, bin ich dafür bereit.’’ Ihre Stimme zitterte, und Jamall erkannte die Angst darin. Sie hatte Angst vor ihm, doch sie versuchte, es zu verbergen.
Er seufzte tief, die Schwere seiner getroffenen Entscheidung drückte ihn nieder. Dann ließ er den Dolch fallen, die Waffe schlug mit einem lauten Klirren auf den Boden. Ohne ein Wort zu der Frau ließ er sich neben ihr aufs Bett sinken. Seine Hände verbargen sein Gesicht, als er leise flüsterte: ,,Wie armselig bin ich bitte…’’
Seine Worte waren nur für ihn bestimmt. Die leise Stimme der Frau ließ ihn nicht los. Er spürte, wie sie sich langsam aufsetzte, und er hörte das leise Rascheln der Decke, als sie sich zu ihm drehte. Ihre Hand legte sich vorsichtig auf sein Bein, und Jamall spürte, wie sie zögernd nach oben wanderte.
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,,Lass das’’, grummelte Jamall, seine Stimme rau. Er stieß die Hand der Frau grob von sich. ,,Ich habe dich nicht hierher gebracht, um irgendetwas von dir zu verlangen.’’
Die Stille, die darauf folgte, war kurz, aber drückend. Jamall seufzte schwer, bevor er weitersprach. ,,Ich weiß selber nicht, warum ich dich gerettet habe.’’ Ohne weitere Erklärung begann er, sich die Kleidung auszuziehen, legte sich auf die andere Seite des Bettes und zog die Decke über seinen Körper. Seine Augen schlossen sich, doch sein Geist blieb wach, kreisend.
,,Wie ist dein Name?’’ fragte er schließlich, seine Stimme deutlich leiser.
,,Ähm… Also, ich weiß es nicht.’’ Die Unsicherheit in ihrer Antwort war nicht zu überhören. Jamall konnte ihr Herzklopfen durch die Stille des Zimmers hindurch hören, es war hastig und unruhig.
,,Wie, du weißt es nicht?’’ Jamalls Stirn legte sich in Falten, sein Ton klang skeptisch.
,,Nun ja’’, begann sie zögerlich, ,,ich war auf einmal in dieser Stadt vor einigen Wochen. Ich erinnere mich an kaum etwas…’’ Ihre Stimme war leise, schwach, fast als hätte sie Angst, etwas Falsches zu sagen.
Jamall unterdrückte ein Stöhnen. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Er war kein Beschützer, erstrecht kein Aufpasser. Das entsprach nicht seinem Weg, seiner Natur. Und doch saß diese Frau jetzt in seinem Haus.
,,Dann denk dir einen Namen aus, ich will dich bei deinem Namen ansprechen können.’’ Jamall merkte, wie seine Müdigkeit langsam wuchs, seine Stimme wurde schwerer.
Er drehte den Kopf nach oben und ließ die Dunkelheit des Raumes auf sich wirken. Während er langsam in den Schlaf fiel, kam ihm mal wieder die alte Geschichte aus seiner Jugend in den Sinn. Die Geschichte des Schwertes der fünf Monde.
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Es gab eine Zeit, in der die sterblichen Völker der Erde unter der Herrschaft höherer Wesen litten. Eine Zeit, in der ihr Leben jederzeit zu einem Spielball unvorhersehbarer Mächte werden konnte. Diese Wesen waren die Erzdämonen und Erzengel, begleitet von weiteren Monstern von unaussprechlicher Macht.
Die Völker mussten unvorstellbare Qualen ertragen. Sie wurden in für sie bedeutungslose Kriege gezwungen oder zur bloßen Belustigung ihrer Unterdrücker gefoltert und getötet. Hoffnung schien ein Fremdwort, ein ferner Traum.
Doch eines Tages hatte ein Oni, mit dem Namen Bayokos, genug von diesem trostlosen Dasein. In einer klaren Nacht, als das Licht der fünf Monde die Erde in silbernen Glanz tauchte, machte er sich auf den Weg. Er erklomm den Schrein, hoch oben auf dem Berg in der Nähe seines Heimatdorfes, um eine verzweifelte Bitte auszusprechen.
Bayokos erhob seine Stimme zu den Monden. Er flehte sie an, ihm eine Möglichkeit zu geben, sich und die anderen Völker von der Knechtschaft der Ewigen zu befreien. Seine Worte waren voller Entschlossenheit und Schmerz. Die Monde, bewegt vom Leid der Sterblichen, entschieden, ihm eine Waffe zu schenken – ein Schwert, das die Macht hatte, Unterdrückung zu zerschlagen.
Der gelbe Mond, Brahatross, verlieh dem Schwert die Fähigkeit, den Körper seines Trägers zu verstärken. Mit dieser Kraft konnte der Träger die Schallgeschwindigkeit erreichen, während sein Körper nahezu unverwundbar wurde.
Der schwarze Mond, Arkibe, segnete die Klinge mit einer Schärfe, die alles durchdringen konnte – selbst die unsterblichen Herrscher.
Der lilafarbene Mond, Lunar, schenkte dem Träger die Fähigkeit, jegliche Magie zu meistern. Dies beschränkte sich nicht nur auf die Grundelemente, sondern umfasste auch Magie, die für Sterbliche unerreichbar schienen, wie die Magie der Engel.
Der blaue Mond, Manifest, gab dem Schwert die Kraft, die Intentionen und Gefühle aller in der Umgebung des Trägers zu lesen. Diese Gabe sollte verhindern, dass der Auserwählte durch Verrat gestürzt werden konnte.
Doch der weiße Mond, Skullaer, wählte einen anderen Weg. Er gab dem Schwert ein Bewusstsein, auf dass es sich nur denjenigen offenbarte, die es als würdig betrachtete. Diese letzte Gabe machte das Schwert zu einem Wesen mit eigenem Willen.
Mit der Hilfe dieses Schwertes führte Bayokos die Völker in die Freiheit. Er befreite sie von ihren Unterdrückern, brachte ihnen ein neues Leben. Doch nachdem seine Mission erfüllt war, verschwand er und nahm das Schwert mit sich.
Auch heute noch gibt es Sterbliche, die nach diesem sagenhaften Schwert suchen. Doch solange niemand wahrhaft würdig ist, bleibt es verborgen – ein Mythos, der zwischen Hoffnung und Realität schwebt.



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