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Kapitel 69 - Ein Vogel mit gebrochenem Flügel, kann nicht fliegen

Leylas Kleidung war ordentlich gefaltet auf ihrem Bett platziert. Filia hatte sie zusammen mit einigen Büchern gesammelt und zur Abholung bereitgelegt. Der Anblick der sorgfältig vorbereiteten Sachen ließ Leyla innehalten. Es fühlte sich unwirklich an.


Sie hatte es tatsächlich geschafft. Der Sieg gegen Varragil war nicht nur eine Bestätigung ihrer Stärke, sondern bedeutete auch, dass sie nun offiziell eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin werden würde. Der Gedanke war überwältigend, fast unmöglich zu begreifen.


Trotz ihres Triumphs konnte sie nicht aufhören, an den Kampf zu denken. Sie erinnerte sich an das Gefühl, Varragil unterlegen zu sein, an die schiere Überlegenheit seiner Technik. Doch dann, im entscheidenden Moment, hatte sie ihn übertroffen.


Das Leuchten des Tattoos schien ihr besonders wichtig. Sie erinnerte sich an die ungeheure Kraft, die plötzlich in ihr erwacht war. Es war, als hätte der Stein Varragils Kräfte verschlungen, wie ein hungriges Monster, das sich an seiner Beute labte. Sie dachte nach: ,,Vielleicht weil Varragil ein Erdmagier war?’’


Eines war klar – sie musste mehr über diesen Stein herausfinden, und das so schnell wie möglich.


—Klopf—


Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Noch bevor sie antworten konnte, trat Yaga ein.


,,Glückwunsch zu deinem Sieg, Leyla.’’ Seine Stimme klang wieder so freundlich wie früher. Von der Distanz, die er vor dem Kampf gezeigt hatte, war nichts mehr zu spüren.


,,Danke… Ich nehme an, du wirst mich nicht mehr trainieren?’’ fragte Leyla mit gemischten Gefühlen. Das Training mit Yaga hatte sie genossen, selbst wenn sie wusste, dass er es im Auftrag des Kronprinzen tat. Es war ihre Chance gewesen, stärker zu werden.


Yaga schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen Stuhl. ,,Nein, das steht mir nicht länger zu.’’ Einen Moment betrachtete er Leyla nachdenklich, dann fuhr er fort: ,,Die Kraft, die du am Ende freigesetzt hast… Sag mir, hast du zufällig Kontakt zu einem besonderen Stein gehabt?’’


Leyla spürte, wie ihr Herz raste. Der Stein – sie hatte ihn geheim halten wollen. Doch jetzt war es ohnehin zu spät, und vielleicht konnte Yaga ihr etwas Wichtiges darüber verraten.


Nach einem tiefen Atemzug erzählte sie ihm die Geschichte. Sie berichtete von dem Tag, an dem sie mit Liam, Fer und Roxy den Engelstempel betreten hatte, vom Kampf gegen Bournadette und dem Moment, als sie den Stein gefunden hatte. Sie ließ jedoch einige Details aus – den Tod von Fer und das seltsame Pochen in ihrer Schläfe behielt sie für sich.


Als sie geendet hatte, blickte sie Yaga an und lächelte schwach. Doch sein Gesichtsausdruck ließ ihr Lächeln gefrieren. Yaga grinste breit, ein ehrliches, aber keineswegs freundliches Grinsen.


Plötzlich begann er in die Hände zu klatschen. ,,Großartig, das ist einfach großartig. Du bist genau das, was ich lange gesucht habe. Ich freue mich sehr darüber, dass du mir davon erzählt hast.’’


Er hörte auf zu klatschen und streckte seine Hand in Leylas Richtung. ,,Willst du nicht meiner Organisation beitreten?’’


,,Deine Organisation?’’ fragte Leyla, während ihr Misstrauen wuchs. Sie spürte intuitiv, dass sie vorsichtig sein musste. 


,,Ja, genau.’’ Yaga lehnte sich zurück und sein Lächeln wurde noch breiter. ,,Mein Name ist Yaga und ich bin der dritte Anführer des Ordens der goldenen Sonne.’’ 


Leylas Augen weiteten sich. ,,Orden der goldenen Sonne? Wo habe ich das schon einmal gehört?’’ Der Name kam ihr bekannt vor. Dann fiel es ihr ein – Leonhardt, der Mann mit der Kriegsaxt, dem sie und Liam am Anfang ihrer Reise begegnet waren, hatte ihn erwähnt.


Sie schüttelte den Kopf und blieb standhaft. Sie wollte sich niemandem mehr unterwerfen müssen. ,,Nein, kein Interesse. Tut mir Leid, Yaga.’’


Yaga strich sich über das Kinn, sein Lächeln wurde nur noch breiter, doch seine Augen blieben kalt. ,,Es ist klug, vorsichtig zu sein. Doch das Schicksal hat eine seltsame Art, uns immer wieder zusammenzuführen. Ich bin sicher, unsere Wege werden sich bald wieder kreuzen – ob du es willst oder nicht.’’ 


Mit diesen Worten stand er auf, drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne auf Leylas Reaktion zu warten.



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Leyla war beinahe fertig mit dem Packen ihrer Sachen, als Filia in ihr Zimmer trat. Ihre Schritte waren leise, doch Leyla bemerkte sie sofort. Sie wandte sich um, ein warmes Lächeln auf den Lippen.


,,Filia! Ich freue mich so, dass wir uns noch einmal sehen können.’’ Ohne zu zögern trat sie vor und schloss ihre Freundin in eine feste Umarmung. Der Duft von Lavendel, den Filia immer trug, weckte Erinnerungen an ihre gemeinsamen Tage.


,,Ja, das stimmt. Du hast es wirklich geschafft, Leyla. Ich bin so stolz auf dich.’’ Filias Stimme klang ehrlich, ihre Augen strahlten vor Freude. Doch nur einen Moment später schlich sich ein Schatten auf ihr Gesicht. Ihre Schultern sanken leicht herab, und ihre Stimme wurde leiser. ,,Aber… das bedeutet wohl auch, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Ich wünsche dir von Herzen, dass du deine Freiheit endlich zurückerlangst.’’


Leyla hielt inne, suchte Filias Blick und legte sanft eine Hand an ihre Wange. ,,Das hoffe ich auch… Und ich wünsche dir, dass du deine Ketten bald ebenso ablegen kannst, Filia.’’ Ihre Stimme war sanft, doch in ihren Worten lag ein fester Entschluss. Sie strich Filia behutsam eine lose Strähne aus dem Gesicht, ihre Finger verweilten kurz. 


,,Die Stadt, in die der Kronprinz verbannt wird – das war doch eine Handelsstadt, oder nicht? Eine schöne, soweit ich mich erinnere?’’ Ihre Worte waren beiläufig, doch Leylas Augen musterten Filia genau.


Filia nickte, ihre Lippen bebten leicht, und Tränen begannen sich in ihren Augen zu sammeln. ,,Ja… genau. Evigane. Es ist eine wunderschöne Stadt. Aber…’’ Ihre Stimme brach, und sie wischte hastig über ihre Wangen, um die Tränen zu vertreiben.


,,Ich sollte dich nicht aufhalten, Leyla. Du hast genug zu tun.’’ Sie drehte sich abrupt um und ging mit schweren Schritten zur Tür. Ihre Schultern waren gesenkt, als trüge sie die Last der Freundinnen von nun an allein.


Leyla ballte die Hände zu Fäusten, um den Impuls zu unterdrücken, Filia zurückzuhalten. Sie durfte ihren Plan nicht gefährden, nicht jetzt. Doch innerlich schwor sie sich, dass sie Filia nicht dem Exil überlassen würde. Yaga hatte ihr gesagt, dass sie jemanden in ihren Dienst stellen konnte. Und sie wusste, wen sie wählen würde. Nach der Aufnahmezeremonie würde Filia ihre Dienerin sein – ein Titel, der sie vor dem Exil, vor Kronprinz Eugenius und all den Qualen bewahren würde.


Für den Moment jedoch musste sie schweigen. Es war noch nicht die Zeit, den Plan zu verraten. Der Kronprinz durfte nichts ahnen.


Als die Tür hinter Filia leise ins Schloss fiel, richtete Leyla ihren Blick fest auf die gefalteten Kleider auf dem Bett. Ihre Gedanken waren bei ihrer Freundin, und leise murmelte sie: ,,Halte noch ein wenig durch, Filia. Wie ich es dir versprochen habe… Ich werde dich retten.’’



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Leyla folgte Charles durch die endlos erscheinenden, hell erleuchteten Gänge des Palastes. Ihre Schritte hallten auf den makellosen Marmorböden wider, doch sie hielt den Kopf hoch. Sie wusste, was sie erwartete – ein letztes Zusammentreffen mit Kronprinz Eugenius. Doch sie war bereit.


Vor dem Arbeitszimmer des Prinzen blieb Charles stehen und öffnete die Tür mit einer knappen Bewegung. Ohne ein Wort bedeutete er Leyla, einzutreten. Sie atmete tief durch und trat ein.


Eugenius saß hinter seinem massiven Schreibtisch, ein Glas Wein in der Hand. Neben ihm standen zwei Flaschen, eine davon bereits leer. Sein Blick war glasig, sein Gesicht rot vor Alkohol und Wut.


Als er Leyla bemerkte, stand er abrupt auf, schwankte leicht, und zeigte mit dem Finger auf sie. ,,Du… du hast alles… ka-ka-kaputt gemacht, verdammt noch mal!!!’’ lallte er, während er auf sie zustürmte. ,,Weeegen dir! Alles… Meine ganze… Z-zukunft! Weg! Weißt du überhaupt, was du… du kleine… freche Göre da… ähm… angerichtet hast? Häh?!’’


Sein Gesicht war verzerrt, und sein Griff war grob, als er nach Leylas Arm langte. Doch sie schlug seine Hand entschlossen weg. Ihr Blick war ruhig, aber scharf. ,,Ihr habt zu viel getrunken, Eure Hoheit. Ist das wirklich, wie Ihr Euren letzten Abend als Kronprinz verbringen wollt?’’


Für einen Moment schien Eugenius irritiert, fast verwirrt. Doch dann schnaubte er verächtlich, drehte sich um und ging schwankend zu seinem Tisch zurück. Er öffnete eine der Schubladen und zog eine kleine, mit schwarzem Saum verzierte Schachtel hervor. Mit einem hämischen Grinsen reichte er sie Leyla.


,,Hier. Mein Abschiedsgeschenk… für d-dich’’, murmelte er, seine Worte schleppend, aber mit einem bösartigen Unterton.


Leyla zögerte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, während sie die Schachtel entgegennahm. Langsam hob sie den Deckel.


—KLACK—


Die Schachtel fiel aus ihrer Hand, und ihr Inhalt rollte auf den Boden. Es war ein grünes Auge, matt und leblos, das Funkeln, das es einst gehabt hatte, längst verloren.


Leyla starrte fassungslos auf das Auge. Ihr Atem wurde flach. ,,W-wo… wo ist Filia?’’ Ihre Stimme zitterte, Angst kroch in ihre Brust.


Eugenius begann zu kichern, ein bösartiges, kindisches Lachen, das den Raum erfüllte. ,,Na? Naaa? Magst du mein schöööönes Geschenk?’’ höhnte er, seine Worte taumelten vor Zorn und Alkohol. Er deutete auf das große Fenster hinter seinem Schreibtisch. 


,,Guuuuck maaaal! D-da is sie… deine süüüüße… äh… Freundin. Was, dachtest duuu… ich weiß nix von euch? Von euren kleinen… kleinen Geheim… nisseeeen?’’ Er zog das Wort in die Länge, spuckte es fast aus. ,,Ich hab’s ertragen, verdammt! Ich… ich hab euch einfach machen lassen. Aber jetz… jetz is Schluss, verstehst du… Schluss!’’


Leyla fühlte, wie ihr Körper von einer unheimlichen Kälte erfasst wurde. Mechanisch ging sie zum Fenster, seine Worte wie ein Echo in ihrem Kopf. Sie wollte nicht ans Fenster treten, nicht sehen was sie zu sehen erahnte, doch ihre Beine bewegten sich von allein.


Vor ihr, draußen im Mondlicht, hing Filia. Ihr schlanker Körper baumelte reglos an einem schwarzen Seil, und ihre Augen waren leere Höhlen, ein schrecklicher Ausdruck von Schmerz und Tod auf ihrem Gesicht.


,,Oh Filia…’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme brach. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen.


Langsam drehte sie sich zu Eugenius um. Er lehnte an seinem Schreibtisch, ein gehässiges Grinsen auf seinen Lippen.


,,Weißte… weißte was? Du… du sollst mir danken dafür! Jawoll!’’ lallte er höhnisch. ,,Eine Last weniger, wa?’’


Leyla schritt mit festen Schritten auf ihn zu. In ihrer Hand begann sich ein Dolch aus schwarzem Metall zu formen, die Klinge pulsierte vor Energie. ,,Dafür wird er büßen…’’ 


Doch sie hielt inne. Noch war Eugenius der Kronprinz. Sein Tod in diesem Moment würde ihren eigenen Untergang bedeuten. Der Dolch verschwand wieder, und Leyla ballte ihre Hand zur Faust.


—KNACK—


Mit all ihrer Kraft schlug sie Eugenius mitten ins Gesicht. Ein lautes Knacken hallte durch den Raum, als die Wangenknochen des Kornprinzen unter der Kraft ihres Schlages brachen. Er stürzte rücklings zu Boden, ein Schrei der Überraschung und des Schmerzes entkam seinen Lippen.


Leyla ging zur Schachtel, hob sie auf und legte das grüne Auge wieder hinein. Sie steckte die Box in ihre Tasche und warf dem Prinzen keinen weiteren Blick zu, während sie den Raum verließ. Sein wütendes Geschrei verhallte hinter ihr, als sie die Tür schloss. Ihr Herz brannte vor Schmerz und Zorn, aber ihre Schritte waren entschlossen.

 
 
 

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