Kapitel 7 - Der Wald der Spinnen
- empirewebnovel
- 24. Aug. 2024
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 11. Mai

[???] „Na, alles gut da unten?"
Leyla hob erschrocken den Kopf.
Am Rand des Kraters kniete ein Mann und blickte zu ihr hinunter. Hinter ihm bewegten sich die Baumwipfel leicht im Wind, während Sonnenlicht zwischen den Ästen hindurchfiel und sein Gesicht teilweise beleuchtete. Er hatte zerzauste blonde Haare, eine grüne Jacke mit mehreren Rissen im Stoff und…
Spitze Ohren.
Leyla starrte ihn an. Für einen kurzen Moment verdrängte die Überraschung sogar den pochenden Schmerz in ihrem Fuß.
„Bist du ein Elf?" Die Frage platzte direkt aus ihr heraus.
Der Mann zog leicht eine Augenbraue hoch und musterte sie mit sichtbarer Neugier. Dann erschien ein schiefes, beinahe amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht.
„Was soll ich denn sonst sein?"
Leyla blinzelte ein wenig eingeschüchtert.
Natürlich kannte sie Elfen, nicht nur aus dem Buch, das sie in der Taverne gelesen hatte, sondern auch aus den Serien und Spielen ihrer eigenen Welt. Aber tatsächlich einem gegenüberzustehen fühlte sich vollkommen anders an.
Noch bevor sie etwas sagen konnte, sprang der Elf mit erstaunlicher Leichtigkeit in den Krater hinab. Er fing den Aufprall sauber ab und richtete sich sofort wieder auf, als wäre die Höhe nichts Besonderes.
Dann trat er näher heran und ging vor ihr in die Hocke.
„Ich bin Liam", sagte er ruhig. „Und? Alles gut bei dir?"
Er wirkte leicht außer Atem, doch Leyla achtete kaum darauf.
„Ich bin abgerutscht", erklärte sie und versuchte, den Schmerz in ihrem Fuß zu ignorieren. „Ich glaube, er ist gebrochen."
Liam warf einen kurzen Blick auf die Verletzung.
„Ja", meinte er trocken. „Das sieht definitiv gebrochen aus." Dann hob er den Blick wieder zu ihr. ,,Ich wollte aber wissen, ob es dir gut geht.’’
Sofort stieg ihr die Hitze ins Gesicht. „Naja, beschissen vielleicht?" entgegnete sie gereizt. „Ich sitze in einem Loch fest und ich kann nicht aufstehen."
Leyla wollte noch etwas hinzufügen – brach jedoch ab, als ein neuer Schmerzstoß durch ihr Bein zog. Sie presste kurz die Lippen zusammen und atmete zittrig aus.
„Kannst du mir bitte helfen?"
Der Wald um sie herum war wieder still geworden, nur das Rascheln der Blätter und das entfernte Rufen eines Vogels waren zu hören. Zwischen den hohen Felsen des Kraters fühlte Leyla sich plötzlich unangenehm klein.
Liam verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Klar kann ich dir helfen", sagte er. „Aber dann hätte ich gern was dafür." Dabei grinste er plötzlich breit.
Leyla fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Was meinte er damit? Sie hatte kaum Geld. Keine Wertgegenstände, nichts wirklich Nennenswertes. Und trotzdem hatte sie gerade keine wirkliche Wahl. Langsam blickte sie wieder zu ihm auf.
„Was willst du denn?" Ihre Stimme klang angespannt, deutlich vorsichtiger als zuvor.
Liams Grinsen wurde nur noch breiter.
Dann beugte er sich langsam näher zu ihr herunter. Viel näher. Leyla hielt unwillkürlich den Atem an, ihr Herz begann schneller zu schlagen, während seine grünen Augen sie aufmerksam musterten. Erst jetzt bemerkte sie die Wassertropfen in seinem Haar, die durchnässten Stellen an seiner Jacke.
„Ich will …" begann Liam leise.
Leylas Körper spannte sich reflexartig an.
„… deinen Namen.“
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Leylas Lippen öffneten sich leicht, doch zunächst brachte sie kein Wort heraus. Verwirrt sah sie Liam an, während der pochende Schmerz in ihrem Fuß weiter durch ihr Bein zog und ihr langsam Schweiß über den Rücken lief.
„Meinen Namen?"
Liam nickte entspannt. Noch immer lag dieses lockere, beinahe freche Grinsen auf seinem Gesicht.
„Ja, deinen Namen", antwortete er ruhig. „Du kennst meinen schließlich schon. Da wäre es doch irgendwie unfair, wenn ich deinen nicht kenne."
Leyla musterte ihn skeptisch. Gerade eben hatte sie noch mit etwas deutlich Schlimmerem gerechnet.
„Leyla", sagte sie schließlich leise.
Für einen kurzen Moment veränderte sich Liams Gesichtsausdruck. Es war nur eine kleine Regung, kaum merklich, doch Leyla bemerkte es trotzdem. Allerdings schmerzte ihr Fuß inzwischen so stark, dass sie kaum die Kraft hatte, länger darüber nachzudenken.
Dann lächelte er wieder.
„Leyla", wiederholte er ruhig. „Gefällt mir."
Noch bevor sie darauf reagieren konnte, kniete er sich neben sie und griff vorsichtig nach ihrem verletzten Fuß. Reflexartig spannte Leyla sich an – doch plötzlich begann ein sanftes weißes Leuchten seine Hand zu umhüllen. Das Licht wirkte nicht grell oder bedrohlich. Eher warm. Ruhig. Es breitete sich langsam über ihren geschwollenen Fuß aus und ließ die Haut leicht golden schimmern, während sich eine wohlige Wärme tief durch ihr Bein zog, bis in die Knochen hinein.
Ungläubig starrte Leyla auf das Leuchten.
Nach wenigen Sekunden verblasste es wieder – als hätte es sich einfach in der Luft aufgelöst. Und mit ihm verschwand der Schmerz. Abrupt. Vollständig.
Leylas Augen weiteten sich. Vorsichtig bewegte sie den Fuß erst ein kleines Stück, dann stärker. Nichts. Kein Ziehen, kein Stechen, kein dumpfes Pulsieren mehr. Verwirrt tastete sie die Stelle ab, die eben noch verdreht und geschwollen gewesen war.
„So", meinte Liam ruhig und richtete sich wieder auf. „Damit solltest du wieder laufen können."
Er sagte es in einem Tonfall, als hätte er gerade eine Kleinigkeit erledigt. Leyla hingegen sah ihn weiterhin fassungslos an.
„Das war wirklich Magie…"
„Danke", sagte sie schließlich. „Wirklich."
Liam winkte locker ab. „Schon gut. War ja nichts Großes." Dann sah er sie neugierig an. „Und was jetzt? Wohin reisen wir eigentlich?"
Leyla runzelte leicht die Stirn. Die Frage kam unerwartet.
Langsam stand sie auf und musterte ihn dabei genauer. Trotz seiner zerrissenen, noch immer teilweise feuchten Kleidung wirkte Liam erstaunlich entspannt. Einzelne blonde Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn, und trotzdem hatte er diese lockere Haltung.
Genau das machte Leyla misstrauisch.
Er wirkte freundlich. Vielleicht sogar charmant. Aber irgendetwas an ihm fühlte sich seltsam an. Sie streckte ihm schließlich die Hand entgegen.
„Ich bin dir wirklich dankbar", sagte sie vorsichtig. „Aber ich glaube, ich würde lieber alleine weiterreisen."
Liam sah sie einen kurzen Moment überrascht an. Dann zuckte er lediglich mit den Schultern. „Na gut."
Noch bevor Leyla weiter darüber nachdenken konnte, sprang er mit einer fließenden Bewegung aus dem Krater. Die Höhe schien ihn dabei überhaupt nicht zu interessieren. Oben angekommen blickte er noch einmal zu ihr hinunter.
„Dann wünsche ich dir viel Glück, Leyla."
Kurz darauf verschwand er aus ihrem Sichtfeld.
Leyla blieb noch einige Sekunden regungslos stehen, dann hob sie langsam den Blick nach oben. Erst jetzt, da sie allein war, wurde ihr richtig bewusst, wie tief dieses Loch eigentlich war. Bestimmt fünf Meter.
Mit einem leisen Seufzen trat sie an die Wand heran und betrachtete sie genauer. Die Erde wirkte seltsam glatt abgeschnitten, beinahe künstlich – fast so, als hätte jemand ein riesiges Stück aus dem Boden ausgestanzt.
Wie mit einer gigantischen Keksform.
Vorsichtig drückte Leyla die Finger gegen die Wand. Die Erde war weich genug, um kleine Tritte hineinzugraben. Nach kurzem Überlegen begann sie sich langsam nach oben zu arbeiten. Die Erde bröckelte mehrfach unter ihren Händen weg, mehr als einmal rutschte ihr Fuß gefährlich ab – doch schließlich zog sie sich keuchend über den Rand.
Kaum richtete sie sich auf, blieb sie abrupt stehen. Liam war gar nicht gegangen.
Ganz entspannt lag er auf einem flachen Stein einige Meter entfernt in der Sonne, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als würde er dort einfach nur das Wetter genießen. Hinter ihm rauschte der Wald im Wind, und zwischen den hohen Stämmen tanzten helle Lichtflecken auf dem Boden.
Liam öffnete leicht ein Auge und grinste.
„Wenn du dem Weg weiter folgst, kommst du übrigens ins Gebiet der Arachnen."
Leyla blinzelte irritiert. „Ins Gebiet der was?"
„Arachnen", wiederholte Liam ruhig. „Große Spinnen." Er machte eine kurze Pause. „Sehr große Spinnen."
Sofort lief ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunter.
Liam setzte sich langsam auf und streckte sich zufrieden. „Ich hoffe wirklich, du hast keine Angst vor Spinnen."
Sein Blick wirkte dabei verdächtig belustigt – fast so, als hätte er genau auf diese Reaktion gewartet.
Leyla rieb sich genervt über das Gesicht. „Okay", murmelte sie schließlich. „Von mir aus können wir ein Stück zusammen reisen."
Sofort sprang Liam vom Stein. „Sehr vernünftige Entscheidung."
Gemeinsam gingen sie den Waldweg entlang. Während Liam entspannt neben ihr herschlenderte, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, beobachtete Leyla ihn aus dem Augenwinkel.
,,Irgendwie sieht er erleichtert aus…’’ dachte Leyla.
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Trotz ihrer Entscheidung, gemeinsam weiterzureisen, vertraute Leyla Liam noch immer nicht wirklich. Irgendetwas an ihm ließ sie nicht zur Ruhe kommen.War es diese lockere Art, mit der er jede Situation behandelte, als würde ihn nichts ernsthaft beunruhigen?
Während sie nebeneinander den Waldweg entlangliefen, beobachtete Leyla ihn diesmal genauer.
Seine grüne Kleidung wirkte beinahe wie eine Uniform – robust und praktisch, allerdings an mehreren Stellen aufgerissen und verschmutzt. Seine Arme zeigten feine Kratzer, manche frisch, manche älter, und an seiner Hose klebten Schlamm und dunkle Flecken, die Leyla lieber nicht genauer identifizieren wollte.
Dann blieb ihr Blick an einem Emblem auf seiner Jacke hängen. Es zeigte einen grauen Drachenkopf mit geschlossenem Maul.
„Was ist das für ein Zeichen?" fragte sie neugierig.
Liam warf nur einen kurzen Blick darauf. „Das Wappen einer Adelsfamilie. Es zeigt einen Graudrachen."
Sofort wurde Leyla aufmerksam. „Moment mal… gibt es hier wirklich Drachen?" Die Worte kamen schneller heraus, als sie eigentlich wollte. „Also echte Drachen?"
Allein die Vorstellung ließ ihre Augen aufleuchten. Leyla hatte Drachen schon immer geliebt – als Kind hatte sie Bücher über sie verschlungen, Filme geschaut und sogar ein Drachenkuscheltier besessen.
Kurz runzelte sie die Stirn. „Oder war das damals gar nicht meins?"
Die Erinnerung fühlte sich seltsam verschwommen an. Sie verdrängte den Gedanken.
Liam schmunzelte leicht über ihre Reaktion. „Natürlich gibt es Drachen. Sie gehören zu den mächtigsten Wesen dieser Welt."
„Und sie können wirklich fliegen? Feuer speien und sowas?"
„Manche schon." Er zuckte locker mit den Schultern. „Aber Drachen sind keine Tiere. Auch keine Monster. Sie sind intelligent – wahrscheinlich intelligenter als wir."
Leyla sog jedes Wort in sich auf. Diese Welt überraschte sie immer wieder. Dann fiel ihr plötzlich ein Abschnitt aus dem Buch in der Taverne ein. „Stimmt es eigentlich, dass Drachen die Kinder von Kamera sind?"
Liam blieb abrupt stehen. Dann prustete er los. „Die Kinder Kameras?" Er schüttelte lachend den Kopf. „Wo hast du denn bitte sowas her?"
Leyla verschränkte leicht die Arme. „Aus einem Buch."
„Ah." Sein Grinsen wurde breiter. „Dann wundert es mich nicht."
Noch während er sprach, stieß er ihr leicht gegen die Schulter. „Nein. Drachen sind definitiv nicht ihre Kinder." Dann kratzte er sich kurz nachdenklich am Kopf. „Wobei… manche Leute beten sie genauso an, wie die Kameristen Kamera.’’
„Wie meinst du das?"
„Im Elfenkönigreich Astaris gibt es die Drachenkirche", erklärte Liam, während sie weitergingen. „Die glauben an die drei Urdrachen Jade, Juka und Idaka."
Leyla blinzelte überrascht. „Die Drachenkirche klingt ehrlich gesagt ziemlich cool."
„Bis sie anfangen, dir stundenlang ihre Geschichten zu erzählen."
„Also ist sie wie jede andere Religion?"
Liam sah sie kurz überrascht an. Dann musste er lachen.
Je länger sie miteinander sprachen, desto mehr veränderte sich der Wald um sie herum. Die Bäume standen inzwischen deutlich dichter beieinander, ihre dunklen Kronen verschluckten fast das gesamte Licht der untergehenden Sonne. Wurzeln ragten wie verdrehte Finger aus dem Boden, und zwischen den Stämmen hing stellenweise feuchter Nebel, der sich um die Äste wand wie feuchter Atem.
Die Luft wirkte schwerer. Still. Bedrückend.
Das Zwitschern der Vögel war längst verstummt, und selbst der Wind schien nur noch gedämpft durch die Äste zu streichen. Stattdessen hörte Leyla immer wieder leises Rascheln irgendwo zwischen den Stämmen – kurz, kaum greifbar, immer woanders.
Der Wald fühlte sich nicht mehr friedlich an.
„Und hier gibt es wirklich Riesenspinnen?" fragte sie schließlich vorsichtig. Allein die Vorstellung sorgte dafür, dass sich ihr Magen zusammenzog. Gegen normale Spinnen hatte sie nie wirklich etwas gehabt.
„Arachnen", korrigierte Liam beiläufig. „Und ja, die gibt es." Dann grinste er leicht. „Solange wir nicht in ihre Netze laufen oder ihnen zu nahe kommen, passiert normalerweise nichts."
Leyla blieb kurz stehen. „Normalerweise?"
„Ach, entspann dich."
Während sie weiterliefen, verschwand das letzte Tageslicht endgültig hinter dem Horizont. Zwischen den dichten Baumkronen wurde es zunehmend dunkler, bis Leyla kaum noch erkennen konnte, wo genau der Weg verlief. Der Wald wirkte jetzt vollkommen anders – die Schatten zwischen den Bäumen erschienen tiefer, dichter und irgendwie lebendiger. Immer wieder glaubte Leyla Bewegungen zwischen den Ästen zu erkennen, nur damit dort beim zweiten Blick doch nichts war.
Liam hatte ihr erklärt, dass sie in diesem Teil des Waldes auf keinen Fall schlafen sollten. Also mussten sie weitergehen.
Plötzlich flammte helles Licht auf. Leyla zuckte zusammen und hob reflexartig den Arm vor die Augen. Einige Meter über ihnen schwebte eine weiße Lichtkugel durch die Dunkelheit und tauchte den Wald in einen silbrigen Schimmer. Das Licht spiegelte sich auf feuchten Blättern und ließ den Nebel zwischen den Stämmen beinahe geisterhaft wirken.
Leyla starrte nach oben. „Hast du die erschaffen?" In ihrer Stimme lagen gleichzeitig Staunen und ehrliche Erleichterung.
„Jap", antwortete Liam vollkommen beiläufig. „Im Dunkeln durch diesen Wald zu laufen wäre ziemlich dumm." Dann grinste er leicht zu ihr hinüber. „Oder wäre es dir lieber gewesen, wenn ich dein Zittern nicht sehen könnte?"
Leyla seufzte genervt. „Du genießt das viel zu sehr."
„Ein bisschen vielleicht."
Leyla verdrehte die Augen. Trotzdem musste sie innerlich leicht schmunzeln. Je länger sie mit Liam unterwegs war, desto mehr erinnerte er sie an einen ihrer ehemaligen Kommilitonen. Dieselbe lockere Art. Dieselben provokanten Kommentare. Dieses ständige Bedürfnis, andere leicht aus dem Konzept zu bringen.
„Ob wir uns in meiner Welt verstanden hätten?"
— KNACK —
Das Geräusch kam irgendwo über ihnen aus den Baumkronen. Leyla erstarrte sofort. Langsam hob sie den Blick in die Dunkelheit zwischen den Ästen. Ihr Herz begann augenblicklich schneller zu schlagen. Sie konnte nichts erkennen.
Zwischen den schwarzen Kronen bewegte sich irgendetwas. Oder zumindest glaubte sie das. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus, langsam, hartnäckig.
„Hast du das auch gehört?" flüsterte sie und trat unbewusst einen kleinen Schritt näher zu Liam. Ihre Stimme zitterte leicht.



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