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Kapitel 70 - Die Schwelle zur neuen Welt

Aktualisiert: 30. Jan. 2025

,,Das hier müsste es sein…’’ Leyla stand vor einem riesigen umzäunten Grundstück, das von hohen schwarzen-goldenen Gittern eingefasst wurde. Inmitten eines weitläufigen Gartens erhob sich ein düsteres Anwesen. Sie blickte erneut auf die handgeschriebene Wegbeschreibung, die sie in der Hand hielt. Knapp fünf Stunden war sie vom Kaiserpalast aus zu Fuß unterwegs gewesen, bis sie endlich den Stützpunkt der Kaiserlichen Kopfgeldjäger erreicht hatte.


Die Villa, die nun ihr neues Zuhause sein würde, wirkte imposant und einschüchternd zugleich. Der dunkle Stein, aus dem sie erbaut war, verlieh ihr eine bedrohliche Aura. Das Anwesen lag am äußersten Rand der Kaiserstadt, in einem Bezirk, der vornehmlich von Adelsfamilien bewohnt wurde.


Ein Gedanke schoss Leyla durch den Kopf. Vielleicht war die Wahl dieses Standorts absichtlich getroffen worden, um die Adligen zu überwachen. ,,Clever’’, erkannte sie leise.


Mit einem leichten Kribbeln in der Brust läutete sie die Glocke an der massiven Eingangspforte. Während sie wartete, wanderte ihr nervöser Blick wieder zu dem Anwesen hinüber. Es schien jede Bewegung zu verschlucken, als würde es sie still und unerbittlich beobachten.


Der Schmerz über Filias Tod blitzte kurz in ihrem Inneren auf, doch fast sofort wurde er wieder von einer seltsamen Leere überlagert. Es war, als würde etwas in ihr die Trauer unterdrücken, bevor sie sich entfalten konnte. ,,Merkwürdig…’’ murmelte sie und ließ ihren Blick auf ihre rechte Hand sinken. Sie ballte sie zu einer Faust und entspannte sie wieder, als könnte sie so dieses fremde Gefühl vertreiben.


Ein leises Knarren riss sie aus ihren Gedanken. Das Tor vor ihr schwang langsam auf, doch niemand war zu sehen. Sie runzelte die Stirn. ,,Soll ich einfach hineingehen?’’ Ihre Frage klang zögernd, aber sie wagte den ersten Schritt.


Langsam folgte sie dem gewundenen Kiesweg, der sich durch den makellos gepflegten Garten zog. Die Hecken waren kunstvoll geschnitten, ein zentraler Springbrunnen plätscherte leise, und die Blumenbeete dufteten nach Rosen und Lilien. Trotz der Schönheit des Gartens konnte Leyla das beklemmende Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden.


Schließlich erreichte sie die schwarze Haustür des Anwesens. Sie hielt inne und musterte die verzierte Oberfläche aus schwerem Ebenholz. Ein weiterer Schauder lief ihr über den Rücken. Ob Bunj wohl da ist? Oder Bournadette? Der Gedanke ließ sie nicht los. Ein letztes Mal atmete tief durch und hob die Hand, um zu klopfen.


Doch bevor sie es tun konnte, schwang die Tür auf. Das laute Knarren hallte in der Stille des Gartens wider und ließ Leyla frösteln.



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,,Naa kleinerr Wellensittich?’’ Bunjs grinsendes Gesicht erschien in der Tür, als Leyla überrascht zu ihm aufsah. Der große Chimpkrieger hatte ihr geöffnet, und seine lockere Haltung wirkte stark ansteckend.


,,Hey, Bunj…’’ Leyla zögerte kurz, bevor sie weitersprach. ,,Danke, dass du mir den Kampf ermöglich hast. Ich weiß nicht, was ich ohne diese Chance getan hätte…’’


Bunj legte seinen muskulösen Arm um ihre Schultern und zog sie mit einem breiten Grinsen ins Innere des Anwesens. ,,Gerrne doch. Du hast dich echt gut geschlagen!’’ Seine Stimme klang voller Stolz.


,,Du hast den Kampf gesehen?’’ Ein kleines, scheues Lächeln stahl sich auf Leylas Gesicht.


,,Narr klarr. Ich verrpasse doch keinen Kampf ‘nerr Frreundin!’’ Dann drehte er sich um, seine Stimme donnerte durch den großen Empfangssaal: ,,Derr Wellensittich ist darr! Kommt mal alle herr!’’


Leyla ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Schwarze, edle Möbel dominierten die Einrichtung, während ein gewaltiger goldener Kronleuchter das düstere Ambiente mit einem warmen Licht durchbrach. Der Empfangssaal wirkte imposant und elegant, aber auch irgendwie unnahbar.


[???] ,,Heeey, Leyla!!!’’ Eine helle, freundliche Stimme ließ Leyla herumwirbeln. Vor ihr stand ein junges, zierliches Mädchen mit langen, glänzenden schwarzen Haaren und strahlenden lila Augen. ,,Ich bin Nea, freut mich riesig, dich endlich kennenzulernen!’’


Bevor Leyla etwas erwidern konnte, zog Nea sie in eine feste Umarmung. Überrascht ließ Leyla es geschehen und konnte nicht anders, als die Herzlichkeit zu erwidern. Nea wirkte so unbeschwert und freundlich – fast wie ein Engel, dachte Leyla. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass dieses fröhliche Mädchen tatsächlich eine Kopfgeldjägerin war.


[???] ,,Daaas iiist aaalsooo Leeeylaaa?’’


Eine tiefe, schläfrige Stimme ließ Leyla aufhorchen. Sie drehte sich um und sah zu der sich öffnenden Tür, aus der ein gigantischer Minotaur trat. Er kratzte sich müde am Hinterkopf, seine mächtige Gestalt füllte beinahe den Türrahmen aus.


Leyla starrte ungläubig. Der Minotaur war riesig, seine Hörner beeindruckend. Sie dachte an die Geschichten, die Roxy ihr einmal erzählt hatte, über die Labyrinthe der Minotauren tief unter den Hamalien. ,,Das erklärt die übergrößen Türen…’’ murmelte sie mehr zu sich selbst. 


,,Freut mich’’, sagte Leyla schließlich und streckte ihm ihre Hand entgegen. Der Minotaur nickte leicht und ergriff ihre Hand. Sein Griff war so stark, dass er ihr beinahe den Arm ausriss. Leyla biss die Zähne zusammen und lächelte tapfer, um die Schmerzen zu überspielen.


Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Minotaur wieder um und verschwand so leise, wie er gekommen war. Leyla blickte ihm nach, unsicher, wie sie diese Begegnung einordnen sollte.


,,Das war Colart! Er ist unsere Nummer Sechs – cool, oder?’’ Nea strahlte und klang voller Begeisterung.. ,,Ich bin übrigens die Nummer Acht!’’


Leyla musste schmunzeln. Neas Energie war ansteckend, und sie fühlte sich bereits ein wenig wohler. Sie ließ ihren Blick wieder durch den Raum schweifen. ,,Mit ihr könnte ich mich gut verstehen’’, dachte sie. Doch eine Frage brannte ihr auf der Seele.


,,Sind wir nicht eigentlich zu zehnt?’’ Leyla runzelte leicht die Stirn. Neben Bunj, der Nummer Drei, Colart, der Nummer Sechs, und Nea, der Nummer Acht, kannte sie bislang nur zwei weitere Kaiserliche Kopfgeldjäger: Bournadette Lacroix, die Nummer Zwei, und Yang, die legendäre Nummer Eins. Wo waren die anderen?


,,Die sind momentan nicht darr. Frrüherr oderr späterr wirrst du sie kennenlerrnen, kleinerr Wellensittich’’, sagte Bunj knurrend, während er wie schon öfters Leylas Kopf tätschelte. Mittlerweile war es nicht mehr befremdlich, sondern vertraut.


,,Leyley, komm, ich zeig dir deine Zimmer!!!’’ rief Nea und rannte, ohne ihr Zeit für eine Antwort zu geben, los.


,,Leyley?’’ Leyla blinzelte irritiert. Der Spitzname war so kindlich und verspielt, dass sie ihn erst verarbeiten musste. ,,Wo kommt der Spitzname her?’’ murmelte sie, dann zuckte sie mit den Schultern und lächelte. ,,Na ja, irgendwie ist er süß.’’ Sie eilte hinter Nea her, bereit, ihr neues Zuhause kennenzulernen.



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Die beiden erreichten schließlich den Keller des Anwesens. Leyla schnaufte leicht, während Nea, ein scheinbar junges Mädchen, fröhlich und unermüdlich vor ihr herlief. Sie hatte ihr keine Pause gegönnt. Leyla lächelte und dachte amüsiert: ,,Sie wollte mir doch eigentlich nur mein Zimmer zeigen. Stattdessen habe ich jetzt die ganze Villa gesehen.’’


,,Und das hier sind deine Zimmer, Leyley!’’ rief Nea aufgeregt und sprang vor der Tür auf und ab. Ihre Energie schien grenzenlos.


Leyla trat durch die geöffnete Tür und blieb für einen Moment stehen, um den Raum auf sich wirken zu lassen. Das erste Zimmer war ein stilvoll eingerichtetes Wohnzimmer. In der Mitte standen mehrere bequeme Sessel um einen luxuriösen, runden Tisch. Entlang der Wände reihten sich Bücherregale, die allerdings noch größtenteils leer waren. Nur einige Bücher, die sie aus ihrem Zimmer beim Kronprinzen mitgenommen hatte, füllten die Regale.


Der Raum hatte drei weitere Türen, die noch geschlossen waren. Leyla ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Es wirkte ruhig, fast einladend, und ihr Herz wurde ein wenig leichter. 


,,Wie gefällt dir dein neues Zimmer? Super, oder?’’ rief Nea, während sie sich in einen der Sessel warf und vor Begeisterung auf und ab wippte.


Leyla lächelte leicht. ,,Ja, es ist wirklich schön. Es fühlt sich… gemütlich an.’’ Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Sie war niemand, der Luxus brauchte, um glücklich zu sein, doch im Gegensatz zu ihrer Zeit beim Kronprinzen fühlte es sich hier nicht aufgedrängt oder erdrückend an.


,,Dann guck dir das nächste Zimmer an!’’ Nea war schon wieder aufgesprungen und riss die linke Tür mit Schwung auf. Dahinter lag das Schlafzimmer. Ein großes, schwarzes Bett nahm die Mitte des Raumes ein, flankiert von mehreren Kleiderschränken und Kommoden.


Leylas Blick fiel sofort auf die Decke, wo ein großer Spiegel über dem Bett hing. Sie spürte, wie ihre Wangen leicht erröteten, während sie versuchte, den Spiegel zu ignorieren. Sie konnte sich denken, warum er dort angebracht war. 


,,Komm, leg dich auch mal rein, Leyley!’’ Nea hatte es sich bereits im Bett gemütlich gemacht und kuschelte sich in die weichen Decken. Leyla seufzte, ließ sich jedoch von ihrer Fröhlichkeit anstecken und setzte sich neben sie. Der Moment fühlte sich unbeschwert an, etwas, das sie lange nicht mehr erlebt hatte.


,,Du, Nea, kann ich dich etwas fragen?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme zögerlich. Sie war unsicher, wie Nea reagieren würde.


Nea sah sie sofort an, ihre Augen funkelten vor Interesse. ,,Na klar! Frag mich alles, was du willst!’’ Ihre Stimme klang so lebhaft, dass Leyla für einen Moment ihre Unsicherheit vergaß.


,,Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin… ist es mir doch erlaubt zu töten, oder?’’ Leylas Stimme war leise, fast flüsternd. Sie sah, wie Nea energisch nickte, bevor sie weitersprach. ,,Gibt es etwas, das ich dabei beachten muss?’’


,,Hmm…’’ Nea legte nachdenklich den Kopf schief und blickte verträumt in den Spiegel an der Decke. Schließlich setzte sie an: ,,Ja, es gibt drei Regeln!!!’’ Sie hielt drei Finger in die Luft und zählte auf: ,,Erstens, du darfst niemanden grundlos töten. Aber die sehen das nicht so eng.’’ Sie grinste, und Leyla fragte sich kurz, wen Nea mit ,,die’’ meinte.


,,Zweitens, du darfst keine Mitglieder der Kaiserfamilie töten. Es sei denn, der Kaiser selbst befiehlt es.’’ Nea lehnte sich dabei gegen Leylas Schulter und sprach weiter. ,,Und drittens, du darfst keinen von uns töten. Keine Kämpfe untereinander!’’ Ihr Tonfall war zwar nach wie vor verspielt, aber Leyla spürte die Ernsthaftigkeit hinter den Worten.


,,Und was ist mit ehemaligen Mitgliedern der Kaiserfamilie?’’ fragte Leyla vorsichtig. Die Frage brannte ihr auf der Zunge, doch sie fühlte sich unsicher, ob sie zu viel preisgab. 


Nea antwortete, ohne lange zu zögern. ,,Die sind okay, solange du einen Grund hast.’’ Dann drehte sie sich zu Leyla um und grinste breit. ,,Sag mal, Leyley, willst du etwa den ehemaligen Kronprinz Eugenius töten?’’


Leyla hielt kurz inne. Sie wollte antworten, doch stattdessen blieb sie stumm. Neas Grinsen wirkte so spielerisch, dass es schwer zu sagen war, ob sie die Frage ernst meinte oder nur scherzte.



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Was sollte sie antworten? Die Wahrheit sagen und damit ihre Absichten preisgeben? Oder lügen und hoffen, dass Nea es einfach vergessen würde? Doch noch bevor Leyla sich entscheiden konnte, nahm Nea ihr die Wahl ab.


,,Ich würde ihn an deiner Stelle auch töten wollen, da musst du dich nicht schämen!’’ Neas Stimme war leicht und sorglos, als würde sie über ein peinliches, alltägliches Thema sprechen – nicht über den Mord an einem Sohn des Kaisers.


Leyla schluckte, während Nea einfach unbekümmert weitersprach. ,,Du hast einen Grund, also geht das! Aaaber, du hast ein kleines Problem.’’ Sie verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue, als würde sie erwarten, dass Leyla die Antwort selbst erraten würde.


Resigniert winkte Leyla ab und fragte schließlich: ,,Welches Problem denn?’’


Nea grinste breit und klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. ,,Du wirst nächste Woche vom Kaiser empfangen, Leyley. Bis dahin darfst du niemanden töten. Tut mir leid, aber das ist die Regel.’’


Leyla biss die Zähne zusammen und starrte auf den Boden. ,,Bis dahin ist er längst aus dem Kaiserreich verschwunden… Und damit außer Reichweite’’, murmelte sie enttäuscht. Die Worte schmeckten bitter, und die Frustration in ihrer Brust wuchs. Sollte Eugenius wirklich mit dem Mord an Filia davonkommen?


Nea hob eine Augenbraue, als hätte sie die Worte gehört, sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen wechselte sie das Thema mit einer Leichtigkeit, die Leyla wieder aus ihrer Dunkelheit holte. ,,Komm, ich zeige dir noch dein Badezimmer und dein Arbeitszimmer! Du wirst sie lieben!’’ 


Eine gute Stunde verging, während Nea Leyla durch das Anwesen führte. Als sie schließlich in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, der an die Eingangshalle grenzte, fühlte Leyla sich überwältigt. Der Raum war ohne Zweifel der prunkvollste im gesamten Haus. Dunkles Holz und goldene Akzente dominierten das Design, und der Raum wirkte gleichzeitig majestätisch und warm.


Leyla ließ ihren Blick aus dem großen Fenster schweifen. Draußen spannte sich der klare Nachthimmel über die Kaiserstadt, und der Mond schien sie anzulächeln. Für einen Moment ließ sie sich von dem Anblick einfangen, und ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen.


Auch wenn sie dem Kaiser diente, so war sie ihrer Freiheit doch ein bedeutendes Stück nähergekommen.

 
 
 

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