Kapitel 71 - Abschied vom alten Ich
- empirewebnovel
- 30. Jan. 2025
- 10 Min. Lesezeit

Leise Schritte hallten durch den ehrfurchtgebietenden Thronsaal. Jeder Schritt schien von einer Autorität durchdrungen, die unmissverständlich klar machte, wem sie gehörten. Der Klang der Stiefel auf dem kalten Marmor erfüllte den Raum mit einer fast unheimlichen Resonanz, die Leyla das Gefühl gab, dass jeder Atemzug ihr letzter sein könnte.
Im Saal befanden sich nur vier Personen. Leyla kniete in respektvoller Haltung auf dem Boden, ihre Stirn berührte die kühlen Marmorfliesen. Diese Geste war ihr von Bunj beigebracht worden, ein Ritual, das Respekt symbolisieren sollte. Respekt, den sie in Wahrheit nicht empfand, aber das spielte keine Rolle. Es war eine Fassade, die sie aufrechterhalten musste.
Neben ihr stand Yang. Die Beschützerin des Kaisers, die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, und zweifellos die stärkste Person des Kaiserreichs. Leyla hatte nur einen kurzen Blick auf sie erhaschen können, doch das reichte aus, um zu wissen, dass sie nicht nur stark, sondern geradezu furchteinflößend war. Ihre Schönheit wirkte unnahbar, unwirklich, und Leyla spürte die gewaltige Aura der Macht, die von Yang ausging, als wäre sie greifbar.
Der dritte Anwesende war der Kaiserliche Minister, der die Zeremonie überwachte. Er hatte kurze, feuerrote Haare und trug einen ebenso roten Mantel, der ihn wie eine flackernde Flamme wirken ließ. Yaga hatte sie vor ihm gewarnt: Selfmun Aragi – der rote Teufel. Der Mann galt als unerbittlich, ehrgeizig und skrupellos. Sein Spitzname war nicht nur Zierde, sondern eine Warnung.
Und dann war da noch derjenige, dessen Schritte durch den Raum widerhallten und dessen bloße Anwesenheit die Luft verdichtete: Kaiser Verion III., der Herrscher des gesamten Kontinents.
Leyla spürte, während Kloß in ihrem Hals wuchs, während sie sich bemühte, ihre Nervosität zu verbergen. Nur wenige Meter trennten sie von dem mächtigsten Mann der Welt, dem Symbol für alles, was ihr Schicksal jetzt bestimmte.
Mit einer gemächlichen, aber bestimmten Bewegung ließ sich der Kaiser auf seinem imposanten Thron nieder. Ein leises Rascheln der goldenen Gewänder war das einzige Geräusch, bevor er zu sprechen begann.
--------------------------------------------------------------------------
,,Vor mir kniet heute eine junge Frau, die in einem Duell auf Leben und Tod den Sieg errungen hat.’’ Die Worte des Kaisers hallten durch die gewaltige Halle, klar und unerschütterlich. Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als seine Stimme das Echo in den hohen Wänden fand. ,,Gemäß der Tradition erhält sie hiermit einen Platz in der heiligen Einheit, die dem Thron und einzig dem Thron dient.’’
Der Raum war erfüllt von einer ehrfürchtigen Stille. Nichts war zu hören außer der Stimme des Kaisers und dem widerhallenden Klang seiner Worte.
,,Sprich, Dienerin: Gelobst du dem Kaiser und einzig dem Kaiser die Treue zu schwören?’’
Bunj hatte sie darauf vorbereitet. Sie hatte die fünf Fragen unzählige Male geübt. Nun galt es, die Antworten klar und fest auszusprechen. ,,Ich gelobe es!’’ Ihre Stimme war laut, doch ihre Nervosität ließ sich nicht vollständig verbergen.
,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, die Feinde des Thrones auszulöschen und die Krone zu schützen?’’
,,Ich gelobe es!’’ Leyla fühlte, wie die Worte aus ihr hervordrangen, beinahe automatisch.
,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, dein Leben zu geben, wenn dies erforderlich wird?’’
,,Ich gelobe es!’’ Ihre Stimme wurde sicherer, das Zittern war kaum mehr wahrnehmbar.
,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, das Reich zusammenzuhalten und jegliche Bedrohung im Keim zu ersticken?’’
,,Ich gelobe es!’’ Ein kurzer Moment der Beklemmung überkam sie, doch sie drängte ihn beiseite.
,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, die heilige Göttin Kamera zu ehren und den wahren Glauben zu schützen?’’
,,Ich gelobe es!’’ Die Worte waren nun klar und stark, ihre Nervosität wich einem Gefühl der Erleichterung.
Die Stille, die nach den letzten Worten eintrat, ließ den Thronsaal noch größer erscheinen. Leyla spürte, wie der Wortwechsel in ihren Gedanken widerhallte, wie ein immer leiser werdender Nachklang eines Glockenschlags. Sie war erleichtert – es war genauso abgelaufen, wie Bunj es ihr erklärt hatte.
,,Dann erkläre ich, Verion, Kaiser des Reiches und dritter meines Namens, dich, Leyla, hiermit zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Erhebe dein Haupt!’’ Die Worte waren voller Autorität und Gewicht, und Leyla konnte nicht anders, als an die Stimme von Eugenius zu denken. Sie hatten eine ähnliche Kälte, einen ähnlichen Klang, obwohl die Macht des Kaisers ungleich größer war.
Leyla hob langsam den Kopf und wagte, den Kaiser direkt anzusehen. Sein langes, blondes Haar fiel wie ein goldener Umhang über seine Schultern, und sein ebenso goldener, voller Bart unterstrich seine imposante Erscheinung. Sein Blick war streng und kühl, sein Gesichtsausdruck reglos, als wäre er eine lebende Statue.
Er trug einen goldenen Mantel, der über einer strahlend weißen Rüstung lag. Doch das beeindruckendste Detail war die Krone. Sie funkelte, besetzt mit Edelsteinen, die das Licht der Halle einfingen und reflektierten, ein Symbol seiner unerschütterlichen Macht.
Leyla hielt seinem Blick für einen Moment stand. Ihr Herz schlug schneller, doch sie senkte den Kopf nicht. Der Kaiser musterte sie abschließend, bevor er sich umdrehte und hinter dem Thron verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Zurück blieben Leyla, Yang und Selfmun Aragi.
--------------------------------------------------------------------------
Leyla spürte Erleichterung, doch der Moment des Durchschnaufens war kurz. Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Als sie aufsah, blickte sie in das Gesicht von Selfmun Aragi. Der Mann, der vielleicht Mitte dreißig war, trug ein warmes Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte.
,,Leyla, herzlichen Glückwunsch!” Seine Hand drückte fest auf ihre Schulter, die Wärme seines Tons täuschte nicht über die Kälte in seiner Stimme hinweg. ,,Ich habe deinen Weg seit deiner Zeit in Malyl verfolgt. Ich erwarte Großes von dir.’’ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und schritt gemächlich in Richtung eines der Seitengänge, die aus dem Thronsaal führten.
Leylas Gedanken überschlugen sich. ,,Meine Zeit in Malyl? Wie kann das sein?’’ Eine Welle aus Verwirrung und Unbehagen breitete sich in ihr aus. ,,Das war, bevor ich Bournadette begegnete… bevor ich den Stein fand. Wie konnte er mich schon damals kennen?’’
Eine andere, noch beunruhigendere Frage nagte an ihr. Was war diese Aura, die von ihm ausging? Es fühlte sich an, als wäre da etwas Fremdes, Mächtiges an seiner Seite – etwas, das sie nicht sehen, aber deutlich spüren konnte.
Eine andere Stimme riss sie aus ihren Gedanken. ,,Ich begleite dich aus dem Palast. Wollen wir uns einen Moment unterhalten?’’ Yangs Ton war distanziert, aber freundlich, ihre Worte wirkten fast einladend. Doch Leyla hatte das Gefühl, als verschließe Yangs Macht ihren Mund, und sie konnte nur stumm nicken. Ohne ein weiteres Wort folgte sie ihr.
Gemeinsam verließen sie den Thronsaal und traten in den Kaisergarten hinaus – den größten der vier Palastgärten. Der weitläufige Garten erstreckte sich vor ihnen wie ein stiller Traum. Auf einem großen See glitten Schwäne wie geisterhafte Schatten über das Wasser, während das Plätschern eines sanft fließenden Baches die Stille durchbrach. Vögel zwitscherten leise in den Bäumen.
Yang sprach ruhig weiter. ,,Lass dich von Bunj oder Nea einweisen. Sie werden dir alles erklären. Löse deine Probleme selbst und befolge die Befehle unseres Kaisers.’’ Ihre Stimme hatte etwas Unverrückbares, etwas Absolutes. Leyla nickte erneut. Das meiste war ihr bereits erklärt worden.
Sie dachte an die Worte, die Nea ihr mitgegeben hatte. Die meisten Befehle würden an die gesamte Einheit erteilt werden. Es lag an den anwesenden Mitgliedern, die Aufgaben unter sich aufzuteilen. Manchmal würden spezifische Aufträge direkt an einzelne Mitglieder gehen. Nea hatte auch erwähnt, dass es viele Freiräume gab. Wie sie ihre Aufträge erledigte, war Leyla weitestgehend selbst überlassen – und sie würde tatsächlich eine gewisse Freiheit genießen können.
Yang hielt an und wandte sich zu Leyla. ,,Hast du dich bereits für einen Diener entschieden?’’ Die Frage traf Leyla unerwartet, und sie spürte einen Stich in der Brust. Ihr ursprünglicher Plan war gewesen, Filia als ihre Dienerin auszuwählen. Doch mit dem Tod durch den Kronprinzen war das unmöglich geworden. Langsam schüttelte sie den Kopf.
,,Ich verstehe.’’ Yangs Gesicht blieb ausdruckslos, ihre Stimme verriet weder Mitgefühl noch Urteil. Sie griff in eine ihrer Taschen und holte ein kleines Medaillon hervor. Es war schwarz, mit filigranen goldenen Verzierungen. Ein Schwert – oder war es ein Dolch? – prangte in der Mitte. Über dem Knauf und unter der Klinge war der Buchstabe ,,K’’ eingraviert.
,,Hiermit erhältst du Zugang zu jedem Ort im Kaiserreich – abgesehen vom Kaiserpalast.’’ Yang reichte ihr das Medaillon, und Leyla nahm es mit leicht zitternden Fingern entgegen. ,,Wenn du es vorzeigst, erhältst du jede Ware oder Dienstleistung, die du benötigst, ohne zu bezahlen. Trage es immer bei dir.’’
Leyla nickte stumm, weiterhin unfähig, etwas zu sagen. Ihre Gedanken waren zu chaotisch, um die Worte zu formen. Gemeinsam gingen sie weiter, bis sie die erste Hauptstraße der Kaiserstadt erreichten – die prachtvolle Kaiserstraße.
Yang blieb stehen. ,,Wir sehen uns, Leyla.’’ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging zurück in Richtung Palast. Leyla blickte ihr lange nach, bevor sie einen tiefen Atemzug nahm. Endlich fühlte sie sich etwas leichter.
,,Ich habe es geschafft’’, murmelte sie leise zu sich selbst, bevor sie sich wieder auf den Weg machte – zu ihrem neuen Zuhause, zu ihrer neuen Zukunft.
--------------------------------------------------------------------------
Es war bereits dunkel, als Leyla die schwere Tür zum Hauptquartier aufschob. Die Eingangshalle war in gedämpftes Licht getaucht, und der Gemeinschaftsraum lag in einer stillen, fast friedlichen Dunkelheit. Kein anderer Kopfgeldjäger war zu sehen.
Ein leiser Seufzer entwich ihr. Nach dem langen Tag war sie erleichtert, allein zu sein. Sie brauchte keinen Smalltalk oder Gesellschaft, nur Ruhe. Langsam machte sie sich auf den Weg zu ihrem Bereich – ihrem neuen Zuhause. Als sie die Tür zu ihrem Wohnzimmer öffnete, war ihr erster Gedanke, direkt ins Bett zu fallen. Doch dann…
,,Heyhey, Leyley. Wie lief es?’’ Neas fröhliche Stimme hallte durch den Raum. Leyla blieb stehen, überrascht. Nea saß entspannt in einem ihrer Sessel, ihre Beine lässig über die Armlehne geschwungen. In ihrer Hand hielt sie einen Krug, aus dem der Duft von Bier stieg. ,,Setz dich zu mir, lass uns trinken!’’
Leyla spürte, wie ihre Schultern leicht absanken. Widerstand war bei Nea ohnehin zwecklos. Erschöpft ließ sie sich in den Sessel neben ihr fallen. Ohne zu zögern schenkte Nea ihr einen Krug ein. ,,Es lief gut’’, antwortete Leyla knapp, während sie einen großen Schluck nahm. Das Bier war kühl und erfrischend, und sie spürte, wie die Müdigkeit sich ein wenig legte. ,,Aber ich bin wirklich müde.’’
,,Ach, nur noch ein bisschen, Leyley! Ich habe auch ein Geschenk für dich!’’ Neas Augen leuchteten, und ein stolzes Lächeln umspielte ihre Lippen.
Leyla hob eine Augenbraue. Ein Geschenk? Was hatte sie jetzt schon wieder vor? Sie seufzte. ,,Alles klar, was für ein Geschenk?’’
,,Komm mit, ich zeig’s dir!’’ Nea sprang aus dem Sessel, ihre Bewegungen so aufgeregt, dass etwas Bier auf den Sessel schwappte. Leyla öffnete den Mund, um sie zu ermahnen, schloss ihn dann aber wieder. Es hatte keinen Zweck.
,,In deinem Arbeitszimmer!’’ Nea griff nach Leylas Hand und zog sie mit sich. Leyla hatte keine Zeit zu reagieren; Neas Kraft überraschte sie immer wieder. Ehe sie sich versah, wurde sie in Richtung der Tür gezerrt.
Nea stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf, die mit einem lauten Knall gegen die Wand prallte. Leyla konnte nur den Kopf schütteln. Die Energie des Mädchens schien grenzenlos zu sein. Sie trat in das Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen.
Ihre Augen weiteten sich, als sie das Geschenk sah. Wut und eine unheilvolle Befriedigung schwappten wie eine Welle über sie. Ein unbewusstes Grinsen legte sich auf ihre Lippen.
Vor ihr lag der ehemalige Kronprinz Eugenius, gefesselt und geknebelt. Seine Augen starrten sie an, erfüllt von einer Mischung aus Angst und Zorn.
,,Tada!’’ Neas Stimme war voller Stolz, ihre Hände auf ihre Hüften gestützt. ,,Und? Freust du dich, Leyley?’’
Leyla trat näher, ihr Blick bohrte sich in den des Prinzen. Ihre Stimme war kühl, fast tonlos. ,,Wie hast du ihn hierher gebracht?’’
Nea setzte sich mit einem triumphierenden Lächeln auf einen der Stühle. ,,Ach, das war voll einfach. Er hat ja seinen Status verloren, also hab ich ihn einfach gefangen und hierher getragen. Kein Problem!’’ Sie sprach, als hätte sie einen Sack Mehl geschleppt und nicht einen Mann, der einst Macht und Einfluss besessen hatte.
Leyla hörte die Worte, doch ihr Fokus lag auf Eugenius. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie ihn vielleicht verschont. Doch diese Version von Leyla existierte nicht mehr. Sie war durch Blut gegangen, hatte mehr als einmal getötet. Skrupel, die sie einst zurückgehalten hatten, waren längst abgestorben.
--------------------------------------------------------------------------
Langsam zog Leyla dem gefallenen Prinzen den Knebel aus dem Mund. Ihre Bewegungen waren absichtlich gemächlich, fast genüsslich. ,,Na, Eugenius?’’ Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Augen glitzerten vor unterdrücktem Zorn. ,,Witzig, wie sich das Blatt gewendet hat, hmm?’’
,,Wie kannst du es wagen, mich so anzusprechen?’’ spuckte Eugenius, seine Augen vor Wut funkelnd. Doch Leyla konnte das unterdrückte Zittern in seiner Stimme hören. ,,Du bist nichts weiter als eine Straßenhure! Ihr werdet bitter dafür bezahlen, mich eingesperrt zu haben. Los, befreit mich, und vielleicht lasse ich euch am Leben!’’
Leyla schnaubte amüsiert und grinste unbeeindruckt. ,,Ach, ich dachte, ich wäre jetzt über dir im Rang?’’ Sie warf Nea einen sarkastischen Blick zu. ,,Oder stehen enterbte Männer ohne Status über den Kaiserlichen Kopfgeldjägern?’’
Nea konnte ein Kichern nicht unterdrücken, bevor sie antwortete: ,,Momentan steht der enterbte Mann nicht mal über den Ratten, die in der Kaiserstadt leben.’’
Leyla zog die Augenbrauen hoch, eine gespielte Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. ,,Oh, wenn das so ist… dann hast du dich wohl geirrt, oh gefallener Prinz.’’
Eugenius bebte vor Wut, seine Züge verzerrt vor Zorn. Doch Leyla konnte ein anderes Gefühl in seinen Augen erkennen – Angst.
,,L-Leyla’’, begann er, seine Stimme plötzlich leiser, flehender. ,,Wenn du mich gehen lässt, werde ich dich in Ruhe lassen. Oder noch besser – ich könnte dich einflussreichen Leuten vorstellen. Wir könnten zusammenarbeiten…’’
,,Ich lehne ab, sorry.’’ Leyla legte ihre Hände zusammen, als wolle sie sich entschuldigen. Ihr Tonfall war entspannt, fast beiläufig. ,,Weißt du, ich hatte Filia echt gern. Wie wäre es, wenn ich dir dasselbe antue, was du ihr angetan hast?’’
Die Angst in Eugenius’ Augen wurde zur blanken Panik. ,,B-Bitte nicht…’’ stammelte er.
Ein Stahldolch erschien in Leylas Hand, schimmernd und tödlich. Mit langsamer Präzision ließ sie die kalte Klinge über seine Wange gleiten, näherte sich bedrohlich seinen Augen. Eugenius keuchte, unfähig, sich zu bewegen, sein ganzer Körper wie eingefroren. Doch Leyla hielt inne und zog die Klinge zurück.
,,Weißt du, du hast Glück.’’ Ihre Stimme war leise, sanft. ,,Ich bin nicht die Art Mensch, die gern foltert.’’
Eugenius’ Gesicht entspannte sich einen Moment, Hoffnung flackerte in seinen Augen auf. ,,D-Dann verschonst du…’’
Leyla schnitt ihm das Wort ab. ,,Was? Nein, natürlich nicht! Aber ich bin großzügig. Ich schenke dir einen schnellen Tod.’’
Sie ließ den Dolch verschwinden, und stattdessen erschien ein kleiner Pfeil aus Stein in ihrer Hand. Sie ließ ihn langsam rotieren, spürte, wie er an Momentum gewann. Ohne zu zögern schoss sie ihn ab.
Der Pfeil durchschlug Eugenius’ Stirn, und das Blut spritzte in einem scharlachroten Schwall über den Boden. Sein lebloser Körper sackte in sich zusammen, die Augen weit aufgerissen. Leyla spürte eine Welle der Genugtuung, die ihre Nerven wie ein Feuer durchzog.
Sie wischte ihre Hände an ihrer Kleidung ab und wandte sich zu Nea. ,,Danke, Nea. Das bedeutet mir wirklich viel.’’ Ihr Blick glitt noch einmal zu dem Toten, bevor sie fortfuhr: ,,Könntest du ihn für mich entsorgen?’’
Nea strahlte vor Freude, als hätte Leyla ihr ebenfalls ein Geschenk gemacht. Ohne Vorwarnung zog sie Leyla in eine feste Umarmung. ,,Freut mich, dass es dir gefallen hat, Leyley! Überlass den Rest nur mir!’’ Sie klopfte sich auf die Brust, bevor sie Leyla sanft in Richtung Wohnzimmer schob. ,,Geh du schlafen, Leyley. Ich kümmere mich drum.’’
Leyla nickte nur erschöpft. Sie machte sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett fallen ließ.
Während sie langsam in den Schlaf glitt, wirbelten ihre Gedanken umher wie ein Sturm. Innerhalb weniger Tage hatte sie zwei Leute getötet. Doch anders als damals, als sie den Mann im Tal tötete, fühlte sie kein Bedauern.
,,Ob das auch mit dem Stein zusammenhängt?’’
Sie hatte sich verändert, das wusste sie. Doch bereute sie es? Nein. In einer Welt wie dieser musste sie so sein, um zu überleben. Und das war alles, was zählte.



Kommentare