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Kapitel 72 - Schicksalnacht

Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, führte Liams Weg ihn nach Kartaffel. Der Wind trug den scharfen Biss des vergangenen Winters mit sich, und obwohl es offiziell Frühling war, lag die Festungsstadt noch immer in einem Mantel aus Eis und Schnee. Die Straßen waren still, fast trostlos, während eisige Böen zwischen den Häusern hindurchzogen. Einzig das gleichmäßige Traben von Himmel bildeten einen Kontrast zu der kalten Stadt.


Liam zog seinen Mantel enger um die Schultern und biss die Zähne zusammen. Sein Ziel war die Taverne, die sein Kontaktmann ihm genannt hatte, ein Unterschlupf inmitten der gefrorenen Stadt. Der Name klang in seinem Kopf wider: ,,Schneeweißer Hirsch’’.


,,Boss, was machen wir als nächstes?’’ Ralfs Stimme hallte leise in der stillen Gasse, die sie durchquerten. Sie klang fast verloren in der Kälte.


Liam sah zu ihm hinüber und zwang sich zu einem dünnen Lächeln. ,,Wir treffen einen alten Freund von mir. Er wird uns helfen, den nächsten Schritt zu planen.’’ Seine Worte klangen ruhig, doch innerlich spürte er noch immer die Narben der Ereignisse in der Kaiserstadt. Der Schmerz lag wie ein Schatten auf seinem Herzen, stets präsent, auch wenn er versuchte, ihn zu verdrängen. 


Schweigend folgte Theol ihm, sein schuppenbesetzter Vishap-Körper kaum mehr als eine drohende Silhouette im fahlen Licht. Er hatte seit Tagen kaum gesprochen, und Liam konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob Theol ihn für seine Entscheidungen verurteilte. Der Gedanke nagte an ihm, doch er schob ihn beiseite.


Sie erreichten die Kreuzung, die zur Taverne führte, doch plötzlich blieb Liam stehen. Seine Augen fixierten ein kleines Fenster in einem der bescheidenen Häuser entlang der Straße. Er spürte, wie seine Beine jede Bewegung verweigerten.


,,G-Geht schon mal vor, ich komme gleich nach.’’ Liams Stimme war zittrig, fast brüchig. Er konnte fühlen, wie Ralf ihn skeptisch musterte, aber bevor dieser etwas sagen konnte, legte Theol eine kräftige Hand auf seine Schulter und zog ihn wortlos mit sich fort. Liam war dankbar dafür. 


Langsam näherte er sich dem Fenster, seine Schritte knirschten leise im Schnee. Sein Atem bildete kleine Wolken, als er vorsichtig einen Blick ins Innere warf. Es war ein einfacher Raum, schlicht eingerichtet, mit einem hölzernen Tisch in der Mitte. Ein älterer Mann mit schneeweißem Bart und grauen Haaren saß dort, in eine Unterhaltung vertieft.


Doch es war nicht der Mann, der Liams Aufmerksamkeit fesselte. Es war die rothaarige Frau, die ihm gegenüber saß. Ihre Haare fingen das schummrige Licht des Raumes ein, und obwohl sie sich leicht verändert hatte, erkannte Liam sie sofort.


,,Roxy… du lebst’’, flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ein Funken Hoffnung, klein und zerbrechlich, begann in seiner Brust zu glimmen. Seine Finger gruben sich unwillkürlich in das Fensterbrett, während sein Blick wie gebannt an der Szene im Inneren haftete.



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Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, wurde ein kameristisches Kloster samt des umliegenden Dorfes nahe der Wüstenstadt Karintes vollkommen ausgelöscht. Der heiße Wüstensand wirbelte durch die toten Straßen, und die Sonne warf erbarmungslose Schatten über die reglosen Körper der Dorfbewohner.


Vinc Glitt, ein Soldat der Stadtwache von Karintes, trat vorsichtig durch den Sand. Seine Augen wanderten über die Toten, suchten nach einer Erklärung. Doch abgesehen von der gespenstischen Stille war keine Spur eines Angriffs zu erkennen. Kein Rauch, keine zerbrochenen Waffen – nur die Leichen, die verstreut lagen wie Puppen, denen das Leben entrissen worden war.


[???] ,,Vinc, was glaubst du, was das zu bedeuten hat?’’ Die Stimme seines Begleiters durchbrach die drückende Stille. Ramon, ein hochgewachsener Lupid mit silbrigen Fellflecken, stand ein paar Schritte hinter ihm und musterte die Umgebung mit einer Mischung aus Unbehagen und Neugier.


Vinc sah über die Schulter zu ihm und zuckte mit den Schultern. ,,Ich weiß es nicht, Ramon. Aber es ist seltsam. Komm, sehen wir uns das Kloster genauer an.’’


Ramon nickte und folgte Vinc, als dieser auf das Gebäude zuging. Das Kloster war klein und schlicht, seine Sandsteinwände waren alt, aber wirkten stabil. Die Hitze der Wüste hatte die Farbe des Steins zu einem fahlen Braun ausgebleicht. Die schwere Holztür war leicht geöffnet und knarrte leise, als Vinc sie aufstieß.


Drinnen war es kühl, aber kaum weniger bedrückend. Der Raum war schlicht eingerichtet: ein paar kameristische Glaubensschriften lagen ordentlich gestapelt, daneben standen kleine Krüge mit Weihwasser. Kerzenreste waren in groben Leuchtern verteilt. Von einem prunkvollen Kloster war hier nichts zu sehen – es war kaum mehr als eine größere Kapelle. 


,,Warum wurde dieser Ort als Kloster geführt?’’ Vinc sprach mehr zu sich selbst als zu Ramon. Er trat vor und ließ seinen Blick über die Wände gleiten. Nichts an diesem Ort rechtfertigte den Titel eines Klosters. Es war bescheiden, beinahe karg.


Sein Blick blieb an einem abgenutzten Teppich in der Ecke des Raumes hängen. Die Farben waren verblasst, aber die Art, wie er dalag, weckte Vinc’ Misstrauen. Langsam näherte er sich, beugte sich hinunter und zog daran. Als der Teppich sich mit einem schabenden Geräusch löste, kam darunter ein magischer Zirkel zum Vorschein.


,,Wusste ich's doch.’’ Vinc lächelte zufrieden, als er die kunstvoll gezeichneten Linien und Symbole betrachtete. Die Luft um den Zirkel schien ein wenig kühler, als hätte der Zauber noch einen Rest seiner Macht bewahrt. Er rief Ramon zu sich, und gemeinsam traten sie zögernd auf die Symbole.


Plötzlich verschwand eine der Wände mit einem leisen Knistern. Dahinter kam ein dunkler Gang zum Vorschein, der in die Tiefe führte. Vinc zog eine Fackel aus seiner Tasche und murmelte einen kurzen Feuerzauber. Die Flamme sprang mit einem sanften Zischen auf, und das warme Licht beleuchtete die ersten Meter des Ganges.


,,Bereit?" Vinc sah Ramon an, und der Lupid nickte stumm. Gemeinsam traten sie in die Dunkelheit, ihre Schritte hallten in dem kalten Korridor wider.


Der Gang führte abwärts, und die Fackel ließ Schatten über die Wände tanzen. Vinc betrachtete die Wandmalereien, die sie passierten. Sie waren nicht wie die üblichen Darstellungen der Göttin Kamera, die er in anderen Klöstern gesehen hatte. Stattdessen zeigten sie Engel und Dämonen in einem merkwürdigen Zusammenspiel aus Kampf und Koexistenz. Die Bilder wirkten alt, älter als das Gemäuer selbst.


[???] ,,Ihr seid etwas zu spät, Schoßhund.’’ Eine raue, rasselnde Stimme ließ die beiden innehalten. Vinc hob die Fackel höher und sah einen Mann am Ende des Ganges stehen.


Der Mann war ein Drachar, seine schwarzen Schuppen glänzten im flackernden Licht. Er wirkte schmächtig und doch strahlte er Selbstvertrauen aus, mit einer Haltung, die nichts Gutes verhieß. In seiner Hand hielt er einen kleinen Stein, der seltsam funkelte. Eine alte, fast vergessene Schrift war darauf eingraviert.


Vinc’ Augen verengten sich, als er den Drachar erkannte. Sein Herz schlug schneller, doch er bewahrte äußerlich die Ruhe. Dieser Mann war kein Unbekannter. Es war der ehemalige dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger.



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Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, stand Kaiser Verion III. auf seinem prächtigen Balkon, der an sein Schlafgemach im obersten Stockwerk des Kaiserpalastes angrenzte. Von hier aus konnte er die gesamte Kaiserstadt überblicken. Der Balkon war ein Ort, der Macht und Luxus gleichermaßen ausstrahlte. Neben dem goldenen Thron, auf dem Verion saß, sprudelte ein magischer Springbrunnen. Statt Wasser floss daraus ein satter, rubinroter Wein, der sich in glitzernden Strahlen ergoss.


Die Stadt unter ihm lag still und friedlich im Schlaf, ihre Dächer glitzerten silbern im Mondlicht. Neben ihm stand Yang, die makellose Leibwächterin, die unerschütterlich an seiner Seite blieb. Ihr Blick war auf die Ferne gerichtet, ihre Haltung wie immer gerade und wachsam.


,,Ich habe Kunde darüber erhalten, dass dein Sohn, Eugenius, auf seinem Weg nach Welldyl entführt wurde.’’ Yangs Stimme war ruhig und klar, doch ein Hauch von Zurückhaltung schwang darin mit. Sie war die einzige, die es wagte, so direkt mit dem Kaiser zu sprechen, eine Vertrautheit, die er nur ihr erlaubte.


Verion wandte sich leicht zu ihr um und musterte ihr Gesicht. Es war ausdruckslos, wie so oft, aber ihre Worte reichten aus, um seine Gedanken in Bewegung zu setzen. ,,Weißt du, wer ihn entführt hat?’’ Seine Stimme war tief und gleichmütig, doch etwas an der Nachricht ließ ihn innehalten.


Er hatte Eugenius erst vor wenigen Tagen aus dem Kaiserreich verbannt. Die Entscheidung war ihm nicht leichtgefallen, doch die Regeln des Prinzenspiels waren unumstößlich – ein Spiel, das er selbst zum Wohle des Kaiserreichs ins Leben gerufen hatte. Ein Spiel, das unerbittlich war.


,,Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Nea, soweit die Berichte stimmen. Soll ich sie herbeirufen?’’ Yang sprach sachlich, ohne jede Wertung, doch Verion wusste, dass Nea einen besonderen Platz in jedem von Yangs Herzen hatte.


,,Nein, das ist nicht nötig.’’ Er schüttelte den Kopf und richtete seinen Blick wieder auf die Stadt unter ihm. ,,Sie hat nur die Freiheiten ausgenutzt, die ihr Posten ihr zugesteht. Eugenius ist nicht mehr mein Sohn.’’ Seine Worte klangen endgültig, ohne Groll oder Bedauern – nur nüchterne Feststellung.


Yang nickte stumm. Sie hatte keine weiteren Fragen. Es war typisch für sie, nur das Nötigste zu sagen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.


Verion lehnte sich zurück und griff nach einem Glas Wein, das auf einer kleinen goldenen Anrichte neben ihm stand. Während er einen Schluck nahm, wanderte sein Gedanke zu der neuen Kopfgeldjägerin, die er erst vor einem halben Tag in ihren Rang erhoben hatte. ,,Leyla, hmm…’’ Er sprach den Namen langsam, ließ ihn über die Zunge rollen, als wollte er sein Gewicht prüfen.


Vielleicht würde sie nützlich sein. 


,,Eine Sache noch, Yang.’’ Seine Stimme war ruhig, doch ein Hauch von Neugier schwang darin mit.


,,Ja, ich höre Verion?’’ Yang drehte sich zu ihm, die goldenen Akzente ihrer weißen Kleidung funkelten im Mondlicht.


,,Lass der Neuen, Leyla, bitte zügig einen Auftrag zukommen. Ich will sehen, wie sie sich schlägt.’’ Er nahm einen weiteren Schluck Wein und betrachtete die Oberfläche des magischen Brunnens, die das Licht der Sterne reflektierte. ,,Schick ihr ruhig Nea oder Bunj als Begleitung mit. Sie sollen jedoch nur eingreifen, wenn es absolut notwendig ist.’’


Yang nickte erneut, nahm es zur Kenntnis, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein und trat an seine Seite. Gemeinsam richteten sie ihren Blick in den klaren Sternenhimmel, das leise Plätschern des Brunnens unterbrach die ansonsten lautlose Nacht.

Ende von Ark II

 
 
 

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