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Kapitel 73 - Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla

Aktualisiert: 13. Feb. 2025

Ark III - Legenden, die sich erheben

[???] ,,Was darf ich Ihnen anbieten, edle Miss Leyla?’’


Der Restaurantbesitzer, ein älterer Mann mit Glatze und gepflegtem Schnauzer, stand in einer tiefen Verbeugung vor Leyla. Seine Bewegungen waren geschmeidig, ehrfürchtig, während er sie mit einer warmen Stimme ansprach.


Seit sie zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin ernannt worden war, waren mehrere Wochen vergangen. Bisher hatte sie noch keinen Auftrag erhalten, und so genoss sie ihr neues Leben in relativer Freiheit. Heute hatte sie sich entschieden, in das vornehmste Restaurant der Kaiserstadt zu gehen – „Speisen der Drachen“ – und dort ihren Abend in Ruhe zu verbringen.


Früher hätte sie einen Bogen um solche Orte gemacht, doch ihr neuer Status verlangte, dass sie sich an die Gepflogenheiten der gehobenen Gesellschaft anpasste.


„Danke, ich hätte gerne das Halbdrachen-Filet mit Ei in der Maoma-Sauce.“ Sie bemühte sich, weder zu förmlich noch abweisend zu klingen. Es war ihr wichtig, nicht den Eindruck zu erwecken, als würde sie auf die einfachen Bürger herabblicken.


Während sie auf ihre Bestellung wartete, fragte sie sich, warum ihr Fleisch zu essen, früher so schwer gefallen war. Irgendwo in ihr schlummerte eine Gewohnheit, die sie sich nicht erklären konnte, doch sie hatte beschlossen, sich von alten Traditionen zu lösen und neue Wege zu gehen.


Das Essen kam zügig, und Leyla bedankte sich höflich. Schon beim ersten Bissen breitete sich ein warmes Gefühl der Zufriedenheit in ihr aus. Das Halbdrachen-Filet war zart, die Maoma-Sauce perfekt abgeschmeckt. Für einen Moment schloss sie die Augen und ließ die Aromen auf sich wirken.


„Was Liam und Roxy wohl gerade machen?“ dachte sie, während sie den nächsten Bissen nahm. Sie vermisste ihre Freunde, die gemeinsamen Abenteuer, die Gespräche. Vor allem machte sie sich Sorgen um Himmel, ihr treues Pferd. Doch sie war sicher, dass er in guten Händen war. Sollte sie einen Auftrag in den Mittellanden erhalten, würde sie keine Sekunde zögern, nach ihnen zu suchen.


Nachdem sie ihre Mahlzeit beendet hatte, stand sie auf und trat hinaus in die Gasse, in der das Lokal lag. Der Nachthimmel war klar und voller Sterne, ein Bild, das sie mit Frieden erfüllte. Langsam, in ihren Umhang gehüllt, machte sie sich auf den Weg zu ihrem neuen Zuhause – dem Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger.



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Erschöpft trat Leyla in die Eingangshalle des Anwesens. Ihr Tag in der Kaiserstadt war lang gewesen. Sie hatte sich bemüht, die verwinkelten Straßen, die unzähligen Plätze und die beeindruckenden Gebäude einzuprägen, doch jetzt war sie müde. Jeder Schritt ihrer schweren Stiefel erschien in der Stille der Halle unangenehm laut.


Plötzlich spürte sie eine kalte Klinge an ihrem Hals. Das Metall schnitt leicht in ihre Haut, und ein stechender Schmerz schoss durch sie. Reflexartig spannte sich ihr Körper an. Gerade wollte sie sich wehren, als eine vertraute Stimme ihr in die Ohren drang.


[???] ,,Da bist du ja, Leyla. Weißt du eigentlich, was du angerichtet hast?’’


Sie erstarrte. Obwohl sie diese Stimme seit Monaten nicht mehr gehört hatte, wusste sie genau, wer hinter ihr stand.


„Was meinst du, Bournadette?“ fragte Leyla mit einer Schärfe, die sie selbst überraschte. Sie blieb ruhig, auch wenn ihr Herz wie wild hämmerte. Schließlich wusste sie: Unter Kaiserlichen Kopfgeldjägern war es verboten, sich gegenseitig zu töten.


Bournadette Lacroix, die Nummer zwei der Kopfgeldjäger, hatte ihr schon einmal ihre absolute Überlegenheit bewiesen. In ihrer Vergangenheit war Leyla ihr unterlegen gewesen, und auch jetzt war sie sich sicher, dass sie keine Chance gegen Bournadette hätte.


„Tu nicht so scheinheilig“, zischte Bournadette. Ihre Stimme war betont kalt, doch Leyla hörte die unterschwellige Wut. „Du hast den Kronprinzen verraten und ihn zu einem Leben im Exil verdammt. Mir wurde sogar explizit verboten, Kontakt zu ihm aufzunehmen.“


Ein schwaches Grinsen huschte über Leylas Gesicht, als sie an den ehemaligen Kronprinzen Eugenius dachte. Sein Versuch, sie zur Ehe zu zwingen, um seiner Verbannung zu entgehen, war gescheitert, und sein Verlust im sogenannten Prinzenspiel hätte ihn ins Exil getrieben. Stattdessen hatte Leyla in einem Duell mit dem zehnten Kopfgeldjäger ihre eigene Freiheit erkämpft und sich einen Platz in dieser Eliteeinheit gesichert.


„Anscheinend weiß sie noch nichts von seinem Tod“, dachte Leyla. Sie hatte erwartet, dass die Nachricht von Eugenius’ Ende die anderen Kopfgeldjäger erreicht hätte, doch offenbar war Bournadette nicht informiert.


„Und warum ist das jetzt meine Schuld?“ fragte Leyla, ihre Stimme kontrolliert. Doch sie spürte die Unsicherheit in sich wachsen, als die Klinge tiefer in ihre Haut drang. Würde Bournadette es wirklich wagen, sie zu töten? Wusste sie nicht, dass das ihren eigenen Tod bedeuten würde?


„Du hättest deine Rolle spielen sollen“, fauchte Bournadette. Ihre Stimme zitterte leicht, und Leyla erkannte plötzlich ein Gefühl, das sie ihr nie zugetraut hatte – Trauer. „Dann wäre Eugenius noch im Rennen um den Thron gewesen.“


Leyla öffnete ihren Mund, um zu antworten, doch eine zweite Stimme durchschnitt in die angespannte Stille.


„Hey Leyley, hey Detti. Ihr streitet euch doch nicht etwa?“



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Vor den beiden stand Nea, die Achte der Kopfgeldjäger – und Leylas Freundin. Ihr hatte Leyla zu verdanken, dass sie sich an dem Prinzen hatte rächen können.


„Misch dich nicht ein, Nea“, rief Bournadette, ihre Stimme laut und voller Ärger. „Das geht nur mich und Leyla etwas an.“


Nea grinste nur und ging langsam auf die beiden zu. „Und ob mich das was angeht. Wenn du Leyla hier ernsthaft verletzt, dann wird Yaya böse.“


Die Erwähnung von Yang, der Anführerin der Kopfgeldjäger und zugleich der stärksten Person im Kaiserreich, schien Bournadette zur Besinnung zu bringen. Sie ließ Leyla los und steckte ihren Dolch mit einem knappen Klickgeräusch wieder ein. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, drehte sie sich um und stieg die Treppe hinauf zu ihrem Wohnbereich.


„Schlaf gut, Detti!“ rief Nea ihr hinterher. Dann, ohne jede Vorwarnung, sprang sie auf Leyla zu und zog sie in eine enge Umarmung.


„Danke, Nea“, sagte Leyla leise, während sie die jüngere Frau in die Arme schloss.


„Ach was“, entgegnete Nea lächelnd. „Sie hätte dir schon nichts getan. Aber jetzt zu wichtigeren Dingen: Lass uns rausgehen und etwas unternehmen!“ Energisch löste sich Nea aus der Umarmung und begann, an Leylas Arm zu zerren.


Leyla musste lächeln. Neas aufdringliche, aber gleichzeitig liebenswerte Art hatte die Fähigkeit, sie immer wieder aufzumuntern. „Lass uns das morgen machen, okay? Jetzt will ich nur noch ins Bett.“ Ein lautes Gähnen unterstrich ihre Worte, und sie zog ihren Arm sanft aus Neas Griff.


Für einen kurzen Moment wirkte Nea enttäuscht, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf. „Dann komm ich mit! Wir können uns in deinem Bett unterhalten“, verkündete sie freudig und hüpfte auf der Stelle auf und ab.


Seufzend nickte Leyla. Sie wusste, dass es ohnehin sinnlos wäre, zu versuchen, Nea abzuwimmeln. „Ach ja“, begann sie, während sie in Richtung ihres Zimmers gingen, „wo ist eigentlich Bunj? Sonst ist er immer im Wohnzimmer und begrüßt mich.“


Bunj, die Nummer Drei der Kopfgeldjäger, war derjenige gewesen, der Leyla in die Einheit geholt hatte. Für sie war er wie eine Vaterfigur, jemand, auf den sie sich verlassen konnte, und der immer ein offenes Ohr für sie hatte.


„Ach so, Bunj ist auf einen Auftrag geschickt worden“, erklärte Nea beiläufig. „Der wird erst mal außerhalb sein.“


Leyla ließ enttäuscht die Schultern sinken. Die Aufträge der Kopfgeldjäger konnten Monate dauern, und sie hatte eigentlich geplant, endlich mit Bunj zu trainieren. Doch in den letzten Wochen war immer etwas dazwischengekommen, und jetzt war er erst einmal weg.


„Aber keine Angst, Leyley, ich bin ja noch bei dir. Dir wird nicht langweilig, das verspreche ich!“ Stolz klopfte sich Nea auf die Brust und strahlte Leyla an.


Leyla schüttelte leicht den Kopf und schmunzelte schwach. „Ja… langweilig wird mir mit dir sicher nicht.“



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—PLATSCH—


Leyla tauchte in das angenehm kühle Wasser ihres Schwimmbeckens ein. Ihr eigenes Bad war ein Luxus, den sie jeden Morgen auskostete. Vor allem nach Abenden wie dem vergangenen; Nea hatte bis tief in die Nacht mit ihr geredet und war schließlich neben ihr eingeschlafen.


Mit langsamen, gleichmäßigen Bewegungen zog Leyla ihre Bahnen. Das Wasser umhüllte sie wie ein stiller, beruhigender Mantel und bot eine Ruhe, die sie nur selten fand. Gedanken an ihre Freunde und die Welt außerhalb der Kaiserstadt zogen durch ihren Kopf. Sie wollte reisen, das Kaiserreich entdecken, doch solange sie keinen Auftrag hatte, war sie an diesen Ort gebunden.


Nachdem sie aus dem Becken gestiegen war, ließ sie sich Zeit beim abtrocknen und anziehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen durch die hohen Fenster und verliehen dem Morgen eine sanfte, friedliche Atmosphäre.


Leyla trat nach draußen in den Garten des Anwesens. Die Sonne schien warm auf ihre Haut, und der leichte Duft von frisch geschnittenem Gras lag in der Luft. Während sie gemächlich durch die gepflegten Wege spazierte, führte ihr Weg sie zum Trainingsplatz der Kopfgeldjäger.


Sie schloss die Augen und ließ ihr Mana durch ihren Körper fließen. Eine sanfte Vibration durchzog sie, als sie spürte, wie sie mit dem Boden und der Erde unter ihren Füßen verschmolz. Anfangs hatte sie nur einfachen Stein mit ihrer Magie manipulieren können, doch mit der Zeit waren Metalle hinzugekommen – eine Fähigkeit, die sie in langen Trainingsstunden mit Yaga gemeistert hatte.


Bunj hatte ihr erklärt, dass Erdmagie auch als Naturmagie bekannt war. Sie ermöglichte nicht nur die Kontrolle über festes Gestein, sondern auch die Interaktion mit Pflanzen und Tieren. Doch letztere waren für Leyla noch eine Herausforderung. Das Leben anderer Lebewesen zu berühren, erfordert ein Feingefühl, das sie erst zu entwickeln begann. Dennoch war es ein Ziel, das sie nicht aus den Augen verlieren wollte.


Die Zeit verstrich, während sie konzentriert trainierte. Der Boden unter ihr verformte sich in kleinen, kontrollierten Bewegungen, als würde die Erde selbst auf sie hören. Leyla spürte die Stärke, die in ihr wuchs, aber auch die Geduld, die diese Magie verlangte.


Nachdem sie vorerst genug geübt hatte, machte sie sich auf den Weg zurück ins Anwesen, wo das Frühstück bereits auf sie wartete. Doch bevor sie den Eingang erreichte, bemerkte sie eine Gestalt in der Ferne. Eine schwarze Frau in weißen Kleidern näherte sich mit anmutigen, entschlossenen Schritten – Yang.



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„Dich habe ich gesucht“, sagte Yang, ihre Stimme freundlich und doch distanziert. Ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen, während sie neben einem kleinen Gartenteich stehen blieb. Mit einer dezenten Geste bedeutete sie Leyla, sich zu ihr zu gesellen.


Leyla, die bei ihren ersten Begegnungen mit Yang kaum ein Wort herausgebracht hatte, fühlte sich inzwischen deutlich sicherer in ihrer Gegenwart. Der anfängliche, erdrückende Respekt vor Yangs Macht war einer ruhigeren Haltung gewichen.


„Was kann ich für dich tun?“, fragte sie und verneigte sich leicht.


Yang ließ ihren Blick über das flache Wasser gleiten, das von einer sanften Brise bewegt wurde. Der Duft der umliegenden Blumen hing in der Luft, und die friedliche Szenerie brachte Leyla eine unerwartete Ruhe.


„Ich habe einen Auftrag für dich“, verkündete Yang schließlich und richtete ihren Blick direkt auf Leyla.


Ihre Augen, ein tiefes Dunkelbraun, waren faszinierend – es hieß, dass sie im Kampf golden leuchteten. Yangs weißes Kleid, elegant und hochwertig, passte mehr zu einer noblen Dame als zu einer Kriegerin. Doch Leyla wusste, dass es keine Rolle spielte, was Yang trug. Sie konnte jede Kleidung tragen, ohne dadurch im Kampf eingeschränkt zu sein, und sie sah in allem zudem makellos aus.


Die Aussicht auf ihren ersten Auftrag ließ Leylas Herz schneller schlagen. Endlich konnte sie die Kaiserstadt verlassen und sich beweisen.


„Was ist das denn für ein Auftrag?“, fragte sie vorsichtig, bemüht, ihre Neugier zu verbergen.


Yang musterte Leyla einen Moment, bevor sie antwortete. „Ein adliger Graf, Regis von Marsten, betreibt seit Jahren illegalen Sklavenhandel. Kürzlich hat er die Tochter eines anderen Adligen an Sklavenhändler in Garnime verkauft. Damit ist er zu weit gegangen. Deine Aufgabe ist es, ihn und seine beiden Söhne zu töten.“


Leyla atmete erleichtert aus. Obwohl sie als Kopfgeldjägerin jeden Auftrag hätte ausführen müssen, war dies eine Mission, die sie ohne moralische Bedenken übernehmen konnte.


„Regis von Marsten…“, dachte sie nach. Plötzlich schossen Erinnerungen an ihre eigene Gefangenschaft in den Kerker der Sklavenhändler in ihren Kopf. Damals hatte man ihr gesagt, sie sei an diesen Adligen verkauft worden. Wäre Liam nicht rechtzeitig gekommen, hätte sie vermutlich dasselbe Schicksal wie das adlige Mädchen ereilt. Sie erschauderte bei dem Gedanken.


Bevor sie weiter in ihren Gedanken versinken konnte, wurde die friedliche Atmosphäre durch eine aufgeregte Stimme zerrissen.


,,Yaya!!!’’


Nea, die schwarzhaarige, energiegeladene Kopfgeldjägerin, stürmte auf Yang und Leyla zu. Sie wollte Yang um den Hals fallen, wurde jedoch plötzlich auf den Boden geschmettert.


Leyla hatte keinen Angriff bemerkt – keine Regung, kein Anzeichen von Magie. Dennoch lag Nea auf dem Boden. Sie rappelte sich jedoch direkt wieder auf und klopfte sich Erde von ihrem Kleid.


„Das war gemein, Yaya“, schmollte sie, wobei ihre Augen verrieten, dass sie es nicht ernst meinte.


„Ich habe dir schon oft gesagt, dass du mich nicht berühren sollst. Und nenn mich bei meinem richtigen Namen“, erwiderte Yang kalt. Doch für einen kurzen Moment schimmerte ein Hauch von Freude in ihrem Gesicht.


„Also, was macht ihr beiden hier ohne mich?“, fragte Nea und lehnte sich spielerisch gegen Leyla.


„Ich habe meinen ersten Auftrag erhalten!“ verkündete Leyla stolz.


Neas Augen weiteten sich vor Begeisterung, und sie fiel Leyla um den Hals. „Das ist ja großartig! Worum geht’s denn?“


Bevor Leyla antworten konnte, ergriff Yang das Wort. „Sie wird einen Adligen in den Mittellanden töten. Und du wirst sie begleiten – zur Kontrolle und Anleitung. Du greifst nur ein, wenn es wirklich nötig ist.“


Leyla konnte ihren Ohren kaum trauen. Nicht nur, dass sie endlich ihren ersten Auftrag erhielt – Nea würde sie begleiten. Ein Gefühl der Vorfreude durchströmte sie. Die Aussicht, Nea an ihrer Seite zu haben, machte die bevorstehende Mission noch aufregender. Sie konnte es kaum erwarten, sich zu beweisen.

 
 
 

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