Kapitel 74 - Flammen im Schatten der Dreispitzen
- empirewebnovel
- 3. Feb. 2025
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Aktualisiert: 13. Feb. 2025

Ein Klopfen ließ Leyla aus ihrem Schlaf aufschrecken. Noch etwas benommen rieb sie sich die Augen und blinzelte in das warme, gelbe Licht der Morgensonne, das durch die Vorhänge ihres Schlafzimmers drang. Der Raum war friedlich, doch das weitere Klopfen an der Tür riss sie zurück in die Realität.
Neben ihrem Bett stand ihr Reisebeutel, ordentlich gepackt und bereit für das Abenteuer, das vor ihr lag. Sie hatte sorgfältig ihre Kunstutensilien ausgewählt – Zeichenblock, Stifte und Farben –, denn sie wollte die Zeit außerhalb der Kaiserstadt nutzen, um die Landschaften festzuhalten. Neben den künstlerischen Utensilien hatte sie auch eine detaillierte Karte der Region, ein paar Bücher zur Unterhaltung und Wechselkleidung eingepackt.
Ein Trinkschlauch, ein Taschendrache und ein Schlafsack durften natürlich nicht fehlen; schließlich war sie eine Abenteurerin, auch wenn Nea ihr versichert hatte, dass sie jeden Abend in den Gasthäusern des Kaiserreichs übernachten könnten. Doch Leyla sehnte sich nach der Natur, nach den Sternen über ihrem Kopf und dem Rascheln der Blätter im Wind.
Ihre weitere Ausrüstung bestand aus einer leichten, schwarzen Rüstung und einem neuen Schwert, einem Geschenk von Nea. Bisher konnte Leyla bereits kleinere Gegenstände wie Dolche, Scheren oder sogar Löffel mit ihrer Magie erschaffen. Doch ihr Ziel war es, eines Tages sowohl ihre Rüstung als auch ihr Schwert aus dem Nichts mithilfe ihrer Magie zu manifestieren. Wenn sie diese Technik beherrschen würde, wäre sie nie wieder unbewaffnet oder ungeschützt. Doch bis dahin war es noch ein weiter Weg.
„Herein!“, rief Leyla, ihre Stimme noch etwas verschlafen. Die Tür öffnete sich leise, und Nyphe, Neas persönliche Dienerin, trat ein. Sie war eine junge Frau mit freundlichen Augen und einem zurückhaltenden Lächeln, das Respekt ausstrahlte.
„Die edle Miss Nea hat mich gebeten, Euch Frühstück zu bringen“, sagte Nyphe mit einer leichten Verbeugung. Sie schob einen kleinen Rollwagen ins Zimmer, auf dem eine Auswahl an Speisen und Getränken angerichtet war.
„Das ist lieb von dir“, antwortete Leyla und setzte sich aufrecht im Bett auf. Der Duft von frischem Brot und Kaffee erfüllte den Raum, und ihr Magen knurrte leise. Sie hatte am Vorabend nichts gegessen und war mit einem leeren Magen aufgewacht. „Was gibt es denn?“
„Als Getränke haben wir Wasser, Milch, Kaffee, Tee oder Fruchtsaft“, erklärte Nyphe mit einer sanften Stimme. „Und als Speisen gibt es Brot mit verschiedenen Aufstrichen, frische Früchte, gekochte Eier und Kuchen.“
Leyla spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Sie konnte sich nicht entscheiden, also lächelte sie Nyphe an und sagte: „Ich hätte gerne Wasser und ein bisschen von allem, bitte.“
Nyphe nickte und begann, das Frühstück auf dem Nachttisch zu arrangieren. Mit einer letzten Verbeugung verließ sie das Zimmer, den Wagen leise hinter sich herziehend. Leyla sah ihr nach, dankbar für die Fürsorge, und wandte sich dann dem reichhaltigen Frühstück zu.
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Die Pferde waren ein atemberaubender Anblick. Ihr Fell leuchtete in einem hellen Feuerrot, als wäre es von der Sonne selbst gefärbt, und ihre Mähnen schienen aus lebendigen Flammen zu bestehen. Ihre Augen funkelten wie glühende Kohlen, und Leyla musste unwillkürlich schlucken, als sie sie betrachtete. Solche Pferde hatte sie noch nie gesehen – sie waren majestätisch und furchteinflößend zugleich.
„Willst du dir eins aussuchen, Leyley?“, rief Nea mit einem schelmischen Grinsen. Sie hing lässig von einem Ast herab, ihre lila-schwarzen Augen funkelten vor Begeisterung, und ihr langes, schwarzes Haar wehte im Wind. Niemand, der sie zum ersten Mal sah, hätte in ihr eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin vermutet. Sie wirkte wie ein junges Mädchen, zart und unbeschwert, als gehöre sie nicht in diese Welt aus Klinge und Blut.
Doch Leyla wusste es besser. Nea war stark, frei von Skrupel und gnadenlos, wenn es darum ging, ihre Ziele zu erreichen. Sie hatte keine Angst, und sie hatte kein Erbarmen mit denen, die ihr im Weg standen. Trotzdem bewunderte Leyla sie. Nea war immer fröhlich, immer voller Energie, und sie hatte die Fähigkeit, selbst in den dunkelsten Momenten ein Lächeln auf Leylas Gesicht zu zaubern.
Leyla trat näher an die Pferde heran und strich vorsichtig über das Fell des kleineren Tieres. Es fühlte sich weich an, fast wie normales Pferdefell, trotz des feurigen Aussehens. Das eine Pferd war größer und muskulöser, während das andere schlanker und agiler wirkte. Sie blickte den Tieren in die Augen, erfasste ihre Energie und entschied sich schließlich.
„Ich will das hier!“ verkündete sie und griff nach den Zügeln des kleineren Pferdes. „Wie soll ich dich nennen?“ flüsterte sie ihm zu, während sie ihm sanft über den Kopf strich. Sie wollte einen Namen, der seinem Aussehen gerecht wurde – einen, der das Funkeln in seinen Augen, das feurige Fell und die flammende Mähne würdigte. Nach einem Moment des Nachdenkens lächelte sie.
„Brand. Du heißt Brand.“
Während Leyla ihr Gepäck am Sattel von Brand befestigte, drehte sie sich zu Nea um. „Wollen wir aufbrechen?“ rief sie.
„Au ja, ich freue mich schon sooo seeehr auf die Reise!“ jubelte Nea und ließ sich vom Baum fallen. In der Luft drehte sie sich elegant und landete geschmeidig auf dem Boden. Sie verbeugte sich übertrieben vor einem imaginären Publikum und rannte dann freudig auf Leyla zu.
Leyla musste schmunzeln. Es war das erste Mal seit einem halben Jahr, dass sie wieder durch die Natur reisen würde, und mit Nea an ihrer Seite würde es sicherlich ein Abenteuer voller Spaß und Überraschungen werden.
Doch für einen kurzen Moment spürte sie einen Stich im Herzen, als Erinnerungen an ihre alte Abenteurergruppe hochkamen – an Liam, Roxy, Fer und Himmel. Sie schüttelte den Kopf und vertrieb die Gedanken. Sobald sie ihren Auftrag erledigt hatte, würde sie nach ihnen suchen. Doch jetzt war es Zeit, sich auf die Reise zu freuen.
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Als die beiden das Westtor der Kaiserstadt verließen, sah Leyla lange Schlangen von Menschen, Oni und Elfen, die geduldig vor einem Wachposten warteten. Sie hatte schon davon gehört, dass es schwierig war, in die Hauptstadt des Kaiserreichs zu gelangen, und so wunderte sie sich nicht weiter darüber. Die strengen Kontrollen waren ein Zeichen der Macht und Sicherheit, die das Kaiserreich ausstrahlte – auch wenn sie für viele Reisende eine Herausforderung darstellten.
Die beiden Pferde, Brand und Neas feuriger Begleiter Zenit, waren unglaublich schnell, deutlich schneller als gewöhnliche Pferde. Leyla schätzte, dass sie bereits am Abend die Larifen erreichen würden, das östliche der beiden großen Gebirge des Kontinents. Auf Himmel hätte sie für dieselbe Strecke mindestens fünf Tage gebraucht, zu Fuß sogar mehrere Wochen. Und obwohl sie auf Brand schneller war, vermisste sie es auf Himmel zu reiten. Die mächtigen Berge zeichneten sich bereits am Horizont ab, während sich die goldenen Felder des Herzlandes wie ein endloses Meer vor ihnen ausbreiteten.
„Also, Leyley, was ist dein Plan?“ fragte Nea, während sie lässig auf dem Sattel ihres Pferdes stand. Sie war die ganze Zeit schon so geritten, hatte zwischendurch Handstände gemacht und sogar ein paar Tanzbewegungen ausprobiert. Ihre Energie schien unerschöpflich, und ihre Freude an der Reise war ansteckend.
Nea war zwar als Begleiterin dabei, doch ihre Rolle war mehr die einer Mentorin, die Leyla die Feinheiten ihrer Arbeit beibringen sollte.
„Hmm“, überlegte Leyla laut. „Ich denke, ich werde erst einmal nach Eisenberje reisen. Zuerst werde ich mir die Grafschaft genauer ansehen und die Stärke der Wachen einschätzen.“
Eisenberje war ein kleines Dorf südlich der Stadt Schneeburg, im Norden der Mittellande gelegen. Es befand sich in der Grafschaft Berje, nur wenige Kilometer von der Burg des Grafen entfernt.
„Sobald ich seine Verteidigungen kenne, werde ich in seine Burg eindringen und sowohl ihn als auch seine beiden Söhne töten“, fuhr Leyla fort. „Falls es Sklaven oder andere Gefangene gibt, werde ich sie befreien.“
Erwartungsvoll blickte sie zu Nea, die sich nachdenklich das Kinn rieb und dann nickte. „Klar, so kannst du das natürlich auch machen.“
Leyla hob eine Augenbraue. „Wie würdest du es denn angehen?“
Neas Gesicht hellte sich auf, als hätte sie nur darauf gewartet, dass Leyla sie nach ihrem Plan fragen würde. „Ich würde natürlich direkt zur Burg gehen und ihn dort umbringen“, erklärte sie mit einem breiten Grinsen. „Geht schneller und ist weniger aufwendig.“ Sie schlug ein paar Mal in die Luft, als würde sie einen unsichtbaren Gegner niederschlagen.
Leyla musste schmunzeln. Genau das hatte sie von Nea erwartet. Der Ansatz war einfacher, ja, aber das Risiko, dass Unbeteiligte in Mitleidenschaft gezogen werden könnten, war groß. Leyla wollte nur diejenigen töten, die es verdient hatten, und nicht eine Person mehr. Vielleicht war das der Unterschied zwischen ihr und den anderen neun Kopfgeldjägern.
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Am Abend erreichten sie den Dreispitzenpass und schlugen ihr Nachtlager auf. Der Dreispitzenpass war einer der sieben legendären Gebirgspässe, die einst von einem mächtigen Magier in die Berge geschlagen worden waren. Sein Name stammte von den drei gewaltigen Bergriesen, die ihn umgaben: Karyl, Weißspitz und Dharai. Jeder dieser Berge gehörte zu den zwanzig höchsten des gesamten Kaiserreichs, und ihre schneebedeckten Gipfel ragten majestätisch in den dunkel werdenden Himmel.
Ihr Lager befand sich an einem klaren Fluss, der aus dem Gebirge herabfloss und sich in einen stillen See ergoss. Das Wasser plätscherte leise, und das Knistern des Lagerfeuers erfüllte die Luft. Die Flammen warfen tanzende Schatten über den Boden, und der Duft von gebratenen Pilzen und Kräutern hing in der kühlen Abendluft.
Leyla saß am Feuer und löffelte genüsslich ihre Pilzsuppe, die sie in einem Dorf in der Nähe gekauft hatte. Das gelegentliche Schnauben oder Scharren der Pferde beruhigte sie und erfüllte ihr Herz mit Wärme.
„Warum hast du darauf bestanden, im Freien zu schlafen, Leyley?“ fragte Nea, die bereits in ihrem Schlafsack lag und sich eng an Leyla kuschelte. Ihre Augen waren auf das Feuer gerichtet, und ihr Gesicht wirkte im flackernden Licht sanft und nachdenklich.
Leyla stellte ihre Suppenschale ab und drehte sich zu ihrer Freundin. „Ich liebe es, nachts im Freien zu sein“, antwortete sie mit einem Lächeln. „Wenn ich den Sternenhimmel über mir sehe, fühle ich mich frei und unabhängig.“ Sie zögerte einen Moment und überlegte, ob sie Nea von Roxy und Liam erzählen sollte, entschied sich dann aber dagegen. Diese Reise war ihre Chance, sich zu beweisen, und sie wollte sich erstmal darauf konzentrieren.
„Achso“, sagte Nea und gähnte herzhaft. „Macht mir ehrlich gesagt nichts aus.“ Sie schloss die Augen und kuschelte sich tiefer in ihren Schlafsack. „Lass uns schnell schlafen gehen, dann können wir früher wieder aufbrechen.“
Leyla lachte leise und trank den Rest ihrer Suppe aus. Dann schlüpfte sie in ihren eigenen Schlafsack und schloss zufrieden die Augen. Die Stille der Nacht umhüllte sie, und der Geruch von Holzrauch und frischer Bergluft beruhigte ihre Gedanken.
„Ob es hier wohl Monster gibt?“, murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Nea. Doch ihre Freundin schien sie gehört zu haben.
„Bestimmt“, antwortete Nea mit verschlafener Stimme. „Aber die nähern sich uns nicht. Monster spüren, wenn sie einem stärkeren Monster gegenüberstehen.“
„Monster? Wir sind doch keine Monster“, kicherte Leyla leise. Doch Nea antwortete nicht mehr, und Leyla nahm an, dass sie bereits eingeschlafen war.
„Bald“, dachte sie, während sie in den funkelnden Sternenhimmel blickte, „bald kann ich nach Roxy, Liam und Himmel suchen. Bald finde ich heraus, wie es ihnen geht.“



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