Kapitel 75 - Wenn Winde zu Stürmen werden
- empirewebnovel
- 3. Feb. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 14. Feb. 2025

Der Dreispitzenpass schlängelte sich wie ein dünnes Band durch die gewaltigen Berge. Leyla konnte ihr Staunen kaum unterdrücken. Jeder Blick auf die schroffen Felsen, die schneebedeckten Gipfel und die tiefen Täler, ließ sie aufs Neue begeistert aufatmen. Die Larifen waren in ihren Augen noch beeindruckender als der Teil der Hamalien, den sie einst bereist hatte. Die malerische Schönheit der Berge erfüllte sie mit einem Gefühl von Ehrfurcht und Abenteuer.
„Ein Sturm zieht auf“, bemerkte Nea, die im Schneidersitz auf Zenit saß und den klaren Himmel musterte. „Aber wir sollten bis dahin die Mittellande erreicht haben.“
„Meinst du?“ fragte Leyla skeptisch. „Bisher sind doch kaum Wolken zu sehen.“
„Da kannst du mir vertrauen, ich kenn mich damit aus!“ antwortete Nea selbstbewusst und streckte ihr zur Bestätigung ihren erhobenen Daumen entgegen.
Leyla ließ ihren Blick über den Himmel schweifen. Der Himmel war grau-blau, nur vereinzelt von weißen Wolken durchzogen, die wie zarte Schleier am Firmament hingen. Es war ein warmer Tag, und die wenigen Vögel, die in diesen Höhen lebten, sangen ihre melodischen Lieder. Die Ruhe der Natur war fast schon beruhigend, dennoch vertraute sie Neas Worten.
„Wie kämpfst du eigentlich?“ fragte Leyla plötzlich, während sie ihre Freundin musterte. Es war seltsam, dass sie sich noch nie darüber unterhalten hatten, obwohl sie schon so vertraut waren.
„Indem ich stärker bin, natürlich!“ verkündete Nea mit einem breiten Grinsen. Sie musste Leylas Augenrollen bemerkt haben, denn sie fügte hinzu: „Gegen die meisten kämpfe ich mit purer Kraft. Gegen die wenigen, die respektable Gegner sind, benutze ich entweder Feuer-, Wasser- oder Windmagie.“
„Du beherrscht drei Elemente?“ fragte Leyla, ihre Stimme voller Begeisterung. Liam hatte ihr einmal erklärt, dass nur die wenigsten Magier mehr als ein Element beherrschten. Selbst er, der Feuer-, Licht- und Wassermagie nutzen konnte, war nur auf dem Gebiet der Feuermagie wirklich geübt.
„Ne, beherrschen tu ich alle sechs Grundelemente“, antwortete Nea beiläufig, als wäre dies das Normalste auf der Welt. Leyla konnte kaum glauben, was sie da hörte. „Nun, wahrscheinlich ist es auch genau das in ihren Augen“, dachte sie.
„Das heißt Feuer-, Wasser- oder Windmagie sind deine stärkeren?“ fragte Leyla nach, immer noch fasziniert.
„Am stärksten ist meine Lichtmagie“, erklärte Nea stolz. „Meine Erdmagie und Schattenmagie sind dafür nicht ganz so stark.“ Ihre Augen glitzerten, als sie davon sprach, und Leyla konnte spüren, wie viel Freude es ihr bereitete, ihre Fähigkeiten zu teilen.
Leyla war beeindruckt, doch gleichzeitig spürte sie einen leisen Stich der Traurigkeit. Würde sie jemals ein anderes Element beherrschen? Die Frage ließ sie nicht los, während sie weiter durch die Berge ritten und sich unterhielten.
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Die ersten Regentropfen prasselten auf den Boden, und ein kühler Wind fegte über die Hügellandschaft hinweg. Der Himmel, der noch vor kurzem klar gewesen war, hatte sich nun in ein dunkles, bedrohliches Grau verwandelt. Leyla und Nea hatten ihre Pferde an einem Baum angebunden und ein Lager aufgeschlagen. Obwohl es noch Nachmittag war, hatten sie sich entschieden, hier am Rande der Berge Schutz vor dem aufziehenden Sturm zu suchen.
„Siehst du, Leyley, ich hatte Recht!“ jubelte Nea, während sie neben dem geschützten Vorsprung, unter dem Leyla saß, im Regen tanzte. Ihr Lachen war so unbeschwert, als wäre der Sturm nicht mehr als ein laues Lüftchen.
„Jaja, du hattest ja Recht“, antwortete Leyla und musste unwillkürlich lachen. Sie konnte nicht anders, als Nea für ihre unerschütterliche Fröhlichkeit zu bewundern, selbst inmitten eines aufziehenden Unwetters.
Das gelegentliche Donnern in der Ferne kündigte den nahenden Sturm an. Leyla ließ ihren Blick über die grünen Mittellande schweifen. Obwohl sie diesen Teil der Region noch nie bereist hatte, fühlte sich der Ort irgendwie vertraut an – fast wie ein Stück Heimat. Wo mochten Roxy und Liam jetzt sein? Ihre Gedanken wurden von einem grellen Blitz unterbrochen, der wie eine zarte Linie durch den dunklen Himmel zog.
„Du, Nea?“ fragte Leyla leise, während sie sich zu ihrer Freundin umdrehte.
„Ja, Leyley?“ antwortete Nea und setzte sich neben sie. Ihre nassen Haare lehnten an Leylas Schulter, ihre Nähe war mittlerweile ruhig, vertraut.
„Wenn wir mit dem Auftrag durch sind, würde ich gerne noch etwas in den Mittellanden erledigen“, begann Leyla zögernd. Sie war unsicher, wie sie die Frage formulieren sollte, die ihr seit Stunden im Kopf herumgeisterte. „Willst du mich begleiten?“
Es war den Kopfgeldjägern gestattet, vor, während und nach den Aufträgen in den jeweiligen Gebieten zu bleiben, solange sie auf Abruf bereitstanden. Doch ob Nea dazu Lust hatte?
„Blöde Frage, na klar!“ antwortete Nea grinsend und piekste Leyla spielerisch in die Wange. „Worum genau geht…“
Plötzlich verstummte sie mitten im Satz. Ihr Körper spannte sich an, und ihre Augen wurden schmal. „Was ist los?“ fragte Leyla überrascht.
„Da kommt etwas“, flüsterte Nea, ihre Stimme war jetzt hart und ernst. „Ich kann die Mordlust spüren.“
Leyla sprang auf und spähte unter dem Vorsprung hervor. Sie blickte sich um, doch sie konnte nichts entdecken. Gerade wollte sie sich zu Nea umdrehen und fragen, ob sie sicher war, als…
—KAWAMM—
Ein ohrenbetäubender Knall ließ Leyla zusammenzucken. Gleichzeitig wurde sie von gleißendem Licht geblendet. Sie konnte nichts sehen, doch sie spürte eine gewaltige Druckwelle, die sie durch die Luft schleuderte. Schmerz breitete sich in ihrem ganzen Körper aus, und die Luft wurde ihr aus den Lungen gerissen. Dann traf sie ein Tritt in den Rücken. Sie spürte, wie ihre Knochen brachen, während sie hoch in den Himmel geschleudert wurde.
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„Was zur Hölle?“ fluchte Leyla, während ihre Augen sich langsam von dem grellen Licht erholten. Ihr linker Arm hing schlaff herab, und sie spürte ihre Beine nicht mehr. Panik stieg in ihr auf, als sie verzweifelt versuchte, ihren Fall mit ihrer Magie abzubremsen. Doch nichts geschah. „Wieso klappt das nicht?“ dachte sie verzweifelt.
Als ihr Sehvermögen langsam zurückkehrte, erkannte sie das Problem sofort. Sie fiel nicht – sie flog, unkontrolliert, immer höher in Richtung der Wolken. „Also kann ich keine Erdmagie so hoch in der Luft wirken? Scheiße…“, murmelte sie, während die Realisierung auf sie einschlug.
Ihre Verzweiflung wuchs. Ohne ihre Magie war sie praktisch schutzlos. Ihr Schwert war anscheinend im Sturm aus der Scheide gerissen worden. Ihre Schulter war gebrochen, ebenso wie mehrere Rippen. Jeder Atemzug schmerzte, und ihre Gedanken rasten.
„Ich spüre meine Beine nicht mehr…“, flüsterte sie. Sie blickte nach unten, und ihr Herz setzte einen Schlag aus. Ihre Beine waren weg. Von ihrem Bauch abwärts war alles verschwunden. Ihr Unterkörper war verkohlt und rauchte, als wären ihre Beine einfach weggebrannt.
—AHHHHH—
Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle, ihre Augen weit aufgerissen vor Entsetzen. Der Schock und der Schmerz überwältigten sie, und sie spürte, wie ihr Bewusstsein langsam schwand. Da ertönte eine Stimme, so laut und durchdringend, dass es ihr Trommelfell fast zerfetzte.
,,Endlich ist die Stunde gekommen, da wir uns begegnen, o Jüngerin. Verzeihet, aber euer Leben findet hier sein Ende.’’
Leylas Sicht verschwamm immer mehr, und die Dunkelheit kroch an den Rändern ihres Blickfelds heran. Doch inmitten des Chaos erkannte sie eine Gestalt in der Luft – einen großen Mann mit gewaltigen gelben Flügeln, gekleidet in eine goldene Rüstung, die im grellen Licht des Sturms glänzte. Und dann sah sie es: zwei große Hörner auf seinem Kopf.
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Verzweifelt blickte Nea in den Himmel, wo Leylas Körper immer kleiner wurde, bis er fast in den Wolken verschwand. Hinter ihr jagte eine Gestalt wie ein Blitz durch die Luft, so schnell, dass Nea kaum folgen konnte. Sie wusste, wer das war. Sie wusste auch, dass sie gegen ihn keine Chance hatte. Warum war er hier? Das sollte eigentlich unmöglich sein.
Tränen stiegen in ihre Augen, und die Mauer, die sie immer um den Abgrund in ihrer Seele gebaut hatte, begann zu bröckeln. Sie spürte, wie ihre Hände zitterten und ihr Atem schneller wurde. Sollte sie hinterherfliegen? Nein, in diesem Sturm wäre sie nicht in der Lage, vernünftig zu fliegen – geschweige denn zu kämpfen.
Ihre Lippen begannen zu beben, und ihre Brust hob und senkte sich immer schneller. Nea fiel auf die Knie, und die Tränen strömten unaufhaltsam über ihre Wangen. Sie hatte lange nicht mehr geweint. Doch hier war sie, und sie weinte um die Frau, die als erste seit Jahrhunderten ihre Freundin geworden war. Die erste, die ihr Herz in einer halben Ewigkeit wirklich berührt hatte.
„Ich… ich werde dich finden“, schluchzte sie, ihre Augen starr auf den Himmel gerichtet. Dann schrie sie aus vollem Herzen: „LEYLA, ICH WERDE DICH FINDEN!“ Ihre Stimme hallte über die Hügel, doch sie wurde vom Donner des Sturms verschluckt. Leiser, fast wie ein Gebet, fügte sie hinzu: „Also bitte… bitte stirb nicht…“



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