Kapitel 76 - Eine Blume aus der Endlosen Wüste
Aktualisiert: 15. Feb. 2025

Das Herzogtum Kries, im Südosten des Kontinents gelegen, war ein Ort, an dem die Zukunft der Menschen oft schon bei ihrer Geburt entschieden war. Hier schien das Leben selbst in der unbarmherzigen Umarmung der Wüste eingeschlossen zu sein.
Die Endlose Wüste, die fast das gesamte Herzogtum bedeckte, ließ nur wenig Raum zum Überleben. Nur an den verstreuten Oasen lagen kleine Menschensiedlungen, wie zerbrechliche Inseln in einem Meer aus Sand und Hitze. Diese Oasen waren die Lebensadern der Region, doch sie konnten nur wenige ernähren.
Die Menschen lebten in ständiger Unsicherheit. Die Kaiserstadt schenkte der Region kaum Beachtung, und so war das Leben ein Kampf, von Tag zu Tag, von Regenzeit zu Regenzeit. Für die meisten war ein Leben in Armut unausweichlich. Die Kindersterblichkeit war hoch, und selbst wer die ersten Jahre überlebte, hatte wenig Aussicht auf eine bessere Zukunft.
Junge Erwachsene, erfüllt von Träumen und Hoffnung, versuchten immer wieder, der Wüste zu entkommen. Ihr Ziel waren die blühenden Handelsstädte im Westen, wo das Leben leichter schien. Doch nur wenige überstanden die beschwerliche Reise. Deshalb blieben die meisten in den kleinen Dörfern, in denen sie geboren worden waren, gefangen in einem Kreislauf aus Entbehrung und Resignation.
Eines dieser Dörfer war Kanorn.
Kanorn lag im Süden des Herzogtums, geschützt im Zentrum dreier Oasen. Das Klima war milder als in anderen Teilen der Wüste, und in der Nähe wuchs eine reiche Ansammlung von Krautkakteen – eine der wenigen Nahrungsquellen, die die Wüste bot.
Das Leben war eintönig, aber es war erträglich. Die Menschen lebten von dem Wasser der Oasen, dem Fleisch der Kakteen und der wenigen Tiere, die in dieser lebensfeindlichen Region existieren konnten. Kanorn war ein Ort, an dem die Bewohner sich an die harten Bedingungen der Natur angepasst hatten, wo sie einander halfen, um gemeinsam zu überleben. Hier war das Leben ein Balanceakt, der auf jeder Seite von der Wüste bedroht wurde.
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Es war ein heißer Tag in Kanorn, und die Sonne brannte erbarmungslos auf das Dorf hinunter. Die Bewohner lagen in ihren Häusern oder im Schatten der Palmen, um der Hitze zu entfliehen. Die Luft flimmerte über dem staubigen Sandboden, und selbst die Palmen schienen unter der Last der Hitze zu seufzen.
[???] ,,Großvater, hast du’s schon gehört? Heute soll ein Händler aus Welldyl durch das Dorf kommen!’’
Der alte Mann öffnete langsam seine Augen und richtete seinen müden Blick auf seine aufgeregten Enkeltochter. Er lag gegen eine Palme gelehnt, sein Gesicht von den Jahren gezeichnet, und hatte bis eben seinen Mittagsschlaf gehalten. Sein Atem war schwer, als ob selbst das Atmen anstrengend wäre.
„Lass mich schlafen, Taliba“, murrte er mit rauer Stimme und machte eine wegwischende Geste mit der Hand, als wollte er das Mädchen vertreiben. Seine Bewegungen waren träge, aber bestimmt.
„Aber Großvater, wir werden endlich wieder neue Waren erhalten“, drängte Taliba, ihre Stimme vor Vorfreude bebend. „Neue Kleidung, Früchte und Ausrüstung!“ Sie kniete sich neben ihn und begann, an seinem Bein zu rütteln, als könnte sie ihn so aus seiner Lethargie reißen.
Der Mann stieß sie unsanft weg und drehte sich zur Seite, sein Gesicht verfinsterte sich. „Du bist doch nur so aufgeregt, weil du hoffst, dass er dich mitnimmt“, sagte er mit einem Unterton von Verachtung und Sorge.
„Das stimmt nicht!“ protestierte sie heftig, ihre Wangen erröteten sich vor Empörung. „Ich will nur von seinen Geschichten hören. Ich will wissen, wie es in den großen Städten ist!“
Jetzt rappelte sich ihr Großvater auf, seine Augen funkelten voller Zorn und… Traurigkeit. „Du wirst dieses Dorf nicht verlassen!“ rief er mit einer Stimme, die vor Emotionen bebte. „Beide deine Eltern sind dem gleichen Traum hinterhergejagt.“ Die Faust traf Taliba mitten ins Gesicht, und sie fiel unsanft zu Boden. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie presste die Hand gegen ihre Wange.
„Jetzt geh mir aus den Augen!“ brüllte er. „Bleib im Haus, du wirst nicht mit dem Händler reden, haben wir uns verstanden?“
Taliba schluckte ihre Tränen hinunter, stand auf und ging mit gesenktem Kopf ins Haus. „Das ist so unfair…“ schluchzte sie, als sie sich auf ihr Bettlager warf. Ihre Hände gruben sich in die groben Decken.
Doch dann hörte sie, wie es draußen lauter wurde. Stimmen mischten sich mit dem Klirren von Waren und dem Lachen der Dorfbewohner. Der Händler war da.
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Leise schlich Taliba aus dem Haus. Ihr Herz pochte so laut, dass sie fürchtete, es könnte sie verraten. Vorsichtig warf sie einen Blick zu ihrem Großvater, der einige Meter weiter unter der Palme lag, sein Atem ruhig und gleichmäßig. Sie zögerte einen Moment, dann rief sie mit gedämpfter Stimme: „Großvater?“
Ihre Worte waren laut genug, dass er sie hören konnte, wenn er wach war, aber leise genug, um ihn nicht zu wecken, falls er bereits eingeschlafen war. Sie wartete angespannt auf eine Reaktion, doch als keine kam, atmete sie erleichtert auf und lief in Richtung der Stimmen, die aus dem Zentrum des Dorfes drangen.
Einige Leute hatten sich um einen großgewachsenen Mann versammelt, der im Schatten einer alten Palme saß. Er war fast vollständig in Tücher gehüllt, nur sein Mund, der zu einem freundlichen Lächeln verzogen war, und seine kräftigen, verstaubten Hände waren sichtbar. Hinter ihm stand ein Karren, der von zwei Wüstenhörnern gezogen wurde.
Wüstenhörner waren eine besondere Art von Pferden, die in der glühenden Hitze der Wüste überleben konnten. Ihr magisches Horn kühlte ihren Körper stark ab und stillte teilweise ihren Wasserbedarf. Sie waren bei Händlern und Reisenden in der Wüste sehr beliebt.
Auf dem Karren stapelten sich die Waren des Mannes: Kisten mit exotischen Früchten, bunten Kleidern und anderen Schätzen, die die Neugier der Dorfbewohner weckten. Taliba schlich sich von hinten an den Karren heran, bemüht, kein Geräusch zu machen, das die Aufmerksamkeit auf sie lenken könnte. Schnell und unauffällig kletterte sie auf den Wagen und schlüpfte unter einen Berg aus Decken. Dort blieb sie regungslos liegen, ihr Atem flach, doch ihr Herzschlag ging schnell.
Nach einigen Stunden, in denen die Dorfbewohner ihren Wissensdurst gestillt und ihre Vorräte aufgefüllt hatten, setzte sich der Wagen ratternd in Bewegung. Taliba musste sich zurückhalten, um nicht in Jubel auszubrechen.
Seit ihre Eltern ihr von den grünen Landen im Westen, den großen Städten und dem köstlichen Essen erzählt hatten, hatte sie davon geträumt, diesem trostlosen Leben zu entfliehen.
Vor einigen Jahren waren ihre Eltern aufgebrochen, in Richtung Welldyl, und hatten Taliba bei ihrem Großvater zurückgelassen. „Wartet nur, Papa, Mama“, flüsterte sie unter den Decken, ihre Stimme kaum hörbar trotz der Aufregung. „Ich werde zu euch kommen!“
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Alles in Talibas Kopf drehte sich. Die Hitze der Nachmittagssonne, das fehlende Trinken und das Gewicht der Decken, das auf sie drückte, wurden ihr langsam zu viel. Ihr Mund war trocken, und ihr Kopf fühlte sich mit jedem Herzschlag schwerer an. Was sollte sie jetzt tun? Sie hatte geplant, bis Welldyl versteckt zu bleiben, aber langsam hielt sie es nicht mehr aus.
Vorsichtig krabbelte sie unter den Decken hervor und blickte in das fast vollständig bedeckte Gesicht des Händlers. Seine Augen musterten sie mit einer Mischung aus Überraschung und Neugier.
„Wer bist du? Und was machst du in meinem Wagen?“ fragte er. Seine Stimme war rau, aber Taliba konnte auch einen Hauch von Freundlichkeit und Sorge darin erkennen.
„Ähm…“ stammelte Taliba. Was sollte sie jetzt sagen? Ihre Gedanken rasten, während sie versuchte, eine plausible Erklärung zu finden.
„Sag bloß, du bist aus Versehen in den Wagen geklettert?“ fragte der Händler und schüttelte den Kopf. „Soll ich nochmal umdrehen und sie zurückbringen?“ sprach er, offensichtlich mehr zu sich selbst als zu Taliba, und kratzte sich nachdenklich am Kopf.
„Ich will mit nach Welldyl kommen!“ platzte es aus Taliba heraus. Dann fügte sie leiser hinzu, fast flehend: „Kann ich bitte mit nach Welldyl kommen?“
Der Händler hielt einen kurzen Moment inne, als würde er ihre Worte abwägen. Doch dann brach er in Gelächter aus. „Nach Welldyl? Du? Wie alt bist du, zehn?“ fragte er grinsend und zog sich die Tücher vom Kopf. Ein vernarbtes Gesicht kam zum Vorschein, und seine Augen leuchteten ihr neugierig entgegen.
„Ich bin vierzehn!“ rief Taliba empört. „Meine Eltern sind in Welldyl, ich will zu ihnen…“
Der Mann schüttelte den Kopf, immer noch ungläubig. „Und da kletterst du einfach in den Wagen eines Fremden? Was, wenn ich ein schlechter Mensch wäre? Was, wenn ich nicht genug Essen dabei hätte?“
Das hatte Taliba nicht bedacht. Sie senkte den Blick und murmelte: „Naja, aber du hast so freundlich gelächelt…“
„Jetzt hör mal zu“, sagte der Händler ernst. „Nicht jeder, der freundlich wirkt, ist es auch.“ Er ließ seinen Blick über Taliba wandern, als würde er ihre Entschlossenheit prüfen. Schließlich seufzte er. „Na gut, von mir aus. Ich nehme dich mit nach Welldyl.“
„Da…“ begann Taliba, doch der Händler sprach weiter. „Aber pass auf: Auf dem Weg werden wir in einigen Dörfern Halt machen. Da musst du dich versteckt halten, verstanden?“
Taliba nickte eifrig, ihr Herz schlug ihr bis zum Hals. Sie würde bald ihre Eltern wiedersehen!
„Noch etwas“, sagte der Mann und schenkte ihr ein knappes Lächeln. „Wie ist dein Name?“
„Taliba“, antwortete sie. „Und wie heißt du?“
,,Freut mich Taliba. Ich bin Nadeem.’’
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„Du kannst wieder herauskommen, Taliba“, sagte Nadeem mit weicher Stimme. Als Taliba sich unter den Decken hervorarbeitete, hielt er ihr einen Schlauch mit Wasser und eine grüne, ihr unbekannte Frucht hin. Seine Augen waren noch immer freundlich, aber auch ein wenig besorgt.
„Danke“, murmelte sie und trank gierig aus dem Schlauch. Das kühle Wasser erfrischte ihren trockenen Hals, und sie spürte, wie ihre Kraft langsam zurückkehrte.
Die beiden waren mittlerweile mehrere Monate unterwegs – eine viel längere Zeit, als Taliba gedacht hatte. Sie war von ein bis zwei Tagen ausgegangen. Die Wüste war einer trockenen Steppe gewichen, und sie hatten am Morgen den Sangfluss überquert, der vom Norden in das Meer floss, und im Süden mündete. Die Landschaft hatte sich verändert, und Taliba spürte, dass sie ihrem Ziel immer näher kam.
„Heute Nacht kommen wir dann in Welldyl an“, sagte Nadeem und tätschelte ihren Kopf, bevor er sich auf den Kutschersitz setzte. „Weißt du, wo du dann deine Eltern finden kannst?“
„Ne, das nicht“, antwortete Taliba mit vollem Mund, während sie genüsslich an der grünen Frucht kaute. „Aber ich bin mir sicher, das wird schon. Ich werde einfach alle Häuser absuchen.“
Nadeem seufzte und schüttelte den Kopf. „Hör mal, Taliba. Du kannst nicht einfach jedes Haus durchsuchen, das ist verboten.“ Er sah sie ernst an, als wollte er sichergehen, dass sie ihn verstand. „Welldyl ist auch viel zu groß dafür.“
„Wirklich?“ fragte Taliba skeptisch. In Kanorn konnte man einfach in die Häuser reinschauen. Warum sollte das in Welldyl nicht auch so sein?
„Ja, wirklich“, bestätigte Nadeem mit Nachdruck.
„Ich lass mir schon was einfallen!“ verkündete Taliba dennoch zuversichtlich. Die Wüste zu durchqueren war der erste Schritt gewesen – was würde da eine Stadt schon noch ausmachen?
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Nach einigen Stunden kamen die beiden bei einem weiteren Fluss an. Die Sonne stand tief am Himmel und tauchte das Wasser in ein goldenes Licht.
„Von hier aus reiten wir nach Süden, entlang des goldenen Flusses“, erklärte Nadeem, während er erschöpft auf den Kutschersitz zurückfiel. „Und dann sind wir schon in Welldyl.“
Taliba beobachtete begeistert die Schiffe, die auf dem breiten Fluss entlangfuhren. Sie konnte kaum das andere Ufer erkennen, so weit war es entfernt. Die Welt schien hier so viel größer und lebendiger zu sein als in ihrem kleinen Dorf.
Einige weitere Stunden vergingen, mittlerweile war es dunkel geworden, und langsam begann sich vor ihr eine riesige Stadt abzuzeichnen. Die Häuser ragten in den Himmel, deutlich höher als alles, was sie je gesehen hatte, und Menschenmassen strömten über die Straßen. Der Lärm, die Gerüche und die Farben überwältigten sie.
„So groß…“ flüsterte Taliba, ihre Augen weit aufgerissen vor Staunen.
Der Wagen hielt an, und Nadeem sprang herunter. „Warte kurz, ich komme gleich wieder“, sagte er, bevor er zu einem Mann ging, der Pfeife rauchend gegen eine Wand gelehnt stand.
Taliba rückte etwas näher, um das Gespräch belauschen zu können. Ihre Neugier siegte über die Müdigkeit, die sie bat, sich auszuruhen.
„Gute Neuigkeiten, Igor“, hörte sie Nadeem sagen. Seine Stimme hatte einen ganz anderen Klang, als sie von ihm gewohnt war – kalt und geschäftsmäßig. „Ich hab dir was Besonderes mitgebracht.“
„Wenns wieder ne Halskette oder son Dreck ist, will ichs nicht haben“, knurrte Igor. Seine Stimme war grob und rau, und Taliba spürte, wie ein kalter Schauer über ihren Rücken lief.
„Ich hab dir ein Mädchen mitgebracht, gerade einmal vierzehn“, entgegnete Nadeem.
Talibas Atem stockte. Was redete Nadeem da? Ihr Herz begann zu rasen, und sie spürte, wie sich Angst in ihr ausbreitete.
„Ein Mädchen? Das is mal n gutes Geschenk. Kann ich sie sehen?“ fragte Igor mit einem hämischen Grinsen.
,,Natürlich, komm mit.’’
Die Schritte der beiden kamen dem Wagen immer näher. Taliba zitterte am ganzen Körper und traf eine Entscheidung. Sie sprang vom Wagen herunter und rannte los, ohne sich umzusehen.
„Hey, bleib hier!“ rief Nadeem ihr hinterher.
Doch bevor sie weit kam, packte eine starke Hand sie an der Schulter und riss sie brutal zurück. Igors andere Hand presste sich auf ihren Mund, und ein ekliger Geschmack von Tabak und Urin drang in ihren Mund. Taliba würgte und versuchte, sich zu befreien, aber ihre Kräfte reichten nicht aus.
Sie wurde in eine enge Seitengasse geschleift und zu Boden gestoßen. Als sie aufblickte, sah sie Nadeem über sich stehen. Er lächelte sie an, allerdings wirkte er nicht wie gewohnt freundlich. Sein Lächeln war kalt und grausam. „Ich hab doch gesagt, nicht jeder, der freundlich wirkt, ist auch ein guter Mensch.“
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Taliba zitterte am ganzen Körper, während Igor sich langsam über sie beugte. Sie versuchte, sich wegzudrehen, doch er packte sie fest am Kinn und zwang ihr einen Kuss auf. Der aufgezwungene Kuss war ekelhaft, und Taliba spürte, wie Tränen in ihre Augen stiegen. Seine andere Hand glitt unter ihr Hemd und wanderte langsam ihren Bauch hinauf. Sie fühlte sich hilflos, wie in einem Albtraum, aus dem sie nicht erwachen konnte.
Warum geschah ihr das? War das die Strafe dafür, dass sie nicht auf ihren Großvater gehört hatte? Sie schloss ihre Augen und gab es auf, sich zu wehren. In diesem Moment spritzte eine warme Flüssigkeit in ihr Gesicht, und das schmerzerfüllte Schreien von Igor riss sie aus ihrer Resignation.
Sie öffnete die Augen und sah einen schlanken, hochgewachsenen Mann mit langen blonden Haaren neben sich stehen. Er trug schwarze Kleidung, und in seiner Hand hielt er eine lange Axt, deren Blatt rot triefte. Igor lag vor ihr auf dem Boden, und Blut breitete sich unter ihm aus.
Taliba wollte flüchten, doch dann erblickte sie die abgetrennten Hände des Mannes, der sie gerade noch angefasst hatte. Sie schrie erschrocken auf, als Nadeem sie plötzlich hochriss. Er drückte ein Messer gegen ihren Hals, seine Hand zitterte stark.
Der Mann mit der Axt hatte sich ihnen zugewandt und ging langsam auf sie zu. Seine Bewegungen waren ruhig und bedrohlich zugleich.
„I-Ich warne dich…“ rief Nadeem mit zitternder Stimme. „Wenn du näher kommst, b-bringe ich sie um!“
Der Mann antwortete nicht. Stattdessen griff seine linke Hand unter seinen Mantel und schleuderte mit einer schnellen Bewegung einen Dolch auf Taliba und Nadeem. Der Dolch flog haarscharf an Taliba vorbei und bohrte sich in Nadeems Hals. Nadeems Messer fiel klirrend zu Boden, und er sackte ohne ein weiteres Wort zusammen.
Taliba starrte verzweifelt auf die Leichen. „B-Bitte nicht…“ schluchzte sie, während Tränen Igors Blut von ihrem Gesicht wuschen.
„Hab keine Angst, Mädchen“, sagte der Mann mit harter Stimme. „Mein Name ist Leonhardt, und ich habe nicht vor, dir wehzutun.“ Seine Worte waren kühl und ohne jede Spur von Freundlichkeit, aber für Taliba klangen sie ehrlich.
Von der Erschöpfung übermannt, sackte Taliba zu Boden, doch Leonhardt fing sie mühelos auf. „Ich bringe dich erstmal in die Gaststätte“, sagte er ruhig. „Dort kannst du in Ruhe schlafen.“



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