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Kapitel 79 - Der Herzog und die Jüngerin

Nudeln mit Garnelen, dazu eine cremige Käsesauce und eine Prise frischer Kräuter. Leyla starrte auf ihr Frühstück und seufzte leise.


„War ja klar, dass Paul mir so etwas servieren lässt“, dachte sie missmutig, während sie mit der Gabel in den dampfenden Nudeln herumstocherte. Doch nach dem ersten Bissen musste sie sich eingestehen, dass es tatsächlich köstlich war. Unwillkürlich huschte ein Schmunzeln über ihre Lippen. So gutes Essen aß sie sonst nur in der Kaiserstadt.


Das Zimmer, das Paul für sie hatte einrichten lassen, war ebenso luxuriös wie das Frühstück. Ein weiches Himmelbett, edle Möbel und kunstvolle Wandteppiche – der ganze Raum strahlte eine erzwungene Opulenz aus, die ihr ein wenig unangenehm war. Dennoch hatte sie gut geschlafen, bis tief in den Nachmittag hinein. Nach dem Aufstehen hatte sie sich ein langes Bad gegönnt, das ihre Erschöpfung zumindest in Teilen linderte.


Nun saß sie in dem weitläufigen Speisesaal des Herzogspalastes und genoss den letzten Bissen ihres Mahls.


Paul hatte ihr ausrichten lassen, dass er sie nach dem Essen in seinem Arbeitszimmer empfangen würde.


Leyla ließ ihren Blick durch den Saal schweifen. Der Palast von Malyl stand dem Hauptquartier der Kaiserlichen Kopfgeldjäger in nichts nach – beeindruckend und voller Prunk. Überall waren kunstvolle Statuen, vergoldete Wandgemälde und teure Teppiche, die so rein wirkten, als wären sie noch nie betreten worden.


„Ein bisschen übertrieben“, murmelte sie, bevor sie sich innerlich ermahnte. Es war Paul. So war er nun einmal.


Bevor sie sich zu ihm begab, ging sie ihre Fragen noch einmal durch:


Was ist mit Roxy und Liam passiert? Wo sind sie? 


Was weiß Paul über Regis van Marsten? Was gibt es an wichtigen Informationen über Berje?


Und wer, verdammt noch mal, war dieser Donnerkrieger?


Leyla lehnte sich zurück, rieb sich zufrieden über den Bauch und streckte sich ausgiebig. „Ahh, das tat gut“, seufzte sie, bevor sie sich aus dem Stuhl erhob. Es wurde Zeit, sich den Antworten zu stellen. Mit entschlossenen Schritten machte sie sich auf den Weg zu Pauls Arbeitszimmer.



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„Hat das Essen dir gemundet?“, fragte Paul, als Leyla in sein Arbeitszimmer trat. Er saß hinter einem schweren Schreibtisch, umgeben von Büchern und Dokumenten. Die Tür stand offen, und Leyla hatte nicht angeklopft – sie war einfach eingetreten. 


Ihr war klar, dass es manche Adlige gab, denen sie trotz ihrer Position Respekt entgegenbringen sollte, und wenn es nur war um daraus einen Vorteil zu ziehen. Paul de Coteau war kein solcher Adliger.


„Ja, es war lecker“, antwortete Leyla knapp, während sie sich im Raum umsah. Die Wände waren mit teuren Gemälden geschmückt, und das Licht der Nachmittagssonne fiel durch hohe Fenster. „Ich habe ein paar Fragen an dich.“


Paul schmunzelte, klappte das Buch in seiner Hand zu und stand auf. Seine Bewegungen waren elegant, fast schon theatralisch. „Wenn mich die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin darum bittet, kann ich wohl nicht anders, als sie zu beantworten.“


Leyla warf ihm einen überraschten Blick zu. „Wie? Hast du erwartet, ich würde ablehnen?“ fragte er mit einem schelmischen Grinsen.


Das hatte Leyla nicht erwartet. Sie hätte erwartet, dass er eine Gegenleistung fordern würde. 


„Wobei, eigentlich war er früher auch schon so…“ dachte sie.


„Dann würde ich gerne wissen, wo…“ begann Leyla, doch Paul unterbrach sie, bevor sie den Satz beenden konnte.


„Lass uns doch etwas durch das Anwesen gehen, während wir uns unterhalten“, schlug er vor und ging bereits an ihr vorbei, ohne auf eine Antwort zu warten. Er schritt fröhlich vor ihr her, als wäre dies ein ganz normaler Spaziergang.


Leyla folgte ihm, etwas ungeduldig, und versuchte erneut, ihre Fragen zu stellen. „Weißt du, was mit Liam und Roxy ist?“


Paul hob die Augenbrauen, als würde er über die Namen nachdenken. „Roxy war doch die Rothaarige, oder? Zu der weiß ich nichts.“ Er blieb vor einer großen, gläsernen Fassade stehen und blickte Leyla an. „Was deinen Elfen angeht… Der ist mit einigen Söldnern zur Kaiserstadt aufgebrochen. Wahrscheinlich, um dich zu retten.“


Leylas Herz machte einen Sprung. Liam war losgezogen, um sie zu retten? Einerseits freute sie sich darüber, andererseits wäre es ein Himmelfahrtskommando gewesen. Liam hätte sie niemals befreien können – das wusste sie nur zu gut.


,,„Und wo ist er jetzt?“ fragte sie vorsichtig, zögernd.


Paul zuckte mit den Schultern. „Nun, wer weiß? Vielleicht in der Kaiserstadt? Vielleicht aber auch wo ganz anders.“ In seiner Stimme lag eine gewisse Freude, die Leyla nicht übersah, aber sie beschloss, sie zu ignorieren.


Zumindest wusste sie jetzt, dass Liam lebte. Das war ein gutes Zeichen, auch wenn sie sich in den letzten Monaten etwas entfremdet gefühlt hatte.


„Gut, dann meine nächste Frage“, sagte Leyla und holte tief Luft. „Was kannst du mir über Regis van Marsten verraten?“



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„Du möchtest was über meinen Vasallen wissen? Wie kommt das?“ fragte Paul verschmitzt. Leyla konnte ihm ansehen, dass er den Grund wahrscheinlich kannte – oder zumindest erahnte.


„Das kann ich nicht sagen“, entgegnete sie knapp. Es war ihr nicht verboten, über ihre neue Arbeit zu sprechen, aber sie wollte möglichst wenige Personen hineinziehen – und vor allem Paul auf Distanz halten.


„Nun, dann kann ich dir leider auch nichts über den Grafen sagen. Tut mir leid“, sagte Paul mit einem theatralischen Schulterzucken.


Leyla ballte die Faust. Seine selbstgefällige Art brachte sie auf die Palme. „Ich habe den Auftrag erhalten, ihn zu töten. Reicht dir das?“ fragte sie zähneknirschend.


Paul klatschte in die Hände, als hätte er gerade eine großartige Neuigkeit gehört. „Natürlich tut es das, Leyla.“ Er richtete seinen Blick auf das alte Schloss in der Ferne, das mittlerweile die Magierakademie, das Hauptquartier der Abenteurergilde und die große Bibliothek beherbergte. „Wir sind doch Freunde, da kannst du ruhig offener sein.“


Leyla warf ihm einen bösen Blick zu, doch Paul fuhr ungerührt fort. „Wie dem auch sei. Graf van Marsten ist ein selbstsüchtiger, arroganter Mann. Er tut, was ihm gefällt, und nimmt sich alles, was er begehrt.“


So hatte sich Leyla ihn bereits vorgestellt. Mit den Informationen, die Yang ihr gegeben hatte – und durch die Gefangenschaft, in der sie fast an ihn verkauft worden war –, entsprach dies genau dem Bild, das sie in ihrem Kopf von ihm gezeichnet hatte.


„Er hat zwei starke Leibwachen“, fuhr Paul fort. „Einer von ihnen ist ein Oger namens Glorb, die andere ist eine Schattenläuferin namens Jakira.“


„Schattenläuferin?“ wiederholte Leyla. Den Namen hatte sie noch nie gehört.


„Die Schattenläufer sind ein fast ausgestorbenes Volk“, erklärte ihr Paul. „Sie können sich lautlos bewegen, im völligen Dunkel sehen, und manche von ihnen können sogar mit Schatten verschmelzen. Nachdem einst ein Schattenläufer den Sohn des Kaisers getötet hatte, wurden sie fast komplett ausgelöscht. Sie werden zwar nicht mehr aktiv verfolgt, trotzdem sind ihre Zahlen so gering, dass man sie so gut wie nie antrifft.“


Leyla wunderte sich, warum sie davon nichts in den Büchern gelesen hatte, die ihr in der Gefangenschaft des Kronprinzen zur Verfügung standen.


„Wenn du mir einen Hinweis für meinen Auftrag geben würdest, welcher wäre das?“ fragte sie Paul.


„Hmm“, überlegte er kurz. „Du solltest von deiner reinen Stärke her ohne Probleme mit ihnen fertig werden. Allerdings könnte Jakira ein Problem für dich werden.“


Leyla nickte kurz. „Danke, dann weiß ich genug, denke ich.“ Sie hatte schon eine Idee, wie sie mit der Assassine fertig werden könnte.


Doch dann stellte sie noch eine letzte Frage, von der sie sich keine Antwort erhoffte, aber es kostete sie schließlich nichts, sie zu stellen. „Ich habe einen Donnerkrieger getroffen, der mit Blitzen geworfen hat. Er hatte Hörner und gelbe Flügel.“


Paul schien einen Moment nachzudenken. Dann erhellte sich sein Gesicht. „Oh, ich glaube, ich weiß, von wem du sprichst. Komm mal mit.“



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Paul führte Leyla zu einem Raum, der noch prunkvoller wirkte als alle anderen, die sie bisher im Schloss gesehen hatte. Es schien der Empfangsraum des Herzogs zu sein. Ein roter, kunstvoll verzierter Teppich bedeckte den gesamten Boden, und um einen massiven Tisch herum standen Stühle, die mit rotem Samt bezogen waren. Doch das bemerkenswerteste an dem Raum war das große Gemälde an der Wand.


Leylas Blick blieb förmlich daran haften. Das Ölgemälde zeigte einen dramatischen Kampf zwischen einem roten Drachen und einem gehörnten Mann mit gelben Flügeln. „Das gibt’s doch nicht…“ murmelte Leyla überrascht, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern.


„Ist das derjenige, von dem du gesprochen hast?“ fragte Paul neugierig, während er ihre Reaktion beobachtete.


„J-Ja, das ist er“, stammelte Leyla. „Warum gibt es ein Gemälde von ihm?“


Paul schien plötzlich ganz aufgeregt. „Das ist Bläsk, der Erzdämon von Donner und Blitz.“


Ein Erzdämon? Die sollte es doch eigentlich nicht mehr geben – zumindest hatte sie das immer geglaubt.


„Und dem bist du begegnet? Sicher?“ fragte Paul ungläubig, als könne er es selbst kaum fassen. In seinem Gesicht blitze etwas auf, das Leyla schwer deuten konnte.


Sie nickte langsam und setzte sich auf einen der Stühle. Sie brauchte einen Moment, um Luft zu holen und das alles zu verarbeiten. „Er hat mich fast getötet…“ murmelte sie schließlich. „Er war so unfassbar mächtig…“ Ihre Gedanken rasten. Warum hatte ein Erzdämon sie angegriffen? Er hatte sie eine „Jüngerin“ genannt. Wessen Jüngerin? Hatte er sie verwechselt?


Sie musste unbedingt mehr über ihn herausfinden. Wenn er sie noch einmal ohne Vorwarnung angreifen würde, musste sie vorbereitet sein. Sie wollte gerade Paul weiter wegen Bläsk ausfragen, als...


–KLIRR–


...plötzlich das große Glasfenster zersprang.


 
 
 

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