top of page

Kapitel 80 - Zwischen Scherben und Seiten

Nachdem Leyla im Sturm verschwunden war und sich das Wetter beruhigt hatte, war Nea in Richtung Malyl aufgebrochen. Nicht, weil sie Leyla dort vermutete, sondern weil sie von dort aus die Stadtwachen nutzen wollte, um nach ihr zu suchen. Die Pferde hatte sie zurückgelassen – schließlich war sie fliegend schneller.


Während sie durch die Lüfte glitt, ließ Nea ihren Blick über die grüne Landschaft unter ihr schweifen. Die Häuser zogen wie winzige Punkte an ihr vorbei, während sie unermüdlich nach Leyla Ausschau hielt. Die Verzweiflung, die sie vor einigen Stunden noch fast überwältigt hatte, war nun wieder tief in ihrem Herzen verschlossen.


Als am Horizont die Stadt Malyl auftauchte, ließ Nea sich langsam zu Boden gleiten. Den Rest des Weges würde sie zu Fuß zurücklegen. Sie landete sanft am Stadtrand und machte sich sofort auf den Weg zum Herzogspalast. Sie würde Paul de Coteaus Hilfe verlangen – er hatte die Ressourcen, die sie brauchte, um Leyla zu finden.


Doch als sie sich dem Schloss näherte, fiel ihr Blick auf einen der prunkvollen Räume im vierten Stock. Durch die große Glasscheibe konnte sie den Herzog erkennen – und direkt neben ihm stand Leyla. Nea zögerte keine Sekunde. Ohne nachzudenken, schoss sie auf das Fenster zu.


—KLIRR—


Mit einem lauten Klirren durchbrach Nea die Glasscheibe und landete mitten auf dem großen Tisch im Raum. Glasscherben flogen durch die Luft und verteilten sich über den gesamten Boden. Der Raum war erfüllt von dem scharfen Geräusch zersplitternden Glases und dem Echo ihres Aufpralls.



--------------------------------------------------------------------------



Überrascht blickte Leyla in das Gesicht ihrer Freundin. Sie war sprachlos, ebenso wie Paul, der mit aufgerissenen Augen auf das verwüstete Zimmer starrte. Glasscherben lagen überall verstreut, und der rote Teppich war mit Splittern übersät.


„Hey Leyley, es geht dir gut!“ rief Nea freudig und fiel Leyla um den Hals. Ihre Stimme war voller Erleichterung. „Hat der Herzog dich eingesperrt? Soll ich ihn für dich töten?“


Leyla musste lachen und tätschelte Nea den Kopf. „Nein, er hat mich nicht eingesperrt“, sagte sie scherzhaft. „Aber du kannst ihn trotzdem ruhig beseitigen.“


Nea schien den Sarkasmus nicht verstanden zu haben, denn sie wandte sich direkt Paul zu. Sie hob ihre rechte Hand, und weißes Licht begann in ihrer Handfläche zu glühen. Paul stolperte rückwärts gegen die Wand und hob seine Arme zur Abwehr. „W-Warte!“ stammelte er, seine Gelassenheit war wie weggeblasen.


Doch bevor Nea etwas unternehmen konnte, zog Leyla sie zu sich. „Das war doch nur ein Spaß, Nea“, lachte sie und warf Paul einen entschuldigenden Blick zu. Insgeheim hatte sie den Anblick des ängstlichen Paul genossen, aber das behielt sie für sich.


„Achso, na gut“, antwortete Nea und grinste Leyla wieder an. „Was machst du dann bei dem da?“ Sie zeigte mit dem Finger auf Paul, seinen Rang als Herzog völlig ignorierend.


„Ich habe ihm einige Fragen gestellt“, erklärte Leyla und blickte erneut zu dem Gemälde von Bläsk. „Wusstest du, dass Bläsk derjenige war, der mich angegriffen hat?“


Nea nickte, und ein für sie untypischer ernster Ausdruck trat auf ihr Gesicht. „Ja, ich hab’s geahnt“, sagte sie leise.


„Wie wäre es, wenn ihr beide darüber woanders redet?“ mischte sich Paul ein, der seinen Schock langsam überwunden hatte. Er hatte seine gewohnte Gelassenheit zurückgewonnen, aber seine Stimme klang immer noch ein wenig angespannt. „Ich denke, ihr habt genug von meinem Teppich ruiniert.“


Leyla rollte mit den Augen, aber sie stimmte zu. „Ja, das wäre wahrscheinlich gut. Kommst du, Nea? Ich will dir eine Taverne zeigen.“


„Klar!“ verkündete Nea, ihre Stimmung war wieder ausgelassen. Sie wollte gerade aus dem Fenster springen, als Paul sie am Arm packte.


„Nimm bitte den normalen Ausgang“, sagte er mit einem gequälten Lächeln.


Nea warf ihm einen drohenden Blick zu, doch bevor sie etwas tun konnte, nahm Leyla ihre Hand und zog sie mit sich. Paul würdigte sie dabei keines weiteren Blickes, aber sie hörte noch, wie er ihnen hinterherrief: „Ich hab dir doch gesagt, dass du zu mir kommen würdest. Besuche mich doch gerne wieder!“


Leyla verzog die Lippen. Sie hasste es, dass er Recht gehabt hatte. Und das Wissen, dass sie ihn in Zukunft wahrscheinlich wieder aufsuchen würde, nervte sie.



--------------------------------------------------------------------------



Nea und Leyla saßen in einer abgelegenen Ecke des „Elfenlieds“. Die vertraute Atmosphäre des Ortes weckte in Leyla ein Gefühl von Nostalgie, aber auch von Verlust. Die Wände waren noch immer mit den gleichen alten Wappen geschmückt, und das gedämpfte Licht der Fackeln warf sanfte Schatten auf die Holzbalken.


Leyla aß einen Kartoffelauflauf und trank dazu ein Glas Bier, während Nea sich auf ein Glas Wein konzentrierte. Sie aß nichts, trank dafür aber umso mehr.


„Bist du nicht eigentlich zu jung, um Alkohol zu trinken?“ fragte Leyla und hob skeptisch eine Augenbraue. Klar, Nea war stark und eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, aber das war in Leylas Augen kein Grund, in ihrem Alter schon Alkohol zu trinken.


„Hä, ne, wieso?“ fragte Nea erstaunt und blinzelte mit großen Augen. „Ich bin doch deutlich älter als du. Warum sollte ich keinen Alkohol trinken dürfen?“


„Wie, du bist älter als ich?“ Leyla musste prusten und spuckte einen Schluck Bier über ihr Essen. „Wie alt bist du denn?“ Sie konnte sich einfach nicht vorstellen, dass die niedliche, energiegeladene Nea älter als sie war.


„Sag ich nicht“, antwortete Nea und streckte ihre Zunge heraus, als würde sie beleidigt sein. Ihr Grinsen verriet jedoch, dass sie die Situation genoss.


Leyla seufzte und wusste, dass sie keine Antwort von Nea bekommen würde. Also wandte sie sich einem anderen Thema zu. „Bläsk hat mich eine Jüngerin genannt. Weißt du, was er damit gemeint haben könnte?“


Nea überlegte und legte ihren Kopf schief, als würde sie tief in ihren Gedanken graben. „Nöö, keine Ahnung“ sagte sie schließlich und leerte ihr Weinglas in einem Zug. Ohne zu zögern, schenkte sie sich direkt das nächste ein.


„Aber sag mal, Leyla“, begann Nea und stützte ihren Kopf auf eine Hand. „Wie konntest du eigentlich ohne Verletzungen überleben?“


Leyla zögerte. Sollte sie Nea von den Kerzen erzählen? Es wäre gut, eine Vertraute zu haben, aber sie wusste nicht, wie Nea reagieren würde. Leyla vertraute ihr, das war keine Frage. Doch die Kerzen waren kein Geheimnis, das sie einfach so teilen wollte – oder sollte.


„Das…“ begann sie zögerlich. „Das weiß ich nicht…“


„Na gut, wenn es dir einfällt, sag Bescheid“, erklärte Nea grinsend und widmete sich ihrem nächsten Weinglas. Ihre lockere Art war sowohl beruhigend als auch ein wenig frustrierend.


Leyla stocherte in dem Rest ihres Essens herum. Was sollte sie als Nächstes tun? Da fiel ihr der ursprüngliche Grund ein, warum sie damals überhaupt nach Malyl gekommen war. Der Grund, aus dem sie einst die Abenteurergilde ,,Graue Federn’’ gegründet hatte. Die Bibliothek!



--------------------------------------------------------------------------



„Nur mit Genehmigung“, murrte einer der beiden Wachen, die den Eingang zur Bibliothek versperrten.


Leyla grinste. Ohne zu zögern zog sie das Amulett der Kopfgeldjäger unter ihrem Mantel hervor. Der Wachmann riss überrascht die Augen auf, während sein Kollege sich rasch zur Seite bewegte.


„Verzeiht, Edle Kopfgeldjägerin“, sagte er hastig und verneigte sich leicht. „Tretet bitte ein.“


Zufrieden schritt Leyla an ihnen vorbei, das triumphierende Gefühl in ihrer Brust kaum unterdrückend. Noch vor einem halben Jahr war sie hier abgewiesen worden – bedeutungslos, eine einfache Abenteurerin, ohne jegliches Ansehen. Doch jetzt konnte sie Türen öffnen, die ihr früher verschlossen geblieben waren.


Der sanfte Duft von altem Pergament und Tinte schlug ihr entgegen, als sie durch die massiven Türen trat. Ein Meer aus Bücherregalen erstreckte sich vor ihr, bis weit unter das hohe, von Kronleuchtern erhellte Gewölbe. Mehr als zwanzig Meter ragten die Regale in die Höhe, gesäumt von schmalen Wendeltreppen und schwebenden Plattformen, die von den Bibliothekaren genutzt wurden.


„Wow“, flüsterte Leyla ehrfürchtig. Sie drehte sich langsam um die eigene Achse, während ihr Blick durch die gewaltigen Regalreihen wanderte.


So viele Bücher…


„Wie soll ich denn da das richtige finden?“ Sie konnte ja kaum alle lesen.


[???] ,,Guten Tag, Edle Miss Leyla. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?’’


Leyla fuhr herum und entdeckte die Sprecherin: eine Frau mit geschmeidigen Bewegungen, grünen Augen und Katzenohren, die aufmerksam zuckten. Ihr Fell war von einem wunderschönen Hellblau und sah so weich aus, dass Leyla sie fast reflexartig geknuddelt hätte. Ihr Gesicht hatte runde, katzenhafte Züge, und lange Schnurrhaare bebten leicht, als sie sprach.


Eine Filina. Das Katzenvolk von den fernen Sommerinseln war im Kaiserreich eine Seltenheit.


„Du kennst mich?“ fragte Leyla überrascht.


Die Filina lächelte, und ihre Schnurrhaare sprangen bei der Bewegung leicht auf und ab. „Natürlich. Ihr seid eine besondere Person.“


Leyla hob skeptisch eine Augenbraue.


„Ich möchte mich vorstellen“, fuhr die Filina fort und verneigte sich mit katzenhafter Eleganz. „Mein Name ist Eroica, und ich bin die Bibliothekarin.“


„Verstehe.“ Leyla entspannte sich. „Dann nehme ich deine Hilfe gerne in Anspruch, Eroica.“ Sie trat einen Schritt näher, verschränkte die Arme und fuhr mit ernster Miene fort: „Ich suche Bücher über die Erzdämonen.“

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page