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Kapitel 83 - Die Hoffnung stirbt im Sand

Tränen rannen über Talibas kleines Gesicht, während sie in der dunklen Ecke des Raumes kauerte. Ihre dünnen Arme umschlangen ihre Knie, ihr Körper zitterte, nicht nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Anfangs hatte sie geglaubt, gerettet worden zu sein. Leonhardt hatte sie vor dem Tod bewahrt, hatte ihr Schutz versprochen. Doch nun, nach knapp zwei Wochen in seiner Obhut, war aus der anfänglichen Erleichterung bittere Enttäuschung geworden.


Und Angst.


Die ersten Tage hatte er sich freundlich gezeigt. Er hatte ihr Essen gebracht, sanft mit ihr gesprochen und ihr geschworen, dass er sie beschützen würde. Seine Stimme hatte beruhigend geklungen, seine Hand auf ihrer Schulter warm und sicher. Doch dann war er gekommen – ein Oni mit heller Haut und kalten Augen. 


Yaga.


Seine Blicke hatten sie durchbohrt, als wäre sie nichts weiter als ein Gegenstand, den er begutachtete. Seine Finger, kalt und unbarmherzig, hatten über ihre Arme, ihr Gesicht, ihren Rücken gestrichen, als würde er nach etwas suchen, das sie nicht verstand. Danach hatte er mit Leonhardt gesprochen – leise, außerhalb ihrer Hörweite. Taliba hatte nicht gehört, was sie gesagt hatten. Aber sie hatte gespürt, dass es nichts Gutes war.


Danach hatte sich alles verändert.


Leonhardt war nicht mehr freundlich. Seine Stimme war nicht mehr sanft. Er redete nicht mehr mit ihr – er befahl. Und er erwartete Gehorsam.


„Steh auf“, knurrte er, wenn sie nach stundenlangem Training zusammenbrach.


„Nochmal“, sagte er, wenn ihr Schwert zu langsam war.


„Hör auf zu heulen, Taliba. In der Welt da draußen wird niemand Rücksicht auf dich nehmen.“


Sie verstand es nicht. Warum zwang er sie zu kämpfen? Warum wollte er, dass sie sich verteidigen konnte? Warum sah er sie nicht mehr als das verängstigte Kind, das sie war? Sie wollte keine Kriegerin werden. Sie wollte nur nach Hause.


Sie schlief auf dem kalten, harten Boden, während die Nächte sie mit ihrer klirrenden Kälte umfingen. Sie bekam nur alle drei Tage eine Mahlzeit – ein Stück Brot, ein paar harte Bohnen, ein Becher Wasser. Und wenn sie es wagte, sich zu beschweren, wenn sie vor Erschöpfung zusammenbrach, wenn ihre Arme nicht mehr in der Lage waren, das Schwert zu halten, dann folgte die Strafe.


Ein Schlag.


Oder zwei.


Oder mehr.


Taliba zog die Beine enger an ihre Brust und vergrub das Gesicht in den Armen. Ihr Körper bebte, ihre Schultern zuckten mit jedem unterdrückten Schluchzen. Sie wollte nicht mehr. Sie wollte fort von hier, weit weg. Aber wohin? Niemand würde sie retten.

Die Hoffnung schwand mit jedem Tag, löste sich auf wie der Sand, der durch ihre Finger rann.



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Taliba konnte die Schritte hören, die durch den Gang vor ihrem Zimmer hallten.


Es war nicht wirklich ein Zimmer, eher eine winzige Kammer, deren einziger Trost in einem schmalen Tisch bestand, auf dem ein Glas mit trockenen Bohnen stand. Diese Bohnen waren eine Belohnung gewesen, weil sie nach dem letzten Training nicht geweint hatte.


Das Traurige daran war nicht, dass so etwas als Geschenk galt, sondern dass Taliba sie tatsächlich brauchte. Sie war ausgehungert, ihr Magen schmerzte mit jedem Atemzug, doch trotzdem hatte sie die Bohnen nicht angerührt. Etwas in ihr sträubte sich dagegen, als würde sie damit zugeben, dass sie sich an diesen Ort gewöhnt hatte – als wäre es eine Kapitulation.


Ihr Herz pochte bis in ihren Hals, als die Schritte näher kamen. Schweiß sammelte sich in ihren Handflächen. Doch diese Schritte waren anders als die, die sie fürchtete. Sie waren leicht, fast vorsichtig. Es waren nicht die schweren, bedrohlichen Tritte von Leonhardt, die den Boden erbeben ließen. Auch nicht die gleichmäßigen, kühlen Schritte von Yaga, die stets wie eine unheilvolle Ankündigung wirkten.


Diese Schritte waren… sanfter.


—KLOPF—


Taliba zuckte zusammen. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, doch irgendwie schaffte sie es zu flüstern: „Herein…“


Die Tür öffnete sich langsam, und eine junge Frau trat ein.


Sie hatte schwarze Haut, tief wie die Nacht, und lange, glänzende Haare, die bis zu ihrer Taille reichten. Sie trug ein fließendes weißes Kleid unter einer goldbestickten Robe, und ihr Schmuck – goldene Armbänder, filigrane Ohrringe, eine zierliche Halskette – funkelte im schwachen Licht der Kammer. Doch nichts an ihr beeindruckte Taliba so sehr wie ihre Augen.


Sie waren goldfarben. Nicht bloß gelb oder bernsteinfarben – reines, lebendiges Gold, das wie zwei Sonnen in ihrem Gesicht leuchtete.


„Hallo, Taliba“, sagte die Fremde mit einer sanften, freundlichen Stimme. „Mein Name ist Raya. Es freut mich sehr, dich kennenzulernen.“


„Hallo…“ Taliba flüsterte kaum hörbar. Sie fühlte sich seltsam klein vor dieser Frau. Sie schien in etwa so alt wie Taliba selbst zu sein, doch es lag eine Ruhe, eine Selbstsicherheit in ihrer Haltung, die fast kaiserlich wirkte.


„Ich entschuldige mich für das Verhalten von Leonhardt und Yaga“, fuhr Raya fort, während sie sich langsam näherte. Ihre Stimme war warm, beruhigend. Sanft, aber nicht unsicher.


Taliba blinzelte verwirrt. Entschuldigen? Wieso sollte sich jemand entschuldigen? War diese Frau wirklich Teil dieser Gruppe?


Und wenn sie es war – wusste sie dann, was Taliba hier durchmachte?


„Du weißt wahrscheinlich nicht, wer wir sind“, sagte Raya, als hätte sie ihre Gedanken gelesen.


„Deswegen möchte ich dir das erklären.“ Sie setzte sich auf den Rand des kleinen Tisches, auf dem die Bohnen standen, und faltete die Hände im Schoß. „Wir sind der Orden der Goldenen Sonne. Unser Ziel ist es, das Gleichgewicht in der Welt zu erhalten. Und du, meine liebe Taliba, bist der Schlüssel, um unser Ziel zu erreichen.“


Taliba starrte sie an. Ein Schlüssel? Sie?


„Du siehst verunsichert aus“, bemerkte Raya mit einem sanften Lächeln. „Aber ich verspreche dir, dass es bald Sinn ergeben wird. Bis dahin bitte ich dich, durchzuhalten.“


Durchhalten?


Taliba spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Wusste Raya überhaupt, wovon sie sprach? Wusste sie, was „durchhalten“ für Taliba bedeutete? Kannte sie die erbarmungslosen Nächte auf dem kalten Steinboden? Die zehrenden Hungerqualen? Die pochenden Schmerzen nach einem Training, das keine Rücksicht auf ihren schwachen Körper nahm?


Sie wollte etwas sagen, wollte ihr widersprechen – doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken.


Raya schien es zu spüren. Ihr Blick wurde weicher. „Wenn ich etwas für dich tun kann, dann sag es mir einfach.“


Taliba schluckte schwer. Es fühlte sich an wie ein Test, wie eine Falle. Aber wenn es keine war…


„Ich… ich würde gerne in einem Bett schlafen… und mehr zu essen bekommen“, stammelte sie schließlich. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.


Nervös blickte sie Raya an, die wie eine Heilige auf sie wirkte.


Raya nickte verständnisvoll. Kein spöttisches Lächeln, keine abwertenden Worte. Nur ein einfaches, ruhiges Nicken. „Gut, das ist kein Problem. Komm mit mir.“


Sie streckte Taliba die Hand entgegen.


Taliba sah sie an. Sah ihre schlanken Finger, die leuchtenden Augen. Ihr Instinkt sagte ihr, vorsichtig zu sein – aber ihr Körper gehorchte einem anderen Willen. Zögernd hob sie die Hand und legte sie in Rayas.


Die Berührung war warm. Raya half ihr auf, und zusammen verließen sie die Kammer.


Die Gänge, durch die sie gingen, waren kühl und trocken. Das Licht der Öllampen flackerte auf den groben Sandsteinwänden. Leonhardt hatte Taliba hierhergebracht – in ein Dorf am Rande der Wüste. Die Tage waren heiß, die Nächte eisig. Die Luft roch nach trockenem Holz, nach Staub und Stein.


Endlich blieben sie vor einer Tür stehen. Raya öffnete sie, und Taliba trat ein.


Der Raum war groß. An einer Wand stand ein großes Bett mit weißen Laken. Ein schwarzer Teppich bedeckte den Boden, und auf einer niedrigen Kommode standen eine Wasserschale und ein Teller mit frischem Brot.


„Hier wirst du ab heute schlafen“, sagte Raya mit einem Lächeln. „Leonhardt wird dir einmal täglich Essen geben.“


Taliba konnte kaum glauben, was sie hörte. Ihr Blick huschte von Raya zum Bett, zum Brot. Ihre Finger bebten, als sie eine Hand auf die Matratze legte.


„D-Danke…“


Raya nickte nur. Dann verließ sie das Zimmer, ohne ein weiteres Wort.


Taliba blieb zurück. Allein.


Aber zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie sich nicht verloren.



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Taliba fiel zu Boden, ihre Knie aufgerissen und blutig vom endlosen Training. Der Schmerz pulsierte durch ihre Glieder, aber heute hatte sie es geschafft, länger durchzuhalten als sonst. Das Gespräch mit Raya am Morgen hatte ihr eine innere Kraft gegeben, einen Funken Hoffnung, der sie antrieb. Raya hatte sie gebeten, durchzuhalten – und Taliba wollte sie nicht enttäuschen.


„Steh auf!“ befahl Leonhardt mit einer Stimme, die hart und ohne einen Hauch von Mitgefühl klang. Seine Augen waren kalt, ausdruckslos, als er auf sie herabblickte.


Taliba biss die Zähne zusammen und drückte sich mühsam hoch. Ihre Beine zitterten unter ihrem eigenen Gewicht, doch sie griff nach dem Schwert und hob es erneut. Der Schweiß rann ihr über die Stirn, ihre Hände bebten, doch sie rannte nach vorne, um Leonhardt anzugreifen.


Mittlerweile war sie besser geworden – nicht annähernd stark genug, um ihn ernsthaft zu bedrohen, aber gut genug, um nicht sofort wieder zu Boden geschlagen zu werden. Dennoch war das Training weiterhin gnadenlos. Jeder Schlag forderte ihre Kraft, jeder Schritt raubte ihr mehr Atem. Ihr Körper schrie nach Ruhe, doch ihr Wille zwang sie weiterzumachen.


Nach Stunden, die sich wie eine halbe Ewigkeit anfühlten, endete das Training. Taliba schwankte auf den Beinen, die Muskeln brannten, ihre Sicht war getrübt vor Erschöpfung. Alles, was sie wollte, war einfach nur in ihr Bett zu fallen.


Doch als sie sich auf den Weg zu ihrem Zimmer machen wollte, hielt Leonhardt sie mit einer knappen Handbewegung zurück.


„Dein Essen steht auf dem Tisch“, sagte er kühl und deutete auf eine Schüssel mit Suppe und einem halben Laib Brot, die in der Ecke des Raumes auf einem kleinen Holztisch standen.


Taliba blinzelte überrascht. Essen. Richtige Nahrung. Sie konnte ihr Glück kaum fassen. Ihr Magen krampfte sich bei dem bloßen Anblick zusammen, als wolle er ihr klarmachen, wie lange er schon leer war.


Sie setzte sich schnell hin und begann zu essen. Sie schlang die Suppe hinunter, das lauwarme Brot schmeckte trocken, aber für sie war es ein Festmahl. Sie aß hastig, kaum atmend, als wäre es das Letzte, das sie je bekommen würde.


Leonhardt stand am Rand des Raumes und beobachtete sie schweigend. Seine Arme waren vor der Brust verschränkt, sein Blick undurchdringlich. Taliba spürte, dass er sie ansah, aber sie ignorierte ihn. Sie war zu hungrig, um sich Gedanken darüber zu machen, was er dachte.


Als sie fertig war, stand sie langsam auf und wischte sich den Mund ab. „Danke für das Essen“, sagte sie leise, unsicher, ob sie überhaupt eine Antwort erwarten konnte.


Dann drehte sie sich um, bereit, zu ihrem Zimmer zu gehen. Doch als sie den Raum verließ, spürte sie plötzlich Leonhardts Präsenz hinter sich. Er folgte ihr.


Talibas Herz begann schneller zu schlagen. Warum folgte er ihr? Er hatte ihr nie zuvor nach dem Training nachgestellt.


Sie öffnete die Tür zu ihrem Zimmer und wollte eintreten, doch im letzten Moment legte sich eine starke Hand gegen das Holz und hielt die Tür auf.


„Was? Hast du gedacht, das wäre dein Zimmer?“ fragte Leonhardt mit einem hämischen Grinsen.


Taliba stockte der Atem. Sie drehte sich langsam um, ihr Blick traf seinen.


Etwas in seinem Gesicht ließ ihre Kehle trocken werden.


Dann schubste er sie grob auf das Bett. „Das ist mein Zimmer. Du schläfst ab heute hier.“


Talibas Atem stockte, als Leonhardt die Tür schloss und sich auszog. Sie war unfähig sich zu bewegen oder zu schreien. Seine Hände griffen nach ihr, begannen, sie auszuziehen, und Taliba spürte, wie ihr Körper vor Angst und Schrecken erstarre.


In ihrem Kopf wiederholte sich nur ein einziger Gedanke, ein verzweifelter Wunsch, der immer lauter wurde:


,,Ich wünschte, Nadeem hätte mich getötet…’’

 
 
 

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