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Kapitel 84 - Der goldene Schatten

Aktualisiert: 19. Feb. 2025

Liam betrat die Taverne ,,Schneeweißer Hirsch’’.


Die schwere Holztür knarrte leise hinter ihm, als er eintrat. Sofort umfing ihn die warme, dichte Atmosphäre des Raumes – das Klirren von Bierkrügen, das gedämpfte Lachen der Gäste, der würzige Geruch von gebratenem Fleisch und gewürztem Wein. Das Summen unzähliger Gespräche verschmolz zu einem Hintergrundgeräusch, das den Raum erfüllte, als wäre er lebendig.


Sein Blick glitt über die Menge. Zwischen all den Menschen, den Söldnern, Kaufleuten und Reisenden, suchte er nach den richtigen Gesichtern. Dann entdeckte er sie – Theol und Ralf, die an einem Tisch saßen. Doch sie waren nicht allein. Eine dritte Gestalt hatte sich zu ihnen gesellt.


Etwas an der Körperhaltung seiner Begleiter verriet eine unterschwellige Anspannung. Sie warteten auf etwas. Nein – auf jemanden. Auf ihn.


Theol hob ruckartig den Kopf, sein Blick traf Liam. Fast augenblicklich sprang er auf. „Liam, da bist du ja!“ Seine Stimme klang erleichtert, aber ein Hauch von Vorwurf lag darin. „Was hast du so lange getrieben?“


Das flackernde Kerzenlicht auf dem Tisch spiegelte sich in seinen dunklen Augen, und für einen Moment erkannte Liam darin etwas – Besorgnis.


Langsam trat er näher, ein leichtes Lächeln auf den Lippen. „Tut mir leid, ich habe etwas länger gebraucht.“ Seine Stimme war ruhig, doch sie trug eine Bedeutung, die über die bloßen Worte hinausging.


Ihre Blicke trafen sich. Einen Augenblick lang war nichts als Stille zwischen ihnen. Dann nickte Theol kaum merklich. Es war eine wortlose Verständigung – er hatte verstanden.


Liam wusste, dass er ihnen eine Erklärung schuldete. Er hatte in den letzten Wochen genug Anlass zur Sorge gegeben.


„Gut, dass du endlich da bist“, rief Ralf ihm zu und klopfte mit der flachen Hand auf den leeren Stuhl neben sich. „Setz dich, wir haben viel zu besprechen.“


Liam nahm die Einladung an, zog den Stuhl zurück und ließ sich nieder.


Seine Augen fielen auf die dritte Person.


Ein langer, schwarzer Mantel umhüllte sie, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen, sodass ihre Züge im Schatten verborgen lagen. Doch Liam wusste sofort, wer es war. Er brauchte keinen Blick unter die Kapuze zu werfen. Die Art, wie sie saß. Die Art, wie sie sich kaum bewegte, aber dennoch eine unausgesprochene Präsenz ausstrahlte.


Es gab keinen Zweifel.


Er kannte sie.



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Liam war gerade zwanzig Jahre alt geworden, als er sich auf einem seiner Söldneraufträge befand. Der Auftrag war simpel – den Händler sicher zur Kaiserstadt eskortieren. Kein Kampf, kein Risiko, nur Wache halten, bis die Reise vorüber war. Er ritt auf Ruven, seinem Pferd, an der Seite der Kutsche, die über den staubigen Pfad rumpelte, während die Sonne tief über den Baumwipfeln hing.


Er gähnte, ließ die Zügel locker und warf Ruven einen genervten Blick zu. „Seit Tagen nichts als Wald und Straße. Hätte nie gedacht, dass der Auftrag wirklich so langweilig wird.“


Liam seufzte und richtete seinen Blick wieder auf den Weg. Sie waren nur noch zwei Tagesreisen von der Kaiserstadt entfernt, und bislang war nichts Auffälliges passiert. Vielleicht war das einer dieser Aufträge, die wirklich so einfach verliefen, wie angenommen.


Dann – eine Bewegung im Schatten der Bäume.


Sein Instinkt schrie auf, aber bevor er reagieren konnte, schoss eine dunkle Gestalt aus dem Unterholz hervor und bewegte sich in einem atemberaubenden Tempo direkt auf die Kutsche zu.


„Verdammt!“ rief Liam, riss sein Schwert aus der Scheide und sprang vom Pferd.


Die Angreiferin war gehüllt in einen schwarzen Umhang und ein Dolch blitzte in ihrer Hand auf, als sie sich der Kutsche näherte. Liam setzte sofort zur Verfolgung an. Der Abstand zwischen ihnen schwand, er kam näher, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Gerade als er sie erreichte und mit seinem Schwert nach ihr schlagen wollte, geschah etwas, das ihm den Atem raubte – sie war weg.


Er blieb abrupt stehen, sein Blick huschte über die Umgebung. Sie war nicht verschwunden – sie war woanders. Dann fiel sein Blick auf die geöffnete Tür der Kutsche.


Ein kaltes Gefühl breitete sich in seiner Brust aus. Als er die Kutsche erreichte, sah er ihn. Den Händler. Sein Körper lag regungslos am Boden, Blut sickerte aus seiner aufgeschlitzten Kehle, eine klaffende Wunde, die ihn innerhalb von Sekunden das Leben gekostet hatte.


Und dann sah er sie.


Ihre Kapuze war heruntergerutscht, ihre schwarz-goldenen Haare fielen wirr über ihre Schultern. Liam stockte der Atem.


Er kannte dieses Gesicht.



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Die Frau vor ihm hatte blasse Haut, die im fahlen Licht beinahe geisterhaft wirkte, und gelb leuchtende Augen, die ihn im Halbdunkeln mit einem unheimlichen Funkeln fixierten. Doch es waren nicht ihre Augen, die Liam den Atem raubten – es waren ihre Haare. Goldene Strähnen, typisch für die Algavia-Familie, doch verwuschelt und durchzogen von einem schwarzen Scheitel, als würde sie bewusst versuchen, ihre kaiserliche Herkunft zu verbergen.


Sein Magen zog sich zusammen.


„Eure Hoheit, Prinzessin Nara…“ Seine Stimme zitterte vor Überraschung und Anspannung, während sein Blick über die blutverschmierte Klinge in ihrer Hand glitt. „W-was macht Ihr denn hier?“


Die Worte klangen lächerlich in seinen Ohren. Sie hatte gerade einen Mann getötet – einen Händler, dessen Tod zweifellos große Wellen schlagen würde. Und doch war das Einzige, was er herausbrachte, eine Frage, die er kaum selbst begreifen konnte. Sein Verstand versuchte fieberhaft die Realität zu verarbeiten.


Er erinnerte sich an das, was über die Kaiserfamilie gesagt wurde. Über ihre einzigartige Magie.


„Verstehe…“ Der Gedanke traf ihn wie ein Schlag. Sie hatte die Zeit angehalten.


Nur die Mitglieder der Kaiserfamilie Algavia beherrschten Zeitmagie, eine Macht, die für alle anderen unerreichbar war. Hätte sie es gewollt, hätte er sie niemals zu Gesicht bekommen. Doch sie stand hier vor ihm, als wollte sie, dass er sie erkannte.


Ihre Augen musterten ihn scharf, berechnend, als würde sie abwägen, ob es sich lohnte, ihn am Leben zu lassen. Die Sekunden dehnten sich quälend lang, bis sie schließlich sprach, ihre Stimme ruhig, aber fordernd.


„Was hältst du von dem Kaiserreich?“


Sie machte einen Schritt auf ihn zu, langsam, elegant, und ehe er reagieren konnte, spürte er die Spitze des Dolches an seinem Hals. Sein Atem stockte, und der metallische Geruch von Blut – das Blut des Händlers – kroch ihm in die Nase.


„Und wage es nicht, mich anzulügen“, fügte sie in einem gefährlichen Flüstern hinzu. „Ich spüre es, wenn du nicht die Wahrheit sagst.“


Liam schwieg einen Moment, seine Gedanken rasten. Sollte er ehrlich sein? Die Wahrheit aussprechen bedeutete, sich möglicherweise dem Hochverrat schuldig zu machen.


Er holte tief Luft und versuchte, vorsichtig zu antworten. „Nun, das Kaiserreich hat eine Menge positiver Dinge–!“


Ein plötzlicher Schmerz durchzuckte ihn, als die Klinge leicht seine Haut durchschnitt. Ein warmer Tropfen Blut rann an seinem Hals hinab.


„Ich meinte doch, du sollst die Wahrheit sagen.“ Naras Stimme war so scharf wie die Klinge, die sie gegen ihn hielt.


Liam schluckte schwer. Sein Körper schrie danach, sich zu wehren, aber er zwang sich zur Ruhe. Sie wollte Ehrlichkeit? Dann würde sie sie bekommen.


„Um ehrlich zu sein… ich mag es nicht“, begann er, seine Stimme nun etwas fester. „Für alle nicht-menschlichen Bewohner ist das Leben hart. Es gibt viel Diskriminierung. Die Adligen kümmern sich nur um ihren eigenen Reichtum und nicht um das Wohl des Volkes. Das System ist… korrupt.“


Für einen Moment herrschte absolute Stille. Dann zog Nara den Dolch zurück, und ein seltsames Lächeln erschien auf ihren Lippen.


„Gut.“ Ihre Stimme klang zufrieden, beinahe belustigt. „Du wirst bald von uns hören. Pass bis dahin gut auf dein Leben auf.“


Bevor er auch nur eine weitere Frage stellen konnte, bevor er begreifen konnte, was das bedeutete, verblasste ihr Bild vor seinen Augen – und dann war sie verschwunden, als hätte die Zeit selbst sie verschluckt.


Liam blieb zurück, allein. Allein in der Kutsche, mit dem Blutgeruch in der Nase und einem wild pochenden Herzen. Die Kälte des Dolches schien noch immer gegen seinen Hals zu drücken, auch wenn Nara längst fort war.



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Liam saß in der Taverne ,,Drachentreff’’. Die Luft war erfüllt vom rauchigen Duft gegrillten Fleisches, vermischt mit dem süßlichen Aroma von Gewürzwein. Leises Gemurmel erfüllte den Raum, unterbrochen vom gelegentlichen Lachen der Gäste oder dem Klirren von Krügen, wenn jemand auf einen gelungenen Handel oder eine alte Geschichte anstieß.


Er war allein und saß in einer schattigen Ecke. Roxy, Leyla und Fer hatte er bewusst zurückgelassen – dieses Treffen war etwas, das er allein angehen wollte. Doch nun, da er hier saß, spürte er, wie sich eine ungewohnte Nervosität in seinem Magen breit machte. Er lehnte sich vor, seine Finger trommelten unbewusst auf die raue Holzplatte des Tisches, während seine Augen die Menge durchstreiften. Wen auch immer er hier treffen sollte, er hatte sich noch nicht blicken lassen.


Gerade als er sich wieder zurücklehnen wollte, stellte der Wirt plötzlich einen Teller mit dampfendem Essen vor ihm ab.


Liam runzelte die Stirn. „Ich habe kein Essen bestellt.“


Der Wirt lächelte nur verschmitzt und winkte ab. „Das geht aufs Haus.“


Liam betrachtete ihn einen Moment lang skeptisch, dann ließ er seinen Blick auf den Teller sinken. Er war reichlich gefüllt – gebratenes Fleisch, frisch geschnittenes Gemüse, dazu ein weiches Brot. Es sah einladend aus, doch sein Instinkt sagte ihm, dass hier mehr dahintersteckte. Als er den Teller leicht anhob, fiel ihm eine kleine, an der Unterseite befestigte Notiz auf.


Mit einem vorsichtigen Blick über die Schulter vergewisserte er sich, dass niemand ihn beobachtete, bevor er sie vorsichtig löste.


,,Hallo süßer Elf,

Ich schreibe dir, um dich zu unserer Gruppe ,,Schwarzer Stern’’ einzuladen.

Wenn du annimmst, lege den Zettel gefaltet auf den leeren Teller.’’


Liam atmete tief ein. Er kannte den Namen. Der Schwarze Stern war keine gewöhnliche Gruppe– sie waren ein Schatten, der durch das Kaiserreich glitt, ein Flüstern in dunklen Gassen, ein Name, den man besser nicht aussprach. Er hatte auf seinen Aufträgen bereits von ihnen gehört. Sie waren nicht bloß Rebellen – sie waren Mörder. Ihre Existenz wurde von den Herrschenden unterdrückt, doch unter der Oberfläche wussten jene, die in den dunkleren Kreisen verkehrten, genau, wozu sie fähig waren.


Mehrere Stunden saß Liam da, den Becher in der Hand, ohne wirklich daraus zu trinken. Sein Blick ruhte auf der Notiz, während er das Angebot immer wieder durchdachte. Dies war keine einfache Einladung zu einer harmlosen Verschwörung – es war ein Punkt ohne Rückkehr.


Falls er zustimmte, gab es kein Zurück. Was Leyla wohl darüber denken würde?


Die Minuten verstrichen, sein Herz schlug schneller. Schließlich atmete er tief durch, faltete den Zettel mit ruhiger Hand und legte ihn auf den leeren Teller.


Ohne noch einmal zurückzusehen, stand er auf und verließ die Taverne.



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„Theol, Ralf. Bitte wartet draußen.“


Liams Begleiter tauschten einen kurzen Blick. In ihren Augen spiegelten sich Unsicherheit und Neugier, aber auch ein Anflug von Sorge. Dennoch widersprachen sie nicht. Ohne ein Wort erhoben sie sich, warfen Liam noch einen letzten prüfenden Blick zu und verließen dann den Raum.


Nun war Liam allein an dem Tisch, mit der Person, die ihm gegenüber saß.


Sein Blick ruhte auf ihr, wachsam, abwartend. „Dass Ihr euch in einer Taverne in Kartaffel zeigen würdet, hätte ich nicht erwartet“, sagte er schließlich mit bedachter Stimme. Sie war ruhig, aber es lag eine unterschwellige Spannung darin, ein vorsichtiges Abtasten.


Die Frau vor ihm legte den Kopf leicht schräg, ein amüsiertes Funkeln blitzte in ihren gelben Augen auf, die im schummrigen Licht der Taverne fast übernatürlich wirkten. Unter dem dunklen Umhang, den sie trug, war ein golden durchzogener Scheitel zu erkennen – eine unverkennbare Signatur ihrer Herkunft.


Dass sie sich mitten in der Stadt zeigte, noch dazu in einer einfachen Taverne, war ein Risiko, das sich kaum jemand in ihrer Position leisten konnte. Und doch saß sie hier, völlig gelassen, als hätte sie die Kontrolle über jeden Atemzug, der in diesem Raum getan wurde.


„Nun, für ein besonderes Mitglied habe ich immer Zeit“, sagte sie schließlich, ihre Stimme klang beiläufig, fast spielerisch. Sie lehnte sich entspannt zurück, doch in ihren Augen lag etwas Prüfendes. „Hast du dich mittlerweile entschieden, ob du eine größere Rolle übernehmen willst?“


Liam atmete tief durch. Er hatte gewusst, dass diese Frage kommen würde. Er hatte lange über seine Antwort nachgedacht, jede Möglichkeit abgewogen. Doch nun, nachdem er von Leylas Fähigkeit erfahren hatte, gab es kein Zurück mehr.


Langsam nickte er. „Ich bin dazu bereit“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang fest, doch in seinem Inneren spürte er die Spannung, die sich in seinen Muskeln aufbaute, die sich mit der Bedeutung seiner Worte verband. „Unter einer Bedingung.“


Die Augenbrauen seines Gegenübers hoben sich leicht. Ihr Lächeln vertiefte sich kaum merklich. „Ich höre.“


Liam hielt ihrem Blick stand. „Die neue zehnte Kopfgeldjägerin“, begann er und wählte seine Worte mit Bedacht. „Sie soll nicht zum Ziel unserer Angriffe werden.“


Ein Moment der Stille trat ein, eine Stille, die sich mit jeder verstrichenen Sekunde erdrückender anfühlte. Die Frau rührte sich nicht. Ihre Augen fixierten ihn mit einer Intensität, die ihn beinahe dazu brachte, sich zu bewegen – ein unwillkürlicher Reflex, um die erdrückende Erwartung zu durchbrechen.


Dann, ganz langsam, nickte sie.


„Gut“, sagte sie mit einem leichten Hauch von Belustigung in der Stimme. „Sie war sowieso kein Primärziel.“

 
 
 

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