Kapitel 85 - Schatten und Stein
- empirewebnovel
- 19. Feb. 2025
- 12 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 20. Feb. 2025

Leyla saß auf einer Steinsäule, die sie mit ihrer Erdmagie auf einem Hügel erschaffen hatte, einige hundert Meter von der Burg des Grafen entfernt. Die Säule ragte wie ein einsamer Wächter in die Nacht, hoch über der Landschaft, die im fahlen Mondlicht des Skullaer gespenstisch schimmerte. Die Luft war still, fast unnatürlich ruhig, als würde die Welt den Atem anhalten.
Hinter ihr saß Nea, überraschend ruhig, ihre sonst so lebhafte Energie gedämpft. Leyla bemerkte es mit einem leichten Schmunzeln. Vielleicht war Nea so, wenn sie auf einem Auftrag war. Konzentriert, in sich gekehrt – bereit für das, was kommen würde. Es war selten, sie so ernst zu sehen, und das zeigte, wie wichtig dieser Moment war.
Die Nacht war noch jung, und in den Fenstern der Burg brannte noch Licht. Leyla ließ ihren Blick über die dunklen Türme gleiten, während sie innerlich ihre erneut Strategie durchging. Paul hatte sie gewarnt: Sie würden auf zwei fähige Gegner treffen.
Der erste war ein Oger namens Glorb. Seine rohe Stärke war vermutlich enorm, doch Leyla hatte einen entscheidenden Vorteil gegen einen solchen Gegner – Oger besaßen keine Magie. Ohne die Fähigkeit, die Elemente zu beherrschen, waren sie berechenbar. Er würde ihr keine großen Probleme bereiten.
Doch Jakira, die Schattenläuferin, war eine andere Geschichte. Sie war die wirkliche Gefahr. Unberechenbar. Unsichtbar, solange sie es wollte. Ihr Kampfstil war auf Heimlichkeit und Präzision ausgelegt, was bedeutete, dass sie Leyla normalerweise zuerst finden würde – und nicht umgekehrt.
Doch Leyla hatte vorgesorgt. Sie würde ihre Erdmagie in die Mauern der Burg leiten, durch die Böden und Decken fließen lassen, um jede noch so kleine Erschütterung zu spüren. Wenn Jakira sich bewegen wollte, würde sie das Beben unter ihren Füßen spüren. Und wenn es nötig war, konnte Leyla die ganze Burg einstürzen lassen – aber das war nur ein letzter Ausweg, den sie möglichst vermeiden wollte.
Plötzlich erloschen die Lichter in der großen Halle der Burg. Das letzte, schwache Flackern wurde von der Dunkelheit verschluckt.
Leyla atmete tief ein. Dann sprang sie mit einem Satz von der Steinsäule herab. Ihre Füße berührten den Boden kaum hörbar, und sie spürte, wie die Erde sich unter ihr regte, als würde sie Leyla willkommen heißen.
„Ich warte hier, Leyley. Du schaffst das“, flüsterte Nea und streckte ihr den Daumen entgegen. Ihre Stimme war leise, aber fest. Keine Spur von Zweifel.
Leyla erwiderte das Lächeln, nur für einen Moment, ein stilles Versprechen zwischen ihnen. Dann verschwand sie in den Schatten der Bäume. Jeder Schritt war präzise, ihr Atem kontrolliert. Die Burg ragte vor ihr auf wie ein dunkler Koloss, ihre Silhouette verschwamm mit der Nacht.
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Vorsichtig legte Leyla ihre Hand gegen die kalte, raue Mauer der Burg, bedacht darauf, kein Geräusch zu verursachen. Die Nacht war still – kein Rascheln der Blätter, kein Heulen des Windes. Die Luft lag schwer über der Landschaft.
Ein leises Zischen durchbrach die Stille, als sich der Stein unter ihrer Berührung öffnete, ihrem Befehl gehorchend. Es hatte sich ausgezahlt, diesen Teil der Erdmagie zu verfeinern. Nicht nur das Erschaffen neuer Materialien war von Bedeutung, sondern auch die Manipulation bereits existierender Strukturen – eine Fähigkeit, die sich nun als unschätzbar wertvoll erwies.
Lautlos schlüpfte sie durch den selbst geschaffenen Eingang in den Burghof. Der Platz lag verlassen im fahlen Mondlicht, und kein Anzeichen von Wachen war zu erkennen. Die Burg wirkte still, beinahe leblos, als hätten sie ihre Bewohner längst aufgegeben. Doch Leyla ließ sich von dieser Illusion nicht täuschen. Sie wusste, dass die Ruhe nur eine trügerische Fassade war.
Ihr Ziel lag im Bergfried, wo der Graf und seine Familie schliefen. Wieder öffnete sie sanft die Mauer, ein schmaler Spalt tat sich vor ihr auf, gerade groß genug, um hindurchzusehen.
Die Eingangshalle lag im Halbdunkel, nur das matte Leuchten einiger Wandfackeln flackerte über den Steinboden. Zwei Soldaten schliefen an den Seiten des Eingangs, ihre Körper schwer vom Wein oder der Nachtwache. Ihre tiefen Atemzüge erfüllten den Raum mit einem dumpfen, gleichmäßigen Rhythmus.
Der Graf hatte nichts zu befürchten – zumindest glaubte er das. Die Mittellande waren friedlich, und selbst die wenigen Räuberbanden, die das Herzogtum heimsuchten, ließen die Adligen meist in Ruhe. Die Familie van Marsten war in keine offenen Fehden verwickelt, und davon, dass der Kaiser selbst seinen Tod wünschte, ahnte der Graf nichts. Für Leyla war das ein Glücksfall – es bedeutete, dass sein Schutz nicht allzu stark war.
Lautlos glitt sie an den schlafenden Wachen vorbei und schob sich die Treppe hinauf, den Körper tief geduckt, jede Bewegung präzise. In Malyl hatte sie von einem Händler die Baupläne der Burg erhalten, und sie wusste genau, wo sie hinmusste. Jeder Schritt war sorgfältig platziert, jeder Atemzug kontrolliert.
Sie erreichte den oberen Flur, an dessen Ende sich die Wohnräume der Familie befanden. Behutsam legte sie eine Hand an die Tür, um sie lautlos zu öffnen, als ein plötzliche Bewegung an ihren Füßen wahrnahm.
Glorb.
Leyla erkannte ihn an seinem Gewicht, an der Art, wie der Stein unter seinen Tritten bebte. Der Oger patrouillierte am Eingang des Bergfrieds. Alles lief nach Plan. Sie hatte ihn dort erwartet.
Doch dann – eine zweite Erschütterung. Viel näher.
Diesmal waren die Bewegungen nicht aus dem Gang oder von unten. Es kam von über ihr.
Leylas Herz schlug schneller, und sie spürte, wie sich ihr Körper anspannte. Ihr Blick schnellte nach oben, suchte die dunklen Balken der hohen Decke ab.
Und dann verstand sie.
Jakira war hier.
Viel näher, als sie es erwartet hatte. Unsichtbar in den Schatten, lautlos wie der Atem des Todes. Und sie war bereit zuzuschlagen.
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Sofort errichtete Leyla einen schützenden Steinkokon um sich, spürte das raue Material unter ihren Fingerspitzen, während sie den Zauber formte. Gerade noch rechtzeitig – mit einem klirrenden Aufprall prallte ein Dolch gegen die feste Steinwand. Der dumpfe Schall breitete sich durch die Halle aus, ein Echo, das ihre Anspannung nur verstärkte. Ihr Herz setzte einen Schlag aus.
,,Shit!’’
Sie hatte mit einer Konfrontation gerechnet – aber nicht so früh. Ihr Plan hatte vorgesehen, erst weiter in den Flur zu gelangen, bevor es zum Kampf kam. Doch jetzt war sie mitten im Gefecht, und die Situation entglitt ihr schneller, als sie es geplant hatte.
„Wer ist da?“ Die grobe Stimme einer der Wachen drang zu ihr nach oben. Leyla spürte ihre Bewegungen, hörte, wie sie sich näherten. Gleichzeitig ließ das dumpfe Grollen von schweren Schritten den Boden unter ihr vibrieren. Glorb. Sein massiges Gewicht ließ keinen Zweifel daran, dass er bald hier sein würde.
Sie musste eine Lösung finden – schnell. Sie zwang sich zur Ruhe.
,,Denk nach. Denk nach.’’
Sie wollte die Burg nicht einstürzen lassen, nicht mit allen Bewohnern darin. Aber wenn es keine andere Möglichkeit gab, dann würde sie nicht zögern.
Mittlerweile hatten die Wachen die obere Etage erreicht. Sie hatte vielleicht noch eine Minute, bevor Glorb dazustieß. Leyla atmete tief ein, schloss für einen Sekundenbruchteil die Augen, dann öffnete sie sie wieder – fokussiert. Sie formte zwei kleine, messerscharfe Steinpfeile, ließ sie in der Luft rotieren und bereitete sich vor.
Dann ließ sie den Kokon zerfallen.
Vor ihr standen die beiden Soldaten, ihre Schwerter gezückt, ihre Augen wachsam. Ohne einen Moment zu verlieren, schoss sie die Steinpfeile auf sie zu, während sie gleichzeitig ihre Magie nach oben lenkte. Aus dem Boden stießen mehrere dünne Steinspitzen in Richtung der dunklen Balken unter der Decke – dorthin, wo sich Jakira versteckt haben könnte.
—AARGH—
—UFF—
Mit einem dumpfen Aufprall fielen die beiden Wachen zu Boden, ihre Waffen klirrten auf dem Stein. Leyla hörte ihr Stöhnen, ihr erschrockenes Keuchen – aber ihre Augen waren bereits nach oben gerichtet.
Die Steinspitzen schlugen unter der Decke ein, sprengten Splitter aus dem Holz, doch ohne das Ziel zu treffen, auf das sie gehofft hatte.
Wo war nur Jakira?
Leylas Magen zog sich zusammen. Sie hasste es, wenn sie den Überblick verlor. Ihr Blick huschte durch die Dunkelheit, suchte nach Bewegungen, nach Schatten, die nicht dorthin gehörten.
Schweiß trat auf ihre Stirn, während sich ein beklemmendes Gefühl in ihrer Brust ausbreitete. Sie war nun in einer denkbar schlechten Position.
Und das Schlimmste?
Sie hatte keine Ahnung, wo die Schattenläuferin war.
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„WER BIST DU DENN?“ donnerte Glorb, seine Stimme dröhnte durch die Halle wie ein Donnerschlag. Er betrachtete sie aus großen, bernsteinfarbenen Augen, die in der Dunkelheit fast golden schienen. Ein belustigtes Grinsen umspielte seine Lippen, in seiner Hand ein riesiger Kriegshammer. Er ragte an die drei Meter in die Luft, und Leyla musste schlucken. Sie stand wie angewurzelt da, überwältigt von seiner massiven Präsenz.
Doch die Starre hielt nur für einen kurzen Moment an. Sie erschuf eine Steinwand hinter sich, die sie zwar in ihrer Bewegungsfreiheit einschränkte, aber gleichzeitig ihre Rückseite schützte. Jetzt konnte sie sich voll und ganz auf Glorb konzentrieren.
Der Oger stürmte auf sie zu, deutlich schneller, als man es bei seiner Größe erwarten würde. Er holte mit dem Hammer weit aus und ließ ihn mit voller Wucht auf Leyla herunterfahren. Sie wich zur Seite aus, ihre Bewegungen waren flink und präzise, und rammte ihm einen geschaffenen Metalldolch in die Seite. Der Dolch blieb in seinem Fleisch stecken, doch Glorb schien das kaum zu interessieren. Er brüllte vor Wut, aber er wurde dadurch nicht langsamer.
Leyla warf sich zu Boden und rollte zur Seite, um einem weiteren Hammerschwung auszuweichen. Sie legte ihre Hand auf den Boden und konzentrierte sich. Mit einem lauten Krachen brach der Boden unter Glorb ein, und der Oger stürzte in die Tiefe. Ein großes Loch klaffte nun im Boden, und von unten konnte sie das Stöhnen des Ogers hören.
Doch sie hatte keine Zeit, sich zu erholen. Ein Schatten schoss von der Seite auf sie zu, schneller, als sie hätte reagieren können. Ein Messer bohrte sich in ihre Brust, durchstach ihre Rüstung ohne Probleme. Leyla atmete erleichtert auf – in letzter Sekunde hatte sie sich zur Seite geworfen und damit dem sicher tödlichen Angriff ausgewichen. Sie spürte das warme Blut ihre Seite herunterlaufen, aber sie biss die Zähne zusammen und blickte hoch zu ihrer Angreiferin.
Jakira. Die Schattenläuferin hatte kurze, schwarze Haare, und ihre graue Haut schien von Schatten umwabert zu sein. Es war eine Art von Haut, die Leyla noch nie gesehen hatte – fast so, als wäre Jakira ein Teil der Dunkelheit selbst.
Leyla nahm war, wie eine Gruppe von sechs Leuten dabei war, durch einen Hintereingang die Burg zu verlassen. Die van Marstens. Sie musste schnell handeln. Für ein langsames, vorsichtiges Vorgehen war es zu spät – diese Chance war vorbei. Eine blau-braune Aura flackerte um sie auf, und der ganze Boden begann zu beben. Steine brachen aus der Decke, und die Wände der Burg erzittern.
Sie ließ eine Steinwand zwischen sich und Jakira in die Höhe schießen, rappelte sich auf und nahm die Verfolgung der van Marstens auf. Jeder Schritt schmerzte, aber sie wusste, dass sie keine andere Wahl hatte. Der Auftrag musste erledigt werden – egal, was es kostete.
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Leyla rannte durch den dunklen Gang, ihre Schritte hallten laut auf dem kalten Steinboden wider. Sie konzentrierte sich auf die Fußschritte der Adligen, die vor ihr flohen. Es waren acht Personen – drei von ihnen Kinder. Ihre Atemzüge waren schwer, und das Stechen in ihrer Seite wurde mit jedem Schritt schlimmer. Doch sie konnte nicht aufhören, nicht jetzt.
Hinter sich ließ sie den Boden einstürzen und die Wände einbrechen. Alles, was nötig war, um Jakira abzuschütteln. Die Schattenläuferin war immer noch irgendwo hinter ihr, und Leyla wusste, dass sie keine Sekunde verschwenden durfte.
Sie ließ die Wand vor sich aufbrechen und sprang hinunter in den Hinterhof des Burgfrieds. Sie rollte sich auf dem Boden ab, ihre Bewegungen waren trotz der Schmerzen geschmeidig, und sie rappelte sich sofort wieder auf. Ihre Lunge brannte, und ihr Herz schlug so wild, als würde es jeden Moment aus ihrer Brust springen.
Da entdeckte sie ihre Ziele.
Der Graf lief zusammen mit einem anderen Mann und einem Jungen in die eine Richtung. Seine Frau und die Töchter flohen in die entgegengesetzte Richtung. Leylas Augen verengten sich. „Sehr gut“, murmelte sie.
Ihr Auftrag beinhaltete das Töten des Grafen Regis van Marsten sowie seiner beiden Söhne. Leyla gefiel der Gedanke, einen jungen Mann und einen dreizehnjährigen Jungen zu beseitigen, nicht. Doch moralische Bedenken hatten in ihrer Position als Kaiserliche Kopfgeldjägerin keinen Platz. Sie hatte einen Auftrag, und sie würde ihn erledigen.
Sie erschuf einen Steinspeer von der Größe eines Pferdes neben sich und ließ ihn über den Hof rasen. Die Luft zitterte unter der Wucht des Speers, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen.
—BUMM—
In einer gewaltigen Staubexplosion schlug der Steinspeer dort ein, wo eben noch die drei Adligen gelaufen waren. Gleichzeitig stürzte hinter Leyla der gesamte Burgfried ein. Tonnen von Stein und Holz begruben alles, was sich noch in dem Gebäude befunden hatte, unter sich.
Dann kehrte eine Totenstille ein. Der Staub legte sich langsam, und Leyla ging vorsichtig zu dem Krater, den die Explosion hinterlassen hatte. Bei dem Anblick der zerfetzten Körper wurde ihr schlecht. Sie biss die Zähne zusammen und überprüfte schnell, ob alle drei Ziele ausgelöscht waren. Als sie sich sicher war, drehte sie sich um.
Sie ließ eine Steinsäule aus dem Boden wachsen und katapultierte sich über die Burgmauer. Die Nacht umhüllte sie, als sie auf der anderen Seite landete und in der Dunkelheit verschwand.
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„Und, wie war’s?“ rief Nea Leyla zu, als sie wieder im Wald ankam. Nea winkte ihr fröhlich zu, ein breites Grinsen im Gesicht, als wäre sie stolz auf ihre Freundin. Doch Leylas Gesicht war ernst, und ihre Schritte waren schwerfällig, als sie sich erschöpft neben Nea niederließ. Ihr Atem ging immer noch schwer, ihre Hände zitterten leicht.
„Nicht so wie geplant, aber der Auftrag ist abgeschlossen“, antwortete Leyla knapp. Ihre Stimme war ruhig, aber sie konnte die Enttäuschung in ihren Worten nicht verbergen.
Leyla war unzufrieden. Ihr Plan, leise in den Burgfried einzudringen; Gescheitert. Nicht nur das – auch ihr Entschluss, außer den drei Zielen niemanden zu töten; Gescheitert. Die ganze Burg lag in Schutt und Asche, und das Bild der zerfetzten Körper ließ sie nicht los.
Und dann war da noch ein ganz anderer Gedanke, der sie beschäftigte. Sie hatte ein Kind getötet. Klar, es war ihr Auftrag gewesen, aber das machte das Gefühl nicht besser. Auch die Tatsache, dass sie darauf vorbereitet gewesen war, war nur ein kleiner Trost. Der Anblick des Jungen, der nicht älter als dreizehn gewesen war, hatte sich in ihre Gedächtnis eingebrannt.
„Das ist super, Leyley!“ rief Nea begeistert und klopfte ihr auf die Schulter. Sie lehnte sich an Leyla, als wollte sie sie trösten. „Du hast es geschafft!“
Leyla versuchte, die Gedanken zu verdrängen. Es war ihr erster Auftrag gewesen, und es war nun nicht mehr zu ändern. Statt in der Vergangenheit zu schwelgen, war ihr Ziel, die Zukunft zu beeinflussen. Sie würde nächstes Mal noch mehr planen, noch mehr Eventualitäten mit einberechnen. Sie würde besser werden – sie musste besser werden.
„Autsch“, fluchte sie plötzlich. Nun, wo das Adrenalin abgeklungen war, setzte der Schmerz ihrer Verletzung ein. Sie spürte, wie ein stechender Schmerz durch ihre Seite zog, und sie legte eine Hand auf die Wunde.
„Ist alles okay? Bist du verletzt?“ fragte Nea besorgt. Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich vor Leyla hin und begann, ihre Rüstung nach Anzeichen einer Verletzung abzusuchen. Ihre Augen waren wachsam, und ihre Hände zitterten leicht vor Sorge.
„Zieh die Rüstung aus“, befahl Nea, ihre Stimme war jetzt ernst und bestimmt.
Leyla tat, wie ihr geheißen, und legte die Rüstung ab. Auch ihr Shirt streifte sie ab, und Nea starrte auf die Wunde, die Leylas Seite wie ein Riss durchzog. Die Haut rund um die Verletzung schimmerte lila, und dunkle Adern zogen sich über ihren Oberkörper.
„Du bist vergiftet worden“, flüsterte Nea, ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. Leylas Augen weiteten sich vor Schock, und sie spürte, wie die Angst in ihr aufstieg. „Wir müssen etwas unternehmen – und zwar schnell.“
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Leylas Gedanken rasten. Ihr Herz schlug heftig gegen ihre Rippen, während sie das dunkle Netz der feinen, schwarzen Adern betrachtete, das sich langsam über ihre Haut zog. Gift. Natürlich hatte Jakiras Klinge vergiftet sein müssen. Sie war eine Assassine, und Gift war eine ihrer gefährlichsten Waffen. Doch Leyla hatte keine Ahnung, wie sie es loswerden konnte. Die Panik stieg in ihr auf wie eine Flutwelle, unaufhaltsam und bedrohlich.
Ihr Blick schnellte zu Nea. „Was machen wir jetzt?“ fragte sie ängstlich, ihre Stimme bebte.
Nea hielt ihrem Blick stand, doch anstatt besorgt zu wirken, schenkte sie ihr ein sanftes, fast spielerisches Lächeln. „Ich kann das Gift mit Magie neutralisieren und dich heilen“, sagte sie beruhigend, als wäre es das Normalste der Welt.
Leyla wollte etwas erwidern, doch bevor sie es konnte, spürte sie bereits Neas warme Hand auf ihrer Wunde. Ein helles, weißes Licht begann zu pulsieren, breitete sich aus, drang durch ihre Haut. Eine wohltuende Hitze erfasste ihren Körper, und Leyla spürte, wie der stechende Schmerz langsam nachließ. Das Gift wich, die dunklen Linien verblassten, bis nichts mehr von ihnen übrig war.
Mit einem erschöpften Atemzug ließ sie die Schultern sacken. Der Druck in ihrer Brust löste sich, als wäre eine unsichtbare Klammer gesprengt worden.
Als Nea die Hand zurückzog, raffte Leyla sich auf und begann, ihre Kleidung wieder in Ordnung zu bringen. Sie wollte nach Hause. Das war jetzt alles, was sie wollte. Zurück in die Kaiserstadt. Ein heißes Bad nehmen. Den Schmutz, den Schmerz, die Erfahrungen dieser Nacht einfach von sich abwaschen.
Doch als sie aufstehen wollte, hielt Nea sie sanft, aber bestimmt zurück. Ihre lilafarbenen Augen wirkten plötzlich ernst, ihr fröhlicher Ausdruck war für einen Moment verschwunden.
„Du musst vorsichtiger sein, Leyla“, sagte sie mit ungewohnter Strenge. Ihre Stimme war ruhig, doch die Worte trafen Leyla wie ein kalter Windstoß. „Gift ist nicht wie eine einfache Wunde. Wenn du alleine unterwegs bist, ist es eine der schlimmsten Gefahren, die dir begegnen können. Wenn dein Gegner Gift benutzt, darfst du keine Kompromisse eingehen.“
Leyla schluckte, dann nickte sie langsam. Nea hatte recht.
Zwar glaubte Leyla nicht, dass sie wirklich sterben würde – nicht dauerhaft zumindest. Doch jedes Mal, wenn sie fiel, erlosch eine Kerze. Drei Mal war es bereits geschehen. Drei Mal war sie in diesen dunklen Raum zurückgekehrt, nur um eine weitere brennende Flamme verblassen zu sehen. Und jedes Mal bedeutete es, dass jemand starb. Jemand, der ihr wichtig war.
Diese Erkenntnis war noch schlimmer als jeder Schmerz. Die Fehler betrafen nicht nur sie. Andere mussten für sie bezahlen.
Sie öffnete den Mund, um etwas zu sagen – doch bevor sie konnte, sprang Nea ruckartig auf die Beine und zog Leyla mit sich.
„Gut, wenn du das verstanden hast, können wir ja aufbrechen, Leyley!“ rief sie fröhlich und begann, einen kleinen Freudentanz aufzuführen. Es war, als wäre nichts geschehen, als hätte sie den Ernst des Moments völlig hinter sich gelassen.
Leyla blinzelte überrascht, dann konnte sie nicht anders, als zu leise zu lachen. Nea war einfach so. Ihre Energie war ansteckend, ihre Unbeschwertheit eine sanfte Erinnerung daran, dass nicht alles so düster sein musste.
Und für den Moment ließ sich Leyla von ihr mitziehen.



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