top of page

Kapitel 87 - Der Rote Teufel

21. Feb. 2025
13 Min. Lesezeit

Der Nachmittag war längst angebrochen, doch die Sonne zeigte keinerlei Erbarmen. Ihr sengendes Licht brannte auf die breiten Straßen der Kaiserstadt herab und ließ die Steine unter Leylas Füßen glühen. Die Hitze hing schwer in der Luft, fast greifbar, wie eine unsichtbare Decke, die sich über die Festbesucher legte.


Zum Glück boten zahlreiche Stände erfrischende Getränke und leichte Speisen an, die ein wenig Abkühlung verschafften. Leyla hatte keine Schwierigkeiten, sich auf den Beinen zu halten – die Vielfalt der angebotenen Leckereien sorgte dafür, dass ihr Magen stets zufrieden war. Dennoch spürte sie allmählich eine wachsende Erschöpfung. So viele Eindrücke, so viele Farben, Gerüche und Stimmen – die Stadt wirkte heute noch größer als sonst.


„Die Stadt ist viel zu groß. Wie soll ich da alles sehen?“ Ein tiefer Seufzer entwich Leylas Lippen, während sie den Blick über die endlosen Reihen von Ständen und Menschenmengen schweifen ließ. Ihr ursprünglicher Plan, das gesamte Sonnenfest zu erkunden, erschien ihr mittlerweile vollkommen unrealistisch. Selbst wenn sie den ganzen Tag durch die Straßen eilte, würde sie nur einen Bruchteil von dem sehen, was die Kaiserstadt an diesem besonderen Tag zu bieten hatte.


„Wenn du willst, kann ich die Händler für dich einfangen und zu dir bringen, Leyley.“ Neas Stimme klang spielerisch, doch Leyla kannte sie gut genug, um nicht sicher zu sein, ob sie das Angebot nicht tatsächlich ernst meinte. Ein kurzer Blick in Neas lila funkelnde Augen verriet ihr: Nichts – ihr Grinsen war so breit wie immer.


„Danke, Nea, aber das brauchst du nicht machen.“ Leyla lachte, schüttelte den Kopf und beschloss sicherheitshalber, das Thema nicht weiter zu vertiefen.


Eroica, die bisher still neben ihr gegangen war, trat höflich einen Schritt nach vorne und verbeugte sich leicht – eine Angewohnheit, die sie selbst in der entspanntesten Umgebung beibehielt. „Leyla? Dürfte ich vielleicht eigenständig noch etwas die Läden erkunden?“ Ihre Stimme war ruhig, fast sanft, und ihre grünen Augen funkelten erwartungsvoll.


Leyla erwiderte das Lächeln. „Na klar. Brauchst du Geld dafür?“


Die Filina schüttelte bestimmt den Kopf. „Danke, nein. Ich habe genug gespartes Gehalt.“


Leyla nickte, und mit einem letzten dankbaren Blick verschwand Eroica in der Menge. Sie beobachtete sie noch einen Moment lang, ehe sie sich wieder umdrehte und nach etwas suchte, das diesen Tag perfekt machen würde. Sie wollte noch eine besondere Erinnerung mitnehmen, etwas, das dieses Sonnenfest für sie unvergesslich machte.


„Darr vorrne.“ Bunj knurrte tief, und als Leyla seinem ausgestreckten Arm folgte, entdeckte sie den Grund dafür.


Vor ihnen lag ein kleiner, von Zuschauern umringter Platz. Die Atmosphäre dort war anders als im restlichen Getümmel – angespannter. Tische waren aufgestellt, und die versammelten Zuschauer hielten gebannt den Atem an.


„Oh, ein Armdrück-Wettbewerb! Lass uns teilnehmen, Leyley!“ Neas Augen funkelten aufgeregt, und bevor Leyla überhaupt protestieren konnte, hatte ihre Freundin sie bereits am Arm gepackt und zog sie mit sich.


Der Rausch von Stimmen und Bewegung verschmolz, als sie sich durch die Menge schlängelten. Sie hatten Glück – die Anmeldung für die letzte Runde war noch offen. Auf einem Tisch waren die Preise ausgestellt: kunstvoll geflochtene Armbänder, exotische Gewürze aus fernen Ländern, und eine kleine Truhe, die verheißungsvoll klapperte, als sie bewegt wurde.


Nichts davon reizte Leyla besonders, doch als sie die aufgeregte Erwartung in den Gesichtern der Zuschauer sah, spürte sie ein vertrautes Kribbeln in den Fingern. Die Herausforderung lockte sie.


Ohne weiter zu zögern, schrieben sich Leyla, Bunj und Nea für den Wettkampf ein.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla blickte auf den bulligen Halbriesen vor ihr, dessen breiter Oberkörper fast den gesamten Stuhl füllten. Seine schwarzen Haare waren kurz geschnitten, sein Gesicht von groben Zügen gezeichnet, die ihm ein bedrohliches Aussehen verliehen. Doch es war nicht seine Statur, die Leyla störte – es war dieses gehässige Grinsen, das ihn begleite, seit sie sich an den Tisch gesetzt hatte.


Seine Augen musterten sie abfällig, als wäre sie nichts weiter als ein naives Kind, das sich in eine Welt verirrt hatte, die nicht für sie gemacht war.


„Die lassen ja jetzt schon kleine Mädchen bei den Kopfgeldjägern mitmachen, wa?“ Er lachte dreckig und nickte in Richtung Nea, die einige Tische weiter saß und sich auf ihren eigenen Kampf vorbereitete. Glücklicherweise hatte Nea den Kommentar nicht gehört – sonst hätte der Halbriese wahrscheinlich jetzt schon um sein Leben gebettelt.


Für Leyla hingegen war seine abfällige Bemerkung nur eine weitere Motivation. Ohne mit der Wimper zu zucken, legte sie ihren Ellbogen auf den Tisch. Ihre Finger schlossen sich um seine riesige Pranke, während sie ihn mit ruhiger Entschlossenheit ansah. „Dann zeig mal, ob du es schaffst, gegen ein kleines Mädchen zu gewinnen“, sagte sie mit einer kühlen, aber deutlich herausfordernden, Stimme.


Der Halbriese grunzte, offenbar belustigt über ihre Selbstsicherheit, doch sein Lächeln verschwand, als eine sanfte Aura aus blau und braun Leylas Arm umhüllte. Sie hatte nicht vorgehabt, ihre Magie gleich zu Beginn einzusetzen, aber nach dieser Provokation entschied sie sich anders. Die Regeln des Turniers erlaubten es, die eigene Kraft mit Magie zu verstärken – und das würde sie nun tun.


Sie spürte, wie sich die Energie in ihren Muskeln sammelte, pulsierend, bereit, entfesselt zu werden.


—KNACK—


Ein markerschütternder Schrei durchschnitt den Platz. Der Halbriese bäumte sich auf, sein Arm zuckte, während er hastig nach Luft schnappte. Sein Ellbogen stand in einem unnatürlichen Winkel ab, und Leyla erkannte sofort, dass sie ihre Kraft unterschätzt hatte. Sie hatte seine Hand zur Seite gerissen, wie geplant, doch dabei war der Knochen zersplittert.


„Ahh, fuck, du kleine…“ brach es aus ihm heraus, doch er stoppte sich selbst, als er Leylas Blick sah – eiskalt, ungerührt. Mit einem schmerzverzerrten Gesicht und unter leisen Flüchen taumelte er rückwärts, stolperte zurück in die Menge und verschwand.


Die Menge starrte für einen Moment überrascht auf den Tisch, bevor sie mit lautem Jubel ausbrach. Es war ein eindeutiger Sieg gewesen. Leyla richtete sich ruhig auf, streckte die Finger und ließ die letzten Funken ihrer Magie erlischen.


Die nächsten Runden verliefen ähnlich reibungslos. Sie besiegte ihre Gegner ohne größere Schwierigkeiten und erreichte mühelos die Runde der letzten Acht. Auf der anderen Seite des Platzes konnte sie sehen, dass auch Nea und Bunj sich problemlos für das Viertelfinale qualifiziert hatten. Eine zufriedene Welle der Vorfreude durchflutete sie, als sie auf die Turnierauslosung wartete.


„Vielleicht kann ich gegen einen von ihnen antreten“, murmelte sie und lehnte sich entspannt zurück. Ihre Augen glitten über die Tafel – doch zu ihrer Enttäuschung waren Bunj und Nea auf der anderen Seite des Turnierbaums gelandet. Ihr Gegner im Viertelfinale war ein gewaltiger Oger. Beeindruckend in Größe, aber wenn es um reine Kraft ging, nicht unbedingt eine größere Herausforderung als ihre bisherigen Kontrahenten.


„Noch ein Gegner, dann kann ich gegen Bunj oder Nea antreten“, dachte sie im Anschluss an den Sieg laut und ließ ihren Blick zu den beiden schweifen. Bunj war vermutlich der stärkere von beiden, doch bei Nea konnte man sich nie ganz sicher sein. Sie hatte eine Art, ihre Gegner zu überraschen, die selbst Leyla manchmal verwirrte.


Doch dann setzte sie sich an ihren Tisch für das nächste Duell – und ihr Atem stockte.


Vor ihr saß ein Mann, den sie sofort erkannte. Sein markantes Gesicht, die feinen, fast unmenschlich glatten Züge, die stechenden, roten Augen – sie hatte ihn nicht vergessen. 


Selfmun Aragi – „Der rote Teufel“.


Er trug einen prunkvollen Mantel, aber keine Insignien seines Amtes. Heute war er kein Minister – er war ein Teilnehmer dieses Turniers. Und er saß mit einer Gelassenheit da, als wäre dies für ihn nicht mehr als ein Zeitvertreib.


Sein Blick traf ihren, und ein feines Lächeln spielte um seine Lippen.


„Nun, das wird interessant“, sagte er leise, fast schon amüsiert.


Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Das hier war kein gewöhnlicher Gegner.



--------------------------------------------------------------------------



Leylas Finger schlossen sich um Aragis Hand, und sofort spürte sie, wie ihre Handfläche feucht wurde. Ein dünner Schweißfilm bildete sich auf ihrer Haut – nicht aus Angst, sondern aus einer tiefsitzenden Anspannung, die sie kaum kontrollieren konnte. Es war nicht nur der bevorstehende Kampf, sondern die einnehmende Präsenz des Mannes vor ihr, die ihr Unbehagen bereitete.


Aragi ließ seinen Blick langsam über sie gleiten, und in seinen dunklen Augen funkelte etwas, das sie nicht einordnen konnte – eine Mischung aus Spott und... Neugier? Sein Lächeln war kaum mehr als ein angedeutetes Heben der Mundwinkel, doch es reichte aus, um sie in ihrer Haltung zu verunsichern.


„Nervös?“ fragte er schließlich mit einem leisen, fast beiläufigen Ton, doch die Frage hatte ein Gewicht, das sich unangenehm auf ihre Schultern legte. Es war, als würde er sie vollkommen durchschauen, als könnte er jeden einzelnen Gedanken in ihrem Kopf lesen.


Leyla ließ sich nicht beirren und konzentrierte sich stattdessen darauf, ihre Kraft zu entfalten. Die blau-braune Aura flackerte um ihren Arm, erst zaghaft, dann stärker, bis sie sich mit pulsierender Energie füllte. Ihre Muskeln spannten sich an, die Magie floss durch ihre Adern – sie war bereit.


Aragi hob eine Augenbraue, als er ihre Aura wahrnahm, und pfiff leise durch die Zähne. „Oho, das ist eine beeindruckende Magie“, bemerkte er mit einem Tonfall, der fast wie Anerkennung klang, aber dennoch etwas Herablassendes in sich trug.


Doch bevor Leyla ihre Kraft voll entfalten konnte, spürte sie plötzlich eine Kälte, die durch ihren Körper kroch, als hätte jemand Eiswasser über sie gegossen. Es war keine normale Kälte – es war, als würde eine unsichtbare Hand sich um ihr Herz legen, es zusammendrücken, ihren Atem zum Stocken bringen. Ihr Instinkt schrie auf, ihre Aura flackerte, zitterte und erlosch dann abrupt, als hätte sie sich der übermächtigen Präsenz Aragis unterworfen.


Leyla wollte reagieren, sich losreißen, irgendetwas tun – doch ehe sie begriff, was geschah, hatte Aragi ihre Hand mit erschreckender Leichtigkeit auf den Tisch gedrückt. Der Kampf war vorbei, bevor er überhaupt begonnen hatte.


Sie hatte verloren.


Selfmun Aragi erhob sich langsam, sein Blick blieb noch einen Moment auf ihr haften, ehe er mit ruhiger Stimme sprach. „Sobald das Turnier vorbei ist, treffen wir uns in der Taverne ,,Sternenkrone’’. Ich will mich mit dir unterhalten.“ Seine Worte waren keine Einladung – es war ein Befehl, gesprochen mit einer Selbstverständlichkeit, als wäre es eine unumstößliche Tatsache.


Leyla schluckte, ihr Magen zog sich zusammen. Sie nickte knapp, unfähig, sich zu einer Antwort zu zwingen. Was war das gewesen? Diese kalte, erdrückende Macht, die sie gelähmt hatte, bevor sie überhaupt reagieren konnte? Zum ersten Mal verstand sie Yagas Warnung vor Aragi – jetzt wusste sie, warum selbst jemand wie Yaga ihn gefürchtet hatte.


Mit leicht zittrigen Fingern trat sie zur Seite, um den Finalkampf zu verfolgen. Sie erwartete, dass Aragi sich ebenso mühelos gegen Bunj durchsetzen würde, doch es geschah etwas völlig Anderes – der Kampf dauerte nicht einmal eine Sekunde. Bunj hatte gewonnen.


Leyla blinzelte überrascht. Hatte Aragi absichtlich verloren? Sein Gesicht verriet nichts, keine Spur von Enttäuschung, kein Zorn über die Niederlage. Sie wollte sich die Szene genauer einprägen, doch sie hatte keine Gelegenheit dazu.


Bevor sie Bunj gratulieren konnte, trat Aragi erneut an sie heran.


„Komm mit.“ Seine Stimme war ruhig, aber bestimmt.


Ohne auf eine Antwort zu warten, drehte er sich um und schritt in Richtung der Taverne. Leyla wusste, dass sie ihm folgen sollte – folgen musste.


Etwas in ihr schrie auf, widersetzte sich dem Gedanken, Befehle von jemandem anzunehmen, der nicht der Kaiser oder ihre Anführerin war. Doch Aragi sprach mit einer Autorität, die keinen Widerspruch zuließ, als wäre es selbstverständlich, dass sie gehorchte.


Und als sie den ersten Schritt hinter ihm tat, spürte sie es wieder – dieses Gefühl, dass all das Selbstvertrauen, das sie sich in diesem Jahr aufgebaut hatte, in seiner bloßen Anwesenheit wie eine schwache Kerze flackerte, kurz davor, endgültig zu verlöschen.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla saß an dem grob gezimmerten Holztisch, ein fast unberührter Krug Bier vor ihr. Ihr gegenüber saß Selfmun Aragi, mit jener kühlen, undurchdringlichen Ausstrahlung, die ihn so gefährlich machte. Seine schlanken Finger ruhten lässig um ein Glas Rotwein, das er mit bedächtiger Ruhe in seiner Hand drehte, als würde er jede Bewegung nutzen, um sie zu analysieren. Sein Blick haftete auf ihr, wachsam, berechnend – ein Jäger, der beobachtete, wie sich ein weiteres Opfer in seinem Netz verfing.


Die Luft in der Taverne war schwer, fast drückend, als würde der Raum selbst die Spannung zwischen ihnen spüren. Leyla fühlte, wie sich ein unangenehmer Knoten in ihrem Magen bildete. Was wollte er von ihr?


Langsam strich Aragi mit seinen Fingern über das raue Holz des Tisches, eine unauffällige, aber beinahe hypnotische Geste. Er ließ sich Zeit, die Stille auszukosten, bevor er schließlich das Wort ergriff.


„Ich möchte gleich zur Sache kommen“, begann er ruhig, aber bestimmt. Keine unnötigen Höflichkeiten – er hatte sie nicht ohne Grund herbestellt. Seine Augen, kalt und durchdringend, schienen ihr Innerstes zu erforschen. „Es geht um deine Fähigkeit.“


Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Für einen Moment glaubte sie, er wisse von den Kerzen, von dem Stein, von ihrer Wahrheit. Ein bedrohlicher Schwindel erfasste sie, als sie ihre Gedanken hastig ordnete. Doch dann sprach er weiter, und sie atmete innerlich auf.


„Du hast in außergewöhnlich kurzer Zeit eine enorme Kraft angesammelt. Da stellt sich natürlich die Frage – wie?“


Er wusste es nicht. Er ahnte etwas, doch ihm fehlten die entscheidenden Puzzleteile. Trotzdem zwang sie sich zur Ruhe und zu einer kontrollierten Antwort.


,,Ich habe einfach gut trainiert, Yaga meinte…’’


„Erwähne nicht den Namen des Onis“, unterbrach Aragi sie scharf. Sein Ton blieb ruhig, doch die plötzliche Kälte in seinen Worten ließ Leyla augenblicklich verstummen. Sie fühlte, wie ihre Muskeln sich anspannten, ein natürlicher Reflex in Gegenwart einer Gefahr.


Doch Aragi ließ die Spannung nicht lange stehen. Fast nahtlos setzte er fort, als wäre Yaga nie erwähnt worden.


„Es geht mir nicht darum, wie du diese Kraft erlangt hast. Ich frage mich vielmehr – wie wirst du sie einsetzen?“


Leyla blinzelte. Das war eine Frage, mit der sie nicht gerechnet hatte. Ihr erster Impuls war, die Standardantwort zu geben – sie diente dem Kaiserreich als Kopfgeldjägerin, sie erfüllte ihre Aufträge, sie folgte den Regeln. Doch die Art, wie Aragi die Frage stellte, ließ sie innehalten. Was war die richtige Antwort?


„Ich diene dem Kaiser als Kopfgeldjägerin“, antwortete sie schließlich und hielt seinem Blick stand. „Abgesehen davon möchte ich möglichst vielen Leuten helfen.“


Aragi ließ die Worte einen Moment lang im Raum schweben, sein Gesichtsausdruck verriet keine Regung. Doch Leyla spürte eine leise Unruhe in sich aufkeimen. Plötzlich fragte sie sich, warum sie überhaupt das Gefühl hatte, eine Antwort geben zu müssen.


,,Ich stehe doch eigentlich über ihm.’’


Der Gedanke war klar, rational. Sie war eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin – nur der Kaiser selbst und Yang konnten ihr Befehle erteilen. Selfmun Aragi war Kaiserlicher Minister, aber er hatte keine Autorität über sie. Also warum fühlte es sich nicht so an?


Und dann begriff sie.


Hier ging es nicht um Ränge oder Titel. Wahre Macht kam nicht von einer Position, sondern von der Autorität, die eine Person ausstrahlte. Es ging um Einfluss, um Stärke, um Präsenz. Das Kaiserreich hatte eine strikte Hierarchie – und doch gab es Wesen, die sich außerhalb dieses Systems bewegten. Selfmun Aragi war eine dieser Ausnahmen.


„Ich verstehe“, murmelte Aragi leise, als hätte er ihre Gedanken erraten. Dann lehnte er sich leicht nach vorne, sein Blick wurde schärfer.


„Und was, wenn dir ein Verbrechen befohlen wird? Zum Beispiel… die Ermordung eines Kindes?“


Leylas Atem stockte. Die Worte trafen sie wie ein Faustschlag. Unwillkürlich zuckte ihr Kopf zurück. Sofort schossen die Erinnerungen an den Sohn des Grafen in ihr Bewusstsein – die Nacht, in der sie ihn getötet hatte, ohne zu zögern.


Sie hatte sich immer eingeredet, dass es notwendig gewesen war. Dass sie keine Wahl gehabt hatte. Doch jetzt, in diesem Moment, unter Aragis unerbittlichem Blick, fühlte sich ihre Rechtfertigung hohl an. Doch bevor sie eine Antwort formulieren konnte, hob Aragi beiläufig die Hand.


,,Die Frage war nicht angemessen, vergiss sie.’’ Aragi schien nicht so, als würde er die Frage bereuen. Vielmehr hatte Leyla das Gefühl, dass er seine Antwort erhalten hatte. Er ließ ihr nicht einmal die Möglichkeit, sich zu verteidigen. Sie war von ihm bereits entblößt, durchschaut – als wäre sie ein offenes Buch, dessen Seiten er einfach umblättern konnte, wann immer er wollte.


Dann wechselte schlicht er das Thema, als würde das Gespräch jetzt erst beginnen.


„Der eigentliche Grund, warum ich dich hierher gebeten habe, ist, dass ich einen Auftrag für dich habe“, erklärte er mit gleichgültiger Sachlichkeit. „Der Auftrag wird in ein paar Tagen als offizieller, freier Auftrag bei euch ankommen.“


Leyla spürte, wie sich ihr Magen verkrampfte. Ein Auftrag von Selfmun Aragi?


„Was für ein Auftrag?“ fragte sie, ihre Stimme war nur ein Hauch.


Aragi nahm einen letzten Schluck aus seinem Weinglas, dann setzte er es ruhig ab.


„Ein Adliger in Welldyl macht Probleme. Du sollst das Problem beseitigen. Er hat eine… Vorliebe für hübsche, junge Frauen. Da solltest du ohne Probleme an ihn rankommen.“


Ein unangenehmes Frösteln lief Leyla über den Rücken. War das ein Test? Eine Falle? Oder einfach nur ein gewöhnlicher Auftrag?


Sie konnte es nicht sagen.


Aragi erhob sich, sein Mantel raschelte leicht, als er sich zur Tür wandte. „Ich zähle auf dich, Naturgewalt Leyla.“


Dann verließ er die Taverne, ohne ein weiteres Wort, ohne eine letzte Geste.


Leyla blieb zurück, ihre Gedanken rasten.


Sie wollte nach Welldyl. Die Handelsstadt war neben der Wüstenstadt Karintes und der Festungsstadt Kartaffel einer der Orte im Kaiserreich, die sie unbedingt sehen wollte. Doch sie konnte nicht abschätzen, ob Aragi die Wahrheit gesagt hatte. War dieser Adlige wirklich eine Bedrohung? Oder wollte Aragi nur sehen, ob sie bereit war, nach seiner Pfeife zu tanzen?


Mit einem dumpfen Gefühl in der Brust leerte sie ihren Krug und stand auf.


Draußen war die Stadt bereits zur Ruhe gekommen. Die Straßen, die noch vor wenigen Stunden voller Leben gewesen waren, lagen nun verlassen im kühlen Schein der Laternen. Die Kaiserstadt war still, doch in Leylas Kopf loderte das Feuer der Ungewissheit.



--------------------------------------------------------------------------



Erschöpft trat Leyla in ihr Wohnzimmer, ihre Schultern hingen tief, und jeder Schritt fühlte sich an, als würde er sie weiter in den Boden drücken. Das Gespräch mit Selfmun Aragi hatte sie regelrecht ausgelaugt. 


Die Art, wie er sie psychisch zermürbt hatte – seine ruhigen Worte, die schneidende Kälte in seiner Stimme, das Gefühl, dass er mit jeder Frage ein weiteres Stück ihrer Gedanken auseinanderpflückte – all das hinterließ einen nagenden Stich in ihrer Brust. Sie fühlte sich, als hätte er etwas in ihr zerbrochen, etwas, das sie nicht benennen konnte, und diese Ungewissheit machte ihr mehr zu schaffen, als sie zugeben wollte.


Die Stille im Zimmer war ungewöhnlich. Normalerweise war Nea immer irgendwo, ihr Lachen oder ihre endlose Energie füllten die Räume mit Leben. Doch jetzt… nichts. Nur das sanfte Ticken der alten Wanduhr, die Eroica aufgehangen hatte, das ihr Bewusstsein daran erinnerte, dass die Zeit unaufhörlich weiterlief – egal, was in ihr vorging.


,,Leyla, wie geht es Euch? Ich habe gehört, dass Ihr mit dem Kaiserlichen Minister geredet habt?’’


Die Stimme riss sie aus ihren Gedanken, und sie drehte sich um. Eroica stand im Türrahmen ihres Schlafzimmers, das weiche Licht der Öllampe hinter ihr ließ ihr hellblaues Fell leicht schimmern. Sie trug bereits ihr Nachthemd, das weiche, luftige Material fiel locker über ihre Schultern, und ihre Ohren zuckten aufmerksam.


Leyla entspannte sich ein wenig und ließ den Blick durch den Raum gleiten. „Das stimmt…“ Ihre Stimme war leiser, als sie es erwartet hatte. Sie war sich nicht einmal sicher, warum sie nach Nea suchte, doch ein Teil von ihr vermisste die vertraute Präsenz.


Eroica schien zu erahnen, was ihr durch den Kopf ging. Sie trat ein wenig näher, ihr Blick sanft, aber bestimmt. „Ich habe die Edle Miss Nea in ihr Zimmer geschickt. Ich dachte, Ihr würdet heute lieber einen ruhigen Abend haben.“


Leyla blinzelte überrascht. Dann atmete sie tief durch, ließ die Anspannung in einem langen Seufzen aus ihren Lungen entweichen. Ein ruhiger Abend – das klang tatsächlich wie das Beste, was ihr im Moment passieren konnte.


,,Danke Eroica.’’ Die Worte kamen ehrlich über ihre Lippen, ein Zeichen der Dankbarkeit dafür, dass Eroica sie verstand, ohne dass sie etwas sagen musste.


Ohne sich weiter mit Gedanken aufzuhalten, ging sie zu ihrem Tisch, nahm ihren Beutel ab und begann, die Einkäufe auszubreiten. Exotischer Tee aus Juspa, ein Garnisches Kurzschwert, ein Buch über die Vogelarten des Verltria-Gebirges und eine schwarze Haarspange in Form einer Feder. 


Jedes einzelne Stück war ein Teil des Tages, ein Andenken an das Sonnenfest, doch jetzt wirkten sie fremd, beinahe bedeutungslos. Sie ließ ihre Finger sanft über die Haarspange gleiten, doch selbst der kühle, glatte Stein konnte das Unwohlsein nicht aus ihrer Brust vertreiben.


,,Gute Nacht Eroica’’, sagte sie schließlich, als sie sich langsam in Richtung ihres Zimmers bewegte.


Eroica beobachtete sie noch einen Moment, dann neigte sie leicht den Kopf, eine Geste von Respekt und Fürsorge. ,,Gute Nacht, Leyla.’’


Die Tür fiel leise hinter ihr ins Schloss, und Leyla lehnte sich für einen Moment dagegen. Die Erschöpfung, die sie den ganzen Abend über bekämpft hatte, überfiel sie nun mit voller Wucht. Sie ließ ihre Stiefel achtlos auf den Boden gleiten, streifte ihre Kleidung ab und warf sich mit einem tiefen Atemzug auf das Bett.


Die Matratze gab nach, schloss sie in ihre weiche Umarmung, und sie spürte, wie ihr Körper all die Anspannung des Tages abgab. Sie wollte sich noch die Decke überziehen, doch ehe sie sich versah, fiel sie in einen tiefen Schlaf.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page