Kapitel 88 - Wir sind Beobachter.
- empirewebnovel
- 21. Feb. 2025
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Als Leyla zu träumen begann, fand sie sich an einem langen Tisch wieder. Der Raum, in dem sie saß, war hell erleuchtet, doch es gab weder Fenster noch sichtbare Lichtquellen. Das Licht schien von den Wänden selbst auszugehen, als wäre der Raum lebendig, atmend, beobachtend. Eine seltsame, fast unwirkliche Stille lag in der Luft, als würde jede noch so kleine Bewegung ein Echo hinterlassen, das nicht verklingen würde.
Leyla spürte sofort, dass sie keine Kontrolle über ihren Körper hatte. Ihre Hände ruhten auf dem Tisch, und obwohl sie versuchte, ihre Finger zu bewegen, blieben sie reglos. Es war, als sei sie nur eine Beobachterin in ihrem eigenen Traum, gefangen in einer Szene, die nicht von ihr gelenkt wurde. Ein unbehagliches Gefühl kroch ihren Rücken hinauf, doch gleichzeitig war da auch eine seltsame Vertrautheit, als hätte dieser Ort sie erwartet.
Langsam, wie von einer fremden Kraft gelenkt, hob sich ihre rechte Hand. Ihre Finger streckten sich über den Tisch, tasteten nach etwas Unsichtbarem, das erst in dem Moment erschien, als ihre Haut es berührte. Ein Buch. Doch nicht irgendein Buch.
„Rabe“ – in goldenen Lettern prangte der Titel auf dem tiefschwarzen Einband.
Leylas Herz schlug schneller. Sie erkannte es sofort. Es war das Buch, das sie in der Gefangenschaft von Eugenius gelesen hatte. Die Erinnerung an jene dunklen Wochen war noch immer in ihr verankert, und eine vertraute Sicherheit breitete sich in ihr aus, als ihre Finger über den rauen Einband strichen. Der Geruch von altem Papier, ein Hauch von Tinte – es war genau dasselbe Buch. Doch wie war es hierher gelangt?
Ohne dass sie es beabsichtigte, begannen ihre Hände, die ersten Seiten aufzuschlagen. Ihr Blick fiel auf den Anfang der zweiten Seite, und in diesem Moment spürte sie, wie eine unsichtbare Kraft sie ergriff. Ein Ruck, stärker als alles, was sie je gefühlt hatte. Die Welt um sie herum verzerrte sich, als würde sie von einem gewaltigen Sog verschlungen werden.
Sie versuchte zu verstehen, was geschah, doch es war zwecklos. Ihre Umgebung löste sich auf, als würde der Traum selbst zerrissen werden, und für einen kurzen Moment glaubte sie, eine dunkle Silhouette am Rand ihres Blickfeldes zu erkennen. Doch bevor sie darüber nachdenken konnte, verlor sie sich in der Schwärze.
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Leyla schwebte körperlos in der Leere, ein Zustand, der ihr vertraut war. Genauso wie beim ersten Mal empfand sie dieses Gefühl nicht als bedrohlich oder beunruhigend – im Gegenteil. Eine merkwürdige Ruhe durchströmte sie, als wäre sie an einem Ort, an dem sie verstanden und angenommen wurde, ohne Furcht, ohne Widerstand.
Allmählich wich die Dunkelheit, und ein gleißendes Licht trat an ihre Stelle. Der Wechsel war fließend, sanft, und als die Welt um sie herum schließlich Gestalt annahm, erkannte Leyla, dass sie auf der Spitze eines einsamen Berges stand. Der Himmel spannte sich weit über ihr auf, in tiefem Blau, grenzenlos, und die Welt unter ihr war ein Flickenteppich aus Wäldern, Seen und Bergen, die in einer dunstigen Ferne verschwammen.
Doch sie konnte sich weiterhin nicht bewegen. Ihr Blick war auf drei Gestalten gerichtet, die vor ihr standen, und egal, wie sehr sie versuchte, ihre Augen auf etwas anderes zu richten, sie konnte sie nicht von ihnen abwenden.
Die drei Wesen hatten eine unheimliche, übernatürliche Präsenz. Ihre Körper waren von schwarzen Federn bedeckt. Lange, dunkle Roben hingen schwer über ihren Schultern. Es war, als hätten Rabenvögel menschliche Gestalt angenommen, eine Mischung aus Fremdartigkeit und Macht, die Leyla frösteln ließ.
Der Größte der drei trat vor und sprach. Seine Stimme klang tief und rauschend, als käme sie aus dem Ursprung selbst, uralt und voller unergründlicher Bedeutung. „Sag ███████, sag ████████. Wie wollen wir diese Welt behandeln?“
Leyla wollte die Worte verstehen, doch die Namen waren unbegreiflich. Ihre Gedanken stolperten über sie hinweg, als würden sie von einer unsichtbaren Kraft aus ihrem Bewusstsein gelöscht. Es war, als existierten die Namen nicht, als dürften sie nicht existieren. Oder als dürfte Leyla sie nicht erfahren.
Der Kleinste der drei antwortete als Erster. Seine Stimme war heller, doch nicht weniger durchdringend. „███████, ich denke, wir sollten die Stärksten suchen. Wir sollten sie zu gerechten Herrschern ausbilden, auf dass sie die Welt beschützen.“
Leyla versuchte, das Gesagte zu verarbeiten, doch wieder glitten die Namen von ihrem Verstand ab wie Wasser von Stein. Was war das hier? Warum konnte sie diese Worte nicht erfassen?
Der Mittlere, dessen Haltung die eines Nachdenklichen war, sprach nun ebenfalls, und seine Stimme war weich – doch unter dieser Ruhe lag eine unerschütterliche Entschlossenheit. „███████, ich denke, wir sollten selbst herrschen. Wir sollten das Böse unterdrücken, um die Welt zu schützen.“
Leyla fühlte, wie sich ihre Gedanken im Kreis drehten, ihr Bewusstsein sich an der Bedeutung dieser Szene festkrallte, ohne sie vollständig greifen zu können. Wer waren diese Wesen? Warum konnte sie ihre Namen nicht hören? Warum schien es, als würde eine Macht verhindern, dass sie dieses Wissen erlangte?
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Der Große drehte sich langsam zu den beiden anderen um. In seinen tiefen, undurchdringlichen Augen spiegelte sich eine Weisheit, die weit jenseits der Zeit existierte. Sein Blick war der eines uralten Wesens, das zahllose Ären überdauert hatte. Als er sprach, hallte seine Stimme über die Bergspitze, durchdringend und endgültig, als wäre jedes seiner Worte in Stein gemeißelt.
„███████, ████████, ihr liegt beide falsch“, sagte er, und seine Worte waren so durchdringend wie der Donner. „Wenn wir, denen diese Verantwortung gegeben wurde, so handeln, sind wir nicht besser als ████.“
Leyla spürte wieder diese unsichtbare Barriere, die sie von der Wahrheit trennte. Ein Name, den sie nicht verstehen konnte. Ein Wort, das aus ihrem Geist gelöscht wurde, bevor es ausgesprochen war. Doch diesmal wollte sie nicht nachdenken, wollte nicht hinterfragen. Sie konzentrierte sich auf das, was vor ihr geschah – auf das, was sie verstehen durfte.
Der Kleine der drei reagierte sofort. Seine Stimme fest, durchdrungen von der Überzeugung eines Gläubigen, der sein Dogma verteidigte. „Aber ███████, wir müssen die Sterblichen anleiten! Sie sind schwach, sie brauchen unsere Führung!“
Der Mittlere, dessen Stimme sanft war, erhob sich mit einer ebenso starken Gegenmeinung. Seine Worte waren weich, doch auch seine Überzeugung war unerschütterlich. „Nein, ███████, wir müssen die Sterblichen beherrschen! Nur so können wir sicherstellen, dass sie nicht ins Chaos stürzen!“
Plötzlich blitzten die Augen des Großen in tiefem Schwarz auf, ein Ausdruck reiner Autorität, der jeden Widerstand im Keim erstickte. Eine Macht, so alt wie die Sterne, pulsierte durch die Luft und zwang die beiden anderen in Schweigen. Leyla spürte die Energie, die von ihm ausging, und ein merkwürdiges Gefühl breitete sich in ihr aus – als hätte sie diese Präsenz schon einmal gespürt, als wäre sie ihr seltsam vertraut.
Der Große hob eine Hand, eine Geste, die nicht nur zur Ruhe, sondern zur absoluten Akzeptanz aufrief. „Nein, ███████, ████████“, sprach er erneut, diesmal ruhiger, aber nicht minder bestimmt. „Wir müssen die Sterblichen beobachten. Wir müssen sie immer im Auge behalten. Doch wir dürfen uns niemals einmischen. Wir sind nicht hier, um unsere Macht auszunutzen. Nicht hier, um Schutzlose zu unterwerfen. Nicht hier, um Herrscher auszubilden oder selbst zu herrschen. Merkt euch dies: Wir sind Beobachter. Wir dürfen keinen Kontakt zu ihnen aufnehmen. Wir dürfen uns nicht zeigen. Wir müssen wachsam sein. Wir müssen vorsichtig sein. Denn wir, wir sind die ███.“
Die Worte hallten nach, hallten in Leylas Geist wider, das Echo eines göttlichen Dekrets.
Die beiden anderen Gestalten senkten ihre Köpfe, knieten vor dem Großen nieder, und ihre Stimmen verschmolzen zu einer einzigen, als sie antworteten: „Ja, wir verstehen, ███████.“
Leyla spürte, wie ihre Neugier sich zu einem brennenden Verlangen steigerte. Sie wollte mehr wissen. Wollte diese Wesen befragen, verstehen, wer sie waren, welche Rolle sie spielten. Was waren sie? Warum waren sie hier? Doch gerade als sie merkte, dass sie ihren Mund wieder spürte und ihn öffnen wollte, um eine Frage zu stellen – begann alles zu verschwimmen.
Die drei Figuren zerflossen, ihr Licht verblasste, die Worte wurden unverständlich, als würde eine unsichtbare Hand sie aus der Realität streichen. Die Vision entglitt ihr, der Traum fiel in sich zusammen, und Leyla fühlte sich wie ein Blatt, das vom Wind erfasst und sanft aus einer anderen Welt zurückgetragen wurde.
Und dann war da nur noch Dunkelheit.



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