Kapitel 9 - Manakonvergenz
- empirewebnovel
- 26. Aug. 2024
- 13 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 7 Tagen

—BAMM—
Das dumpfe Krachen einer Faust, die mit voller Wucht auf ein Gesicht traf, hallte zwischen den dunklen Baumstämmen wider und ließ selbst die Blätter über ihnen erzittern.
Leyla war erst wenige Augenblicke zuvor wieder zu Bewusstsein gekommen. Noch benommen vom Gift der Arachne hatte sie Liam neben sich sitzen sehen – und ohne einen einzigen Gedanken zu verschwenden zugeschlagen.
Nun schüttelte sie ihre pochende Hand aus und funkelte ihn voller Zorn an.
Liam starrte sie zunächst nur überrascht an. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich aus dem Konzept gebracht – ehe sich sein gewohnter lockerer Ausdruck langsam wieder auf seinem Gesicht ausbreitete.
„War das wirklich nötig, Leyla?" fragte er schließlich und strich sich mit der Hand über die Wange. Ein schiefes Grinsen zog sich über seine Lippen, als wäre gerade gar nichts passiert.
„Ja, war es! Wegen dir wäre ich beinahe gestorben!"
Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Wut.
Für einen Sekundenbruchteil spielte Leyla mit dem Gedanken, ihm noch einmal ins Gesicht zu schlagen. Doch dann bemerkte sie etwas in seinem Blick. Einen Anflug von Ernst. Oder vielleicht Sorge.
„Leyla", begann Liam ruhiger als zuvor. „Du musst lernen zu kämpfen. Und noch wichtiger – du musst lernen zu überleben. Selbst wenn wir uns niemals begegnet wären, wärst du früher oder später allein durch diesen Wald gezogen."
„Und deine geniale Lösung dafür war also, mich fast fressen zu lassen?"
„Ich musste dir eben zeigen, wo du in der Nahrungskette stehst."
Und da war sie wieder – diese unerträglich lässige Art. Genervt wandte Leyla den Blick ab.
Ihre Finger waren mit aufgeplatzten Blasen übersät, allein der Anblick war schon schmerzhaft. Und trotzdem huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht.
Sie fühlte sich stärker. Nicht körperlich, sondern auf eine andere Art. Als hätte sie in diesem einen Kampf mehr gelernt als während der gesamten Reise zuvor. Wahrscheinlich entsprach das sogar der Wahrheit.
Langsam ließ sie den Blick über das kleine Lager gleiten, das Liam aufgebaut hatte. Sie saß auf ihrem Schlafsack nahe am Feuer – gerade nah genug, um die angenehme Wärme zu spüren, aber weit genug entfernt, damit der Rauch nicht zu ihr herüberzog. Über ihnen bewegten sich die Baumwipfel leise im Nachtwind, während Funken aus dem Feuer in die Dunkelheit aufstiegen wie winzige, sterbende Sterne.
Liam wiederum hatte es sich direkt neben ihr auf einem alten Baumstumpf bequem gemacht, als wäre das Lagerfeuer mitten in diesem gefährlichen Wald ein Ort zum Entspannen.
„Und?" fragte er schließlich mit einem schelmischen Unterton. „Hast du dich wieder beruhigt?"
Er streckte sich gemächlich und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Morgen erreichen wir Ramir. Aber irgendwie bezweifle ich, dass Ramir wirklich dein Ziel ist."
Einen Moment ließ er die Worte zwischen ihnen stehen.
„Also? Wo geht's wirklich hin?"
Leyla war viel zu erschöpft, um sich noch ernsthaft aufzuregen. „Nach Malyl. Wie lange genau hast du eigentlich vor, mir noch hinterherzulaufen?"
„Nach Malyl also?" Liam rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Hmm… dann begleite ich dich wohl mindestens bis dorthin. Ich habe ohnehin nichts Besseres zu tun."
Sein entspannter Tonfall machte die Aussage irgendwie noch fragwürdiger.
„Mach doch, was du willst", murmelte Leyla.
Sie starrte in die flackernden Flammen. Es musste bereits tief in der Nacht sein – eigentlich hätte sie längst schlafen sollen, ihr Körper verlangte danach, doch ihr Geist war viel zu wach. Zu viel war passiert. Zu viele Eindrücke drängten sich gleichzeitig, ohne dass einer von ihnen wirklich Platz fand.
Im Augenwinkel bemerkte sie schließlich, wie Liam langsam die Hand dem Feuer entgegenstreckte und die Finger öffnete.
„Stören wir deine Ruhe?" fragte er ruhig in die Dunkelheit. „Keine Sorge. Morgen sind wir wieder verschwunden."
Leyla runzelte die Stirn. „Ist er jetzt endgültig verrückt geworden?"
,,Mit wem redest du?’’ fragte sie ihn.
Liam drehte leicht den Kopf zu ihr.
„Na, mit diesem kleinen Naturgeist."
--------------------------------------------------------------------------
„Ein Naturgeist?" fragte Leyla neugierig.
Sie beugte sich leicht vor und starrte angestrengt auf Liams geöffnete Handfläche, als würde sie erwarten, dort jeden Moment irgendein leuchtendes Wesen entdecken zu können.
Doch sie sah nichts.
Kein Flimmern. Keine Bewegung. Nichts außer den tanzenden Schatten des Lagerfeuers.
In dem kameristischen Buch hatte sie nie etwas über Naturgeister gelesen.
„Ich sehe gar nichts." Die Enttäuschung in ihrer Stimme war kaum zu überhören.
Liam lächelte nur ruhig vor sich hin. „Das ist auch nicht besonders verwunderlich. Die wenigsten Menschen können schwache Naturgeister überhaupt wahrnehmen."
Leyla musterte ihn einige Sekunden schweigend. Kurz fragte sie sich, ob er sich einfach über sie lustig machte. Doch schließlich entschied sie sich, ihm zu glauben. Zu vieles von dem, was sie in dieser Welt bereits gesehen hatte, hätte sich ihrer Vorstellung früher entzogen.
„Was genau sind Naturgeister eigentlich?"
Liam kratzte sich nachdenklich am Kopf und ließ den Blick einen Moment hinauf in die Dunkelheit zwischen den Baumwipfeln wandern.
„Wie erkläre ich das am besten…", murmelte er leise. „Naturgeister sind Lebewesen, die vollständig aus Mana bestehen. Anders als wir besitzen sie keine feste Grenze dafür, wie viel Mana sie speichern können. Sie ziehen es direkt aus ihrer Umgebung – aus dem Wind, dem Wasser, der Erde. Eigentlich aus allem, was nicht selber lebt."
Leyla hing förmlich an seinen Worten.
„Die meisten Naturgeister sind klein", fuhr Liam fort. „Schwach. Unbedeutend. Sie treiben durch Wälder, schlafen zwischen Wurzeln, folgen Flüssen oder lassen sich vom Wind tragen." Er hob leicht die Schultern. „Aber manche von ihnen sind… anders."
Sein Blick wanderte zum Nachthimmel. „Manche Naturgeister werden so mächtig, dass selbst gewöhnliche Menschen ihre Präsenz spüren können."
Dann grinste er leicht. „Und die richtig mächtigen kannst sogar du sehen."
Leyla zog langsam die Knie näher an ihren Körper und legte den Kopf darauf.
Der Wald fühlte sich plötzlich noch größer an als zuvor. Fremder. Lebendiger – als wäre er nicht einfach nur ein Ort, sondern etwas, das atmete, wartete und beobachtete. Es faszinierte sie ebenso sehr, wie es sie beunruhigte. Immer wieder glaubte sie, langsam zu verstehen, wie diese Welt funktionierte – nur damit kurz darauf etwas Neues auftauchte, das alles erneut unergründlicher wirken ließ, wie ein Horizont, der sich mit jedem Schritt weiterverschob. Ob das wohl jemals anders sein würde?
Einen Moment lang schwieg sie und lauschte einfach dem Knistern des Feuers.
Dann hob sie leicht den Blick.
„Du, Liam?" fragte sie leise.
„Hm?"
Leyla zögerte einen Herzschlag lang.
„Kannst du mir beibringen, wie man Magie benutzt?"
--------------------------------------------------------------------------
Leyla hatte ihm diese Frage eigentlich schon vor Tagen stellen wollen. Doch jedes Mal hatte ihr der Mut gefehlt. Zu groß war die Angst vor der Antwort. Was, wenn sie gar keine Magie nutzen konnte? Sie stammte schließlich aus einer vollkommen anderen Welt. Einer Welt ohne Mana, ohne Naturgeister.
Und trotzdem hatte sie immer wieder davon geträumt.
Davon, mit brennenden Schwingen wie ein Phönix durch die Wolken zu gleiten. Davon, allein mit ihrem Willen Mauern aus Stein zu erschaffen oder sich Kleidung entstehen zu lassen, genau so, wie sie sie haben wollte.
Liam hielt kurz inne. Dann legte er den Kopf leicht in den Nacken, gähnte müde – und nickte schließlich.
,,Klar, kann ich machen.’’
,,Wirklich?!’’ Die Begeisterung platzte förmlich aus ihr heraus. Ihre Augen weiteten sich sofort, und sämtliche Erschöpfung schien für einen Moment vollständig verschwunden zu sein.
Liam musste leicht grinsen. Dann stand er langsam auf und trat einige Schritte vom Lagerfeuer weg auf eine kleine freie Stelle zwischen den Bäumen. Das flackernde Licht warf lange Schatten über den Waldboden. Er drehte sich um.
„Aber hör mir gut zu", sagte er deutlich ernster als zuvor. „Wenn ich das Gefühl bekomme, dass du das hier nicht ernst nimmst, höre ich sofort auf, dir irgendetwas beizubringen."
Leyla richtete sich unwillkürlich auf. „Ich nehme das ernst."
„Gut." Liam hob langsam eine Hand und spreizte leicht die Finger. „Dann erst mal die Grundlagen. In der Magie existieren sechs Grundelemente."
„Feuer."
Sofort züngelten Flammen zwischen seinen Fingern hervor. Das Feuer wirkte lebendig – es wand sich wie eine Schlange um seine Hand, bevor es sich plötzlich zu einem glühenden Pfeil formte und mit einem scharfen Zischen in das Lagerfeuer schoss. Die Flammen loderten augenblicklich höher auf.
,,Wasser.’’
In seiner geöffneten Handfläche sammelten sich Tropfen aus der Luft selbst. Innerhalb weniger Sekunden entstand daraus eine schwebende Kugel aus kristallklarem Wasser, die ruhig über seiner Haut schimmerte wie eine schlafende Linse.
,,Wind.’’
Ein kräftiger Luftzug rauschte durch das Lager. Leylas Haare wurden nach hinten geweht, das Feuer tanzte wild, und die Baumkronen über ihnen rauschten laut auf, obwohl zuvor kaum ein Lüftchen geweht hatte.
,,Licht.’’
Über ihnen entstand eine helle Lichtkugel. Sanftes goldenes Licht ergoss sich über das Lager und verdrängte die Dunkelheit zwischen den Stämmen. Leyla erkannte die Magie sofort – es war dieselbe Kugel, die ihnen vor dem Kampf mit der Arachne den Weg geleuchtet hatte.
,,Schatten.’’
Die Lichtkugel zerbarst lautlos. Im nächsten Moment breitete sich dunkler Rauch um Liam aus und verschluckte seine Gestalt beinahe vollständig. Die Schatten wirkten unnatürlich dicht, fast lebendig, als würden sie ihn bewusst festhalten. Dann trat Liam langsam wieder daraus hervor – als hätte die Dunkelheit ihn einfach ausgespuckt.
„Und dann gibt es noch Erde", erklärte er. „Aber Erdmagie kann ich überhaupt nicht benutzen."
Leylas Augen waren mit jedem Element größer geworden. Sie wusste nicht einmal mehr, worauf sie zuerst achten sollte.
Liam setzte sich wieder neben sie ans Feuer. „Die meisten Wesen besitzen zu einem dieser Elemente eine natürliche Verbindung. Diese Affinität sorgt dafür, dass man das jeweilige Element leichter kontrollieren kann – die Magie wird stärker, verbraucht weniger Mana und fühlt sich deutlich natürlicher an."
Er deutete mit einer lockeren Handbewegung auf die Umgebung. „Die meisten Magier können theoretisch auch andere Elemente nutzen, aber das ist ineffizient. Schwächer. Anstrengender. Deshalb konzentrieren sich die meisten auf ihre Affinität."
Leyla hörte aufmerksam zu und nahm jedes einzelne Wort in sich auf.
„In sehr seltenen Fällen", fuhr Liam fort, „besitzt jemand mehr als nur eine Affinität."
Ein leicht zufriedenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Meine sind Feuer und Licht."
„Das hatte ich mir ehrlich gesagt schon gedacht."
Leyla nickte leicht. In ihrem Kopf entstanden bereits unzählige Vorstellungen – Flammen, Licht, Wind, vielleicht sogar etwas vollkommen anderes, etwas, das sie noch nicht einmal benennen konnte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Dann sah sie Liam voller Erwartung an.
„Und?" fragte sie gespannt. „Welches Element passt zu mir?"
--------------------------------------------------------------------------
„Die einfachste Methode, das eigene Element herauszufinden, ist eine Technik namens Manakonvergenz", erklärte Liam. „Eigentlich bleibt dieses Wissen den Elfen vorbehalten, aber für deinen hoffnungslosen Fall mache ich ausnahmsweise eine Ausnahme."
„Manakonvergenz?" fragte Leyla und ignorierte seine Stichelei bewusst.
„Genau." Liam nickte leicht. „Im Grunde ziemlich simpel. Du lässt etwas Mana in deine Handfläche fließen und stellst dir dann vor, wie zwischen deinem Mana und deiner Seele eine Verbindung entsteht."
Leyla runzelte die Stirn.
Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie man Mana in eine Handfläche fließen ließ. Noch viel weniger, wie man überhaupt eine Verbindung zu seiner eigenen Seele aufbauen sollte.
Offenbar bemerkte Liam ihre Ratlosigkeit, denn er streckte seine eigene Hand aus.
„Als Erstes musst du deinen Arm ausstrecken."
Leyla tat es – auch wenn sie langsam wieder das Gefühl bekam, dass er sich über sie lustig machte.
„Jetzt stell dir vor, dass neben deinem Blut noch etwas anderes durch deinen Körper fließt", erklärte Liam ruhig. „Magische Kraft. Mana. Wie genau du dir das vorstellst, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass dein Kopf es versteht."
Dann grinste er leicht. „Dein Blut musst du dir übrigens nicht extra vorstellen. Davon hast du der Spinne ja schon genug präsentiert."
Leyla kniff genervt die Augen zusammen.
„Ich sollte ihm wirklich noch einmal eine verpassen."
Für einen kurzen Moment spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken. Dann atmete sie langsam aus und konzentrierte sich stattdessen auf seine Anweisungen.
Sie schloss die Augen.
Vor ihrem inneren Auge entstanden sechs gewaltige Ströme, jeder in einer anderen Farbe. Rot wie das Feuer. Blau wie das Wasser. Weiß wie das Licht. Schwarz wie die Schatten. Braun wie die Erde. Silbern wie der Wind. Die Flüsse bewegten sich nebeneinander durch endlose Dunkelheit, bis sie schließlich zusammenflossen und zu einem einzigen leuchtenden Strom wurden, der in sämtlichen Farben des Regenbogens schimmerte.
Plötzlich spürte Leyla ein feines Prickeln in ihrem Arm. Ihre Konzentration vertiefte sich sofort.
Vorsichtig versuchte sie, diese unsichtbare Kraft durch ihren Körper zu lenken – fast so, als würde sie Wasser durch ein enges Rohr drücken, langsam, bedächtig, ohne zu viel Druck auf einmal.
Und dann geschah etwas. Leylas Augen öffneten sich ruckartig.
Die Luft über ihrer Hand begann leicht zu flimmern.
Kleine Lichtpartikel sammelten sich über ihrer Handfläche und verdichteten sich langsam zu einer schimmernden weißen Kugel. Sie pulsierte schwach – lebendig, als würde sie atmen.
„Ist… ist diese Kugel mein Mana?" fragte Leyla begeistert.
Liam nickte zufrieden. „Jap. Genau das ist dein Mana."
Leylas Blick löste sich kaum davon. Es fühlte sich unwirklich an – und trotzdem war es real. Kein Trick, keine Illusion. Einfach nur ihre Magie.
„Jetzt stell dir vor, wie du eine Verbindung zu deiner Seele aufbaust", erklärte Liam weiter.
Leyla nickte langsam und schloss erneut die Augen. Diesmal stellte sie sich einen dünnen, unsichtbaren Faden vor, der aus der schimmernden Kugel hervorging. Langsam wand er sich ihre Hand entlang, glitt durch ihren Arm und drang tiefer in ihr Inneres vor.
Tiefer. Immer tiefer.
Und schließlich erreichte er etwas.
Ihre Seele – zumindest glaubte sie das.
Doch wie sah eine Seele überhaupt aus? Nach kurzem Zögern entstand vor ihrem inneren Auge das Bild eines gewaltigen Gartens. Still. Friedlich. Von warmem Licht erfüllt, das aus keiner erkennbaren Richtung zu kommen schien. Mitten darin stand eine einzelne Blume – zerbrechlich und zugleich wunderschön, als wäre sie der einzige Bewohner eines Ortes, der nur für sie gemacht worden war.
—PENG—
Erschrocken riss Leyla die Augen auf. Die schimmernde Kugel war direkt über ihrer Hand zerplatzt. Leuchtende Partikel verteilten sich in der Luft wie glitzernder Staub, bevor sie langsam verblassten und in der Dunkelheit des Waldes verschwanden.
Einen Moment lang herrschte Stille. Dann zuckte Liam mit den Schultern.
„Tja." Er grinste breit. „Sieht so aus, als wärst du einfach nicht fähig, Magie zu benutzen."
Er lehnte sich entspannt zurück.
„Ist eben nicht jeder so ein Ausnahmetalent wie ich."
--------------------------------------------------------------------------
Liams spöttische Worte trafen Leyla wie ein Schlag.
Für einen kurzen Moment brachte ihr Kopf alles um sie herum zum Verstummen. Das Knistern des Feuers, der Wind zwischen den Bäumen, selbst Liams Stimme schienen plötzlich weit entfernt.
Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen.
,,Ich wusste es…’’
Leyla sackte leicht in sich zusammen und starrte auf ihre Hände. Die ersten Tränen liefen bereits über ihre Wangen, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während sie verzweifelt versuchte, die aufsteigende Panik herunterzuschlucken.
Seit zwei Wochen war sie nun in dieser Welt. Zwei Wochen voller Angst, Unsicherheit und Kämpfen, die sie niemals hatte kämpfen wollen. Und trotzdem hatte sie sich eingeredet, dass all das irgendeinen Sinn haben musste. Dass es einen Grund gab, warum ausgerechnet sie hier gelandet war.
Doch was, wenn es gar keinen Grund gab?
Was, wenn alles nur Zufall gewesen war?
,,Zwei Wochen…’’
Ihre Stimme brach.
„Hey, hey – was machst du denn jetzt für ein Gesicht, Leyla? Ich hab doch nur Spaß gemacht."
Liams Tonfall hatte sich vollkommen verändert. Die übliche spöttische Leichtigkeit war verschwunden und wich ehrlicher Besorgnis. Vorsichtig legte er einen Arm um ihre Schultern, während Leylas Atem immer unruhiger wurde.
Sie hörte seine Worte kaum noch.
Stattdessen lehnte sie sich zitternd gegen seine Brust.
„Ich habe versucht, stark zu sein…" schluchzte sie leise.
Liam antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal wirkte er ratlos.
Leylas Gedanken wanderten zurück in ihre alte Welt. Mit jedem weiteren Tag schienen die Erinnerungen daran undeutlicher zu werden. Gesichter verschwammen. Stimmen wurden leiser. Selbst vertraute Orte fühlten sich fern und unwirklich an, als würde die Erinnerung langsam ausbleichen wie ein altes Foto.
Und dann dachte sie an Katja.
Nur für einen kurzen Moment.
Doch genau dieser Gedanke war zu viel.
„Ich wünschte, Katja wäre hier…"
Etwas in ihr brach endgültig.
Die Tränen wollten nicht mehr aufhören. Sie weinte hemmungslos, während der Wald um sie herum hinter einem Schleier aus Wasser und flackerndem Feuerlicht verschwamm. Liam hielt sie einfach nur schweigend fest – ohne dummen Kommentar, ohne Provokation, ohne einen einzigen seiner üblichen Sätze.
Erst nach einigen Minuten beruhigte sich ihr Atem langsam wieder. Ihre Schultern zitterten noch leicht, doch die Tränen wurden weniger. Erst jetzt realisierte Leyla überhaupt richtig, dass sie in Liams Armen lag.
Sofort löste sie sich hastig aus seiner Umarmung und drückte ihn leicht von sich weg.
„Geht's wieder?" fragte Liam mit einem schiefen Grinsen. „Wusste gar nicht, dass du so talentiert im Vollheulen bist."
Trotz der Worte klang seine Stimme ungewöhnlich weich. Leyla warf ihm einen erschöpften Blick zu, brachte jedoch keine wirkliche Antwort heraus.
Liam griff stattdessen in seinen Beutel, zog ein blaues Stofftaschentuch hervor und hielt es ihr hin. Zögernd nahm Leyla es entgegen und begann, sich langsam die feuchten Wangen zu trocknen.
Zwischen ihnen kehrte für einen kurzen Moment Stille ein. Das Feuer knackte ruhig vor ihnen, während über ihren Köpfen der Wind durch die Baumkronen strich.
Dann räusperte Liam sich leicht.
„Also", begann er mit einem Zwinkern, „möchtest du jetzt dein Magie-Element erfahren?"
--------------------------------------------------------------------------
„Dass deine Manakugel zerbrochen ist, bedeutet, dass du eine besondere Affinität zum Element Erde hast."
Liams Stimme hatte wieder ihren gewohnt lockeren Klang angenommen, als wäre Leylas emotionaler Zusammenbruch nie passiert.
Leyla blinzelte ihn überrascht an. „Heißt das… ich kann tatsächlich Magie lernen?"
Langsam breitete sich Wärme in ihrer Brust aus. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie geglaubt, vollkommen nutzlos zu sein. Doch nun kehrte dieses kleine, flackernde Gefühl der Hoffnung zurück – vorsichtig zuerst, beinahe zerbrechlich, und trotzdem stark genug, um die Dunkelheit in ihrem Inneren ein Stück zurückzudrängen. Sie versuchte, ihre aufkommende Freude nicht zu offensichtlich zu zeigen, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet sie längst.
„Klar", antwortete Liam achselzuckend. „Wenn du dich anstrengst, kannst du Magie lernen. Erdmagie selbst kann ich dir allerdings nicht beibringen."
Er deutete vage in Richtung der Straße. „Soweit ich weiß, gibt es in Malyl eine Magieakademie. Vielleicht nehmen die sogar jemanden wie dich auf."
Das freche Grinsen auf seinem Gesicht machte deutlich, dass er sich den letzten Kommentar nicht hatte verkneifen können. Doch diesmal störte es Leyla kaum.
Der Gedanke, wirklich Magie lernen zu können, überlagerte alles andere. Vor ihrem inneren Auge entstanden bereits Bilder – wie sie selbst Zauber wirkte, wie Erde sich auf ihr Geheiß formte und bewegte, wie der Boden unter ihren Füßen auf sie hörte.
„Gibt es keine Möglichkeit, schon vorher zu üben?" fragte sie sofort, die kaum verheimlichte Ungeduld in ihrer Stimme unüberhörbar.
Liam dachte kurz nach. „Nun ja…" begann er schließlich. „Du könntest versuchen, Erde in die Hand zu nehmen und dein Mana hindurchfließen zu lassen. Eine ziemlich grundlegende Übung, um die Verbindung zu deinem Element zu stärken."
Kaum hatte er ausgesprochen, griff Leyla bereits nach unten.
Der Himmel begann sich langsam aufzuhellen. Erste blasse Sonnenstrahlen drangen zwischen die Stämme, während Leyla eine kleine Handvoll Erde aufhob und konzentriert auf ihre Handfläche starrte.
Sie versuchte erneut, dieses seltsame Gefühl von Mana in ihrem Inneren zu finden. Zunächst geschah nichts. Die Erde blieb einfach nur Erde.
„Mach dir nichts draus", meinte Liam entspannt. „Die meisten Menschen schaffen den ersten Schritt nur unter richtiger Anleitung."
Leyla ignorierte ihn vollständig.
Stattdessen konzentrierte sie sich weiter. Sie stellte sich vor, wie ihr Mana langsam in die Erde floss – wie sich die Körner miteinander verbanden, wie sie ihre Kraft aufnahmen, Stück für Stück.
Sekunden vergingen.
Gerade wollte sie frustriert aufgeben, da bemerkte sie plötzlich eine winzige Bewegung. Leylas Augen weiteten sich.
Die Erde auf ihrer Handfläche begann leicht zu hüpfen. Nur ganz schwach, beinahe unmerklich – und trotzdem unverkennbar. Sie bewegte sich.
„Wie Popcorn in einer Pfanne…"
Sofort drehte Leyla sich strahlend zu Liam um. Dieser sah sie überrascht an.
„Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass du das so schnell…"
„Tja", unterbrach Leyla ihn grinsend, „vielleicht bin ich einfach besonders!"
Zum ersten Mal in dieser Welt fühlte sich ihre Freude vollständig an. Nicht erzwungen. Nicht gespielt. Einfach da – warm und unvermittelt wie Sonnenlicht nach einem langen Regen.
Mit neuer Energie sprang sie auf die Beine, warf einen Blick die Straße nach Ramir entlang und begann sofort, ihre Sachen zusammenzupacken. Die aufgehende Sonne tauchte den Wald inzwischen in warmes goldenes Licht, und selbst die Schatten zwischen den Stämmen wirkten weniger tief als noch in der Nacht.
Schließlich sah sie zu Liam hinüber.
,,Kommst du?’’



Kommentare