Kapitel 90 - Zwischen Asche und Rauch
- empirewebnovel
- 22. Feb. 2025
- 9 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 23. Feb. 2025

Jamall kippte das kühle Bier in einem Zug hinunter, während er in der Taverne „Grünwalder Trunk“ saß – der einzigen Schenke in diesem kleinen Dorf, das für ihn nicht mehr als eine kurze Rast bedeutete. Der dichte Geruch von gebratenem Fleisch hing in der Luft, vermischte sich mit dem Rauch der Kerzen und dem beständigen Gemurmel der Gäste, das immer wieder von einem lauten Lachen oder dem Klirren von Krügen unterbrochen wurde.
Doch Jamall schenkte der Atmosphäre kaum Beachtung. Er war weit im Süden, weiter als jemals zuvor, doch das spielte keine Rolle. Bald würde er Welldyl erreichen, und von dort aus würde seine Reise nach Heim führen.
Sein Blick glitt kurz zu den Soldaten am Nachbartisch. Ihre Stimmen waren gedämpft, doch ihre Mienen ernst, als diskutierten sie über etwas von Bedeutung. Jamall hätte lauschen können, hätte sich in ihr Gespräch einmischen können, doch seine Gedanken waren woanders.
Sie kreisten um eine einzige Person – Leyla, die zehnte Kopfgeldjägerin. Die Frau, die sich selbst aus dem Tod riss und stattdessen andere sterben ließ. Es war eine Macht, die nicht existieren sollte, etwas Unnatürliches, Unreines. Und er wusste, dass es nur eine Möglichkeit gab, sie wirklich zu töten.
Das Schwert der fünf Monde.
Ein Artefakt, das nicht nur den Körper zerstören konnte, sondern auch die Seele – ein Schwert, das verhindern würde, dass Leyla jemals wieder zurückkehrte. Doch es war nicht in seinen Händen, und schlimmer noch: Er wusste nicht einmal, wo es sich befand. Was er jedoch wusste, war, wen er fragen konnte.
Dann riss ihn plötzlich Lärm aus seinen Gedanken. Geschrei von draußen drang in die Taverne, Stimmen voller Panik oder Wut – es war schwer zu sagen. Jamall kniff die Augen zusammen, stellte den leeren Krug mit einem dumpfen Laut auf den Tisch und erhob sich. Ohne sich umzudrehen, verließ er die Schenke, schob die Tür auf und trat hinaus in die kühle Nacht.
Die Luft war frisch, der Geruch von feuchtem Gras lag in der Brise, doch das störte ihn nicht. Viel wichtiger war das Wesen, das an einen Baum gelehnt schlief.
Ein grauer Halbdrache.
Sechs Meter lang, mit kräftigen Beinen, die ihn schneller machten als jedes Pferd. Seine Flügel waren beeindruckend, doch nutzlos – er konnte nicht fliegen. Doch für Jamall war das perfekt. Er brauchte keine Kreatur, die davonflog. Er brauchte ein Tier, das lief, das ausdauernd war, das ihm diente.
Er hatte ihm keinen Namen gegeben. Wozu auch? Ein Werkzeug erhielt keinen Namen.
Jamall trat näher und stupste die Kreatur grob an. Der Halbdrache blinzelte, öffnete langsam die Augen und sah ihn an. Dann, als würde ihn eine plötzliche Freude erfassen, stieß er ein leises, tiefes Schnaufen aus und drückte seine Nase leicht gegen Jamalls Seite – eine Geste der Zuneigung, eine Spur von Vertrauen.
Doch Jamall reagierte nicht. Keine Streicheleinheit, kein freundliches Wort. Nur ein kühler Blick, bevor er auf den Rücken des Halbdrachen kletterte.
Ohne einen Befehl setzte sich die Kreatur in Bewegung, als wüsste sie, was von ihr erwartet wurde. Die mächtigen Beine gruben sich in den Boden, die Luft zog an Jamall vorbei, und in der dunklen Nacht ließ er das Dorf hinter sich, während seine Gedanken weiter um das Schwert der fünf Monde kreisten.
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„Bist du dir sicher, dass das hier das richtige Haus ist?“ fragte Theol mit einem nervösen Zucken seiner schmalen Vishap-Augen. Seine Stimme war angespannt, seine Klauen bewegten sich unruhig, als wüssten sie nicht, ob sie gleich angreifen oder sich vor einer möglichen Bedrohung zurückziehen sollten.
Liam schenkte ihm nur einen kurzen Seitenblick, bevor er sich wieder auf das verfallene Gebäude konzentrierte. Er hatte sich mit dem Ort befasst, sich mit den Berichten über seinen Bewohner auseinandergesetzt. Und er wusste, dass er hier richtig war. Dies war die letzte Station auf einer langen Suche.
Er hatte von Prinzessin Nara einen klaren Auftrag erhalten: Er sollte eine eigene Sondereinheit zusammenstellen. Das Ziel dieser Einheit? Die Eroberung von Randurin, der Handelsstadt im Norden des Kaiserreichs. Der Schwarze Stern brauchte eine Basis, einen Ort, von dem aus sie dem Kaiserreich und der bestehenden Ordnung den Krieg erklären konnten. Es gab nur zwei Städte, die dafür in Frage kamen – Kartaffel und Randurin, die beiden Festungsstädte im kalten, verschneiten Teil des Kaiserreichs.
Kartaffel schien auf den ersten Blick die bessere Wahl zu sein. Doch seine Nähe zu den wohlhabenden Mittellanden machte es zu einem Ort, der ständig stark überwacht wurde. Die traditionelle Ablehnung der Kaiserstadt und ihrer Politik könnte man als Vorteil sehen, doch sie machte Kartaffel auch zu einem Ort, an dem die kaiserlichen Truppen eine starke Präsenz hatten.
Randurin hingegen war durch die großen, fast undurchdringlichen Wälder gut geschützt. Es würde lange dauern, bis Truppen von der Hauptstadt aus in Bewegung gesetzt werden konnten. Das machte Randurin zur perfekten Wahl – zumindest in Liams Augen.
„Ich habe von dem Vishap gehört, der hier lebt“, warf Ralf ein und senkte unbewusst seine Stimme. Es war keine Furcht – zumindest würde er das niemals zugeben – aber es lag eine gesunde Vorsicht in seinen Worten. „Boss, du weißt, dass ich dir folge, wohin auch immer du gehst. Aber bist du sicher, dass du ihn rekrutieren willst?“
Liam verstand ihre Bedenken. Der Vishap, den er suchte, war unter dem Namen „Die Flamme des Kaen“ bekannt – ein fanatischer Anhänger des Erzdämonen Kaen, der unerschütterlich an dessen Existenz glaubte. Ein Wahnsinniger für die einen, ein Prophet für die anderen.
Liam selbst glaubte nicht an Erzdämonen. Für ihn waren sie nichts weiter als Erzählungen, mit denen man Kinder erschreckte. Aber ein Mann, der für eine Sache lebte – oder gar sterben würde –, war eine mächtige Waffe, wenn man wusste, wie man sie führen musste.
„Theol, Ralf?“ Liam drehte sich langsam zu seinen Begleitern um.
„Ja, Boss?“ kam Ralfs prompte Antwort, während Theol lediglich schnaubte: „Was ist?“
„Wartet bei der Taverne. Ich kläre das mit ihm.“
Theol verzog das Gesicht, doch er sagte nichts. Ralf zögerte einen Moment, als wollte er widersprechen, doch schließlich zuckte er mit den Schultern. „Wie du willst, Boss.“ Gemeinsam machten sich die beiden auf den Rückweg, ihre Schritte hallten gedämpft auf dem feuchten Boden der winterlichen Stadt. Liam wartete, bis sie außer Sichtweite waren, dann trat er einen Schritt nach vorne und klopfte mit fester Faust gegen das Holz der Tür.
Die Antwort ließ auf sich warten. Lange genug, dass ein weniger geduldiger Mann sich vielleicht schon gefragt hätte, ob sich überhaupt jemand im Inneren befand. Doch Liam rührte sich nicht. Er wusste, dass er beobachtet wurde.
Dann, mit einem knarrenden Geräusch, öffnete sich die Tür. Ein massiger Vishap stand im Eingangsbereich, rote Schuppen glitzerten im spärlichen Licht des Mondes, und seine Augen glühten wie zwei brennende Kohlen in der Dunkelheit. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war beinahe greifbar, ließ die kalte Nachtluft flimmern.
Liam begegnete seinem Blick, ruhig, unbewegt, sein Stand fest.
„Bist du Nidhogg?“
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,,Warum fragst du, wenn du die Antwort schon kennst. Komm rein.’’
Nidhoggs Stimme war tief und rau, ein dunkles Grollen. Liam trat über die Schwelle und spürte sofort die drückende Hitze, die den Raum erfüllte – als hätte er einen aktiven Vulkan betreten. Der Vishap war ein lebender Ofen. Liam wusste, dass Vishap zwar von den Drachen abstammten, allerdings hatten sie eigentlich eine ähnliche Körpertemperatur wie Elfen oder Menschen.
Seine Augen wanderten durch den Raum. Das Innere des Hauses war genauso heruntergekommen, wie es von außen gewirkt hatte. Die Wände waren mit dunklen Brandflecken übersät, als hätte das Feuer hier mehr als nur einmal gewütet. Der Boden war von feinem Aschepulver bedeckt, und der scharfe Geruch von Rauch und verbranntem Holz hing schwer in der Luft. Das hier war kein Haus. Es war eine Ruine, in der das Feuer nie wirklich erloschen war und stattdessen drinnen lebte.
„Und, was willst du von mir, Messerohr?“ Nidhoggs Stimme triefte vor Spott, während seine glühenden Augen Liam abschätzend musterten.
Liam schnaubte leise. Die rassistische Bemerkung ignorierte er – er hatte in seinem Leben schon schlimmere Beleidigungen gehört. Stattdessen setzte er sich auf einen der wenigen Stühle, die noch nicht von der Hitze verzogen oder verkohlt waren.
,,Ich bin gekommen um dich anzuwerben, wir wollen…’’
Er kam nicht weiter.
Nidhogg bewegte sich schneller, als Liam es ihm zugetraut hatte. Mit einem einzigen Schritt stand er vor Liam, packte ihn am Kragen und zog ihn so nah heran, dass ihre Gesichter nur noch eine Handbreit voneinander entfernt waren. Sein Atem war glühend heiß, seine Schuppen strahlten eine Hitze aus, die Liams Haut fast versengen ließ. Die Luft um ihn herum flimmerte, als würde er jeden Moment Feuer fangen.
„Und warum, bei Kaen, glaubst du, dass ich von einem wie dir angeworben werden wollen würde?“ Nidhoggs Stimme war ein giftiges Zischen, gefährlich leise und mit einer unterschwelligen Wut, die Liam selbst durch den brennenden Schmerz auf seiner Haut spürte.
Liam hielt dem Blick stand. Sein ganzer Körper schrie ihn an, aus dieser Hitze zu fliehen, aber er blieb ruhig. „Weil sich unsere Ziele überschneiden.“ Seine Stimme war fest, kontrolliert – selbst jetzt, wo der Vishap ihn beinahe verbrannte.
Für einen Moment schien die Luft still zu stehen. Dann ließ Nidhogg ihn abrupt los. Liam fiel hart auf den Boden, das Holz unter ihm knarzte unter seinem Gewicht. Doch anstatt sich den Nacken zu reiben oder seine Wunden zu begutachten, richtete er sich einfach wieder auf, klopfte den Staub von seiner Kleidung und sah Nidhogg weiterhin ruhig an.
Nidhogg trat einen Schritt zurück, die Arme vor der Brust verschränkt. „Inwieweit überschneiden sie sich?“ fragte er misstrauisch.
Liam wusste, dass dies der entscheidende Moment war. „Ich will Randurin erobern“, erklärte er knapp. „Dafür brauche ich starke Leute.“
„Warum sollte ich eine Stadt erobern wollen?“ Nidhogg klang gelangweilt, doch seine Augen waren scharf. Liam wusste: Er glaubte nicht an blinde, ungezielte Gewalt – er wollte ein klares Motiv.
Liam ließ sich Zeit, ehe er antwortete. Dann sagte er mit bedachter Stimme: „Wegen dem, was sich im Innern der Stadt befindet. Der Tempel des Erzengels Cassiel.“
Die Veränderung war sofort spürbar. Die Temperatur im Raum schien plötzlich noch weiter zu steigen. Nidhoggs Augen weiteten sich etwas, und für einen Moment schien es, als würden kleine Flammen über seine Arme tanzen. Liam wusste genug über den Vishap, um zu verstehen, was gerade in ihm vorging.
Cassiel.
Das Wort allein war genug, um Nidhoggs Erinnerungen an die Oberfläche zu zwingen – das Dorf, die brennenden Häuser, die Schreie seiner Familie, die blutverschmierten Engelssymbole, die überall hinterlassen worden waren. Er hasste die Erzengel, und Cassiel, dessen Anhänger für den Angriff verantwortlich gewesen waren, war für ihn der Inbegriff von all dem, was falsch an dieser Welt war.
Langsam ließ sich Nidhogg auf seinem Bett nieder. Er sagte nichts, doch Liam wusste, dass er gewonnen hatte.
„Das heißt also…“ begann Nidhogg nach einer langen Pause, während er Liam eindringlich musterte. „Wenn ich euch helfe, die Stadt zu erobern… dann gehört der Tempel mir?“
Seine Stimme klang beinahe sanft – ein sanftes Versprechen von Feuer, Rauch und Asche.
Liam nickte ohne Zögern. „Ja. Du kannst ihn niederbrennen, wenn du das willst. Ich hasse die Engelskultisten.“
,,Genauso wie dich’’, dachte er, doch das behielt er für sich.
Ein dunkles Lächeln zog sich über Nidhoggs Lippen. Langsam stand er auf, bis er wieder über Liam aufragte. Ein letzter Funke Misstrauen lag in seinen Augen, doch die Gier nach Rache überwog.
„Gut“, sagte er schließlich. Seine Stimme klang endgültig. „Einverstanden.“
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Die Sonne hing bereits tief am Horizont, als Jamall den Halbdrachen zum Halten brachte. Der Himmel war in warme Gold- und Orangetöne getaucht, während die letzten Strahlen des Tages sanft über die weiten Ebenen der Mittellande glitten. In der Ferne zeichneten sich bereits die dunklen Silhouetten des Grünwaldes ab – sein nächstes Ziel.
Er schwang sich mit einer geschmeidigen Bewegung vom breiten Rücken der Kreatur und landete mit einem gedämpften Aufprall im trockenen Gras. Mit einer routinierten Geste griff er in seinen Beutel und zog eine große Fleischkeule heraus, die er dem Halbdrachen zuwarf.
Die Kreatur reagierte blitzschnell. Mit einem dumpfen Knacken schnappte der Halbdrache die Keule aus der Luft und verschlang sie mit einem einzigen Bissen. Dann ließ er sich auf den Boden sinken, seine massigen Glieder entspannten sich, während sich seine Flügel leicht bewegten – ein Zeichen von Ruhe. Jamall beobachtete, wie sich die Muskeln unter den schuppenbedeckten Flanken langsam hoben und senkten.
Ein seltsames Tier, dachte er.
Er verstand nicht, warum der Halbdrache ihm gegenüber so loyal war. Jamall hatte ihn vor einigen Wochen gefangen, ihn gezähmt, ihn als Reittier benutzt. Und trotzdem suchte das Wesen immer wieder seine Nähe. Als hätte es vergessen, dass er sein Gefängniswärter war.
Er lehnte sich an den warmen Körper des Halbdrachen. „Du hast dich heute echt ins Zeug gelegt“, murmelte er und strich mit den Fingern über eine der rauen, vernarbten Schuppen an dessen Flanke. Natürlich erwartete er keine Antwort, doch der Halbdrache reagierte trotzdem – er hob den Kopf leicht und stieß Jamall sanft mit der Nase an.
Jamall verzog den Mund zu einem leichten Lächeln. Ob es Zuneigung war oder einfach nur Gewohnheit – es spielte keine Rolle.
Er hob den Blick und ließ seine Augen über die weite Landschaft schweifen. Dort, wo der Himmel auf die Erde traf, lagen die Wipfel des Grünwaldes, dunkel und geheimnisvoll. Dahinter erstreckte sich das Südmoor, und von dort aus war es nur noch eine kurze Reise bis Welldyl.
Noch ein oder zwei Monate. Dann war er da.
Seine Gedanken drifteten zurück in den Norden – zurück nach Kartaffel. Jamall wusste nicht, ob er seine Heimat vermisste. Die eisigen Winde, die schneebedeckten Gipfel, die raue Schönheit der Stadt, die ihn geformt hatte – all das war ein Teil von ihm, doch er hatte es hinter sich gelassen. Und doch…
„Na ja, ich kehre ja sowieso wieder zurück, sobald ich Leyla getötet habe“, murmelte er, während er sich tiefer in die Wärme des Halbdrachen schmiegte.
Der Gedanke an seine Mission gab ihm Halt. Es war sein Ziel, sein Grund, weiterzumachen.
Langsam schloss er die Augen, während das Zirpen der Grillen und das leise Rauschen des Windes ihn in einen leichten Schlaf trugen.



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