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Kapitel 91 - Wissen, das nicht existieren darf

23. Feb. 2025
11 Min. Lesezeit

Die ersten Sonnenstrahlen hatten kaum den Horizont berührt, als Eroica bereits durch die imposanten Tore der Kaiserlichen Bibliothek, welche im Norden der Stadt lag, schritt. Die Luft war noch frisch, und ein feiner Hauch von Tintenstaub und altem Pergament lag über den gewaltigen Hallen dieses Ortes, der mehr als nur eine Sammlung von Wissen war – Diese Bibliothek war das Gedächtnis des Kaiserreichs.


Sie hatte bereits über zwanzig Bücher für Leyla gesammelt, jedes einzelne handelte von magischen Steinen. Doch keines davon schien das zu beinhalten, wonach Leyla suchte.


Natürlich juckte es Eroica in den Krallen, mit anderen Gelehrten zusammen zu forschen, oder Leyla für mehr Informationen zu befragen. Wenn sie nur wüsste, worauf genau sich Leylas Suche konzentrierte, könnte sie effizienter vorgehen, gezielter suchen. Doch sie wusste, dass ihre Herrin ihre Gründe hatte – und Eroica respektierte dies, auch wenn die unbeantworteten Fragen sie beinahe um den Verstand brachten.


[???] ,,Guten Morgen, Miss Nyva!’’


Die vertraute Stimme ließ sie aufblicken.


,,Guten Morgen Rhovar!’’


Vor ihr stand Rhovar Trellis, der Hofchronist und Verwalter der Kaiserlichen Bibliothek. Der alte Drachar, mit seinen schuppigen Armen, hatte bereits an die zweihundert Jahre erlebt. Er hatte Kaiser kommen und gehen sehen, Intrigen überstanden und Adelshäuser fallen sehen – doch sein Platz in der Bibliothek war unerschütterlich geblieben.


„Ihr wollt heute wieder die Bibliothek durchsuchen?“ fragte Rhovar, während er mit einer routinierten Bewegung seine Brille zurechtrückte. Seine giftgrünen Augen, die wie alte Smaragde glänzten, musterten sie interessiert. „Habt Ihr das Buch, das Ihr sucht, noch immer nicht finden können?“


„Nein, bisher noch nicht“, antwortete Eroica mit einem sanften Lächeln. „Aber ich bleibe zuversichtlich.“


Rhovar nickte verständnisvoll. „Nun, wie jeden Tag: Wenn Ihr Hilfe benötigt, fragt mich gerne.“


Rhovar war immer freundlich – besonders ihr gegenüber. Es gab etwas an seiner Hilfsbereitschaft, das mehr war als bloße Höflichkeit. Eine stille Art von Respekt, die sich über die letzten Wochen aufgebaut hatte. Eine Verbundenheit, die sie nicht als selbstverständlich betrachten durfte.


„Danke, Rhovar“, sagte sie höflich, doch mit einer gewissen Bestimmtheit in der Stimme. „Allerdings werde ich weiterhin alleine suchen. Nicht nur das Lesen eines Buches, auch das Finden eines Werkes, dessen Titel man nicht kennt, ist eine eigene Kunst – eine, die ich genießen möchte.“


Rhovar lächelte. Seine Augen funkelten hinter der Brille, als hätte ihn ihre Antwort besonders erfreut. „Nun, dann tretet ein!“ verkündete er mit einer theatralischen Geste.


Mit einem leisen Knarren öffnete sich eine verborgene Wand, und Eroica trat in die riesige, mit endlosen Regalen gefüllte Halle. Tausende Bücher, aufeinandergestapelt, die Erinnerungen der Welt, warteten darauf, dass jemand ihre Geheimnisse enthüllte.


Und diesmal würde sie finden, wonach sie suchte.



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Eroicas Schritte hallten gedämpft auf dem kühlen Marmorboden wider, während sie durch die schier endlosen Gänge der Kaiserlichen Bibliothek schritt. Die massiven Regale ragten bis zur Decke und reckten sich wie uralte Wächter in die Höhe, jeder einzelne gefüllt mit Abertausenden von Büchern, die Wissen aus längst vergangenen Zeiten in sich trugen. Ein ehrfurchtgebietender Ort – und einer, der ihr bei jedem Besuch das Gefühl gab, in einer anderen Welt zu sein.


Wie viele Bücher mochten hier wohl existieren? Diese Frage kam ihr immer wieder in den Sinn, obwohl sie wusste, dass eine exakte Zahl zu ermitteln, vermutlich, unmöglich war. Doch sie ließ sich dennoch auf eine gedankliche Rechnung ein. 


Die Bibliothek war momentan in vierundzwanzig Hallen unterteilt, jede mit achtundvierzig Bereichen. In jedem Bereich standen etwa zweihundert Regale, und jedes Regal beherbergte an die viertausend Bücher. Ihre Lippen bewegten sich lautlos, während sie die Zahlen zusammenfügte.


Dann murmelte sie leise, beeindruckt: „Über neunhundert Millionen Bücher…“


Sie schüttelte den Kopf. Selbst wenn sie ihre ganze Existenz dem Lesen widmete, würde sie nur einen winzigen Bruchteil dessen erfassen können, was in diesen Wänden schlummerte. Aber das war genau das, was sie an der Bibliothek so liebte. Sie war ein unendliches Mysterium – voller Geheimnisse, die darauf warteten, entdeckt zu werden.


Doch heute galt ihre Suche einem ganz bestimmten Bereich. Seit kurzem gab es einen neuen Abschnitt in der Bibliothek: die verschlossenen Werke der Geschlossenen Abtei. Ein Ort, an dem Bücher aufbewahrt worden waren, die als zu gefährlich, zu wertvoll oder zu ketzerisch galten, um der breiten Öffentlichkeit zugänglich zu sein. 


Diese Abtei war Teil der angesehenen Magieakademie Engelssee gewesen, bis Selfmun Aragi persönlich angeordnet hatte, die gesamte Sammlung zu beschlagnahmen. Jetzt gehörten die Werke dem Kaiser – und durch Leylas Stellung als Kopfgeldjägerin hatte Eroica Zugang zu ihnen.


Die Luft wurde kühler, als sie in den Gang einbog, der zu den neuen Archiven führte. Der Geruch von altem Pergament und Ledereinbänden füllte ihre Lungen, ein Aroma, das sie mit Sicherheit, Wissen und der Verheißung neuer Entdeckungen verband. Hier lag die Essenz der Vergangenheit – die Spuren längst verstorbener Gelehrter, gefangen zwischen den Seiten, wartend darauf, wieder gelesen zu werden.


Eroica strich mit ihren Fingerspitzen über die Rücken der Bücher, während sie tiefer in die Halle trat. Ihr Herz schlug schneller, als sie begann, sich durch die Regale zu wühlen. Irgendwo hier musste es sein – das eine Buch, das Leyla suchte. Sie wusste nicht genau, was ihre Herrin von ihr erwartete, aber sie war fest entschlossen, es zu finden.


Denn sie wusste: Leyla fragte nicht ohne Grund nach solchen Werken. Und wenn Leyla etwas wissen wollte, dann bedeutete es, dass es wichtig war.



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Jedes Buch der ehemaligen Geschlossenen Abtei war ein Schatz, den Eroica am liebsten sofort durchblättern wollte. Doch sie musste sich beherrschen. Die Versuchung war riesig, aber sie hatte ein Ziel, und sie durfte sich nicht in den Seiten dieser wertvollen Werke verlieren. Trotzdem fühlte es sich an, als suche sie nicht nur nach einer Nadel im Heuhaufen, sondern nach einer Nadel in einem ganzen Meer aus Heu.


Ihre Augen glitten über die Buchrücken, ihre Fingerspitzen strichen sanft über die Lederrücken der alten Werke.


,,Speisen und Getränke im Reich der Elfen’’ von Erales.


,,Warum Feuermagie’’ von Kranor Hisres.


,,Die Wahrheit über Sǐwáng’’ von Ifrit dem Großen.


,,Das Schwert der fünf Monde’’ von Benima Laters.


Eroicas Herz zog sich bei jedem dieser Titel zusammen. Jedes dieser Bücher hätte das Potenzial, weitreichende Veränderungen auszulösen. Wissen, für das Sterbliche bereit waren, zu töten – Wissen, das nicht für die Allgemeinheit gedacht war. Und doch musste sie sie alle stehen lassen.


Ein leiser Seufzer entwich ihr. Sie hatte nicht die Zeit, sich mit anderen Themen zu befassen. Ihre Aufgabe war es, das eine Buch zu finden, das Leyla weiterhelfen würde. Nicht, sich in den Schätzen der Bibliothek zu verlieren – so verlockend es auch war.


Sie setzte ihre Suche fort, ließ ihren Blick weiter über die Reihen der Bücher gleiten. Manche waren in Sprachen verfasst, die sie nicht lesen konnte. Andere trugen keine Titel, nur rätselhafte Symbole oder schlichte Einbände, die ihre Geheimnisse verborgen hielten. Sie war so tief in ihrer Suche vertieft, dass sie die Präsenz eines anderen erst bemerkte, als eine Stimme durch die Stille der Bibliothek drang.


[???] ,,Du bist doch das Dienstmädchen dieser Leyla?’’


Eroica zuckte zusammen. Die Stimme war ruhig, aber durchdringend – eine Stimme, die keinen Widerspruch duldete. Sofort drehte sie sich um, ihre Haltung instinktiv angespannt. Wer konnte es wagen, sich so an sie zu wenden?


Ihr Blick fiel auf einen Mann, den sie sofort erkannte.


Kronprinz Hypos.


Ohne zu zögern verbeugte sie sich tief. „Eure Hoheit, Kronprinz Hypos! Ihr habt natürlich recht, ich bin Eroica Nyva.“


Hypos betrachtete sie mit einem amüsierten Lächeln. Seine Erscheinung war so makellos wie sein Ruf zwiespältig. Der fünfte Sohn von Kaiser Verion III. war derjenige, der im Prinzenspiel vorne lag. 


Sein Talent für Magie war legendär, seine Schönheit nahezu unnatürlich. Doch es gab ebenso viele, die ihn fürchteten, wie solche, die ihn anhimmelten. „Ein Wahnsinniger“, „Ein Sadist“, „Ein Monster“ – die Gerüchte über ihn waren so zahlreich wie die Bücher, die sie umgaben.


Eroica wusste nicht, was davon wahr war, aber sie wusste, dass dieser Mann gefährlich war. Sie straffte ihre Haltung, unterdrückte die Unruhe, die sich in ihrem Inneren ausbreitete.


„Wie kann ich Euch behilflich sein, Eure Hoheit?“ Ihre Stimme war ruhig, fest.


Hypos lachte leise – ein Geräusch, das weder freundlich noch fröhlich klang. „Mir? Behilflich sein?“ Seine Augen funkelten, als würde er sich köstlich amüsieren. „Nein, nein. Ich brauche keine Hilfe. Aber ich weiß, dass deine blauhaarige Meisterin sie braucht.“


Ein eiskalter Schauer lief Eroica über den Rücken und ihr Fell begann sich zu sträuben. Sie wusste nicht, was er meinte, aber sie wusste, dass sie ihm nicht trauen konnte.


Ihre Krallen fuhren sich unwillkürlich aus, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Ich weiß nicht, was Ihr meint, Eure Hoheit“, sagte sie mit höflicher Zurückhaltung. Sie wollte nicht unhöflich sein – aber sie würde auch nicht zulassen, dass er sich in Leylas Angelegenheiten einmischte.


Hypos ignorierte sie völlig. Gelassen ging er zu einem der Regale, als hätte er alle Zeit der Welt. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er ein dünnes, unscheinbares Buch heraus. Dann warf er es ihr zu.


Eroica fing es instinktiv, hielt es aber einfach nur fest in ihren Händen, ohne es aufzuschlagen. Ihr Blick blieb auf dem Prinzen.


„Ein guter Freund hat mich darum gebeten, dieses Buch für Leyla herauszusuchen.“ Sein Lächeln verriet nichts, außer einem Hauch von Belustigung. „Mir ist das eigentlich völlig egal.“


Und dann, ohne ein weiteres Wort, drehte er sich um und sprang über das Geländer.


Eroicas Augen weiteten sich. Sie befanden sich im sechsten Stock. Sie rannte vor, lehnte sich über das Geländer – und sah ihn unten, völlig unversehrt, in Richtung Ausgang schlendern, als wäre nichts geschehen.


Ihr Griff um das Buch wurde fester.


Sie wusste nicht, was sie gerade in den Händen hielt, aber eines war sicher: Hypos wusste es. Und das bedeutete, dass es von größter Bedeutung war.



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Eroica ließ sich in einer der zahllosen Leseecken der Bibliothek nieder. Ein mit rotem Samt bezogenes Sofa stand vor einem Tisch aus edlem Dschungelholz, dessen Maserung in kunstvollen Linien verlief. Die Atmosphäre war ruhig, gedämpft – das einzige Geräusch kam von den fernen Schritten des Kronprinzen, der durch die gewaltigen Hallen in Richtung Ausgang ging.


Behutsam legte sie das Buch vor sich auf den Tisch. Der schwarze Einband war abgenutzt, das Leder rissig und an den Kanten leicht ausgefranst. Es war alt, sehr alt. „Zwölf Steine“, stand in schlichten grauen Lettern auf der Vorderseite. Die Schrift war unscheinbar, beinahe lieblos, als hätte der Autor keine Mühe dafür verwendet, sein Werk schmuckvoll zu gestalten.


Eroica ließ ihre Finger über den Einband gleiten. Das Material fühlte sich seltsam an – nicht wie gewöhnliches Leder, eher wie ein Stoff, der längst nicht mehr hergestellt wurde. Eine leise Beklemmung machte sich in ihr breit, ein Gefühl, als halte sie etwas in den Händen, das gar nicht existieren dürfte.


Nachdenklich runzelte sie die Stirn. „Komisch…“ murmelte sie und drehte das Buch in den Händen. „Kein Autoren? Kein Herausgeber? Kein Veröffentlichungsjahr?“


Die meisten alten Werke enthielten zumindest einen Namen, selbst wenn der Verfasser sich anonym halten wollte. Doch hier gab es nichts. Nur den Titel, der fast zu nichtssagend war, um von Bedeutung zu sein – und doch ließ er ihr keine Ruhe.


Ein feines Kribbeln breitete sich in ihrem Bauch aus, eine Mischung aus Neugier und Unbehagen. Langsam öffnete sie die erste Seite.



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Hiermit beginne ich, auf diesen Blättern die Kunde meiner langen Forschung zu hinterlegen. Doch wisset: Dies ist kein vollendetes Werk – dessen bin ich mir wohl gewahr. Die hier versammelten Worte sind bruchstückhaft, unvollständig und möglicherweise von finsterer Natur.


Nicht aus Ruhmsucht schreibe ich, noch um jenen, die unwürdig sind, den Pfad zu weisen.


Dies sei eine Mahnung.


Eine Mahnung an jene Narren, die wähnen, den Suchenden gleich, nach ihnen zu greifen.


Es geht um die zwölf Steine. Die Runensteine des Raben.


Der Rabe selbst erschuf sie in grauer Vorzeit, da er große Teile seiner Macht in ihnen band. Sie sind nicht bloß Relikte, nicht bloß Überbleibsel versunkener Zeitalter. Sie sind Schlüssel – und jede Tür, die sie zu öffnen vermögen, birgt das Verderben.


Ihr Vermögen reicht aus, unsere geordnete Welt in den Abgrund zu reißen.


Der König der Berge, die Vampirdynastie des Vlad, das Reich der Elfen – keinem von ihnen darf dieses Wissen je zuteilwerden. Es würde das Gefüge der Welt, wie es ist, in Trümmer legen.


Kannst du die Bürde dieses Wissens nicht tragen, so verbleiben dir nur zwei Pfade:


Verbirg dieses Buch.


Oder tilge es.



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Ein jeglicher der zwölf Runensteine trägt in sich eine eigene, urgewaltige Kraft.


Nicht sind sie bloß Relikte vergessener Zeitalter – nein, sie sind Werkzeuge des Chaos, Gefäße einer Macht, die jegliches Verstehen sterblicher Wesen übersteigt.


Wer es wagt, ihre Kraft zu rufen, ohne sie zu meistern, ruft Unheil herab von unermesslichem Maße. Ein einziger Fehltritt, eine unbedachte Tat – und ganze Reiche mögen in Staub und Asche versinken.


Es liegt auf unseren Schultern, zu wahren, dass diese Steine nicht in unrechtmäßige Hände fallen. Nicht zu den Gierigen, die nach Macht lechzen. Nicht zu den Toren, die nicht wissen, welch Verderben sie heraufbeschwören.


Nun denn, lasset mich berichten von jenem ersten der Runensteine, von dessen Wesen ich Kunde erhielt:


Der Runenstein des Siechtums und der Verfluchung.


Ein abscheuliches Artefakt, dessen unheilige Kraft das Leben ganzer Völker dahingerafft hat. Wer ihn sein Eigen nennt, dem wird die Gabe verliehen, Krankheit und Fluch nach Belieben auf jegliches Wesen zu legen. Sei es die faulende Schwäche des Leibes oder ein jenseitiger Bann, der nie gelöst werden kann – es liegt allein im Willen seines Trägers.


Wie Magal einst sprach: 


"Der Untergang jeglicher Zivilisation ist der Fluch unserer Zeit. Die Pest des Todes reißt jeden hinweg, und mit ihm die Zukunft."


Ich bin überzeugt, dass das Erlöschen der Treifen einzig auf diesen Stein zurückzuführen ist.


Meine Forschungen führten mich zur Kunde, dass ein Sohn jenes Volkes einst in den Besitz des Steins gelangte. Doch seine Kraft war nicht die seine – zu schwach war er, um sie zu meistern. Und so geschah das Unvermeidliche: In einem einzigen, unbedachten Augenblick sandte er einen Fluch aus über alles, was ihn umgab.


Ein Volk, das einstmals in Macht und Stolz erstrahlte, ward binnen weniger Tage dem Nichts anheimgegeben.



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Eroica klappte das Buch mit einem leisen Geräusch zu, doch in ihrem Kopf hallten die Worte noch nach. Zwölf Steine, zwölf unermessliche Kräfte – und eine Warnung, die schwerer wog als jedes Wissen, das sie je zuvor erlangt hatte. War das wirklich das, wonach Leyla suchte? Oder war es etwas, das besser in Vergessenheit hätte bleiben sollen?


Sie presste die Lippen aufeinander und schüttelte den Gedanken ab. Es war nicht ihre Aufgabe, darüber zu entscheiden. Ihre Pflicht war es, das Buch zu Leyla zu bringen – nicht, seine Bedeutung zu bewerten oder sich in Mutmaßungen zu verlieren. Und doch spürte sie eine unterschwellige Unruhe in sich, ein ungutes Gefühl, das sich in ihrem Magen zusammenzog.


Behutsam schob sie das Buch in ihre Tasche, achtete darauf, es nicht zu beschädigen. Seine Seiten waren alt, und es fühlte sich an, als hielte sie ein Stück der Vergangenheit selbst in den Händen. Wissen, das vielleicht nie hätte erlangt werden sollen.


Sie erhob sich rasch und bewegte sich zielstrebig in Richtung des Ausgangs. Jede Sekunde, die sie hier verbrachte, war eine Sekunde zu viel. Das Buch musste zu Leyla. Und sie musste von Hypos berichten.


Der Kronprinz hatte gewusst, wonach sie suchte. Er hatte sie gefunden, sie angesprochen – er hatte ihr das Buch ohne zu zögern überlassen. Das war kein Zufall.


Eroica beschleunigte ihre Schritte.


Die Luft der Bibliothek war immer kühl, doch als sie sich den massiven Türen näherte, wurde sie von der Wärme des Tages empfangen. Ein gleißendes Licht brach durch die Spalten des Eingangs, und für einen Moment musste sie die Augen zusammenkneifen.


,,Haben Sie gefunden was Sie gesucht haben, Miss Nyva?’’ 


Rhovar Trellis’ Stimme drang sanft an ihr Ohr, doch sie erkannte die unausgesprochene Neugier darin. Der Drachar war ein aufmerksamer Beobachter, jemand, der mehr sah, als er preisgab.


Eroica hielt kurz inne, zwang sich zu einem neutralen Gesichtsausdruck. „Ich bin mir nicht sicher“, antwortete sie knapp, ihren Blick auf die Treppe, die von der Bibliothek wegführte, gerichtet.


Rhovar neigte den Kopf, schien für einen Moment abzuwägen, ob er weiter nachfragen sollte. Doch dann nickte er nur leicht und ließ sie ziehen.


Erleichtert atmete sie aus.


Kaum war sie die Treppen der Bibliothek hinabgestiegen, setzte sie sich in Bewegung – erst langsam, dann schneller. Die Straßen der Kaiserstadt rauschten an ihr vorbei, doch sie nahm sie kaum wahr. Ihre Gedanken waren nur noch auf eines gerichtet:


Leyla musste von diesem Buch erfahren. Und sie musste wissen, dass Hypos es ihr überlassen hatte.

 
 
 

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