top of page

Kapitel 92 - Dienerin und Freundin

Aktualisiert: 24. Feb. 2025

Leyla durchbrach die Wasseroberfläche mit einer letzten kraftvollen Bewegung und glitt geschmeidig zum Beckenrand. Das kühle Nass perlte von ihrer Haut, als sie sich mit einer fließenden Bewegung aus dem Wasser zog. Sie strich sich das nasse Haar aus dem Gesicht, ihr Blick ruhte neugierig auf Eroica, die in der Tür stand – außer Atem, mit einer Unruhe in den Augen, die sie sonst nie zeigte.


„Leyla, ich habe etwas gefunden!“ rief sie, ihre Stimme zitterte leicht, obwohl sie bemüht war, gefasst zu bleiben.


Leyla zog eine Augenbraue hoch. Sie hatte Eroica bisher nur ruhig und besonnen erlebt, immer kontrolliert, immer mit Bedacht handelnd. Doch jetzt stand sie da, offensichtlich aufgewühlt, fast schon panisch. Das konnte nur bedeuten, dass sie etwas wirklich Wichtiges entdeckt hatte.


„Was hast du gefunden?“ fragte Leyla, während sie nach einem Handtuch griff und sich rasch abtrocknete.


„Kommt mit, ich zeige es Euch“, erwiderte Eroica mit einer Dringlichkeit in der Stimme, die keinen Widerspruch duldete.


Leyla beeilte sich, sich anzuziehen, und folgte ihr ins Wohnzimmer. Auf dem Tisch lag ein schmales, schwarzes Buch.


Sie setzte sich und betrachtete es mit wachsendem Interesse. Der Stoff des Einbands war spröde, an den Kanten ausgefranst, als wäre es durch viele Hände gegangen, die es mit Ehrfurcht – oder Angst – berührt hatten.


„Was ist das für ein Buch?“ fragte Leyla und ließ ihre Fingerspitzen über das raue Material gleiten.


Eroica schien sich zu winden, als würde sie sich davor scheuen, die Antwort auszusprechen. „Das ist ein Buch über… Lest besser selbst.“


Leyla hob den Blick und musterte sie. Das sonst so glatte, gepflegte Fell der Filina war leicht gesträubt, ein untrügliches Zeichen für Nervosität. Etwas an diesem Buch beunruhigte sie offensichtlich zutiefst.


„Ist alles okay? Du wirkst aufgelöst, Eroica“, bemerkte Leyla mit leiser Besorgnis.


Eroica wich ihrem Blick aus, als würde sie mit sich ringen, doch dann straffte sie die Schultern und setzte sich ihr gegenüber. „Nun, das Buch wurde mir von Kronprinz Hypos gegeben.“


Hypos.


Leyla spürte, wie sich ein kalter Stich der Vorsicht in ihren Gedanken festsetzte. Sie hatte ihn noch nie persönlich getroffen, doch sein Name allein reichte aus, um bei jedem, der ihn hörte, eine Mischung aus Faszination und Furcht auszulösen. Ein Mann voller Mysterien, jemand, dessen Genie in Wahnsinn gewoben war. Warum sollte gerade er ihr dieses Buch zukommen lassen?


Doch diese Fragen mussten warten. Erst einmal musste sie wissen, was in diesem Buch stand.


Mit beinahe ehrfürchtiger Vorsicht schlug sie die erste Seite auf.



--------------------------------------------------------------------------



Leyla ließ das Buch mit einem dumpfen Geräusch auf den Tisch fallen. Ihre Finger ruhten noch auf dem Einband, als könnte sie sich damit einen Anker in der plötzlichen Flut aus Gedanken verschaffen. Ihr Verstand war ein einziges Chaos, ein wirrer Strudel aus Fragen und Theorien, die sich überlagerten, widersprachen und keinen klaren Weg erkennen ließen.


Sollte sie das Buch vernichten, jetzt, da sie seinen Inhalt kannte? War es zu gefährlich, es zu behalten? Gab es Kopien? Vielleicht in den Händen von Hypos? Sie kannte den Kronprinzen nicht, aber allein die Tatsache, dass er ihr dieses Buch zugespielt hatte, ließ in ihr ein ungutes Gefühl aufsteigen.


Das Buch war schwer zu lesen gewesen, voller alter Begriffe und unvollständiger Informationen. Doch eines war ihr klar: Der Rabe.


Dieses Wesen – oder war es eine Art Gott? – trug denselben Namen wie das Buch, das ihr jene rätselhaften Träume beschert hatte. Ein Zufall war ausgeschlossen. Es gab eine Verbindung zwischen ihnen.


Wenn das stimmte, dann war der Rabe, der in den alten Schriften erwähnt wurde, dasselbe Wesen, das sie in ihren Träumen gesehen hatte. Ein Wesen von unfassbarer Macht.


Dann waren da die zwölf Runensteine.


Das Buch hatte nur von dreien gesprochen: dem Runenstein des Siechtums und der Verfluchung, dem Runenstein von Himmelszorn und Donnerpein sowie dem Runenstein von Fluthauch und Wogenspiel. Über die übrigen neun gab es keine Informationen.


Doch eine Frage brannte in ihr stärker als alle anderen.


War der Stein, den sie in der Höhle unter dem Engelstempel gefunden hatte, auch einer dieser zwölf?


Es ergab Sinn. Zu gut wusste sie, was passiert war, als er sich ihrer Kontrolle entzogen hatte. Sie hatte es am eigenen Leib erfahren.


Leyla atmete tief ein, ihre Gedanken kreisten noch immer, doch sie zwang sich, Ruhe zu bewahren.


„Die zwölf Runensteine, hmm?“ murmelte sie leise und strich nachdenklich mit den Fingern über den Buchrücken.


Gegenüber saß Eroica, ihre Ohren zuckten leicht, ihr Fell war noch immer gesträubt – ein eindeutiges Zeichen für Angst. Doch es war nicht die Art von Angst, die einen lähmte. Es war die Angst vor Wissen, das man nie hätte erfahren dürfen.


„Leyla, wollt Ihr mir nicht erzählen, was es mit all dem auf sich hat?“ fragte Eroica vorsichtig.


Leyla hob den Blick. Eroica hatte das Buch direkt zu ihr gebracht, ohne zu zögern. Sie hatte sich darauf verlassen, dass Leyla wusste, was zu tun war.


Sollte sie ihr vertrauen?


Das Wissen über den Stein, über den Raben, über sie – es war gefährlich. Je mehr jemand wusste, desto größer würde das Risiko werden. Doch wenn sie es allein trug, könnte das irgendwann zu ihrer Schwäche werden, könnte sie irgendwann ohne Verbündete dastehen.


Eroica — sie war nicht nur ihre Dienerin. Sie war… mehr als das.


Leyla legte ihre Hand auf das Buch und begegnete Eroicas Blick.


„Ich werde es dir erklären.“



--------------------------------------------------------------------------



Leyla beobachtete Eroica genau, während ihre Dienerin mit gespitzen Ohren und aufmerksamen Augen bereit war, jedes ihrer Worte aufzunehmen. Doch bevor sie ihr die Wahrheit offenbarte, musste sie sicher sein.


„Bevor ich dir erzähle, was ich weiß, musst du mir etwas versprechen“, begann Leyla mit fester Stimme. „Du darfst niemals mit jemandem darüber reden.“


Eroica zögerte keine Sekunde und nickte. Ein Versprechen war etwas, das man brechen konnte – das wusste Leyla. Doch würde sie es brechen? Was, wenn jemand sie dazu zwang? Die Gedanken rasten durch ihren Kopf, aber sie entschied sich gegen das Grübeln. Ihr Vertrauen in Eroica war größer als jeder Zweifel.


Doch dann tat ihre Dienerin etwas Unerwartetes. Sie stand auf und begann, ihre Robe abzustreifen.


Leyla runzelte verwirrt die Stirn. „Hey, warte. Warum ziehst du dich aus?“ fragte sie, völlig überrumpelt von der plötzlichen Entwicklung.


Doch Eroica beachtete die Frage nicht und legte stattdessen ihre Hand auf ihre linke Brust, direkt über dem Herzen. Ihre Stimme war fest, als sie sprach: „Ich, Eroica Nyva, gelobe hiermit, dass ich niemals die Geheimnisse meiner Herrin weitergeben werde. Ich gelobe, dass ich ihr treu dienen werde. Ich gelobe, dass der Tod mich holen soll, wenn ich diesen Schwur breche.“


Mit dem letzten Wort erschien auf ihrer Brust ein blauer, leuchtender Zirkel, durchzogen von fremdartigen Symbolen, die Leyla nicht lesen konnte. Das Muster pulsierte kurz, als würde es sich in das Fell der Filina einbrennen, doch Eroica zeigte keine Regung, keine Spur von Schmerz oder Unsicherheit. Als das Licht schließlich erlosch, zog sie sich wieder an und setzte sich zurück an den Tisch.


„Das war ein Lebensschwur“, erklärte sie mit ruhiger Stimme. „Ich habe ihn in Drakia von einem Erzmagier gelernt. Wenn ich den Schwur breche, sterbe ich augenblicklich.“


Leyla sah sie sprachlos an. Sie hatte erwartet, dass Eroica ihr die Treue schwören würde, das schon, aber nicht in einem solchen Ausmaß. Die Hingabe, mit der sie sich diesem Versprechen unterworfen hatte, ließ Leyla einen Kloß im Hals spüren. Wie hatte sie nur daran zweifeln können, dass sie ihr vertrauen konnte? Eine unbeschreibliche Wärme durchströmte sie, und sie spürte, wie ein wenig von der Last, die sie so lange mit sich getragen hatte, von ihren Schultern genommen wurde.


„Eroica, du…“ Leyla brach ab, unfähig, ihre Gedanken in Worte zu fassen. Schließlich atmete sie tief durch und sagte nur: „Ich danke dir. Dann hör mir gut zu.“


Und so begann Leyla, ihre Geschichte zu erzählen.


Sie sprach von ihrer Reise mit Liam, von ihrem Kampf gegen Maegnar, von dem unheimlichen Raum mit den Kerzen. Sie erzählte von den Grauen Federn, von der furchtbaren Konfrontation mit Bournadette und von dem Moment, in dem Fer an ihrer Stelle gestorben war. 


Leyla konnte sehen, wie Eroica zusammenzuckte, als sie diesen Teil erzählte, doch sie sagte nichts. Ihre grünen Augen blieben fest auf Leyla gerichtet, als wollte sie jedes Detail in sich aufsaugen.


Doch als Leyla schließlich von dem Stein sprach, veränderte sich Eroicas Gesichtsausdruck drastisch. Sie holte scharf Luft, und ihre Krallen gruben sich in das Holz des Tisches. Doch noch immer schwieg sie. Noch immer hörte sie zu.


Leyla fuhr fort, sprach über ihre Zeit bei Kronprinz Eugenius, ihren Kampf um einen Platz als Kopfgeldjägerin und ihre Vermutung, dass Roxy durch die Begegnung mit Bläsk an ihrer Stelle gestorben war. Sie ließ nur eine Sache aus: Das Buch Rabe und die Träume. Es war, als würde etwas in ihr verhindern, dass sie davon berichtete.


Als sie endlich wieder in der Gegenwart ankamen, lag eine gespannte Stille zwischen ihnen. Eroicas Augen glänzten feucht, und Leyla spürte eine Mischung aus Erleichterung und Furcht.


Dann stand Eroica auf.


„Verzeiht mir, aber darf ich Euch umarmen?“ fragte sie mit leiser Stimme.


Leyla blinzelte verwundert. „Ähm… ja, klar…?“


Eroica trat vor und legte ihre Arme um sie. Ihre Umarmung war fest, tröstend – als wolle sie die Last teilen, die Leyla so lange allein getragen hatte. Leyla spürte, wie ihr eigener Körper nachgab, wie sie in der Geste eine Wärme fand, die sie nicht erwartet hatte.


„Ihr musstet so viel durchmachen…“ flüsterte Eroica. „Ihr tut mir so leid.“


Leyla schluckte schwer. Sie war es nicht mehr gewohnt, bemitleidet – oder getröstet zu werden. Doch sie ließ es zu. Zum ersten Mal seit Filias Tod.


Als Eroica sich löste, ging sie ohne ein weiteres Wort in die Küche und kehrte mit einer Kanne Tee und einem Teller Kekse zurück. Sie stellte beides auf den Tisch und setzte sich wieder.


Leyla betrachtete sie mit einem nachdenklichen Blick, bevor sie schließlich die Frage aussprach, die ihr auf der Seele brannte.


„Hast du keine Angst?“ fragte sie. „Es wäre gut möglich, dass nun auch eine Kerze von dir auf dem Tisch steht.“


Eroica nahm sich eine Tasse Tee, um ihre zitternden Hände zu beruhigen, bevor sie antwortete. „Natürlich habe ich Angst“, gab sie offen zu. „Aber ich habe mich bereits entschieden, Euch zu unterstützen.“


Leyla runzelte leicht die Stirn. „Warum glaubst du so sehr an mich?“


Eroica lächelte – ein ehrliches, warmes Lächeln. „Weil ich Euch, seit ich hier lebe, beobachtet habe“, sagte sie leise. „Ihr seid ein guter Mensch. Ihr seid mächtig, aber deswegen erhebt Ihr Euch nicht über andere. Ihr lernt, um des Wissens willen. Vermutlich erkenne ich mich ein bisschen in Euch wieder.“


Leyla senkte den Blick, und sie spürte die Tränen in ihren Augen. Sie hatte ihr Geheimnis so lange allein getragen, hatte geglaubt, dass niemand es verstehen würde, niemand es verstehen konnte. Doch jetzt war da jemand, der sie nicht nur verstand, sondern sich freiwillig an ihre Seite stellte.


Sie hatte eine Verbündete gefunden. 


—Nein—


Sie hatte eine Freundin gefunden.



--------------------------------------------------------------------------



Eroica betrachtete Leyla aufmerksam, während sie eine Weile schweigend in Gedanken versunken blieb. Schließlich durchbrach die Filina die Stille.


„Was gedenkt Ihr nun zu tun?“ fragte sie leise, ihre grünen Augen voller Neugier, aber auch mit einem Hauch von Besorgnis.


Leyla lehnte sich in ihrem Sessel zurück, fuhr sich mit einer Hand durch das noch feuchte Haar und seufzte nachdenklich. Die Last der Erkenntnisse aus dem Buch lag schwer auf ihren Schultern, doch sie wusste, dass sie eine Entscheidung treffen musste.


„Als Erstes werde ich dieses Buch verbrennen“, erklärte sie schließlich mit fester Stimme. „Ich will nicht, dass jemand es in die Hände bekommt.“


Eroica nickte langsam, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, schob Leyla das Buch über den Tisch zu ihr.


„Aber vorher will ich, dass du es auch vollständig liest“, fügte sie hinzu.


Eroica nahm das Buch vorsichtig entgegen, ihre Krallen strichen über das alte Leder des Einbands. Sie war sich bewusst, dass Leyla ihr damit eine große Verantwortung übergab.


„Verstanden“, sagte sie ruhig.


Leyla verschränkte die Arme und fuhr fort: „Danach werde ich mich mit Kronprinz Hypos treffen. Ich möchte wissen, was er für ein Mensch ist.“


Ein unangenehmes Gefühl breitete sich in ihrer Brust aus. Sie hasste den Gedanken, mit einem der Kronprinzen sprechen zu müssen, doch es war notwendig. Hypos hatte ihr dieses Buch gegeben – warum? Welche Absichten verfolgte er?


Eroicas Ohren zuckten leicht. „Und was ist mit den Runensteinen?“ fragte sie zögernd.


Leyla senkte den Blick auf ihre linke Hand, wo das filigrane Tattoo in ihre Haut eingebrannt war. Ihre Finger strichen unbewusst über das Zeichen.


„Ich habe das Gefühl, als würde ich sie kontrollieren können“, murmelte sie. „Als wäre ich dazu bestimmt, sie zu kontrollieren.“


Eroica musterte sie aufmerksam, bevor sie mit leiser Besorgnis sagte: „Seid Ihr Euch sicher, dass das für alle Steine gilt? Ihr wart eine Erdmagierin – vielleicht war es nur Glück, dass Ihr den richtigen gefunden habt.“


Leyla schüttelte den Kopf. „Nein, es war kein Glück. Der Stein ist mit mir verschmolzen, und ich kann seine Kraft spüren. Er fühlt sich… vertraut an.“


Eine kurze Stille entstand zwischen den beiden, bis Eroica sich räusperte. „Darf ich Euch noch eine Frage stellen?“ fragte sie vorsichtig.


Leyla lächelte leicht. „Natürlich. Dafür musst du nicht erst fragen.“ 


Eroica senkte den Blick, als ob sie ihre nächsten Worte sorgfältig wählte. „Was wollt Ihr mit den Steinen machen?“ fragte sie schließlich. „Wenn alles in dem Buch wahr ist, dann würde Euch das unfassbar mächtig machen. So mächtig wie der Erzdämon Bläsk. Vielleicht sogar so mächtig wie Yang.“


Leyla öffnete den Mund, doch für einen Moment wusste sie keine Antwort.


Was wollte sie mit dieser Macht tun?


Bis jetzt hatte sie nur darüber nachgedacht, dass sie die Steine finden und kontrollieren wollte, aber nicht, wofür sie sie einsetzen wollte. Sie dachte an die Welt, an all das Leid, das sie gesehen hatte. Wenn sie so mächtig wäre – könnte sie all das verhindern?


Schließlich antwortete sie leise: „Das weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, dass ich die Macht nicht ausnutzen möchte, um mich zu bereichern oder zu herrschen. Ich möchte, dass es möglichst vielen gut geht.“


Eroica lächelte sanft. „Ich wusste, dass Ihr das sagen würdet“, sagte sie mit Wärme in der Stimme.


Die beiden sprachen noch lange weiter, verloren sich in ihren Gedanken und Theorien. Der Abend kam und ging in die Nacht über. Diese schritt voran, und erst als die Müdigkeit ihre Sinne trübte, verabschiedeten sie sich.


Am nächsten Morgen stand Leyla früh auf. Heute würde sie sich mit Kronprinz Hypos treffen.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page