top of page

Kapitel 94 - Den Ursprung verbrennen

Als Leyla wieder zuhause ankam, war der Himmel bereits in ein zartes Morgenrot getaucht. Die ersten Vögel begrüßten den Tag mit ihrem Gesang, und die kühle Luft brachte eine Frische mit sich, die den bevorstehenden Sonnenaufgang ankündigte. Doch Leyla war zu erschöpft, um die Schönheit des Morgens zu genießen. Ihre Schritte waren schwer, als sie durch die stillen Gänge des Anwesens schlurfte. Jeder Schritt fühlte sich an, als würde er sie noch tiefer in die Müdigkeit ziehen.


Als sie die Tür zu ihrem Zimmer öffnete, erwartete sie bereits eine vertraute Gestalt. Eroica saß auf einem Stuhl, die Hände gefaltet auf dem Schoß, ihr Blick ruhig, aber wachsam. Sie hatte offensichtlich die ganze Nacht gewartet.


„Und, wie lief es mit dem Kronprinzen, Leyla?“ fragte sie mit einer sanften, aber besorgten Stimme.


Leyla ließ sich mit einem erschöpften Seufzen auf einen Stuhl sinken und massierte ihre Schläfen. „Anstrengend“, murmelte sie. „Er hat mich mit seiner Zeitmagie getestet. Ich musste mir über fünfzig Mal denselben Gesang anhören.“


Eroica stand auf und trat näher. Behutsam begann sie, Leylas Jacke abzunehmen und ihre Kleidung zusammenzulegen, als wäre es das Selbstverständlichste der Welt.


„Soll ich Euch ein Bad einlassen oder etwas zu Essen kochen?“ fragte sie leise, ohne eine Spur von Erschöpfung in ihrer Stimme.


Leyla schüttelte matt den Kopf. „Nein, danke dir. Ich brauche einfach nur Schlaf.“


Eroica nickte verstehend, sammelte Leylas Sachen ein und verschwand leise in ihrem eigenen Zimmer. Ihre Gegenwart war immer ruhig und unaufdringlich, genau das, was Leyla in diesem Moment brauchte. Neas ständige Energie wäre jetzt einfach zu viel gewesen – zu laut, zu hektisch.


Leyla schleppte sich ins Schlafzimmer und ließ sich auf das Bett fallen. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach, und mit jeder Faser ihres Körpers spürte sie, wie die Erschöpfung von ihr Besitz ergriff. Das Training mit Nea, die Gespräche, Hypos’ lächelndes Gesicht, das unaufhörliche Zurücksetzen der Zeit – all das verschwand in der Dunkelheit ihres Geistes.


Innerhalb von Sekunden war sie eingeschlafen.



--------------------------------------------------------------------------



Ein lauter Ruf riss Leyla aus ihrem tiefen Schlaf.


„Leyley, du schläfst ja immer noch!“ rief Nea empört, während sie sich mit einem Satz auf Leylas Bett warf. Die Matratze gab unter ihrem Gewicht nach, doch Nea störte das nicht im Geringsten – mit kindlicher Begeisterung begann sie auf der Matratze auf und ab zu hüpfen, als wäre es ein Trampolin.


Leyla stöhnte leise, zog sich die Decke über den Kopf und versuchte, den Lärm zu ignorieren. Doch gegen Nea anzukämpfen war sinnlos.


„Ist ja schon gut…“ murmelte Leyla schläfrig und rieb sich die Augen, während sie sich langsam aufrichtete.


Nea, die nun auf Leylas Bauch kniete, beugte sich grinsend nach vorne. „Die neuen allgemeinen Aufträge sind reingekommen!“ verkündete sie aufgeregt. „Wenn du dir einen aussuchen willst, solltest du dich beeilen!“


Leylas Müdigkeit war mit einem Schlag verflogen. Ihr erster Gedanke galt dem Auftrag, den Selfmun Aragi erwähnt hatte. War er unter den neuen Aufträgen? Ohne weiter nachzudenken, schwang sie die Beine aus dem Bett und begann, sich anzuziehen. 


Nea kullerte über die Bettdecke und beobachtete sie mit einem schelmischen Lächeln. „Wie war’s mit Hypos gestern?“ fragte sie neugierig.


Leyla seufzte und zog ihre Stiefel an. „Anstrengend“, gab sie knapp zurück. „Ich weiß nicht, ob es mir wirklich weitergeholfen hat, aber zumindest hat er mir etwas verraten.“


„Ja, der ist echt komisch.“ Nea kicherte, während sie Leyla plötzlich auf den Rücken sprang. Ihre Arme legten sich um Leylas Schultern, ihre Beine schlangen sich fest um ihre Taille. „Komm schon, Leyley, trag mich zum Gemeinschaftsraum!“


„Na schön, aber du bist echt verwöhnt“, murrte Leyla, doch insgeheim schätzte sie Neas Unbeschwertheit. Sie war das komplette Gegenteil von der Schwere, die auf Leylas Schultern lastete.


Nea lachte und schmiegte sich spielerisch an ihren Nacken. „Ich bin klein genug, das ist also kein Problem!“


Leyla trug sie die Gänge entlang, bis sie den Gemeinschaftsraum erreichten. Vor der Auftragswand stand bereits Colart, der gewaltige Minotaur, der unter den Mitgliedern für seine gemächliche Art und seine unendlich lange Sprechweise bekannt war.


Leyla setzte Nea vorsichtig ab und trat näher.


„Möööchteeest duuu deeen eeersteeen Aaauuuftraaag aaauuussuuucheeen?“ fragte Colart mit seiner trägen, schleppenden Stimme. Es war das vierte Mal, dass Leyla ihn überhaupt sprechen hörte, und jedes Mal dauerte es eine gefühlte Ewigkeit.


„Ja, gerne, danke, Colart“, antwortete sie und betrachtete die Zettel an der Wand. Drei Aufträge waren verfügbar:


,,Rebellengruppe im Herzogtum Randurin unterwandern’’


,,Roland Verestria, Baron von Sonnensand, töten oder gefangen nehmen’’


,,Geleitschutz für Kronprinz Tavil bei Verhandlungen mit den Sommerinseln’’


Leylas Blick blieb an dem zweiten Zettel hängen. Sonnensand lag östlich von Welldyl, direkt an der Grenze zur Endlosen Wüste und dem Herzogtum Kries. Das war der Auftrag, den Aragi für sie vorgesehen hatte.


Sie vertraute ihm nicht – nicht einmal ansatzweise. Jeder, der diesem Mann vertraute, schaufelte sein eigenes Grab. Doch sie konnte sich nicht leisten, feige zu wirken. Sie war eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, und ihre Aufträge bestimmten ihre Stellung. Ein Ablehnen könnte Schwäche bedeuten – oder Aragi dazu verleiten, sie noch weiter zu testen.


Ohne ein weiteres Zögern griff sie nach dem Zettel und steckte ihn in ihre Tasche.


Nea warf ihr einen schiefen Blick zu. „Den Adligenmord also?“ fragte sie mit einem amüsierten Grinsen. „Du scheinst ein Hobby gefunden zu haben!“


Leyla blickte sie ernst an. „Nein“, entgegnete sie bestimmt. „Ich bin jetzt eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Ich muss diese Aufträge erfüllen, um mich zu beweisen.“


Während Nea und Colart die letzten beiden Aufträge unter sich aufteilten, machte Leyla sich auf den Weg zurück zu ihrem Zimmer. Diesmal würde sie sich vorbereiten. Sie durfte keine Fehler machen. 


„Eroica?“ rief sie durch ihren Wohnbereich.


„Ja, Leyla?“ kam die ruhige Stimme der Filina aus ihrem Zimmer. Kurz darauf erschien sie im Türrahmen, das Buch der Runensteine in der Hand.


Leyla sah sie entschlossen an. „Ich brauche Informationen über Roland Verestria und die Baronie Sonnensand. Ich werde dorthin reisen – mein nächster Auftrag führt mich zu ihm.“


Eroica nickte sofort. „Sehr wohl, ich werde Euch so schnell wie möglich alles zukommen lassen.“


Dann trat sie vor und reichte Leyla das Buch. Ihre grünen Augen beobachteten sie aufmerksam, als Leyla es wortlos entgegennahm.


Ohne einen Moment zu zögern, ging Leyla zu einer der vielen Kerzen in ihrem Zimmer. Sie betrachtete den schwarzen Einband, strich mit den Fingern darüber, als würde sie sich verabschieden.


Dieses Wissen war zu gefährlich.


Sie hielt das Buch in die Flamme. Das Feuer brauchte einen Moment, als würde es zögern, sich an dieses alte Wissen heranzuwagen. Doch dann fraßen sich die Flammen hungrig durch das trockene Pergament. Die Lettern auf dem Umschlag verschwanden in Asche, die Seiten rollten sich zusammen, wurden schwarz und zerfielen schließlich zu Staub.


Eroica sagte nichts. Sie stand einfach nur da und beobachtete, wie das Wissen eines Unbekannten ausgelöscht wurde.


Als das Feuer das letzte Stück Papier verzehrt hatte, blieben nur noch verkohlte Fetzen in der Schale der Kerze zurück. Leyla atmete tief durch.



--------------------------------------------------------------------------



Einige Tage waren vergangen, und nun war der Moment gekommen. Leyla stand am Hafen der Kaiserstadt, bereit zum Aufbruch. Der Wind über dem Goldenen Fluss trug einen frischen Duft heran, während die ersten Sonnenstrahlen das ruhige Wasser in ein schimmerndes Gold tauchten. 


Sie hatte sich gründlich vorbereitet – auf eine Reise, die in den Berichten schlicht wirkte, aber gefährlich werden konnte, wenn sie nicht aufpasste. Ihr Ziel war ein Mann, den sie nicht kannte, dessen Leben in ihren Händen lag. Wenn es möglich war, wollte sie ihn lebendig zurückbringen, doch sie wusste, dass sie sich darauf nicht verlassen konnte.


Die Informationen zeichneten das Bild eines wenig bedrohlichen Mannes. Baron Roland Verestria lebte in einem bescheidenen Anwesen aus Sandstein, besaß keine offiziell registrierten Leibwachen und galt nicht als Kämpfer. Doch Leyla wusste, dass solche Berichte trügen konnten. Menschen, die sich schwach gaben, waren nicht selten gefährlich.


Ihr Plan war einfach: Sie würde eines der Handelsschiffe nehmen, das vom Hafen der Kaiserstadt den Goldenen Fluss hinabfuhr und sie nach Welldyl brachte. Von dort aus war es nur eine Tagesreise nach Sonnensand.


Neben ihr stand Eroica, die ihren Dienst als Dienerin über die letzten Tage hinaus wirklich besonders gut gemacht hatte. Ohne ihre Hilfe hätte Leyla sich nicht so ausgiebig vorbereiten können. Die Filina hatte unermüdlich recherchiert, Berichte durchforstet und mit ihrer bedachten Art dafür gesorgt, dass Leyla keine einzige überflüssige Sekunde verlor.


Leyla legte eine Hand auf ihre Schulter und drückte sie leicht. „Ich danke dir, Eroica. Ohne dich wäre das hier um einiges schwieriger gewesen.“ Ihre Stimme war ruhig, doch in ihrem Blick lag aufrichtige Wertschätzung.


Eroica lächelte sanft, doch ihre grünen Augen spiegelten eine unterschwellige Sorge wider. „Sehr gerne, Leyla. Ich wünsche Euch eine sichere Reise.“ Einen Moment lang zögerte sie, dann fragte sie: „Habt Ihr noch eine Aufgabe für mich, bis Ihr zurückkehrt?“


Leyla nickte langsam, ihr Blick blieb auf den Fluss gerichtet. „Ja. Ich will, dass du weiterhin so viel wie möglich über unser Thema herausfindest.“ Mehr musste sie nicht sagen – Eroica wusste genau, worum es ging.


Eroica nickte verstehend und trat einen Schritt zurück, während Leyla sich der Reling zuwandte. Das Schiff war bereit zum Ablegen, die Matrosen zogen die dicken Taue ein, und das Holz knarrte leise unter der Bewegung. Die Segel blähten sich im Wind, und langsam begann sich das Schiff vom Pier zu lösen. Leyla sah noch einmal zurück. Die majestätischen weißen Mauern der Kaiserstadt ragten über den Hafen empor.


Sie ballte die rechte Hand zur Faust, ihre Finger pressten sich gegen ihre Handfläche. Mit jedem Kilometer, den sie sich entfernte, wuchs ihre Entschlossenheit. Es war ihr erster Auftrag, den sie alleine durchführen musste. Es gab kein Zurück.


„Ich werde es schaffen“, flüsterte sie, während die Silhouette der Kaiserstadt langsam im Horizont verblasste.

 
 
 

Kommentare

Mit 0 von 5 Sternen bewertet.
Noch keine Ratings

Rating hinzufügen
bottom of page