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Kapitel 95 - Blaues Haar und der Durst nach Blut

Aktualisiert: 25. Feb. 2025

Oktopus mit Fischeiern und Seetang, gewürzt mit einer Prise Salz und Karnall – einem seltenen, feurig duftenden Gewürz von den Tabakinseln. Der intensive, salzige Geschmack mischte sich mit der rauchigen Note des Karnalls und entfaltete ein Aroma, das Jamall an die offenen Küsten des Nordmeers erinnerte. 


Er aß mit langsamen Bissen, während er die raue Atmosphäre der Hafentaverne am Rande Welldyls um sich herum kaum beachtete. Die Stimmen der Seeleute, die sich über ihre vergangenen Reisen unterhielten, das dumpfe Klirren von Messingkrügen und die raue Melodie eines Meriden, der in der Ecke Seemannslieder sang – all das war für ihn nur Hintergrundrauschen.


Sein Schiff würde in wenigen Stunden ablegen, und er genoss die letzte Mahlzeit an Land. Er kannte das Leben auf See nur allzu gut – wo die Speisen eintönig wurden und der bittere Geschmack von altem Wasser nie wirklich verschwand. Doch dieses Mal war es anders. Er würde nicht auf einem schnellen Kriegsschiff an den Küsten des Nordmeers reisen, sondern auf einem großen Handelsschiff, das für das offene Meer gebaut worden war. Eine andere Welt, eine neue Herausforderung. Aber das störte ihn nicht.


Plötzlich durchschnitt ein lauter Ruf die lebhafte Geräuschkulisse.


[???] ,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?’’


Jamall hörte den Schrei, doch er ignorierte ihn. Ein betrunkener Seemann oder ein Streithahn – beides nicht sein Problem. Ruhig nahm er einen weiteren Bissen, während sich seine dunklen Augen über den Rand seines Bechers hinweg bewegten.


[???] ,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’


Das ließ ihn innehalten. Seine Finger, die gerade noch entspannt das Besteck gehalten hatten, verkrampften sich unwillkürlich. Er hob den Blick, ließ ihn durch die Taverne schweifen, bis er den Ursprung des Lärms fand. 


Eine junge Frau mit leuchtend blauen Haaren saß an einem Tisch in der hinteren Ecke, die Arme verschränkt, den Blick kalt auf den Mann gerichtet, der sich ihr genähert hatte. Er war groß, kräftig gebaut und ganz in Schwarz gekleidet. Über seinem Rücken hing eine massive Kriegsaxt, die an einem breiten Lederriemen befestigt war. Sein langes, blondes Haar fiel ihm lose über die Schultern, während ein herausforderndes Grinsen auf seinen Lippen lag.


Jamall lehnte sich leicht vor, das Essen vor ihm vergessen. „Leyla…“ murmelte er. „Die Leyla, von der Liam gesprochen hat?“


Die Antwort der Blauhaarigen war nicht zu verstehen, doch ihre Körperhaltung sprach Bände. Sie war genervt – nicht eingeschüchtert, nicht überrascht, sondern einfach nur gereizt. Doch offenbar gefiel dem blonden Krieger ihr Ton nicht. Ohne zu zögern packte er sie am Haar und zog ihren Kopf ruckartig nach hinten. 


In diesem Moment veränderte sich die Luft.


Eine unsichtbare Druckwelle breitete sich aus, ließ das Holz der Tische knarren und die Kronleuchter über ihnen bedrohlich wackeln. Dann, mit einem tiefen Grollen, begann der Boden unter ihnen zu beben. Es war kein gewöhnliches Zittern – es war, als würde die gesamte Taverne von einer gigantischen Faust gepackt und hin und her gerissen werden.


Jamall sprang auf, doch da war es bereits zu spät. Mit einem markerschütternden Knacken barsten die hölzernen Stützbalken der Taverne. Splitter und Trümmer wirbelten durch die Luft, das Dach stürzte ein. Panische Schreie erfüllten den Raum, während Gäste versuchten, sich in Sicherheit zu bringen. Jamall riss seinen Mantel vor das Gesicht, um sich vor umherfliegenden Schutt zu schützen, und suchte instinktiv Deckung hinter einer umgestürzten Truhe.



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Leyla sprang von dem Schiff, das sie über die letzten Tage hinweg nach Welldyl gebracht hatte. Die Reise auf dem Goldenen Fluss war angenehm gewesen, ein ruhiger, fast meditativer Kontrast zu ihrem sonst doch rastlosen Leben. Besonders das Schlafen in den Hängematten hatte ihr gefallen – eng, aber gemütlich, und die sanften Schaukelbewegungen des Schiffes hatten sie zuverlässig in den Schlaf gewiegt. Die frische Luft des Flusses hatte ihre Sinne belebt, und sie fühlte sich überraschend ausgeruht, trotz der langen Tage an Bord.


Das Schiff hatte im vierten Hafen von Welldyl angelegt, einem geschäftigen Umschlagplatz am östlichen Rand der Stadt. Hier verkehrten vor allem Handelsschiffe, die Waren von und zur Kaiserstadt brachten. 


Der Hafen war erfüllt vom rhythmischen Klappern der Holzplanken unter den eiligen Schritten der Matrosen, dem Knarren der Schiffsseile und den lauten Rufen der Hafenarbeiter, die Befehle brüllten oder Lasten transportierten. 


Der salzige Geruch des Meeres vermischte sich mit dem süßlichen Duft von exotischen Gewürzen, die in großen Säcken aus den Lagerhäusern geschleppt wurden. Er war unverkennbar – und aus irgendeinem Grund fühlte er sich für Leyla fast wie Heimat an. 


Ihr Blick wanderte über die geschäftige Hafenstadt. Am anderen Ende der Bucht, eingebettet in das Herz der Altstadt, ragte die Engelsbibliothek empor. Ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten, in denen die Elfen über diese Lande geherrscht hatten. Ihre schneeweißen Türme erhoben sich majestätisch in den Himmel, wie stille Zeugen einer Ära, die die Menschen kaum mehr verstanden. 


Doch hier, in den niedrigen, gedrängten Gassen des Hafens, war das Leben weniger erhaben – es war rau, lebendig und unberechenbar. Fischhändler priesen lautstark ihren Fang an, Seeleute diskutierten laut lachend über ihre letzten Abenteuer, während Bettler mit leeren Blicken in den Schatten der Lagerhäuser kauerten.


Leylas Blick blieb an einer Taverne hängen, über deren Eingang ein gewaltiger Fisch prangte. In großen, verblassten Lettern stand der Name auf einem Schild: „Fischfang“. Der Name war simpel, aber einladend, und als Leylas Magen laut knurrte, war die Entscheidung schnell getroffen. Sie trat durch die knarrende Tür ein.


Drinnen war es warm und voller Leben. Der Raum war von dicken Holzbalken gestützt, und überall hingen Fischernetze und alte Seekarten, die von vergangenen Reisen zeugten. Das Feuer in der offenen Küche knisterte, während die Bardame geschäftig zwischen den Tischen umherwuselte. 


Gelächter und ausgelassene Gespräche erfüllten den Raum, die tiefe Stimme eines Meridenbarden erklang aus einer Ecke, wo er mit einer schlichten Laute die Geschichte eines verlorenen Seelebens besang.


Eine stämmige Frau mit freundlichen, hellen Augen und hochgestecktem Haar trat an ihren Tisch. Ihr Lächeln war breit und einladend. „Was darf’s sein, meine Liebe?“ fragte sie mit einer Stimme, die an das sanfte Rauschen der Wellen erinnerte.


Leyla überlegte kurz und bestellte schließlich Hummer in Muschelsoße, dazu ein starkes, dunkles Bier. Die Bardame nickte zufrieden. „Gute Wahl. Unsere Küche ist berüchtigt für ihre Muschelsoße. Ich bring’s gleich rüber.“ Dann verschwand sie in Richtung der dampfenden Kochstelle.


Leyla lehnte sich zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger in einem ruhigen Rhythmus auf der Tischkante trommelten. Dies war ein Ort, an dem Geschichten entstanden – ein Knotenpunkt von Reisenden, Händlern und Glücksrittern. Für einen Moment ließ sie ihre Gedanken treiben und genoss das Gefühl, eine Fremde an einem belebten Ort zu sein.


Als das Essen schließlich vor ihr stand, stieg ihr sofort der betörende Duft des Hummers in die Nase. Die Muschelsoße glänzte reich und würzig, das Fleisch sah saftig und perfekt gegart aus. Leyla nahm den ersten Bissen – und ihre Lippen kräuselten sich unbewusst zu einem zufriedenen Lächeln. Der Geschmack war voll und salzig, mit einer leichten Süße, die perfekt mit dem dunklen Bier harmonierte. Nach der langen Reise war dies genau das, was sie gebraucht hatte.



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Nach einer Weile, als Leyla gerade aufstehen wollte, fiel ihr Blick auf einen Mann am anderen Ende der Taverne. Langes, glattes, blondes Haar fiel ihm über die Schultern, und seine gesamte Kleidung war in tiefem Schwarz gehalten. Auf seinem Rücken ruhte eine gewaltige Kriegsaxt, deren stumpfe Kante matt im Schein der Öllampen schimmerte. 


Ihr Herz zog sich unwillkürlich zusammen. Sie kannte diesen Mann. Es war lange her, über ein Jahr, seitdem sie ihm begegnet war – damals, auf ihrer Reise nach Malyl. Er hatte sie gemustert, sie mit einem ekelerregenden Blick durchbohrt, und dann war er verschwunden. 


Doch sie erinnerte sich nur zu gut an das lüsterne Lecken über seine Lippen, als wäre er ein Raubtier, das seine Beute ins Visier genommen hatte. Der Ekel, den sie damals empfunden hatte, stieg nun erneut in ihr auf, so intensiv, dass ihr Magen sich verkrampfte.


Leonhardt, der zweite Anführer vom Orden der Goldenen Sonne. Er gehörte zur gleichen Gruppe wie ihr ehemaliger Lehrer Yaga.


Leyla blieb sitzen, den Kopf leicht gesenkt, in der Hoffnung, dass er sie nicht bemerkte. Doch das Schicksal schien nicht auf ihrer Seite zu sein. Gerade, als er sich einen Tisch weiter hinsetzen wollte, drehte er sich beiläufig um, und ihre Blicke trafen sich.


,,Ey, du! Sind wir uns nicht schon einmal begegnet?’’ Seine Stimme durchschnitt das laute Treiben der Taverne.


Leyla blickte genervt hoch, doch sie schwieg. Stattdessen ließ sie nur ein abfälliges „Tzzz“ erklingen, während sie sich demonstrativ zur Seite drehte. Sie hatte keine Lust, mit ihm zu reden – nicht mit einem Mann wie ihm.


Leonhardt war allerdings nicht der Typ, der sich mit ihrer Ablehnung zufriedengab. Mit langsamen, selbstbewussten Schritten näherte er sich ihrem Tisch, eine bedrohliche Mischung aus Belustigung und Bosheit in seinen Augen.


,,Ey, ich rede mit dir. Wie war nochmal dein Name? Leyla?’’ Seine Stimme war nun schärfer, doch Leyla war das egal. 


Seine selbstgefällige Art ließ etwas in ihr kochen. Ihr Blick wurde hart. „Merkst du nicht, dass ich keine Lust habe, mit dir zu reden?“ Ihre Stimme war kalt, schneidend. „Los, lauf zu deinem Freund Yaga und verpiss dich.“


Männer wie er verstanden nur eine deutliche Sprache. Jeder Hauch von Unsicherheit war eine Einladung. Doch Leyla hatte nicht erwartet, dass er so schnell und so aggressiv reagieren würde.


Plötzlich schnellte seine Hand vor, und bevor sie ausweichen konnte, packte er ihre Haare mit brutaler Kraft und riss ihren Kopf nach hinten. Ein stechender Schmerz zuckte durch ihre Kopfhaut, als er ihr Haar um seine Faust wickelte.


—BZZZ—


Ein brennender Blitz durchzuckte sie. Es war, als würde eine unsichtbare Kraft ihre Nerven in Flammen setzen, als würde sie von innen heraus verbrennen. Ihre Muskeln verkrampften sich, ihr Sichtfeld flimmerte.


„Verdammt… wenn ich nicht schnell etwas tue, sterbe ich hier. Und dann… dann wird wieder eine Kerze erlöschen.“


Der Gedanke durchbohrte ihren Verstand wie eine Klinge. Sie konnte es nicht zulassen. Sie durfte nicht sterben.


Ohne eine Sekunde weiter zu zögern, ohne die Konsequenzen zu beachten, entfesselte sie ihre Aura. Augenblicklich bebte der Boden unter ihr, als würde die Welt selbst auf ihre Wut reagieren. Ein tiefer, unheilvoller Riss zog sich durch die Holzdielen, das Fundament der Taverne erzitterte. Ein lautes, bedrohliches Knarren erklang, als die tragenden Balken der Decke begannen, sich zu verformen.


Das Chaos brach los.


Ein Schrei, dann ein weiterer. Gäste stürzten panisch in Richtung Ausgang, einige stolperten, rissen Tische und Stühle mit sich, während das Gebäude begann, einzustürzen. Leyla spürte, wie Leonhardt seine Hand von ihren Haaren riss, und in diesem Moment sackte das Dach über ihnen ein und begrub alle in der Taverne unter Tonnen an Schutt.

 
 
 

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