Kapitel 96 - Das Monster namens Leonhardt
- empirewebnovel
- 25. Feb. 2025
- 10 Min. Lesezeit

Leyla fluchte leise, während sie sich mühsam aus dem Schutthaufen befreite. Staub und Schutt klebten an ihrer Haut, und mit jedem Atemzug schmeckte sie den bitteren Nachgeschmack von Asche und Erde. Sie hatte sich nur losreißen wollen, sich nur verteidigen – doch nun sah sie das erschreckende Ausmaß der Zerstörung, die sie angerichtet hatte.
Die Taverne war nicht das Einzige, was unter ihrer entfesselten Kraft zusammengebrochen war. Mehrere angrenzende Lagerhäuser waren dem Beben erlegen, ihre Wände zu kläglichen Haufen aus Trümmern zusammengestürzt. Holz, Stein und Metall lagen verstreut auf der gepflasterten Straße, die kaum noch als solche zu erkennen war.
Rauchfäden stiegen in den Himmel auf, und der allgegenwärtige Geruch von verbranntem Holz und Blut brannte in ihrer Nase. Das entsetzliche Geräusch von Stöhnen und Schreien der Überlebenden durchschnitt die Luft – ein klagender Chor aus Schmerz, Angst und Verzweiflung.
Leyla presste die Zähne zusammen, während sich ein kalter Knoten in ihrem Magen bildete. Wie viele? Wie viele Menschen hatte sie mit ihrer Magie in den Tod gerissen? Wie viele lagen nun unter den Trümmern begraben, ohne eine Chance auf Rettung? Sie wollte es nicht wissen – doch die Bilder drängten sich ihr unerbittlich auf. Ihre Hände zitterten, und für einen Moment hatte sie das Gefühl, als würde ihr die Luft zum Atmen genommen werden.
Ein Geräusch ließ sie aufsehen. Aus den Trümmern einer nahegelegenen Mauer kletterte ein älterer Mann mit wirrem, grauem Haar. Sein Gesicht war schmutzverschmiert, seine Kleidung zerrissen, und als sich ihre Blicke trafen, wandten sich seine Augen voller Angst ab. Keine Worte, kein Fluchen, kein Zorn – nur ein einziges entsetztes Starren, bevor er sich hastig umdrehte und mit humpelnden Schritten floh.
Leyla senkte den Blick. Sie konnte es ihm nicht verübeln.
Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich den Trümmern wieder zuwandte. Wo war Leonhardt? Hatte er überlebt? Sie wusste, dass sie es herausfinden musste – doch ein Teil von ihr hoffte, dass er tot unter den Steinen begraben lag. Ohne weiter zu zögern, ließ sie ihre Magie durch den Boden fließen. Der Schutt begann zu vibrieren, Steine brachen auseinander, Holz zerfiel zu feinen Spänen. Der Schutt wich zurück, und schließlich konnte sie die darunter verborgenen Körper erkennen.
Leyla spürte, wie ihr Herz einen Schlag aussetzte.
„So viele Tote…“ flüsterte sie entsetzt, unfähig, die Worte wirklich zu begreifen.
Die Bardame, die sie noch vor wenigen Minuten bedient hatte, lag mit zertrümmertem Schädel im Staub. Der Meridenbarde, dessen Stimme die Taverne gefüllt hatte, war nun nichts weiter als eine leblose Hülle, die in den Trümmern eingeklemmt war. Überall lagen Körper – zerquetscht, begraben, regungslos.
Leyla schluckte schwer. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment fürchtete sie, sich übergeben zu müssen. ,,Ich… ich habe das getan.’’
Ein Schatten bewegte sich am Rand ihres Blickfelds. Instinktiv wirbelte sie herum, ihre Magie reagierte noch bevor ihr Verstand es tat. Mit einer ruckartigen Bewegung riss sie eine massive Steinmauer aus dem Boden – gerade rechtzeitig, um das metallerne Kreischen von Leonhardts heranrasender Kriegsaxt zu hören, als sie gegen den Stein krachte.
Leyla stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Leonhardt lebte.
Leonhardt stand nur wenige Schritte von ihr entfernt, seine Axt in einer Haltung, die darauf schließen ließ, dass er erneut zuschlagen wollte. Sein Gesicht war von einem irren Grinsen verzerrt, als würde er jeden Moment in Gelächter ausbrechen.
„Warum hast du mich angegriffen?!“ schrie Leyla ihm entgegen, ihre Stimme war eine Mischung aus Wut und Verzweiflung. „Wenn du das nicht getan hättest, wären all diese Menschen noch am Leben!“
Doch sie wusste, dass das nicht die Wahrheit war.
,,Es war meine Entscheidung.’’
Sie hatte ihre Kräfte entfesselt. Sie hatte sich entschieden, das Leben einer ihr wichtigen Person über das vieler Fremden zu stellen. Sie wusste, dass sie ihre Magie unter Druck nur schwer kontrollieren konnte – und trotzdem hatte sie nicht gezögert, sie einzusetzen.
War es die richtige Entscheidung gewesen?
Leyla schüttelte den Gedanken ab. ,,Nicht jetzt.’’
Leonhardt setzte sich erneut in Bewegung, seine Axt sauste mit tödlicher Präzision auf sie herab. Reflexartig formte Leyla ein Schwert aus Stein und hob es zum Blocken. Metall traf auf Stein, Funken stoben durch die Luft.
Der wirkliche Kampf begann.
Leyla bewegte sich schnell, wich aus, blockte mit Steinwänden oder nutzte den Boden, um seine Angriffe abzufangen. Sie war nicht so stark wie er, nicht einmal annähernd – aber sie war wendig. Jedes Mal, wenn Leonhardt zum Schlag ausholte, wich sie im letzten Moment aus, nutzte ihre Magie, um ihre Position zu wechseln. Steinsäulen schossen aus dem Boden, dienten ihr als Sprungplattformen oder Barrieren, um sich von ihm zu trennen.
Doch war sie am gewinnen?
Sie konnte es nicht sagen. Leonhardt war schnell, trotz seiner massiven Waffe. Jeder seiner Schläge hatte genug Kraft, um sie zu zerschmettern.
,,Leonhardt!!!’’ schrie sie ihm entgegen. Der Kampf würde mit seinem Tod enden. Oder mit ihrem eigenen.
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Leyla verteidigte sich wacker gegen Leonhardts wuchtige Angriffe. Seine rohe Kraft war furchteinflößend, doch sie war schneller, präziser, und mit ihrer Magie konnte sie seine Axt immer wieder abfangen. Doch so sehr sie sich abmühte, er drängte sie immer weiter zurück, ohne ihr auch nur einen Moment zum Gegenangriff zu lassen.
Um sie herum hatten sich inzwischen einige Stadtwachen versammelt. Ihre Rüstungen funkelten in der Sonne, doch keiner von ihnen wagte es, sich in diesen Kampf einzumischen. Dies war keine Auseinandersetzung, die von normalen Kriegern entschieden wurde – es war ein brutaler, instinktiver Kampf zwischen zwei Kämpfern, die beide weit über dem, was als normal galt, lagen.
Leylas Gedanken arbeiteten. ,,Ich kann Metall erschaffen… dann müsste ich es doch auch zerfallen lassen können, oder?’’
Ihre Augen verengten sich. ,,Wenn ich es schaffe, Leonhardts Axt zu berühren, könnte ich sie zerstören.’’ Doch das war leichter gesagt als getan. Seine Waffe bewegte sich mit tödlicher Präzision, jede Sekunde war sie an einer anderen Stelle. Wenn sie einen Fehler machte, würde das ihr Ende bedeuten.
,,Fuck… wenn ich doch nur meine ganze Magie einsetzen könnte“, dachte sie verbittert, während sie weiter zurückwich. Doch sie konnte nicht. Sie durfte nicht. Nicht noch einmal. Die Zerstörung, die sie bereits angerichtet hatte, war schlimm genug. Wie viele Unschuldige waren bereits durch ihre entfesselten Kräfte gestorben? Wie viele weitere würden folgen, wenn sie erneut die ganze Macht des Steines einsetzte?
Sie bemerkte zu spät, wohin sie getrieben wurde. Das dunkle Wasser des Hafenbeckens erstreckte sich hinter ihr, die feuchte Luft ließ ihre Haut leicht frösteln. Als sie realisierte, dass sie keinen Platz mehr hatte, um weiter auszuweichen, war es bereits zu spät.
Ihr Fuß fand keinen Halt mehr.
Instinktiv ließ sie ihre Magie in den Boden fließen. Der Stein unter ihr wuchs in die Tiefe, dehnte sich aus und fing ihren Fall gerade noch ab. Doch sie war jetzt ungeschützt. Leonhardt nutzte die Gelegenheit gnadenlos aus. Die Axt traf.
Ein entsetzlicher Schmerz explodierte in ihrem rechten Arm. Knochen barsten, Muskeln rissen. Ein Schwall warmen Blutes spritzte über ihre Kleidung und tropfte auf den Steinboden. Ein dumpfes Pochen breitete sich in ihrem Körper aus, während ihre Waffe ihr aus der Hand glitt und mit einem krachenden Geräusch auf dem Boden zerbrach.
Ihre Beine gaben nach. Ihre Magie flackerte für einen kurzen Moment – und erlosch.
Leonhardt packte sie grob am Kinn und drückte sie gegen einen der Holzpfeiler des Docks. Seine Finger gruben sich in ihre Haut, sein Atem war warm und unangenehm nah.
„Du kannst mir dankbar sein, Leyyyla…“ Sein Tonfall war träge, beinahe genüsslich, während er ihren Namen extra lang zog. In seinen Augen funkelte ein abartiges Vergnügen. „Ich mag es nicht, wenn die Mädchen, mit denen ich Spaß habe, verkrüppelt sind. Also habe ich deinen Arm drangelassen.“
Sein Gesicht rückte noch näher. Dann streckte er langsam seine Zunge aus und fuhr ihr mit einem feuchten, widerwärtigen Lecken über die Wange.
Leylas ganzer Körper erstarrte. Ein Ekel, so tief und intensiv, dass er fast körperlich spürbar war, durchfuhr sie. Doch dieser Moment der Abscheu brachte ihr Bewusstsein zurück. Ein aufkeimender Zorn brannte in ihr auf.
Mit aller Kraft trat sie ihm in den Magen. Leonhardt keuchte auf, sein Griff lockerte sich. Das reichte ihr. Sie riss ihren linken Arm hoch und legte ihre Finger auf den Griff seiner Axt.
Sofort spürte sie es – ihre Magie reagierte.
Mit einem leisen Knistern zerfiel das Metall zu feinem, dunklen Staub.
Leonhardt stolperte zurück, völlig verdutzt, während die Reste seiner einst mächtigen Waffe nutzlos zu Boden rieselten.
Leyla zögerte nicht. Sie schuf ein Metallschwert in ihrer linken Hand, ihre Magie floss ungehindert durch sie hindurch. Ohne nachzudenken, stieß sie zu. Die Klinge drang in Leonhardts Schulter ein. Nicht tief genug.
„Verdammt“, fluchte sie. ,,Ich wollte seine Brust treffen…’’ Doch ihre linke Hand war nicht so stark wie ihre rechte. Der Stich war unpräzise, schwach – nicht tödlich.
Sie stolperte zurück, ihr Atem ging schwer. Der Kampf war noch nicht vorbei.
Leonhardt hingegen stand für einen Moment reglos da, sein Gesicht ein einziges starres Bild des Schocks. Dann jedoch schien er sich zu sammeln. Eine unnatürliche Ruhe legte sich über ihn, während er Leyla langsam ins Visier nahm.
„Du hast es ja nicht anders gewollt!“ schrie er, seine Stimme überschlug sich beinahe vor Wut.
Er griff in eine Tasche und zog ein kleines, goldenes Fläschchen hervor. Mit einem einzigen Zug leerte Leonhardt die schwarze Flüssigkeit in seinem Rachen.
Sofort begann sein Körper zu zucken. Ein bizarres Zittern erfasste seine Glieder, als würde etwas Unsichtbares in ihm wüten.
Blitze zuckten aus seinen Fingerspitzen. Unkontrolliert schlugen sie in den Boden um ihn herum ein, brannten sich durch das Holz der Docks, ließen die Luft mit statischer Elektrizität flirren. Sein Körper krümmte sich, seine Muskeln spannten sich bis zum Zerreißen. Seine Glieder verdrehten sich in einem grotesken Winkel.
Leyla konnte nur entsetzt zusehen.
Dann – mit einem einzigen tiefen Atemzug – kam er wieder zur Ruhe.
Die Blitze verstummten. Sein Körper richtete sich auf.
Und als er erneut zu Leyla blickte, war in seines Augen nichts als weiße Leere.
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Leonhardt war ein Mann ohne Heimat, ein Getriebener, dessen Leben von Gewalt und Instinkt bestimmt worden war, lange bevor er dem Orden der Goldenen Sonne beitrat.
Er war in den Schatten der engen, verfallenen Gassen von Okta aufgewachsen, der Hauptstadt des Militärverbunds Oktas, einem Ort, an dem Armut und Gesetzlosigkeit das Sagen hatten. Die Armenviertel waren eine Welt für sich – ein Netz aus Elend, in dem die Schwachen untergingen und die Starken von Grauen gezeichnet überlebten.
Was genau Leonhardt in seiner Kindheit widerfuhr, blieb ein Geheimnis, doch eines war sicher: Die Dunkelheit dieser Straßen hatte ihn geprägt, hatte ihn zu dem gemacht, was er war. Schon als Junge kannte er nichts anderes als rohe Gewalt. Er lernte früh, dass Mitgefühl eine Schwäche war, die man sich nicht leisten konnte. Hunger trieb ihn dazu, zu stehlen. Bedrohungen trieben ihn dazu, zu kämpfen. Und schließlich lernte er, dass es einfacher war, sich zu nehmen, was man wollte – ohne Rücksicht auf andere.
Als er alt genug war, um auf eigenen Beinen zu stehen, zog er ins Kaiserreich, ließ Okta hinter sich und streifte ziellos über den Kontinent. Ein Schatten, ein Nomade ohne Ziel, dessen einzige Bestimmung darin lag, seine eigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Er tötete, wenn es ihm passte. Er nahm sich, was er begehrte – seien es Reichtümer oder Frauen. Jeder, der ihm im Weg stand, wurde rücksichtslos beiseitegeworfen.
Doch seine Freiheit war nicht grenzenlos.
Es war Bunj, der dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger, der ihm seine Fesseln anlegte. Ein riesiger Chimpkrieger, bekannt für seine unbändige Kraft. Leonhardt hatte viele Männer fallen sehen, hatte selbst zahlreiche Gegner getötet, doch gegen Bunj hatte er keine Chance. Die Jagd dauerte Tage, vielleicht Wochen, doch am Ende war es unvermeidlich – Leonhardt wurde gestellt.
Seine Gefangennahme bedeutete eine Reise in die tiefste Hölle des Kaiserreichs: Loin de la Peur. Die berüchtigte Gefängnisinsel im kalten Norden, wo diejenigen eingesperrt wurden, für die es keine Rettung mehr gab. Dort, in den dunklen und eiskalten Zellen der Festung, schien seine Zukunft besiegelt zu sein.
Die Jahre in Loin de la Peur waren ein endloser Albtraum. Die Kälte war grausam, die Dunkelheit erdrückend. Das Einzige, was er sah, waren kahle Mauern und Männer, die langsam in den Wahnsinn getrieben wurden. Doch Leonhardt war nicht wie die gewöhnlichen Gefangenen. Er wartete. Beobachtete. Lernte.
Und dann kam der Sturm.
Ein gewaltiger Orkan peitschte über das Gefängnis hinweg, ließ die Mauern erbeben und riss ein Loch in die eisernen Befestigungen. Es war ein Moment, der nur Sekunden dauerte – doch für Leonhardt war es die Chance, auf die er gewartet hatte. Er kämpfte sich durch die Fluten, metzelte sich den Weg durch andere Gefangene frei und entkam der Insel, von der es eigentlich kein Entkommen gab.
Kurze Zeit nach seiner Flucht trat er dem Orden der Goldenen Sonne bei. Hier fand er eine neue Bestimmung, eine neue Richtung. Seine blinde, chaotische Gewalt wurde in Bahnen gelenkt, sein roher Zorn wurde gezielt genutzt.
Und es war Yaga, der einflussreiche Oni, der sich für ihn einsetzte. Mit den richtigen Verbindungen, den richtigen Worten, wurde die Verfolgung eingestellt. Leonhardt wurde begnadigt. Ein neuer Name, eine neue Position – doch die Bestie in ihm war niemals verschwunden.
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Ohne Vorwarnung verwandelte sich Leonhardt in einen dunklen Blitz, seine Silhouette verschwamm vor Leylas Augen, bevor sie überhaupt reagieren konnte. Im nächsten Moment spürte sie einen brutalen Schlag in ihrem Magen. Die Wucht des Aufpralls war so gewaltig, dass ihr ganzer Körper durch die Luft geschleudert wurde.
Sekunden später durchbrach sie die dünne Wand eines der letzten verbliebenen Lagerhäuser. Holz barst krachend um sie herum, Trümmerstücke prasselten auf sie nieder, während sie hart auf dem Boden aufschlug. Ein brennender Schmerz durchzog ihren Körper, die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst.
Doch Leonhardt gab ihr keine Atempause. Noch bevor sie sich aufrichten konnte, packte er sie mit unmenschlicher Kraft am Kragen und zog sie aus dem Schutthaufen. Ihr Blick verschwamm, und sie keuchte, als sie die eiskalte Nachtluft einatmete – doch es war nur ein Moment der Klarheit, bevor sie erneut durch die Luft geschleudert wurde. Diesmal spürte sie, wie der Boden unter ihr verschwand. Ein Schwindelgefühl erfasste sie, bevor sie ins eiskalte Wasser des Hafenbeckens stürzte.
Das Meer umschloss sie wie ein eisiger Sarg. Das Salzwasser brannte in ihren Augen, drang in ihre Nase, füllte ihre Lungen mit brennender Qual. Sie ruderte instinktiv mit den Armen, trat mit den Beinen, doch der Schock lähmte sie, ließ ihre Bewegungen fahrig und schwach erscheinen. Die Kälte drang bis in ihr Mark, zog an ihr, als wollte das Wasser sie in die Tiefen des Hafens hinabziehen.
„Verdammt… ich darf nicht sterben…“ schoss es ihr durch den Kopf, während die Panik durch ihre Adern raste. Sie würde nie wieder eine Kerze erlöschen lassen. Sie kämpfte gegen die Strömung an, ihr Körper schrie nach Luft. Ihre Brust zog sich schmerzhaft zusammen, der Drang zu atmen wurde unerträglich.
Mit letzter Kraft durchbrach sie die Wasseroberfläche und sog gierig die salzige Nachtluft ein. Keuchend und hustend versuchte sie, ihre Sicht zu klären, das Brennen in ihrer Kehle zu ignorieren. Doch kaum hatte sie sich gesammelt, fiel ihr Blick auf Leonhardt.
Er stand auf der Kaimauer über ihr, sein Blick war unmenschlich kalt. Die schwarzen Adern an seinem Hals pulsierten, seine Augen waren nicht länger weiß – sie waren tiefschwarz und durchzogen von wirbelndem Licht, als würde sich in ihnen ein unaufhaltsamer Sturm entfesseln.
Dann hob er langsam seine linke Hand und richtete sie auf sie.
Ein gleißender Blitz schoss aus seinen Fingerspitzen, raste auf sie zu, schneller als sie es hätte erahnen können. Die Welt explodierte in reinem Schmerz.
Die Elektrizität grub sich in ihre Haut, ließ ihre Muskeln verkrampfen, ihre Glieder zuckten unkontrolliert. Die Hitze durchflutete sie wie eine sengende Klinge, zerschmetterte ihre Sinne, raubte ihr jede Kontrolle über ihren eigenen Körper. Der brennende Schmerz war allumfassend, und ein erstickter Schrei löste sich aus ihrer Kehle.
Sie konnte sich nicht mehr bewegen. Sie versank im Hafenbecken unfähig, etwas zu tun.
Ihre Muskeln gehorchten ihr nicht mehr. Ihr Körper fühlte sich an wie eine leblose Marionette, deren Fäden brutal zerschnitten worden waren. Das Wasser nahm sie wieder in seine kalten Arme, zog sie tiefer, tiefer… und diesmal war da nichts, was sie hätte tun können.
Sie sank, ihre Gedanken verschwommen, und der Hafen verschlang sie.



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