Kapitel 97 - Hochmut kommt vor dem Fall
- empirewebnovel
- 25. Feb. 2025
- 8 Min. Lesezeit

Leyla sank tiefer und tiefer, das eiskalte Wasser umschloss sie wie ein schwerer, endloser Mantel aus Dunkelheit. Ihre Gedanken waren träge, verworren, als würden sie durch eine dichte Nebelschicht treiben. Sie hörte das dumpfe Dröhnen des Wassers in ihren Ohren, fühlte das Pochen ihres Herzens, das immer langsamer wurde. Der Schmerz, der ihren Körper durchzog, war allgegenwärtig, doch selbst er verblasste unter der lähmenden Kälte.
,,Mir ist kalt…’’
,,Ich will nicht sterben…’’
,,Was soll ich tun…’’
Diese Gedanken flackerten auf, nur um sogleich wieder im Strudel ihrer Erschöpfung zu versinken. Die Hilflosigkeit, die sie überkam, war erdrückend. War sie wirklich so schwach? Selbst jetzt, als eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin, war sie in eine Situation geraten, in der sie alleine nicht weiterkam. War all ihr Training, all ihre Entschlossenheit, die sie bis hierher gebracht hatte, am Ende bedeutungslos?
Die Macht des Runensteins, sie machte ihr Angst. Die Zerstörung, die sie innerhalb von Sekunden entfacht hatte. Die Toten, die in den dreistelligen Bereich gingen. Die Tatsache, dass, sobald sie auch nur etwas zu viel Kraft einsetzte, sie die Kontrolle verlor. All das machte ihr furchtbare Angst.
Doch noch etwas anderes bohrte sich in ihre Gedanken, ein Gefühl, das sich nicht so leicht ertränken ließ. Es war kein Schmerz, keine Angst – es war Wut. Wut über ihre eigene Ohnmacht. Wut darüber, dass sie sich immer wieder von anderen retten lassen musste. Wut, dass ihr eigener Körper ihr nicht gehorchte. Wut, dass andere für ihre Fehler bezahlen mussten.
Und dann war da dieser tiefe, unbändige Drang nach Freiheit.
Das Verlangen, sich nicht auf andere verlassen zu müssen. Selbstbestimmt zu sein. Die Kraft zu haben, ihren eigenen Weg zu gehen – ohne dass jemand sie zwingen, lenken oder unterwerfen konnte.
Es war ein Gefühl, das sie schon die ganze Zeit begleitete, ein unstillbares Verlangen, das sie trotz all ihrer Rückschläge nie hatte ersticken können. Und mit jeder Sekunde, die sie weiter in die Tiefe gezogen wurde, schien dieser Wunsch in ihr zu wachsen.
Ihr Rücken berührte den schlammigen Grund des Hafenbeckens. Der weiche, nachgebende Boden umschloss sie, zog an ihr, als wollte er sie in die Finsternis hinabreißen. Doch in diesem Moment geschah etwas.
Ihr Drang nach Freiheit. Ihr Verlangen, unabhängig agieren zu können, sich nicht auf andere verlassen zu müssen, es war groß.
Sie spürte es.
Tief in ihrem Inneren, in den verborgensten Winkeln ihrer Seele, regte sich eine alte, gewaltige Kraft. Der Runenstein, der in ihr schlummerte, begann zu pulsieren – ein kaum wahrnehmbares Zittern, das mit jeder Sekunde mächtiger wurde. Es war, als würde ein einzelner Funke in der Dunkelheit entfacht. Zunächst klein, kaum mehr als eine schwache Glut, doch dann... dann loderte er auf.
Das Feuer in ihr erwachte.
Leylas Augen rissen auf.
Ein Schrei entfloh ihrer Kehle, doch das Wasser verschluckte ihn. Die Kälte, die sich wie Nadeln in ihre Haut gebohrt hatte, wurde von etwas anderem verdrängt – von einer sengenden Hitze, die aus ihrem Inneren emporstieg, sich in ihren Gliedern ausbreitete, bis sie jede Faser ihres Körpers erfüllte.
Es war keine sanfte, behutsame Energie. Es war urtümlich, wild, ein Strom roher, ungezähmter Macht. Und sie gehörte ihr.
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Leonhardt ließ seinen Blick über das unruhige Wasser des Hafenbeckens gleiten. Die Sonne spiegelte sich in den kleinen Kräuselungen der Wellen, tauchte das Wasser in ein trügerisches Schimmern aus Gold und Silber. Doch von Leyla fehlte jede Spur. Keine Blasen stiegen auf, kein Schatten bewegte sich unter der Oberfläche – nur die endlose, schweigende Tiefe des Wassers.
Er seufzte leise und ließ sich auf einem Trümmerhaufen nieder, sein Blick verlor sich im Horizont. Er hatte mit ihr spielen wollen. Sie quälen, brechen, zermahlen, bis nichts weiter als ein winselnder Schatten ihrer selbst übrig war. Doch nun war sie fort, im Meer verschwunden, und mit ihr seine Freude.
Langsam rieb er sich die Schläfe. Der dumpfe Schmerz in seinem Kopf wurde stärker, ein pochender Nachhall der Droge, die immer noch in seinen Adern brannte. „Tiefenwasser“, hatte Raya es genannt – ein dunkles, giftiges Elixier, das seine sonst nur mittelmäßige Donnermagie verstärkt und seine körperlichen Fähigkeiten auf ein unmenschliches Niveau angehoben hatte. Doch alles hatte seinen Preis. Bald würden die Nebenwirkungen einsetzen. Er wusste, was ihn erwartete – Stunden, vielleicht sogar Tage voller Schmerzen, in denen sich sein Körper wie unter Feuer anfühlen würde.
Aber es war es wert gewesen.
Leyla war nicht die naive, unerfahrene Kämpferin, die er damals mit diesem lächerlichen Elfen gesehen hatte. Sie war stärker geworden. Viel stärker. Gefährlicher. Und genau das machte sie so… faszinierend.
Seine Zunge fuhr langsam über seine Lippen, und ein fiebriges Lächeln zog sich über sein Gesicht. „Ahh… ich hätte so gerne gehört, wie sie schreit…“ murmelte er, sein Blick glasig vor Gedanken, die sich nur um sie drehten.
Noch ein paar Minuten würde er warten. Vielleicht war sie einfach ertrunken. Vielleicht würde ihr toter Körper bald auftreiben, und er könnte sich ein letztes Mal an ihrem Anblick erfreuen, bevor die Wellen sie forttrugen.
Doch dann:
—GRUMMEL—
Ein Vibrieren zog sich durch den Boden, zuerst kaum spürbar, dann mit wachsender Intensität. Der Hafen erzitterte, als würde ein Riese seine Faust gegen die Erde hämmern. Die Mauern der ohnehin schon zerstörten Gebäude begannen zu beben, lose Steine fielen polternd zu Boden, und mit einem dröhnenden Ächzen stürzten die letzten, noch stehenden Wände ein.
Leonhardt spürte es durch seinen gesamten Körper – eine rohe, ungezähmte Kraft, die sich von tief unten ihren Weg nach oben bahnte. Die Luft selbst schien schwerer zu werden, drückend und geladen mit Energie, die in jeder Faser spürbar war.
Sein Lächeln verschwand.
„Was zum…?“
Dann kam das Geräusch – ein donnerndes, urtümliches Grollen, als würde ein Gebirge auseinanderbrechen. Ein Brüllen, das nicht aus einer Kehle, sondern aus der Erde selbst stammen musste.
Ein Schatten legte sich über Leonhardts Gesicht, als eine Erkenntnis ihn traf, kalt und schneidend wie eine Klinge an seiner Kehle.
Er hatte sie unterschätzt.
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Leyla spürte, wie sie mit der Erde verschmolz. Der dichte, schwere Schlamm, der sie umschloss, fühlte sich nicht wie eine Last an, sondern wie ein Schutz – eine warme Umarmung aus purer Kraft, die sie nicht einsperrte, sondern befreite. Die Erde flüsterte ihr zu, ließ sie fühlen, dass sie Teil von ihr war, dass sie unzertrennlich miteinander verbunden waren.
Es war als würde die Erde selbst zu ihr sprechen — ,,Du gehörst zu mir.’’
Sie war keine bloße Sterbliche mehr, keine Kopfgeldjägerin, keine einfache Frau mit einer Mission – sie war ein Wesen aus Stein und Erde, eine Kraft, durch die der Boden selbst pulsierte.
Sie öffnete die Augen. Alles um sie herum war ruhig. Die Kälte, die sie zuvor noch durchzogen hatte, war verschwunden. Ihr Körper war entspannt, ihr Geist klar.
Langsam richtete sie sich auf, ihre Bewegungen fließend und kontrolliert. Die Strömung, die sonst jeden Kämpfer unter Wasser hilflos gemacht hätte, berührte sie kaum. Solange ihre Füße den Boden spürten, gab es nichts, das sie aufhalten konnte.
Dann spannte sie ihre Muskeln an, und mit einer einzigen Bewegung katapultierte sie sich aus den Tiefen des Hafenbeckens. Mit der Wucht eines entfesselten Sturms durchbrach sie die Oberfläche, das Wasser explodierte um sie herum in einem gewaltigen Schwall.
Und dann sah sie es.
Das Chaos, das sie entfesselt hatte, war unaufhaltsam. Die Erde bebte, als würde sie in sich selbst zusammenbrechen. Der vierte Hafen von Welldyl, einst ein geschäftiges Zentrum des Handels, war nicht mehr wiederzuerkennen. Schiffe, die einst majestätisch im Wasser gelegen hatten, wurden von gewaltigen Wellen erfasst, ihre Masten brachen mit ohrenbetäubendem Knirschen.
Die Stege rissen wie morsches Holz auseinander, und das Pflaster des Hafens spaltete sich in klaffenden Rissen. Menschen rannten panisch umher, einige rutschten auf dem unkontrollierbaren Boden aus, andere wurden von einstürzenden Gebäuden verschüttet. Schreie hallten durch die Luft – doch Leyla nahm sie nicht war.
Ihr Blick war auf eine einzige Person fixiert.
Leonhardt.
Dort stand er, eine Gestalt inmitten des Chaos. Seine Haltung war steif, sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Die Blitze, die zuvor um seine Hände getanzt hatten, waren verschwunden, doch seine Augen brannten noch immer in einem unnatürlichen, leuchtenden Weiß. Sein Ausdruck war eine eigenartige Mischung aus Überraschung, Faszination und etwas, das Leyla nicht ganz deuten konnte – Ehrfurcht? Angst? Vielleicht beides.
Sie landete mit einem dumpfen Knall auf dem zerbrochenen Steinpflaster. Der Boden unter ihr erzitterte erneut, als hätte er Schwierigkeiten, ihr Gewicht zu tragen.
Leonhardt zuckte kurz zusammen, doch anstatt zurückzuweichen, öffnete er den Mund, um etwas zu sagen. Seine Stimme, die sonst von Arroganz und Sadismus getränkt war, klang jetzt seltsam zögerlich.
„H-Hör mal, lass uns—“
—KRRRR—
Ein ohrenbetäubendes Grollen durchschnitt seine Worte. Der Boden bebte mit neuer Intensität, und ein breiter Riss zog sich mit rasender Geschwindigkeit direkt unter Leonhardts Füßen entlang. Er keuchte, riss die Arme hoch, als könnte er sich daran festhalten – doch es gab nichts, was ihn halten konnte.
Der Boden brach auf.
Und dann fiel er.
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,,Scheiße…’’
Das Wort kam kaum über Leonhardts Lippen, ein schwaches, gepresstes Flüstern, als würde selbst das Fluchen ihm die letzte Kraft rauben. Sein ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er durch eine Mühle gedreht worden – eine, die jeden einzelnen seiner Knochen gebrochen und sein Fleisch in blutige Fetzen gerissen hatte. Jeder Atemzug war ein Stich aus glühenden Messerklingen, seine Lunge brannte, als hätte sie sich gegen ihn verschworen.
Hoch über ihm fiel ein schmaler Lichtstreifen durch den Spalt, in dem er gefangen war. Das Sonnenlicht wirkte surreal, als wäre es nicht real, sondern nur eine Illusion, ein Spottbild der Welt, die er verloren hatte. Er lag hier unten, zusammen mit dem kalten, schmutzigen Schlamm, in einem Loch, das tiefer war als sein eigener, geistiger Abgrund. Und doch... war er nicht tot. Noch nicht.
Jeder Versuch, sich zu bewegen, war eine Qual. Sein rechter Arm war unbrauchbar, die Knochen unter der Haut verschoben. Sein linkes Bein reagierte nicht. Blut tropfte aus zahllosen Wunden und vermischte sich mit dem feuchten Dreck, der ihn umgab. Doch Leonhardt war niemand, der aufgab. Nicht jetzt. Nicht so.
Er presste die Zähne zusammen und schloss seine Finger um die Handfläche. Der Ring. Raya hatte ihm gesagt, dass er ihn nur im äußersten Notfall nutzen sollte. Es wäre sein letzter Ausweg, sein Sieg, wenn alles andere versagte.
Ein hämisches Grinsen zog sich über sein zerschlagenes Gesicht. ,,Du hast mich fast gehabt, Leyla… fast.’’
Ein Schock durchfuhr ihn, als seine Hand nichts als feuchte Erde spürte. Seine Brust zog sich zusammen, und für einen Moment vergaß er sogar den Schmerz. Mit einem hektischen, verzweifelten Blick suchte er seine Umgebung ab, sein Herz raste schneller als die Wellen des aufkommenden Wassers. Und dann sah er ihn.
Nur ein paar Meter entfernt lag der Ring, halb im Schlamm versunken, sein goldenes Funkeln ein letzter Hoffnungsschimmer.
Sein Atem ging flach. Er konnte ihn erreichen. Es würde wehtun. Es würde ihn vielleicht töten. Doch wenn er diesen Ring hatte, war es nicht vorbei. Langsam, quälend langsam, begann er sich vorwärts zu schieben.
Jede Bewegung fühlte sich an, als würden seine Nerven mit Dolchen durchbohrt werden. Seine Muskeln weigerten sich, doch er zwang sie. Zentimeter für Zentimeter zog er sich näher heran, das Blut aus seinen Wunden hinterließ eine dunkle Spur auf dem Stein.
Noch ein Stück.
Seine Fingerspitzen streckten sich aus – er konnte ihn fast spüren.
Und dann kam das Geräusch.
Ein tiefes, gewaltiges Grollen, das durch die engen Wände des Spalts vibrierte. Das Echo eines kommenden Unheils.
Langsam hob Leonhardt den Kopf, sein Blick folgte dem lautlosen Schatten, der sich über ihm bewegte. Sein Herz setzte einen Schlag aus.
Das Wasser. Es kam wie eine entfesselte Bestie, ein reißender Fluss, der alles verschlang, was ihm im Weg stand.
,,Scheiße…’’
Das war das Letzte, was er sagte, bevor die Flut ihn traf.
Das Wasser stürzte auf ihn herab, mit einer Kraft, die jeden Widerstand nutzlos machte. Es schlug ihn gegen die Felswand, zog ihn mit sich, wirbelte ihn herum, als wäre er nichts weiter als ein Blatt im Sturm. Der Ring, sein letzter Ausweg, seine Hoffnung – wurde aus seinem Blick gerissen, fortgetragen von den Wellen, außer Reichweite, für immer verloren.
Sein Körper krampfte. Kalte Dornen durchstachen seine Lungen, als er unwillkürlich nach Luft schnappte und nichts als Wasser fand. Sein Inneres brannte, seine Sicht verschwamm, das Licht wurde dunkler und dunkler.
Und in diesen letzten Momenten hallten Worte durch seinen Kopf. Worte, die er nie gedacht hätte, dass sie von ihm kommen würden.
Worte, die er so oft verachtet hatte, wenn andere sie flehentlich gehaucht hatten.
,,Ich… Ich will nicht sterben.’’



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