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Kapitel 98 - Das Ausmaß der Zerstörung

Jamall saß auf dem Deck des Handelsschiffs, das ihn nach Okta bringen sollte. Der salzige Wind strich über seine Haut, brachte die Kühle des offenen Meeres mit sich, doch konnte er sie nicht genießen. Seine Gedanken waren weit weg, festgefroren in dem Chaos, das sich am Horizont abspielte.


Der vierte Hafen von Welldyl, einst geschäftig und voller Leben, brach vor seinen Augen auseinander, als hätte eine höhere Macht beschlossen, ihn aus der Welt zu reißen. Tiefe Risse zogen sich durch den Boden, verschlangen Häuser und Straßen, während Trümmer wie Spielzeug von unsichtbaren Händen durch die Luft gewirbelt wurden. Die Erde bebte weiter, als würde sie vor Schmerz schreien, und schwarze Rauchschwaden zogen träge in den Himmel, kündeten von Zerstörung und Tod.


Und mitten darin stand sie.


Leyla.


Regungslos, wie eine dunkle Königin, die über ihr verwüstetes Reich blickte. Sie wirkte nicht erschöpft, nicht erschüttert – es war, als wäre sie die einzige Konstante in dieser stürmischen, kollabierenden Welt. Der blonde Mann, ihr Gegner, war verschwunden. Ob er lebte oder tot war, spielte für Jamall keine Rolle mehr. Das Einzige, was er sah, war die Frau, die diese Katastrophe verursacht hatte.


Er spürte, wie sein Magen sich zusammenzog. Nicht vor Wut. Nicht vor Angst.


Vor Abscheu.


„Was für ein Monster…“ murmelte er, mehr zu sich selbst als zu jemand anderem. Seine Stimme wurde vom Wind fortgetragen, kaum hörbar, doch das Gefühl hinter den Worten wog schwerer als jede seiner Gedanken.


Lange Zeit hatte er nicht geglaubt, dass jemand wie sie existieren konnte. Eine Frau, die dem Tod entging, indem sie ihn auf andere übertrug. Eine Frau, deren bloße Existenz ein Fluch für jene war, die ihr nahe standen. Er hatte sie für eine gewöhnliche Kriegerin mit einer verfluchten Fähigkeit gehalten. Doch jetzt, da er es mit eigenen Augen sah, wusste er, dass es ganz anders war.


Leyla war kein normaler Mensch.


Sie war eine Bedrohung.


Es gab nur wenige Wesen auf dieser Welt, die diesen Titel verdienten. Kreaturen, denen man sich als normaler Mensch, wie Jamall es einer war, nicht stellen durfte, egal wie entschlossen oder stark man war.


Yang. Die unangefochtene Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Eine Legende, die im Großen Krieg Armeen allein durch ihre Hand auslöschte. An der Seite des Kaisers war sie eine unumgängliche Macht, die jeden Gedanken an Rebellion durch ihre pure Existenz im Keim erstickte.


Ziaho Tah, der Weise von Heim. Ein Mann, von dem gesagt wurde, er besäße das gesamte Wissen der Welt. Ein Gelehrter, der alle Magieformen beherrschte und mehr Geheimnisse über das Universum kannte als jede andere sterbliche Seele. Der Mann, den Jamall treffen wollte.


Und dann war da Leyla. Auch wenn Leyla nicht annähernd an Yang oder Ziaho Tah heranreichte. Auch wenn Leyla aus der Sicht der beiden näher an seiner eigenen Stärke war, so war sie trotzdem für Jamall unerreichbar.


Bis zu diesem Vorfall hatte er geglaubt, dass ein cleverer Plan oder eine kluge Strategie ausreichen würde, um sie zu bezwingen. Doch das hier – das, was sie getan hatte – war jenseits von allem, was er mit einem starken Willen bezwingen konnte. Sie war ein wandelndes Desaster, eine Naturgewalt in Menschengestalt. Und Jamall wusste, dass er sich einem Taifun nicht mit einem Dolch entgegenstellen konnte.


Nein. Wenn er eine Chance gegen sie haben wollte, brauchte er die Waffe, die er sein ganzes Leben schon suchte.


Das Schwert der fünf Monde.


Ein Relikt, von dem nur wenige wussten. Eine Klinge, von der es hieß, sie könne selbst Götter töten. Es war keine bloße Waffe, sondern ein Urteil. Das einzige Instrument, mit dem er ein Monster wie sie auslöschen konnte.


Seine Faust ballte sich, während sein Blick noch einmal über die brennenden Trümmer glitt.


Er hatte keine Zeit zu verlieren.


Mit einem letzten, entschlossenen Atemzug wandte er sich ab, brannte das Bild von Leyla in seinen Geist ein. Sie war eine Gefahr, die nicht länger existieren durfte. Und er würde derjenige sein, der sie auslöschte.


Koste es, was es wolle.



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Leylas Blick war auf den Abgrund gerichtet, auf das dunkle, trübe Hafenwasser, das sich mittlerweile nur noch träge in den klaffenden Spalt ergoss. Ihre Augen durchsuchten das Chaos, bis sie ihn fand – oder besser gesagt, das, was von ihm übrig war. Leonhardt. Sein lebloser Leib lag zwischen zerbrochenen Balken und Felsbrocken, sein einst imposanter Körper nun ein bloßes Wrack. Das Wasser hatte ihn verschlungen, ihn zerschmettert, ihn gebrochen.


Ein Beben lief durch ihren Körper, doch es war nicht mehr die rohe Kraft des Runensteins, die in ihr tobte. Es war Schwäche. Die Erschöpfung, die bisher durch Adrenalin und Wut verborgen gewesen war, übermannte sie nun mit voller Wucht. Ihre Beine gaben nach, und sie sank mit ihren Knien auf den zerstörten Boden, der noch immer warm vom Blut der Toten war.


Das Beben verstummte. Die wilde Aura, die sie eben noch umgeben hatte wie ein brennender Mantel, löste sich auf, verblasste zu einem fernen Echo. Und mit ihr verließ sie die Kraft, die sie auf den Beinen gehalten hatte.


Dann traf sie der Schmerz.


Ein allumfassender, zerreißender Schmerz, der sie beinahe zum Schreien brachte. Er schlug auf sie ein wie eine Welle aus Feuer und Eisen, ließ sie keuchen und erzittern. Ihr rechter Arm hing schlaff, vollkommen nutzlos an ihrer Seite, ihre Haut war übersät mit blutenden Wunden, Schwellungen und Schnitten. Jeder Atemzug war eine Qual. Ihr Körper fühlte sich an wie ein leeres Gefäß, ausgebrannt und kraftlos.


Der vierte Hafen – ein Ort, der vor wenigen Stunden von Händlern, Fischern und Reisenden bevölkert war, ein Ort voller Leben und Geschichten – war nur noch eine Ruine. Die Straßen, die von Marktschreiern und Kindern gefüllt gewesen waren, lagen in Trümmern. Häuser, die Generationen überdauert hatten, waren nur noch Schutthaufen. Die Schiffe, die an den Docks gelegen hatten, waren zerborsten, zerfetzt wie Blätter im Sturm.


Und dann waren da die Leichen.


So viele Leichen.


Das rote Blut vermischte sich mit dem Blau des Meeres, zog lange, unheilvolle Schleier über das Wasser. Der Geruch von Tod und Salzwasser lag schwer in der Luft, ein süßlich-metallischer Gestank, der sich in ihren Sinnen festsetzte. Sie wusste nicht, wie viele Menschen hier gestorben waren – Hunderte, vielleicht Tausende. Ihre Finger bebten, als sie sie betrachtete, als könnte sie das Blut darauf sehen, obwohl es nicht direkt an ihren Händen klebte.


Ein Krieg tobte in ihr.


Auf der einen Seite war da ihre menschliche Seite. Die Seite, die all das bereute. Die Seite, die um Vergebung flehen wollte, die am liebsten die Zeit zurückdrehen würde, um ihre Taten zu verhindern. Diese Seite von ihr wollte zusammenbrechen, wollte schreien, weinen, wollte das alles ungeschehen machen.


Doch dann war da noch etwas anderes. Etwas, das in ihr lachte.


Etwas, das sich stark fühlte, das keine Angst kannte. Eine Seite, die sich nicht darum scherte, wie viele Unschuldige unter den Trümmern begraben lagen. Eine Seite, die wusste, dass sie überlebt hatte – und dass dies das Einzige war, was zählte. Diese Seite liebte den Kampf. Sie genoss es, ihre Feinde unter sich zu begraben. Sie fühlte keine Schuld, keine Reue – nur Macht.


„Nein“, flüsterte Leyla, ihre Stimme brüchig. Ihre linke Hand fuhr zu ihrem Gesicht, als könnte sie die Dunkelheit damit fortwischen, als könnte sie verhindern, dass diese fremde, bedrohliche Macht sie verschlingt. „Das bin nicht ich… Das ist der Stein…“


Aber war es wirklich nur der Stein?


Filia.


Der Name hallte in ihrem Kopf, brachte die Erinnerung an jenen einen Tag zurück, an das, was sie damals gefühlt hatte – oder vielmehr, was sie nicht gefühlt hatte. Filia war eine der wichtigsten Personen für Leyla gewesen. Sie hatte erwartet, dass ihr Tod sie in Stücke riss, dass der Schmerz sie zerbrach. Doch stattdessen war es anders gewesen. Trauer, ja. Aber keine Verzweiflung. Keine unerträgliche Qual.


Als hätte etwas in ihr beschlossen, den Schmerz einfach auszulöschen.


Leyla hatte keine Angst vor ihren Feinden. Nicht vor Männern wie Leonhardt, nicht vor Magiern, nicht vor Kaisern. Seit heute hatte sie diese Angst nicht länger. Aber sie fürchtete sich vor dem, was sie werden könnte. Sie fürchtete sich davor, eines Tages zurückzublicken und zu erkennen, dass sie nicht mehr Leyla war, sondern nur noch ein Schatten, eine leere Hülle, die nur noch ein einziges Ziel kannte: Macht.


Sie versuchte aufzustehen. Ihr Körper versagte.


Mit einem dumpfen Laut brach sie wieder zusammen, ihr Blut vermischte sich mit dem Staub unter ihr. Ein scharfer Schmerz zuckte durch ihren Brustkorb, als ob ihre Lungen selbst sie im Stich lassen wollten. Sie keuchte, ihr Atem kam in flachen, rauen Zügen. Sie wollte ihre Magie nutzen, wollte sich aufrichten, doch da war nichts. Keine Kraft. Keine Stimme, die auf ihr Flehen antwortete.


Der Runenstein schwieg. 


„Was… soll ich nur tun…“ flüsterte sie. Die Worte entglitten ihr, kaum hörbar, fast so, als wollte sie sie nicht aussprechen.


Und dann ertönte eine Stimme, ruhig, fast beiläufig.


[???] ,,Das ist gar nicht gut Leyla, du siehst echt schlecht aus.’’



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Leyla kannte diese Stimme. Sie war nicht laut, nicht fordernd, sondern ruhig, fast gelassen – als hätte ihr Besitzer nicht die geringste Sorge um die Welt. Doch warum kam sie ihr so vertraut vor? Ihr Kopf war ein einziges Durcheinander, zu sehr von Schmerzen, Erschöpfung und den Bildern der Verwüstung gefüllt, um einen klaren Gedanken zu fassen.


[???] „Ein Glück, dass wir uns hier begegnen. Ich bringe uns mal an einen ruhigeren Ort.“


Sie wollte protestieren, wollte fragen, wollte fordern, dass man ihr sagte, wer hier sprach – aber ihre Stimme versagte. Ihre Kehle fühlte sich rau und ausgedörrt an, und ihr Körper gehorchte ihr nicht mehr. Kein einziges Wort kam über ihre Lippen.


Dann – völlige Stille.


Die Trümmer, der salzige Gestank des Meeres, das Echo der einstürzenden Gebäude – alles war verschwunden. Es war, als wäre die Welt um sie herum mit einem einzigen Atemzug ausgelöscht worden.


Als Leyla wieder klar sehen konnte, lag sie nicht mehr auf den kalten, blutverschmierten Steinen des Hafens, sondern auf glatten, stabilen Holzbrettern. Die Luft roch nach warmem Wachs und einem Hauch von frischer Seife – ein merkwürdiger Kontrast zu dem Chaos, in dem sie gerade noch gelegen hatte.


Dann spürte sie, wie sich eine sanfte Hand auf ihren Rücken legte.


Eine sanfte, fast beruhigende Wärme breitete sich in ihrem Körper aus. Zuerst spürte sie, wie die Wunden an ihren Armen verschwanden, dann, wie die Prellungen nachließen. Selbst ihr zerstörter rechter Arm, der nur noch ein nutzloses Stück Fleisch gewesen war, kehrte in seinen ursprünglichen Zustand zurück. Es war, als würden die Spuren des Kampfes einfach ausradiert werden.


Doch ihr Herz schlug unruhig. Der Schmerz in ihrem Körper mochte verschwunden sein, aber der in ihrem Geist? Der blieb. Die Erinnerungen an die Schreie, an das unkontrollierte Beben der Erde, an die Toten, die in den Trümmern lagen – das alles ließ sich nicht so einfach heilen.


Unter Anstrengung setzte sie sich auf und drehte sich um. Und dann stockte ihr der Atem.


Vor ihr stand jemand, den sie fast vergessen hatte – jemand, der aus einem längst vergangenen Moment ihrer Reise zurückgekehrt war. Weiße Haare, ein sanftes, wissendes Lächeln, und Augen, die so viel mehr zu verstehen schienen, als sie je aussprechen würden.


,,Finn!’’


Ohne nachzudenken, ohne zu überlegen, fiel sie ihm um den Hals. Die pure Erleichterung, ein vertrautes Gesicht zu sehen, übermannte sie. Sie hatte ihn nur einmal getroffen, damals in Malyl, in einer Nacht, die längst verblasst war. Er hatte sich mit ihr unterhalten und war dann wieder verschwunden, ohne eine Spur zu hinterlassen.


Nun stand er wieder hier.


,,Ich sehe schon, es ist viel passiert, seit wir uns das erste Mal gesehen haben.’’ Finns Stimme war beruhigend, tröstend.


Leyla löste sich langsam aus der Umarmung und sah sich zum ersten Mal richtig um. Das Zimmer war schlicht, wahrscheinlich eine Taverne. Ein Bett, ein Tisch, einige Kerzen, deren sanftes Licht den Raum in warmen Glanz tauchte. Es war einfach – aber sicher.


„Du bist stärker geworden“, bemerkte Finn und musterte sie mit leicht geneigtem Kopf. „Und das meine ich nicht nur im Hinblick auf deine Kräfte. Dein Selbstbewusstsein hat sich verändert.“


Leyla nickte langsam, während sie sich wieder fasste. „Ja… das stimmt wohl.“ Sie wusste nicht, warum sie so schüchtern klang. „Danke für die Heilung…“


Doch während ihre Erschöpfung langsam nachließ, schlich sich ein anderer Gedanke in ihren Kopf. Sie wusste eigentlich nichts über Finn. Wer war er wirklich? Damals in Malyl war er einfach da gewesen und plötzlich wieder verschwunden. Jetzt hatte er sie hierhergebracht, als wäre es nichts. Wie?


„Finn… wer bist du eigentlich?“ Ihre Stimme war ruhig, aber in ihr lag ein neues Selbstbewusstsein.


Finn lehnte sich zurück, sein Blick blieb freundlich – aber sie sah, dass er nachdachte. „Ich bin ich.“


Leyla hob eine Augenbraue. „Das ist nicht wirklich eine Antwort.“


Ein leichtes Lächeln spielte um Finns Lippen. „Es ist momentan die einzige, die ich dir geben kann.“


Leyla seufzte. Natürlich.


„Aber ich kann dir versprechen, dass ich auf deiner Seite stehe.“ Finns Stimme war sanft, aber bestimmt. „Ich werde dir nicht schaden.“


Leyla spürte, dass er die Wahrheit sagte. Finn log nicht. Er verschwieg Dinge, aber sie anlügen? Das tat er nicht.


„Und was möchtest du, dass ich jetzt tue?“ fragte sie. Sie hatte irgendwie das Gefühl, als würde er etwas von ihr erwarten.


Finn schüttelte langsam den Kopf. „Das kann ich dir nicht sagen.“


Leylas Stirn legte sich in Falten. „Warum nicht?“


„Weil du deinen eigenen Weg gehen musst.“


Etwas an seinen Worten störte sie. Es war nicht das, was er sagte – es war, wie er es sagte. Als wüsste er bereits, welchen Weg sie nehmen würde. Als hätte er längst gesehen, was sie selbst noch nicht einmal erahnte.


Ein Verdacht schlich sich in ihr Herz.


,,Und was wenn ich sterben sollte?’’ Sie fragte ihn nicht, weil sie Angst vor so einer Zukunft hatte. Sie war sich ziemlich sicher, dass sie nicht sterben würde. Nein – sie wollte sehen, wie er reagieren würde.



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Finn setzte sich aufrecht hin, sein Blick fixierte Leyla mit einer Intensität, die ihr eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Es war, als würde er durch ihre Haut hindurchsehen, als könnte er direkt in ihre Seele blicken und jedes Geheimnis, jeden Zweifel, jede verborgene Angst offenlegen.


„Wenn du sterben würdest…“ begann er langsam, seine Stimme war sanft, aber seine Worte trugen ein Gewicht, das Leyla nicht ignorieren konnte. „Dann würde unsere Welt ein bisschen dunkler werden.“


Da war sie wieder – diese tiefe, melancholische Sehnsucht, die sie schon damals in Malyl aus seiner Stimme herausgehört hatte. Eine Traurigkeit, die nicht einfach nur ein Gefühl war, sondern etwas, das tief in ihm verwurzelt war. Es schien, als hätte Finn bereits unzählige Verluste erlebt, als würde er bereits wissen, wie es sich anfühlte, wenn etwas Unersetzbares verloren ging.


Leyla spürte, wie ihr Brustkorb sich eng zusammenzog. Wenn Finn tatsächlich wusste, was in der Zukunft lag, warum sprach er dann so? Sie konnte doch nicht sterben. Oder etwa doch? War ihre Theorie falsch? Gab es ein Limit, eine festgelegte Anzahl an „Kerzen“, die erlöschen konnten, bevor es wirklich ihr eigenes Leben kostete? Oder war es etwas anderes, etwas, das sie bisher übersehen hatte?


Die Fragen schossen ihr durch den Kopf, wirbelten durcheinander wie ein Sturm – doch sie wagte es nicht, auch nur eine von ihnen auszusprechen.


Finn schüttelte sanft den Kopf, als könnte er ihre Gedanken lesen. „Lass uns nicht über solch schreckliche Dinge sprechen.“ Seine Stimme nahm einen leichteren Ton an, als wollte er die düstere Stimmung vertreiben. „Ich habe dich hierhergebracht, um dir zu helfen.“


Leyla zwang sich, sich wieder zu konzentrieren. „Wo genau sind wir?“ fragte sie, während ihr Blick erneut durch den Raum wanderte. Die schlichte Einrichtung, das warme Kerzenlicht, der Geruch von frischem Holz – es war beruhigend, ein völliger Kontrast zu dem Chaos, das sie hinter sich gelassen hatte.


Finn lächelte leicht. „In Welldyl. Dem unzerstörten Teil.“


Seine Worte ließen ihr Herz kurz stocken. Der unzerstörte Teil. Das bedeutete, dass der Rest... Ihr Magen zog sich abermals zusammen, als der Gedanke an die Ruinen des Hafens in ihr aufstieg. An die Menschen, die sie mit ihrer unkontrollierten Kraft unter sich begraben hatte. An all das Blut, das nun an ihren Händen klebte.


Doch sie schob die Schuldgefühle beiseite – sie musste sich auf das Hier und Jetzt konzentrieren.


Finn musterte sie kurz, als wolle er prüfen, ob sie ihm noch zuhörte. Dann sagte er mit einem geheimnisvollen Unterton: „Ich weiß, dass du nach etwas Bestimmtem suchst. Ich darf es nicht direkt benennen, aber vielleicht… kann ich dir eine Geschichte erzählen.“


Leyla hob den Kopf. War das ein Hinweis? Sprach er über die Runensteine? Wie viel wusste er? Und woher?


„Nun, weißt du, welche die größte Stadt auf den Tabakinseln ist?“ fragte Finn, als wäre es ein Rätsel.


Leyla runzelte die Stirn. „Tripolis?“


Finn schüttelte den Kopf, sein Lächeln wurde etwas breiter. „Nein. Tripolis ist die bekannteste Stadt, aber nicht die größte. Die eigentliche Metropole liegt nicht an Land – sondern am Meeresgrund.“


Leylas Augen verengten sich misstrauisch. „Eine Stadt unter Wasser?“ Davon hatte sie noch nie etwas gehört.


„Ja.“ Finn nickte. „Ihr Name ist Mylrie. Die Stadt der Meriden. Sie liegt tief unter dem Ozean, in einer Region, die von Meeresmonstern heimgesucht werden sollte, aber sie wird es nicht. Weißt du warum?“


Leyla verschränkte die Arme. „Lass mich raten: Sie haben eine gute Verteidigung?“


„Nicht ganz.“ Finns Stimme nahm einen bedeutungsschwangeren Ton an. „Ihr Schutz kommt nicht aus ihren Waffen, sondern aus dem, was tief im königlichen Palast verborgen liegt. Etwas, das sie sicher hält. Etwas, das dem, was du bereits besitzt, sehr ähnlich ist.“


Leyla spürte, wie ihr Herz einen Moment aussetzte. Ihre Finger verkrampften sich in ihrem Schoß, während ihr Geist rasend schnell arbeitete. War das wahr?


Seit sie von den Runensteinen erfahren hatte, war sie in einer Sackgasse gewesen. Sie konnte niemanden fragen, wo sich die anderen befanden, und jetzt – jetzt hatte sie endlich eine Richtung. Ein Ziel.


Sie öffnete den Mund, um weiterzufragen, doch Finn stand plötzlich auf.


„Unsere Zeit ist vorbei.“


Seine Bewegung war so unerwartet, dass sie zusammenzuckte.


„Warte!“ Leyla streckte die Hand nach ihm aus, als könnte sie ihn damit aufhalten. „Wann sehen wir uns wieder?“


Doch Finn antwortete nicht. Stattdessen schenkte er ihr nur dieses rätselhafte, wissende Lächeln – das Lächeln eines Mannes, der bereits wusste, was als Nächstes geschehen würde.


Und dann, genau wie in Malyl, verschwand er.


Leyla blieb alleine zurück, die Hand noch immer in der Luft, als würde sie nach etwas greifen, das längst außer Reichweite war.


Für einen kurzen Moment hielt sie inne, bevor sie aufstand und zur Tür ging.


Sie hatte noch einen Auftrag zu erledigen.

 
 
 

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