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Kapitel 99 - Der Funken, der das Feuer entfacht

Kronprinz Sebastian Algavia stand auf dem höchsten Burgturm der Festung Vallyka, einem Monument aus einer vergangenen Ära. Die gewaltigen Steinmauern unter seinen Füßen hatten Generationen von Herrschern überdauert, Kriege miterlebt, Bündnisse besiegelt und Reiche fallen sehen. Jeder einzelne Stein schien die Geschichte eines ganzen Zeitalters in sich zu tragen, und die raue, kalte Luft, die unaufhörlich über die Zinnen strich, war erfüllt vom Flüstern vergessener Helden und blutiger Schlachten.


Er ließ seinen Blick über das Land schweifen, das sich vor ihm ausbreitete – sein Land. Durch seine Heirat mit Herzogin Joanna de Cale war er nicht nur zum Herzog von Vallyka aufgestiegen, sondern hatte sich auch eine mächtige Stellung im Prinzenspiel gesichert. Vallyka war mehr als ein Titel, mehr als eine Stadt oder eine strategisch gelegene Festung – es war sein Machtzentrum, das Fundament seines Aufstiegs, der Schlüssel zu seinem ehrgeizigen Ziel. Dem Ziel, Kaiser zu werden.


Durch diese politische Verbindung hatte er sich mit einem einzigen, geschickten Schachzug auf den zweiten Platz katapultiert. Ein halbes Jahr noch – dann würde ein weiterer der Kronprinzen eliminiert werden. Doch wer es sein würde, stand noch nicht fest.


Sein Vorteil war momentan komfortabel. Sein Name stand auf jeder Liste unter den Favoriten. Sein Einfluss wuchs mit jedem Tag, seine Macht war stabil. Doch er wusste, dass Stabilität allein nicht ausreichte. Macht musste ausgeweitet werden, oder sie begann zu verblassen. Das Prinzenspiel war kein Wettlauf, sondern ein Krieg – ein brutaler Wettstreit, in dem am Ende nur ein einziger Sieger hervorgehen konnte.


Er stützte sich auf die kühle Steinbrüstung und betrachtete das Land, das ihn umgab. Der Tiefenwald, eine gewaltige, größtenteils unerforschte Wildnis, erstreckte sich nördlich der Stadt. Ein endloses Meer aus Bäumen, das sich über tausende Kilometer zog, bis es in die Eiswälder und das Herzogtum Randurin überging.


Wenn er es richtig anstellte, würde er bald schon in der Lage sein, an die Spitze des Prinzenspiels zu ziehen. Doch was war der richtige Schritt?


Kleinere Aufgaben wie das Erlegen von Bestien oder das Entdecken neuer Pfade würden ihm zwar Punkte im Prinzenspiel einbringen, doch sie waren unbedeutend im Vergleich zu dem, was er brauchte.


Er wollte Hypos überholen. Hypos, der Fünftgeborene. Hypos, der Wahnsinnige. Ein Mann, den niemand unterschätzte. Klug, unberechenbar, skrupellos – ein Monster. Wenn Sebastian ihn schlagen wollte, musste er größer denken.


Sebastian seufzte leise und verschränkte die Arme hinter seinem Rücken. Sein Verstand raste. Immer wieder kehrten die gleichen Fragen zurück, formten sich zu unterschiedlichsten Möglichkeiten, wurden dann wieder verworfen. Was konnte er tun? Wo lag die Gelegenheit, die ihm fehlte?


Die Welt wirkte in diesem Moment träge, als würde sie sich dem natürlichen Lauf der Zeit verweigern. Als würde sie seinen Ehrgeiz, seine Dringlichkeit ignorieren. Doch er wusste, dass das nicht ewig so bleiben würde.


Geduld war eine Tugend. Eine, die er noch nie besessen hatte. 


Er war kein Mann, der wartete. Er war ein Mann, der handelte. Einer, der seine Zukunft mit seinen eigenen Händen formte, anstatt darauf zu hoffen, dass sie ihm gewogen war. Und doch… in diesem Moment blieb ihm nichts anderes übrig.


Die Gelegenheit würde kommen. Davon war er überzeugt.


Und wenn sie kam – würde er bereit sein.


Er warf einen letzten Blick auf den Tiefenwald, der in der beginnenden Dämmerung lag wie ein schlafendes Biest. Dann wandte er sich ab und stieg die Wendeltreppe hinab.



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[???] „Boss, ich habe alle versammelt. Genau wie du es wolltest.“


Liam hob den Blick von dem Tisch, an dem er gerade noch zu Abend gesessen hatte, und sah zu Ralf, dem großgewachsenen Mann, dem er mehr zu verdanken hatte, als er jemals in Worte fassen konnte. Nicht nur ihm. Auch Theol.


Ohne die beiden wäre er nie so weit gekommen. Nein, er hätte schon lange aufgegeben und sich im Alkohol verloren.


Es war ihr unerschütterlicher Glaube an ihn gewesen, der ihn aus der Dunkelheit gezerrt hatte. Sie hatten ihn aus dem Abgrund gezogen, in dem er fast versunken wäre, hatten ihn vorwärts getrieben, als er selbst nicht mehr wusste, ob er weitergehen sollte.


Dank ihnen stand er hier – mit einer Verantwortung, die schwer auf seinen Schultern lastete.


„Sehr gut“, sagte Liam mit fester Stimme, die nicht erkennen ließ, dass seine Gedanken noch immer um das, was vor ihm lag, kreisten. „Ich komme gleich.“


Ralf nickte knapp, dann verließ er das Zelt und ließ Liam allein zurück. Allein mit dem Auftrag, den man ihm übertragen hatte. Allein mit Zweifeln, die er nicht zulassen durfte.


Prinzessin Nara, Anführerin des Schwarzen Sterns, hatte ihm die Eroberung der Festungsstadt Randurin aufgetragen.


Liam hätte nie gedacht, dass er eines Tages als Heerführer dienen würde. Wobei „Heer“ ein großzügiger Begriff war.


Er hatte ein Dutzend Männer und Frauen unter seinem Kommando.


Zwölf.


Doch wenn ihr Plan funktionierte, würde das ausreichen. Sie würden nicht frontal angreifen – sie würden zuschlagen, bevor jemand wusste, dass sie überhaupt da waren.


Sein Blick fiel auf den Sack Gold, der neben ihm auf dem groben Holztisch lag. Die glänzenden Münzen waren weder für ihn bestimmt, noch für den bevorstehenden Kampf. Sie hatten einen anderen Zweck.


Aber das Gold konnte warten. Zuerst musste er zu seinen Leuten sprechen.


Liam atmete tief durch, straffte die Schultern und trat aus dem Zelt hinaus.



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Liam stand vor den zwölf Männern und Frauen, auf die er sein Leben setzen musste – zwölf Kämpfer, so unterschiedlich wie Tag und Nacht, vereint durch nichts als ein gemeinsames Ziel: die Eroberung einer Festungsstadt. In ihren Gesichtern lag eine Mischung aus Erwartung, Zweifel und Entschlossenheit. Manche sahen ihn mit unverhohlener Neugier an, andere mit stillem Misstrauen. Sie alle kannten das Risiko. Sie alle wussten, dass sie nur eine einzige Chance hatten.


Sein Blick glitt über die Gruppe, während er in Gedanken jeden Einzelnen bewertete. Er kannte ihre Stärken. Er wusste, dass jeder von ihnen eine Schlüsselrolle in seinem Plan spielte.


An vorderster Front standen der Vishap Theol und Ralf, zwei Männer, die wohl physisch die Schwächsten in der Gruppe waren – doch Liam vertraute ihnen beiden – und in dieser Welt war Vertrauen mehr wert als Gold.


Dann waren da die Ogerbrüder, Kroll und Gnosch. Zwei riesenhafte Kämpfer, die er in Schneeburg rekrutiert hatte. Ihre Intelligenz, vor allem die von Gnosch, ließ zu wünschen übrig – aber ihr Instinkt für Kampf und Zerstörung machte das mehr als wett. Sie verstanden kein komplexes Taktikgeschwätz, aber wenn es darum ging, Dinge zu zerschlagen, waren sie unerreicht. Sie waren die geballte Faust des Trupps – und Liam würde sie genau so einsetzen.


Ein weiterer Vishap war ebenfalls unter ihnen, Nidhogg, doch er war das genaue Gegenteil von Theol. Wo Theol Vorsicht einsetzte, war Nidhogg von brennendem Fanatismus getrieben. Ein Jünger des Erzdämonen Kaen, bereit, sich selbst in Flammen zu setzen, wenn es dem „großen Plan“ diente. Liam verabscheute Männer wie ihn – Männer, die nicht für sich selbst dachten, sondern sich von Ideen und imaginären Göttern treiben ließen. Doch er konnte es sich nicht leisten, ihn abzulehnen. Sein zerstörerisches Potenzial war eine Waffe – eine, die er klug einsetzen musste.


Jakira, die Schattenläuferin, war eine andere Geschichte. Eine professionelle Assassine, deren Hände mehr Leben genommen hatten, als sie zählen konnte. Sie war tödlich, präzise und schweigsam. Nach dem Tod war letzten Auftraggebers hatte sie ziellos durch den Norden gewandert, bis Liam sie gefunden hatte. Jetzt würde sie ihm dienen – und ihre Klingen würden über das Schicksal wichtiger Männer entscheiden.


Eine der neuesten Rekrutierungen war Locart, ein unscheinbarer Mann mit einem Hass auf das Kaiserreich, der beinahe greifbar war. Liam wusste nicht, woher dieser Hass kam, aber er war stark genug, um ihn anzutreiben. Ein Mann, der brannte, konnte Berge versetzen. Und Liam würde diesen Hass in die richtige Richtung lenken.


Doch die gefährlichste Waffe in seinem Arsenal war eine andere: Claurian, eine Divs. Die M Say, das Volk zu dem die Divs gehörten, waren für ihre Fähigkeit bekannt, sich anzupassen und weiterzuentwickeln. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sie einen kaiserlichen Spähtrupp von sechzig Mann ausgelöscht hatte, ohne einen Kratzer davonzutragen. Liam verstand ihre Kräfte nicht annähernd, aber er wusste eines: Sie war unersetzlich, und wenn sie auf ihrer Seite kämpfte, war der Sieg greifbar.


Die Gruppe wurde abgerundet durch vier Halbriesen. Liam hatte sich ihre Namen nicht gemerkt – nicht, weil sie unwichtig waren, sondern weil sie ihre Namen nicht brauchten. Sie waren Bollwerke, Mauern aus Fleisch und Knochen, die sich dem Feind entgegenstellen würden, wenn es so weit war. Sie kämpften nicht für Ruhm, nicht für Gold, sondern für den simplen Nervenkitzel des Krieges. Und genau diesen Nervenkitzel würde er ihnen geben.


Liam räusperte sich und trat einen Schritt nach vorn. Die zwölf Augenpaare richteten sich auf ihn. 


Wartend. Beobachtend. Einschätzend.


Sie alle wollten etwas hören. Worte, die sie überzeugten, Worte, die ihnen einen Grund gaben, diesem Mann zu folgen, der nichts weiter war als ein gefallener Krieger, der sich wieder aufgerappelt hatte.



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Liam ließ seinen Blick über die versammelten Kämpfer gleiten, während er sich innerlich sammelte. Die zwölf Gestalten, die vor ihm standen, waren mehr als nur seine Verbündeten – sie waren der Funke, der die Welt, wie sie sie kannten, in Brand setzen würde. Die Eroberung von Randurin war nicht nur ein Angriff auf eine Festungsstadt. Es war eine Kriegserklärung. Eine Erklärung, dass das Kaiserreich nicht mehr unangefochten herrschen konnte.


Er atmete tief durch, dann erhob er seine Stimme – fest, unerschütterlich.


„Ihr alle kennt den Plan. Die Einnahme der Festungsstadt Randurin. Ein Akt, der uns endgültig zu Feinden des Kaiserreichs machen wird.“


Sein Blick wanderte von Gesicht zu Gesicht. Einige waren entschlossen, andere zögerten, ein Hauch von Unsicherheit schlich sich in ihre Mienen. Das war verständlich. Sie waren keine Armee, sondern eine kleine Gruppe von Außenseitern. Und doch standen sie hier, weil sie an eine gemeinsame Sache glaubten – oder weil sie nichts mehr zu verlieren hatten.


„Ich weiß, wie das klingt“, fuhr Liam fort, seine Stimme ruhiger, eindringlicher. „Doch glaubt mir, solange wir uns an den Plan halten, wird niemand von uns etwas zu befürchten haben. Randurin ist eine Stadt, die sich verteidigen lässt. Sobald sie in unseren Händen ist, wird das Kaiserreich Schwierigkeiten haben, uns wieder herauszuzwingen.“


Er machte eine kurze Pause, ließ die Worte sacken. Er musste ihre Zweifel zerschlagen, ihre Überzeugung schärfen.


„Jeder von euch ist aus einem Grund hier. Ich weiß es, weil ich es in euren Augen sehe. In euren Herzen brennt eine Flamme – eine, die nicht so einfach erlischt. Eine Flamme, die vom Kaiserreich selbst entzündet wurde.“


Er hörte ein leises Knirschen von irgendwo in der Gruppe. Jemand ballte die Fäuste. Gut.


„Seit Jahrhunderten werden eure Völker unterdrückt, von den Mächtigen ausgebeutet, während die Adligen ihre Festmähler feiern und reicher werden. Während sie lachen, sterben wir an Hunger, an Krankheiten, an Kriegen, die wir nie gewollt haben. Wie lange wird es dauern, bis sie euch wieder in einen Krieg schicken? Bis die nächste Hungersnot eure Familien auslöscht?“


Er machte einen Schritt nach vorne, seine Stimme wurde drängender.


„Wenn wir nichts tun, wird sich nichts ändern. Und wir alle wissen das.“


Er sah, wie einige von ihnen schluckten. Das war der Moment, in dem er sie gewinnen konnte – oder sie für immer verlor.


„Im ganzen Kaiserreich brennen Millionen von Flammen. Versteckt in den Herzen derer, die leiden. Sie warten nur darauf, entfacht zu werden. Und wir – wir werden diejenigen sein, die den Funken schlagen. Die Eroberung Randurins ist nicht unser Ziel. Sie ist der Anfang. Wir werden den Brand entfachen, der sich über das gesamte Reich ausbreiten wird.“


Er sah, wie Nidhogg bei dem Wort „Brand“ zu grinsen begann, seine Augen vor Verlangen funkelten. Liam ignorierte es.


„Wir werden die alte Ordnung zerschlagen. Und aus ihren Trümmern werden wir eine neue Gesellschaft errichten. Eine Gesellschaft der Gerechtigkeit. Eine Gesellschaft, in der niemand mehr hungert, in der nicht die Geburt über das Schicksal entscheidet.“


Seine Stimme hallte durch die kalte Nacht. Kein Zittern, kein Zweifel. Nur reine Überzeugung.


Dann richtete er sich auf, sein Blick suchte Theol und Ralf.


„Jeder von euch hat eine Rolle zu spielen. Jeder ist unverzichtbar. Wir alle sind Teil von etwas Größerem. Also frage ich euch – seid ihr bereit?“


Einen Herzschlag lang war alles still.


Dann – ein donnerndes Jubeln.


Liam sah, wie die Unsicherheit aus ihren Gesichtern verschwand, ersetzt durch Entschlossenheit. Sie hatten ihre Antwort gegeben. Und jetzt gab es kein Zurück mehr.


Er lächelte leicht und bedeutete Theol mit einer knappen Geste, ihm ins Zelt zu folgen. Die eigentliche Arbeit hatte gerade erst begonnen.



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Liam ließ sich mit einem leisen Seufzen auf den Holzstuhl sinken, der vor dem massiven Tisch stand. Das Zelt war schlicht eingerichtet – raues Holz, grob gezimmerte Regale, ein einzelnes Kerzenlicht, das sanft flackerte. Doch gerade diese Einfachheit gab ihm eine Ruhe, die er nach der aufreibenden Rede dringend brauchte.


Gegenüber blieb Theol stehen, seine schlanke, reptilienhafte Gestalt wirkte in dem gedämpften Licht noch imposanter. Seine schwarzen Schuppen reflektierten das Kerzenlicht, während seine Augen, tief und durchdringend, voller Bewunderung funkelten. Er neigte leicht den Kopf, seine Stimme fest, als er sprach.


„Boss, das war eine verdammt gute Rede.“


Liams Mundwinkel zuckten leicht. Theol war ein Mann, der nur sprach, wenn er es ernst meinte.


„Ich muss zugeben, ich hatte befürchtet, dass wir dich in der Kaiserstadt verloren haben. Aber heute…“ Theol hielt kurz inne, als würde er nach den richtigen Worten suchen. „Heute hast du bewiesen, dass du immer noch derselbe Liam bist, dem ich damals gefolgt bin.“


Liam nickte langsam. Er schätzte Theols Loyalität – nicht nur, weil er ein verlässlicher Verbündeter war, sondern weil er ihm nicht blind folgte. Theol war intelligent, er stellte Dinge infrage, widersprach ihm, und doch war er immer da geblieben. Das allein bedeutete mehr, als Worte es ausdrücken konnten. 


Mit einer geschmeidigen Bewegung griff Liam nach dem schweren Ledersack, der auf dem Tisch lag. Das Klirren von Gold erfüllte den Raum, als er den Beutel anhob, ein metallisches Echo, das eine unausgesprochene Bedeutung trug. Er hielt ihn für einen Moment fest, dann schob er ihn über den Tisch zu Theol.


„Das hier ist für dich.“ Liams Stimme war ruhig, aber voller Gewicht. „Du hast eine Aufgabe, die für mich unglaublich wichtig ist.“


Theol runzelte die Stirn, sein Blick wanderte zwischen Liam und dem Sack hin und her. Seine Pupillen verengten sich leicht – ein Zeichen seiner Verwirrung. 


„Und was genau ist meine Aufgabe?“ fragte er schließlich, seine Stimme misstrauisch.


Liam lehnte sich in seinem Stuhl zurück, verschränkte die Arme und hielt Theol in seinem Blick gefangen.


„Die Hälfte des Goldes bringst du nach Erzofen, zu der Familie Stahl.“ Seine Worte waren ruhig, aber in ihnen lag eine unausweichliche Endgültigkeit. „Fer, erinnerst du dich? Er ist nur Abenteurer geworden, um seine Familie zu versorgen. Er hat sein Leben im Kampf gegeben – es liegt an uns, dafür zu sorgen, dass seine Familie überlebt.“


Fer war für Liam mehr als nur ein Kamerad gewesen – er war ein Freund, ein Mann mit Ehre. Dass sein Tod nicht umsonst sein durfte, war nicht nur ein Wunsch, es war eine Pflicht.


Theol sah Liam weiterhin an, und eine Frage lag noch immer unausgesprochen zwischen ihnen.


,,Und die andere Hälfte?’’ fragte er schließlich.


Liams Miene wurde ernster, seine Finger trommelten langsam auf die Tischkante. Dann atmete er tief durch, bevor er sprach.


„Damit baust du ein Waisenhaus nördlich von Inhantes.“


Theols Augen weiteten sich leicht. Er hatte vieles erwartet – aber nicht das.


„Dort gibt es eine Ansammlung von Dörfern, voller Kinder, die keinen Schutz mehr haben.“ Liam sprach langsam, ließ jede Silbe in der Luft hängen, als würde er sie selbst erst prüfen müssen. „Ich will Roxys Traum wahr werden lassen. Auch wenn sie nicht mehr hier ist.“


Ein Moment der Stille folgte. Theol sagte nichts, doch Liam sah, wie sich seine Haltung veränderte. Theol kannte Roxy, kannte ihren Traum.


„Das werde ich tun, Boss.“ Seine Stimme war dieses Mal leise, fast andächtig. Doch in seinen Augen brannte eine Entschlossenheit, die keine Fragen mehr offen ließ. „Ich werde dafür sorgen, dass Roxys Traum zur Realität wird.“


Liam nickte, ein Hauch von Erleichterung in seinem Gesicht. „Ich wusste, dass ich mich auf dich verlassen kann, Theol. Danke.“



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Als Kronprinz Sebastian die Neuigkeiten vom kaiserlichen Kurier entgegennahm, konnte er ein triumphierendes Lächeln nicht unterdrücken. Endlich!


Der Bote hatte ihm eine versiegelte Botschaft vom Kaiserlichen Minister Selfmun Aragi überreicht – eine Nachricht, die von einer drohenden Revolte in Randurin sprach.


Genau darauf hatte er gewartet. Nicht Tage, nicht Wochen, sondern Monate. Ein Funke, der das Feuer entzünden würde, das er brauchte. Ein Anlass, um zu handeln, um seine Macht zu beweisen. Etwas, das ihn voranbringen würde im Prinzenspiel. Ein perfekter Moment, um sich als der fähigste, der würdigste der Kronprinzen zu erweisen.


Er konnte nicht zulassen, dass irgendjemand anderes sich diesen Ruhm holte.


Ohne Zögern eilte er zu den Stallungen, seine Schritte fest und entschlossen. Der stechende Geruch von Stroh und Leder erfüllte die Luft, als er eintrat. Ohne auf Hilfe zu warten, griff er nach dem Sattel seines Pferdes und legte ihn über den muskulösen Rücken von Ahorn, seinem prächtigen goldenen Schlachtross.


Das Tier wieherte leise, als ob es die aufkommende Spannung spürte, doch Sebastian zögerte nicht. Mit geübten Bewegungen sicherte er den Gurt und zog die Zügel straff. Er hatte keine Zeit zu verlieren.


,,Ihr verreist, Hoheit?’’ 


Die Stimme einer Wache ließ ihn kurz aufblicken. Der Mann stand am Eingang der Stallungen, seine Haltung respektvoll, doch in seinem Ton lag eine unüberhörbare Neugier.


„Ja, das tue ich.“ Sebastians Stimme war ruhig, aber bestimmt. „Meine Frau übernimmt für die Dauer meiner Abwesenheit die Angelegenheiten in Vallyka.“


Die Wache neigte tief das Haupt, ohne weitere Fragen zu stellen. Sebastian ließ ihn stehen und schwang sich auf Ahorns Rücken.


Dann trieb er sein Ross an. Er ritt los.


Allein, ohne Eskorte, ohne ein Heer. Nur mit seinem Schwert und seiner Magie, seinem Verstand und seinem unerschütterlichen Glauben an seinen Sieg.


Er würde diese Rebellen vernichten.


Er würde den Ruhm allein für sich beanspruchen.


Er konnte nicht verlieren.

 
 
 

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