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- Kapitel 10 - Ein kleines bisschen Geborgenheit
,,Meinst du wir werden in Ramir Arbeit finden?’’ Leyla blickte zu Liam hinauf, der sich bereits seit Stunden nicht mehr die Mühe machte, normal neben ihr herzulaufen. Stattdessen sprang er scheinbar mühelos von Ast zu Ast durch die Baumwipfel, als wäre der Wald sein natürlicher Lebensraum. Anfangs hatte sie dieses Verhalten noch unglaublich nervig gefunden. Mittlerweile hatte sie sogar sich daran gewöhnt. Das gelegentliche Rascheln über ihr gehörte inzwischen ebenso zur Reise wie das Knirschen ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Liam hielt auf einem dicken Ast inne und sah zu ihr herunter. Seine Jacke, die schon bei ihrem Kennenlernen zerrissen gewesen war, hatte er endgültig weggeworfen und trug seitdem nur noch ein dunkelgrünes Hemd. Zwischen den Blättern und wechselnden Schatten verschmolz er damit beinahe mit dem Wald um ihn herum. „Du vielleicht", antwortete er schulterzuckend. „Ich werde das Dorf nicht betreten. Ich warte draußen." Leyla verlangsamte ihren Schritt. „Warum kommst du nicht mit?" Für einen kurzen Moment war Liam ungewöhnlich still – kein Grinsen, kein schneller Kommentar, einfach nur Stille. Dann erschien wieder dieses leichte Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich meinte doch bereits, dass du lernen musst, alleine klarzukommen." Leyla verzog leicht das Gesicht. Eine Antwort lag ihr bereits auf der Zunge – doch schließlich ließ sie es bleiben. Diskussionen mit Liam führten ohnehin selten irgendwohin. Außerdem wurde zwischen den Bäumen inzwischen endlich Ramir sichtbar. Das kleine Dorf lag am Rand einer weiten Lichtung und wirkte im goldenen Licht des Morgens beinahe friedlich. Dünne Rauchfäden stiegen aus mehreren Schornsteinen auf, während vereinzelte Stimmen und das entfernte Bellen eines Hundes bis zu ihr herüberdrangen. Nach Tagen im Wald fühlte allein der Anblick von Zivilisation seltsam beruhigend an – wie ein Ankerpunkt in etwas Vertrautem, das sie fast schon vergessen hatte. Und im Moment war das alles, was zählte. -------------------------------------------------------------------------- Während Leyla den kleinen Dorfplatz von Ramir betrat, ließ sie ihren Blick aufmerksam über die Umgebung wandern. Das Dorf war deutlich kleiner als Migar. Viel kleiner. Vielleicht zwanzig Häuser, locker entlang einer einzigen Straße verteilt. Die meisten Gebäude wirkten alt, aber gepflegt – schiefe Holzzäune trennten kleine Vorgärten voneinander, aus mehreren Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Morgenluft auf, und irgendwo krähte ein Hahn. In der Mitte des Platzes stand ein alter Steinbrunnen. Moos hatte sich tief in die Ritzen des Gesteins gefressen, an einigen Stellen war der Stein bereits abgeplatzt. Trotzdem schien der Brunnen noch genutzt zu werden – ein Eimer stand daneben, das Wasser darin spiegelte das fahle Licht des Morgens. Am anderen Ende der Straße spielten einige Kinder lachend miteinander. Es war ein friedlicher Anblick. Fast irritierend friedlich nach allem, was Leyla in den letzten Tagen erlebt hatte. Als würde die Welt hier einfach weiterlaufen, unbeeindruckt von Riesenspinnen, zerbrochenen Fußknochen und Mana-Kugeln, die in der Luft zerplatzten. Sie bemerkte schnell, dass es im gesamten Dorf offenbar nur zwei richtige Geschäfte gab. Der Rest waren einfache Wohnhäuser und kleine Lagergebäude. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich, zuerst das größere der beiden anzusehen. Es war ein zweistöckiges Holzhaus mit breiter Front und mehreren Fenstern. Schon von außen erinnerte es Leyla an eine Taverne. Allein der Gedanke an ein weiches Bett und eine warme Mahlzeit ließ ein angenehmes Kribbeln in Leylas Brust entstehen. Doch fast sofort folgte die ernüchternde Realität. Sie hatte kein Geld. Nicht einmal ansatzweise. Vielleicht brauchten sie dort wenigstens eine Aushilfe? Ihre Schritte verlangsamten sich leicht, während sie das hölzerne Schild über dem Eingang musterte. „Varmins Stube" stand darauf, die Buchstaben tief und sorgfältig ins Holz geschnitzt. Neugierig warf Leyla einen Blick durch das Fenster. Im Inneren stand ein Elf mit freundlichem Gesichtsausdruck hinter der Theke und unterhielt sich gerade mit einem Mann in einem schwarzen Mantel. Von draußen konnte Leyla ihre Worte nicht verstehen, doch die beiden wirkten so, als wären sie mitten in einem ernsthaften Gespräch. Sie wollte sich nicht einfach dazwischendrängen. Also wandte sie sich dem zweiten Laden zu. Kein Schild hing daran, doch mehrere Pflanzen in Tontöpfen standen ordentlich entlang des Eingangs aufgereiht. Kräuter trockneten unter dem kleinen Vordach, und ein angenehmer, erdiger Duft lag in der Luft – warm und leise, wie der Geruch nach Regen auf trockenem Boden. Vor dem Laden kniete eine ältere Frau und kümmerte sich sorgfältig um einen kleinen Baum in einem Tongefäß. Ihre Bewegungen waren ruhig und bedächtig, als hätte sie für diesen Moment alle Zeit der Welt. Leyla blieb kurz stehen. Die Frau wirkte ruhig. Freundlich. ,,Vielleicht könnte sie Hilfe gebrauchen..?’’ Langsam ging Leyla auf sie zu. -------------------------------------------------------------------------- „Ähm… Entschuldigung?" fragte Leyla vorsichtig. Schon ihre eigene Stimme kam ihr in der ruhigen Atmosphäre des Dorfes viel zu laut vor. Ramir wirkte beinahe so still, als könnte man die friedliche Stimmung zerstören, wenn man nur zu hastig sprach oder zu fest auftrat. Die ältere Frau hob langsam den Blick zu ihr. Tiefe Falten lagen auf ihrem Gesicht, doch ihr Lächeln wirkte warm und ehrlich. Irgendetwas an ihr löste in Leyla sofort ein seltsames Gefühl aus– eine Mischung aus Vertrautheit und Wehmut, die sie sich selbst nicht erklären konnte. „Ja, mein Kind?" antwortete die Frau mit sanfter Stimme. Leyla zögerte kurz. „Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Arbeit für mich hätten. Ich bin auf der Durchreise und würde gerne etwas Geld verdienen." Während sie redete, bemerkte sie, dass sie nervös begonnen hatte, an ihrem rechten Handgelenk zu kratzen. Schnell zog sie die Hand zurück. Die Frau schien ihre Unsicherheit gar nicht weiter zu beachten. Stattdessen nickte sie verständnisvoll und winkte Leyla näher heran. „Komm ruhig rein, Liebes. Wir finden bestimmt etwas für dich." Leyla folgte ihr in den Laden. Ihre Schritte blieben vorsichtig, doch ihre Neugier wuchs sofort, als sie den Innenraum betrat. Der Raum war klein, aber erstaunlich gemütlich. In einer Ecke knisterte ein Ofen vor sich hin und erfüllte den Laden mit angenehmer Wärme. Auf ihm stand ein großer Kessel, aus dem langsam Dampf aufstieg. Der Duft erinnerte Leyla an Kräutertee, vermischte sich jedoch mit unzähligen anderen Aromen – süßlich, bitter, scharf – die den gesamten Raum in einen einzigen dichten, lebendigen Geruch tauchten. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Pflanzen herab, und das schwache Licht ließ die Blätter fast golden wirken. Es fühlte sich ruhig an. Friedlich. In einem alten Schaukelstuhl saß ein grauhaariger Mann und las konzentriert in einer Zeitschrift. „Herbert", rief die alte Frau, „die junge Dame sucht Arbeit. Fällt dir etwas ein?" Der alte Mann blickte langsam auf, faltete seine Zeitschrift zusammen und legte sie neben sich. Dann musterte er Leyla kurz mit ruhigem, abwartendem Blick. „Kannst du Kräuter sortieren?" brummte er. Leyla nickte sofort. Herbert deutete auf einen großen Tisch am anderen Ende des Ladens, auf dem mehrere Haufen verschiedenster Kräuter verteilt lagen. „Sortier die ordentlich. Dafür bekommst du zwei Kupferstücke." Leyla setzte sich direkt an die Arbeit. Es gab fünf verschiedene Kräuterarten, die sich glücklicherweise leicht voneinander unterscheiden ließen – lange dünne Blätter, kleine dunkle Knospen, breite grüne Stängel. Ihre Hände fanden schnell einen Rhythmus. Während sie arbeitete, schweifte ihr Blick immer wieder neugierig durch den Laden. Das leise Knistern des Ofens, die warmen Farben des Holzes, die vertrauten und unfamiliären Düfte vermischten sich zu etwas, das ihr eine angenehme Ruhe in die Brust legte. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht angespannt. Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Zeitschrift hinüber, die Herbert beiseitegelegt hatte. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Welt überhaupt etwas sah, das an eine moderne Zeitschrift erinnerte. Vielleicht hatte es so etwas auch in Migar gegeben und sie hatte es einfach nie bemerkt. Herbert bemerkte schließlich ihre neugierigen Blicke. „Interessiert dich der Kaisersprech?" fragte er ruhig. Leyla hob leicht den Kopf. „Kaisersprech?" „Die größte Zeitschrift im gesamten Kaiserreich", erklärte Herbert. „Wobei diese Ausgabe ziemlich langweilig ist. Hauptsächlich Berichte über das Prinzenspiel." Wieder ein Begriff, den Leyla nicht kannte. Prinzenspiel. Es fühlte sich an, als würde diese Welt ständig neue Dinge hervorbringen, von denen jeder außer ihr ganz selbstverständlich wusste – als wäre sie die Einzige, die den Tag verpasst hatte, an dem alles erklärt wurde. Doch diesmal entschied sie sich bewusst dagegen, nachzufragen. Stattdessen wandte sie sich wieder den Kräutern zu und sortierte schweigend weiter, während der Ofen knisterte und der Dampf aus dem Kessel langsam durch den kleinen Raum zog. -------------------------------------------------------------------------- „Fertig!" rief Leyla erleichtert, als sie endlich das letzte Kraut sortiert hatte. Sie streckte kurz ihre schmerzenden Finger aus und verzog das Gesicht. Eines der Kräuter hatte scharfkantige Blätter besessen, und obwohl sie anfangs vorsichtig gewesen war, hatte sie sich immer wieder daran geschnitten. Kleine rote Linien zogen sich über ihre Fingerkuppen, und an manchen Stellen klebte noch etwas Blut. „Sehr gut, Liebes", sagte Birgit zufrieden und lächelte warm, während sie zu Leyla herüberkam, um die Arbeit zu begutachten. „Komm mal her", brummte Herbert. Leyla trat zu ihm und beobachtete neugierig, wie er in einem kleinen Lederbeutel kramte. Schließlich zog er zwei Kupfermünzen hervor und drückte sie ihr in die Hand. Sobald das kühle Metall ihre Haut berührte, begann Leylas Herz schneller zu schlagen. Ihr erstes eigenes Geld in dieser Welt. Auch wenn es nur zwei Kupferstücke waren, fühlte es sich plötzlich unglaublich bedeutend an – schwer auf eine Art, die nichts mit Gewicht zu tun hatte. Doch gleichzeitig wusste sie sofort, dass es niemals reichen würde. Vielleicht fürs Essen und ein Bett. Doch niemals für die lange Reise nach Malyl. „Habt ihr vielleicht noch andere Arbeit für mich?" fragte sie deshalb vorsichtig. Herbert schüttelte langsam den Kopf. „Leider nicht." Neben ihm nickte Birgit leicht bedrückt. „Wir bräuchten eigentlich noch Varellen", meinte sie nachdenklich. „Aber das geht momentan leider nicht." Leyla horchte sofort auf. „Varellen?" „Da hast du recht", murmelte Herbert, der plötzlich ebenfalls etwas niedergeschlagen wirkte. Dann hob er den Blick wieder zu Leyla. „Wohin führt dich deine Reise überhaupt?" „Nach Malyl." Die Antwort fiel knapp aus, doch Leylas Gedanken kreisten bereits um diese Varellen. Wenn sie den beiden helfen konnte, würden sie sich vielleicht freuen. Und vielleicht würde sie dafür noch etwas zusätzliches Geld bekommen. Währenddessen begann Herbert in einem Korb neben seinem Stuhl zu wühlen. Nach kurzem Suchen zog er schließlich eine zerknitterte Karte hervor. „Hier", sagte er und reichte sie Leyla. „Kannst du wahrscheinlich besser gebrauchen als wir." Leylas Augen weiteten sich leicht. „Danke!" Vorsichtig nahm sie die Karte entgegen. „Pass auf dich auf, Liebes", sagte Birgit mit einem sanften Lächeln. „Vielen Dank für die Arbeit", antwortete Leyla ehrlich. Dann verließ sie den kleinen Kräuterladen. Draußen blieb sie zunächst stehen und atmete tief durch. Die frische Morgenluft fühlte sich angenehm kühl an. Die Stille des Ladens wirkte ebenso noch nach wie der Duft der Kräuter. Langsam rollte sie die Karte auseinander und ließ den Blick über die feinen Linien und eingezeichneten Wege auf dem Pergament wandern. Kleine Dörfer, Straßen und Flüsse waren sorgfältig markiert, manche Orte mit zittriger Tinte benannt. Leyla folgte der Route mit dem Finger. „Von Migar bis Ramir habe ich ungefähr zwei Wochen gebraucht…" Wenn die Karte stimmte, lag noch eine gewaltige Strecke vor ihr. „Wenn ich das richtig verstehe, werde ich wohl noch ein oder zwei Monate brauchen, bis ich Malyl erreiche…" Ihr Finger glitt weiter über das Pergament. „Von hier aus nach Ranul… dann weiter nach Hemmingen… und von dort westlich bis nach Malyl." Langsam rollte sie die Karte wieder zusammen und verstaute sie vorsichtig in ihrem Rucksack. Dann richtete sie den Blick nachdenklich auf die Straße. „Aber zuerst besorge ich diese Varellen." Der Gedanke fühlte sich gut an. Klein vielleicht. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können – nicht nur reagieren, nicht nur überleben, sondern handeln. Genau in diesem Moment erklang plötzlich ein tiefes Knurren hinter ihr. -------------------------------------------------------------------------- Leyla zuckte erschrocken zusammen und drehte sich abrupt um. Direkt hinter ihr stand der Mann, den sie bereits zuvor durch das Fenster von Varmins Stube gesehen hatte. Nun konnte sie ihn genauer betrachten. Er trug einen langen schwarzen Mantel, auf dessen Brust ein Wappen eingestickt war – ein Bär, der einen Speer im Maul trug. Das Symbol wirkte alt und dennoch gepflegt. Seine langen schwarzen Haare fielen glatt über die Schultern, sein Gesicht war sauber rasiert. Auf den ersten Blick wirkte er freundlich – seine Mundwinkel lagen in einem ruhigen Lächeln. Und trotzdem ließ irgendeine schwer greifbare Qualität an seiner Ausstrahlung Leyla vorsichtig werden. Neben ihm stand ein gewaltiger Hund. Oder zumindest glaubte Leyla zunächst, dass es ein Hund war. Bei genauerem Hinsehen erinnerte das Tier jedoch deutlich mehr an einen Wolf. Das dunkle Fell war dicht und struppig, die Schultern reichten Leyla beinahe bis zur Hüfte, und die bernsteinfarbenen Augen ruhten regungslos auf ihr. Dann begann das Tier zu knurren. Tief. Warnend. Langsam bleckte es die Zähne, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Unwillkürlich spannte sich Leylas Körper an. „Eigentlich war ich immer gut mit Tieren…" dachte sie enttäuscht. „Verzeih Joschkas Verhalten", sagte der Mann ruhig und strich dem Tier über die dichte Mähne. „Normalerweise reagiert er nicht so auf Menschen." Leyla nickte leicht, obwohl das unangenehme Gefühl nicht verschwand. Die Augen des Tieres wirkten beinahe zu aufmerksam – fast so, als würde es sie nicht einfach nur ansehen, sondern regelrecht mustern. Als würde es etwas in ihr suchen, das es noch nicht einordnen konnte. „Ach… das macht nichts." Der Mann betrachtete sie nun ebenfalls genauer. Sein Blick war ruhig, aber aufmerksam genug, dass Leyla sich plötzlich wieder bewusst wurde, wie fremd sie in dieser Welt eigentlich wirkte. „Darf ich nach deinem Namen fragen?" Leyla war von der Situation noch immer leicht überrumpelt. „Leyla. Und deiner?" Einen kurzen Moment schien ihn ihre Antwort zu amüsieren. Sein Lächeln wurde etwas breiter. „Mein Name ist Rigor." Kaum hatte er sich vorgestellt, verschwand das Lächeln jedoch wieder. Seine Züge wurden ernster, fast schon distanziert. „Komm, Joschka." Das Tier reagierte sofort. Das Knurren verstummte augenblicklich, und es drehte sich gehorsam um. Doch bevor es Rigor folgte, warf es Leyla noch einen letzten Blick zu. Dieser Blick jagte ihr erneut einen Schauer über den Rücken. „Auf Wiedersehen, Leyla", sagte Rigor ruhig. Leyla brauchte einen kurzen Moment, bevor ihr die passende Antwort einfiel. Dann erinnerte sie sich an Roxys Worte – und an Liams Erklärung über die üblichen Grußformeln dieser Welt. „Möge Kamera deinen Weg segnen, Rigor." Der Satz fühlte sich auf ihrer Zunge noch immer ungewohnt an wie ein Kleidungsstück, das einem nicht ganz gehörte. Doch offenbar hatte sie nichts falsch gemacht. Rigor nickte ihr leicht zu, bevor er sich gemeinsam mit Joschka wieder in Richtung der Stube aufmachte. Leyla blieb stehen und sah den beiden nach. Irgendetwas an diesem Mann fühlte sich seltsam an. Nicht direkt gefährlich. Aber auch nicht gewöhnlich – so wie manche Orte still wirken, nicht weil nichts geschieht, sondern weil etwas wartet. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf und wandte sich wieder der Straße zu. „Vielleicht weiß Liam ja, wo diese Varellen wachsen…" -------------------------------------------------------------------------- „Da bist du ja wieder", rief Liam, sobald Leyla die kleine Lichtung erreichte. Er saß gegen einen niedrigen Felsen gelehnt im Gras, die Arme locker verschränkt, als hätte er die ganze Zeit nichts anderes getan, als auf sie zu warten. Durch die Baumwipfel fiel warmes Mittagslicht auf die Lichtung und ließ sein helles Haar beinahe golden wirken. Leyla blieb vor ihm stehen. „Und? Hast du Geld verdienen können?" fragte Liam mit leicht amüsiertem Unterton. Grinsend griff Leyla in ihre Tasche und hielt triumphierend die beiden Kupfermünzen hoch. Liam hob langsam eine Augenbraue. „Glückwunsch, Leyla." Der ironische Unterton war kaum zu überhören, doch diesmal ignorierte Leyla ihn vollkommen. Dafür war sie viel zu zufrieden mit sich selbst. Noch bevor Liam weiter etwas sagen konnte, begann sie bereits zu erzählen. Von Birgit. Von Herbert. Von dem kleinen Kräuterladen, der nach Kräutertee und warmem Holz gerochen hatte. Die Worte sprudelten beinahe unaufhaltsam aus ihr heraus, und Liam hörte ihr mit einem genervten Gesichtsausdruck zu – doch inzwischen wusste Leyla längst, dass der größte Teil davon gespielt war. Immer wieder zuckte sein Mundwinkel leicht, als würde er sich ein Grinsen verkneifen. Erst als sie begann, von Rigor zu erzählen, veränderte sich seine Haltung. Ganz plötzlich. Liam hielt mitten in einer Bewegung inne und richtete den Blick in Richtung des Dorfes. Die lockere Gelassenheit verschwand aus seinem Gesicht und wich einer Aufmerksamkeit, die Leyla bisher nur selten bei ihm gesehen hatte. „Kennst du ihn?" fragte sie sofort. Liam schüttelte langsam den Kopf. „Nein." Er hielt den Blick weiterhin auf die Häuser in der Ferne gerichtet. „Aber Leute wie er tauchen normalerweise nicht in einem Dorf wie Ramir auf." Er schwieg einen Moment. „Entweder haben sie schlechte Absichten", murmelte er leise. „Oder sie verstecken etwas." Leyla musterte ihn kurz. „Du bist doch selbst genauso jemand…" Doch sie sprach den Gedanken nicht aus. Stattdessen wanderten ihre Gedanken zurück zu den Varellen. „Ich habe mitbekommen, dass Herbert und Birgit noch Varellen brauchen", sagte sie schließlich. „Weißt du zufällig, wo die wachsen?" Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, spannte sich Liams gesamter Körper sichtbar an. Es war keine kleine Reaktion. Keine flüchtige Überraschung. Für einen kurzen Augenblick wirkte es beinahe so, als hätte Leyla etwas ausgesprochen, das besser ungesagt geblieben wäre. Liam antwortete nicht sofort. Er sah sie einfach nur an. Und plötzlich bemerkte Leyla etwas in seinem Gesicht, das sie bei ihm bisher noch nie gesehen hatte. War das… Angst?
- Kapitel 9 - Manakonvergenz
—BAMM— Das dumpfe Krachen einer Faust, die mit voller Wucht auf ein Gesicht traf, hallte zwischen den dunklen Baumstämmen wider und ließ die Blätter über ihnen erzittern. Leyla war erst wenige Augenblicke zuvor wieder zu Bewusstsein gekommen. Noch benommen vom Gift der Arachne hatte sie Liam neben sich sitzen sehen – und ohne einen einzigen Gedanken zu verschwenden zugeschlagen. Nun schüttelte sie ihre pochende Hand und funkelte ihn voller Zorn an. Liam starrte sie zunächst nur überrascht an. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich aus dem Konzept gebracht – ehe sich sein gewohnter lockerer Ausdruck langsam wieder auf seinem Gesicht ausbreitete. „War das wirklich nötig, Leyla?" fragte er schließlich und strich sich mit der Hand über die Nase. Ein schiefes Grinsen zog sich über seine Lippen, als wäre gerade gar nichts passiert. „Ja, war es! Wegen dir wäre ich beinahe gestorben!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. Für einen Sekundenbruchteil spielte Leyla mit dem Gedanken, ihm noch einmal ins Gesicht zu schlagen. Doch dann bemerkte sie etwas in seinem Blick. Einen Anflug von Ernst. Oder vielleicht Sorge. „Leyla", begann Liam ruhiger als zuvor. „Du musst lernen zu kämpfen. Und noch wichtiger – du musst lernen zu überleben. Selbst wenn wir uns niemals begegnet wären, wärst du früher oder später allein durch diesen Wald gezogen." „Und deine geniale Lösung dafür war also, mich fast fressen zu lassen?" „Ich musste dir eben zeigen, wo du in der Nahrungskette stehst." Und da war sie wieder – diese unerträglich lässige Art. Genervt wandte Leyla den Blick ab. Ihre Handflächen waren mit aufgeplatzten Blasen übersät, allein der Anblick war schon schmerzhaft. Und trotzdem huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht. Sie fühlte sich stärker. Nicht körperlich, sondern auf eine andere Art. Als hätte sie in diesem einen Kampf mehr gelernt als während der gesamten Reise zuvor. Wahrscheinlich entsprach das sogar der Wahrheit. Langsam ließ sie den Blick über das kleine Lager gleiten, das Liam aufgebaut hatte. Sie saß auf ihrem Schlafsack nahe am Feuer – gerade nah genug, um die angenehme Wärme zu spüren, aber weit genug entfernt, damit der Rauch nicht zu ihr herüberzog. Über ihnen bewegten sich die Baumwipfel leise im Nachtwind, während Funken aus dem Feuer in die Dunkelheit aufstiegen wie winzige, sterbende Sterne. Liam wiederum hatte es sich direkt neben ihr auf einem alten Baumstumpf bequem gemacht, als wäre das Lagerfeuer mitten in diesem gefährlichen Wald ein Ort zum Entspannen. „Und?" fragte er schließlich mit einem schelmischen Unterton. „Hast du dich wieder beruhigt?" Er streckte sich gemächlich und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Morgen erreichen wir Ramir. Aber irgendwie bezweifle ich, dass Ramir wirklich dein Ziel ist." Einen Moment ließ er die Worte zwischen ihnen stehen. „Also? Wo geht es wirklich hin?" Leyla war viel zu erschöpft, um sich weiter über ihn aufzuregen. „Nach Malyl. Wie lange genau hast du eigentlich vor, mir noch hinterherzulaufen?" „Nach Malyl also?" Liam rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Hmm… dann begleite ich dich wohl mindestens bis dorthin. Ich habe ohnehin nichts Besseres zu tun." Sein entspannter Tonfall machte die Aussage irgendwie noch fragwürdiger. „Mach doch, was du willst", murmelte Leyla. Sie starrte in die flackernden Flammen. Es musste bereits tief in der Nacht sein – eigentlich hätte sie sich wieder schlafen legen sollen, ihr Körper verlangte danach, doch ihr Geist war viel zu wach. Zu viel war passiert. Zu viele Eindrücke drängten sich gleichzeitig, ohne dass einer von ihnen wirklich Platz fand. Im Augenwinkel bemerkte sie schließlich, wie Liam langsam die Hand dem Feuer entgegenstreckte und die Finger öffnete. „Stören wir deine Ruhe?" fragte er sanft in die Dunkelheit. „Keine Sorge. Morgen sind wir wieder verschwunden." Leyla runzelte die Stirn. „Ist er jetzt auch noch verrückt geworden?" ,,Mit wem redest du?’’ fragte sie ihn. Liam drehte leicht den Kopf zu ihr. „Na, mit diesem kleinen Naturgeist." -------------------------------------------------------------------------- „Ein Naturgeist?" fragte Leyla neugierig. Sie beugte sich leicht vor und starrte angestrengt auf Liams geöffnete Handfläche, als würde sie erwarten, dort jeden Moment irgendein leuchtendes Wesen entdecken zu können. Doch sie sah nichts. Kein Flimmern. Keine Bewegung. Nichts außer den tanzenden Schatten des Lagerfeuers. In dem kameristischen Buch hatte sie nie etwas über Naturgeister gelesen. „Ich sehe gar nichts." Die Enttäuschung in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Liam lächelte nur vor sich hin. „Das ist auch nicht besonders verwunderlich. Die wenigsten Menschen können schwache Naturgeister überhaupt wahrnehmen." Leyla musterte ihn einige Sekunden schweigend. Kurz fragte sie sich, ob er sich einfach über sie lustig machte. Doch schließlich entschied sie sich, ihm zu glauben. Zu vieles von dem, was sie in dieser Welt bereits gesehen hatte, hätte sich ihrer Vorstellung früher entzogen. „Was genau sind Naturgeister eigentlich?" Liam kratzte sich nachdenklich am Kopf und ließ den Blick einen Moment hinauf in die Dunkelheit zwischen den Baumwipfeln wandern. „Wie erkläre ich das am besten…" murmelte er leise. „Naturgeister sind Lebewesen, die vollständig aus Mana bestehen. Anders als wir besitzen sie keine feste Grenze dafür, wie viel Mana sie speichern können. Sie ziehen es direkt aus ihrer Umgebung – aus dem Wind, dem Wasser, der Erde. Eigentlich aus allem, was nicht selber lebt." Leyla hörte ihm gebannt zu. „Die meisten Naturgeister sind klein", fuhr Liam fort. „Schwach. Unbedeutend. Sie treiben durch Wälder, schlafen zwischen Wurzeln, folgen Flüssen oder lassen sich vom Wind tragen." Er hob leicht die Schultern. „Aber manche von ihnen sind… anders." Sein Blick wanderte zum Nachthimmel. „Manche Naturgeister werden so mächtig, dass selbst gewöhnliche Menschen ihre Präsenz spüren können." Dann grinste er leicht. „Und die richtig mächtigen kannst sogar du sehen." Leyla zog langsam die Knie näher an ihren Körper und legte den Kopf darauf. Der Wald fühlte sich plötzlich noch größer an als zuvor. Fremdartiger. Lebendiger – als wäre er nicht einfach nur ein Ort, sondern etwas, das atmete, wartete und beobachtete. Es faszinierte sie ebenso sehr, wie es sie beunruhigte. Immer wieder glaubte sie, langsam zu verstehen, wie diese Welt funktionierte – nur damit kurz darauf etwas Neues auftauchte, das alles erneut unergründlicher wirken ließ, wie ein Horizont, der sich mit jedem Schritt weiterverschob. Ob das wohl jemals anders sein würde? Einen Moment lang schwieg sie und lauschte einfach dem Knistern des Feuers. Dann hob sie leicht den Blick. „Du, Liam?" fragte sie leise. „Hm?" Leyla zögerte einen Herzschlag lang. „Kannst du mir beibringen, wie man Magie benutzt?" -------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte ihm diese Frage eigentlich schon vor Tagen stellen wollen. Doch jedes Mal hatte ihr der Mut gefehlt. Zu groß war die Angst vor der Antwort. Was, wenn sie gar keine Magie nutzen konnte oder er es ihr nicht beibringen wollte? Sie stammte schließlich aus einer vollkommen anderen Welt. Einer Welt ohne Mana, ohne Naturgeister. Und trotzdem hatte sie immer wieder davon geträumt. Davon, mit brennenden Schwingen wie ein Phönix durch die Wolken zu gleiten. Davon, allein mit ihrem Willen Mauern aus Stein zu erschaffen oder sich Kleidung entstehen zu lassen, genau so, wie sie sie haben wollte. Liam hielt kurz inne. Dann legte er den Kopf leicht in den Nacken, gähnte müde – und nickte schließlich. ,,Klar, kann ich machen.’’ ,,Wirklich?!’’ Die Begeisterung platzte förmlich aus ihr heraus. Ihre Augen weiteten sich sofort, und sämtliche Erschöpfung schien für einen Moment vollständig verschwunden zu sein. Liam grinste leicht. Dann stand er langsam auf und trat einige Schritte vom Lagerfeuer weg auf eine kleine freie Stelle zwischen den Bäumen. Das flackernde Licht warf lange Schatten über den Waldboden. Er drehte sich um. „Aber hör mir gut zu", sagte er deutlich ernster als zuvor. „Wenn ich das Gefühl bekomme, dass du das hier nicht ernst nimmst, höre ich sofort auf, dir irgendetwas beizubringen." Leyla richtete sich unwillkürlich auf. „Ich nehme das ernst." „Gut." Liam hob langsam eine Hand und spreizte leicht die Finger. „Dann erst mal die Grundlagen. In der Magie existieren sechs Grundelemente." „Feuer." Sofort züngelten Flammen zwischen seinen Fingern hervor. Das Feuer wirkte lebendig – es wand sich wie eine Schlange um seine Hand, bevor es sich plötzlich zu einem glühenden Pfeil formte und mit einem scharfen Zischen in das Lagerfeuer schoss, woraufhin die Flammen höher aufloderten. ,,Wasser.’’ In seiner geöffneten Handfläche sammelten sich Tropfen. Innerhalb weniger Sekunden entstand daraus eine schwebende Kugel aus kristallklarem Wasser, die ruhig über seiner Haut schimmerte wie eine schlafende Linse. ,,Wind.’’ Ein kräftiger Luftzug rauschte durch das Lager. Leylas Haare wurden nach hinten geweht, das Feuer tanzte wild, und die Baumkronen über ihnen rauschten laut auf, obwohl zuvor kaum ein Lüftchen geweht hatte. ,,Licht.’’ Über ihnen entstand eine helle Lichtkugel. Sanftes goldenes Licht ergoss sich über das Lager und verdrängte die Dunkelheit zwischen den Stämmen. Leyla erkannte die Magie sofort – es war dieselbe Kugel, die ihnen vor dem Kampf mit der Arachne den Weg geleuchtet hatte. ,,Schatten.’’ Die Lichtkugel zerbarst lautlos. Im nächsten Moment breitete sich dunkler Rauch um Liam aus und verschluckte seine Gestalt. Die Schatten wirkten unnatürlich dicht, fast lebendig, als würden sie ihn bewusst festhalten. Dann trat Liam langsam wieder daraus hervor – als hätte die Dunkelheit ihn einfach ausgespuckt. „Und dann gibt es noch Erde", erklärte er. „Aber Erdmagie kann ich überhaupt nicht benutzen." Leylas Augen waren mit jedem Element größer geworden. Sie wusste nicht einmal mehr, worauf sie zuerst achten sollte. Liam setzte sich wieder neben sie ans Feuer. „Die meisten Wesen besitzen zu einem dieser Elemente eine natürliche Verbindung. Diese Affinität sorgt dafür, dass man das jeweilige Element leichter kontrollieren kann – die Magie wird stärker, verbraucht weniger Mana und fühlt sich deutlich natürlicher an." Er deutete mit einer lockeren Handbewegung auf die Umgebung. „Die meisten Magier können theoretisch auch andere Elemente nutzen, aber das ist ineffizient. Schwächer. Anstrengender. Deshalb konzentrieren sich die meisten auf ihre angeborene Affinität." Leyla hörte aufmerksam zu und nahm jedes einzelne Wort in sich auf. „In sehr seltenen Fällen", fuhr Liam fort, „besitzt jemand mehr als nur eine Affinität." Ein leicht zufriedenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Meine sind Feuer und Licht." „Das hatte ich mir ehrlich gesagt schon gedacht." Leyla nickte leicht. In ihrem Kopf entstanden bereits unzählige Vorstellungen – Flammen, Licht, Wind. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Dann sah sie Liam voller Erwartung an. „Und?" fragte sie gespannt. „Welches Element passt zu mir?" -------------------------------------------------------------------------- „Die einfachste Methode, das eigene Element herauszufinden, ist eine Technik namens Manakonvergenz", erklärte Liam. „Eigentlich bleibt dieses Wissen den Elfen vorbehalten, aber für deinen hoffnungslosen Fall mache ich ausnahmsweise eine Ausnahme." „Manakonvergenz?" fragte Leyla und ignorierte seine Stichelei bewusst. „Genau." Liam nickte leicht. „Im Grunde ziemlich simpel. Du lässt etwas Mana in deine Handfläche fließen und stellst dir dann vor, wie zwischen deinem Mana und deiner Seele eine Verbindung entsteht." Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie man Mana in eine Handfläche fließen ließ. Noch viel weniger, wie man überhaupt eine Verbindung zu seiner eigenen Seele aufbauen sollte. Offenbar bemerkte Liam ihre Verwirrung, denn er streckte seine eigene Hand aus. „Als Erstes musst du deinen Arm ausstrecken." Leyla tat es – auch wenn sie langsam wieder das Gefühl bekam, dass er sich über sie lustig machte. „Jetzt stell dir vor, dass neben deinem Blut noch etwas anderes durch deinen Körper fließt", erklärte Liam ruhig. „Magische Kraft. Mana. Wie genau du dir das vorstellst, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass dein Kopf es versteht." Dann grinste er leicht. „Dein Blut musst du dir übrigens nicht extra vorstellen. Davon hast du der Spinne ja schon genug präsentiert." Leyla kniff genervt die Augen zusammen. „Ich sollte ihm wirklich noch einmal eine verpassen." Für einen kurzen Moment spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken. Dann atmete sie langsam aus und konzentrierte sich stattdessen auf seine Anweisungen. Sie schloss die Augen. Vor ihrem inneren Auge entstanden sechs gewaltige Ströme, jeder in einer anderen Farbe. Rot wie das Feuer. Blau wie das Wasser. Weiß wie das Licht. Schwarz wie die Schatten. Braun wie die Erde. Silbern wie der Wind. Die Flüsse bewegten sich nebeneinander durch endlose Dunkelheit, bis sie schließlich zusammenflossen und zu einem einzigen leuchtenden Strom wurden, der in sämtlichen Farben des Regenbogens schimmerte. Plötzlich spürte Leyla ein feines Prickeln in ihrem Arm. Vorsichtig versuchte sie, diese unsichtbare Kraft durch ihren Körper zu lenken – fast so, als würde sie Wasser durch ein enges Rohr leiten, langsam, bedächtig, ohne zu viel Druck auf einmal. Und dann geschah etwas. Leylas Augen öffneten sich ruckartig. Die Luft über ihrer Hand begann leicht zu flimmern. Kleine Lichtpartikel sammelten sich über ihrer Handfläche und verdichteten sich langsam zu einer schimmernden weißen Kugel. Sie pulsierte, schwach – lebendig, als würde sie atmen. „Ist… ist diese Kugel mein Mana?" fragte Leyla begeistert. Liam nickte zufrieden. „Jap. Genau das ist dein Mana." Leylas Blick löste sich kaum davon. Es fühlte sich unwirklich an – und trotzdem war es real. Kein Trick, keine Illusion. Einfach nur ihre Magie. „Jetzt stell dir vor, wie du eine Verbindung zu deiner Seele aufbaust", erklärte Liam weiter. Leyla nickte langsam und schloss erneut die Augen. Diesmal stellte sie sich einen dünnen, unsichtbaren Faden vor, der aus der schimmernden Kugel hervorging. Langsam wand er sich ihre Hand entlang, glitt durch ihren Arm und drang tiefer in ihr Inneres vor. Tiefer. Immer tiefer. Und schließlich erreichte er etwas. Ihre Seele – zumindest glaubte sie das. Doch wie sah eine Seele überhaupt aus? Nach kurzem Zögern entstand vor ihrem inneren Auge das Bild eines gewaltigen Gartens. Still. Friedlich. Von warmem Licht erfüllt, das aus keiner erkennbaren Richtung zu kommen schien. Mitten darin stand eine einzelne Blume – zerbrechlich und zugleich wunderschön, als wäre sie der einzige Bewohner eines Ortes, der nur für sie gemacht worden war. —PENG— Erschrocken riss Leyla die Augen auf. Die schimmernde Kugel war direkt über ihrer Hand zerplatzt. Leuchtende Partikel verteilten sich in der Luft wie glitzernder Staub, bevor sie langsam verblassten und in der Dunkelheit des Waldes verschwanden. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann zuckte Liam mit den Schultern. „Tja." Er grinste breit. „Sieht so aus, als wärst du einfach nicht fähig, Magie zu benutzen." Er lehnte sich entspannt zurück. „Ist eben nicht jeder so ein Ausnahmetalent wie ich." -------------------------------------------------------------------------- Liams spöttische Worte trafen Leyla wie ein Schlag. Für einen kurzen Moment brachte ihr Kopf alles um sie herum zum Verstummen. Das Knistern des Feuers, der Wind zwischen den Bäumen, selbst Liams Stimme schienen weit entfernt. Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. ,,Ich wusste es…’’ Leyla sackte leicht in sich zusammen und starrte auf ihre Hände. Die ersten Tränen liefen bereits über ihre Wangen, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während sie verzweifelt versuchte, die aufsteigende Panik herunterzuschlucken. Seit zwei Wochen war sie nun in dieser Welt. Zwei Wochen voller Angst, Unsicherheit und Kämpfen, die sie niemals hatte kämpfen wollen. Und trotzdem hatte sie sich eingeredet, dass all das irgendeinen Sinn haben musste. Dass es einen Grund gab, warum ausgerechnet sie hier gelandet war. Doch was, wenn es gar keinen Grund gab? Was, wenn alles nur Zufall gewesen war? ,,Zwei Wochen…’’ „Hey, hey – was machst du denn jetzt für ein Gesicht, Leyla? Ich hab doch nur Spaß gemacht." Liams Tonfall hatte sich vollkommen verändert. Die übliche spöttische Leichtigkeit war verschwunden und wich ehrlicher Besorgnis. Vorsichtig legte er einen Arm um ihre Schultern, während Leylas Atem immer unruhiger wurde. Doch sie hörte seine Worte kaum noch. Stattdessen lehnte sie sich zitternd gegen seine Brust. „Ich habe versucht, stark zu sein…" schluchzte sie leise. Liam antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal wirkte er ratlos. Leylas Gedanken wanderten zurück in ihre alte Welt. Mit jedem weiteren Tag schienen die Erinnerungen daran undeutlicher zu werden. Gesichter verschwammen. Stimmen wurden leiser. Einst vertraute Orte fühlten sich fern und unwirklich an, als würde die Erinnerung langsam ausbleichen wie ein altes Foto. Und dann dachte sie an Katja. Nur für einen kurzen Moment. Doch genau dieser Moment war zu viel. „Ich wünschte, Katja wäre hier…" Etwas in ihr brach endgültig. Die Tränen wollten nicht mehr aufhören. Sie weinte hemmungslos, während der Wald um sie herum hinter einem Schleier aus Wasser und flackerndem Feuerlicht verschwamm. Liam hielt sie einfach nur schweigend fest – ohne dummen Kommentar, ohne Provokation, ohne einen einzigen seiner üblichen Sätze. Nach einigen Minuten beruhigte sich ihr Atem langsam wieder. Ihre Schultern zitterten noch leicht, doch die Tränen wurden weniger. Erst jetzt realisierte Leyla überhaupt richtig, dass sie in Liams Armen lag. Sofort löste sie sich hastig aus seiner Umarmung und drückte ihn leicht von sich weg. „Geht's wieder?" fragte Liam mit einem schiefen Grinsen. „Wusste gar nicht, dass du so talentiert im Vollheulen bist." Trotz der Worte klang seine Stimme ungewöhnlich weich. Leyla warf ihm einen erschöpften Blick zu, brachte jedoch keine Antwort heraus. Liam griff in seinen Beutel, zog ein blaues Stofftaschentuch hervor und hielt es ihr hin. Zögernd nahm Leyla es entgegen und begann, sich langsam die feuchten Wangen zu trocknen. Zwischen ihnen kehrte für einen kurzen Moment Stille ein. Das Feuer knackte ruhig vor ihnen, während über ihren Köpfen der Wind durch die Baumkronen strich. Dann räusperte Liam sich leicht. „Also", begann er mit einem Zwinkern, „möchtest du jetzt dein Magie-Element erfahren?" -------------------------------------------------------------------------- „Dass deine Manakugel zerbrochen ist, bedeutet, dass du eine besondere Affinität zum Element Erde hast." Liams Stimme hatte wieder ihren gewohnt lockeren Klang angenommen, als wäre Leylas emotionaler Zusammenbruch nie passiert. Leyla blinzelte ihn überrascht an. „Heißt das… ich kann doch Magie lernen?" Langsam breitete sich Wärme in ihrer Brust aus. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie geglaubt, vollkommen nutzlos zu sein. Nun kehrte dieses kleine, flackernde Gefühl der Hoffnung zurück – vorsichtig zuerst, beinahe zerbrechlich, und trotzdem stark genug, um die Dunkelheit in ihrem Inneren ein Stück zurückzudrängen. Sie versuchte, ihre aufkommende Freude nicht zu offensichtlich zu zeigen, doch das aufgeregte Zittern in ihrer Stimme verriet sie längst. „Klar", antwortete Liam achselzuckend. „Wenn du dich anstrengst, kannst du Magie lernen. Erdmagie selbst kann ich dir allerdings nicht beibringen." Er deutete vage in Richtung der Straße. „Soweit ich weiß, gibt es in Malyl eine Magieakademie. Vielleicht nehmen die sogar jemanden wie dich auf." Das freche Grinsen auf seinem Gesicht machte deutlich, dass er sich den letzten Kommentar nicht hatte verkneifen können. Doch diesmal störte es Leyla kaum. Der Gedanke, wirklich Magie lernen zu können, überlagerte alles andere. Vor ihrem inneren Auge entstanden bereits Bilder – wie sie selbst Zauber wirkte, wie Erde sich auf ihr Geheiß formte und bewegte, wie der Boden unter ihren Füßen auf sie hörte. „Gibt es keine Möglichkeit, schon vorher zu üben?" fragte sie sofort, die kaum verheimlichte Ungeduld in ihrer Stimme unüberhörbar. Liam dachte kurz nach. „Nun ja…" begann er schließlich. „Du könntest versuchen, Erde in die Hand zu nehmen und dein Mana hindurchfließen zu lassen. Eine ziemlich grundlegende Übung, um die Verbindung zu deinem Element zu stärken." Kaum hatte er ausgesprochen, griff Leyla bereits nach unten. Der Himmel begann sich langsam aufzuhellen. Erste blasse Sonnenstrahlen drangen zwischen die Stämme, während Leyla eine kleine Handvoll Erde aufhob und konzentriert auf ihre Handfläche starrte. Sie versuchte erneut, dieses seltsame Gefühl von Mana in ihrem Inneren zu finden. Es geschah nichts. Die Erde blieb einfach nur Erde. „Mach dir nichts draus", meinte Liam entspannt. „Die meisten Menschen schaffen den ersten Schritt nur unter richtiger Anleitung." Leyla ignorierte ihn vollständig. Stattdessen konzentrierte sie sich weiter. Sie stellte sich vor, wie ihr Mana langsam in die Erde floss – wie sich die Körner miteinander verbanden, wie sie ihre Kraft aufnahmen, Stück für Stück. Sekunden vergingen. Gerade wollte sie frustriert aufgeben, da bemerkte sie eine winzige Bewegung. Leylas Augen weiteten sich. Die Erde auf ihrer Handfläche begann leicht zu hüpfen. Nur ganz schwach, beinahe unmerklich – und trotzdem unverkennbar. Sie bewegte sich. „Wie Popcorn in einer Pfanne…" Sofort drehte Leyla sich strahlend zu Liam um. Dieser sah sie überrascht an. „Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass du das so schnell…" „Tja", unterbrach Leyla ihn grinsend, „vielleicht bin ich einfach besonders!" Zum ersten Mal in dieser Welt fühlte sich ihre Freude rein an. Nicht erzwungen. Nicht gespielt. Einfach da – warm und unvermittelt wie Sonnenlicht nach einem langen Regen. Mit neuer Energie sprang sie auf die Beine, warf einen Blick die Straße nach Ramir entlang und begann sofort, ihre Sachen zusammenzupacken. Die aufgehende Sonne tauchte den Wald in warmes goldenes Licht, und die Schatten zwischen den Stämmen wirkten weniger tief als noch in der Nacht. Dann sah sie zu Liam hinüber. ,,Kommst du?’’
- Kapitel 8 - Allein mit der Angst
Leyla spürte, wie ihr Herz gegen ihre Brust hämmerte – so laut, dass es alle anderen Geräusche des Waldes zu übertönen schien. Direkt über ihnen hing eine gigantische Spinne zwischen den Ästen. Die Arachne war deutlich größer, als Leyla sie sich vorgestellt hatte. Ihr dunkler Körper spannte sich über mehrere dicke Äste hinweg, während die langen, behaarten Beine langsam über die Rinde glitten. Acht tiefschwarze Augen reflektierten das Licht der schwebenden Kugel und wirkten wie feuchte, glänzende Perlen in der Dunkelheit. Dann richteten sich alle acht Augen auf Leyla. Sie spürte diesen Blick förmlich auf ihrer Haut. Das stille, geduldige Abwägen eines Raubtiers, das längst entschieden hatte. „Wenn sie sich fallen lässt, musst du ausweichen", erklärte Liam ruhig neben ihr. Seine Stimme klang dabei so entspannt, als würde er ihr den Weg nach Malyl beschreiben. „Verpasst du das Timing, bist du tot. Weichst du zu früh aus, ändert sie ihre Richtung. Zu spät…" Er zuckte leicht mit den Schultern. „… na ja. Dann wirst du eben gefressen." Leyla warf ihm einen kurzen, fassungslosen Blick zu. Dieser verdammte Elf! Wie konnte er bitte so ruhig bleiben? Ihr gesamter Körper zitterte inzwischen. Kalter Schweiß lief ihr langsam den Rücken hinunter, ihr Atem wurde hektischer. Trotzdem zwang sie sich, den Blick wieder nach oben zu richten. Die Arachne bewegte sich kaum. Und genau das machte alles schlimmer. Jedes Geräusch hallte überdeutlich in Leylas Kopf wider. Das leise Knacken der Äste unter dem Gewicht der Kreatur. Das langsame Kratzen der Beine über die Rinde. Das Klicken der gewaltigen Kieferzangen – trocken, rhythmisch, geduldig. Leylas Finger glitten zittrig zum Griff des Schwertes. Mit stockendem Atem zog sie die Klinge aus der Scheide und nahm die Haltung ein, die Roxy ihr gezeigt hatte. Zumindest versuchte sie es. Ihre Knie fühlten sich weich an, unverlässlich. „Wie in einem Horrorfilm…" „Zum Glück bin ich nicht alleine." Genau in diesem Moment tropfte Speichel aus dem Maul der Arachne hinab und landete mit einem feuchten Platschen direkt vor Leyla auf dem Waldboden. Da erklang Liams Stimme neben ihr. „Ich geh dann schon mal weiter." Leyla brauchte einen Moment, um überhaupt zu begreifen, was er gesagt hatte. Dann sah sie im Augenwinkel, wie er mit einer fließenden Bewegung auf einen Ast sprang. „Was?!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „Komm gefälligst zurück, du verdammter Wichser!" Doch Liam reagierte kaum. Er warf ihr lediglich einen kurzen Blick zu – dann verschwand seine Silhouette ruhig zwischen den Ästen, bis die Dunkelheit ihn vollständig verschluckt hatte. Leyla starrte ihm hinterher. Fassungslos. ,,Das darf doch nicht wahr sein…’’ Sofort breitete sich ein schweres, beklemmendes Gefühl in ihrer Brust aus. Ihre Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert wackelte. Der Wald wirkte plötzlich noch dunkler als zuvor. Noch stiller. Noch enger, als wären die Stämme ein winziges Stück näher gerückt. Es geschah überhaupt nichts. Nur ihr eigener Herzschlag in den Ohren. Laut. Schnell. Panisch. Die Arachne bewegte sich nicht. Sie wartete. Und genau dieses Warten war fast schlimmer als jeder Angriff. Leylas Muskeln spannten sich schmerzhaft an, während sie versuchte, jede noch so kleine Bewegung der Kreatur zu verfolgen. Das Licht der schwebenden Kugel warf verzerrte Schatten zwischen die Stämme und ließ die Beine noch länger, noch bedrohlicher wirken. Dann bewegte sich etwas. Ein einzelnes Bein spannte sich an. Und im nächsten Moment ließ das Monster sich fallen. -------------------------------------------------------------------------- Als die Arachne sich fallen ließ, schien die Welt für einen einzigen Moment stillzustehen. Der gigantische Körper raste direkt aus der Dunkelheit der Baumkronen auf Leyla herab. Lange, schwarze Beine spreizten sich in der Luft auseinander, während das fahle Licht der schwebenden Kugel über den glänzenden Panzer der Kreatur glitt. Die Fangzähne waren viel zu groß, viel zu nah, und zwischen ihnen tropfte grünlicher Speichel auf den Waldboden. In genau diesem Moment flackerten Bilder vor Leylas Augen auf. Das Auto. Der Arm. Das Geräusch von berstendem Metall. „Beweg dich!’’ „Wenn du stehen bleibst, stirbst du!" Leyla sprang zur Seite. Zu früh. Die Arachne reagierte augenblicklich. Noch während sie fiel, stieß sie sich mit einem Bein von einem Baumstamm ab und korrigierte mitten in der Bewegung ihre Flugbahn. Leylas Augen weiteten sich. Dann traf eines der Beine sie mit voller Wucht. Der Aufprall schleuderte sie quer über die Lichtung. Äste zerbrachen unter ihr, Erde und trockenes Laub wirbelten auf, bevor sie hart gegen einen alten Baumstumpf krachte. Ein schmerzhafter Laut entwich ihr. Die Luft wurde brutal aus ihren Lungen gepresst, und sofort breitete sich brennender Schmerz in ihrem Rücken aus – heiß und stechend, als hätte jemand glühende Nadeln durch ihren Körper getrieben. Einen Moment lang verschwamm ihre Sicht. Der Wald drehte sich. Doch Leyla blieb nicht liegen. Hustend stemmte sie sich wieder hoch. Ihre Hände zitterten mittlerweile so stark, dass das Schwert vibrierte. Im silbrigen Licht der Kugel schien die Kreatur noch monströser. Ihr dunkler Körper richtete sich zwischen den Bäumen auf, erneut die acht Augen fixierten Leyla. Das widerliche Klicken der Kieferzangen hallte durch die Stille. Dann tropfte erneut Speichel aus ihrem Maul. Diesmal zischte es leicht, als die grüne Flüssigkeit den Boden berührte. Gift? Leyla schluckte schwer – zwang sich aber, nicht zurückzuweichen. Die Arachne stieß ein schrilles Kreischen aus und schoss erneut auf sie zu. Sie sprang zur Seite, spürte jedoch sofort, wie ihr Fuß auf losem Boden wegrutschte. Noch bevor sie sich abfangen konnte, verlor sie das Gleichgewicht und schlug hart auf dem Waldboden auf. Der Schmerz in ihrem Rücken explodierte erneut. Die Arachne war bereits direkt über ihr. Instinktiv rollte Leyla sich zur Seite. Im nächsten Moment krachte eines der gewaltigen Beine genau dort in den Boden, wo ihr Kopf eben noch gewesen war. Erde, Wurzeln und Steine wurden durch die Luft geschleudert. Leyla rappelte sich auf. Ihr Atem ging stoßweise, viel zu schnell. Die Arachne griff sofort wieder an. Diesmal wich Leyla besser aus. Ihr Körper begann langsam zu begreifen, wie die Kreatur sich bewegte. Die riesige Spinne war schnell, doch ihre Bewegungen wirkten gleichzeitig schwerfällig. Immer wieder brauchte sie kurze Momente, um ihr Gewicht neu zu verlagern. Als eines der Beine an ihr vorbeischoss, schlug Leyla mit dem Schwert zu. Die Klinge traf den Panzer. Ein grelles Geräusch hallte durch den Wald. Funken sprühten auf. Das Bein blieb unversehrt. „Scheiße!" Sie taumelte zurück und umklammerte den Griff fester. „Das bringt überhaupt nichts!" Die Arachne kreiste langsam um sie herum, die Äste und Wurzeln knirschten unter den Beinen. Zwischen den Stämmen spannten sich dicke Netze durch die Dunkelheit, manche so groß wie Segel. Knochenreste lagen zwischen feuchtem Moos und klebrigen Fäden verstreut. Dieser gesamte Teil des Waldes war das Jagdgebiet der Kreatur. Und Leyla stand mitten darin. Die Spinne stürmte erneut los. Leyla wich aus – diesmal sauberer, schneller, fast schon instinktiv. „Sie ist groß… aber nicht besonders beweglich." Die Arachne war brutal und schnell, doch ihre Größe machte enge Richtungswechsel schwierig. Leyla biss die Zähne zusammen und zwang sich weiterzudenken, obwohl ihr gesamter Körper vor Angst zitterte. Gleichzeitig verfluchte sie Liam innerlich mit wachsender Inbrunst. „Ich wusste doch, dass ich ihm nicht trauen sollte! Dieser verdammte Elf lässt mich einfach allein!" Für einen kurzen Moment sah sie ihn vor sich – entspannt auf einem Ast sitzend, köstlich amüsiert. Der Gedanke machte sie nur noch wütender. Aber genau diese Wut half ihr, klarer zu denken. Ihre Augen huschten fieberhaft über die Lichtung. Netze zwischen den Stämmen, dicht und silbrig im Licht der Kugel. Der Boden voller Wurzeln, Gestrüpp und alter Knochenreste. Dann blieb ihr Blick an etwas hängen. Ein massiver Baumstamm ragte einige Meter entfernt aus dem Boden auf. Breit. Alt. Stabil. -------------------------------------------------------------------------- Langsam bewegte Leyla sich vor den massiven Baumstamm. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der vorherige. Ihre Hände umklammerten das Schwert so fest, dass ihre Finger schmerzten, ihr Atem ging hektisch und unregelmäßig. Kalter Schweiß lief ihr über den Rücken, während der Schmerz des Aufpralls noch immer durch ihren Körper pulsierte. Trotzdem zwang sie sich weiter. Vor ihr bewegte die Arachne sich langsam durch die Dunkelheit der Lichtung. Das silbrige Licht der schwebenden Kugel glitt über ihren schwarzen Panzer und ließ die langen, behaarten Beine glänzen. Zwischen den Stämmen schimmerten die Netze wie feuchte Fäden aus Glas. Die acht schwarzen Augen ruhten ununterbrochen auf Leyla. Beobachtend. Abwartend. Als würde die Kreatur ganz genau wissen, dass Leyla, ihre Beute, langsam schwächer wurde. Leylas Beine zitterten leicht. Trotzdem hob sie das Schwert wieder höher und stellte sich direkt vor den Stamm. „Komm schon…" flüsterte sie. Die Arachne bewegte sich auf sie zu. Langsam. Bedrohlich. Das Knacken ihrer Beine auf Ästen und Wurzeln hallte unnatürlich laut durch die Stille. Speichel tropfte aus ihrem Maul und zischte leicht, sobald er den Boden berührte. Sie spannte die Beine an und zwang sich, stehen zu bleiben. „Warte…" Ihr Herz schlug so laut, dass sie kaum noch etwas anderes hörte. Die Arachne hob ihren Vorderkörper an. Die Fangzähne öffneten sich. ,,JETZT!’’ Mit einem verzweifelten Schrei warf Leyla sich zur Seite. Die Arachne reagierte zu spät. Mit voller Geschwindigkeit raste der gigantische Körper direkt gegen den massiven Baumstamm. Das Krachen hallte durch den gesamten Wald. Der Boden vibrierte unter Leyla, Holz splitterte und mehrere Äste brachen knirschend auseinander. Die Wucht des Aufpralls ließ den Stamm erzittern. Noch während die Kreatur benommen gegen den Baum gedrückt war, wirbelte sie herum und stieß ihr Schwert mit aller verbliebenen Kraft nach vorne. Die Klinge drang tief in den Kopf der Arachne ein. Ein schrilles, markerschütterndes Kreischen zerriss die Nacht. Blaues Blut schoss hervor und spritzte über Leylas Arme, ihre Kleidung, ihr Gesicht. Warm. Dickflüssig. Ekelerregend. Sie taumelte rückwärts. Ihre Beine gaben nach. Hart fiel sie auf den kalten Waldboden. Keuchend blieb sie dort sitzen und starrte die Kreatur an. Ihr ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung. Ihre Kleidung war in Schweiß getränkt, ihre Haare klebten in ihrem Gesicht, und jeder Atemzug brannte in ihrer Brust. Vor ihr lag die Arachne regungslos zwischen zerbrochenen Ästen und aufgewühlter Erde. Nur einzelne Beine zuckten noch leicht. „Hab ich's geschafft…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Keine Bewegung. Kein Kreischen. Langsam breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus. Echte, überwältigende Erleichterung. „Ich hab's geschafft…" murmelte sie ungläubig. Dann begann sie zu lachen. Erst leise, dann lauter, euphorisch vor Erleichterung. Leyla riss die Arme hoch und schrie in die Dunkelheit des Waldes: „ICH HAB'S GESCHAFFT!" Ihre Stimme hallte zwischen den Bäumen wider und scheuchte irgendwo in der Ferne Vögel auf. Leyla grinste erschöpft vor sich hin. Dann dachte sie an Liam. Bei dem Gedanken verzog das Gesicht. „Wenn ich diesen dämlichen Elf wiedersehe", beschloss sie schwer atmend, „schlage ich ihm dieses arrogante Grinsen aus dem Gesicht." In genau diesem Moment traf sie etwas mit voller Wucht im Rücken. -------------------------------------------------------------------------- Sie wurde brutal nach vorne geworfen und hart auf den Boden gedrückt. Ein stechender Schmerz explodierte in ihrer linken Schulter. Lange, gebogene Fangzähne bohrten sich tief in ihr Fleisch. Leyla schrie auf. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Panisch drehte sie den Kopf – und erstarrte. Die Arachne lebte noch. Das Schwert steckte tief in ihrem Kopf, und trotzdem blickten die schwarzen Augen Leyla noch immer an – voller Hunger, voller Gier, unvermindert. Der Anblick ließ ihr den Atem stocken. Es breitete sich ein Kribbeln von ihrer Schulter aus. Erst leicht, dann stärker. Heiß. Brennend. Es fühlte sich an, als würde flüssiges Feuer durch ihre Adern strömen. Ihre Finger wurden taub, ihre Arme schwer, und langsam begann ihr Körper nicht mehr richtig auf sie zu hören. „Nein… nein…" Ihr Atem wurde flach und hektisch. Sie versuchte sich zu bewegen, doch ihre Kraft verschwand zu schnell. Tränen liefen ihr unkontrolliert über das Gesicht. „Ich will nicht sterben…" Ihre Stimme brach mitten im Satz. „Bitte… irgendjemand…" Plötzlich flammte grelles Licht zwischen den Bäumen auf. Hitze breitete sich explosionsartig aus. Das Gewicht der Arachne verschwand abrupt von ihrem Rücken. Ein schrilles Kreischen hallte durch den Wald, begleitet vom Geruch verbrannten Fleisches. Zwischen verschwommener Dunkelheit und flackerndem Licht erkannte Leyla eine vertraute Gestalt. Liam. In seiner Hand brannte ein glühender Feuerball, dessen orangefarbenes Licht die gesamte Lichtung erhellte. Flammen spiegelten sich in seinen grünen Augen, während Rauch langsam zwischen den Stämmen aufstieg. Er trat näher, betrachtete erst die tote Arachne, dann Leyla. Er grinste. „Okay", meinte er trocken, „das war ziemlich passabel." Leyla wollte ihm sofort irgendetwas an den Kopf werfen. Oder ihn schlagen. Oder beides. Doch ihr Körper war viel zu schwer an. Liam ging vor ihr in die Hocke. „Du hast dich wirklich gut geschlagen", sagte er diesmal deutlich ruhiger. „Die meisten Leute hätten gegen so ein Ding nicht mal eine Minute überlebt." Er deutete kurz auf die Arachne. „Aber kleiner Tipp fürs nächste Mal: Wenn ein Monster noch zuckt, solltest du lieber noch nicht anfangen zu feiern." Leyla starrte ihn erschöpft an. „Du bist so ein Arsch…" murmelte sie schwach. Liam legte vorsichtig eine Hand auf ihre verletzte Schulter. Direkt begann wieder das warme weiße Leuchten aufzuflackern – Heilmagie, die durch ihren Körper floss. „Na super…" Ihre Gedanken wurden bereits langsamer. „Jetzt bin ich schon wieder auf ihn angewiesen…" Das Letzte, was sie wahrnahm, war Liams verschwommenes Gesicht im flackernden Schein der Flammen. Dann wurde alles schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Liam blieb noch einen Moment neben der toten Arachne stehen und betrachtete die Kreatur schweigend. Das Licht seiner Magie flackerte über den dunklen Panzer des Monsters und ließ das blaue Blut auf dem Waldboden beinahe schwarz wirken. Der süßlich-verbrannte Geruch hing schwer zwischen den Bäumen – vermischt mit Rauch, feuchter Erde und dem säuerlichen Gestank der Netze. Langsam griff Liam nach dem Schwert, das noch immer tief im Kopf der Arachne steckte. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Klinge heraus. Kurz betrachtete er die Waffe. Eine einfache Klinge. Nichts Besonderes – kein Zauber, keine Runen, kein besonderer Stahl. Und trotzdem hatte Leyla damit eine ausgewachsene Arachne besiegt. Ein leichtes Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Dafür, dass du keine Ahnung hast, was du tust, war das ehrlich gesagt ziemlich gut." Natürlich konnte sie ihn nicht hören. Bewusstlos lag Leyla einige Schritte entfernt zusammengesunken am Boden. Ihre Kleidung war voller Erde, Schweiß und blauem Blut, einzelne Haarsträhnen klebten feucht an ihrem Gesicht. Selbst im Schlaf wirkte sie noch angespannt – als würde ihr Körper auch unbewusst nicht loslassen. Liam kniete sich kurz neben sie und befestigte das Schwert wieder an ihrem Gürtel. Sie hatte die Situation wirklich erstaunlich gut gelöst. Vorsichtig hob Liam sie schließlich hoch und legte sie über seine Schulter – behutsam, damit ihre gerade erst geheilte Schulter nicht zusätzlich belastet wurde. Das Gift der Arachnen war unangenehm, aber nichts wirklich Gefährliches. Zumindest nicht für jemanden mit Heilmagie. Die Lähmung würde nachlassen. Trotzdem war er erleichtert, dass sie sich nicht ernsthafter verletzt hatte. Langsam begann Liam weiterzugehen und verließ die Lichtung. Während er durch den dunklen Wald lief, musste er immer wieder über zerrissene Netze, abgetrennte Beine und tote Körper steigen. Zwischen den Stämmen lagen mehrere verbrannte Arachnen – manche zusammengesackt zwischen Wurzeln, andere halb verkohlt gegen Baumstämme gelehnt, als wären sie dort einfach eingeschlafen. Der Geruch von verbranntem Chitin hing schwer in der Luft. Liam legte leicht den Kopf schief und ließ den Blick beiläufig über das Chaos wandern. ,,Wie viele habe ich wohl erledigt?’’ fragte er in den Wald hinein. Kurz dachte er darüber nach. Dann zuckte er nur mit den Schultern und ging weiter.
- Kapitel 7 - Der Wald der Spinnen
[???] „Na, alles gut da unten?" Leyla hob ruckartig den Kopf. Am Rand des Kraters kniete ein Mann und blickte zu ihr hinunter. Hinter ihm bewegten sich die Baumwipfel leicht im Wind, während Sonnenlicht zwischen den Ästen hindurchfiel und sein Gesicht teilweise beleuchtete. Er hatte zerzauste blonde Haare, eine grüne Jacke mit mehreren Rissen im Stoff und… Spitze Ohren. Leyla starrte ihn an. Für einen kurzen Moment verdrängte die Überraschung sogar den pochenden Schmerz in ihrem Fuß. „Bist du ein Elf?" Die Frage platzte direkt aus ihr heraus. Der Mann zog leicht eine Augenbraue hoch und musterte sie mit unverhohlener Neugier. Dann erschien ein schiefes, offensichtlich amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht. „Was soll ich denn sonst sein?" Leyla blinzelte ein wenig eingeschüchtert. Natürlich kannte sie Elfen, nicht nur aus dem Buch, das sie in der Taverne gelesen hatte, sondern auch aus den Serien und Spielen ihrer eigenen Welt. Aber tatsächlich einem zu begegnen fühlte sich vollkommen anders an. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, sprang der Elf mit erstaunlicher Leichtigkeit in den Krater hinab. Er fing den Aufprall sauber ab und richtete sich sofort wieder auf, als wäre die Höhe nichts Besonderes. Dann trat er näher heran und ging vor ihr in die Hocke. „Ich bin Liam", sagte er ruhig. „Und? Alles gut bei dir?" Er wirkte leicht außer Atem, doch Leyla achtete kaum darauf, da der Schmerz zurückkam. „Ich bin abgerutscht", erklärte sie und versuchte, das Pochen in ihrem Fuß zu ignorieren. „Ich glaube, er ist gebrochen." Liam warf einen kurzen Blick auf die Verletzung. „Ja", meinte er trocken. „Das sieht definitiv gebrochen aus." Dann hob er den Blick wieder zu ihr. ,,Ich wollte aber wissen, ob es dir gut geht.’’ Darauf stieg ihr die Hitze ins Gesicht. „Naja, beschissen vielleicht?" entgegnete sie gereizt. „Ich sitze in einem Loch fest und ich kann nicht aufstehen." Leyla wollte noch etwas hinzufügen – brach jedoch ab, als ein weiterer Schmerzstoß durch ihr Bein zog. Sie presste kurz die Lippen zusammen und atmete zittrig aus. „Kannst du mir bitte helfen?" Der Wald um sie herum war wieder still geworden, nur das Rascheln der Blätter und das entfernte Rufen eines Vogels waren zu hören. Zwischen den hohen Felsen des Kraters fühlte Leyla sich plötzlich unangenehm klein. Liam verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Klar kann ich dir helfen", sagte er. „Aber dann hätte ich gern was dafür." Dabei grinste er plötzlich breit. Leyla fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Was meinte er damit? Sie hatte kaum Geld. Keine Wertgegenstände, nichts wirklich Nennenswertes. Und trotzdem hatte sie gerade keine wirkliche Wahl. Langsam blickte sie wieder zu ihm auf. „Was willst du denn?" Ihre Stimme klang angespannt, deutlich vorsichtiger als zuvor. Liams Grinsen wurde nur noch breiter. Dann beugte er sich langsam näher zu ihr herunter. Viel näher. Leyla hielt unwillkürlich den Atem an, ihr Herz begann schneller zu schlagen, während seine grünen Augen sie aufmerksam musterten. Erst jetzt bemerkte sie die Wassertropfen in seinem Haar, die durchnässten Stellen an seiner Jacke. „Ich will …" begann Liam leise. Leylas Körper spannte sich reflexartig an. „… deinen Namen.“ -------------------------------------------------------------------------- Leylas Lippen öffneten sich leicht, doch zunächst brachte sie kein Wort heraus. Verwirrt sah sie Liam an, während der pochende Schmerz in ihrem Fuß weiter durch ihr Bein zog und ihr langsam Schweiß über den Rücken lief. „Meinen Namen?" Liam nickte entspannt. Noch immer lag dieses lockere, freche Grinsen auf seinem Gesicht. „Ja, deinen Namen", antwortete er ruhig. „Du kennst meinen schließlich schon. Da wäre es doch irgendwie unfair, wenn ich deinen nicht kenne." Leyla musterte ihn skeptisch. Gerade eben hatte sie noch mit etwas deutlich Schlimmerem gerechnet. „Leyla", sagte sie schließlich leise. Für einen kurzen Moment veränderte sich Liams Gesichtsausdruck. Es war nur eine kleine Regung, kaum merklich, doch Leyla bemerkte es trotzdem. Allerdings schmerzte ihr Fuß inzwischen so stark, dass sie kaum die Kraft hatte, darüber nachzudenken. Dann lächelte er wieder. „Leyla", wiederholte er ruhig. „Gefällt mir." Noch bevor sie darauf reagieren konnte, kniete er sich neben sie und griff vorsichtig nach ihrem verletzten Fuß. Reflexartig spannte Leyla sich an – doch dann begann ein sanftes weißes Leuchten seine Hand zu umhüllen. Das Licht wirkte nicht grell oder bedrohlich. Eher warm. Ruhig. Es breitete sich langsam über ihren geschwollenen Fuß aus und ließ die Haut leicht golden schimmern, während eine wohlige Wärme tief durch ihr Bein wanderte, bis in die Knochen hinein. Ungläubig starrte Leyla auf das Leuchten. Nach wenigen Sekunden verblasste es wieder – als wäre es nie da gewesen. Und mit ihm verschwand der Schmerz. Abrupt. Vollständig. Leylas Augen weiteten sich. Vorsichtig bewegte sie den Fuß erst ein kleines Stück, dann stärker. Nichts. Kein Ziehen, kein Stechen, kein dumpfes Pulsieren mehr. Verwirrt tastete sie die Stelle ab, die eben noch verdreht und geschwollen gewesen war. „So", meinte Liam beiläufig und richtete sich wieder auf. „Damit solltest du wieder laufen können." Er sprach davon, als hätte er gerade eine Kleinigkeit erledigt. Leyla hingegen sah ihn weiterhin fassungslos an. „Das war wirklich Magie…" „Danke", sagte sie schließlich. „Wirklich." Liam winkte locker ab. „Schon gut. War ja nichts Großes." Dann sah er sie neugierig an. „Und was jetzt? Wohin reisen wir eigentlich?" Leyla runzelte leicht die Stirn. Die Frage kam unerwartet. Langsam stand sie auf und musterte ihn dabei genauer. Trotz seiner zerrissenen, noch immer teilweise feuchten Kleidung wirkte Liam erstaunlich entspannt. Einzelne blonde Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn, und trotzdem hatte er diese lockere Haltung. Genau das machte Leyla misstrauisch. Er wirkte freundlich. Vielleicht sogar charmant. Aber irgendetwas an ihm fühlte sich seltsam an. Sie streckte ihm dennoch die Hand entgegen. „Ich bin dir wirklich dankbar", sagte sie vorsichtig. „Aber ich glaube, ich würde lieber alleine weiterreisen." Liam sah sie einen kurzen Moment überrascht an. Dann zuckte er lediglich mit den Schultern. „Na gut." Noch bevor Leyla weiter darüber nachdenken konnte, sprang er mit einer fließenden Bewegung aus dem Krater. Die Höhe schien ihn dabei überhaupt nicht zu interessieren. Oben angekommen blickte er noch einmal zu ihr hinunter. „Dann wünsche ich dir viel Glück, Leyla." Kurz darauf verschwand er aus ihrem Sichtfeld. Leyla blieb noch einige Sekunden regungslos stehen, dann hob sie langsam den Blick nach oben. Erst jetzt, da sie allein war, wurde ihr richtig bewusst, wie tief dieses Loch eigentlich war. Bestimmt fünf Meter. Mit einem leisen Seufzen trat sie an die Wand heran und betrachtete sie genauer. Die Erde wirkte seltsam glatt abgeschnitten, beinahe künstlich – fast so, als hätte jemand ein riesiges Stück aus dem Boden ausgestanzt. Wie mit einer gigantischen Keksform. Vorsichtig drückte Leyla die Finger gegen die Wand. Die Erde war weich genug, um kleine Tritte hineinzugraben. Nach kurzem Überlegen begann sie sich langsam nach oben zu arbeiten. Die Erde bröckelte mehrfach unter ihren Händen weg, mehr als einmal rutschte ihr Fuß gefährlich ab – doch schließlich zog sie sich keuchend über den Rand. Kaum richtete sie sich auf, blieb sie abrupt stehen. Liam war gar nicht gegangen. Ganz entspannt lag er auf einem flachen Stein einige Meter entfernt in der Sonne, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als würde er dort einfach nur das Wetter genießen. Hinter ihm rauschte der Wald im Wind, und zwischen den hohen Stämmen tanzten helle Lichtflecken auf dem Boden. Liam öffnete leicht ein Auge und grinste provokant. „Wenn du dem Weg weiter folgst, kommst du übrigens ins Gebiet der Arachnen." Leyla blinzelte irritiert. „Was?" „Arachnen", wiederholte Liam ruhig. „Große Spinnen." Er machte eine kurze Pause. „Sehr große Spinnen." Sofort lief ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Liam setzte sich langsam auf und streckte sich zufrieden. „Ich hoffe wirklich, du hast keine Angst vor Spinnen." Sein Blick wirkte dabei verdächtig belustigt – fast so, als hätte er genau auf diese Reaktion gewartet. Leyla rieb sich genervt über das Gesicht. „Okay", murmelte sie schließlich. „Von mir aus können wir ein Stück zusammen reisen." Sofort sprang Liam vom Stein. „Sehr vernünftige Entscheidung." Gemeinsam gingen sie den Waldweg entlang. Während Liam entspannt neben ihr herschlenderte, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, beobachtete Leyla ihn aus dem Augenwinkel. ,,Irgendwie wirkt er erleichtert…’’ dachte Leyla. -------------------------------------------------------------------------- Trotz ihrer Entscheidung, gemeinsam weiterzureisen, vertraute Leyla Liam noch immer nicht wirklich. Irgendetwas an ihm ließ sie nicht zur Ruhe kommen. War es diese lockere Art, mit der er jede Situation behandelte, als würde ihn nichts ernsthaft beunruhigen? Während sie nebeneinander den Waldweg entlangliefen, musterte Leyla ihn diesmal genauer. Seine grüne Kleidung wirkte wie eine Uniform – robust und praktisch, allerdings an mehreren Stellen aufgerissen und verschmutzt. Seine Arme zeigten feine Kratzer, manche frisch, manche älter, und an seiner Hose klebten Schlamm und dunkle Flecken, die Leyla lieber nicht genauer identifizieren wollte. Dann blieb ihr Blick an einem Emblem auf seiner Jacke hängen. Es zeigte einen grauen Drachenkopf mit geschlossenem Maul. „Was ist das für ein Zeichen?" fragte sie neugierig. Liam warf nur einen kurzen Blick darauf. „Das Wappen einer Adelsfamilie. Es zeigt einen Graudrachen." Sofort leuchteten Leylas Augen auf. „Moment mal… gibt es hier wirklich Drachen?" Die Worte kamen schneller heraus, als sie eigentlich wollte. „Also echte Drachen?" Allein die Vorstellung begeisterte sie. Leyla hatte Drachen schon immer geliebt – als Kind hatte sie Bücher über sie verschlungen, Filme geschaut und sogar ein Drachenkuscheltier besessen. Kurz runzelte sie die Stirn. „Oder war das damals gar nicht meins?" Die Erinnerung fühlte sich seltsam verschwommen an. Sie verdrängte den Gedanken. Liam schmunzelte leicht über ihre Reaktion. „Natürlich gibt es Drachen. Sie gehören zu den mächtigsten Wesen dieser Welt." „Und sie können wirklich fliegen? Feuer speien und sowas?" „Manche schon." Er zuckte locker mit den Schultern. Leylas Neugier wuchs durch die knappen Antworten nur noch weiter. Diese Welt überraschte sie immer wieder. Dann fiel ihr plötzlich ein Abschnitt aus dem Buch in der Taverne ein. „Stimmt es eigentlich, dass Drachen die Kinder von Kamera sind?" Liam blieb abrupt stehen. Dann prustete er los. „Die Kinder Kameras?" Er schüttelte lachend den Kopf. „Wo hast du denn bitte sowas her? Drachen sind keine Tiere. Auch keine Monster. Sie sind intelligent – wahrscheinlich intelligenter als wir." Leyla verschränkte leicht die Arme. „Aus einem Buch." „Ah." Sein Grinsen wurde breiter. „Dann wundert es mich nicht." Noch während er sprach, stieß er ihr leicht gegen die Schulter. „Nein. Drachen sind definitiv nicht ihre Kinder." Dann kratzte er sich kurz nachdenklich am Kopf. „Aber… manche Leute beten sie genauso an, wie die Kameristen Kamera.’’ „Wie meinst du das?" „Im Elfenkönigreich Astaris gibt es die Drachenkirche", erklärte Liam, während sie weitergingen. „Die glauben an die drei Urdrachen Jade, Juka und Idaka." Leyla blinzelte überrascht. „Die Drachenkirche klingt ehrlich gesagt ziemlich cool." „Bis sie anfangen, dir stundenlang ihre Geschichten zu erzählen." „Also ist sie wie jede andere Religion?" Liam sah sie kurz überrascht an. Dann musste er lachen. Je länger sie miteinander sprachen, desto mehr veränderte sich der Wald um sie herum. Die Bäume standen inzwischen deutlich dichter beieinander, ihre dunklen Kronen verschluckten fast das gesamte Licht der untergehenden Sonne. Wurzeln ragten wie verdrehte Finger aus dem Boden, und zwischen den Stämmen hing stellenweise feuchter Nebel, der sich um die Äste wand wie feuchter Atem. Die Luft wurde schwerer. Still. Bedrückend. Das Zwitschern der Vögel war längst verstummt, und selbst der Wind schien nur noch gedämpft durch die Äste zu streichen. Stattdessen hörte Leyla immer wieder leises Rascheln irgendwo zwischen den Stämmen – kurz, kaum greifbar, immer woanders. Der Wald fühlte sich nicht mehr friedlich an. „Und hier gibt es wirklich Riesenspinnen?" fragte sie schließlich vorsichtig. Allein die Vorstellung sorgte dafür, dass sich ihr Magen zusammenzog. Gegen normale Spinnen hatte sie nie wirklich etwas gehabt. „Arachnen", korrigierte Liam beiläufig. „Und ja, die gibt es." Dann grinste er leicht. „Solange wir nicht in ihre Netze laufen oder ihnen zu nahe kommen, passiert normalerweise nichts." Leyla blieb kurz stehen. „Normalerweise?" „Ach, entspann dich." Während sie weiterliefen, verschwand das letzte Tageslicht endgültig hinter dem Horizont. Zwischen den dichten Baumkronen wurde es zunehmend dunkler, bis Leyla kaum noch erkennen konnte, wo genau der Weg verlief. Bei Nacht wirkte er vollkommen anders – die Schatten zwischen den Bäumen erschienen tiefer, dichter und irgendwie lebendig. Immer wieder glaubte Leyla Bewegungen zwischen den Ästen zu erkennen, nur damit dort beim zweiten Blick doch nichts war. Liam hatte ihr erklärt, dass sie in diesem Teil des Waldes auf keinen Fall schlafen sollten. Also mussten sie weitergehen. Plötzlich flammte helles Licht auf. Leyla zuckte zusammen und hob reflexartig den Arm vor die Augen. Einige Meter über ihnen schwebte eine weiße Lichtkugel durch die Dunkelheit und tauchte den Wald in einen silbrigen Schimmer. Das Licht spiegelte sich auf feuchten Blättern und ließ den Nebel zwischen den Stämmen beinahe geisterhaft wirken. Leyla starrte nach oben. „Hast du die erschaffen?" In ihrer Stimme lagen gleichzeitig Staunen und offene Erleichterung. „Jap", antwortete Liam vollkommen beiläufig. „Im Dunkeln durch diesen Wald zu laufen wäre ziemlich dumm." Dann grinste er leicht zu ihr hinüber. „Oder wäre es dir lieber gewesen, wenn ich dein Zittern nicht sehen könnte?" Leyla seufzte genervt. „Du genießt das viel zu sehr." „Vermutlich." Leyla verdrehte die Augen. Trotzdem musste sie innerlich leicht schmunzeln. Je länger sie mit Liam unterwegs war, desto mehr erinnerte er sie an einen ihrer ehemaligen Kommilitonen. Dieselbe lockere Art. Dieselben provokanten Kommentare. Dieses ständige Bedürfnis, andere aus dem Konzept zu bringen. „Ob wir uns in meiner Welt verstanden hätten?" — KNACK — Das Geräusch kam irgendwo über ihnen aus den Baumkronen. Leyla erstarrte sofort. Langsam hob sie den Blick in die Dunkelheit zwischen den Ästen. Ihr Herz begann augenblicklich schneller zu schlagen. Sie konnte nichts erkennen. Zwischen den schwarzen Kronen bewegte sich irgendetwas. Oder zumindest glaubte sie das. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus, langsam, hartnäckig. „Hast du das auch gehört?" flüsterte sie und trat unbewusst einen kleinen Schritt näher zu Liam. Ihre Stimme zitterte leicht.



