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- Kapitel 40 - Der Atem des Abgrunds
Vorsichtig, Stufe für Stufe, kletterten die Vier in den dunklen Abgrund. Die Luft war dick und schwer, erfüllt von dem strengen Geruch nach Moder und abgestandenem Wasser, der Leylas das Atmen erschwerte. Sie begann leicht zu zittern, während es mit jedem weiteren Schritt kühler wurde. Als sie schließlich am Fuß der Treppe ankamen, erhellte die Kugel einen kleinen Raum. In den dunklen Ecken unter der Decke spannten sich dichte Spinnenweben wie filigrane Vorhänge, während die alten Holzkisten, von der Feuchtigkeit aufgequollen, verstreut auf dem unebenen Steinboden lagen. Das, was Leylas Aufmerksamkeit erregte, war jedoch etwas anderes. Die Holztür gegenüber der Treppe übte eine besondere Anziehungskraft auf sie aus. War es der rote Pfeil, der ihren Blick fesselte, oder das fahle Licht, das wie ein Versprechen – oder eine Warnung – unter dem Spalt hervorsickerte? ,,Wahrscheinlich ist das Kreuz nicht in diesem Raum, sondern hinter der Tür, oder?’’ fragte Leyla den Zwerg. ,,Stimmt, ich denke, der Pfeil ist von unserem Auftraggeber. Lass uns vorsichtig bleiben, ich gehe vor.’’ Er wollte gerade die Tür öffnen, als Liam sich vor ihn schob. ,,Hier könnten Fallen sein. Lass mich vorgehen!’’ sagte Liam und warf Fer einen entschlossenen Blick zu. Fer zögerte, seine Augen verengten sich, doch schließlich nickte er widerwillig, seine Lippen zu einer schmalen Linie gepresst. Vorsichtig öffnete Liam die alte Tür, die mit einem, den ganzen Raum füllenden, Knarren aufschwang. Während Liam den Boden und die Wände nach Fallen absuchte, blickte Leyla über seine Schulter. Vor ihnen erstreckte sich ein schmaler, beklemmender Gang, dessen Wände aus kaltem, feuchtem Stein bestanden. An der Decke waren in regelmäßigen Abständen gläserne Kugeln befestigt, von denen etwas Licht die Dunkelheit vertrieb. Die Glaskugeln kamen Leyla bekannt vor, aber sie konnte nicht zuordnen, woher. ,,Solche Magie habe ich noch nie gesehen’’, flüsterte Fer leise. Dann fügte er hinzu: ,,Nein, das sieht überhaupt nicht wie Magie aus…’’ ,,Hier sind keine Fallen.’’ unterbrach ihn Liam und gab seinen Freunden das Zeichen, ihm vorsichtig zu folgen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Huch!?’’ rief Leyla, als ihr ein einzelner, kalter Wassertropfen auf die Wange tropfte und sie zusammenfahren ließ. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, und sie schluckte schwer, um das Unbehagen zu vertreiben. ,,Pass auf, das Wasser hat dich erwischt!’’ rief Liam mit einem Grinsen, doch als er den ernsten Blick von Fer sah, strafften sich seine Gesichtszüge erneut. Leyla merkte, wie sie errötete, doch auch sie richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf die Umgebung. ,,Was wohl hinter der nächsten Tür ist?’’ Liam hatte bereits begonnen, die Tür nach Fallen abzusuchen, während Roxy Leyla etwas zur Seite nahm: ,,Wie geht es dir? Wenn es dir zu viel wird, können wir jederzeit umdrehen.’ ,,Alles gut, du musst dir keine Sorgen um mich machen. Ich schaff das!’’ verkündete Leyla. Sie wollte ihrer Gruppe kein Klotz am Bein sein. Sie wollte nicht, dass sich Roxy um sie extra Sorgen machte. Liam tastete die Tür sorgfältig ab, bevor er leise murmelte: ,,Keine Drähte, keine magischen Siegel… zumindest nichts, was ich erkennen kann.’’ Dann sah er zu den anderen: ,,Es sieht sicher aus.’’ Dann drüchte er langsam die Türklinke nach unten. Die Tür öffnete sich leise und schwang ganz leicht auf. Auf der anderen Seite offenbarte sich ihnen ein riesiger Raum. ,,Was ist das hier für ein Keller? Das sieht eher wie ein Thronsaal oder eine Kathedrale aus…’’ stellte Roxy fest. Der Raum war fast einhundert Meter lang und dreißig Meter breit. Am anderen Ende des Raumes befanden sich einige Stufen, an deren Ende eine Art Vitrine lag, in der eine Kette mit einem Kreuz dran zu sehen war. ,,Das muss die Kette sein’’, flüsterte Fer leise. Die kunstvollen Verzierungen an den Wänden wirkten wie Reliefs einer vergessenen Ära, und das flackernde Licht der Fackeln, die am Boden vor den Wänden standen, tauchte den Raum in ein fast überirdisches Glühen. ,,Wie können hier Fackeln brennen? Es sollte doch seit Ewigkeiten niemand mehr hier gewesen sein…’’ flüsterte Leyla ehrfurchtsvoll. ,,Das sind magische Lichter. Die brennen so lange, wie sich derjenige, der sie entzündet hat, in der Nähe befindet.’’ Liams Stirn runzelte sich, während er den Raum nach der Person absuchte, die das Feuer mit Mana speiste. ,,Das gefällt mir nicht, wir sollten umkehren…" murmelte Fer und begann, sich langsam in Richtung Ausgang zu bewegen. Sein Blick huschte rastlos von einer Fackel zur nächsten, und seine Schritte waren so vorsichtig, dass man beinahe die Anspannung in der Luft hören konnte. Ein leises Knacken hallte durch den Raum, und für einen Moment schien die Zeit stillzustehen. Dann hörten sie es – ein Brüllen, so tief und mächtig, dass die Luft selbst zu vibrieren schien. Leyla gefror das Blut in den Adern. -------------------------------------------------------------------------- — ROOOAAAAAR — Der ganze Saal bebte, und einige Kiesel lösten sich aus der Decke, regneten, begleitet von dichten Staub- und Erdwolken, auf den Boden herab. Der dumpfe Klang des herabfallenden Gesteins hallte in der gewaltigen Halle wider, vermischt mit dem schrillen Echo des Brüllens. Die Staubwolke verdeckte Leyla die Sicht vollständig. Ein stechender, trockener Geruch stieg ihr in die Nase, und sie spürte, wie sich feine Staubpartikel in ihrer Kehle festsetzten. Ihre Gedanken überschlugen sich: ,,Was war das? Ein Monster?’’ Panik stieg in ihr auf, als sie realisierte, dass sie ihre Gefährten aus den Augen verloren hatte. „Fer! Liam! Roxy!“ schrie sie, doch ihre Stimme wurde von der überwältigenden Stille nach dem Brüllen verschluckt. Kein Echo, keine Antwort. Leyla verbarg ihr Gesicht in der Kapuze ihres Mantels, um sich vor dem herabfallenden Staub zu schützen, und wartete einen Moment. Ihr Herz pochte unkontrolliert, jeder Schlag ein Trommeln gegen ihre Rippen. Als sie den Stoff senkte, konnte sie schemenhaft ihre Begleiter ausmachen. Ihre Umrisse flackerten im Licht der magischen Fackeln, die trotz des Chaos unermüdlich brannten. Leyla atmete erleichtert auf, doch ihre Erleichterung verwandelte sich sofort in kalten Schrecken, als ihr Blick auf das fiel, was sich hinter ihren Gefährten auftürmte. Durch den immer noch schwebenden Staub sah sie nur Umrisse, doch sie wusste sofort, was dieses markerschütternde Brüllen ausgestoßen hatte. Das Monster hatte glänzende, braune Schuppen, die wie poliertes Metall in dem tanzenden Licht schimmerten. Sein Maul war gespickt mit Reißzähnen, scharf wie Dolche, und schwere Flügel spannten sich wie gewaltige Segel über den Raum. Aus seinen rot glühenden Augen funkelte eine Intelligenz, die beinahe noch beängstigender war als seine Gestalt. Die Hitze, die von seinem Körper ausging, war drückend – als hätte jemand ein Schmiedefeuer in der Halle entfesselt. Die gewaltigen Pranken des Biests, jede von der Größe eines ausgewachsenen Pferdes, gruben sich in den Boden, und der tiefe, gleichmäßige Atem des Monsters ließ Leylas Herz für einen Moment stillstehen. ,,Ei- Ein Drache…’’ keuchte Leyla, ihre Augen weit aufgerissen. Sie wusste, dass Drachen gefährlich waren. Sie wusste, dass sie äußerst mächtig waren. Und sie wusste, dass das Leben ihrer Gruppe für dieses Wesen den gleichen Wert hatte wie ein Käfer unter ihrem eigenen Schuh. Der Staub legte sich allmählich, und Leyla sah die Reaktionen ihrer Freunde. Roxy hielt ihr Schwert mit bebenden Händen, und selbst Liam, der sonst immer einen lockeren Spruch auf den Lippen hatte, war sichtlich blass. Fer hingegen stand wie ein Fels, seine Augen verengt, seine Streitaxt bereit. Zum ersten Mal konnte Leyla den Drachen in seiner vollen Pracht sehen. Trotz der Gefahr, die von ihm ausging, war er von einer unfassbaren Schönheit. Die braunen Schuppen schimmerten wie Edelsteine, und die prächtigen Flügel erinnerten an die Segel eines gigantischen Schiffes, doch mit einer Eleganz, die jedes Menschenwerk übertraf. Der Raum strahlte eine unbeschreibliche Schönheit aus. Das Spiel der magischen Lichter auf den verzierten Wänden verlieh dem Ort eine majestätische Aura, die nur vom gewaltigen Drachen übertroffen wurde. Seine Präsenz war ein atemberaubender Anblick, der Ehrfurcht und Schrecken zugleich hervorrief. Liam und Roxy hatten mittlerweile ihre Waffen gezogen und standen nun an Leylas Seite, bereit, das Schlimmste zu überstehen. ,,Was habe ich getan? Wo habe ich uns hingeführt? Das ist alles meine Schuld…’’ Leyla biss sich auf die Lippen, während ihr diese Gedanken durch den Kopf schossen. Sie hatte ihre Freunde zu diesem Auftrag gedrängt, hatte gehofft, sich beweisen zu können Sie hatte gehofft, dass sie sich im Kampf beweisen würde. Doch ein Drache? Das war zu viel… Das Maul des Drachen öffnete sich und sie konnte erkennen, wie sich ein Ball aus Flammen in seinem Schlund formte. ,,Das wars. Wir sind tot…’’ Sie war wie gelähmt, unfähig, sich zu bewegen. Tränen traten ihr in die Augen, doch plötzlich riss ein Schrei sie aus ihrer Starre. ,,BLEIBT IN DER FORMATION! GEBT NICHT AUF, DANN HABT IHR SCHON VERLOREN!!!’’ Fer stürzte sich auf den Drachen und ließ seine Streitaxt auf den geöffneten Mund krachen. Der Schlag war so stark, dass der Drache überrascht zurückwich und der glühende Feuerball verpuffte. Wütend schlug das Biest mit einer Pranke nach Fer, doch der Zwerg ließ sich geschickt zurückfallen. Der Angriff ging ins Leere. Der Mut in Fers Augen entzündete etwas in ihr. Sie richtete sich auf, ihre Hände um den Schwertgriff fester als je zuvor. Zum ersten Mal, seit der Drache gebrüllt hatte, fühlte sie etwas anderes als Angst: Entschlossenheit.
- Kapitel 39 - Wo die Dunkelheit wartet
Die Äste des Baumes wippten im Wind — sie sahen tatsächlich so aus, als würden sie durch die Luft tanzen. Leyla, Fer, Liam und Roxy saßen um das knisternde Lagerfeuer herum. Die Flammen züngelten empor, ihr Licht flackerte im Takt des Windes, während der Rauch in den wolkenverhangenen Himmel stieg, als wollte er sich mit den Schatten der Nacht vermischen. ,,Ich konnte um den Turm herum keine Fallen oder andere Gefahren entdecken. Wenn wir morgen früh hineingehen, sollten wir dennoch vorsichtig bleiben.’’ Fer sprach ruhig, aber mit besorgtem Tonfall. Er hatte den Nachmittag und den Abend genutzt, um den kleinen Turm und seine Umgebung auszukundschaften. Leyla war währenddessen völlig in ihre Skizze des Baumes vertieft gewesen, als ob jeder Pinselstrich den Zauber des Windes einfangen könnte, der durch die Äste fuhr. Roxy hatte sich um die Pferde und Liam um eine Feuerstelle gekümmert. ,,Der Baum Wind ist ein wahres Naturwunder. Man spürt die Geschichte, die in seinen Ästen und Wurzeln lebt, als würde er die Weisheit vergangener Zeiten bewahren. Ich kenne zwar die Ballade und die Geschichten, aber unter ihm zu sitzen ist wirklich etwas Besonderes’’, flüsterte Fer ehrfurchtsvoll. ,,Kannst du die Ballade singen?’’ Leyla bereute, versäumt zu haben, den Bardenabenden beigewohnt zu haben. Diese fanden einmal jede Woche in einer Gaststätte am Stadtrand statt. Barden aus der ganzen Region kamen dort zusammen, um ihre Lieder, Geschichten und Malereien zu teilen. ,,Bitte, Fer, sing uns die Ballade! Ich würde so gerne das Lied hören, das Wind so lebendig werden lässt.’’ Roxy schien Leylas Idee zu gefallen. ,,Ich bin mir nicht sicher… Es ist schon lange her, dass ich gesungen habe. Ich hoffe, ich treffe noch die richtigen Töne.’’ Nun schloss sich auch Liam an: ,,Ein Grund mehr, es jetzt zu tun. Komm schon Fer, wir alle warten schon darauf!’’ ,,Gut, dann bitte ich um Ruhe. Ihr hört nun ,,Ein Tanz im Winde’’ von Margin Alvarez.’’ Fer atmete tief durch und erhob sich, als ob er sich innerlich sammelte. Seine Augen schimmerten im Feuerschein, als er zu singen begann. -------------------------------------------------------------------------- Im Tal der alten Berge, stolz und still, Da steht ein Baum, der trotzt jedem Will. Seit Zeiten unzählig, wurzelt er fest, Inmitten von Felsen, die kaum einer misst. Er neigt sich im Winde, ein tänzelndes Spiel, Mit Zweigen, die flüstern, geheimnisvoll, kühl. Wer unter ihm ruht, ist geborgen und frei, Im Schatten des Windes, im sanften Geleit. Ein Turm in der Ferne, alt und allein, Erzählt von den Schlachten, dem fallenden Stein. Ein Zeuge vergangner, erbitterter Nacht, Wo Helden einst fochten, nun still und bedacht. Doch der Baum im Winde, er bleibt unberührt, Von Fehden und Kriegen, die niemand mehr spürt. Er tanzt in den Lüften, zeitlos und klar, Ein Wächter der Träume, wie er immer war. -------------------------------------------------------------------------- Leyla, Roxy und Liam brachen in begeistertes Klatschen aus, ihre Applaus hallten im Takt der letzten Töne nach, als ob sie die Melodie noch festhalten wollten. ,,Du hast gar nicht erzählt, wie gut du singen kannst!’’ Leyla war verblüfft, wie sanft und klar Fers Stimme klang. Sie hätte niemals gedacht, dass der Zwerg solche Töne hervorbringen könnte. ,,Leyla hat recht, du hast echtes Talent, Fer! Ich wette, als Barde würdest du die Leute in den Tavernen zum Schweigen bringen und jedes Herz für dich gewinnen’’, verkündete Liam anerkennend. Doch Fer winkte nur ab. ,,Ach, das Leben eines Barden wäre nichts für mich. Tag für Tag dasselbe Lied für dasselbe betrunkene Publikum – nein danke, das ist mir zu langweilig.’’ Dann fügte er schmunzelnd hinzu: ,,Ich werde auch nicht noch einmal für euch singen, außer ihr singt vorher selber etwas.’’ Die Stimmung war ausgelassen und sie lachten viel. ,,Ich bin unendlich dankbar, dass ich mit ihnen zusammen sein kann. Sie sind nicht nur Freunde – sie sind wie eine Familie. Ich hoffe, dass wir noch viel Zeit zusammen verbringen können.’’ Die Stunden vergingen, und das Feuer brannte mittlerweile nur noch schwach, seine Glut warf sanftes Licht über die schlafenden Gesichter von Fer, Liam und Roxy. Langsam legte sich eine friedliche Stille über das Lager, als die Nacht ihren Schleier über sie zog. Zum ersten Mal seit langem fühlte sich Leyla vollkommen geborgen, wie in den schützenden Armen eines alten Freundes, der über sie wachte. Leyla hatte mehr Nächte in der Natur verbracht als in Gasthäusern, doch meistens war sie immer in Alarmbereitschaft — besonders nach ihrer Entführung im Wald der Wölfe. Sie dachte an die Ballade und fragte sich, ob der Baum wirklich jene beschützte, die unter ihm rasteten. In ihren Schlafsack gekuschelt, gab sie sich dem sanften Rauschen des Windes hin, der die Äste des Baumes wiegte. Langsam glitt sie in den Schlaf und tauchte in eine Welt voller Träume ein, als ob der Baum sie in eine andere Dimension geleiten würde. -------------------------------------------------------------------------- Liam beschwor eine Lichtkugel, die den ganzen Raum erhellte, während Roxy ihre Haare zurückband und sich bereit machte. Leyla schaute sich im Turm um. Der Turm war düster und still, als ob er längst verlassen und der Zeit überlassen worden wäre. Jeder Schritt der Gruppe wirbelte feine Staubwolken auf, die in Liams magischem Licht tanzten und Schatten über die verwitterten Wände warfen. Die Luft roch alt, beinahe abgestanden, und der schwere Geruch von Verfall und Moder hing in jedem Winkel. Auf den ersten Blick war hier nichts besonderes: ein morscher Tisch, ein teilweise verrottetes Bett und ein alter, verstaubter Teppich, dessen einst leuchtende Farben nun nur noch als schwache Schatten seiner Vergangenheit zu erkennen waren. Da fiel ihr ein Umschlag auf, der unter einem der Tischbeine lag. Vorsichtig zog sie ihn heraus. Auch dieser Umschlag trug den „N“ -Stempel. ,,Will einer von euch den öffnen?’’ fragte sie in die Runde. ,,Nein, du kannst ihn zuerst lesen’’, antwortete Roxy. Leyla löste das Siegel, zog das Pergament heraus und begann zu lesen: ,,An die Grauen Federn: Mich freut, dass ihr den Turm erreicht habt. Unter dem Teppich befindet sich eine Treppe zu einem alten Keller. In einem der Zimmer befindet sich ein Kreuz an einer Kette. Bergt diese und bringt sie nach Malyl. Legt sie beim Brunnen im Park ab. Dann erhaltet ihr euer Gold. In ewigen Grüßen — N’’ ,,Wieder diese Worte. ,,In ewigen Grüßen’’ klingt irgendwie komisch, wer sagt sowas?’’ dachte sich Leyla, während sie den Brief an Liam weiterreichte. Nachdem jeder den Brief gelesen hatte, begannen sie zu besprechen, wie sie vorgehen wollten. ,,Wir sollten dicht zusammenbleiben und vorsichtig sein. Keller klingt netter als es wahrscheinlich ist. Wenn es einfach wäre, die Kette zu beschaffen, wären wir nicht beauftragt worden.’’ Fer zog bereits den Teppich zur Seite, während er sprach. Tatsächlich war eine Art metallene Falltür in den Boden eingelassen. Eine schmale, steile Treppe führt in die Finsternis. Auch Leyla bereitete sich auf den Abstieg vor. Sie legte ihren Rucksack, den Bogen und den Köcher neben das Bett und stellte noch einmal sicher, dass ihr Schwert leicht zu ziehen war. ,,Den Bogen werde ich in engen Gängen wohl nicht brauchen — genauso wenig wie die Malsachen im Rucksack.’’ Als Fer die Falltür öffnete, entströmte der Dunkelheit ein kühler, unheimlicher Hauch, der Leyla einen Schauer über den Rücken jagte. ,,Fast wie zuhause in Erzofen’’, murrte er, während er vorsichtig, begleitet von Liams Licht, hinabstieg. Roxy folgte ihm schweigend. Leyla bemerkte sofort, dass Roxy ungewöhnlich angespannt wirkte – ihr Blick war scharf und wachsam, als ob sie eine unsichtbare Gefahr witterte, die Leyla noch nicht erkannte. Sie wollte ihr gerade folgen, als Liam sie am Handgelenk packte. ,,Hör mir gut zu Leyla: Bleib immer bei mir und tu nichts Unüberlegtes. Versprich mir, dass du an meiner Seite bleibst. Der Gedanke, dich in der Dunkelheit zu verlieren… Ich könnte es mir nicht verzeihen.’’ Er hielt kurz inne und blickte Leyla in ihre Augen. ,,Ich passe schon auf, ich will nicht, dass es wie beim Stahlbären läuft. Weder für dich, noch für mich’’, entgegnete sie dem besorgten Elfen. ,,Gut, dann bin ich beruhigt. Ach ja, wenn du eine Kiste siehst — lass dich nicht Fressen!’’ Leyla konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. ,,Wie soll mich denn eine Kiste fressen?’’ Dann folgte sie Roxy vorsichtig. Leyla spürte ein Kribbeln im Nacken, während sie in die Dunkelheit hinabstieg. Das Licht von Liams Kugel war ihr einziger Halt in dem finsteren Schlund, der sich vor ihnen erstreckte. Die Treppen waren schmal, und der Atem der Gruppe hallte leise wider, während sie tiefer und tiefer stiegen. In der Luft lag eine unheimliche Stille, als ob der Keller darauf wartete, dass jemand seine Geheimnisse entdeckte.
- Kapitel 38 - Graue Federn im Morgentau
,,Ugh’’ Leyla starrte auf Paul de Coteau. Sein dunkles Haar wehte leicht im Wind, sein schwarzer Mantel flatterte hinter seinem Rücken. Sie überlegte bereits, wie sie ihn schnell abwimmeln könnte. Der Gedanke an ein längeres Gespräch mit ihm löste in ihr ein leichtes Unbehagen aus. ,,Wohin des Weges? Hast du etwa nach mir gesucht?’’ Paul strahlte die unerschütterliche Selbstsicherheit eines Mannes aus, der daran gewöhnt war, dass die Welt sich um ihn drehte. Jeder seiner Schritte schien sorgfältig gesetzt, jede Bewegung einstudiert, als ob er wusste, wie sehr seine bloße Präsenz andere beeindruckte. Doch Leyla spürte nichts als Widerwillen. Die arrogante Art, mit der er sprach, das selbstgefällige Lächeln – alles an ihm erinnerte sie daran, warum sie Adlige nicht leiden konnte. ,,Davon träumst du wohl. Ich wüsste nicht, was es dich angeht.’’ Leyla konnte sein eingebildetes Auftreten nicht leiden. ,,Tun alle Adligen so, also würde ihnen die Welt gehören?’’ Ein knappes Lächeln umspielte Pauls Lippen, als ob ihn ihre schroffe Antwort amüsierte. Er schien von ihrer Zurückweisung unberührt, vielleicht sogar noch interessierter. Er ging einen Schritt auf sie zu. ,,Nun, es geht mich natürlich nichts an, ich wollte nur ein Gespräch beginnen. Tatsächlich hatte ich nach dir – nein, nach euch gesucht.’’ Leyla schenkte ihm einen misstrauischen Blick. Was könnte ein Adliger wie er von ihr und ihren Freunden wollen? Trotz ihres Unmuts begann eine leichte Neugierde in ihr zu wachsen. Nach einem kurzen Seufzen fragte sie schließlich: ,,Was möchtest du denn von uns?’’ ,,Ich hätte einen Auftrag für euch. Es ist keine große Sache, aber ich dachte, dass ihr ihn vielleicht übernehmen würdet.’’ Überrascht schwieg Leyla einen Moment, bevor sie antwortete: ,,Einen Auftrag? Worum geht es denn?’’ ,,Eine ältere Dame wohnt etwas außerhalb der Stadt. Normalerweise kommt sie regelmäßig zum Einkaufen, aber sie war jetzt schon länger nicht mehr hier. Würdet ihr nach ihr sehen?’’ ,,Klingt ja nicht gerade aufregend, aber wenn der Herzog selbst einen Auftrag dafür ausgibt, steckt vielleicht doch mehr dahinter…’’ dachte sie. Der Gedanke, dass ein einfacher Auftrag vielleicht eine größere Intrige verbarg, ließ ihre Neugierde weiter anwachsen. Warum sonst sollte ein Herzog sich über eine alte Dame Sorgen machen? Da fiel ihr wieder ein, dass sie bereits einen Auftrag angenommen hatten. ,,Tut mir leid, aber wir haben schon einen anderen Auftrag angenommen. Wir können ihn jedoch gerne übernehmen, sobald wir wieder verfügbar sind.’’ ,,Verstehe. Nun, das ist schade, aber natürlich kann ich das nachvollziehen. Aber ihr würdet mir einen großen Gefallen tun, wenn ihr mir nach diesem Auftrag Bescheid gebt.’’ ,,Keine Sorge, ich weiß, wo Euer Gnaden residieren – falls ich mal Langeweile habe’’, sagte sie mit einem sarkastischen Unterton. Als Paul nicht sofort antwortete, fragte sie sich, ob sie zu weit gegangen war. Einen Moment lang blieb Paul still, sein Blick fest auf Leyla gerichtet. Dann jedoch brach er in ein herzhaftes Lachen aus, das den angespannten Moment verfliegen ließ. ,,Haha, das passt nicht zu dir, Leyla. Ich bin nur Paul für dich. Aber dennoch, falls du etwas brauchst, zögere nicht, mich zu fragen.’’ -------------------------------------------------------------------------- Enttäuscht ließ sich Leyla wieder auf ihr Bett fallen. Sie hatte im Park eine gute Stunde gewartet, doch Finn war nicht aufgetaucht. Sie dachte an das Gespräch mit Paul zurück. Sie wusste immer noch nicht, was sie wirklich von ihm halten sollte. Er war ein Adliger mit einer arroganten Art, die sie lange abgestoßen hatte, doch irgendwie schien sich etwas an ihrem Bild von ihm zu ändern. Ihre anfängliche Abneigung hatte sich allmählich gelockert, wie ein Knoten, der sich widerwillig löst. Doch ein leiser Zweifel blieb – warum war er so nett zu ihr? Ihr Blick fiel auf Liam, der neben ihr schlief, sein goldenes Haar zerzaust. Sein Anblick ließ ein warmes, freudiges Kribbeln in ihr aufsteigen, das wie ein sanfter Strom ihren ganzen Körper durchströmte. Vorsichtig strich sie ihm eine Strähne aus dem Gesicht. Sie genoss es, einfach dazuliegen, seine Züge im sanften Mondlicht zu betrachten und seinem gleichmäßigen Atmen zu lauschen. Ein verschmitztes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, als sie kurz darüber nachdachte, ihn aus dem Schlaf zu kitzeln und die Überraschung in seinen Augen zu sehen. Die Reaktion würde sie gerne sehen, doch sie beschloss, ihn schlafen zu lassen. Sie kuschelte sich an ihn und schloss ihre Augen. Für einige Minuten kreisten ihre Gedanken noch umher, von Paul zu Finn, von Finn zu Liam und dann wieder zurück zu Paul. Mit Liams Wärme an ihrer Seite und dem leisen Rhythmus seines Atems im Ohr glitt sie schließlich in die Dunkelheit des Schlafes, eingehüllt in ein Gefühl der Geborgenheit. -------------------------------------------------------------------------- Himmel flog über die grüne Landschaft. Der Himmel war komplett von Wolken bedeckt und in der kühlen Morgenluft hing der frische, unverkennbare Duft des nahenden Regens. Feine Tropfen von Morgentau hingen wie winzige Juwelen an den Grashalmen und funkelten matt im grauen Morgenlicht. Die vier waren bei Sonnenaufgang mit ihren Pferden aufgebrochen und hatten sich auf den Weg gemacht. Fer hatte gesagt, dass sie gegen Nachmittag den Baum ,,Wind’’ erreichen würden. ,,Es gibt eine berühmte Ballade von Margin Alvarez, in der er darüber singt, wie der Baum im Wind tanzt. Seitdem trägt er auch diesen Namen.’’ Leyla war immer wieder überrascht, wie viel Fer wusste. Ihr Blick streifte über den Horizont, sie konnte es kaum erwarten, den Baum mit eigenen Augen zu sehen. Leyla stellte sich bereits vor, wie ihre Zeichnung den majestätischen Baum festhalten würde – eine Erinnerung an den Moment, die sie immer bei sich tragen könnte. Wann immer sie auf Himmel ritt, fühlte sie sich so leicht, als ob der sanfte Wind all ihre Sorgen forttragen würde. Ihrer Finger glitten sanft durch sein seidiges, vom feuchten Morgen beschlagenes Fell. Die Kälte der Luft vermischte sich mit der Wärme seines Körpers und gab ihr ein beruhigendes Gefühl. Fröhlich begann Leyla, eine Melodie zu pfeifen. ,,Schon aufgeregt?’’ fragte Roxy, die näher an sie herangeritten war. ,,Ja, ein bisschen. Doch am meisten freue ich mich darüber, endlich wieder mit euch allen zusammen einen Auftrag anzugehen. Es fühlt sich an, als wäre die Gruppe endlich wieder vollständig.’’ Ein sanftes Lächeln breitete sich auf Roxys Gesicht aus, und ihr Blick wurde weich, als sie Leyla zunickte. ,,Das stimmt. Es ist ein ganz besonderes Gefühl, die Gruppe wieder komplett zu haben. Es macht die Reise sicherer und gleichzeitig viel schöner.’’
- Kapitel 37 - „N“
,,Hattet ihr einen schönen Abend? Du grinst die ganze Zeit, Leyla’’, fragte Roxy, während sie an ihrem Fruchtsaft nippte. Leyla merkte, wie ihr die Schamesröte ins Gesicht stieg. War es ihr wirklich so leicht anzusehen? ,,Ja, Leyla, sag doch mal: Hattest du einen schönen Abend?’’ neckte Liam sie, breit lächelnd. Leyla warf Fer einen flehenden Blick zu, in der verzweifelten Hoffnung, dass er sie aus der unangenehmen Situation retten würde. Doch zu ihrer Enttäuschung zwinkerte er nur und widmete sich wieder seinem Frühstück. Zu Leylas Glück trat in diesem Moment der Wirt an den Tisch und unterbrach das Gespräch: ,,Ihr seid doch die Grauen Federn, oder? Eben wurde ein Auftrag für euch abgegeben.’’ Der Wirt legte einen schlichten, weißen Umschlag auf den Tisch, in dessen Mitte ein auffälliger roter Stempel mit einem weißen „N“ prangte. Schwarze Farbspritzer zierten das Papier und verliehen dem Umschlag eine mysteriöse, fast bedrohliche Aura. ,,Was ein merkwürdiger Umschlag’’ , dachte Leyla und fragte sich, wofür das ,,N’’ stehen könnte. Ihr fiel nichts Passendes ein, also wandte sie sich an die anderen. Doch auch sie hatten ein ebenso ratloses Gesicht. ,,Weiß einer von euch, von wem der Auftrag ist?’’ durchbrach Fer das Schweigen. ,,Nein… Sehr merkwürdig. Wir sollten noch nicht so bekannt sein, als dass uns Fremde einen Auftrag zukommen lassen’’, murmelte Roxy, während ihre Hand über das raue Papier strich. ,,Wollen wir den Umschlag nicht öffnen?’’ fragte Leyla neugierig. Sie wollte unbedingt wissen, was in dem Auftrag stand. Wer der Absender war, spielte in diesem Moment für Leyla keine Rolle. Ihr Herz raste vor Aufregung, und sie konnte es kaum erwarten, zu erfahren, welche neue Herausforderung auf sie wartete. ,,Wir sollten den Auftrag gut durchlesen, bevor wir entscheiden, ob wir ihn annehmen wollen.’’ Liams Stirn legte sich in Sorgenfalten, während seine Stimme ernst klang. ,,Wir sollten uns genau überlegen, worauf wir uns einlassen.’’ Seine Augen ruhten für einen Moment auf dem seltsamen Stempel, als wäre ihm etwas daran nicht ganz geheuer. Dann schob er den Umschlag zu Leyla. ,,Du solltest ihn aufmachen, Leyla.’’ Der Umschlag lag ruhig auf dem Tisch. Das rote Siegel mit dem weißen „N“ schien im schwachen Licht zu leuchten, während die schwarzen Farbspritzer wie Schatten um den Stempel herumtanzten. Ein kühler Hauch zog durch den Raum, als ob das ganze ,,Elfenlied’’ für einen Moment den Atem anhielt, während Leyla zögernd nach dem Brief griff. Leyla hob den Umschlag auf und begann ihn langsam zu öffnen. Ihre Finger zitterten leicht vor Aufregung, als das Siegel sich allmählich löste. -------------------------------------------------------------------------- ,,An die Grauen Federn: Ich habe eure bisherigen Schritte mit Neugier verfolgt. Jetzt, wo ihr wieder vereint seid, scheint mir der perfekte Moment gekommen, euch zu kontaktieren. In der Nähe des Baumes Wind befindet sich ein alter Turm. Begebt euch dorthin, dort erwarten euch die weiteren Anweisungen. Sobald ihr den Auftrag abgeschlossen habt, werdet ihr als Belohnung achtzig Gold erhalten. In ewigen Grüßen — N’’ Leyla las die Zeilen immer wieder, als könnte sie kaum glauben, dass jemand sie beobachtete und genau wusste, wer sie war. Sie reichte den Brief weiter, ohne ein Wort, und wartete. Fer brach als erster das Schweigen: ,,Das stinkt nach Problemen. Lasst uns den Zettel verbrennen und vergessen.’’ ,,Als Belohnung kriegen wir achtzig Gold. Weißt du, wie viel das ist? Denk doch mal an deine Familie. So eine Gelegenheit bekommen wir nicht jeden Tag!’’ Leyla verstand Fers Zweifel, doch ihr Interesse an diesem neuen Abenteuer war größer. ,,Langsam Leyla. Mir gefällt der Auftrag auch nicht; ich würde den ungern annehmen.’’ Roxy wirkte nachdenklich, ihre Stirn in Falten gelegt und ein Hauch von Zweifel lag in ihren Augen. Sie war selten so verunsichert, und Leyla fragte sich, ob Roxy hinter diesem Auftrag mehr vermutete — oder sie mehr wusste, als sie sagte . Während die Worte des Briefs leise nachklangen, erhob sich die vertraute Stimme des Abenteurers in Leyla – diese innere Sehnsucht nach neuen Pfaden und unbekannten Herausforderungen. Das Gasthaus um sie herum wirkte plötzlich kleiner, einengender, und die Vorstellung des alten Turms, den geheimnisvollen Anweisungen, lockte sie, als wäre sie bereits Teil des Abenteuers. Das Risiko war hoch, aber das Versprechen auf das Unbekannte zog sie wie ein unsichtbares Band. ,,Was denkst du Liam?’’ fragte sie den Elfen hoffnungsvoll, der sich bisher noch nicht dazu geäußert hatte. Nachdenklich stützte er seinen Kopf auf seine Hände, doch als Leyla ihn ansprach, richtete er sich seufzend auf. ,,Nun, es gibt schon einige Dinge, die seltsam sind. Wir kennen den Absender nicht, wir wissen nicht, was der wirkliche Auftrag ist oder wie schwierig er wird. Es könnte auch sein, dass wir, sobald wir am Turm sind, keine Möglichkeit mehr haben, abzulehnen…’’ Leyla seufzte leise, das Gefühl von Vorfreude wich langsam einer tiefen Enttäuschung. Hatte sie zu naiv auf das Abenteuer geblickt? Ihre Freunde hatten Recht — es war mit vielen Risiken verbunden. ,,In der Gilde ist bestimmt auch noch ein Auftrag, der genauso spannend ist…’’, dachte sie. Da fuhr Liam fort: ,,Es ist riskant, aber es ist auch eine Möglichkeit. Wenn wir vorsichtig sind und aufeinander aufpassen, sollten wir damit klarkommen.’’ Dann drehte er sich zu Fer: ,,Und Leyla hat Recht: Zwanzig Gold pro Person ist eine Menge Geld. Genau dafür hast du dich doch entschlossen Abenteurer zu werden.’’ Fer seufzte und hob resigniert die Hände. Sein Blick wanderte von Roxy, die immer noch etwas unsicher wirkte, über Liam, dessen Wort durch seine Erfahrung am meisten zählte, zu Leyla, die ihn voller Begeisterung ansah. ,,Gut, ihr habt mich überzeugt. Wir müssen genug Proviant mitnehmen; darum kümmere ich mich. Wollen wir morgen früh aufbrechen?’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla saß auf ihrem Bett und prüfte jedes einzelne Stück ihrer Ausrüstung noch einmal, als wolle sie sich selbst versichern, dass sie nichts Essentielles vergessen hatte. Die Zimmer hatten sie noch länger gemietet, und sie hatte sich entschieden, einige Dinge dort zu lassen. Neben ihren normalen Kleidern nahm sie ihr Schwert, ihren neuen Bogen, fünfzehn Pfeile und den Köcher, den Fer ihr kurz nach dem Gespräch am Morgen gegeben hatte, mit. Zusätzlich zu ihrer Ausrüstung packte sie den Zeichenblock, die Stifte, ihr Jagdmesser und ihren Wasserschlauch ein. Auch die Feder von Finn durfte nicht fehlen. Alles andere ließ sie in ihrem Zimmer. ,,Ich darf den anderen keine Last sein. Sie haben diesem Auftrag wegen mir zugestimmt, ich muss ihnen beweisen, dass es die richtige Entscheidung war’’, murmelte sie. Nachdem sie ihren Rucksack gepackt hatte, verließ sie ihr Zimmer. Sie wollte noch ein weiteres Mal in den Park gehen, in der Hoffnung, dass sie Finn dort wiedersehen würde. Die Stadt Malyl versank langsam in der Dunkelheit, während die letzten Strahlen der Abendsonne noch wie ein Hauch auf den Pflastersteinen lagen. Der kühle Wind strich leise durch die Gassen, und die wenigen auf der Straße verbliebenden Menschen huschten wie Schatten an ihr vorbei. Der Tag wich der Nacht, und mit ihm schien sich auch die Stimmung in der Stadt zu ändern – eine seltsame, erwartungsvolle Ruhe legte sich über die Häuser. Es war, als ob ein verborgener Funke in ihrem Inneren neu entfacht worden war. Seit dem Treffen mit Finn fühlte sie eine neue Art der Stärke in ihrem Herzen, die sie früher nicht gekannt hatte – eine Kraft, die die Schrecken der letzten Tage verblassen lassen konnte. Vor diesem Treffen schlichen sich auch die Erinnerungen an ihre Entführung immer wieder wie dunkle Schatten in ihre Gedanken, sobald die Nacht hereinbrach. Doch jetzt, nach Finns Anwesenheit, erschien ihr die Dunkelheit nicht mehr als Bedrohung, sondern sogar fast tröstlich. Sie wusste nicht, ob sie deswegen dankbar oder wütend sein sollte. Einerseits verstand sie, dass er ihr damit half, andererseits gefiel ihr der Gedanke nicht, dass er ihre Gefühle manipulieren und unterdrücken konnte. ,,Wer genau ist er?’’ fragte sie sich. Gerade wollte sie in die Straße einbiegen, die zum Park führte, als sie eine Stimme hinter sich hörte: ,,Leyla, was ein schöner Zufall, dass wir uns hier treffen!’’



