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  • Kapitel 20 - Von Abenteuern und alten Geschichten

    „In Hemmingen habe ich dann euch beide getroffen", erklärte Fer ruhig und schob ein Stück Holz ins Lagerfeuer. Funken stoben in die Nacht hinaus. „Dafür, dass ich euch mit der Kutsche mitnehme, beschützt Liam mich und die Pferde." Leyla beobachtete den Zwerg aufmerksam. Fer hatte ihnen bereits erzählt, warum er nach Malyl wollte – von seiner Familie, den versiegenden Minen, dem Wolfsüberfall und der gehörnten Frau. Und trotzdem hatte Leyla das Gefühl, dass etwas an seiner Geschichte fehlte. Nicht unbedingt eine Lüge. Eher etwas Ausgelassenes, etwas, das er bewusst für sich behielt. Sie lehnte sich zurück. „Wie lange brauchen wir eigentlich noch bis Malyl?" Fer strich sich nachdenklich durch den Bart. „Drei bis vier Tage vermutlich. Wenn das Wetter hält." Er sah zwischen Liam und Leyla hin und her. „Und was genau habt ihr dort eigentlich vor?" Leyla öffnete bereits den Mund – doch Liam war schneller. „Leyla will in die Bibliothek", erklärte er trocken, ein leicht spöttisches Grinsen auf dem Gesicht. „Und ich begleite sie. Jemand muss schließlich verhindern, dass sie sich alle zwei Tage in neue Probleme stürzt." Leyla verdrehte die Augen. „Ich bringe mich gar nicht so oft in Schwierigkeiten", murmelte sie. Liam sah sie einfach nur schweigend an. Sie biss sich auf die Lippe, um nicht weiter darauf einzugehen. „Die Bibliothek?" Fer wirkte überrascht. „Seid ihr beide etwa Abenteurer?" „Klar!" antwortete Leyla. „Nein", sagte Liam gleichzeitig. Leyla blinzelte irritiert. Liam seufzte. „Um offiziell als Abenteurer zu gelten, musst du Mitglied einer Abenteurergilde sein oder selbst eine gründen. Einfach nur herumzureisen reicht dafür nicht." Leylas Wangen färbten sich leicht rot. „Oh…" Eigentlich hatte sie angenommen, jeder Reisende mit Schwert wäre automatisch ein Abenteurer. Aber je länger sie darüber nachdachte, desto mehr Sinn ergab es. Fer begann leise zu lachen. „Ihr zwei seid wirklich interessant." Dann schien ihm plötzlich ein Gedanke zu kommen, seine Augen begannen zu leuchten. „Warum gründet ihr nicht einfach mit mir zusammen eine Abenteurergruppe? Wenn wir gut zusammenarbeiten, könnten wir gemeinsam Aufträge annehmen." Liam runzelte leicht die Stirn. „Theoretisch schon. Aber für eine offizielle Gilde brauchen wir mindestens vier Mitglieder." „Ich finde die Idee großartig!" Leylas Augen strahlten, und fast augenblicklich begann ihr Kopf weiterzudenken. Vielleicht könnten sie als vierte Person eine Frau aufnehmen – nicht weil sie sich mit Liam oder Fer unwohl fühlte, ganz im Gegenteil. Aber eine weitere Frau würde vieles angenehmer machen. Und außerdem… „Eine Freundin wäre irgendwie schön…" Fer nickte zustimmend. „Ich vertraue euch da vollkommen. Ihr seid schließlich schon länger gemeinsam unterwegs." Er grinste leicht und deutete mit dem Kopf auf Leyla. „Und ich glaube, dass eine Frau die beste Wahl wäre." Leyla sah ihn dankbar an. „Ja. Das wäre wirklich toll." Dann wandte sie sich Liam zu. Er wirkte plötzlich still. Nachdenklich. Sein Blick ruhte auf der Dunkelheit jenseits des Feuers, und Leylas Lächeln verschwand langsam. „Alles okay, Liam?" Er reagierte erst nach einigen Sekunden. Dann stand er abrupt auf. „Ja. Ich brauche nur kurz Ruhe." Ohne eine weitere Erklärung wandte er sich ab und entfernte sich vom Lagerfeuer. Das warme Licht der Flammen erreichte ihn nur noch schwach, bis seine Gestalt schließlich fast vollständig in der Dunkelheit verschwand. -------------------------------------------------------------------------- Irritiert blickte Leyla Liam hinterher. Sein plötzliches Verhalten fühlte sich seltsam an – gerade eben hatte er noch ruhig mit ihnen gesprochen, und nun war er einfach verschwunden. „Noch etwas Suppe?" Fers Stimme riss sie aus ihren Gedanken. Leyla sah kurz auf und schüttelte den Kopf. „Nein danke." Danach wurde es still. Betrübt starrte sie in die lodernden Flammen, das Holz knackte leise, Funken stiegen in die dunkle Nacht auf. Dann hörte sie ein kratzendes Geräusch. Fer saß etwas seitlich vom Feuer entfernt und begann, die Klinge seiner Axt zu schleifen – ruhig, langsam, gleichmäßig. —SCHRRK— Leyla beobachtete fasziniert die präzisen Bewegungen seiner Hände. Es wirkte beinahe beruhigend. Fast wie Zeichnen. „Das ist irgendwie auch Kunst…" „Kannst du mir zeigen, wie das geht?" Fer blickte kurz auf und nickte. „Natürlich." Er reichte ihr den Schleifstein. „Nimm zuerst dein Schwert raus." Leyla nahm den Stein entgegen und zog die Klinge aus der Scheide. Etwas unbeholfen klemmte sie das Schwert zwischen ihre Beine, damit es nicht verrutschte. Fer deutete auf die Schneide. „Du musst den Stein in einem flachen Winkel führen. Ungefähr zwanzig Grad." Er machte die Bewegung mit der Hand nach. „Und immer von der Parierstange zur Spitze." Leyla versuchte es. Der Stein kratzte schief über die Klinge. Fer grinste leicht, streckte dann vorsichtig die Hände aus. „Darf ich?" Sie nickte, und er korrigierte behutsam ihre Haltung. „Schau genau hin – du darfst den Stein niemals einfach hin und her schieben." Langsam führte er ihre Hände über die Klinge. Die Bewegung wirkte plötzlich viel flüssiger, gleichmäßig, kontrolliert. „Immer in eine Richtung. Und nach ungefähr zehn Zügen musst du drehen, sonst wird der Grat ungleichmäßig." Er ließ ihre Hände wieder los. „Jetzt du." Leyla konzentrierte sich und begann erneut mit vorsichtigen Bewegungen. Währenddessen füllte Fer sich eine weitere Portion Suppe auf. „Der Skullaer wirkt heute ungewöhnlich hell", murmelte er nachdenklich. „Skullaer?" fragte Leyla, ohne den Blick von der Klinge zu lösen. Fer hob leicht eine Augenbraue. „Ach stimmt. Ihr Menschen nennt ihn meistens einfach nur den Mond." Er nahm einen Löffel Suppe. „Früher gab es übrigens fünf Monde." Leyla hielt mitten in der Bewegung inne. „Fünf?" „Der weiße dort oben ist Skullaer, den kennst du ja bereits." Er deutete kurz zum Himmel. „Die anderen hießen Manifest, Brahatross, Lunar und Arkibe." Leyla begann langsam wieder über die Klinge zu streichen, ihre Gedanken dabei unwillkürlich am Himmel. Wie musste die Nacht mit fünf Monden ausgesehen haben? Ob ihr Licht den Himmel erfüllt hatte – oder ob die Welt dadurch noch fremder gewirkt hatte? —SCHRRK— Das rhythmische Kratzen des Schleifsteins erfüllte die Stille. Dann hörte sie Schritte. Ruhig. Vertraut. Fast automatisch legte Leyla den Schleifstein beiseite und betrachtete ihr Werk. Die Schneide wirkte – zumindest etwas besser als vorher. Fer warf einen kurzen Blick darauf und nickte anerkennend. „Für den Anfang gar nicht schlecht." Dann grinste er leicht. „Den Rest rette ich später." -------------------------------------------------------------------------- „Morgen sehen wir endlich Malyl! Ich kann es kaum erwarten!" Leyla lehnte sich begeistert aus dem Wagen und blickte in die Ferne. Der Abendhimmel hatte sich bereits in ein tiefes Dunkelblau verwandelt, erste Sterne begannen über den sanften Hügeln zu funkeln, und eine kühle Brise strich durch die weiten Wiesen und bewegte das Gras wie flüsternde Wellen. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich. Inzwischen waren drei Tage vergangen seit ihrem ersten gemeinsamen Abend am Lagerfeuer, und in diesen wenigen Tagen hatte sich vieles verändert. Fer war ihr schnell sympathisch geworden – der Zwerg wusste erstaunlich viel über die Welt, und im Gegensatz zu Liam hatte sie bei ihm nie das Gefühl, dass ihre Fragen lästig oder dumm waren. Bei Liam dagegen endeten viele Gespräche früher, als sie gehofft hatte. Ihr Blick wanderte kurz zu ihm hinüber. Da fiel ihr wieder der Drache auf seiner alten Jacke ein, den sie bei ihrer ersten Begegnung gesehen hatte. Mittlerweile trug er die neue grüne Jacke, die Leyla ihm gekauft hatte. Sie fand immer noch, dass sie besser zu ihm passte. „Du warst doch schon mal in Malyl, oder?" fragte sie neugierig. „Wie ist die Stadt?" „Ja", antwortete Liam. „Ist aber ungefähr ein Jahr her." Seine Stimme wirkte noch immer etwas bedrückt. In den letzten Tagen hatte Leyla mehrfach versucht, ernsthaft mit ihm über seine Stimmung zu sprechen, doch jedes Mal war er ausgewichen oder hatte das Thema beendet. „Malyl ist riesig – die zweitgrößte Stadt des Kaiserreichs." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Aber ehrlich gesagt unterscheidet sie sich nicht so stark von anderen Großstädten." Kurz dachte er nach, kratzte sich am Hinterkopf. „Die Stadtmauern sind wahrscheinlich das Beeindruckendste. Die Dinger sind uralt, riesig, überall wachsen dicke Ranken darüber." Ein schwaches Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Das könnte dir gefallen." Leyla nickte langsam, und allein die Vorstellung ließ Bilder in ihrem Kopf entstehen. Fast automatisch glitt ihre Hand zu dem Skizzenbuch auf ihrem Schoß. In den vergangenen Tagen hatte sie Seite um Seite gefüllt – Felder, Hügel, Pferde, Lagerfeuer, den Sternenhimmel. Selbst Fers Bart hatte sie einmal heimlich skizziert, obwohl der Zwerg dabei aussah wie ein schlecht gelaunter Busch. Das Kratzen des Stiftes auf Papier fühlte sich inzwischen genauso vertraut an wie das Rattern des Wagens. „In Malyl kaufe ich mir definitiv Farben", murmelte sie gedankenverloren und strich über eine ihrer Zeichnungen. „Vielleicht Pinsel… oder farbige Stifte." Ein kleines Lächeln erschien auf ihren Lippen. „Schwarz-weiß gefällt mir zwar… aber mit Farbe würden die Bilder viel lebendiger wirken." Einige Sekunden lang hörte man nur die Räder des Wagens und die gleichmäßigen Hufschläge der Pferde. Dann ließ Leyla sich zurückfallen und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. „Maaaan", jammerte sie. „Mir ist langweilig." Die Reise zog sich plötzlich endlos in die Länge. Dunkelheit, Straße, Pferde, noch mehr Straße. Von vorne erklang Fers Stimme. „Wie wäre es stattdessen mit einer Geschichte?" Leyla richtete sich auf, die Augen leuchtend. „Wirklich?" Noch bevor Fer antworten konnte, kletterte sie bereits nach vorne durch den Vorhang des Wagens. Liam hob nur leicht eine Augenbraue, während sie beinahe über seine Beine stolperte. Fer schmunzelte amüsiert, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Gibt es etwas Bestimmtes, über das du etwas hören willst?" Leyla dachte kurz nach. Dann wurde ihr Blick neugierig. „Vielleicht über den Großen Krieg?" Fer ließ ein leises Geräusch hören, irgendwo zwischen Schmunzeln und Seufzen. „Kann ich machen." Er hob leicht die Schultern. „Aber ich sollte dich vorwarnen – ich weiß darüber auch nicht besonders viel." -------------------------------------------------------------------------- „Der Große Krieg begann vor ungefähr eintausenddreihundert Jahren", begann Fer ruhig, während die Räder des Wagens gleichmäßig über die Straße rumpelten. „Und er dauerte fast ein ganzes Jahrhundert." Er warf Leyla einen kurzen Blick zu. „Weißt du, wer damals gegeneinander gekämpft hat?" Leyla dachte kurz nach. „Die Menschen und die Elfen?" „Fast." Fer zog leicht an seinem Bart. „Die Menschen wollten damals den gesamten Kontinent erobern, einige andere Völker unterstützten sie dabei. Die Elfen hatten allerdings ebenfalls mächtige Verbündete." Seine Stimme wurde etwas ernster. „Die Vampire des Reiches Silva." Leyla hob überrascht den Kopf. „Wusstest du eigentlich", fuhr Fer fort, „dass die heutigen Mittellande früher den Vampiren gehörten?" „Wirklich?" Leyla dachte kurz nach. „Ich frage mich, ob ich irgendwann mal einem Vampir begegnen werde…" Schon immer hatte sie Vampire faszinierend gefunden – diese Mischung aus Eleganz, Gefahr und Unsterblichkeit hatte etwas Magisches für sie. Fer bemerkte ihren interessierten Blick und schmunzelte leicht. „Die Menschen wurden damals bereits von den Algavia regiert", erklärte er weiter. Leyla wiederholte den Namen gedanklich. Algavia. Irgendetwas daran klang edel, alt, majestätisch. „Doch angeführt wurden die Menschen vor allem von Yang." Leyla hob den Kopf. „Yang? Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin?" „Genau die", meldete sich Liam aus dem hinteren Teil des Wagens. „Dann ist sie ja uralt…" „Wacal altern nicht", sagte Fer ruhig. „Wacal?" „Das Volk von Yang." Er räusperte sich. „Wie dem auch sei – Yang soll damals ganze Städte alleine zerstört haben." „Crazy…" entfuhr es Leyla reflexartig. Fer sah sie irritiert an. „Kraesi?" Leyla wurde augenblicklich rot. Sie hatte sich inzwischen zwar halbwegs daran gewöhnt, aber manchmal vergaß sie immer noch, dass niemand hier moderne Begriffe verstand. „Äh… ich meinte beeindruckend", murmelte sie hastig. Fer schien die Erklärung zu akzeptieren. „Wer genau ist Yang eigentlich?" Fer dachte einen Moment nach. „Yang gilt als ewige Beschützerin des Kaisers. Man sagt, ihre Macht sei grenzenlos." Er blickte kurz zum Nachthimmel hinauf. „In ihrer Nähe kann sich niemand ohne ihre Erlaubnis bewegen. Nicht einmal sprechen." Leylas Augen weiteten sich leicht. „Außerdem gilt sie als die mächtigste Magierin der Welt." „Sie ist praktisch das absolute Symbol der Macht des Kaiserreichs", ergänzte Liam von hinten. Leyla zog nachdenklich eine Augenbraue hoch. „Das klingt ehrlich gesagt ziemlich einschüchternd." Dann lächelte sie leicht. „Aber irgendwie würde ich sie trotzdem gerne kennenlernen." Fer grinste schief. „Pass nur auf, was du dir wünschst." Dann fuhr er mit tieferer Stimme fort. „Wie auch immer – anfangs waren die Menschen den Elfen und Vampiren militärisch unterlegen. Doch im neunten Jahr vor der Reichsgründung wurde Kaiser Augustius VII. gekrönt." Selbst Liam schwieg nun aufmerksam. „Der Legende nach überzeugte er die Erzdämonen, auf der Seite der Menschen in den Krieg einzugreifen." Fer griff in seine Tasche und reichte Leyla eine Kupfermünze. „Früher war sein Gesicht auf sämtlichen Münzen des Reiches zu sehen. Seit der Krönung Kaiser Verions ist er nur noch auf den Kupfermünzen abgebildet." Leyla nahm die Münze entgegen und betrachtete das eingeprägte Gesicht. Erzdämonen. Erzengel. Alte Legenden. Je mehr sie über diese Welt lernte, desto schwieriger wurde es zu unterscheiden, was Mythos war und was tatsächlich existiert hatte. „Gab es die Erzdämonen wirklich?" Fer strich sich nachdenklich über den Bart. „Ich glaube nicht nur, dass es sie gab." Sein Blick wurde ernster. „Ich glaube, dass sie noch immer existieren." Leyla schwieg. Der Wind zog leise über die Straße. „Aber was nach dem Krieg mit ihnen passiert ist… das weiß vermutlich niemand genau." Nach einigen Sekunden sprach er weiter. „Der Krieg endete schließlich mit der vollständigen Zerstörung Elfhams, der Hauptstadt der Elfen. Die Elfen wurden danach in das Reich der Menschen eingegliedert." Er machte eine kurze Pause. „Die Vampire hingegen wurden vollständig ausgelöscht." Leylas Blick senkte sich auf die Münze in ihrer Hand. Irgendetwas an diesem Gedanken machte sie traurig. Eine ganze Spezies. Einfach verschwunden. „Vielleicht lebt irgendwo trotzdem noch einer…" Fer hörte den Satz, kommentierte ihn jedoch nicht. „An der Stelle der alten Vampirhauptstadt entstand später Malyl", erklärte er weiter. Leyla blickte hinaus in die Nacht, die Räder ratterten gleichmäßig. „Und auf den Ruinen dieses Krieges wurde schließlich das Kaiserreich gegründet. Seitdem herrscht auf dem Kontinent größtenteils Frieden – abgesehen von kleineren Konflikten, Spannungen und gelegentlichen Aufständen." „Das würde ich kaum Frieden nennen." Liams Stimme klang ruhig, aber kühl. Leyla schwieg einen Moment, dann wanderte ihr Blick über die dunklen Hügel am Horizont. Sie dachte an die Menschen, die sie bisher getroffen hatte. An die Armut, an Angst, an Sklavenhändler. „Kann man wirklich von Frieden sprechen… wenn so viele trotzdem leiden?" -------------------------------------------------------------------------- „Wir sollten für heute hier rasten", sagte Fer schließlich und zog langsam die Zügel an. „Die Pferde brauchen eine Pause. Und wir ehrlich gesagt auch." Die Kutsche kam neben einem kleinen Fluss zum Stehen. Die beiden weißen Pferde schnaubten erschöpft, während Fer begann, sie langsam auszuspannen. Das leise Knirschen der Räder verklang, und an seine Stelle trat das ruhige Geräusch des fließenden Wassers. Leyla sprang aus dem Wagen. Fast automatisch zog es sie zum Flussufer. Das Wasser glitzerte silbern im Licht des Skullaers und zog sich wie ein dunkles Band durch die nächtliche Landschaft, kleine Wellen brachen sich an den Steinen am Ufer, während die Strömung gleichmäßig weiter in die Dunkelheit floss. Leyla blieb einen Moment einfach nur stehen. Der Wind war kühl, aber angenehm, und irgendwie fühlte sich die Welt gerade friedlich an. Ihr Blick ruhte auf dem Wasser, doch ihre Gedanken wanderten längst woanders hin – zu Fers Geschichten, zum Großen Krieg, zu den Vampiren, zu Yang. Langsam zog sie ihr Notizbuch hervor und begann, hastige Gedanken aufzuschreiben. Namen, Orte, Fragen, kleine Skizzen. „Irgendwann will ich die Kaiserstadt sehen…" Allein der Gedanke ließ ihr Herz schneller schlagen. Ob sie dort tatsächlich Yang begegnen könnte – der Frau, die angeblich ganze Städte alleine zerstört hatte? Ein leichter Schauer lief ihr über den Rücken. Doch es war keine Angst. Es war Vorfreude auf all die Orte, die sie noch sehen würde, auf die Geheimnisse dieser Welt, auf die Abenteuer, die irgendwo vor ihr lagen. Nach einer Weile rollte sie ihren Schlafsack direkt am Flussufer aus. Das leise Plätschern des Wassers wirkte beruhigend, beinahe einschläfernd, und über ihr funkelten die Sterne zwischen langsam ziehenden Wolken. Leyla legte sich hin und blickte noch einige Sekunden schweigend in den Himmel. Dann wurden ihre Augen schwer, und schon kurz darauf schlief sie ein. -------------------------------------------------------------------------- —PLATSCH— Leyla schreckte panisch hoch. Eisiges Wasser umschloss ihren Körper, und für einen kurzen Moment verlor sie vollkommen die Orientierung. Hustend und strampelnd kämpfte sie sich durch die dunkle Strömung, während ihr Herz wild gegen ihre Brust schlug. Mit hektischen Bewegungen erreichte sie das Ufer und zog sich keuchend auf das Gras. Tropfend blieb sie einen Moment auf allen vieren stehen und versuchte zu begreifen, was gerade passiert war. „Wurden wir angegriffen?" Ihr Blick schoss über die Umgebung. Der Fluss, das Lager, die Pferde. Dann entdeckte sie Liam. Er lag wenige Meter entfernt auf dem Boden – und lachte. Nicht nur ein kleines Grinsen. Er lachte vollkommen hemmungslos, der ganze Körper zuckte, während er sich den Bauch hielt und kaum noch Luft bekam. Leyla brodelte vor Wut. Klitschnass stapfte sie auf ihn zu, packte ihn am Kragen und riss ihn hoch. „WAS SOLL DIE SCHEISSE?!" Wasser tropfte aus ihren Haaren direkt auf sein Gesicht. „DU WILLST WOHL STERBEN?!" Liam versuchte sich sichtbar zusammenzureißen. Vergeblich. „Ich hab dich gewarnt", brachte er zwischen zwei Lachanfällen hervor. „Wenn du meine Haare anfasst, werfe ich dich in einen Fluss." Er hob leicht die Schultern. „Versprochen ist versprochen." Leylas Auge zuckte gefährlich. Ohne weiter nachzudenken warf sie sich mit voller Wucht auf ihn. „DU VOLLIDIOT!" Ihre Fäuste hämmerten gegen seinen Bauch und seine Schultern, doch Liam schien das eher amüsant als schmerzhaft zu finden – was Leyla nur noch wütender machte. —GÄÄHN— Ein lautes Gähnen unterbrach die Szene. Fer trat verschlafen aus dem Wagen, streckte sich ausgiebig und blinzelte einige Male in die Morgensonne. Dann blieb sein Blick an den beiden hängen. Leyla halb auf Liam. Liam lachend am Boden. Fer hob langsam eine Augenbraue. „Wow", murmelte er trocken. „So früh am Morgen schon beim Kuscheln?" Er verschränkte die Arme und grinste breit. „Süß. Aber seid ihr sicher, dass ihr bis Malyl warten wollt, bevor ihr euch ein gemeinsames Zimmer nehmt?" Einen Moment herrschte absolute Stille. Dann stand Leyla abrupt auf. Ihr Blick hätte vermutlich Stein zerschneiden können. Ohne ein einziges Wort marschierte sie an Fer vorbei zurück zum Wagen, und die Plane wurde mit unnötig viel Gewalt zurückgerissen. Im Inneren zog sie die völlig durchnässten Sachen aus und begann, sich abzutrocknen. Zum Glück hatte Liam ihr während ihrer Erholung mehrere Wechselklamotten gekauft. Dieser Gedanke machte alles nur schlimmer. „Hat dieser Idiot das etwa geplant?!" Draußen hörte sie seine Stimme. „Spätestens wenn sie Malyl sieht, beruhigt sie sich wieder." Fer lachte leise. „Du spielst wirklich mit dem Feuer, Liam. Wenn sie irgendwann ernsthaft sauer auf dich wird, könnte das für dich gefährlich enden." Liam klang vollkommen entspannt. „Ach. Das halte ich schon aus." Leyla biss so fest die Zähne zusammen, dass ihr Kiefer schmerzte. Als sie weiterfuhren, sprach sie kein einziges Wort. Die Stimmung um sie herum war frostig. Liam warf ihr mehrmals einen vorsichtigen Blick zu, bekam dafür allerdings jedes Mal nur tödliche Stille zurück. Doch irgendwann erschien Malyl. Zuerst nur als dunkle Silhouette am Horizont. Dann wurden langsam die gewaltigen Mauern sichtbar – alt, massiv, überzogen von dichten Ranken, die selbst aus der Entfernung wie grüne Narben über dem Stein wirkten. Leylas schlechte Laune begann augenblicklich zu bröckeln. Ihre Augen wurden größer, Neugier verdrängte langsam den Zorn. Dann erklang Liams Stimme neben ihr. „Na gut." Ein kleines Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Dann suchen wir uns mal das letzte Mitglied für unsere Gruppe." Leyla konnte nicht verhindern, dass sie ebenfalls lächelte. Malyl. Eine riesige unbekannte Stadt, neue Menschen, neue Abenteuer. Und irgendwie freute sie sich auf all das – gemeinsam mit Liam und Fer.

  • Kapitel 5 - Der Weg des Waldes

    Die Sonne sank langsam dem Horizont entgegen und tauchte den Himmel in warmes, goldenes Licht. Lange Schatten zogen sich über den Boden, während die letzten Strahlen schräg durch die Baumwipfel fielen und das Unterholz in ein flackerndes Gold tauchten. Bald würde es dunkel werden. Leyla wusste, dass sie sich langsam einen Platz zum Schlafen suchen musste. Den gesamten Nachmittag und einen guten Teil des Abends hatte sie gebraucht, um den Wald zu erreichen. Anfangs war der Weg noch von weiten Feldern und vereinzelten Höfen begleitet worden, doch inzwischen hatten dichte Bäume die offene Landschaft vollständig verschluckt – still und endgültig, wie ein Vorhang, der mit jedem Schritt zugezogen wurde. Der Pfad durch den Wald war stellenweise überwuchert, aber noch war deutlich zu erkennen, dass Reisende ihn regelmäßig nutzten. Die letzten Stunden hatte Leyla das Zwitschern der Vögel und das stetige Rascheln der Blätter begleitet. Doch mit der Dämmerung hatte sich die Stimmung verändert, zu leise und heimlich, um es wirklich zu bemerken. Es war beinahe unheimlich still. Nur gelegentlich rieb der Wind die Äste gegeneinander, oder irgendwo tief im Dunkel ließ eine Eule ihren Ruf erklingen – lang, hohl, unbeantwortet. Das verbliebene Licht reichte kaum noch aus, um sicher dem Weg zu folgen. Also hatte Leyla den Pfad verlassen und war einige Dutzend Meter tiefer zwischen die Bäume gegangen. „Man weiß ja nie." Kurz darauf traf sie auf eine kleine Lichtung. Sie ließ den Blick aufmerksam umherschweifen. Das hohe Gras bewegte sich leicht im Abendwind, zwischen den Baumwurzeln lagen alte Äste und trockenes Laub verstreut. Schließlich entdeckte sie unter einem breiten, alten Baum einen kleinen Bau, der sich zwischen den Wurzeln in die Erde grub. „Vielleicht von einem Dachs oder irgendetwas Ähnlichem…" murmelte sie leise. Vorsichtig trat sie näher und kniete sich vor den Eingang. Dann hielt sie inne. „Was hatte Papa früher noch mal gesagt?" Nach einigen Sekunden fiel es ihr wieder ein. Langsam streckte sie eine Hand in Richtung der Öffnung aus, bevor sie den Kopf ein Stück näher nach unten beugte und vorsichtig schnupperte. Kurz darauf atmete sie erleichtert aus. Kein Tiergeruch. Der Bau schien schon länger verlassen zu sein – vielleicht ein alter Unterschlupf aus dem Winter, längst aufgegeben und vergessen. —KNACK— Sofort fuhr Leyla zusammen. Instinktiv ging sie in die Hocke und ließ den Blick hektisch zwischen den dunkler werdenden Stämmen umherspringen, ihr Herz hämmerte laut und schnell in ihrer Brust. Doch nichts geschah. Keine Schritte. Keine Bewegung. Nur der Wind, der träge durch die Blätter strich, als wäre nichts gewesen. Langsam entspannte Leyla sich wieder. Sie stellte ihren Rucksack ab und kroch vorsichtig in den Bau hinein. Innen war gerade genug Platz, um sich zusammenzurollen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Sorgfältig breitete sie ihren Schlafsack aus, legte die Decke darüber und zog den Rucksack möglichst dicht vor den Eingang, um ihn abzuschirmen. Das Schwert legte sie direkt neben sich. Für einen Moment musste Leyla grinsen. „Wann hatte ich eigentlich das letzte Mal so viel Spaß?" Der Gedanke überraschte sie selbst ein wenig. Trotz der Angst, trotz der Unsicherheit und all der erdrückenden Fremdheit dieser Welt – irgendetwas daran fühlte sich seltsam lebendig an. Sie legte sich hin und gähnte tief. „Zum Glück ist Sommer", nuschelte sie leise. Kurz darauf fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf. -------------------------------------------------------------------------- Das erste Licht des Morgens weckte Leyla sanft aus dem Schlaf. Warme Sonnenstrahlen drangen durch die schmalen Öffnungen zwischen den Baumwurzeln und legten sich weich auf ihr Gesicht. Überall um sie herum erfüllte lebendiges Vogelgezwitscher den Wald, begleitet vom leisen Rascheln der Blätter im aufkeimenden Morgenwind. Verschlafen blinzelte Leyla und streckte sich vorsichtig aus. Sofort zog ein unangenehmes Ziehen durch ihren Rücken. „Autsch…" Sie verzog das Gesicht – musste aber gleichzeitig schmunzeln. Der harte Boden und die unbequeme Haltung hätten sie früher vermutlich wahnsinnig gemacht. Jetzt störte es sie überraschend wenig. Vorsichtig kroch sie aus ihrem kleinen Unterschlupf hervor und begann ihre Sachen zusammenzupacken. Die Lichtung wirkte im Morgenlicht deutlich freundlicher als noch am Vorabend. Tau glitzerte auf den Grashalmen, und zwischen den hohen Stämmen fielen goldene Sonnenstrahlen wie schmale Schleier auf den Waldboden – still und feierlich, als würde der Wald gerade erst erwachen. Nachdem sie alles verstaut hatte, zog Leyla ein Stück Brot und etwas Käse aus ihrem Proviantbeutel und frühstückte in aller Ruhe. Dabei lehnte sie sich gegen den Stamm des großen Baumes und ließ den Blick durch das Grün schweifen. Trotz der Unsicherheit, der Fremde und der Tatsache, dass sie keine Ahnung hatte, wie sie jemals nach Hause zurückkommen sollte, fühlte sie sich freier als in den letzten Jahren. Leichter. Als hätte jemand still und leise etwas von ihr abgenommen, das sie schon so lange trug, dass sie vergessen hatte, wie es sich ohne anfühlte. „Daran könnte ich mich fast gewöhnen." Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Kein Bus, den man verpasst. Kein Stress wegen Klausuren." Vielleicht war diese Welt gar nicht nur schlecht. Leyla griff nach ihrem Trinkschlauch und trank einen Schluck – bemerkte dabei jedoch sofort, dass kaum noch etwas darin war. Sie dachte kurz nach. Am Abend zuvor war sie an einem kleinen Bach vorbeigekommen. Der Umweg würde Zeit kosten, doch sie wusste nicht, wann sie das nächste Mal sauberes Wasser finden würde. Also drehte sie um. Gerade als sie ihren Rucksack aufsetzen wollte, fiel ihr Blick auf einen kleinen ovalen Stein, der zwischen den Wurzeln lag. Leyla hob ihn auf. Die Oberfläche war glatt und kühl, angenehm schwer in der Handfläche. Einen Moment lang drehte sie ihn zwischen den Fingern hin und her. Dann steckte sie ihn ein. Als kleinen Glücksbringer. Und vielleicht auch als Erinnerung an ihre erste Nacht allein unter freiem Himmel. Während sie weiter durch den Wald lief, begann sie gedankenverloren Melodien vor sich hin zu summen – mal brach sie mitten im Lied ab, mal wechselte sie einfach zu einem anderen, ohne bewusste Entscheidung. Das monotone Geräusch ihrer Schritte und die stille Freundlichkeit des Waldes machten es leicht, sich einfach treiben zu lassen. Erst einige Stunden später erreichte sie den Bach wieder. Sofort kniete Leyla sich ans Ufer. Das Wasser war so klar, dass sie die kleinen Kiesel auf dem Grund erkennen konnte, jedes einzelne. Sonnenlicht spiegelte sich auf der Oberfläche und ließ das fließende Wasser silbern schimmern. Ruhig begann sie ihren Trinkschlauch zu füllen. Während sie dem stetigen Fließen lauschte, regte sich plötzlich etwas in ihr. Eine Erinnerung. Oder eher ein Gefühl – diffus und schwer zu greifen, wie etwas, das man gerade noch träumte und schon beim Erwachen vergisst. Leyla runzelte leicht die Stirn und betrachtete das Wasser. Woran erinnerte sie das nur? Dann fiel es ihr ein. Der Hund. Unwillkürlich fragte sie sich, wie es ihm wohl ging. Ob ihn inzwischen jemand gefunden hatte – vielleicht sogar sein Besitzer? Doch kaum war der Gedanke da, breitete sich Verwirrung in ihr aus. Warum erinnerte sie sich eigentlich so schlecht daran? Es waren gerade einmal zwei Tage vergangen, seit sie ihm geholfen hatte. Und trotzdem wirkten manche Erinnerungen daran seltsam verschwommen, wie durch Milchglas gesehen. Das irritierte sie mehr, als sie zugeben wollte. „Liegt bestimmt einfach an der ganzen Aufregung", murmelte sie leise. Sie nahm einen Schluck Wasser. Kühl, frisch, und erschreckend vertraut – es hätte exakt so auch aus dem Hahn ihrer Wohnküche kommen können. —PLATSCH— Das plötzliche Geräusch ließ sie zusammenzucken. Fast wäre ihr der Trinkschlauch aus der Hand gefallen. Erst nach einem kurzen Herzschlag entspannte sie sich wieder. Ein kleiner grauer Fisch war aus dem Wasser gesprungen und direkt wieder untergetaucht, als hätte er es nur getan, um sie zu erschrecken. Leyla musste leise lachen. Dann richtete sie sich auf und schulterte ihren Rucksack. „Zeit weiterzugehen", sagte sie leise. Ihre Füße schmerzten noch vom Vortag, aber das überraschte sie kaum. Sie war mehr gelaufen als in Monaten. Das nächste Dorf lag vermutlich noch mehrere Tage entfernt – zumindest wenn ihre grobe Einschätzung stimmte, und sie hoffte, dass sie stimmte. Zurück auf dem Pfad beschleunigte sie ihre Schritte ein wenig, um die verlorene Zeit aufzuholen. Über ihr spannte sich ein klarer, strahlend blauer Himmel auf, während eine angenehme Brise durch ihre Haare strich und den Duft von Harz und feuchter Erde mit sich trug. In diesem Moment fühlte sich alles leicht an. „Heute wird ein guter Tag.“ Mit diesem Gedanken setzte Leyla ihren Weg fort. -------------------------------------------------------------------------- Es war bereits Mittag, als Leyla ihre erste größere Pause des Tages einlegte. Mit einem erschöpften Seufzen ließ sie sich auf einen umgestürzten Baumstamm sinken. Das viele Laufen machte sich inzwischen deutlich bemerkbar – ihre Beine fühlten sich schwer an, und unter der warmen Mittagssonne klebte ihr das Hemd unangenehm an der Haut. Langsam zog sie ihren Trinkschlauch hervor, trank einen kleinen Schluck und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Trotzdem kam sie besser voran, als sie ursprünglich erwartet hatte. Der Wald war dicht, aber der Pfad blieb größtenteils gut erkennbar. Immer wieder hatte sie kleinere Lichtungen, schmale Bäche oder alte Wegmarkierungen entdeckt, die ihr bestätigten, dass sie noch richtig lag. Mit einem leisen Stöhnen streckte sie die schmerzenden Beine aus und schloss für einen Moment die Augen. Langsam wanderten ihre Gedanken zum Proviant. „Hoffentlich erreiche ich das nächste Dorf, bevor mir das Essen ausgeht", murmelte sie leise. Unterwegs hatte sie zwar einige Beeren gefunden, doch wirklich satt machten sie nicht. Merinbeeren – sie war eine der Möglichkeiten, die Roxy ihr für ihre vegetarische Ernährung am Vortag empfohlen hatte. Die kleinen roten Früchte waren nahezu würfelförmig und schmeckten gleichzeitig süß und leicht säuerlich, auf eine Art, die sie nicht ganz einordnen konnte. Leyla mochte sie überraschend gern. Ehrlich gesagt schmeckten sie sogar besser als vieles, was sie bisher in dieser Welt gegessen hatte. Ein sanfter Wind zog durch den Wald und strich kühl durch ihre Haare. Für einen kurzen Moment wurde die drückende Mittagshitze dadurch merklich angenehmer. Leyla öffnete langsam die Augen und ließ den Blick durch ihre Umgebung wandern. Die Bäume ragten hoch über ihr auf, ihre mächtigen Äste bildeten ein dichtes Blätterdach, durch das nur einzelne Sonnenstrahlen bis auf den Boden vordrangen – flimmernd und golden, in trägen Bahnen über Wurzeln, Moos und Farnpflanzen gleitend. Zwischen den Sträuchern entdeckte Leyla Blumen in wunderbaren Farben, Blumen die sie noch nie gesehen hatte. Tiefviolett, leuchtend blau, schimmerndes silber – als hätte jemand mit einem vollen Pinsel zwischen die Grüntöne getupft. Der Anblick beruhigte sie. Der Wald wirkte lebendig, aber nicht bedrohlich. Eher wie ein Ort, der einfach schon immer da gewesen war und keine Besucher brauchte – sie aber trotzdem duldete. Dann blieb Leylas Blick plötzlich hängen. Zwischen den Bäumen stand ein Hirsch. Das Tier hatte sie offenbar noch nicht bemerkt. Ruhig knabberte es an den Blättern eines Strauches, während sich seine Ohren gelegentlich leicht bewegten – aufmerksam, aber unbesorgt. Das Fell schimmerte im gefilterten Licht warm und braun, die Geweihstangen ragten wie stille Äste in die Luft. Leyla beobachtete ihn reglos. Unwillkürlich musste sie dabei an einen Abschnitt aus dem Buch denken, das sie in der Taverne gelesen hatte. -------------------------------------------------------------------------- „Und unter den Tieren gibt es jene, die einen besonderen Platz in Kameras Natur einnehmen." Leylas Blick blieb weiterhin auf dem Hirsch zwischen den Bäumen gerichtet, während die Worte aus dem Buch langsam in ihr aufstiegen – als hätte der Anblick des Tieres sie von selbst hervorgezogen. Der Hirsch hob langsam den Kopf. Sonnenlicht fiel schräg durch die Äste auf sein braunes Fell und ließ das große Geweih leuchten, wie aus Licht gemeißelt. „Der Tiger ist mächtig. Er regiert die Dschungel des Nordostens. Kamera gab ihm die Krallen, damit er seine Beute erlegen kann. Genauso wie der Mensch macht der Tiger sich die Natur zu eigen, jagt und frisst in seinem Reich." Der Wind bewegte leise die Blätter über ihr, während die Erinnerung an den Text weiter durch sie hindurchfloss. „Der Frostwolf ist gerissen. Er lebt in den gefrorenen Eiswüsten des Nordens. Kamera gab ihm das Heulen, damit er das Rudel anführen kann. Genauso wie der Mensch ist der Frostwolf in der Gemeinschaft stark, niemals jedoch als Alleingänger." Unwillkürlich musste Leyla an den Wolfsbettler in Migar denken. Der Gedanke jagte ihr noch immer ein leicht unangenehmes Kribbeln über den Rücken – etwas, das sich weder ganz einordnen noch ganz ignorieren ließ. Gerne würde sie herausfinden, welchem Volk der Mann angehörte. Dann wanderte ihre Aufmerksamkeit zurück zu dem Hirsch. Ruhig stand das Tier zwischen den Sträuchern, vollkommen friedlich und beinahe unwirklich still – als wäre es kein echtes Tier, sondern ein Gemälde, das jemand sorgfältig zwischen die Bäume gesetzt hatte. „Der Hirsch ist majestätisch. Er lebt in den Wäldern des Kontinents. Kamera gab ihm das Geweih, damit man ihn bewundern kann. Genauso wie der Mensch und der Wesen ist der Hirsch besonders unter den Tieren, und es gilt, ihn zu schützen und zu ehren." Leyla betrachtete das Tier schweigend. Dann atmete sie leise durch die Nase aus. „Der Hirsch ist schon sehr schön", murmelte sie vor sich hin. Ihr war durchaus bewusst, dass die Tiere nur als Sinnbilder dienten – als Bausteine eines Weltbildes, das jemand vor langer Zeit in Worte gefasst hatte. Trotzdem wusste sie, dass sie wohl oder übel auch solche Texte lesen musste, wenn sie diese Welt wirklich verstehen wollte. Man konnte eine Welt nicht kennenlernen, indem man nur die Dinge las, die einem bereits gefielen. -------------------------------------------------------------------------- —RÖHR— Leyla zuckte leicht zusammen, als der Hirsch plötzlich ein tiefes, langgezogenes Dröhnen ausstieß, das zwischen den Stämmen widerhallte und den stillen Wald für einen Moment vollständig erfüllte. Das Geräusch hallte noch nach, während Leyla ihn weiter beobachtete. Die Szene wirkte beinahe unwirklich friedlich. Und genau in diesem Moment wurde Leyla bewusst, wie sehr sie ihn festhalten wollte. Nicht nur als Erinnerung. Sie hätte ihn zeichnen wollen. „Nicht mal ein Schnitzmesser habe ich dabei", murmelte sie leise, den Blick noch immer auf dem Tier. Der Gedanke ließ sie nicht los. „Ich muss mir in der nächsten Stadt unbedingt ein Notizbuch kaufen. Falls es hier überhaupt sowas gibt." Gedankenverloren begann sie mit einem Stock Linien in den weichen Waldboden zu zeichnen. Krude Formen. Geweihe. Baumstämme, die ins Nichts ragten. „Dann könnte ich mir wenigstens solche Momente skizzieren." Sie vermisste die Kunst mehr, als sie erwartet hätte. ,,Und zusätzlich könnte ich mir dann Notizen machen’’, überlegte Leyla leise. Der Hirsch hob plötzlich den Kopf. Seine Ohren stellten sich auf, das ganze Tier schien für einen Herzschlag lang zu erstarren – angespannt, hellwach. Dann sprang er mit einer einzigen fließenden Bewegung davon und verschwand lautlos zwischen den Bäumen, als wäre er nie dagewesen. Leyla sah ihm nach. „Das ist wohl mein Zeichen, weiterzugehen." Sie schulterte ihren Rucksack und setzte den Weg fort. Mit jedem Schritt veränderte sich die Atmosphäre. Der Wald wurde dichter, die Stämme breiter, das Licht zwischen den Kronen spärlicher. Wurzeln durchzogen den Boden wie alte, vergessene Adern, und zwischen Farnen und Moos lagen umgestürzte Bäume, deren Holz bereits langsam in den Waldboden zurückkehrte. Dann blieb Leyla abrupt stehen. Vor ihr klaffte ein gewaltiges Loch im Boden. In Leyla stieg ein mulmiges Gefühl auf. Der Krater war mehrere Meter breit und mindestens genauso tief. Erde und Wurzeln ragten aus den aufgerissenen Rändern hervor, als wäre der Boden plötzlich auseinandergebrochen. Kleine Steine lagen verstreut am Grund, die Böschung wirkte instabil und unberechenbar. Verwirrt trat Leyla einen Schritt näher. „Wie entsteht denn sowas…?" Der Anblick erinnerte sie an Bilder von eingesackten Straßen oder Einschlagkratern. Ein Erdrutsch vielleicht. Oder ein Erdbeben. Doch mitten im Wald wirkte das Ganze unheimlich fehl am Platz – zu abrupt, zu gewaltsam für die stille Ruhe um sie herum. Nachdenklich ließ sie den Blick über beide Seiten des Weges gleiten. Links war der Pfad beinahe vollständig von dichtem Gestrüpp überwuchert. Dunkle Zweige und Dornen hatten sich ineinander verflochten und bildeten eine fast undurchdringliche Wand aus Geäst. „Soll ich mich mit dem Schwert hindurcharbeiten?" Schon beim Gedanken daran verzog sie das Gesicht. Das würde ewig dauern – und sie würde sich dabei wahrscheinlich selbst mehr verletzen als das Gestrüpp. Also die andere Seite. Dort ragten hohe, scharfkantige Felsen aus dem Boden und bildeten zumindest einen schmalen Übergang. Leyla ging auf sie zu. Sie setzte einen Fuß vor den anderen, jeden Schritt bedächtig, jede Gewichtsverlagerung bewusst. Die Oberflächen der Steine waren uneben und stellenweise locker, immer wieder lösten sich kleine Kiesel unter ihren Schuhen und fielen in die Tiefe. Konzentriert hielt sie das Gleichgewicht. Fast hatte sie die andere Seite erreicht. —KRAAAAH— Das plötzliche Krähen fuhr ihr durch den ganzen Körper. Reflexartig blickte sie nach oben. Auf einem Ast saß ein Rabe und beobachtete sie mit dunklen, neugierigen Augen – vollkommen reglos, als hätte er die ganze Zeit auf diesen Moment gewartet. Sofort musste Leyla an Katja denken. Katja liebte Raben. Sie hatte sogar dieses Krähentattoo auf dem Oberarm. Nicht ganz ein Rabe, aber nah genug. Wie gerne hätte sie ihr diesen Moment gezeigt. Gedankenverloren setzte sie noch einen Schritt. Dann rutschte ihr Fuß weg. „Fuck – fuck, fuck, fuck!" Panik schoss durch ihren Körper. Instinktiv griff sie nach irgendetwas, das ihr Halt bot. Doch ihre Hände fanden nur Luft und griffen ins Leere. Geröll löste sich unter ihr. Dann fiel sie. Für einen kurzen Moment verschwamm alles vor ihren Augen. Himmel. Felsen. Äste. Der Rabe, der ruhig von einem Ast auf den nächsten flog, während sie stürzte. Leyla spannte reflexartig den ganzen Körper an. —KRCK— Mit einem widerlichen Knacken schlug sie auf dem Kraterboden auf. Schmerz raste durch ihren Körper – scharf, brennend, heftig genug, dass ihr für einen Herzschlag schwarz vor Augen wurde. Keuchend versuchte sie sich aufzurichten, doch im selben Moment schoss ein Stechen durch ihren rechten Fuß. Zitternd blickte sie nach unten. Und sofort breitete sich Panik in ihr aus. „Nein… nein, nein, nein…" Ihr rechter Fuß stand in einem völlig unnatürlichen Winkel ab. Tränen schossen ihr in die Augen, ihr Atem wurde hektisch und flach. Wie aus dem Nichts tauchte die Stimme ihres Vaters in ihr auf. „Wenn du alleine in der Natur unterwegs bist, achte immer darauf, dass dein Standort eingeschaltet ist. Wenn du dich verletzt und niemand weiß, wo du bist, kann das lebensgefährlich werden." Leyla schluckte schwer. Mit zitternden Fingern tastete sie vorsichtig ihren Fuß ab, obwohl sie die Wahrheit längst kannte. Die Schwellung war bereits sichtbar, jede kleinste Bewegung schickte neue Schmerzwellen durch ihr Bein, und die verdrehte Stellung ließ keinen Zweifel zu. Der Fuß war gebrochen.

  • Kapitel 19 - Fer Stahl

    Das warme Licht der goldenen Kristalle in den gewaltigen Höhlendecken von Erzofen tauchte die Stadt in einen ewigen Dämmerglanz. Straßen, Treppen und steinerne Brücken zogen sich durch die riesige unterirdische Metropole wie Adern durch einen Berg aus schwarzem Fels, und zwischen den hohen Hallen hallten Stimmen, Hammerschläge und das entfernte Kreischen von Loren wider. Fer ließ seinen Blick über den gewaltigen Stadtkrater im Zentrum schweifen, während er langsam die breite Treppe hinaufstieg. Von hier oben wirkte Erzofen noch majestätisch – die Paläste der alten Familien ragten aus dem Stein hervor wie Denkmäler einer vergangenen Zeit, Fassaden, Säulen und Balkone mit Gold und Silber verziert, Zeugen von Jahrhunderten des Reichtums. Doch der Glanz täuschte. Fer wusste das besser als die meisten. Fast die Hälfte aller Minen war inzwischen versiegt. Gold, Silber und Edelsteine wurden längst nicht mehr in den alten Mengen gefördert, viele Schächte standen leer, verlassen von den Familien, die dort einst Generationen lang gearbeitet hatten. Auch die Familie Stahl hatte der Niedergang schwer getroffen. Seit über dreitausend Jahren waren die Stahls Goldschmiede gewesen – sie hatten das Kaiserreich beliefert, und lange bevor es überhaupt existiert hatte, hatten selbst das Elfenreich und der Vampiradel Schmuckstücke aus ihren Werkstätten getragen. Damals war Gold beinahe selbstverständlich gewesen. Heute war jedes Gramm kostbar. Die eigene Familienmine war bereits vor fünfzehn Jahren erschöpft, und auch im Wesirgraben waren die meisten Vorkommen mittlerweile nahezu vollständig abgebaut. Fer bog in die Handwerksgasse ein. Fast vierzig Häuser und Werkstätten waren direkt in den Fels geschlagen worden, aus offenen Fenstern drangen Licht, Hitze und der Klang arbeitender Hämmer, und der Geruch von geschmolzenem Metall und Kohle lag schwer in der Luft. Doch selbst hier hatte sich etwas verändert. Früher hatten die Straßen voller Kunden gestanden. Heute wirkten viele Werkstätten still. Während Gold immer teurer wurde, blieben die Preise für den Schmuck seiner Familie nahezu unverändert – die Händler des Kaiserreichs weigerten sich, mehr zu zahlen. Fer erinnerte sich an das Gespräch zwischen seinem Bruder Reval und einem Händler aus den Mittellanden. Der Mann hatte nur mit den Schultern gezuckt. ,,Zwergenproblem.’’ Fer spürte, wie sich die Sorgen erneut schwer auf seine Schultern legten. Nicht nur seine Familie kämpfte ums Überleben – ganz Erzofen tat es. Langsam blieb er vor dem steinernen Eingang des Familienanwesens stehen. Das alte Symbol der Familie Stahl war noch immer über der Tür eingraviert, doch selbst das Gold darin hatte längst seinen Glanz verloren. Einen Moment verharrte Fer schweigend davor. Dann öffnete er die Tür und trat ein. -------------------------------------------------------------------------- „Es ist wieder eine Ader versiegt." Fer hob langsam den Blick zu seinem älteren Bruder. Reval Stahl saß ihm auf der anderen Seite des schweren Holztisches gegenüber, und das flackernde Licht des Kamins ließ die tiefen Schatten unter seinen Augen noch deutlicher hervortreten. Seit dem Tod ihres Vaters lag die gesamte Verantwortung der Familie auf seinen Schultern. Ihr Urgroßvater hatte einst als Belohnung für seine Verdienste um Erzofen die Schürfrechte im Wesirgraben erhalten. Die Schlucht war damals reich an Goldadern gewesen, und über Generationen hinweg hatte die Familie Stahl dort Minen betrieben und sich einen Namen als Goldschmiede gemacht, deren Arbeiten selbst außerhalb der Zwergenreiche bekannt waren. Doch dieser Wohlstand zerfiel langsam. In den vergangenen Jahrzehnten waren immer mehr Minen versiegt – und nun war eine weitere gefallen. „Dabei hatten wir schon vorher Probleme, genug Gold für die Schmiede zu fördern", sagte Fer leise. Sein Blick ruhte auf der Glut des Kamins. Das Feuer brannte nur noch schwach und warf flackernde Schatten über die Steinwände, die Wärme erreichte kaum noch die hinteren Ecken der Halle. „Wenn das so weitergeht…" Revals Stimme wurde leiser. „…sind wir in spätestens zwei Jahren bankrott." Die Worte hingen schwer in der Luft. Reval umklammerte den Bierkrug in seinen Händen so fest, dass seine Knöchel weiß hervortraten, seine Schultern eingesunken, als hätte ihn die Last der vergangenen Monate langsam niedergedrückt. Fer kannte diesen Blick – er hatte denselben Ausdruck bereits bei ihrem Vater gesehen. Zu viel Verantwortung. Zu wenig Hoffnung. „Ich werde einfach mehr arbeiten müssen", sagte Reval schließlich mit erzwungen ruhigem Tonfall. „Zusätzlich können wir Gold von außerhalb kaufen. In Marnstein sind die Preise etwas besser. Ich könnte alle paar Monate selbst dorthin reisen." Fer schwieg. Natürlich würde Reval das tun – er würde sich bis zur völligen Erschöpfung antreiben. „Wenn er so weitermacht, endet er genauso wie Vater." Still aß er ein Stück von dem Braten, den Reval zubereitet hatte. Eigentlich hatte er seinen Entschluss längst gefasst, hatte tagelang darüber nachgedacht. Und er wusste bereits jetzt, dass sein Bruder die Idee hassen würde. Schließlich legte Fer das Besteck langsam beiseite. Sein Blick fiel noch einmal auf den alten Altar in der Ecke des Raumes. Er zeigte einen gehörnten Mann, den sein Vater stets den „Schutzherr der Zwerge" genannt hatte. „Ich werde auf Reisen gehen, Bruder." Reval hob den Kopf und sah Fer an, doch der ließ sich nicht beirren. „In Malyl gibt es Abenteurergilden. Wenn ich mich dort einer anschließe, kann ich gutes Geld verdienen und es nach Hause schicken." Einen Moment starrte Reval ihn einfach an. Dann wich jede Farbe aus seinem Gesicht. „Nein." Seine Stimme war schärfer als zuvor. „Das ist viel zu gefährlich." Er stellte den Krug hart auf den Tisch. „Außerdem ist es meine Aufgabe als Familienoberhaupt, für unseren Wohlstand zu sorgen. Nicht deine." Er schüttelte entschieden den Kopf. „Ich erlaube dir nicht, diesen Plan umzusetzen." Fer lächelte nur müde. „Bruder. Denk wenigstens darüber nach." Stille breitete sich aus. Das Feuer knackte leise im Kamin, während Reval schweigend in die Glut starrte. Mehrere Minuten vergingen, bevor er sprach. „Du hast nicht unrecht", gab er widerwillig zu, die Stimme erschöpft. „Die Gilden wären vermutlich der schnellste Weg, viel Geld zu verdienen." Er nahm einen langen Schluck Bier. „Mit genug Kapital könnten wir die Werkstätten umbauen, neue Handelswege aufbauen – vielleicht sogar unabhängiger vom Gold werden." Fer nickte langsam. „Also erlaubst du es mir?" „Nein." Diesmal kam die Antwort leiser. Trauriger. „Das Risiko ist zu hoch." Reval sah ihn direkt an. „Einer von vier Abenteurern überlebt das erste Jahr nicht. Und nur einer von fünf erlebt überhaupt das zehnte." Seine Stimme wurde brüchiger. „Dein Tod ist mir diesen Weg nicht wert." Langsam stand er auf, trat zu seinem Bruder hinüber und legte ihm schwer die Hand auf die Schulter. „Denk auch an Irne", sagte er leise. „Denk an das Kind in ihrem Bauch." Fer senkte kurz den Blick. Reval verweilte noch einen Augenblick, dann wandte er sich ab und ging in Richtung der Schlafräume. Kurz vor der Tür blieb er stehen. „Bitte, Fer." Er drehte sich nicht um. „Vertrau mir. Ich finde irgendeinen Weg." Dann verschwand er in der Dunkelheit des Ganges und ließ Fer allein am langsam verglühenden Feuer zurück. -------------------------------------------------------------------------- Fer betrachtete schweigend das Gesicht seiner Frau. Irnes blonde Locken lagen ungeordnet auf dem Kissen verstreut, halb verborgen im warmen Schein der kleinen Öllampe neben dem Bett. Selbst im Schlaf wirkte ihr Gesicht ruhig und sanft – noch immer genauso schön wie an dem Tag, an dem sie zum ersten Mal den Laden seiner Familie betreten hatte. Damals hatte sie eigentlich nur einen Ring reparieren lassen wollen. Fer lächelte schwach bei der Erinnerung. Langsam beugte er sich zu ihr hinunter und gab ihr einen vorsichtigen Kuss auf die Stirn. Irne reagierte nicht. Natürlich nicht – sie schlief immer tief wie ein Stein und Fer liebte das an ihr. Er konnte nachts neben ihr arbeiten, Metall schleifen oder Schmuckstücke polieren, ohne dass sie aufwachte. Selbst Hammerschläge aus den unteren Werkstätten hatten ihren Schlaf selten gestört. Sein Blick glitt unwillkürlich zu ihrem Bauch. Noch war kaum etwas zu sehen, und trotzdem fühlte sich der Gedanke seltsam unwirklich an. Ein Kind. Sein Kind. „Hoffentlich bekommt es deinen Schlaf…" flüsterte er. Vorsichtig zog er den zusammengefalteten Brief aus seiner Tasche und legte ihn neben Irne auf das Kopfkissen. Der Abschiedsbrief wirkte plötzlich viel schwerer, als er erwartet hatte. Einen kurzen Moment blieb Fer regungslos stehen. Dann zwang er sich, den Blick abzuwenden, und verließ leise das Schlafgemach. Die Gänge des Familienanwesens lagen still und dunkel da, nur das entfernte Glimmen der Schmieden warf schwaches Licht über die Steinwände. Fer ging hinüber zu seiner Werkstatt und blieb einen Moment stehen, den Blick schweigend über die Waffen an der Wand gleiten lassend. Äxte, Hämmer, alte Schilde – Erinnerungen an Generationen von Zwergen, die ihre Familien verteidigt hatten. Schließlich blieb sein Blick an einer Streitaxt hängen. Seiner Streitaxt. Er hatte sie von seinem ersten eigenen Einkommen gekauft, damals noch voller Stolz und völlig überzeugt, dass er sie vermutlich niemals ernsthaft brauchen würde. Langsam nahm er sie von der Wand und legte sie sich über die Schulter. Dann griff er nach dem Eisenhelm, den Reval ihm erst vor wenigen Wochen geschenkt hatte. Das Metall fühlte sich schwer an – fast wie eine letzte Erinnerung an seinen Bruder. Er schwieg einen Moment. Dann nahm er noch drei Goldmünzen aus einer kleinen Holzschatulle und stopfte Proviant in seine Tasche: Brot, getrocknetes Fleisch, Wasser. Nicht viel, aber genug für den Anfang. Schließlich zog Fer den zweiten Brief aus seiner Manteltasche. Im Gegensatz zum ersten war dieser deutlich kürzer. Langsam begann er ihn erneut zu lesen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Reval, mein Bruder. Ich weiß, dass du meine Entscheidung nicht gutheißen wirst, sobald du bemerkst, dass ich fort bin. Aber ich kann nicht weiter zusehen, wie du denselben Weg gehst wie Vater. Du sagst mir, ich soll an Irne denken. Doch du hast ebenfalls Malya. Und Frek und Mita, die ihren Vater brauchen. Deshalb verstehst du sicher besser als jeder andere, warum ich das tun muss. Glaub mir, ich wünschte, ich könnte bleiben. Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg. Aber ich sehe keinen mehr. Sobald ich Malyl erreicht habe, werde ich euch schreiben. Und sobald ich Geld verdiene, schicke ich es nach Hause. Bitte pass in meiner Abwesenheit auf Irne auf. Und falls mir etwas zustoßen sollte, dann erzieh mein Kind bitte so, dass es stolz darauf sein kann, den Namen Stahl zu tragen. Ich liebe dich, Bruder. Fer’’ -------------------------------------------------------------------------- Fer ließ seinen Blick schweigend über die Pferde im Stall gleiten. Die grauen Tiere wirkten kräftig und widerstandsfähig, gebaut für lange Reisen durch Regen, Schlamm und Gebirge. Das schwarze Pferd daneben war größer als die anderen, seine dunklen Muskeln zeichneten sich deutlich unter dem glänzenden Fell ab, und in seinen Augen lag etwas Stolzes, Kämpferisches. Doch Fers Aufmerksamkeit blieb schließlich an den beiden weißen Pferden hängen. Ihr dichtes Fell glänzte im warmen Licht der Morgensonne, das durch die offenen Fenster des Stalls fiel und den Raum in goldene Farben tauchte. Ihre Augen wirkten ruhig, vertrauensvoll, sanft. Fer war allerdings nie jemand gewesen, der Tiere nach Schönheit auswählte. Er befand sich in Remerich, einer kleinen Stadt unweit von Erzofen. Von hier aus würde seine Reise beginnen – ein Gedanke, der sich noch immer seltsam unwirklich anfühlte. Langsam atmete er ein. Der Stall roch nach Heu, Leder und Pferdehaar, vertraute, ehrliche Gerüche, und für einen kurzen Moment spürte er eine Ruhe, die er seit Wochen nicht mehr gefühlt hatte. Doch darunter lag Anspannung. Er wusste, dass diese Entscheidung sein gesamtes Leben verändern würde. [???] „Wenn Ihr ein starkes Kriegspferd sucht, Herr Zwerg, dann solltet Ihr Euch dieses hier genauer ansehen." Fer drehte sich um. Der Pferdehändler war ein breitschultriger Mann mittleren Alters mit buschigem Bart und einem Gesicht, das ständig kurz davor wirkte zu grinsen. Er strich stolz über den Hals des schwarzen Pferdes, das kräftig schnaubte und mit den Hufen über den Boden scharrte, als wolle es die Worte bestätigen. „Beeindruckend", gab Fer zu und ignorierte die leicht herablassende Betonung von Herr Zwerg. „Aber ich suche eher nach zuverlässigen Zugpferden." Er deutete auf die beiden weißen Tiere. „Wie sieht es mit denen aus?" „Gute Wahl." Der Händler nickte. „Die beiden sind keine Rennpferde, aber sie halten durch. Stark, ruhig, zuverlässig – genau das, was man für lange Reisen braucht." Fer trat näher heran. Die Tiere blieben ruhig. Das gefiel ihm. „Wie viel?" Der Händler lächelte breit, als hätte er genau auf diese Frage gewartet. „Zwei Goldstücke. Dann gehören beide Euch." Fer spürte, wie schwer die Summe in seinem Kopf nachklang. Zwei Gold – für viele Menschen genug, um sich in einer Großstadt eine kleine Wohnung zu kaufen, auf dem Land beinahe einen ganzen Hof. Doch ohne Pferde würde die Reise nach Malyl deutlich schwieriger werden. Er schwieg einen Moment, ließ sich Zeit mit den Worten. „Zwei Gold sind ein hoher Preis." Er deutete nach draußen auf den alten Planwagen im Hof. „Wenn der Wagen dazugehört, haben wir ein Geschäft." Der Händler lachte laut auf. „Ihr Zwerge seid wirklich unangenehme Verhandler. Aber ich mag Leute mit Rückgrat." Er streckte die Hand aus. „Abgemacht." Es dauerte nicht lange, bis die beiden weißen Pferde aus dem Stall geführt wurden. Ruhig ließen sie sich vor den Planwagen spannen, während der Händler noch einmal die Gurte kontrollierte und den Wagen ein Stück vorzog. Die Räder ratterten gleichmäßig über den Hof. „Sieht alles gut aus." Fer nickte, übergab die Goldmünzen und gab dem Mann einen festen Händedruck. Kurz darauf stand er allein neben dem Wagen. Der Morgenwind strich durch seinen Bart, während die beiden Pferde ruhig nebeneinander schnaubten. Er betrachtete sie einen Moment schweigend. Dann lächelte er schwach. „Na gut", murmelte er. „Dann sind wir jetzt wohl zu dritt." Vorsichtig strich er einem der Pferde über den Hals. Dann kletterte er auf den Wagen. -------------------------------------------------------------------------- Fer konnte seine Augen kaum noch offen halten. Der lange Reisetag hatte ihn vollkommen ausgelaugt, seine Schultern schmerzten vom Halten der Zügel, und selbst das aufrechte Sitzen fiel ihm schwer. Die Dunkelheit, die sich langsam über die Landschaft legte, machte den Weg zusätzlich gefährlich. Schwere Wolken bedeckten den Himmel. Nur gelegentlich brach das blasse Licht des Skullaers zwischen ihnen hervor und legte einen kalten silbernen Schimmer über die Straße, einsam inmitten der schwarzen Nacht. Im hinteren Teil des Wagens klapperten die Holzkisten leise bei jeder Unebenheit – Waren für Malyl, ein kleiner Auftrag, nicht besonders lukrativ, aber genug, um die Reisekosten zu decken. Fer rieb sich müde über die Augen. Da blieben die Pferde plötzlich stehen. Sein Körper spannte sich an. Die beiden weißen Pferde schnaubten nervös und stampften unruhig mit den Hufen auf den Boden. Fer griff nach der Laterne und ließ den Blick in die Dunkelheit wandern. Augen. Mehrere leuchtende Punkte zwischen den Bäumen. Ein ganzes Wolfsrudel bewegte sich langsam aus der Finsternis heraus – fast ein Dutzend Tiere, die den Wagen bereits umkreisten. Fer fluchte leise. Die Tiere hätten ihn allein vermutlich ignoriert. Aber nicht die Pferde. Und ohne die Pferde war seine Reise vorbei. Er griff nach der Streitaxt und sprang vom Wagen. Das Rudel veränderte seine Bewegung – vorsichtiger, hungriger. Der erste Wolf sprang plötzlich vor. Fer riss die Axt hoch, doch das Tier war zu schnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wich es zurück und verschwand wieder im Kreis der anderen. Die Wölfe kamen näher. Schritt für Schritt. Zwei griffen gleichzeitig an. Fer reagierte instinktiv und rammte die Axt mit voller Kraft nach vorne – die Klinge bohrte sich tief in den Schädel des ersten Tieres, ein schmerzerfülltes Jaulen zerriss die Nacht. Doch im selben Moment traf ihn der zweite Wolf. Scharfe Zähne bohrten sich brutal in sein rechtes Bein. Fer schrie auf. Der Schmerz riss ihm beinahe den Verstand fort. Er verlor das Gleichgewicht, stürzte schwer zu Boden, und die Axt glitt ihm aus den Händen und landete mehrere Schritte entfernt im Dreck. Verzweifelt streckte er die Hand danach aus. Zu weit. Die Wölfe bewegten sich bereits wieder auf ihn zu. Warmes Blut lief über seinen Unterschenkel. „Sterbe ich wirklich hier…?" Dann verschwand plötzlich jedes Geräusch. Keine Wölfe. Kein Wind. Keine Pferde. Vollkommene Stille. Fer erstarrte. Langsam bemerkte er Bewegung auf dem Boden – kleine Blumen, die mitten auf der kalten Straße aus der Erde wuchsen und sich innerhalb weniger Augenblicke um ihn ausbreiteten wie ein stilles Meer aus Farben. Die Wölfe flohen. Nicht hektisch, nicht panisch, sondern… ehrfürchtig. Fer blickte auf. Eine Gestalt näherte sich langsam, das lange Haar leicht im Wind bewegt. Und auf ihrem Kopf – zwei grüne, geschwungene Hörner. Die Frau beugte sich ruhig zu ihm herunter. „Dein Name ist Fer Stahl, richtig?" Ihre Stimme war nicht laut, doch inmitten dieser unnatürlichen Stille hallten die Worte durch seinen Kopf. Verwirrt nickte er. Woher kannte sie seinen Namen? Die Frau betrachtete ihn einen Moment schweigend. Dann sprach sie erneut, die Augen ruhig, fast traurig. „Geh nach Hemmingen. Dort wird man dich heilen." Fer blinzelte. Und sie war verschwunden. Die Blumen ebenfalls. Die Nachtgeräusche kehrten schlagartig zurück – Wind, Pferde, das ferne Heulen der Wölfe irgendwo in der Dunkelheit. Eines der weißen Pferde wieherte nervös. Fer starrte benommen in die Nacht. Hatte er halluziniert? Geträumt? Dann meldete sich der pochende Schmerz in seinem Bein. Er verzog das Gesicht, griff nach der Axt und stemmte sich mühsam wieder hoch. „Na wunderbar", murmelte er erschöpft. „Auf nach Hemmingen… huh?"

  • Kapitel 18 - Das Rattern der Räder

    „Sehr geehrte Damen und Damen, in wenigen Stunden erreichen wir den nächsten Halt Oldenburg. Der Ausstieg befindet sich in Fahrtrichtung links." Leyla seufzte leise und lehnte den Kopf gegen die Fensterscheibe. Draußen glitten die Berge Norddeutschlands vorbei, grau und gewaltig unter dem wolkenverhangenen Himmel. Zwischen den Felsen lagen kleine Wälder und vereinzelte Dörfer, die im Nebel verloren wirkten. —RATTER— Ihr Blick wanderte zurück zu ihrem Kunstprojekt. Auf dem Blatt war ein schwarzer Vogel zu sehen, der genüsslich in einen roten Apfel pickte – die Schattierungen der Federn perfekt gelungen, das Licht auf der Frucht ebenso. Ein Meisterwerk. Zumindest fand Leyla das. —RATTER— Genervt verzog sie das Gesicht. Dieses Geräusch machte sie langsam wahnsinnig. Mit einem missmutigen Blick sah sie zu dem Zugführer hinüber, der einige Reihen weiter durch den Waggon lief. Der Lupid trug seine dunkelblaue Uniform geschniegelt wie ein Soldat und hatte ein freundliches, beinahe irritierend ruhiges Lächeln im Gesicht. „Entschuldigen Sie", begann Leyla. „Könnten Sie bitte dieses nervige Geräusch abstellen?" Der Lupid blieb stehen. Sein Lächeln wurde nur noch breiter. „Welches Geräusch meinen Sie?" Leyla zeigte mit ausgestrecktem Finger auf den Boden. —RATTER— „Na das da!" Der Zugführer nickte langsam, als hätte er endlich verstanden. Dann griff er in seine Manteltasche und zog eine kleine Spindelrolle hervor. Schwarze Fäden lösten sich davon und hingen bewegungslos in der Luft. Leyla blinzelte. „Ähm…" Der Lupid betrachtete die Fäden mit ernster Miene, als würde er ein hochkomplexes Problem analysieren. —RATTER— Leylas Auge zuckte leicht. „Und warum", fragte sie langsam, „machen die Räder eines ICEs überhaupt solche Geräusche?" -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla die Augen öffnete, wusste sie augenblicklich, dass der ICE nur ein Traum gewesen war. Die ihr kaum noch vertrauten Geräusche der modernen Welt waren verschwunden. Keine Lautsprecherstimmen, keine Handys. Nur Dunkelheit und ein dumpfes, rhythmisches Schwanken unter ihr. „Wo bin ich…?" murmelte sie benommen. „Und warum ist mir so warm…?" Ihr Körper fühlte sich seltsam schwer an – taub, jede Bewegung kostete Kraft. Unter ihr lagen weiche Decken, doch als ihre Finger tastend weiterglitten, stießen sie gegen raues Holz. Langsam gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit. Um sie herum standen mehrere Kisten und Säcke, ein großer Krug war mit dicken Seilen befestigt, und der Geruch von Stoff, Leder und trockenem Holz hing in der Luft. —RATTER— Leyla zuckte leicht zusammen. Langsam richtete sie sich auf – und bereute es sofort. Ihre Muskeln protestierten, ein dumpfer Schmerz zog durch ihre Glieder. Erst dann bemerkte sie das schwankende Gefühl unter sich. Der Boden bewegte sich. Ein Planwagen. Neben ihr lagen ihre Sachen ordentlich gestapelt – ihr Schwert, ihr Notizblock. Ihr Atem stockte. Hastig tastete sie ihren eigenen Körper ab. Sie trug andere Kleidung, groben braunen Stoff, schlicht und unscheinbar, aber sauber. Nicht ihre Kleidung. —RATTER— Diesmal hörte sie neben dem Holpern der Räder noch etwas anderes. Ein rhythmisches Klackern. Hufe. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück – die Entführung, die Ketten, die feuchte Dunkelheit der Zelle. Leylas Hände verkrampften sich leicht. „Wenn meine Sachen hier sind… hat Liam mich gerettet? Ist er hier?" Vorsichtig kroch sie nach vorne und hob die Plane einen schmalen Spalt an. Im nächsten Moment erstarrte sie. Auf dem Kutschbock saß ein kleiner, muskulöser Mann mit einem Eisenhelm, seine schlichte Lederrüstung glänzte matt im Licht der Morgensonne. Vor ihm zogen zwei kräftige weiße Pferde den Wagen über eine breite gepflasterte Straße. Der Kutscher richtete seinen Helm und blickte kurz über die Schulter. Leylas Herz setzte einen Schlag aus. Sie ließ die Plane fallen und zog sich hastig zurück. „Hat er mich gesehen?" Ihr gefiel überhaupt nicht, dass sie transportiert wurde, ohne sich daran erinnern zu können, zugestimmt zu haben. Sie griff nach ihrem Schwert – die raue Kälte des Griffes beruhigte sie ein wenig. Langsam schlich sie zur Rückseite des Wagens, öffnete die Plane einen Spalt und blickte hinaus. Kalter Morgenwind strich durch ihre Haare. Sie spannte bereits die Beine an. [???] „Na endlich." Die Stimme klang müde, aber belustigt. „Ich dachte schon, du machst es dir da drin gemütlich und lässt mich die ganze Arbeit erledigen." Eine kurze Pause. „Also? Schon fit für den nächsten Kampf, oder brauchst du noch ein Nickerchen?" Leyla erstarrte. Langsam drehte sie den Kopf. Und blickte direkt in Liams Gesicht. -------------------------------------------------------------------------- „Ich verstehe… so ist das also." Leyla nickte langsam, während sie die vergangenen Ereignisse Stück für Stück verarbeitete. Nachdem Liam sie befreit hatte, waren sie gemeinsam nach Hemmingen gereist, wo sie einen Zwerg namens Fer Stahl getroffen hatten, der ohnehin auf dem Weg nach Malyl gewesen war. Schließlich hatten sie beschlossen, gemeinsam weiterzureisen. Oder eher: Liam hatte beschlossen, während Leyla bewusstlos gewesen war. Ihr Körper brauchte trotz seiner Heilmagie Zeit, um sich zu erholen – die Wunden waren verheilt, doch die Erschöpfung saß noch immer tief in ihren Knochen. Leyla wandte leicht den Kopf und sah zu Liam hinüber. Er saß neben ihr auf der Rückbank des Planwagens und wirkte beinahe entspannt, doch sein Blick wanderte immer wieder über die Umgebung. „Wie lange habe ich geschlafen?" „Ungefähr eine Woche. Wir sollten bald Langfeld erreichen." Leyla blinzelte. „Eine Woche…" Langsam sah sie hinaus auf die vorbeiziehende Landschaft. „Dann bin ich bald schon zwei Monate in dieser Welt." Der Gedanke fühlte sich seltsam unwirklich an. Vor ihnen erstreckte sich ein endloses grünes Meer aus Gras, beinahe friedlich, als hätte die Welt selbst vergessen, wie grausam sie sein konnte. In der Ferne erhoben sich die gewaltigen Berge der Larifen, ihre Gipfel halb in Wolken getaucht. Der Himmel darüber war klar und tiefblau, nur wenige weiße Wolken zogen langsam hindurch, wie mit Farbe auf eine Leinwand gesetzt. Für einen Moment ließ Leyla ihren Blick einfach auf der Landschaft ruhen. Dann sah sie wieder zu Liam. „Danke", sagte sie leise, und ihre Stimme stockte leicht. „Danke, dass du mich gerettet hast." Allein die Erinnerung an die Gefangenschaft ließ ihre Kehle eng werden. Liam winkte locker ab. „Gern geschehen." Ein schiefes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Aber jetzt schuldest du mir was. Sagen wir… zehn Goldmünzen?" Leyla starrte ihn einige Sekunden lang an. Dann huschte ein kleines Schmunzeln über ihre Lippen. „Was für ein Idiot…" Trotzdem fühlte sich seine lockere Art seltsam beruhigend an. Sie zog ihre Tasche näher, holte die Karte hervor und breitete das Papier auf ihren Knien aus. Langfeld lag ungefähr auf halber Strecke nach Malyl. „Hoffentlich finde ich dort endlich Informationen…" Doch noch während sie darüber nachdachte, drängte sich ein anderer Gedanke in ihr Bewusstsein. Was passierte, wenn sie Malyl erreichten? Würde Liam danach einfach weiterziehen? Der Gedanke traf sie unerwartet hart – ein dumpfer Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus, und sie hasste sofort, wie sehr die Vorstellung sie belastete. Sie wollte es sich nicht eingestehen, aber die Idee, ohne ihn weiterzureisen, fühlte sich falsch an. Still steckte sie die Karte wieder weg und lehnte sich zurück. Das gleichmäßige Rattern des Wagens, das Klappern der Hufe und das entfernte Zwitschern der Vögel vermischten sich zu einer beinahe beruhigenden Geräuschkulisse, warmes Sonnenlicht fiel durch die Plane und legte sich angenehm auf ihre Haut. Zum ersten Mal seit langer Zeit begann sich die Anspannung in ihrem Körper langsam zu lösen. „Hey." Leylas Augen öffneten sich. Liam lächelte sie an – kein spöttisches Grinsen diesmal, nur ein ruhiger, warmer Ausdruck, der ihr mehr Trost spendete, als sie jemals laut zugeben würde. „Schlaf bloß nicht schon wieder ein." Leyla wandte den Blick ab und zog gedankenverloren ihr Notizbuch hervor. Mit jedem Strich auf dem Papier fühlte sich diese fremde Welt ein kleines Stück vertrauter an. Aus dem Augenwinkel bemerkte sie, wie aufmerksam Liam die Umgebung beobachtete. Seine Haltung wirkte locker, beinahe sorglos – doch seine Augen bewegten sich ständig. Über die Hügel, die Straße, den Horizont, immer auf der Suche nach möglichen Gefahren. „Selbst wenn er nichts sagt… passt er die ganze Zeit auf." Ein kaum sichtbares Lächeln erschien auf ihren Lippen, bevor sie sich wieder ihrer Zeichnung widmete. -------------------------------------------------------------------------- „Was meinst du, Blazer? Sollen wir Liam im Schlaf die Haare abschneiden?" Leyla strich grinsend über den Kopf des weißen Pferdes. Blazer schnaubte leise und bewegte die Ohren, während sein schneeweißes Fell im Licht des Lagerfeuers schimmerte. Seine tiefschwarzen Augen wirkten beinahe unheimlich aufmerksam, als würde er tatsächlich jedes ihrer Worte verstehen. Das andere Pferd hatte Leyla Charmeur genannt – vor allem, weil es sie immer so verführerisch ansah. Blazer wieherte leise. Leyla lachte. „Wusste ich's doch", sagte sie zufrieden. „Du bist eindeutig der Intelligenteste von euch." „Du weißt schon, dass ich euch hören kann?" Liam warf ihr vom anderen Ende der Feuerstelle einen trockenen Blick zu. Er lag entspannt im Gras, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, während die Abendsonne sein blondes Haar leicht golden wirken ließ. „Wenn du meine Haare auch nur anfasst, werf ich dich eigenhändig in den nächsten Fluss." Leyla zog demonstrativ eine beleidigte Miene. „Wow. So wenig vertraust du mir also?" Mit einem unschuldigen Lächeln rückte sie näher zu ihm, beugte sich vor und strich ihm absichtlich mit den Fingern durch die kurzen blonden Strähnen. Sie mochte dieses Gefühl viel zu sehr. „Hm", murmelte sie nachdenklich. „Eigentlich wären Glatze oder kahle Stellen ein echter Fortschritt für dich." Neben dem Feuer beobachtete Fer Stahl die beiden schweigend. Dann grinste der Zwerg breit. „Ihr zwei versteht euch ja verdächtig gut. Seid ihr ein Paar?" Leyla erstarrte. „W-Was?" Hitze schoss ihr ins Gesicht. Hastig zog sie die Hand zurück, als hätte sie sich verbrannt, und setzte sich viel zu schnell wieder ans Feuer. „Nein! Sind wir nicht!" Fer hob nur belustigt eine Augenbraue. Liam hingegen reagierte überhaupt nicht – er blieb still liegen und tat demonstrativ so, als hätte er die Frage nicht einmal gehört. Was Leyla irgendwie noch schlimmer fand. Verlegen starrte sie in die Flammen. Warum schlug ihr Herz plötzlich so schnell? Und warum fühlte sich dieses seltsame Kribbeln in ihrem Bauch so unangenehm an – und gleichzeitig irgendwie schön? —KNURR— Leyla blinzelte. Fer hielt ihr grinsend eine hölzerne Schüssel entgegen. „Suppe?" Erst jetzt bemerkte sie den Geruch. Warm, herzhaft, würzig. Ihr Magen entschied, dass sämtliche peinlichen Gedanken warten konnten. „Was für eine Suppe ist das?" fragte sie und blickte zu Fer auf. Der Zwerg lächelte zufrieden. „Kartoffelsuppe mit Graukopfpilzen." Leylas Augen begannen beinahe zu leuchten. Sie griff nach der Schüssel und aß ohne weitere Zurückhaltung. Die Wärme breitete sich in ihrem Körper aus und vertrieb die abendliche Kälte – die Kartoffeln waren weich, die Brühe kräftig gewürzt, und die Pilze hatten ein angenehm erdiges Aroma. Leyla schloss kurz die Augen. „Das ist unglaublich gut", sagte sie zwischen zwei Löffeln. Sie konnte sich ehrlich gesagt nicht erinnern, wann sie zuletzt etwas gegessen hatte, das sich so beruhigend angefühlt hatte. Nach einer Weile blickte sie zu Fer hinüber, den Mund noch halb voll mit Suppe. „Warum willst du eigentlich nach Malyl?"

  • Kapitel 17 - Das Siegel des Löwen

    ,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’ Liam schreckte aus dem Schlaf hoch. Leylas panischer Schrei riss ihn mit brutaler Gewalt aus der Dunkelheit seines Traums – roh, schrill, vor Angst überkippt. „Leyla?!" rief er heiser und fuhr herum, während sein Blick fieberhaft die nächtliche Lichtung abtastete. Noch bevor das Echo ihres Rufs verklungen war, griff er nach seinem Dolch und sprang auf die Beine. Kaltes Adrenalin schoss durch seinen Körper wie ein Blitz, der keinen Ausweg findet. Dann fiel sein Blick auf den leeren Schlafsack. Die Decke lag aufgewühlt da, als hätte jemand sie mit einem einzigen Ruck beiseitegeschleudert. „Scheiße!" Er schleuderte eine Kugel aus magischem Licht in die Höhe. Das grelle Leuchten breitete sich knisternd über die Lichtung aus und tauchte den Waldboden in bleiches Silber – und enthüllte, was er befürchtet hatte: Zerdrückte Büsche. Abgebrochene Äste. Frische Fußspuren, tief in die feuchte Erde gedrückt, die in schnurgerader Linie aus dem Wald hinausführten. „Verdammt!" Liam setzte sich in Bewegung. Äste peitschten gegen seine Arme und sein Gesicht, während er sich mit aller Kraft durch das Dickicht kämpfte, den Atem stoßweise, zu schnell, zu hektisch. Nur ein einziger Gedanke hallte durch seinen Kopf. „Nicht nochmal." Für einen Herzschlag drängte sich Emilys Bild in seine Erinnerung – ihr regloser Körper, das Blut, die leeren Augen. Das Gefühl von Ohnmacht, das sich damals wie Gift in seine Brust gefressen und sich dort festgesetzt hatte. Er verdrängte das Bild mit Gewalt und zwang sich vorwärts. Jetzt nicht. Kurz darauf brach er aus dem Wald hervor und kam auf einem offenen Hügel abrupt zum Stehen. Kaltes Mondlicht ergoss sich über die weite Landschaft und ließ die sanften Hügel wie erstarrte Wellen eines schlafenden Meeres wirken – still, klar, gleichgültig. Dann sah er sie: Zwei Reiter jagten über das offene Grasland in Richtung der Berge, ihre Pferde donnerten durch die Nacht und zogen lange Schatten hinter sich her. Auf einem der Tiere lag eine reglose Gestalt. Leyla. Liams Herz zog sich schmerzhaft zusammen. Er biss die Zähne aufeinander, bis sein Kiefer schmerzte. Zu Fuß würde er sie niemals einholen – keine Pferde, nicht auf offenem Gelände. Er stand da und sah ihnen nach, während Wut und Angst in seinem Inneren tobten wie ein Sturm, dem kein Ausweg bleibt. Der Impuls, einfach loszurennen – blind, sinnlos – war da. Aber selbst durch die Panik hindurch wusste er, dass es nichts ändern würde. Also zwang er sich zur Ruhe. Mit schweren Schritten kehrte er zur Lagerstelle zurück, sammelte Leylas Sachen ein, stopfte sie hastig zusammen und warf sich das Gepäck über die Schulter. Außerhalb des Waldes blieb er noch einmal stehen. Sein Blick folgte den Spuren, die sich durch die mondbeschienenen Hügel zogen und schließlich in der Dunkelheit verschwanden. Der Skullaer hing groß und bleich über der Welt, und die eisige Nachtluft schnitt durch seine Kleidung, als Liam seinen Weg begann. -------------------------------------------------------------------------- Liam saß mit verschränkten Beinen am Ufer des kleinen Sees, während neben ihm das sanfte Leuchten eines Naturgeistes durch die Dunkelheit flackerte. Die winzige Kreatur wirkte beinahe durchsichtig – ihr schimmernder Körper bewegte sich träge in der Luft, als trüge ihn ein lautloser Wind, und bei jeder Bewegung zogen feine Spuren aus grünlichem Licht durch die Nacht wie das Nachglühen erloschener Sterne. „Kannst du mir sagen, wohin die beiden Reiter mit der bewusstlosen Blauhaarigen geritten sind?" fragte Liam leise. Seine Stimme war ruhig, doch darunter lag eine Anspannung, die kaum noch zu verbergen war. Der Naturgeist antwortete nicht mit Worten. Stattdessen breitete sich Mana um Liam aus wie warmes Wasser, strömte sanft über seinen Geist und hinterließ klare Bilder in seinem Bewusstsein. Liam schloss die Augen. Er sah einen alten Turm – verfallen, einsam, aus schwarzem Stein, halb von Moos überwuchert und halb von der Natur zurückgefordert, Stück um Stück. Er lag verborgen am Rand eines dichten Waldgebietes, eingeschlossen von Hügeln und einem Wirrwarr aus uralten Bäumen, die ihre Äste wie stumme Wächter über ihn streckten. Liam öffnete langsam die Augen. „Danke, Kleiner", murmelte er mit einem erschöpften Lächeln. Der Naturgeist schimmerte ein letztes Mal auf. Sein Licht wurde schwächer, verblasste, bis es schließlich lautlos verschwand – wie ein einzelner Tropfen Regen, der im Meer untergeht. Zwei Tage waren vergangen, seit Leyla entführt worden war. Zwei endlose Tage voller Kälte, Müdigkeit und rastloser Suche. Liam hatte kaum geschlafen, war Stunde um Stunde weitergelaufen, getrieben von der Erinnerung an ihren panischen Schrei in jener Nacht. Immer wieder sah er ihre Augen vor sich – die Angst darin hatte sich tief in sein Gedächtnis gebrannt und ließ sich nicht auslöschen. Die Erschöpfung lastete schwer auf seinen Gliedern, seine Gedanken waren stumpfer als sonst, und selbst das Atmen fiel ihm schwerer als es sollte. Trotzdem hielt sein Wille ihn aufrecht. Den See hatte er eher zufällig entdeckt und sich widerwillig dazu gezwungen, kurz innezuhalten – tief in seinem Inneren ahnte er bereits, dass die Befreiung Leylas ihn fordern würde. Er brauchte jeden Rest Kraft, der ihm noch geblieben war. Langsam ließ er sich näher ans Wasser sinken und blickte in den Nachthimmel. Der Skullaer hing wie immer in der Mitte des Firmaments, hoch über der Welt, sein kaltes Licht spiegelte sich auf der stillen Oberfläche des Sees, und dahinter funkelten unzählige Sterne vor dem Endlosen Schwarz. Für einen Moment wurde es still in seinem Kopf. Dann dachte er an Leyla – an ihr ahnungsloses, beinahe kindliches Lächeln. Sie verstand so vieles nicht, betrachtete manche Dinge der Welt mit einer Naivität, die fast unwirklich wirkte. Und doch hatte Liam nie das Gefühl gehabt, mit jemandem zu sprechen, dem wirklich sämtliche Erinnerungen fehlten. Etwas stimmte nicht. Vielleicht war ihr Gedächtnis manipuliert worden. Vielleicht hatte jemand gezielt Teile ihrer Vergangenheit ausgelöscht. Liam starrte schweigend auf die Wasseroberfläche. Schon bevor die Entführung geschehen war, hatte er gespürt, wie sehr sich sein Leben verändert hatte, seit Leyla aufgetaucht war – die gemeinsamen Reisen hatten ihm mehr bedeutet, als er sich anfangs eingestehen wollte. Er schloss die Augen. Die Stille dieses Ortes konnte die Unruhe in seinem Inneren nicht besänftigen. Sobald er einschlief, hörte er wieder ihre Schreie, rissen ihn dieselben Bilder aus dem Schlaf, und mit jeder Stunde wurde das Gefühl stärker, dass ihm die Zeit davonlief. Er durfte keinen weiteren Tag verlieren. -------------------------------------------------------------------------- Als Liam den Turm erreichte, waren bereits fünf Tage vergangen, seit Leyla entführt worden war. Schon beim Aufstieg hatte ihn ein ungutes Gefühl begleitet – irgendetwas sagte ihm, dass Leyla nicht hier war. Der Wind fegte unbarmherzig über die Bergkämme und zerrte an seinem Mantel, während Liam auf die kleine Hütte neben dem verfallenen Turm zuging. Die dünne Höhenluft brannte in seiner Lunge, und jeder Atemzug fühlte sich unvollständig an, als würde seinem Körper selbst die Luft verweigert. Die Gegend wirkte verlassen. Still. Zu still. Liam blieb vor der schweren Holztür stehen und hob langsam die Hand. —KLOPF— Einige Sekunden lang geschah nichts. Dann drang von der anderen Seite eine zitternde Stimme hervor, so leise, dass er sie beinahe mit dem Heulen des Windes verwechselt hätte. [???] „Wer… wer ist da?" Das waren nicht die Männer, nach denen er suchte. „Mein Name ist Liam", antwortete er ruhig. „Ich suche nach meiner Freundin. Sie wurde vor fünf Tagen von zwei Reitern entführt. Ich hatte gehofft, dass hier vielleicht jemand weiß, wohin diese Männer verschwunden sind." Er bemühte sich um einen freundlichen Tonfall, doch die Erschöpfung und die Wut in seinem Inneren ließen seine Worte härter klingen, als er es wollte. Hinter der Tür wurde es still. [???] „Ich… ich habe nichts mit diesen Männern zu tun. Bitte geh einfach weiter…" Die Angst in dieser Stimme war unmöglich zu überhören. Liam schloss kurz die Augen. Der kalte Wind strich über sein Gesicht, während er den brodelnden Zorn in sich zurückdrängte. „Ich will dir nichts tun", sagte er ruhiger. „Aber ich muss diese Männer finden. Wenn du irgendetwas weißt, sag es mir bitte. Meine Freundin ist in ihrer Gewalt." Eine lange Pause folgte. Der Sturm rüttelte an den morschen Holzbrettern der Hütte, und irgendwo in der Ferne hallte das dumpfe Grollen eines Steins durch die Berge, bevor die Stille ihn wieder verschluckte. [???] „Du… du gehörst wirklich nicht zu ihnen?" „Nein." Liams Stimme wurde hart. „Diese Leute sind meine Feinde." Für einen Moment entglitt ihm die Kontrolle – die Wut vibrierte förmlich in seinen Worten, bevor er sich wieder fing. Hinter der Tür war ein leises Zittern zu hören. Dann, vorsichtig: [???] „Die Männer leben weiter oben in den Bergen. In einem kleinen Dorf namens Hierhall. Sie arbeiten mit einem Sklavenring aus dem Osten zusammen…" Die Stimme stockte. [???] „Sie haben auch meine große Schwester mitgenommen." Ein ersticktes Schluchzen drang durch die Tür, und Liam spürte, wie sich sein Magen zusammenzog. Langsam ballten sich seine Hände zu Fäusten. Der Gedanke, dass Leyla womöglich bereits an solche Menschen verkauft worden war, ließ etwas Dunkles in ihm aufsteigen – etwas, das er nur mit Mühe in Schach hielt. „Danke", sagte er schließlich leise. Trotz der ruhigen Worte lag eine gefährliche Schärfe in seiner Stimme. „Du hast mir mehr geholfen, als du denkst." Sein Blick verweilte einen Moment auf der alten Tür. „Ich werde diese Männer finden. Das verspreche ich dir." Ohne auf eine Antwort zu warten, wandte Liam sich ab und begann den steilen Gebirgspfad hinaufzusteigen. Der eisige Wind pfiff ihm um die Ohren, lose Steine rollten unter seinen Schritten den Abhang hinab, und die Kälte kroch durch seine Kleidung und fraß sich tief in seinen Körper. Doch der Frost, der sich in seinem Herzen ausbreitete, war weitaus kälter als alles, was diese Berge hervorbringen konnten. -------------------------------------------------------------------------- Der Kopf des Mannes flog durch die Luft. Für einen einzelnen, surrealen Augenblick blickten die weit aufgerissenen Augen noch auf den eigenen Körper hinab, bevor er dumpf über den gefrorenen Boden rollte und zwischen den Steinen liegen blieb. Liam stand reglos vor der Leiche. Das Schwert, das er wenige Minuten zuvor auf einem verlassenen Karren am Dorfrand gefunden hatte, noch immer in seiner Hand, und Blut rann langsam an der Klinge herab und tropfte lautlos auf den Boden. Der große Wachposten hatte nicht einmal Zeit gehabt, nach seiner Waffe zu greifen. Das Dorf wirkte wie ein Relikt aus einer anderen Zeit – kalt, verwahrlost, halb verrottet. Die Häuser bestanden aus dunklem Stein und morschem Holz, als hätte selbst die Welt diesen Ort längst aufgegeben. Zwischen den engen Gassen pfiff der Wind hindurch und trug ein heiseres Heulen mit sich, das beinahe wie Stimmen klang. Als würden die Toten dieses Ortes noch immer flüstern. Liam hob den Blick. Das Lagerhaus war das größte Gebäude des kleinen Dorfes – neben zwei Wohnhäusern und einer kleinen Kirche das einzige, das bewacht wurde. Dort war sie. „Wofür gibt es eigentlich die Kaiserlichen Kopfgeldjäger…?" murmelte er düster. In seiner Stimme lag blanke Verachtung. Noch während die Worte verklangen, öffnete sich die Tür des Lagerhauses knarrend. Ein kleiner Mann trat hinaus, einen Bierkrug in der Hand. [???] „Hey Fred, was machst du da draußen für einen Lärm?" rief er genervt. Dann bemerkte er die Leiche. Seine Augen weiteten sich. Liam reagierte instinktiv – der Dolch schoss aus seiner Hand wie ein dunkler Blitz und bohrte sich tief in den Hals des Mannes. Ein ersticktes Gurgeln entwich ihm, der Bierkrug fiel scheppernd zu Boden und zerbarst. Liam trat den noch zuckenden Körper wortlos zur Seite und öffnete die Tür einen schmalen Spalt. Vier. Drei Männer. Eine Frau. Mehr brauchte er nicht zu wissen. Ohne zu zögern stürmte er los. Der erste Mann war beinahe so groß wie der Wachposten draußen – breit gebaut, schwer bewaffnet. Er starb, bevor er seine Axt vollständig anheben konnte. Liams Schwert durchbohrte seine Brust mit brutaler Präzision, und der massige Körper brach krachend zusammen wie ein gefällter Baum. Ein weiterer Mann sprang brüllend auf, riss seine Axt hoch und stürzte sich mit verzerrtem Gesicht auf Liam. Der Hieb durchschnitt die Luft. Liam duckte sich darunter hinweg, trat dicht an ihn heran und presste die Hand gegen seine Brust. Sein Mana explodierte. Flammen brachen hervor und verschlangen den Mann innerhalb eines Augenblicks, seine Schreie verwandelten sich in ein entsetzliches Röcheln, und der Geruch von verbranntem Fleisch füllte den Raum. Die Frau reagierte als Nächste. Mit einem langen Messer in der Hand schrie sie auf und stürzte sich blind vor Wut auf ihn zu. Liam wich mit einer einzigen fließenden Bewegung aus. Die Frau bemerkte ihren Fehler zu spät. Seine Klinge glitt mühelos durch ihren Körper. Keuchend blieb sie stehen, Blut sickerte langsam aus ihrer Brust, die Augen ungläubig auf ihn gerichtet – dann brach sie zusammen. Nur noch der letzte Mann blieb übrig. Er zitterte am ganzen Körper, die Waffe fiel klappernd aus seiner Hand, bevor er auf die Knie sank und flehend beide Arme hob. „B-Bitte… bitte verschon mich…" stammelte er. Liam ging langsam auf ihn zu, die Augen kalt und leer. „Wo ist die Frau mit den blauen Haaren?" „H-hinten…" keuchte der Mann. „Im Käfig… die Treppe runter… hinter der Tür…" Liam schwieg einen Moment. „Danke", sagte er schließlich. Dann zog er langsam sein Jagdmesser. Der Mann begann zu weinen. Für einen kurzen Augenblick hielt Liam inne und blickte in die flehenden Augen vor sich – doch dann dachte er an Leyla. An ihre Schreie bei der Entführung. An die Vorstellung, was diese Menschen ihr angetan hatten. Mit einer einzigen Bewegung schnitt er dem Mann die Kehle durch. Stille kehrte ein. Liam atmete schwer. Sein Herz schlug hart gegen seine Rippen, während er den schmalen Gang hinunterging, das Blut an seiner Kleidung war bereits kalt. Am Ende stand eine schwere Holztür. Ohne langsamer zu werden, trat er sie auf. Das Holz splitterte krachend. Sein Blick durchsuchte den Raum. Dann sah er sie. Leyla. Sie lag in einer kleinen Zelle. Wasser tropfte aus einem Loch in der Decke auf den Steinboden, und ihre Kleidung war durchnässt. Blaue Flecken bedeckten ihre Haut, ihre Arme wirkten erschreckend dünn, und selbst das schwache Licht des Raumes konnte nicht verbergen, wie ausgebrannt sie war. Liams Atem stockte. „Leyla…" Seine Stimme wurde brüchig. „Ich bin so froh, dich zu sehen." Er trat auf die Zelle zu. „Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben." „L-Liam…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern – rau und gebrochen, wie die einer Person, die schon lange nicht mehr gesprochen hatte. „Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin hier." Als er sie vorsichtig hochhob, spürte er sofort, wie leicht ihr Körper geworden war. Viel zu leicht. Jeder Atemzug klang flach und schmerzhaft, als würde selbst das Atmen sie Kraft kosten. „Halte durch… bitte halte einfach durch…" Verzweifelt begann er, seine Heilmagie einzusetzen. Warmes Mana floss durch seine Hände und breitete sich langsam über ihren verletzten Körper aus. „D-Du musst vorsichtig sein…" murmelte Leyla schwach. „Hier sind mindestens drei Leute…" Liam konnte nicht anders als leise zu schmunzeln und erschöpft den Kopf zu schütteln. „Nein. Hier ist niemand mehr." Selbst jetzt dachte sie noch daran, ihn zu warnen – wie viel Kraft sie trotz allem noch aufbrachte, erschütterte ihn mehr, als er erwartet hatte. „Liam… du blutest…" flüsterte Leyla. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren blassen Lippen. „Das ist nicht mein Blut." Er hielt sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." Langsam begannen sich ihre Verletzungen zu schließen. Als ihre Atmung ruhiger wurde, wurde auch seine Stimme sanfter. „Du kannst dich jetzt ausruhen." Warme Tropfen liefen über seine Haut. Erst nach einigen Sekunden begriff Liam, dass es Leylas Tränen waren. „Du hast durchgehalten", sagte er leise. „Ich bin jetzt bei dir." Und während er die bewusstlose Leyla durch den blutgetränkten Raum trug, mischte sich mit einem Schlag unter die Erleichterung plötzlich etwas anderes. Wut. Sein Blick fiel auf den verbrannten Körper den Mann, der um sein Leben gebettelt hatte. Auf dem Unterarm zeichnete sich ein Tattoo ab – klar, unverkennbar, selbst durch das Blut hindurch. Der Goldene Löwe. Das Zeichen der Privatarmee des Kaisers. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig zog Liam Leyla die neuen Stoffkleider an, die er kurz zuvor auf dem Markt von Hemmingen gekauft hatte. Seine Bewegungen waren langsam und erschöpft – trotzdem achtete er darauf, den dünnen Stoff behutsam über ihre geheilte Haut zu ziehen. Mehrere Tage waren vergangen, seit er sie aus dem Dorf befreit hatte. Tage ohne echten Schlaf, in denen er sie beinahe ununterbrochen getragen und nicht aufgehört hatte, Heilmagie einzusetzen. Die Folgen spürte er inzwischen an jedem Glied: sein Körper fühlte sich schwer an, jeder Muskel schmerzte, seine Gedanken wirkten dumpf, und sein Mana war fast vollständig erschöpft. Selbst das einfache Aufstehen kostete ihn Kraft. Liam strich Leyla vorsichtig eine Strähne ihres blauen Haares aus dem Gesicht. Sie war noch immer bewusstlos – ihr Zustand hatte sich stabilisiert, doch sie wachte nicht auf. Sein Blick schweifte durch die kleine Herberge. Vielleicht sollte er hierbleiben. Ein paar Tage Ruhe, Schlaf, Zeit, damit Leyla sich erholen konnte. Doch kaum war der Gedanke entstanden, verwarf er ihn. Nein. Er wollte sie so schnell wie möglich fortbringen. Malyl. Dort mussten sie hin. Nachdem er Leyla wieder zugedeckt hatte, verließ er die Herberge und trat hinaus auf den Marktplatz. Die Nachmittagssonne hing tief über der kleinen Stadt und tauchte die Straßen in warmes, goldenes Licht. Händler riefen ihre Waren aus, Pferde schnaubten zwischen den Wagen, und irgendwo in der Luft hing der Geruch von gebratenem Fleisch und frischem Brot – ein seltsam friedlicher Kontrast zu allem, was hinter ihm lag. Dann entdeckte er einen Zwerg. Der kleine, breit gebaute Mann saß entspannt auf dem Bock eines großen Reisewagens, vor den zwei kräftige Pferde gespannt waren, und biss gemächlich in eine rote Frucht, während er das geschäftige Treiben auf dem Platz beobachtete. Liam trat näher heran. „Entschuldigung. Wohin reist du?" Der Zwerg musterte ihn kurz. Sein Blick blieb einen Moment länger an Liams erschöpftem Gesicht und den Blutflecken auf seiner Kleidung hängen, bevor er erneut von seiner Frucht abbiss. „Malyl", antwortete er knapp. Etwas von der Anspannung in Liams Brust löste sich. „Das passt gut", sagte er. „Meine Freundin und ich müssen ebenfalls nach Malyl." Er machte eine kurze Pause. „Vielleicht können wir uns einigen."

  • Kapitel 16 - Verloren in der Dunkelheit

    Tag 1: Leylas ganzer Körper schmerzte, als sie langsam zu Bewusstsein kam. Ein dumpfes, pochendes Gefühl zog sich durch ihre Glieder, und das kalte Eisen der Handschellen schnitt schmerzhaft in ihre Haut. —TROPF— Sie konnte nichts sehen – irgendetwas verdeckte ihre Augen. Der widerliche Geschmack eines Knebels in ihrem Mund verursachte einen Würgereflex, den sie aktiv unterdrücken musste. —TROPF— Das leise Tropfen von Wasser hallte durch den Raum. Ein stetiger, fast hypnotischer Klang, der von der bedrückenden Stille verschluckt wurde. Es war kalt. Eiskalt. Die Kälte kroch über ihre Haut, bis in ihre Knochen, und ließ sie unkontrolliert zittern. —TROPF— „Wo bin ich?" Die schneidenden Erinnerungen an den letzten Abend stiegen langsam in ihr auf. „Ach ja… ich wurde entführt." —TROPF— Eine Welle aus Angst und Verzweiflung überrollte sie. Sie wollte schreien, doch der Knebel erstickte jedes Geräusch. Sie zerrte an den Ketten – doch sie wusste, dass ihre Kräfte niemals ausreichen würden, um sich zu befreien. Erschöpft ließ sie die Arme wieder sinken, die Ketten klirrten leise nach. —TROPF— Ob Liam wohl nach ihr suchte? Hatte er ihre Schreie überhaupt gehört? Und wo zur Hölle war sie? —TROPF— Die Beklommenheit, die sie spürte, war überwältigend. Sie fühlte sich allein – aber nicht auf die freie Art, wie sie sich vor dem Treffen mit Liam gefühlt hatte. Nein. Es war die Art von Einsamkeit, die das Herz schwerer machte, mit jedem Atemzug ein kleines Stück mehr. —TROPF— „Was haben sie vor?" Die Vorstellung ließ sich kaum verdrängen. „Werden sie mich versklaven? Foltern? Töten?" —TROPF— Leyla konnte nicht verhindern, dass Tränen unter ihrer Augenbinde hervorliefen und ihre Wangen hinabrollten. Sie zitterte nicht mehr nur vor Kälte, sondern auch vor Angst. Der Gedanke daran, wie leicht sie in eine Lage wie diese geraten war, ließ ihr Blut in den Adern gefrieren. —TROPF— „Ich will das nicht…“ -------------------------------------------------------------------------- Tag 2: Leylas ganzer Körper schmerzte und verhinderte, dass sie wirklich schlafen konnte. Dann hörte sie Schritte, die sich ihr näherten. —TROPF— „Wer ist das?" Ihre Gedanken begannen erneut zu rasen, während die Schritte immer lauter wurden. „Sind es die Männer von gestern? Oder jemand anderes?" —TROPF— Die Schritte hielten direkt vor ihr inne. Eine kalte Frauenstimme zerschnitt die bedrückende Stille wie ein Messer: „Wenn du ruhig bleibst, geb' ich dir was zu essen." —TROPF— Leyla spürte, wie ihr Herzschlag schneller wurde. Diese Stimme war ruhig, fast emotionslos – doch sie ließ eine unmissverständliche Gefahr erahnen. Es war keine Stimme, die Mitleid versprach, sondern eine, die Befehle erteilte, ohne auf eine Antwort zu warten. Leyla hielt den Atem an und nickte vorsichtig. Sie wusste, dass sie in ihrer Lage keine andere Wahl hatte, als mitzuspielen. —TROPF— Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und für einen kurzen Moment konnte Leyla ihren Kiefer bewegen, der vor Schmerz protestierte. Doch ehe sie etwas sagen konnte, schob sich bereits ein Löffel in ihren Mund. Die Pampe war fad und klebrig, und jeder Bissen fühlte sich an, als würde er in ihrer trockenen Kehle stecken bleiben. Trotzdem aß Leyla alles, was ihr gereicht wurde. Sie wusste, dass sie jede Kraft brauchen würde, wenn sich die Gelegenheit zur Flucht ergab. —TROPF— Plötzlich spürte sie, wie sich die Ketten lösten, die ihre Handgelenke so lange malträtiert hatten. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihre Arme, als das Blut wieder in die tauben Gliedmaßen floss – Leyla musste sich zusammenreißen, um nicht laut aufzustöhnen. —TROPF— Gerade als sie den Mut aufbringen wollte, ein Wort zu stammeln oder eine Frage zu stellen, wurde der Knebel erneut in ihren Mund gedrückt. Die Finger, die ihn anbrachten, waren fest und unerbittlich und ließen keinen Raum für Widerstand. Dann entfernten sich die Schritte langsam, und Leyla sank gegen die kalte, harte Wand hinter ihrem Rücken. —TROPF— Die Dunkelheit kehrte zurück, bedrückender und kälter als zuvor. Leyla fühlte die kurze Freiheit, die sie für einen Moment gespürt hatte, wie Sand durch ihre Finger rinnen – ihre Hände, auch wenn sie nun frei waren, fühlten sich nutzlos an, und die Dunkelheit lastete auf ihr wie eine unsichtbare Kette, die keine Schellen brauchte. —TROPF— ,,Eins.’’ -------------------------------------------------------------------------- Tag 5: Leylas ganzer Körper schmerzte, vor allem ihre Fingerkuppen waren völlig wund. Sie hatte begonnen, jeden Winkel des Raumes zu erkunden, in dem sie gefangen gehalten wurde – ihre Fingerspitzen glitten immer wieder über die kalten, rauen Steine der Wände, in der Hoffnung, irgendeinen versteckten Mechanismus oder eine Schwachstelle zu finden. Der Boden war ebenso hart und unnachgiebig wie die Wände, und ihre Füße schmerzten von den vielen Stunden, die sie darauf verbracht hatte. —TROPF— ,,Siebenhundertdreizehn.’’ Wo eine Tür hätte sein können, fühlte sie nur das kalte Metall eines Gitters. Sie stellte sich vor, dass dahinter ein kleiner Vorraum lag, vielleicht mit einer weiteren Tür, die in den Rest des Gebäudes führte. Immer wieder lauschte sie in die Dunkelheit – irgendwo außerhalb ihrer Zelle erklang regelmäßig das Läuten einer Kirchenglocke, das ihr half, die Zeit zu messen. Dieses monotone Geräusch war ihre einzige Orientierung in einem sonst endlosen Strom aus Dunkelheit und Kälte. —TROPF— ,,Siebenhundertvierzehn.’’ Die einzige Person, die sie in den letzten Tagen gesehen hatte, war die Frau, die ihr Essen brachte. Leyla hatte ihr insgeheim den Namen „Marie" gegeben, auch wenn sie weder ihren richtigen Namen noch ihre Absichten kannte. —TROPF— ,,Siebenhundertfünfzehn.’’ Sie hatte angefangen, die Tropfen zu zählen. Am Vortag war sie bei dreitausendsechshundertdreizehn eingeschlafen. —TROPF— ,,Siebenhundertsechszehn.’’ „Heute werde ich mit ihr sprechen", dachte Leyla entschlossen, während sie nervös an ihrem Knebel kaute. „Vielleicht hilft sie mir… Vielleicht gibt es noch eine Chance." —TROPF— ,,Siebenhundertsiebzehn.’’ Die vertrauten Schritte hallten durch den Gang, und kurz darauf öffnete sich die schwere Tür. Leyla zuckte unwillkürlich zusammen, als die Frau vor ihr erschien. Ohne ein Wort zog sie Leyla den Knebel aus dem Mund und begann, sie mit der üblichen monotonen Routine zu füttern. Doch diesmal wollte Leyla die Stille nicht ungenutzt verstreichen lassen. —TROPF— ,,Siebenhundertachtzehn.’’ „Wer bist du? Kannst du mir helfen?" Die Worte kamen schneller über ihre Lippen, als sie nachdenken konnte – heiser, brüchig, an jeden Funken Hoffnung geklammert, den sie noch in sich fand. —TROPF— ,,Siebenhundert…’’ Ein brennender Schmerz explodierte in Leylas Bauch. Sie keuchte auf, spürte, wie sich ihre Muskeln unkontrolliert zusammenzogen, und sackte nach vorne. Das wenige Essen, das sie gerade zu sich genommen hatte, kam wieder hoch und landete auf dem kalten Steinboden. —TROPF— „Was…?" Ihre Gedanken wirbelten durcheinander, als sie die grausame Wahrheit begriffen — die Frau hatte sie getreten. Eine harte Hand packte sie an den Haaren und riss ihren Kopf grob nach oben. —TROPF— „Glaub ja nicht, dass ich dir irgendwie helfe", zischte die Frau mit einer Stimme, die vor Kälte triefte. „Ich füttere dich, damit du nicht verreckst. Aber sprich mich noch einmal an, und ich brech dir deine Arme." —TROPF— Leyla schluckte schwer, während die Worte wie Scherben in ihr Bewusstsein schnitten. Die Finger in ihrem Haar ließen nach – und im nächsten Moment krachte ihr Kopf mit einem dumpfen Schlag auf den harten Boden. Schmerz breitete sich aus, und die Dunkelheit wurde wieder allumfassend. —TROPF— ,,Eins.’’ Das vertraute, erstickende Gefühl kehrte zurück, als die Frau ihr den Knebel wieder anlegte. Tränen liefen lautlos über Leylas Wangen, während die Schritte sich entfernten und schließlich verstummten. Der Raum schien noch kälter zu werden, und sie war wieder allein. —TROPF— ,,Zwei.’’ -------------------------------------------------------------------------- Tag 8: Leylas ganzer Körper schmerzte, ganz besonders ihr Magen vor Hunger. In den letzten Tagen war die Frau nicht mehr zu ihr gekommen. —TROPF— ,,Zweitausechs.’’ Ihr Kopf fühlte sich an, als wäre er mit Blei gefüllt. Jede Bewegung war eine Qual — ihre Beine taub, ein stetiges Nadeln tief in den Muskeln, ihr Magen in unerbittlichen, dumpfen Wellen. Ihre Gedanken verloren sich in einem nebligen Wirrwarr aus Erschöpfung und Verzweiflung. Selbst das Denken kostete Kraft, die sie nicht mehr hatte. —TROPF— ,,Zweitausendsieb.’’ Ein Wassertropfen fiel von der Decke und landete auf ihrer Haut. Das kalte, winzige Prickeln durchbrach die dumpfe Taubheit für einen Moment. Ein Luftzug, der durch die Gitterstäbe wehte, streifte wie ein feuchter Schleier über sie und verstärkte das schneidende Gefühl der Kälte, die tief in ihren ausgemergelten Körper kroch. —TROPF— ,,Zweitaudacht.’’ „Werde... ich hier... sterben...?" Der Gedanke drängte sich ihr auf, begleitet von einer schmerzhaften Welle der Reue. „Warum habe... nur angesprochen…?" —TROPF— ,,Zweineun.’’ Aus der Ferne vernahm sie das Knarzen einer Tür. Schritte hallten durch den Gang und kamen näher – ein unheilvolles Echo in der bedrückenden Stille. Leyla hielt den Atem an. —TROPF— „Freu dich", sagte eine kalte, emotionslose Stimme, die Leyla zusammenzucken ließ. „Du wurdest verkauft. Regis van Marsten hat dich als seine persönliche Sklavin erworben. Er genießt es, seine Mädchen zu brechen, bevor er sie seinem Willen völlig unterwirft. Morgen wirst du abgeholt." —TROPF— Die Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht. Verkauft. Sklavin. —TROPF— Der Knebel wurde grob aus ihrem Mund entfernt, und sie spürte die kühle Berührung von Wasser auf ihren rissigen, vertrockneten Lippen. Sie trank gierig – das erfrischende Nass schien sie für einen flüchtigen Moment wieder zum Leben zu erwecken. Doch bevor sie sich daran stärken konnte, erklang die eiskalte Stimme der Frau erneut. „Zu essen kriegst du nichts." Kein Hauch von Mitgefühl. Nur Feststellung. —TROPF— Mit einem erschöpften Seufzen ließ Leyla sich zurück gegen die kalte Steinwand sinken. —TROPF— Dann bemerkte sie es. Der Knebel lag noch immer auf dem Boden. Die Frau hatte vergessen, ihn ihr wieder anzulegen. —TROPF— „Ich werde mich niemals als Sklavin an einen widerlichen Adligen verkaufen lassen", schwor Leyla sich selbst mit zusammengebissenen Zähnen. „Lieber beiße ich mir die Zunge ab und sterbe hier, als mich ihm auszuliefern." -------------------------------------------------------------------------- Tag 9: Leylas ganzer Körper schmerzte, doch es war erträglicher als am Tag zuvor. Sie war von lauten Schreien geweckt worden. —TROPF— Die Stimmen klangen wirr und unverständlich. Instinktiv kroch sie in eine der Ecken ihrer Zelle und drückte sich gegen die kalten Steinwände, als könnten sie sie verschlucken. —TROPF— „Kommt da etwa der Adlige?" Ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Hoffnungslosigkeit hatte sich tief in ihre Gedanken gefressen, und sie war bereit, ihrem Schicksal zu entkommen, bevor es sie einholen konnte. Ihre Zähne bereiteten sich vor. —TROPF— Plötzlich wurde die Tür zu ihrer Zelle mit einem lauten Knall aufgestoßen. Schnelle Schritte näherten sich, und sie presste sich tiefer in die Ecke, den Mund leicht geöffnet, die Zähne bereit für den letzten Ausweg. —TROPF— „Leyla… ich bin so froh, dich zu sehen." Die Stimme durchschnitt die Dunkelheit wie ein Lichtstrahl. „Geht es dir gut? Ich bringe dich hier raus. Du musst keine Angst mehr haben." Leylas Kiefer stoppte mitten in ihrer Bewegung. War das wirklich Liam? Ihre Gedanken rasten, während ihr Körper unkontrolliert zitterte. Die Tränen, die sie so lange zurückgehalten hatte, brachen nun hervor, als ob sie endlich einen Ausweg gefunden hätten. Einen kurzen Moment lang konnte sie überhaupt nicht begreifen, was sie da gerade hörte. Ihr Körper begann unkontrolliert zu zittern. War das… wirklich Liam? Ihre Gedanken überschlugen sich. Die letzten Tage hatten ihr beigebracht, niemandem mehr zu vertrauen. Doch allein diese Stimme ließ etwas in ihr zerbrechen – und die Tränen, die sie so lange unterdrückt hatte, brachen plötzlich hervor. Unaufhaltsam. „L-Liam…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Rau. Gebrochen. „Ja", sagte Liam ruhig. „Ich bin es." Seine Stimme klang sanft. Fast vorsichtig, als würde er Angst haben, irgendetwas zu zerbrechen. Leyla spürte, wie er vor ihr auf die Knie ging – dann löste sich plötzlich die Finsternis. Behutsam zog Liam ihr die Augenbinde ab. Helles Licht brach sofort über sie herein. Leyla kniff schmerzhaft die Augen zusammen – nach den endlosen Tagen in vollkommener Dunkelheit fühlte selbst das schwache Licht unerträglich an. Alles verschwamm. Doch noch bevor sie überhaupt richtig sehen konnte, spürte sie Liams Arme um sich. Behutsam hob er sie hoch, fast so, als würde sie nichts wiegen. Sofort klammerte Leyla sich instinktiv leicht an ihn fest. „D-Du musst vorsichtig sein…" brachte sie schwach hervor. „Hier sind mindestens drei Leute…" Jedes einzelne Wort brannte in ihrem trockenen Hals. Doch Liam schüttelte ruhig den Kopf. „Nein. Hier ist niemand mehr." Während er sie durch den langen, düsteren Gang trug, begannen Leylas Augen sich langsam an das Licht zu gewöhnen. Und endlich konnte sie sein Gesicht erkennen. Blut klebte an seiner Kleidung, an seinem Hals, an seinen Händen. Seine Haare waren zerzaust, sein Gesicht angespannt. Die letzten Tage schienen auch an ihm nicht spurlos vorbeigegangen zu sein. „Liam… du blutest…" murmelte Leyla erschöpft. „Das ist nicht mein Blut." Seine Arme hielten sie etwas fester. „Mach dir keine Sorgen." Dann wurde seine Stimme plötzlich ungewohnt weich. „Du kannst dich jetzt ausruhen." Leyla spürte, wie ihr erneut Tränen über die Wangen liefen. „Du hast durchgehalten", sagte Liam leise. Einen kurzen Moment lang schloss Leyla einfach die Augen. „Ich bin jetzt bei dir." Seine Stimme fühlte sich an wie Wärme. Wie Sicherheit. Die Erschöpfung, gegen die Leyla sich die ganze Zeit verzweifelt gewehrt hatte, begann ihren Körper endgültig zu überwältigen. Ihr Kopf sank langsam gegen seine Schulter, und der gleichmäßige Rhythmus seiner Schritte wirkte beinahe wiegend. Beruhigend. Sicher. „Er hat mich gerettet…" Das war der letzte Gedanke, der Leyla durch den Kopf ging, bevor die angenehme Dunkelheit des Schlafes sie schließlich davontrug.

  • Kapitel 15 - Der Wald der Wölfe

    Ranul. Leyla blieb kurz stehen und betrachtete das alte Straßenschild am Wegesrand, während sie sich mit zwei Fingern über die schmerzende Schläfe rieb. Seit beinahe einer Stunde wurde das Pochen in ihrem Kopf immer stärker – anfangs hatte sie versucht, es zu ignorieren, doch inzwischen fiel selbst das Denken schwerer. Die Sonne stand hoch am Himmel und brannte unangenehm auf den staubigen Weg herab. „Der nächste größere Zwischenstopp müsste Hemmingen sein…" murmelte sie mehr zu sich selbst als zu Liam. Neben ihr blieb Liam ebenfalls kurz stehen und betrachtete das Schild. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck leicht. „Wir müssen einen Umweg machen." Leyla sah ihn sofort überrascht an. Nach allem, was passiert war, wollte sie eigentlich keinen Umweg machen – Malyl wartete in Leylas Vorstellung auf sie. Ein Ziel, das sie unbedingt erreichen musste. „Warum?" „Vor einigen Monaten ist in Ranul eine Krankheit ausgebrochen", erklärte Liam ruhig. „Jeder, der sich dem Dorf nähert, wird offenbar ebenfalls krank. Seitdem meidet man den Ort vollständig." Leyla blickte nach vorne. Ranul selbst war von hier aus nicht zu sehen – das Dorf lag irgendwo unten im Tal verborgen, umgeben von sanften Hügeln und den ersten Ausläufern des Gebirges. Allein der Gedanke an ein verlassenes Dorf voller Kranker ließ ein unangenehmes Gefühl in ihr entstehen. „Können wir ihnen nicht helfen?" fragte sie vorsichtig. „Du kannst doch Magie benutzen." Liam schüttelte sofort den Kopf. „Nicht bei Krankheiten. Heilungsmagie funktioniert bei frischen Verletzungen – Schnitte, Knochenbrüche, solche Dinge. Aber Krankheiten… nein." Kurz runzelte er nachdenklich die Stirn. „Wobei… Kameristen können so etwas eigentlich heilen." Leyla sah ihn fragend an. „Genauer gesagt die Priester", erklärte Liam weiter. Er legte leicht den Kopf schief. „Eigentlich ist das ziemlich seltsam…" murmelte er mehr zu sich selbst. Doch bevor Leyla weiter nachfragen konnte, bog Liam bereits auf einen schmaleren Pfad ab, der vom Hauptweg weg und näher an das Gebirge führte. Leyla seufzte leise. „Ich wünschte trotzdem, wir könnten irgendetwas tun…" Während sie ihm folgte, erinnerte sie sich plötzlich an eine Passage aus „Reichsmythologie", die sie erst vor einigen Tagen gelesen hatte. „…und so sprach die Fluchhexe ihre Worte und Krankheit befiel das Land des Ursprungs…" Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. Was, wenn diese Krankheit ebenfalls ein Fluch war? Nach allem, was sie inzwischen über diese Welt gelernt hatte, erschien ihr selbst so etwas nicht mehr unmöglich. Langsam folgte sie Liam den schmalen Gebirgspfad entlang, während das unangenehme Pochen in ihrer Schläfe sie weiter begleitete. Der Wind kam kalt aus den Bergen herab, und ein bedrückendes Gefühl blieb in ihrer Brust zurück – die Art von Gefühl, die man nicht loswird, egal wie schnell man weitergeht. -------------------------------------------------------------------------- Es war bereits Nachmittag, als der schmale Trampelpfad, dem Leyla und Liam seit Stunden folgten, langsam in einen dichten Wald führte. Das unangenehme Pochen in Leylas Schläfe war inzwischen vollständig verschwunden, worüber sie erleichtert war. Schon bevor sie den Wald überhaupt betraten, wirkte dieser Ort vollkommen anders als der, in dem sie Liam begegnet war. Wilder. Älter. Fast unberührt. Der Pfad war stellenweise von dichtem Gestrüpp überwuchert, und die gewaltigen Bäume bildeten ein dunkles Blätterdach über ihnen, das kaum Sonnenlicht hindurchließ. Selbst tagsüber lag der Wald in dämmrigem Schatten, die Luft kühl und nach feuchter Erde und Moos riechend. „Das hier ist der Wald der Wölfe", erklärte Liam ruhig, während er weiterging. Sofort spannte Leyla sich leicht an. Wölfe. Nach ihren bisherigen Erfahrungen in dieser Welt fragte sie sich augenblicklich, ob diese Tiere ähnlich gefährlich waren wie die Arachnen. Offenbar bemerkte Liam ihren Blick sofort. „Entspann dich, Leyla", sagte er trocken. „Die Wölfe hier greifen Menschen normalerweise nicht an." Er zuckte leicht mit den Schultern. „Solange man sie ebenfalls in Ruhe lässt." Leyla nickte langsam. Da erinnerte sie sich an den Mann in Migar – den mit dem wolfsähnlichen Gesicht. „Gibt es hier eigentlich Werwölfe?" fragte sie neugierig. Liam sah sie kurz verwirrt an. „Werwölfe? Was genau soll das sein?" Leyla blinzelte überrascht. Es gab also offenbar keine. Oder zumindest kannte Liam den Begriff nicht. „In Migar habe ich jemanden gesehen, der wie ein Wolf aussah. Also dachte ich…" „Das war wahrscheinlich ein Lupid", unterbrach Liam sie. Sein Blick wurde dabei leicht nachdenklich. „Die Lupiden waren früher einmal ein stolzes Kriegervolk – oder zumindest sagt man das." Während sie tiefer in den Wald gingen, sprach er ungewöhnlich ernst weiter. „Noch vor dem Großen Krieg wurden sie von den Menschen unterworfen. Seitdem leben die meisten von ihnen am Rand der Gesellschaft." Kurz schwieg Liam. Dann atmete er langsam aus. „Du solltest dich von vielen Lupiden lieber fernhalten." Leyla sah ihn überrascht an. „Sind Lupiden denn böse Menschen? Der Mann in Migar wirkte eigentlich ganz nett." „Nein", antwortete Liam ruhig. „Böse sind sie nicht." Seine Stimme wurde etwas schwerer. „Aber viele leben unter miserablen Bedingungen." Er blickte kurz zwischen die dunklen Bäume. „Und Wesen allgemein werden unberechenbar, wenn sie verzweifelt sind." Dann sah er wieder zu Leyla. „Außerdem solltest du vorsichtig sein, wie du über andere Völker sprichst. Lupiden sind keine Menschen – sie sind Lupiden." Leyla nickte langsam. Doch innerlich blieb ein unangenehmes Gefühl zurück. Bisher hatte sie die Welt fast nur aus menschlicher Perspektive kennengelernt, und langsam begann sie zu verstehen, dass darunter deutlich mehr verborgen lag – Schichten von Geschichte und Ungerechtigkeit, die sie noch nicht einmal ansatzweise durchdrungen hatte. „Ist das Kaiserreich wirklich so schrecklich, wenn man kein Mensch ist?" „Komm", sagte Liam schließlich und setzte seinen Weg wieder fort. „Lass uns noch ein Stück weitergehen, bevor wir eine Pause machen." Leyla folgte ihm schweigend. Während die Schatten des Waldes sie immer tiefer verschlangen, blieben ihre Gedanken bei dem hängen, was Liam gerade erzählt hatte – und bei allem, was sie noch nicht wusste. -------------------------------------------------------------------------- Der Wald der Wölfe wirkte mit jedem Schritt unheimlicher. Die gewaltigen Bäume standen so dicht beieinander, dass es so wirkte, als wollten sie jeden Eindringling verschlingen. Der schmale Trampelpfad war inzwischen kaum noch zu erkennen, und Leyla musste genau darauf achten, wohin sie trat, um nicht über die dicken Wurzeln zu stolpern, die sich wie Knochen durch den Boden zogen. Je tiefer sie in den Wald gelangten, desto stärker wurde das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht direkt – eher unterschwellig, als würde der gesamte Wald eine eigene Präsenz besitzen, still und geduldig, die jeden registrierte, der es wagte, hier zu gehen. „Was lebt hier wohl außer Wölfen?" Monster? Weitere Wesen wie Maegnar? Oder vielleicht Dinge, die noch schlimmer waren? Mit jedem Schritt wurde das Blätterdach dichter. Nur vereinzelte Sonnenstrahlen schafften es noch durch die schweren Äste und zeichneten blasse Lichtflecken auf den dunklen Waldboden. Die Luft war kühl und feucht. Leyla zog ihre Jacke etwas enger um sich und blickte nach oben zu Liam, der sich mühelos zwischen den Ästen bewegte, als wäre der Wald selbst für ihn gemacht. „Jetzt verstehe ich langsam, warum kaum jemand diesen Wald betreten will", rief sie zu ihm hinauf. Liam sprang leichtfüßig auf einen höheren Ast. „Die Dunkelheit ist nur ein Teil davon. Viele meiden den Wald wegen den Geschichten." Leyla runzelte leicht die Stirn. „Geschichten?" „Gruselgeschichten", ergänzte Liam trocken. Sofort spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihrem Magen – allein das Wort genügte inzwischen, um Erinnerungen an Maegnar in ihr wachzurufen. Unwillkürlich spannten sich ihre Muskeln leicht an. „Was genau für Geschichten?" Liam grinste leicht, während er sich an einem Ast hinunterhängen ließ. „Man erzählt sich, dass tief in diesem Wald ein Monster lebt. Es soll einsame Wanderer überfallen und spurlos verschwinden lassen." Er sprang elegant vom Ast herunter und landete neben ihr. Dann wanderte sein Blick provokant über Leyla. „Aber keine Sorge. So unappetitlich, wie du aussiehst, wird es dich vermutlich in Ruhe lassen." Leyla stöhnte genervt auf. „Wirklich, Liam?" murmelte sie und schüttelte den Kopf. „Du bist echt unmöglich." Trotzdem konnte sie nicht verhindern, dass ihre Anspannung leicht zunahm. Sie begann plötzlich deutlich genauer auf jedes Geräusch im Wald zu achten – das Knacken eines Astes, das Rascheln der Blätter, den leisen Atem des Windes zwischen den Stämmen. Dann raschelte es plötzlich neben ihnen im Gebüsch. Sofort zuckte Leylas Blick zur Seite. Doch statt eines Monsters entdeckte sie lediglich einen kleinen Vogel mit dunkelgrün schimmernden Federn, der ruhig auf einem Ast saß und seelenruhig sein Gefieder putzte. Das Licht, das durch die Blätter fiel, ließ die Federn beinahe metallisch glänzen. Leyla blieb sofort stehen. „Was für ein schöner Vogel…" Für einen kurzen Moment verdrängte dieser kleine Anblick tatsächlich die bedrückende Atmosphäre des Waldes. Langsam breitete sich ein leichtes Lächeln auf ihrem Gesicht aus. „Lass uns kurz eine Pause machen!" rief sie Liam zu. Noch bevor er überhaupt antworten konnte, ließ Leyla sich bereits auf dem weichen Waldboden nieder. Der Vogel blieb weiterhin ruhig sitzen und blickte sich nur gelegentlich aufmerksam um, als hätte er die beiden längst als Teil seiner Umgebung akzeptiert. Vorsichtig zog Leyla ihr Notizbuch hervor, und ein kleines Grinsen huschte über ihr Gesicht. „Das ist doch ein perfektes erstes Motiv…" Dann begann sie konzentriert damit, den Vogel zu zeichnen. -------------------------------------------------------------------------- Liam blieb einen Moment stehen und beobachtete Leyla beim Zeichnen. Ihre Finger bewegten sich erstaunlich schnell über das Papier, hektisch, und trotzdem wirkte sie vollkommen ruhig dabei. Das Merkwürdigste war jedoch, dass sie ihre Zeichnung kaum ansah – ihr Blick blieb fast die ganze Zeit auf dem Vogel, als würde ihre Hand von selbst wissen, was sie tat. Unwillkürlich musste Liam leicht lächeln. Seitdem sie den Weg nach Ranul verlassen hatten, hatte Leyla deutlich angespannter gewirkt. Wahrscheinlich ließ die Geschichte mit der Krankheit sie nicht los – oder vielleicht auch die Begegnung mit Leonhart. Doch jetzt wirkte sie für einen kurzen Moment wieder ruhig. Friedlich. Liam beschloss, sie nicht zu stören. Während Leyla weiterzeichnete, begann er damit, das Lager aufzubauen. Die paar Stunden Pause würden keinen großen Unterschied machen, und sie hatten noch genug Zeit, bevor es dunkel wurde. Gedankenverloren sammelte er trockene Äste vom Waldboden auf, und dabei wanderten seine Gedanken zurück zu ihrem Gespräch über Bournadette. Er hatte Leyla nicht widersprochen, denn tief in seinem Inneren wusste er, dass sie recht gehabt hatte – wenn Bournadette Lacroix tatsächlich aktiv nach ihm suchen würde, hätte sie ihn längst gefunden. Sie gehörte zu den Wesen dieser Welt, denen man sich nicht dauerhaft entziehen konnte. Allein der Gedanke daran ließ Liam unbewusst die Schultern anspannen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte er es selbst und atmete langsam aus. Schließlich hatte er genug Holz gesammelt und begann, das Lagerfeuer vorzubereiten. „Baust du jetzt schon das Nachtlager auf?" fragte Leyla plötzlich, ohne den Blick von ihrem Vogel zu lösen. „Soll ich dir helfen?" Liam musste leicht grinsen. „Nein. Zeichne lieber weiter deinen Vogel." Er meinte es ernst. Er wollte diesen ruhigen Moment nicht zerstören. Mit einem einfachen Schnipsen entzündete er das Feuer. Sofort fraßen sich kleine Flammen knisternd durch das trockene Holz und tauchten die Umgebung in warmes, flackerndes Licht, das die Schatten zwischen den Stämmen ein kleines Stück zurückdrängte. Liam ließ sich neben dem Feuer nieder und griff gedankenverloren nach Leylas Proviantbeutel. Sie hatte ihr Essen inzwischen völlig selbstverständlich mit ihm geteilt, als wäre es nie überhaupt eine Frage für sie gewesen. Als er jedoch hineinsah, runzelte er leicht die Stirn. Nur noch eine einzelne Brotration war übrig. Langsam schloss er den Beutel wieder. „Dann jage ich morgen eben etwas." Während Leyla weiterzeichnete, glitten seine Gedanken langsam an einen anderen Ort. Nach Malyl. Mehr als ein Jahr war inzwischen vergangen, seit er das letzte Mal dort gewesen war – und trotzdem fühlte sich allein der Gedanke daran seltsam schwer an. ,,In Malyl werde ich Abschied nehmen…’’ -------------------------------------------------------------------------- „Wie findest du das Bild?", fragte Leyla und reichte Liam ihr Notizbuch. In ihrer Stimme lag unverkennbar ein Hauch von Stolz. Liam nahm die Zeichnung entgegen und betrachtete sie einige Sekunden schweigend. Dann weiteten sich seine Augen leicht, und ein anerkennendes Pfeifen entwich ihm. „Du kannst wirklich verdammt gut zeichnen. Wo hast du das gelernt?" Sein Blick glitt erneut über die feinen Linien des Vogels. „Damit könntest du locker für irgendeinen Adligen arbeiten. Dann müsstest du dir nie wieder Sorgen um Geld machen." Leyla verzog augenblicklich das Gesicht und würgte theatralisch leicht. „Als ob ich meine Freiheit für irgendeinen reichen Adligen opfern würde." Allein der Gedanke gefiel ihr überhaupt nicht. In ihrer Vorstellung waren Adlige ausschließlich arrogante Menschen, die keine Ahnung davon hatten, wie normale Leute lebten. Doch kaum dachte sie das, musste sie innerlich leicht zusammenzucken – immerhin hatte sie selbst schon mehr als einmal darüber nachgedacht, wie die Prinzen oder Prinzessinnen des Kaiserreichs wohl aussahen. Liam bemerkte ihren Gesichtsausdruck und grinste nur amüsiert. „So eine Antwort habe ich ehrlich gesagt erwartet." Dann gab er ihr die Zeichnung zurück. „Trotzdem solltest du darüber nachdenken, deine Bilder zu verkaufen. Damit könntest du dir wenigstens mal etwas Besseres leisten als trockenes Brot." Während er sprach, reichte er ihr beinahe beiläufig den Proviantbeutel. Leyla öffnete ihn und blickte auf die letzte Brotration. Sofort runzelte sie leicht die Stirn. „Wir müssen uns den Rest wohl teilen. Morgen suche ich dann…" „Ich habe schon gegessen. Nimm einfach den Rest." Leyla zögerte kurz. Dann nickte sie langsam und begann zu essen. Währenddessen dachte sie weiter über seine Worte nach. Eigentlich gefiel ihr die Idee. Sie hatte es schon immer geliebt, Dinge zu erschaffen – zu zeichnen, zu schnitzen, etwas mit den eigenen Händen entstehen zu lassen. Genau deshalb hatte sie sich in ihrer eigenen Welt schließlich auch für ein Kunststudium entschieden, und in den letzten Monaten hatte sie damit sogar eine ganz passable Summe Geld verdient. Kurz versuchte Leyla sich zu erinnern, wofür sie eigentlich hatte sparen wollen. Doch der Gedanke verschwamm. Das Feuer knisterte leise vor ihnen und warf flackernde Schatten über die knorrigen Bäume des Waldes. Je dunkler die Nacht wurde, desto mehr schien das Licht von der Finsternis verschluckt zu werden – der Wald wirkte jetzt noch fremder, noch tiefer, fast lebendig auf eine Weise, die Leyla nicht ganz benennen konnte. Sie spürte die kalte Nachtluft auf ihrer Haut, doch das Feuer und Liams Anwesenheit hielten die aufkommende Kälte fern. Schließlich gähnte sie müde und rieb sich die Augen. „Gute Nacht, Liam…" murmelte sie schläfrig. Dann kuschelte sie sich tiefer in ihren Schlafsack. Während ihre Augen langsam schwer wurden, dachte sie erneut an die Geschichten über das Monster dieses Waldes. Sie musste sich eingestehen, dass Liams Anwesenheit sie beruhigte. Und trotzdem erwischte sie sich immer wieder bei derselben Frage – ob sie ihm wirklich vollständig vertrauen konnte. -------------------------------------------------------------------------- Leyla wurde unsanft aus dem Schlaf gerissen. Ein unangenehmer Druck in ihrer Blase zwang sie dazu, sich müde aufzusetzen – für einige Sekunden blieb sie regungslos sitzen und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen, während die kalte Nachtluft ihr entgegenwehte. Das Lagerfeuer war inzwischen fast heruntergebrannt. Nur noch schwaches Glimmen und vereinzelte kleine Flammen spendeten Licht und tauchten die Lichtung in flackernde Schatten. Leyla rieb sich verschlafen die Augen und ließ den Blick zu Liam wandern. Er lag auf der anderen Seite des Feuers und wirkte ungewöhnlich friedlich – der rote Feuerschein glitt über sein Gesicht und ließ ihn für einen kurzen Moment sorglos wirken. Vorsichtig schob Leyla ihren Schlafsack beiseite, stand auf und kletterte leise über einige herumliegende Äste hinweg. Sie wollte ihn nicht wecken. Kurz darauf trat sie hinaus in die dunkle Kälte des Waldes. Ein gutes Stück von der Lichtung entfernt blieb sie schließlich stehen und hockte sich ins hohe Gras. Währenddessen lauschte sie unwillkürlich den Geräuschen der Nacht – dem Rascheln der Blätter, dem entfernten Ruf einer Eule, dem leisen Wispern des Windes zwischen den Bäumen. Fast wirkte der Wald in diesem Moment friedlich. Beruhigend. Als sie fertig war und sich wieder erhob, wanderte ihr Blick bereits zurück zum schwachen Glimmen des Lagerfeuers zwischen den Stämmen. Dann geschah es. Plötzlich legte sich eine raue Hand brutal über ihren Mund. Noch bevor Leyla reagieren konnte, schlang sich ein kräftiger Arm um ihren Körper und riss sie nach hinten. Im ersten Augenblick war sie vollkommen erstarrt – sie verstand nicht einmal, was überhaupt geschah. Erst als sie bereits mehrere Meter durch den Wald gezerrt wurde, begann sie panisch um sich zu schlagen. Vor ihren Augen wurde das Licht des Feuers immer kleiner, schwächer, bis es schließlich vollkommen hinter den dunklen Bäumen verschwand. Leyla versuchte zu schreien. Doch die Hand auf ihrem Mund erstickte jedes Geräusch. Panik schoss durch ihren gesamten Körper. Verzweifelt griff sie nach einem Ast. —KNACK— Das Holz zerbrach sofort unter ihren Fingern. Sie versuchte ihren Fuß zwischen zwei Baumwurzeln zu verkeilen. —KRCKS— Ein stechender Schmerz schoss durch ihren Knöchel. Tränen brannten in ihren Augen, und sie konnte kaum noch klar denken. Dann fiel ihr Blick plötzlich nach oben. Zwischen den Baumkronen leuchtete der Mond – still, regungslos, genau in der Mitte des Himmels. [???] „Was hast du denn da angeschleppt?" erklang plötzlich die raue Stimme eines Mannes außerhalb ihres Sichtfeldes. „Du wolltest doch nur kurz pissen gehen." [???] „Hab sie im Wald gefunden", antwortete der Entführer schwer atmend. „Die Kleine bringt ordentlich Geld. Schau dir mal ihre Haare an." Während er sprach, zerrte er Leyla unsanft weiter. Dann hörte sie das nervöse Wiehern eines Pferdes. Ihr Herz setzte beinahe aus. Sie wurde weggebracht. Mit letzter Kraft bäumte Leyla sich auf und riss sich überraschend aus dem Griff des Mannes los. Sofort stolperte sie einige Schritte nach vorne. ,,LIAM, HILFE! ICH BIN–’’ Weiter kam sie nicht. Ihr verletzter Fuß gab unter ihr nach – doch noch bevor sie den Boden erreichte, traf sie ein harter Tritt im Rücken. Die Luft wurde ihr aus den Lungen gepresst, und mit voller Wucht schlug sie auf dem Waldboden auf, der Kopf hart gegen die Erde. Ein stechender Schmerz durchfuhr ihren Schädel. Dann begann die Welt um sie herum langsam zu verschwimmen. Die Stimmen wurden dumpf. Der Mond verschwamm. Und schließlich wurde alles schwarz.

  • Kapitel 14 - Brüchiges Vertrauen

    … Und doch war sie müde geworden. Sie, die durch die Zeit wanderte wie andere durch ein Flussbett – Hekta, die Große, war bereit, ist bereit und wird bereit sein, ihren Weg zu beenden. Aus Überdruss. Aus Trägheit. Und so ließ Hekt sich nieder. Sie saß auf einem Felsen, einem gewöhnlichen Stein – glatt und uneben zugleich, klein und groß zugleich, rund und flach zugleich. Sie ließ sich nieder und atmete aus, so wie nur die ausatmen kann, die alles gesehen hat, alles sieht und alles sehen wird. Ein Atemzug der Zeit. Und da kam ein Sterblicher. Von sterblichem Blut, sterblicher Seele und sterblichem Verstand. Dieser Sterbliche trat neben sie – und Hek gab ihr ihre Kraft. Nur so viel, dass das sterbliche Blut sterblich blieb. Nur so viel, dass die sterbliche Seele sterblich blieb. Nur so viel, dass der sterbliche Verstand sterblich blieb. Und als sie dies getan hatte, streckte sie sich. Streckte die Arme, streckte den Hals, streckte ihr Leben in die Länge wie jemand, der nach langem Schlaf endlich erwacht – oder nach langem Leben endlich einschläft. Dann stand He auf und verließ ihr Dasein. Was genau aus H geworden ist, bleibt unklar. Doch wie klar kann Zeit auch sein? … -------------------------------------------------------------------------- Leyla klappte das Buch langsam zu und ließ den Blick ins Lagerfeuer wandern. Die Flammen knisterten leise vor ihr und warfen tanzende Schatten zwischen die Bäume. In den letzten Abenden hatte sie fast jede freie Minute mit Lesen verbracht – nicht nur aus Interesse, sondern auch, um sich abzulenken. Von Liam. Oder vielmehr von dieser unangenehmen Spannung, die seit ihrem Streit zwischen ihnen hing. Unwillkürlich strich Leyla mit den Fingern über den Einband von „Reichsmythologie", während ihre Gedanken wieder zu den Geschichten darin zurückwanderten. Ob es diese Hekta wirklich gegeben hatte? Allein die Vorstellung fühlte sich absurd an. Leyla verstand inzwischen zwar, dass Magie in dieser Welt beinahe alles möglich machte, doch das Konzept von Zeit selbst als Magie überstieg weiterhin ihr Verständnis. Trotzdem faszinierte es sie. Ein kleines Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. Als sie das Buch das erste Mal aufgeschlagen hatte, hatte sie gedacht, irgendeine religiöse Schrift zu lesen. Doch stattdessen bestand der Großteil aus uralten Mythen und Legenden – Geschichten über Drachen, über Titanen, über Erzwesen. Manche davon wirkten wie Märchen. Andere dagegen erschreckend real. „Drachen kann ich mir inzwischen sogar vorstellen…" Nach allem, was sie erlebt hatte, erschien ihr selbst das nicht mehr unmöglich. „Aber diese Geschichten über Erzengel und Erzdämonen… sollten Engel nicht eigentlich gut und Dämonen böse sein?" Doch genau das schien in dieser Welt nicht zu funktionieren. Die Geschichten stellten weder Erzengel noch Erzdämonen als eindeutig gut oder böse dar – vielmehr wirkten sie wie uralte Wesen, die nach vollkommen eigenen Regeln lebten, und die Menschen schienen ihnen lediglich Bedeutungen zugeschrieben zu haben, die bequem zu ihren eigenen Weltbildern passten. Langsam hob Leyla den Blick. Liam hatte es sich wie so oft auf einem Ast über ihnen bequem gemacht, die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Auf den ersten Blick wirkte er entspannt. Doch Leyla bemerkte inzwischen selbst die kleinen Unterschiede – die Distanz, die Kälte, die leise Abwesenheit von etwas, das noch vor wenigen Tagen da gewesen war. ,,Du, Liam?’’ Liam blickte zu ihr hinunter. „Ja?" Seine Stimme klang ruhig. Aber deutlich abweisender als noch vor einigen Tagen. Leyla zögerte kurz, dann hob sie leicht das Buch an. „Gibt es die Erzengel wirklich? Sind all diese alten Geschichten..?" Kaum hatte sie den Satz angefangen, unterbrach Liam sie bereits. „Alte Geschichten", sagte er trocken. „Du solltest dich lieber auf das Jetzt konzentrieren." Er wandte den Blick wieder zum Himmel. „Du verschwendest deine Zeit, wenn du ständig in der Vergangenheit schwelgst." Leyla schnaubte leise und wandte den Blick wieder ab ins Feuer. Sie war genervt. Nein – eigentlich war sie traurig. Nach dem Kampf gegen Maegnar hatte sie für einen kurzen Moment geglaubt, dass zwischen ihnen etwas entstanden war. Sie hatten sich näher gefühlt als jemals zuvor. Und jetzt wirkte Liam plötzlich wieder wie jemand, der absichtlich Abstand hielt – als würde er etwas schützen wollen, das er nicht benennen konnte. Das machte sie wütend. Und gleichzeitig vermisste sie genau diese Nähe bereits wieder. „Nach dem Kampf wirkten wir uns so nah…" Traurig schloss Leyla langsam die Augen. Ihre Gedanken kreisten weiter – um die alten Legenden, um Liam, um Malyl. Und irgendwann, während das Feuer langsam herunterbrannte und die Nacht immer stiller wurde, glitt sie schließlich in den Schlaf. -------------------------------------------------------------------------- Weiße Flügel breiteten sich aus. Die Federn begannen wie Sterne vom Himmel zu regnen, lautlos, unaufhaltsam, als würde der Himmel selbst sich auflösen. ,,Was…?’’ Vor Leyla erschien eine Dämonin mit schwarzen Hörnern – und stach ihr ein Schwert in den Bauch. ,,Urgh…’’ Sie wurde durch die Luft geschleudert. Die Welt verschwamm, drehte sich, und dann sah sie es —-- graue Haut, ein weißer Bart. ,,Maegnar?’’ Es donnerte. Über ihr baute sich ein Sturm auf, schwarz und gewaltig, der Zorn des Himmels. ,,H-hil…’’ Ein Blitz schlug ein. -------------------------------------------------------------------------- Schweißgebadet fuhr Leyla hoch. Für einen kurzen Moment war alles grell. Das Licht der aufgehenden Sonne brannte in ihren Augen, und ihr Herz schlug so heftig, dass sie kaum klar denken konnte. Instinktiv tasteten ihre Hände hektisch umher, bis ihre Finger schließlich den vertrauten Knauf ihres Schwertes fanden. Erst dann atmete sie langsam aus. „Ein Albtraum…" murmelte sie leise. Ihr Atem beruhigte sich nur langsam, doch das unangenehme Gefühl blieb – schwer und beklemmend, wie ein Gewicht auf der Brust. Als Leyla aufsah, bemerkte sie, dass Liam bereits wach war. Wortlos baute er das Lager ab und wirkte dabei weiterhin ungewöhnlich still. Kurz hob er den Blick zu ihr, doch sofort richteten sich seine Augen wieder auf seine eigenen Hände. Leyla sagte ebenfalls nichts. Sie stand langsam auf und begann schweigend ihre Sachen zusammenzupacken. Und so machten sie sich erneut gemeinsam auf den Weg. Je weiter sie kamen, desto anstrengender wurde der Pfad. Die Landschaft begann sich langsam zu verändern – immer mehr Hügel erhoben sich vor ihnen, der Weg wurde steiniger und unebener, und schon nach einigen Stunden spürte Leyla ein unangenehmes Ziehen in ihren Beinen. Ihr Blick wanderte nach Osten. In der Ferne erhoben sich gewaltige Berge bis weit in die Wolken hinein, ihre Gipfel beinahe endlos, ihre Schatten riesig über die Landschaft geworfen. Im Angesicht dieser kolossalen Masse fühlte Leyla sich plötzlich winzig klein. Für einen Moment spielte sie mit dem Gedanken, Liam zu fragen, ob sie einen Abstecher ins Gebirge machen könnten – irgendetwas daran faszinierte sie. Doch gleichzeitig wollte sie so schnell wie möglich nach Malyl. Und die angespannte Stimmung zwischen ihnen machte es nicht gerade leichter, einfach ein normales Gespräch zu beginnen. Deshalb schwieg sie. Leyla war noch immer in Gedanken versunken, als sie plötzlich gegen Liams Rücken lief. „Hey, was soll das?" zischte sie gereizt und rieb sich die Stirn. „Du kannst doch nicht einfach stehen bleiben!" Liam drehte sich sofort zu ihr um und legte einen Finger an die Lippen. Sein Gesichtsausdruck ließ Leyla augenblicklich verstummen – ernst, konzentriert, ohne jeden Anflug seiner üblichen Leichtigkeit. Ohne ein weiteres Wort packte er sie am Arm und zog sie hinter ein dichtes Gebüsch am Wegesrand. „Lass das", flüsterte Leyla genervt. Doch Liam warf ihr nur einen warnenden Blick zu. „Da kommt jemand", murmelte er leise. „Und ich habe ein schlechtes Gefühl dabei." Seine Hand glitt bereits langsam in Richtung seines Dolches. „Wir bleiben besser versteckt." Leyla runzelte die Stirn, sagte diesmal jedoch nichts mehr. Sie kniete sich neben Liam ins Gebüsch und spähte vorsichtig auf den Weg hinaus. Die Zeit zog sich quälend langsam. Dann hörte sie Schritte. Schwer. Ruhig. Kontrolliert. Kurz darauf tauchte eine Gestalt auf dem Pfad auf, und Leylas Atem stockte sofort. Der Mann war riesig – gut zwei Meter groß, mit breiten Schultern und einem muskulösen Körperbau, der selbst unter seiner vollständig schwarzen Kleidung deutlich sichtbar blieb. Lange blonde Haare fielen ihm über die Schultern, und auf seinem Rücken ruhte eine massive Kriegsaxt. Doch noch auffälliger als seine Größe war die Art, wie er sich bewegte – ruhig, selbstsicher, fast so, als hätte er vor absolut nichts Angst. „Wie jemand, dem die Welt gehört…" Gerade als Leyla glaubte, der Fremde würde einfach vorbeigehen, blieb er plötzlich stehen. Sofort spannte Liam sich neben ihr an, fluchte leise und legte die Hand fest um den Griff seines Dolches. „Das würde ich lieber stecken lassen, wenn ich du wäre." Die tiefe Stimme des Mannes rollte wie Donner über den Pfad. „Warum kommt ihr nicht einfach raus? Ich hatte eigentlich gedacht, ihr wolltet mir auflauern." Stille. Dann atmete Liam langsam aus und trat vorsichtig aus dem Gebüsch hervor, die Hand weiterhin fest am Dolch. Leyla spürte, wie ihr Herz bis zum Hals schlug, während sie ihm zögernd folgte. -------------------------------------------------------------------------- „Wollt ihr mir nicht sagen, wer ihr seid?" Die tiefe Stimme des Fremden grollte über den Pfad und ließ Leylas Herz sofort schneller schlagen. Trotzdem hob sie trotzig das Kinn. „Warum sagst du uns nicht zuerst, wer du bist?" Ihre Stimme klang fester, als sie sich tatsächlich fühlte. Ein Teil von ihr wollte einfach nicht zulassen, sich von diesem Mann einschüchtern zu lassen. Der Fremde hob langsam eine Augenbraue. Sein Blick ruhte schwer auf ihr, fast so, als würde er sie Stück für Stück auseinandernehmen. „Hoh?" Ein leicht belustigtes Grinsen zog über sein Gesicht. „Du nimmst dir ja ziemlich viel raus." Seine Stimme blieb ruhig, doch allein seine Präsenz setzte Leyla unter Druck. „Ist das Mut… oder einfach nur Dummheit?" Für einen kurzen Moment herrschte Stille, bevor der Mann schließlich weitersprach. „Aber gut." Langsam richtete er sich ein Stück auf. „Mein Name ist Leonhart. Zweiter Anführer des Ordens der goldenen Sonne." Seine Lippen verzogen sich zu einem beinahe spöttischen Lächeln, doch seine Augen blieben kalt. Unnachgiebig. „Orden der goldenen Sonne…" Leyla musste sich ernsthaft zusammenreißen, um nicht abfällig zu schnauben. „Was ist das denn bitte für ein Name? Mit zehn wäre mir etwas Besseres eingefallen." Trotzdem ließ sie sich äußerlich nichts anmerken. „Mein Name ist Leyla." Ihre Stimme blieb bewusst neutral. Noch bevor sie weiter darüber nachdenken konnte, ob das der richtige Ansatz war, trat Liam leicht vor. „Ich bin Mile", sagte er ruhig. „Ein einfacher Waldläufer." Verwirrt blickte Leyla sofort zu ihm. Warum log er? Doch Liam sah sie nicht einmal an. Leonhart dagegen schien plötzlich deutlich interessierter. „Leyla, hm?", wiederholte er langsam – es klang beinahe so, als würde er ihren Namen auf der Zunge schmecken. Sein Blick glitt langsam an ihr herab, und Leyla spürte augenblicklich, wie sich ihr Magen unangenehm zusammenzog. „Den Namen merke ich mir." Liam dagegen würdigte Leonhart kaum eines Blickes. Die Spannung zwischen ihnen war inzwischen beinahe greifbar geworden, und Leyla spürte deutlich, dass jederzeit ein Kampf ausbrechen konnte. Allein dieser Gedanke ließ ihre Hände leicht zittern. Seit dem Kampf gegen Maegnar hatte sie zwar versucht, ihre Erdmagie zu kontrollieren, doch außer kleinen Bewegungen im Boden, oder der leichten Verformung von Stein, war ihr kaum etwas gelungen. Von einem echten Kampf war sie noch weit entfernt. Und gegen jemanden wie Leonhart – nein. Sie war definitiv nicht bereit dafür. Dann veränderte sich Leonharts Haltung plötzlich. Die bedrohliche Spannung fiel beinahe schlagartig von ihm ab, als hätte jemand einen Schalter umgelegt. „Nun", sagte er ruhig, fast schon beiläufig, „ihr habt heute Glück." Langsam begann er sich umzudrehen – dann hielt er noch einmal kurz inne und blickte über die Schulter zurück zu Leyla. „Ich hoffe wirklich, wir sehen uns wieder." Während er sprach, glitt seine Zunge langsam über seine Lippen. Leyla spürte, wie ihr ein eisiger Schauer über den Rücken lief. Angst. Aber auch Ekel. Ohne ein weiteres Wort setzte Leonhart seinen Weg fort und verschwand langsam den steinigen Pfad entlang, aus der Richtung, aus der Liam und Leyla selbst gekommen waren. Seine schweren Schritte hallten noch eine ganze Weile zwischen den Hügeln nach, bevor auch das Geräusch endgültig verstummte. Erst als er außer Sichtweite war, wagte Liam langsam wieder auszuatmen. Leyla bemerkte es sofort – er hatte ebenfalls angespannt gewirkt. Vielleicht sogar nervös. Für einige Sekunden standen sie einfach schweigend da. Dann setzte Liam sich wortlos wieder in Bewegung. Leyla sah ihm kurz hinterher, doch noch bevor sie etwas sagen konnte, lief er bereits weiter. -------------------------------------------------------------------------- Leyla und Liam saßen schweigend am Lagerfeuer. Das Holz knackte leise in den Flammen, und vereinzelte Funken stiegen in die dunkle Nacht hinauf. Seit ihrer Begegnung mit Leonhart hatten sie kaum ein Wort miteinander gewechselt – die Stille zwischen ihnen fühlte sich diesmal aber anders an. Schwerer. Unruhiger. Leyla spürte, wie sehr es sie verunsicherte, dass Liam einen falschen Namen benutzt hatte. Oder vielleicht war Mile sogar sein echter. Sie wusste es nicht. Und genau das störte sie inzwischen immer mehr. Je länger sie darüber nachdachte, desto deutlicher wurde ihr, wie wenig sie eigentlich über Liam wusste. Er war wie ein verschlossenes Buch, dessen Seiten sie zwar berühren, das sie aber niemals wirklich aufschlagen konnte. Immer wieder hatte sie das Gefühl, nur kleine Fragmente seiner Geschichte zu sehen. Bruchstücke. Andeutungen. Aber niemals die ganze Wahrheit. Schließlich hob Leyla langsam den Blick. Fast augenblicklich trafen sich ihre Augen. „Du willst mich doch etwas fragen", sagte Liam plötzlich ruhig. „Das sieht man dir an." Leyla zögerte kurz. Dann entschied sie sich, direkt zu sein. „Warum Mile?" Liam schwieg für einen Moment und sah nachdenklich ins Feuer. „Das war einfach der erste Name, der mir eingefallen ist." Dann wurde seine Stimme leiser. „Emilys Bruder heißt so." Leyla spürte sofort, dass er diesmal die Wahrheit sagte. Langsam wandte sie den Blick wieder zum Himmel, wo der Mond wie immer regungslos über ihnen hing. Schließlich stellte sie die Frage, die ihr eigentlich schon viel länger auf der Seele lag. „Wer bist du wirklich, Liam?" Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, biss sie sich leicht auf die Lippe – eigentlich hatte sie vermeiden wollen, so direkt zu sein. Doch überraschenderweise antwortete Liam diesmal tatsächlich. „Ich bin ein ehemaliger Söldner", begann er ruhig. „Ich habe drei Jahre lang in Malyl für die Söldnergilde gearbeitet." Er stocherte gedankenverloren mit einem Stock im Feuer herum. „Nach Emilys Tod bin ich ausgetreten. Danach habe ich nur noch freie Aufträge angenommen." Er schwieg kurz. Dann spannte sich seine Stimme leicht an. „Bei meinem letzten Auftrag sollte ich eine bestimmte Ware beschützen…" Seine Worte brachen ab. Leyla bemerkte sofort, wie schwer ihm das fiel. „Und dann?" fragte sie vorsichtig. Liam starrte einige Sekunden schweigend in die Flammen. „Und dann ist Bournadette Lacroix aufgetaucht." Der Name sagte Leyla überhaupt nichts. „Wer ist das?" Liam runzelte leicht die Stirn. „Solche Dinge solltest du eigentlich wissen, Leyla." Er streckte sich kurz, bevor er weitersprach. „Bournadette Lacroix ist die zweite Kaiserliche Kopfgeldjägerin – eine Eliteeinheit, die direkt dem Kaiser unterstellt ist. Insgesamt gibt es nur zehn von ihnen." Seine Stimme wurde ernster. „Und Bournadette… könnte vermutlich alleine eine ganze Armee vernichten." Leyla schluckte leicht. Dann erinnerte sie sich plötzlich an ihre frühere Frage. „Deswegen wolltest du also nicht ins Dorf?" Liam nickte langsam. „Ich habe immer noch die Sorge, dass sie nach mir sucht." Leyla runzelte nachdenklich die Stirn. „Aber wenn sie wirklich so stark ist…", begann sie vorsichtig. „Hätte sie dich dann nicht längst gefunden?" Liam antwortete nicht. Die Stille danach war kurz, aber unangenehm genug, dass Leyla beschloss, das Thema fürs Erste ruhen zu lassen. „Wer ist denn die Nummer eins?" „Yang." Sofort veränderte sich etwas in Liams Stimme – nicht gegenüber Leyla, sondern gegenüber dem Thema selbst. Eine gewisse Distanz. War es Ehrfurcht? „Yang ist eine Wacal", sagte er ruhig. „und das Absolut des Kaiserreichs." Leyla wiederholte den Namen gedankenverloren. „Yang…" Ein kleines Lächeln erschien auf ihrem Gesicht. „Das ist wirklich ein schöner Name." Unwillkürlich fragte sie sich, wie diese Frau wohl war. Liam schüttelte plötzlich belustigt den Kopf. „Du weißt echt erstaunlich wenig, ist dir das eigentlich bewusst?" fragte er trocken. Dann schlug er sich dramatisch die Hände an den Kopf. „Oh nein. Wenn du dir nicht mal wichtige Dinge merken kannst, vergisst du irgendwann bestimmt auch noch mich." Leyla musste sofort lachen – und zum ersten Mal seit ihrem Streit spürte sie, wie die Spannung zwischen ihnen wirklich nachließ, langsam und beinahe unmerklich, wie Eis, das in der Sonne taut. Während sie weiter ins Feuer blickte, wanderten ihre Gedanken erneut ab. Zu Yang. Zu den Geschichten im Buch. Zu den Erzdämonen. „Wer wäre wohl stärker… Yang oder ein Erzdämon?"

  • Kapitel 13 - Warmes Wasser

    Es war bereits später Abend, als Leyla wieder nach Ramir zurückkehrte. Der Dorfplatz lag beinahe verlassen unter dem blassen Licht des Mondes – nur vereinzelt brannte noch Licht hinter den Fenstern der kleinen Häuser, und aus einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Nachtluft auf. Leyla verlangsamte ihren Schritt und blickte nach oben. Der Mond hing wie immer direkt über ihr am Himmel. Groß. Still. Unverändert. Seit sie in dieser Welt angekommen war, hatte sie ihn niemals an einer anderen Stelle gesehen – sobald das Licht der Sonne verblasste, erschien er mitten am Himmel, als würde er dort einfach warten. Nie wanderte er. Nie veränderte er seine Position. Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. „Steht der Mond hier eigentlich immer direkt über einem?" murmelte sie leise. Der Gedanke fühlte sich plötzlich seltsam unangenehm an. Falsch. „Das muss ich Liam fragen…" Liam selbst war wie erwartet außerhalb des Dorfes geblieben. Trotzdem begann Leyla langsam zu merken, dass sie genau das inzwischen störte – sie wusste nicht genau warum, aber der Gedanke, ihn jedes Mal draußen warten zu lassen, fühlte sich zunehmend seltsam an. Wie eine Gewohnheit, die man sich angewöhnt hatte, ohne sie je bewusst gewählt zu haben. Schließlich wandte sie den Blick zum Kräuterladen. Noch immer brannte Licht hinter den Fenstern, und durch die Scheiben konnte sie Birgit und Herbert erkennen, die offenbar gerade miteinander redeten. Leyla blieb kurz stehen – ein Teil von ihr überlegte, ob sie die Varellen nicht lieber erst morgen vorbeibringen sollte. Doch die Aufregung in ihr war zu groß. Sie wollte ihre Reaktion sehen. Also trat sie zur Tür und läutete die kleine Silberglocke. —DING— Das helle Geräusch durchschnitt die nächtliche Ruhe des Dorfes. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür und Birgit blickte überrascht hinaus. „Liebes", sagte sie sofort besorgt, „was machst du denn noch so spät hier draußen? Geht es dir gut?" Leyla nickte rasch. Dann zog sie langsam den Bund Varellen aus ihrer Tasche hervor. Augenblicklich weiteten sich Birgits Augen. „Varellen…" hauchte sie ungläubig. „Wie hast du die…?" Noch bevor Leyla antworten konnte, erklang von hinten Herberts Stimme. „Kommt erstmal rein." Leyla folgte Birgit zurück in den Laden. Die vertraute Wärme des Ofens schlug ihr sofort entgegen, und erneut erfüllten Kräuterdüfte die Luft – dieselbe Wärme, die sie am Morgen schon ein wenig zur Ruhe gebracht hatte. Herbert trat näher und betrachtete die Pflanzen aufmerksam. „Wo hast du die her?" fragte er ernst. Leyla richtete sich leicht auf. „Aus der Grotte." Der Stolz in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Sofort veränderte sich Birgits Gesichtsausdruck. „Da darfst du auf keinen Fall nochmal hingehen", sagte sie besorgt. „Du hast großes Glück, dass du überhaupt noch lebst." Leyla zögerte kurz und sah zwischen den beiden hin und her. „Wegen Maegnar? Der wird euch kein Problem mehr machen." Für einen Augenblick wurde es vollkommen still im Laden. Birgit und Herbert sahen sich schweigend an – dann stiegen Birgit plötzlich Tränen in die Augen, während Herbert langsam lächelte. Ein müdes, ehrliches Lächeln, das noch älter wirkte als sein Gesicht. „Du hast uns wirklich geholfen", sagte er leise. Birgit schüttelte leicht den Kopf und wischte sich über die Augen. „Wie lange ist es her, seit wir das letzte Mal Varellen hatten?" murmelte Herbert nachdenklich. „Ich weiß es nicht mehr", antwortete Birgit leise. Nach einigen Sekunden griff Herbert schließlich zu einem kleinen Geldbeutel und zog zwei Silbermünzen heraus. Vorsichtig drückte er sie Leyla in die Hand. „Mehr kann ich leider nicht entbehren. Aber bitte nimm das als Dank." Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Zwei Silbermünzen – deutlich mehr, als sie erwartet hatte. Breit grinsend verstaute sie die Münzen sorgfältig. „Vielen Dank." Ihre Stimme klang beinahe feierlich. Dann trat sie langsam wieder zur Tür und warf den beiden ein letztes Lächeln zu. „Ich wünsche euch noch einen schönen Abend." Mit diesen Worten verließ Leyla den Kräuterladen und trat zurück hinaus in die kühle Nachtluft von Ramir. -------------------------------------------------------------------------- Leylas Füße trugen sie beinahe automatisch in Richtung der Taverne. Der Dorfplatz war inzwischen fast vollkommen still geworden – nur vereinzelt hörte man Stimmen hinter verschlossenen Fenstern oder das ferne Knarren einer Tür im Wind. Unwillkürlich ließ Leyla ihren Blick über die Umgebung wandern. Von Rigor war keine Spur zu sehen – und obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war warum, fragte sie sich sofort, ob das etwas Gutes bedeutete. Schließlich erreichte sie Varmins Stube und drückte die schwere Holztür auf. Sofort schlug ihr angenehme Wärme entgegen. Der Geruch von Essen, Holz und Rauch erfüllte den Raum und ließ die Müdigkeit in ihrem Körper plötzlich deutlicher werden. Mehrere Regale standen entlang der Wände, und zwischen den wenigen Tischen lagen allerlei Waren ausgebreitet – die Taverne war offenbar gleichzeitig auch eine Art Gemischtwarenladen. „Guten Abend. Was darf's sein?" Leyla blickte auf. Hinter der Theke stand derselbe Elf mit den braunen Haaren und dem freundlichen Lächeln, den sie bereits am Morgen durch das Fenster gesehen hatte. „Das muss wohl Varmin sein…" murmelte Leyla leise vor sich hin. Der Elf lächelte sofort breiter. „Ganz genau. Ich bin Varmin. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" Leyla zuckte leicht zusammen, als ihr klar wurde, dass er sie gehört hatte. Ein Hauch von Röte schlich sich auf ihre Wangen, doch Varmin schien sich darüber nur zu amüsieren. Sie räusperte sich kurz und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger beinahe automatisch zu den Silbermünzen in ihrer Tasche glitten. „Ich würde gerne einkaufen… und danach ein Zimmer mieten." „Natürlich", antwortete Varmin sofort. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Leyla betrachtete die Regale genauer. Zwischen Schüsseln, Töpfen, Besteck und zusammengerollten Teppichen standen auch kleine Werkzeuge und Reiseutensilien – offenbar kauften die Dorfbewohner einen Großteil ihrer Alltagsdinge direkt hier. Nach kurzem Überlegen wandte sie sich wieder an Varmin. „Verkaufen Sie zufällig Taschenmesser?" „Taschenmesser nicht", sagte Varmin nachdenklich. „Aber ich könnte Ihnen ein Jagdmesser anbieten." Er ging zu einem kleinen Tisch hinter der Theke, nahm ein Messer auf und reichte es ihr. Leyla betrachtete die Klinge aufmerksam. Das Messer war schlicht, aber sauber verarbeitet – die etwa fünfzehn Zentimeter lange Klinge bestand aus dunklem Stahl und fühlte sich überraschend stabil an. Sofort nickte sie. „Das nehme ich auf jeden Fall." Während sie weitersprach, wanderte ihr Blick erneut durch den Raum. Dann blieb er an einer dunkelgrünen Jacke hängen, die an einem Haken nahe der Wand hing. „Und die grüne Jacke dort? Wie viel kostet die?" „Drei Kupfer." „Dann nehme ich die auch." Eigentlich hatte sie die Jacke sofort wegen Liam ausgesucht. Seit er seine entsorgt hatte, lief er nur noch mit seinem dunkelgrünen Hemd herum – die neue war schlicht und ohne besondere Verzierungen, doch genau deshalb fand Leyla, dass sie zu ihm passen würde. Zusätzlich kaufte sie noch einen kleinen Notizblock, einen schwarzen Stift, etwas Proviant für die Reise und schließlich ein Buch, das sofort ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. „Reichsmythologie" von Jonar di Lorenzo – allein der Titel genügte, um ihre Neugier zu wecken. Vielleicht würde sie darin mehr über diese Welt erfahren. Oder über die seltsamen Dinge, die hier geschahen und für die sie noch keine Erklärung hatte. Nachdem Varmin alles sorgfältig zusammengerechnet hatte, blickte er wieder zu ihr auf. „Das macht dann insgesamt ein Silber und zwei Kupferstücke", sagte er freundlich lächelnd. -------------------------------------------------------------------------- Langsam öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer im oberen Stockwerk der Taverne. Der Flur draußen war still. Müde trat sie ein und schloss die Tür hinter sich. Es war eines von nur vier Gästezimmern. Klein, aber überraschend gemütlich. Ein ordentlich gemachtes Bett stand an der Wand, daneben ein kleiner Nachttisch mit einer Öllampe, deren warmes Licht den Raum in sanfte goldene Farben tauchte. Gegenüber befand sich ein schlichter Schrank aus dunklem Holz. Dann blieb Leylas Blick plötzlich an etwas anderem hängen. An einer Badewanne. Einen Moment lang starrte sie sie einfach nur an. Natürlich kannte sie Badewannen aus ihrer alten Welt – doch hiermit hatte sie in einem kleinen Dorf wie Ramir überhaupt nicht gerechnet. Sie hatte inzwischen verstanden, dass diese Welt in vielen Dingen deutlich fortschrittlicher war, als sie zunächst gedacht hatte. Aber trotzdem überraschte sie so etwas immer wieder. „Darüber muss ich Liam später unbedingt ausfragen…" Der Gedanke ließ sie leicht lächeln. Dann verlor die Müdigkeit endgültig den Kampf gegen ihren Körper. Ohne lange nachzudenken streifte Leyla ihre Schuhe ab, zog ihre Kleidung aus und ließ sich erschöpft auf das Bett fallen. Sofort sank sie tief in die weiche Matratze ein. Die Decken fühlten sich warm und angenehm an, beinahe so, als würde der Stoff sie sanft umschließen – nach Nächten auf hartem Boden und in kalten Schlafsäcken fühlte sich selbst einfaches Bettzeug plötzlich unglaublich luxuriös an. Für einige Sekunden blieb Leyla einfach regungslos liegen und starrte an die Decke. Dann fiel ihr Blick auf das Buch, das sie unten gekauft hatte. Neugierig griff sie danach und schlug es auf. Auf der Rückseite befand sich kein Klappentext, sondern lediglich eine Illustration – ein schwarzer Rabe, dessen Augen seltsam lebendig wirkten, fast so, als würde er sie direkt ansehen. Unwillkürlich lief Leyla ein leichter Schauer über den Rücken. Sie schlug eine zufällige Seite auf und begann zu lesen. „… und da betete er zu seinem Vater, zum Herrscher der Erde, zum Erzdämon Dharait. ‚Oh Vater, Schützer meines Volkes, schenke uns deinen Segen, auf dass wir erneut träumen dürfen.' Doch Dharait schwieg, so wie er seit Jahrhunderten geschwiegen hatte." Leyla runzelte sofort die Stirn. Ein Erzdämon – allein das Wort fühlte sich unangenehm an. Sie blätterte einige Seiten zurück, bis sie den Anfang des Kapitels fand. „Kapitel Fünf — Die Dualität der Erzwesen." Langsam begann sie von vorne zu lesen. „Es begab sich, dass einst ein Komet vom Firmament stürzte und auf der zuvor leeren Erde landete. Als der Komet sich öffnete, traten zwanzig Wesen hervor – die Erzwesen." „Das klingt schon wieder wie irgendeine Schöpfungsgeschichte …" murmelte Leyla leise. Trotzdem las sie weiter. Immer wieder überflog sie einzelne Absätze über Erzengel, Erzdämonen und uralte Kriege, bis ihre Konzentration langsam nachließ. Irgendwann legte sie das Buch schließlich neben sich auf das Bett. Dann wanderte ihr Blick erneut zur Badewanne. Ein kleines Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Mal sehen, ob die wirklich funktioniert." -------------------------------------------------------------------------- Angenehm warmes Wasser floss aus einem hölzernen Rohr in die Badewanne. Leyla beobachtete fasziniert, wie der aufsteigende Dampf langsam den Raum erfüllte. Selbst nach allem, was sie in den letzten Wochen gesehen hatte, überraschten sie solche Dinge noch immer – Magie war für die Menschen dieser Welt offenbar so selbstverständlich geworden, dass selbst fließendes warmes Wasser nichts Besonderes mehr zu sein schien. Für Leyla dagegen fühlte es sich beinahe absurd an. „Magie ist wirklich unglaublich…" murmelte sie leise. „In meiner Welt hätte man sich im Mittelalter so etwas wahrscheinlich nicht einmal vorstellen können." Langsam stieg sie in das warme Wasser. Sofort breitete sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper aus – die Wärme löste langsam die Anspannung aus ihren Muskeln, und zum ersten Mal seit Tagen begann sich Leyla wirklich sauber zu fühlen. Sie schloss kurz die Augen und lehnte den Kopf entspannt zurück. Während das Wasser leise gegen den Rand der Wanne schwappte, begannen ihre Gedanken erneut um die letzten Wochen zu kreisen. So vieles war passiert. Viel zu viel. Noch vor nicht einmal drei Wochen hatte sie ein völlig normales Leben geführt – und nun saß sie in einer fremden Welt in einer kleinen Taverne, nachdem sie gemeinsam mit einem Elfen einen Magier getötet hatte, der Seelen verschlang. Allein der Gedanke klang vollkommen verrückt. Und trotzdem war er inzwischen Realität geworden, so selbstverständlich und unausweichlich wie das warme Wasser um sie herum. „Ich habe wirklich Glück gehabt…" Zuerst war da Roxy gewesen. Dann Liam. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Leylas Lippen. Auch wenn sie noch immer nicht genau wusste, wie sie Liam eigentlich einordnen sollte, hatte sie längst verstanden, dass sie ihn mochte – vielleicht sogar mehr, als sie sich selbst bisher wirklich eingestehen wollte. Seine spöttische Art, die sie anfangs fast zur Weißglut gebracht hatte, fühlte sich inzwischen seltsam vertraut an. Beruhigend sogar. „Eigentlich ist er ja ganz süß…" Als ihr plötzlich bewusst wurde, worüber sie gerade nachdachte, spürte Leyla, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Genervt und überrascht von sich selbst tauchte sie kurzerhand komplett unter Wasser und blieb für einige Sekunden einfach dort, die Luft angehalten, das Geräusch der Welt zu einem dumpfen Rauschen gedämpft. Doch selbst dort ließen ihre Gedanken sie nicht in Ruhe. Wieder erinnerte sie sich an Liams Worte. „Ich gehe nicht mit dir ins Dorf. Ich will dir deinen Ruhm nicht streitig machen." Langsam tauchte Leyla wieder auf, Wassertropfen liefen ihr über das Gesicht, während sie nachdenklich die Stirn runzelte. Bisher war sie eigentlich davon ausgegangen, dass Liam wegen Maegnar nicht nach Ramir kommen wollte. Doch jetzt war sie sich plötzlich nicht mehr sicher. Was war der wirkliche Grund? Warum blieb er jedes Mal draußen? Irgendetwas daran fühlte sich seltsam an – ein leises Unbehagen, das sie nicht ganz benennen konnte. Sie nahm sich fest vor, ihn später darauf anzusprechen. Noch eine ganze Weile blieb sie einfach im warmen Wasser sitzen und genoss die seltene Ruhe. Das flackernde Licht der Öllampe spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, und langsam begann die Müdigkeit wieder schwer auf ihren Körper zu drücken – sanft, beständig, wie etwas, gegen das man nicht ankämpfen wollte. Schließlich stieg Leyla aus der Wanne. Das kühle Holz unter ihren nassen Füßen ließ sie kurz zusammenzucken. Sie griff nach dem grauen Handtuch an der Tür und trocknete sich langsam ab, dann schleppte sie sich erschöpft zum Bett. Kaum hatte sie sich in die weichen Decken fallen lassen, schlossen sich ihre Augen wie von selbst. Und nur wenige Augenblicke später war Leyla bereits eingeschlafen. -------------------------------------------------------------------------- „Möge Kamera deinen Weg segnen!" rief Leyla noch einmal fröhlich zurück, während sie die Taverne verließ. Varmin hob hinter der Theke lächelnd die Hand zum Abschied, bevor die Tür sich hinter ihr schloss. Draußen empfing sie sofort warme Morgenluft. Die Sonne war noch nicht einmal besonders hoch gestiegen, und trotzdem lag bereits drückende Wärme über Ramir. Leyla spürte schon nach wenigen Minuten, wie ihr unangenehm heiß wurde. Mit einem leichten Seufzen band sie sich die Jacke um die Taille und begann die Straße entlangzulaufen. Leyla fühlte sich befreit an. Sie hatte Geld. Eine Richtung. Und sie lebte noch. Unbewusst begann Leyla leise vor sich hin zu pfeifen. „Guten Morgen, Liebes!" Leyla blickte zur Seite. Birgit stand vor dem Kräuterladen und goss gerade einige Pflanzen, die ordentlich in Tontöpfen entlang der Hauswand standen – der Morgen schien die alte Frau bereits vollkommen geweckt zu haben. „Guten Morgen", antwortete Leyla lächelnd. „Du gehst also schon?" fragte Birgit und winkte sie näher heran. „Malyl wartet schließlich auf mich." Birgit lächelte warm. „Warte bitte einen Moment." Ohne weitere Erklärung verschwand sie wieder im Laden. Leyla blieb stehen und beobachtete kurz die ruhige Dorfstraße. Während sie wartete, fragte sie sich unwillkürlich, was Birgit wohl noch von ihr wollte – einen weiteren Auftrag würde sie vermutlich ablehnen müssen. Sie wollte endlich weiterreisen. Schon wenige Augenblicke später kehrte Birgit jedoch zurück, einen kleinen Stoffbeutel in den Händen. „Hier. Nimm das bitte als Abschiedsgeschenk." Überrascht nahm Leyla den Beutel entgegen und öffnete vorsichtig die kleine Schnur. „Ist das…?" „Salz", antwortete Birgit sofort mit einem leichten Lächeln, als hätte sie Leylas Gedanken gelesen. „Das kann man auf Reisen immer gebrauchen." Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Sie wusste, dass Salz wertvoll war – und vor allem nützlich. Breit grinsend zog sie den Beutel wieder zu. „Dankeschön!" Dann hob sie noch einmal lächelnd die Hand. „Möge Kamera deinen Weg segnen!" Birgits Gesicht wurde weich. „Und deinen ebenso, Liebes." -------------------------------------------------------------------------- „Und?" fragte Liam grinsend, sobald Leyla die vereinbarte Stelle erreichte. „Wie war die Nacht mal in einem richtigen Bett?" Er saß lässig auf einem dicken Ast über dem Weg, die Arme locker hinter dem Kopf verschränkt. Offenbar hatte er dort oben geschlafen und einfach auf sie gewartet. Leyla konnte sich nicht einmal vorstellen, freiwillig auf einem Ast zu schlafen. Trotzdem musste sie leicht grinsen. „Sehr gut", antwortete sie ehrlich. Für einen kurzen Moment herrschte angenehme Stille zwischen ihnen. Der warme Morgenwind rauschte durch die Baumwipfel, und irgendwo in der Ferne zwitscherten Vögel. Doch Leyla dachte noch immer an die Frage, die sie seit der letzten Nacht beschäftigte. Sie zögerte kurz. Dann sah sie zu Liam auf. „Warum kommst du eigentlich nie mit ins Dorf?" Das Grinsen auf Liams Gesicht wurde schwächer. Für einen Augenblick sah er sie einfach nur an, bevor sein Blick leicht zur Seite wanderte. „Hab ich dir doch gesagt. Ich will dir deinen Ruhm nicht…" „Das stimmt nicht." Leyla unterbrach ihn sofort, die Stimme ruhig, aber deutlich entschlossener als zuvor. „Und du weißt das selbst. Also warum wirklich?" Langsam sah Liam sie wieder an. In seinem Blick lag plötzlich etwas, das Leyla nicht richtig einordnen konnte – als würde er kurz überlegen, ob er ihr tatsächlich antworten sollte. Doch stattdessen stellte er selbst eine Frage. „Wenn du mich schon so ausfragst …" sagte er langsam, „was ist eigentlich mit dir?" Leyla spürte sofort, wie sich etwas in ihr anspannte. „Warum hast du bei der Spinne damals so reagiert?", fragte Liam weiter. „Und gestern vor Maegnars Tür auch." Seine Stimme blieb ruhig. „Du wirkst in solchen Momenten plötzlich wie erstarrt." Die Worte trafen Leyla härter, als sie erwartet hatte. Sofort schossen Erinnerungen durch ihren Kopf – das Dröhnen eines Motors, der Schrei ihrer Mutter, der Aufprall. Sie spürte innerlich wieder dieses dumpfe Chaos aus Schmerz und Panik, das sie damals verschlungen hatte. Unwillkürlich versteifte sich ihr gesamter Körper, die Hände ballten sich leicht. „Das geht dich nichts an." Die Antwort kam schärfer heraus, als sie eigentlich wollte. Für einen kurzen Moment wurde es vollkommen still zwischen ihnen. Leyla wandte den Blick ab und sah die Straße entlang. „Komm. Wir müssen weiter." Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich in Bewegung. Hinter ihr sprang Liam lautlos vom Ast und landete auf dem Boden – doch diesmal sagte auch er nichts mehr. Während Leyla weiterging, begann es in ihrem Inneren unangenehm zu rumoren. Warum wich Liam ihrer Frage so aus? Warum hatte er das Gespräch plötzlich auf sie gelenkt? Und überhaupt – wer war Liam eigentlich wirklich? Mit diesen Gedanken machten sich die beiden schließlich schweigend auf den Weg.

  • Kapitel 4 - Ein Abschied ist auch ein Anfang

    Helle, warme Sonnenstrahlen fielen auf Leylas Gesicht und kitzelten sie langsam wach. Verschlafen rieb sie sich die Augen, streckte sich ausgiebig und gähnte leise in die Stille des Morgens hinein. Einen Moment lang blieb sie einfach liegen und ließ den Blick durch das kleine Zimmer wandern. Das vergilbte Buch lag noch immer auf dem Nachttisch, genau dort, wo sie es in der Nacht zurückgelegt hatte. Diesmal ignorierte sie es bewusst. „Ich habe früher nicht an Götter geglaubt. Warum sollte ich jetzt damit anfangen?" murmelte sie leise. Religion war für sie schon immer nur ein Weg gewesen, der Realität auszuweichen – eine Art, sich in Geschichten zu flüchten, anstatt den Dingen ins Auge zu sehen. Und Verdrängung würde ihr weder helfen, ihren Weg in dieser Welt zu finden, noch würde sie sie nach Hause bringen. Langsam zog sie ihre Schuhe an und trat zur Tür. Einen kurzen Moment blieb sie stehen. Dann verließ sie das Zimmer. Die hölzerne Treppe knarrte unter ihren Schritten. Noch ehe sie unten ankam, stieg ihr bereits der Geruch von warmer Suppe entgegen – dicht, sättigend, überraschend angenehm. Unten entdeckte sie Roxy. Ihre erste – und bisher einzige – Freundin in dieser Welt saß an einem der Tische und lächelte ihr ruhig entgegen. Das Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und fing sich in ihren roten Haaren, ließ es warm aufleuchten. „Guten Morgen, Leyla. Hast du gut geschlafen?" Leyla ließ sich ihr gegenüber auf die Bank sinken. „Ging so", antwortete sie ehrlich. „Das Bett war laut. Und ich hatte ein paar Gedanken, die mir keine Ruhe gelassen haben." Noch bevor Roxy antworten konnte, trat der Wirt an ihren Tisch heran. Ein älterer, schlanker Mann mit weißem Vollbart, dessen Stimme so rau klang, als hätte er sie sein Leben lang in dieser Taverne eingesetzt. „Was möchtet ihr zum Frühstück? Ich kann euch Weizenbrot mit Früchten und Honig anbieten, eine Nudelsuppe mit Schweinefleisch oder einen Haseneintopf." Leyla zögerte. Seit fast fünfzehn Jahren hatte sie kein Fleisch mehr gegessen. Schon der bloße Gedanke daran fühlte sich falsch an. Kurz fragte sie sich, wann genau das eigentlich begonnen hatte. Warum es ihr damals so wichtig geworden war. Sie bestellte das Weizenbrot. Roxy nahm ohne Zögern den Haseneintopf. „Du, Roxy", begann Leyla vorsichtig, während der Wirt sich wieder entfernte. „Was für Möglichkeiten gibt es unterwegs, wenn ich keinen Proviant mehr habe – und keine Tiere essen möchte?" Roxy sah sie einen Moment an. Dann brach ein kurzes Lachen aus ihr heraus, herzlich und unverblümt. „Du bist echt komisch, Leyla." Dennoch legte sie leicht den Kopf schief und dachte nach. „Nun… es gibt einige Wurzeln, die man essen kann. Dazu verschiedene Beeren und Früchte, je nach Jahreszeit." Leyla biss sich leicht auf die Lippe. Hoffentlich würde sie ihre Prinzipien nicht aufgeben müssen. Der Gedanke war unangenehm. „Apropos Proviant", sagte sie schließlich und sah Roxy an. „Hilfst du mir später beim Einkaufen?" -------------------------------------------------------------------------- Die nächsten Stunden verbrachten Roxy und Leyla damit, durch das Dorf zu schlendern und einzukaufen. Migar war, wie Leyla inzwischen wusste, eine der größten Siedlungen der gesamten Region. Vor einigen Monaten hatte das Dorf sogar den Status einer Kleinstadt beantragt – und beim Blick auf die belebten Straßen und die dicht gedrängten Häuser konnte sie verstehen, warum. Mit Roxy an ihrer Seite fühlte sie sich deutlich sicherer. Weniger verloren. Langsam öffnete Leyla ihren schwarzen Lederrucksack. Auch den hatte Roxy ihr geschenkt – zusammen mit den sieben Kupfermünzen vom Vortag, überreicht mit einer Selbstverständlichkeit, bei der Leyla noch immer nicht ganz wusste, wie sie sie einordnen sollte. Neugierig ließ sie den Blick über ihre Einkäufe wandern und ging ihn innerlich noch einmal durch. Ein Schlafsack und eine dicke Decke lagen ordentlich zusammengerollt im Inneren – für die Nächte unterwegs, die kälter werden konnten, als sie sich im Moment vorstellen mochte. Zusammen hatten sie drei Kupfermünzen gekostet. Der teuerste Teil. Aber mit Sicherheit auch der wichtigste. Dann fiel ihr Blick auf den eisernen Kochtopf. Früher hatte sie manchmal mit ihrem Vater draußen übernachtet. Lagerfeuer, kalte Morgenluft, heißer Tee in der Hand. Sie verdrängte die Erinnerung und sah zu Roxy. „Kann man das Wasser in der Natur einfach trinken? Oder muss ich es abkochen?" Roxy lächelte leicht. „Du hast Glück. Der Ter'Chu, der durch die Mittellande fließt, hat klares Trinkwasser. Da musst du dir keine Sorgen machen." Erleichterung machte sich in Leyla breit. Das vereinfachte vieles. Der Topf hatte sie zusammen mit einem Trinkschlauch eine weitere Kupfermünze gekostet. Deutlich mehr hatte das Essen verschlungen – für zwei Kupfermünzen hatte sie einen kleinen Proviantbeutel mit Käse, Brot und Äpfeln, der laut dem Verkäufer ungefähr fünf Tage reichen sollte, erstanden. Zusätzlich hatte Roxy ihr noch etwas Persönliches zugesteckt. Ein schweres silbernes Feuerzeug. Der obere Teil war wie ein Drachenkopf geformt, das Maul weit aufgerissen, bereit, auf Knopfdruck eine kleine Flamme auszuspeien. „Taschendrache", hatte Roxy es genannt. Leyla hatte es sofort in die Hand genommen und zweimal gedrückt, einfach um zu sehen, wie die Flamme aufflackerte. Sie ließ den Blick noch einmal durch den Rucksack gleiten, von oben nach unten, und suchte nach Lücken. „Gibt es noch irgendetwas, das mir fehlt?" Roxy sah sie vielsagend an – mit einem Ausdruck, der gerade so zwischen Ernst und Vergnügen balancierte, sodass Leyla nicht sicher war, was als Nächstes kommen würde. „Dir fehlt doch noch das Wichtigste überhaupt." Leyla wartete. Roxy ließ die Pause absichtlich einen Moment länger andauern. Dann grinste sie. ,,Deine Waffe!’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla schluckte nervös. Sie hatte noch nie eine echte Waffe in der Hand gehalten. Nicht einmal aus Neugier. Vom Kämpfen ganz zu schweigen. „Brauche ich wirklich eine Waffe?" fragte sie unsicher. Ihr Blick glitt zu Roxy, die sich gerade entspannt streckte und dabei ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das Leyla bei sich selbst inzwischen schmerzlich vermisste. Schließlich blieb ihr Blick an Roxys Schwert hängen – abgenutzt am Griff, vertraut in der Art, wie es am Gürtel hing. „Ich habe noch nie eine Waffe benutzt", gab sie leise zu. „Und ich habe sowieso nur noch eine Kupfermünze." Roxy winkte sofort ab. „Das ist ein Abschiedsgeschenk", sagte sie locker. „Oder willst du doch lieber in Migar bleiben?" Leyla schüttelte den Kopf. Anfangs hatte sie tatsächlich kurz darüber nachgedacht – einfach hierbleiben, bei Roxy, in diesem Dorf, das sich bereits halbwegs vertraut anfühlte. Doch sie wollte weder dauerhaft von ihr abhängig sein, noch ihr weiterhin zur Last fallen. Und hier würde sie auch niemals herausfinden, wie sie nach Hause zurückkehren konnte. „Gut", sagte Roxy zufrieden. „Dann brauchst du definitiv etwas, womit du dich verteidigen kannst. Wir wollen doch nicht, dass dich unterwegs ein Stahlbär frisst." Sofort zog sich Leylas Magen unangenehm zusammen. Unbewusst zuckte ihre Hand, und sie musste sich bewusst davon abhalten, sich am Handgelenk zu kratzen. Ein Stahlbär klang absolut nicht nach etwas, dem sie begegnen wollte. Über wilde Tiere hatte sie bisher kaum nachgedacht. Roxy bemerkte ihre Nervosität offenbar sofort. „Das war ein Witz", sagte sie lachend und tätschelte ihr beruhigend die Schulter. „Monster gibt es hier in der Region kaum. Bleib einfach auf den Wegen, dann passiert dir schon nichts." Leyla atmete langsam aus. „Aber", fuhr Roxy dann fort, „eine Waffe brauchst du trotzdem." Kurz musterte sie Leyla mit einem neugierigen Blick. „Oder kannst du etwa Magie benutzen?" Magie. Allein das Wort ließ Leylas Herz einen Takt schneller schlagen. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie das wohl aussehen würde – Magie im Alltag, einfache Zaubersprüche, die man lernen konnte wie Vokabeln. Halb gedankenverloren murmelte sie: „Abrakadabra." Roxy starrte sie einen Moment lang an. Verständnislos. Vollkommen still. Dann prustete sie los. „Was bitte soll ein Abkadaba sein?" Sofort schoss Leyla die Röte ins Gesicht. „Ich dachte einfach… vielleicht funktioniert Magie so", murmelte sie. Roxy grinste noch immer breit – doch nach und nach wurde ihr Gesichtsausdruck etwas ruhiger, nachdenklicher. Für einen kurzen Moment wirkte es, als wolle sie etwas sagen. Als hätte sie bereits die Worte auf der Zunge. Dann hellte sich ihre Miene wieder auf. „Komm", sagte sie schließlich. „Lass uns zu Bertram gehen. Der wird schon irgendetwas für dich haben." -------------------------------------------------------------------------- Feine Linien verliefen über das helle Eisen der Klinge. Sie schienen beinahe lebendig – kunstvoll eingravierte Glyphen, die sich über das Metall zogen und im warmen Licht der Mittagssonne leicht schimmerten. Das Schwert hing an der Wand zwischen Dutzenden anderen Waffen, doch Leylas Blick war sofort daran hängen geblieben und nicht mehr losgelassen worden. Es besaß eine beinahe mystische Ausstrahlung, etwas Ruhiges und gleichzeitig Gefährliches. Und trotz seines eleganten Erscheinungsbildes wirkte es leicht genug, dass selbst sie es führen könnte. Unwillkürlich fragte sie sich, wie schwer es wohl sein würde, den Schwertkampf wirklich zu lernen. „Ein gutes Auge haben Sie." Die raue, tiefe Stimme ließ Leyla leicht zusammenzucken. Sie gehörte Bertram, dem Schmied von Migar. Der Mann war ein wahrer Hüne – über zwei Meter groß und breit gebaut wie ein Schrank, die Lederschürze kaum breit genug für seine massigen Schultern. Trotz des harten, faltigen Gesichts lagen in seinen Augen eine unerwartete Wärme und eine stille Freundlichkeit, die man direkt bemerkte. Roxy trat näher an das Schwert heran. „Was ist das für eine Klinge?" Bertram strich beinahe ehrfürchtig über das helle Metall. „Dieses Schwert trägt den Namen Riesenschlächter. Die Klinge wurde mit magischen Runen versehen – triffst du jemanden damit, verteilt sich ein lähmendes Gift in seinem Körper." Kurz grinste er. „Und es kostet nur sechs Silber." „Riesenschlächter. Das klingt wirklich wie aus einem Fantasyroman." Leyla wandte den Blick leicht enttäuscht ab. Das Gift hätte ihre fehlende Kampferfahrung vermutlich ausgleichen können. Aber sechs Silber waren eindeutig außerhalb jeder Reichweite – und sie wollte Roxy nicht noch mehr schulden, als sie es ohnehin schon tat. Während Roxy und Bertram beide weiter über die Klinge sprachen, begann Leyla sich im Laden umzusehen. An den Wänden hingen Speere, Äxte und Schilde in allen Größen. Daneben standen mehrere Rüstungen auf hölzernen Gestellen wie stille Wächter. Überall hing der schwere Geruch von Eisen, Holzkohle und erhitztem Metall in der Luft. Dann blieb ihr Blick an etwas anderem hängen. Langsam trat Leyla näher. Vor ihr hing ein schlichtes Schwert mit lederumwickeltem Griff. Keine magischen Runen. Kein verzierter Stahl. Keine Glyphen, die im Licht schimmerten. Und trotzdem zog es ihren Blick auf eine Weise an, die sie nicht recht erklären konnte. Plötzlich spürte sie Roxys Hand auf ihrer Schulter. „Gefällt dir dieses Schwert?" Leyla nickte leicht. „Das ist ein Garnisches Kurzschwert", erklärte Bertram hinter ihr. „Ideal für Anfänger. Kostet nur fünf Kupfer." „Möchtest du es einmal halten?" fragte Roxy lächelnd. Leyla griff vorsichtig nach dem Schwert. Sofort spürte sie das Gewicht in ihrer Hand – schwerer, als sie erwartet hatte, jede kleine Bewegung ungewohnt und unnatürlich. Und obwohl die Waffe in Leyla ein Unbehagen auslöste, hatte sie das seltsame Gefühl, dass die Waffe irgendwie zu ihr passte. Als würde sie warten, dass jemand sie richtig hielt. „Dann nehmen wir das", entschied Roxy. „Können wir noch eine Schwertscheide und einen passenden Gürtel dazu haben?" Dann wandte sie sich wieder Leyla zu, und ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht. „Bevor du gehst, zeige ich dir wenigstens einmal die Grundlagen. So wie du das Schwert gerade hältst, sieht es eher aus, als würdest du eine Wespe verscheuchen wollen." -------------------------------------------------------------------------- „Ich bin dir wirklich unglaublich dankbar, Roxy. Du hast mir so sehr geholfen." Leyla sah sie an, während der Wind um sie herum strich und einzelne Haarsträhnen ihrer Freundin vor ihr Gesicht wehte. „Das Geld gebe ich dir irgendwann auf jeden Fall zurück." Sie standen am nördlichen Ausgang von Migar, dort, wo der Weg in Richtung Halfen begann. Nach längerem Überlegen hatte Leyla sich entschieden, auf halben Weg abzubiegen, und durch den Wald hindurch nach Ramir zu reisen. Roxy winkte sofort ab und verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Leyla, das waren Geschenke", sagte sie mit einem kleinen Schmunzeln. „Ich habe dir die Sachen nicht gegeben, damit du dich jetzt verschuldet fühlst." „Trotzdem", erwiderte Leyla leiser. „Das war alles nicht billig." „Und trotzdem will ich nichts zurückhaben." Leyla musterte sie einen Moment lang schweigend. Seit ihrer Rettung in der Gasse hatte sich ihr immer wieder dieselbe Frage aufgedrängt, und schließlich rang sie sich dazu durch, sie laut auszusprechen. „Warum?" Für einen kurzen Augenblick wurde Roxys Blick ernster. Das lockere Lächeln verschwand, und sie sah an Leyla vorbei hinaus auf die weiten Felder, als würde sie dort eine Antwort suchen, die sie längst kannte. „Weil ich weiß, wie es ist, allein zu sein", sagte sie schließlich ruhig. „Vor allem als Frau." Dann wurde ihre Stimme wieder weicher, fast beiläufig. „Und ehrlich gesagt wirkst du nicht gerade wie jemand, der lange alleine klarkommen würde." Leyla atmete leise durch die Nase aus. Eine kurze, angenehme Stille legte sich zwischen sie – die Art von Stille, die nur zwischen Menschen entstehen konnte, die sich bereits ein kleines Stück verstanden. Dann lächelte Roxy wieder. „Ich hoffe wirklich, dass wir uns wiedersehen." Sie hob die Hand zum Abschied. „Möge Kamera deinen Weg segnen." Bei diesen Worten zog sich etwas in Leylas Brust zusammen. Sie mochte Roxy bereits jetzt erstaunlich gern – vielleicht gerade deshalb, weil sie in dieser fremden Welt die Person gewesen war, die ihr ohne Hintergedanken geholfen hatte. Einfach so. Ohne etwas zu erwarten. Unwillkürlich musste sie an Katja denken. Die beiden hätten sich vermutlich verstanden – sofort, ohne große Worte. Der Gedanke ließ sie kurz lächeln. Sie, Katja und Roxy wären bestimmt ein gutes Trio gewesen. „Möge Kamera deinen Weg sehen", antwortete Leyla unbeholfen und erwiderte den Gruß, auch wenn sie selbst nicht wirklich an Kamera glaubte. Dann drehte sie sich um und begann zu gehen. Der Weg vor ihr war kaum mehr als ein sandiger Pfad, der sich durch die weiten Hügel der Mittellande schlängelte. Mehrmals blickte Leyla noch zurück. Roxy stand noch immer am Dorfausgang, sah ihr nach und winkte, bis die Entfernung zwischen ihnen langsam zu groß wurde. Erst dann richtete Leyla den Blick wieder vollständig nach vorne. Die Mittellande waren friedlich. Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich endlose Felder aus goldenem Weizen, die sich im Wind bewegten wie Wellen auf einem ruhigen Meer. Dazwischen lagen vereinzelte Bauernhäuser mit strohgedeckten Dächern, kleine Windmühlen und schmale Zäune aus dunklem Holz. Über allem wölbte sich ein weiter blauer Himmel, an dem nur wenige helle Wolken träge vorüberzogen. Das Rascheln der Ähren, das entfernte Klappern eines Wagens und der warme Duft von Erde und Sommergras vermischten sich zu einer Ruhe, die Leyla gleichzeitig fremd und seltsam vertraut vorkam. Die Landschaft erinnerte sie an Zugfahrten von Hamburg nach Oldenburg. Dieses monotone Vorbeiziehen weiter Felder, das Gefühl von Weite, die Art, wie das Sonnenlicht auf dem Weizen lag und alles ein wenig unwirklich schöner machte als es war. Doch Leyla verdrängte den Gedanken bewusst. Sie war nicht mehr in Deutschland. Sie war hier. Im Kaiserreich. Wenn sie jede Kleinigkeit mit ihrer alten Heimat verglich, würde sie niemals wirklich vorankommen – niemals aufhören, nach hinten zu schauen. Langsam ließ sie den Blick in die Ferne wandern. Am Horizont erhob sich eine gewaltige Gebirgskette, deren Gipfel selbst aus dieser Entfernung noch beeindruckend wirkten – dunkle Mauern gegen den Himmel, fast zu groß, um echt zu sein. „Das müssen die Larifen sein", murmelte sie nachdenklich. „Das heißt, dahinter liegt die Kaiserstadt." Sofort fragte sie sich wieder, wie der Kaiser wohl war. Ob er gerecht regierte oder ob das Kaiserreich genauso funktionierte wie die grausamen Monarchien aus ihren Geschichtsbüchern. Roxys angespanntes Gesicht fiel ihr ein, die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte – knapp, ohne Wärme. Leyla seufzte leise. Wahrscheinlich eher Letzteres. Schließlich wanderte ihr Blick zu dem Wald, der sich einige Kilometer vor ihr bereits gegen den Horizont abzeichnete. Dunkle Baumkronen, dichter und schwerer als alles, was sie bisher in dieser Welt gesehen hatte. Bis nach Malyl würde es mehrere Wochen dauern. Und trotzdem breitete sich langsam etwas Warmes in ihr aus. Vielleicht war es die Freiheit. Vielleicht einfach nur die Sonne auf ihrer Haut und die frische Luft, die nach Gras und offenem Land roch. Leyla schloss für einen Moment die Augen, breitete die Arme leicht aus und spürte den Wind, der durch ihre Haare strich – warm und gleichmäßig, als würde er sie vorwärtsdrängen. ,,Ist doch eigentlich ganz schön.’’ -------------------------------------------------------------------------- Roxy blieb noch eine ganze Weile am Dorfausgang stehen, selbst nachdem Leyla längst hinter den sanften Hügeln verschwunden war. Sie hatte ihr alles gegeben, was sie entbehren konnte. Eine vernünftige Ausrüstung. Nützliche Hinweise über die Region. Und mehrere Stunden lang die Grundlagen des Schwertkampfes, obwohl sie dabei sehr viel Geduld gebraucht hatte. Allein der Gedanke daran ließ ein leichtes Schmunzeln über ihr Gesicht huschen. Doch hinter der Unsicherheit hatte Roxy auch etwas anderes gesehen. Einen gewissen Trotz. Den stillen, hartnäckigen Willen, trotzdem weiterzugehen – auch wenn man völlig überfordert war und es einem ins Gesicht geschrieben stand. Langsam verschwand das Lächeln wieder. Wer Leyla wohl wirklich war? In ihrem ganzen Leben hatte Roxy noch nie jemanden mit natürlich blauen Haaren gesehen. Und dann war da noch die Art gewesen, wie Leyla gesprochen hatte – manche Wörter, manche Fragen, als würde sie Dinge nicht kennen, die für jede Person so selbstverständlich sein sollten wie das Atmen. „Sie wirkte so verloren", murmelte Roxy leise. Ein trauriger Ausdruck legte sich über ihre Züge. „Ich hoffe wirklich, dass sie den Weg schafft." Für einen Moment glitten ihre Gedanken zu den Gerüchten, die sie in den letzten Wochen immer häufiger aufgeschnappt hatte. Geschichten, die zunächst wie gewöhnliches Tavernengeschwätz geklungen hatten – die Art von Geschichten, über die man lachte und die man vergaß. Doch inzwischen machten sie selbst erfahrene Reisende nervös. Roxy schüttelte den Gedanken ab. ,,Die Wahrscheinlichkeit, dass Leyla ihm begegnet, liegt quasi bei null.’’ Schließlich wandte sie sich ab und machte sich langsam auf den Rückweg.

  • Kapitel 12 - Eine Kerze erlischt

    Leyla ließ ihren Blick über den gewaltigen Wasserfall gleiten, der donnernd von der hohen Klippe in die Tiefe stürzte. Das Tosen des Wassers erfüllte die gesamte Schlucht und vibrierte beinahe in ihrer Brust. Dichter Nebel hing wie ein glitzernder Schleier über dem kleinen See am Fuß der Fälle und ließ die Umgebung unwirklich wirken – als wäre dieser Ort aus einem anderen Zeitalter hierher versetzt worden. Von dort schlängelte sich ein schmaler Fluss weiter nach Westen, sein Wasser funkelte schwach im wenigen Sonnenlicht, das durch die dichten Baumwipfel drang. Dann blieb Leylas Blick an der Höhle hängen. Sie lag seitlich im Felsen verborgen und wirkte trotzdem unmöglich zu übersehen. Eine große Tür aus dunklem Holz verschloss den Eingang, verwitterte Steinplatten rahmten sie ein und ließen den Ort beinahe künstlich erscheinen. Unwillkürlich lief Leyla ein Schauer über den Rücken. „Wohnt dort Maegnar?" fragte sie leise. Dabei warf sie einen unsicheren Blick zu Liam, der einige Meter entfernt gegen einen Baum gelehnt saß. Auf den ersten Blick wirkte er beinahe entspannt. Doch wenn man genauer hinsah, bemerkte man sofort die kleinen Unsicherheiten. Das unruhige Wippen seines Fußes. Die Finger, die sich immer wieder anspannten. Der Blick, der rastlos die Umgebung absuchte. „Genau dort", bestätigte Liam ruhig, ohne seine lockere Haltung aufzugeben. Dann sah er zu ihr. „Und? Hast du inzwischen einen Plan, wie wir ihn besiegen?" Leyla biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Je länger sie über Maegnar nachgedacht hatte, desto klarer war ihr geworden, dass ein direkter Kampf wahrscheinlich Selbstmord wäre. „In einem normalen Kampf hätten wir vermutlich keine Chance", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber… vielleicht könnten wir ihm eine Falle stellen?" Liam öffnete langsam ein Auge und hob skeptisch eine Augenbraue. „Eine Falle?" wiederholte er trocken. „Was genau stellst du dir darunter vor? Dass wir eine Grube graben und hoffen, dass er hineinläuft?" Leyla verzog sofort das Gesicht. „Nein, natürlich nicht!" Sie verschränkte kurz die Arme und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Ich dachte eher daran, dass einer von uns ihn ablenkt, während der andere aus dem Hinterhalt angreift." Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, spürte sie bereits, wie ihr Gesicht heiß wurde. In ihrem Kopf hatte der Plan deutlich intelligenter geklungen. Langsam schlich sich ein schelmisches Grinsen auf Liams Gesicht. „Also hast du dich endlich mit deiner Rolle als Köder abgefunden?" fragte er belustigt. „So viel Entwicklung hätte ich dir ehrlich gesagt gar nicht zugetraut." „So war das nicht gemeint!" Leyla lief knallrot an und ballte die Fäuste. Liam lachte leise – schloss dann jedoch nachdenklich die Augen. Für einige Sekunden sagte er nichts mehr und schien die Möglichkeiten tatsächlich ernsthaft abzuwägen. Schließlich nickte er leicht. „Eigentlich ist die Idee gar nicht schlecht." Leyla gefiel die Art nicht, wie er das sagte. Liam stieß sich vom Baum ab und richtete sich vollständig auf. Seine Haltung wurde augenblicklich ernster, während er zur Klippe hinaufblickte. „Wenn du ihn unten beschäftigst", erklärte er ruhig, „könnte ich von oben angreifen. Damit würde ihm vermutlich die Zeit fehlen, auf uns beide gleichzeitig zu reagieren." Er deutete kurz zur Felskante über der Höhle. „Das könnte tatsächlich funktionieren." Leyla nickte langsam. Innerlich versuchte sie bereits verzweifelt, sich den Ablauf vorzustellen – doch je mehr sie darüber nachdachte, desto nervöser wurde sie. Ihre Hände begannen leicht zu zittern, und erneut biss sie sich auf die Unterlippe. Die Angst war noch immer da. Schwer. Erdrückend. Doch trotzdem nickte sie. „Okay…" sagte sie leise. „Von mir aus machen wir es so." Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich tatsächlich fühlte. Tief in ihrem Inneren schrie ihr Instinkt sie längst an, einfach wegzulaufen. Doch ihr Wunsch, Liam zu helfen, war stärker als ihre Angst. Liam musterte sie kurz. Dann grinste er plötzlich wieder. „Na dann", wisperte er und gab ihr einen leichten Klaps auf die Schulter, „runter mit dir, Köder." -------------------------------------------------------------------------- Leylas Hände begannen immer stärker zu zittern, je näher sie der gewaltigen Holztür kam. Mit jedem einzelnen Schritt fühlte es sich an, als würde die Luft schwerer werden. Nicht nur stickig oder drückend – es war, als würde irgendetwas Unsichtbares ihr langsam die Kehle zuschnüren. Der Wasserfall donnerte hinter ihr in die Tiefe, doch selbst dieses gewaltige Geräusch schien dumpfer zu werden, je näher sie der Höhle kam. Nach einigen endlos wirkenden Sekunden stand Leyla schließlich direkt vor der Tür. Das dunkle Holz war alt und von tiefen Kratzspuren überzogen, als hätte etwas von innen heraus immer wieder dagegen geschlagen. Zwischen den verwitterten Steinplatten ringsherum hing kalter Nebel wie ein lebendiger Schleier. Hoch über ihr hatte Liam bereits seine Position eingenommen. Sie konnte ihn kaum erkennen – doch sie wusste, dass er dort war. Zumindest hoffte sie das. Mit schweißnasser Hand hob Leyla langsam den Arm und klopfte gegen die Tür. —KLOPF, KLOPF— Sofort wich sie instinktiv einige Schritte zurück. Ihr Atem ging flach und hektisch. Sie versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, doch ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, Maegnar müsse es selbst durch die Tür hören können. Insgeheim hoffte Leyla plötzlich, dass überhaupt niemand öffnen würde. Oder wenigstens jemand anderes. Irgendjemand, der nicht Maegnar war. Die Sekunden dehnten sich endlos. Ihre Knie fühlten sich weich an – und gerade, als sie erneut klopfen wollte, begann die Tür langsam knarrend aufzugehen. Das Geräusch ließ ihr sofort einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Weeen haben wir denn daaa?" Die Stimme traf Leyla wie Eiswasser. Sie zuckte unwillkürlich zusammen. Maegnar war etwas kleiner als sie erwartet hatte – doch genau das machte ihn nur verstörender. Sein gesamter Körper war mit grauen, metallisch glänzenden Schuppen bedeckt, die im schwachen Licht beinahe wie polierter Stein wirkten. Seine schwarzen Augen waren vollkommen leer. Kalt. Verächtlich. Und dann war da dieses Grinsen. Es zog sich viel zu weit über sein Gesicht und entblößte scharfe Zähne, die eher an ein Raubtier erinnerten als an irgendetwas Menschliches. Ein sauber gekämmter weißer Bart hing von seinem Kinn herab und verlieh ihm auf groteske Weise beinahe etwas Würde. Doch nichts an diesem Wesen wirkte normal. Leylas Herz raste. „Ähm … i-ich bin Leyla", brachte sie mühsam hervor, die Stimme deutlich zitternd. „Ich habe schon von euch gehört, großer Maegnar. Würdet ihr mich vielleicht als Schülerin aufnehmen?" Während sie sprach, grub sie die Fingernägel so tief in ihre Handflächen, dass es schmerzte. Sie durfte keinen Verdacht erregen. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen. „Soso… Leeeyla alsooo?" Maegnars Worte zogen sich langsam und kalt durch die Luft. „Wenn duuu von mir gehööört hast… dann müsstest duuu wissen, dass ich keine Schüüüler nehme." Langsam machte er einen Schritt näher auf sie zu. Sofort hatte Leyla das Gefühl, die Temperatur würde sinken – als würde allein seine Nähe die Luft gefrieren lassen. „Aaaber…" Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter. „Ich kenne vielleicht eine aaandere Verwendung füüüür dich." Leyla schluckte schwer. Die Angst schnürte ihr inzwischen regelrecht die Kehle zu. „Alles… was in meiner Macht steht", antwortete sie trotzdem. Ihre Stimme klang dünn. Fast flehend. Die Welt um sie herum schien sich immer weiter zusammenzuziehen. Sie spürte, wie ihre Zehen in ihren Schuhen zu krampfen begonnen. Dann explodierte plötzlich direkt über ihnen eine glühende Feuerkugel. —BUMM— Grelles Licht riss die Dunkelheit auseinander. Maegnar taumelte einen Schritt zurück – und im nächsten Augenblick schoss Liam mit gezogenem Schwert von oben herab. „Liam!" rief Leyla sofort erleichtert. Für einen kurzen Moment durchströmte sie pure Hoffnung, als er direkt neben ihr landete. Endlich. Doch Liam reagierte nicht auf ihre Stimme. Sein Blick blieb starr auf Maegnar gerichtet. Und langsam schüttelte er den Kopf. „Ich hab ihn nicht getroffen…" sagte er leise. „D-Das darf nicht wahr sein“, flüsterte Leyla, ihre Stimme brach. Die Hoffnung, die für einen kurzen Moment aufgeflammt war, verlosch wie eine flackernde Kerze im tobenden Sturm. -------------------------------------------------------------------------- „Einen Hinterhalt hattet ihr also geplaaant?" Maegnars Stimme kroch wie kaltes Gift durch die Luft. Jedes seiner gedehnten Worte war von Spott durchzogen und ließ Leylas Brust enger werden – als würde sich unsichtbarer Druck auf ihre Schultern legen und ihr langsam die Luft abschnüren. Der Drachar stand noch immer vollkommen ruhig vor ihnen. Kein Funken Wut war in seinem Gesicht zu erkennen. Nicht einmal echte Vorsicht. Nur Belustigung. „Ich habe mich schon gefraaagt, wie ihr versuchen würdet, mich zu töööten", fuhr er fort. Seine schwarzen Augen funkelten im schwachen Licht des Wasserfalls. „Eure Mordlust habe ich schooon seit Stunden gespüüürt." Die Art, wie er sprach, machte Leyla inzwischen mehr Angst als sein Äußeres. Maegnar wirkte nicht wie jemand, der kämpfte. Er wirkte wie jemand, der spielte – als wären Liam und sie nichts weiter als eine kleine Unterhaltung, die ihn für ein paar Minuten beschäftigte. „Nun frage ich mich…“ Langsam legte er den Kopf schief. „Was genau habe ich getaaan, um diesen Hass zu verdiiienen?" Neben Leyla spannte sich Liam augenblicklich an. Sie sah, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten und sein ganzer Körper leicht zu zittern begann. „Du Bastard hast Emily getötet!" schrie er. Seine Stimme war rau vor Schmerz und Zorn zugleich. „Echt?" Maegnar hob leicht eine Augenbraue. „Ich erinnere mich niiicht daran. Würdest du mir auf die Sprüüünge helfen?" Die beiläufige Art, mit der er über Emily sprach, ließ selbst Leylas Magen verkrampfen. „Wie kannst du es wagen?" Liams Stimme brach beinahe. „Erst bringst du sie um und dann erinnerst du dich nicht einmal an sie?" Maegnar legte erneut leicht den Kopf schief, der weiße Bart bewegte sich dabei kaum merklich, während er Liam mit unverhohlener Belustigung musterte. „Ahhh… jetzt wooo du es sagst…" murmelte er gedehnt. „Das war doch diese Söööldnerin, die so jämmerlich um ihr Leeeben gefleht hat." Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter. „Sie war so bedeutungslooos, dass ich sie fast vergessen hääätte." Leyla spürte sofort, wie Liam immer weiter die Kontrolle verlor. Sein Atem wurde hektischer, seine Haltung aggressiver. Und plötzlich verstand Leyla, dass Maegnar genau das wollte. Er wollte Liam brechen. Mit Worten. Mit Erinnerungen. Mit Wut. ,,Das ist auch eine Art zu kämpfen’’, schoss es Leyla durch den Kopf. Maegnar wollte mit seinen Worten Liam brechen. „Es bringt nichts, mit ihm zu reden!" rief sie Liam zu. Fast gleichzeitig zog sie das Garnische Kurzschwert aus der Scheide und stürmte los. Doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, packte Liam sie brutal am rechten Arm und riss sie zurück. Leyla verlor sofort das Gleichgewicht und schlug hart auf dem felsigen Boden auf. „Willst du sterben?!" schrie Liam sie an. Leyla erkannte direkt die schiere Panik in seinen Augen. „Hast du vergessen, dass er dich mit einer einzigen Berührung töten kann?" Leyla presste die Lippen zusammen und schloss kurz die Augen. Nein. Natürlich hatte sie das nicht vergessen. Aber sie hatte gehofft, Maegnar überraschen zu können. Und vor allem wollte sie verhindern, dass Liam sich weiter von seinen Worten zerfressen ließ. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, griff Liam erneut an. Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Dolch und schleuderte ihn direkt auf Maegnar zu. Die Klinge durchschnitt pfeifend die Luft – und verfehlte. Leyla blinzelte verwirrt. Das ergab keinen Sinn. Sie hätte schwören können, dass der Dolch treffen würde. Doch Maegnar hatte sich scheinbar überhaupt nicht bewegt. Oder vielleicht doch? Sie konnte es nicht sagen. Im nächsten Moment hob Liam bereits die Hand. Ein gewaltiger Feuerstoß brach aus seiner Magie hervor und raste wie ein brennender Sturm auf Maegnar zu. Die Hitze war so intensiv, dass Leyla sie selbst mehrere Meter entfernt auf ihrer Haut spürte. Flammen verschlangen den Bereich vor der Höhle. Der Nebel des Wasserfalls zischte verdampfend auf. Doch als das Feuer langsam schwächer wurde, stand Maegnar noch immer dort. Unversehrt. Hatte Magie überhaupt keine Wirkung auf ihn? Währenddessen begann Liams Feuer sichtbar schwächer zu werden. Die Flammen verloren an Intensität – und Maegnar nutzte das aus. Langsam. Fast gemütlich. Schritt für Schritt verringerte er die Distanz zwischen ihnen, als hätte er alle Zeit der Welt. Leyla spürte die Gefahr inzwischen beinahe körperlich. Es fühlte sich an, als würde ein riesiger Schatten immer näher über sie kriechen, träge und unaufhaltsam. Und plötzlich wusste sie es. Wenn sie nichts tat, würde Liam sterben. Der Gedanke ließ ihren Körper sofort reagieren. Sie umklammerte den Griff ihres Schwertes fester und stürmte erneut los. Diesmal hob Maegnar jedoch lediglich seine linke Hand. Mehr tat er nicht. Im nächsten Augenblick traf Leyla etwas Unsichtbares mit voller Wucht – wie ein gewaltiger Hammerschlag, der aus dem Nichts kam. Ihr Körper wurde von den Füßen gerissen und quer durch die Luft geschleudert, bevor sie mit brutaler Härte gegen die Felswand krachte. Schmerz explodierte in ihrem gesamten Körper. Ein widerliches Knacken ging durch ihren Schädel. Dann wurde alles schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Leyla befand sich in einem dunklen Raum. Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem drei Kerzen standen. Eine gelbe, eine rote und eine grüne. ,,Was hat das zu bedeuten? Wo bin ich hier? War ich nicht eben am kämpfen? Bin ich tot? Wo ist Liam? Geht es ihm gut? Was sind das für Kerzen? Warum spüre ich keinen Schmerz? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Eine der Kerzen, die gelbe, erlosch. -------------------------------------------------------------------------- Plötzlich wurde Leyla von einem grellen Licht geblendet. Es war so hell, dass es ihr direkt in den Augen schmerzte – für einen kurzen Moment fühlte es sich an wie das Licht einer Taschenlampe. ,,Katja?’’ Langsam blinzelte sie und versuchte zu begreifen, was überhaupt passiert war. Ihr Kopf pochte dumpf, und ihre Gedanken fühlten sich an, als würden sie durch dichten Nebel waten. Als ihre Sicht langsam klarer wurde, erkannte sie Liam – er saß einige Meter entfernt mit dem Rücken gegen einen Baum gepresst, während Maegnar direkt vor ihm stand, die Hand bereits ausgestreckt. Zu nah. Viel zu nah. Liam bewegte sich nicht, wirkte vollkommen erstarrt, als würde allein Maegnars Anwesenheit seinen Körper lähmen. Leyla wollte aufspringen, doch ihr eigener Körper fühlte sich schwer an. Träge. Fast fremd. „Ist das… mein Blut?" Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein. Das konnte nicht sein. Verzweifelt versuchte Leyla erneut aufzustehen, doch ihre Arme gaben beinahe sofort nach. Ihre Finger gruben sich in den feuchten Boden, während Tränen über ihre Wangen liefen. Und dann sah sie ihn. Den kleinen Stein. Ihren Glücksbringer – direkt vor ihr im Dreck. Für einen kurzen Moment starrte Leyla ihn einfach nur an, während Panik, Angst und Verzweiflung in ihrem Inneren ineinander verschwammen. Dann begann plötzlich der Boden zu beben. Zuerst nur leicht, kaum wahrnehmbar – doch innerhalb eines Augenblicks wurde das Zittern stärker, bis die Erde unter Maegnar mit einem gewaltigen Krachen aufbrach und ein massiver Steinspeer aus dem Boden schoss. „Waaas ist daaass?!" schrie Maegnar – zum ersten Mal wirklich überrascht. Doch es war zu spät. Der gewaltige Speer durchbohrte seine Brust vollständig. Blut schoss über die grauen Schuppen seines Körpers, und ein röchelndes Geräusch entrang sich seiner Kehle. Das grausame Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht. Liam zögerte keine Sekunde. Mit einer abrupten Bewegung sprang er zu Leylas Kurzschwert, das einige Meter entfernt im Dreck lag, und riss die Klinge nach oben. Ein einziger Hieb – dann löste sich Maegnars Kopf von seinem Körper. Der Seelenfresser sackte reglos zusammen, während sein Blut sich langsam zwischen den Felsen ausbreitete. Still. Endgültig. „Leyla!" Liam war sofort bei ihr. Er packte sie an den Armen und half ihr hastig auf die Beine, die Hände leicht zitternd. „Ich dachte, du wärst tot. Du hast dich überhaupt nicht bewegt." Er versuchte zu grinsen. „Willst du mir etwa erzählen, dass du ein Nickerchen gemacht hast, nur um dich für die Sache mit der Spinne zu rächen?" Seine Stimme klang scherzhaft. Doch Leyla hörte die echte Erleichterung darin – unverkennbar, egal wie sehr er sie zu verbergen versuchte. Sie blickte schweigend an Liam vorbei, zu dem gewaltigen Steinspeer, der Maegnars Körper noch immer durchbohrte und wie ein Monument aus der aufgebrochenen Erde ragte. War sie das gewesen? „Leyla?" ,,Mhm?’’ „Geht es dir gut?", fragte Liam besorgt. „Du bist voller Blut." Leyla sah an sich herab und schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin unverletzt." Doch innerlich verstand sie selbst nicht, was passiert war. Wenn das nicht ihr Blut war – wessen dann? Liam wirkte sichtlich irritiert, doch schließlich schüttelte er den Kopf, als würde er entscheiden, später darüber nachzudenken. „Der Steinspeer war übrigens ziemlich beeindruckend. Wie hast du das gemacht?" In seinen Augen lag diesmal keine Ironie, keine Stichelei. Nur ehrliche Bewunderung. „Ehrlich gesagt…" Leyla sah erneut zu dem Speer. „Ich weiß es selbst nicht." Liam grinste wieder leicht. „Vielleicht sollte ich dich öfter unter Druck setzen. Was meinst du? Soll ich dich beim nächsten Kampf wieder alleine lassen?" „Mach doch." Trotz allem schlich sich ein kleines herausforderndes Grinsen auf ihr Gesicht. „Ich bin sowieso bald stärker als…" Noch bevor sie richtig reagieren konnte, zog Liam sie plötzlich fest in seine Arme. Überrascht verstummte Leyla mitten im Satz. Sie spürte seine Arme um ihren Rücken und merkte sofort, wie fest er sie hielt – nicht spielerisch, nicht locker. Als hätte er Angst, sie loszulassen. Sein ruhiger Atem strich gegen ihren Hals. „Ich bin wirklich froh, dass du noch lebst", flüsterte Liam leise. Leyla antwortete zunächst nicht. Sie spürte sein Herz schlagen – schnell, unruhig, ehrlicher als jedes seiner Worte. Langsam hob sie schließlich den Blick zu ihm und lächelte. Nach einigen Sekunden löste Liam die Umarmung wieder und räusperte sich leicht. „Wir sollten jetzt die Höhle durchsuchen. Wer weiß, vielleicht finden wir etwas Nützliches." Leylas Augen begannen sofort wieder zu leuchten. „Vergiss nicht, dass ich noch die Varellen pflücken muss!" -------------------------------------------------------------------------- Leylas Blick wanderte langsam durch das Zimmer des Dracharen. Nachdem Liam die Treppe am Ende des Raumes hinabgestiegen war, um die Varellen aus der Grotte zu holen, war eine unangenehme Stille zurückgekehrt – nur das Donnern des Wasserfalls hallte dumpf durch die Höhle und erinnerte sie daran, dass die Welt draußen noch existierte. Der Raum selbst wirkte überraschend gewöhnlich. An der Wand stand ein einfaches Holzbett, ordentlich gemacht und beinahe sauber. Ein schwarzer Teppich bedeckte einen Teil des Steinbodens und verlieh dem Raum eine seltsame Wärme, die überhaupt nicht zu Maegnar passen wollte. In einer Ecke befand sich ein großer Schreibtisch, auf dem unzählige Stapel aus Pergamenten verteilt lagen. Neugierig trat Leyla näher und begann vorsichtig einige der Zettel durchzublättern. Doch schon nach wenigen Sekunden runzelte sie verwirrt die Stirn. Kein einziges Wort war darauf geschrieben – nicht einmal Zeichnungen. Nur leeres Pergament, Seite um Seite, als hätte jemand etwas festhalten wollen und nie gewusst, womit anfangen. Während sie weiter durch die Stapel blätterte, fiel ihr plötzlich etwas Dunkles zwischen den Zetteln auf. Ein schwarzes Buch lag halb verborgen unter mehreren Pergamenten, das Material seltsam kühl unter ihren Fingerspitzen – fast unangenehm, wie etwas, das keine Wärme annehmen wollte. Neugierig schlug Leyla es auf. Doch bereits nach wenigen Sekunden wich ihre Neugier sichtbarer Enttäuschung. „Ich kann das nicht lesen…" murmelte sie leise. Die Schrift darin wirkte vollkommen fremd – die Zeichen erinnerten sie an keine ihr bekannte Schrift, nicht einmal im Ansatz. Gerade wollte Leyla das Buch wieder schließen, als sie aus dem Augenwinkel ein leichtes Flackern bemerkte. Auf einem kleinen Nachttisch neben dem Bett stand eine einzelne Kerze, deren Flamme sich kaum bewegte. Sie hielt inne. „Ich habe dir übrigens zehn Varellen gepflückt!" Liams Stimme riss sie sofort aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah ihn die Treppe hinaufkommen, in der Hand mehrere kleine blau-violette Pflanzen, deren Blätter im schwachen Licht leicht schimmerten. Unwillkürlich lächelte Leyla. „Danke, Liam." „Und?" fragte er neugierig. „Hast du irgendetwas Interessantes gefunden?" Leyla hob das schwarze Buch leicht an. „Nur das hier. Kannst du lesen, was darin steht?" Liam tauschte die Varellen gegen das Buch und überflog einige Seiten. Schon nach kurzer Zeit schüttelte er langsam den Kopf. „Nein. Ich erkenne nicht einmal die Sprache." Sein Blick blieb kurz auf den seltsamen Schriftzeichen hängen. „Vielleicht finden wir in Malyl jemanden, der das entziffern kann." Leyla nickte leicht und folgte Liam schließlich zur Tür. Kaum hatten sie den Eingang erreicht, schnippte Liam beiläufig mit den Fingern – sofort schossen Flammen über den Schreibtisch, die Pergamente begannen augenblicklich zu brennen, und das Feuer fraß sich schnell durch den Raum. Innerhalb weniger Sekunden stieg dunkler Rauch zur Decke auf. „Kommst du?" rief Liam bereits von draußen. Leyla blieb jedoch noch einen Moment stehen. Schweigend beobachtete sie die Flammen, die sich in ihren Augen spiegelten, während die Hitze langsam den gesamten Raum verschlang. Irgendetwas daran fühlte sich endgültig an. Erst einige Sekunden später drehte sie sich um und ging nach draußen. Ihr Blick glitt kurz über den felsigen Boden – und dann entdeckte sie ihn. Der kleine ovale Stein lag zwischen Erde und Geröll, als hätte er geduldig auf sie gewartet. Leyla beugte sich hinab, nahm ihn auf und hielt ihn einen kurzen Moment in der Hand. Die Oberfläche war noch immer glatt und kühl, unbeeindruckt von allem, was um ihn herum geschehen war. Dann ließ sie ihn in ihrer Tasche verschwinden und folgte Liam. Doch ihre Gedanken ließen sie nicht los. Verwirrt blickte sie auf ihre Hände hinab und strich unwillkürlich über ihren Arm. Die Spinne hätte sie beinahe getötet, und die Narben davon trug sie noch immer. Aber diesmal – nichts. Kein Schmerz, keine Verletzung, keine Spur davon, dass etwas passiert war. Das ergab keinen Sinn. Während hinter ihr dunkle Rauchschwaden aus der Höhle aufstiegen und sich träge mit dem Nebel des Wasserfalls vermischten, wurde Leyla das Gefühl nicht los, dass sich etwas verändert hatte. Etwas, das sie nicht benennen konnte.

  • Kapitel 11 - Das Monster namens Maegnar

    Liam spürte, wie seine Kehle enger wurde. Der Name der Pflanze allein genügte. Alles in ihm schrie plötzlich danach, einfach zu verschwinden. Weg von Ramir, weg von dieser Region, weg von allem, was mit diesem Ort verbunden war. Er kannte dieses Dorf. Er war bereits hier gewesen. Und genau deshalb breitete sich nun dieses Gefühl in seiner Brust aus – schwer und kalt, wie etwas, das man lange vergraben hatte und das sich trotzdem noch bewegte. „Liam…?" Leylas Stimme war leiser geworden. Vorsichtiger. Sie musterte ihn aufmerksam und schien sofort zu bemerken, dass sich seine Stimmung schlagartig verändert hatte. „Du machst mir gerade wirklich Angst. Stimmt irgendetwas nicht?" Doch Liam antwortete nicht. Seine Gedanken rasten bereits weiter. Hatte man ihm eine Falle gestellt? War das wirklich Zufall? Oder wusste ,er’ inzwischen, dass Liam wieder in dieser Gegend unterwegs war? Die bloße Möglichkeit reichte aus, um alte Erinnerungen in ihm wachzurufen – Bilder, die er längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. „Antworte doch, Liam. Wenn du nicht…" „Von wem hast du diesen Auftrag?" Seine Stimme schnitt härter durch die Luft, als er es beabsichtigt hatte. Sofort zuckte Leyla leicht zusammen. Ihre Reaktion traf ihn direkt. Für einen kurzen Moment sah sie ihn tatsächlich verängstigt an. „Es… es ist kein Auftrag", stammelte sie hastig. „Das alte Ehepaar aus dem Kräuterladen hat nur darüber geredet, dass sie Varellen brauchen, und ich dachte mir einfach, dass ich ihnen helfen könnte…" Liam schwieg. Er betrachtete Leyla aufmerksam. Sie wirkte ehrlich verwirrt und inzwischen auch deutlich eingeschüchtert. Sie war einfach nur eine Frau, die jemandem hatte helfen wollen. Langsam atmete er tief durch. In seinem Inneren tobte noch immer ein Sturm aus Misstrauen und Erinnerungen, doch Leyla durfte davon nichts mitbekommen. Sie hatte nichts damit zu tun. Als er wieder sprach, klang seine Stimme kontrollierter. Ruhiger. „Wenn das kein richtiger Auftrag ist", sagte er schließlich, „dann sollten wir die Sache besser ignorieren." Doch Leyla ließ sich davon nicht überzeugen. Sie trat einen kleinen Schritt näher und sah ihn ernst an. „Warum? Ich würde ihnen wirklich gern helfen. Und wenn du mir keinen vernünftigen Grund nennst, warum wir das nicht tun sollten, gehe ich eben alleine." Liam schluckte. Mittlerweile kannte er Leyla gut genug, um zu wissen, dass sie das ernst meinte. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich kaum davon abbringen. Und der Gedanke, sie alleine dorthin gehen zu lassen, war vollkommen ausgeschlossen. Mehrere Sekunden lang herrschte Stille. Der Wind rauschte leise durch die Baumwipfel, während Liam schweigend auf den Boden blickte. Dann stieß er langsam die Luft aus. „Nun gut", murmelte er schließlich. „Dann gehen wir eben zu den Varellen." Sofort hellte sich Leylas Gesicht auf. „Die wachsen allerdings nur an einem einzigen Ort im gesamten Kaiserreich", fuhr Liam fort. „In einer unterirdischen Grotte." Leylas Augen begannen zu leuchten. „Danke, Liam!" Schon wollte sie aufspringen, doch Liam hob eine Hand und hielt sie zurück. Verwirrt blickte Leyla zu ihm. Er sah sie einige Sekunden schweigend an – und plötzlich traf ihn ein Gedanke, den er versucht hatte, zu ignorieren. ,,Sie sieht ihr wirklich ähnlich…’’ Für einen kurzen Moment zog sich etwas schmerzhaft in seiner Brust zusammen. Dann verdrängte er den Gedanken. Liam richtete sich langsam auf. Die lockere Haltung war verschwunden. Selbst sein Blick wirkte plötzlich schwerer, als hätte er an Gewicht gewonnen. „Bevor wir losgehen", sagte er ruhig, „muss ich dir etwas über ein Monster erzählen." Eine kurze Pause. Er versuchte zu lächeln, doch merkte, dass es nicht ganz klappte. „Es trägt den Namen Maegnar." -------------------------------------------------------------------------- Drei Jahre bevor Liam auf Leyla stieß. Liam betrachtete schweigend das große Ölgemälde an der Wand, während unter seinen Stiefeln leise der alte Holzboden knarrte. Der Raum war nur spärlich beleuchtet – einige wenige Kerzen warfen flackerndes Licht über die dunklen Wände und ließen lange Schatten durch das Arbeitszimmer wandern. In der Luft hing der schwere Geruch von Staub, altem Holz und verbranntem Wachs. Das Gemälde selbst wirkte beinahe fehl am Platz. Zu gewaltig. Zu lebendig. Ein Drache mit tiefroten Schuppen spannte dort seine Schwingen auf und kämpfte gegen einen gehörnten Mann in langen gelben Gewändern. Im Hintergrund zuckten Blitze durch schwarze, wirbelnde Sturmwolken und tauchten die Szene in kaltes, flackerndes Licht. Die Farben waren so intensiv gemalt, dass Liam fast glaubte, das Donnern des Himmels hören zu können, wenn er das Bild nur lange genug ansah. Sein Blick glitt langsam über die Details. Die Krallen des Drachen. Die zerschmetterten Felsen. Die goldenen Muster auf den Gewändern des gehörnten Mannes. „Ich frage mich, ob dieser Kampf wirklich stattgefunden hat", murmelte Liam leise, „oder ob das einfach nur die Fantasie irgendeines Künstlers war." „Was guckst du wieder so grimmig, Lee?" Emilys Stimme riss ihn sofort aus seinen Gedanken. Liam drehte sich leicht um und blickte zu ihr hinüber. Die junge Menschenfrau grinste ihn frech an. Ihre langen grünen Haare fielen locker über die Schultern, und ihre leuchtend blauen Augen erinnerten Liam jedes Mal aufs Neue an geschliffene Saphire. Erst vor wenigen Wochen war sie zwanzig geworden, doch sie bewegte sich bereits mit der Selbstsicherheit einer erfahrenen Söldnerin. Emily hatte bereits zahlreiche Aufträge gemeinsam mit Liam und ihrem Bruder Mile abgeschlossen. Anfangs hatte Liam sie noch für übermütig gehalten, doch inzwischen wusste er, dass deutlich mehr hinter ihrem ständigen Grinsen steckte. Außerdem genoss er ihre Nähe mehr, als er eigentlich zugeben wollte. „Ich gucke nicht grimmig", erwiderte Liam mit einem leichten Seufzen. „Ich denke nur nach." Er nickte in Richtung des Gemäldes. „Wer glaubst du, ist der Typ dort?" Emily legte den Kopf leicht schief. „Hm … vielleicht ein Gott?" Dabei schnippte sie spielerisch eine Silbermünze in die Luft, fing sie wieder auf und beobachtete Liam grinsend. Sofort verzog dieser das Gesicht. „Unsinn", sagte er trocken. „Götter gehören der Vergangenheit an." Unwillkürlich musste er an seine Zeit in Rubendy denken. Zwar hatte er dort nur ein einziges Semester Mythologie studiert, doch selbst das hatte gereicht, um zu verstehen, wie alt die meisten Geschichten über Götter und Erzwesen tatsächlich waren. Weder Kamera noch die Erzengel oder Erzdämonen gehörten wirklich in das dreizehnte Jahrhundert. Die letzten bestätigten Berichte über ihr Auftreten stammten noch aus dem Großen Krieg. Emily zuckte leicht mit den Schultern. In ihren Augen lag plötzlich etwas Nachdenkliches, das Liam nur schwer einordnen konnte. „Ich glaube trotzdem, dass es sie noch gibt", sagte sie ruhig. „Götter verschwinden nicht einfach grundlos." Dann grinste sie wieder herausfordernd und warf die Münze erneut hoch. Liam schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn sie noch existieren würden, müsste man ihre Präsenz spüren können. Aber weder in Engelstempeln noch in alten Wäldern findet man echte Spuren von ihnen. Kein Erzengel antwortet auf Gebete. Kein Erzdämon erhört dein Flehen." „Ich würde Yang als das bezeichnen, was einer Göttin am nächsten kommt." Die ruhige Stimme kam von hinten. Liam wandte den Blick zum Fenster. Dort stand Mile, der bisher geschwiegen hatte und hinaus auf die Straßen blickte. Das fahle Licht von draußen fiel auf sein Gesicht und ließ seine ohnehin ernste Ausstrahlung noch schwerer wirken. „Und wenn es Yang gibt", fuhr Mile fort, „dann existieren vielleicht auch noch andere Wesen, die man als Götter bezeichnen könnte." Liam schnaubte leise. „Yang ist das Absolut. Es gibt nichts, womit man sie vergleichen könnte." Kaum hatte er ausgesprochen, öffnete sich plötzlich die Tür. Das Gespräch verstummte augenblicklich. Ein junger Mann trat in den Raum – schwarze Haare, edle Kleidung und eine Haltung, die noch ungewohnt steif wirkte, als hätte jemand die Würde eines Herrschers in einen Körper gegossen, der noch nicht ganz wusste, wie er damit umgehen sollte. Liam erkannte ihn sofort. Der frisch ernannte Herzog. Noch einmal glitt sein Blick kurz zu dem gewaltigen Gemälde – zu dem gehörnten Mann, den gelben Gewändern, den Blitzen im Hintergrund. Dann verdrängte er den Gedanken und wandte sich dem eigentlichen Auftrag zu. -------------------------------------------------------------------------- Ein Jahr und vier Tage bevor Liam auf Leyla stieß. Liams Brust hob und senkte sich in hektischen, unkontrollierten Atemzügen. Seine Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, sie stillzuhalten. Trotzdem versuchte er verzweifelt, die Tränen zurückzudrängen, die ihm unaufhaltsam über die Wangen liefen. Vor ihm lag Emily. Reglos. Still. Auf den ersten Blick hätte man beinahe glauben können, sie würde schlafen. Ihr Gesicht wirkte friedlich, fast unberührt vom Chaos um sie herum. Genau das machte den Anblick jedoch unerträglich. Denn Liam wusste, dass sie niemals wieder die Augen öffnen würde. Der Wind heulte durch die Bäume und ließ die Äste über ihnen knarren. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel und tauchten den Wald in kaltes, graues Licht. Das Rascheln der Blätter klang beinahe wie flüsternde Stimmen, die sich zwischen den Stämmen verloren. Liam kniete neben Emilys Körper und starrte sie an, als könnte allein sein Blick sie zurückholen. Mit bebender Stimme brachte Liam schließlich Worte hervor. „Wer…" Seine Kehle fühlte sich trocken an. „Wer war das?" Langsam drehte er den Kopf zu den beiden Söldnern hinter ihm. „Warum habt ihr sie nicht beschützt?" Die Männer wagten es nicht, ihm direkt in die Augen zu sehen. Selbst sie wirkten gebrochen. Himmer, ein schmächtiger Mann mit langen schwarzen Haaren, sprach schließlich zuerst. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Wir sollten eine Gruppe Räuber erledigen", begann er stockend. „Sie haben mehrere Dörfer in der Gegend überfallen." Er schluckte schwer und ballte unbewusst die Hände zu Fäusten. „Als wir ihren Unterschlupf erreicht haben… bei den Wasserfällen nahe Ramir… dort, wo die Varellen in der Grotte wachsen…" Seine Stimme zitterte stärker. „…waren die Räuber bereits tot." Liam schwieg. Irgendetwas in Himmers Tonfall ließ bereits ein unangenehmes Gefühl in ihm aufsteigen – eine Vorahnung, die er noch nicht benennen konnte, aber die sich in seinen Magen grub wie ein kalter Finger. „Und dann war da…" Himmer brach mitten im Satz ab. Seine Augen wirkten leer, als würde allein die Erinnerung ihn zurück an diesen Ort reißen – an etwas, das er nie wieder sehen wollte. „… Maegnar." Der Name hing schwer zwischen den Bäumen. Selbst der Wind schien für einen Moment leiser zu werden. „Er hat uns sofort angegriffen", fuhr Himmer mit brüchiger Stimme fort. „Wir haben versucht wegzulaufen, aber…" Weiter sprach er nicht. Liam hörte die Angst in seiner Stimme. Nicht gewöhnliche Angst – purer Horror, der tiefer saß als Vernunft und tiefer als Mut. Und plötzlich begann sich in Liam etwas zusammenzuziehen. Wut. Dunkel. Brennend. „Maegnar…" wiederholte Liam langsam. Allein der Name fühlte sich falsch an. Schwer. Wie etwas, das besser niemals ausgesprochen werden sollte. „Wer ist Maegnar?" Nun trat der zweite Söldner langsam vor. Ein massiger Halbriese mit kurzem blondem Haar und kalten braunen Augen. Doch trotz seiner Größe wirkte selbst er wie ein verängstigtes Tier – als hätte jemand ihm jede Sicherheit aus dem Körper gerissen und nichts als leere Hülle zurückgelassen. „M-Maegnar…" stotterte er. „D-Das ist der Seelenfresser." Liam erstarrte kurz. Diesen Titel kannte er. Ein Drachar. Ein Monster, das die Seelen seiner Opfer verschlang – Geschichten zufolge genügte eine einzige Berührung, damit seine Ziele augenblicklich starben. Und trotzdem ließ das Kaiserreich ihn frei umherziehen. Es gab Gerüchte über einen Prinzen, der Gefallen an Maegnar gefunden hatte. Einen Wahnsinnigen, der das Monster wie ein Spielzeug behandelte. Liam blickte erneut zu Emily hinunter. Dann sah er langsam wieder zu den beiden Männern. Himmer zitterte noch immer sichtbar. „Dann lasst uns ihn töten", sagte Liam leise. Sofort zuckten beide Männer zusammen. „N-Nein!" stammelte der Halbriese panisch. „I-Ich gehe da nicht nochmal hin!" Himmer sagte überhaupt nichts mehr. Der blanke Horror stand ihm ins Gesicht geschrieben. Liam fluchte leise. Die Wut in ihm begann inzwischen alles andere zu verschlingen. Schmerz. Vernunft. Angst. Alles, was übrig blieb, war das dumpfe, brennende Bedürfnis, sich zu bewegen. Mit einer abrupten Bewegung sprang er auf und drehte sich um. Ohne ein weiteres Wort lief er zu Ruven. Das schwarze Pferd schnaubte nervös, als Liam sich in den Sattel zog. Seine Hände umklammerten die Zügel so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. In diesem Moment wünschte er sich verzweifelt, Mile wäre hier. Doch Mile befand sich auf einem Auftrag in Karintes. Also war Liam allein. Er trieb Ruven nach vorne und jagte zwischen den Bäumen hindurch, während der Wind an seinem Mantel riss und die Äste über ihm rauschten. Immer wieder hallte derselbe Gedanke durch seinen Kopf, unerbittlich wie ein Herzschlag. „Emily darf nicht umsonst gestorben sein." -------------------------------------------------------------------------- Ein Jahr bevor Liam auf Leyla stieß. „Du bist ein Monster!“ Liams Stimme bebte vor Wut, als er die Worte über die Lichtung schleuderte. Sein Schrei durchschnitt die kalte Nachtluft und hallte zwischen den Bäumen wider – doch Maegnar reagierte kaum darauf. Der Drachar stand regungslos zwischen den Leichen und betrachtete die Szenerie mit einer Ruhe, die schlimmer war als jede Bedrohung. Innerhalb weniger Minuten hatte er sämtliche Söldner getötet, die Liam auf dem Weg hierher begleitet hatten. Es hatte nicht einmal wie ein richtiger Kampf gewirkt. Nur eine Berührung. Mehr hatte Maegnar nicht gebraucht. Seine Hand hatte kurz die Brust seiner Opfer gestreift – und im nächsten Augenblick waren sie zusammengesackt wie Puppen, denen man die Fäden durchtrennt hatte. Keine sichtbaren Wunden. Kein Blut. Nur diese leeren Gesichter, aus denen jedes Leben verschwunden war, als hätte jemand etwas Unsichtbares und Unersetzliches einfach herausgezogen. So wie bei Emily. Das fahle Mondlicht fiel durch die Baumkronen und spiegelte sich auf Maegnars schuppiger Haut. Die dunklen Schuppen wirkten beinahe metallisch, als wären sie aus schwarzem Stahl geformt worden. Seine tiefschwarzen Augen ruhten vollkommen emotionslos auf Liam. Dann begann Maegnar langsam zu grinsen. Nicht wie ein Drachar. Nicht natürlich. Es wirkte eher wie ein verzerrtes Zerren seiner Gesichtszüge – als hätte jemand das Konzept eines Lächelns gesehen und es falsch nachgebaut. Allein seine Anwesenheit ließ die Luft schwer werden. Selbst sein ruhiger Atem schien etwas Krankes an sich zu haben, als würde die Welt um ihn herum instinktiv verstehen, dass dieses Wesen nicht existieren sollte. „Ein Mooonster?" Seine Stimme war tief und gedehnt, beinahe singend. „So hat mich noch niiiemand genannt." Keine Wut lag darin. Keine Belustigung. Nicht einmal echtes Interesse. Nur diese leere, kalte Gleichgültigkeit. Liam ballte die Fäuste so fest, dass seine Fingernägel sich schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Sein ganzer Körper bebte unter der Mischung aus Angst, Zorn und Verzweiflung. Und plötzlich sah er Emilys Gesicht vor sich. Ihr Grinsen. Ihre Stimme. Die Art, wie sie ihn vermutlich angeschrien hätte, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Sie hätte gewollt, dass er weglief. Dass er überlebte. Emily hätte niemals zugelassen, dass er sich sinnlos für sie opferte. Doch allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Jeder Schritt weg von Maegnar würde bedeuten, Emily ungerächt zurückzulassen. Es fühlte sich feige an. Schwach. Trotzdem wusste Liam tief in seinem Inneren bereits die Wahrheit. Er konnte nicht gewinnen. Nicht gegen dieses Monster. „Scheiße…" fluchte er heiser. Fast augenblicklich schleuderte er eine Lichtkugel nach vorne. Das Geschoss raste durch die Dunkelheit und explodierte direkt vor Maegnar in einem grellen Blitz aus weiß-goldenem Licht. Für einen einzigen Moment wurde die gesamte Lichtung erhellt. Die Bäume. Die Leichen. Das Blut auf dem Boden. Und Maegnars Gestalt, die regungslos mitten im Licht stand – ohne zu blinzeln, ohne zurückzuweichen, als wäre das Licht nicht der Rede wert. Dann drehte Liam sich um und rannte. Sofort. Ohne nachzudenken. Er stolperte über einen der leblosen Körper am Boden und knickte schmerzhaft um. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Knöchel, doch Liam ignorierte ihn vollkommen. Sein Körper bewegte sich längst nur noch aus purem Instinkt. Die Luft fühlte sich schwer an wie Blei. Jeder Atemzug brannte in seiner Brust, sein Herz raste so heftig, dass ihm beinahe übel wurde. Trotzdem zwang er sich weiter. Immer weiter. Kurz bevor er die ersten Bäume erreichte, blickte Liam noch einmal zurück. Maegnar stand noch immer auf der Lichtung und lachte. Langsam hob der Drachar eine Hand und winkte ihm beinahe verspielt hinterher – eine kleine, fast beiläufige Geste, die sich tiefer in Liams Erinnerung einbrannte als alles andere in dieser Nacht. Dann verschlang der Wald ihn. Die dunklen Baumstämme zogen an ihm vorbei wie schwarze Schatten. Äste rissen an seiner Kleidung, Zweige zerkratzten seine Haut, und der unebene Boden brachte ihn mehrmals beinahe zu Fall. Doch Liam hörte nicht auf zu laufen. Nicht eine Sekunde. Und mit jedem einzelnen Schritt begann sich der blanke Horror in seinem Inneren langsam zu verändern. Er verschwand nicht. Er wurde zu etwas anderem. Zu Schuld. -------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte Liam schweigend zugehört. Je länger er sprach, desto mehr verschwand ihre anfängliche Neugier und machte einem schweren Gefühl des Bedauerns Platz. Sie konnte sich Emily inzwischen erstaunlich gut vorstellen. Das freche Grinsen, von dem Liam gesprochen hatte. Ihre Sturheit. Die Art, wie sie ihn wahrscheinlich ständig herausgefordert hatte. Und vor allem erkannte Leyla etwas Vertrautes darin. Etwas von sich selbst. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Liam sie manchmal auf diese seltsame Weise ansah. Der Gedanke ließ ein unangenehmes Ziehen in ihrer Brust zurück. Emily tat ihr leid. Doch noch stärker fiel ihr etwas anderes auf. Die Angst. Liam versuchte sie zu verstecken, doch sobald der Name Maegnar fiel, veränderte sich seine Stimme beinahe unmerklich. Die lockere Art bekam Risse. Allein die Erinnerung an dieses Monster schien etwas in ihm auszulösen, das er kaum kontrollieren konnte. Und genau das machte Leyla traurig. Schon immer hatte sie den Drang verspürt, jedem zu helfen, wenn sie Leid sah. Selbst in ihrer alten Welt war sie nie besonders gut darin gewesen, einfach wegzusehen. Jetzt war es nicht anders. Sie trat langsam näher zu ihm. „Lass uns Emily ihren Frieden schenken." Einen Moment lang schwieg sie. „Ich weiß nicht, wie wir Maegnar besiegen sollen", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber wir finden einen Weg." Liam sah sie an. In seinem Blick lag etwas Dankbares, doch gleichzeitig zögerte er noch immer – als würde ein Teil von ihm bereits überzeugt sein, während ein anderer sich weiterhin verzweifelt dagegen sträubte. Leyla bemerkte es sofort. Ohne weiter darüber nachzudenken, trat sie einen Schritt näher und zog ihn vorsichtig in eine Umarmung. Liam versteifte sich zunächst leicht vor Überraschung. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann ließ er es zu. Leyla spürte seinen Herzschlag gegen ihre Brust – unruhig, rastlos, als würde in ihm noch immer ein Sturm toben, den er seit einem Jahr mit sich herumschleppte. Langsam jedoch begann sich sein Atem zu beruhigen. Sein Herz schlug gleichmäßiger. Und für einige Sekunden standen sie einfach nur schweigend zwischen den Bäumen, während der Wind leise durch die Lichtung strich. Schließlich löste Leyla sich wieder von ihm und sah ihm direkt in die Augen. Sie wollte, dass er verstand, dass sie es ernst meinte. „Wir werden Emily rächen", sagte sie ruhig, aber mit fester Stimme. „Wir werden Maegnar töten. Und danach sammeln wir die Varellen." Liam hielt ihrem Blick stand. Die Unsicherheit war noch nicht vollständig verschwunden, doch langsam begann sich etwas in seiner Haltung zu verändern. Die Angst wich Stück für Stück zurück und machte Platz für etwas anderes – eine dunkle, brennende Entschlossenheit, die tiefer saß als Wut und beständiger war als Schmerz. Schließlich atmete Liam tief durch. „Du hast recht", murmelte er. „Lass uns diesen Bastard ein für alle Mal erledigen." Mit einer schnellen Bewegung sprang er auf und streckte sich, als wollte er die Schwere der Erinnerungen einfach abschütteln. Kurz darauf erschien wieder dieses typische Grinsen auf seinem Gesicht. „Vielleicht kann ich dich dabei als Köder benutzen", meinte er trocken. „Was hältst du davon?" Leyla runzelte die Stirn. Trotzdem konnte sie ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. „Du bist wirklich unmöglich." Liam grinste noch einen Moment weiter – doch dann hielt er plötzlich inne und drehte sich noch einmal vollständig zu ihr um. Diesmal lag keine Ironie in seinem Gesicht. Keine Provokation. Nur unverstellte Ehrlichkeit. „Danke, Leyla", sagte er leise.

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