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  • Kapitel 55 - Ein Garten der Freiheit

    Leyla warf einen prüfenden Blick in den Spiegel. Die lockere Kleidung, die sie gewählt hatte, saß perfekt. Eine schlichte schwarze Hose, die ihre schlanke Figur betonte, und eine dunkelblaue Jacke, die ihr einen Hauch von Eleganz verlieh, bildeten das Ensemble. Sie strich sich unwillkürlich eine Strähne aus dem Gesicht und nickte zufrieden. Für diesen besonderen Tag fühlte sie sich angemessen gekleidet. Heute war es soweit: Der Bekannte des Prinzen würde kommen, und die Ungewissheit darüber, was sie erwartete, ließ ihr Herz schneller schlagen. War es jemand, dem sie vertrauen konnte, oder würde sie sich erneut einer feindseligen Präsenz gegenübersehen? Ein Funken Hoffnung keimte in ihr auf. Vielleicht war es jemand Nettes, jemand, von dem sie nichts zu befürchten hatte. Diesen Gedanken hielt sie fest, während sie in ihrem Zimmer auf und ab ging. Ihre Nervosität wurde immer größer, doch dann erinnerte sie sich an die Worte des Prinzen: ,,Wenn du etwas brauchst oder dir etwas fehlt, dann sag es Filia.’’ Die letzten Tage hatten sich zäh gezogen, und die Langeweile hatte sich wie eine unsichtbare, aber schwere Last auf sie gelegt. Das Lesen hatte sie für eine Weile abgelenkt, aber das Verlangen nach etwas anderem, etwas Kreativem, wuchs immer weiter. ,,Eine Leinwand und Farben’’, murmelte sie leise, während sie ihre Schritte verlangsamte. Die Vorstellung, wieder malen und zeichnen zu können, erfüllte sie mit einer vermissten Freude. Bilder formten sich in ihrem Kopf: Motive, die sie schon lange hatte umsetzen wollen, Szenen, die sie festhalten wollte. Sie würde bei der nächsten Gelegenheit Filia darum bitten. Ein plötzlicher Klang durchbrach ihre Gedanken. Ein Klopfen. Leyla blieb stehen, ihr Herz schlug wieder schneller. Sie drehte sich zur Tür, ihre Augen voller Erwartung. ,,Herein’’, rief sie, ihre Stimme glücklicherweise fester, als sie sich fühlte. Langsam öffnete sich die Tür, und ein Lichtstrahl fiel in den Raum, bevor der Besucher eintrat. - ------------------------------------------------------------------------- Ein älterer Mann trat in das Zimmer. Sein langer grüner Umhang wirkte trotz seiner Schlichtheit edel, und darunter schimmerte ein weißes Gewand hervor, das von einer blauen Schärpe gehalten wurde. Seine langen weißen Haare fielen glatt über seine Schultern, und auf seinem Gesicht lag ein warmes, freundliches Lächeln. Doch das Auffälligste waren die beiden braunen Hörner, die sich von seinem Kopf erhoben. Leyla spürte, wie ihre Augen an diesen Hörnern hängen blieben. Sie hatte in ihrem ganzen Leben erst einmal eine Oni gesehen, und sie fühlte die Faszination, die von dieser seltenen Erscheinung ausging.  Schnell fing sie sich jedoch wieder und verbeugte sich mit respektvoller Haltung. ,,Freut mich Euch kennenzulernen, ich bin Leyla, der Kronprinz hat mir von Eurem Erscheinen berichtet.’’ Der Mann lachte, ein Klang, der den Raum erfüllte und jede Anspannung aufzulösen schien. Es war ein Lachen, das aufrichtig und beruhigend wirkte. ,,Freut mich, Leyla. Ich bin Yaga. Du kannst ganz entspannt mit mir reden. Ich bin weder ein Adliger noch jemand, dem man Respekt entgegenbringen muss.’’  Mit diesen Worten streckte er Leyla seine Hand entgegen, während sein Blick den Raum ruhig musterte. Leyla zögerte kurz, doch dann ergriff sie seine Hand und erwiderte sein Lächeln. In diesem Moment fühlte sie, wie ein Teil ihrer Anspannung von ihr abfiel. ,,Er scheint sehr nett zu sein’’ , dachte sie erleichtert. Yaga begann sogleich in einem sachlichen, aber freundlichen Ton zu sprechen: ,,Eugenius hat mich darum gebeten, deine Magie zu untersuchen und dir, wenn nötig, zu helfen, sie zu kontrollieren. Was hältst du davon, wenn wir uns einen Ort suchen, an dem du mir zeigen kannst, was es mit deinen Fähigkeiten auf sich hat?’’ Leyla zog die Augenbrauen zusammen, ihre Stimme etwas zurückhaltender: ,,Ich darf mein Zimmer eigentlich nicht verlassen, das wird also nicht gehen.’’ Der Mann hielt für einen Moment inne, ein nachdenklicher Ausdruck trat auf sein Gesicht. Dann drehte er sich gelassen um und sagte mit fester Stimme: ,,Komm einfach mit, das geht schon in Ordnung.’’ Ohne auf eine Antwort zu warten, verließ er den Raum. Leyla zögerte, ihre Gedanken wirbelten durcheinander. ,,Wer ist dieser Mann? Er ist kein Adliger und möchte keinen Respekt, aber für ihn ändert der Prinz seinen Befehl?’’ Schließlich folgte sie ihm, ihre Neugier überwog ihre Unsicherheit. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla folgte Yaga schweigend durch die langen Gänge des Palastes. Es war das zweite Mal, dass sie ihr Zimmer verlassen durfte, und sie nutzte die Gelegenheit, ihre Umgebung so aufmerksam wie möglich zu betrachten.  Ihre Augen glitten über die hohen, kunstvoll verzierten Decken und die eleganten Bögen, die die Gänge säumten. Sie nahm jedes Detail der goldenen Muster und der farbigen Glasfenster in sich auf. Je länger sie gingen, desto mehr versuchte sie, sich einen Plan von den verwinkelten Wegen und zahlreichen Türen zu merken. Schließlich traten sie aus dem inneren Palast heraus in einen großen Garten, der Leyla den Atem raubte. Die Luft war erfüllt vom Duft blühender Blumen, ein zarter Hauch von Jasmin und Flieder mischte sich mit dem erdigen Geruch des frisch gepflegten Rasens.  Der Garten war ein Kunstwerk für sich, mit symmetrisch angelegten Blumenbeeten in allen erdenklichen Farben. Kleine Hecken, perfekt geschnitten und wie grüne Mauern arrangiert, umrahmten die Beete, während dazwischen schmale Kieswege verliefen, die unter ihren Schritten leicht knirschten. Brunnen aus weißem Stein, deren Wasser leise plätscherte, und verzierte Gartenhäuschen fügten der Szenerie eine sanfte Eleganz hinzu. Leyla holte tief Luft und ließ ihren Blick über die Umgebung schweifen. Der weiße Palast, der sich hinter ihr erhob, war majestätisch, seine strahlenden, fast blendenden Mauern bildeten einen Kontrast zum sanften frühlingshaften Grün des Gartens.  Vögel flogen in kleinen Schwärmen über sie hinweg, ihr Zwitschern vermischte sich mit dem Rauschen des Windes, der durch die Baumkronen strich. Es fühlte sich gut an, wieder draußen zu sein, auch wenn die Freiheit nur von kurzer Dauer sein würde. ,,Hat das Tattoo an deinem Finger mit deiner Magie zu tun?’’ fragte Yaga plötzlich. Seine Stimme durchbrach die friedliche Ruhe, und Leyla sah zu ihm. Er war stehen geblieben und hatte sich mit einem freundlichen Lächeln zu ihr umgedreht. Leyla zögerte. Ihre Augen wanderten kurz zu ihrem Finger, wo das feine, schwarze Muster ihres Tattoos glänzte. ,,Ja, das stimmt’’, antwortete sie schließlich. ,,Ich habe dieses Tattoo schon immer gehabt, doch erst vor kurzem ist die Magie in mir erwacht.’’ ,,Ich verstehe…’’ Yaga nickte langsam, seine Augen wirkten für einen Moment nachdenklich. Doch ohne weiter nachzuhaken, drehte er sich um und ging mit gleichmäßigen Schritten weiter durch den Garten. Nach einer Weile erreichten sie einen sandigen Trainingsplatz, der von den hohen weißen Mauern des Palastes umgeben war. Der Platz war weitläufig und mit rotbraunem Sand bedeckt, der in der Mittagssonne funkelte. Leyla konnte die Wärme des Sandes spüren, der die Hitze speicherte und abstrahlte. Der Boden war fest getreten. Am Rand des Platzes standen einige Übungspuppen, aus Holz geschnitzt und von jahrelangem Gebrauch bereits abgenutzt. Ein kleiner Brunnen in einer Ecke des Platzes war von niedrigen, blühenden Sträuchern umgeben. Die hohen Mauern ragten bedrohlich um sie herum auf und schnitten den Blick auf die Kaiserstadt ab. Sie gaben dem Platz ein Gefühl der Isolation, fast wie ein weiteres Gefängnis. Doch in der Mitte des Platzes schien die Mittagssonne die Dunkelheit zu vertreiben, ihre Wärme durchbrach den beklemmenden Eindruck. Yaga drehte sich zu Leyla um und trat ein paar Schritte auf sie zu. Mit einer geschmeidigen Bewegung zog er einen Schlüssel aus einer Tasche und öffnete die Armreife, die Leylas magische Kräfte unterdrückt hatten. Die Reife fielen mit einem leisen Klirren zu Boden. Leyla spürte sofort, wie die magische Energie wieder in ihr erwachte, wie ein warmer Strom, der durch ihre Adern floss. ,,Dann zeig mir mal, was du drauf hast’’, sagte Yaga mit gelassener Stimme, seine Augen glitzerten leicht amüsiert. ,,Du kannst dich gerne verausgaben, wenn es gefährlich wird, werde ich eingreifen.’’ Yagas Gesichtsausdruck war weiterhin freundlich und entspannt, was Leyla ein mulmiges Gefühl bereitete. ,,Wenn er wüsste, was meine Magie in den Bergen angerichtet hat, dann würde er das nicht sagen’’ , dachte sie, während sie sich langsam in die Mitte des Platzes begab. Leyla ließ ihre Augen durch die Umgebung schweifen, nahm jede Einzelheit in sich auf. Sie atmete tief durch, streckte die Arme aus und ließ ihre Finger knacken. Die Sonne wärmte ihre Haut, und für einen Moment spürte sie, wie sich das Gefühl von Freiheit in ihr breit machte.

  • Kapitel 46 - Aufbäumen

    Einen Augenblick standen sie einfach nur da, wie eingefroren. Leyla spürte, wie ihre Wut erneut in ihr aufkochte, wie Lava, die kurz davor war, aus einem Vulkan auszubrechen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, die Fingernägel gruben sich in ihre Handflächen, doch der Schmerz war nebensächlich. Alles, was sie fühlte, war ein brennender Hass, der sich auf die Frau vor ihr richtete. Bournadette Lacroix. Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin stand mit einem überheblichen Lächeln vor ihr, als würde sie das Chaos um sie herum nicht im Geringsten beeindrucken. Ihr rotes Gewand war makellos, ohne einen einzigen Kratzer oder einen Hauch von Staub, als hätte sie den Einsturz des Tempels nicht nur überlebt, sondern wäre davon unberührt geblieben. Ihre Augen musterten Leyla abschätzend, fast wie ein Jäger, der seine Beute taxiert. Leylas Atem ging schwer, während ihr Blick für einen Moment auf ihren Händen verweilte. Die braunen Linien auf ihrem Finger erinnerten sie an den Stein – den seltsamen, kraftvollen Stein, den sie berührt hatte. ,,Hat der Stein mir diese Macht geschenkt? Was hat es damit auf sich?’’  Doch die Gedanken waren wie ein flüchtiger Schatten. Leylas Wut fraß sie auf, ließ ihr keinen Raum für Zweifel oder Überlegung. ,,Egal’’ , dachte sie. Alles, was zählte, war die Frau vor ihr. Die Frau, die für alles, was passiert war, verantwortlich sein musste. Mit einem lauten Schrei sprang sie vor, ihr Körper war eine einzige Bewegung aus Zorn und Entschlossenheit. Der Kampf begann. -------------------------------------------------------------------------- Leyla schoss mit einem wütenden Schrei auf Bournadette zu, ihr Schwert blitzte im Licht des Kraters. Sie führte einen kraftvollen Schlag aus, doch Bournadette bewegte sich mit einer mühelosen Eleganz. Mit einem schnellen Aufblitzen ihrer Dolche parierte sie Leylas Angriff und setzte im selben Atemzug einen Schlag mit dem Knauf ihres Dolches direkt in Leylas Bauch. Der Schmerz war scharf und lähmend, doch anstatt sie zurückzuweichen zu lassen, trieb er Leyla nur noch weiter an. Ein wilder Sturm aus Hieben und Stichen prasselte auf Bournadette ein, Leylas Bewegungen wurden schneller, unkontrollierter. Doch nichts schien die Kopfgeldjägerin zu treffen. Jeder Schlag, den sie nicht abwehrte, schien auf unerklärliche Weise ins Leere zu gehen, als ob ihr Körper von einer unsichtbaren Kraft geleitet wurde. ,,Was ist das für eine Fähigkeit? ’’ fragte Leyla sich, während ihr Atem schneller ging und ihre Bewegungen schwerer wurden.  ,,Wenn ich sie nicht treffen kann verliere ich…’’ Bournadette hingegen blieb ruhig, fast spöttisch. In größeren Abständen setzte sie gezielte Gegenangriffe – ein Tritt, ein Knaufschlag, sogar eine Kopfnuss. Doch keiner dieser Angriffe war wirklich gefährlich. Sie verletzte Leyla nicht ernsthaft, sondern schien mit ihr zu spielen, als ob sie sie testen wollte. Das Gefühl, nicht ernst genommen zu werden, machte Leyla wütender und wütender. Sie biss die Zähne zusammen und sprang einige Meter zurück, ihre Brust hob und senkte sich schnell, während sie schwer atmete. ,,Wenn ich diesen Krater erschaffen habe, dann müsste meine Erdmagie ja stärker sein…’’ dachte Leyla, während sie ihre Hand hob. Sie sammelte ihre Kraft, fokussierte ihr Mana und wollte einen Steinsplitter aus ihrer Handfläche auf Bournadette schießen. Doch etwas war anders. Sie konnte fühlen, wie das Mana in ihre Hand floss, doch anstatt eines kleinen Projektils formte sich ein massiver Steinspeer. Leylas Augen weiteten sich, als der Speer immer größer wurde, bis sie ihn schließlich mit aller Kraft abschoss. Der Rückstoß war so heftig, dass sie rückwärts geschleudert wurde und hart auf dem Boden aufprallte. Der Steinspeer raste mit ohrenbetäubender Geschwindigkeit auf Bournadette zu, doch diese wich ohne Probleme aus. Das Projektil schlug mit einem lauten Knall in die Trümmer am Rande des Kraters ein. —WUMM— Ein donnernder Knall erfüllte die Luft, gefolgt von einem massiven Luftstoß, der den Boden unter Leyla erzittern ließ. Steinbrocken, Holzstücke und Staub wurden in alle Richtungen geschleudert und regneten als tödliche Geschosse auf den Boden herab. Leyla knirschte mit den Zähnen. ,,Scheiße, ich kann die Kraft nicht kontrollieren…’’ fluchte sie, während sie sich keuchend aufrappelte. Bournadette lachte spöttisch. ,,Ich weiß nicht, woher du auf einmal so eine riesige magische Kraft hast, aber solange du damit nicht umgehen kannst, wirst du mich nicht treffen können.’’  Ihr Lächeln war kalt, arrogant, und in ihren Augen funkelte eine Mischung aus Neugier und Amüsement. Für sie war Leyla kein Gegner, sondern ein Spielzeug – ein Spielzeug mit zu viel Kraft und zu wenig Kontrolle. -------------------------------------------------------------------------- ,,Was ist das für eine Technik? Wieso treffen meine Angriffe dich nicht?’’ rief Leyla atemlos. Der Schmerz und die Anstrengung zogen an ihrem Körper, aber sie zwang sich, aufrecht zu bleiben. Wenn Bournadette sie weiterhin nur testete, sollte sie diese Gelegenheit nutzen, um sich etwas zu erholen – und eine Strategie zu finden. ,,Wer weiß?’’ erwiderte Bournadette mit einem schmalen Grinsen, während sie Leyla mit einem herausfordernden Blick musterte. ,,Vielleicht verrate ich es dir, wenn du einen Angriff landen kannst.’’ Leyla biss die Zähne zusammen und spürte, wie die Wut wieder in ihr aufloderte. Ohne eine Antwort zu geben, stürmte sie erneut auf Bournadette zu. Diesmal jedoch konzentrierte sie sich nicht nur auf ihr Schwert. Während sie ausholte, richtete sie ihren Fokus auf einen großen Felsen neben ihrer Gegnerin. Sie ließ ihn mit einem gedanklichen Befehl auf Bournadette zuschießen. Der Felsen zischte durch die Luft, doch Bournadettes Bewegungen waren immernoch sauber und mühelos. Sie parierte Leylas Schwertangriff mit ihren Dolchen, und ihr Körper schien sich auf unnatürliche Weise um den Felsen herumzuwinden, als ob sie keine Knochen im Körper hätte. ,,Das ist nicht normal’’ , dachte Leyla. ,,Kein menschlicher Körper kann sich so bewegen…’’ Leyla drückte ihre Ferse in den Boden, und eine massive Steinsäule brach unter ihren Füßen hervor und katapultierte sie in die Luft. Sie plante, von oben anzugreifen, wo Bournadette vielleicht ungeschützter war. Doch die Kraft der Säule war unkontrolliert. Leyla wurde mehr als fünfzehn Meter in die Höhe geschleudert, viel höher, als sie beabsichtigt hatte. Ein Schwindelgefühl überkam sie, als sie den Boden unter sich immer kleiner werden sah. Doch die Angst wich ihrer Entschlossenheit. Sie dachte nicht daran, ihren Angriff abzubrechen. Noch während sie fiel, begann sie, ihre Magie erneut zu formen. Unzählige Steinspeere manifestierten sich um sie herum, schwebten wie ein tödlicher Ring in der Luft. Mit einem gedanklichen Impuls ließ sie sie auf Bournadette niederregnen, jeder Speer zielte auf eine andere Stelle, um ihre Gegnerin zu überfordern. Doch das war nicht alles. Leyla konzentrierte sich erneut und spürte, wie das nicht endende Mana aus ihrem Körper floss. ,,Der Boden soll beben’’ , dachte sie, und zu ihrer Erleichterung gehorchte die Erde. Das Beben war intensiv, ließ Steine vom Rand des Kraters brechen und den Boden wie eine lebende Masse zittern. Leyla stürzte mit rasender Geschwindigkeit in Richtung des Bodens, ihr Schwert auf Bournadettes Brust gerichtet. Die Hitze der Anstrengung ließ ihre Sicht verschwimmen, doch sie ignorierte den Schmerz in ihren Muskeln und die unkontrollierbare Wut in ihrem Inneren. Alles, was zählte, war, diese Frau zu treffen – sie irgendwie zu stoppen. ,,Egal, wenn ich hier verletzt werde’’ , dachte sie, als der Boden immer näher kam. ,,Egal, wenn ich hier sterbe.’’ -------------------------------------------------------------------------- Bournadette schien für einen Moment überrascht, bevor ein wütender Ausdruck ihr Gesicht verzerrte. Ihre Augen funkelten gefährlich, und mit einer schnellen Bewegung ließ sie ihre Dolche fallen. Ohne zu zögern sprang sie Leyla entgegen. Leyla, die mit solch einer direkten Reaktion nicht gerechnet hatte, hielt ihr Schwert trotzdem fest auf die heranstürmende Frau gerichtet. Doch Bournadette überraschte sie erneut. Mit einer schockierenden Mischung aus Kraft und Geschick packte sie die Klinge des Schwertes, ohne zu zögern, und zog Leyla mit einem kräftigen Ruck zu sich heran. Der scharfe Klang von Metall gegen Fleisch hallte durch die Luft, doch Bournadette zeigte keine Anzeichen von Schmerz. In einer fließenden Bewegung stieß sie sich mit den Füßen von einem herabstürzenden Steinspeer ab und drehte sich in der Luft. Die beiden Frauen landeten hart auf dem Boden, einige Meter entfernt von der Stelle, an der Leylas mächtige Zauber kollidierten und eine ohrenbetäubende Explosion auslösten. Eine massive Staub- und Steinwolke hüllte den Bereich ein, das Echo des Aufpralls hallte über den Krater. Bournadette nutzte die Gelegenheit und schleuderte Leyla mit brutaler Kraft auf den Boden. Leyla spürte den harten Aufprall in jedem Knochen, doch bevor sie reagieren konnte, trat Bournadette mit voller Wucht auf ihre linke Hand. — KNACK — Ein durchdringendes Knacken erfüllte die Luft, und Leyla schrie auf, ihre Stimme hinterließ ein rohes, von Schmerz erfülltes Echo. Der Schmerz war überwältigend, heiß und stechend, wie ein Messer, das durch ihre Nerven schnitt. Bournadette sah auf sie herab, ihre Stimme kalt und schneidend. ,,Wieso wirfst du dein eigenes Leben so leicht weg? Du hast so eine große Kraft geschenkt bekommen und nun willst du dich umbringen, nur um mich einmal zu treffen.’’ Leylas Sicht verschwamm, ihr Kopf drehte sich, doch sie weigerte sich aufzugeben. Sie hob langsam ihren Blick und starrte Bournadette an. Ein grimmiges Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus, und sie hob ihre unverletzte Hand, um auf Bournadette zu zeigen. ,,Ich hab dich verletzt’’, sagte sie mit einem schwachen, aber triumphierenden Ton. ,,Deine Hand blutet.’’ Für einen Moment starrte Bournadette auf ihre eigene Hand, wo ein dünner Blutfaden aus einer Schnittwunde floss. Ihre Augen weiteten sich, und dann begann sie zu lachen. Es war ein ehrliches, tiefes Lachen, das den angespannten Moment durchbrach und die Luft erfüllte. ,,Ja, ja, das hast du’’, antwortete sie schließlich und warf Leyla ihr eigenes Schwert zu. Es landete klirrend neben ihr auf dem Boden. Bournadette wandte sich um und trat zu einem nahegelegenen Trümmerhaufen. Dort zog sie ein weiteres Schwert aus den zerbrochenen Überresten und betrachtete es mit einem kurzen, prüfenden Blick. ,,Greif mich nochmal an’’, sagte sie und richtete das Schwert auf Leyla. Ihre Stimme war ruhig, aber durchdrungen von einer gefährlichen Entschlossenheit. ,,Dieses Mal werde ich nicht nur ausweichen.’’ -------------------------------------------------------------------------- Langsam richtete sich Leyla auf. Jeder Muskel in ihrem Körper schmerzte, und ihre Bewegungen waren schwerfällig, als würde jede Faser ihres Seins gegen sie arbeiten. Sie atmete tief durch, während sie die Situation das erste mal richtig erfasste. Sie hatte mittlerweile verstanden, dass sie keine Chance hatte – zumindest nicht mit den Methoden, die sie bisher versucht hatte. Ihre normalen Fertigkeiten hatten sie nicht weit gebracht, und die rohe Erdmagie hatte sie mehr verletzt als Bournadette. Mit zittrigen Händen hob sie ihr Schwert vom Boden auf und ließ ihren Blick auf der Frau vor ihr ruhen. Bournadette stand mit ihrem charakteristischen Grinsen da, als hätte sie diesen Kampf schon längst gewonnen. Leyla schloss die Augen und atmete tief ein. In diesem Moment schlich sich ein Gedanke voller Trauer in ihren Kopf: ,,Hoffentlich geht es Roxy und Liam gut…’’   Als sie ihre Augen wieder öffnete, funkelte in ihnen eine neue Entschlossenheit. Sie hob das Schwert und richtete es auf Bournadette. Die Kopfgeldjägerin erwiderte die Geste mit einem leichten Nicken. Fer hatte Leyla einst erzählt, dass dieser Austausch ein Ausdruck von Respekt in einem Duell war.  Trotz der negativen Gefühle, die Leyla für Bournadette empfand, verspürte sie jetzt auch eine gewisse Achtung. Es waren Bournadettes Worte gewesen, die sie daran erinnert hatten, dass sie leben wollte. Nicht noch einmal würde sie ihr Leben durch unkontrollierte Angriffe gefährden. Ihr ganzer Körper war übersät von Schürfwunden und Schnitten, und ihr schwarzes Kleid, das Geschenk von Paul, hing in Fetzen. ,,Wie schade’’ , dachte Leyla wehmütig, während ihr Blick kurz über den Stoff glitt. Ihre linke Hand pochte heftig, und die Finger standen in unnatürlichen Winkeln ab. Doch da fiel es ihr auf: Das Pochen in ihrer Schläfe, das vor der Absorption des Steins begleitet hatte, war verschwunden. Ein seltsames Gefühl der Ruhe durchströmte sie. Mit einem Kampfschrei stürmte sie auf Bournadette zu und holte zum Schlag aus. Die Kopfgeldjägerin reagierte sofort, ebenfalls mit einem Angriff. Die Klingen der beiden Frauen zischten durch die Luft, doch Leyla hatte einen Plan. Im letzten Moment schoss ein kleiner Stein von Leylas Magie gelenkt auf Bournadettes Hand zu. Zwar wich die Hand wie von selbst aus, doch die Ablenkung reichte aus. Bournadette konnte Leylas Schlag nicht vollständig parieren. Wie erwartet begann Bournadettes Körper, der Klinge instinktiv auszuweichen. Doch Leyla war vorbereitet. Mit einem weiteren Gedankenbefehl ließ sie den Boden unter Bournadette aufreißen. Ein tiefes Donnern erfüllte die Luft, während eine breite Schlucht sich zwischen den beiden auftat.  Leyla erschuf eine Erdsäule unter sich, die sie zur Seite schleuderte, weg vom tobenden Chaos. Unsanft landete sie am Rand der neu geformten Schlucht, ihre Arme und Beine schmerzten noch stärker vom Aufprall. ,,Hab ich es geschafft? Ist sie runtergestürzt?’’ fragte Leyla sich keuchend, Hoffnung flackerte in ihren Augen. Sie kroch vorsichtig zum Rand der Schlucht und blickte in die Tiefe. Dort, einige Meter unter ihr, sah sie Bournadette. Die Kopfgeldjägerin hatte ihr Schwert in die Wand gestoßen und hielt sich mit einer Hand daran fest. Ihre rote Kleidung war leicht zerrissen, doch sie wirkte immer noch entschlossen. Leyla hob ihre unverletzte Hand, bereit, die Schlucht wieder zu schließen und alles zu beenden. Doch gerade als sie die Magie spürte, die in ihr aufstieg, begann sich alles um sie zu drehen. ,,Huch? Wieso ist mir so schwind—’’ flüsterte sie noch, bevor sie ohnmächtig zusammenbrach. Bournadette nutzte den Moment. Mit einer fließenden Bewegung zog sie sich aus der Schlucht und landete auf sicherem Boden. Sie blickte auf Leylas bewusstlosen Körper und seufzte. Ohne ein weiteres Wort hob sie Leyla an der Taille hoch und trug sie davon. -------------------------------------------------------------------------- Bournadette blieb am Rand des Kraters stehen, ihre Augen ruhten auf der gewaltigen, zerstörten Landschaft vor ihr. Der einst malerische Ort war jetzt eine Szene purer Verwüstung, und inmitten all dessen dachte sie nur an eines: Dieses Mädchen, Leyla. ,,Sie hat Kräfte entwickelt, die weit über das hinausgehen, was ein normaler Mensch beherrschen sollte’’ , dachte sie, während ihre Finger leicht über den Knauf einer ihrer Dolche glitt. Sie hatte nur einen nach dem Kampf wiederfinden können. „Ihre Erdmagie übersteigt sogar die eines Großmeisters. Und die von Varragil.“ Ihr Blick verharrte für einen Moment auf den immer noch rauchenden Trümmern, dann sprach sie leise, als würde sie mit sich selbst reden: ,,Wie hat sie so schnell die Stärke gewonnen… Vielleicht kann er mir dabei helfen, das herauszufinden…’’  Mit einem leichten Kopfschütteln wandte sie sich von der Zerstörung ab und ging zu ihrer Kutsche, die in sicherer Entfernung auf sie wartete. Sie legte Leylas bewusstlosen Körper vorsichtig auf die Rückbank und zog aus einem Lederbeutel ein Paar magieversiegelnde Handschellen. Die goldenen Runen auf den Manschetten glühten leicht, als sie Leyla sie anlegte. Ein zufriedenes Lächeln legte sich auf ihr Gesicht. ,,Jetzt wird sie keine Magie mehr anwenden können’’, murmelte sie. Während sie die Kutschentür zuschlug, wanderten ihre Gedanken in die Zukunft. Sie würde Leyla in die Kaiserstadt bringen, wo die besten Magieforscher den plötzlichen Kraftanstieg der blauhaarigen Frau untersuchen konnten. Doch das war nicht ihr einziges Ziel. Bournadette fühlte, wie ein Funken Wärme in ihrem Inneren aufstieg – ein vertrautes Gefühl, das sie jedes Mal empfand, wenn sie an ihn dachte: Kronprinz Eugenius. ,,Vielleicht wird ihm die Macht nutzen können’’ , dachte sie, während ein Hauch von Zuneigung über ihr Gesicht huschte. Leyla war kein gewöhnlicher Fang – sie war ein Schlüssel zu etwas Größerem. Sie lehnte sich zurück und ließ ihren Blick ein letztes Mal auf den Krater schweifen. Der Elf, den sie eigentlich gejagt hatte, war längst aus ihrem Fokus verschwunden. ,,Bestimmt ist der Elf mit der Rothaarigen in den Trümmern zu Tode gekommen. Wen interessiert’s?’’ sagte sie leise zu sich selbst, ohne einen Hauch von Bedauern. Die Kutsche setzte sich langsam in Bewegung, das Holz knirschte unter der Belastung, und die Räder begannen leise über den unebenen Boden zu rollen. Der Wind trug den Geruch von Staub und Asche mit sich, als sie in Richtung Osten davonfuhr. Mit jedem Meter, den sie sich entfernte, wurde der Krater kleiner, bis er schließlich vollständig aus ihrem Blickfeld verschwand. Ende von Ark I

  • Kapitel 45 - Ein Krater in der Seele

    Leyla befand sich in einem dunklen Raum. Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem drei Kerzen standen. Eine braune, eine rote und eine grüne. ,,Was ist los? Wo bin ich hier? Was ist mit Liam? Was ist mit Roxy? Was ist mit Fer? Wurden wir angegriffen? Was sind das für Kerzen? Warum kommt mir mir alles hier bekannt vor? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? ’’ Eine der Kerzen, die braune, erlosch und Leyla spürte ein Gefühl von Unbehagen aufkommen. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla die Augen öffnete, war alles ein wirbelnder Strudel aus Farben und Schatten. Ihr Kopf dröhnte, und die kalte, harte Oberfläche des Tempelbodens drückte unangenehm gegen ihren Rücken. Sie versuchte, sich zu erinnern. Die Tür, der Schmerz, die Dunkelheit – und dann? Was waren das für Kerzen gewesen? Dumpfe Schreie drangen an ihr Ohr, begleitet vom schrillen Klirren von Klingen, das durch den Raum hallte. Langsam drehte sie den Kopf, ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Vor ihr tobte ein erbitterter Kampf. Roxy und Liam standen einem Gegner gegenüber, eine Gestalt in einem roten Gewand, die sich mit übermenschlicher Geschwindigkeit zwischen ihren Angriffen hindurchbewegte. Die schwarzblauen Dolche in den Händen der Gestalt blitzten bedrohlich auf, jede ihrer Bewegungen wirkte wie ein tödlicher Tanz. Dann sah Leyla Fer. Der Zwerg lag regungslos auf dem Boden, seine Augen glasig und leer. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals, und ihr Atem wurde schwer. ,,Nein… Fer?’’ flüsterte sie, ihre Stimme zitternd und kaum hörbar. Sie stolperte auf ihn zu und kniete sich neben seinen starren Körper. Ihre Hand zitterte, als sie nach seiner griff. Die Kälte seiner Haut war alles, was sie wissen musste. Fer war tot. Tränen stiegen in ihre Augen, verschwammen ihr Sichtfeld. Doch ein anderes Gefühl war stärker als die Trauer. Wut. Reine, glühende Wut. Sie wirbelte herum, zog ihr Schwert und schoss auf den Gegner zu. ,,WIE KANNST DU ES WAGEN?!’’ schrie sie, ihre Stimme hinterließ ein Echo in der weiten Halle. ,,Leyla? Du lebst? Aber wie?’’ Liam, seine Augen voller Tränen, rief ihr zu, doch sie hörte ihn kaum. ,,Wieso sollte ich nicht leben? Fer ist doch der, der tot ist’’ , dachte Leyla, doch die Worte blieben unausgesprochen. Ihre Aufmerksamkeit war ganz auf ihren Gegner gerichtet. Mit einem wütenden Schrei schlug sie zu, zielte auf den Rücken der Gestalt. Doch in letzter Sekunde schien der Körper des Angreifers sich unnatürlich unter der Klinge wegzuducken, wie von einer unsichtbaren Kraft gelenkt. Leyla keuchte, ihr Herz raste. Wie konnte jemand so schnell sein? Der Angreifer drehte sich zu ihr um. Jetzt konnte sie das Gesicht erkennen. Es war das einer jungen, blonden Frau, deren böse funkelnden Augen Leyla das Blut in den Adern gefrieren ließen. Plötzlich wurde sie von einer gewaltigen Kraft zurückgerissen. Leyla stolperte und fiel unsanft, direkt neben das klaffende Loch, auf den Boden. Liam war bei ihr, kniete keuchend an ihrer Seite. Seine Augen waren weit aufgerissen, voller Angst und Verzweiflung. ,,Das ist Bournadette Lacroix. Sie ist die Nummer zwei der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Wir haben keine Chance gegen sie.’’ Seine Worte hallten in Leylas Kopf wider, doch sie wollte nicht glauben, was sie hörte.  ,,Fer? Nimm Leyla mit nach draußen während Roxy und ich sie in Schach halten!’’ rief Liam plötzlich, seine Stimme laut und entschlossen. Leyla starrte ihn an, ihre Gedanken wirr. ,,Aber Liam… Fer ist tot.’’  Liam drehte sich um, sein Blick wanderte zu Fers regungslosem Körper. Ungläubig weiteten sich seine Augen. ,,Wieso? Du wurdest doch getroffen, wieso ist Fer tot?’’  Bevor Leyla etwas erwidern konnte, wurde der Raum von einem donnernden Geräusch erfüllt. Eine Welle aus weißem Stein schoss durch die Halle, traf Leyla mit voller Wucht und schleuderte sie über die Kante des Lochs. Sie fiel, ihr Körper drehte sich im Nichts. Ein letzter Blick auf Liam, dessen Gesicht von purer Angst gezeichnet war, brannte sich in ihr Gedächtnis. ,,Ein Glück, er ist unversehrt’’ , dachte Leyla noch, bevor sie in die Dunkelheit stürzte. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig setzte Leyla einen Schritt vor den anderen. Sie versucht leise zu sein, so leise, dass niemand sie hören konnte.  Sie spürte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel. Seit sie in die Tiefe gestürzt war und auf einer Reihe spitzer Steine gelandet war, blutete sie stark. ,,Ich muss unbedingt zurück zu Liam und Roxy… Wenn ich nur wüsste, wie ich hier unten rauskommen kann. Scheiße…’’ Jeder Schritt war eine Qual, die Schmerzen zogen sich wie Nadeln durch ihren Körper, jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Krampf. Gedanken an Liam und Roxy versanken in einem Nebel aus Verzweiflung. Schmerz und Trauer fluteten ihren Verstand und ließen ihren Magen verkrampfen.  ,,Fer… Was ist mit dir passiert…’’ Da fiel ihr ein Glühen am Ende des Ganges auf. Ein braun-orangenes Licht schien aus einem Loch in der Wand und je näher sie dem Glühen kam, desto stärker wurde der pochende Schmerz in ihrer Schläfe, den sie, seitdem sie und die Anderen diesen Ort betreten hatten, spürte. Das Licht warf unruhige Schatten an die Wand, und ein modriger Geruch stieg in ihre Nase. Der schmale Gang schien endlos und die Dunkelheit wie eine erdrückende Wand um sie herum. ,,Was ist nur los mit mir…’’  Sie hatte dieses Pochen nicht mehr gespürt, seit sie damals aus Migar aufgebrochen war. Ihre Schritte wurden schneller, angetrieben von einem unbestimmten Drang, obwohl der pochende Schmerz in ihrem Kopf mit jedem Meter stärker wurde. Es war, als ob das Licht sie rief, lockte, trotz der Gefahr, die es versprach. Sie erreichte das Loch in der Wand und blickte hindurch. Ihr Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Moment platzen.  ,,Was ist das?’’  Leyla hatte vergessen, dass sie leise sein wollte. Stattdessen starrte sie gebannt durch das Loch in der Wand… -------------------------------------------------------------------------- Vor Leyla lag ein brauner Stein, unscheinbar, aber mit einer merkwürdigen Ausstrahlung. Seine Oberfläche war von seltsamen Zeichen bedeckt, Linien und Symbole in einer Sprache, die sie nicht verstand. Sie starrte ihn an, unfähig, den Blick abzuwenden.  Langsam streckte sie ihre Hand aus, ihre Finger zitterten leicht, bevor sie sich um den Stein schlossen. Augenblicklich wurde ihr Geist aus ihrem Körper gerissen. Ihr Atem stockte, als Bilder in ihrem Kopf explodierten. Ein Schloss über einem spiegelglatten See. Eine Gestalt mit schwarzen Flügeln, die bedrohlich in der Ferne schwebte. Ein Beutel voller Steine, alle ähnlich wie der, den sie in der Hand hielt. Die Bilder strömten weiter, endlos, wie ein nie versiegender Fluss. Szenen von Kriegen, von glücklichen Familien, von verborgenen Tempeln. Das alles und noch mehr überrollte ihren Verstand, bis es plötzlich aufhörte. Leyla öffnete die Augen und starrte ungläubig auf ihre Hand. Der Stein war verschwunden. Stattdessen zogen sich braune Linien in feinen Mustern über ihren linken Zeigefinger, wie ein seltsames Tattoo. Es leuchtete leicht, bevor es verblasste. ,,Was war das?’’ flüsterte sie, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ihre Finger zitterten, während sie das fremdartige Muster anstarrte. Doch die Ruhe hielt nicht lange. Wie eine Welle brachen die Trauer und Wut in ihr hervor. Sie fühlte, wie die Emotionen in ihr hochkochten, wie ein brodelnder Vulkan, der kurz vor dem Ausbruch stand. —AHHHHHHH— Leyla schrie, ein verzweifelter, ohrenbetäubender Schrei, der von den Wänden der Höhle zurückgeworfen wurde. Die Erde begann zu beben, zuerst nur leicht, dann immer heftiger. Sie sank auf die Knie, Tränen strömten unaufhaltsam über ihr Gesicht, und sie vergrub ihren Kopf in den Händen. Doch ihr Schluchzen wurde von dem donnernden Lärm um sie herum übertönt.  Aber das Beben hörte nicht auf. Die Höhle schien sich um sie herum aufzubäumen. Trümmer stürzten von der Decke herab, und nicht nur die Höhle – auch d er Tempel weit über ihr, das Tal, die Berge – alles erzitterte unter den unkontrollierten Kräften, die sie freigesetzt hatte. Riesige Steinblöcke brachen von den Bergwänden ab und stürzten in die Tiefe. Leyla schrie und schrie, als ob sie die Welt um sie herum aufbrechen wollte. Dann wurde es still. Als Leyla die Hände langsam sinken ließ und ihre Augen öffnete, sah sie das Ausmaß der Zerstörung. Sie saß unversehrt in der Mitte eines riesigen Kraters. Die malerische Landschaft des Tals war verschwunden, ersetzt durch ein gähnendes Loch, das alles verschluckt hatte – den Tempel, den Wald, die Tiere. Alles war unter einer Lawine aus Stein begraben worden. ,,Wa— War ich das?’’ stammelte Leyla, ihre Stimme brüchig. Sie fühlte etwas in sich, etwas Wildes, etwas Mächtiges, etwas das sie vorher nicht gekannt hatte. ,,Liam? Roxy? Fer?’’ rief sie, während sie stolpernd durch die Trümmer lief. Ihre Stimme war heiser, und ihre Schritte waren schwer, als sie die Hoffnungslosigkeit ihrer Suche zu spüren begann. Dann hörte sie eine Stimme hinter sich, kalt und gleichzeitig amüsiert ,,Die wirst du nicht finden. Was hast du gemacht? Ich konnte bis eben kaum magische Kraft bei dir spüren?’’ Leyla drehte sich langsam um, ihr Herz raste. Sie sah in das grinsende Gesicht einer unversehrten Bournadette Lacroix. Ihr Lächeln war eine Mischung aus Neugier und Spott, ihre Augen funkelten wie die eines Jägers, der sein Beutetier endlich gestellt hatte.

  • Kapitel 35 - Trauer, Schmerz und Liebe

    Leyla blickte durch ein Fenster, das vor ihr schwebte, wie aus dem Nichts erschienen. Dahinter sah sie eine vertraute, aber zugleich unbegreifliche Szenerie. Eine Frau, die ihr bis ins Detail glich, saß an einem Tisch, ein Buch in der Hand. „Wie kann das sein? Ist das wirklich… ich? Wo bin ich hier?“ Ihre Stimme zitterte, während sie die Worte flüsterte. Das Zimmer jenseits des Fensters war von einem sanften, diffusen Licht erfüllt, das die Umgebung unwirklich wirken ließ. Die Möbel schimmerten glatt und fremdartig, als wären sie aus einem Material, das es nicht geben konnte. Die Luft im Raum wirkte wie erstarrt, zeitlos und ruhig, als ob die Zeit dort langsamer floss. Doch eine unsichtbare Barriere schien sie von dieser Welt zu trennen, unerreichbar und doch so nah. Ihr Blick wanderte zu einer glänzenden Glasscheibe, die an einer Wand hing. Auf der Scheibe flimmerten Bilder, winzige, leuchtende Figuren, die sich in einer fremden Welt bewegten. Leyla verstand nicht, was sie sah, doch die Bewegungen der Figuren zogen sie in ihren Bann. Es war, als würde sie durch das Fenster einen Blick in eine völlig andere Realität werfen. „Was ist das?“ Ihre Finger zitterten, als sie nach dem Fenster griff. Sie wollte es öffnen, eintreten und Antworten suchen. Wer war das andere Ich? Was waren das für Möbel? Was war das auf der Glasscheibe? Doch je mehr sie sich danach ausstreckte, desto weiter schien der Raum in die Ferne zu gleiten. Es war, als ob er vor ihr wegrannte, sich in die Dunkelheit zurückzog, je näher sie ihm kam. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Sie wollte schreien, rennen, die unsichtbare Barriere durchbrechen, doch ihre Bewegungen wurden träge, wie in einem zähen Traum. Plötzlich spürte sie die Dunkelheit um sich aufsteigen. Sie war nicht einfach Abwesenheit von Licht – es war eine greifbare, schwere Leere, die sie langsam umhüllte. Ihr Körper fühlte sich an, als wäre er aus Blei, ihre Sinne verschwanden nach und nach, während das Zimmer hinter dem Fenster zu einem wirbelnden Strudel wurde. Alles löste sich auf, als ob die Welt sie unwiderruflich in die Tiefe ziehen wollte. Sie fühlte, wie die Finsternis sie verschlang, bis nichts mehr übrig war. -------------------------------------------------------------------------- Der kühle Wind strich sanft durch die Äste des Baumes, unter dem Leyla langsam erwachte. Die Blätter raschelten leise, wie ein zärtliches Flüstern der Natur, das sie willkommen hieß. Der Himmel war von dichten Wolken bedeckt, und die letzten Strahlen der Abendsonne brachen nur vereinzelt hindurch, wie verlorene Gedanken, die sich ihren Weg bahnten. Der Duft von feuchtem Moos und erdigem Holz füllte die Luft, und Himmel, ihr treuer Begleiter, stand geduldig an ihrer Seite. Seine sanften Augen ruhten auf ihr, voller stummer Sorge. „Warum weine ich?“ fragte sie sich leise, während sie eine Träne von ihrer Wange wischte. Ihre Stimme klang fremd, als ob sie aus weiter Ferne käme. Eine unerklärliche Trauer hatte sich in ihr breitgemacht, eine Last, die sie nicht verstand. Es fühlte sich an, als hätte sie etwas Kostbares verloren, doch sie konnte nicht sagen, was es war. Die Tränen, die über ihre Wangen liefen, schienen nicht aufzuhören, als ob sie eine Geschichte erzählten, die sie selbst nicht kannte. Ihr Herz fühlte sich schwer an, wie ein Stein, der sich langsam in die Tiefe eines dunklen Sees sinken ließ. Tief in ihr regte sich eine Empfindung, die sie nicht greifen konnte – ein Echo von etwas, das sie vergessen hatte. Sie konnte sich keinen Reim darauf machen, doch sie spürte, dass es wichtig war, etwas, das Teil von ihr gewesen war. Was sie nicht wusste, war, dass sie um eine Version von sich selbst trauerte, die nicht mehr existierte. Die Leyla, die einst außerhalb dieser Welt gelebt hatte, war in jenem Moment gestorben, als ihre Klinge das Leben des Mannes beendete. Es war nicht nur der Tod eines anderen – es war der endgültige Abschied von einer Leyla, die einst unschuldig gewesen war, einer Leyla, die noch nie getötet hatte. Ihre Vergangenheit, ihre Erinnerungen, alles, was sie einst gewesen war, hatte sich in der Dunkelheit verloren. -------------------------------------------------------------------------- Langsam kehrte Leyla ins Bewusstsein zurück. Die Erinnerungen an den Kampf wurden klarer, und eine kalte Realität legte sich wie ein schwerer Schatten über sie. Sie hatte einen Menschen getötet. Ihr Blick wanderte zu Arne, der weinend über dem leblosen Körper von Anja kauerte. Die Szene vor ihr fühlte sich an wie ein Albtraum, aus dem sie nicht erwachen konnte. „Ich hab mir Roxys Worte also nicht eingebildet…“ flüsterte sie vor sich hin, ihre Stimme brüchig und voller Schmerz. Eine lähmende Trauer mischte sich mit einem brennenden Gefühl von Schuld, das ihr Herz schwerer und ihre Gedanken dunkler werden ließ. Es nagte an ihr, ein bohrender Zweifel, ob sie nicht nur versagt, sondern auch etwas verloren hatte, das sie nie wieder zurückholen konnte. Mit zitternden Beinen und einem Gefühl der Erschöpfung rappelte sie sich auf und ging langsam zu Arne hinüber. „Es tut mir so leid. Ich konnte mein Versprechen nicht halten“, murmelte sie, während ihre Nägel sich in ihre Handflächen gruben. Der Schmerz, den sie spürte, war kaum mehr als ein Tropfen im Ozean ihrer inneren Qual. Blut sickerte durch ihre Finger und tropfte zu Boden, doch sie schenkte dem kaum Beachtung. Alles, was sie wollte, war irgendein Gefühl, das sie von der Leere in ihrem Inneren ablenken konnte. Arne drehte sich zu ihr um, sein Gesicht eine Maske aus Schmerz und Trauer. „Du trägst keine Schuld, Leyla“, sagte er mit erstickter Stimme. „Was ihr getan habt… ihr habt sie von ihrem Leid erlöst. Sie ist frei von diesen Monstern. Und denjenigen, die ihr das angetan haben, habt ihr Gerechtigkeit gebracht.“ Seine Worte waren voller Kummer, doch in seinen Augen lag ein Hauch von Dankbarkeit. Leyla schluckte schwer. „Gerechtigkeit? Was ist das für eine Gerechtigkeit, wenn sie trotzdem tot ist?“ Sie spürte, wie ihre Stimme zu brechen drohte. Die Worte des Lupiden fühlten sich an wie ein leerer Trost, eine blasse Antwort auf ein Loch, das nicht gefüllt werden konnte. „Wo ist Roxy?“ fragte sie schließlich, um den Fokus von ihrer Schuld und ihrem Schmerz zu lösen. „Sie… sie hat die Leichen verbrannt. Sie wollte nicht, dass die Tiere kommen. Sie sollte bald wieder da sein“, antwortete Arne leise. Leyla nickte kaum merklich und drehte sich um. Sie ging zu Himmel, der in der Nähe wartete, und ließ sich neben ihm auf den Boden sinken. Sein warmer Körper lehnte sich gegen sie, und das gleichmäßige Heben und Senken seiner Brust war der einzige Trost, den sie in diesem Moment spürte. Sie vergrub ihre Finger in seinem dichten Fell, als wollte sie sich an ihn klammern, um nicht in ihrer inneren Dunkelheit zu versinken. „Du bist wach, Leyla? Wie geht es dir?“ Roxy kniete neben ihr und legte sanft eine Hand auf ihren Rücken. „Fürchterlich… wir konnten sie nicht retten.“ Leylas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, das vom Wind beinahe fortgetragen wurde. „Das stimmt…“ Roxy seufzte schwer, und in ihren Augen lag ein Schatten von Traurigkeit. „Aber wir haben sie zu ihm zurückgebracht. Er kann sich nun von ihr verabschieden. Manchmal ist das alles, was wir tun können. Es tut weh, aber es bedeutet nicht, dass du versagt hast. Du hast für sie gekämpft, bis zum letzten Moment, Leyla. Du hast alles gegeben.“ ,,...’’ Leyla schwieg, doch in ihrem Inneren tobte ein Sturm. Es war nicht nur die Trauer um die verlorene Frau, sondern auch die Schuld, die sie an ihrer eigenen Tat nagte. Der Gedanke, dass sie ein Leben genommen hatte, wühlte sie auf, ließ sie zweifeln, wer sie war und was sie werden würde. „Das ist aber nicht alles, was dich quält, oder?“ Roxy musterte sie mit durchdringendem Blick, während sie ihr sanft eine Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Leyla senkte den Kopf. Sie schämte sich für die Gefühle, die sie überwältigten – die Reue, die Angst, der Zweifel. „Ich… ich fühle mich, als hätte ich nicht nur den Mann getötet, sondern auch mich selbst“, flüsterte sie schließlich. Die Worte kamen schwer über ihre Lippen, als ob sie eine Last aussprechen würde, die sie zu erdrücken drohte. Roxy lächelte sanft und zog Leyla in eine Umarmung. Ihre Stimme war beruhigend, fast wie eine Wiege inmitten des Chaos. „Es ist okay, dass du dich so fühlst, Leyla. Das zeigt nur, dass dir ein Leben unfassbar viel bedeutet. Du schämst dich, weil du weißt, wie wertvoll es ist – und das macht dich stärker, nicht schwächer.“ Leyla zitterte in Roxys Armen, und die Tränen, die sie zurückgehalten hatte, brachen erneut hervor. -------------------------------------------------------------------------- Die Mauern von Malyl erhoben sich majestätisch gegen den Nachthimmel, das kalte Licht des Mondes ließ sie wie stumme Wächter erscheinen. Schatten fielen in langen, unheimlichen Linien auf die leeren Straßen, und der Wind trug eine Kälte mit sich, die Leyla bis ins Mark drang. Die sonst so lebendige Stadt schien in eine Art stillen Schlaf gefallen zu sein, erfüllt von einer Ruhe, die gleichzeitig tröstlich und beklemmend war. Leyla und Roxy gingen nebeneinander her, ohne ein Wort zu wechseln. Die Erlebnisse des Tages lasteten schwer auf ihnen. Leyla fühlte, wie die Müdigkeit sie immer mehr einnahm, jeder Schritt war mühsamer als der letzte. Ihre Gedanken waren ein Wirrwarr aus Schuld, Trauer und einer leisen, unbestimmten Hoffnung, die sie sich selbst nicht erklären konnte. Als sie die Ställe erreichten und Himmel und Rost in die Obhut der Stallmeister gaben, legte Leyla ihre Hand noch einmal sanft auf Himmels Hals. Seine Wärme schien ihr kurz die Last zu nehmen, die sie auf den Schultern trug. Sie versprach sich selbst, dass sie bald wieder bei ihm sein würde. Als sie schließlich das vertraute, warme Licht der Gaststätte „Elfenlied“ betraten, spürte Leyla eine kurze Welle der Erleichterung. Der Duft von frisch gebackenem Brot und das Knistern des Kamins gaben ihr das Gefühl von Sicherheit. Ihr Blick wanderte durch den Raum, und dann sah sie ihn: Fer saß in einer Ecke, einen Bierkrug in der Hand, und grinste breit, als er sie erblickte. Ohne nachzudenken, stürzte Leyla zu ihm und warf sich ihm in die Arme. „Leyla, ich freu mich ja auch, dich wiederzusehen, aber wenn du mich weiter so fest drückst, brech ich noch auseinander!“ Leyla lachte leise, obwohl ihre Augen feucht schimmerten, und ließ ihn langsam los. „Wo ist Liam?“ fragte sie, ihre Stimme zitternd vor Erwartung. Fer neigte leicht den Kopf und grinste wissend. „Er ruht sich in seinem Zimmer aus, das zweite Zimmer links.“ Leyla verlor keine Zeit. Sie sprintete die Treppe hinauf, ihr Herz schlug wie wild, während sie jede Stufe nahm. Als sie die Tür zu Liams Zimmer erreichte, hielt sie kurz inne, atmete tief durch und öffnete sie dann mit einem Ruck. Liam saß auf seinem Bett, ein erschöpftes, aber herzliches Lächeln auf den Lippen. „Na, hast du mich vermisst?“ Seine Worte waren wie ein warmes Licht in der Dunkelheit. Leyla schloss die Tür hinter sich, ging auf ihn zu und ließ sich in seine Arme fallen. Der vertraute Duft und die beruhigende Wärme seiner Umarmung schienen die Kälte, die in ihrem Herzen herrschte, langsam zu vertreiben. Sie hob den Kopf und küsste ihn. Es war ein zögerlicher, doch tiefer Moment, der alles sagte, was sie nicht in Worte fassen konnte. In diesem Moment wollte sie nichts anderes, als ihm nahe zu sein. Ihre Hand glitt unter sein Hemd, strich über seine Brust. Sie spürte seinen Herzschlag unter ihren Fingern. Ihre Fingerspitzen erkundeten vorsichtig die feinen Linien seiner Muskeln, während sich sein Atem ruhig und tief gegen ihre Berührung hob und senkte. Jeder sanfte Druck ihrer Hand auf seiner Haut war wie ein stiller Dialog zwischen ihnen, eine unausgesprochene Bitte um Nähe und Zuneigung. Die Wärme seines Körpers strahlte durch den dünnen Stoff seines Hemdes und ließ die Kälte, die sich in ihrem tief Inneren festgesetzt hatte, langsam schmelzen. Sie fühlte, wie ihre Herzen in einem gleichmäßigen Rhythmus schlugen, als ob sich ihre Seelen in diesem Augenblick im Einklang miteinander verbanden . Sie sprachen kein Wort, doch es war nicht nötig. In diesem Moment sagte ihre Stille alles, was Worte niemals hätten ausdrücken können. Die Wärme ihrer Körper, die in stiller Harmonie verschmolzen, vertrieb jede Spur von Dunkelheit.

  • Kapitel 49 - Der blaue Butler

    Der Adel des Kaiserreichs, Fundament und Zierde des Reiches, spiegelt die göttlich geordnete Hierarchie des Staates wider und gliedert sich in vier verschiedene Stufen. Jede dieser Stufen trägt auf ihre Weise zur Macht und Stabilität des Kaiserreichs bei und unterstreicht die tiefe Verwurzelung von Tradition und Herrschaft in dieser Gesellschaft. Die Kaiserfamilie Algavia: Die Spitze der Macht An der Spitze der Hierarchie thront die Kaiserfamilie Algavia. Sie umfasst den Kaiser, seine Frau sowie deren Kinder und Enkelkinder. Diese erhabene Gruppe ist die kleinste unter den Adelsstufen, doch ihre Macht übertrifft alle anderen. Als Symbol der göttlichen Ordnung und weltlichen Autorität vereinen sie die Zügel des Kaiserreichs in ihren Händen. Ihr Einfluss erstreckt sich über jeden Winkel des Reiches und ist zugleich Inspiration und Bürde. Der Hochadel: Die Säulen des Reiches Direkt unter der Kaiserfamilie steht der Hochadel, bestehend aus den entfernten Verwandten der Kaiserfamilie, den Herzögen und einigen wenigen einflussreichen Familien, deren Bedeutung tief in der Geschichte und Politik des Kaiserreichs verankert ist. Die Herzöge herrschen über die mächtigen Herzogtümer, die den Kontinent gliedern. Ihre Autorität erstreckt sich weit über die Grenzen ihrer Ländereien hinaus, und sie spielen eine entscheidende Rolle in der Machtbalance zwischen den Regionen und der Kaiserstadt. Ihre Häuser sind oft von alten Traditionen geprägt, und ihre Entscheidungen formen das Reich auf bedeutende Weise. Ein herausragendes Beispiel für den Hochadel ist die Familie Aldobrandini. Als reichste Familie des Kaiserreichs verfügt sie über einen enormen Einfluss. Ihr Familiensitz, die majestätische Brandiniburg, thront in den Bergen der Larifen und dient als Symbol ihres Reichtums und ihrer Geschichte.  Der Landadel: Wächter der Ländereien Der Landadel, die dritte Stufe der Adelsstruktur, setzt sich aus Markgrafen, Grafen und Baronen zusammen. Diese Adligen regieren und verwalten die Ländereien des Kaiserreichs, doch ihr Einfluss beschränkt sich oft auf ihre Regionen. Auf Entscheidungen des Kaiserlichen Rats können sie nur in seltenen Fällen Einfluss nehmen. Die Markgrafen nehmen eine besondere Position ein. Sie herrschen über weitläufige, jedoch spärlich besiedelte Gebiete, die nicht Teil eines Herzogtums sind. Diese Gebiete sind geprägt von unpassierbarem Terrain und oft von Gefahren wie wilden Tieren oder Monstern bedroht. Die Markgrafen sind dafür verantwortlich, die Sicherheit in diesen Regionen zu gewährleisten und zu verhindern, dass Ungeheuer in die bewohnten Gebiete eindringen. Die Grafen stehen unter den Herzögen und regieren über mittelgroße Grafschaften. Sie spielen eine entscheidende Rolle in den Herzogtümern und sind häufig Mitglieder der Herzöglichen Räte, wo sie die Interessen ihrer Regionen vertreten. Die Barone hingegen bilden die unterste Ebene des Landadels. Sie regieren über kleine Baronien und haben meist nur Einfluss innerhalb ihrer eigenen Grenzen. In der breiteren Politik des Reiches sind sie selten von Bedeutung. Der niedere Adel: Die Gefallenen und die Neuen Die unterste Stufe der Adelsgesellschaft ist der niedere Adel. Dieser besteht aus Adelsfamilien, die kein eigenes Land besitzen. Oft handelt es sich um einst einflussreiche Familien, die jedoch im Laufe der Zeit ihr Land und ihre Macht verloren haben.  Gleichzeitig finden sich hier neue Adelsfamilien, die durch die Verleihung von Adelstiteln an Bürgerlichen entstanden sind. Ihre Position ist fragil, und sie müssen häufig kämpfen, um Anerkennung oder Einfluss zu gewinnen. Dennoch spielen auch sie eine Rolle im komplexen Netz der Macht des Kaiserreichs. -------------------------------------------------------------------------- ,,Geht es Euch wieder gut Miss Leyla?’’ Filias Stimme war weich und trug eine Spur ehrlichen Mitgefühls, die Leyla unerwartet traf. Leyla atmete noch schwer, die Nachwirkungen der Panikattacke schienen sich wie ein dunkler Schleier über sie zu legen. Filia hatte vor Einbruch der Nacht noch einmal nach Leyla sehen wollen und war genau in dem Moment gekommen, als Leyla in ihrer Panik zu versinken drohte. Die Dienerin hatte sich zu ihr gesetzt, ihre schmalen Arme um Leyla gelegt und sie mit einer ruhigen, fast mütterlichen Stimme beruhigt. Leyla konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal von jemandem so fürsorglich gehalten wurde. ,,J-Ja, danke Filia. Es geht wieder.’’ Leylas Stimme war brüchig, aber aufrichtig. Filia lächelte leicht, und Leyla bemerkte, dass sich in ihrem Gesicht wahre Erleichterung spiegelte. Warum war diese Frau so freundlich zu ihr? Sie war doch nur eine Gefangene. Filia musste das wissen, schließlich war sie es gewesen, die Leyla erklärt hatte, dass sie das Zimmer nicht verlassen durfte. Filia richtete sich auf, ihre Bewegung war ruhig und fließend, wie jemand, der daran gewöhnt ist, sich unauffällig und effizient zu bewegen. Einen Moment lang musterte sie Leyla prüfend, bevor sie fragte: ,,Kann ich noch etwas für Euch tun?’’ Leyla schüttelte stumm den Kopf. Ihre Gedanken wirbelten immer noch durcheinander. Sie zog sich die weiche Decke bis unter das Kinn, als würde sie damit die Welt draußen abschirmen. Langsam schloss sie die Augen, doch die Ruhe wollte nicht kommen. Die leisen Schritte der Dienerin hallten in dem stillen Raum wider, als sie zur Tür ging. Leyla war kurz davor, sie einfach gehen zu lassen, doch dann schoss ihr ein Gedanke durch den Kopf. ,,Filia?’’ rief sie mit leiser Stimme. Filia hielt inne und drehte sich um. ,,Ja, Miss Leyla?’’ Leyla hob leicht den Kopf, ihre Augen suchten die Dienerin. ,,Sprech mich bitte nicht so höflich an. Ich bin keine Adlige und fühle mich nicht so, als würde ich über dir stehen.’’ Einen Moment lang herrschte Stille, und Leyla befürchtete, dass Filia ihre Bitte ablehnen würde. Doch dann sprach die Dienerin mit einem Ton, der fast vertraulich klang: ,,Vor anderen ist mir das nicht gestattet, aber wenn wir zu zweit sind, gerne.  Leyla spürte eine kleine Welle der Erleichterung durch sich fließen. Es war nur eine Kleinigkeit, doch es fühlte sich an, als würde ein unsichtbarer Faden zwischen ihr und Filia entstehen. ,,Schlaf gut, Leyla’’, fügte Filia hinzu, bevor sie die Tür leise hinter sich schloss. -------------------------------------------------------------------------- Müde kaute Leyla auf ihrem Frühstück herum. Statt des Fleischs, das sie gestern liegengelassen hatte, waren heute einige frische Früchte neben ihrem Omelett auf dem Teller. Der süße Duft der reifen Beeren und das zarte Aroma des Omeletts sorgten für einen Hauch von Komfort in ihrer tristen Situation. Sie war Filia dankbar dafür, auch wenn sie es nicht laut aussprach. ,,Vielleicht kann sie mir helfen hier rauszukommen?’’  dachte Leyla, während sie mit der silbernen Gabel eine Erdbeere zerteilte. Doch kaum war dieser Gedanke aufgekommen, schoss eine Erinnerung an eine andere Gefangenschaft in ihren Kopf – an die grobe, bösartige Frau. Leyla hatte damals geglaubt, Verbündete in ihrer Not gefunden zu haben, nur um getreten und verspottet zu werden. Der Schmerz dieser Erinnerung ließ ihre Gabel kurz innehalten. ,,Nein. Filia ist keine Sklavenhändlerin, das weiß ich. Aber solange ich mir nicht zu einhundert Prozent sicher sein kann, dass sie auf meiner Seite steht, werde ich nichts riskieren.’’ Der Gedanke nagte an ihr, doch Leyla schob ihn beiseite. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das Buch vor ihr, das sie während des Frühstücks zu lesen begonnen hatte. Der Einband war dunkelblau und mit goldenen Buchstaben verziert, die seinen Titel verkündeten: ,,Die Reisen des Gheng Chu’’.  Leyla strich mit den Fingerspitzen über den geprägten Titel und schlug es auf. Bereits die ersten Seiten zogen sie in eine andere Welt. Das Buch war eine Sammlung von Reiseerzählungen eines Elfen, der vor über tausend Jahren die Welt bereist hatte. Es war eine kommentierte Version, die mit zusätzlichen Erklärungen versehen war, um die veraltete Sprache und die unbekannten Orte zugänglicher zu machen.  Der Wechsel von der nüchternen, faktenbasierten Lektüre von ,,Aufbau und Struktur des Kaiserreichs’’ zu dieser lebendigen, abenteuerlichen Erzählung war eine willkommene Abwechslung. Sie tauchte tief ein, vergaß für einen Moment ihre Situation und ließ sich von den Worten forttragen. —KLOPF— Leyla fuhr erschrocken zusammen. Der harte Klang riss sie aus ihrer Gedankenwelt. ,,Filia klopft doch sonst nicht. Habe ich etwas falsch gemacht? Oder wurde sie etwa ausgetauscht?’’  Der Gedanke ließ eine kalte Welle durch ihren Körper laufen. Sie setzte sich gerade hin, bemühte sich um eine feste Stimme und rief: ,,Herein!’’  Die Tür öffnete sich langsam und enthüllte einen jungen Mann, der mit einer fast übertriebenen Höflichkeit den Raum betrat. Seine schwarzen Haare waren akkurat gekämmt, und sein makelloses Auftreten ließ keinen Zweifel daran, dass er jemand von Bedeutung war.  Er trug eine weiße Hose und ein weißes Hemd, die von einem langen, blauen Frack ergänzt wurden, der bis zu den Knöcheln reichte. Seine Hände steckten in eleganten, weißen Handschuhen, die sein Auftreten zusätzlich verfeinerten. Auf seinem Gesicht lag ein höfliches Lächeln, das Leyla jedoch eher wie eine Maske erschien. Bevor sie auch nur den Mund öffnen konnte, um zu fragen, wer er war, oder sich vorzustellen, begann der Mann mit ruhiger, bestimmter Stimme zu sprechen. -------------------------------------------------------------------------- ,,Guten Morgen, Miss Leyla. Mein Name ist Charles Winson und ich bin der Leibdiener seiner Hoheit, Kronprinz Eugenius. Ich komme, um Euch abzuholen und zu ihm zu bringen. Er verlangt, mit Euch zu sprechen.’’ Die Stimme des Mannes war ruhig und höflich, doch jede Silbe trug eine unausgesprochene Autorität in sich. Charles verbeugte sich tief, sein blaues Frack schimmerte leicht im Licht, während er Leyla mit einem Blick fixierte, der gleichzeitig aufmerksam und unnahbar war. Leylas Gedanken überschlugen sich. Kronprinz Eugenius wollte sie sprechen? Ihr Magen zog sich zusammen, und ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus. Was wollte er von ihr? Was hatte er vor? Ihr Instinkt und ihr Verstand machten ihr eines klar: Sie durfte Adligen nicht trauen. Schon gar nicht in einer Situation, in der sie Gefangene war. ,,Ich hab aber auch keine andere Wahl, nehme ich an…’’ dachte sie und biss sich auf die Unterlippe, bevor sie schließlich antwortete. ,,Darf ich mich vorher fertig machen?’’ fragte sie den Leibdiener mit einer gefassten Stimme, die sie selbst überraschte. ,,Natürlich, Miss Leyla. Ich warte vor der Tür auf Euch.’’ Charles schloss die Tür mit einer sanften, aber entschiedenen Bewegung. Kaum war sie allein, ließ Leyla die Spannung aus ihrem Körper weichen und atmete tief durch.  Hastig zog sie ein schwarzes Kleid aus dem Kleiderschrank, dessen Stoff sich kühl und schwer in ihren Händen anfühlte. Sie kämmte ihre Haare mit schnellen, geübten Bewegungen und betrachtete ihr blasses Gesicht im Spiegel. Der Ausdruck, der ihr entgegenblickte, war nicht nur von Sorge gezeichnet, sondern auch von Entschlossenheit. ,,Ich muss vorsichtig sein’’ , dachte sie, während sie den Stoff des Kleides glattstrich. Sie wollte dem Kronprinzen nicht gefallen – das war das Letzte, was sie wollte, doch sie wusste, dass es mindestens genauso gefährlich war, ihn zu verärgern. Ihr Überleben hing von seiner Gunst ab, zumindest vorerst. Nachdem sie sich fertig gemacht hatte, öffnete sie die Tür. Der Mann wartete mit geduldiger Haltung direkt davor. ,,Seid Ihr soweit?’’ fragte Charles höflich, ohne einen Hauch von Ungeduld in seiner Stimme. ,,Ja, bin ich.’’ Leyla nickte knapp, und sie begann ihm zu folgen. Die Schritte des Leibdieners waren gleichmäßig, und sein Tempo zwang Leyla, sich zu beeilen, um Schritt zu halten. Die Gänge des Palastes schienen sich endlos aneinanderzureihen, und während sie einen nach dem anderen durchquerten, versuchte Leyla sich so viele Details wie möglich einzuprägen. Wenn sie hier entkommen wollte, musste sie die Architektur des Ortes verstehen. Der Boden war gefliest mit großen, schwarz-weißen Kacheln, die in einem schrägen Schachbrettmuster angeordnet waren. Die Gänge waren breit und lang, und in regelmäßigen Abständen reihten sich Türen aneinander, deren glänzende Holzoberflächen von metallischen Griffen geziert wurden.  Warmes, einladendes Licht strömte aus Öllampen, die in kunstvoll verzierten Halterungen an den Wänden steckten. Daneben hingen beeindruckende Gemälde, die in goldenen Rahmen prunkvoll leuchteten. Leyla konnte nicht anders, als für einen kurzen Moment von der Schönheit des Ortes beeindruckt zu sein, auch wenn sie wusste, dass dies alles Teil ihres Gefängnisses war. Endlich blieben sie vor einer großen, weißen Holztür stehen, die mit feinen Schnitzereien verziert war. Sie schien gleichzeitig einladend und einschüchternd zu sein, als ob sie ein Tor zu etwas Unergründlichem darstellte. Charles klopfte an die Tür, seine Handbewegung präzise und voller Selbstsicherheit. ,,Eure Hoheit, ich bringe Miss Leyla zu Euch’’, sagte er mit fester Stimme, die den Gang mit einer natürlichen Autorität erfüllte.  Einen kurzen Moment blieb es still. Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug, während sie auf eine Antwort wartete. Schließlich erklang eine ruhige, kontrollierte Stimme von der anderen Seite der Tür: ,,Sie darf eintreten. Du bleibst draußen, Charles, ich will mit ihr alleine reden.’’

  • Kapitel 62 - Bunj

    Der Stamm der Korr’ak lebte tief verborgen im dichten Grün des Denja-Dschungels. Ihre Heimat war ein Labyrinth aus gewaltigen Bäumen, schattigen Lichtungen und tückischen Sümpfen. Hier, in einer Welt, die von Feuchtigkeit und Leben durchdrungen war, herrschten raue Gesetze. Wie es für die Chimp üblich war, wurden Neugeborene für eine Woche allein im Wald ausgesetzt. Dies war das Ritual ihrer Initiation, ein Prüfstein, der entschied, wer leben und wer sterben durfte. Der Dschungel war sowohl ihre Wiege als auch ihr Richter. Die Mutter des Jungen zögerte nicht, als sie ihn auf den feuchten Boden des Waldes legte. Das Ritual war so alt wie der Stamm selbst, und Widerwille hatte in diesem Moment keinen Platz. Sie hatte ihn zur Welt gebracht, ja, doch ob er sein Leben behalten durfte, lag nicht in ihren Händen. Der Dschungel würde sein Urteil sprechen. Der Junge war kräftig. Seine kleinen Finger krallten sich bereits instinktiv in die Erde, und seine Schreie hallten wie ein trotziges Echo zwischen den Baumstämmen. Die Mutter beobachtete ihn kurz, ihr Blick hart, doch voller Stolz. Sie war sich sicher, dass er überleben würde. Seine Augen funkelten wie die eines Tieres, wild und ungebrochen. Ohne ein weiteres Wort kletterte sie geschmeidig die Bäume hinauf. Das Blätterdach verschlang sie, und die grüne Decke des Regenwaldes wurde zu ihrer letzten Umarmung für ihren Sohn. Einen letzten Blick warf sie zurück auf ihn, bevor sie verschwand. Nun war er allein. - ------------------------------------------------------------------------- Als die Mutter eine Woche später an die Stelle im Wald zurückkehrte, war sie voller Anspannung. Der Dschungel war unberechenbar, und obwohl sie sicher gewesen war, dass ihr Sohn überleben würde, nagte mittlerweile die Unsicherheit an ihr.  Doch was sie vorfand, übertraf ihre Vorstellungen: Ihr Sohn saß hoch oben in den Bäumen. Er hatte sich aus Ästen und Blättern ein kleines Baumhaus gebaut, das erstaunlich stabil wirkte. Selbst für einen Chimp, deren Entwicklung stets schnell verlief, war das außergewöhnlich. Ein Funke von Stolz flammte in ihrem Herz auf. Langsam näherte sie sich dem Baum, ihre Augen suchten die ihres Sohnes. Als sie schließlich näher kam und ihn erreichen konnte, streckte sie die Arme nach ihm aus. Sie wollte ihn in die Arme schließen, seinen vertrauten Geruch einatmen und spüren, dass er tatsächlich lebte. Doch noch bevor sie ihn wirklich berühren konnte, stieß er sie mit einer entschlossenen Bewegung zurück. Der Schlag war nicht stark, doch er war entschieden. Die Mutter hielt inne, überrascht von der Ablehnung. Einen Moment lang blickte sie ihn an, bevor sie erneut ihre Hand ausstreckte, eine Geste des Friedens. Doch er reagierte mit demselben Stolz, derselben Härte. Er schlug ihre Hand weg, und der Ausdruck in seinen Augen war klar: Er war unabhängig. Der Dschungel hatte ihn geformt, und seine Regeln hatten ihn stärker gemacht. Doch diese Stärke ließ keinen Platz für Zuneigung, keinen Raum für die Bindung, die sie sich so sehr wünschte. Es war in diesem Moment, dass die Mutter verstand. Der Dschungel hatte ihn als würdig erachtet. Er hatte ihn geprüft, und ihr Sohn hatte bestanden. Doch während der Dschungel ihn akzeptiert hatte, hatte er auch etwas von ihm genommen – seine Verbindung zu ihr. Der wilde, ungezähmte Geist des Waldes hatte ihn verändert, und sie gehörte nicht mehr zu seiner Welt. Mit schweren Schritten zog sie sich zurück, ihr Herz schmerzend vor Trauer. Dennoch, inmitten dieses Schmerzes, entbrannte eine stolze Flamme. Ihr Sohn hatte etwas erreicht, was nur wenige Chimp je geschafft hatten. Er war nicht mehr nur ein Kind – er war ein Überlebender, ein Symbol der Stärke. Und auch wenn sie es nicht wissen konnte, so ahnte sie bereits, dass ihr Sohn eines Tages der stärkste Chimp der Welt werden würde. - ------------------------------------------------------------------------- Der Chimp beschritt von nun an seinen eigenen Weg. Der Dschungel war sein Lehrmeister, und er wanderte durch die endlosen grünen Weiten, erkundete das Dickicht und die verborgenen Pfade, die nur wenige kannten. Er begegnete anderen Völkern, lernte von ihnen und ließ sich von ihrer Vielfalt inspirieren.  Jede Begegnung, ob mit freundlichen Händlern oder feindseligen Jägern, lehrte ihn etwas Neues. So kam es, dass er nicht nur die Sitten und Gebräuche der Menschen verstand, sondern auch ihre Sprache lernte – die Kaisersprache, die sich mittlerweile über den ganzen Kontinent ausgebreitet hatte. Von den Händlern, die die Randgebiete des Urwalds durchstreiften, hörte er zum ersten Mal von der Kaiserstadt. Eine Stadt, die nicht nur für ihren Reichtum, sondern auch für ihre Krieger berühmt war.  Zu diesem Zeitpunkt hatte der Chimp noch nie jemanden getroffen, der stärker war als er selbst. Jeder Kampf, jede Herausforderung, war zu einem weiteren Beweis seiner Überlegenheit geworden. Die Idee, in der Kaiserstadt vielleicht auf einen ebenbürtigen Gegner zu treffen, ließ sein Blut vor Aufregung kochen. Ohne zu zögern machte er sich auf den Weg. Sein Ziel war klar: Er wollte kämpfen, und zwar gegen die Besten. Der Gedanke an einen würdigen Gegner trieb ihn an, durch dichte Wälder, endlose Ebenen und unbekannte Territorien.  Das einzige, was er bei sich trug, war ein alter Kampfstab, den er tief im Herzen des Denja-Dschungels gefunden hatte. Dieser Kampfstab war kein gewöhnlicher. Er trug eine seltsame Energie in sich, die jede Form von Magie neutralisieren konnte, was ihn zum Albtraum eines jeden Magiers machte. Doch für den Chimp war der Stab mehr als nur eine Waffe – er war ein Symbol seiner Stärke und seines Stolzes. Als er schließlich die Kaiserstadt erreichte, war seine Ankunft alles andere als leise. Der mächtige Chimp marschierte durch die breiten Straßen der Stadt und verkündete lautstark seine Absichten. Seine raue Stimme hallte zwischen den hohen Gebäuden wider, und die Menschen wichen ehrfürchtig oder verängstigt zur Seite. ,,Ich bin gekommen, um den Stärrksten in derr Kaiserrstadt zu töten!’’ rief er, immer und immer wieder, an jeden gerichtet, der es hören wollte – und auch an die, die es nicht wollten. Die Botschaft war unmissverständlich. Die Kaiserstadt hatte einen neuen Herausforderer. - ------------------------------------------------------------------------- Es dauerte nicht lange, bis sich dem jungen Krieger ein Gegner stellte. Eine junge Frau trat aus der Menge hervor. Ihr langer, leuchtend roter Mantel flatterte hinter ihr wie eine brennende Flamme, während sie ihn mit eiskalten Augen fixierte. Ihre blonden Haare waren unter der Kapuze verborgen, doch ihr Blick schien direkt in seine Seele zu blicken.  Es war nicht nur die Schärfe ihrer Augen, die ihn innehalten ließ, sondern auch die absolute Selbstsicherheit, die von ihr ausging. Diese Haltung reizte ihn – und verunsicherte ihn zugleich. Ohne ein einziges Wort begann der Kampf. Die beiden Kontrahenten bewegten sich mit einer Eleganz, die einem Tanz glich. Ihre Bewegungen waren schnell, präzise und kraftvoll. Die Straßen der Kaiserstadt wurden zum Schauplatz ihres Duells, doch bald reichte ihnen der Platz nicht mehr.  Sie sprangen von einem Dach zum nächsten, während ihre Angriffe aufeinanderprallten wie Blitze in einem Sturm. Der Kampfstab des Chimps schwirrte durch die Luft, während er die Dolchstöße der Frau abwehrte. Anfangs gelang es ihm, ihre Angriffe zu parieren, und seine Überzeugung, stärker zu sein, wuchs. Doch bald merkte er, dass etwas nicht stimmte. Ihre Bewegungen waren unnatürlich flüssig, übermenschlich. Es schien, als könnte sie seine Angriffe vorausahnen. Jeder Schlag, den er führte, verpuffte ins Leere, und jeder Ausweichschritt, den sie machte, wirkte wie eine perfekte Antwort auf seine Taktik. Währenddessen wurde die Stadt um sie herum immer mehr in Mitleidenschaft gezogen. Zerbrochene Dächer, gesplitterte Mauern und aufgeschreckte Bewohner zeugten von der Intensität ihres Kampfes. Mit jeder Minute, die verging, spürte der Chimp, wie die Chance zu gewinnen ihm entglitt. Er kämpfte härter, schneller, doch sein Atem wurde schwerer, und seine Bewegungen begannen an Präzision zu verlieren. Sie hingegen schien kaum angestrengt, als würde sie den Kampf genießen. Es war das erste Mal in seinem Leben, dass er an seiner eigenen Überlegenheit zweifelte. Plötzlich, ohne Vorwarnung, wurden beide Kämpfer von einer unsichtbaren Kraft zu Boden geschleudert. Der Aufprall ließ den Boden erbeben, und Staub wirbelte in die Luft. Als der Chimp aufblickte, stand eine schwarze Frau zwischen ihnen.  Ihr Afro rahmte ihr Gesicht wie eine dunkle Krone, und ihre Haltung strahlte eine Autorität aus, die nicht von dieser Welt war. Ihre Stimme war ruhig, aber sie schnitt durch die angespannte Stille schärfer als jedes Schwert. ,,Hört sofort auf!’’ befahl sie. Der Chimp konnte sich nicht rühren. Sein Körper war wie gelähmt, nicht durch Angst, sondern von der schieren Präsenz dieser Frau. Sie hatte keine Waffe gezogen, keinen Schlag geführt, und doch wusste er, dass sie ihn mit einer einzigen Bewegung hätte vernichten können. Die blonde Kriegerin, die ihn zuvor an den Rand der Niederlage gebracht hatte, erhob sich langsam, doch auch sie wagte es nicht, die ihm Fremde zu hinterfragen. Es war eine demütigende Erkenntnis. Die blonde Frau war stärker als er, das hatte er bereits akzeptiert. Doch diese schwarze Frau – sie war auf einem ganz anderen Level. Er wusste instinktiv, dass er sie selbst nach tausenden Jahren Training nicht hätte besiegen können. Wieder erwarten wurde er verschont. Die Frau warf ihm keinen weiteren Blick zu, bevor sie sich der blonden Kämpferin zuwandte. Ohne ein weiteres Wort bedeutete sie ihm, zu gehen.  Zögernd, seine Niederlage an seinem Stolz nagend, drehte der Chimp sich um und zog sich zurück. Doch während er sich entfernte, schwor er sich, dass dies nicht das Ende sein würde. Er dachte nicht daran, die Kaiserstadt zu verlassen. Der stärkste Kämpfer der Kaiserstadt – oder wem auch immer dieser Titel gehörte – war immer noch sein Ziel. - ------------------------------------------------------------------------- Miguel Astradis war einer der reichsten Händler der Kaiserstadt. Sein Name war in den oberen Kreisen ein Synonym für Erfolg und Reichtum, doch Stärke war keine seiner Eigenschaften. Für den Chimp war es ein Leichtes, sich Miguel zu entledigen und sein immenses Vermögen für sich zu beanspruchen. Mit dem neu gewonnenen Gold ließ der Chimp eine Kampfarena in der Kaiserstadt bauen. Das Prinzip war so simpel wie brutal – und genau deshalb so erfolgreich. In dieser Arena würden Herausforderer gegen sieben Gegner antreten. Jeder Gegner war stärker als der vorherige, eine stetig steilere Treppe aus Kraft, Geschick und tödlicher Präzision. Und wenn es ein Herausforderer schaffen sollte, die ersten sechs Gegner zu besiegen, würde der siebte Gegner der Chimp selbst sein. Diese Arena war mehr als ein bloßes Vergnügen für ihn. Sie war seine persönliche Trainingsstätte, sein Spielfeld, auf dem er seine Grenzen testen und erweitern konnte. Es war eine perfekte Symbiose aus Unterhaltung und Selbstverbesserung, ein Ort, an dem nur die Stärksten Anerkennung fanden. Die Arena wurde schnell ein etablierter Bestandteil des Lebens in der Kaiserstadt. Die Menschen strömten in Scharen herbei – gemeine Bürger und Adlige gleichermaßen – um die spektakulären Kämpfe zu sehen. Blut, Schweiß und triumphale Siege fesselten die Massen, und die Geschichten über die Arena verbreiteten sich wie ein Lauffeuer. Eines Tages, während die Arena von lauten Rufen und tosenden Jubel erfüllt war, betrat eine bekannte Gestalt den Kampfplatz. Die blonde Frau, die ihn einst an den Rand der Niederlage gebracht hatte, stand plötzlich vor ihm. Ohne Mühe besiegte sie die ersten sechs Gegner. Der Chimp, voller Vorfreude auf den ultimativen Kampf, machte sich bereit, erneut gegen sie zu kämpfen.   Die Frau hingegen machte ihm schnell klar, dass sie nicht gekommen war, um erneut gegen ihn anzutreten.  Stattdessen bot sie ihm etwas an, das seinen Ehrgeiz direkt ansprach: eine Möglichkeit, sich den Kaiserlichen Kopfgeldjägern, der Eliteeinheit des Kaisers, anzuschließen. Diese Einheit, berüchtigt für ihre Stärke und Unerbittlichkeit, schien genau das zu verkörpern, wonach der Chimp suchte. Das Angebot; Mit den Besten kämpfen und die eigenen Fähigkeiten erweitern, war zu verlockend, um es zu ignorieren. Der Preis für diese Aufnahme war ungewöhnlich. Die Frau machte unmissverständlich deutlich, dass er erst beweisen musste, dass er seinen Platz in dieser Eliteeinheit verdient hatte. Sein Auftrag war simpel: Er sollte den dritten Kopfgeldjäger der Einheit töten. Es war nicht nur ein Test seiner Stärke, sondern auch seiner Entschlossenheit, sich den hohen Anforderungen der Kopfgeldjäger zu stellen. Für den Chimp war es keine schwere Entscheidung. Die Aussicht, Teil dieser gefürchteten und gleichzeitig respektierten Elite zu werden, überwog jede moralischen Bedenken. Sein Blick war frei von Zweifel, als er das Angebot ohne zu zögern annahm. - ------------------------------------------------------------------------- Der Chimp hatte sich auf einen schwierigen Kampf eingestellt, als er schließlich dem Erzmagier gegenübertrat, der den dritten Platz unter den Kaiserlichen Kopfgeldjägern innehatte. Die Erwartung eines herausfordernden Duells ließ sein Herz schneller schlagen. Er hatte sich auf Magie vorbereitet, auf mächtige Zauber und geschickte Illusionen, die ihn an seine Grenzen bringen würden.  Zu seiner Überraschung – und seiner Enttäuschung – war der Dracharenmagier kein Gegner, der ihm das Wasser reichen konnte. Der Kampfstab, den er bei sich trug und der jede Magie neutralisieren konnte, machte ihn seinem Gegner weit überlegen.  Was als spannender Test seiner Fähigkeiten dienen sollte, wurde zu einer bloßen Machtdemonstration seinerseits. Mit jedem blockierten Zauber und jedem nutzlosen Angriff seines Gegners schwand das Interesse des Chimps an diesem Kampf. Der Sieg war unvermeidlich, und das wusste er. Doch anstatt den Dracharenmagier zu töten, entschied sich der Chimp anders. Er schickte seinen Gegner fort, ließ ihn leben. Töten war für ihn eine Frage der eigenen Entscheidung. Er wollte nicht nach den Regeln anderer spielen, selbst wenn es sich um die Kaiserlichen Kopfgeldjäger handelte. Das Töten, so dachte er, sollte aus eigenem Antrieb geschehen, nicht auf den Befehl eines anderen. Trotz dieser unerwarteten Wendung wurde sein Sieg anerkannt. Die anderen Kopfgeldjäger, die ihn beobachtet hatten, mussten zugeben, dass er bewiesen hatte, dass er stark genug war, um zu ihnen zu gehören. Und so wurde er in die Reihen der Kaiserlichen Kopfgeldjäger aufgenommen, ein Schritt, der seinen Ruhm im Kaiserreich weiter festigte.  Seither ist er bekannt als einer der stärksten und gefürchtetsten Krieger des Landes – Bunj, der Chimp, der seinen eigenen Weg geht.

  • Kapitel 72 - Schicksalnacht

    Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, führte Liams Weg ihn nach Kartaffel. Der Wind trug den scharfen Biss des vergangenen Winters mit sich, und obwohl es offiziell Frühling war, lag die Festungsstadt noch immer in einem Mantel aus Eis und Schnee. Die Straßen waren still, fast trostlos, während eisige Böen zwischen den Häusern hindurchzogen. Einzig das gleichmäßige Traben von Himmel bildeten einen Kontrast zu der kalten Stadt. Liam zog seinen Mantel enger um die Schultern und biss die Zähne zusammen. Sein Ziel war die Taverne, die sein Kontaktmann ihm genannt hatte, ein Unterschlupf inmitten der gefrorenen Stadt. Der Name klang in seinem Kopf wider: ,,Schneeweißer Hirsch’’ . ,,Boss, was machen wir als nächstes?’’ Ralfs Stimme hallte leise in der stillen Gasse, die sie durchquerten. Sie klang fast verloren in der Kälte. Liam sah zu ihm hinüber und zwang sich zu einem dünnen Lächeln. ,,Wir treffen einen alten Freund von mir. Er wird uns helfen, den nächsten Schritt zu planen.’’ Seine Worte klangen ruhig, doch innerlich spürte er noch immer die Narben der Ereignisse in der Kaiserstadt. Der Schmerz lag wie ein Schatten auf seinem Herzen, stets präsent, auch wenn er versuchte, ihn zu verdrängen.  Schweigend folgte Theol ihm, sein schuppenbesetzter Vishap-Körper kaum mehr als eine drohende Silhouette im fahlen Licht. Er hatte seit Tagen kaum gesprochen, und Liam konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob Theol ihn für seine Entscheidungen verurteilte. Der Gedanke nagte an ihm, doch er schob ihn beiseite. Sie erreichten die Kreuzung, die zur Taverne führte, doch plötzlich blieb Liam stehen. Seine Augen fixierten ein kleines Fenster in einem der bescheidenen Häuser entlang der Straße. Er spürte, wie seine Beine jede Bewegung verweigerten. ,,G-Geht schon mal vor, ich komme gleich nach.’’ Liams Stimme war zittrig, fast brüchig. Er konnte fühlen, wie Ralf ihn skeptisch musterte, aber bevor dieser etwas sagen konnte, legte Theol eine kräftige Hand auf seine Schulter und zog ihn wortlos mit sich fort. Liam war dankbar dafür.  Langsam näherte er sich dem Fenster, seine Schritte knirschten leise im Schnee. Sein Atem bildete kleine Wolken, als er vorsichtig einen Blick ins Innere warf. Es war ein einfacher Raum, schlicht eingerichtet, mit einem hölzernen Tisch in der Mitte. Ein älterer Mann mit schneeweißem Bart und grauen Haaren saß dort, in eine Unterhaltung vertieft. Doch es war nicht der Mann, der Liams Aufmerksamkeit fesselte. Es war die rothaarige Frau, die ihm gegenüber saß. Ihre Haare fingen das schummrige Licht des Raumes ein, und obwohl sie sich leicht verändert hatte, erkannte Liam sie sofort. ,,Roxy… du lebst’’, flüsterte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch. Ein Funken Hoffnung, klein und zerbrechlich, begann in seiner Brust zu glimmen. Seine Finger gruben sich unwillkürlich in das Fensterbrett, während sein Blick wie gebannt an der Szene im Inneren haftete. - ------------------------------------------------------------------------- Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, wurde ein kameristisches Kloster samt des umliegenden Dorfes nahe der Wüstenstadt Karintes vollkommen ausgelöscht. Der heiße Wüstensand wirbelte durch die toten Straßen, und die Sonne warf erbarmungslose Schatten über die reglosen Körper der Dorfbewohner. Vinc Glitt, ein Soldat der Stadtwache von Karintes, trat vorsichtig durch den Sand. Seine Augen wanderten über die Toten, suchten nach einer Erklärung. Doch abgesehen von der gespenstischen Stille war keine Spur eines Angriffs zu erkennen. Kein Rauch, keine zerbrochenen Waffen – nur die Leichen, die verstreut lagen wie Puppen, denen das Leben entrissen worden war. [???] ,,Vinc, was glaubst du, was das zu bedeuten hat?’’ Die Stimme seines Begleiters durchbrach die drückende Stille. Ramon, ein hochgewachsener Lupid mit silbrigen Fellflecken, stand ein paar Schritte hinter ihm und musterte die Umgebung mit einer Mischung aus Unbehagen und Neugier. Vinc sah über die Schulter zu ihm und zuckte mit den Schultern. ,,Ich weiß es nicht, Ramon. Aber es ist seltsam. Komm, sehen wir uns das Kloster genauer an.’’ Ramon nickte und folgte Vinc, als dieser auf das Gebäude zuging. Das Kloster war klein und schlicht, seine Sandsteinwände waren alt, aber wirkten stabil. Die Hitze der Wüste hatte die Farbe des Steins zu einem fahlen Braun ausgebleicht. Die schwere Holztür war leicht geöffnet und knarrte leise, als Vinc sie aufstieß. Drinnen war es kühl, aber kaum weniger bedrückend. Der Raum war schlicht eingerichtet: ein paar kameristische Glaubensschriften lagen ordentlich gestapelt, daneben standen kleine Krüge mit Weihwasser. Kerzenreste waren in groben Leuchtern verteilt. Von einem prunkvollen Kloster war hier nichts zu sehen – es war kaum mehr als eine größere Kapelle.  ,,Warum wurde dieser Ort als Kloster geführt?’’ Vinc sprach mehr zu sich selbst als zu Ramon. Er trat vor und ließ seinen Blick über die Wände gleiten. Nichts an diesem Ort rechtfertigte den Titel eines Klosters. Es war bescheiden, beinahe karg. Sein Blick blieb an einem abgenutzten Teppich in der Ecke des Raumes hängen. Die Farben waren verblasst, aber die Art, wie er dalag, weckte Vinc’ Misstrauen. Langsam näherte er sich, beugte sich hinunter und zog daran. Als der Teppich sich mit einem schabenden Geräusch löste, kam darunter ein magischer Zirkel zum Vorschein. ,,Wusste ich's doch.’’ Vinc lächelte zufrieden, als er die kunstvoll gezeichneten Linien und Symbole betrachtete. Die Luft um den Zirkel schien ein wenig kühler, als hätte der Zauber noch einen Rest seiner Macht bewahrt. Er rief Ramon zu sich, und gemeinsam traten sie zögernd auf die Symbole. Plötzlich verschwand eine der Wände mit einem leisen Knistern. Dahinter kam ein dunkler Gang zum Vorschein, der in die Tiefe führte. Vinc zog eine Fackel aus seiner Tasche und murmelte einen kurzen Feuerzauber. Die Flamme sprang mit einem sanften Zischen auf, und das warme Licht beleuchtete die ersten Meter des Ganges. ,,Bereit?" Vinc sah Ramon an, und der Lupid nickte stumm. Gemeinsam traten sie in die Dunkelheit, ihre Schritte hallten in dem kalten Korridor wider. Der Gang führte abwärts, und die Fackel ließ Schatten über die Wände tanzen. Vinc betrachtete die Wandmalereien, die sie passierten. Sie waren nicht wie die üblichen Darstellungen der Göttin Kamera, die er in anderen Klöstern gesehen hatte. Stattdessen zeigten sie Engel und Dämonen in einem merkwürdigen Zusammenspiel aus Kampf und Koexistenz. Die Bilder wirkten alt, älter als das Gemäuer selbst. [???] ,,Ihr seid etwas zu spät, Schoßhund.’’ Eine raue, rasselnde Stimme ließ die beiden innehalten. Vinc hob die Fackel höher und sah einen Mann am Ende des Ganges stehen. Der Mann war ein Drachar, seine schwarzen Schuppen glänzten im flackernden Licht. Er wirkte schmächtig und doch strahlte er Selbstvertrauen aus, mit einer Haltung, die nichts Gutes verhieß. In seiner Hand hielt er einen kleinen Stein, der seltsam funkelte. Eine alte, fast vergessene Schrift war darauf eingraviert. Vinc’ Augen verengten sich, als er den Drachar erkannte. Sein Herz schlug schneller, doch er bewahrte äußerlich die Ruhe. Dieser Mann war kein Unbekannter. Es war der ehemalige dritte Kaiserliche Kopfgeldjäger. - ------------------------------------------------------------------------- Während Leyla ihren ersten Schritt in ihr neues Leben als Kopfgeldjägerin wagte, stand Kaiser Verion III. auf seinem prächtigen Balkon, der an sein Schlafgemach im obersten Stockwerk des Kaiserpalastes angrenzte. Von hier aus konnte er die gesamte Kaiserstadt überblicken. Der Balkon war ein Ort, der Macht und Luxus gleichermaßen ausstrahlte. Neben dem goldenen Thron, auf dem Verion saß, sprudelte ein magischer Springbrunnen. Statt Wasser floss daraus ein satter, rubinroter Wein, der sich in glitzernden Strahlen ergoss. Die Stadt unter ihm lag still und friedlich im Schlaf, ihre Dächer glitzerten silbern im Mondlicht. Neben ihm stand Yang, die makellose Leibwächterin, die unerschütterlich an seiner Seite blieb. Ihr Blick war auf die Ferne gerichtet, ihre Haltung wie immer gerade und wachsam. ,,Ich habe Kunde darüber erhalten, dass dein Sohn, Eugenius, auf seinem Weg nach Welldyl entführt wurde.’’ Yangs Stimme war ruhig und klar, doch ein Hauch von Zurückhaltung schwang darin mit. Sie war die einzige, die es wagte, so direkt mit dem Kaiser zu sprechen, eine Vertrautheit, die er nur ihr erlaubte. Verion wandte sich leicht zu ihr um und musterte ihr Gesicht. Es war ausdruckslos, wie so oft, aber ihre Worte reichten aus, um seine Gedanken in Bewegung zu setzen. ,,Weißt du, wer ihn entführt hat?’’ Seine Stimme war tief und gleichmütig, doch etwas an der Nachricht ließ ihn innehalten. Er hatte Eugenius erst vor wenigen Tagen aus dem Kaiserreich verbannt. Die Entscheidung war ihm nicht leichtgefallen, doch die Regeln des Prinzenspiels waren unumstößlich – ein Spiel, das er selbst zum Wohle des Kaiserreichs ins Leben gerufen hatte. Ein Spiel, das unerbittlich war. ,,Die Kaiserliche Kopfgeldjägerin Nea, soweit die Berichte stimmen. Soll ich sie herbeirufen?’’ Yang sprach sachlich, ohne jede Wertung, doch Verion wusste, dass Nea einen besonderen Platz in jedem von Yangs Herzen hatte. ,,Nein, das ist nicht nötig.’’ Er schüttelte den Kopf und richtete seinen Blick wieder auf die Stadt unter ihm. ,,Sie hat nur die Freiheiten ausgenutzt, die ihr Posten ihr zugesteht. Eugenius ist nicht mehr mein Sohn.’’ Seine Worte klangen endgültig, ohne Groll oder Bedauern – nur nüchterne Feststellung. Yang nickte stumm. Sie hatte keine weiteren Fragen. Es war typisch für sie, nur das Nötigste zu sagen, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Verion lehnte sich zurück und griff nach einem Glas Wein, das auf einer kleinen goldenen Anrichte neben ihm stand. Während er einen Schluck nahm, wanderte sein Gedanke zu der neuen Kopfgeldjägerin, die er erst vor einem halben Tag in ihren Rang erhoben hatte. ,,Leyla, hmm…’’ Er sprach den Namen langsam, ließ ihn über die Zunge rollen, als wollte er sein Gewicht prüfen. Vielleicht würde sie nützlich sein.  ,,Eine Sache noch, Yang.’’ Seine Stimme war ruhig, doch ein Hauch von Neugier schwang darin mit. ,,Ja, ich höre Verion?’’ Yang drehte sich zu ihm, die goldenen Akzente ihrer weißen Kleidung funkelten im Mondlicht. ,,Lass der Neuen, Leyla, bitte zügig einen Auftrag zukommen. Ich will sehen, wie sie sich schlägt.’’ Er nahm einen weiteren Schluck Wein und betrachtete die Oberfläche des magischen Brunnens, die das Licht der Sterne reflektierte. ,,Schick ihr ruhig Nea oder Bunj als Begleitung mit. Sie sollen jedoch nur eingreifen, wenn es absolut notwendig ist.’’ Yang nickte erneut, nahm es zur Kenntnis, ohne weitere Fragen zu stellen. Sie schenkte sich ein weiteres Glas Wein ein und trat an seine Seite. Gemeinsam richteten sie ihren Blick in den klaren Sternenhimmel, das leise Plätschern des Brunnens unterbrach die ansonsten lautlose Nacht. Ende von Ark II

  • Kapitel 71 - Abschied vom alten Ich

    Leise Schritte hallten durch den ehrfurchtgebietenden Thronsaal. Jeder Schritt schien von einer Autorität durchdrungen, die unmissverständlich klar machte, wem sie gehörten. Der Klang der Stiefel auf dem kalten Marmor erfüllte den Raum mit einer fast unheimlichen Resonanz, die Leyla das Gefühl gab, dass jeder Atemzug ihr letzter sein könnte. Im Saal befanden sich nur vier Personen. Leyla kniete in respektvoller Haltung auf dem Boden, ihre Stirn berührte die kühlen Marmorfliesen. Diese Geste war ihr von Bunj beigebracht worden, ein Ritual, das Respekt symbolisieren sollte. Respekt, den sie in Wahrheit nicht empfand, aber das spielte keine Rolle. Es war eine Fassade, die sie aufrechterhalten musste. Neben ihr stand Yang. Die Beschützerin des Kaisers, die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, und zweifellos die stärkste Person des Kaiserreichs. Leyla hatte nur einen kurzen Blick auf sie erhaschen können, doch das reichte aus, um zu wissen, dass sie nicht nur stark, sondern geradezu furchteinflößend war. Ihre Schönheit wirkte unnahbar, unwirklich, und Leyla spürte die gewaltige Aura der Macht, die von Yang ausging, als wäre sie greifbar. Der dritte Anwesende war der Kaiserliche Minister, der die Zeremonie überwachte. Er hatte kurze, feuerrote Haare und trug einen ebenso roten Mantel, der ihn wie eine flackernde Flamme wirken ließ. Yaga hatte sie vor ihm gewarnt: Selfmun Aragi – der rote Teufel. Der Mann galt als unerbittlich, ehrgeizig und skrupellos. Sein Spitzname war nicht nur Zierde, sondern eine Warnung. Und dann war da noch derjenige, dessen Schritte durch den Raum widerhallten und dessen bloße Anwesenheit die Luft verdichtete: Kaiser Verion III., der Herrscher des gesamten Kontinents.  Leyla spürte, während Kloß in ihrem Hals wuchs, während sie sich bemühte, ihre Nervosität zu verbergen. Nur wenige Meter trennten sie von dem mächtigsten Mann der Welt, dem Symbol für alles, was ihr Schicksal jetzt bestimmte. Mit einer gemächlichen, aber bestimmten Bewegung ließ sich der Kaiser auf seinem imposanten Thron nieder. Ein leises Rascheln der goldenen Gewänder war das einzige Geräusch, bevor er zu sprechen begann. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Vor mir kniet heute eine junge Frau, die in einem Duell auf Leben und Tod den Sieg errungen hat.’’ Die Worte des Kaisers hallten durch die gewaltige Halle, klar und unerschütterlich. Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug, als seine Stimme das Echo in den hohen Wänden fand. ,,Gemäß der Tradition erhält sie hiermit einen Platz in der heiligen Einheit, die dem Thron und einzig dem Thron dient.’’ Der Raum war erfüllt von einer ehrfürchtigen Stille. Nichts war zu hören außer der Stimme des Kaisers und dem widerhallenden Klang seiner Worte. ,,Sprich, Dienerin: Gelobst du dem Kaiser und einzig dem Kaiser die Treue zu schwören?’’ Bunj hatte sie darauf vorbereitet. Sie hatte die fünf Fragen unzählige Male geübt. Nun galt es, die Antworten klar und fest auszusprechen. ,,Ich gelobe es!’’ Ihre Stimme war laut, doch ihre Nervosität ließ sich nicht vollständig verbergen. ,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, die Feinde des Thrones auszulöschen und die Krone zu schützen?’’ ,,Ich gelobe es!’’ Leyla fühlte, wie die Worte aus ihr hervordrangen, beinahe automatisch. ,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, dein Leben zu geben, wenn dies erforderlich wird?’’ ,,Ich gelobe es!’’ Ihre Stimme wurde sicherer, das Zittern war kaum mehr wahrnehmbar. ,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, das Reich zusammenzuhalten und jegliche Bedrohung im Keim zu ersticken?’’ ,,Ich gelobe es!’’ Ein kurzer Moment der Beklemmung überkam sie, doch sie drängte ihn beiseite. ,,Sprich, Dienerin: Gelobst du, die heilige Göttin Kamera zu ehren und den wahren Glauben zu schützen?’’ ,,Ich gelobe es!’’ Die Worte waren nun klar und stark, ihre Nervosität wich einem Gefühl der Erleichterung. Die Stille, die nach den letzten Worten eintrat, ließ den Thronsaal noch größer erscheinen. Leyla spürte, wie der Wortwechsel in ihren Gedanken widerhallte, wie ein immer leiser werdender Nachklang eines Glockenschlags. Sie war erleichtert – es war genauso abgelaufen, wie Bunj es ihr erklärt hatte. ,,Dann erkläre ich, Verion, Kaiser des Reiches und dritter meines Namens, dich, Leyla, hiermit zur Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Erhebe dein Haupt!’’ Die Worte waren voller Autorität und Gewicht, und Leyla konnte nicht anders, als an die Stimme von Eugenius zu denken. Sie hatten eine ähnliche Kälte, einen ähnlichen Klang, obwohl die Macht des Kaisers ungleich größer war. Leyla hob langsam den Kopf und wagte, den Kaiser direkt anzusehen. Sein langes, blondes Haar fiel wie ein goldener Umhang über seine Schultern, und sein ebenso goldener, voller Bart unterstrich seine imposante Erscheinung. Sein Blick war streng und kühl, sein Gesichtsausdruck reglos, als wäre er eine lebende Statue.  Er trug einen goldenen Mantel, der über einer strahlend weißen Rüstung lag. Doch das beeindruckendste Detail war die Krone. Sie funkelte, besetzt mit Edelsteinen, die das Licht der Halle einfingen und reflektierten, ein Symbol seiner unerschütterlichen Macht. Leyla hielt seinem Blick für einen Moment stand. Ihr Herz schlug schneller, doch sie senkte den Kopf nicht. Der Kaiser musterte sie abschließend, bevor er sich umdrehte und hinter dem Thron verschwand, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Zurück blieben Leyla, Yang und Selfmun Aragi. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte Erleichterung, doch der Moment des Durchschnaufens war kurz. Eine schwere Hand legte sich auf ihre Schulter. Als sie aufsah, blickte sie in das Gesicht von Selfmun Aragi. Der Mann, der vielleicht Mitte dreißig war, trug ein warmes Lächeln, das seine Augen jedoch nicht erreichte. ,,Leyla, herzlichen Glückwunsch!” Seine Hand drückte fest auf ihre Schulter, die Wärme seines Tons täuschte nicht über die Kälte in seiner Stimme hinweg. ,,Ich habe deinen Weg seit deiner Zeit in Malyl verfolgt. Ich erwarte Großes von dir.’’ Mit diesen Worten ließ er sie stehen und schritt gemächlich in Richtung eines der Seitengänge, die aus dem Thronsaal führten. Leylas Gedanken überschlugen sich. ,,Meine Zeit in Malyl? Wie kann das sein?’’  Eine Welle aus Verwirrung und Unbehagen breitete sich in ihr aus. ,,Das war, bevor ich Bournadette begegnete… bevor ich den Stein fand. Wie konnte er mich schon damals kennen?’’ Eine andere, noch beunruhigendere Frage nagte an ihr. Was war diese Aura, die von ihm ausging? Es fühlte sich an, als wäre da etwas Fremdes, Mächtiges an seiner Seite – etwas, das sie nicht sehen, aber deutlich spüren konnte. Eine andere Stimme riss sie aus ihren Gedanken. ,,Ich begleite dich aus dem Palast. Wollen wir uns einen Moment unterhalten?’’ Yangs Ton war distanziert, aber freundlich, ihre Worte wirkten fast einladend. Doch Leyla hatte das Gefühl, als verschließe Yangs Macht ihren Mund, und sie konnte nur stumm nicken. Ohne ein weiteres Wort folgte sie ihr. Gemeinsam verließen sie den Thronsaal und traten in den Kaisergarten hinaus – den größten der vier Palastgärten. Der weitläufige Garten erstreckte sich vor ihnen wie ein stiller Traum. Auf einem großen See glitten Schwäne wie geisterhafte Schatten über das Wasser, während das Plätschern eines sanft fließenden Baches die Stille durchbrach. Vögel zwitscherten leise in den Bäumen. Yang sprach ruhig weiter. ,,Lass dich von Bunj oder Nea einweisen. Sie werden dir alles erklären. Löse deine Probleme selbst und befolge die Befehle unseres Kaisers.’’ Ihre Stimme hatte etwas Unverrückbares, etwas Absolutes. Leyla nickte erneut. Das meiste war ihr bereits erklärt worden. Sie dachte an die Worte, die Nea ihr mitgegeben hatte. Die meisten Befehle würden an die gesamte Einheit erteilt werden. Es lag an den anwesenden Mitgliedern, die Aufgaben unter sich aufzuteilen. Manchmal würden spezifische Aufträge direkt an einzelne Mitglieder gehen. Nea hatte auch erwähnt, dass es viele Freiräume gab. Wie sie ihre Aufträge erledigte, war Leyla weitestgehend selbst überlassen – und sie würde tatsächlich eine gewisse Freiheit genießen können. Yang hielt an und wandte sich zu Leyla. ,,Hast du dich bereits für einen Diener entschieden?’’ Die Frage traf Leyla unerwartet, und sie spürte einen Stich in der Brust. Ihr ursprünglicher Plan war gewesen, Filia als ihre Dienerin auszuwählen. Doch mit dem Tod durch den  Kronprinzen war das unmöglich geworden. Langsam schüttelte sie den Kopf. ,,Ich verstehe.’’ Yangs Gesicht blieb ausdruckslos, ihre Stimme verriet weder Mitgefühl noch Urteil. Sie griff in eine ihrer Taschen und holte ein kleines Medaillon hervor. Es war schwarz, mit filigranen goldenen Verzierungen. Ein Schwert – oder war es ein Dolch? – prangte in der Mitte. Über dem Knauf und unter der Klinge war der Buchstabe ,,K’’ eingraviert. ,,Hiermit erhältst du Zugang zu jedem Ort im Kaiserreich – abgesehen vom Kaiserpalast.’’  Yang reichte ihr das Medaillon, und Leyla nahm es mit leicht zitternden Fingern entgegen. ,,Wenn du es vorzeigst, erhältst du jede Ware oder Dienstleistung, die du benötigst, ohne zu bezahlen. Trage es immer bei dir.’’ Leyla nickte stumm, weiterhin unfähig, etwas zu sagen. Ihre Gedanken waren zu chaotisch, um die Worte zu formen. Gemeinsam gingen sie weiter, bis sie die erste Hauptstraße der Kaiserstadt erreichten – die prachtvolle Kaiserstraße. Yang blieb stehen. ,,Wir sehen uns, Leyla.’’ Mit diesen Worten drehte sie sich um und ging zurück in Richtung Palast. Leyla blickte ihr lange nach, bevor sie einen tiefen Atemzug nahm. Endlich fühlte sie sich etwas leichter. ,,Ich habe es geschafft’’, murmelte sie leise zu sich selbst, bevor sie sich wieder auf den Weg machte – zu ihrem neuen Zuhause, zu ihrer neuen Zukunft. - ------------------------------------------------------------------------- Es war bereits dunkel, als Leyla die schwere Tür zum Hauptquartier aufschob. Die Eingangshalle war in gedämpftes Licht getaucht, und der Gemeinschaftsraum lag in einer stillen, fast friedlichen Dunkelheit. Kein anderer Kopfgeldjäger war zu sehen. Ein leiser Seufzer entwich ihr. Nach dem langen Tag war sie erleichtert, allein zu sein. Sie brauchte keinen Smalltalk oder Gesellschaft, nur Ruhe. Langsam machte sie sich auf den Weg zu ihrem Bereich – ihrem neuen Zuhause. Als sie die Tür zu ihrem Wohnzimmer öffnete, war ihr erster Gedanke, direkt ins Bett zu fallen. Doch dann… ,,Heyhey, Leyley. Wie lief es?’’ Neas fröhliche Stimme hallte durch den Raum. Leyla blieb stehen, überrascht. Nea saß entspannt in einem ihrer Sessel, ihre Beine lässig über die Armlehne geschwungen. In ihrer Hand hielt sie einen Krug, aus dem der Duft von Bier stieg. ,,Setz dich zu mir, lass uns trinken!’’ Leyla spürte, wie ihre Schultern leicht absanken. Widerstand war bei Nea ohnehin zwecklos. Erschöpft ließ sie sich in den Sessel neben ihr fallen. Ohne zu zögern schenkte Nea ihr einen Krug ein. ,,Es lief gut’’, antwortete Leyla knapp, während sie einen großen Schluck nahm. Das Bier war kühl und erfrischend, und sie spürte, wie die Müdigkeit sich ein wenig legte. ,,Aber ich bin wirklich müde.’’ ,,Ach, nur noch ein bisschen, Leyley! Ich habe auch ein Geschenk für dich!’’ Neas Augen leuchteten, und ein stolzes Lächeln umspielte ihre Lippen. Leyla hob eine Augenbraue. Ein Geschenk? Was hatte sie jetzt schon wieder vor? Sie seufzte. ,,Alles klar, was für ein Geschenk?’’ ,,Komm mit, ich zeig’s dir!’’ Nea sprang aus dem Sessel, ihre Bewegungen so aufgeregt, dass etwas Bier auf den Sessel schwappte. Leyla öffnete den Mund, um sie zu ermahnen, schloss ihn dann aber wieder. Es hatte keinen Zweck. ,,In deinem Arbeitszimmer!’’ Nea griff nach Leylas Hand und zog sie mit sich. Leyla hatte keine Zeit zu reagieren; Neas Kraft überraschte sie immer wieder. Ehe sie sich versah, wurde sie in Richtung der Tür gezerrt.  Nea stieß die Tür zum Arbeitszimmer auf, die mit einem lauten Knall gegen die Wand prallte. Leyla konnte nur den Kopf schütteln. Die Energie des Mädchens schien grenzenlos zu sein. Sie trat in das Zimmer und blieb wie angewurzelt stehen.  Ihre Augen weiteten sich, als sie das Geschenk sah. Wut und eine unheilvolle Befriedigung schwappten wie eine Welle über sie. Ein unbewusstes Grinsen legte sich auf ihre Lippen. Vor ihr lag der ehemalige Kronprinz Eugenius, gefesselt und geknebelt. Seine Augen starrten sie an, erfüllt von einer Mischung aus Angst und Zorn.  ,,Tada!’’ Neas Stimme war voller Stolz, ihre Hände auf ihre Hüften gestützt. ,,Und? Freust du dich, Leyley?’’ Leyla trat näher, ihr Blick bohrte sich in den des Prinzen. Ihre Stimme war kühl, fast tonlos. ,,Wie hast du ihn hierher gebracht?’’  Nea setzte sich mit einem triumphierenden Lächeln auf einen der Stühle. ,,Ach, das war voll einfach. Er hat ja seinen Status verloren, also hab ich ihn einfach gefangen und hierher getragen. Kein Problem!’’ Sie sprach, als hätte sie einen Sack Mehl geschleppt und nicht einen Mann, der einst Macht und Einfluss besessen hatte. Leyla hörte die Worte, doch ihr Fokus lag auf Eugenius. Vor nicht allzu langer Zeit hätte sie ihn vielleicht verschont. Doch diese Version von Leyla existierte nicht mehr. Sie war durch Blut gegangen, hatte mehr als einmal getötet. Skrupel, die sie einst zurückgehalten hatten, waren längst abgestorben. - ------------------------------------------------------------------------- Langsam zog Leyla dem gefallenen Prinzen den Knebel aus dem Mund. Ihre Bewegungen waren absichtlich gemächlich, fast genüsslich. ,,Na, Eugenius?’’ Ihre Stimme war ruhig, aber ihre Augen glitzerten vor unterdrücktem Zorn. ,,Witzig, wie sich das Blatt gewendet hat, hmm?’’ ,,Wie kannst du es wagen, mich so anzusprechen?’’ spuckte Eugenius, seine Augen vor Wut funkelnd. Doch Leyla konnte das unterdrückte Zittern in seiner Stimme hören. ,,Du bist nichts weiter als eine Straßenhure! Ihr werdet bitter dafür bezahlen, mich eingesperrt zu haben. Los, befreit mich, und vielleicht lasse ich euch am Leben!’’ Leyla schnaubte amüsiert und grinste unbeeindruckt. ,,Ach, ich dachte, ich wäre jetzt über dir im Rang?’’ Sie warf Nea einen sarkastischen Blick zu. ,,Oder stehen enterbte Männer ohne Status über den Kaiserlichen Kopfgeldjägern?’’ Nea konnte ein Kichern nicht unterdrücken, bevor sie antwortete: ,,Momentan steht der enterbte Mann nicht mal über den Ratten, die in der Kaiserstadt leben.’’ Leyla zog die Augenbrauen hoch, eine gespielte Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab. ,,Oh, wenn das so ist… dann hast du dich wohl geirrt, oh gefallener Prinz.’’ Eugenius bebte vor Wut, seine Züge verzerrt vor Zorn. Doch Leyla konnte ein anderes Gefühl in seinen Augen erkennen – Angst. ,,L-Leyla’’, begann er, seine Stimme plötzlich leiser, flehender. ,,Wenn du mich gehen lässt, werde ich dich in Ruhe lassen. Oder noch besser – ich könnte dich einflussreichen Leuten vorstellen. Wir könnten zusammenarbeiten…’’ ,,Ich lehne ab, sorry.’’ Leyla legte ihre Hände zusammen, als wolle sie sich entschuldigen. Ihr Tonfall war entspannt, fast beiläufig. ,,Weißt du, ich hatte Filia echt gern. Wie wäre es, wenn ich dir dasselbe antue, was du ihr angetan hast?’’ Die Angst in Eugenius’ Augen wurde zur blanken Panik. ,,B-Bitte nicht…’’ stammelte er. Ein Stahldolch erschien in Leylas Hand, schimmernd und tödlich. Mit langsamer Präzision ließ sie die kalte Klinge über seine Wange gleiten, näherte sich bedrohlich seinen Augen. Eugenius keuchte, unfähig, sich zu bewegen, sein ganzer Körper wie eingefroren. Doch Leyla hielt inne und zog die Klinge zurück.  ,,Weißt du, du hast Glück.’’ Ihre Stimme war leise, sanft. ,,Ich bin nicht die Art Mensch, die gern foltert.’’ Eugenius’ Gesicht entspannte sich einen Moment, Hoffnung flackerte in seinen Augen auf. ,,D-Dann verschonst du…’’  Leyla schnitt ihm das Wort ab. ,,Was? Nein, natürlich nicht! Aber ich bin großzügig. Ich schenke dir einen schnellen Tod.’’ Sie ließ den Dolch verschwinden, und stattdessen erschien ein kleiner Pfeil aus Stein in ihrer Hand. Sie ließ ihn langsam rotieren, spürte, wie er an Momentum gewann. Ohne zu zögern schoss sie ihn ab. Der Pfeil durchschlug Eugenius’ Stirn, und das Blut spritzte in einem scharlachroten Schwall über den Boden. Sein lebloser Körper sackte in sich zusammen, die Augen weit aufgerissen. Leyla spürte eine Welle der Genugtuung, die ihre Nerven wie ein Feuer durchzog. Sie wischte ihre Hände an ihrer Kleidung ab und wandte sich zu Nea. ,,Danke, Nea. Das bedeutet mir wirklich viel.’’ Ihr Blick glitt noch einmal zu dem Toten, bevor sie fortfuhr: ,,Könntest du ihn für mich entsorgen?’’ Nea strahlte vor Freude, als hätte Leyla ihr ebenfalls ein Geschenk gemacht. Ohne Vorwarnung zog sie Leyla in eine feste Umarmung. ,,Freut mich, dass es dir gefallen hat, Leyley! Überlass den Rest nur mir!’’ Sie klopfte sich auf die Brust, bevor sie Leyla sanft in Richtung Wohnzimmer schob. ,,Geh du schlafen, Leyley. Ich kümmere mich drum.’’ Leyla nickte nur erschöpft. Sie machte sich auf den Weg in ihr Schlafzimmer, wo sie sich aufs Bett fallen ließ. Während sie langsam in den Schlaf glitt, wirbelten ihre Gedanken umher wie ein Sturm. Innerhalb weniger Tage hatte sie zwei Leute getötet. Doch anders als damals, als sie den Mann im Tal tötete, fühlte sie kein Bedauern. ,, Ob das auch mit dem Stein zusammenhängt? ’’ Sie hatte sich verändert, das wusste sie. Doch bereute sie es? Nein. In einer Welt wie dieser musste sie so sein, um zu überleben. Und das war alles, was zählte.

  • Kapitel 70 - Die Schwelle zur neuen Welt

    ,,Das hier müsste es sein…’’ Leyla stand vor einem riesigen umzäunten Grundstück, das von hohen schwarzen-goldenen Gittern eingefasst wurde. Inmitten eines weitläufigen Gartens erhob sich ein düsteres Anwesen. Sie blickte erneut auf die handgeschriebene Wegbeschreibung, die sie in der Hand hielt. Knapp fünf Stunden war sie vom Kaiserpalast aus zu Fuß unterwegs gewesen, bis sie endlich den Stützpunkt der Kaiserlichen Kopfgeldjäger erreicht hatte. Die Villa, die nun ihr neues Zuhause sein würde, wirkte imposant und einschüchternd zugleich. Der dunkle Stein, aus dem sie erbaut war, verlieh ihr eine bedrohliche Aura. Das Anwesen lag am äußersten Rand der Kaiserstadt, in einem Bezirk, der vornehmlich von Adelsfamilien bewohnt wurde. Ein Gedanke schoss Leyla durch den Kopf. Vielleicht war die Wahl dieses Standorts absichtlich getroffen worden, um die Adligen zu überwachen. ,,Clever’’, erkannte sie leise. Mit einem leichten Kribbeln in der Brust läutete sie die Glocke an der massiven Eingangspforte. Während sie wartete, wanderte ihr nervöser Blick wieder zu dem Anwesen hinüber. Es schien jede Bewegung zu verschlucken, als würde es sie still und unerbittlich beobachten. Der Schmerz über Filias Tod blitzte kurz in ihrem Inneren auf, doch fast sofort wurde er wieder von einer seltsamen Leere überlagert. Es war, als würde etwas in ihr die Trauer unterdrücken, bevor sie sich entfalten konnte. ,,Merkwürdig…’’ murmelte sie und ließ ihren Blick auf ihre rechte Hand sinken. Sie ballte sie zu einer Faust und entspannte sie wieder, als könnte sie so dieses fremde Gefühl vertreiben. Ein leises Knarren riss sie aus ihren Gedanken. Das Tor vor ihr schwang langsam auf, doch niemand war zu sehen. Sie runzelte die Stirn. ,,Soll ich einfach hineingehen?’’ Ihre Frage klang zögernd, aber sie wagte den ersten Schritt. Langsam folgte sie dem gewundenen Kiesweg, der sich durch den makellos gepflegten Garten zog. Die Hecken waren kunstvoll geschnitten, ein zentraler Springbrunnen plätscherte leise, und die Blumenbeete dufteten nach Rosen und Lilien. Trotz der Schönheit des Gartens konnte Leyla das beklemmende Gefühl nicht abschütteln, beobachtet zu werden. Schließlich erreichte sie die schwarze Haustür des Anwesens. Sie hielt inne und musterte die verzierte Oberfläche aus schwerem Ebenholz. Ein weiterer Schauder lief ihr über den Rücken. Ob Bunj wohl da ist? Oder Bournadette? Der Gedanke ließ sie nicht los. Ein letztes Mal atmete tief durch und hob die Hand, um zu klopfen. Doch bevor sie es tun konnte, schwang die Tür auf. Das laute Knarren hallte in der Stille des Gartens wider und ließ Leyla frösteln. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Naa kleinerr Wellensittich?’’ Bunjs grinsendes Gesicht erschien in der Tür, als Leyla überrascht zu ihm aufsah. Der große Chimpkrieger hatte ihr geöffnet, und seine lockere Haltung wirkte stark ansteckend. ,,Hey, Bunj…’’ Leyla zögerte kurz, bevor sie weitersprach. ,,Danke, dass du mir den Kampf ermöglich hast. Ich weiß nicht, was ich ohne diese Chance getan hätte…’’ Bunj legte seinen muskulösen Arm um ihre Schultern und zog sie mit einem breiten Grinsen ins Innere des Anwesens. ,,Gerrne doch. Du hast dich echt gut geschlagen!’’ Seine Stimme klang voller Stolz. ,,Du hast den Kampf gesehen?’’ Ein kleines, scheues Lächeln stahl sich auf Leylas Gesicht. ,,Narr klarr. Ich verrpasse doch keinen Kampf ‘nerr Frreundin!’’ Dann drehte er sich um, seine Stimme donnerte durch den großen Empfangssaal: ,,Derr Wellensittich ist darr! Kommt mal alle herr!’’ Leyla ließ ihren Blick durch den Raum schweifen. Schwarze, edle Möbel dominierten die Einrichtung, während ein gewaltiger goldener Kronleuchter das düstere Ambiente mit einem warmen Licht durchbrach. Der Empfangssaal wirkte imposant und elegant, aber auch irgendwie unnahbar. [???] ,,Heeey, Leyla!!!’’ Eine helle, freundliche Stimme ließ Leyla herumwirbeln. Vor ihr stand ein junges, zierliches Mädchen mit langen, glänzenden schwarzen Haaren und strahlenden lila Augen. ,,Ich bin Nea, freut mich riesig, dich endlich kennenzulernen!’’ Bevor Leyla etwas erwidern konnte, zog Nea sie in eine feste Umarmung. Überrascht ließ Leyla es geschehen und konnte nicht anders, als die Herzlichkeit zu erwidern. Nea wirkte so unbeschwert und freundlich – fast wie ein Engel, dachte Leyla. Es fiel ihr schwer, sich vorzustellen, dass dieses fröhliche Mädchen tatsächlich eine Kopfgeldjägerin war. [???] ,,Daaas iiist aaalsooo Leeeylaaa?’’ Eine tiefe, schläfrige Stimme ließ Leyla aufhorchen. Sie drehte sich um und sah zu der sich öffnenden Tür, aus der ein gigantischer Minotaur trat. Er kratzte sich müde am Hinterkopf, seine mächtige Gestalt füllte beinahe den Türrahmen aus. Leyla starrte ungläubig. Der Minotaur war riesig, seine Hörner beeindruckend. Sie dachte an die Geschichten, die Roxy ihr einmal erzählt hatte, über die Labyrinthe der Minotauren tief unter den Hamalien. ,,Das erklärt die übergrößen Türen…’’ murmelte sie mehr zu sich selbst.  ,,Freut mich’’, sagte Leyla schließlich und streckte ihm ihre Hand entgegen. Der Minotaur nickte leicht und ergriff ihre Hand. Sein Griff war so stark, dass er ihr beinahe den Arm ausriss. Leyla biss die Zähne zusammen und lächelte tapfer, um die Schmerzen zu überspielen. Ohne ein weiteres Wort drehte sich der Minotaur wieder um und verschwand so leise, wie er gekommen war. Leyla blickte ihm nach, unsicher, wie sie diese Begegnung einordnen sollte. ,,Das war Colart! Er ist unsere Nummer Sechs – cool, oder?’’ Nea strahlte und klang voller Begeisterung.. ,,Ich bin übrigens die Nummer Acht!’’ Leyla musste schmunzeln. Neas Energie war ansteckend, und sie fühlte sich bereits ein wenig wohler. Sie ließ ihren Blick wieder durch den Raum schweifen. ,,Mit ihr könnte ich mich gut verstehen’’ , dachte sie. Doch eine Frage brannte ihr auf der Seele. ,,Sind wir nicht eigentlich zu zehnt?’’ Leyla runzelte leicht die Stirn. Neben Bunj, der Nummer Drei, Colart, der Nummer Sechs, und Nea, der Nummer Acht, kannte sie bislang nur zwei weitere Kaiserliche Kopfgeldjäger: Bournadette Lacroix, die Nummer Zwei, und Yang, die legendäre Nummer Eins. Wo waren die anderen? ,,Die sind momentan nicht darr. Frrüherr oderr späterr wirrst du sie kennenlerrnen, kleinerr Wellensittich’’, sagte Bunj knurrend, während er wie schon öfters Leylas Kopf tätschelte. Mittlerweile war es nicht mehr befremdlich, sondern vertraut. ,,Leyley, komm, ich zeig dir deine Zimmer!!!’’ rief Nea und rannte, ohne ihr Zeit für eine Antwort zu geben, los. ,,Leyley?’’ Leyla blinzelte irritiert. Der Spitzname war so kindlich und verspielt, dass sie ihn erst verarbeiten musste. ,,Wo kommt der Spitzname her?’’ murmelte sie, dann zuckte sie mit den Schultern und lächelte. ,,Na ja, irgendwie ist er süß.’’ Sie eilte hinter Nea her, bereit, ihr neues Zuhause kennenzulernen. - ------------------------------------------------------------------------- Die beiden erreichten schließlich den Keller des Anwesens. Leyla schnaufte leicht, während Nea, ein scheinbar junges Mädchen, fröhlich und unermüdlich vor ihr herlief. Sie hatte ihr keine Pause gegönnt. Leyla lächelte und dachte amüsiert: ,,Sie wollte mir doch eigentlich nur mein Zimmer zeigen. Stattdessen habe ich jetzt die ganze Villa gesehen.’’ ,,Und das hier sind deine Zimmer, Leyley!’’ rief Nea aufgeregt und sprang vor der Tür auf und ab. Ihre Energie schien grenzenlos. Leyla trat durch die geöffnete Tür und blieb für einen Moment stehen, um den Raum auf sich wirken zu lassen. Das erste Zimmer war ein stilvoll eingerichtetes Wohnzimmer. In der Mitte standen mehrere bequeme Sessel um einen luxuriösen, runden Tisch. Entlang der Wände reihten sich Bücherregale, die allerdings noch größtenteils leer waren. Nur einige Bücher, die sie aus ihrem Zimmer beim Kronprinzen mitgenommen hatte, füllten die Regale. Der Raum hatte drei weitere Türen, die noch geschlossen waren. Leyla ließ ihren Blick durch das Wohnzimmer schweifen. Es wirkte ruhig, fast einladend, und ihr Herz wurde ein wenig leichter.  ,,Wie gefällt dir dein neues Zimmer? Super, oder?’’ rief Nea, während sie sich in einen der Sessel warf und vor Begeisterung auf und ab wippte. Leyla lächelte leicht. ,,Ja, es ist wirklich schön. Es fühlt sich… gemütlich an.’’ Ein warmes Gefühl breitete sich in ihrem Magen aus. Sie war niemand, der Luxus brauchte, um glücklich zu sein, doch im Gegensatz zu ihrer Zeit beim Kronprinzen fühlte es sich hier nicht aufgedrängt oder erdrückend an. ,,Dann guck dir das nächste Zimmer an!’’ Nea war schon wieder aufgesprungen und riss die linke Tür mit Schwung auf. Dahinter lag das Schlafzimmer. Ein großes, schwarzes Bett nahm die Mitte des Raumes ein, flankiert von mehreren Kleiderschränken und Kommoden. Leylas Blick fiel sofort auf die Decke, wo ein großer Spiegel über dem Bett hing. Sie spürte, wie ihre Wangen leicht erröteten, während sie versuchte, den Spiegel zu ignorieren. Sie konnte sich denken, warum er dort angebracht war.  ,,Komm, leg dich auch mal rein, Leyley!’’ Nea hatte es sich bereits im Bett gemütlich gemacht und kuschelte sich in die weichen Decken. Leyla seufzte, ließ sich jedoch von ihrer Fröhlichkeit anstecken und setzte sich neben sie. Der Moment fühlte sich unbeschwert an, etwas, das sie lange nicht mehr erlebt hatte. ,,Du, Nea, kann ich dich etwas fragen?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme zögerlich. Sie war unsicher, wie Nea reagieren würde. Nea sah sie sofort an, ihre Augen funkelten vor Interesse. ,,Na klar! Frag mich alles, was du willst!’’ Ihre Stimme klang so lebhaft, dass Leyla für einen Moment ihre Unsicherheit vergaß. ,,Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin… ist es mir doch erlaubt zu töten, oder?’’ Leylas Stimme war leise, fast flüsternd. Sie sah, wie Nea energisch nickte, bevor sie weitersprach. ,,Gibt es etwas, das ich dabei beachten muss?’’ ,,Hmm…’’ Nea legte nachdenklich den Kopf schief und blickte verträumt in den Spiegel an der Decke. Schließlich setzte sie an: ,,Ja, es gibt drei Regeln!!!’’ Sie hielt drei Finger in die Luft und zählte auf: ,,Erstens, du darfst niemanden grundlos töten. Aber die sehen das nicht so eng.’’ Sie grinste, und Leyla fragte sich kurz, wen Nea mit ,,die’’  meinte. ,,Zweitens, du darfst keine Mitglieder der Kaiserfamilie töten. Es sei denn, der Kaiser selbst befiehlt es.’’ Nea lehnte sich dabei gegen Leylas Schulter und sprach weiter. ,,Und drittens, du darfst keinen von uns töten. Keine Kämpfe untereinander!’’ Ihr Tonfall war zwar nach wie vor verspielt, aber Leyla spürte die Ernsthaftigkeit hinter den Worten. ,,Und was ist mit ehemaligen Mitgliedern der Kaiserfamilie?’’ fragte Leyla vorsichtig. Die Frage brannte ihr auf der Zunge, doch sie fühlte sich unsicher, ob sie zu viel preisgab.  Nea antwortete, ohne lange zu zögern. ,,Die sind okay, solange du einen Grund hast.’’ Dann drehte sie sich zu Leyla um und grinste breit. ,,Sag mal, Leyley, willst du etwa den ehemaligen Kronprinz Eugenius töten?’’ Leyla hielt kurz inne. Sie wollte antworten, doch stattdessen blieb sie stumm. Neas Grinsen wirkte so spielerisch, dass es schwer zu sagen war, ob sie die Frage ernst meinte oder nur scherzte. - ------------------------------------------------------------------------- Was sollte sie antworten? Die Wahrheit sagen und damit ihre Absichten preisgeben? Oder lügen und hoffen, dass Nea es einfach vergessen würde? Doch noch bevor Leyla sich entscheiden konnte, nahm Nea ihr die Wahl ab. ,,Ich würde ihn an deiner Stelle auch töten wollen, da musst du dich nicht schämen!’’ Neas Stimme war leicht und sorglos, als würde sie über ein peinliches, alltägliches Thema sprechen – nicht über den Mord an einem Sohn des Kaisers. Leyla schluckte, während Nea einfach unbekümmert weitersprach. ,,Du hast einen Grund, also geht das! Aaaber, du hast ein kleines Problem.’’ Sie verschränkte die Arme und hob eine Augenbraue, als würde sie erwarten, dass Leyla die Antwort selbst erraten würde. Resigniert winkte Leyla ab und fragte schließlich: ,,Welches Problem denn?’’ Nea grinste breit und klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. ,,Du wirst nächste Woche vom Kaiser empfangen, Leyley. Bis dahin darfst du niemanden töten. Tut mir leid, aber das ist die Regel.’’ Leyla biss die Zähne zusammen und starrte auf den Boden. ,,Bis dahin ist er längst aus dem Kaiserreich verschwunden… Und damit außer Reichweite’’, murmelte sie enttäuscht. Die Worte schmeckten bitter, und die Frustration in ihrer Brust wuchs. Sollte Eugenius wirklich mit dem Mord an Filia davonkommen? Nea hob eine Augenbraue, als hätte sie die Worte gehört, sagte jedoch nichts dazu. Stattdessen wechselte sie das Thema mit einer Leichtigkeit, die Leyla wieder aus ihrer Dunkelheit holte. ,,Komm, ich zeige dir noch dein Badezimmer und dein Arbeitszimmer! Du wirst sie lieben!’’  Eine gute Stunde verging, während Nea Leyla durch das Anwesen führte. Als sie schließlich in den Gemeinschaftsraum zurückkehrten, der an die Eingangshalle grenzte, fühlte Leyla sich überwältigt. Der Raum war ohne Zweifel der prunkvollste im gesamten Haus. Dunkles Holz und goldene Akzente dominierten das Design, und der Raum wirkte gleichzeitig majestätisch und warm. Leyla ließ ihren Blick aus dem großen Fenster schweifen. Draußen spannte sich der klare Nachthimmel über die Kaiserstadt, und der Mond schien sie anzulächeln. Für einen Moment ließ sie sich von dem Anblick einfangen, und ein sanftes Lächeln legte sich auf ihre Lippen. Auch wenn sie dem Kaiser diente, so war sie ihrer Freiheit doch ein bedeutendes Stück nähergekommen.

  • Kapitel 69 - Ein Vogel mit gebrochenem Flügel, kann nicht fliegen

    Leylas Kleidung war ordentlich gefaltet auf ihrem Bett platziert. Filia hatte sie zusammen mit einigen Büchern gesammelt und zur Abholung bereitgelegt. Der Anblick der sorgfältig vorbereiteten Sachen ließ Leyla innehalten. Es fühlte sich unwirklich an. Sie hatte es tatsächlich geschafft. Der Sieg gegen Varragil war nicht nur eine Bestätigung ihrer Stärke, sondern bedeutete auch, dass sie nun offiziell eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin werden würde. Der Gedanke war überwältigend, fast unmöglich zu begreifen. Trotz ihres Triumphs konnte sie nicht aufhören, an den Kampf zu denken. Sie erinnerte sich an das Gefühl, Varragil unterlegen zu sein, an die schiere Überlegenheit seiner Technik. Doch dann, im entscheidenden Moment, hatte sie ihn übertroffen. Das Leuchten des Tattoos schien ihr besonders wichtig. Sie erinnerte sich an die ungeheure Kraft, die plötzlich in ihr erwacht war. Es war, als hätte der Stein Varragils Kräfte verschlungen, wie ein hungriges Monster, das sich an seiner Beute labte. Sie dachte nach: ,,Vielleicht weil Varragil ein Erdmagier war?’’ Eines war klar – sie musste mehr über diesen Stein herausfinden, und das so schnell wie möglich. —Klopf— Ein Klopfen riss sie aus ihren Gedanken. Noch bevor sie antworten konnte, trat Yaga ein. ,,Glückwunsch zu deinem Sieg, Leyla.’’ Seine Stimme klang wieder so freundlich wie früher. Von der Distanz, die er vor dem Kampf gezeigt hatte, war nichts mehr zu spüren. ,,Danke… Ich nehme an, du wirst mich nicht mehr trainieren?’’ fragte Leyla mit gemischten Gefühlen. Das Training mit Yaga hatte sie genossen, selbst wenn sie wusste, dass er es im Auftrag des Kronprinzen tat. Es war ihre Chance gewesen, stärker zu werden. Yaga schüttelte den Kopf und setzte sich auf einen Stuhl. ,,Nein, das steht mir nicht länger zu.’’ Einen Moment betrachtete er Leyla nachdenklich, dann fuhr er fort: ,,Die Kraft, die du am Ende freigesetzt hast… Sag mir, hast du zufällig Kontakt zu einem besonderen Stein gehabt?’’ Leyla spürte, wie ihr Herz raste. Der Stein – sie hatte ihn geheim halten wollen. Doch jetzt war es ohnehin zu spät, und vielleicht konnte Yaga ihr etwas Wichtiges darüber verraten. Nach einem tiefen Atemzug erzählte sie ihm die Geschichte. Sie berichtete von dem Tag, an dem sie mit Liam, Fer und Roxy den Engelstempel betreten hatte, vom Kampf gegen Bournadette und dem Moment, als sie den Stein gefunden hatte. Sie ließ jedoch einige Details aus – den Tod von Fer und das seltsame Pochen in ihrer Schläfe behielt sie für sich. Als sie geendet hatte, blickte sie Yaga an und lächelte schwach. Doch sein Gesichtsausdruck ließ ihr Lächeln gefrieren. Yaga grinste breit, ein ehrliches, aber keineswegs freundliches Grinsen. Plötzlich begann er in die Hände zu klatschen. ,,Großartig, das ist einfach großartig. Du bist genau das, was ich lange gesucht habe. Ich freue mich sehr darüber, dass du mir davon erzählt hast.’’ Er hörte auf zu klatschen und streckte seine Hand in Leylas Richtung. ,,Willst du nicht meiner Organisation beitreten?’’ ,,Deine Organisation?’’ fragte Leyla, während ihr Misstrauen wuchs. Sie spürte intuitiv, dass sie vorsichtig sein musste.  ,,Ja, genau.’’ Yaga lehnte sich zurück und sein Lächeln wurde noch breiter. ,,Mein Name ist Yaga und ich bin der dritte Anführer des Ordens der goldenen Sonne.’’  Leylas Augen weiteten sich. ,,Orden der goldenen Sonne? Wo habe ich das schon einmal gehört?’’  Der Name kam ihr bekannt vor. Dann fiel es ihr ein – Leonhardt, der Mann mit der Kriegsaxt, dem sie und Liam am Anfang ihrer Reise begegnet waren, hatte ihn erwähnt. Sie schüttelte den Kopf und blieb standhaft. Sie wollte sich niemandem mehr unterwerfen müssen. ,,Nein, kein Interesse. Tut mir Leid, Yaga.’’ Yaga strich sich über das Kinn, sein Lächeln wurde nur noch breiter, doch seine Augen blieben kalt. ,,Es ist klug, vorsichtig zu sein. Doch das Schicksal hat eine seltsame Art, uns immer wieder zusammenzuführen. Ich bin sicher, unsere Wege werden sich bald wieder kreuzen – ob du es willst oder nicht.’’  Mit diesen Worten stand er auf, drehte sich um und verließ das Zimmer, ohne auf Leylas Reaktion zu warten. -------------------------------------------------------------------------- Leyla war beinahe fertig mit dem Packen ihrer Sachen, als Filia in ihr Zimmer trat. Ihre Schritte waren leise, doch Leyla bemerkte sie sofort. Sie wandte sich um, ein warmes Lächeln auf den Lippen. ,,Filia! Ich freue mich so, dass wir uns noch einmal sehen können.’’ Ohne zu zögern trat sie vor und schloss ihre Freundin in eine feste Umarmung. Der Duft von Lavendel, den Filia immer trug, weckte Erinnerungen an ihre gemeinsamen Tage. ,,Ja, das stimmt. Du hast es wirklich geschafft, Leyla. Ich bin so stolz auf dich.’’ Filias Stimme klang ehrlich, ihre Augen strahlten vor Freude. Doch nur einen Moment später schlich sich ein Schatten auf ihr Gesicht. Ihre Schultern sanken leicht herab, und ihre Stimme wurde leiser. ,,Aber… das bedeutet wohl auch, dass es Zeit ist, Abschied zu nehmen. Ich wünsche dir von Herzen, dass du deine Freiheit endlich zurückerlangst.’’ Leyla hielt inne, suchte Filias Blick und legte sanft eine Hand an ihre Wange. ,,Das hoffe ich auch… Und ich wünsche dir, dass du deine Ketten bald ebenso ablegen kannst, Filia.’’ Ihre Stimme war sanft, doch in ihren Worten lag ein fester Entschluss. Sie strich Filia behutsam eine lose Strähne aus dem Gesicht, ihre Finger verweilten kurz.  ,,Die Stadt, in die der Kronprinz verbannt wird – das war doch eine Handelsstadt, oder nicht? Eine schöne, soweit ich mich erinnere?’’ Ihre Worte waren beiläufig, doch Leylas Augen musterten Filia genau. Filia nickte, ihre Lippen bebten leicht, und Tränen begannen sich in ihren Augen zu sammeln. ,,Ja… genau. Evigane. Es ist eine wunderschöne Stadt. Aber…’’ Ihre Stimme brach, und sie wischte hastig über ihre Wangen, um die Tränen zu vertreiben. ,,Ich sollte dich nicht aufhalten, Leyla. Du hast genug zu tun.’’ Sie drehte sich abrupt um und ging mit schweren Schritten zur Tür. Ihre Schultern waren gesenkt, als trüge sie die Last der Freundinnen von nun an allein. Leyla ballte die Hände zu Fäusten, um den Impuls zu unterdrücken, Filia zurückzuhalten. Sie durfte ihren Plan nicht gefährden, nicht jetzt. Doch innerlich schwor sie sich, dass sie Filia nicht dem Exil überlassen würde. Yaga hatte ihr gesagt, dass sie jemanden in ihren Dienst stellen konnte. Und sie wusste, wen sie wählen würde. Nach der Aufnahmezeremonie würde Filia ihre Dienerin sein – ein Titel, der sie vor dem Exil, vor Kronprinz Eugenius und all den Qualen bewahren würde. Für den Moment jedoch musste sie schweigen. Es war noch nicht die Zeit, den Plan zu verraten. Der Kronprinz durfte nichts ahnen. Als die Tür hinter Filia leise ins Schloss fiel, richtete Leyla ihren Blick fest auf die gefalteten Kleider auf dem Bett. Ihre Gedanken waren bei ihrer Freundin, und leise murmelte sie: ,,Halte noch ein wenig durch, Filia. Wie ich es dir versprochen habe… Ich werde dich retten.’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla folgte Charles durch die endlos erscheinenden, hell erleuchteten Gänge des Palastes. Ihre Schritte hallten auf den makellosen Marmorböden wider, doch sie hielt den Kopf hoch. Sie wusste, was sie erwartete – ein letztes Zusammentreffen mit Kronprinz Eugenius. Doch sie war bereit. Vor dem Arbeitszimmer des Prinzen blieb Charles stehen und öffnete die Tür mit einer knappen Bewegung. Ohne ein Wort bedeutete er Leyla, einzutreten. Sie atmete tief durch und trat ein. Eugenius saß hinter seinem massiven Schreibtisch, ein Glas Wein in der Hand. Neben ihm standen zwei Flaschen, eine davon bereits leer. Sein Blick war glasig, sein Gesicht rot vor Alkohol und Wut. Als er Leyla bemerkte, stand er abrupt auf, schwankte leicht, und zeigte mit dem Finger auf sie. ,,Du… du hast alles… ka-ka-kaputt gemacht, verdammt noch mal!!!’’ lallte er, während er auf sie zustürmte. ,,Weeegen dir! Alles… Meine ganze… Z-zukunft! Weg! Weißt du überhaupt, was du… du kleine… freche Göre da… ähm… angerichtet hast? Häh?!’’ Sein Gesicht war verzerrt, und sein Griff war grob, als er nach Leylas Arm langte. Doch sie schlug seine Hand entschlossen weg. Ihr Blick war ruhig, aber scharf. ,,Ihr habt zu viel getrunken, Eure Hoheit. Ist das wirklich, wie Ihr Euren letzten Abend als Kronprinz verbringen wollt?’’ Für einen Moment schien Eugenius irritiert, fast verwirrt. Doch dann schnaubte er verächtlich, drehte sich um und ging schwankend zu seinem Tisch zurück. Er öffnete eine der Schubladen und zog eine kleine, mit schwarzem Saum verzierte Schachtel hervor. Mit einem hämischen Grinsen reichte er sie Leyla. ,,Hier. Mein Abschiedsgeschenk… für d-dich’’, murmelte er, seine Worte schleppend, aber mit einem bösartigen Unterton. Leyla zögerte. Ein mulmiges Gefühl breitete sich in ihr aus, während sie die Schachtel entgegennahm. Langsam hob sie den Deckel. —KLACK— Die Schachtel fiel aus ihrer Hand, und ihr Inhalt rollte auf den Boden. Es war ein grünes Auge, matt und leblos, das Funkeln, das es einst gehabt hatte, längst verloren. Leyla starrte fassungslos auf das Auge. Ihr Atem wurde flach. ,,W-wo… wo ist Filia?’’ Ihre Stimme zitterte, Angst kroch in ihre Brust. Eugenius begann zu kichern, ein bösartiges, kindisches Lachen, das den Raum erfüllte. ,,Na? Naaa? Magst du mein schöööönes Geschenk?’’ höhnte er, seine Worte taumelten vor Zorn und Alkohol. Er deutete auf das große Fenster hinter seinem Schreibtisch.  ,,Guuuuck maaaal! D-da is sie… deine süüüüße… äh… Freundin. Was, dachtest duuu… ich weiß nix von euch? Von euren kleinen… kleinen Geheim… nisseeeen?’’ Er zog das Wort in die Länge, spuckte es fast aus. ,,Ich hab’s ertragen, verdammt! Ich… ich hab euch einfach machen lassen. Aber jetz… jetz is Schluss, verstehst du… Schluss!’’ Leyla fühlte, wie ihr Körper von einer unheimlichen Kälte erfasst wurde. Mechanisch ging sie zum Fenster, seine Worte wie ein Echo in ihrem Kopf. Sie wollte nicht ans Fenster treten, nicht sehen was sie zu sehen erahnte, doch ihre Beine bewegten sich von allein. Vor ihr, draußen im Mondlicht, hing Filia. Ihr schlanker Körper baumelte reglos an einem schwarzen Seil, und ihre Augen waren leere Höhlen, ein schrecklicher Ausdruck von Schmerz und Tod auf ihrem Gesicht. ,,Oh Filia…’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme brach. Ihr Magen zog sich zusammen, und für einen Moment schien die Welt stillzustehen. Langsam drehte sie sich zu Eugenius um. Er lehnte an seinem Schreibtisch, ein gehässiges Grinsen auf seinen Lippen. ,,Weißte… weißte was? Du… du sollst mir danken dafür! Jawoll!’’ lallte er höhnisch. ,,Eine Last weniger, wa?’’ Leyla schritt mit festen Schritten auf ihn zu. In ihrer Hand begann sich ein Dolch aus schwarzem Metall zu formen, die Klinge pulsierte vor Energie. ,,Dafür wird er büßen…’’  Doch sie hielt inne. Noch war Eugenius der Kronprinz. Sein Tod in diesem Moment würde ihren eigenen Untergang bedeuten. Der Dolch verschwand wieder, und Leyla ballte ihre Hand zur Faust. —KNACK— Mit all ihrer Kraft schlug sie Eugenius mitten ins Gesicht. Ein lautes Knacken hallte durch den Raum, als die Wangenknochen des Kornprinzen unter der Kraft ihres Schlages brachen. Er stürzte rücklings zu Boden, ein Schrei der Überraschung und des Schmerzes entkam seinen Lippen. Leyla ging zur Schachtel, hob sie auf und legte das grüne Auge wieder hinein. Sie steckte die Box in ihre Tasche und warf dem Prinzen keinen weiteren Blick zu, während sie den Raum verließ. Sein wütendes Geschrei verhallte hinter ihr, als sie die Tür schloss. Ihr Herz brannte vor Schmerz und Zorn, aber ihre Schritte waren entschlossen.

  • Kapitel 68 - Das Schwert der fünf Monde

    ,,Was soll ich nur mit dir machen..?’’ Jamall stand in seinem schlichten, aber ordentlich gehaltenen Haus und blickte auf die Frau, die ruhig auf seinem Bett schlief. Ihr Atem war flach und ihr Gesicht entspannt, doch Jamall konnte nicht aufhören, sie anzustarren. Stunden waren vergangen, seit er sie auf der Straße aufgelesen hatte, und er fühlte seinen wachsenden Unmut. Er hasste sich dafür, dass er sie mitgebracht hatte. Er hatte in seinem Leben schon viele Menschen sterben sehen – oder sie selbst getötet. Andere Menschen bedeuteten ihm nichts, und er hatte sich immer geschworen, dass es so bleiben würde. Alles, was für ihn zählte, war der Weg, den er gewählt hatte, der Weg, der ihn eines Tages zum Schwert der fünf Monde führen würde. Und für diesen Weg musste er egoistisch sein.  Warum also hatte er diese Frau gerettet? Der Gedanke nagte an ihm, wie ein unerwünschter Dorn in seinem Verstand. ,,Noch kann ich sie töten… Noch kann ich die Gefahr beseitigen’’, murmelte er leise und spürte, wie seine Hand unwillkürlich zu den Schwertern an seinem Gürtel glitt. Er zog das kürzere von beiden. Seine Augen verharrten einen Moment auf der glänzenden Klinge. Doch dann schüttelte er den Kopf, als wolle er die Gedanken loswerden, und wandte sich von der schlafenden Frau ab. Er ging hinaus auf die Veranda, ein Stockwerk tiefer, griff nach einem der Krüge und füllte ihn an dem Bierfass, das er eigens für Nächte wie diese aufgestellt hatte. Das Bier war kühl und bitter, genau das, was er jetzt brauchte. Seufzend ließ er sich in seinen alten Sessel im Wohnzimmer fallen, die Stuhlbeine knarrten leise unter seinem Gewicht. Heute würde er sie schlafen lassen. Aber was dann? Was sollte er morgen tun? Der Gedanke ließ ihn nicht los, und es war, als hätte sich ein Netz aus Zweifeln um ihn gelegt, das sich immer enger zusammenzog. ,,Verdammt, Jamall, was machst du nur? Erinner dich an deinen Weg, an dein Ziel…’’ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, verflog im leeren Raum. Mit jedem weiteren Krug Bier schwand sein klarer Verstand, bis nur noch ein trüber Nebel seinen Geist einhüllte. Nach dem zwölften Krug stolperte er schließlich aus dem Sessel. Seine Schritte waren schwer und unsicher, als er zu seinem Schreibtisch ging. Mit zittrigen Händen öffnete er die unterste Schublade und zog seinen Dolch hervor. Die Klinge schimmerte kalt im schwachen Licht der Kerze. Ohne ein weiteres Wort machte er sich auf den Weg nach oben, dorthin, wo die rothaarige Frau immer noch schlief. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall stand stumm in der Tür zu seinem Schlafzimmer, sein Blick erstaunlich fest auf das Bett gerichtet. Genauer gesagt, auf die rothaarige Frau, die dort lag. Der Dolch wo schwer in seiner Hand, als würde die Waffe sein Zögern spüren. Es war ein schöner Dolch. Die Klinge bestand aus weißem Obsidian, ein seltenes Material, das im schwachen Licht des Zimmers einen leichten Schimmer hatte. Der Griff war mit kostbarem Kuschelhirschleder umwickelt, weich und gleichzeitig sicher in der Hand. Jamall hatte den Dolch seit seinen Söldnertagen, und er hatte längst aufgegeben zu zählen, wie oft er ihn benutzt hatte. ,,Verzeih mir…’’ murmelte er leise, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Langsam, so leise er konnte, ging er zu dem Bett. Die roten Haare der Frau glänzten, selbst in ihrem ungepflegten Zustand. Der Rest ihres Körpers war gezeichnet: zerschunden, dreckig, eine Hülle ihres einstigen Selbst. Jamall konnte erkennen, dass sie einst eine Kriegerin gewesen sein musste. Ihre vernarbten Hände, ihre kräftigen Unterarme – sie sprachen von einem Leben, das vom Schwert geprägt gewesen war. Jamall hatte ein Auge für solche Dinge. Er beugte sich über sie, den Dolch fest umklammert. Den Dolch, der ihn wie ein Anker davon abhielt, seinen Weg zu verlieren. Ihr sanfter Atem war zu hören, das regelmäßige Heben und Senken ihrer Brust ihre einzige Bewegung in der Dunkelheit. ,,Ich mache es, ich korrigiere meinen Fehler’’, dachte er, während der Alkohol seine Zweifel betäubte. Seine Hand hob sich, der Dolch blitze auf, als… ,,Danke, dass Sie mich gerettet haben.’’ Die leise, brüchige Stimme der Frau schnitt durch seine Gedanken wie ein weiterer Dolch. Ihre Augen waren leicht geöffnet, ein müdes, aber klares Braun, das sich in seinem Geist festsetzte. Jamalls Atem stockte. Ein Schweißtropfen löste sich von seinem Kinn und fiel auf die zerknitterte Bettdecke. Warum konnte er nicht weitermachen? Töten war für ihn nie ein Problem gewesen – bis jetzt. Warum zögerte er? ,,Ich kann Ihnen leider keine Münzen geben, ich habe nichts… Wenn Ihr etwas anderes verlangt, bin ich dafür bereit.’’ Ihre Stimme zitterte, und Jamall erkannte die Angst darin. Sie hatte Angst vor ihm, doch sie versuchte, es zu verbergen. Er seufzte tief, die Schwere seiner getroffenen Entscheidung drückte ihn nieder. Dann ließ er den Dolch fallen, die Waffe schlug mit einem lauten Klirren auf den Boden. Ohne ein Wort zu der Frau ließ er sich neben ihr aufs Bett sinken. Seine Hände verbargen sein Gesicht, als er leise flüsterte: ,,Wie armselig bin ich bitte…’’ Seine Worte waren nur für ihn bestimmt. Die leise Stimme der Frau ließ ihn nicht los. Er spürte, wie sie sich langsam aufsetzte, und er hörte das leise Rascheln der Decke, als sie sich zu ihm drehte. Ihre Hand legte sich vorsichtig auf sein Bein, und Jamall spürte, wie sie zögernd nach oben wanderte. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Lass das’’, grummelte Jamall, seine Stimme rau. Er stieß die Hand der Frau grob von sich. ,,Ich habe dich nicht hierher gebracht, um irgendetwas von dir zu verlangen.’’ Die Stille, die darauf folgte, war kurz, aber drückend. Jamall seufzte schwer, bevor er weitersprach. ,,Ich weiß selber nicht, warum ich dich gerettet habe.’’ Ohne weitere Erklärung begann er, sich die Kleidung auszuziehen, legte sich auf die andere Seite des Bettes und zog die Decke über seinen Körper. Seine Augen schlossen sich, doch sein Geist blieb wach, kreisend. ,,Wie ist dein Name?’’ fragte er schließlich, seine Stimme deutlich leiser. ,,Ähm… Also, ich weiß es nicht.’’ Die Unsicherheit in ihrer Antwort war nicht zu überhören. Jamall konnte ihr Herzklopfen durch die Stille des Zimmers hindurch hören, es war hastig und unruhig. ,,Wie, du weißt es nicht?’’ Jamalls Stirn legte sich in Falten, sein Ton klang skeptisch. ,,Nun ja’’, begann sie zögerlich, ,,ich war auf einmal in dieser Stadt vor einigen Wochen. Ich erinnere mich an kaum etwas…’’ Ihre Stimme war leise, schwach, fast als hätte sie Angst, etwas Falsches zu sagen. Jamall unterdrückte ein Stöhnen. Auf was hatte er sich da nur eingelassen? Er war kein Beschützer, erstrecht kein Aufpasser. Das entsprach nicht seinem Weg, seiner Natur. Und doch saß diese Frau jetzt in seinem Haus. ,,Dann denk dir einen Namen aus, ich will dich bei deinem Namen ansprechen können.’’ Jamall merkte, wie seine Müdigkeit langsam wuchs, seine Stimme wurde schwerer. Er drehte den Kopf nach oben und ließ die Dunkelheit des Raumes auf sich wirken. Während er langsam in den Schlaf fiel, kam ihm mal wieder die alte Geschichte aus seiner Jugend in den Sinn. Die Geschichte des Schwertes der fünf Monde. - ------------------------------------------------------------------------- Es gab eine Zeit, in der die sterblichen Völker der Erde unter der Herrschaft höherer Wesen litten. Eine Zeit, in der ihr Leben jederzeit zu einem Spielball unvorhersehbarer Mächte werden konnte. Diese Wesen waren die Erzdämonen und Erzengel, begleitet von weiteren Monstern von unaussprechlicher Macht. Die Völker mussten unvorstellbare Qualen ertragen. Sie wurden in für sie bedeutungslose Kriege gezwungen oder zur bloßen Belustigung ihrer Unterdrücker gefoltert und getötet. Hoffnung schien ein Fremdwort, ein ferner Traum. Doch eines Tages hatte ein Oni, mit dem Namen Bayokos, genug von diesem trostlosen Dasein. In einer klaren Nacht, als das Licht der fünf Monde die Erde in silbernen Glanz tauchte, machte er sich auf den Weg. Er erklomm den Schrein, hoch oben auf dem Berg in der Nähe seines Heimatdorfes, um eine verzweifelte Bitte auszusprechen. Bayokos erhob seine Stimme zu den Monden. Er flehte sie an, ihm eine Möglichkeit zu geben, sich und die anderen Völker von der Knechtschaft der Ewigen zu befreien. Seine Worte waren voller Entschlossenheit und Schmerz. Die Monde, bewegt vom Leid der Sterblichen, entschieden, ihm eine Waffe zu schenken – ein Schwert, das die Macht hatte, Unterdrückung zu zerschlagen. Der gelbe Mond, Brahatross, verlieh dem Schwert die Fähigkeit, den Körper seines Trägers zu verstärken. Mit dieser Kraft konnte der Träger die Schallgeschwindigkeit erreichen, während sein Körper nahezu unverwundbar wurde. Der schwarze Mond, Arkibe, segnete die Klinge mit einer Schärfe, die alles durchdringen konnte – selbst die unsterblichen Herrscher. Der lilafarbene Mond, Lunar, schenkte dem Träger die Fähigkeit, jegliche Magie zu meistern. Dies beschränkte sich nicht nur auf die Grundelemente, sondern umfasste auch Magie, die für Sterbliche unerreichbar schienen, wie die Magie der Engel. Der blaue Mond, Manifest, gab dem Schwert die Kraft, die Intentionen und Gefühle aller in der Umgebung des Trägers zu lesen. Diese Gabe sollte verhindern, dass der Auserwählte durch Verrat gestürzt werden konnte. Doch der weiße Mond, Skullaer, wählte einen anderen Weg. Er gab dem Schwert ein Bewusstsein, auf dass es sich nur denjenigen offenbarte, die es als würdig betrachtete. Diese letzte Gabe machte das Schwert zu einem Wesen mit eigenem Willen. Mit der Hilfe dieses Schwertes führte Bayokos die Völker in die Freiheit. Er befreite sie von ihren Unterdrückern, brachte ihnen ein neues Leben. Doch nachdem seine Mission erfüllt war, verschwand er und nahm das Schwert mit sich. Auch heute noch gibt es Sterbliche, die nach diesem sagenhaften Schwert suchen. Doch solange niemand wahrhaft würdig ist, bleibt es verborgen – ein Mythos, der zwischen Hoffnung und Realität schwebt.

  • Kapitel 67 - Das Ende eines Traums?

    Leyla hatte gewonnen. Liam ließ die Worte in seinem Kopf widerhallen. Der Knoten in seiner Brust löste sich, und für einen kurzen Moment vergaß er die Anwesenheit der Kopfgeldjägerin neben ihm. Es war ein Sieg, den er sich für sie gewünscht hatte, und doch fühlte sich etwas daran falsch an. Nea wippte begeistert in ihrem Sitz auf und ab, ihre Augen funkelten vor Aufregung. ,,Super gemacht Leyla!’’ rief sie laut. Dann drehte sie sich zu Liam, ein breites Grinsen auf ihrem Gesicht. ,,Da hatte Bunj doch den richtigen Riecher, sie hat es tatsächlich geschafft.’’ Liams Verwirrung wuchs. Bunj? Was hatte Leyla mit Bunj zu tun? Seine Gedanken rasten, doch er fand keine Antworten. Langsam erhob er sich von seinem Platz, seine Bewegungen träge, als würde etwas an ihm ziehen, und machte sich auf den Weg in Richtung Ausgang. ,,Huh, willst du dir nicht die Siegerehrung angucken?’’ Neas Stimme klang überrascht, beinahe vorwurfsvoll. Sie beobachtete ihn mit schief gelegtem Kopf. ,,Kein Interesse…’’ murmelte Liam knapp und verabschiedete sich mit einem knappen Winken, ohne sie anzusehen. Während er die Arena verließ, begann das Gewicht der Realität, ihn zu erdrücken. Leyla brauchte ihn nicht mehr. Sie war weit über ihn hinausgewachsen, hatte sich in eine Richtung entwickelt, die ihn zurückließ.  Ein dicker Kloß bildete sich in seinem Hals, und er fühlte eine lähmende Müdigkeit, die ihn bis ins Mark erschütterte. Wo war die Leyla, die er gekannt hatte? Die, die er geliebt hatte? Ein Gedanke nagte an ihm: Wäre es anders gekommen, wenn er damals den Auftrag nicht angenommen hätte? Schweigend ging er zur Garderobe, nahm seine Jacke entgegen und zog sich die Kapuze tief ins Gesicht. Seine Schritte hallten schwer in den schmalen Gängen wider. Was sollte er jetzt tun? ,,Wo gehen wir hin, David?’’ Neas Stimme zerschnitt die Stille wie ein Messer. Liam zuckte zusammen, der Klang ihrer Stimme jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Sie war ihm gefolgt und lief jetzt mit ihrem strahlenden Lächeln neben ihm her, als wäre nichts geschehen. ,,Warum verfolgst du mich?’’ fragte Liam. Seine Stimme klang müde. Hatte sie erkannt, warum er wirklich in der Kaiserstadt war? Wobei, es spielte keine Rolle mehr. Sein Grund zum Leben hatte sich aufgelöst. Die Leyla, die er liebte, war nur noch eine Erinnerung. ,,Na ja’’, begann Nea unbekümmert, während sie ihn spielerisch am Arm anstupste, ,,du wirkst niedergeschlagen, obwohl deine Freundin gewonnen hat. Warum das wohl so ist? Komm schon, lass uns etwas unternehmen! Das bringt dich bestimmt auf andere Gedanken.’’ Liam zog seinen Arm weg, seine Bewegungen grob und unmissverständlich. ,,Nein, ich habe schon etwas zu erledigen. Ich würde es bevorzugen, wenn du mich in Ruhe lässt.’’ Zum ersten Mal seit ihrer Begegnung schien Nea betroffen. Ein Hauch von Traurigkeit legte sich über ihr Gesicht, doch er verschwand so schnell, dass Liam sich fragte, ob er ihn sich nur eingebildet hatte. ,,Na gut… dann machs gut…’’ murmelte sie leise. Er verspürte einen Stich von Schuld, aber er ignorierte ihn. Ohne ein weiteres Wort wandte er sich ab und bog in eine schmale Seitengasse. Seine Schritte wurden schneller, als würde er die Flucht ergreifen. ,,Wir sehen uns bestimmt wieder! Lass uns dann wieder etwas zusammen unternehmen, Liam!’’ Neas Stimme wehte ihm hinterher, ihre Worte ließen ihn zusammenzucken. Sie hatte seinen Namen gesagt. Seinen echten Namen. Hatte sie ihn die ganze Zeit gekannt? Ein kalter Schauer lief ihm über den Rücken, und er spürte, wie Panik in ihm aufstieg. Ohne zurückzublicken, beschleunigte er seinen Schritt. Er musste weg, weit weg. Diese Frau… Nein, dieses Mädchen war gefährlich. - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Da bist du ja, Ralf und ich haben dich die ganze Zeit gesucht!’’ Liam hörte Theols Stimme durch die Taverne dröhnen, doch er hob nicht einmal den Kopf. Seine Augen blieben auf das leere Glas vor ihm gerichtet, während seine Finger sich darum verkrampften. ,,Noch einen Whiskey!’’ rief er dem Wirt entgegen, ohne auch nur aufzublicken. Der Wirt kam seiner Bitte ohne ein Wort nach und füllte das Glas erneut. Der Alkohol floss in einer klaren, goldenen Linie, und Liam starrte gedankenverloren auf das schimmernde Licht, das sich im Glas brach. Eine schwere Hand legte sich auf seine Schulter, und Theols Stimme wurde leiser, fast besorgt. ,,Liam, was ist los?’’ Liam ignorierte ihn, hob das Glas an die Lippen und kippte den Whiskey in einem Zug hinunter. Der bittere Geschmack brannte in seiner Kehle, aber es war nicht genug, um den Knoten in seiner Brust zu lösen. Er musste alles vergessen. Leyla vergessen. Die nächste Sekunde war ein verschwommener Moment aus Schmerz und Überraschung. Theol hatte ihn unsanft nach hinten gezogen und zu Boden geworfen. Die kühle Härte der Dielen drückte unangenehm gegen seine Handflächen, als er sich aufsetzte und in Theols wütende Augen blickte. ,,Was ist los mit dir?’’ fragte der Vishap, während er sich über ihn beugte. ,,Es ist alles bereit und du besäufst dich?’’ Seine Stimme war zornig, doch dahinter lag auch ein Hauch von Verzweiflung. Liam verzog das Gesicht und stieß Theol von sich weg, bevor er sich aufrappelte. Ohne ein weiteres Wort stürmte er aus der Taverne, hinaus in die Dunkelheit. Die Gassen der Kaiserstadt waren verlassen, und die Schatten der Nacht schienen nicht nur das Licht, sondern auch jede Hoffnung zu verschlingen. Doch Liam kam nicht weit. Ein harter Tritt in seinen Rücken warf ihn unsanft zu Boden. Der Aufprall auf dem kalten Pflaster ließ ihn für einen Moment den Atem anhalten. Bevor er sich umdrehen konnte, landete Theol auf ihm und drückte seinen Kopf auf die steinige Straße. ,,Liam verdammte scheiße, jetzt red mit mir!’’ knurrte Theol, seine Stimme rau und unnachgiebig. Liam keuchte, spürte das Blut, das von seiner Stirn in seine Augen rann. Es brannte, aber der Schmerz war fast eine Erleichterung. ,,Es ist vorbei…’’ murmelte er, seine Stimme kaum hörbar. Theol erstarrte, doch seine Wut ließ nicht nach. ,,Was ist vorbei? Wir sind hier, und du sagst, es ist vorbei?’’ Ein kräftiger Schlag traf Liam am Hinterkopf, und ein dumpfer Schmerz breitete sich aus. ,,Erinnerst du dich, wie du uns angefleht hast, dir zu helfen? Wie du gesagt hast, dass du Leyla finden und beschützen musst?’’ Liam blieb still, ließ die Worte über sich ergehen. Er hatte nichts zu sagen, nichts, das die Situation ändern konnte. Doch bevor Theol weiterreden konnte, unterbrach ihn eine zweite Stimme, ruhig, aber bestimmt. ,,Theol, geh runter vom Boss. Lass uns in Ruhe mit ihm reden.’’ Liam spürte, wie der Druck auf seinem Rücken nachließ, als Theol widerwillig von ihm heruntergezogen wurde. Langsam setzte er sich auf und wischte sich das Blut aus den Augen. Vor ihm stand Ralf, sein Gesicht besorgt. ,,Dann erzähl mal, Liam,’’ sagte Ralf sanft, doch sein Ton ließ keinen Raum für Ausflüchte. ,,Was ist heute passiert?’’ - ------------------------------------------------------------------------- Liam erzählte seinen beiden Begleitern, was sich in der Arena ereignet hatte. Seine Worte waren stockend, doch Ralf und Theol hörten ihm aufmerksam zu. Hin und wieder legte Ralf ihm beruhigend die Hand auf die Schulter, ein stilles Zeichen der Unterstützung. Liam spürte es kaum.  Die Last seiner eigenen Gedanken drückte ihn zu Boden, während er weiter sprach. Als er schließlich endete, hob er den Kopf und suchte in den Gesichtern seiner Begleiter nach einer Antwort, die ihm weiterhelfen könnte. Ralf war der Erste, der die Stille durchbrach. ,,Und was jetzt? Wir werden sie niemals von den Kopfgeldjägern wegbekommen. Vor allem nicht, wenn sie dort bleiben möchte.’’ Seine Worte klangen ruhig, aber nicht kalt. Er rieb sich nachdenklich das Kinn und fügte hinzu: ,,Lass uns doch erstmal nach Kartaffel reisen, wie wir es geplant hatten. Vielleicht fällt uns dort ja etwas ein.’’ Theol nickte und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Leyla ist jetzt in einer Position, wo sie nicht mehr gerettet werden muss. Ich verstehe, dass es hart für dich ist, aber ich stimme Ralf zu.’’ Seine Stimme war tief und ruhig, doch Liam spürte, dass auch Theol den Schmerz verstand, den er durchmachte. Die Stimmen drangen nur dumpf zu Liam durch und er starrte auf eine Pfütze am Boden. Sie schienen von weit her zu kommen, wie durch eine dicke Wand. Alles fühlte sich taub an, und das lag nur teilweise am Alkohol, der schwer in seinem Magen lag. Er wusste, dass sie Recht hatten. Ihre Worte waren logisch, vernünftig – und doch fühlte sich sein Herz bei der Vorstellung, Leyla für immer aus seiner Reichweite zu wissen, wie von einem Dorn durchbohrt. Eine dunkle Erkenntnis schlich sich in seinen Geist. Es war nicht nur das, was sie von ihm entfernte – es war das, was sie sein könnte. Eine Feindin. Ein bitteres Lächeln legte sich auf seine Lippen, als seine Gedanken in die Vergangenheit schweiften. Während der Zeit in Malyl war er, ohne das Wissen von Roxy, Fer und Leyla, der Gruppe ,,Schwarzer Stern’’ beigetreten.  Die Organisation galt im Kaiserreich als Terrorgruppe, ihre Mitglieder wurden gnadenlos gejagt. Er hatte seine Gründe gehabt, sich ihnen anzuschließen. Er hatte geplant, alles nach dem Auftrag im Engelstempel offenzulegen. Doch dieser Zeitpunkt war nie gekommen. Denn jetzt war alles anders. Fer war tot, Roxy verschollen und Leyla… Leyla war unerreichbar. Ein schwerer Seufzer entwich seinen Lippen, und Liam erhob sich langsam. Seine Bewegungen waren mechanisch, wie die eines Mannes, der nicht wusste, wohin er sich wenden sollte. Sein Blick fiel auf Ralf und Theol. ,,Ihr habt Recht. Wir brechen jetzt gleich auf. Keine weitere Nacht will ich in dieser verdammten Stadt verbringen.’’ Seine Begleiter tauschten einen kurzen Blick, bevor sie erleichtert aufatmeten. Sie folgten Liam durch die stillen Straßen, deren Dunkelheit sich wie eine Decke über die Stadt legte. Die kühle Luft brannte leicht auf der Haut, doch für Liam war sie nichts als ein weiterer Teil dieser trostlosen Nacht. Zusammen liefen sie zum Treffpunkt, von dem aus sie die Kaiserstadt verlassen würden.

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