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  • Kapitel 61 - Wenn Träume verblassen

    Langsam glitt Leylas Pinsel über die Leinwand. Strich für Strich formte sich das Bild der Kaiserstadt vor ihr. Sie hatte die Kaiserstadt zwar noch nie wirklich betrachten können, aber in ihrer Vorstellung entstand eine friedvolle Stadt, in der alle glücklich leben konnten. Eine Stadt, die nicht von Intrigen, Machtkämpfen und Ungerechtigkeit geprägt war – ganz anders als die reale Version, die sie erlebt und von der sie gelesen hatte. Die hochwertige Leinwand und die kostbaren Farben fühlten sich ungewohnt an, fast fremd. Noch nie hatte sie mit so edlen Materialien gearbeitet, und obwohl sie Filia lediglich um eine einfache Leinwand und Pinsel gebeten hatte, war ihr dieser Luxus gewährt worden. Auf der anderen Seite, hätten sie gewöhnliche Utensilien im Kaiserpalast mehr gewundert. Jede Bewegung ihres Pinsels war bedacht, fast liebevoll, und sie verlor sich in der friedlichen Illusion, die sie auf die Leinwand brachte. Malen war schon immer ihr kreativer Ausweg gewesen – eine Möglichkeit, dem Alltag zu entfliehen und etwas Eigenes zu schaffen. ,,Irgendwann würde ich gerne Kunst studieren…’’ murmelte sie, ein leises Lächeln auf den Lippen. Es war ein Gedanke, der sie wärmte, selbst wenn sie wusste, wie fern dieser Traum in ihrer aktuellen Lage war. Die letzten Wochen waren wie im Flug vergangen. Leyla hatte sich an ihre Umgebung gewöhnt, zumindest so weit, dass sie ihre Tage erträglicher gestalten konnte. Sie war sich jedoch bewusst, dass diese Anpassung nicht bedeutete, dass sie ihre Pläne aufgeben würde. Die Flucht war weiterhin ihr Ziel – sie wollte nur nicht, dass ihre Situation schwerer wurde, als sie ohnehin schon war. Ihr Training hatte Fortschritte gemacht. Ihre Erdmagie, die einst so unkontrollierbar gewesen war, ließ sich mittlerweile präzise und mit weniger Anstrengung einsetzen. Die enorme Kraft, die sie unmittelbar nach der Absorption des Steins kurzzeitig gespürt hatte, schien zwar noch unerreichbar, aber das störte sie nicht.  Sie fühlte sich selbstbewusster als je zuvor – und, was ihr ein kleines Lächeln entlockte, stärker als Liam. Bei diesem Gedanken konnte sie nicht anders, als sich zu fragen, wie er wohl damit umgehen würde, wenn er das wüsste? Doch ihre Vorstellungen wurde abrupt unterbrochen, als ein Klopfen an der Tür erklang. Das Geräusch riss sie aus ihrer ruhigen Welt, und sie stellte den Pinsel beiseite, bevor sie rief: ,,Herein.’’ Die Tür öffnete sich, und Charles Winson, der Leibdiener des Kronprinzen, trat in den Raum. Seine Schritte waren ruhig, fast lautlos, und sein Gesicht trug wie immer denselben leeren Ausdruck. ,,Miss Leyla’’, begann er mit seiner höflichen, aber nüchternen Stimme, ,,ich muss Ihnen etwas bezüglich Ihrer Zukunft mitteilen.’’ - ------------------------------------------------------------------------- ,,Bezüglich meiner Zukunft? Was meint er damit?’’ Leyla begann augenblicklich, sich hunderte Szenarien auszumalen. Würde sie freigelassen werden? War ihre Magie zu stark geworden und sie würde dafür hingerichtet werden? Oder würde man sie in einen richtigen Kerker werfen, weit weg von diesem Zimmer, das sich zumindest ein wenig wie ein Zuhause anfühlte? Doch die Nachricht, die Charles ihr überbrachte, war schlimmer als alles, was sie sich selbst in ihren furchtbarsten Albträumen ausgemalt hatte. ,,Miss Leyla, Seine Hoheit Kronprinz Eugenius wünscht, Euch zur Frau zu nehmen. Die Hochzeit wird nächste Woche stattfinden.’’ Für einen Moment setzte ihr Herz aus. Der Boden unter ihren Füßen schien sich zu neigen, und sie musste sich am Tisch abstützen. Heiraten? Einen Adligen? Einen Kronprinzen? Das war keine Zukunft, die sie wollte. Es war eine Falle, ein Käfig, aus dem sie sich niemals befreien könnte.  ,,W-Wie kommt das auf einmal?’’ Ihre Stimme zitterte, und sie hasste sich dafür. In letzter Zeit war sie besser geworden, ihre Gefühle zu verbergen, ein Talent, das sie sich von Filia abgeschaut hatte. Doch diese Nachricht sorgte dafür, dass ihre Masken zerbrachen. ,,Der Kronprinz liegt im Prinzenspiel momentan hinten. Die Hochzeit wird Seiner Hoheit die Punkte einbringen, die benötigt werden, um nicht ins Exil geschickt zu werden. Ihr solltet Euch geehrt fühlen. Ihr werdet Teil der mächtigsten Familie der Welt, und Eure Kinder werden eines Tages das Kaiserreich regieren.’’ Geehrt. Das Wort hinterließ einen bitteren Geschmack in ihrem Mund. Nichts an dieser Situation fühlte sich wie eine Ehre an. Leyla wollte kein Teil der Familie Algavia sein, und sie hatte absolut kein Interesse daran, Kinder zu bekommen, die eines Tages das Kaiserreich regieren würden.  Die Vorstellung, dass ihre Magie dazu benutzt werden sollte, die Linie der Herrscher zu stärken, machte sie krank. Doch sie wusste, dass sie keine Wahl hatte. Ihre Meinung war bedeutungslos. Ein Einspruch würde sie nur in größere Schwierigkeiten bringen. Leyla schluckte schwer, versuchte, ihre aufgewühlten Gedanken zu ordnen. Ihre Stimme war schwach und voller Traurigkeit, als sie schließlich fragte: ,,Warum hat er mich ausgewählt?’’  Charles blieb für einen Moment still, bevor er antwortete. Seine Worte waren kalt und emotionslos: ,,Seine Gründe sind für Euch nicht von Belangen. Ich werde Yaga mitteilen, dass bis zur Hochzeit das Training ausgesetzt wird.’’ Trotz seiner distanzierten Haltung glaubte Leyla, in seinen Augen einen flüchtigen Hauch von Traurigkeit zu erkennen. Es war nur ein Moment, ein winziger Schimmer, aber sie hatte ihn bemerkt. Sie fragte sich, was dieses Glimmen bedeutete. War es Mitleid? Bedauern? Doch sie wusste, dass Charles ihr keine ehrliche Antwort geben würde, und ließ die Frage unausgesprochen. Stattdessen sprach sie leise, fast resigniert: ,,Ich habe verstanden. Ich würde gerne alleine sein, wenn es möglich ist.’’ Charles verneigte sich leicht. ,,Wie Ihr wünscht, Miss Leyla. Teilt Filia bitte Eure Wünsche bezüglich des Hochzeitskleides mit.’’ Mit diesen Worten drehte er sich um und verließ den Raum, seine Schritte so leise, dass Leyla sie kaum hörte. Die Tür schloss sich hinter ihm, und die Stille, die folgte, war ohrenbetäubend. - ------------------------------------------------------------------------- Grau. So wirkte die strahlend weiße Wand ihres Zimmers auf Leyla. Ihr Blick war leer, halbtot, und haftete auf der glatten Oberfläche der Tapete, ohne sie wirklich wahrzunehmen. Ihr Körper lag schlaff und kraftlos auf ihrem Bett, ihre Glieder fühlten sich an, als gehörten sie nicht mehr zu ihr. Es war, als wären all ihre Träume auf einmal zerstört worden. Schon bei ihrer Ankunft in der Kaiserstadt hatte sie begriffen, dass sie sich unterordnen musste. Gefangenschaft ertragen, bis sich die Möglichkeit zur Flucht ergab – das war ihr Plan gewesen. Es war kein guter Plan, das wusste sie, aber es war immerhin ein Plan gewesen. Er hatte ihr etwas gegeben, woran sie sich klammern konnte. Natürlich hätte sie nach einer erfolgreichen Flucht verfolgt und gesucht werden können. Doch der Aufwand, so dachte sie, wäre wahrscheinlich nicht sehr hoch gewesen. Vielleicht hätte sie es geschafft, sich irgendwo in der Wildnis zu verstecken, oder in einem der kleinen Dörfer am Rand des Kaiserreichs. Vielleicht hätte sie ein neues Leben beginnen können. Doch jetzt, mit der bevorstehenden Heirat mit dem Kronprinzen, war dieser Traum endgültig zerstört. Sobald sie den Prinzen geheiratet hatte, würde es keinen Ausweg mehr geben. Sie würde nicht fliehen können. Sie würde für immer an diesen Palast, an diesen Mann gebunden sein, der sie nur als Mittel zum Zweck sah. Es war, als hätte sich ein weiteres unsichtbares Gitter um sie geschlossen – ein letzter Käfig, der keine Türen hatte. Eine Sackgasse ohne Ausweg, die Tür hinter ihr verschlossen. Ein Fallen ohne Ende. Dies war ihr Schicksal. Erschöpft schloss Leyla die Augen und atmete tief ein, bevor sie schwer seufzte. Tränen quollen unter ihren geschlossenen Augenlidern hervor, erst langsam, dann unaufhaltsam. Ihr ganzer Körper begann zu zittern, als das Schluchzen sie übermannte. Sie hatte gedacht, sie hätte all ihre Tränen längst vergossen. Doch diese Trauer, diese Verzweiflung, war anders. Sie war tiefer, schwerer – wie ein Stein, der auf ihre Brust drückte. Ihr fiel nur eine einzige Möglichkeit ein, um dem Schicksal als ewige Gefangene zu entkommen. Dem Schicksal, das sie dazu verdammte, für einen Mann, den sie weder wirklich kannte noch liebte, Kinder zu gebären, die sie niemals frei sein würden. Der Ausweg war ein Gedanke, der sie erschreckte, und doch schien er das Einzige zu sein, das ihr ein Gefühl von Kontrolle geben konnte. Selbstmord. Das Wort hallte in ihrem Kopf wider, wie ein Echo, das nicht enden wollte. Es war etwas, das sie ihr Leben lang verabscheut hatte. Sie hatte immer geglaubt, dass es ein feiger Ausweg war, ein Weg, den nur die wählten, die nicht kämpfen wollten. Doch da kam ihr ein Gedanke; Was, wenn man nicht mehr kämpfen konnte, was wenn der einzige Ausweg aus diesem, ihrem, goldenen Käfig war. Eine solcher Entschluss fühlte sich nicht mehr wie Feigheit an. Es fühlte sich an wie die einzige Entscheidung, die noch wirklich ihr gehörte. Während sie immer tiefer in den Sog ihrer eigenen Gedanken gezogen wurde, merkte Leyla nicht, wie sich ihr eine Person näherte. Die Welt um sie herum war nur noch ein dumpfer, grauer Schleier. Erst als sie die Wärme spürte, die weichen Arme, die sich um sie legten, wurde sie aus ihren Gedanken gerissen. Die Umarmung war vertraut, tröstlich. Leyla öffnete die Augen und blickte in das Gesicht von Filia, die stumm an ihrer Seite saß. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte fast eine Stunde lang ohne ein einziges Wort in Filias Armen gelegen. Die Nähe war ihr Anker, der Halt, den sie brauchte, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Die Wärme ihrer Freundin hatte sie zurückgehalten, während die dunklen Gedanken wie ein Sturm in ihrem Kopf tobten. Jetzt, da die Wogen sich ein wenig geglättet hatten, richtete Leyla sich langsam auf. Ihr Blick war leer, ihre Stimme klang tonlos, als sie fragte: ,,Hast du gehört, was mir bevorsteht?’’ Filia nickte nur und strich ihr sanft über die Wange. Ihre Finger wischten die letzten Tränen weg, während ihre Augen voller Mitgefühl und Schmerz waren. Nach einem Moment des Schweigens begann sie zu sprechen, ihre Stimme war ruhig, aber traurig. ,,Ja, das habe ich. Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass dir so etwas widerfährt. Es macht mich traurig…’’ Leyla öffnete den Mund, um zu antworten, doch die Worte blieben in ihrer Kehle stecken. Sie wollte sagen:  ,,Dir geht es doch fast genauso.’’ Doch etwas in Filias Augen hielt sie davon ab. Stattdessen formte sich ein anderer Gedanke in ihrem Kopf, ein Gedanke, der wie ein Messer durch die Stille schnitt. ,,Ich werde die Hochzeit nicht antreten. Und wenn ich dafür sterben muss.’’ Filias Augen weiteten sich vor Schreck, und bevor Leyla auch nur einen weiteren Atemzug machen konnte… —KLATSCH— …traf Filias flache Hand ihr Gesicht mit einer solchen Wucht, dass Leyla reflexartig die Augen schloss. Die Wange brannte, und überrascht rieb sie die schmerzende Stelle. Ihre Gedanken wirbelten, als sie Filia ansah. Tränen glitzerten in den Augen ihrer Freundin, und ihre Stimme zitterte vor brodelndem Schmerz. ,,Wie kannst du so etwas nur sagen?’’ Filia blickte Leyla mit einer Mischung aus Enttäuschung und Wut an. ,,Der Tod soll ein besseres Schicksal sein? Und was wird aus denen, die dich lieben? Denjenigen, die dich brauchen? Was wird aus mir?’’ Ihre Stimme brach, und sie holte tief Luft, bevor sie weitersprach. ,,Alleine, dass du es aussprichst, tut mehr weh, als alles, was mir angetan wurde…’’ Leyla spürte, wie sich eine Welle aus Scham und Reue über sie ergoss. Wie hatte sie nur annehmen können, dass ihre Entscheidung nur sie selbst betreffen würde? Sie hatte war dem Glauben verfallen, niemanden zu verletzen, wenn sie ihren eigenen Schmerz beendete. Doch sie hatte sich geirrt – so sehr geirrt. Ihr Versuch, ihrem eigenen Schicksal zu entkommen, hätte ein Loch in die Herzen all derer gerissen, die sie liebten. ,,Tut… Tut mir leid…’’ stammelte sie. Ihre Stimme klang klein, und sie wagte es nicht, Filia anzusehen. Filia legte ihre Hände auf Leylas Schultern und sprach mit einem Nachdruck, der sie beinahe erschreckte. ,,Versprich mir, dass du dir das nicht antun wirst, okay? Wir finden einen anderen Weg, ganz bestimmt…’’  Doch ihre Stimme versagte, und sie musste einen Moment innehalten, um die Fassung zurückzugewinnen. Sie atmete tief ein und sprach dann weiter, ihre Worte leiser, aber nicht weniger entschlossen: ,,Wenn ich den Kronprinzen für dich vergifte, dann wirst du nicht verheiratet. Vielleicht kommst du sogar frei.’’ Leylas Kopf fuhr hoch, ihre Augen weiteten sich, und ohne Vorwarnung… —KLATSCH— …traf ihre eigene Hand Filias Gesicht. Die Stille, die darauf folgte, war schwer und bedrückend. Filia hielt sich die Wange, sah Leyla überrascht an, doch diese ließ ihr keine Zeit zu reagieren. ,,Du sagst mir, dass ich mich nicht umbringen soll, und schlägst dann etwas vor, was dich garantiert das Leben kosten würde? Bist du dumm? Ja, du bist dumm. Ich bin noch viel dümmer, das ist mir klar, aber du bist auch ziemlich dumm.’’  Leyla schloss kurz die Augen, holte tief Luft, und als sie weitersprach, war ihre Stimme ruhiger, aber voller Nachdruck. ,,Wir beide lassen die andere Person nicht alleine, okay?’’ Filia blickte Leyla an, ihre Augen voller Tränen, doch sie nickte schließlich stumm. Ohne ein weiteres Wort zog sie Leyla erneut in ihre Arme, und die beiden Frauen hielten sich fest, als würden sie einander vor der Dunkelheit schützen. - ------------------------------------------------------------------------- Nach einigen weiteren Stunden, die Nacht war bereits über die Kaiserstadt hereingebrochen, verabschiedete sich Filia und ließ Leyla alleine zurück. Der Raum fühlte sich auf einmal größer an. Leerer. Kälter. Leyla lag auf ihrem Bett, die Decke bis zum Kinn hochgezogen, und starrte gedankenverloren an die Decke. Unsicherheit nagte an ihr, ein lähmendes Gefühl von Hilflosigkeit. Was sollte sie tun? Alles fühlte sich an wie eine Sackgasse. Kein Ausweg, nur Mauern, die immer näher kamen. Ihr Blick wanderte zu ihrem Kunstwerk. Das Bild einer Kaiserstadt, die es so niemals geben würde. Die Farben waren lebendig, das Licht strahlte Hoffnung aus, die in der echten Kaiserstadt nicht existierte. Die Wahrheit war hässlich, ernüchternd. Die wahre Kaiserstadt war verkommen. Leyla seufzte leise und ließ die Decke noch ein Stück höher rutschen, bis sie fast ihr ganzes Gesicht bedeckte. Vielleicht war es besser, sich einfach zu fügen. Widerstand erschien sinnlos, und die Konsequenzen schienen nur noch mehr Schmerz zu versprechen. ,,Vielleicht sollte ich einfach dankbar sein…’’  dachte sie, ein bitteres Lächeln auf ihren Lippen. Dankbar dafür, genug zu essen zu haben, ein Dach über dem Kopf, und wenigstens eine gute Freundin wie Filia an ihrer Seite. Es hätte schlimmer kommen können, oder? –KLOPF— —KLOPF— Leyla zuckte zusammen, ihr Herz schlug plötzlich schneller. Woher kam das Geräusch? Es klang nicht wie ein Klopfen an der Tür. Ihr Kopf drehte sich hastig zum Fenster, und ihr Atem stockte. Das Fenster war geöffnet worden, und in der Öffnung saß... Bunj. Das Grinsen, das er ihr schenkte, war alles andere als beruhigend. Es wirkte eher wie das Grinsen eines Raubtiers, das seine Beute gefunden hatte. Seine knurrende Stimme durchbrach die Stille: ,,Guten Abend, Kleinerr Wellensittich. Leistest du mirr Gesellschaft?’’ Leyla starrte ihn an, zu überrascht, um zu antworten. Die Worte blieben ihr im Hals stecken, doch es schien Bunj nicht zu stören. Mit den geschickten Bewegungen kletterte er ins Zimmer, seine Bewegungen schnell, aber nicht bedrohlich.  Bevor Leyla reagieren konnte, hob er sie mit einer Leichtigkeit auf seine Arme. Er war nicht grob, und dennoch war die Situation surreal. Sie hatte nicht das Gefühl, dass er ihr etwas antun wollte, doch sein plötzliches Erscheinen und die Entschlossenheit in seinen Bewegungen ließen sie sprachlos zurück. Ohne ein weiteres Wort kletterte Bunj mit ihr wieder nach draußen. Der kühle Nachtwind schlug ihr ins Gesicht, während sie sich krampfhaft an seinen Arm klammerte, unsicher, was als Nächstes geschehen würde. Doch Bunj wirkte vollkommen unbeeindruckt, als er sie auf das Dach des Palastes setzte. Leyla wagte es, den Blick zu heben, und zum ersten Mal sah sie die Kaiserstadt aus dieser Perspektive. Ein endloses Meer aus Häusern breitete sich vor ihr aus, die Dächer glänzten silbern im Mondlicht, und die Straßen schimmerten wie dunkle Flüsse unter dem sternenklaren Himmel. ,,Wie schön…’’ dachte Leyla, ihre Sorgen für einen Moment vergessen. Sie hatte die Kaiserstadt noch nie so gesehen, und für einen kurzen Augenblick fühlte sie sich frei.

  • Kapitel 27 - Todeskampf mit dem Monster

    Vorsichtig setzte Leyla einen Schritt vor den anderen. Sie versucht leise zu sein, so leise, dass niemand sie hören konnte.  Sie spürte den stechenden Schmerz in ihrem rechten Oberschenkel. Seit sie in die Tiefe gestürzt war und auf einer Reihe spitzer Steine gelandet war, blutete sie stark. ,,Ich muss unbedingt zurück zu Liam und Roxy… Wenn ich nur wüsste, wie ich hier unten rauskommen kann. Scheiße…’’ Jeder Schritt war eine Qual, die Schmerzen zogen sich wie Nadeln durch ihren Körper, jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Krampf. Gedanken an Liam und Roxy versanken in einem Nebel aus Verzweiflung. Schmerz und Trauer fluteten ihren Verstand und ließen ihren Magen verkrampfen.  ,,Fer… Was ist mit dir passiert…’’ Da fiel ihr ein Glühen am Ende des Ganges auf. Ein braun-orangenes Licht schien aus einem Loch in der Wand und je näher sie dem Glühen kam, desto stärker wurde der pochende Schmerz in ihrer Schläfe, den sie, seitdem sie und die Anderen diesen Ort betreten hatten, spürte. Das Licht warf unruhige Schatten an die Wand, und ein modriger Geruch stieg in ihre Nase. Der schmale Gang schien endlos und die Dunkelheit wie eine erdrückende Wand um sie herum. ,,Was ist nur los mit mir…’’  Sie hatte dieses Pochen nicht mehr gespürt, seit sie damals aus Migar aufgebrochen war. Ihre Schritte wurden schneller, angetrieben von einem unbestimmten Drang, obwohl der pochende Schmerz in ihrem Kopf mit jedem Meter stärker wurde. Es war, als ob das Licht sie rief, lockte, trotz der Gefahr, die es versprach. Sie erreichte das Loch in der Wand und blickte hindurch. Ihr Kopf fühlte sich so an, als würde er jeden Moment platzen.  ,,Was ist das?’’  Leyla hatte vergessen, dass sie leise sein wollte. Stattdessen starrte sie gebannt durch das Loch in der Wand… -------------------------------------------------------------------------- Einige Monate zuvor hätte Leyla niemals geahnt, dass ein einziger Tag ihr bisheriges Leben in dieser Welt für immer verändern würde. Sie schlich dicht hinter Liam her, während sie tiefer in die feuchte Dunkelheit der Höhle vordrangen. Plötzlich bemerkte sie, wie es weiter vorne heller wurde – vielleicht ein weiterer Ausgang? Liam hob die Hand und hielt inne, bevor er sich langsam zu ihr umdrehte. „Da vorne ist ein Loch in der Decke. Wahrscheinlich lebt das Monster dort. Wir müssen vorsichtig sein“, flüsterte er mit ernster Stimme. Leyla nickte stumm. Ihr Herz klopfte schneller, während sie ihre Bewegungen verlangsamte. Lautlos glitten sie durch die Dunkelheit, wie Jäger, die jeden Schritt abwägen, immer auf der Hut vor ihrer Beute. Die drückende Stille der Höhle schien nur darauf zu lauern, von einem falschen Geräusch zerrissen zu werden. —BUMM— Ein plötzliches Geräusch durchschnitt die Stille, gefolgt von einem dumpfen Aufprall. Leyla lag auf dem kalten Höhlenboden, ihr Atem beschleunigt. Vor Schreck hatte sie laut aufgeschrien. Ihre Finger tasteten über den Grund, und als sie sah, worüber sie gestolpert war, zog sich ihr Magen zusammen. Ein verwitterter, knochiger Schädel lag vor ihr, die leeren Augenhöhlen schienen sie anzustarren, als wollten sie von unaussprechlichem Leid berichten. Sie unterdrückte den aufsteigenden Würgereiz und schluckte schwer. ,,Scheiße’’ , murmelte sie heiser, während ihre Hände zitterten. Doch bevor sie ihre Gedanken ordnen konnte, erfüllte ein donnerndes Brüllen die Höhle.   —ROOOAAAR— Das Geräusch ließ sie zusammenzucken, und ihr Atem stockte. Mit weit aufgerissenen Augen sah sie an Liam vorbei. Da war es – das Monster. Ein riesiger Bär, bedeckt von eiserner Panzerung, dessen rot glühende Augen vor Wut flammten. Es knurrte tief und fixierte Leyla für einen Moment, bevor sein Blick auf Liam überging. Leyla spürte, wie ihre Kehle trocken wurde. Ihre Augen suchten hektisch Liams Gesicht, verzweifelt nach einem Hauch von Sicherheit. Doch sein Blick blieb starr auf das Monster gerichtet, jede Muskelspannung in seinem Körper verriet, dass er kampfbereit war. Trotz der überwältigenden Angst beruhigte es sie ein wenig, dass er bei ihr war. „Bleib hinter mir“, flüsterte Liam schließlich, seine Stimme fest, aber leise, als wollte er das Biest nicht noch mehr provozieren. -------------------------------------------------------------------------- Das Monster stürmte mit einem tiefen Brüllen auf Liam zu, seine gewaltigen Zähne bereit, sich in das Fleisch des Elfen zu graben. Liam reagierte blitzschnell. Mit einer geschmeidigen Bewegung wirbelte er zur Seite, immer den massigen Gegner im Blick. Seine Hand fuhr zu den Dolchen an seinem Gürtel, und in einer fließenden, geübten Bewegung schleuderte er die Waffen auf eine Stelle unterhalb der Panzerung, die wie eine Schwachstelle wirkte. Doch die Klingen prallten nutzlos vom dichten Fell des Bären ab und klirrten auf den Boden. Fluchend zog Liam sein Schwert. Er wich einem weiteren Angriff der messerscharfen Krallen aus, sprang mutig auf das Maul des Monsters zu und zielte auf den Hals. Doch bevor er treffen konnte, schmetterte ihn die mächtige Pranke des Bären mit voller Wucht gegen die Höhlenwand. Leylas Herz raste. Das Adrenalin schoss durch ihren Körper, und sie spürte jeden einzelnen Herzschlag wie einen Donnerschlag in ihren Ohren. Sie wusste, dieser Moment würde entscheiden, ob sie überlebten – oder hier starben. Sie brach aus ihrer Starre aus, sprang auf die Füße und zog mit zitternden Händen ihr Kurzschwert. Ihre Augen suchten Liam, der sich mühsam aufrappelte und unter Schmerzen stöhnte. Trotz der Angst in ihrem Inneren wusste sie, dass sie jetzt handeln musste. Während die beiden abwechselnd angriffen, war der Bär nicht zu stoppen. Jeder Schlag der Klingen prallte von seiner Panzerung ab, und er wehrte jeden ernstzunehmenden Angriff ab, als wäre es ein Kinderspiel. Liams Blick verfinsterte sich. Er hob die Hand und begann, leise einen Zauber zu murmeln. Plötzlich formte sich ein Ball aus flackernden Flammen vor ihm, der mit jeder Sekunde größer wurde. „Zurück!“ rief er und schleuderte den Feuerball mit einem donnernden Knall in Richtung des Bären. Die Hitze brannte durch die stickige Luft, und als die Flammen auf den gepanzerten Körper trafen, schrie das Ungeheuer vor Schmerz auf. Seine Panzerung begann zu glühen, und der Gestank von verbranntem Fleisch erfüllte die Höhle. „Das ist meine Chance!“ dachte Leyla, während sie auf das Monster zustürmte. Mit aller Kraft stieß sie ihre Klinge in das linke Auge des Bären. Blut spritzte in einem feinen Nebel in die Luft, und ein ohrenbetäubendes Brüllen erfüllte die Höhle. Der Bär schlug blindlings nach ihr und warf sie zu Boden, doch Leyla rollte sich ab und brachte sich in Sicherheit. Liam hatte sich inzwischen wieder gefangen. Er packte sein Schwert fester und stürmte auf das nun einäugige Monster zu. Doch gerade als er ausholte, um den Kopf des Biests abzutrennen, richtete sich der Bär mit einem wütenden Schnauben auf und schlug erneut nach ihm. Liam musste zurückweichen, seine Zähne fest zusammengebissen. Die Höhle erzitterte bei jedem Schritt des Ungeheuers. Das grollende Brüllen, das Klirren von Metall auf Stein und die Hitze der Flammen, die den Raum erhellten, verschmolzen zu einem chaotischen Sturm, der Leyla den Atem raubte. Der beißende Geruch von verbranntem Fleisch brannte in ihrer Nase, und ihre Muskeln schmerzten vor Anspannung. Schnaufend kam Liam neben ihr zum Stehen. Sein Atem ging schwer, und er spuckte Blut auf den Boden. Er stützte sich auf sein Schwert, bevor er mit entschlossener Stimme sprach. „Das Vieh ist zäh… Ich glaube nicht, dass wir es so einfach kleinkriegen.“ Er sah Leyla an, ein schwaches, aber aufmunterndes Lächeln auf den Lippen. „Aber wir schaffen das. Bleib vorsichtig und gib nicht auf!“ Leyla nickte fest, die Angst in ihren Augen einer kalten Entschlossenheit gewichen. Sie hob ihr Schwert und ging erneut in Kampfhaltung, bereit, alles zu geben. -------------------------------------------------------------------------- Liam strich mit einer entschlossenen Bewegung über die Klinge seines Schwertes, das augenblicklich in Flammen aufging. Ohne zu zögern stürzte er sich erneut auf das Monster, während Leyla im selben Moment von der anderen Seite angriff. Der Stahlbär, wie Liam ihn genannt hatte, fixierte sofort das brennende Schwert und schlug mit einer gewaltigen Tatze danach. Genau das hatte Liam beabsichtigt. Mit einem gezielten Sprung ließ er das Schwert los, rutschte geschickt unter den Bauch des Ungeheuers hindurch und riss dabei seinen Dolch nach oben. Die Klinge schnitt durch die verwundbare Haut des Bauches und hinterließ eine klaffende Wunde. Gleichzeitig stieß Leyla von hinten zu. Ihre Hände umklammerten ihr Schwert, als sie versuchte, die dicke Haut des Bären am Rücken aufzureißen. Der Bär brüllte vor Schmerz, wirbelte herum und schlug Leyla die Waffe aus der Hand. Sie stolperte rückwärts, und als das Monster sich auf sie stürzen wollte, sprang Liam dazwischen und riss sie zur Seite. Leyla landete unsanft auf dem harten Boden, die Luft wich aus ihren Lungen. Doch bevor sie sich aufrappeln konnte, packte der Bär Liam mit seinen mächtigen Zähnen. Ein Schrei zerriss die Höhle, und Leyla erstarrte vor Entsetzen, als sie sah, wie die Zähne des Bären tief in Liams Rücken bohrten. Warmes Blut strömte in dicken Tropfen aus seinen Wunden und lief an ihm herab, während der Bär ihn herumwirbelte wie eine Puppe. ,,Liam!!!’’ Leylas Schrei hallte von den Höhlenwänden wider. Das Adrenalin erfasste sie erneut, und sie warf sich mit bloßen Händen auf das Monster. Verzweifelt versuchte sie, die gewaltigen Kiefer des Bären auseinanderzuzwingen. Ihre Finger krallten sich in die Panzerung, während Tränen über ihr Gesicht liefen. Endlich lockerte der Bär seinen Biss, und Liam fiel wie ein Stein zu Boden. Leyla stürzte mit ihm, doch der Bär war noch nicht fertig. Das Ungeheuer bäumte sich auf, und sein gieriges Maul öffnete sich bedrohlich. Übel riechender Sabber tropfte auf Leylas Gesicht, während der Gestank nach Verwesung und Blut sie fast ersticken ließ. Panisch tastete sie nach ihrem Schwert, das nur wenige Zentimeter entfernt lag. Ihre zittrigen Finger fanden den Griff, und sie packte es mit aller Kraft. In einem letzten, verzweifelten Aufbäumen schwang sie die Klinge nach oben. Die Klinge durchbohrte die Kehle des Bären, glitt durch Fell, Fleisch und Knochen. Das Monster stieß ein gurgelndes Geräusch aus, das die Höhle erfüllte, bevor es schwer zur Seite kippte und reglos liegen blieb. Leyla atmete schwer, der metallische Geschmack von Blut lag auf ihren Lippen. Sie erinnerte sich an den Kampf mit der Arachne – ein Fehler hatte sie beinahe das Leben gekostet. Nicht diesmal. Mit wackligen Beinen rappelte sie sich hoch, stolperte zu dem Kopf des Bären und schlug mit zitternden Armen immer wieder darauf ein, bis er vollständig abgetrennt war. Dann drehte sie sich zu Liam um. Er lag blutüberströmt auf dem Boden, seine Atmung war flach und unregelmäßig. Die Dunkelheit in der Höhle schien sich plötzlich dichter um sie zu legen, als ob sie jeden Funken Hoffnung ersticken wollte. Sie kniete neben ihm, das Blut des Bären tropfte von ihren Händen und bildete kleine Pfützen auf dem kalten Stein. „Liam, hörst du mich? Du musst wach bleiben, alles wird gut“, flüsterte sie mit bebender Stimme. Ihre Hände drückten auf seine Wunden. Liam öffnete schwach die Augen und sah sie mit einem müden, aber warmen Blick an. „Das… hast du gut gemacht, Leyla. Ich bin… stolz auf dich“, brachte er keuchend hervor. Blut lief aus seinem Mundwinkel, und sein Griff um ihre Hand war kaum noch spürbar. Tränen füllten Leylas Augen und liefen ungehemmt über ihre Wangen. „Du darfst mich nicht allein lassen… Bitte, Liam, nicht jetzt“, flüsterte sie verzweifelt, ihre Stimme brach. Ihr Blick war verschwommen, ihre Gedanken ein wirrer Strudel aus Angst und Schmerz. Liam versuchte zu lächeln, doch sein Atem wurde schwächer. Seine Hand glitt langsam aus ihrem Griff, und Leyla spürte, wie ihre eigene Kraft schwand. Das Adrenalin verließ ihren Körper, und die Realität des Augenblicks wurde zu viel. Mit einem letzten, erstickten Schluchzen sackte sie zusammen und verlor das Bewusstsein, während die Höhle in eine bedrückende Stille verfiel.

  • Kapitel 26 - Das Monster von Rehengar

    Die Mittellande breiteten sich in all ihrer Pracht vor ihnen aus. Die warmen Sonnenstrahlen schienen mit den leuchtenden Farben der blühenden Felder zu verschmelzen, während der Duft von frisch gemähtem Gras und wilden Blumen den leichten Wind begleitete. Überall zwitscherten Vögel, und das sanfte Rauschen der Blätter in den Bäumen schuf eine beruhigende Melodie. Es war eine Landschaft, die den Geist zur Ruhe kommen ließ und das Herz mit stiller Freude erfüllte. Doch unter dieser Idylle schwang ein leises Knistern mit – eine Vorahnung von Abenteuern, die noch vor ihnen lagen.   [???] ,,In ein bis zwei Stunden sollten wir in Rehengar ankommen!’’ Fer drehte sich grinsend zu Leyla um, während er seine Hände lässig in die Hüften stemmte. ,,Hat ja auch lange genug gedauert’’, antwortete Leyla und verzog leicht das Gesicht. ,,Fast eine Woche sind wir schon unterwegs.’’ Ihre Reise war geprägt von kleinen Abenteuern am Wegesrand. An einem Tag hatten sie einem Bauern auf dem Acker geholfen, an einem anderen einer alten Dame, die schwere Möbel transportieren musste. Auch wenn die Verzögerungen ärgerlich waren, hatte niemand in der Gruppe ernsthaft protestiert. [???] ,,Ich bereue es trotzdem nicht, dass wir einige Verzögerungen in Kauf genommen haben. Wir konnten einige gute Taten vollbringen, das wirkt sich auch auf unseren Anfängerstatus aus!’’ Roxy, Leylas beste Freundin und eine furchtlose Kriegerin, war immer die Erste, die ihre Hilfe anbot. Ihre Energie und Entschlossenheit zogen die Gruppe mit, und Leyla bewunderte sie insgeheim dafür. [???] ,,Ich freue mich schon darauf, dich wieder vor einem Monster zu retten. Du bedankst dich dann immer so süß!’’ Liams schelmisches Grinsen ließ Leyla die Augen verdrehen. ,,Träum weiter’’, entgegnete sie trocken, obwohl ein Hauch von Rot ihre Wangen färbte. Liam, der sie von Anfang an begleitet hatte, hatte sie in brenzligen Situationen schon oft gerettet. Seine charmante, manchmal freche Art ließ sie gleichermaßen genervt und amüsiert zurück. In letzter Zeit hatte sie jedoch bemerkt, dass sie sich in seiner Nähe sicherer fühlte. ,,Ich habe wirklich Glück, solche Freunde gefunden zu haben.’’ Leylas Gedanken schwebten kurz ab, während sie ihre Begleiter ansah. Ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben verblassten immer mehr. Sie wusste nicht, warum oder wie das geschah, doch sie hatte beschlossen, es zu akzeptieren – zumindest bis sie die Möglichkeit hatte, Antworten zu finden. Der Schlüssel dazu lag in der großen Bibliothek von Malyl, doch der Zugang war mit Bedingungen verknüpft. Um die Bibliothek betreten zu dürfen, musste ihre Abenteurergilde, ,,Die grauen Federn’’, den vierten Rang erreichen. Momentan waren sie Anfänger, der unterste Rang der fünfstufigen Skala. Adept, Fortgeschritten, Experte und schließlich Heldenrang folgten darauf. Jeder Rang brachte mehr Privilegien, schwerere Aufträge und höhere Belohnungen mit sich. Die Abenteurergilde war eine vielseitige Institution. Die meisten Anfragen betrafen das Bekämpfen von Monstern, doch auch Eskorten, das Erkunden gefährlicher Orte und gelegentlich sogar diplomatische Missionen gehörten zu ihren Aufgaben. ,,Hey, träumst du? Wir sind bald da!’’ Roxy stubste Leyla an, die aus ihren Gedanken aufschreckte. Die warme Sonne, die sanften Hügel der Mittellande und die vertrauten Stimmen ihrer Freunde machten ihr bewusst, dass sie genau da war, wo sie sein wollte. -------------------------------------------------------------------------- Rehengar wirkte wie ein verschlafenes Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben war. Die wenigen Häuser um den kleinen Marktplatz hatten verblasste Fassaden, die von vergangenen Stürmen erzählten. Einige Bauern boten ihre überschüssigen Ernten an, während der Duft von frisch gepflücktem Gemüse sich mit dem erdigen Geruch der umliegenden Felder vermischte. Eine einsame Windfahne drehte sich leise quietschend im Wind, als ob auch sie sich an das langsame Leben hier angepasst hätte. Liam trat als Erster auf einen der Dorfbewohner zu. ,,Guten Tag, wir sind wegen des Auftrags hier. Können Sie uns sagen, wo wir den Dorfvorsteher finden, der die Anzeige aufgegeben hat?’’ Ein alter, gebeugter Mann mit faltigem Gesicht und tiefliegenden, misstrauischen Augen musterte die Gruppe kurz, bevor er mit einem grummelnden Ton antwortete: ,,Ihr seht tatsächlich fähig aus. Ich bin der Dorfvorsteher. Kommt mit.’’ Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich um und schlurfte in Richtung eines Hauses. Seine langsamen, knarrenden Schritte schienen sich perfekt an die Stille des Dorfes anzupassen. Leyla warf einen fragenden Blick zu Fer, der nur mit den Schultern zuckte. Gemeinsam folgten sie dem alten Mann ins Haus. Das Innere des Hauses war düster und wirkte, als sei es seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Die wenigen Möbelstücke schienen fast wie Relikte einer vergangenen Zeit. Ein Kessel mit grüner Suppe blubberte leise vor sich hin, als wäre er das einzige Zeichen von Leben in der kargen Behausung. Der Geruch von Kräutern und feuchter Erde hing schwer in der Luft, während das Knarren der Dielen unter ihren Schritten die Stille betonte. ,,Wir haben seit einigen Wochen ein Problem mit einem Monster’’, begann der alte Mann mit überraschend sanfter Stimme. ,,Es schleicht sich nachts in unsere Gehege, reißt die Schweine und verschwindet. In der Nähe gibt es einen kleinen Wald, ich nehme an, es lebt dort. Bitte, kümmert euch darum.’’ Leyla bemerkte den Hauch von Sorge in seinen Augen und versuchte, ihre eigene Aufregung zu verbergen. Ihr Herz schlug schneller, während sie fragte: ,,Habt Ihr das Monster schon gesehen? Könnt Ihr uns etwas mehr darüber erzählen?’’ ,,Nein’’, erwiderte der Dorfvorsteher, während er seinen Blick auf die Suppe richtete. ,,Wir haben es nie direkt gesehen. Aber wir finden morgens die Überreste der Schweine. Es sind keine sauberen Schnitte oder Bisse, sondern... ein Chaos. Auch die Zäune wurden niedergetrampelt.’’ ,,Niedergetrampelt?’’ Fer runzelte die Stirn, während er sich einen weiteren Keks in den Mund schob. ,,Meint Ihr zerstört? Zerbrochen?’’ ,,Nein, ich meine niedergetrampelt’’, wiederholte der Alte. ,,Flachgedrückt, als hätte etwas Schweres sie einfach überrollt.’’ ,,Das klingt nach einem großen Monster. Vielleicht ein Riese?’’ Leyla sprach leise, eher zu sich selbst, denn sie war sich nicht sicher, ob es in dieser Welt tatsächlich Riesen gab. ,,Wir werden es uns ansehen und dieses Problem lösen’’, sagte Roxy mit entschlossener Stimme. Sie stand auf, warf den anderen einen kurzen Blick zu und ging zur Tür. ,,Es wird Zeit, dass wir herausfinden, womit wir es zu tun haben.’’ Die Gruppe folgte ihr, und Leyla spürte, wie sich eine Mischung aus Aufregung und Nervosität in ihr ausbreitete. Es war ihr erster richtiger Auftrag, und sie war fest entschlossen, ihren Teil dazu beizutragen. -------------------------------------------------------------------------- Der Zaun, der die Wiese vom Wald abgrenzte, war tatsächlich an mehreren Stellen plattgetreten. Die tiefen Abdrücke im Boden waren so groß, dass ein Kurzschwert der Länge nach hineinpassen würde. Holzstücke steckten schräg im Boden, während der Großteil in zersplitterten, unregelmäßigen Stücken über die gesamte Fläche verstreut lag. ,,Was könnte das für ein Monster gewesen sein?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme zitterte leicht, während sie unbewusst näher an Liam heranrückte. Liam spürte ihre Anspannung und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Fer, der mit prüfendem Blick die Spuren untersucht hatte, richtete sich auf und wandte sich an die Gruppe. ,,Das könnte gut ein Troll gewesen sein. Die sind stark und nicht gerade subtil. Sollten aber keine große Herausforderung sein. Problematisch wird’s nur, wenn wir es hier mit etwas Seltenem zu tun haben... oder schlimmer, einem Drachen.’’ ,,Ein Drache?’’ Leylas Augen weiteten sich, doch Liam schüttelte den Kopf. ,,Ein Drache würde wohl aus der Luft angreifen, außerdem sehe ich keine Spuren von Feuer oder Verbrennungen.’’ Er rieb sich nachdenklich das Kinn. ,,Vorsicht ist trotzdem angebracht’’, sagte Fer entschlossen. ,,Ich gehe vor. Ihr drei deckt meinen Rücken.’’ Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er sich in Bewegung, seine schwere Axt kampfbereit in den Händen. Die Gruppe hatte bereits auf der Reise ihre Kampfformation besprochen. Fer, mit seiner massiven Rüstung und seiner Fähigkeit, die meisten Angriffe auszuhalten, würde vorausgehen. Liam und Roxy hielten jeweils die Flanken, wachsam für jede mögliche Gefahr. Leyla, mit ihrer mangelnden Kampferfahrung, war in der Mitte positioniert – ein Arrangement, das Liam unmissverständlich durchgesetzt hatte. Fer führte sie mit sicheren, bedächtigen Schritten in den Wald. Sein Blick wanderte aufmerksam über die Umgebung, und die Gruppe folgte ihm in angespannter Stille. Die dichten Bäume des Waldes schufen ein düsteres Halbdunkel, selbst bei Tageslicht. Verknäuelte Äste bildeten bizarre Muster, während der modrige Geruch von feuchtem Laub und Verfall allgegenwärtig war. Jeder Schritt auf dem unebenen Boden löste ein leises Rascheln oder Knacken aus, das sich wie ein unwillkommener Eindringling in die bedrückende Stille des Waldes einfügte. Leyla konnte die Kälte und Dunkelheit spüren, die den Ort durchdrang, und unwillkürlich drängten sich alte Erinnerungen in ihren Kopf. Sie dachte an die Arachne, der sie einst in einem ähnlichen Wald begegnet war, und an die kalte Zelle, in der sie nach ihrer Entführung festgehalten worden war. Die Erinnerungen zogen sich wie ein enger Knoten in ihrer Brust zusammen. ,,Was, wenn ich wieder allein gelassen werde? Was, wenn es wieder passiert?’’ Der Gedanke nagte an ihr, bis sie sich zwang, ihn beiseitezuschieben. Sie schüttelte leicht den Kopf und blickte nach vorne. Liam, Roxy und Fer würden sie nicht im Stich lassen. Das wusste sie. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie fast in Fers Rücken lief, als dieser abrupt stehen blieb. ,,Was ist los?’’ flüsterte sie und umklammerte instinktiv den Griff ihres Schwertes. ,,Dort vorne...’’ Fers Stimme war gedämpft, aber ernst. ,,Eine Höhle. Und auf der Lichtung davor sind unmengen an Fußspuren.’’ Die Lichtung vor der Höhle schien wie ein Kontrast zum dichten Wald, der sie umgab. Hier war der Boden plattgetrampelt und aufgewühlt, als hätte ein gigantisches Wesen in wütender Raserei gewütet. Die Spuren schienen fast das gesamte Areal zu bedecken. Es war, als hätte die Natur an diesem Ort innegehalten. Keine Vögel sangen, und selbst der Wind schien seinen Atem anzuhalten. Die Luft war still und schwer, durchzogen von einem schwachen, unheilvollen Geruch, der aus der dunklen Höhle drang. Sie öffnete sich vor ihnen wie das Maul eines schlafenden Ungeheuers. ,,Was denkt ihr, was da drin ist?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. ,,Etwas Großes’’, murmelte Liam, seine Augen scharf auf die Höhle gerichtet. Roxy löste ihre Waffe aus der Halterung, ihre Haltung angespannt und bereit. ,,Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden’’, sagte Fer schließlich. Er hob seine Axt und setzte vorsichtig einen Fuß auf die Lichtung, seine Bewegungen wachsam und schwer wie der drohende Klang eines nahenden Sturms. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig bewegten sie sich weiter in Richtung der Höhle, das leise Knirschen ihrer Schritte auf dem erdigen Boden das einzige Geräusch in der erdrückenden Stille. Die Dunkelheit vor ihnen war so dicht, dass Leyla das Gefühl hatte, sie könnte sie mit den Händen greifen. ,,Ich werde eine Lichtkugel nutzen, sobald wir drin sind. Bleibt wachsam. Wenn es gefährlich wird, ziehen wir uns sofort zurück’’, sagte Liam, seine Stimme ruhig und bestimmt, als wäre er an solche Situationen gewöhnt. Leyla nickte, doch ihre Hände zitterten leicht. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, und sie musste sich zwingen, den Griff ihres Schwertes nicht zu fest zu halten. Ihre Gedanken waren ein chaotisches Durcheinander von Möglichkeiten, jede beängstigender als die andere. ,,Was, wenn wir warten, bis es dunkel wird und es von selbst rauskommt?’’ schlug sie vor, ihre Stimme ein wenig zu hoch, um ihre Nervosität zu verbergen. Roxy schüttelte entschieden den Kopf. ,,Das wäre ein Fehler. Manche Monster sind nachts viel gefährlicher. Wir sollten das Risiko nicht eingehen.’’ Liam legte eine beruhigende Hand auf Leylas Schulter und lächelte sie an. ,,Wir schaffen das. Bleib einfach in meiner Nähe.’’ Mit einem Nicken gab Fer das Zeichen, und Liam ließ eine Lichtkugel über ihm erscheinen. Das schwache, warme Leuchten tauchte die Höhle in ein gedämpftes Licht, das gerade genug zeigte, um die Umgebung zu erkennen, aber nicht genug, um die allgegenwärtige Dunkelheit zu vertreiben. Die Gruppe folgte Fer in die Höhle, ihre Schritte vorsichtig und leise. Von der Decke tropfte Wasser und die kühle, feuchte Luft wurde von einem fauligen Geruch erfüllt, der Leyla den Magen umdrehte. Die Wände der Höhle waren rau und grau, und das schwache Licht ließ Schatten tanzen, die Leylas Augen immer wieder täuschten. ,,Eine Weggabelung’’, sagte Fer und blieb abrupt stehen. Er sah in die beiden Gänge, die vor ihnen lagen, seine Augen schmal vor Anspannung. ,,Wie wollen wir vorgehen?’’ ,,Wir könnten uns trennen’’, schlug Liam vor, ohne Zögern. ,,Leyla und ich nehmen den rechten Gang, und Roxy und Fer gehen nach links. Es wird bald Abend, und wir haben nicht die Zeit, beide Wege gemeinsam zu erkunden.’’ Leyla spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Der Gedanke, sich zu trennen, machte sie nervös. ,,Das ist wie in einem schlechten Horrorfilm…’’ , dachte sie, während sie sich Liam zuwandte. ,,Wenn wir uns trennen, gehe ich mit Leyla’’, sagte Roxy entschieden, ihre Augen funkelten entschlossen. Es war offensichtlich, dass sie Leyla nicht alleine lassen wollte. Liam hielt Roxys Blick, sein Gesicht entspannt, doch seine Augen verrieten einen Hauch von Anspannung. ,,Ich bin stärker und habe mehr Erfahrung. Wenn Leyla bei mir ist, ist sie sicherer.’’ Leyla tat es leid für Roxy, doch sie wusste, dass Liam recht hatte und stellte sich neben ihn. Leyla zögerte. Sie wollte Roxy nicht enttäuschen, aber sie wusste, dass Liam recht hatte. Schließlich trat sie neben ihn und nickte. ,,Ich gehe mit Liam. Wenn etwas passiert, können wir uns rufen.’’ Roxy verzog das Gesicht, doch schließlich nickte sie widerwillig. ,,Pass gut auf dich auf. Nicht nur wegen des Monsters, sondern auch wegen Liam.’’ ,,Schon gut, ich passe auf sie auf’’, antwortete Liam, mit einem Hauch von Ärger in der Stimme. ,,Mach dir keine Sorgen, sie kommt heil zurück.’’ Fer betrachtete die beiden Gänge noch einmal mit prüfendem Blick. ,,Geht kein Risiko ein. Wenn es zu gefährlich wird, zieht euch zurück.’’ Leyla spürte eine Mischung aus Anspannung und Schuld, als sie Roxy einen kurzen Blick zuwarf. Dann wandten sie sich den Gängen zu. Leyla und Liam nahmen den rechten, während Roxy und Fer nach links gingen. Die Stille der Höhle verschluckte das Geräusch ihrer Schritte, und bald waren sie allein in der Dunkelheit.

  • Kapitel 25 - Der Tag, an dem das Unheil begann

    Ark I - Die Grauen Federn Schritte hallten durch den düsteren Gang, den nur ein paar flackernde Fackeln mit schwachem Licht erhellten. Die Finsternis war beinahe greifbar, als würde sie den Raum wie eine lebendige Präsenz erfüllen. Der hagere Mann, dessen dürrer Körper fast in den tiefschwarzen Falten seines Mantels verschwand, bewegte sich mit einer ungeduldigen, fiebrigen Hast. Seine Bewegungen hatten etwas Rastloses, als ob jede Sekunde von unermesslicher Bedeutung wäre. Der Tempel war erfüllt von einer beklommenen, erdrückenden Stille. Die Luft, schwer und stickig, schien die Last der Jahrtausende zu tragen, die dieser Ort bereits überdauert hatte. Jeder Atemzug des Mannes war ein leises Echo in der unendlichen Finsternis, jeder Schritt störte die uralte Ruhe des Ortes. Die Flammen der Fackeln warfen tanzende Schatten an die zerklüfteten Wände, die den Eindruck erweckten, als würden unsichtbare Augen aus der Dunkelheit heraus auf den Eindringling starren. Je tiefer er in das labyrinthartige Gebäude vordrang, das die Aura eines längst vergessenen Tempels ausstrahlte, desto langsamer wurden seine Schritte. Es war, als ob er die antike Macht, die in den Wänden lauerte, mit jeder Faser seines Seins spürte. Die kühle, abgestandene Luft schien mit jeder Bewegung dichter zu werden, als ob sie ihn zurückdrängen wollte. Die Statuen, die den Gang säumten, standen reglos und dennoch unheimlich lebendig im schwachen Licht der Fackeln. Ihre kunstvoll gearbeiteten Gesichter, einst Ausdruck von Anmut und Macht, hatten nun eine düstere Aura. Die kalten Blicke der steinernen Figuren schienen dem Mann zu folgen, als ob sie darauf warteten, dass ein uraltes Signal sie zum Leben erweckte, um ihre vergessenen Pflichten zu erfüllen. Der Mann blieb vor einer großen Steintür stehen. Ihre Oberfläche war mit unzähligen, unentzifferbaren Glyphen bedeckt, die im schwachen Licht beinahe unsichtbar wirkten. Er hob seine rechte Hand, wie zu einem Gruß. Augenblicklich erfüllte ein unheimliches, lilafarbenes Licht den Gang. Die Glyphen begannen zu pulsieren, als ob sie plötzlich aus einem langen Schlaf erwacht wären, und wanden sich wie lebendige Adern über die Tür. Minuten vergingen, in denen die antiken Mechanismen tief in den Eingeweiden des Tempels knirschten und ächzten, als ob die Zeit selbst sich gegen diese Öffnung stemmte. Doch schließlich, mit einem letzten, schweren Ruck, begann die massive Steintür sich zögerlich zu öffnen. Ein kalter Windstoß drang aus der Finsternis dahinter hervor und brachte den fauligen Geruch von Verfall und Vergessenheit mit sich. Der Mann zögerte nicht. Mit einer Entschlossenheit, die weder die bedrohliche Atmosphäre des Ortes noch die Kälte der Dunkelheit erschüttern konnte, trat er durch die Tür und verschwand in der dahinter lauernden Schwärze. -------------------------------------------------------------------------- Das Herz des Tempels war von einer undurchdringlichen Finsternis umhüllt, als hätte das Licht selbst diesen Ort seit Jahrtausenden gemieden. Die Luft war schwer, und der Geruch von Verfall und altem Stein drang in die Nase des Mannes, während er zögernd weiterging. Mit einem schnellen Zauber entzündete sich eine graue Flamme über seiner Handfläche. Sie tanzte ruhelos, ein unnatürliches, gedämpftes Licht, das den Raum gerade so weit erhellte, dass er die Umrisse erkennen konnte. Die Flamme flackerte, als ob auch sie von der finsteren Macht dieses Ortes eingeschüchtert wäre. Vor ihm lag eine steinerne Treppe, die sich wie eine unheilvolle Einladung hinauf zu einem Altar erstreckte. Der Altar wirkte auf den ersten Blick unscheinbar, ein einfacher Block aus dunklem Gestein, doch bei näherem Hinsehen offenbarte er seine wahre Natur. Die Oberfläche war mit einer uralten Schrift bedeckt, deren kunstvoll geschwungene Zeichen sich scheinbar bei jedem Blick veränderten, als lebten sie. Es war, als ob die Gravuren ein eigenes Bewusstsein besaßen, ein Wissen, das sich dem Mann nur widerwillig offenbarte. Die Stille des Raumes war überwältigend, nur das leise Knistern der grauen Flamme durchbrach sie. Der Mann trat langsam auf den Altar zu, sein Kopf gesenkt, als würde er Respekt zollen oder von einer schweren Last gedrückt. Der Raum schien ihn zu beobachten, jeden seiner Schritte mit unheilvoller Aufmerksamkeit zu verfolgen. In der Mitte des Altars lag eine schlichte Steinschale, die den Staub der Jahrhunderte gesammelt hatte. Sie war unscheinbar und doch erdrückend in ihrer Präsenz, als ob sie nur darauf wartete, mit Bedeutung gefüllt zu werden. Etwas in der Tasche des Mannes begann sich zu regen. Ein unheilvolles Zischen erfüllte die Luft, als ein schwarzer Dolch, kalt und bedrohlich, wie von unsichtbarer Hand aus der Tasche glitt. Er schwebte vor dem Mann in der Luft, pulsierend, als würde er vor Gier vibrieren. Der Dolch hielt vor ihm inne, als erwarte er ein unausweichliches Ritual. Der Mann streckte zögernd die Hand aus und schloss die Finger um die kalte, verfluchte Klinge. Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr ihn, als sich die Klinge in seine Haut fraß, gierig nach seinem Blut. Er biss die Zähne zusammen, seine Augen funkelten vor Entschlossenheit, während die ersten Tropfen seines Blutes in die Schale fielen. Mit jedem Tropfen schien der Tempel zu erwachen, die unheilvollen Schriftzeichen auf dem Altar begannen rot zu glühen, pulsierend wie der Herzschlag eines uralten Wesens. Die Schale füllte sich langsam mit Blut, das in einem unnatürlichen Glanz leuchtete. Als sie etwa zur Hälfte gefüllt war, begann sie rot zu strahlen, ein unheilvolles Licht, das den Raum durchdrang und die Dunkelheit an den Rändern zittern ließ. Es war, als ob die Schale die Macht in sich aufnahm, die durch das Opfer erweckt wurde. Der Mann keuchte, während er mit einer zitternden Bewegung seine Hand zurückzog. Ein heilender Zauber schloss die Wunde, doch die Erschöpfung und der Schwindel, die ihn überkamen, waren nicht so leicht zu vertreiben. Der Dolch fiel mit einem lauten Klirren zu Boden, ein Echo, das sich in der bedrückenden Stille des Raumes verlor. Seine Sicht verschwamm, während der Raum um ihn herum zu wanken schien. Die Macht des Tempels, die sich in der Stille verborgen hatte, begann ihn zu umfangen, wie unsichtbare Hände, die ihn in die Dunkelheit zogen. Der Mann taumelte, unfähig, sich zu wehren, und ließ die schwindelerregende Macht über sich hereinbrechen. -------------------------------------------------------------------------- Der hagere Mann fand sich in einem Raum wieder, der sich nicht beschreiben ließ, als wäre er aus einer anderen Realität gerissen. Um ihn herum erstreckte sich eine karge, graue Ebene, so flach und trostlos, dass der Horizont beinahe mit dem bleigrauen Himmel verschmolz. Ein eisiger Wind peitschte über das Land, drang durch seine Kleidung und hinterließ ein Gefühl von Leere und Unbehagen. Seine Augen blieben wie gefesselt an der finsteren Gestalt hängen, die vor ihm stand. Ein Wesen von überwältigender, unnatürlicher Schönheit. Seine Gesichtszüge waren so makellos, dass sie aus einem Traum hätten stammen können, doch die schwarzen Flügel an seinem Rücken und die geschwungenen Hörner auf seinem Kopf sprachen von etwas anderem – etwas Dunklem, das die Grenzen der Sterblichkeit sprengte. Seine Kleidung, die von einem schwarzen Nebel umhüllt schien, ließ ihn wie einen König über diese trostlose Welt erscheinen. Der Mann kämpfte gegen das Zittern, das ihn bei diesem Anblick durchlief. Vor langer Zeit hätte er sich vor Angst niedergeworfen, wäre vor dieser Macht in die Knie gegangen. Doch die Jahre hatten ihn hart gemacht, und er wusste, dass er nichts zu fürchten hatte – zumindest nichts, was er sich nicht selbst auferlegt hatte. ,,Oh großer Geeri, ich bin gekommen, um mir das zu holen, was Ihr seit langer Zeit hütet.’’ Seine Stimme war klar und fest, doch seine Hände zitterten leicht, ein ungewolltes Eingeständnis seiner Anspannung. Die Kälte, die von diesem Ort ausging, schien ihn bis auf die Knochen zu durchdringen, und doch hielt er dem durchdringenden Blick des Wesens stand. Geeri hob langsam den Kopf, seine dunklen Augen funkelten wie zwei schwelende Kohlen. Als er sprach, hallte seine Stimme wie ein Donnerschlag durch die trostlose Weite. ,,Was befähigt dich, Sterblicher, meine Ruhe zu stören? Du weißt, dass dies, welches du verlangst, dein Ende bedeuten wird, nicht wahr?’’ Die Worte drückten den Mann beinahe zu Boden, sein Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben. Die Macht in Geeris Stimme war allumfassend, eine unerbittliche Präsenz, die alles um sie herum beherrschte. Doch der Mann zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. ,,Ich bin mir dessen bewusst’’, antwortete er mit einer Ruhe, die ihn selbst überraschte. ,,Ich bin mir auch bewusst, dass Ihr mir diese Bitte nicht abschlagen könnt. Gebt mir, was ich suche, und ich werde verschwinden.’’ Geeri schwieg für einen Moment, betrachtete den Mann mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Verachtung und Neugier lag. Schließlich hob er eine Hand, und in seiner offenen Handfläche erschien ein kleiner, runder Stein. Er schimmerte in einem unheilvollen Licht, und Runen zogen sich über seine Oberfläche wie pulsierende Adern. Mit einer lässigen Bewegung warf Geeri den Stein dem Mann zu. ,,Nimm ihn und verschwinde’’ , sprach Geeri mit einem boshaften Lächeln, das seine makellosen Reiszähne entblößte. ,,Wenn dich das Schicksal nicht umbringt, werde ich auf dich warten und dir dein Leben entreißen!’’ Der Mann fing den Stein und spürte augenblicklich das eisige Gewicht in seiner Hand. Es war, als trüge er die Last eines uralten Fluches, und die kalte Berührung schien direkt in sein Innerstes vorzudringen. Panik stieg in ihm auf, doch er unterdrückte sie mit aller Kraft. Der Stein schien zu pulsieren, als würde er von einer eigenen Lebendigkeit durchdrungen. Die graue Landschaft begann zu verschwimmen, als ob die Realität selbst sich von ihm abwandte. Das letzte, was er sah, waren Geeris glühende Augen, die ihn wie ein Raubtier fixierten. Dann spürte er die bedrückende Stille des Tempels wieder um sich, und sein keuchender Atem war das einzige Geräusch in der erdrückenden Dunkelheit. -------------------------------------------------------------------------- Einen Moment verharrte er im Schatten des Tempels. Der Stein lag fest in seiner Hand, während die kühle, dichte Luft der Gänge ihn noch einmal umhüllte. Seine Mission war erfüllt, und ein triumphales Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Mit schnellen Schritten durchquerte er die dunklen Korridore, das Echo seiner Stiefel hallte durch die uralten Hallen. Als er schließlich den Ausgang erreichte, blendete ihn das gleißende Sonnenlicht. Er hob die Hand, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen, und trat hinaus in die eisige Klarheit der Bergwelt. Die schroffen Gipfel ragten um ihn herum wie uralte Titanen, die das Land vor den Blicken der Sterblichen verbargen. Der Wind war gnadenlos und schnitt wie Klingen durch die Luft, doch er ließ sich nicht beirren. Er holte tief Luft, spürte die beißende Kälte, die seine Lungen füllte, und sah zum Himmel hinauf. ,,Ich werde nicht sterben, Geeri. Deine Drohung war nichts als leeres Grollen. Ich werde mächtiger sein, als du es je warst.’’ Sein Blick wanderte zu dem kleinen Stein in seiner Hand. Die Runen darauf leuchteten schwach in einem pulsierenden Rhythmus, als ob der Stein lebte. Er wusste, dass er die volle Macht dieses Artefakts noch nicht nutzen konnte, doch der Bruchteil, der ihm zur Verfügung stand, reichte aus. Es würde genügen, um seine Pläne in Bewegung zu setzen. Ein Schatten fiel über den Vorsprung, auf dem er stand. Der Abgrund unter ihm war tief, die Schlucht ein tödliches Labyrinth aus zerklüfteten Felsen und schneebedeckten Vorsprüngen. Doch er blieb ruhig, sein Griff um den Stein fest und entschlossen. Mit einem präzisen Handzeichen rief er den Wind herbei. In der Ferne ertönte ein tiefes, donnerndes Grollen. Sekunden später schoss der schwarze Drache heran wie ein Unwetter, das aus den Wolken brach. Der Luftzug seiner mächtigen Flügel fegte über die Berge und ließ Staub und Schnee aufwirbeln. Die Kapuze des Mannes wurde vom Kopf geweht, und sein schuppiges Gesicht wurde von der kalten Wintersonne beleuchtet. Der Drache war ein beeindruckendes, bedrohliches Wesen. Seine schwarzen Schuppen schimmerten matt, als wären sie aus Obsidian gefertigt, und reflektierten das Licht wie finstere Juwelen. Seine Flügel waren weit gespannt, und jeder Schlag verursachte ein unheimliches Heulen in der Luft. Die glühend roten Augen des Wesens funkelten wie lebendige Kohlen und schienen tief in die Seele des Mannes zu blicken. Mit einer mühelosen Bewegung stieg er auf den Rücken des Drachens. Ein sanftes, beinahe vertrautes Brummen drang aus der Kehle des Wesens, als es sich in die Lüfte erhob. Die Luftströme wirbelten um sie herum, und die Kälte schien alles Lebendige aus der Welt zu vertreiben, während der Drache in den Himmel aufstieg. Die Berge unter ihnen wurden kleiner, verschwanden langsam hinter dem grauen Schleier der Wolken. Der Schatten des Drachens breitete sich über das Land aus, und selbst die Wolken schienen vor seiner Präsenz zurückzuweichen. Der Mann spürte, wie die Macht, die ihm nun innewohnte, mit jedem Flügelschlag des Drachens in ihm pulsierte. Er ließ seinen Blick über die unendliche Weite schweifen, sein Gesicht ein Bild des düsteren Triumphs. Ein kaltes Lächeln spielte auf seinen Lippen, während er leise sprach: ,,Wartet nur ab. Bald werdet ihr bereuen, mich verleugnet zu haben.’’ Der Drache stieg höher, bis die Welt unter ihnen nur noch ein vages Muster aus Bergen, Schluchten und Schatten war, und der Mann richtete seinen Blick fest auf den Horizont, wo seine Zukunft auf ihn wartete.

  • Kapitel 24 - Schwarz

    ,,Wo bin ich?’’ Leyla blickte sich um. Sie stand in einem dunklen Wald, alleine, nackt.  Sie spürte die Panik nach und nach in ihrem Körper empor kriechen. Ihre Beine begannen zu zittern. Ihr Magen verkrampfte. Das Atmen fiel ihr schwerer und schwerer. Ihr Hände begannen zu schwitzen. Blut floss ihr Gesicht herab. Ihre Lippen kaputt gebissen. Die Augen weit aufgerissen. Ein Geräusch drang in ihr Ohr — Fußschritte. Sie sah den vermummten Mann, der sie entführt hatte.  Angst. Der Mann griff nach ihrer Hand. Sie wollte schreien. Weglaufen. Sie bewegte sich nicht. Plötzlich durchschnitten helle Flammen die Dunkelheit. Liam stürmte auf den Mann zu, tötete ihn. Leyla wollte ihn umarmen, ihm danken. Sie bewegte sich nicht. Ein Windstoß fegte durch den Wald und blies die Flammen aus.  Schwärze legte sich erneut über den Wald. Liam war verschwunden.  Leyla wollte nach ihm suchen. Sie bewegte sich nicht. Dunkelheit. Angst. Angst. -------------------------------------------------------------------------- Leyla fuhr ruckartig hoch, ihr Atem ging schwer, und ihr Herz pochte wie ein Trommelwirbel in ihrer Brust. Der Albtraum war so lebendig gewesen, dass es ihr schwerfiel, sich davon zu lösen. Kalter Schweiß benetzte ihre Stirn, während sie versuchte, die zitternden Hände zu beruhigen, die sich in die Decke gekrallt hatten. Langsam begann sie zu erkennen, wo sie war – in ihrem Bett, sicher und weit entfernt von den Schrecken, die sie im Traum heimgesucht hatten. ,,Ein Albtraum…’’ murmelte sie und strich sich mit zitternden Fingern durch das klamme Haar. Die Worte hallten leise in dem stillen Raum wider, als ob sie sich selbst beruhigen wollte. Durch das kleine Fenster fielen erste Strahlen des zarten Morgenlichts herein und tauchten den Raum in einen goldenen Schein. Der Anblick wirkte wie eine sanfte Erinnerung daran, dass sie frei war, dass ihre Tage in Ketten vorbei waren. Doch das Herzrasen wollte sich nicht sofort legen. ,,Heute werde ich wohl nicht mehr schlafen können…’’ sagte sie zu sich selbst, die Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Sie schwang die Beine aus dem Bett und setzte sich auf den Rand, das Gesicht in den Händen vergraben, bevor sie tief durchatmete und aufstand. Leyla wusch sich ausgiebig, das kalte Wasser half ihr, den Rest der Nacht aus ihren Gedanken zu spülen. Als sie fertig war, warf sie einen Blick auf ihre Kleidung. Sie trug immer noch die Sachen, die Liam ihr nach der Entführung besorgt hatte – schlicht und praktisch, aber weit entfernt von dem, was sie sich selbst ausgesucht hätte. ,,Wir wollten uns gegen Mittag treffen. Ich denke, ich sollte vorher noch ein paar neue Klamotten kaufen gehen.’’ Mit diesem Gedanken griff sie nach den drei verbliebenen Kupfermünzen in ihrer Tasche, prüfte ihr Schwert, das an der Wand lehnte, und schnallte es sich um. Die anderen Sachen ließ sie in der Taverne zurück. ,,Liam und Fer werden wohl noch schlafen’’, dachte sie und ging die knarrende Treppe hinunter. Der Aufenthaltsraum der Taverne war menschenleer. Nur das leise Knistern der Glut im Kamin und das entfernte Zwitschern eines Vogels durchbrachen die Stille. Ohne jemanden zu treffen, schritt Leyla auf die Straße hinaus. Die kühle Morgenluft empfing sie, frisch und rein, und sie fühlte sich, als hätte der Tag ihr eine Chance gegeben, mit neuem Mut zu beginnen. Während sie durch die noch schläfrigen Straßen ging, erinnerte sie sich an einen Kleidungsladen, den sie am Vortag gesehen hatte. Ihre Schritte wurden zielgerichteter, und ein Hauch von Aufregung ließ sie die Sorgen der Nacht für einen Moment vergessen. Es war ein neuer Tag, und sie wollte ihn nutzen. -------------------------------------------------------------------------- —DING— Das helle Läuten der Glocke, das ihr Betreten ankündigte, ließ Leyla unwillkürlich zusammenzucken. Sie atmete tief ein, um sich zu sammeln, und trat dann weiter in den kleinen Laden ein. Der Raum war angenehm und zugleich anregend. Der Duft von frisch gewebtem Stoff vermischte sich mit einem Hauch von Kräutern, und die Kleidungsstücke, die sorgfältig aufgestellt waren, wirkten fast wie Kunstwerke. Die Regale aus dunklem Holz verliehen dem Raum eine warme Atmosphäre, und ein gemütlicher Sessel in der Ecke vervollständigte das Bild. Eine Elfe erschien aus dem hinteren Bereich des Ladens. Ihr langes, silbernes Haar schimmerte im Licht, und ihre Bewegungen waren so anmutig, dass Leyla sich unwillkürlich gefragt hatte, wie jemand so elegant sein konnte. Mit einem freundlichen Lächeln begrüßte die Elfe sie: ,,Guten Morgen, wie kann ich Ihnen helfen? Sie sehen aus, als könnten Sie ein paar neue Sachen gebrauchen.’’ Leyla nickte und versuchte, selbstsicher zu klingen, obwohl ihre Münzen in der Tasche sie daran erinnerten, dass sie eigentlich kaum etwas kaufen konnte. ,,Ja, das stimmt. Darf ich mich ein wenig umsehen?’’ ,,Natürlich. Wenn Sie etwas brauchen, lassen Sie es mich wissen.’’ Die Elfe setzte sich mit einem Buch auf den Sessel, das sie offenbar gerade erst zur Seite gelegt hatte. Leyla beobachtete sie einen Moment lang, bevor sie durch den Laden zu schlendern begann. Die Anordnung der Kleidungsstücke war so geschickt, dass jedes Stück in seinem besten Licht erschien. Leyla fühlte sich fast ein wenig fehl am Platz, als hätte sie sich in einen Raum verirrt, der für eine bessere Version ihrer selbst gedacht war. Der Laden war in zwei Bereiche aufgeteilt. Vorne gab es eine Auswahl an Kleidungsstücken, die locker zusammenpassten und einzeln gekauft werden konnten. Die Preise dort waren erschwinglich – zumindest für ihre momentanen Verhältnisse. Doch ihre Aufmerksamkeit wanderte schnell zu dem hinteren Bereich, der luxuriöser wirkte. Hier waren komplette Outfits aufgestellt, getragen von Holzstatuen, die die Eleganz und Stärke der Kleidungsstücke betonten. Leylas Blick blieb an einer Statue hängen. Sie trug ein Ensemble, das sie nicht aus den Augen lassen konnte: ein schwarzes Kleid, das mit einer an eine Leggings erinnernden Hose kombiniert war. Das Oberteil war mit feinen Mustern verziert, und man konnte sehen, dass es verstärkt war – vermutlich für Abenteurer wie sie gedacht. Schwarze Handschuhe bedeckten die Hände der Statue, und ein schwarzer Umhang mit einem funkelnden Edelstein am Verschluss rundete das Outfit ab. Am auffälligsten war jedoch der schwarze Hut mit einer blauen Blume an der Seite, der dem Ganzen eine geheimnisvolle Eleganz verlieh. ,,Wie schön…’’ murmelte Leyla, ohne es zu bemerken. Ihre Finger zuckten leicht, als sie sich vorstellte, wie sie in diesem Outfit aussehen würde. Für einen Moment war sie sich sicher, dass sie sich darin stärker und selbstbewusster fühlen würde. Doch dann fiel ihr Blick auf das Preisschild, und die Realität holte sie ein: vier Goldmünzen. Ihr Herz sank. So etwas lag weit außerhalb ihrer Möglichkeiten. Sie konnte sich kaum ein einziges Teil aus dem vorderen Bereich leisten, geschweige denn dieses gesamte Outfit. ,,So viel Geld habe ich nun wirklich nicht…’’ murmelte sie enttäuscht und schüttelte den Kopf. Trotzdem konnte sie sich nicht ganz von der Statue losreißen, als ob der Gedanke, es eines Tages zu besitzen, ein leiser, aber beharrlicher Traum war. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Ist meine Bestellung schon angekommen?’’ Enttäuscht kehrte Leyla in den vorderen Bereich des Ladens zurück. Während sie sich die Kleidungsstücke ansah, bemerkte sie, dass ein weiterer Kunde hereingekommen war. Er sprach gerade mit der Elfe, und obwohl sie es nicht beabsichtigt hatte, begann Leyla unauffällig zuzuhören. ,,Ist meine Bestellung schon angekommen?’’ fragte der Mann, seine Stimme glatt und selbstsicher. ,,Nein, bisher noch nicht, Euer Gnaden’’, antwortete die Elfe höflich, ihre Haltung respektvoll, aber nicht unterwürfig. Leyla spürte, wie ihr Herz schneller schlug. Die Anrede ,,Euer Gnaden’’ ließ keinen Zweifel daran, dass dieser Mann ein Adliger war. Eine Mischung aus Neugier und Unbehagen breitete sich in ihr aus. Sie versuchte, unauffällig zu bleiben, während sie sich weiter umsah. ,,Nun, das ist schade. Bitte melde dich, sobald sie da ist’’, sagte der Mann mit einem leichten Lächeln, bevor er sich von der Elfe abwandte. ,,Wie Ihr wünscht, Euer Gnaden’’, erwiderte diese. Zu Leylas Unbehagen schritt der Mann nun in ihre Richtung. Sie hoffte, er würde einfach an ihr vorbeigehen, doch stattdessen blieb er direkt vor ihr stehen. Seine Augen musterten sie, und seine Lippen formten ein glattes, charmantes Lächeln. ,,Guten Tag, schöne Frau, Ihre Kleidung passen gar nicht zu so einer reizenden Person.’’ Leyla erstarrte, ihre Schultern zogen sich leicht nach oben. Seine Worte waren freundlich gemeint, doch sie trafen bei ihr auf taube Ohren. Die Schmeichelei wirkte leer und unecht, und ein unangenehmes Gefühl kroch ihr den Rücken hinauf. Sie mochte es nicht, wenn Menschen versuchten, sie auf ihr Äußeres zu reduzieren, und noch weniger mochte sie es, wenn diese Menschen Adlige waren. ,,Ich entschuldige mich, aber ich muss jetzt auch wieder los’’, sagte sie kühl, in der Hoffnung, die Situation schnell zu beenden. Doch der Mann machte keine Anstalten, ihr den Weg freizugeben. Stattdessen trat er näher, gerade genug, dass es bedrängend wirkte. Leyla spürte, wie ihre Hände feucht wurden und ihr Puls schneller schlug. Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, obwohl Panik in ihr aufstieg. ,,Ich würde Ihnen gerne etwas kaufen. Suchen Sie sich etwas aus’’, schlug der Mann vor, als wäre das ein großzügiges Geschenk. ,,Nein danke, kein Bedarf. Lassen Sie mich jetzt bitte vorbei?’’ Ihre Stimme war angespannt, doch sie versuchte, ruhig zu bleiben. Als der Mann weiterhin den Weg blockierte, spürte sie, wie ihre Wut die Angst verdrängte. Ihr Körper spannte sich an, bereit, notfalls zu kämpfen. ,,Ich hab gesagt, lass mich durch’’, wiederholte sie, ihre Stimme nun lauter und eindringlicher. Sie griff langsam nach dem Griff ihres Schwertes, ihre Finger tasteten nach der vertrauten Kälte des Metalls. Bevor die Situation weiter eskalieren konnte, ertönte plötzlich eine vertraute Stimme hinter ihr: [???] ,,Guten Morgen Leyla, ich habe mir schon gedacht, dass ich dich hier finde!’’ -------------------------------------------------------------------------- Leylas Blick schoss zum Eingang, aus dem die vertraute Stimme gekommen war. Liam kam mit seinem üblichen, lässigen Grinsen auf sie zu, die Hände in die Taschen gesteckt. ,,Hat meine Freundin Euch etwa Probleme bereitet?’’ fragte Liam in einem Tonfall, der zugleich freundlich und herausfordernd klang. Der Adlige wandte seinen Blick von Leyla ab und richtete ihn auf Liam. Für einen Augenblick schien es, als würden die beiden ein stilles Duell austragen, ihre Blicke wie Schwerter kreuzend. Zum ersten Mal konnte Leyla den Adligen genauer betrachten: Sein kurzes, pechschwarzes Haar war makellos geschnitten, und sein Lächeln hatte etwas Kaltes, Arrogantes. Seine tiefschwarzen Augen schienen eine Mischung aus Überlegenheit und Desinteresse zu spiegeln, als ob er es gewohnt war, dass die Welt sich nach seinem Willen richtete. Um seinen Hals hing eine goldene Kette, an der ein kleiner Drache prangte. ,,Das ist doch das gleiche Symbol wie auf den Schilden der Wachen’’ , dachte Leyla, während ein mulmiges Gefühl sich in ihrer Magengegend ausbreitete. ,,Ich bin gerade in einer Unterhaltung mit dieser wunderschönen Frau’’, sagte der Adlige schließlich mit einem Hauch von Abfälligkeit in der Stimme, ,,würdet Ihr uns alleine lassen, Elf?’’ Liam zeigte keinerlei Anzeichen von Sorge oder Nervosität. Stattdessen umspielte ein selbstbewusstes Lächeln seine Lippen, und seine Augen funkelten fast spöttisch. Er zuckte mit den Schultern und wandte sich ohne weitere Beachtung des Adligen an Leyla. ,,Leyla, wollen wir nicht langsam zusammen zur Taverne gehen?’’ fragte er beiläufig, als ob der Mann nicht existierte. Der Adlige schien kurz irritiert, fing sich jedoch schnell wieder. ,,Nun, hübsche Dame, ich sehe, Ihr habt schon etwas vor. Wenn Ihr etwas braucht oder Eure Meinung ändert, kommt zum Schloss meiner Familie’’, sagte er schließlich mit einem glatten Lächeln. Leyla spürte, wie sich ihre Anspannung in Wut verwandelte. Die Selbstgefälligkeit des Mannes war unerträglich. Doch statt sich davon einschüchtern zu lassen, erwiderte sie sein Lächeln mit einem herausfordernden Grinsen. ,,Ihr meintet doch, dass ich mir etwas aussuchen darf, nicht wahr? Oder steht Ihr nicht zu Eurem Wort?’’ Einen Moment lang schien der Adlige überrascht, doch dann nickte er langsam. ,,Natürlich. Irgendwie muss ich Euch ja von mir überzeugen.’’ Ohne zu zögern, ging Leyla zu der Figur mit der schwarzen Kleidung, die sie zuvor bewundert hatte. ,,Dann nehme ich alles, was diese Puppe anhat’’, sagte sie fest. Der Adlige zuckte leicht mit den Mundwinkeln und bezahlte, ohne mit der Wimper zu zucken. Als er ihr die Kleidung überreichte, sagte er: ,,Wollen wir noch etwas essen gehen? Ich bin mir sicher, wir würden uns blendend verstehen.’’ ,,Nö, kein Bedarf’’, antwortete Leyla scharf und drehte sich um. Zusammen mit Liam verließ sie den Laden. Während sie die Straße entlanggingen, fragte sie sich kurz, ob es klug gewesen war, den Adligen so herauszufordern. Doch die Freude über ihre neuen Kleider und das Gefühl, ihm eins ausgewischt zu haben, ließen diese Zweifel verblassen. Hinter ihr rief der Adlige noch: ,,Wenn Ihr irgendwann Hilfe benötigt, fragt nach Paul de Coteau.’’ Leyla drehte sich nicht um, doch als sie spürte, dass der Adlige ihnen noch immer hinterherblickte, griff sie nach Liams Hand. Liam wirkte kurz überrascht, doch er sagte nichts. Stattdessen drückte er ihre Hand leicht, und sein typisches Grinsen kehrte auf seine Lippen zurück. ,,Du machst es dir wirklich nicht einfach, was?’’, murmelte er leise, während sie weitergingen. -------------------------------------------------------------------------- Als Leyla und Liam in den ,,Drachentreff’’ eintraten, sah Leyla schon Roxy und Fer an einem der Tische sitzen. Während sie sich zu ihnen setzte, konnte sie ein selbstzufriedenes Grinsen nicht verbergen, das ihre Augen förmlich zum Funkeln brachte. Die Erinnerung an den Adligen, den sie ausgetrickst hatte, erfüllte sie mit einem warmen Gefühl der Genugtuung. ,,Du strahlst ja richtig, ist etwas Schönes passiert?’’ fragte Roxy und schob einen Becher zur Seite, um Leyla besser ansehen zu können. ,,Ich hab einen arroganten Adligen meine Kleidung bezahlen lassen und bin dann vor seinen Augen mit Liam an der Hand weggegangen. Meine neue Kleidung ist echt schön, die muss ich dir später zeigen!’’ Leyla ließ sich auf den Stuhl sinken, die Arme triumphierend verschränkt. Roxy lächelte, während Fer eine Augenbraue hob. Beide sagten jedoch nichts dazu. Leylas Blick fiel auf einen Zettel, der auf dem Tisch lag. Sie zog ihn näher zu sich. ,,Was ist das? Ist das von der Gilde?’’ ,,Genau, unser erster Auftrag. Willst du ihn dir durchlesen?’’ Fer sprach mit vollem Mund, ein halbes Stück Brot in der Hand. Leyla überflog den Zettel. In klarer Schrift stand darauf, dass ein Dorf im Norden der Stadt, einige Tagesreisen entfernt, von einem unbekannten und gefährlichen Monster heimgesucht worden war. Ihre Aufgabe bestand darin, diese Kreatur aufzuspüren und unschädlich zu machen. ,,Was bedeutet das ,,D’’ unten in der Ecke?’’ fragte sie Liam und deutete auf das Symbol in der Ecke des Papiers. ,,Das ist der Schwierigkeitsgrad. Da wir bisher noch keinen Auftrag gemacht haben, sind wir als Anfänger angemeldet worden.’’ ,,Ah, verstehe.’’ Leyla nickte und aß rasch etwas, bevor sie sich in ihr Zimmer zurückzog. Dort zog sie ihre neuen Kleider an, die sie von Paul de Coteau bekommen hatte. Der elegante schwarze Mantel endete knapp über ihren Knien, und die eng anliegende Hose betonte ihre schlanke Silhouette. Der Hut mit der blauen Blume verlieh ihr etwas Geheimnisvolles, fast Magisches. Zufrieden betrachtete sie sich im Spiegel, bevor sie ihre Sachen packte und wieder nach unten ging. ,,Und, wie sehe ich aus?’’ fragte sie mit einem Hauch von Stolz in der Stimme, als sie sich vor den Tisch stellte. ,,Gut’’, brummte Fer knapp und biss in ein weiteres Stück Brot. Leyla schmunzelte über seine wortkarge Reaktion. ,,Das steht dir echt gut, Leyla. Du siehst wunderschön aus! Das Schwarz passt perfekt zu deinen Haaren und die Blume ist einfach zauberhaft!’’ Roxy klang begeistert und schenkte Leyla ein aufmunterndes Lächeln. Leyla blickte zu Liam, der etwas rot im Gesicht war. Ihre Augen funkelten schelmisch, und sie beschloss, die Situation auszunutzen. Sie ging langsam auf ihn zu, beugte sich vor und kam seinem Gesicht ganz nahe. ,,Bist du nervös? Du kannst mir ruhig sagen, wie hübsch du mich findest’’, flüsterte sie und blickte ihm direkt in die Augen. Liam hielt ihrem Blick stand, öffnete den Mund, doch bevor er etwas sagen konnte, erklang Fers Stimme: ,,Jetzt küsst euch endlich, man hält das ja kaum aus.’’ Leyla fuhr hoch, während ihre Wangen heiß wurden. ,,Ähm, so ist das gar nicht... I-Ich wollte ihn nur ein bisschen ärgern.’’ ,,Jaja, red dir das ruhig ein’’, kommentierte Fer trocken. ,,Roxy, sag doch auch mal etwas.’’ Leyla wandte sich mit einem verzweifelten Blick an ihre Freundin. Roxy zuckte grinsend mit den Schultern und stand auf. ,,Wenn ihr beide genug geflirtet habt, könnten wir aufbrechen.’’ Leyla verschränkte die Arme und schwieg den Rest des Weges zum Stadttor. Liam war ebenso still, trug aber einen seltsam zufriedenen Gesichtsausdruck. Fer und Roxy unterhielten sich derweil lebhaft über die bevorstehende Reise. Als sie durch das Tor traten, blieb Leyla kurz stehen. Sie atmete tief ein und ließ ihren Blick über die Landschaft schweifen. Vor ihnen erstreckten sich endlose grüne Wiesen, die sanft in Hügeln auf und ab schaukelten. Der Wind spielte in den Gräsern, ließ sie wie smaragdgrüne Wellen tanzen, während der Himmel in einem klaren Blau darüber erstrahlte. ,Liam, Roxy, Fer: Kommt ihr? Lasst uns aufbrechen, zu unserem ersten richtigen Abenteuer!’’ rief Leyla voller Elan und machte den ersten Schritt ins Ungewisse. Ende vom Prolog

  • Kapitel 23 - Die Grauen Federn

    Leyla sah in Roxys vertrautes Gesicht, das eine Mischung aus Überraschung und Freude zeigte. Es war Roxy gewesen, die Leyla an ihrem ersten Tag in dieser Welt eine helfende Hand gereicht hatte. Sie war die erste Freundin, die Leyla in dieser neuen Welt gefunden hatte, und diejenige, die ihr ihre erste Ausrüstung finanziert hatte. Ein warmes Gefühl stieg in Leyla auf, als sie daran dachte, wie viel Roxy ihr bedeutete. „Roxy?! Was machst du denn hier?“ fragte Leyla, während ein breites Lächeln ihre Lippen zierte. „Ich freue mich auch sehr, dich zu sehen, Leyla!“ Roxys Stimme war fest und voller Energie. „Ich habe entschieden, mich einer Abenteurergilde anzuschließen. Und du? Was machst du hier?“ „Wir wollen eine eigene Abenteurergilde gründen und suchen gerade nach einer vierten Person. Willst du nicht mitmachen?“ Leylas Stimme klang aufgeregt, ihre Augen leuchteten vor Vorfreude. Roxy zog eine Augenbraue hoch. „Ihr? Wer, außer dir, ist denn dabei?“ „Meine Wenigkeit. Ich bin Liam, freut mich, dich kennenzulernen. Du musst Roxy sein, oder? Leyla hat schon von dir erzählt.“ Liam trat neben Leyla, ein charmantes Lächeln auf den Lippen, und streckte Roxy die Hand entgegen. „Und ich bin Fer Stahl“, brummte Fer zwischen zwei Bissen seines Frühstücks. Seine Stimme war tief und warm, und er hob grüßend eine Hand. Leyla spürte ein warmes Kribbeln in ihrem Bauch. Die Vorstellung, mit Roxy gemeinsam als Abenteurerinnen durch die Welt zu ziehen, erfüllte sie mit einem Gefühl von Sicherheit und Zuversicht. Sie sah Roxys grinsendes Gesicht an, und ein Funken Hoffnung glomm in ihr auf. „Einverstanden“, erklärte Roxy mit entschlossener Stimme und einem breiten Grinsen. „Ich gründe gerne mit euch eine Gilde.“ „Sehr gut“, sagte Liam und klatschte in die Hände. „Dann können wir direkt zur Abenteurergilde gehen und alles in die Wege leiten.“ Leyla runzelte die Stirn, während sie mit der Gruppe die Straße entlangging. „Du, Liam, ich finde das ein bisschen verwirrend. Wir gehen zur Abenteurergilde, um eine Abenteurergilde zu gründen? Das klingt irgendwie doppelt gemoppelt.“ Liam warf ihr einen belustigten Blick zu und kratzte sich nachdenklich am Kopf. „Das ist gar nicht so kompliziert, wie es klingt. Die Abenteurergilde ist eine der fünf großen Gilden des Kaiserreichs. Neben ihr gibt es noch die Handelsgilde, die Söldnergilde, die Handwerksgilde und die Magiergilde. Dieses System wurde vor etwa hundert Jahren eingeführt, um die Mitglieder besser zu vernetzen.“ Die Nachmittagssonne brannte unerbittlich auf die Stadt herab, und die Hitze wob schimmernde Wellen über die grauen Kopfsteinpflasterstraßen. Passanten huschten von Schatten zu Schatten, während Leyla versuchte, Liams Worte zu verarbeiten. „Aber die Abenteurergilde gibt’s schon viel länger als das Gildensystem“, fuhr Liam fort. „Früher hieß sie Abenteurerverbund. Der Verbund hat Aufträge gesammelt und Unterstützung gegeben, während die Abenteurer ihre eigenen kleinen Gilden gründeten. Als das neue System eingeführt wurde, haben sie den Namen beibehalten. Daher kommt die Dopplung.“ Leyla schnaubte. „Das hätte man echt besser lösen können. Die hätten der Gilde einfach einen neuen Namen geben können, anstatt alle zu verwirren.“ Roxy lachte leise. „Ich finde es eher witzig, wie sehr dich das stört.“ „Es ist einfach unnötig kompliziert“, murrte Leyla, doch ein Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Die Aussicht, bald gemeinsam mit ihren Freunden eine Gilde zu gründen, ließ ihre Aufregung allmählich die Verwirrung verdrängen. -------------------------------------------------------------------------- Der Rabe mit den pechschwarzen Federn und den leuchtenden weißen Flammen im Hintergrund zog Leylas Blick magisch an. Das Logo der Abenteurergilde wirkte gleichzeitig düster und majestätisch, als ob es eine tiefere Bedeutung verbarg, die sie nicht ganz greifen konnte. Der Sitz der mittelländischen Abenteurergilde befand sich in einem Seitengebäude eines Schlosses, das einst von einer Adelsfamilie bewohnt worden war. Nachdem diese durch den Kaiser enteignet worden war, hatten die de Coteaus, die neuen Herrscher des Herzogtums Mittellande, das Schloss für öffentliche Einrichtungen bereitgestellt. Leyla war beeindruckt von der Eleganz und dem erhabenen Charme des Gebäudes. Jede Ecke schien Geschichten aus längst vergangenen Zeiten zu erzählen. In der Eingangshalle stand eine imposante Skulptur aus weißem Marmor. Die Beine der Figur waren kräftig und muskulös wie die eines Mannes, während der Oberkörper weibliche Rundungen hatte. Das Gesicht jedoch war das eines grimmigen Geiers. Leyla trat näher, um die Plakette zu lesen: „Das Ebenbild eines perfekten Menschen.“ „Eines perfekten Menschen?“ Leyla schüttelte den Kopf und musterte die Skulptur erneut. „Ich weiß ja nicht, ich würde ungern mit einem Geierkopf herumlaufen. Wobei… vielleicht wollte der Künstler etwas ganz anderes ausdrücken. Das macht Kunst ja auch aus, oder?“ An den Wänden der Halle hingen Gemälde, die Adlige in prunkvollen Posen zeigten, ihre Blicke streng und unnahbar. Der Boden bestand aus glänzenden schwarzen Fliesen, die das Licht reflektierten und der gesamten Szenerie einen kühlen Glanz verliehen. Leylas Schritte hallten leise wider, während sie die kunstvollen Details betrachtete, von den hohen Decken bis hin zu den vergoldeten Verzierungen an den Türen. Von der Haupthalle aus führten drei Wege zu den verschiedenen Einrichtungen:  Von der Haupthalle aus führten drei Wege zu den verschiedenen Einrichtungen des Schlosses. Der erste Weg, der zur Bibliothek führte, lag im dämmrigen Licht, das durch schmale, bunt verglaste Fenster fiel. Massive Holztüren mit goldenen Beschlägen versperrten den Zugang, und zwei wachsame Wachen standen davor. Leyla konnte nicht anders, als einen Moment innezuhalten und die erhabene Atmosphäre auf sich wirken zu lassen. Doch als sie sich den Türen näherte, wurden ihre Neugier und ihr Vorhaben, einen Blick hineinzuwerfen, von den Wachen im Keim erstickt. „Nur mit Genehmigung“, sagte eine der Wachen knapp, ohne sich weiter um Leyla zu kümmern. Ein weiterer Weg führte geradeaus die Treppen hinab zu den Katakomben, in denen sich die Magierakademie befand. Leyla hatte gehofft, dort ihre magischen Fähigkeiten verbessern zu können, doch Roxy erklärte ihr, dass der Zugang nur mit einer Empfehlung oder einer beträchtlichen Menge Gold möglich war. Enttäuschung machte sich in ihr breit, doch sie nahm sich vor, die Akademie nicht aus den Augen zu verlieren. Schließlich nahmen sie den rechten Weg, der in den Bereich der Gilde führte. Als sie das große Wappen der Abenteurergilde sah, hielt Leyla inne. Der Rabe, das Symbol der Gilde, faszinierte sie. Warum war gerade dieser Vogel so bedeutend? Sie hatte noch keinen Raben in der freien Natur gesehen, doch das Symbol begegnete ihr immer wieder: auf dem Wappen der Abenteurergilde, auf dem Marktplatz und sogar auf dem Umschlag eines Mythologiebuchs, das sie in Ramir gekauft hatte. „Roxy, hat der Rabe eigentlich eine tiefere Bedeutung?“ fragte Leyla nachdenklich. „Ich sehe ihn überall, aber ich verstehe nicht, warum.“ Roxy legte den Kopf schief, als sie darüber nachdachte. „Nein, nicht dass ich wüsste. Ich hab da noch nie wirklich drauf geachtet, aber jetzt, wo du es sagst, fällt es mir auch auf.“ Ihr Gespräch wurde von einer älteren Frau unterbrochen, die hinter einem Tresen saß. Sie hatte eine ernste Miene und sprach mit einer Stimme, die zugleich gelangweilt und unnachgiebig klang. „Wollt ihr einen Auftrag einreichen? Dann seid ihr hier falsch. Für solche Dinge müsst ihr zur Post gehen.“ Leyla starrte die Frau überrascht an und öffnete den Mund, um etwas zu sagen, doch Liam schüttelte nur leicht den Kopf, bevor er mit einem Lächeln erwiderte: „Wir sind hier, um unsere eigene Gilde zu gründen.“ -------------------------------------------------------------------------- Leyla betrachtete das Formular in ihrer Hand, die Fingerspitzen leicht über die rauen Linien des Papiers streichend. Der Steintisch, an dem sie saßen, war schlicht, doch er strahlte eine solide Beständigkeit aus. Seine Oberfläche war kühl und rissig, ein stummer Zeuge der vielen Entscheidungen und Pläne, die Abenteurer hier im Laufe der Jahre geschmiedet hatten. Um sie herum erfüllte gedämpftes Stimmengewirr die große Halle der Abenteurergilde, während Schritte über den Steinboden hallten. Die Dame am Tresen hatte sich, nachdem sie von ihren Absichten erfahren hatte, eine Gilde zu gründen, überraschend zugänglicher gezeigt. Nun saßen sie hier und füllten die Formulare aus, die ihre neue Gemeinschaft besiegeln sollten. Liam brach die konzentrierte Stille mit einem schelmischen Grinsen: „Die Eintrittsgebühr hatte ich glatt vergessen. Gut, dass wir die später mit unseren Aufträgen abbezahlen können. Sonst hätten wir Leyla wohl auf dem Sklavenmarkt anbieten müssen.“ Leyla hob den Kopf nicht einmal, während sie trocken entgegnete: „Wohl eher hättest du auf einem Bauernhof schuften müssen.“ Roxy und Fer schmunzelten, doch sie ließen Leyla in Ruhe weiterarbeiten. Es war Fer gewesen, der darauf bestanden hatte, dass Leyla den Namen der Gilde auswählte, und keiner der anderen hatte Einwände erhoben. Die Verantwortung war schwerer, als Leyla zunächst erwartet hatte. Ein Name war mehr als nur ein Etikett – es war ihre Identität, das Banner, unter dem sie gemeinsam in die Welt ziehen würden. „Wie wäre es mit ‚Drei Helden & Leyla‘ ?“ Liam lehnte sich zurück, der Stolz auf seinen vermeintlich genialen Einfall deutlich in seinem Gesicht abzulesen. —KLATSCH— Das Geräusch einer schnellen Ohrfeige durchbrach die Luft. „Aua! Was soll das denn?“ rief Liam und rieb sich übertrieben dramatisch den Kopf. „Hör auf, Leyla so zu behandeln, sonst fängst du dir gleich noch eine“, antwortete Roxy mit einem entschlossenen Blick. Sie drehte sich zu Leyla und fügte mit einem spielerischen Lächeln hinzu: „Leyla, wollen wir ihn nicht doch austauschen?“ Leyla konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Nee, Liam hat schon seine guten Seiten. Auch wenn er manchmal ein hoffnungsloser Fall ist.“ Roxy zwinkerte Leyla zu und lehnte sich entspannt zurück. Liam schien kurz beleidigt, doch die Tatsache, dass Leyla ihn nicht wirklich austauschen wollte, reichte ihm offenbar als Trost. Leyla blickte wieder auf das Formular, ihre Gedanken drifteten ab. Der perfekte Name für ihre Gilde – was könnte das sein? Plötzlich formten sich die Worte in ihrem Kopf, wie eine Eingebung. „Wie wäre es mit ‚Die grauen Federn‘ ?“ Leylas Stimme war leise, fast zögernd, doch in ihren Augen lag ein Ausdruck von Entschlossenheit. „Ich weiß nicht, warum, aber der Name fühlt sich richtig an.“ Die Gruppe blickte sie an. Fer nickte nachdenklich, Roxy schien den Namen zu erwägen, während Liam die Stirn runzelte, bevor er ein leichtes Lächeln zeigte. „Hat was“, sagte Roxy schließlich. „Irgendwie klingt das… bedeutsam.“ Fer brummte zustimmend. „Nicht schlecht, Leyla.“ Liam zuckte die Schultern, ein nachsichtiges Lächeln auf den Lippen. „Na gut, wenn du unbedingt willst. Aber wehe, die Leute denken, wir wären ein Haufen Philosophen oder so.“ Leyla lächelte. Irgendetwas an dem Namen hatte sie angesprochen, als hätte er eine tiefere Bedeutung, die sie nicht ganz greifen konnte. Und obwohl sie nicht sicher wusste, woher diese Eingebung kam, spürte sie, dass es die richtige Entscheidung war. -------------------------------------------------------------------------- Nachdem sie das ausgefüllte Formular abgegeben hatten, traten sie wieder aus dem Schloss und tauchten in die geschäftigen Marktstraßen des Außenbezirks ein. Die Luft war erfüllt von den Rufen der Händler, dem Klirren von Münzen und dem Duft von frischen Früchten und gebratenem Fleisch. Leyla schlenderte durch die engen Gassen, ihre Augen leuchteten vor Begeisterung über die bunte Vielfalt der Waren. Leyla kaufte sich farbige Stifte und ein Stück feines Holz zum Schnitzen. Sie konnte es kaum erwarten, ihre Abenteuer in Bildern und Skulpturen festzuhalten. Jeder Strich, jede Kerbe würde die Geschichten erzählen, die sie gemeinsam erleben würden. Ein Kribbeln der Vorfreude breitete sich in ihrem Inneren aus, und sie spürte, wie sich mit jedem Moment die Aufregung auf ihre bevorstehenden Abenteuer steigerte. Während sie weiter durch die Straßen schlenderten, schweiften Leylas Gedanken immer wieder zu dem Namen ,,Graue Federn’’ . Er fühlte sich merkwürdig vertraut an, als wäre er ein Echo aus einer längst vergessenen Erinnerung. Doch je mehr sie versuchte, ihn zu greifen, desto weiter schien sich die Bedeutung zu entfernen. ,,Wann wir wohl unseren ersten Auftrag erhalten?’’ fragte sie in die Runde und blickte zu ihren Begleitern. ,,Soweit ich weiß, gibt es da zwei Möglichkeiten’’, erklärte Fer, während er sich ein großes Stück Gebäck in den Mund schob. ,,In der Gilde gibt’s ein Brett, da hängen die freien Aufträge aus, die können wir uns selbst aussuchen. Oder wir kriegen passende Aufträge, je nach unserem Rang, direkt in die Unterkunft geschickt.’’ Er kaute kurz, bevor er weitersprach: ,,Ich würd ja sagen, wir lassen uns den ersten Auftrag zuteilen. Sicher ist sicher.’’ ,,Das klingt vernünftig’’, stimmte Roxy zu. ,,Sobald wir ein bisschen Erfahrung gesammelt und uns besser aufeinander abgestimmt haben, können wir die freien Aufträge angehen.’’ Liam nickte zustimmend, während sein Blick auf einen Waffenladen fiel. Er schien kurz zu zögern, bevor er sich abwandte. ,,Willst du dir eine neue Waffe kaufen?’’ fragte Leyla neugierig und stellte sich neben ihn. Sie versuchte zu erkennen, ob er eine bestimmte Waffe ins Auge gefasst hatte.   ,,Nein, ich hab mich nur daran erinnert, wie ich mir früher für jeden Auftrag eine neue Waffe gekauft habe’’, antwortete Liam nachdenklich. Dann grinste er plötzlich breit. ,,Aber wenn du eine siehst, die dir gefällt, kannst du sie mir ja kaufen. Wäre doch eine nette Geste, oder?’’ Leyla verdrehte die Augen, während ein Schmunzeln ihre Lippen umspielte. ,,Du spinnst wohl, ich hab selbst kaum noch Geld.’’ Trotzdem formte sich in ihrem Kopf ein Gedanke. Sobald sie wieder genug Geld hatte, würde sie Liam mit einer neuen Waffe überraschen – auch wenn er es vielleicht nicht verdiente, dachte sie amüsiert. ,,Seid ihr beide schon wieder am Kuscheln? Vielleicht solltet ihr euch eure Liebe endlich gestehen. Das würde das Ganze doch erheblich erleichtern’’, rief Fer grinsend aus dem Hintergrund. Leylas Gesicht wurde augenblicklich rot, und sie stieß Liam hastig von sich. ,,Hör auf mit deinen Witzen, Fer! Liam und ich… wir sind einfach nur gute Freunde, okay?’’ Ihre Stimme war schärfer als beabsichtigt, was ihre Verlegenheit nur noch offensichtlicher machte. Fer grinste nur breiter und hob abwehrend die Hände. ,,Schon gut, schon gut. Dann hab ich mich wohl geirrt.’’ Leyla bemerkte, wie Roxy sie ansah und leicht lächelte, doch sie entschied sich, es dabei zu belassen und keinen Kommentar abzugeben. Als der Abend hereinbrach, beschlossen sie, zurück zum ,,Drachentreff’’ zu gehen. Vor der Taverne verabschiedete sich Roxy mit einer herzlichen Umarmung von Leyla und machte sich auf den Weg zu ihrem eigenen Gasthaus, das nur wenige Straßen entfernt lag. Zurück in ihrem Zimmer ließ sich Leyla erschöpft auf das weiche Bett fallen. Ihre Glieder fühlten sich schwer und müde an, doch ihr Geist war hellwach, voller Gedanken an die bevorstehenden Abenteuer. Sie schloss die Augen und ließ den ereignisreichen Tag noch einmal Revue passieren. Mit einem zufriedenen Seufzen gab sie sich schließlich der Müdigkeit hin und glitt in einen tiefen Schlaf.

  • Kapitel 21 - Malyl

    Mauern, mehrere Dutzend Meter hoch, überzogen mit langen, dichten Lianen, die ihnen ein uraltes, ehrfurchtgebietendes Aussehen verliehen. An jeder Himmelsrichtung prangten massive Eisengitter, die im Falle eines Angriffs heruntergelassen werden konnten und den Zugang zur Stadt versperrten. Vor den beeindruckenden Mauern erstreckten sich lebendige Wohngebiete, geschäftige Marktplätze und Straßen, die von einer wimmelnden Menge erfüllt waren. Händler priesen ihre Waren an, Kinder liefen lachend zwischen den Ständen umher, und Reisende aus aller Herren Länder schoben sich durch die Menge. Hinter den Mauern lag die Altstadt – das Herz von Malyl. Hier befanden sich die wichtigsten Regierungsgebäude: der lokale Sitz des kaiserlichen Militärs, eine beeindruckende Kathedrale zu Ehren Kameras und ein altes Schloss, das gleichzeitig die Magieakademie, die berühmte große Bibliothek und die Abenteurergilde beherbergte. Das neue Schloss der Herzogsfamilie de Coteau erhob sich stolz im Zentrum von Malyl. Es war umgeben von einem weitläufigen, perfekt gepflegten Park, der inmitten der städtischen Hektik wie eine Oase der Ruhe wirkte. Die roten Ziegel des Schlosses glühten im warmen Sonnenlicht, während die hohen, spitzen Türme wie Finger in den Himmel ragten. Die Gärten waren ein Kunstwerk aus Farben und Düften, unterbrochen von elegant gestalteten Springbrunnen, deren klares Wasser im Licht tanzte und kleine Regenbögen schuf. Vögel zwitscherten fröhlich in den hohen Bäumen, und der Wind streifte sanft durch das Laub, wobei er ein leises Rascheln erzeugte. Die Szenerie strahlte Frieden und Anmut aus, doch es war eine Ruhe, die von einer unmissverständlichen Aura der Macht durchdrungen wurde. Wachen in glänzenden Rüstungen mit den Symbolen des grauen Drachen auf ihren Schilden standen stramm an den Toren des Schlosses. Ihre Präsenz unterstrich, dass dieser Ort nicht nur ein Symbol des Wohlstands war, sondern auch der Autorität und Stärke. -------------------------------------------------------------------------- Leyla war überwältigt von Malyl. Es war die erste große Stadt, die sie in dieser Welt betreten hatte, und sie erinnerte sich nicht daran, jemals in ihrem früheren Leben einen Ort mit solch lebendigem Charme und erhabener Geschichte besucht zu haben. Die Straßen waren ein wogendes Meer aus Menschen, alle beschäftigt mit den kleinen und großen Aufgaben ihres Alltags. Die hohen Mauern, mit Moos und Ranken bewachsen, wirkten wie stumme Zeugen längst vergangener Zeitalter, und die gepflasterten Gassen erzählten von Geschichten unzähliger Reisender, die hier vor ihr gewesen waren. Die Luft war erfüllt von den aufgeregten Rufen der Marktverkäufer, dem rhythmischen Klappern von Pferdehufen und dem unwiderstehlichen Duft nach frisch gebackenem Brot. Ein lauer Wind strich durch die Straßen, und die Sonnenstrahlen, die sich durch die Wolken kämpften, tauchten die Stadt in ein sanftes, goldenes Licht. „Na, träumst du noch von den alten Steinen, oder bist du bereit, diese Stadt zu erkunden? Sobald du fertig bist, hier die Straße zu blockieren, können wir uns eine Taverne suchen“, riss Liams Stimme sie unsanft aus ihren Gedanken. „Ähm ja, können wir machen. Haben wir denn noch genug Geld dafür?“ Leyla griff in ihre Tasche und zählte die Münzen, die noch übrig waren: Eine einzelne Silbermünze und zwei Kupfermünzen – der schmale Rest ihres letzten Einkaufs in Ramir. „Das reicht auf jeden Fall. Wir bleiben ja nur ein paar Tage, und wir müssen uns um ein neues Gruppenmitglied kümmern, um unsere Abenteurergilde zu vervollständigen“, erklärte Fer fröhlich, während er neben Leyla durch die belebte Straße marschierte. „Wo hast du eigentlich die Pferde gelassen? Und die Kutsche? Nicht, dass die noch geklaut werden!“ Leyla warf Fer einen besorgten Blick zu. „Ach, die sind in besten Händen. Und den Wagen brauchen wir eh nicht mehr. Wir sind doch Abenteurer, keine Kaufleute! Falls wir wieder einen brauchen, finden wir schon einen neuen“, antwortete Fer unbekümmert, mit einem für ihn ungewöhnlich aufgeregten Ausdruck im Gesicht. Nach etwa einer Stunde des Umherirrens durch die lebhaften Straßen fanden sie eine Taverne, die ihnen zusagte: „Drachentreff“ , stand in kunstvoll geschnitzten Buchstaben über der breiten Flügeltür. Ein großes Holzschild zeigte das Bild eines roten Drachen, der sich mit einer Gruppe Abenteurer in einem epischen Kampf befand. Zu dritt traten sie durch die Tür. Leyla hielt inne, als sie den Raum betrat, und ließ ihren Blick neugierig durch den Schankraum wandern. Die Taverne war geräumig und voll von Gästen – Menschen, ein Elf, und… Ein Mann mit dem Kopf eines Drachen! -------------------------------------------------------------------------- ,,Ist das ein Drache in Menschengestalt? Gibt es sowas überhaupt?’’   Leylas Gedanken überschlugen sich, ihr Herz schlug wild in ihrer Brust. Sie stieß ihren Ellenbogen in Liams Seite und flüsterte: ,,Ist der Mann dort ein Drache?’’ Liam folgte ihrem Blick, bevor er mit einem spöttischen Lächeln antwortete: ,,Ein Drache? Nein, das ist ein Vishap. Man sagt, sie seien die humanoiden Nachfahren der Drachen. Einige von ihnen können sich allerdings in kleine Drachen verwandeln und Feuer speien.’’ Leyla war sich nicht sicher, ob Liam sie wieder auf den Arm nahm oder ob er die Wahrheit sprach. Seit sie in dieser Welt war, hatte sie sich oft nicht getraut, Fremde direkt anzusprechen. Doch diesmal war ihre Neugier stärker als ihre Zurückhaltung. Sie straffte die Schultern und ging entschlossen zu dem Tisch des Vishaps. Er saß ruhig, die schwarzen Schuppen auf seiner Haut glänzten im flackernden Schein der Kerzen. Seine leuchtend blauen Augen beobachteten aufmerksam den Raum, und die spitzen Zähne in seinem Maul funkelten wie poliertes Elfenbein. Er trug eine rote Robe, die an der Schulter leicht geöffnet war, sodass Leyla die kräftigen Muskeln darunter erkennen konnte. Auf seinem Rücken war ein kunstvoll gearbeiteter Bogen geschnallt, neben einem gut gefüllten Köcher. ,,Ähm, Entschuldigung, würde es Sie stören, wenn ich mich zu Ihnen setze?’’ fragte Leyla zögernd, unsicher, ob sie seine Aufmerksamkeit stören sollte. Der Vishap hob eine Schuppe über seinen Augen, die wie eine Augenbraue wirkte, bevor er in einem freundlichen Ton antwortete: ,,Natürlich, tu dir keinen Zwang an.’’ Leyla ließ sich ihm gegenüber nieder und begann, motiviert durch seine unerwartete Freundlichkeit, vorsichtig zu sprechen: ,,Tut mir leid, wenn die Frage respektlos ist, aber bist du ein Vishap? Ich hab einen wie dich noch nie gesehen.’’ Der Vishap blinzelte einmal langsam, bevor er mit einem tiefen, dröhnenden Lachen antwortete: ,,So einen wie mich?’’ —HAHAHAHA— Das Lachen schallte durch den Raum und ließ einige Gäste innehalten, überrascht von dem unerwarteten, herzlichen Klang. Theol wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel, bevor er schließlich sagte: ,,Ich bin in der Tat ein Vishap. Mein Name ist Theol. Was möchtest du denn über mich wissen, junge Frau? Und wie ist dein Name?’’ ,,Ich bin Leyla’’, sagte sie mit einem scheuen Lächeln. ,,Was genau macht einen Vishap aus? Stammst du wirklich von Drachen ab? Und kannst du dich in einen verwandeln und Feuer spucken?’’ ,,Freut mich, dich kennenzulernen, Leyla.’’ Theol lehnte sich zurück und verschränkte die kräftigen Arme vor der Brust. ,,Wir Vishaps stammen nicht direkt von Drachen ab, aber unser Volk geht auf sie zurück. Vor Ewigkeiten haben einige Drachen entschieden, eine humanoide Form anzunehmen. Über die Jahrtausende haben wir uns dann zu einer eigenen Spezies entwickelt. Einige von uns können sich tatsächlich in kleine Drachen verwandeln, das ist jedoch nur wenigen vergönnt. Ich gehöre leider nicht dazu.’’ Leyla hörte fasziniert zu, wie Theol ihr von seiner Kultur und den Geschichten seines Volkes erzählte. Er sprach von alten Legenden, von Vishaps, die einst die Berater großer Könige waren, und von einer Zeit, in der ihr Volk fast ausgestorben wäre. Die beiden unterhielten sich bis spät in die Nacht, bis Theol schließlich aufstand, um sich zu verabschieden. ,,Es war mir eine Freude, Leyla. Vielleicht begegnen wir uns wieder.’’ Leyla bedankte sich bei ihm und stieg müde die knarrenden Stufen zu dem kleinen Zimmer hinauf, das Liam für sie besorgt hatte. Als sie sich auf das weiche Bett fallen ließ, spürte sie die Erschöpfung des langen Tages. Gedanken an Vishaps, Drachen und die Geschichten von Theol schwirrten ihr durch den Kopf, während sie langsam in einen tiefen Schlaf glitt. -------------------------------------------------------------------------- Leyla erwachte am nächsten Morgen mit einem leichten Dröhnen im Kopf. Sie hatte am Vorabend nur wenig getrunken, aber es war lange her, dass sie Alkohol zu sich genommen hatte, und ihr Körper war es einfach nicht mehr gewohnt. Stöhnend setzte sie sich auf, rieb sich die Schläfen und begann sich anzuziehen. „Heute finden wir ein neues Teammitglied“ , dachte sie und versuchte, optimistisch zu sein, während sie das sanfte Licht des Morgens durch das kleine Fenster hereinfallen sah. Als sie die Treppe hinunterging und in den Aufenthaltsraum der Taverne trat, sah sie Fer und Liam bereits an einem der hölzernen Tische sitzen. Vor ihnen standen Teller mit allerlei Leckereien – frische Früchte, knuspriges Brot und saftiges Fleisch. Die Gerüche ließen Leylas Magen vor Hunger knurren. „Guten Morgen, Schlafmütze! Gut geschlafen?“ Liam grinste sie breit an, während er sich ein Stück Brot in den Mund schob. „Ja, aber mein Kopf tut weh“, murmelte Leyla, während sie sich setzte. „Habt ihr schon eine Idee, wo wir ein neues Mitglied finden könnten?“ Fer kaute genüsslich auf einem Stück Fleisch herum und sprach mit vollem Mund: „Habt ihr beiden denn schon entschieden, was für eine Person wir suchen?“ Er richtete seinen schmatzenden Blick auf Leyla. „Also, ich finde, Leyla sollte das entscheiden“, schlug Liam vor. „Ich bin gespannt, was sie sich so vorstellt. Mit ihrer Fantasie könnte wirklich alles Mögliche dabei herauskommen.“ Leyla rollte mit den Augen, aber innerlich schätzte sie, dass Liam ihr die Entscheidung überließ. „Ich hätte gerne eine weitere Frau dabei. Ist das okay für euch?“ Sie sah beide Männer an, ihre Augen suchten nach Zustimmung. Fer nickte sofort. „Kein Problem, Mädchen. Hauptsache, sie ist fähig.“ „Von mir aus“, sagte Liam, während er sich lässig zurücklehnte. „Vielleicht bringt sie dir ja bei, wie man sich nicht ständig in Schwierigkeiten bringt.“ Sein freches Grinsen ließ Leyla erneut die Augen verdrehen, diesmal allerdings mit einem leichten Lächeln. Nach dem Frühstück verließen sie die Taverne und traten hinaus in die belebten Straßen von Malyl. Die Sonne stand bereits hoch am Himmel, und die Stadt summte vor Leben. Händler riefen ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Gassen, und das Klappern von Hufen und Karren erfüllte die Luft. „Was für eine Frau würde ich mir wünschen?“ , fragte sich Leyla, während sie in Gedanken versunken hinter den anderen herging. „Sie sollte stark sein und sich von Liam nichts gefallen lassen. Jemand mit einer echten Ausstrahlung, der man vertrauen kann.“ —BUMM— Doch bevor sie ihre Gedanken weiterführen konnte, prallte sie gegen jemanden. Sie taumelte zurück, rieb sich die Nase und sah auf. Vor ihr stand eine Frau mit breiten Schultern. „Tut mir leid, ich habe nicht aufgepasst“, murmelte Leyla verlegen. Die Frau drehte sich um, ihre strahlenden grünen Augen blitzten, als sie Leyla musterte. Plötzlich weiteten sie sich vor Überraschung. „Leyla, bist du das? Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen!“ Die Frau grinste breit, ihre Stimme klang warm und vertraut. Leyla blinzelte verwirrt, bevor sie die Stimme erkannte. „Roxy?! Was machst du denn hier?“ Roxy – ihre erste Begleiterin in dieser Welt, die Frau, die ihr das Leben gerettet hatte, als sie gerade erst angekommen war. Leyla fühlte, wie Freude und Erleichterung durch ihren Körper strömten. Leyla konnte nicht anders, als zu lächeln.

  • Kapitel 60 - Ein Kalkül fernab von Liebe

    [???] ,,Was soll das bedeuten, Charles? Erkläre mir sofort, wie es dazu gekommen ist!’’  Kronprinz Eugenius kochte vor Wut. Sein ohnehin schon unordentlicher Arbeitstisch war ein einziges Chaos, überzogen mit zerknüllten und durcheinandergeworfenen Dokumenten. Derjenige, der für dieses Durcheinander verantwortlich war, war niemand anderes als der Prinz selbst. Seine Bewegungen waren hektisch, seine Hände zitterten vor Zorn. Charles, sein loyaler Diener, zögerte einen Moment. Doch schließlich räusperte er sich und trat näher. Seine Stimme war ruhig, fast kühl, als er zu sprechen begann: ,,Sowohl Seine Hoheit Sebastian als auch Kronprinz Geroius sind an euch vorbeigezogen. Kronprinz Geroius hat eine Berghydra besiegt, und Kronprinz Sebastian hat seinen neugeborenen Sohn nach Eurem Vater benannt. Durch diese Taten seid Ihr nun auf dem letzten Platz.’’ Die Worte ließen die Luft im Raum förmlich einfrieren. Es waren nur noch zwei Wochen bis zum jährlichen Prinzenspiel-Treffen, und Eugenius hatte die vergangenen Wochen damit verbracht, größere Pläne für das kommende Jahr zu schmieden. Dass beide Brüder ihn plötzlich überholt hatten, war ein Schlag, mit dem er nicht gerechnet hatte. Der Prinz ließ sich in seinen Stuhl fallen, vergrub das Gesicht in seinen Händen. Ein Gefühl der Verzweiflung kroch in ihm hoch, kalt und unerbittlich – ein Gefühl, das er selten spürte. ,,Wie soll ich denn jetzt noch die nötigen Punkte bekommen…’’ Seine Stimme war leise, gedämpft durch die Hände, die noch immer sein Gesicht bedeckten. Doch selbst in diesem Ton war die brodelnde Wut deutlich zu hören. ,,Wenn das so weitergeht werde ich ins Exil verbannt…’’ Sein Kopf pochte vor Schmerz, die Gedanken in seinem Geist wirbelten durcheinander wie ein tobender Sturm. Klare Entscheidungen zu treffen, schien in diesem Moment eine unmögliche Aufgabe zu sein. Charles wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass er den Kronprinzen nicht unterbrechen würde. Dann sprach er vorsichtig, seine Stimme bedacht: ,,Wenn Ihr erlaubt, ich hätte eine Idee.’’ Eugenius hob den Kopf, und seine Augen blitzten. ,,Dann verrate sie mir, Charles!’’ Seine Stimme donnerte durch den Raum, wuchtig wie ein Hammer. Sein Gesicht war vor Wut gerötet, die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor. Es war untypisch für den sonst so kontrollierten Prinzen, so die Fassung zu verlieren. Charles trat noch einen Schritt näher, seine Haltung blieb demütig, doch seine Worte waren klar. ,,Wie wäre es, wenn Ihr heiratet?’’ -------------------------------------------------------------------------- Der Kronprinz war fassungslos. Er war der einzige der Prinzen, der noch nicht geheiratet hatte. Nun, abgesehen von dem zwölfjährigen Ludwig, doch dieser würde sich verloben, sobald er das vorgeschriebene Alter von vierzehn Jahren erreichte. Eugenius fühlte den Druck, der auf ihm lastete, stärker denn je. Es gab gute Gründe dafür, dass der Kronprinz die Ehe bisher ausgeschlossen hatte. Er wollte keine Adlige heiraten – nicht, weil er sich über sie erhaben fühlte, sondern weil er wusste, dass man Adligen nicht trauen konnte. Zu viele Intrigen, zu viele versteckte Messer in den Schatten ihrer Höflichkeit. Doch eine niedere Bürgerin zu ehelichen, wäre ebenso wenig eine Lösung gewesen. Es würde sein Ansehen beschmutzen, anstatt ihm die notwendige Anerkennung zu verschaffen. Die einzige Adlige, die er je in Betracht gezogen hatte, war Bournadette Lacroix. Mit ihr hatte er sich schon immer verstanden. Sie waren mehr als nur befreundet; sie waren Verbündete, eine seltene Verbindung aus Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Die Erinnerung an ihre erste Begegnung ließ ihn für einen Moment innehalten. Während seiner Ausbildung in Karintes war Bournadette für einen Auftrag dort gewesen. Zufällig hatten sich ihre Wege gekreuzt, und von diesem Moment an war eine Verbindung zwischen ihnen entstanden. Es war etwas, das er, so glaubte er, Liebe nennen konnte. Doch Bournadettes Stellung machte es unmöglich. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin war ihr die Heirat untersagt. Es war ein fester Bestandteil ihrer Aufgabe, frei von jeglichen Bindungen zu sein, die ihre Loyalität hätten beeinflussen können. Und so blieb diese Hoffnung für Eugenius ein Traum, der niemals Realität werden würde. Um seine Position zu sichern, brauchte er eine Frau, die aus keiner adligen Familie stammte, jedoch auch nicht zum einfachen Volk gehörte. Eine Frau, die außergewöhnlich genug war, um seine Wahl zu rechtfertigen. Aber wo sollte er jemanden wie sie finden? Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Seine Gedanken klärten sich, und ein Plan formte sich in seinem Geist: ,,Was ist denn mit der jungen Erdmagierin, die als Gast bei mir ist?’’ Der Gedanke brachte einen Funken Hoffnung zurück. Leyla war keine Adlige, doch ihre außergewöhnliche magische Kraft machte sie einzigartig. Sie stach heraus, nicht nur unter den Bürgerlichen, sondern sogar im Vergleich zu vielen Adligen. Eugenius wusste, dass magische Begabungen oft an die Nachkommen weitergegeben wurden. Leylas Erdmagie war auf einem beeindruckenden Niveau – auch wenn sie noch Feinschliff benötigte. Er lächelte, während der Plan sich in seinem Kopf formte. Mit der Begründung, dass er seine Kinder mit dieser mächtigen Magie ausstatten wollte, konnte er seine Entscheidung rechtfertigen. Es würde seinen Ruf retten, ihn vor dem Exil bewahren und gleichzeitig die Grundlage für eine stärkere Zukunft legen. ,,Und nach der Hochzeit’’ , dachte Eugenius, sein Lächeln wurde breiter, ,,wird sie für mich ihre Magie verbessern und Kinder gebären.’’ -------------------------------------------------------------------------- ,,Charles, bitte teile unserem Gast unverzüglich mit, dass ich beabsichtige, den Ehebund mit ihr zu vollziehen.’’  Der Kronprinz wirkte erleichtert. Nein, er wirkte sogar erfreut. Seine Finger griffen methodisch nach den verstreuten Papieren und Gegenständen auf seinem Schreibtisch, als er begann, das Chaos vor ihm zu ordnen. Die Aufräumbewegungen schienen einen beruhigenden Effekt auf ihn zu haben, während er sich auf das konzentrierte, was vor ihm lag. ,,Sehr wohl, Eure Hoheit. Was soll ich ihr als Grund nennen?’’ fragte Charles mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung. Sein Tonfall war sachlich, doch in seinen Worten lag eine Spur von Neugier. Eugenius Hände hielten kurz inne, während er seinen Leibdiener nachdenklich musterte. Dann sprach er mit fester Stimme: ,,Sag ihr, dass es für das Prinzenspiel notwendig ist. Sie würde schließlich mit ins Exil verbannt werden und sie genießt meine Gastfreundschaft. Sie wird sicher verstehen, dass dies ein vernünftiger Schritt ist.’’ Charles neigte leicht den Kopf, bevor er antwortete: ,,Wie Ihr wünscht, mein Prinz.’’ Ohne eine weitere Frage drehte er sich um und verließ das Arbeitszimmer des Kronprinzen. Seine Schritte hallten leise auf den polierten Fliesen, und mit einer sanften Bewegung schloss er die schwere Tür hinter sich. Eugenius blieb allein zurück, seine Augen wanderten zurück zu dem Brief, der die niederschmetternde Nachricht von den Erfolgen seiner Brüder enthielt. Der zerknitterte Bogen Papier lag auf der Kante seines Schreibtischs, ein stummer Zeuge seines Zorns von zuvor. ,,Wenn ich die Hochzeit am Tag vor dem Tag der Entscheidung abhalte, werden meine Brüder wohl kaum reagieren können.’’ Seine Worte waren ein leises Murmeln, das den Raum erfüllte. Sein Tonfall war wieder kalkuliert und ruhig, jegliche Wut war aus seiner Stimme verschwunden. Stattdessen wirkte er wie jemand, der einen präzisen Plan schmiedete, dessen Details bereits in seinem Kopf Gestalt annahmen. Sein Blick wanderte kurz zur Standuhr in der Ecke des Raumes, dann ließ er sich langsam in seinen Stuhl zurücksinken. Seine Finger trommelten rhythmisch auf die polierte Holzfläche des Schreibtischs, während seine Gedanken weiterarbeiteten.

  • Kapitel 59 - Ein Mann namens Jamall

    Jamall war kein guter Mann. Er wuchs in den kalten Straßen der Festungsstadt Kartaffel auf. Es war nicht so, dass er kein Zuhause gehabt hätte – im Gegenteil, er stammte aus einer bürgerlichen Familie. Doch anstatt ein geregeltes Leben zu führen, zog es ihn schon in jungen Jahren auf die Straßen. Mit anderen jungen Wesen streifte er durch die frostigen Gassen, immer auf der Suche nach Streit oder Möglichkeiten, krumme Dinger zu drehen. Die Kälte der Stadt schien sich in seinem Herzen widerzuspiegeln. Manchmal suchte er eine Prügelei, wie mit dem Oger, der nichts weiter wollte, als höflich nach dem Weg zu fragen. Ein anderes Mal brach er in die Bäckerei eines alten Mannes ein, stahl alles Brot und verteilte es dann nicht an die Bedürftigen, sondern an die streunenden Tiere der Stadt. Nein, Jamall war wirklich kein guter Mann. Als er langsam erwachsen wurde, ließ er die Jugendsünden hinter sich. Stattdessen fand er eine neue Heimat bei den Falken, einer berüchtigten Söldnergruppe der Region. Ihre Aufträge waren skrupellos, ihre Loyalität war käuflich, und Jamall fühlte sich bei ihnen zu Hause. Er erledigte jeden Auftrag, den man ihm gab, ohne Fragen zu stellen. Warum auch? Für Jamall zählten die Münzen, die in seinen Beutel wanderten, und das Bier, das er sich davon leisten konnte. Moral war ein Luxus, den er sich nie erlaubt hatte. Das Töten fiel ihm leicht. Menschen, die um ihr Leben bettelten, bedeuteten ihm nichts. Er wusste, dass eines Tages auch sein eigenes Leben durch eine Klinge enden würde. Doch das war ihm gleich. Solange er am richtigen Ende des Schwertes stand, störte ihn das nicht. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen. Als er in seine Dreißiger kam, begann ihn das Söldnerleben zu ermüden. Der Nervenkitzel, der ihn einst antrieb, war verblasst, und die Jahre des Blutvergießens hinterließen eine Leere, die selbst das Gold, das er gehortet hatte, nicht füllen konnte. Schließlich kaufte er sich ein kleines Haus in Kartaffel, eine bescheidene Zuflucht vor der Welt, und hängte sein Schwert endgültig an den Nagel. Seine Abende verbrachte er in den Tavernen der Stadt, wo die Geräusche von Gelächter und schiefen Liedern seine Einsamkeit übertönten. Er wollte einfach für sich sein. Was um ihn herum geschah, interessierte ihn nicht. Wenn es anderen schlechter ging als ihm, störte ihn das nicht. Warum auch? Jeder ging seinen eigenen Weg, und Jamall hatte sich für den seinen entschieden. Wenn er Unrecht sah – einen Händler, der betrogen wurde, oder ein Kind, das geschlagen wurde – wandte er sich ab. Nicht aus Angst, oh nein. Angst war etwas, das Jamall längst hinter sich gelassen hatte. Es war reines Desinteresse. Selbst wenn er einschreiten würde, dachte er, würde dasselbe Unrecht irgendwo anders geschehen. Es war nicht seine Aufgabe, die Welt zu retten, und er hatte nicht vor, es zu versuchen. Nein, Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen. Als seine Mutter schwer krank wurde, ließ er sie allein. Er besuchte sie nicht, schrieb ihr nicht, und selbst der Tod, der schließlich über sie kam, berührte ihn nicht. Für ihn war es nur ein weiterer unvermeidlicher Teil des Lebens – nicht mehr und nicht weniger. Seine Mutter war für ihn eine Fremde, jemand, der längst keinen Platz mehr in seinem Herzen hatte.  Jamall hatte sich bewusst für ein Leben der Einsamkeit entschieden. Es war keine Frage der Möglichkeiten – er war ein gutaussehender Mann mit einer charismatischen Art, die ihm durchaus hätte Türen öffnen können, aber er wollte niemanden an seiner Seite haben. Niemanden, um den er sich kümmern musste. Niemanden, der ihn aus seiner Ruhe riss oder von seinem Weg ablenkte. Jamall wollte frei sein – frei von Verpflichtungen, frei von Verantwortung, frei von anderen Menschen. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall war kein Mann guter Taten. Er hatte genug Gold, um Leuten in Not zu helfen. Doch er behielt es für sich. Nicht aus Gier, nicht, um Macht zu demonstrieren, und auch nicht, weil er Freude daran hatte, Reichtum anzuhäufen. Jamall verstand einfach nicht, warum er etwas teilen sollte, das ihm gehörte. Wieso sollte er den Weg eines anderen Menschen erleichtern, wenn dieser nichts mit seinem eigenen Leben zu tun hatte? Die Welt war einfach für Jamall, solange er sicherstellte, dass nichts seinen Weg beeinflusste. Weder Licht noch Schatten sollten ihn berühren. Der Pfad, den er sich gelegt hatte, war gerade und stabil, und er wollte ihn genau so belassen. Ohne Hindernisse. Ohne Umwege. Schwierige Entscheidungen? Für Jamall existierten sie nicht. Sein Kodex, wenn man ihn überhaupt so nennen konnte, war simpel und unerschütterlich. Er stellte sich keine Fragen, die er nicht beantworten wollte. Er hinterfragte nichts, das nicht unmittelbar seinen Weg betraf. Falsches Handeln? Wie konnte es falsch sein, wenn es doch zu seinem eigenen Wohl geschah? Nein, Jamall war wirklich kein Mann guter Taten. Deshalb war es umso ungewöhnlicher, als er an diesem Tag neben der Bettlerin anhielt. Sie saß auf einer Stufe, die Arme schlaff auf ihren Knien, die Schultern gebeugt, als trüge sie das Gewicht der ganzen Welt. Ihre Kleider waren zerschlissen, und ihr Gesicht war ausdruckslos. Es war ein leeres Gesicht, das von einer Person sprach, die längst alles verloren hatte. Eine Person, die Gefahr bedeutete – denn sie könnte Jamalls sorgsam geordneten Weg beeinflussen, nur durch ihre bloße Anwesenheit. Jamall wusste das. Er wusste, dass sie die einzige Gefahr darstellte, die ihn je wirklich beunruhigen konnte: die Gefahr, seinen Weg zu ändern. Und trotzdem sprach er sie an. Ihre Augen, kalt und fast leblos, richteten sich langsam auf ihn. Und in diesem Moment schrie alles in ihm danach, sich abzuwenden und weiterzugehen. Doch seine Füße blieben fest auf dem Boden. Die Frau war erschreckend in ihrer Hoffnungslosigkeit. Ihr einziges Merkmal von Lebendigkeit waren ihre feuerroten Haare, die trotz allem eine Spur von Glanz inmitten des Elends trugen. Doch ihre Haltung, ihre leeren Augen, erzählten eine andere Geschichte. Sie hatte aufgegeben, und Jamall konnte es sehen. Warum sie sich in diesem Zustand befand, war ihm egal. Ebenso wenig wollte er etwas von ihr – keine Dankbarkeit, keine Schuld. Er hatte keinerlei Interesse daran, ihre Situation zu seinem Vorteil auszunutzen. Eigentlich, dachte er, wollte er sie so schnell wie möglich vergessen. Sie war ein Hindernis, ein Problem, das er nicht lösen wollte. Doch an diesem Abend, an dem der Schnee kalt und unnachgiebig auf die Straßen von Kartaffel fiel, tat Jamall etwas, das er niemals für möglich gehalten hätte. Er streckte seine Hand aus, zog die Frau auf die Füße und nahm sie mit zu sich nach Hause. Es war ein einfacher Akt, fast bedeutungslos in seiner Ausführung. Doch für die Frau war es eine Rettung vor dem sicheren Tod. Der Kältetod hätte sie ein paar Stunden später ereilt, hätte Jamall sie dort sitzen lassen. Doch er hatte es nicht getan. Jamall war kein Mann guter Taten — und doch beging er die eine gute Tat, die sein Leben drastisch veränderte.

  • Kapitel 58 - Wille gegen Stein

    ,,... und deswegen habe ich entschieden, dass ich deine Magie mit dir zusammen verfeinern werde.’’ Leyla ließ Yagas Worte in ihrem Kopf nachhallen. Dies war nun das vierte Mal, dass sie sich trafen. Während ihrer ersten beiden Treffen hatte er nur beobachtet, wie sie ihre Magie einsetzte. Beim dritten Mal hatte er ihr Fragen gestellt, detaillierte und persönliche, wie sich ihre Magie für sie anfühlte, wie sie sie kontrollierte – oder wieso es ihr manchmal nicht gelang. Und jetzt, heute, hatte er ihr verkündet, dass er sie persönlich ausbilden würde. Seine Worte wogen schwer, als er erklärte, dass sie ihre Magie meistern lernen müsse, um Kronprinz Eugenius besser dienen zu können. Leylas Gedanken wirbelten.  ,,Ich will Kronprinz Eugenius nicht dienen’’ , dachte sie mit einem stechenden Missmut, der sich in ihrem Magen festsetzte. Gleichzeitig konnte sie sich der Wahrheit nicht entziehen, dass dies eine einmalige Möglichkeit war. Eine Möglichkeit, ihre Magie zu kontrollieren, zu verstehen, was sie war, und vielleicht – vielleicht – auch, wie sie sie nutzen konnte, um sich selbst zu befreien. Ihr Blick wanderte zu Yaga. Er saß entspannt auf einem Stuhl, die Beine locker übereinandergeschlagen, und betrachtete sie mit einem leichten Lächeln, das sie weder beruhigte noch beunruhigte. Es war ein Lächeln, das zu viel verbarg, um ehrlich zu wirken. ,,Wie genau soll ich dem Kronprinzen denn dienen?’’ fragte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem misstrauischen Unterton. Yaga blinzelte, überrascht von ihrer Frage, als hätte er erwartet, dass sie längst Bescheid wüsste. ,,Weißt du denn gar nicht, was das Prinzenspiel ist?’’ fragte er schließlich, und in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Interesse und Amüsement. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Hast du jetzt verstanden, wie du ihm dienen sollst?’’ Yaga hatte ihr in aller Ruhe die Regeln des Prinzenspiels erklärt. Eugenius, der dritte Kronprinz, lag momentan auf dem fünften Platz – kein Grund zur Sorge, wie Yaga betont hatte. Kronprinz Geroius, der Erstgeborene, war hingegen aktuell Letzter. Bei gleichbleibender Platzierung würde er in knapp zwei Monaten mitsamt seiner Familie und allen seinen Angestellten verbannt werden. Das Exil war eine unausweichliche Strafe, die jeden im Kaiserreich in Angst versetzte. Zuerst hatte Leyla in der möglichen Verbannung des Prinzen eine Chance gesehen, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden. Doch es hatte nicht lange gedauert, bis sie erkannte, dass sie mit Eugenius verbannt werden würde, sollte er scheitern. Die Aussicht, für den Rest ihres Lebens aus dem Kaiserreich ausgeschlossen zu sein, ließ ihre vermeintliche Hoffnung schnell verblassen. Der Gedanke daran lastete schwer auf ihr. ,,Ja, das habe ich, denke ich. Aber was genau soll ich tun?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. Sie wollte Klarheit, auch wenn sie fürchtete, die Antwort könnte ihr nicht gefallen. Yaga zuckte mit den Schultern, sein Blick war gleichgültig. ,,Das weiß ich nicht, der Kronprinz entscheidet das, nicht ich.’’ Leyla biss die Zähne zusammen, innerlich brodelte es.  ,,Na super, also kann mich tatsächlich jederzeit ein Befehl erwarten, dem ich mich nicht widersetzen kann…’’ dachte sie frustriert, während sie ihre Hände zu Fäusten ballte. Die Vorstellung, ein Werkzeug für Eugenius’ ehrgeizige Pläne zu sein, widerte sie an. ,,Gut’’, sagte Yaga, als wäre nichts gewesen, und erhob sich von seinem Platz. ,,Wenn du alles verstanden hast, können wir mit deinem Training anfangen.’’ Seine Stimme hatte einen Hauch von Vorfreude, der Leyla misstrauisch machte. Sie nickte nur, während Yaga sich in Richtung Tür bewegte. ,,Lass uns zum Trainingsplatz gehen!’’ Er war bereits einen Schritt voraus, sein Ton ließ keine Diskussion zu. Leyla stand langsam auf, ihre Gedanken noch immer von der bitteren Erkenntnis durchzogen, dass ihre Freiheit nach wie vor in weiter Ferne lag. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Versuch mal, mit aller Kraft deiner Magie deinen Willen aufzwingen. Behandel sie wie einen Sklaven, der sich dir unterzuordnen hat.’’ Yagas Stimme war ruhig, aber die Worte hatten einen Unterton, der Leyla unangenehm berührte. ,,Wie einen Sklaven?’’ fragte Leyla, ihr Ton war skeptisch und ein wenig ablehnend. Die Vorstellung,  jemanden oder auch nur etwas wie einen Sklaven zu behandeln, widerstrebte ihr zutiefst. In einer Welt, die Sklaven wie Vieh behandelte, wollte sie nicht Teil dieser Denkweise sein. ,,Genau.’’ Yagas Gesicht blieb ausdruckslos. ,,Wir wissen nicht, woher deine Magie diese Menge an Mana nimmt, aber vielleicht hat dein Tattoo seinen eigenen Willen, den du brechen musst, um es vollständig zu kontrollieren.’’  Leyla atmete tief durch und konzentrierte sich erneut. Vor ihrem inneren Auge formte sie eine große Steinkugel, die langsam in den Himmel steigen sollte. Die Aufgabe war klar: Sie musste die Kugel etwa drei Meter über dem Boden in der Luft rotieren lassen, während sie selbst darauf stand. Doch bisher waren die Versuche jedes Mal fehlgeschlagen – entweder hatte sich die Kugel unkontrolliert gedreht oder war außer Reichweite in die Höhe geschossen. Sie hob ihre Hände leicht, und der Stein begann sich unter ihren Füßen zu formen. Leyla stieg vorsichtig auf die Kugel, die sich allmählich in die Luft erhob. Doch wie zuvor spürte sie, dass die Kontrolle über den Stein schwierig war. Er begann, ungleichmäßig zu schwanken. Leyla schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Ihr Fokus richtete sich auf die Energie, die sie von dem Stein spürte. ,,Ich weiß nicht, was genau du bist, aber gib mir deine Kraft. Lass sie mich nutzen" , befahl sie ihm halbherzig. Doch kaum waren die Worte ausgesprochen, schoss der Stein ruckartig nach oben, als würde er ihrer Bitte widersprechen. Leyla rutschte aus und klammerte sich an der rauen Oberfläche fest, während sie schrie: ,,Fuck, das klappt nicht!’’ Die Kugel schien sich ihren Befehlen zu widersetzen, und sie spürte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Sie nahm einen tiefen Atemzug, beruhigte ihre Gedanken und sprach diesmal mit fester Stimme: ,,Gib mir deine Kraft, das ist ein Befehl!’’ Für einen Moment hielt die Kugel inne, und Leyla fühlte einen Triumph. Doch dieser währte nicht lange, denn die Kugel begann plötzlich, mit rasanter Geschwindigkeit in Richtung Boden zu stürzen. Panik durchflutete Leyla, als sie versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen. ,,Wenn ich so tief stürze, könnte mich das umbringen…’’ fluchte sie, während sie verzweifelt ihre Magie zu lenken versuchte. —RUMBLE— Der Boden unter ihr begann zu beben, als hätte die Erde selbst beschlossen, sich gegen sie aufzulehnen. Der Lärm ließ ihr Trommelfell beben. Sie wusste, dass dies ihre letzte Chance war. Ein letztes Mal sammelte sie ihre gesamte Konzentration. Ihre Stimme war nun ein scharfer, endgültiger Befehl: ,,Du hast mich ausgewählt, also gehörst du mir. Gib mir sofort deine Kraft, sonst werde ich dich eigenhändig aus meinen Körper reißen!!!’’ Das Beben hörte auf. Die Kugel, die zuvor wie ein widerspenstiges Tier agiert hatte, blieb plötzlich ruhig. Sie schwebte exakt drei Meter über dem Boden, und Leyla stand wieder aufrecht auf ihr. Um sie herum erschien eine blau-braune Aura, die wie ein lebendiges Licht flackerte. Sie fühlte die Macht, die sie durchströmte – dieselbe Kraft, die sie im Kampf mit Bournadette gespürt hatte. Doch diesmal war es anders: Die Kraft war nun vollständig unter ihrer Kontrolle. Ein stolzes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wollte Yaga zurufen, dass sie es geschafft hatte, doch noch bevor sie ein Wort sagen konnte, wurde ihr schlagartig schwarz vor Augen. Ihr Körper fiel schlaff von der Kugel, während diese sanft zu Boden sank. Leyla war ohnmächtig. - ------------------------------------------------------------------------- Kaltes Wasser schoss über Leylas Gesicht und riss sie aus der Dunkelheit. Sie schnappte nach Luft und richtete sich prustend auf. Das Wasser rann ihr in kleinen Bächen über das Kinn, und ihre Augen suchten hektisch nach dem Grund für diese plötzliche Erfrischung. Neben ihr saß Yaga, der sie mit einem süffisanten Lächeln betrachtete. ,,Was sollte das denn? ’ ’ fauchte Leyla, ihre Stimme voller Empörung, während sie das Wasser aus ihrem Gesicht wischte. ,,Ich wollte dich wecken’’, antwortete Yaga schulterzuckend, ohne sich von ihrem Ärger beirren zu lassen. Seine Augen funkelten leicht, als er fortfuhr: ,,Du hast es geschafft, die Kraft zu beherrschen. Jetzt arbeiten wir daran, dass du das länger aushältst. Und daran, dass sie für dich natürlicher wird.’’ Seine Stimme trug einen Hauch von Stolz, und er nickte leicht, als wolle er seinen Worten mehr Nachdruck verleihen. Leylas Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war. Das Lob ihres Lehrers ließ sie aufblühen, und ein breites, zufriedenes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. ,,Ich habe es geschafft’’ , dachte sie und fühlte, wie das erste mal seit langem Stolz in ihr aufkeimte. Motiviert sprang sie auf, ihre Augen leuchteten vor Entschlossenheit. ,,Dann versuche ich es gleich nochmal’’, rief sie, und bevor Yaga etwas sagen konnte, hob sie ihre Hände, bereit, erneut eine Steinkugel zu erschaffen. Doch Yaga legte sanft seine Hand auf ihre Schulter und hielt sie zurück. ,,Das brauchst du nicht mehr machen.’’ sagte er in seinem ruhigen Tonfall, der keine Widerworte duldete. Leyla spürte, wie seine Hand sie leicht drückte, bevor er fortfuhr: ,,Versuche einfach, deine Kraft ausströmen zu lassen, so wie eben. Wenn sich erneut diese Aura bildet, versuche sie so lange zu halten wie du kannst.’’ Leyla nickte. Ihre Entschlossenheit war ungebrochen, und ohne weitere Fragen begann sie mit ihrer nächsten Übung. Sie schloss die Augen, ließ das Mana in sich aufsteigen und konzentrierte sich auf das Gefühl, das sie zuvor gespürt hatte. Das Training hatte gerade erst begonnen.

  • Kapitel 22 - Roxanne

    Roxannes Eltern waren einfache Bauern im kühlen Norden des Herzogtums Inhantes. Sie hatten immer hart gearbeitet, um über die Runden zu kommen, doch eines strengen Winters erlagen beide einer rätselhaften Krankheit. In ihren letzten Tagen hatten sie Roxanne mit all ihrer verbliebenen Kraft in ein Waisenhaus geschickt, in der Hoffnung, ihr ein besseres Leben zu ermöglichen. Doch das Schicksal war gnadenlos. Schon früh wurde Roxanne klar, dass ihr die Welt nichts schenken würde. Alles, was sie wollte, würde sie sich selbst erkämpfen müssen. Mit einem rostigen Schwert, das sie auf einem verlassenen Schlachtfeld gefunden hatte, begann sie ihre Ausbildung. Sie brachte sich selbst bei, das Schwert zu führen, und verbrachte unzählige Stunden damit, an ihrem Körper zu arbeiten. Jede Narbe auf ihren Händen war ein Zeugnis ihrer Kämpfe, jeder Muskel ein Zeichen ihres unermüdlichen Willens, der Kälte und den harten Bedingungen zu trotzen. Eines Tages kehrte Roxy – wie sie sich mittlerweile selbst nannte – aus den Bergen zurück, wo sie mehrere Tage trainiert hatte. Doch als sie das Dorf erreichte, schlug ihr der Gestank von verbranntem Holz und Tod entgegen. Ihr Herz zog sich zusammen, als sie die Ruinen des Waisenhauses sah. Die Asche schwebte wie ein schwerer Schleier durch die Luft, bedeckte die verkohlten Überreste des Gebäudes, das einst ihr Zuhause gewesen war. Leichen lagen überall verstreut. Die Jungen, die sie wie Brüder geliebt hatte, waren tot, ihre Gesichter zu Fratzen des Schmerzes erstarrt. Die Mädchen waren verschwunden, und Roxy wusste nur zu gut, was sie erwartete. Sie hatte Geschichten gehört, zu viele, von den Schrecken, die denen widerfuhren, die in die Sklaverei verkauft wurden. Ein scharfer, beißender Schmerz durchfuhr sie, doch er wurde rasch von einem anderen Gefühl verdrängt: Wut. Das Kaiserreich hatte stets stolz mit seinen Gesetzen gegen die Sklaverei geprahlt, doch in Wahrheit war es ein Reich der Widersprüche. Während die Menschen in den großen Städten das Leben genossen, wurden Oger und Lupiden in Minen ausgebeutet. Waisen wie sie selbst waren der Willkür ausgeliefert. Es gab keine Gerechtigkeit, keine Hilfe für die Schwächsten der Gesellschaft. Waisenhäuser wurden oft angegriffen, und niemand kümmerte sich darum. Die Jungen wurden getötet, die Mädchen in die Sklaverei verkauft – ein grausames, stillschweigend geduldetes Geschäft. Roxy kniete auf dem kalten, aschebedeckten Boden, ihre Augen brannten vor Tränen. Als sie die Trümmer betrachtete, schwor sie sich, dass sie nie wieder zulassen würde, dass jemand so litt wie ihre Schwestern. Sie ballte die Fäuste, ihre Nägel gruben sich in ihre Handflächen, doch der Schmerz bedeutete ihr nichts. Ihre Stimme war leise, aber fest, als sie zu sich selbst sprach: „Nie wieder. Ich werde kämpfen. Für sie. Für alle, die niemanden haben, der für sie einsteht.“ In diesem Moment war Roxanne keine verängstigte Waise mehr. Sie war zu einer Kämpferin geworden, und mit jedem Atemzug wuchs ihre Entschlossenheit. Die Welt war grausam, aber sie würde nicht tatenlos zusehen. Sie würde sie verändern – koste es, was es wolle. -------------------------------------------------------------------------- Roxy war um die sechzehn Jahre alt, als sie beschloss, ihre Heimat zu verlassen. Sie schloss sich einer Gruppe reisender Händler an, die von den kühlen Landen Inhantes bis tief in den eisigen Norden des Herzogtums Randurin zogen. Die Gruppe, der sie sich anschloss, war eine bunte Mischung aus erfahrenen Kaufleuten und jungen Lehrlingen. Sie handelten mit allem, was sie in die Hände bekamen – exotische Gewürze, feine Stoffe, präzise Werkzeuge und seltene Artefakte aus fernen Ländern. Abends am Lagerfeuer erzählten die Händler Geschichten von ihren Abenteuern, von goldenen Sanddünen im Süden bis zu den schneebedeckten Gipfeln im Osten. Roxy lauschte mit leuchtenden Augen, ihre Gedanken malten Bilder von fremden Orten, die sie eines Tages selbst besuchen wollte. Doch die Härte des Lebens auf den Straßen blieb ihr nicht verborgen. Sie lernte schnell, dass man wachsam sein musste, denn Gefahr lauerte überall. Die Reise führte sie durch das große Moor, einen trostlosen, von dichtem Nebel verhüllten Landstrich. Die feuchte Luft hing schwer, und der sumpfige Boden sog an den Füßen, als wollte er die Reisenden verschlingen. Knorrige Bäume ragten wie verdrehte Finger in den grauen Himmel, und das Wasser schimmerte trügerisch, als könnte es jeden Moment in die Tiefe reißen. Der Nebel verschluckte jedes Geräusch, und die Stille drückte auf Roxys Brust. Jeder Schritt war ein Kampf, aber sie hielt durch, getrieben von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Monate später erreichten sie die Kaiserstadt, die Hauptstadt des Kaiserreichs. Roxy hatte noch nie eine solche Ansammlung von Leben gesehen. Die Straßen waren erfüllt von geschäftigem Treiben, die Menschen drängten sich dicht an dicht, ihre Stimmen vermischten sich mit dem Klang von Hämmern, dem Klappern von Wagenrädern und den Rufen der Händler. Düfte von frisch gebackenem Brot, exotischen Gewürzen und scharfen Ölen erfüllten die Luft, während die hohen Gebäude und die mächtigen Kirchen Schatten auf das Kopfsteinpflaster warfen. Der Kaiserpalast überragte alles. Seine weißen Steinwände glitzerten im Sonnenlicht, als wären sie mit einem Schleier aus Diamantstaub bedeckt. Die Türme strebten stolz in den Himmel, verziert mit kunstvollen Reliefs, die die Geschichte des Reiches erzählten. Die gigantische Glaskuppel in der Mitte des Palastes funkelte wie ein Regenbogen, und die Drachenknochen, die einen der Türme schmückten, ließen Roxy schaudern. Es war ein Anblick, der sie ehrfürchtig innehalten ließ, aber auch ein bitteres Gefühl von Ungerechtigkeit in ihr hervorrief. Damals regierte noch der alte Kaiser Tavil Algavia IV., ein Mann, der für seine Vorliebe für große Feste und pompöse Inszenierungen bekannt war. Während der Kaiser seine Macht zelebrierte, träumte Roxy von einer Welt, in der Kinder wie sie nicht schutzlos sein würden. Nach einigen Wochen in der geschäftigen Kaiserstadt zog sie mit den Händlern weiter, diesmal nach Osten ins Herzogtum Vallyka. Die Landschaft wurde zunehmend wilder, und schließlich erreichten sie den tiefen, dichten Wald, der als Tiefenwald bekannt war. Die hohen Bäume schienen den Himmel zu berühren, und das Rauschen des Windes durch die Blätter klang wie das Flüstern alter Geister. Hier fühlte sich Roxy gleichzeitig verloren und lebendig. Im Verlauf ihrer Reisen begann sie, die Welt mit anderen Augen zu sehen. Sie erkannte die unermessliche Schönheit und Vielfalt dieser Welt, aber auch die Härte und Ungerechtigkeit, die sie durchzogen. Der Wunsch, etwas Großes zu schaffen, ließ sie nicht mehr los. In ihrem Herzen formte sich ein Traum: ein Waisenhaus zu errichten, in dem Kinder eine bessere Zukunft finden könnten. Es sollte ein Ort sein, an dem sie Bildung, Schutz und Liebe erhielten – Dinge, die ihr selbst so oft verwehrt geblieben waren. Schließlich erreichten sie Randurin, die Hauptstadt des gleichnamigen Herzogtums. Die Stadt lag wie eine Festung inmitten der endlosen Schneewüste. Hohe, schneebedeckte Mauern schützten sie vor den eisigen Winden des Nordens. Der Schnee knirschte unter den Stiefeln der Bewohner, die in dicke Pelze gehüllt durch die engen Gassen huschten. Der Wind heulte durch die Straßen, und der Winter ließ selbst das stärkste Herz erzittern.   Hier trennte sich Roxy von den Händlern. Sie war entschlossen, in ihre Heimat zurückzukehren und dort ihr Waisenhaus zu errichten. Die Reise hatte ihr gezeigt, dass die Welt groß und wunderschön war – aber auch, dass sie nur durch eigene Taten einen Unterschied machen konnte. Mit neuer Kraft machte sie sich auf den Weg, bereit, ihrem Traum Leben einzuhauchen. -------------------------------------------------------------------------- Roxys Rückreise war geprägt von Rückschlägen und Herausforderungen. Immer wieder zwangen sie Auseinandersetzungen mit Banditen und Monstern, aber auch eine schwere Krankheit, die sie monatelang ans Bett fesselte, zum Anhalten. Dennoch konnte sie nicht anders, als den Bedürftigen auf ihrem Weg zu helfen. So vergingen die Jahre, und es war ein harter Winter, als sie schließlich – mittlerweile Mitte zwanzig – zurück in das Dorf gelangte, in dem sie aufgewachsen war. Das Dorf lag still und trostlos unter dem grauen Himmel. Die baufälligen Häuser wirkten noch verfallener als in ihrer Erinnerung. Der Wind wehte leise durch die leeren Straßen und das Knarren von Türen und Fensterläden vermischte sich mit dem dumpfen Tritt ihrer schweren Stiefel auf dem gefrorenen Boden. Die wenigen Dorfbewohner, die sich auf den Straßen zeigten, bewegten sich langsam, ihre Gesichter gezeichnet von einem Leben voller Entbehrungen und ohne Hoffnung auf Veränderung. Während sie durch die verfallenen Gassen ging, blieb ihr Blick an einer jungen Frau hängen, die sich auf der Straße anbot. Trotz der Jahre erkannte Roxy das Gesicht wieder. Es gehörte zu einem Mädchen, das sie einst aus dem Waisenhaus kannte. Sie hielt inne und sprach die Frau an: „Miri? Bist du das wirklich?“ Die Frau wirbelte herum, und ihre Augen weiteten sich, als sie Roxy erkannte. „Roxy? Du lebst? Oh, das ist ein Glück!“ Roxy trat näher und musterte Miri genauer. Ihre Kleidung war dünn und abgetragen, ihr Gesicht eingefallen, und in ihren Augen lag eine Müdigkeit, die Roxy das Herz schwer machte. „Was ist mit dir geschehen, Miri?“ Die Worte des Mädchens schnitten tief. Roxy erfuhr, wie das Leben Miri nach ihrer Abreise gezeichnet hatte. Der Zorn in ihr brodelte, heiß und unerbittlich. Sie fühlte den unaufhaltsamen Drang, etwas zu tun, den Schmerz und die Ungerechtigkeit zu bekämpfen, die sich in diesem kleinen Dorf wie eine Krankheit ausgebreitet hatten. „Wer hat das zugelassen?“ fragte Roxy mit zitternder Stimme, während ihre Hände zu Fäusten geballt waren. Doch Miri konnte keine Antwort geben – sie senkte nur den Blick, eine stumme Kapitulation vor einem System, das sie längst zerbrochen hatte. Roxy spürte die Wut in ihrem Inneren zu einem Sturm anwachsen. Sie war wie gelähmt von dem Schmerz, aber auch von einem unaufhaltsamen Hass auf die Männer, die Mädchen wie Miri ihrer Kindheit und ihres Lebens beraubten. Ohne ein weiteres Wort drehte sie sich um und ging zum Bordell, entschlossen, etwas zu tun, das sie nicht zurücknehmen konnte. Das Bordell war ein dunkles, schäbiges Gebäude am Rand des Dorfes. Die Luft war stickig, und ein widerlicher Gestank aus Alkohol, Schweiß und Verzweiflung hing in den kleinen Räumen. Roxy spürte, wie sich der Ekel in ihr ausbreitete, während sie den Raum des Zuhälters betrat. Der alte Mann sah sie überrascht an, doch bevor er ein Wort sagen konnte, zog Roxy ihr Schwert und rammte es ihm in die Brust. Seine Augen weiteten sich, während das Leben aus ihnen wich. Roxy stand regungslos da, das Blut des Mannes breitete sich in einer dunklen Lache um ihre Stiefel aus. Als sie die Waffe losließ, zitterten ihre Hände. Sie hatte getan, was sie für gerecht hielt, aber das Gewicht dieser Tat lastete schwer auf ihr. Sie wurde schnell verhaftet und vor Gericht gestellt. Das Urteil war gnädig: Zwei Jahre Gefängnis – weniger aus Mitleid, sondern weil der Mann, den sie getötet hatte, des Menschenhandels überführt war. Kurz darauf wurde sie in ein Gefängnis gesperrt und zu zwei Jahren Haft verurteilt. Sie hatte Glück, dass die Strafe nicht länger war oder dass sie nicht hingerichtet wurde. Die zwei Jahre hinter Gittern wurden für Roxy zu einer Zeit des Nachdenkens. Die engen, kalten Mauern des Gefängnisses waren nicht nur ein körperliches, sondern auch ein seelisches Gefängnis. Jede schlaflose Nacht war erfüllt von den Fragen, ob ihre Tat wirklich richtig gewesen war und ob sie dadurch überhaupt etwas verändert hatte. Als sie schließlich entlassen wurde, war sie verändert. Die Zeit im Gefängnis hatte ihr klargemacht, dass Gewalt allein keine Lösung war. Sie musste einen anderen Weg finden, die Welt zu verändern, ohne ihre Menschlichkeit zu verlieren. Mit fester Entschlossenheit machte sie sich auf den Weg ins Herzogtum Mittellande. Dort wollte sie einen Neuanfang wagen und die Mittel finden, ihren Traum von einem sicheren Heim für Waisenkinder zu verwirklichen. -------------------------------------------------------------------------- Es war ein glühend heißer Sommertag, die Sonne brannte unbarmherzig vom Himmel, als Roxy den Schutz eines schattigen Hauseingangs suchte. Sie zog genüsslich an ihrer Tabakpfeife, und der würzige Duft vermischte sich mit der warmen, staubigen Luft der Seitenstraße, in der sie vorübergehend untergekommen war. Die Straße war still, der Trubel der Stadt schien weit entfernt. Es war eine dieser seltenen Momente, in denen Roxy für einen Augenblick zur Ruhe kam. Doch diese Ruhe wurde jäh unterbrochen. Roxy bemerkte einen Mann, der eine junge Frau mit blauen Haaren, kaum älter als zwanzig, grob am Handgelenk gepackt hatte. Ihr Gesichtsausdruck verriet Unsicherheit und Angst. Roxy spürte, wie etwas tief in ihr zu kochen begann. Ein vertrauter Zorn, heißer und unbändiger als die Sommersonne, brodelte in ihr auf. Sie kniff die Augen zusammen und ließ ihre Pfeife sinken. Der Gedanke, dass direkt vor ihren Augen jemand zu Schaden kommen könnte, brachte ihr Blut zum Kochen. „Ist das eine Entführung?“ Der Gedanke schoss durch ihren Kopf wie ein Pfeil, während sie den Mann mit einem durchdringenden Blick musterte. „Halt sofort an!“ rief sie, ihre Stimme laut und klar, durchdrungen von der Autorität, die sie in all den Jahren ihres harten Lebens gewonnen hatte. Der Mann fuhr herum, seine Augen weiteten sich, als er Roxys entschlossenen Gesichtsausdruck sah. Er stammelte nervös: ,,Sie hat sich verlaufen, ich wollte ihr nur den Weg zeigen. ’’ Roxy verzog keine Miene. Die Lüge war offensichtlich, und der Zorn in ihr ließ sie einen Schritt nach vorne treten. „Stimmt das?“ fragte sie scharf, ihre Stimme direkt an die Blauhaarige gerichtet. Die junge Frau zögerte, ihre Lippen bebten. Schließlich brachte sie ein leises, „ N-Nein. Ich kenne diesen Mann nicht, und ich will auch nicht, dass er mir den Weg zeigt “, hervor. Roxys Blick wurde noch kühler, ihre Stimme ein gefährliches Grollen: ,,Dann würde ich dich einmal freundlich bitten, diese Frau loszulassen.’’ Langsam trat sie näher, und ihre Hand legte sich auf den Griff ihres Schwertes. Sie spürte das vertraute Gewicht der Klinge an ihrer Hüfte und war bereit, sie zu ziehen, wenn es nötig sein sollte. Der Mann wich einen Schritt zurück, Schweißperlen bildeten sich auf seiner Stirn. Panik breitete sich in seinen Augen aus, und bevor Roxy ihn erreichte, ließ er das Handgelenk der Frau los und rannte in die engen Gassen der Stadt. Roxy blieb stehen, atmete tief durch, ließ aber ihre Hand noch einen Moment länger auf dem Schwertgriff ruhen. Nicht, weil sie Angst vor dem Mann gehabt hatte, sondern weil sie wusste, wie schwer es ihr gefallen wäre, ihre Wut zu kontrollieren, wenn es zum Äußersten gekommen wäre. ,,Ist alles okay bei dir? Geht es dir gut?’’ fragte sie die Blauhaarige, während sie freundlich lächelte. -------------------------------------------------------------------------- Roxy betrachtete die mächtigen Stadtmauern von Malyl, ihre Oberfläche überzogen von Moos, das in sattem Grün leuchtete. Die alten Steine erzählten stumm von einer Geschichte, die Jahrhunderte umfasste. Ihre Risse und Spalten waren wie die Falten eines alten Gesichts, gezeichnet von Kriegen, Stürmen und der Zeit selbst. Zwischen den Fugen sprossen Farne und kleine Wildblumen, die dem sonst imposanten Mauerwerk einen Hauch von Sanftheit verliehen. Roxy zog tief die klare, frische Luft ein und ließ ihren Blick über die geschäftigen Straßen gleiten. Hier war alles anders als in Migar. Malyl pulsierte vor Leben, eine Stadt voller Möglichkeiten. In diesen Mauern gab es mehr als nur Gelegenheitsarbeiten und endlose Frustration. Roxy wusste, dass die Abenteurergilde in der Altstadt lag, ein Ort, der ihr die Chance bieten konnte, ihre Fähigkeiten sinnvoll einzusetzen. Sie musste dorthin, wo ihre Klingen mehr wert waren als ein paar Münzen. Während sie sich ihren Weg durch die belebten Straßen bahnte, war sie wachsam. Ihre Augen scannten unaufhörlich die Umgebung, jedes Detail wurde in ihrem Gedächtnis verankert. Die Geräusche der Marktstände, das Murmeln von Gesprächen und das Klappern von Wagenrädern mischten sich zu einem lebendigen Klangteppich, der sie an ihre Jugend erinnerte. Doch sie war nicht hier, um sich von Erinnerungen ablenken zu lassen. Sie hatte ein Ziel. —BUMM— Plötzlich spürte sie einen Stoß in ihren Rücken. Der Aufprall war nicht hart, doch genug, um Roxy herumfahren zu lassen. Ihre Hand glitt unbewusst in Richtung ihres Schwertes, doch sie hielt inne, als sie sah, wer vor ihr stand. Eine junge Frau mit blauen Haaren und einem entschuldigenden Blick. Ihre Wangen waren leicht gerötet, vielleicht vor Anstrengung, vielleicht vor Scham. Doch es war nicht nur ihre ungewöhnliche Haarfarbe, die Roxys Aufmerksamkeit erregte. Es war dieses Gesicht, ein vertrautes Gesicht. Leyla. Roxy konnte ein breites Lächeln nicht unterdrücken, als sie Leyla sah. Die Erleichterung, sie wohlbehalten zu sehen, war überwältigend, besonders nach den Sorgen, die sie sich in den letzten Wochen gemacht hatte. Leyla sah nicht nur gesund aus, sie wirkte sogar stärker als zuvor. Das Schwert an ihrem Gürtel schimmerte im Licht, und Roxy fühlte einen Anflug von Stolz, als sie daran dachte, wie sie es ihr einst überreicht hatte. ,,Tut mir Leid, ich habe nicht aufgepasst’’, stammelte Leyla, doch als sie Roxy bemerkte, weiteten sich ihre Augen, und ein Grinsen formte sich auf ihrem Gesicht. ,,Leyla, bist du das? Was für ein Zufall, dass wir uns hier treffen!’’ Leyla, die sich noch die schmerzende Nase rieb, hielt inne und starrte Roxy mit offenem Mund an. Einen Moment lang wirkte sie, als könne sie nicht glauben, wen sie da vor sich sah. Dann hellte sich ihr Gesicht auf, und ein strahlendes Grinsen ersetzte ihren überraschten Ausdruck. Leyla sah anders aus, stärker, selbstbewusster. Das Schwert an ihrem Gürtel schimmerte im Sonnenlicht, und Roxys Blick blieb einen Moment lang darauf haften. Sie erinnerte sich daran, wie sie es Leyla übergeben hatte, und ein Funken Stolz blitzte in ihren Augen auf.

  • Kapitel 57 - Die Flammen der Hoffnung

    Auf dem Boden kauerte ein Mann – ein Soldat der Kaiserlichen Armee. Seine Arme waren mit rostigen Nägeln an die rauen Holzbohlen der Wand geheftet, und sein Körper war eine Leinwand aus blutigen Schnitten und blauen Flecken. Die Stunden der Folter hatten ihn schwer gezeichnet. Sein Atem war flach, seine Haut bleich, und der Schmerz hatte jede Spur von Würde aus seinem Blick gelöscht. Lange würde er das nicht mehr durchhalten. [???] ,,Ich frage dich noch ein letztes Mal. Wo hat Bournadette das blauhaarige Mädchen hingebracht?’’ Die Stimme war kalt, ruhig und vollkommen emotionslos. Es war eine Stimme, die mehr Grauen hervorrief als das Brüllen eines Monsters. Der Soldat hob mühsam seinen Kopf. Sein verbliebenes Auge war glasig, doch seine Stimme trug einen letzten Hauch von Trotz. ,,Ich… Ich sag dir gar nichts. Niemals verrate ich das Kaiserre…’’ —BAMM— Der Stiefel krachte mit einer brutalen Wucht in seinen Magen. Ein nasses, ersticktes Keuchen entwich den Lippen des Soldaten, gefolgt von einem Schwall Blut, das auf den dreckigen Boden tropfte. Röchelnd kämpfte er um Luft, sein Gesicht verzog sich vor Qual. [???] ,,Wenn du in deiner Loyalität sterben willst, dann lässt sich das einrichten. Du kannst deine beiden Kinder mit dir mitnehmen.’’ Der Soldat erstarrte. Trotz des Schmerzes öffneten sich sein Auge weit, und ein Zittern durchlief seinen gequälten Körper. ,,Da—Das würdest du nicht wagen… Sie haben nichts hiermit zu tun.’’ Seine Stimme klang jetzt flehend, die brüchigen Worte zeugten von wachsender Verzweiflung. [???] ,,Was sind schon zwei Kinderleben im Vergleich zu dem Leben, das ich retten möchte? Schlucke deinen Stolz herunter und rette deine Kinder.’’ Die Worte trafen den Soldaten wie ein Messer. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Schmerz zu Entsetzen, dann zu einem Ausdruck völliger Kapitulation. Der Funke Widerstand in seinem Auge erlosch. ,,Bournadette’’, begann er mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. ,,Bournadette hat das Mädchen in die Kaiserstadt zu Seiner Hoheit Kronprinz Eugenius gebacht.’’ [???] ,,Na, geht doch. Warum nicht gleich so?’’ ,,Dann, dann lässt du mich und meine Kinder jetzt gehen?’’ fragte der Soldat, seine Worte zitternd, flehend. In seinem Blick lag eine Hoffnung, die wie ein Funke in der Dunkelheit schimmerte. [???] ,,Deine Kinder? Ach stimmt ja, ich hatte vergessen zu erzählen, dass sie von den Carne bereits mitgenommen wurden.’’ ,,Den Carne? Du hattest gesagt, dass ihre Leben gerettet werden würden, wenn ich dir es verrate!!’’ Die Stimme des Soldaten wurde laut, seine Worte vor Verzweiflung erstickt. [???] ,,Hatte ich das? Mein Fehler, sorry. Naja, machs gut.’’  Ohne den Mann noch eines Blickes zu würdigen, drehte sich der Elf um und ging zur Tür. ,,Du...’’ Der Soldat keuchte die Worte, doch der Elf blieb ungerührt. Seine Schritte hallten auf dem knarrenden Boden, und seine Hand schloss sich um den Griff der Tür. ,,Du hattest es versprochen!!! DU HATTEST ES VERSPROCHEN!!!’’ Die Stimme des Soldaten brach, wurde zu einem verzweifelten Schrei, der den Raum füllte. Der Elf trat hinaus in die kalte Nachtluft. Er atmete tief ein, ließ die Tür hinter sich zufallen und hielt kurz inne. Dann hob er seine Hand, und eine kleine, flackernde Feuerkugel erschien in seiner Handfläche. Mit einem beiläufigen Schwung warf er sie auf das Dach der Hütte. Die trockenen Holzbalken fingen sofort Feuer, und die Flammen begannen gierig, das Gebäude zu verschlingen. Er wandte sich seinen beiden Begleitern zu, die in der Nähe auf ihn gewartet hatten. Die Schreie des Soldaten drangen gedämpft durch die wachsenden Flammen. Doch der Elf würdigte sie keines Blickes mehr. Sein Gesicht war wieder vollkommen ruhig, ohne Reue, ohne Bedauern. Die Hütte brannte lichterloh, und der Elf ging weiter. Sein Blick war geradeaus gerichtet, seine Schritte ruhig und gemessen. Die Schreie des Soldaten wurden leiser, bis sie von dem Knistern der Flammen verschluckt wurden. - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,War das wirklich nötig, Liam?’’ Die tiefe Stimme des großen Mannes durchbrach die Stille. Der muskulöse Mann musterte seinen Anführer, den blonden Elf, mit einer Mischung aus Unbehagen und Respekt. Sein Ton war ruhig, aber die Frage trug einen Hauch von Vorwurf in sich. Liam hob nur kurz den Kopf, sein Blick kalt und emotionslos. ,,Wer weiß?’’ Seine Stimme war flach, fast genervt. ,,Ich hab die Information bekommen, die ich wollte, oder Ralf?’’ Ralf öffnete den Mund, als wolle er etwas erwidern, doch dann schloss er ihn wieder und schüttelte leicht den Kopf. Er wandte sich dem dritten Mitglied der Gruppe zu, einem Vishap mit glänzenden, schwarzen Schuppen. ,,Und das ist wirklich okay für dich, Theol?’’ Theol zuckte nur mit den Schultern, seine reptilienartigen Augen wirkten kühl und distanziert. ,,Wenn das dem Boss seine Freundin zurückbringt, ist das in meinen Augen kein Problem.’’ Er sprach mit einer gelassenen Gleichgültigkeit, die fast zynisch klang. Dann wandte er sich Liam zu. ,,Und? Wo ist Leyla?’’ Liam schien für einen Moment in Gedanken versunken, seine Augen blickten in die Ferne. Erst als Theol die Frage wiederholte, reagierte er. ,,Leyla ist beim dritten Kronprinzen in der Kaiserstadt.’’ Theols Augen weiteten sich, und seine entspannte Haltung verschwand. ,,In der Kaiserstadt? Dann können wir die Rettung vergessen.’’ Seine Stimme war von plötzlicher Nervosität durchdrungen. Plötzlich flammte Wut in Liams Augen auf. Ohne zu zögern packte er Theol fest an der Schulter, seine Finger gruben sich in die schwarzen Schuppen. ,,Vergessen?’’ Seine Stimme war tief und vibrierte vor Zorn. ,,Wir werden sie retten und wenn es uns alle umbringt. Hast du das verstanden?’’ Theol zischte auf vor Schmerz, versuchte aber, ruhig zu bleiben. Schließlich nickte er und senkte den Blick. ,,Ja, du hast Recht, Liam. Wir beide folgen dir, das weißt du doch.’’ Seine Stimme war leise, fast entschuldigend. Liam ließ ihn los und trat zurück. ,,Gut.’’ Seine Stimme klang wieder beherrschter, aber die brennende Wut in seinen Augen blieb unverändert. ,,Dann lasst uns in Richtung Kaiserstadt aufbrechen. Wir müssen aber vorher einen Stopp in Inhantes machen, ich habe dort einen Freund, der uns helfen wird.’’  Er ging zu dem schwarzen Pferd, das geduldig am Rand des Lagers wartete. Seine Finger glitten zärtlich über das weiche Fell, und für einen Moment schien Liams strenges Gesicht weicher zu werden. Er legte seinen Kopf gegen den Hals des Tieres, als würde er sich Trost holen. ,,Ich werde Leyla retten, Himmel. Verlass dich darauf.’’ Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern. Das Pferd schloss die Augen, als könnte es die Worte des Elfen verstehen. Liam schwang sich auf Himmels Rücken und sah zu seinen beiden Gefährten zurück. ,,Kommt jetzt, wir sollten aufbrechen, bevor noch mehr Soldaten kommen.’’  Ralf und Theol folgten ihm wortlos. Sie schwangen sich auf ihre Pferde, und die drei Krieger bildeten eine entschlossene Linie. Liam griff nach dem Trinkschlauch mit Whiskey, der an seinem Gürtel hing, und nahm einen tiefen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, doch er verzog keine Miene. Dann setzte er sich in Bewegung, seine Augen fest auf den Weg vor ihm gerichtet. - ------------------------------------------------------------------------- Während Liam, Theol und Ralf schweigend durch den dichten Wald ritten, arbeitete Liams Verstand unaufhörlich. Die rhythmischen Hufschläge der Pferde waren das einzige Geräusch, das die Stille durchbrach, doch in Liams Kopf tobte ein Sturm. ,,Sie hat Leyla also in die Kaiserstadt gebracht, hmm?’’   murmelte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, den nur der Wind hören konnte. Sein Blick war dunkel, zielgerichtet, als ob er die Hindernisse, die vor ihm lagen, durch bloße Willenskraft zerstören wollte.  Die Kaiserstadt – allein der Gedanke daran ließ Liams Magen sich zusammenziehen. Es war der gefährlichste Ort im Kaiserreich, wenn man jemanden entführen wollte. Oder, wie Liam es nannte, wenn man jemanden retten musste. Denn das war es, was er tun wollte – Leyla retten. Auch wenn das bedeutete, dass es auf die Welt wie eine Entführung wirken würde. Er ließ den Gedanken an die Gefahren nicht los. Die Stadtwachen? Sie wären das geringste Problem. Liam hatte oft gegen sie gekämpft und wusste, wie man sie umgehen konnte. Aber das Kaiserliche Militär? Tausende Soldaten, die in der Kaiserstadt stationiert waren, stellten eine völlig andere Bedrohung dar.  Und dann war da noch der Goldene Löwe – die Privatarmee des Kaisers, eine Eliteeinheit, die keine Fehler machte. Doch selbst sie verblassten im Vergleich zu der größten Gefahr: den zehn Kaiserlichen Kopfgeldjägern. Liam biss die Zähne zusammen, während er sich die Konsequenzen ausmalte. Die Kopfgeldjäger waren tödlich, berüchtigt, und sie genossen den persönlichen Schutz des Kaisers. Er hatte keine Ahnung, wer von ihnen in der Kaiserstadt sein könnte.  Ihre Aufträge führten sie in alle Ecken des Kaiserreichs, doch ihr Ruf reichte weit über ihre physische Präsenz hinaus. Jeder von ihnen wäre allein schon eine unüberwindbare Hürde. Gegen sie hätte er keine Chance. ,,Selbst wenn alle anderen von ihnen außerhalb sind, wird Yang da sein. Und wenn der Kaiser entscheidet, sie einzusetzen, dann kann ich Leyla vergessen…’’ Der Gedanke war wie eine eisige Klinge in seinem Herzen, doch er schüttelte ihn ab, sein Blick verfinsterte sich noch weiter. Die schöne Landschaft, die ihn umgab, ließ Liam völlig unberührt. Der Wald war ein grünes Paradies, voller Leben. Vögel zwitscherten in den Baumwipfeln, und die klaren Teiche, die sich zwischen den Bäumen versteckten, spiegelten das Licht der Sonne wider. Es war eine Welt voller Ruhe und Harmonie – das genaue Gegenteil von dem Sturm in Liams Innerem. Doch er sah nichts davon. Seine Gedanken waren auf die Kaiserstadt und Leyla fixiert, und die Natur um ihn herum verblasste.  Schließlich erreichten sie den Rand des Waldes. Vor ihnen erstreckte sich die weite Ebene, und in der Ferne erhoben sich die Larifen, das mächtige Gebirge im Osten, wie ein unüberwindbares Bollwerk. Die Gipfel waren in Nebel gehüllt, ein Symbol für die Herausforderungen, die vor ihnen lagen. Liam bedeutete Himmel anzuhalten und richtete seinen Blick darauf, und ein Hauch von Hoffnung kehrte in seine Augen zurück. Er begann zu flüstern, seine Stimme war kaum hörbar, doch sie trug eine unerbittliche Stärke in sich. ,,Warte nur Leyla. Ich rette dich. Und dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht.’’ Die Worte hingen in der Luft wie ein Schwur, unerschütterlich und voller Leidenschaft. Dann setzte er sich wieder in Bewegung, seine Hände fest um die Zügel des Pferdes gelegt.

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