top of page

Suchergebnisse

220 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche

  • Kapitel 26 - Das Monster von Rehengar

    Die Mittellande breiteten sich in all ihrer Pracht vor ihnen aus. Die warmen Sonnenstrahlen schienen mit den leuchtenden Farben der blühenden Felder zu verschmelzen, während der Duft von frisch gemähtem Gras und wilden Blumen den leichten Wind begleitete. Überall zwitscherten Vögel, und das sanfte Rauschen der Blätter in den Bäumen schuf eine beruhigende Melodie. Es war eine Landschaft, die den Geist zur Ruhe kommen ließ und das Herz mit stiller Freude erfüllte. Doch unter dieser Idylle schwang ein leises Knistern mit – eine Vorahnung von Abenteuern, die noch vor ihnen lagen.   [???] ,,In ein bis zwei Stunden sollten wir in Rehengar ankommen!’’ Fer drehte sich grinsend zu Leyla um, während er seine Hände lässig in die Hüften stemmte. ,,Hat ja auch lange genug gedauert’’, antwortete Leyla und verzog leicht das Gesicht. ,,Fast eine Woche sind wir schon unterwegs.’’ Ihre Reise war geprägt von kleinen Abenteuern am Wegesrand. An einem Tag hatten sie einem Bauern auf dem Acker geholfen, an einem anderen einer alten Dame, die schwere Möbel transportieren musste. Auch wenn die Verzögerungen ärgerlich waren, hatte niemand in der Gruppe ernsthaft protestiert. [???] ,,Ich bereue es trotzdem nicht, dass wir einige Verzögerungen in Kauf genommen haben. Wir konnten einige gute Taten vollbringen, das wirkt sich auch auf unseren Anfängerstatus aus!’’ Roxy, Leylas beste Freundin und eine furchtlose Kriegerin, war immer die Erste, die ihre Hilfe anbot. Ihre Energie und Entschlossenheit zogen die Gruppe mit, und Leyla bewunderte sie insgeheim dafür. [???] ,,Ich freue mich schon darauf, dich wieder vor einem Monster zu retten. Du bedankst dich dann immer so süß!’’ Liams schelmisches Grinsen ließ Leyla die Augen verdrehen. ,,Träum weiter’’, entgegnete sie trocken, obwohl ein Hauch von Rot ihre Wangen färbte. Liam, der sie von Anfang an begleitet hatte, hatte sie in brenzligen Situationen schon oft gerettet. Seine charmante, manchmal freche Art ließ sie gleichermaßen genervt und amüsiert zurück. In letzter Zeit hatte sie jedoch bemerkt, dass sie sich in seiner Nähe sicherer fühlte. ,,Ich habe wirklich Glück, solche Freunde gefunden zu haben.’’ Leylas Gedanken schwebten kurz ab, während sie ihre Begleiter ansah. Ihre Erinnerungen an ihr früheres Leben verblassten immer mehr. Sie wusste nicht, warum oder wie das geschah, doch sie hatte beschlossen, es zu akzeptieren – zumindest bis sie die Möglichkeit hatte, Antworten zu finden. Der Schlüssel dazu lag in der großen Bibliothek von Malyl, doch der Zugang war mit Bedingungen verknüpft. Um die Bibliothek betreten zu dürfen, musste ihre Abenteurergilde, ,,Die grauen Federn’’, den vierten Rang erreichen. Momentan waren sie Anfänger, der unterste Rang der fünfstufigen Skala. Adept, Fortgeschritten, Experte und schließlich Heldenrang folgten darauf. Jeder Rang brachte mehr Privilegien, schwerere Aufträge und höhere Belohnungen mit sich. Die Abenteurergilde war eine vielseitige Institution. Die meisten Anfragen betrafen das Bekämpfen von Monstern, doch auch Eskorten, das Erkunden gefährlicher Orte und gelegentlich sogar diplomatische Missionen gehörten zu ihren Aufgaben. ,,Hey, träumst du? Wir sind bald da!’’ Roxy stubste Leyla an, die aus ihren Gedanken aufschreckte. Die warme Sonne, die sanften Hügel der Mittellande und die vertrauten Stimmen ihrer Freunde machten ihr bewusst, dass sie genau da war, wo sie sein wollte. -------------------------------------------------------------------------- Rehengar wirkte wie ein verschlafenes Dorf, in dem die Zeit stehen geblieben war. Die wenigen Häuser um den kleinen Marktplatz hatten verblasste Fassaden, die von vergangenen Stürmen erzählten. Einige Bauern boten ihre überschüssigen Ernten an, während der Duft von frisch gepflücktem Gemüse sich mit dem erdigen Geruch der umliegenden Felder vermischte. Eine einsame Windfahne drehte sich leise quietschend im Wind, als ob auch sie sich an das langsame Leben hier angepasst hätte. Liam trat als Erster auf einen der Dorfbewohner zu. ,,Guten Tag, wir sind wegen des Auftrags hier. Können Sie uns sagen, wo wir den Dorfvorsteher finden, der die Anzeige aufgegeben hat?’’ Ein alter, gebeugter Mann mit faltigem Gesicht und tiefliegenden, misstrauischen Augen musterte die Gruppe kurz, bevor er mit einem grummelnden Ton antwortete: ,,Ihr seht tatsächlich fähig aus. Ich bin der Dorfvorsteher. Kommt mit.’’ Ohne auf eine Reaktion zu warten, drehte er sich um und schlurfte in Richtung eines Hauses. Seine langsamen, knarrenden Schritte schienen sich perfekt an die Stille des Dorfes anzupassen. Leyla warf einen fragenden Blick zu Fer, der nur mit den Schultern zuckte. Gemeinsam folgten sie dem alten Mann ins Haus. Das Innere des Hauses war düster und wirkte, als sei es seit Jahrzehnten unverändert geblieben. Die wenigen Möbelstücke schienen fast wie Relikte einer vergangenen Zeit. Ein Kessel mit grüner Suppe blubberte leise vor sich hin, als wäre er das einzige Zeichen von Leben in der kargen Behausung. Der Geruch von Kräutern und feuchter Erde hing schwer in der Luft, während das Knarren der Dielen unter ihren Schritten die Stille betonte. ,,Wir haben seit einigen Wochen ein Problem mit einem Monster’’, begann der alte Mann mit überraschend sanfter Stimme. ,,Es schleicht sich nachts in unsere Gehege, reißt die Schweine und verschwindet. In der Nähe gibt es einen kleinen Wald, ich nehme an, es lebt dort. Bitte, kümmert euch darum.’’ Leyla bemerkte den Hauch von Sorge in seinen Augen und versuchte, ihre eigene Aufregung zu verbergen. Ihr Herz schlug schneller, während sie fragte: ,,Habt Ihr das Monster schon gesehen? Könnt Ihr uns etwas mehr darüber erzählen?’’ ,,Nein’’, erwiderte der Dorfvorsteher, während er seinen Blick auf die Suppe richtete. ,,Wir haben es nie direkt gesehen. Aber wir finden morgens die Überreste der Schweine. Es sind keine sauberen Schnitte oder Bisse, sondern... ein Chaos. Auch die Zäune wurden niedergetrampelt.’’ ,,Niedergetrampelt?’’ Fer runzelte die Stirn, während er sich einen weiteren Keks in den Mund schob. ,,Meint Ihr zerstört? Zerbrochen?’’ ,,Nein, ich meine niedergetrampelt’’, wiederholte der Alte. ,,Flachgedrückt, als hätte etwas Schweres sie einfach überrollt.’’ ,,Das klingt nach einem großen Monster. Vielleicht ein Riese?’’ Leyla sprach leise, eher zu sich selbst, denn sie war sich nicht sicher, ob es in dieser Welt tatsächlich Riesen gab. ,,Wir werden es uns ansehen und dieses Problem lösen’’, sagte Roxy mit entschlossener Stimme. Sie stand auf, warf den anderen einen kurzen Blick zu und ging zur Tür. ,,Es wird Zeit, dass wir herausfinden, womit wir es zu tun haben.’’ Die Gruppe folgte ihr, und Leyla spürte, wie sich eine Mischung aus Aufregung und Nervosität in ihr ausbreitete. Es war ihr erster richtiger Auftrag, und sie war fest entschlossen, ihren Teil dazu beizutragen. -------------------------------------------------------------------------- Der Zaun, der die Wiese vom Wald abgrenzte, war tatsächlich an mehreren Stellen plattgetreten. Die tiefen Abdrücke im Boden waren so groß, dass ein Kurzschwert der Länge nach hineinpassen würde. Holzstücke steckten schräg im Boden, während der Großteil in zersplitterten, unregelmäßigen Stücken über die gesamte Fläche verstreut lag. ,,Was könnte das für ein Monster gewesen sein?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme zitterte leicht, während sie unbewusst näher an Liam heranrückte. Liam spürte ihre Anspannung und legte ihr beruhigend eine Hand auf die Schulter. Fer, der mit prüfendem Blick die Spuren untersucht hatte, richtete sich auf und wandte sich an die Gruppe. ,,Das könnte gut ein Troll gewesen sein. Die sind stark und nicht gerade subtil. Sollten aber keine große Herausforderung sein. Problematisch wird’s nur, wenn wir es hier mit etwas Seltenem zu tun haben... oder schlimmer, einem Drachen.’’ ,,Ein Drache?’’ Leylas Augen weiteten sich, doch Liam schüttelte den Kopf. ,,Ein Drache würde wohl aus der Luft angreifen, außerdem sehe ich keine Spuren von Feuer oder Verbrennungen.’’ Er rieb sich nachdenklich das Kinn. ,,Vorsicht ist trotzdem angebracht’’, sagte Fer entschlossen. ,,Ich gehe vor. Ihr drei deckt meinen Rücken.’’ Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte er sich in Bewegung, seine schwere Axt kampfbereit in den Händen. Die Gruppe hatte bereits auf der Reise ihre Kampfformation besprochen. Fer, mit seiner massiven Rüstung und seiner Fähigkeit, die meisten Angriffe auszuhalten, würde vorausgehen. Liam und Roxy hielten jeweils die Flanken, wachsam für jede mögliche Gefahr. Leyla, mit ihrer mangelnden Kampferfahrung, war in der Mitte positioniert – ein Arrangement, das Liam unmissverständlich durchgesetzt hatte. Fer führte sie mit sicheren, bedächtigen Schritten in den Wald. Sein Blick wanderte aufmerksam über die Umgebung, und die Gruppe folgte ihm in angespannter Stille. Die dichten Bäume des Waldes schufen ein düsteres Halbdunkel, selbst bei Tageslicht. Verknäuelte Äste bildeten bizarre Muster, während der modrige Geruch von feuchtem Laub und Verfall allgegenwärtig war. Jeder Schritt auf dem unebenen Boden löste ein leises Rascheln oder Knacken aus, das sich wie ein unwillkommener Eindringling in die bedrückende Stille des Waldes einfügte. Leyla konnte die Kälte und Dunkelheit spüren, die den Ort durchdrang, und unwillkürlich drängten sich alte Erinnerungen in ihren Kopf. Sie dachte an die Arachne, der sie einst in einem ähnlichen Wald begegnet war, und an die kalte Zelle, in der sie nach ihrer Entführung festgehalten worden war. Die Erinnerungen zogen sich wie ein enger Knoten in ihrer Brust zusammen. ,,Was, wenn ich wieder allein gelassen werde? Was, wenn es wieder passiert?’’ Der Gedanke nagte an ihr, bis sie sich zwang, ihn beiseitezuschieben. Sie schüttelte leicht den Kopf und blickte nach vorne. Liam, Roxy und Fer würden sie nicht im Stich lassen. Das wusste sie. Sie war so in Gedanken versunken, dass sie fast in Fers Rücken lief, als dieser abrupt stehen blieb. ,,Was ist los?’’ flüsterte sie und umklammerte instinktiv den Griff ihres Schwertes. ,,Dort vorne...’’ Fers Stimme war gedämpft, aber ernst. ,,Eine Höhle. Und auf der Lichtung davor sind unmengen an Fußspuren.’’ Die Lichtung vor der Höhle schien wie ein Kontrast zum dichten Wald, der sie umgab. Hier war der Boden plattgetrampelt und aufgewühlt, als hätte ein gigantisches Wesen in wütender Raserei gewütet. Die Spuren schienen fast das gesamte Areal zu bedecken. Es war, als hätte die Natur an diesem Ort innegehalten. Keine Vögel sangen, und selbst der Wind schien seinen Atem anzuhalten. Die Luft war still und schwer, durchzogen von einem schwachen, unheilvollen Geruch, der aus der dunklen Höhle drang. Sie öffnete sich vor ihnen wie das Maul eines schlafenden Ungeheuers. ,,Was denkt ihr, was da drin ist?’’ flüsterte Leyla, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch. ,,Etwas Großes’’, murmelte Liam, seine Augen scharf auf die Höhle gerichtet. Roxy löste ihre Waffe aus der Halterung, ihre Haltung angespannt und bereit. ,,Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden’’, sagte Fer schließlich. Er hob seine Axt und setzte vorsichtig einen Fuß auf die Lichtung, seine Bewegungen wachsam und schwer wie der drohende Klang eines nahenden Sturms. -------------------------------------------------------------------------- Vorsichtig bewegten sie sich weiter in Richtung der Höhle, das leise Knirschen ihrer Schritte auf dem erdigen Boden das einzige Geräusch in der erdrückenden Stille. Die Dunkelheit vor ihnen war so dicht, dass Leyla das Gefühl hatte, sie könnte sie mit den Händen greifen. ,,Ich werde eine Lichtkugel nutzen, sobald wir drin sind. Bleibt wachsam. Wenn es gefährlich wird, ziehen wir uns sofort zurück’’, sagte Liam, seine Stimme ruhig und bestimmt, als wäre er an solche Situationen gewöhnt. Leyla nickte, doch ihre Hände zitterten leicht. Ihr Herz pochte laut in ihrer Brust, und sie musste sich zwingen, den Griff ihres Schwertes nicht zu fest zu halten. Ihre Gedanken waren ein chaotisches Durcheinander von Möglichkeiten, jede beängstigender als die andere. ,,Was, wenn wir warten, bis es dunkel wird und es von selbst rauskommt?’’ schlug sie vor, ihre Stimme ein wenig zu hoch, um ihre Nervosität zu verbergen. Roxy schüttelte entschieden den Kopf. ,,Das wäre ein Fehler. Manche Monster sind nachts viel gefährlicher. Wir sollten das Risiko nicht eingehen.’’ Liam legte eine beruhigende Hand auf Leylas Schulter und lächelte sie an. ,,Wir schaffen das. Bleib einfach in meiner Nähe.’’ Mit einem Nicken gab Fer das Zeichen, und Liam ließ eine Lichtkugel über ihm erscheinen. Das schwache, warme Leuchten tauchte die Höhle in ein gedämpftes Licht, das gerade genug zeigte, um die Umgebung zu erkennen, aber nicht genug, um die allgegenwärtige Dunkelheit zu vertreiben. Die Gruppe folgte Fer in die Höhle, ihre Schritte vorsichtig und leise. Von der Decke tropfte Wasser und die kühle, feuchte Luft wurde von einem fauligen Geruch erfüllt, der Leyla den Magen umdrehte. Die Wände der Höhle waren rau und grau, und das schwache Licht ließ Schatten tanzen, die Leylas Augen immer wieder täuschten. ,,Eine Weggabelung’’, sagte Fer und blieb abrupt stehen. Er sah in die beiden Gänge, die vor ihnen lagen, seine Augen schmal vor Anspannung. ,,Wie wollen wir vorgehen?’’ ,,Wir könnten uns trennen’’, schlug Liam vor, ohne Zögern. ,,Leyla und ich nehmen den rechten Gang, und Roxy und Fer gehen nach links. Es wird bald Abend, und wir haben nicht die Zeit, beide Wege gemeinsam zu erkunden.’’ Leyla spürte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Der Gedanke, sich zu trennen, machte sie nervös. ,,Das ist wie in einem schlechten Horrorfilm…’’ , dachte sie, während sie sich Liam zuwandte. ,,Wenn wir uns trennen, gehe ich mit Leyla’’, sagte Roxy entschieden, ihre Augen funkelten entschlossen. Es war offensichtlich, dass sie Leyla nicht alleine lassen wollte. Liam hielt Roxys Blick, sein Gesicht entspannt, doch seine Augen verrieten einen Hauch von Anspannung. ,,Ich bin stärker und habe mehr Erfahrung. Wenn Leyla bei mir ist, ist sie sicherer.’’ Leyla tat es leid für Roxy, doch sie wusste, dass Liam recht hatte und stellte sich neben ihn. Leyla zögerte. Sie wollte Roxy nicht enttäuschen, aber sie wusste, dass Liam recht hatte. Schließlich trat sie neben ihn und nickte. ,,Ich gehe mit Liam. Wenn etwas passiert, können wir uns rufen.’’ Roxy verzog das Gesicht, doch schließlich nickte sie widerwillig. ,,Pass gut auf dich auf. Nicht nur wegen des Monsters, sondern auch wegen Liam.’’ ,,Schon gut, ich passe auf sie auf’’, antwortete Liam, mit einem Hauch von Ärger in der Stimme. ,,Mach dir keine Sorgen, sie kommt heil zurück.’’ Fer betrachtete die beiden Gänge noch einmal mit prüfendem Blick. ,,Geht kein Risiko ein. Wenn es zu gefährlich wird, zieht euch zurück.’’ Leyla spürte eine Mischung aus Anspannung und Schuld, als sie Roxy einen kurzen Blick zuwarf. Dann wandten sie sich den Gängen zu. Leyla und Liam nahmen den rechten, während Roxy und Fer nach links gingen. Die Stille der Höhle verschluckte das Geräusch ihrer Schritte, und bald waren sie allein in der Dunkelheit.

  • Kapitel 25 - Der Tag, an dem das Unheil begann

    Ark I - Die Grauen Federn Schritte hallten durch den düsteren Gang, den nur ein paar flackernde Fackeln mit schwachem Licht erhellten. Die Finsternis war beinahe greifbar, als würde sie den Raum wie eine lebendige Präsenz erfüllen. Der hagere Mann, dessen dürrer Körper fast in den tiefschwarzen Falten seines Mantels verschwand, bewegte sich mit einer ungeduldigen, fiebrigen Hast. Seine Bewegungen hatten etwas Rastloses, als ob jede Sekunde von unermesslicher Bedeutung wäre. Der Tempel war erfüllt von einer beklommenen, erdrückenden Stille. Die Luft, schwer und stickig, schien die Last der Jahrtausende zu tragen, die dieser Ort bereits überdauert hatte. Jeder Atemzug des Mannes war ein leises Echo in der unendlichen Finsternis, jeder Schritt störte die uralte Ruhe des Ortes. Die Flammen der Fackeln warfen tanzende Schatten an die zerklüfteten Wände, die den Eindruck erweckten, als würden unsichtbare Augen aus der Dunkelheit heraus auf den Eindringling starren. Je tiefer er in das labyrinthartige Gebäude vordrang, das die Aura eines längst vergessenen Tempels ausstrahlte, desto langsamer wurden seine Schritte. Es war, als ob er die antike Macht, die in den Wänden lauerte, mit jeder Faser seines Seins spürte. Die kühle, abgestandene Luft schien mit jeder Bewegung dichter zu werden, als ob sie ihn zurückdrängen wollte. Die Statuen, die den Gang säumten, standen reglos und dennoch unheimlich lebendig im schwachen Licht der Fackeln. Ihre kunstvoll gearbeiteten Gesichter, einst Ausdruck von Anmut und Macht, hatten nun eine düstere Aura. Die kalten Blicke der steinernen Figuren schienen dem Mann zu folgen, als ob sie darauf warteten, dass ein uraltes Signal sie zum Leben erweckte, um ihre vergessenen Pflichten zu erfüllen. Der Mann blieb vor einer großen Steintür stehen. Ihre Oberfläche war mit unzähligen, unentzifferbaren Glyphen bedeckt, die im schwachen Licht beinahe unsichtbar wirkten. Er hob seine rechte Hand, wie zu einem Gruß. Augenblicklich erfüllte ein unheimliches, lilafarbenes Licht den Gang. Die Glyphen begannen zu pulsieren, als ob sie plötzlich aus einem langen Schlaf erwacht wären, und wanden sich wie lebendige Adern über die Tür. Minuten vergingen, in denen die antiken Mechanismen tief in den Eingeweiden des Tempels knirschten und ächzten, als ob die Zeit selbst sich gegen diese Öffnung stemmte. Doch schließlich, mit einem letzten, schweren Ruck, begann die massive Steintür sich zögerlich zu öffnen. Ein kalter Windstoß drang aus der Finsternis dahinter hervor und brachte den fauligen Geruch von Verfall und Vergessenheit mit sich. Der Mann zögerte nicht. Mit einer Entschlossenheit, die weder die bedrohliche Atmosphäre des Ortes noch die Kälte der Dunkelheit erschüttern konnte, trat er durch die Tür und verschwand in der dahinter lauernden Schwärze. -------------------------------------------------------------------------- Das Herz des Tempels war von einer undurchdringlichen Finsternis umhüllt, als hätte das Licht selbst diesen Ort seit Jahrtausenden gemieden. Die Luft war schwer, und der Geruch von Verfall und altem Stein drang in die Nase des Mannes, während er zögernd weiterging. Mit einem schnellen Zauber entzündete sich eine graue Flamme über seiner Handfläche. Sie tanzte ruhelos, ein unnatürliches, gedämpftes Licht, das den Raum gerade so weit erhellte, dass er die Umrisse erkennen konnte. Die Flamme flackerte, als ob auch sie von der finsteren Macht dieses Ortes eingeschüchtert wäre. Vor ihm lag eine steinerne Treppe, die sich wie eine unheilvolle Einladung hinauf zu einem Altar erstreckte. Der Altar wirkte auf den ersten Blick unscheinbar, ein einfacher Block aus dunklem Gestein, doch bei näherem Hinsehen offenbarte er seine wahre Natur. Die Oberfläche war mit einer uralten Schrift bedeckt, deren kunstvoll geschwungene Zeichen sich scheinbar bei jedem Blick veränderten, als lebten sie. Es war, als ob die Gravuren ein eigenes Bewusstsein besaßen, ein Wissen, das sich dem Mann nur widerwillig offenbarte. Die Stille des Raumes war überwältigend, nur das leise Knistern der grauen Flamme durchbrach sie. Der Mann trat langsam auf den Altar zu, sein Kopf gesenkt, als würde er Respekt zollen oder von einer schweren Last gedrückt. Der Raum schien ihn zu beobachten, jeden seiner Schritte mit unheilvoller Aufmerksamkeit zu verfolgen. In der Mitte des Altars lag eine schlichte Steinschale, die den Staub der Jahrhunderte gesammelt hatte. Sie war unscheinbar und doch erdrückend in ihrer Präsenz, als ob sie nur darauf wartete, mit Bedeutung gefüllt zu werden. Etwas in der Tasche des Mannes begann sich zu regen. Ein unheilvolles Zischen erfüllte die Luft, als ein schwarzer Dolch, kalt und bedrohlich, wie von unsichtbarer Hand aus der Tasche glitt. Er schwebte vor dem Mann in der Luft, pulsierend, als würde er vor Gier vibrieren. Der Dolch hielt vor ihm inne, als erwarte er ein unausweichliches Ritual. Der Mann streckte zögernd die Hand aus und schloss die Finger um die kalte, verfluchte Klinge. Ein unerträglicher Schmerz durchfuhr ihn, als sich die Klinge in seine Haut fraß, gierig nach seinem Blut. Er biss die Zähne zusammen, seine Augen funkelten vor Entschlossenheit, während die ersten Tropfen seines Blutes in die Schale fielen. Mit jedem Tropfen schien der Tempel zu erwachen, die unheilvollen Schriftzeichen auf dem Altar begannen rot zu glühen, pulsierend wie der Herzschlag eines uralten Wesens. Die Schale füllte sich langsam mit Blut, das in einem unnatürlichen Glanz leuchtete. Als sie etwa zur Hälfte gefüllt war, begann sie rot zu strahlen, ein unheilvolles Licht, das den Raum durchdrang und die Dunkelheit an den Rändern zittern ließ. Es war, als ob die Schale die Macht in sich aufnahm, die durch das Opfer erweckt wurde. Der Mann keuchte, während er mit einer zitternden Bewegung seine Hand zurückzog. Ein heilender Zauber schloss die Wunde, doch die Erschöpfung und der Schwindel, die ihn überkamen, waren nicht so leicht zu vertreiben. Der Dolch fiel mit einem lauten Klirren zu Boden, ein Echo, das sich in der bedrückenden Stille des Raumes verlor. Seine Sicht verschwamm, während der Raum um ihn herum zu wanken schien. Die Macht des Tempels, die sich in der Stille verborgen hatte, begann ihn zu umfangen, wie unsichtbare Hände, die ihn in die Dunkelheit zogen. Der Mann taumelte, unfähig, sich zu wehren, und ließ die schwindelerregende Macht über sich hereinbrechen. -------------------------------------------------------------------------- Der hagere Mann fand sich in einem Raum wieder, der sich nicht beschreiben ließ, als wäre er aus einer anderen Realität gerissen. Um ihn herum erstreckte sich eine karge, graue Ebene, so flach und trostlos, dass der Horizont beinahe mit dem bleigrauen Himmel verschmolz. Ein eisiger Wind peitschte über das Land, drang durch seine Kleidung und hinterließ ein Gefühl von Leere und Unbehagen. Seine Augen blieben wie gefesselt an der finsteren Gestalt hängen, die vor ihm stand. Ein Wesen von überwältigender, unnatürlicher Schönheit. Seine Gesichtszüge waren so makellos, dass sie aus einem Traum hätten stammen können, doch die schwarzen Flügel an seinem Rücken und die geschwungenen Hörner auf seinem Kopf sprachen von etwas anderem – etwas Dunklem, das die Grenzen der Sterblichkeit sprengte. Seine Kleidung, die von einem schwarzen Nebel umhüllt schien, ließ ihn wie einen König über diese trostlose Welt erscheinen. Der Mann kämpfte gegen das Zittern, das ihn bei diesem Anblick durchlief. Vor langer Zeit hätte er sich vor Angst niedergeworfen, wäre vor dieser Macht in die Knie gegangen. Doch die Jahre hatten ihn hart gemacht, und er wusste, dass er nichts zu fürchten hatte – zumindest nichts, was er sich nicht selbst auferlegt hatte. ,,Oh großer Geeri, ich bin gekommen, um mir das zu holen, was Ihr seit langer Zeit hütet.’’ Seine Stimme war klar und fest, doch seine Hände zitterten leicht, ein ungewolltes Eingeständnis seiner Anspannung. Die Kälte, die von diesem Ort ausging, schien ihn bis auf die Knochen zu durchdringen, und doch hielt er dem durchdringenden Blick des Wesens stand. Geeri hob langsam den Kopf, seine dunklen Augen funkelten wie zwei schwelende Kohlen. Als er sprach, hallte seine Stimme wie ein Donnerschlag durch die trostlose Weite. ,,Was befähigt dich, Sterblicher, meine Ruhe zu stören? Du weißt, dass dies, welches du verlangst, dein Ende bedeuten wird, nicht wahr?’’ Die Worte drückten den Mann beinahe zu Boden, sein Herz schien für einen Moment stehen zu bleiben. Die Macht in Geeris Stimme war allumfassend, eine unerbittliche Präsenz, die alles um sie herum beherrschte. Doch der Mann zwang sich, den Blick nicht abzuwenden. ,,Ich bin mir dessen bewusst’’, antwortete er mit einer Ruhe, die ihn selbst überraschte. ,,Ich bin mir auch bewusst, dass Ihr mir diese Bitte nicht abschlagen könnt. Gebt mir, was ich suche, und ich werde verschwinden.’’ Geeri schwieg für einen Moment, betrachtete den Mann mit einem Ausdruck, der irgendwo zwischen Verachtung und Neugier lag. Schließlich hob er eine Hand, und in seiner offenen Handfläche erschien ein kleiner, runder Stein. Er schimmerte in einem unheilvollen Licht, und Runen zogen sich über seine Oberfläche wie pulsierende Adern. Mit einer lässigen Bewegung warf Geeri den Stein dem Mann zu. ,,Nimm ihn und verschwinde’’ , sprach Geeri mit einem boshaften Lächeln, das seine makellosen Reiszähne entblößte. ,,Wenn dich das Schicksal nicht umbringt, werde ich auf dich warten und dir dein Leben entreißen!’’ Der Mann fing den Stein und spürte augenblicklich das eisige Gewicht in seiner Hand. Es war, als trüge er die Last eines uralten Fluches, und die kalte Berührung schien direkt in sein Innerstes vorzudringen. Panik stieg in ihm auf, doch er unterdrückte sie mit aller Kraft. Der Stein schien zu pulsieren, als würde er von einer eigenen Lebendigkeit durchdrungen. Die graue Landschaft begann zu verschwimmen, als ob die Realität selbst sich von ihm abwandte. Das letzte, was er sah, waren Geeris glühende Augen, die ihn wie ein Raubtier fixierten. Dann spürte er die bedrückende Stille des Tempels wieder um sich, und sein keuchender Atem war das einzige Geräusch in der erdrückenden Dunkelheit. -------------------------------------------------------------------------- Einen Moment verharrte er im Schatten des Tempels. Der Stein lag fest in seiner Hand, während die kühle, dichte Luft der Gänge ihn noch einmal umhüllte. Seine Mission war erfüllt, und ein triumphales Lächeln legte sich auf sein Gesicht. Mit schnellen Schritten durchquerte er die dunklen Korridore, das Echo seiner Stiefel hallte durch die uralten Hallen. Als er schließlich den Ausgang erreichte, blendete ihn das gleißende Sonnenlicht. Er hob die Hand, um seine Augen vor dem grellen Licht zu schützen, und trat hinaus in die eisige Klarheit der Bergwelt. Die schroffen Gipfel ragten um ihn herum wie uralte Titanen, die das Land vor den Blicken der Sterblichen verbargen. Der Wind war gnadenlos und schnitt wie Klingen durch die Luft, doch er ließ sich nicht beirren. Er holte tief Luft, spürte die beißende Kälte, die seine Lungen füllte, und sah zum Himmel hinauf. ,,Ich werde nicht sterben, Geeri. Deine Drohung war nichts als leeres Grollen. Ich werde mächtiger sein, als du es je warst.’’ Sein Blick wanderte zu dem kleinen Stein in seiner Hand. Die Runen darauf leuchteten schwach in einem pulsierenden Rhythmus, als ob der Stein lebte. Er wusste, dass er die volle Macht dieses Artefakts noch nicht nutzen konnte, doch der Bruchteil, der ihm zur Verfügung stand, reichte aus. Es würde genügen, um seine Pläne in Bewegung zu setzen. Ein Schatten fiel über den Vorsprung, auf dem er stand. Der Abgrund unter ihm war tief, die Schlucht ein tödliches Labyrinth aus zerklüfteten Felsen und schneebedeckten Vorsprüngen. Doch er blieb ruhig, sein Griff um den Stein fest und entschlossen. Mit einem präzisen Handzeichen rief er den Wind herbei. In der Ferne ertönte ein tiefes, donnerndes Grollen. Sekunden später schoss der schwarze Drache heran wie ein Unwetter, das aus den Wolken brach. Der Luftzug seiner mächtigen Flügel fegte über die Berge und ließ Staub und Schnee aufwirbeln. Die Kapuze des Mannes wurde vom Kopf geweht, und sein schuppiges Gesicht wurde von der kalten Wintersonne beleuchtet. Der Drache war ein beeindruckendes, bedrohliches Wesen. Seine schwarzen Schuppen schimmerten matt, als wären sie aus Obsidian gefertigt, und reflektierten das Licht wie finstere Juwelen. Seine Flügel waren weit gespannt, und jeder Schlag verursachte ein unheimliches Heulen in der Luft. Die glühend roten Augen des Wesens funkelten wie lebendige Kohlen und schienen tief in die Seele des Mannes zu blicken. Mit einer mühelosen Bewegung stieg er auf den Rücken des Drachens. Ein sanftes, beinahe vertrautes Brummen drang aus der Kehle des Wesens, als es sich in die Lüfte erhob. Die Luftströme wirbelten um sie herum, und die Kälte schien alles Lebendige aus der Welt zu vertreiben, während der Drache in den Himmel aufstieg. Die Berge unter ihnen wurden kleiner, verschwanden langsam hinter dem grauen Schleier der Wolken. Der Schatten des Drachens breitete sich über das Land aus, und selbst die Wolken schienen vor seiner Präsenz zurückzuweichen. Der Mann spürte, wie die Macht, die ihm nun innewohnte, mit jedem Flügelschlag des Drachens in ihm pulsierte. Er ließ seinen Blick über die unendliche Weite schweifen, sein Gesicht ein Bild des düsteren Triumphs. Ein kaltes Lächeln spielte auf seinen Lippen, während er leise sprach: ,,Wartet nur ab. Bald werdet ihr bereuen, mich verleugnet zu haben.’’ Der Drache stieg höher, bis die Welt unter ihnen nur noch ein vages Muster aus Bergen, Schluchten und Schatten war, und der Mann richtete seinen Blick fest auf den Horizont, wo seine Zukunft auf ihn wartete.

  • Kapitel 60 - Ein Kalkül fernab von Liebe

    [???] ,,Was soll das bedeuten, Charles? Erkläre mir sofort, wie es dazu gekommen ist!’’  Kronprinz Eugenius kochte vor Wut. Sein ohnehin schon unordentlicher Arbeitstisch war ein einziges Chaos, überzogen mit zerknüllten und durcheinandergeworfenen Dokumenten. Derjenige, der für dieses Durcheinander verantwortlich war, war niemand anderes als der Prinz selbst. Seine Bewegungen waren hektisch, seine Hände zitterten vor Zorn. Charles, sein loyaler Diener, zögerte einen Moment. Doch schließlich räusperte er sich und trat näher. Seine Stimme war ruhig, fast kühl, als er zu sprechen begann: ,,Sowohl Seine Hoheit Sebastian als auch Kronprinz Geroius sind an euch vorbeigezogen. Kronprinz Geroius hat eine Berghydra besiegt, und Kronprinz Sebastian hat seinen neugeborenen Sohn nach Eurem Vater benannt. Durch diese Taten seid Ihr nun auf dem letzten Platz.’’ Die Worte ließen die Luft im Raum förmlich einfrieren. Es waren nur noch zwei Wochen bis zum jährlichen Prinzenspiel-Treffen, und Eugenius hatte die vergangenen Wochen damit verbracht, größere Pläne für das kommende Jahr zu schmieden. Dass beide Brüder ihn plötzlich überholt hatten, war ein Schlag, mit dem er nicht gerechnet hatte. Der Prinz ließ sich in seinen Stuhl fallen, vergrub das Gesicht in seinen Händen. Ein Gefühl der Verzweiflung kroch in ihm hoch, kalt und unerbittlich – ein Gefühl, das er selten spürte. ,,Wie soll ich denn jetzt noch die nötigen Punkte bekommen…’’ Seine Stimme war leise, gedämpft durch die Hände, die noch immer sein Gesicht bedeckten. Doch selbst in diesem Ton war die brodelnde Wut deutlich zu hören. ,,Wenn das so weitergeht werde ich ins Exil verbannt…’’ Sein Kopf pochte vor Schmerz, die Gedanken in seinem Geist wirbelten durcheinander wie ein tobender Sturm. Klare Entscheidungen zu treffen, schien in diesem Moment eine unmögliche Aufgabe zu sein. Charles wartete einen Moment, um sicherzugehen, dass er den Kronprinzen nicht unterbrechen würde. Dann sprach er vorsichtig, seine Stimme bedacht: ,,Wenn Ihr erlaubt, ich hätte eine Idee.’’ Eugenius hob den Kopf, und seine Augen blitzten. ,,Dann verrate sie mir, Charles!’’ Seine Stimme donnerte durch den Raum, wuchtig wie ein Hammer. Sein Gesicht war vor Wut gerötet, die Adern an seinen Schläfen traten deutlich hervor. Es war untypisch für den sonst so kontrollierten Prinzen, so die Fassung zu verlieren. Charles trat noch einen Schritt näher, seine Haltung blieb demütig, doch seine Worte waren klar. ,,Wie wäre es, wenn Ihr heiratet?’’ -------------------------------------------------------------------------- Der Kronprinz war fassungslos. Er war der einzige der Prinzen, der noch nicht geheiratet hatte. Nun, abgesehen von dem zwölfjährigen Ludwig, doch dieser würde sich verloben, sobald er das vorgeschriebene Alter von vierzehn Jahren erreichte. Eugenius fühlte den Druck, der auf ihm lastete, stärker denn je. Es gab gute Gründe dafür, dass der Kronprinz die Ehe bisher ausgeschlossen hatte. Er wollte keine Adlige heiraten – nicht, weil er sich über sie erhaben fühlte, sondern weil er wusste, dass man Adligen nicht trauen konnte. Zu viele Intrigen, zu viele versteckte Messer in den Schatten ihrer Höflichkeit. Doch eine niedere Bürgerin zu ehelichen, wäre ebenso wenig eine Lösung gewesen. Es würde sein Ansehen beschmutzen, anstatt ihm die notwendige Anerkennung zu verschaffen. Die einzige Adlige, die er je in Betracht gezogen hatte, war Bournadette Lacroix. Mit ihr hatte er sich schon immer verstanden. Sie waren mehr als nur befreundet; sie waren Verbündete, eine seltene Verbindung aus Vertrauen und gegenseitigem Respekt. Die Erinnerung an ihre erste Begegnung ließ ihn für einen Moment innehalten. Während seiner Ausbildung in Karintes war Bournadette für einen Auftrag dort gewesen. Zufällig hatten sich ihre Wege gekreuzt, und von diesem Moment an war eine Verbindung zwischen ihnen entstanden. Es war etwas, das er, so glaubte er, Liebe nennen konnte. Doch Bournadettes Stellung machte es unmöglich. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin war ihr die Heirat untersagt. Es war ein fester Bestandteil ihrer Aufgabe, frei von jeglichen Bindungen zu sein, die ihre Loyalität hätten beeinflussen können. Und so blieb diese Hoffnung für Eugenius ein Traum, der niemals Realität werden würde. Um seine Position zu sichern, brauchte er eine Frau, die aus keiner adligen Familie stammte, jedoch auch nicht zum einfachen Volk gehörte. Eine Frau, die außergewöhnlich genug war, um seine Wahl zu rechtfertigen. Aber wo sollte er jemanden wie sie finden? Da fiel es ihm plötzlich wie Schuppen von den Augen. Seine Gedanken klärten sich, und ein Plan formte sich in seinem Geist: ,,Was ist denn mit der jungen Erdmagierin, die als Gast bei mir ist?’’ Der Gedanke brachte einen Funken Hoffnung zurück. Leyla war keine Adlige, doch ihre außergewöhnliche magische Kraft machte sie einzigartig. Sie stach heraus, nicht nur unter den Bürgerlichen, sondern sogar im Vergleich zu vielen Adligen. Eugenius wusste, dass magische Begabungen oft an die Nachkommen weitergegeben wurden. Leylas Erdmagie war auf einem beeindruckenden Niveau – auch wenn sie noch Feinschliff benötigte. Er lächelte, während der Plan sich in seinem Kopf formte. Mit der Begründung, dass er seine Kinder mit dieser mächtigen Magie ausstatten wollte, konnte er seine Entscheidung rechtfertigen. Es würde seinen Ruf retten, ihn vor dem Exil bewahren und gleichzeitig die Grundlage für eine stärkere Zukunft legen. ,,Und nach der Hochzeit’’ , dachte Eugenius, sein Lächeln wurde breiter, ,,wird sie für mich ihre Magie verbessern und Kinder gebären.’’ -------------------------------------------------------------------------- ,,Charles, bitte teile unserem Gast unverzüglich mit, dass ich beabsichtige, den Ehebund mit ihr zu vollziehen.’’  Der Kronprinz wirkte erleichtert. Nein, er wirkte sogar erfreut. Seine Finger griffen methodisch nach den verstreuten Papieren und Gegenständen auf seinem Schreibtisch, als er begann, das Chaos vor ihm zu ordnen. Die Aufräumbewegungen schienen einen beruhigenden Effekt auf ihn zu haben, während er sich auf das konzentrierte, was vor ihm lag. ,,Sehr wohl, Eure Hoheit. Was soll ich ihr als Grund nennen?’’ fragte Charles mit einer tiefen, respektvollen Verbeugung. Sein Tonfall war sachlich, doch in seinen Worten lag eine Spur von Neugier. Eugenius Hände hielten kurz inne, während er seinen Leibdiener nachdenklich musterte. Dann sprach er mit fester Stimme: ,,Sag ihr, dass es für das Prinzenspiel notwendig ist. Sie würde schließlich mit ins Exil verbannt werden und sie genießt meine Gastfreundschaft. Sie wird sicher verstehen, dass dies ein vernünftiger Schritt ist.’’ Charles neigte leicht den Kopf, bevor er antwortete: ,,Wie Ihr wünscht, mein Prinz.’’ Ohne eine weitere Frage drehte er sich um und verließ das Arbeitszimmer des Kronprinzen. Seine Schritte hallten leise auf den polierten Fliesen, und mit einer sanften Bewegung schloss er die schwere Tür hinter sich. Eugenius blieb allein zurück, seine Augen wanderten zurück zu dem Brief, der die niederschmetternde Nachricht von den Erfolgen seiner Brüder enthielt. Der zerknitterte Bogen Papier lag auf der Kante seines Schreibtischs, ein stummer Zeuge seines Zorns von zuvor. ,,Wenn ich die Hochzeit am Tag vor dem Tag der Entscheidung abhalte, werden meine Brüder wohl kaum reagieren können.’’ Seine Worte waren ein leises Murmeln, das den Raum erfüllte. Sein Tonfall war wieder kalkuliert und ruhig, jegliche Wut war aus seiner Stimme verschwunden. Stattdessen wirkte er wie jemand, der einen präzisen Plan schmiedete, dessen Details bereits in seinem Kopf Gestalt annahmen. Sein Blick wanderte kurz zur Standuhr in der Ecke des Raumes, dann ließ er sich langsam in seinen Stuhl zurücksinken. Seine Finger trommelten rhythmisch auf die polierte Holzfläche des Schreibtischs, während seine Gedanken weiterarbeiteten.

  • Kapitel 59 - Ein Mann namens Jamall

    Jamall war kein guter Mann. Er wuchs in den kalten Straßen der Festungsstadt Kartaffel auf. Es war nicht so, dass er kein Zuhause gehabt hätte – im Gegenteil, er stammte aus einer bürgerlichen Familie. Doch anstatt ein geregeltes Leben zu führen, zog es ihn schon in jungen Jahren auf die Straßen. Mit anderen jungen Wesen streifte er durch die frostigen Gassen, immer auf der Suche nach Streit oder Möglichkeiten, krumme Dinger zu drehen. Die Kälte der Stadt schien sich in seinem Herzen widerzuspiegeln. Manchmal suchte er eine Prügelei, wie mit dem Oger, der nichts weiter wollte, als höflich nach dem Weg zu fragen. Ein anderes Mal brach er in die Bäckerei eines alten Mannes ein, stahl alles Brot und verteilte es dann nicht an die Bedürftigen, sondern an die streunenden Tiere der Stadt. Nein, Jamall war wirklich kein guter Mann. Als er langsam erwachsen wurde, ließ er die Jugendsünden hinter sich. Stattdessen fand er eine neue Heimat bei den Falken, einer berüchtigten Söldnergruppe der Region. Ihre Aufträge waren skrupellos, ihre Loyalität war käuflich, und Jamall fühlte sich bei ihnen zu Hause. Er erledigte jeden Auftrag, den man ihm gab, ohne Fragen zu stellen. Warum auch? Für Jamall zählten die Münzen, die in seinen Beutel wanderten, und das Bier, das er sich davon leisten konnte. Moral war ein Luxus, den er sich nie erlaubt hatte. Das Töten fiel ihm leicht. Menschen, die um ihr Leben bettelten, bedeuteten ihm nichts. Er wusste, dass eines Tages auch sein eigenes Leben durch eine Klinge enden würde. Doch das war ihm gleich. Solange er am richtigen Ende des Schwertes stand, störte ihn das nicht. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen. Als er in seine Dreißiger kam, begann ihn das Söldnerleben zu ermüden. Der Nervenkitzel, der ihn einst antrieb, war verblasst, und die Jahre des Blutvergießens hinterließen eine Leere, die selbst das Gold, das er gehortet hatte, nicht füllen konnte. Schließlich kaufte er sich ein kleines Haus in Kartaffel, eine bescheidene Zuflucht vor der Welt, und hängte sein Schwert endgültig an den Nagel. Seine Abende verbrachte er in den Tavernen der Stadt, wo die Geräusche von Gelächter und schiefen Liedern seine Einsamkeit übertönten. Er wollte einfach für sich sein. Was um ihn herum geschah, interessierte ihn nicht. Wenn es anderen schlechter ging als ihm, störte ihn das nicht. Warum auch? Jeder ging seinen eigenen Weg, und Jamall hatte sich für den seinen entschieden. Wenn er Unrecht sah – einen Händler, der betrogen wurde, oder ein Kind, das geschlagen wurde – wandte er sich ab. Nicht aus Angst, oh nein. Angst war etwas, das Jamall längst hinter sich gelassen hatte. Es war reines Desinteresse. Selbst wenn er einschreiten würde, dachte er, würde dasselbe Unrecht irgendwo anders geschehen. Es war nicht seine Aufgabe, die Welt zu retten, und er hatte nicht vor, es zu versuchen. Nein, Jamall hatte nie ein guter Mann sein wollen. Als seine Mutter schwer krank wurde, ließ er sie allein. Er besuchte sie nicht, schrieb ihr nicht, und selbst der Tod, der schließlich über sie kam, berührte ihn nicht. Für ihn war es nur ein weiterer unvermeidlicher Teil des Lebens – nicht mehr und nicht weniger. Seine Mutter war für ihn eine Fremde, jemand, der längst keinen Platz mehr in seinem Herzen hatte.  Jamall hatte sich bewusst für ein Leben der Einsamkeit entschieden. Es war keine Frage der Möglichkeiten – er war ein gutaussehender Mann mit einer charismatischen Art, die ihm durchaus hätte Türen öffnen können, aber er wollte niemanden an seiner Seite haben. Niemanden, um den er sich kümmern musste. Niemanden, der ihn aus seiner Ruhe riss oder von seinem Weg ablenkte. Jamall wollte frei sein – frei von Verpflichtungen, frei von Verantwortung, frei von anderen Menschen. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall war kein Mann guter Taten. Er hatte genug Gold, um Leuten in Not zu helfen. Doch er behielt es für sich. Nicht aus Gier, nicht, um Macht zu demonstrieren, und auch nicht, weil er Freude daran hatte, Reichtum anzuhäufen. Jamall verstand einfach nicht, warum er etwas teilen sollte, das ihm gehörte. Wieso sollte er den Weg eines anderen Menschen erleichtern, wenn dieser nichts mit seinem eigenen Leben zu tun hatte? Die Welt war einfach für Jamall, solange er sicherstellte, dass nichts seinen Weg beeinflusste. Weder Licht noch Schatten sollten ihn berühren. Der Pfad, den er sich gelegt hatte, war gerade und stabil, und er wollte ihn genau so belassen. Ohne Hindernisse. Ohne Umwege. Schwierige Entscheidungen? Für Jamall existierten sie nicht. Sein Kodex, wenn man ihn überhaupt so nennen konnte, war simpel und unerschütterlich. Er stellte sich keine Fragen, die er nicht beantworten wollte. Er hinterfragte nichts, das nicht unmittelbar seinen Weg betraf. Falsches Handeln? Wie konnte es falsch sein, wenn es doch zu seinem eigenen Wohl geschah? Nein, Jamall war wirklich kein Mann guter Taten. Deshalb war es umso ungewöhnlicher, als er an diesem Tag neben der Bettlerin anhielt. Sie saß auf einer Stufe, die Arme schlaff auf ihren Knien, die Schultern gebeugt, als trüge sie das Gewicht der ganzen Welt. Ihre Kleider waren zerschlissen, und ihr Gesicht war ausdruckslos. Es war ein leeres Gesicht, das von einer Person sprach, die längst alles verloren hatte. Eine Person, die Gefahr bedeutete – denn sie könnte Jamalls sorgsam geordneten Weg beeinflussen, nur durch ihre bloße Anwesenheit. Jamall wusste das. Er wusste, dass sie die einzige Gefahr darstellte, die ihn je wirklich beunruhigen konnte: die Gefahr, seinen Weg zu ändern. Und trotzdem sprach er sie an. Ihre Augen, kalt und fast leblos, richteten sich langsam auf ihn. Und in diesem Moment schrie alles in ihm danach, sich abzuwenden und weiterzugehen. Doch seine Füße blieben fest auf dem Boden. Die Frau war erschreckend in ihrer Hoffnungslosigkeit. Ihr einziges Merkmal von Lebendigkeit waren ihre feuerroten Haare, die trotz allem eine Spur von Glanz inmitten des Elends trugen. Doch ihre Haltung, ihre leeren Augen, erzählten eine andere Geschichte. Sie hatte aufgegeben, und Jamall konnte es sehen. Warum sie sich in diesem Zustand befand, war ihm egal. Ebenso wenig wollte er etwas von ihr – keine Dankbarkeit, keine Schuld. Er hatte keinerlei Interesse daran, ihre Situation zu seinem Vorteil auszunutzen. Eigentlich, dachte er, wollte er sie so schnell wie möglich vergessen. Sie war ein Hindernis, ein Problem, das er nicht lösen wollte. Doch an diesem Abend, an dem der Schnee kalt und unnachgiebig auf die Straßen von Kartaffel fiel, tat Jamall etwas, das er niemals für möglich gehalten hätte. Er streckte seine Hand aus, zog die Frau auf die Füße und nahm sie mit zu sich nach Hause. Es war ein einfacher Akt, fast bedeutungslos in seiner Ausführung. Doch für die Frau war es eine Rettung vor dem sicheren Tod. Der Kältetod hätte sie ein paar Stunden später ereilt, hätte Jamall sie dort sitzen lassen. Doch er hatte es nicht getan. Jamall war kein Mann guter Taten — und doch beging er die eine gute Tat, die sein Leben drastisch veränderte.

  • Kapitel 58 - Wille gegen Stein

    ,,... und deswegen habe ich entschieden, dass ich deine Magie mit dir zusammen verfeinern werde.’’ Leyla ließ Yagas Worte in ihrem Kopf nachhallen. Dies war nun das vierte Mal, dass sie sich trafen. Während ihrer ersten beiden Treffen hatte er nur beobachtet, wie sie ihre Magie einsetzte. Beim dritten Mal hatte er ihr Fragen gestellt, detaillierte und persönliche, wie sich ihre Magie für sie anfühlte, wie sie sie kontrollierte – oder wieso es ihr manchmal nicht gelang. Und jetzt, heute, hatte er ihr verkündet, dass er sie persönlich ausbilden würde. Seine Worte wogen schwer, als er erklärte, dass sie ihre Magie meistern lernen müsse, um Kronprinz Eugenius besser dienen zu können. Leylas Gedanken wirbelten.  ,,Ich will Kronprinz Eugenius nicht dienen’’ , dachte sie mit einem stechenden Missmut, der sich in ihrem Magen festsetzte. Gleichzeitig konnte sie sich der Wahrheit nicht entziehen, dass dies eine einmalige Möglichkeit war. Eine Möglichkeit, ihre Magie zu kontrollieren, zu verstehen, was sie war, und vielleicht – vielleicht – auch, wie sie sie nutzen konnte, um sich selbst zu befreien. Ihr Blick wanderte zu Yaga. Er saß entspannt auf einem Stuhl, die Beine locker übereinandergeschlagen, und betrachtete sie mit einem leichten Lächeln, das sie weder beruhigte noch beunruhigte. Es war ein Lächeln, das zu viel verbarg, um ehrlich zu wirken. ,,Wie genau soll ich dem Kronprinzen denn dienen?’’ fragte sie schließlich, ihre Stimme ruhig, aber mit einem misstrauischen Unterton. Yaga blinzelte, überrascht von ihrer Frage, als hätte er erwartet, dass sie längst Bescheid wüsste. ,,Weißt du denn gar nicht, was das Prinzenspiel ist?’’ fragte er schließlich, und in seinen Augen blitzte eine Mischung aus Interesse und Amüsement. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Hast du jetzt verstanden, wie du ihm dienen sollst?’’ Yaga hatte ihr in aller Ruhe die Regeln des Prinzenspiels erklärt. Eugenius, der dritte Kronprinz, lag momentan auf dem fünften Platz – kein Grund zur Sorge, wie Yaga betont hatte. Kronprinz Geroius, der Erstgeborene, war hingegen aktuell Letzter. Bei gleichbleibender Platzierung würde er in knapp zwei Monaten mitsamt seiner Familie und allen seinen Angestellten verbannt werden. Das Exil war eine unausweichliche Strafe, die jeden im Kaiserreich in Angst versetzte. Zuerst hatte Leyla in der möglichen Verbannung des Prinzen eine Chance gesehen, einen Ausweg aus ihrer misslichen Lage zu finden. Doch es hatte nicht lange gedauert, bis sie erkannte, dass sie mit Eugenius verbannt werden würde, sollte er scheitern. Die Aussicht, für den Rest ihres Lebens aus dem Kaiserreich ausgeschlossen zu sein, ließ ihre vermeintliche Hoffnung schnell verblassen. Der Gedanke daran lastete schwer auf ihr. ,,Ja, das habe ich, denke ich. Aber was genau soll ich tun?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich fühlte. Sie wollte Klarheit, auch wenn sie fürchtete, die Antwort könnte ihr nicht gefallen. Yaga zuckte mit den Schultern, sein Blick war gleichgültig. ,,Das weiß ich nicht, der Kronprinz entscheidet das, nicht ich.’’ Leyla biss die Zähne zusammen, innerlich brodelte es.  ,,Na super, also kann mich tatsächlich jederzeit ein Befehl erwarten, dem ich mich nicht widersetzen kann…’’ dachte sie frustriert, während sie ihre Hände zu Fäusten ballte. Die Vorstellung, ein Werkzeug für Eugenius’ ehrgeizige Pläne zu sein, widerte sie an. ,,Gut’’, sagte Yaga, als wäre nichts gewesen, und erhob sich von seinem Platz. ,,Wenn du alles verstanden hast, können wir mit deinem Training anfangen.’’ Seine Stimme hatte einen Hauch von Vorfreude, der Leyla misstrauisch machte. Sie nickte nur, während Yaga sich in Richtung Tür bewegte. ,,Lass uns zum Trainingsplatz gehen!’’ Er war bereits einen Schritt voraus, sein Ton ließ keine Diskussion zu. Leyla stand langsam auf, ihre Gedanken noch immer von der bitteren Erkenntnis durchzogen, dass ihre Freiheit nach wie vor in weiter Ferne lag. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Versuch mal, mit aller Kraft deiner Magie deinen Willen aufzwingen. Behandel sie wie einen Sklaven, der sich dir unterzuordnen hat.’’ Yagas Stimme war ruhig, aber die Worte hatten einen Unterton, der Leyla unangenehm berührte. ,,Wie einen Sklaven?’’ fragte Leyla, ihr Ton war skeptisch und ein wenig ablehnend. Die Vorstellung,  jemanden oder auch nur etwas wie einen Sklaven zu behandeln, widerstrebte ihr zutiefst. In einer Welt, die Sklaven wie Vieh behandelte, wollte sie nicht Teil dieser Denkweise sein. ,,Genau.’’ Yagas Gesicht blieb ausdruckslos. ,,Wir wissen nicht, woher deine Magie diese Menge an Mana nimmt, aber vielleicht hat dein Tattoo seinen eigenen Willen, den du brechen musst, um es vollständig zu kontrollieren.’’  Leyla atmete tief durch und konzentrierte sich erneut. Vor ihrem inneren Auge formte sie eine große Steinkugel, die langsam in den Himmel steigen sollte. Die Aufgabe war klar: Sie musste die Kugel etwa drei Meter über dem Boden in der Luft rotieren lassen, während sie selbst darauf stand. Doch bisher waren die Versuche jedes Mal fehlgeschlagen – entweder hatte sich die Kugel unkontrolliert gedreht oder war außer Reichweite in die Höhe geschossen. Sie hob ihre Hände leicht, und der Stein begann sich unter ihren Füßen zu formen. Leyla stieg vorsichtig auf die Kugel, die sich allmählich in die Luft erhob. Doch wie zuvor spürte sie, dass die Kontrolle über den Stein schwierig war. Er begann, ungleichmäßig zu schwanken. Leyla schloss die Augen und versuchte, sich zu konzentrieren. Ihr Fokus richtete sich auf die Energie, die sie von dem Stein spürte. ,,Ich weiß nicht, was genau du bist, aber gib mir deine Kraft. Lass sie mich nutzen" , befahl sie ihm halbherzig. Doch kaum waren die Worte ausgesprochen, schoss der Stein ruckartig nach oben, als würde er ihrer Bitte widersprechen. Leyla rutschte aus und klammerte sich an der rauen Oberfläche fest, während sie schrie: ,,Fuck, das klappt nicht!’’ Die Kugel schien sich ihren Befehlen zu widersetzen, und sie spürte, wie ihr Herz vor Aufregung schneller schlug. Sie nahm einen tiefen Atemzug, beruhigte ihre Gedanken und sprach diesmal mit fester Stimme: ,,Gib mir deine Kraft, das ist ein Befehl!’’ Für einen Moment hielt die Kugel inne, und Leyla fühlte einen Triumph. Doch dieser währte nicht lange, denn die Kugel begann plötzlich, mit rasanter Geschwindigkeit in Richtung Boden zu stürzen. Panik durchflutete Leyla, als sie versuchte, die Kontrolle zurückzugewinnen. ,,Wenn ich so tief stürze, könnte mich das umbringen…’’ fluchte sie, während sie verzweifelt ihre Magie zu lenken versuchte. —RUMBLE— Der Boden unter ihr begann zu beben, als hätte die Erde selbst beschlossen, sich gegen sie aufzulehnen. Der Lärm ließ ihr Trommelfell beben. Sie wusste, dass dies ihre letzte Chance war. Ein letztes Mal sammelte sie ihre gesamte Konzentration. Ihre Stimme war nun ein scharfer, endgültiger Befehl: ,,Du hast mich ausgewählt, also gehörst du mir. Gib mir sofort deine Kraft, sonst werde ich dich eigenhändig aus meinen Körper reißen!!!’’ Das Beben hörte auf. Die Kugel, die zuvor wie ein widerspenstiges Tier agiert hatte, blieb plötzlich ruhig. Sie schwebte exakt drei Meter über dem Boden, und Leyla stand wieder aufrecht auf ihr. Um sie herum erschien eine blau-braune Aura, die wie ein lebendiges Licht flackerte. Sie fühlte die Macht, die sie durchströmte – dieselbe Kraft, die sie im Kampf mit Bournadette gespürt hatte. Doch diesmal war es anders: Die Kraft war nun vollständig unter ihrer Kontrolle. Ein stolzes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. Sie wollte Yaga zurufen, dass sie es geschafft hatte, doch noch bevor sie ein Wort sagen konnte, wurde ihr schlagartig schwarz vor Augen. Ihr Körper fiel schlaff von der Kugel, während diese sanft zu Boden sank. Leyla war ohnmächtig. - ------------------------------------------------------------------------- Kaltes Wasser schoss über Leylas Gesicht und riss sie aus der Dunkelheit. Sie schnappte nach Luft und richtete sich prustend auf. Das Wasser rann ihr in kleinen Bächen über das Kinn, und ihre Augen suchten hektisch nach dem Grund für diese plötzliche Erfrischung. Neben ihr saß Yaga, der sie mit einem süffisanten Lächeln betrachtete. ,,Was sollte das denn? ’ ’ fauchte Leyla, ihre Stimme voller Empörung, während sie das Wasser aus ihrem Gesicht wischte. ,,Ich wollte dich wecken’’, antwortete Yaga schulterzuckend, ohne sich von ihrem Ärger beirren zu lassen. Seine Augen funkelten leicht, als er fortfuhr: ,,Du hast es geschafft, die Kraft zu beherrschen. Jetzt arbeiten wir daran, dass du das länger aushältst. Und daran, dass sie für dich natürlicher wird.’’ Seine Stimme trug einen Hauch von Stolz, und er nickte leicht, als wolle er seinen Worten mehr Nachdruck verleihen. Leylas Zorn verschwand so schnell, wie er gekommen war. Das Lob ihres Lehrers ließ sie aufblühen, und ein breites, zufriedenes Grinsen breitete sich auf ihrem Gesicht aus. ,,Ich habe es geschafft’’ , dachte sie und fühlte, wie das erste mal seit langem Stolz in ihr aufkeimte. Motiviert sprang sie auf, ihre Augen leuchteten vor Entschlossenheit. ,,Dann versuche ich es gleich nochmal’’, rief sie, und bevor Yaga etwas sagen konnte, hob sie ihre Hände, bereit, erneut eine Steinkugel zu erschaffen. Doch Yaga legte sanft seine Hand auf ihre Schulter und hielt sie zurück. ,,Das brauchst du nicht mehr machen.’’ sagte er in seinem ruhigen Tonfall, der keine Widerworte duldete. Leyla spürte, wie seine Hand sie leicht drückte, bevor er fortfuhr: ,,Versuche einfach, deine Kraft ausströmen zu lassen, so wie eben. Wenn sich erneut diese Aura bildet, versuche sie so lange zu halten wie du kannst.’’ Leyla nickte. Ihre Entschlossenheit war ungebrochen, und ohne weitere Fragen begann sie mit ihrer nächsten Übung. Sie schloss die Augen, ließ das Mana in sich aufsteigen und konzentrierte sich auf das Gefühl, das sie zuvor gespürt hatte. Das Training hatte gerade erst begonnen.

  • Kapitel 57 - Die Flammen der Hoffnung

    Auf dem Boden kauerte ein Mann – ein Soldat der Kaiserlichen Armee. Seine Arme waren mit rostigen Nägeln an die rauen Holzbohlen der Wand geheftet, und sein Körper war eine Leinwand aus blutigen Schnitten und blauen Flecken. Die Stunden der Folter hatten ihn schwer gezeichnet. Sein Atem war flach, seine Haut bleich, und der Schmerz hatte jede Spur von Würde aus seinem Blick gelöscht. Lange würde er das nicht mehr durchhalten. [???] ,,Ich frage dich noch ein letztes Mal. Wo hat Bournadette das blauhaarige Mädchen hingebracht?’’ Die Stimme war kalt, ruhig und vollkommen emotionslos. Es war eine Stimme, die mehr Grauen hervorrief als das Brüllen eines Monsters. Der Soldat hob mühsam seinen Kopf. Sein verbliebenes Auge war glasig, doch seine Stimme trug einen letzten Hauch von Trotz. ,,Ich… Ich sag dir gar nichts. Niemals verrate ich das Kaiserre…’’ —BAMM— Der Stiefel krachte mit einer brutalen Wucht in seinen Magen. Ein nasses, ersticktes Keuchen entwich den Lippen des Soldaten, gefolgt von einem Schwall Blut, das auf den dreckigen Boden tropfte. Röchelnd kämpfte er um Luft, sein Gesicht verzog sich vor Qual. [???] ,,Wenn du in deiner Loyalität sterben willst, dann lässt sich das einrichten. Du kannst deine beiden Kinder mit dir mitnehmen.’’ Der Soldat erstarrte. Trotz des Schmerzes öffneten sich sein Auge weit, und ein Zittern durchlief seinen gequälten Körper. ,,Da—Das würdest du nicht wagen… Sie haben nichts hiermit zu tun.’’ Seine Stimme klang jetzt flehend, die brüchigen Worte zeugten von wachsender Verzweiflung. [???] ,,Was sind schon zwei Kinderleben im Vergleich zu dem Leben, das ich retten möchte? Schlucke deinen Stolz herunter und rette deine Kinder.’’ Die Worte trafen den Soldaten wie ein Messer. Sein Gesichtsausdruck wechselte von Schmerz zu Entsetzen, dann zu einem Ausdruck völliger Kapitulation. Der Funke Widerstand in seinem Auge erlosch. ,,Bournadette’’, begann er mit einer Stimme, die kaum mehr als ein Flüstern war. ,,Bournadette hat das Mädchen in die Kaiserstadt zu Seiner Hoheit Kronprinz Eugenius gebacht.’’ [???] ,,Na, geht doch. Warum nicht gleich so?’’ ,,Dann, dann lässt du mich und meine Kinder jetzt gehen?’’ fragte der Soldat, seine Worte zitternd, flehend. In seinem Blick lag eine Hoffnung, die wie ein Funke in der Dunkelheit schimmerte. [???] ,,Deine Kinder? Ach stimmt ja, ich hatte vergessen zu erzählen, dass sie von den Carne bereits mitgenommen wurden.’’ ,,Den Carne? Du hattest gesagt, dass ihre Leben gerettet werden würden, wenn ich dir es verrate!!’’ Die Stimme des Soldaten wurde laut, seine Worte vor Verzweiflung erstickt. [???] ,,Hatte ich das? Mein Fehler, sorry. Naja, machs gut.’’  Ohne den Mann noch eines Blickes zu würdigen, drehte sich der Elf um und ging zur Tür. ,,Du...’’ Der Soldat keuchte die Worte, doch der Elf blieb ungerührt. Seine Schritte hallten auf dem knarrenden Boden, und seine Hand schloss sich um den Griff der Tür. ,,Du hattest es versprochen!!! DU HATTEST ES VERSPROCHEN!!!’’ Die Stimme des Soldaten brach, wurde zu einem verzweifelten Schrei, der den Raum füllte. Der Elf trat hinaus in die kalte Nachtluft. Er atmete tief ein, ließ die Tür hinter sich zufallen und hielt kurz inne. Dann hob er seine Hand, und eine kleine, flackernde Feuerkugel erschien in seiner Handfläche. Mit einem beiläufigen Schwung warf er sie auf das Dach der Hütte. Die trockenen Holzbalken fingen sofort Feuer, und die Flammen begannen gierig, das Gebäude zu verschlingen. Er wandte sich seinen beiden Begleitern zu, die in der Nähe auf ihn gewartet hatten. Die Schreie des Soldaten drangen gedämpft durch die wachsenden Flammen. Doch der Elf würdigte sie keines Blickes mehr. Sein Gesicht war wieder vollkommen ruhig, ohne Reue, ohne Bedauern. Die Hütte brannte lichterloh, und der Elf ging weiter. Sein Blick war geradeaus gerichtet, seine Schritte ruhig und gemessen. Die Schreie des Soldaten wurden leiser, bis sie von dem Knistern der Flammen verschluckt wurden. - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,War das wirklich nötig, Liam?’’ Die tiefe Stimme des großen Mannes durchbrach die Stille. Der muskulöse Mann musterte seinen Anführer, den blonden Elf, mit einer Mischung aus Unbehagen und Respekt. Sein Ton war ruhig, aber die Frage trug einen Hauch von Vorwurf in sich. Liam hob nur kurz den Kopf, sein Blick kalt und emotionslos. ,,Wer weiß?’’ Seine Stimme war flach, fast genervt. ,,Ich hab die Information bekommen, die ich wollte, oder Ralf?’’ Ralf öffnete den Mund, als wolle er etwas erwidern, doch dann schloss er ihn wieder und schüttelte leicht den Kopf. Er wandte sich dem dritten Mitglied der Gruppe zu, einem Vishap mit glänzenden, schwarzen Schuppen. ,,Und das ist wirklich okay für dich, Theol?’’ Theol zuckte nur mit den Schultern, seine reptilienartigen Augen wirkten kühl und distanziert. ,,Wenn das dem Boss seine Freundin zurückbringt, ist das in meinen Augen kein Problem.’’ Er sprach mit einer gelassenen Gleichgültigkeit, die fast zynisch klang. Dann wandte er sich Liam zu. ,,Und? Wo ist Leyla?’’ Liam schien für einen Moment in Gedanken versunken, seine Augen blickten in die Ferne. Erst als Theol die Frage wiederholte, reagierte er. ,,Leyla ist beim dritten Kronprinzen in der Kaiserstadt.’’ Theols Augen weiteten sich, und seine entspannte Haltung verschwand. ,,In der Kaiserstadt? Dann können wir die Rettung vergessen.’’ Seine Stimme war von plötzlicher Nervosität durchdrungen. Plötzlich flammte Wut in Liams Augen auf. Ohne zu zögern packte er Theol fest an der Schulter, seine Finger gruben sich in die schwarzen Schuppen. ,,Vergessen?’’ Seine Stimme war tief und vibrierte vor Zorn. ,,Wir werden sie retten und wenn es uns alle umbringt. Hast du das verstanden?’’ Theol zischte auf vor Schmerz, versuchte aber, ruhig zu bleiben. Schließlich nickte er und senkte den Blick. ,,Ja, du hast Recht, Liam. Wir beide folgen dir, das weißt du doch.’’ Seine Stimme war leise, fast entschuldigend. Liam ließ ihn los und trat zurück. ,,Gut.’’ Seine Stimme klang wieder beherrschter, aber die brennende Wut in seinen Augen blieb unverändert. ,,Dann lasst uns in Richtung Kaiserstadt aufbrechen. Wir müssen aber vorher einen Stopp in Inhantes machen, ich habe dort einen Freund, der uns helfen wird.’’  Er ging zu dem schwarzen Pferd, das geduldig am Rand des Lagers wartete. Seine Finger glitten zärtlich über das weiche Fell, und für einen Moment schien Liams strenges Gesicht weicher zu werden. Er legte seinen Kopf gegen den Hals des Tieres, als würde er sich Trost holen. ,,Ich werde Leyla retten, Himmel. Verlass dich darauf.’’ Seine Stimme war leise, fast ein Flüstern. Das Pferd schloss die Augen, als könnte es die Worte des Elfen verstehen. Liam schwang sich auf Himmels Rücken und sah zu seinen beiden Gefährten zurück. ,,Kommt jetzt, wir sollten aufbrechen, bevor noch mehr Soldaten kommen.’’  Ralf und Theol folgten ihm wortlos. Sie schwangen sich auf ihre Pferde, und die drei Krieger bildeten eine entschlossene Linie. Liam griff nach dem Trinkschlauch mit Whiskey, der an seinem Gürtel hing, und nahm einen tiefen Schluck. Der Alkohol brannte in seiner Kehle, doch er verzog keine Miene. Dann setzte er sich in Bewegung, seine Augen fest auf den Weg vor ihm gerichtet. - ------------------------------------------------------------------------- Während Liam, Theol und Ralf schweigend durch den dichten Wald ritten, arbeitete Liams Verstand unaufhörlich. Die rhythmischen Hufschläge der Pferde waren das einzige Geräusch, das die Stille durchbrach, doch in Liams Kopf tobte ein Sturm. ,,Sie hat Leyla also in die Kaiserstadt gebracht, hmm?’’   murmelte er, seine Stimme kaum mehr als ein Hauch, den nur der Wind hören konnte. Sein Blick war dunkel, zielgerichtet, als ob er die Hindernisse, die vor ihm lagen, durch bloße Willenskraft zerstören wollte.  Die Kaiserstadt – allein der Gedanke daran ließ Liams Magen sich zusammenziehen. Es war der gefährlichste Ort im Kaiserreich, wenn man jemanden entführen wollte. Oder, wie Liam es nannte, wenn man jemanden retten musste. Denn das war es, was er tun wollte – Leyla retten. Auch wenn das bedeutete, dass es auf die Welt wie eine Entführung wirken würde. Er ließ den Gedanken an die Gefahren nicht los. Die Stadtwachen? Sie wären das geringste Problem. Liam hatte oft gegen sie gekämpft und wusste, wie man sie umgehen konnte. Aber das Kaiserliche Militär? Tausende Soldaten, die in der Kaiserstadt stationiert waren, stellten eine völlig andere Bedrohung dar.  Und dann war da noch der Goldene Löwe – die Privatarmee des Kaisers, eine Eliteeinheit, die keine Fehler machte. Doch selbst sie verblassten im Vergleich zu der größten Gefahr: den zehn Kaiserlichen Kopfgeldjägern. Liam biss die Zähne zusammen, während er sich die Konsequenzen ausmalte. Die Kopfgeldjäger waren tödlich, berüchtigt, und sie genossen den persönlichen Schutz des Kaisers. Er hatte keine Ahnung, wer von ihnen in der Kaiserstadt sein könnte.  Ihre Aufträge führten sie in alle Ecken des Kaiserreichs, doch ihr Ruf reichte weit über ihre physische Präsenz hinaus. Jeder von ihnen wäre allein schon eine unüberwindbare Hürde. Gegen sie hätte er keine Chance. ,,Selbst wenn alle anderen von ihnen außerhalb sind, wird Yang da sein. Und wenn der Kaiser entscheidet, sie einzusetzen, dann kann ich Leyla vergessen…’’ Der Gedanke war wie eine eisige Klinge in seinem Herzen, doch er schüttelte ihn ab, sein Blick verfinsterte sich noch weiter. Die schöne Landschaft, die ihn umgab, ließ Liam völlig unberührt. Der Wald war ein grünes Paradies, voller Leben. Vögel zwitscherten in den Baumwipfeln, und die klaren Teiche, die sich zwischen den Bäumen versteckten, spiegelten das Licht der Sonne wider. Es war eine Welt voller Ruhe und Harmonie – das genaue Gegenteil von dem Sturm in Liams Innerem. Doch er sah nichts davon. Seine Gedanken waren auf die Kaiserstadt und Leyla fixiert, und die Natur um ihn herum verblasste.  Schließlich erreichten sie den Rand des Waldes. Vor ihnen erstreckte sich die weite Ebene, und in der Ferne erhoben sich die Larifen, das mächtige Gebirge im Osten, wie ein unüberwindbares Bollwerk. Die Gipfel waren in Nebel gehüllt, ein Symbol für die Herausforderungen, die vor ihnen lagen. Liam bedeutete Himmel anzuhalten und richtete seinen Blick darauf, und ein Hauch von Hoffnung kehrte in seine Augen zurück. Er begann zu flüstern, seine Stimme war kaum hörbar, doch sie trug eine unerbittliche Stärke in sich. ,,Warte nur Leyla. Ich rette dich. Und dafür werde ich alles tun, was in meiner Macht steht.’’ Die Worte hingen in der Luft wie ein Schwur, unerschütterlich und voller Leidenschaft. Dann setzte er sich wieder in Bewegung, seine Hände fest um die Zügel des Pferdes gelegt.

  • Kapitel 56 - Kleiner Wellensittich

    Leyla schloss die Augen, um sich zu konzentrieren. Das Mana in ihrem Körper begann in ihr zu pulsieren, wie ein Fluss, der nach dem brechen des Dammes wieder zu strömen begann. Es war ein gutes, befreiendes Gefühl, nach so langer Zeit endlich wieder Magie zu nutzen. Sie ließ diese Energie in sich kreisen, spürte, wie sie ihren Körper durchströmte. Als sie die Augen wieder öffnete, fixierte sie einen kleinen Stein vor sich. Mit einem bloßen Gedanken ließ sie ihn schweben und begann ihn langsam zu rotieren. Der Stein drehte sich schneller und schneller, bevor Leyla ihn mit einer plötzlichen Bewegung auf eine Übungspuppe am anderen Ende des Platzes schleuderte. —KRACH— Der Stein traf die Puppe nicht und zerschellte stattdessen mit einem lauten Knall an der massiven Mauer. Leyla runzelte die Stirn und hob ihre Hand erneut. Diesmal ließ sie einen Steinspeer in der Luft entstehen, wie sie ihn einst im Kampf gegen Bournadette genutzt hatte. Der Speer wuchs rasch in die Länge, seine Oberfläche unregelmäßig und voller Energie. Bevor er zu groß wurde, schleuderte Leyla ihn mit einem Zischen nach vorne. Der Speer traf die Puppe, jedoch nicht zentral. Doch die Wucht des Aufpralls reichte aus. Das Holz zersplitterte, und der Speer schoss sich mit einem ohrenbetäubenden Knall gegen die Mauer. Leyla starrte auf die unversehrte Wand und zog überrascht die Augenbrauen hoch. Yaga, der sie beobachtet hatte, schmunzelte und sagte mit einem Lachen: ,,Die Mauern sind mit einem Schutzzauber belegt. Die kriegst du nicht klein.’’ Leyla nickte langsam und murmelte: ,,Achso, das ergibt Sinn… Dann kann ich ja wirklich alles geben.’’  Ein entschlossenes Lächeln huschte über ihr Gesicht. Sie konzentrierte sich erneut, ihre Hände leicht ausgestreckt. Diesmal erschuf sie wieder einen Steinspeer, doch sie ließ ihn weiter wachsen. Innerhalb weniger Augenblicke wuchs er von der Größe eines Stiftes zu der eines Pferdes. Doch das war noch nicht genug. Sie spürte, wie ihr Mana unaufhaltsam in den Speer floss, und anders als früher, als ihre Kraft begrenzt gewesen war, schien sie nun kein Ende zu kennen. Yaga pfiff anerkennend. Er lehnte sich auf eine der Bänke am Rand des Übungsplatzes zurück und zog ein kleines Notizbuch hervor. Aus dem Augenwinkel bemerkte Leyla, wie er begann, darin zu schreiben. ,,Klar, er soll mich ja untersuchen, hatte ich fast vergessen’’, murmelte Leyla vor sich hin. Der Speer war mittlerweile auf die Größe eines Hauses angewachsen, seine Oberfläche von rotierenden, scharfen Kanten durchzogen. Leyla schloss ihre Augen für einen Moment, visualisierte den rotierenden Speer und gab ihm mit ihrer Magie die gewünschte Bewegung. Der Speer begann sich zu drehen, schneller und schneller, bis er wie eine tödliche Waffe in der Luft schwebte. Mit einer schnellen Bewegung schleuderte Leyla ihn ab. Der Windstoß, den der Start verursachte, war so stark, dass Leyla fast das Gleichgewicht verlor. —KAWAMM— Das Geräusch hallte über den gesamten Platz. Leylas Herz setzte kurz aus, als sie sah, was sie angerichtet hatte. Der Speer hatte die angeblich unzerstörbare Mauer durchschlagen – und auch das Haus dahinter. Leyla schluckte schwer, ihre Gedanken wirbelten. ,,Scheiße, das war zu viel, hoffentlich hat sich niemand verletzt.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte unsicher zu Yaga, ihre Augen suchten in seinem Gesicht nach einem Zeichen, dass alles in Ordnung war. Vielleicht würde er lachen und ihr sagen, dass der Schaden kein Problem sei. Doch zu ihrem Entsetzen bemerkte sie, wie Yaga sein Notizbuch fallen ließ. Seine Augen waren weit aufgerissen, sein Gesichtsausdruck war von Schock und Überraschung geprägt. ,,Ähm… Das… Das war nicht absichtlich, ich hatte nicht gedacht, dass ich sie durchschlagen würde’’, stammelte Leyla leise. Ihre Stimme zitterte, während sie auf die Knie sank, als ob das Gewicht ihrer eigenen Kräfte sie niederdrückte. Für einen Moment blieb Yaga reglos, seine Augen fixierten den beschädigten Bereich. Doch dann schien er sich wieder zu sammeln. Er bückte sich, hob sein Notizbuch auf und steckte es ruhig in seine Tasche. Mit festen Schritten ging er auf Leyla zu, sein Gesicht hatte wieder diese ruhige, fast väterliche Ausstrahlung angenommen. Er streckte ihr die Hand entgegen. ,,Du hast meine Erwartungen bei weitem übertroffen. Und du sagst, du hattest diese Kraft auf einmal?’’ Seine Stimme klang fasziniert, fast bewundernd. Leyla nickte stumm, ihre Hände zitterten leicht, als sie sich von ihm hochziehen ließ. ,,Ist niemand verletzt?’’ fragte sie schließlich, ihre Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Yaga schüttelte den Kopf, ein beruhigendes Lächeln spielte auf seinen Lippen. ,,Ach, da mach dir keine Sorgen. Das ganze Gebiet ist für den heutigen Tag verlassen, damit uns niemand stört.’’ Er schien überaus zufrieden, fast als hätte sie eine unsichtbare Prüfung bestanden. Doch Leyla fühlte keine Erleichterung. War es wirklich gut, dass er zufrieden war? Oder hatte sie mit dieser Demonstration nur die Ketten enger gezogen, die sie festhielten? ,,Für heute sollte das reichen, ich lege dir die Armreife wieder an und kümmere mich darum, dass der Schaden behoben wird.’’  Leyla seufzte innerlich. Sie hatte von Anfang an gewusst, dass sie die magieunterdrückenden Handschellen wieder angelegt bekommen würde, und jeder Widerstand dagegen wäre nutzlos gewesen. Mit einem resignierten Ausdruck streckte sie ihre Arme aus, ihre Hände zitterten leicht. Sie fühlte den vertrauten Druck der Armreife um ihre Handgelenke und spürte, wie das Mana in ihr abrupt verstummte. Es war, als würde ein Teil von ihr wieder eingeschlossen werden. Plötzlich wurde die Stille des Übungsplatzes von einer donnernden Stimme zerrissen. Sie war tief, rau und durchdringend, klang wie das Knurren eines wilden Tieres. Die Worte hallten über den Platz und ließen Leyla zusammenzucken. [???] ,,YAGARR, WAS HAT DAS ZU BEDEUTEN???’’ Die Stimme schien aus einer Richtung hinter ihnen zu kommen. Leyla spürte, wie ein kalter Schauer über ihren Rücken lief, während sie sich langsam umdrehte. Yaga hingegen blieb ruhig, sein Gesicht zeigte keine Spur von Überraschung oder Angst, nur eine leichte Anspannung in seinem Kiefer. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla drehte sich langsam in die Richtung, aus der die donnernde Stimme gekommen war. Vor dem Loch in der Mauer, das sie gerade noch mit ihrer Magie geschaffen hatte, stand ein Krieger, dessen Erscheinung sie im ersten Moment stocken ließ. Seine Gestalt war affenähnlich, mit dichtem braunem Fell und einem langen Kampfstab, der bedrohlich in seiner Hand lag. Seine Zähne waren gebleckt, und seine Haltung strahlte eine aggressive Wachsamkeit aus. ,,YAGARR, ERRKLÄRR MIRR DAS HIERR!’’ donnerte er erneut, seine Stimme grollte über den Platz wie ein Erdbeben. Er richtete seinen Kampfstab direkt auf Leyla und Yaga. Leyla war unsicher, ihre Augen huschten zu Yaga, der die Situation scheinbar ruhig betrachtete. ,,Wer ist das?’’ fragte sie leise, in der Hoffnung, dass Yaga eine beruhigende Antwort parat hatte. ,,Das’’, begann Yaga mit einem leisen Seufzen, ,,das ist Bunj, der dritte der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Er stammt aus dem Denja-Dschungel. Mit dem solltest du dich nicht anlegen.’’ Leyla schluckte schwer. Der Name, gepaart mit der Beschreibung, rief ihr Bournadette in Erinnerungen. ,,Na super. Die Warnung kommt etwas spät’’ , dachte sie nervös und spürte, wie ihre Finger leicht zu zittern begannen. Yaga hob die Stimme, sein Tonfall blieb gelassen. ,,Komm her, dann musst du auch nicht so schreien Bunj!’’  Kaum waren die Worte gefallen, schoss Bunj wie ein brauner Blitz über den Platz. Sein Tempo ließ Leyla kaum reagieren, und im nächsten Moment stand er direkt vor ihr. Er war groß, gut zwei Köpfe größer als sie, und sein Gesicht war von zahlreichen Narben durchzogen. Seine Augen glühten wie zwei kleine Kohlen, brennend und aufmerksam. Leyla fühlte, wie ihr die Luft wegblieb, als sein intensiver Blick sie fixierte. ,,Na, werr bist du denn, Kleine?’’ fragte er mit seiner knurrenden Stimme, die jetzt zwar leiser, aber nicht weniger bedrohlich klang. Leyla öffnete den Mund, doch bevor sie antworten konnte, trat Yaga schnell dazwischen. Er stellte sich schützend vor sie und legte eine Hand leicht auf ihre Schulter, als wolle er sie beruhigen. ,,Das ist Leyla, sie ist ein Gast von Kronprinz Eugenius. Für die Zerstörung entschuldige ich mich, das war mein Fehler. Ich werde dafür sorgen, dass alles repariert wird.’’ Yaga sprach mit ruhigem Ton, doch Leyla spürte die leichte Anspannung in seinem Körper. Er wirkte nicht eingeschüchtert, aber überlegt, als würde er genau abwägen, wie er mit Bunj umgehen sollte. Bunj knurrte leise, seine Lippen verzogen sich zu einem spöttischen Lächeln. ,,Dich habe ich nicht gefrragt, Yagarr’’, Mit einer schnellen Bewegung schob er Yaga zur Seite, als wäre er kaum mehr als ein Hindernis. Nun stand er wieder direkt vor Leyla, die nervös zu ihm aufschaute. ,,Nun, kleinerr Wellensittich, werr bist du?’’ fragte er erneut, und Leyla bemerkte, wie ihre Knie leicht zitterten. Wellensittich? Wie kam er denn darauf? Sie erinnerte sich vage an die kleinen bunten Vögel, über die sie in dem Kapitel über den Denja-Dschungel gelesen hatte. Der Name wirkte fast verspottend, doch sie war sich nicht sicher, ob dies seine Absicht war. ,,Ich bin Leyla’’, sagte sie schließlich vorsichtig, ihre Stimme ruhig, doch sie ließ den großen Affen keine Sekunde aus den Augen. ,,Ich bin ein Gast bei Kronprinz Eugenius, wie Yaga schon meinte.’’ Bunj betrachtete sie einen Moment lang mit seinem glühenden Blick, bevor er schnaubte und sich leicht zurücklehnte. ,,Ich verrstehe, ja ich verrstehe deine Situation sehrr gut.’’ Seine Stimme war immer noch leise, diesmal gefährlich sanft. Dann hob er seine große Hand und tätschelte  grob ihren Kopf, was Leyla ein gemischtes Gefühl bescherte. ,, Nun denn, pass auf dich auf, kleinerr Wellensittich.’’ Mit diesen Worten wandte er sich ab und richtete seinen Blick wieder auf Yaga. Seine Augen verengten sich, und seine Stimme wurde wieder lauter, donnernder. ,,Denk drran Yagarr, ich behalte dich im Blick.’’ Mit einem gewaltigen Sprung schoss er über die Mauer und verschwand aus dem Blickfeld. Leyla spürte, wie die Anspannung aus ihrem Körper wich, doch ein leises Zittern blieb in ihren Händen zurück. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blieb während des gesamten Weges zurück in ihr Zimmer still. Ihre Gedanken kreisten unaufhörlich um Bunj, den affenähnlichen Krieger. Seine Erscheinung, seine Präsenz – alles an ihm schien in ihrem Kopf nachzuklingen, wie ein Echo, das sie nicht abschütteln konnte. ,,Ein weiterer Kaiserlicher Kopfgeldjäger…’’ dachte sie.  ,,Yang, Bournadette und jetzt er. Wenn er die Nummer drei ist, muss er unglaublich stark sein. Er wirkte auf jeden Fall so.’’ Ihre Gedanken glitten zu dem Namen zurück, den er ihr gegeben hatte: Wellensittich. Leyla überlegte, was er damit gemeint haben könnte. War es ein Spitzname zur Verniedlichung? Eine Beleidigung? Vielleicht sogar ein Kompliment? Sie konnte es nicht einordnen. Auch die grobe, aber nicht feindselige Art, mit der er ihr den Kopf getätschelt hatte, ließ sie nicht los. ,,Es war seltsam… irgendwie wirkte er, nachdem er von Kronprinz Eugenius erfahren hatte, fast freundlich.’’ Sie schüttelte leicht den Kopf, unsicher, wie sie diese Begegnung deuten sollte. Als sie bei ihrem Zimmer ankamen, atmete sie erleichtert auf. Die gewohnte Umgebung ließ sie sich etwas entspannen. Trotz allem war es immer noch ein Käfige, doch sie fühlte sich darin vorübergehend sicher. ,,Mach dir wegen Bunj nicht zu viele Gedanken. Er ist…’’ begann Yaga, doch Leyla fiel ihm ins Wort. ,,Ich weiß, er ist keine schlechte Person.’’ Yaga hob eine Augenbraue, ein Ausdruck von Überraschung huschte über sein Gesicht. ,,Das wollte ich nicht sagen, aber damit hast du wohl auch Recht.’’ Er seufzte leise und sprach weiter. ,,Wie dem auch sei, du solltest dich trotzdem von ihm fernhalten. Ruh dich gut aus. Ich komme in ein paar Tagen wieder, dann können wir ausführlich über deine Magie sprechen.’’ Leyla nickte und schloss die Tür hinter ihm. Die vertraute Stille des Zimmers umfing sie, und sie begann, sich ihre Klamotten vom Körper zu streifen. Ihr Blick wanderte zur kleinen Tür, die in ihr privates Badezimmer führte. Bis auf die Toilette hatte sie den Raum bisher kaum genutzt, doch heute spürte sie den Wunsch, ein heißes Bad zu nehmen. Im Badezimmer drehte sie die Wasserhähne auf, und heißes Wasser begann, die große Wanne zu füllen. Die Wanne war riesig, groß genug, dass mehrere Personen darin Platz gehabt hätten, und Leyla betrachtete sie einen Moment lang. Dann wandte sie sich den Flaschen mit Duftschaum zu, die ordentlich auf einer Ablage standen. Sie nahm eine Flasche mit Zitronenaroma, öffnete sie und ließ den Duft ins einströmende Wasser fließen. Das warme, aufsteigende Aroma erfüllte den Raum, und Leyla lächelte leicht. Nachdem sie sich ihrer Unterwäsche entledigt hatte, wartete sie einen Moment, bevor sie vorsichtig in die Wanne stieg. Das heiße Wasser umhüllte sie, und ein angenehmes Kribbeln breitete sich über ihre Haut aus. Ihre Muskeln begannen sich zu entspannen, und Leyla schloss die Augen. Für einen Moment ließ sie alles los. Ihre Gedanken durften treiben, wie Blätter auf einem ruhigen See. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ ihren Kopf gegen den Rand der Badewanne sinken, das Zitronenaroma füllte die Luft um sie herum. Ihre Gedanken begannen abzudriften, fort von dem warmen Wasser, hin zu denjenigen, die ihr nahegestanden hatten, hin zu denjenigen, die sie vermisste.  Liam, Roxy und Himmel. Wie es ihnen wohl erging? Sie konnte sich nicht helfen, aber die Fragen nagten an ihr: Waren sie am Leben? Suchten sie nach ihr? Oder hatten sie längst aufgegeben? Mit einem tiefen Atemzug schob sie den Gedanken beiseite. Es brachte nichts, sich über Dinge den Kopf zu zerbrechen, die außerhalb ihrer Kontrolle lagen. Falls sie noch lebten, würde sie sich ihnen widmen, wenn die Zeit dafür gekommen war. Wenn sie in Freiheit war. Ihre Gedanken wanderten zurück zu den Personen, die sie hier, in diesem goldenen Käfig, umgaben. Sie konzentrierte sich auf das Hier und Jetzt; Auf jene, die ihre unmittelbare Zukunft ausmachten. Der Kronprinz. Leyla zog eine Grimasse. Sie mochte ihn nicht. Er hatte ihr sehr deutlich gemacht, wo sie in seiner Welt stand – und das war weit unter ihm. Ja, es hätte schlimmer kommen können, doch es änderte nichts an ihren Gefühlen. Niemals würde sie einem Prinzen vertrauen. Charles, sein Leibdiener, war ein Rätsel für sich. Er zeigte kaum Emotionen, war in seiner Haltung stets makellos. Leyla konnte ihn nicht durchschauen, und das machte ihn in ihren Augen noch unheimlicher. Sie wusste nicht, ob sie je eine Verbindung zu ihm aufbauen könnte – oder ob sie es überhaupt wollte. Filia war ihre einzige Freundin hier, und Leyla schätzte sie sehr. Es war nicht nur die Wärme, die sie von ihr empfing, sondern auch das Gefühl, ein ähnliches Schicksal zu teilen. Sie fühlte sich mit ihr verbunden, und eines war klar: Wenn sie diesen Ort eines Tages verließ, würde Filia an ihrer Seite sein. Und dann war da Yaga. Leyla runzelte die Stirn. Er war freundlich, ja, aber irgendetwas an ihm ließ sie zögern. Es war, als ob seine Worte und sein Verhalten von einer unterschwelligen Manipulation durchzogen waren. Ihre Gedanken kehrten zu Bunj zurück, dem affenähnlichen Krieger, der sie vorhin so beeindruckt hatte. ,,Was wenn Bunj jemand ist, zu dem ich Kontakt suchen sollte?’’ murmelte sie leise, ihre Stimme wurde vom warmen Schaum gedämpft, der die Wasseroberfläche bedeckte. ,,Was wenn er mir helfen kann?’’ Ein leiser Seufzer entkam ihr. Sie brauchte Verbündete, und zwar mächtige. Ohne sie würde sie nicht weit kommen. Aber bevor sie diesen Weg einschlagen konnte, musste sie ihre Magie verbessern, sie meistern und kontrollieren lernen. Nur so hätte sie eine Chance – für ihre Freiheit und für die, die ihr wichtig waren.

  • Kapitel 54 - Rabe

    Leyla saß auf dem Stuhl, das schwarze Buch mit dem Titel  ,,Rabe’’ vor sich auf dem Tisch liegend. Ihr Blick klebte daran, unsicher, ob sie es wagen sollte, es zu öffnen.  Es hob sich deutlich von den anderen Büchern in der Bibliothek ab, wie ein dunkler Schatten, der sich nicht vertreiben ließ. Sie fühlte sich von ihm gleichzeitig angezogen und abgestoßen, als würde das Buch sie herausfordern, sich ihm zu stellen, nur um sie dann zu verschlingen. Das Gefühl war schwer zu beschreiben, aber es ließ sich nicht ignorieren. Es war, als würde das Buch eine unsichtbare Präsenz im Raum entfalten, etwas Kaltes und Schweres, das ihre Brust füllte. Leyla seufzte, schüttelte leicht den Kopf und stand auf, um ihre Gedanken zu klären. Sie begann, durch den Raum zu gehen, ihre Schritte unbewusst leise, als wolle sie das Buch nicht stören. Ihr Blick fiel auf eine Spinne, die in einer Ecke des Raumes ihr Netz gesponnen hatte. In dem Netz zappelte eine Fliege, gefangen und hilflos, während die Spinne unbeweglich und geduldig verharrte.  Der Anblick jagte ihr einen kalten Schauer über den Rücken. Leyla ging es genauso wie der Fliege. Ihr Netz war der Palast, und die Spinne… war der Prinz.  Auch dieser Gedanke hielt sie nicht davon ab, zu dem Buch zurückzukehren, das immer noch wie ein dunkler Fleck auf dem Tisch lag. Trotz ihres Widerwillens fühlte sie sich davon angezogen. Es war, als rief es nach ihr, leise und unaufdringlich, aber unaufhörlich. Sie wusste nicht, ob Mut oder Neugier sie antrieb, doch sie fand sich bald wieder am Tisch stehend, das Buch vor sich. Langsam glitt ihre Hand über den schwarzen Einband. Es fühlte sich seltsam weich an, fast wie Stoff, aber gleichzeitig war es kalt. Kälter, als ein Buch sein sollte. Die Kälte kroch durch ihre Fingerspitzen und ließ sie leicht erschaudern. Was war das für ein Buch? Leyla hob es vorsichtig hoch und setzte sich zögernd auf ihr Bett. Ihre Finger gruben sich leicht in das Buch, während sie es langsam öffnete. Die Seiten raschelten leise, ein Geräusch, das in der Stille des Zimmers fast bedrohlich wirkte. Das erste, was sie sah, war ein schwarzes, leeres Blatt, das wie ein Vorhang wirkte, hinter dem sich ein Geheimnis verbarg. Sie hielt den Atem an und begann, die erste Seite umzublättern. -------------------------------------------------------------------------- Alles um Leyla herum war mit einem Mal in endlose Dunkelheit gehüllt. Sie konnte nichts sehen, nicht einmal den Hauch eines Schimmers, der das schwarze Nichts durchbrach. Es war, als hätte die Welt um sie herum nie existiert.  Sie wollte sprechen, wollte wissen, was geschehen war, doch es kam kein Laut aus ihrem Mund. Verwirrt stellte sie sich die Frage: Hatte sie überhaupt noch einen? ,,Wo bin ich? Ich hab gerade das Buch in der Hand gehalten?’’ Der Gedanke trieb durch ihren Geist, doch sie konnte ihn nicht laut aussprechen. Trotz der seltsamen, erdrückenden Situation spürte sie keine Panik.  Stattdessen war da eine seltsame Ruhe, die sich in ihr ausbreitete. Es war, als hätte jemand die Last, die sie so lange getragen hatte, einfach von ihren Schultern genommen. Zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit war Leyla nicht von einem Sturm aus Gedanken und Gefühlen überwältigt. Leyla ließ sich von dieser Ruhe einhüllen. Sie wusste nicht, wie lange sie so verweilte. Es fühlte sich wie ein Moment und gleichzeitig wie eine Ewigkeit an. Sie spürte keine Zeit mehr, nur die Leere in ihrem Kopf und die Dunkelheit um sie herum. Doch dann geschah es. Ein schwacher Lichtstrahl schnitt durch die Dunkelheit, und nach und nach wurde die Umgebung heller. Leyla blinzelte – oder sie hätte geblinzelt, wenn sie Augen gehabt hätte. Sie erkannte, dass sie keinen Körper besaß. Sie war nicht mehr als eine Beobachterin, schwebend in einem Raum, der sich nach und nach offenbarte. Vor ihr erstreckte sich eine Höhle. Schwaches Sonnenlicht drang durch einen kleinen Eingang und tauchte die Umgebung in diffuses Licht. Leyla ließ ihren Blick wandern, bis ihre Aufmerksamkeit auf drei riesige schwarze Eier fiel. Sie standen in einer lockeren Anordnung, jedes größer, als sie es sich hätte vorstellen können.  Direkt neben den Eiern kauerte eine Gestalt, deren Erscheinung Leyla den Atem – falls sie atmen konnte – stocken ließ. Die Haut der Gestalt war mit schuppigen Platten bedeckt, und aus ihrem Mund blitzten weiße, spitze Reißzähne hervor. Leyla spürte keine Angst, nur eine seltsame Faszination. Sie beobachtete, wie das mittlere Ei zu knacken begann. Feine Risse zogen sich über die glatte, schwarze Schale, wie Spinnweben, die sich immer weiter ausbreiteten.  Die Schale brach langsam auseinander, und ein seltsames, unerklärliches Gefühl durchströmte Leyla. Es war, als spürte sie die Erleichterung der gekauerten Gestalt, die das Ei mit angespannten Augen beobachtete.  Leyla fühlte plötzlich, dass es Zeit war zu gehen. Die Umgebung begann, sich vor ihren Augen aufzulösen. Die Höhle verschwamm, die Gestalt und die Eier wurden zu Schatten, bis nur noch das Bild des mittleren Eies blieb.  Aus den Rissen in der Schale trat eine Person hervor, gekleidet in ein dichtes Federkleid, so schwarz wie die Dunkelheit, die Leyla zuvor umgeben hatte. Sie sah, wie diese Gestalt aufrecht stand, den Kopf leicht neigte und dann in die Dunkelheit hinaustrat. Plötzlich war sie zurück. Sie saß auf ihrem Bett, ihr Atem ging stoßweise. Mit einem lauten Knall klappte das Buch zu, und Leyla zuckte zusammen. Instinktiv zog sie ihre Finger zurück, als hätte das Buch sie gebissen. -------------------------------------------------------------------------- Wieder und wieder ließ Leyla in Gedanken ihr Erlebnis Revue passieren. Die Leere, die sie umgeben hatte, das schwache Sonnenlicht, das durch den Höhleneingang schien, die drei schwarzen Eier und die seltsame Gestalt, die wie ein Wächter – nein, wie eine Mutter – neben den Eiern gekauert hatte. Und schließlich die Person im schwarzen Federkleid, die aus dem mittleren Ei gestiegen war. ,,Seltsam’’, flüsterte Leyla in den stillen Raum, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch, ,,ich spüre keinerlei Unsicherheit, wenn ich daran denke…’’ Ihre Gedanken glitten zu dem Buch auf ihrem Schoß, das sie noch immer nicht aus den Augen ließ. ,,Auch das Buch verunsichert mich nicht mehr. Was ist das nur für ein Buch?’’ Ein Gedanke formte sich langsam in ihrem Inneren, festigte sich wie eine unausgesprochene Wahrheit: Dieses Buch war anders. Es war nicht einfach nur ein Gegenstand. Es war etwas Besonderes – und es gehörte ihr. Nein, das war nicht ganz richtig. Es gehörte zu ihr, und sie gehörte zu ihm. Zwischen ihnen schien ein unsichtbares Band zu existieren, eines, das sie nicht erklären konnte, das aber genauso real war wie die Luft, die sie atmete. Ein mulmiges Gefühl kroch in ihr auf, als sie begann, sich zu fragen, wo sie das Buch verstecken sollte. Ihr Blick schweifte durch das Zimmer und suchte nach möglichen Verstecken.  Im Kleiderschrank? Das wäre sicher, aber auffällig, falls jemand den Schrank durchsuchte. Unter dem Bett? Zu offensichtlich. Der Nachtschrank? Vielleicht. Oder sollte sie es einfach im Bücherregal lassen, wo es zwischen den anderen Büchern kaum auffallen würde? Doch je länger sie nachdachte, desto mehr wurde ihr klar, dass dieses Buch nicht versteckt werden musste. Sie war sich sicher, dass es nur auf sie so eine Anziehungskraft ausübte. Schließlich war es ihr Buch. Andere würden es kaum bemerken, vielleicht würden sie es nicht einmal sehen. Ihre Gedanken wurden abrupt unterbrochen, als das Buch plötzlich begann, schwarz zu glühen. Ein dunkler Nebel erhob sich aus den Seiten, bewegte sich träge und zugleich lebendig durch die Luft. Leyla hielt den Atem an, ihre Augen weit geöffnet, während das Buch nach und nach zu verschwinden begann. Die glühenden Umrisse lösten sich in der Dunkelheit des Raumes auf, bis nichts mehr übrig war. Sie versuchte, die Leere zu benennen, die das Verschwinden hinterlassen hatte, doch anstelle von Verlust spürte sie eine unerwartete Wärme. Diese Wärme, still und sicher, schien ihr zu sagen, dass sie nicht allein war. Es war, als ob das Buch ihr etwas versprochen hätte, ohne ein Wort zu sprechen. Leyla blieb allein zurück. Ihre Hände leicht zitternd. Während Leyla ihre bebenden Hände betrachtete, kehrte ihr Geist unwillkürlich zu den Bildern aus der Höhle zurück. Die Eier, die Gestalt, die so wachsam und beschützend neben ihnen gehockt hatte, und die Person im Federkleid – es war, als ob all das mit dem Buch zusammenhing, als ob es Teil eines größeren Geheimnisses war, das sie noch nicht verstehen konnte.  Besonders die Figur, die aus dem Ei gestiegen war, schien eine Antwort in sich zu tragen, die Leyla noch nicht greifen konnte. Ein Schauer lief ihr über den Rücken, als sie sich fragte, ob diese Person sie beobachtete, irgendwo dort draußen, in einer Welt, die sie noch nicht kannte. Sie wusste mit einer unerklärlichen Sicherheit, dass dies nicht das Ende war. Das Buch war weg, aber sie würde es wiedersehen. Irgendwann, ganz sicher.

  • Kapitel 53 - Nähe im Schatten der Mauern

    Das Kaiserreich erstreckt sich über den gesamten Kontinent, dessen ursprünglicher Name längst in Vergessenheit geraten ist. Angeführt wird es von den Menschen, genauer gesagt von der mächtigen Kaiser-Dynastie Algavia, die seit Jahrhunderten über die Lande herrscht und ihre Ordnung bewahrt. Die territoriale Aufteilung des Kaiserreichs spiegelt die Vielfalt der Landschaft und Kulturen wider. Es besteht aus neun Herzogtümern, fünf Markgrafschaften und dem Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie regiert wird. Jedes dieser Gebiete hat seine eigene Identität und Besonderheiten, die es auszeichnen. Im eisigen Norden befinden sich die Herzogtümer Kartaffel und Randurin. Kartaffel ist zur Hälfte von den mysteriösen Eiswäldern und zur anderen Hälfte von der schroffen Schneewüste bedeckt. Die gleichnamige Hauptstadt, eine uneinnehmbare Festungsstadt auf einem hohen Plateau, hat sich traditionell gegen den Kaiser gestellt. Ihre Bevölkerung besteht aus einer außergewöhnlich geringen Anzahl an Menschen, was sie zu einer kulturellen Besonderheit macht. Randurin, das zweite Herzogtum des Nordens, teilt sich ebenfalls einen Teil der Eiswälder, doch der größte Teil seiner Landschaft ist von der unwirtlichen Schneewüste geprägt. Die Hauptstadt Randurin ist jedoch das blühende Herz des Handels am Nordmeer. Ergänzt wird das Herzogtum durch die berüchtigte Gefängnisinsel Loin de la Peur, deren Name allein schon Respekt einflößt. Im Osten breitet sich die Endlose Wüste aus, eine heiße und lebensfeindliche Landschaft, die Heimat zweier Herzogtümer ist. Karintes, das erste, ist der Sitz der Kameristischen Kirche. Die gleichnamige Hauptstadt thront am Fuße des Berges der Dämonen, der im Norden an den undurchdringlichen Denja-Dschungel grenzt. Dieses Herzogtum ist das spirituelle Zentrum des Kaiserreichs. Kries, das zweite Herzogtum der Endlosen Wüste, ist das am dünnsten besiedelte Gebiet des Kaiserreichs. Selbst seine Hauptstadt Ellenach zählt nur etwa fünftausend Einwohner. Hier sind Einsamkeit und Weite die vorherrschenden Merkmale, die das Leben der Bewohner prägen. Westlich der Endlosen Wüste erstreckt sich die Steppe, aufgeteilt in die Herzogtümer Vallyka und Rubendy. Vallyka, bekannt als der Ort der menschlichen Ursprünge, hat eine historische Bedeutung. Die Hauptstadt Vallyka liegt an der Grenze des sagenumwobenen Tiefenwalds und war einst die Hauptstadt der Menschen vor dem Großen Krieg. Rubendy hingegen wird stark vom Sang-See und dem majestätischen Goldenen Fluss geprägt. Die Hauptstadt Rubendy ist ein Dreh- und Angelpunkt des Handels, der durch die Wasserstraßen des Flusses ermöglicht wird. Der Goldene Fluss verbindet die Kaiserstadt mit den wohlhabenden südlichen Regionen des Kaiserreichs. Im reichen Süden liegen die Handelsherzogtümer Welldyl und Inhantes. Welldyl wird von einem riesigen Sumpf dominiert, doch die Städte Anjen und Welldyl machen es zu einem zentralen Handelsstandort. Anjen ist der Sitz der Handelsgilde, während die gleichnamige Stadt Welldyl als Hauptumschlagplatz des Kaiserreichs dient. Inhantes hingegen ist von dem prächtigen Grünwald bedeckt. Auch wenn es nicht so reich ist wie Welldyl, genießt es durch seine Hauptstadt Inhantes dennoch Wohlstand und Bedeutung im Handel des Kaiserreichs. Das letzte Herzogtum, die Mittellande, liegt in den fruchtbarsten Gebieten des Kaiserreichs. Mit den Großstädten Malyl und Schneeburg sowie zahllosen Kleinstädten und Dörfern bildet es das bevölkerungsreichste Gebiet. Es wird von den majestätischen Larifen im Osten und Hamalien im Westen begrenzt, den beiden Gebirgen, die den Kontinent prägen. Diese beiden Gebirgszüge sind zugleich Heimat zweier Markgrafschaften. Im Westen, jenseits der Hamalien, liegt die Markgrafschaft Westkap, ein kulturell eigenständiges Gebiet, das sich stark vom Rest des Kaiserreichs unterscheidet. Ihre isolierte Lage hat einzigartige Traditionen hervorgebracht. Die Waldmarkgrafschaften Denja und Stela sind ebenso beeindruckend wie gefährlich. In Denja liegt der gleichnamige Dschungel, ein undurchdringlicher Regenwald voller Geheimnisse aus der Zeit vor der Herrschaft der Menschen. Der Wald der Träume in Stela, beherrscht von kleinen bis gigantischen Pilzen, ist ebenso tödlich für Unvorsichtige, die keine Kenntnisse in Alchemie oder Pflanzenkunde besitzen. Im Zentrum des Kaiserreichs liegt das Herzland, das direkt von der Kaiserfamilie verwaltet wird. Die Kaiserstadt, die prächtige Hauptstadt, erhebt sich hier wie ein Monument der Macht. Ihre weißen Türme und Mauern sind seit über tausend Jahren ein Symbol für die Unantastbarkeit der Algavia-Dynastie. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla hörte Filias Geschichte mit schwerem Herzen zu. Auch wenn ihre Wege unterschiedlicher kaum hätten sein können, entdeckte sie immer wieder Parallelen zwischen sich und Filia. Es tat ihr weh, zu hören, was Filia durchgemacht hatte, und mehr als einmal verspürte sie das Bedürfnis, sie einfach in den Arm zu nehmen. ,,Sie's wie ich,’’ dachte Leyla träge, während der Wein warm durch ihre Adern floss.  ,,Gefangen in diesem... diesem Schloss. Ohne Freiheit, ohne... irgendwas zu entscheiden…’’ Ihre Gedanken stolperten, aber ein weiches Lächeln glitt über ihre Lippen.  ,,Die Arme... bestimmt war sie voll einsam..’’   Die Amphore mit Wein war fast leer, und beide Frauen waren vom Alkohol deutlich gezeichnet. Leyla kicherte unvermittelt, der Gedanke, dass sie betrunken mit jemandem reden konnte, machte sie plötzlich glücklich. ,,Fi-Filia, ey, du tust mir voll leid!’’, murmelte sie, ihre Worte leicht lallend. ,,Ich... wusste nich’, dass... dass du so’n Mist durchmachen musstest.’’ Filia sah Leyla lange an, ihre grünen Augen schimmerten im warmen Licht des Zimmers. Dann setzte sie sich mit einer fast eleganten, aber wackeligen Bewegung neben Leyla aufs Bett und schmiegte sich an sie. Leyla ließ sich fallen, ihren Kopf auf Filias Schoß legend. Die Nähe fühlte sich gut an, fast wie eine Decke, die sie vor der ganzen Welt abschirmte. ,,Also... wir sind ja quasi... in derselben... Situation, weißt du?’’ murmelte Leyla langsam und hob den Kopf leicht, um in Filias Gesicht zu schauen. ,,Was, wenn wir... ich meine, wenn wir abhauen? Also, so zusammen. Raus aus diesem... diesem Käfig oder so.’’ Filia lächelte schwach und begann, Leyla zärtlich durch die Haare zu streichen. Ihr Blick war weich, aber auch ein wenig traurig. ,,Das wär... echt schön, Leyla. Aber ich glaub’... ich glaub nich’, dass ich hier je... rauskomm ’ ’’, Ihre Stimme hatte einen melancholischen Unterton, doch sie schien nicht verbittert – eher erschöpft.  Leyla fühlte, wie etwas in ihr zu lodern begann, eine Entschlossenheit, die sie zuvor nicht gekannt hatte. ,,Dann... dann halt ich’s für dich frei, Filia!’’ Ihre Worte waren holprig, aber in ihrer Stimme lag ein Feuer, das selbst der Wein nicht dämpfen konnte. ,,Ich mach dis. Echt jetzt.’’ Filias Lächeln vertiefte sich, und Leyla konnte nicht anders, als in ihre smaragdgrünen Augen zu starren. Sie waren so intensiv, so lebendig, dass sie ein Kribbeln in ihrem Bauch spürte. Unbewusst hob sie ihre Hand und strich Filia vorsichtig über die Wange. Filia schloss die Augen, und Leyla hielt den Atem an, während sie sich vorsichtig aufrichtete.  Langsam kam sie Filia näher, bis sie den zarten Duft ihrer Haut wahrnahm. ,,Wie gut sie riecht…’’  dachte Leyla, ihre Atmung unregelmäßig. Sie zögerte, ihre Unsicherheit nagte an ihr, doch bevor sie etwas sagen oder tun konnte, spürte sie Filias Lippen auf ihren. Der Kuss war warm, weich und schmeckte nach Wein. Leyla fühlte, wie ihr Herz sich plötzlich schwer und leicht zugleich anfühlte, während ein ungeahntes Feuer durch ihren Körper schoss. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla erwachte mit einem stechenden Schmerz im Kopf, der sich wie ein wild pochender Trommelschlag anfühlte. Ihr Magen rebellierte, und das Drehen der Welt ließ sie blinzelnd die Augen schließen. Langsam sammelten sich die Erinnerungen des Vorabends. Der Kronprinz, Filias Geschichte, und schließlich… Filia selbst. Bilder blitzten in ihrem Geist auf: Filia, die sich an sie schmiegte, die Berührung ihrer Lippen. ,,Was hab ich da nur gemacht…’’   murmelte Leyla leise, während ein Knoten aus Angst sich in ihrer Brust zusammenzog. Was, wenn sie mit ihrer impulsiven Aktion alles zerstört hatte? Ihre Freundschaft zu Filia, das fragile Band zwischen ihnen? Der Gedanke, Filia könnte dem Prinzen davon erzählt haben, ließ sie erschaudern, doch sie schob ihn sofort beiseite. Nein, sie hatte sich entschieden, Filia zu vertrauen. ,,So verletzlich, wie sie sich mir gegenüber gezeigt hat… sie ist wie ich, gefangen’’, dachte Leyla und fühlte, wie ihre Entschlossenheit zurückkehrte. Der Entschluss, mit Filia zu fliehen, war im Rausch des Weins getroffen worden, doch selbst jetzt, im nüchternen Zustand, fühlte sich dieser Plan richtig an. ,,Noch nicht’’, flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar. ,,Erst brauche ich mehr Informationen. Einen Plan. Die richtige Gelegenheit. ’’ Die Tür öffnete sich mit einem leisen Knarren, und Filia trat ein, ein Lächeln auf den Lippen. Auf ihrer einen Hand balancierte sie einen Teller mit Frühstück, in der anderen hielt sie eine Flasche Wasser. ,,Guten Morgen Leyla’’, sagte Filia mit einer weichen Stimme, die wie Balsam auf Leylas pochenden Kopf wirkte. Sie stellte den Teller behutsam auf den Nachttisch und setzte sich auf den Stuhl neben dem Bett. ,,Ich habe dir Brot mit Rührei, einige Früchte und ein Stück Kuchen gemacht’’, erklärte Filia, ihre Stimme voller Wärme. Leyla spürte, wie ihr das Wasser im Mund zusammenlief. Kuchen hatte sie noch nie gegessen, und allein der Gedanke daran erfüllte sie mit kindlicher Neugier. Doch zunächst wandte sie sich den Früchten und dem Brot zu, kaute langsam, genoss jeden Bissen. Als sie schließlich fertig war, lehnte sie sich zurück und atmete tief durch. ,,Das war sehr lecker, danke Filia’’, sagte sie, ein Lächeln auf den Lippen. Filia erwiderte das Lächeln. ,,Gerne. Wie fühlst du dich?’’  Leyla zuckte leicht mit den Schultern, spürte, wie ihre Wangen leicht rot wurden, als sie Filias smaragdgrünen Augen begegnete. ,,Mein Kopf tut weh… das war definitiv zu viel Wein gestern.’’ Filia lachte leise, ein Klang, der Leyla seltsam beruhigte. ,,Das hatten wir beide. Trotzdem… ich habe den Abend sehr genossen. Aber wir sollten kein Risiko eingehen. Wer weiß, was der Kronprinz machen würde, wenn er davon erfährt. Lass es uns bei diesem einen Abend belassen.’’ Leyla nickte langsam. Die Worte schnitten wie ein feines Messer, hinterließen einen kleinen Stich in ihrem Herzen. Sie hatte die Nähe genossen, mehr, als sie sich eingestehen wollte, und der Gedanke, dass es bei einem einzigen Abend bleiben sollte, machte sie traurig, obwohl sie wusste, dass es die richtige Entscheidung war.  ,,Ich würde gerne noch etwas schlafen,’’ sagte Leyla schließlich, ihre Stimme leise und zurückhaltend. ,,Können wir später weiterreden?’’ Filia nickte, ihr Lächeln blieb warm und verständnisvoll. ,,Natürlich. Ruh dich gut aus. Soweit ich weiß, soll der Bekannte des Prinzen in drei Tagen kommen. Bis dahin hast du Zeit, dich zu erholen..’’ Filia erhob sich, nahm den Teller mit, und verließ das Zimmer mit leisen Schritten, die kaum ein Geräusch hinterließen. Leyla blieb zurück, alleine mit ihren Gedanken. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla lag zusammengerollt auf ihrem Bett, ihre Beine angezogen, während ihre Gedanken wie ein Sturm durch ihren Kopf tobten. Seit Stunden suchte sie nach Klarheit, nach einem Weg, ihre Gefühle zu ordnen. Doch je mehr sie darüber nachdachte, desto unklarer wurde alles. Es hatte sie tief getroffen, als Filia gesagt hatte, dass der Abend nicht wiederholt werden sollte. Für Leyla war dieser Abend mehr gewesen als nur ein Moment des Vergessens. Er hatte ihr eine Wärme gegeben, die sie seit Tagen vermisst hatte. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft im Palast hatte sie sich nicht einsam gefühlt. Aber dann war da Liam. Dieser Name brachte sofort eine Flut von Emotionen mit sich. Sie liebte ihn, daran bestand kein Zweifel. Die Nähe zu Filia war wohltuend gewesen, ja, sogar ein Lichtblick in der Dunkelheit. Aber sie konnte sie nicht mit der intensiven Verbindung vergleichen, die sie mit Liam hatte. Seine Berührungen, sein Lächeln, die Art, wie er sie ansah – das war Liebe, echte Liebe. ,,Wie es ihm wohl geht? Lebt er noch? Wenn ja, sucht er nach mir? Vermisst er mich? Weiß er wo ich bin?’’  Die Fragen schmerzten, jede einzelne ein Stich in ihr Herz, doch sie konnte nicht aufhören, sie sich zu stellen. Leyla wischte sich die Tränen hastig weg und setzte sich aufrecht hin. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Murmeln, aber entschlossen: ,,Ich kann hier nicht in Selbstmitleid versinken…’’ Sie atmete tief durch, als wollte sie die Schwere aus ihrer Brust vertreiben, und erhob sich langsam. Mit einem leisen Seufzen nahm sie ,,Die Reisen des Gheng Chu’’  von ihrem Nachttisch und trat an das Bücherregal heran. Sie strich mit den Fingern über die Rücken der Bücher, ihre Gedanken schweiften weiter, während sie das Buch zurückstellte. Sie ließ ihren Blick wandern, suchte nach einem neuen Titel, etwas, das sie ablenken konnte. Doch keiner der vertrauten Titel schien sie anzusprechen. Dann fiel ihr Blick auf ein schmales, schwarzes Buch.  ,,War das gestern schon dort gewesen?’’ fragte sie sich und runzelte die Stirn. Es wirkte fehl am Platz, beinahe wie ein Eindringling zwischen den eleganten Einbänden der anderen Werke. Sie zog es vorsichtig heraus und drehte es in ihren Händen. Der Einband war schlicht, fast unscheinbar, doch die feinen Muster, die ihn zierten, zogen ihren Blick magisch an. Eine einzige schwarze Feder schmückte das Cover. Es wirkte seltsam lebendig, fast als würde es das Licht im Raum verschlucken. ,,Rabe’’ , las sie leise den Titel. Das Wort war in einer schlichten, aber markanten Schrift gehalten. Das Buch fühlte sich unerwartet schwer an, viel schwerer, als seine Größe vermuten ließ. Leyla spürte, wie sich ein leichtes Unbehagen in ihr ausbreitete, doch es war gemischt mit Neugier. Was war dieses Buch? Und warum schien das Buch nach ihr zu rufen?

  • Kapitel 52 - Filia

    Die Kaiserstadt, das pulsierende Herz des Kaiserreichs, erhebt sich majestätisch im Zentrum des fruchtbaren Herzlands. Umgeben von üppigen Feldern und Dörfern, bildet sie den Knotenpunkt von Macht, Handel und Kultur.  Mit fast 1,5 Millionen Bewohnern, überwiegend Menschen, ist sie unangefochten die größte Stadt des Reiches und strahlt einen Glanz aus, der sich in den Geschichten und Träumen seiner Einwohner widerspiegelt. Die Straßen der Kaiserstadt sind lebendig und geschäftig. Tausende von Geschäften reihen sich in den belebten Vierteln aneinander und bieten alles, was das Herz begehrt. Doch es sind die Akademien, die den Geist der Stadt prägen. Dutzende Bildungsstätten säumen die Stadt, darunter vier angesehene Magieakademien, die angehende Magier aus allen Teilen des Kaiserreichs anziehen. Diese Orte sind Quellen des Wissens und der Macht, ihre Einflüsse spürbar in den glänzenden Augen der Lernenden. Im Herzen der Stadt thront der Kaiserpalast, ein Symbol der unerschütterlichen Herrschaft der Algavia-Dynastie. Seine weißen Türme und prächtigen Palastgebäude sind seit über tausend Jahren für alle Bewohner sichtbar. Der Palastkomplex, der in neun Teile gegliedert ist, dominiert das Stadtbild.  Der Hauptpalast beherbergt den Thronsaal und dient als Residenz des Kaisers und der Kaiserin. Die acht Nebenpaläste sind den Familienmitgliedern der Algavia vorbehalten, in der Regel den Prinzen, umgeben von vier prachtvollen Gärten. Diese grünen Oasen bieten dem Hochadel einen Rückzugsort, wo Politik und Vergnügen aufeinandertreffen. Doch die Kaiserstadt ist eine Stadt der Kontraste. Die strahlende Pracht der Adelspaläste steht im scharfen Gegensatz zu den schäbigen Straßen der ärmeren Viertel. Abseits der acht makellosen Hauptstraßen, die von kunstvollen Laternen und reich verzierten Gebäuden gesäumt sind, breiten sich heruntergekommene Gassen aus. Diese Orte, verborgen im Schatten der Stadt, sind ein Labyrinth der Verzweiflung und des Überlebens. In diesen dunklen Winkeln zeigt die Kaiserstadt ihr anderes Gesicht. Bordelle, Tavernen und zwielichtige Geschäfte florieren in den schmalen Gassen, und die Stimmen der Verzweifelten und Verlorenen hallen durch die Dunkelheit. Solange diese Aktivitäten die heiligen Bezirke des Adels nicht berühren und die Hauptstraßen sauber bleiben, greifen die Behörden selten ein. Es ist eine stille Übereinkunft, die den Frieden in einer Stadt voller Spannungen bewahrt. Der Goldene Fluss, der größte Fluss des Kaiserreichs, durchzieht die Kaiserstadt wie eine Lebensader. Sein Wasser glitzert im Sonnenlicht, und seine Ufer sind gesäumt von Werften und Lagerhäusern. Vom großen Hafen der Stadt legen unzählige Handelsschiffe ab, die Waren und Reichtümer den Fluss hinab in den Süden tragen, wo die großen Handelsstädte und das Meer auf sie warten. Der Fluss verbindet die Kaiserstadt mit dem Rest des Kaiserreichs und ist ein Symbol für den unaufhaltsamen Strom von Macht und Reichtum. Die Kaiserstadt ist das strahlende Juwel des Kaiserreichs, ein Ort, der von Reichtum und Pracht erzählt. Doch dieser Glanz erstrahlt nur für jene, die es sich leisten können. Für die Armen ist die Stadt ein Käfig, in dem Träume verloren gehen und Hoffnungen verblassen. Es ist ein Ort, der ebenso inspirierend wie unerbittlich ist, ein Spiegelbild der Ungerechtigkeiten und Wunder des Kaiserreichs. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Dein Name ist Filia, ja? Deine Aufgabe wird es sein, unseren Sohn zu erziehen und dich um ihn zu kümmern.’’ Graf Herold Lugnics Stimme war ruhig, aber in seiner Betonung lag etwas, das Filia daran erinnerte, dass es hier keinen Raum für Widerspruch gab. Filia musterte den Mann vor ihr. Er war groß, mit einem gepflegten Bart und eleganter Kleidung, die seinen Stand unverkennbar machte. Seine Augen musterten sie, nicht kalt, aber mit einer Art distanziertem Wohlwollen, das ihr Herz schneller schlagen ließ. Es war dieser Blick, der ihr klarmachte, dass sie für ihn nur eine Dienerin war – kein Mensch, sondern ein Besitz. Noch vor wenigen Wochen hatte sie in den Straßen der Kaiserstadt gebettelt, hungernd und verzweifelt, während sie sich durch die schmutzigen Gassen kämpfte, auf der Suche nach etwas Essbarem. Sie erinnerte sich an den Tag, als dieser Mann aus einer prächtigen Kutsche stieg, umgeben von Bediensteten, die ihm blind gehorchten. Filia sah die Szene vor ihrem inneren Auge, als wäre sie erst gestern geschehen. Sie hatte damals auf der Straße gesessen, die Beine angezogen, während sie das Knurren in ihrem Magen ignorierte. Der Graf war direkt auf sie zugetreten, und sein Blick hatte sie durchbohrt. Sie hatte sich sofort kleiner gefühlt, nicht nur wegen seiner imposanten Gestalt, sondern wegen der Art, wie er sie ansah – wie eine Ware, die er begutachtete. ,,Du hast ein hübsches Gesicht und einen hübschen Körper. Kannst du kochen? Dich um ein Kind kümmern?’’ Seine Stimme klang fast beiläufig, als wäre ihre Antwort für ihn nicht mehr als eine Formalität. Filia hatte in dem Moment große Angst gespürt. Sie war jung, vielleicht vierzehn, aber genau wusste sie es nicht. Die Jahre waren ineinander verschwommen, ein grauer Schleier aus Hunger, Angst und Überlebenskampf. Es war nicht das erste Mal, dass ein Mann sie so ansah. Sie kannte diesen Blick, hatte ihn oft genug erlebt. Die meisten Männer wollten von den Mädchen der Straße nur eines — und ihnen war dabei egal, ob es aus Geldnot oder Einverständnis war. Instinktiv hatte sie den Ekel hinuntergeschluckt, der sich in ihrem Bauch zusammengeballt hatte. Sie zwang sich zu lächeln, ein Lächeln, das nicht ihre Unsicherheit, sondern ihre Bereitschaft vortäuschen sollte. ,,Danke für Eure Komplimente. Ja, ich kann gut Kochen und mich auch um Kinder kümmern.’’ Ihre Stimme war süßlich, fast freundlich, und doch hallte sie hohl in ihren eigenen Ohren. In den letzten Jahren hatte sie gelernt, ihre wahren Gefühle zu verbergen. Eine Maske aufzusetzen, war für sie zur Überlebensstrategie geworden. Wenn man das, was man fühlte, nicht zeigte, konnte man wenigstens die Kontrolle über die Situation bewahren – oder sich das einbilden. Doch dann hatte der Graf sie überrascht. Er hatte sie nicht berührt, hatte nicht von ihr verlangt, was andere Männer vor ihm verlangt hatten. Stattdessen hatte er sie eingeladen, zu seinem Anwesen zu kommen. Er hatte ihr Geld für eine Bleibe, neue Kleidung und Essen gegeben, bevor er wieder in seine Kutsche gestiegen und davongefahren war. Jetzt, einige Wochen später, stand sie hier, vor seinem Anwesen, das größer war, als sie es sich je hätte vorstellen können. Die Mauern waren hoch und makellos weiß, die Fenster glänzten im Licht der Morgensonne. Alles hier schrie Reichtum und Macht, doch für Filia hatte es den Geschmack von Käfigstäben. Der Graf lächelte sie an, sein Gesichtsausdruck freundlich, fast zuvorkommend. Doch Filia durchschaute diese Maske. Sie wusste, dass dieses Lächeln nichts bedeutete. Für ihn war sie kein Mensch, sondern ein Mittel zum Zweck – ein Werkzeug, das er nach Belieben einsetzen konnte. ,,Ja, mein Name ist Filia, Euer Gnaden. Ich freue mich darauf, mich um Euren Sohn zu kümmern.’’ Ihre Worte klangen höflich, fast enthusiastisch, doch in ihrem Inneren fühlte sie nichts als Leere. - ------------------------------------------------------------------------- Seit mittlerweile knapp fünfzehn Jahren war Filia im Anwesen der Lugnics angestellt. Ihre Aufgabe war es, sich um Mattheo Lugnics zu kümmern, ihn zu erziehen und ihm die Grundlagen des Lebens beizubringen.  Der Graf hatte darauf bestanden, dass Filia ebenfalls Unterricht nahm. So lernte sie Lesen und Schreiben, einfache Mathematik und die Grundlagen der Alltagsmagie – Fähigkeiten, die ihr in ihrem früheren Leben unvorstellbar erschienen wären. Das Leben im Anwesen war für Filia zweifellos besser geworden. Sie wurde gut behandelt, hatte ein eigenes Zimmer, stets genug zu essen und musste sich keine Sorgen mehr machen, auf den Straßen zu verhungern oder sich Männern anzubieten, um zu überleben. Dennoch blieb ein nagendes Gefühl. Es war das Gefühl, dass ihr etwas fehlte. Freiheit. Die Straßen der Armut waren gegen die Mauern des Anwesens getauscht worden, und Filia fragte sich oft, ob sie jemals wirklich frei sein würde – frei von Armut, Erwartungen und den Zwängen, die ihr Leben von außen bestimmten. Mit einem gedankenverlorenen Blick ließ Filia ihre Augen durch den Empfangsraum des Anwesens gleiten. Heute war ein besonderer Tag. Der Graf hatte ein wichtiges Treffen, das war nicht ungewöhnlich, doch heute war seine Nervosität deutlich spürbar. Es lag eine Anspannung in der Luft, die Filia unruhig machte. [???] ,,Seine Hoheit, Prinz Eugenius wird nun eintreten!’’ Die laute Stimme eines Dieners von draußen riss Filia aus ihren Gedanken. Ein Prinz? Ein Mitglied der Kaiserfamilie? Filia konnte es kaum glauben. Sicher, der Graf war ein Adliger, aber er hatte keinen direkten Einfluss oder Verbindungen zur Kaiserfamilie. Warum war ein Prinz hier? Sie zwang sich, ruhig zu bleiben, auch wenn ihr Herz schneller schlug. Ihre Unsicherheit durfte nicht sichtbar sein. Die großen Türen des Empfangsraumes öffneten sich mit einem kräftigen Schwung, und ein Mann mit langen, goldblonden Haaren trat ein. Seine Präsenz war einschüchternd und doch faszinierend, und sein Gewand spiegelte die Pracht seines Standes wider. Sofort verbeugten sich der Graf, seine Frau, Filia und die anderen Dienerinnen tief vor ihm. Ihre Haltung war respektvoll und demütig, wie es sich gehörte. ,,Es freut mich, Euch in meinem bescheidenen Anwesen willkommen heißen zu dürfen, Eure Hoheit.’’ Die Worte des Grafen klangen unterwürfig, fast devot – eine Seite von ihm, die Filia noch nie gesehen hatte. Die Schritte des Prinzen hallten durch den Raum, gleichmäßig und selbstbewusst. Filia hielt ihren Blick weiter auf den Boden gesenkt, während ihre Gedanken unkontrolliert rasten. Plötzlich spürte sie, wie die Schritte vor ihr zum Stillstand kamen.  ,,Ist dies hier die Dienerin, von der Ihr mir berichtet habt, Graf Lugnics?’’ Die Stimme des Prinzen war klar, durchdringend und trug eine unausgesprochene Autorität in sich. Filia zuckte zusammen. Warum hatte der Graf dem Prinzen von ihr erzählt? Was wollte ein Mitglied der Kaiserfamilie von ihr? ,,Genau, mein Prinz. Das ist die fähige Dienerin, die meinen Sohn großgezogen und betreut hat. Sie kann lesen und schreiben, arbeitet unermüdlich und beherrscht die Etikette des Hofes. Ihr werdet mit ihr nicht enttäuscht sein.’’ Der Stolz des Grafen war in seinen Worten unüberhörbar, doch Filia fühlte, wie die Unsicherheit sie zu erdrücken drohte. - ------------------------------------------------------------------------- Filia schwitzte vor Angst und Nervosität. Ihre Hände lagen steif in ihrem Schoß, und ihr Blick war starr auf ihre Füße gerichtet, als hätte sie Angst, dass jede Bewegung unangenehme Aufmerksamkeit auf sie ziehen könnte. Sie wagte es kaum zu atmen, während die Kutsche sanft über den gepflasterten Weg rollte. Sie saß in der opulent ausgestatteten Kutsche des Prinzen Eugenius, unterwegs zur Kaiserstadt. Die schweren Vorhänge, die das Innere der Kutsche vom hellen Licht der Außenwelt abschirmten, verstärkten das Gefühl der Enge, das sie erdrückte. Die luxuriösen Polster und Verzierungen, die für den Prinzen selbstverständlich waren, fühlten sich für Filia wie Requisiten einer fremden Welt an. Er hatte sie einfach mitgenommen. Ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung. Sie hatte nicht einmal die Möglichkeit gehabt, ihre wenigen Besitztümer einzupacken. ,,Du kriegst alles, was du brauchst, lass deine Sachen hier.’’ Das waren die Worte, die der Prinz gesagt hatte, bevor sein Leibdiener sie wortlos in die Kutsche gebracht hatte. Nun saß sie alleine mit ihm, dem dritten Enkel des Kaisers, in dieser geschlossenen, fast unwirklich anmutenden Welt. Sie fühlte sich klein und machtlos, als ob jeder ihrer Atemzüge zu laut sein könnte. ,,Nur nichts Falsches sagen, keine falsche Bewegung machen’’ , flüsterte sie in Gedanken zu sich selbst, während sie ihren Kopf noch tiefer neigte, um seinem Blick auszuweichen.  ,,Du brauchst nicht so angespannt sein, ich tue dir nichts.’’ Die Stimme des Prinzen war ruhig, fast sanft, doch für Filia war sie nicht beruhigend. Jedes seiner Worte schien von einem unausgesprochenen Befehl getragen zu sein, von der Autorität eines Mannes, der es gewohnt war, über das Leben anderer zu bestimmen. ,,Ich war seit einiger Zeit auf der Suche nach einer Bediensteten, die in meinem Abschnitt des Kaiserpalasts arbeitet. Ich vertraue nicht vielen Menschen, deswegen wollte ich eine aussuchen, die keine direkte Verbindungen zu den hohen Familien der Kaiserstadt hat.’’ All seine Worte klangen fast beiläufig, doch Filia konnte das Gewicht hinter ihnen spüren. Er sprach weiter, seine Stimme unverändert weich, aber für Filia war sie wie das leise Knirschen von Zahnrädern, die sich in einer präzisen Maschinerie bewegten. ,,Ich bin mir sicher, dass du deine Aufgaben gut erledigen wirst. Es wird dir an nichts fehlen und dich wird niemals jemand anfassen.’’ Filia nickte langsam, ihre Kehle war wie zugeschnürt. Sie wagte es nicht, ihn anzusehen, während sie die Worte in sich aufnahm. Es war das zweite Mal in ihrem Leben, dass ihr ein neuer Lebensabschnitt aufgezwungen wurde. Das erste Mal hatte sie die Straßen der Kaiserstadt hinter sich gelassen und war Dienerin im Anwesen des Grafen Lugnics geworden. Und jetzt war es der Prinz selbst, der sie in diese neue Welt zog. Ihre Situation hatte sich wieder einmal verbessert – die Straßen und die Unsicherheit waren mittlerweile durch prunkvolle Korridore und garantierte Sicherheit ersetzt worden. Doch gleichzeitig waren die Ketten, die sie gefangen hielten, enger und unnachgiebiger geworden. - ------------------------------------------------------------------------- Filia hatte bereits ein Jahr im Kaiserlichen Palast gearbeitet. Die anfängliche Aufregung und die fremde Pracht waren einer bedrückenden Routine gewichen. Während sie im Anwesen des Grafen gelegentlich die Möglichkeit gehabt hatte, die Welt außerhalb zu erleben, war sie im Palast an diesen Ort gebunden. Ein unsichtbarer Käfig umgab sie, strenger und undurchdringlicher als zuvor. Der Nebenpalast des Prinzen war ihre gesamte Welt geworden. Direkt bei der Ankunft war es ihr untersagt worden, ihn zu verlassen. Jeden Tag sah sie dieselben drei Gesichter: Prinzen Eugenius, den Leibdiener Charles Winson und den Koch. Ihre Aufgaben waren eintönig, unnachgiebig in ihrer Gleichförmigkeit: die Gänge und Zimmer reinigen, dem Prinzen das Essen bringen und dem Leibdiener bei seinen Aufgaben assistieren. Die Tage verschwammen zu einem endlosen Strom aus Wiederholung. Wenn Besucher in den Nebenpalast kamen, wurde sie gezwungen, sich in ihrem Zimmer zu verstecken. Jede Bitte um Kleidung, Bücher oder etwas Besonderes musste durch Charles gehen. Ihre Isolation war vollständig, durchbrochen nur von den engen Grenzen der Pflichten, die man ihr auferlegte. Die Welt außerhalb hatte sich in der Zwischenzeit verändert. Kaiser Tavil IV war verstorben, und sein Sohn Verion war gekrönt worden. Charles hatte ihr vom Prinzenspiel erzählt, einer grausamen Idee des Kaisers, die Eugenius vom Prinzen zum Kronprinzen gemacht hatte. Doch für Filia war dies alles nur Hintergrundrauschen in ihrer eintönigen Existenz. Dann, vor zwei Tagen, war alles anders geworden. Ein neues Mädchen war in den Palast gekommen. Leyla, eine junge Frau mit auffälligen blauen Haaren, war in einem der Gästezimmer einquartiert worden. Filia hatte die Anweisung erhalten, sich um sie zu kümmern. Doch sie brauchte keine Erklärungen, um zu wissen, dass Leyla genauso gefangen war wie sie. Am ersten Abend hatte Filia sich bemüht, Leyla die Situation zu erklären. Sie hatte versucht, es ihr so leicht wie möglich zu machen, sich in dieser neuen Umgebung zurechtzufinden. Trotz ihrer Unterschiede fühlte Filia eine stille Verbundenheit mit ihr. Beide waren Gefangene, eingeschlossen in den unsichtbaren goldenen Ketten, die Eugenius ihnen auferlegt hatte. Der gestrige Abend war beunruhigend gewesen. Leyla hatte einen Anfall gehabt, und nur Filias Entscheidung, noch einmal bei ihr vorbeizusehen, hatte das Schlimmste verhindert. Sie hatte Leyla beruhigen können, doch die Angst, etwas könnte wieder geschehen, blieb in ihr zurück. Jetzt saß Filia in ihrem kleinen Zimmer und starrte aus dem Fenster auf die Kaiserstadt. Der Himmel war bedeckt, und die grauen Wolken ließen die Stadt trostlos erscheinen. Filia seufzte, ihre Gedanken drifteten zurück zu Leyla. Vielleicht war sie jetzt wieder in ihrem Zimmer, dachte sie.  Ihr Blick fiel auf die Amphore mit dem Wein, die Charles ihr kürzlich besorgt hatte. Der Gedanke kam ihr plötzlich und unerwartet: Leyla könnte ja vielleicht Gesellschaft gebrauchen. Sie nahm die Amphore in die Hand, ihre Bewegungen entschlossen. Filia wollte Leyla näherkommen. Sie wollte eine Freundschaft aufbauen, die die Einsamkeit für sie beide lindern konnte. Doch in ihrem Herzen wusste sie, dass Leyla eines Tages gehen würde. Sie würde den Palast verlassen. Und Filia? Sie würde bleiben, wieder gefangen in der Isolation, die sie zu erdrücken drohte.

  • Kapitel 51 - Alleine im Misstrauen?

    Der Kamerismus ist die vorherrschende Religion des Kaiserreichs. Er verehrt die Göttin Kamera als die allmächtige Beschützerin des ewigen Friedens und Heils. Die Lehren des Kamerismus durchdringen alle Aspekte des Lebens im Kaiserreich, von den Gesetzen bis hin zu den Traditionen der Bevölkerung. Der Glaube besagt, dass Kamera einst die Erde erschuf und sie mit Leben und Magie erfüllte. Sie formte die verschiedenen Völker, jedes mit einzigartigen Gaben, und gab ihnen spezifische Aufgaben, die im Dienst der göttlichen Ordnung stehen sollten. Die Oger, gesegnet mit enormer Körperkraft, wurden geschaffen, um die schwersten Arbeiten zu verrichten. Sie sind das Rückgrat der körperlichen Arbeit, die das Fundament der Gesellschaft bildet. Die Elfen, deren Weisheit und Schönheit als unübertroffen gelten, wurden mit der Aufgabe betraut, die Geheimnisse der Welt zu erforschen und das gesammelte Wissen weiterzugeben. Ihr Einfluss zeigt sich in der Magie und den Künsten, die das Kaiserreich prägen. Doch die Menschen, geschaffen nach dem Ideal Kameras, erhielten die höchste Ehre und die größte Verantwortung: Sie sollten über alle anderen herrschen. Nur die Menschen, so lehrt der Kamerismus, sind in der Lage, das Gleichgewicht der Welt zu wahren und alle Völker zu führen. Alle anderen Völker sollen den Menschen dienen und ihnen helfen, das Paradies, das allen Wesen nach ihrem Tod versprochen wird, auf der Erde zu verwirklichen. Diese Lehren bilden die Grundlage für die gesellschaftliche Ordnung des Kaiserreichs und begründen die dominierende Rolle der Menschen. In den Augen der kameristischen Kirche ist diese Hierarchie nicht nur gerecht, sondern gottgegeben. Der Sitz der Kameristischen Kirche befindet sich in Karintes, einer imposanten Stadt inmitten der endlosen Wüste des Ostens. Karintes ist nicht nur ein Ort des Glaubens, sondern auch ein Symbol für die Macht und den Einfluss des Kamerismus. An ihrer Spitze steht der Papst, der als religiöses Oberhaupt die Gläubigen führt und ihre spirituelle Bindung zur Göttin Kamera aufrechterhält. Dem Papst stehen drei göttliche Krieger zur Seite, die als Verkörperung der Macht Kameras gelten. Jeder von ihnen besitzt einzigartige Fähigkeiten, die sie im Dienst des Glaubens einsetzen. Die Priesterin, eine Elfe namens Garda, hat die Fähigkeit, jeden, der mit ihr spricht, zu einem treuen Anhänger der Göttin zu machen. Ihre Worte sind so überzeugend und durchdrungen von Kameras Gnade, dass sie Herzen und Geister wandeln kann. Das Schwert, eine Menschin namens Jasmin, ist eine mächtige Kriegerin. Sie kann im Kampf die göttliche Macht Kameras kanalisieren, um selbst die stärksten Feinde zu überwältigen. Ihre Stärke ist legendär, und sie gilt als der Schutzschild der Gläubigen. Der Prophet, ein Mensch namens Filu, besitzt die Gabe, in die Zukunft zu blicken. Durch diese Fähigkeit kann er Geschehnisse voraussehen und die Gegenwart so lenken, dass das göttliche Ziel erreicht wird. Seine Visionen sind sowohl ein Segen als auch eine Bürde, denn er trägt die Verantwortung, die Botschaften der Göttin zu deuten. Zusammen bilden diese drei Krieger die unerschütterlichen Säulen des Kamerismus. Sie sind nicht nur Verteidiger des Glaubens, sondern auch ein lebendiger Beweis für die Macht und Gegenwart der Göttin Kamera. -------------------------------------------------------------------------- Erschöpft zog Leyla das schwarze Kleid von ihren Schultern, das ihr wie eine zweite Haut vorgekommen war. Sie legte es vorsichtig zur Seite, griff nach dem blauen Buch, ,,Die Reisen des Gheng Chu ’’ , und ließ sich auf das weiche Bett fallen. Ihre Augen wanderten träge durch den Raum, über das gedämpfte Licht, das die Wände streifte, und schließlich hinaus zum Fenster. Dort draußen spannte sich ein dunkelgrauer Himmel über die Kaiserstadt, mit Wolken, die, schwer wie ihre Gedanken, über den Frühlingshimmel krochen. ,,Wer dieser Bekannte vom Prinzen wohl sein wird..?’’ murmelte Leyla leise und ließ die Worte wie eine Feder durch den Raum gleiten. Sie schloss die Augen, und eine vage Vorstellung formte sich vor ihrem inneren Blick. Ein alter Magier vielleicht, mit strengem Blick und scharfen Worten, der sie bei ihren Übungen überwachte. Plötzlich durchzuckte sie ein Gedanke. Ihr Atem stockte. ,,Warte’’, flüsterte sie, ,,vielleicht kann ich dann fliehen. Wenn ich die Handschellen nicht mehr anhabe, kann ich meine Magie wirken.’’ Hoffnung flackerte wie eine kleine Flamme in ihrem Inneren auf. In ihrem Kopf malte sie sich eine Flucht aus, wild und dramatisch: Die Wände des Palastes bebten unter ihrer Magie, während sie triumphierend auf einer mächtigen Steinwelle davonritt, zurück nach Malyl. Ein Grinsen stahl sich auf ihre Lippen, doch es war flüchtig, und sie öffnete ihre Augen wieder. Der Traum war zu schön, um wahr zu sein. Selbst wenn sie die Kräfte des Steins kontrollieren könnte, war die Realität unerbittlich. Die Kaiserstadt war voller Personen, die viel mächtiger waren als sie. Eine Flucht würde sie nur von einer Gefangenen zu einer Gejagten machen. ,,Leyla, wie war das Treffen mit Kronprinz Eugenius?’’ Filias Stimme riss sie aus ihren Gedanken wie ein plötzlicher Windstoß, der eine Kerze ausbläst. Leyla fuhr zusammen und richtete sich hastig auf. In der Tür stand Filia, ihr Gesicht von einem warmen Lächeln erhellt. In ihrer Hand hielt sie eine elegante Glasamphore mit einem tiefroten Getränk, das wie flüssiges Feuer im Licht schimmerte. Misstrauen durchzog Leylas Gedanken wie ein dunkler Schatten.  ,,Ich muss aufpassen. Filia hat dem Kronprinzen von mir berichtet. Alles, was ich sage oder tue, könnte an ihn weitergeleitet werden.’’ ,,Es war gut, er ist ein netter Mann’’, antwortete Leyla, ihre Worte knapp und vorsichtig gewählt. Sie sah, wie Filias Augenbraue sich leicht hob, eine Spur von Zweifel in ihrem Blick, doch sie schwieg. Filia ließ sich davon jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Mit der linken Hand hob sie das Gefäß leicht in die Höhe, ihr Lächeln blieb freundlich. ,,Ich habe uns etwas Wein besorgt, hast du Lust, dich etwas zu unterhalten?’’ Leyla musterte die Dienerin für einen langen Moment. ,,Ist das eine Falle?’’ Seit dem Gespräch mit Eugenius war der Argwohn in ihr gewachsen, und er baute sich wie eine unsichtbare Mauer zwischen ihr und Filia auf. Sie fühlte sich noch nicht in der Lage, diese Mauer zu durchbrechen. ,,Nein, danke.’’ Die Worte kamen schärfer heraus, als Leyla beabsichtigt hatte. Ein stechendes Gefühl der Schuld durchzuckte sie. Filia zog ihren Kopf leicht zurück, das Lächeln auf ihrem Gesicht wurde schmaler. ,,Ist etwas vorgefallen Leyla? Du wirkst distanzierter als heute Morgen.’’  -------------------------------------------------------------------------- Die Worte platzten einfach aus Leyla heraus, bevor sie sie zurückhalten konnte: ,,Du hast dem Kronprinzen davon erzählt, wie es mir gestern ging. Was hast du ihm noch alles erzählt?’’ Ihre Stimme war nicht laut, aber der Vorwurf darin war unüberhörbar. Sie hatte nicht vor, Filia schlecht zu behandeln, doch das Misstrauen nagte an ihr und ließ ihr keine Wahl. Filia schien für einen Moment überrascht, doch sie fing sich schnell wieder. Ihre Haltung blieb ruhig und gelassen, als sie antwortete: ,,Ich verstehe, wieso du das denkst. Meine Aufgabe ist es, mich um dein Wohlbefinden zu kümmern. Ich habe ihm nur erzählt, dass es dir nicht so gut ging, allerdings keine Details.’’ Ihre Worte waren sanft, und ihr Blick spiegelte Verständnis wider. Filia lächelte, doch Leyla konnte sich nicht entspannen. Sie musterte Filias Gesicht, suchte nach Anzeichen für eine Lüge oder einen versteckten Hintergedanken. Doch alles, was sie sah, war Aufrichtigkeit – oder war es nur gut gespielte Höflichkeit? Leyla kämpfte innerlich mit sich selbst. Sie wollte Filia vertrauen, wollte eine Freundin haben, auf die sie sich verlassen konnte. Doch das Misstrauen, das das Gespräch mit dem Kronprinzen in ihr geweckt hatte, ließ sie zögern. Seit der Trennung von Roxy und Liam, seit Fers Tod, fühlte sie sich einsam wie nie zuvor. ,,Und du erzählst nichts von unseren Gesprächen?’’ fragte Leyla schließlich, ihre Stimme vorsichtig, fast zaghaft. ,,Nein, die bleiben unter uns, versprochen.’’ Filia legte eine warme Hand auf Leylas Schulter und begann sie sanft zu streicheln. Die Geste war beruhigend, und Leyla spürte, wie ein Kloß in ihrem Hals aufstieg. Ohne Vorwarnung schossen ihr Tränen in die Augen. Bevor sie reagieren konnte, hatte Filia sie bereits in eine feste Umarmung gezogen. Leyla fühlte die Wärme und Weichheit von Filias Brust, die sie an das Gefühl erinnerte, das sie zuletzt in Liams Nähe empfunden hatte. In diesem Moment fühlte sie sich sicher, ein Gefühl, das ihr seit Tagen fremd geworden war. Die Umarmung schien ewig anzuhalten, doch schließlich löste sich Filia sanft von ihr und setzte sich auf einen Stuhl. Mit ruhigen Bewegungen begann sie, den Wein in zwei Gläser zu füllen. Sie reichte Leyla eines davon und nahm selbst einen Schluck. Der Wein war tiefrot und hatte ein sanftes Aroma, das Leyla an die Spätsommerabende in Malyl erinnerte. ,,Möchtest du, dass ich dir von mir erzähle? Vielleicht kannst du mir dann mehr vertrauen.’’ Leyla zögerte nur kurz, bevor sie nickte. Sie nahm einen Schluck Wein und stellte überrascht fest, wie gut er schmeckte. Viel besser als die Weine, die sie in den Tavernen getrunken hatte. Filias Lächeln wurde breiter, als sie Leylas Reaktion bemerkte. Sie stellte ihr Glas auf den Nachttisch und lehnte sich leicht zurück. Dann begann sie zu erzählen, ihre Stimme ruhig und warm, wie das Knistern eines Feuers an einem kalten Abend.

  • Kapitel 50 - Kronprinz Eugenius

    Die Kaiserfamilie Algavia gehört zu den ältesten und ehrwürdigsten Familien des Menschengeschlechts. Ihre Geschichte reicht weit in die Vergangenheit zurück, und die erste bekannte Erwähnung ihrer Existenz findet sich in einer Inschrift auf den Steintafeln eines alten Tempels nördlich des heutigen Vallykas. Dieser Tempel, der der Göttin Kamera gewidmet ist, gilt als einer der heiligen Orte des Kontinents. Die Macht und der Einfluss der Algavia gründen sich auf zwei außergewöhnliche Stärken, die sie von allen anderen Familien abheben und ihnen ihre einzigartige Position sichern. Die erste Stärke ist ihre Verbindung zur Zeitmagie. Die Algavia sind die einzige Familie unter den Menschen, deren Blutlinie die Fähigkeit zur Kontrolle der Zeit verleiht. Diese Gabe variiert in ihrer Ausprägung stark von Mitglied zu Mitglied.  Einige Kaiser konnten die Zeit für alles Lebendige anhalten oder sogar für kurze Momente zurückspulen. Andere hingegen beherrschten nur einfache Manipulationen, wie das Einfrieren kleiner Objekte in der Zeit. Dennoch bleibt diese Gabe eine unvergleichliche Waffe und ein Symbol der göttlichen Autorität der Algavia. Die zweite Stärke ist eine Verbündete von unvorstellbarer Macht: Yang. Sie gehört dem sagenumwobenen Volk der Wacal an, einer Rasse, die für ihre enorme Lebensspanne und ihre außergewöhnlichen magischen Fähigkeiten bekannt ist. Yang ist nicht nur die stärkste Kriegerin des Kaiserreichs, sondern sie dient der Kaiserfamilie seit über 1500 Jahren als Beschützerin und Beraterin.  Ihre Loyalität zu den Algavia ist unerschütterlich, doch die Gründe für ihre Verbundenheit bleiben ein Geheimnis. Viele Gelehrte und Adlige haben über die Natur dieser Beziehung spekuliert, doch weder die Kaiserfamilie noch Yang selbst haben dazu je Stellung genommen. Ihre schiere Präsenz und ihre Fähigkeiten machen sie zu einer lebenden Legende im Kaiserreich.  Es waren die Algavia, die einst die zersplitterten Menschenkönigreiche unter ihrer Herrschaft vereinten und sie zu einem Kaiserreich formten. In den dunklen Tagen des Großen Krieges führten sie ihre Truppen mit unerschütterlicher Entschlossenheit und gewannen die Kontrolle über den gesamten Kontinent.  Die Kaiserkrone, die sie seither tragen, ist mehr als ein Symbol ihrer Macht – sie ist ein Beweis für ihre göttliche Berufung und ihre unvergleichliche Herrschaft über die Menschen. - ------------------------------------------------------------------------- Eugenius Algavia wurde als dritter Sohn von Verion Algavia geboren. Als Enkel von Kaiser Tavil IV war er von Geburt an Teil der mächtigsten Familie des Kaiserreichs. In seiner Jugend genoss er den Schutz und die Fürsorge, die nur einem Nachkommen des Kaisers zuteilwerden konnten.  Doch trotz des Luxus seines Lebens war Eugenius schon immer ein Kind, das seine Umgebung aufmerksam beobachtete und sich mit einem ungewöhnlich scharfen Verstand von seinen Geschwistern unterschied. Im Alter von sieben Jahren begann er eine Ausbildung in der kaiserlichen Privatakademie. Schon bald wurde deutlich, dass Eugenius kein Talent für Magie oder den Schwertkampf hatte.  Während seine Brüder sich in der Kunst der Kriegführung übten, entfalteten sich seine Stärken in ganz anderen Bereichen. Verwaltung, Diplomatie und Politik fielen ihm leicht, und seine Lehrer erkannten schnell, dass er ein außergewöhnliches Gespür für strategisches Denken besaß. Sein Vater, Verion Algavia, erkannte dieses Potenzial und traf eine ungewöhnliche Entscheidung. Anstatt Eugenius wie die anderen Prinzen in der Hauptstadt auszubilden, schickte er ihn an verschiedene Akademien im gesamten Kaiserreich. Diese Reisen ermöglichten es Eugenius, nicht nur von den besten Lehrern zu lernen, sondern auch das Reich und seine Menschen aus nächster Nähe kennenzulernen. Diese Zeit prägte ihn. Während andere Prinzen die Theorie in den Hallen der Kaiserstadt studierten, bereiste Eugenius abgelegene Dörfer, lernte regionale Dialekte und sah die Realitäten des Lebens außerhalb des Hofes. Er verstand die Nöte und Hoffnungen der einfachen Leute besser als seine Brüder, die das Kaiserreich nur durch Berichte und Karten kannten. Im Alter von zweiundzwanzig Jahren kehrte Eugenius schließlich in die Kaiserstadt zurück. Inzwischen war er ein Mann geworden, gereift durch seine Erfahrungen und entschlossen, seinen Platz in der Politik zu finden. Er hatte sich bereits entschieden: Sein Ziel war es, in die Verwaltung einzusteigen. Der Schatzmeister des Kaiserlichen Rats zu werden war sein erklärtes Ziel. Dort glaubte er, könnte er nicht nur seine Talente einsetzen, sondern auch langfristig das Kaiserreich stärken. Doch sein sorgfältig geplanter Weg wurde durch eine einzige Entscheidung seines Vaters zerstört. Verion Algavia, nun Kaiser, rief das sogenannte Prinzenspiel aus. Dieses Spiel zwang alle Prinzen, um den Thron zu kämpfen, und das Ausscheiden bedeutete nicht nur den Verlust aller Titel, sondern auch die Verbannung aus dem Kaiserreich.  Eugenius hätte kein Problem damit gehabt, wenn einer seiner Brüder zum Kronprinzen ernannt worden wäre. Er war sogar bereit gewesen, sie in ihrer Rolle zu unterstützen, solange er seinen Platz in der Verwaltung finden konnte. Doch die Gefahr, alles zu verlieren und ins Exil geschickt zu werden, war etwas, das er nicht ignorieren konnte. Es war diese Entscheidung seines Vaters, die Eugenius veränderte. Zum ersten Mal in seinem Leben fühlte er den Druck, mit allen Mitteln kämpfen zu müssen. Er erkannte, dass es keine Kompromisse mehr gab – wenn er überleben wollte, musste er den Thron besteigen. Und so begann er, mit ruhigem Kalkül und unnachgiebigem Ehrgeiz seinen Weg zu planen. Der Prinz, der einst nur ein Diener des Kaiserreichs sein wollte, machte sich bereit, dessen Herrscher zu werden. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla trat durch die Tür in den Raum. Das Zimmer war großzügig und elegant eingerichtet. Der Boden war bedeckt mit einem großen Teppich, der in lebhaften Farben das Bild eines majestätischen Adlers darstellte. Lange Bücherregale, gefüllt mit prächtig gebundenen Werken, säumten die Wände und verliehen dem Raum die Atmosphäre einer Gelehrtenbibliothek. Zwei goldene Kronleuchter erhellten den Raum mit einem warmen, einladenden Licht. Am Ende des Raumes befand sich ein großes Fenster, das den Blick auf die Kaiserstadt freigab. Das Zimmer hatte etwas Beruhigendes, doch Leyla konnte die Anspannung nicht abschütteln. Es wirkte mehr wie eine Inszenierung von Macht und Wissen als ein tatsächlicher Rückzugsort. In der Mitte des Raumes stand ein massiver Holztisch, auf dem Bücher, Schriftrollen und ein Tintenfass verstreut lagen. Der Kronprinz saß dahinter, seine Haltung entspannt, als gehöre ihm die Welt. Sein prunkvolles blaues Gewand schimmerte im Licht der Kronleuchter, und seine langen, goldenen Haare fielen wie ein glänzender Wasserfall über seine Schultern. Leyla neigte hastig ihren Kopf und verbeugte sich tief. Ihre Stimme war fest, doch sie konnte den Anflug von Unsicherheit nicht verbergen, der sich in ihre Haltung einschlich. ,,Ihr habt mich gerufen, Eure Hoheit?’’ Ihre Hände waren feucht vor Nervosität, während sie versuchte, sich aufrecht zu halten. Der Kronprinz musterte sie mit einem ruhigen, durchdringenden Blick, bevor er das Buch in seiner Hand langsam zuklappte und es bedächtig auf den Tisch legte. ,,Erhebe dein Haupt und setze dich zu mir. Ich würde mich gerne mit dir unterhalten.’’ Leyla zögerte, bevor sie den freien Stuhl vor dem Tisch nahm. Der Stuhl war zwar schlicht, aber komfortabel, und sie konnte nicht anders, als ihn mit den unbequemen Holzmöbeln der Tavernen zu vergleichen, in denen sie einst Zuflucht gefunden hatte. ,,Du fragst dich sicher, warum du als Gast hier festgehalten wirst.’’ Seine Stimme war ruhig, fast einladend, doch Leyla spürte den unausgesprochenen Druck, der in jedem seiner Worte lag. ,,Das hat einen guten Grund. Eine Freundin von mir, Lady Lacroix, hat mir von der Kraft, die du freigesetzt hast, erzählt. Ich würde diese gerne erforschen und…’’  Er hielt inne, als habe er sich verplappert. Dann fuhr er in einem anderen Ton fort: ,,Möchtest du Tee?’’ Leyla nickte zögerlich, ihre Gedanken rasten. Wäre sie nur ein weiteres Experiment für den Adel? Würde er sie wie ein Werkzeug behandeln, um seine eigenen Ziele zu erreichen? Sie ahnte die Antworten bereits. Der Prinz schenkte ihr Tee ein und räusperte sich leise, bevor er fortfuhr. ,,Wo war ich stehen geblieben? Ach ja. Ich will deine Kraft erforschen und sie entwickeln. Ich glaube du hast ein großes Potenzial und du könntest dem Kaiserreich damit helfen.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leylas Magen zog sich zusammen. Der Gedanke, das Kaiserreich zu unterstützen, widerstrebte ihr. Diese Kraft war nicht ihre eigene und sie wollte sie nicht für den Adel nutzen. ,,Nächste Woche wird ein guter Bekannter von mir dich besuchen und sich deiner Kraft annehmen.’’ Seine Worte klangen wie eine Anweisung, nicht wie ein Angebot. ,,Bis dahin erwarte ich, dass du dich ausruhst.’’ Alles ging zu schnell. Leyla fühlte sich überrannt, als sei sie ein Bauer auf einem Spielbrett, der von einer unsichtbaren Hand gezogen wurde. Sie wusste, dass der Adel gewohnt war, über das Leben anderer zu verfügen, doch es zu erleben, war etwas ganz anderes. ,,Ich habe mit Filia gesprochen. Sie hat erzählt, dass es dir gestern nicht gut ging.’’ Sein Tonfall war plötzlich weich, fast besorgt. ,,Wenn du etwas brauchst oder dir etwas fehlt, dann sag es ihr. Dir darf es an nichts fehlen.’’ Sein Lächeln war freundlich. Sie nahm einen Schluck Tee, während ihre Gedanken rasten. ,,Kann ich ihm vertrauen? Er ist ganz anders als ich mir Prinzen vorgestellt habe.’’ Der Prinz wartete, sein Blick fest auf sie gerichtet. Leyla wusste, dass sie etwas sagen musste, doch ihre Gedanken wirbelten in ihrem Kopf wie ein Sturm umher. Schließlich öffnete sie den Mund: ,,Ähm, Eure Hoheit?’’ ,,Ja, Miss Leyla?’’ Seine Stimme blieb geduldig. ,,Ich würde gerne wissen, wie es meinen Freunden geht. Wisst Ihr etwas darüber?’’ Ihre Stimme zitterte leicht, und sie biss sich auf die Unterlippe. Der Kronprinz zeigte keine Reaktion, als er antwortete: ,,Mir ist nichts zu deinen Freunden bekannt. Lady Lacroix hat niemanden erwähnt.’’ Leylas Herz krampfte sich zusammen. Sie wollte nichts mehr, als zu Roxy und Liam zurückzukehren. Doch dieser Weg schien immer weiter in die Ferne zu rücken. Der Schmerz musste ihr ins Gesicht geschrieben stehen, denn der Kronprinz ließ seine freundliche Maske kurz sinken. ,,Am besten vergisst du deine Freunde.’’ Seine Stimme wurde kühler, während seine Worte wie Dolche stachen. ,,Du bist jetzt hier, in meinem Besitz. Je schneller du dich damit abfindest, desto besser.’’ Leyla spürte, wie ihre Wut aufflammte, doch sie hielt sie zurück. Seine Worte brannten sich in ihren Verstand und hinterließen Wunden in ihrem Herzen. ,,Ich wusste es. Er ist ein Adliger, natürlich kann ich ihm nicht vertrauen. Filia genauso wenig. Alles was ich ihr erzähle, wird an ihn weitergegeben. Ich muss mich auf mich selbst verlassen.’’ Mit äußerster Beherrschung zwang sie sich, höflich zu bleiben. ,,Ich bin erschöpft. Erlaubt Eure Hoheit, dass ich mich auf mein Zimmer begebe?’’ Der Kronprinz nickte, sein Lächeln kehrte zurück, als sei nichts geschehen. ,,Natürlich. Charles wird dich zurückbegleiten.’’

bottom of page