Suchergebnisse
220 Ergebnisse gefunden mit einer leeren Suche
- Kapitel 10 - Ein kleines bisschen Geborgenheit
,,Meinst du wir werden in Ramir Arbeit finden?’’ Leyla blickte zu Liam hinauf, der sich bereits seit Stunden nicht mehr die Mühe machte, normal neben ihr herzulaufen. Stattdessen sprang er beinahe mühelos von Ast zu Ast durch die Baumwipfel, als wäre der Wald selbst sein natürlicher Lebensraum. Vor einigen Tagen hatte sie dieses Verhalten noch unglaublich nervig gefunden. Mittlerweile hatte sie sich fast daran gewöhnt. Das gelegentliche Rascheln über ihr gehörte inzwischen ebenso zur Reise wie das Knirschen ihrer eigenen Schritte auf dem Waldboden. Liam hielt auf einem dicken Ast inne und sah zu ihr herunter. Seine Jacke, die schon bei ihrem Kennenlernen zerrissen gewesen war, hatte er endgültig weggeworfen und trug seitdem nur noch ein dunkelgrünes Hemd. Zwischen den Blättern und wechselnden Schatten verschmolz er damit beinahe mit dem Wald um ihn herum. „Du vielleicht", antwortete er locker. „Ich werde das Dorf nicht betreten. Ich warte draußen." Leyla verlangsamte ihren Schritt. „Warum kommst du nicht mit?" Für einen kurzen Moment wirkte Liam ungewöhnlich still – kein Grinsen, kein schneller Kommentar, einfach nur Stille. Dann erschien wieder dieses leichte Lächeln auf seinem Gesicht. „Ich meinte doch bereits, dass du lernen musst, alleine klarzukommen." Leyla verzog leicht das Gesicht. Eine Antwort lag ihr bereits auf der Zunge – doch schließlich ließ sie es bleiben. Diskussionen mit Liam führten ohnehin selten irgendwohin. Außerdem wurde zwischen den Bäumen inzwischen endlich Ramir sichtbar. Das kleine Dorf lag am Rand einer weiten Lichtung und wirkte im goldenen Licht des Morgens beinahe friedlich. Dünne Rauchfäden stiegen aus mehreren Schornsteinen auf, während vereinzelte Stimmen und das entfernte Bellen eines Hundes bis zu ihr herüberdrangen. Nach Tagen im Wald fühlte allein der Anblick von Zivilisation seltsam beruhigend an – wie ein Ankerpunkt in etwas Vertrautem, das sie fast schon vergessen hatte. Und im Moment war das alles, was zählte. -------------------------------------------------------------------------- Während Leyla den kleinen Dorfplatz von Ramir betrat, ließ sie ihren Blick aufmerksam über die Umgebung wandern. Das Dorf war deutlich kleiner als Migar. Viel kleiner. Vielleicht zwanzig Häuser, locker entlang einer einzigen Straße verteilt. Die meisten Gebäude wirkten alt, aber gepflegt – schiefe Holzzäune trennten kleine Vorgärten voneinander, aus mehreren Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Morgenluft auf, und irgendwo krähte ein Hahn. In der Mitte des Platzes stand ein alter Steinbrunnen. Moos hatte sich tief in die Ritzen des Gesteins gefressen, an einigen Stellen war der Stein bereits abgeplatzt. Trotzdem schien der Brunnen noch genutzt zu werden – ein Eimer stand daneben, das Wasser darin spiegelte das fahle Licht des Morgens. Am anderen Ende der Straße spielten einige Kinder lachend miteinander. Es war ein friedlicher Anblick. Fast irritierend friedlich nach allem, was Leyla in den letzten Tagen erlebt hatte. Als würde die Welt hier einfach weiterlaufen, unbeeindruckt von Riesenspinnen, zerbrochenen Fußknochen und Mana-Kugeln, die in der Luft zerplatzten. Sie bemerkte schnell, dass es im gesamten Dorf offenbar nur zwei richtige Geschäfte gab. Der Rest waren einfache Wohnhäuser und kleine Lagergebäude. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich, zuerst das größere der beiden anzusehen. Es war ein zweistöckiges Holzhaus mit breiter Front und mehreren Fenstern. Schon von außen erinnerte es Leyla an eine Taverne. Allein der Gedanke an ein weiches Bett und eine warme Mahlzeit ließ ein angenehmes Kribbeln in Leylas Brust entstehen. Doch fast sofort folgte die ernüchternde Realität. Sie hatte kein Geld. Nicht einmal ansatzweise. Vielleicht brauchten sie dort wenigstens eine Aushilfe? Ihre Schritte verlangsamten sich leicht, während sie das hölzerne Schild über dem Eingang musterte. „Varmins Stube" stand darauf, die Buchstaben tief und sorgfältig ins Holz geschnitzt. Neugierig warf Leyla einen Blick durch das Fenster. Im Inneren stand ein Elf mit freundlichem Gesichtsausdruck hinter der Theke und unterhielt sich gerade mit einem Mann in einem schwarzen Mantel. Von draußen konnte Leyla ihre Worte nicht verstehen, doch die beiden wirkten so, als wären sie mitten in einem ernsthaften Gespräch. Sie wollte sich nicht einfach dazwischendrängen. Also wandte sie sich dem zweiten Laden zu. Kein Schild hing daran, doch mehrere Pflanzen in Tontöpfen standen ordentlich entlang des Eingangs aufgereiht. Kräuter trockneten unter dem kleinen Vordach, und ein angenehmer, erdiger Duft lag in der Luft – warm und leise, wie der Geruch nach Regen auf trockenem Boden. Vor dem Laden kniete eine ältere Frau und kümmerte sich sorgfältig um einen kleinen Baum in einem Tongefäß. Ihre Bewegungen waren ruhig und bedächtig, als hätte sie für diesen Moment alle Zeit der Welt. Leyla blieb kurz stehen. Die Frau wirkte ruhig. Freundlich. ,,Vielleicht könnte sie Hilfe gebrauchen..?’’ Langsam ging Leyla auf sie zu. -------------------------------------------------------------------------- „Ähm… Entschuldigung?" fragte Leyla vorsichtig. Schon ihre eigene Stimme kam ihr in der ruhigen Atmosphäre des Dorfes viel zu laut vor. Ramir wirkte beinahe so still, als könnte man die friedliche Stimmung zerstören, wenn man nur zu hastig sprach oder zu fest auftrat. Die ältere Frau hob langsam den Blick zu ihr. Tiefe Falten lagen auf ihrem Gesicht, doch ihr Lächeln wirkte warm und ehrlich. Irgendetwas an ihr löste in Leyla sofort ein seltsames Gefühl aus– eine Mischung aus Vertrautheit und Wehmut, die sie sich selbst nicht erklären konnte. „Ja, mein Kind?" antwortete die Frau mit sanfter Stimme. Leyla zögerte kurz. „Ich wollte fragen, ob Sie vielleicht Arbeit für mich hätten. Ich bin auf der Durchreise und würde gerne etwas Geld verdienen." Während sie redete, bemerkte sie, dass sie nervös begonnen hatte, an ihrem rechten Handgelenk zu kratzen. Schnell zog sie die Hand zurück. Die Frau schien ihre Unsicherheit gar nicht weiter zu beachten. Stattdessen nickte sie verständnisvoll und winkte Leyla näher heran. „Komm ruhig rein, Liebes. Wir finden bestimmt etwas für dich." Leyla folgte ihr in den Laden. Ihre Schritte blieben vorsichtig, doch ihre Neugier wuchs sofort, als sie den Innenraum betrat. Der Raum war klein, aber erstaunlich gemütlich. In einer Ecke knisterte ein Ofen vor sich hin und erfüllte den Laden mit angenehmer Wärme. Auf ihm stand ein großer Kessel, aus dem langsam Dampf aufstieg. Der Duft erinnerte Leyla an Kräutertee, vermischte sich jedoch mit unzähligen anderen Aromen – süßlich, bitter, scharf – die den gesamten Raum in einen einzigen dichten, lebendigen Geruch tauchten. Von der Decke hingen Bündel getrockneter Pflanzen herab, und das schwache Licht ließ die Blätter fast golden wirken. Es fühlte sich ruhig an. Friedlich. In einem alten Schaukelstuhl saß ein grauhaariger Mann und las konzentriert in einer Zeitschrift. „Herbert", rief die alte Frau, „die junge Dame sucht Arbeit. Fällt dir etwas ein?" Der alte Mann blickte langsam auf, faltete seine Zeitschrift zusammen und legte sie neben sich. Dann musterte er Leyla kurz mit ruhigem, abwartendem Blick. „Kannst du Kräuter sortieren?" brummte er. Leyla nickte sofort. Herbert deutete auf einen großen Tisch am anderen Ende des Ladens, auf dem mehrere Haufen verschiedenster Kräuter verteilt lagen. „Sortier die ordentlich. Dafür bekommst du zwei Kupferstücke." Leyla setzte sich direkt an die Arbeit. Es gab fünf verschiedene Kräuterarten, die sich glücklicherweise leicht voneinander unterscheiden ließen – lange dünne Blätter, kleine dunkle Knospen, breite grüne Stängel. Ihre Hände fanden schnell einen Rhythmus. Während sie arbeitete, schweifte ihr Blick immer wieder neugierig durch den Laden. Das leise Knistern des Ofens, die warmen Farben des Holzes, die vertrauten und unfamiliären Düfte vermischten sich zu etwas, das ihr eine angenehme Ruhe in die Brust legte. Zum ersten Mal seit Langem fühlte sie sich nicht angespannt. Immer wieder wanderte ihr Blick zu der Zeitschrift hinüber, die Herbert beiseitegelegt hatte. Es war das erste Mal, dass sie in dieser Welt überhaupt etwas sah, das an eine moderne Zeitschrift erinnerte. Vielleicht hatte es so etwas auch in Migar gegeben und sie hatte es einfach nie bemerkt. Herbert bemerkte schließlich ihre neugierigen Blicke. „Interessiert dich der Kaisersprech?" fragte er ruhig. Leyla hob leicht den Kopf. „Kaisersprech?" „Die größte Zeitschrift im gesamten Kaiserreich", erklärte Herbert. „Wobei diese Ausgabe ziemlich langweilig ist. Hauptsächlich Berichte über das Prinzenspiel." Wieder ein Begriff, den Leyla nicht kannte. Prinzenspiel. Es fühlte sich an, als würde diese Welt ständig neue Dinge hervorbringen, von denen jeder außer ihr ganz selbstverständlich wusste – als wäre sie die Einzige, die den Tag verpasst hatte, an dem alles erklärt wurde. Doch diesmal entschied sie sich bewusst dagegen, nachzufragen. Stattdessen wandte sie sich wieder den Kräutern zu und sortierte schweigend weiter, während der Ofen knisterte und der Dampf aus dem Kessel langsam durch den kleinen Raum zog. -------------------------------------------------------------------------- „Fertig!" rief Leyla erleichtert, als sie endlich das letzte Kraut sortiert hatte. Sie streckte kurz ihre schmerzenden Finger aus und verzog das Gesicht. Eines der Kräuter hatte scharfkantige Blätter besessen, und obwohl sie anfangs vorsichtig gewesen war, hatte sie sich immer wieder daran geschnitten. Kleine rote Linien zogen sich über ihre Fingerkuppen, und an manchen Stellen klebte noch etwas Blut. „Sehr gut, Liebes", sagte Birgit zufrieden und lächelte warm, während sie zu Leyla herüberkam, um die Arbeit zu begutachten. „Komm mal her", brummte Herbert. Leyla trat zu ihm und beobachtete neugierig, wie er in einem kleinen Lederbeutel kramte. Schließlich zog er zwei Kupfermünzen hervor und drückte sie ihr in die Hand. Sobald das kühle Metall ihre Haut berührte, begann Leylas Herz schneller zu schlagen. Ihr erstes eigenes Geld in dieser Welt. Auch wenn es nur zwei Kupferstücke waren, fühlte es sich plötzlich unglaublich bedeutend an – schwer auf eine Art, die nichts mit Gewicht zu tun hatte. Doch gleichzeitig wusste sie sofort, dass es niemals reichen würde. Vielleicht fürs Essen und ein Bett. Doch niemals für die lange Reise nach Malyl. „Habt ihr vielleicht noch andere Arbeit für mich?" fragte sie deshalb vorsichtig. Herbert schüttelte langsam den Kopf. „Leider nicht." Neben ihm nickte Birgit leicht bedrückt. „Wir bräuchten eigentlich noch Varellen", meinte sie nachdenklich. „Aber das geht momentan leider nicht." Leyla horchte sofort auf. „Varellen?" „Da hast du recht", murmelte Herbert, der plötzlich ebenfalls etwas niedergeschlagen wirkte. Dann hob er den Blick wieder zu Leyla. „Wohin führt dich deine Reise überhaupt?" „Nach Malyl." Die Antwort fiel knapp aus, doch Leylas Gedanken kreisten bereits um diese Varellen. Wenn sie den beiden helfen konnte, würden sie sich vielleicht freuen. Und vielleicht würde sie dafür noch etwas zusätzliches Geld bekommen. Währenddessen begann Herbert in einem Korb neben seinem Stuhl zu wühlen. Nach kurzem Suchen zog er schließlich eine zerknitterte Karte hervor. „Hier", sagte er und reichte sie Leyla. „Kannst du wahrscheinlich besser gebrauchen als wir." Leylas Augen weiteten sich leicht. „Danke!" Vorsichtig nahm sie die Karte entgegen. „Pass auf dich auf, Liebes", sagte Birgit mit einem sanften Lächeln. „Vielen Dank für die Arbeit", antwortete Leyla ehrlich. Dann verließ sie den kleinen Kräuterladen. Draußen blieb sie zunächst stehen und atmete tief durch. Die frische Morgenluft fühlte sich angenehm kühl an. Die Stille des Ladens wirkte ebenso noch nach wie der Duft der Kräuter. Langsam rollte sie die Karte auseinander und ließ den Blick über die feinen Linien und eingezeichneten Wege auf dem Pergament wandern. Kleine Dörfer, Straßen und Flüsse waren sorgfältig markiert, manche Orte mit zittriger Tinte benannt. Leyla folgte der Route mit dem Finger. „Von Migar bis Ramir habe ich ungefähr zwei Wochen gebraucht…" Wenn die Karte stimmte, lag noch eine gewaltige Strecke vor ihr. „Wenn ich das richtig verstehe, werde ich wohl noch ein oder zwei Monate brauchen, bis ich Malyl erreiche…" Ihr Finger glitt weiter über das Pergament. „Von hier aus nach Ranul… dann weiter nach Hemmingen… und von dort westlich bis nach Malyl." Langsam rollte sie die Karte wieder zusammen und verstaute sie vorsichtig in ihrem Rucksack. Dann richtete sie den Blick nachdenklich auf die Straße. „Aber zuerst besorge ich diese Varellen." Der Gedanke fühlte sich gut an. Klein vielleicht. Aber zum ersten Mal seit Langem hatte sie das Gefühl, tatsächlich etwas bewirken zu können – nicht nur reagieren, nicht nur überleben, sondern handeln. Genau in diesem Moment erklang plötzlich ein tiefes Knurren hinter ihr. -------------------------------------------------------------------------- Leyla zuckte erschrocken zusammen und drehte sich abrupt um. Direkt hinter ihr stand der Mann, den sie bereits zuvor durch das Fenster von Varmins Stube gesehen hatte. Nun konnte sie ihn genauer betrachten. Er trug einen langen schwarzen Mantel, auf dessen Brust ein Wappen eingestickt war – ein Bär, der einen Speer im Maul trug. Das Symbol wirkte alt und dennoch gepflegt. Seine langen schwarzen Haare fielen glatt über die Schultern, sein Gesicht war sauber rasiert. Auf den ersten Blick wirkte er freundlich – seine Mundwinkel lagen in einem ruhigen Lächeln. Und trotzdem ließ irgendeine schwer greifbare Qualität an seiner Ausstrahlung Leyla vorsichtig werden. Neben ihm stand ein gewaltiger Hund. Oder zumindest glaubte Leyla zunächst, dass es ein Hund war. Bei genauerem Hinsehen erinnerte das Tier jedoch deutlich mehr an einen Wolf. Das dunkle Fell war dicht und struppig, die Schultern reichten Leyla beinahe bis zur Hüfte, und die bernsteinfarbenen Augen ruhten regungslos auf ihr. Dann begann das Tier zu knurren. Tief. Warnend. Langsam bleckte es die Zähne, ohne den Blick von ihr abzuwenden. Unwillkürlich spannte sich Leylas Körper an. „Eigentlich war ich immer gut mit Tieren…" dachte sie enttäuscht. „Verzeih Joschkas Verhalten", sagte der Mann ruhig und strich dem Tier über die dichte Mähne. „Normalerweise reagiert er nicht so auf Menschen." Leyla nickte leicht, obwohl das unangenehme Gefühl nicht verschwand. Die Augen des Tieres wirkten beinahe zu aufmerksam – fast so, als würde es sie nicht einfach nur ansehen, sondern regelrecht mustern. Als würde es etwas in ihr suchen, das es noch nicht einordnen konnte. „Ach… das macht nichts." Der Mann betrachtete sie nun ebenfalls genauer. Sein Blick war ruhig, aber aufmerksam genug, dass Leyla sich plötzlich wieder bewusst wurde, wie fremd sie in dieser Welt eigentlich wirkte. „Darf ich nach deinem Namen fragen?" Leyla war von der Situation noch immer leicht überrumpelt. „Leyla. Und deiner?" Einen kurzen Moment schien ihn ihre Antwort zu amüsieren. Sein Lächeln wurde etwas breiter. „Mein Name ist Rigor." Kaum hatte er sich vorgestellt, verschwand das Lächeln jedoch wieder. Seine Züge wurden ernster, fast schon distanziert. „Komm, Joschka." Das Tier reagierte sofort. Das Knurren verstummte augenblicklich, und es drehte sich gehorsam um. Doch bevor es Rigor folgte, warf es Leyla noch einen letzten Blick zu. Dieser Blick jagte ihr erneut einen Schauer über den Rücken. „Auf Wiedersehen, Leyla", sagte Rigor ruhig. Leyla brauchte einen kurzen Moment, bevor ihr die passende Antwort einfiel. Dann erinnerte sie sich an Roxys Worte – und an Liams Erklärung über die üblichen Grußformeln dieser Welt. „Möge Kamera deinen Weg segnen, Rigor." Der Satz fühlte sich auf ihrer Zunge noch immer ungewohnt an wie ein Kleidungsstück, das einem nicht ganz gehörte. Doch offenbar hatte sie nichts falsch gemacht. Rigor nickte ihr leicht zu, bevor er sich gemeinsam mit Joschka wieder in Richtung der Stube aufmachte. Leyla blieb stehen und sah den beiden nach. Irgendetwas an diesem Mann fühlte sich seltsam an. Nicht direkt gefährlich. Aber auch nicht gewöhnlich – so wie manche Orte still wirken, nicht weil nichts geschieht, sondern weil etwas wartet. Schließlich schüttelte sie leicht den Kopf und wandte sich wieder der Straße zu. „Vielleicht weiß Liam ja, wo diese Varellen wachsen…" -------------------------------------------------------------------------- „Da bist du ja wieder", rief Liam, sobald Leyla die kleine Lichtung erreichte. Er saß gegen einen niedrigen Felsen gelehnt im Gras, die Arme locker verschränkt, als hätte er die ganze Zeit nichts anderes getan, als auf sie zu warten. Durch die Baumwipfel fiel warmes Mittagslicht auf die Lichtung und ließ sein helles Haar beinahe golden wirken. Leyla blieb vor ihm stehen. „Und? Hast du Geld verdienen können?" fragte Liam mit leicht amüsiertem Unterton. Grinsend griff Leyla in ihre Tasche und hielt triumphierend die beiden Kupfermünzen hoch. Liam hob langsam eine Augenbraue. „Glückwunsch, Leyla." Der ironische Unterton war kaum zu überhören, doch diesmal ignorierte Leyla ihn vollkommen. Dafür war sie viel zu zufrieden mit sich selbst. Noch bevor Liam weiter etwas sagen konnte, begann sie bereits zu erzählen. Von Birgit. Von Herbert. Von dem kleinen Kräuterladen, der nach Kräutertee und warmem Holz gerochen hatte. Die Worte sprudelten beinahe unaufhaltsam aus ihr heraus, und Liam hörte ihr mit einem genervten Gesichtsausdruck zu – doch inzwischen wusste Leyla längst, dass der größte Teil davon gespielt war. Immer wieder zuckte sein Mundwinkel leicht, als würde er sich ein Grinsen verkneifen. Erst als sie begann, von Rigor zu erzählen, veränderte sich seine Haltung. Ganz plötzlich. Liam hielt mitten in einer Bewegung inne und richtete den Blick in Richtung des Dorfes. Die lockere Gelassenheit verschwand aus seinem Gesicht und wich einer Aufmerksamkeit, die Leyla bisher nur selten bei ihm gesehen hatte. „Kennst du ihn?" fragte sie sofort. Liam schüttelte langsam den Kopf. „Nein." Er hielt den Blick weiterhin auf die Häuser in der Ferne gerichtet. „Aber Leute wie er tauchen normalerweise nicht in einem Dorf wie Ramir auf." Er schwieg einen Moment. „Entweder haben sie schlechte Absichten", murmelte er leise. „Oder sie verstecken etwas." Leyla musterte ihn kurz. „Du bist doch selbst genauso jemand…" Doch sie sprach den Gedanken nicht aus. Stattdessen wanderten ihre Gedanken zurück zu den Varellen. „Ich habe mitbekommen, dass Herbert und Birgit noch Varellen brauchen", sagte sie schließlich. „Weißt du zufällig, wo die wachsen?" Kaum hatte sie die Frage ausgesprochen, spannte sich Liams gesamter Körper sichtbar an. Es war keine kleine Reaktion. Keine flüchtige Überraschung. Für einen kurzen Augenblick wirkte es beinahe so, als hätte Leyla etwas ausgesprochen, das besser ungesagt geblieben wäre. Liam antwortete nicht sofort. Er sah sie einfach nur an. Und plötzlich bemerkte Leyla etwas in seinem Gesicht, das sie bei ihm bisher noch nie gesehen hatte. War das… Angst?
- Kapitel 9 - Manakonvergenz
—BAMM— Das dumpfe Krachen einer Faust, die mit voller Wucht auf ein Gesicht traf, hallte zwischen den dunklen Baumstämmen wider und ließ selbst die Blätter über ihnen erzittern. Leyla war erst wenige Augenblicke zuvor wieder zu Bewusstsein gekommen. Noch benommen vom Gift der Arachne hatte sie Liam neben sich sitzen sehen – und ohne einen einzigen Gedanken zu verschwenden zugeschlagen. Nun schüttelte sie ihre pochende Hand aus und funkelte ihn voller Zorn an. Liam starrte sie zunächst nur überrascht an. Einen kurzen Moment lang wirkte er tatsächlich aus dem Konzept gebracht – ehe sich sein gewohnter lockerer Ausdruck langsam wieder auf seinem Gesicht ausbreitete. „War das wirklich nötig, Leyla?" fragte er schließlich und strich sich mit der Hand über die Wange. Ein schiefes Grinsen zog sich über seine Lippen, als wäre gerade gar nichts passiert. „Ja, war es! Wegen dir wäre ich beinahe gestorben!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe vor Wut. Für einen Sekundenbruchteil spielte Leyla mit dem Gedanken, ihm noch einmal ins Gesicht zu schlagen. Doch dann bemerkte sie etwas in seinem Blick. Einen Anflug von Ernst. Oder vielleicht Sorge. „Leyla", begann Liam ruhiger als zuvor. „Du musst lernen zu kämpfen. Und noch wichtiger – du musst lernen zu überleben. Selbst wenn wir uns niemals begegnet wären, wärst du früher oder später allein durch diesen Wald gezogen." „Und deine geniale Lösung dafür war also, mich fast fressen zu lassen?" „Ich musste dir eben zeigen, wo du in der Nahrungskette stehst." Und da war sie wieder – diese unerträglich lässige Art. Genervt wandte Leyla den Blick ab. Ihre Finger waren mit aufgeplatzten Blasen übersät, allein der Anblick war schon schmerzhaft. Und trotzdem huschte ein schwaches Lächeln über ihr Gesicht. Sie fühlte sich stärker. Nicht körperlich, sondern auf eine andere Art. Als hätte sie in diesem einen Kampf mehr gelernt als während der gesamten Reise zuvor. Wahrscheinlich entsprach das sogar der Wahrheit. Langsam ließ sie den Blick über das kleine Lager gleiten, das Liam aufgebaut hatte. Sie saß auf ihrem Schlafsack nahe am Feuer – gerade nah genug, um die angenehme Wärme zu spüren, aber weit genug entfernt, damit der Rauch nicht zu ihr herüberzog. Über ihnen bewegten sich die Baumwipfel leise im Nachtwind, während Funken aus dem Feuer in die Dunkelheit aufstiegen wie winzige, sterbende Sterne. Liam wiederum hatte es sich direkt neben ihr auf einem alten Baumstumpf bequem gemacht, als wäre das Lagerfeuer mitten in diesem gefährlichen Wald ein Ort zum Entspannen. „Und?" fragte er schließlich mit einem schelmischen Unterton. „Hast du dich wieder beruhigt?" Er streckte sich gemächlich und warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Morgen erreichen wir Ramir. Aber irgendwie bezweifle ich, dass Ramir wirklich dein Ziel ist." Einen Moment ließ er die Worte zwischen ihnen stehen. „Also? Wo geht's wirklich hin?" Leyla war viel zu erschöpft, um sich noch ernsthaft aufzuregen. „Nach Malyl. Wie lange genau hast du eigentlich vor, mir noch hinterherzulaufen?" „Nach Malyl also?" Liam rieb sich nachdenklich über das Kinn. „Hmm… dann begleite ich dich wohl mindestens bis dorthin. Ich habe ohnehin nichts Besseres zu tun." Sein entspannter Tonfall machte die Aussage irgendwie noch fragwürdiger. „Mach doch, was du willst", murmelte Leyla. Sie starrte in die flackernden Flammen. Es musste bereits tief in der Nacht sein – eigentlich hätte sie längst schlafen sollen, ihr Körper verlangte danach, doch ihr Geist war viel zu wach. Zu viel war passiert. Zu viele Eindrücke drängten sich gleichzeitig, ohne dass einer von ihnen wirklich Platz fand. Im Augenwinkel bemerkte sie schließlich, wie Liam langsam die Hand dem Feuer entgegenstreckte und die Finger öffnete. „Stören wir deine Ruhe?" fragte er ruhig in die Dunkelheit. „Keine Sorge. Morgen sind wir wieder verschwunden." Leyla runzelte die Stirn. „Ist er jetzt endgültig verrückt geworden?" ,,Mit wem redest du?’’ fragte sie ihn. Liam drehte leicht den Kopf zu ihr. „Na, mit diesem kleinen Naturgeist." -------------------------------------------------------------------------- „Ein Naturgeist?" fragte Leyla neugierig. Sie beugte sich leicht vor und starrte angestrengt auf Liams geöffnete Handfläche, als würde sie erwarten, dort jeden Moment irgendein leuchtendes Wesen entdecken zu können. Doch sie sah nichts. Kein Flimmern. Keine Bewegung. Nichts außer den tanzenden Schatten des Lagerfeuers. In dem kameristischen Buch hatte sie nie etwas über Naturgeister gelesen. „Ich sehe gar nichts." Die Enttäuschung in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Liam lächelte nur ruhig vor sich hin. „Das ist auch nicht besonders verwunderlich. Die wenigsten Menschen können schwache Naturgeister überhaupt wahrnehmen." Leyla musterte ihn einige Sekunden schweigend. Kurz fragte sie sich, ob er sich einfach über sie lustig machte. Doch schließlich entschied sie sich, ihm zu glauben. Zu vieles von dem, was sie in dieser Welt bereits gesehen hatte, hätte sich ihrer Vorstellung früher entzogen. „Was genau sind Naturgeister eigentlich?" Liam kratzte sich nachdenklich am Kopf und ließ den Blick einen Moment hinauf in die Dunkelheit zwischen den Baumwipfeln wandern. „Wie erkläre ich das am besten…", murmelte er leise. „Naturgeister sind Lebewesen, die vollständig aus Mana bestehen. Anders als wir besitzen sie keine feste Grenze dafür, wie viel Mana sie speichern können. Sie ziehen es direkt aus ihrer Umgebung – aus dem Wind, dem Wasser, der Erde. Eigentlich aus allem, was nicht selber lebt." Leyla hing förmlich an seinen Worten. „Die meisten Naturgeister sind klein", fuhr Liam fort. „Schwach. Unbedeutend. Sie treiben durch Wälder, schlafen zwischen Wurzeln, folgen Flüssen oder lassen sich vom Wind tragen." Er hob leicht die Schultern. „Aber manche von ihnen sind… anders." Sein Blick wanderte zum Nachthimmel. „Manche Naturgeister werden so mächtig, dass selbst gewöhnliche Menschen ihre Präsenz spüren können." Dann grinste er leicht. „Und die richtig mächtigen kannst sogar du sehen." Leyla zog langsam die Knie näher an ihren Körper und legte den Kopf darauf. Der Wald fühlte sich plötzlich noch größer an als zuvor. Fremder. Lebendiger – als wäre er nicht einfach nur ein Ort, sondern etwas, das atmete, wartete und beobachtete. Es faszinierte sie ebenso sehr, wie es sie beunruhigte. Immer wieder glaubte sie, langsam zu verstehen, wie diese Welt funktionierte – nur damit kurz darauf etwas Neues auftauchte, das alles erneut unergründlicher wirken ließ, wie ein Horizont, der sich mit jedem Schritt weiterverschob. Ob das wohl jemals anders sein würde? Einen Moment lang schwieg sie und lauschte einfach dem Knistern des Feuers. Dann hob sie leicht den Blick. „Du, Liam?" fragte sie leise. „Hm?" Leyla zögerte einen Herzschlag lang. „Kannst du mir beibringen, wie man Magie benutzt?" -------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte ihm diese Frage eigentlich schon vor Tagen stellen wollen. Doch jedes Mal hatte ihr der Mut gefehlt. Zu groß war die Angst vor der Antwort. Was, wenn sie gar keine Magie nutzen konnte? Sie stammte schließlich aus einer vollkommen anderen Welt. Einer Welt ohne Mana, ohne Naturgeister. Und trotzdem hatte sie immer wieder davon geträumt. Davon, mit brennenden Schwingen wie ein Phönix durch die Wolken zu gleiten. Davon, allein mit ihrem Willen Mauern aus Stein zu erschaffen oder sich Kleidung entstehen zu lassen, genau so, wie sie sie haben wollte. Liam hielt kurz inne. Dann legte er den Kopf leicht in den Nacken, gähnte müde – und nickte schließlich. ,,Klar, kann ich machen.’’ ,,Wirklich?!’’ Die Begeisterung platzte förmlich aus ihr heraus. Ihre Augen weiteten sich sofort, und sämtliche Erschöpfung schien für einen Moment vollständig verschwunden zu sein. Liam musste leicht grinsen. Dann stand er langsam auf und trat einige Schritte vom Lagerfeuer weg auf eine kleine freie Stelle zwischen den Bäumen. Das flackernde Licht warf lange Schatten über den Waldboden. Er drehte sich um. „Aber hör mir gut zu", sagte er deutlich ernster als zuvor. „Wenn ich das Gefühl bekomme, dass du das hier nicht ernst nimmst, höre ich sofort auf, dir irgendetwas beizubringen." Leyla richtete sich unwillkürlich auf. „Ich nehme das ernst." „Gut." Liam hob langsam eine Hand und spreizte leicht die Finger. „Dann erst mal die Grundlagen. In der Magie existieren sechs Grundelemente." „Feuer." Sofort züngelten Flammen zwischen seinen Fingern hervor. Das Feuer wirkte lebendig – es wand sich wie eine Schlange um seine Hand, bevor es sich plötzlich zu einem glühenden Pfeil formte und mit einem scharfen Zischen in das Lagerfeuer schoss. Die Flammen loderten augenblicklich höher auf. ,,Wasser.’’ In seiner geöffneten Handfläche sammelten sich Tropfen aus der Luft selbst. Innerhalb weniger Sekunden entstand daraus eine schwebende Kugel aus kristallklarem Wasser, die ruhig über seiner Haut schimmerte wie eine schlafende Linse. ,,Wind.’’ Ein kräftiger Luftzug rauschte durch das Lager. Leylas Haare wurden nach hinten geweht, das Feuer tanzte wild, und die Baumkronen über ihnen rauschten laut auf, obwohl zuvor kaum ein Lüftchen geweht hatte. ,,Licht.’’ Über ihnen entstand eine helle Lichtkugel. Sanftes goldenes Licht ergoss sich über das Lager und verdrängte die Dunkelheit zwischen den Stämmen. Leyla erkannte die Magie sofort – es war dieselbe Kugel, die ihnen vor dem Kampf mit der Arachne den Weg geleuchtet hatte. ,,Schatten.’’ Die Lichtkugel zerbarst lautlos. Im nächsten Moment breitete sich dunkler Rauch um Liam aus und verschluckte seine Gestalt beinahe vollständig. Die Schatten wirkten unnatürlich dicht, fast lebendig, als würden sie ihn bewusst festhalten. Dann trat Liam langsam wieder daraus hervor – als hätte die Dunkelheit ihn einfach ausgespuckt. „Und dann gibt es noch Erde", erklärte er. „Aber Erdmagie kann ich überhaupt nicht benutzen." Leylas Augen waren mit jedem Element größer geworden. Sie wusste nicht einmal mehr, worauf sie zuerst achten sollte. Liam setzte sich wieder neben sie ans Feuer. „Die meisten Wesen besitzen zu einem dieser Elemente eine natürliche Verbindung. Diese Affinität sorgt dafür, dass man das jeweilige Element leichter kontrollieren kann – die Magie wird stärker, verbraucht weniger Mana und fühlt sich deutlich natürlicher an." Er deutete mit einer lockeren Handbewegung auf die Umgebung. „Die meisten Magier können theoretisch auch andere Elemente nutzen, aber das ist ineffizient. Schwächer. Anstrengender. Deshalb konzentrieren sich die meisten auf ihre Affinität." Leyla hörte aufmerksam zu und nahm jedes einzelne Wort in sich auf. „In sehr seltenen Fällen", fuhr Liam fort, „besitzt jemand mehr als nur eine Affinität." Ein leicht zufriedenes Grinsen erschien auf seinem Gesicht. „Meine sind Feuer und Licht." „Das hatte ich mir ehrlich gesagt schon gedacht." Leyla nickte leicht. In ihrem Kopf entstanden bereits unzählige Vorstellungen – Flammen, Licht, Wind, vielleicht sogar etwas vollkommen anderes, etwas, das sie noch nicht einmal benennen konnte. Ihr Herz begann schneller zu schlagen. Dann sah sie Liam voller Erwartung an. „Und?" fragte sie gespannt. „Welches Element passt zu mir?" -------------------------------------------------------------------------- „Die einfachste Methode, das eigene Element herauszufinden, ist eine Technik namens Manakonvergenz", erklärte Liam. „Eigentlich bleibt dieses Wissen den Elfen vorbehalten, aber für deinen hoffnungslosen Fall mache ich ausnahmsweise eine Ausnahme." „Manakonvergenz?" fragte Leyla und ignorierte seine Stichelei bewusst. „Genau." Liam nickte leicht. „Im Grunde ziemlich simpel. Du lässt etwas Mana in deine Handfläche fließen und stellst dir dann vor, wie zwischen deinem Mana und deiner Seele eine Verbindung entsteht." Leyla runzelte die Stirn. Sie hatte nicht die geringste Ahnung, wie man Mana in eine Handfläche fließen ließ. Noch viel weniger, wie man überhaupt eine Verbindung zu seiner eigenen Seele aufbauen sollte. Offenbar bemerkte Liam ihre Ratlosigkeit, denn er streckte seine eigene Hand aus. „Als Erstes musst du deinen Arm ausstrecken." Leyla tat es – auch wenn sie langsam wieder das Gefühl bekam, dass er sich über sie lustig machte. „Jetzt stell dir vor, dass neben deinem Blut noch etwas anderes durch deinen Körper fließt", erklärte Liam ruhig. „Magische Kraft. Mana. Wie genau du dir das vorstellst, spielt keine Rolle. Wichtig ist nur, dass dein Kopf es versteht." Dann grinste er leicht. „Dein Blut musst du dir übrigens nicht extra vorstellen. Davon hast du der Spinne ja schon genug präsentiert." Leyla kniff genervt die Augen zusammen. „Ich sollte ihm wirklich noch einmal eine verpassen." Für einen kurzen Moment spielte sie tatsächlich mit dem Gedanken. Dann atmete sie langsam aus und konzentrierte sich stattdessen auf seine Anweisungen. Sie schloss die Augen. Vor ihrem inneren Auge entstanden sechs gewaltige Ströme, jeder in einer anderen Farbe. Rot wie das Feuer. Blau wie das Wasser. Weiß wie das Licht. Schwarz wie die Schatten. Braun wie die Erde. Silbern wie der Wind. Die Flüsse bewegten sich nebeneinander durch endlose Dunkelheit, bis sie schließlich zusammenflossen und zu einem einzigen leuchtenden Strom wurden, der in sämtlichen Farben des Regenbogens schimmerte. Plötzlich spürte Leyla ein feines Prickeln in ihrem Arm. Ihre Konzentration vertiefte sich sofort. Vorsichtig versuchte sie, diese unsichtbare Kraft durch ihren Körper zu lenken – fast so, als würde sie Wasser durch ein enges Rohr drücken, langsam, bedächtig, ohne zu viel Druck auf einmal. Und dann geschah etwas. Leylas Augen öffneten sich ruckartig. Die Luft über ihrer Hand begann leicht zu flimmern. Kleine Lichtpartikel sammelten sich über ihrer Handfläche und verdichteten sich langsam zu einer schimmernden weißen Kugel. Sie pulsierte schwach – lebendig, als würde sie atmen. „Ist… ist diese Kugel mein Mana?" fragte Leyla begeistert. Liam nickte zufrieden. „Jap. Genau das ist dein Mana." Leylas Blick löste sich kaum davon. Es fühlte sich unwirklich an – und trotzdem war es real. Kein Trick, keine Illusion. Einfach nur ihre Magie. „Jetzt stell dir vor, wie du eine Verbindung zu deiner Seele aufbaust", erklärte Liam weiter. Leyla nickte langsam und schloss erneut die Augen. Diesmal stellte sie sich einen dünnen, unsichtbaren Faden vor, der aus der schimmernden Kugel hervorging. Langsam wand er sich ihre Hand entlang, glitt durch ihren Arm und drang tiefer in ihr Inneres vor. Tiefer. Immer tiefer. Und schließlich erreichte er etwas. Ihre Seele – zumindest glaubte sie das. Doch wie sah eine Seele überhaupt aus? Nach kurzem Zögern entstand vor ihrem inneren Auge das Bild eines gewaltigen Gartens. Still. Friedlich. Von warmem Licht erfüllt, das aus keiner erkennbaren Richtung zu kommen schien. Mitten darin stand eine einzelne Blume – zerbrechlich und zugleich wunderschön, als wäre sie der einzige Bewohner eines Ortes, der nur für sie gemacht worden war. —PENG— Erschrocken riss Leyla die Augen auf. Die schimmernde Kugel war direkt über ihrer Hand zerplatzt. Leuchtende Partikel verteilten sich in der Luft wie glitzernder Staub, bevor sie langsam verblassten und in der Dunkelheit des Waldes verschwanden. Einen Moment lang herrschte Stille. Dann zuckte Liam mit den Schultern. „Tja." Er grinste breit. „Sieht so aus, als wärst du einfach nicht fähig, Magie zu benutzen." Er lehnte sich entspannt zurück. „Ist eben nicht jeder so ein Ausnahmetalent wie ich." -------------------------------------------------------------------------- Liams spöttische Worte trafen Leyla wie ein Schlag. Für einen kurzen Moment brachte ihr Kopf alles um sie herum zum Verstummen. Das Knistern des Feuers, der Wind zwischen den Bäumen, selbst Liams Stimme schienen plötzlich weit entfernt. Sie spürte, wie ihr Tränen in die Augen stiegen. ,,Ich wusste es…’’ Leyla sackte leicht in sich zusammen und starrte auf ihre Hände. Die ersten Tränen liefen bereits über ihre Wangen, und ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen, während sie verzweifelt versuchte, die aufsteigende Panik herunterzuschlucken. Seit zwei Wochen war sie nun in dieser Welt. Zwei Wochen voller Angst, Unsicherheit und Kämpfen, die sie niemals hatte kämpfen wollen. Und trotzdem hatte sie sich eingeredet, dass all das irgendeinen Sinn haben musste. Dass es einen Grund gab, warum ausgerechnet sie hier gelandet war. Doch was, wenn es gar keinen Grund gab? Was, wenn alles nur Zufall gewesen war? ,,Zwei Wochen…’’ Ihre Stimme brach. „Hey, hey – was machst du denn jetzt für ein Gesicht, Leyla? Ich hab doch nur Spaß gemacht." Liams Tonfall hatte sich vollkommen verändert. Die übliche spöttische Leichtigkeit war verschwunden und wich ehrlicher Besorgnis. Vorsichtig legte er einen Arm um ihre Schultern, während Leylas Atem immer unruhiger wurde. Sie hörte seine Worte kaum noch. Stattdessen lehnte sie sich zitternd gegen seine Brust. „Ich habe versucht, stark zu sein…" schluchzte sie leise. Liam antwortete nicht sofort. Zum ersten Mal wirkte er ratlos. Leylas Gedanken wanderten zurück in ihre alte Welt. Mit jedem weiteren Tag schienen die Erinnerungen daran undeutlicher zu werden. Gesichter verschwammen. Stimmen wurden leiser. Selbst vertraute Orte fühlten sich fern und unwirklich an, als würde die Erinnerung langsam ausbleichen wie ein altes Foto. Und dann dachte sie an Katja. Nur für einen kurzen Moment. Doch genau dieser Gedanke war zu viel. „Ich wünschte, Katja wäre hier…" Etwas in ihr brach endgültig. Die Tränen wollten nicht mehr aufhören. Sie weinte hemmungslos, während der Wald um sie herum hinter einem Schleier aus Wasser und flackerndem Feuerlicht verschwamm. Liam hielt sie einfach nur schweigend fest – ohne dummen Kommentar, ohne Provokation, ohne einen einzigen seiner üblichen Sätze. Erst nach einigen Minuten beruhigte sich ihr Atem langsam wieder. Ihre Schultern zitterten noch leicht, doch die Tränen wurden weniger. Erst jetzt realisierte Leyla überhaupt richtig, dass sie in Liams Armen lag. Sofort löste sie sich hastig aus seiner Umarmung und drückte ihn leicht von sich weg. „Geht's wieder?" fragte Liam mit einem schiefen Grinsen. „Wusste gar nicht, dass du so talentiert im Vollheulen bist." Trotz der Worte klang seine Stimme ungewöhnlich weich. Leyla warf ihm einen erschöpften Blick zu, brachte jedoch keine wirkliche Antwort heraus. Liam griff stattdessen in seinen Beutel, zog ein blaues Stofftaschentuch hervor und hielt es ihr hin. Zögernd nahm Leyla es entgegen und begann, sich langsam die feuchten Wangen zu trocknen. Zwischen ihnen kehrte für einen kurzen Moment Stille ein. Das Feuer knackte ruhig vor ihnen, während über ihren Köpfen der Wind durch die Baumkronen strich. Dann räusperte Liam sich leicht. „Also", begann er mit einem Zwinkern, „möchtest du jetzt dein Magie-Element erfahren?" -------------------------------------------------------------------------- „Dass deine Manakugel zerbrochen ist, bedeutet, dass du eine besondere Affinität zum Element Erde hast." Liams Stimme hatte wieder ihren gewohnt lockeren Klang angenommen, als wäre Leylas emotionaler Zusammenbruch nie passiert. Leyla blinzelte ihn überrascht an. „Heißt das… ich kann tatsächlich Magie lernen?" Langsam breitete sich Wärme in ihrer Brust aus. Noch vor wenigen Augenblicken hatte sie geglaubt, vollkommen nutzlos zu sein. Doch nun kehrte dieses kleine, flackernde Gefühl der Hoffnung zurück – vorsichtig zuerst, beinahe zerbrechlich, und trotzdem stark genug, um die Dunkelheit in ihrem Inneren ein Stück zurückzudrängen. Sie versuchte, ihre aufkommende Freude nicht zu offensichtlich zu zeigen, doch das leichte Zittern in ihrer Stimme verriet sie längst. „Klar", antwortete Liam achselzuckend. „Wenn du dich anstrengst, kannst du Magie lernen. Erdmagie selbst kann ich dir allerdings nicht beibringen." Er deutete vage in Richtung der Straße. „Soweit ich weiß, gibt es in Malyl eine Magieakademie. Vielleicht nehmen die sogar jemanden wie dich auf." Das freche Grinsen auf seinem Gesicht machte deutlich, dass er sich den letzten Kommentar nicht hatte verkneifen können. Doch diesmal störte es Leyla kaum. Der Gedanke, wirklich Magie lernen zu können, überlagerte alles andere. Vor ihrem inneren Auge entstanden bereits Bilder – wie sie selbst Zauber wirkte, wie Erde sich auf ihr Geheiß formte und bewegte, wie der Boden unter ihren Füßen auf sie hörte. „Gibt es keine Möglichkeit, schon vorher zu üben?" fragte sie sofort, die kaum verheimlichte Ungeduld in ihrer Stimme unüberhörbar. Liam dachte kurz nach. „Nun ja…" begann er schließlich. „Du könntest versuchen, Erde in die Hand zu nehmen und dein Mana hindurchfließen zu lassen. Eine ziemlich grundlegende Übung, um die Verbindung zu deinem Element zu stärken." Kaum hatte er ausgesprochen, griff Leyla bereits nach unten. Der Himmel begann sich langsam aufzuhellen. Erste blasse Sonnenstrahlen drangen zwischen die Stämme, während Leyla eine kleine Handvoll Erde aufhob und konzentriert auf ihre Handfläche starrte. Sie versuchte erneut, dieses seltsame Gefühl von Mana in ihrem Inneren zu finden. Zunächst geschah nichts. Die Erde blieb einfach nur Erde. „Mach dir nichts draus", meinte Liam entspannt. „Die meisten Menschen schaffen den ersten Schritt nur unter richtiger Anleitung." Leyla ignorierte ihn vollständig. Stattdessen konzentrierte sie sich weiter. Sie stellte sich vor, wie ihr Mana langsam in die Erde floss – wie sich die Körner miteinander verbanden, wie sie ihre Kraft aufnahmen, Stück für Stück. Sekunden vergingen. Gerade wollte sie frustriert aufgeben, da bemerkte sie plötzlich eine winzige Bewegung. Leylas Augen weiteten sich. Die Erde auf ihrer Handfläche begann leicht zu hüpfen. Nur ganz schwach, beinahe unmerklich – und trotzdem unverkennbar. Sie bewegte sich. „Wie Popcorn in einer Pfanne…" Sofort drehte Leyla sich strahlend zu Liam um. Dieser sah sie überrascht an. „Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, dass du das so schnell…" „Tja", unterbrach Leyla ihn grinsend, „vielleicht bin ich einfach besonders!" Zum ersten Mal in dieser Welt fühlte sich ihre Freude vollständig an. Nicht erzwungen. Nicht gespielt. Einfach da – warm und unvermittelt wie Sonnenlicht nach einem langen Regen. Mit neuer Energie sprang sie auf die Beine, warf einen Blick die Straße nach Ramir entlang und begann sofort, ihre Sachen zusammenzupacken. Die aufgehende Sonne tauchte den Wald inzwischen in warmes goldenes Licht, und selbst die Schatten zwischen den Stämmen wirkten weniger tief als noch in der Nacht. Schließlich sah sie zu Liam hinüber. ,,Kommst du?’’
- Kapitel 8 - Allein mit der Angst
Leyla spürte, wie ihr Herz gegen ihre Brust hämmerte – so laut, dass es alle anderen Geräusche des Waldes zu übertönen schien. Direkt über ihnen hing die gigantische Spinne zwischen den Ästen. Die Arachne war größer, als Leyla sie sich vorgestellt hatte. Ihr dunkler Körper spannte sich über mehrere dicke Äste hinweg, während lange, behaarte Beine langsam über die Rinde glitten. Acht schwarze Augen reflektierten das Licht der schwebenden Kugel und wirkten wie feuchte, glänzende Perlen in der Dunkelheit. Dann waren alle acht Augen auf Leyla gerichtet. Sie spürte diesen Blick förmlich auf ihrer Haut. Das stille, geduldige Abwägen eines Raubtiers, das längst entschieden hatte. „Wenn sie sich fallen lässt, musst du sofort ausweichen", erklärte Liam ruhig neben ihr. Seine Stimme klang dabei so entspannt, als würde er ihr den Weg zu einem nahegelegenen Dorf beschreiben. „Verpasst du das Timing, bist du tot. Weichst du zu früh aus, korrigiert sie ihre Landung. Zu spät…" Er zuckte leicht mit den Schultern. „… na ja. Dann wirst du eben gefressen." Leyla warf ihm einen kurzen, fassungslosen Blick zu. Dieser verdammte Elf! Wie konnte er bitte so ruhig bleiben? Ihr gesamter Körper zitterte inzwischen. Kalter Schweiß lief ihr langsam den Rücken hinunter, ihr Atem wurde hektischer. Trotzdem zwang sie sich, den Blick wieder nach oben zu richten. Die Arachne bewegte sich kaum. Und genau das machte alles schlimmer. Jedes kleine Geräusch hallte überdeutlich in Leylas Kopf wider. Das leise Knacken der Äste unter dem Gewicht der Kreatur. Das langsame Kratzen der Beine über die Rinde. Das widerliche Klicken der gewaltigen Kieferzangen – trocken, rhythmisch, geduldig. Leylas Finger glitten zittrig zum Griff des Schwertes. Mit stockendem Atem zog sie die Klinge aus der Scheide und nahm die Haltung ein, die Roxy ihr gezeigt hatte. Zumindest versuchte sie es. Ihre Knie fühlten sich weich an, kaum verlässlich. „Wie in einem Horrorfilm…" „Zum Glück bin ich wenigstens nicht alleine." Genau in diesem Moment tropfte Speichel aus dem Maul der Arachne hinab und landete mit einem feuchten Platschen direkt vor Leyla auf dem Waldboden. Dann erklang Liams Stimme neben ihr. „Ich geh dann schon mal weiter." Leyla brauchte einen Moment, um überhaupt zu verstehen, was er gesagt hatte. Dann sah sie noch, wie er mit einer fließenden Bewegung auf einen Ast sprang. „Was?!" Ihre Stimme überschlug sich beinahe. „Komm gefälligst zurück, du verdammter Wichser!" Doch Liam reagierte kaum. Er warf ihr lediglich einen kurzen, fast gelangweilten Blick zu – dann verschwand seine Silhouette ruhig zwischen den Ästen, bis die Dunkelheit ihn vollständig verschluckt hatte. Leyla starrte ihm hinterher. Fassungslos. ,,Das darf doch nicht wahr sein…’’ Sofort breitete sich ein schweres, beklemmendes Gefühl in ihrer Brust aus. Ihre Hände zitterten nun so stark, dass das Schwert leicht wackelte. Der Wald wirkte plötzlich noch dunkler als zuvor. Noch stiller. Noch enger, als wären die Stämme ein winziges Stück näher gerückt. Einen langen Moment geschah überhaupt nichts. Nur ihr eigener Herzschlag in den Ohren. Laut. Schnell. Panisch. Die Arachne bewegte sich nicht. Sie wartete. Und genau dieses Warten war fast schlimmer als jeder Angriff. Leylas Muskeln spannten sich schmerzhaft an, während sie versuchte, jede noch so kleine Bewegung der Kreatur zu verfolgen. Das Licht der schwebenden Kugel warf verzerrte Schatten zwischen die Stämme und ließ die langen Beine noch länger, noch bedrohlicher wirken. Dann bewegte sich etwas. Ein einzelnes Bein spannte sich an. Und im nächsten Moment ließ das Monster sich fallen. -------------------------------------------------------------------------- Als die Arachne sich fallen ließ, schien die Welt für einen einzigen Moment stillzustehen. Der gigantische Körper raste direkt aus der Dunkelheit der Baumkronen auf Leyla herab. Lange, schwarze Beine spreizten sich in der Luft auseinander, während das fahle Licht der schwebenden Kugel über den glänzenden Panzer der Kreatur glitt. Die Fangzähne wirkten viel zu groß, viel zu nah, und zwischen ihnen tropfte grünlicher Speichel auf den Waldboden. In genau diesem Moment flackerten Bilder vor Leylas Augen auf. Das Auto. Der Arm. Das Geräusch von brechendem Metall. „Beweg dich!’’ „Wenn du stehen bleibst, stirbst du!" Leyla sprang zur Seite. Zu früh. Die Arachne reagierte augenblicklich. Noch während sie fiel, stieß sie sich mit einem Bein von einem Baumstamm ab und korrigierte mitten in der Bewegung ihre Flugbahn. Leylas Augen weiteten sich. Dann traf eines der Beine sie mit voller Wucht. Der Aufprall schleuderte sie quer über die Lichtung. Äste zerbrachen unter ihr, Erde und trockenes Laub wirbelten auf, bevor sie hart gegen einen alten Baumstumpf krachte. Ein schmerzhafter Laut entwich ihr. Die Luft wurde brutal aus ihren Lungen gepresst, und sofort breitete sich brennender Schmerz in ihrem Rücken aus – heiß und stechend, als hätte jemand glühende Nadeln durch ihren Körper getrieben. Einen Moment lang verschwamm ihre Sicht. Der Wald drehte sich leicht. Doch Leyla blieb nicht liegen. Hustend stemmte sie sich wieder hoch. Ihre Hände zitterten so stark, dass das Schwert vibrierte. Vor ihr richtete die Arachne sich langsam auf. Im silbrigen Licht der Kugel wirkte die Kreatur noch monströser. Ihr dunkler Körper spannte sich zwischen den Bäumen auf, acht Augen fixierten Leyla regungslos. Das widerliche Klicken der Kieferzangen hallte durch die Stille. Dann tropfte erneut Speichel aus ihrem Maul. Diesmal zischte es leicht, als die grüne Flüssigkeit den Boden berührte. Gift? Leyla schluckte schwer – zwang sich aber, nicht zurückzuweichen. Die Arachne stieß ein schrilles Kreischen aus und schoss erneut auf sie zu. Diesmal reagierte Leyla schneller. Sie sprang zur Seite, spürte jedoch sofort, wie ihr Fuß auf losem Boden wegrutschte. Noch bevor sie sich stabilisieren konnte, verlor sie das Gleichgewicht und schlug hart auf dem Waldboden auf. Der Schmerz in ihrem Rücken explodierte erneut. Die Arachne war bereits direkt über ihr. Instinktiv rollte Leyla sich zur Seite. Im nächsten Moment krachte eines der gewaltigen Beine genau dort in den Boden, wo ihr Kopf eben noch gewesen war. Erde, Wurzeln und Steine wurden durch die Luft geschleudert. Leyla rappelte sich auf. Ihr Atem ging stoßweise, viel zu schnell. Die Arachne griff sofort wieder an. Diesmal wich Leyla besser aus. Ihr Körper begann langsam zu begreifen, wie die Kreatur sich bewegte. Die riesige Spinne war schnell, doch ihre Bewegungen wirkten gleichzeitig schwerfällig. Immer wieder brauchte sie kurze Momente, um ihr Gewicht neu zu verlagern. Als eines der Beine an ihr vorbeischoss, schlug Leyla reflexartig mit dem Schwert zu. Die Klinge traf den Panzer. Ein kreischendes Geräusch hallte durch den Wald. Funken sprühten auf. Das Bein blieb unversehrt. „Scheiße!" Sie taumelte zurück und umklammerte den Griff fester. „Das bringt überhaupt nichts!" Die Arachne kreiste langsam um sie herum, ihre Beine knirschten über Äste und Wurzeln. Zwischen den Stämmen spannten sich dicke Netze durch die Dunkelheit, manche so groß wie Segel. Knochenreste lagen zwischen feuchtem Moos und klebrigen Fäden verstreut. Je länger Leyla hinsah, desto klarer wurde es. Dieser gesamte Teil des Waldes war das Jagdgebiet der Kreatur. Und sie stand mitten darin. Die Spinne stürmte erneut los. Leyla wich aus – diesmal sauberer, schneller, fast schon instinktiv. „Sie ist groß… aber nicht besonders beweglich." Die Arachne war brutal und schnell, doch ihre Größe machte enge Richtungswechsel schwierig. Leyla biss die Zähne zusammen und zwang sich weiterzudenken, obwohl ihr gesamter Körper vor Angst zitterte. Gleichzeitig verfluchte sie Liam innerlich mit wachsender Inbrunst. „Ich wusste doch, dass ich ihm nicht trauen sollte! Dieser verdammte Elf lässt mich einfach allein!" Für einen kurzen Moment sah sie ihn vor sich – entspannt auf einem Ast sitzend, köstlich amüsiert. Der Gedanke machte sie nur noch wütender. Aber genau diese Wut half ihr, klarer zu denken. Ihre Augen huschten fieberhaft über die Lichtung. Netze zwischen den Stämmen, dicht und silbrig im Licht der Kugel. Der Boden voller Wurzeln, Gestrüpp und alter Knochenreste. Dann blieb ihr Blick an etwas hängen. Ein massiver Baumstamm ragte einige Meter entfernt aus dem Boden auf. Breit. Alt. Stabil. -------------------------------------------------------------------------- Langsam bewegte Leyla sich vor den massiven Baumstamm. Jeder Schritt fühlte sich schwerer an als der vorherige. Ihre Hände umklammerten das Schwert so fest, dass ihre Finger schmerzten, ihr Atem ging hektisch und unregelmäßig. Kalter Schweiß lief ihr über den Rücken, während der Schmerz des Aufpralls noch immer durch ihren Körper pulsierte. Trotzdem zwang sie sich weiter. Vor ihr bewegte die Arachne sich langsam durch die Dunkelheit der Lichtung. Das silbrige Licht der schwebenden Kugel glitt über ihren schwarzen Panzer und ließ die langen, behaarten Beine glänzen. Zwischen den Stämmen spannten sich dicke Netze, die im Licht schimmerten wie feuchte Fäden aus Glas. Die acht schwarzen Augen ruhten ununterbrochen auf Leyla. Beobachtend. Abwartend. Als würde die Kreatur ganz genau wissen, dass Leyla, ihre Beute, langsam schwächer wurde. Leylas Beine zitterten leicht. Trotzdem hob sie das Schwert wieder höher und stellte sich direkt vor den Stamm. „Komm schon…" flüsterte sie. Die Arachne bewegte sich auf sie zu. Langsam. Bedrohlich. Das Knacken ihrer Beine auf Ästen und Wurzeln hallte unnatürlich laut durch die Stille. Speichel tropfte aus ihrem Maul und zischte leicht, sobald er den Boden berührte. Sie spannte die Beine an und zwang sich, stehen zu bleiben. „Warte…" Ihr Herz schlug so laut, dass sie kaum noch etwas anderes hörte. Die Arachne hob ihren Vorderkörper an. Die Fangzähne öffneten sich. ,,JETZT!’’ Mit einem verzweifelten Schrei warf Leyla sich zur Seite. Die Arachne reagierte zu spät. Mit voller Geschwindigkeit raste der gigantische Körper direkt gegen den massiven Baumstamm. Das Krachen hallte durch den gesamten Wald. Der Boden vibrierte unter Leyla, Holz splitterte und mehrere Äste brachen knirschend auseinander. Die Wucht des Aufpralls ließ den Stamm erzittern. Leyla nutzte den Moment sofort. Noch während die Kreatur benommen gegen den Baum gedrückt war, wirbelte sie herum und stieß ihr Schwert mit aller verbliebenen Kraft nach vorne. Die Klinge drang tief in den Kopf der Arachne ein. Ein schrilles, markerschütterndes Kreischen zerriss die Nacht. Blaues Blut schoss hervor und spritzte über Leylas Arme, ihre Kleidung, ihr Gesicht. Warm. Dickflüssig. Widerlich. Sie taumelte rückwärts. Ihre Beine gaben beinahe sofort nach. Hart sank sie auf den kalten Waldboden. Keuchend blieb sie dort sitzen und starrte die Kreatur an. Ihr ganzer Körper zitterte vor Erschöpfung. Schweiß durchnässte ihre Kleidung, ihre Haare klebten feucht in ihrem Gesicht, und jeder Atemzug brannte in ihrer Brust. Vor ihr lag die Arachne regungslos zwischen zerbrochenen Ästen und aufgewühlter Erde. Nur einzelne Beine zuckten noch leicht. „Hab ich's geschafft…?" Ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Keine Bewegung. Kein Kreischen. Langsam breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus. Echte, überwältigende Erleichterung. „Ich hab's geschafft…" murmelte sie ungläubig. Dann begann sie zu lachen. Erst leise, dann lauter, fast hysterisch vor Erleichterung. Leyla riss die Arme hoch und schrie in die Dunkelheit des Waldes: „ICH HAB'S GESCHAFFT!" Ihre Stimme hallte zwischen den Bäumen wider und scheuchte irgendwo in der Ferne Vögel auf. Leyla grinste erschöpft vor sich hin. Dann dachte sie an Liam. Sofort verzog sie das Gesicht. „Wenn ich diesen dämlichen Elf wiedersehe", murmelte sie schwer atmend, „schlage ich ihm dieses arrogante Grinsen aus dem Gesicht." In genau diesem Moment traf sie etwas mit voller Wucht im Rücken. Sie wurde brutal nach vorne gerissen und hart auf den Boden gedrückt. Ein stechender Schmerz explodierte in ihrer linken Schulter. Lange, gebogene Fangzähne bohrten sich tief in ihr Fleisch. Leyla schrie auf. Sofort schossen ihr Tränen in die Augen. Panisch drehte sie den Kopf – und erstarrte. Die Arachne lebte noch. Das Schwert steckte tief in ihrem Kopf, und trotzdem blickten die schwarzen Augen Leyla noch immer an – voller Hunger, voller Gier, unvermindert. Der Anblick ließ ihr den Atem stocken. Fast sofort breitete sich ein Kribbeln von ihrer Schulter aus. Erst leicht, dann stärker. Heiß. Brennend. Es fühlte sich an, als würde flüssiges Feuer durch ihre Adern strömen. Ihre Finger wurden taub, ihre Arme schwer, und langsam begann ihr Körper nicht mehr richtig auf sie zu hören. „Nein… nein…" Ihr Atem wurde flach und hektisch. Sie versuchte sich zu bewegen, doch ihre Kraft verschwand zu schnell. Tränen liefen ihr unkontrolliert über das Gesicht. „Ich will nicht sterben…" Ihre Stimme brach mitten im Satz. „Bitte… irgendjemand…" Plötzlich flammte grelles Licht zwischen den Bäumen auf. Hitze breitete sich explosionsartig aus. Das Gewicht der Arachne verschwand abrupt von ihrem Rücken. Ein schrilles Kreischen hallte durch den Wald, begleitet vom Geruch verbrannten Fleisches. Zwischen verschwommener Dunkelheit und flackerndem Licht erkannte Leyla eine vertraute Gestalt. Liam. In seiner Hand brannte ein glühender Feuerball, dessen orangefarbenes Licht die gesamte Lichtung erhellte. Flammen spiegelten sich in seinen grünen Augen, während Rauch langsam zwischen den Stämmen aufstieg. Er trat näher, betrachtete erst die tote Arachne, dann Leyla. Er grinste. „Okay", meinte er trocken, „das war ziemlich passabel." Leyla wollte ihm sofort irgendetwas an den Kopf werfen. Oder ihn schlagen. Oder beides. Doch ihr Körper fühlte sich viel zu schwer an. Liam ging vor ihr in die Hocke. „Du hast dich wirklich gut geschlagen", sagte er diesmal deutlich ruhiger. „Die meisten Leute hätten gegen so ein Ding nicht mal eine Minute überlebt." Er deutete kurz auf die Arachne. „Aber kleiner Tipp fürs nächste Mal: Wenn ein Monster noch zuckt, solltest du lieber noch nicht anfangen zu feiern." Leyla starrte ihn erschöpft an. „Du bist so ein Arsch…" murmelte sie schwach. Liam legte vorsichtig eine Hand auf ihre verletzte Schulter. Sofort begann wieder das warme weiße Leuchten aufzuflackern – Heilmagie, die durch ihren Körper floss. „Na super…" Ihre Gedanken wurden bereits langsamer. „Jetzt bin ich schon wieder auf ihn angewiesen…" Das Letzte, was sie wahrnahm, war Liams verschwommenes Gesicht im flackernden Schein der Flammen. Dann wurde alles schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Liam blieb noch einen Moment neben der toten Arachne stehen und betrachtete die Kreatur schweigend. Das Licht seiner Magie flackerte über den dunklen Panzer des Monsters und ließ das blaue Blut auf dem Waldboden beinahe schwarz wirken. Der süßlich-verbrannte Geruch hing schwer zwischen den Bäumen – vermischt mit Rauch, feuchter Erde und dem säuerlichen Gestank der Netze. Langsam griff Liam nach dem Schwert, das noch immer tief im Kopf der Arachne steckte. Mit einem kräftigen Ruck zog er die Klinge heraus. Kurz betrachtete er die Waffe. Eine einfache Klinge. Nichts Besonderes – kein Zauber, keine Runen, kein besonderer Stahl. Und trotzdem hatte Leyla damit eine ausgewachsene Arachne besiegt. Ein leichtes Schmunzeln erschien auf seinem Gesicht. „Dafür, dass du keine Ahnung hast, was du tust, war das ehrlich gesagt ziemlich gut." Natürlich konnte sie ihn nicht hören. Bewusstlos lag Leyla einige Schritte entfernt zusammengesunken am Boden. Ihre Kleidung war voller Erde, Schweiß und blauem Blut, einzelne Haarsträhnen klebten feucht an ihrem Gesicht. Selbst im Schlaf wirkte sie noch angespannt – als würde ihr Körper auch unbewusst nicht loslassen. Liam kniete sich kurz neben sie und befestigte das Schwert wieder an ihrem Gürtel. Sie hatte die Situation wirklich erstaunlich gut gelöst. Vorsichtig hob Liam sie schließlich hoch und legte sie über seine Schulter – behutsam, damit ihre gerade erst geheilte Schulter nicht zusätzlich belastet wurde. Das Gift der Arachnen war unangenehm, aber nichts wirklich Gefährliches. Zumindest nicht für jemanden mit Heilmagie. Die Lähmung würde nachlassen. Trotzdem war er erleichtert, dass sie sich nicht ernsthafter verletzt hatte. Langsam begann Liam weiterzugehen und verließ die Lichtung. Während er durch den dunklen Wald lief, musste er immer wieder über zerrissene Netze, abgetrennte Beine und tote Körper steigen. Zwischen den Stämmen lagen mehrere verbrannte Arachnen – manche zusammengesackt zwischen Wurzeln, andere halb verkohlt gegen Baumstämme gelehnt, als wären sie dort einfach eingeschlafen. Der Geruch von verbranntem Chitin hing schwer in der Luft. Liam legte leicht den Kopf schief und ließ den Blick beiläufig über das Chaos wandern. ,,Wie viele habe ich wohl erledigt?’’ fragte er in den Wald hinein. Kurz dachte er darüber nach. Dann zuckte er nur mit den Schultern und ging weiter.
- Kapitel 3 - Die Lehren des ersten Tages
Leyla konnte nicht schlafen. —QUIETSCH— Ob es an den Stimmen und dem dröhnenden Gelächter lag, das aus der Taverne unter ihr nach oben schwappte, oder an dem Bett, das bei jeder kleinen Bewegung protestierend aufschrie – sie hätte es nicht sagen können. Vielleicht an beidem. Vielleicht auch an keinem von beiden. Mit jeder weiteren Minute wich ihre Müdigkeit den Gedanken. Und die Gedanken ließen sich nicht aufhalten. Was sollte jetzt aus ihr werden? Leylas Blick ruhte auf dem Gemälde an der Wand. Es zeigte eine Frau mit weißen Flügeln, ein Zepter in der Hand, die Kleidung vollständig weiß. Vielleicht ein Engel. Gab es hier überhaupt Engel? Abgesehen von dem Bild und dem Bett war das Zimmer beinahe leer. Neben dem Bett stand lediglich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Öllampe flackerte und den Raum in warmes, aber unruhiges Licht tauchte. Sie hatte bereits gebrannt, als Leyla das Zimmer betreten hatte, und sie hatte nicht daran gedacht, sie zu löschen. —QUIETSCH— Von unten drang besonders lautes Gelächter herauf. Tief, rau und schwer von Bier. „Vielleicht sollte ich auch wieder anfangen, Alkohol zu trinken?" Der Gedanke kam plötzlich – und verschwand genauso schnell wieder. Seit fast zwei Jahren hatte Leyla keinen Alkohol mehr angerührt. Der Auslöser war eine besonders schlimme Nacht mit Katja gewesen, bei der beide fast im Krankenhaus gelandet wären. Seitdem hatten weder sie noch ihre beste Freundin auch nur ernsthaft daran gedacht, wieder anzufangen. Nein, gerade jetzt brauchte sie einen klaren Kopf und nicht die kurze Betäubung, die der Alkohol versprach. Langsam griff sie in ihre Tasche und zog eine der Kupfermünzen hervor, die Roxy ihr gegeben hatte. Die Münze war rund, von kleinen Zacken umgeben. Auf ihrer Oberfläche war das Gesicht eines alten Mannes eingeprägt, dessen Blick eine merkwürdige Schwere hatte, als würde er zurückschauen. Nachdenklich drehte Leyla die Münze zwischen den Fingern. Dann wanderte ihr Blick zurück zu dem Gemälde, zu den weißen Federn – und sofort dachte sie an Katja. Ob sie die neue Folge ohne sie geschaut hatte? Ob sie sich Sorgen machte? Ob sie jetzt gerade auf dem Sofa saß und wartete, dass ihr Handy klingelte? Leyla vermisste sie. Besonders in Momenten wie diesem, wenn der Stress sie zu Entscheidungen drängte, die sie später bereuen würde, war Katja immer ihr Ruhepol gewesen. Jemand, der sie mit einer einzigen Bemerkung erden konnte, bevor sie sich selbst verlor. ,,Das sollte ich mir versuchen anzueignen.’’ Ob sie Katja jemals wiedersehen würde? Sie klammerte sich noch immer an die Hoffnung, bald nach Hause zurückzukehren. Vielleicht war dort kaum Zeit vergangen. Vielleicht konnte sie den Hund noch zum Tierarzt bringen und am Abend neben Katja auf dem Sofa sitzen, als wäre nichts gewesen. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es vermutlich nicht so einfach werden würde. Diese Furcht saß still und schwer in ihr, wie etwas, das sie noch nicht laut denken wollte. —QUIETSCH— Leyla zuckte zusammen. Schweigend betrachtete sie die Münze in ihrer Hand. Das fremde Gesicht. Der eindringliche Blick. ,,Was soll ich nun tun?’’ fragte sich Leyla, während sie an das Gespräch mit Roxy zurückdachte, das erst einige Stunden zurücklag. -------------------------------------------------------------------------- „Ich muss also nach Malün?" fragte Leyla und leerte den Rest ihres Traubensafts in einem langen Schluck. „Malün?" Roxy grinste kurz, nahm einen Schluck von ihrem Bier, und fuhr dann fort. „Du meinst wohl Malyl." Leyla verzog leicht das Gesicht. „Es ist auf jeden Fall eine von drei Möglichkeiten", fuhr Roxy fort, „zumindest dann, wenn du mehr lernen willst." Sofort wurde Leyla aufmerksamer. Drei Möglichkeiten. Allein der Gedanke ließ sie ruhiger werden. Sie hatte es nie gemocht, nur einen einzigen Weg vor sich zu haben – keinen Spielraum, keine Wahl, kein Ausweichen. Roxy schien ihr die aufkeimende Neugier direkt anzusehen, denn sie sprach ohne Pause weiter. „Alternativ könntest du von Langfeld aus nach Osten reisen", erklärte sie. „Bis zum Dreispitzenpass. Der führt durch die Larifen direkt zur Kaiserstadt." Die Kaiserstadt. Allein der Name klang nach etwas Gewaltigem. Nach hohen Mauern und breiten Straßen und einer Größe, die man sich nur schwer vorstellen konnte, wenn man sie nie gesehen hatte. „Regiert dort der Kaiser?" fragte Leyla. Roxy nickte langsam. Dabei wurde ihr Gesichtsausdruck für einen kurzen Moment angespannt, kaum wahrnehmbar, doch Leyla bemerkte es. „Ja", antwortete sie ruhig. „Seit einem halben Jahr regiert Kaiser Verion III." Irgendetwas schien Roxy zu stören. Vielleicht war es die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte. Oder vielleicht war es der kurze Schatten, der für einen Herzschlag durch ihren Blick gezogen war. Leyla bemerkte es. Entschied sich jedoch, nicht weiter nachzufragen. „Und was wäre für mich in der Kaiserstadt?" „Zum einen die Kaiserliche Akademie", erklärte Roxy. „Falls du dort angenommen wirst, erhältst du Zugang zur Reichsbibliothek – eine der bedeutendsten des gesamten Landes." Die Kaiserliche Akademie. Leyla versuchte sich vorzustellen, wie ein Studium in dieser Welt wohl aussehen würde. Ob es Vorlesungen gab, Bücher, Prüfungen – oder etwas völlig anderes? „Und was ist die dritte Option?" fragte sie schließlich. Roxys Miene wurde ruhiger. Ernster. Die Leichtigkeit der letzten Sätze war verschwunden. „Die dritte Möglichkeit", begann sie langsam, „wäre eine Reise nach Süden." Ein leiser Anflug von Sorge schwang in ihrer Stimme mit – nicht laut, aber spürbar. „Du müsstest durch den Grünwald reisen, bis hin zur Hafenstadt Inhantes. Dort gibt es ebenfalls eine große Bibliothek." Sie hielt kurz inne. „Allerdings ist dieser Weg der gefährlichste von allen dreien." Das Wort Hafenstadt ließ sofort etwas in Leyla aufsteigen, warm und schmerzhaft zugleich. Unweigerlich musste sie an Hamburg denken. An den Hafen im Herbst, wenn der Wind nach Salz und nassem Stein roch. An das Tuten der Schiffe in der Ferne, an das Kreischen der Möwen, an das vertraute Pulsieren einer Stadt, die nie wirklich zur Ruhe kam. An eine Welt, die sich gerade mit jedem Atemzug weiter von ihr zu entfernen schien. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ die Münze langsam über ihre Finger wandern. Drei Möglichkeiten. Sollte sie in die Kaiserstadt? Dort gab es vermutlich die besten Chancen, mehr über diese Welt herauszufinden. Vielleicht sogar einen Weg zurück nach Hause – irgendeinen Hinweis, irgendeinen Anfang. ,,Und vielleicht treffe ich ja einen heißen Prinzen oder eine süße Prinzessin.’’ Ein schwaches Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, verschwand aber genauso schnell wieder. Doch wirklich dorthin wollte sie nicht. Allein der Gedanke an die Kaiserstadt fühlte sich erdrückend an – riesig, fremd, voller Menschen und Regeln und unausgesprochener Erwartungen. Und den Gedanken, erneut Jahre in einem langen Studium zu verbringen, mochte sie kaum zu Ende denken. Also doch Malyl? Anfangs hatte Inhantes sie gereizt. Eine Hafenstadt hatte wenigstens etwas Vertrautes an sich, etwas, an das sie sich innerlich hatte klammern können. Doch Roxy hatte unmissverständlich klargemacht, wie gefährlich der Grünwald war. Und auch Inhantes selbst sollte kein besonders sicherer Ort sein. Nachdenklich begann Leyla damit, sich mit den Fingernägeln über ihr rechtes Handgelenk zu kratzen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie es. Sofort zog sie die Hand zurück und strich stattdessen mit den Fingern über den gezackten Rand der Münze, ruhig und gleichmäßig. „Ich muss aufpassen, dass ich mir das nicht wieder angewöhne." Malyl schien letztlich die vernünftigste Wahl zu sein. Der Weg galt als sicher, führte durch zahlreiche Dörfer, und sie wäre somit zumindest nicht völlig auf sich alleine gestellt. Sie würde in Gaststätten schlafen können, bei Händlern Vorräte einkaufen können. Es fühlte sich ohnehin so an, als hätte sie nie wirklich eine Wahl gehabt. Leyla seufzte leise. Sie hätte lieber die beste von drei guten Optionen ausgewählt, nicht die einzig gute. —QUIETSCH— Genervt verzog sie das Gesicht. „Scheiß Bett", murmelte sie leise. Sie drehte sich auf die Seite und ließ den Blick zum Nachttisch neben sich wandern. Die Öllampe flackerte noch immer, warf zitternde Schatten an die Wand. Darunter entdeckte sie eine kleine Klappe. Ob wohl etwas darin lag? Neugierig zog Leyla die Klappe auf. Darin lag ein altes Buch. Der ehemals weiße Einband war vergilbt und wellig an den Rändern, die goldene Schrift darauf bereits leicht verblasst – als hätte das Buch schon viele Nächte in genau diesem Nachttisch verbracht und auf genau diese Frage gewartet. Leise las Leyla den Titel. ,,Lehren des Kamerismus.’’ -------------------------------------------------------------------------- „Und so schuf Kamera, die Geflügelte, die Menschen und gab ihnen das Recht, über alle anderen Völker zu herrschen." Leylas Blick löste sich kurz von den vergilbten Seiten und wanderte zu dem Gemälde an der Wand. Zu der Frau mit den weißen Flügeln. Ob das Kamera darstellen sollte? Nach kurzem Grübeln las sie weiter. „Sie wies die Oger an, den Menschen mit ihrer Körperkraft zu dienen, befahl den Dracharen, ihr magisches Wissen mit den Menschen zu teilen, und gebot den Elfen, die Menschen mit ihrer Weisheit zu unterstützen." Leyla verzog angewidert das Gesicht. „Das klingt wie Sklaverei…" Unsicher betrachtete sie die Seiten. Konnte sie dem überhaupt vertrauen? Vielleicht war das nur eine Sammlung von Geschichten, die die Menschen hier sich erzählten, um die Welt ein wenig ordentlicher erscheinen zu lassen, als sie war. Und trotzdem ließ der Gedanke sie nicht los. Wenn das Buch recht hatte, dann existierten andere Völker wirklich. Elfen. Oger. Dracharen. Langsam stand Leyla auf und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, die Dielen knarrten leise unter ihren Schritten. „Was sind eigentlich Dracharen?" murmelte sie vor sich hin. „Sind das Drachen?" Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Mann auf dem Marktplatz. Dem Bettler mit dem Wolfskopf, der dort am Straßenrand gesessen hatte, als wäre das die normalste Sache der Welt. „War das dann ein Werwolf?" Allein der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der sich bis in die Fingerspitzen zog. Sie entschied noch etwas weiterzulesen und blätterte zu einer zufälligen Seite: „Darum bete dreimal am tag. Bete am Morgen für den Tag, am Mittag für die Mahlzeit, am Abend für deinen Dank gegenüber Kamera." Leyla verdrehte die Augen. „Das klingt doch einfach wie eine schlechte Kopie des Christentums." Nach einigen weiteren Schritten ließ sie sich wieder auf das Bett fallen. —QUIETSCH— Genervt schloss sie kurz die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und betrachtete einen weiteren Moment das Buch in ihrer Hand – die blassen Buchstaben, den abgenutzten Einband, die Gewissheit, mit der jemand diese Worte einmal zu Papier gebracht hatte. Dann legte sie es zurück auf den Nachttisch. Und trotzdem kreisten ihre Gedanken weiter. Ob sie irgendwann einem Elfen begegnen würde? Für einen kurzen Moment breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus. Doch genauso schnell verschwand es wieder. Irgendetwas legte sich wie ein Schatten über Leylas Geist. Irritiert runzelte sie die Stirn, dann fiel es ihr ein: Katja hätte Elfen geliebt. Schon allein dieser Gedanke ließ Leylas Brust schmerzhaft eng werden. Sie vermisste ihre beste Freundin mehr, als sie sich eingestehen wollte – die Art, wie Katja in solchen Momenten gelacht hätte, breit und ungezähmt, und wie sie sofort angefangen hätte, sich Namen für die Elfen auszudenken. Wenn Katja doch nur hier wäre… Langsam zog Leyla die Beine an ihre Brust und rollte sich unter der dünnen Decke zusammen, als könnte sie sich so etwas kleiner machen. Ihre letzten Gedanken galten Katja. Dann schlief sie endlich ein.
- Kapitel 2 - Eine andere Welt
Als Leyla wieder zu sich kam, war alles um sie herum dunkel. Das schmerzhafte Pochen in ihrer Schläfe hatte nicht nachgelassen – dumpf und hartnäckig, als würde jemand in gleichmäßigen Abständen gegen ihren Kopf hämmern. „Wo bin ich?" murmelte sie benommen. Vorsichtig begann sie, mit den Händen um sich zu tasten. Unter ihren Fingern fanden sich raue Holzbretter – kühl und hart, an vielen Stellen uneben. Langsam kehrten ihre Erinnerungen zurück. Der Park. Der verpasste Bus. Der Hund. Dann erst bemerkte sie etwas anderes: Sie war nackt. Sofort spannte sich ihr ganzer Körper an. Instinktiv zog Leyla die Arme eng um sich, während ihr Herz in einen schnelleren Takt fiel. Mit der Zeit gewöhnten sich ihre Augen an die Dunkelheit, wanderten sich langsam durch die Schatten. Schließlich erkannte sie die Umrisse eines kleinen Fensters. Blaue Gardinen verdeckten das matte Licht von draußen, wodurch kaum mehr als ein fahles Dämmern in den Raum gelang. Vorsichtig stand sie auf. Das Holz knarrte leise unter ihren nackten Fußsohlen, während sie zum Fenster trat und die Gardinen einen Spaltbreit zur Seite schob. Jetzt konnte sie den Raum besser erkennen. Überall hingen Kleidungsstücke, dicht an dicht, als hätte jemand eine ganze Garderobe in diesen kleinen Raum gequetscht. Die Stoffe, die Stangen, der leicht muffige Geruch – es erinnerte sie sofort an das kleine Theater ihrer Schulzeit. An die staubigen Vorhänge, alte Kostümständer und die erwartungsvolle Stille hinter der Bühne, kurz bevor das Licht anging. Direkt neben dem Fenster befand sich eine schwere hölzerne Tür. Von draußen drangen Stimmen herein. Gedämpft und undeutlich, zu weit entfernt, um wirkliche Worte aufzufangen. Leyla schluckte trocken und begann, einige Kleidungsstücke zusammenzusuchen. Eine rote Jacke fiel ihr sofort ins Auge. Der Schnitt, die Farbe – sie erinnerte sie an die Jacke, die ihre Mutter ihr früher geschenkt hatte. Leyla griff danach, ohne länger drüber nachzudenken. Dazu nahm sie ein schlichtes braunes Hemd und eine schwarze Hose. Sie zog alles rasch an. Gerade wollte sie sich der Tür nähern, als ihr Blick auf etwas Kleines fiel, das auf einer alten Kiste ruhte. Eine grüne Fliege. Leylas Gesicht hellte sich einen Herzschlag lang auf. „So eine trägt Alex doch auch immer", sagte sie leise und befestigte die Fliege an ihrem Kragen. Einen Moment lang sah sie an sich herunter – das zusammengewürfelte Outfit, die Fliege, die irgendwie trotzdem passte. Dann atmete sie tief durch. Langsam legte Leyla die Hand auf die Türklinke und drückte sie herunter. -------------------------------------------------------------------------- Helles Sonnenlicht traf Leyla direkt ins Gesicht. Blendend. Unbarmherzig. Reflexartig hob sie eine Hand vor die Augen, während ihre Sicht sich mühsam dem grellen Licht anpasste. Noch bevor sie richtig erkennen konnte, wo sie sich befand, drangen bereits Geräusche an ihre Ohren – und mit ihnen ein unangenehmes Ziehen tief im Magen. Das dumpfe Rattern von Holzrädern. Das helle Klimpern von Münzen. Das Bellen eines Hundes in der Ferne. Ein undurchdringliches Stimmengewirr. Langsam klärte sich ihr Blick. Und sofort bestätigte sich ihre Befürchtung. Sie stand mitten auf einem Marktplatz. Dutzende kleine Stände reihten sich entlang staubiger Straßen, beladen mit Waren, die Leyla noch nie in ihrem Leben gesehen hatte. Fremde Stoffe in satten, schweren Farben. Seltsame Werkzeuge. Getrocknete Pflanzen, deren Duft scharf und fremd in der Luft hing. Glänzende Glasfläschchen, die das Licht in winzige Funken brachen. Der Boden unter ihren Füßen bestand nicht aus Asphalt, sondern aus festgetretenem Sand und Erde, durchzogen von den Rillen unzähliger Räder. ,,Das sieht gar nicht nach Oldenburg aus…’’ murmelte Leyla nervös und sah sich weiter um. Ein schwerer Wagen wurde knarrend von einem Ochsen durch die enge Straße gezogen, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. Die Kleidung der Menschen wirkte altmodisch. Vielleicht ein Mittelaltermarkt? Am Ende der Straße erkannte Leyla eine Schmiede. Funken stoben in einem leuchtenden Bogen durch die Luft, während ein kräftiger Mann mit gleichmäßigen, geduldigen Schlägen auf einen Amboss einhämmerte. „Sind das Schwerter?" murmelte sie fast tonlos. Langsam entfernte sie sich von der Tür, durch die sie gekommen war, ohne den Blick von der fremden Welt um sich lösen zu können. Ihr Blick blieb an einem Mann hängen, der am Straßenrand saß und eine Hand nach den vorbeiströmenden Passanten ausstreckte. Instinktiv verspürte Leyla den Drang, in ihrer Tasche nach Kleingeld zu suchen. Dann bemerkte sie das Fell. Hellbraun. Dicht. Verwirrt trat sie einige Schritte näher heran, und erst jetzt erkannte sie es wirklich: der Kopf eines Wolfes, aus einem Körper herauswachsend, der völlig von Fell bedeckt war. „Ist das ein Furry? Ein Cosplayer?" Sie musterte ihn einen kurzen Momment länger. „Obwohl… wie ein Kostüm sieht das wirklich nicht aus…" —DONG— —DONG— Das plötzliche Dröhnen von Kirchenglocken fuhr ihr durch den ganzen Körper und ließ sie zusammenzucken. Ihr Blick schoss sofort zu einer kleinen Kirche am Rand des Platzes. Über dem Eingang hing eine Glocke, die noch in langsamen Wellen nachschwang. Irgendetwas daran nagte an ihr. War es das Kreuz? Es sah eher aus wie ein verzerrtes ,,K’’. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Eine träge, klebrige Übelkeit breitete sich in ihrem Magen aus. Die Luft war plötzlich zu schwer, zu voll, zu laut. „Ich muss hier weg", murmelte sie leise. Benommen stolperte sie in eine schmale, schattige Seitengasse – und prallte dort sofort gegen jemanden. „Tut mir leid…" begann sie erschrocken. Noch bevor sie richtig aufblicken konnte, erklang eine raue Männerstimme. Tief. Leicht belustigt. [???] „Was führt eine so hübsche Dame hierher? Und das ganz allein?" -------------------------------------------------------------------------- Leyla hob langsam den Blick. Direkt vor ihr stand ein Mann mit struppigem schwarzem Bart und ungepflegtem Haar. Sein Gesicht wirkte aufgedunsen, die Augen schmal und wach zugleich. Seine Kleidung war schmutzig und zerknittert, als hätte er sie seit Tagen nicht gewechselt. Sofort stieg ihr ein schwerer, unangenehmer Geruch in die Nase. Hastig wich sie einen Schritt zurück. „Ich bin Helmer, freut mich." Ein schiefes Grinsen zog sich über sein Gesicht. „Du wirkst so, als hättest du dich verlaufen." Leylas Magen zog sich zusammen. Sie wollte nicht mit ihm reden. Sie wollte eigentlich nur weg – so weit wie möglich und so schnell wie möglich. Trotzdem antwortete sie, obwohl sie es nicht wollte, mit zitternder Stimme: „So ähnlich…" Helmer trat einen weiteren Schritt näher. „Dann lass Helmer dir helfen", sagte er mit einer Ruhe, die nichts Beruhigendes hatte. „Komm einfach mit." Leyla öffnete den Mund, um zu protestieren – doch noch bevor ein einziges Wort heraus war, schloss sich seine Hand um ihren Arm. Der Griff war fest. Zu fest. Ein scharfer Schmerz zog sofort durch ihren Unterarm, und sie versuchte instinktiv, sich loszureißen. Doch ihre Beine fühlten sich schwer an, das Pochen in ihrer Schläfe machte jeden Gedanken dumpf. Sie wollte um Hilfe rufen, wollte schreien, irgendetwas sagen – aber ihre Stimme steckte wie eingemauert in ihrer viel zu trockenen Kehle. „Ich will das nicht." Tränen schossen ihr in die Augen. [???] ,,Halt sofort an!’’ Die Stimme fuhr scharf und unvermittelt durch die enge Gasse. Helmer erstarrte. Leyla sah hoch. Eine Frau mit rotem Haar war gerade aus einer Seitentür getreten und stellte sich ihnen in den Weg, als wäre das die selbstverständlichste Sache der Welt. An ihrem Gürtel hing ein langes Schwert, dessen Griff abgenutzt war. „Sie hat sich verlaufen", erklärte Helmer sofort, und trat dabei leicht zur Seite, als wollte er damit die Sicht auf Leyla verdecken. „Ich zeige ihr bloß den Weg." Die Rothaarige ließ den Blick kurz und gleichgültig über ihn gleiten. Dann sah sie direkt zu Leyla, die Augen leicht verengt, scharf und wachsam. „Stimmt das?" Leyla schüttelte sofort den Kopf. „N-Nein", brachte sie mühsam hervor. „Ich kenne ihn nicht." Einen Herzschlag lang herrschte Stille. Dann lächelte die Frau – ruhig und aufmunternd – und machte einen Schritt auf Leyla zu. „Komm", sagte sie. „Ich helfe dir." Anschließend wandte sie sich Helmer zu. Ihre Hand hatte sich dabei auf den Schwertgriff gelegt. „Und du, verpiss dich!" Helmer fluchte leise und wich zurück, die Hände halb erhoben. In dem Moment, in dem sein Griff nachgelassen hatte, stolperte Leyla sofort zur Rothaarigen hinüber. „Geht es dir gut?" fragte die Frau und schenkte ihr ein warmes Lächeln – das erste echte, das Leyla seit ihrem Aufwachen zu sehen bekam. -------------------------------------------------------------------------- Einige Minuten später saßen Leyla und die Frau gemeinsam an einem runden Holztisch. Die Rothaarige hatte sie zu sich nach Hause mitgenommen – ein kleines, schlicht eingerichtetes Haus mit knarrenden Dielen, warmem Licht und einem zarten Kräuterduft, der sich durch alle Räume zog. Leyla hielt eine Tasse Tee zwischen den Händen. Der süßliche Geschmack breitete sich langsam in ihrem Mund aus und wärmte sie von innen. Er beruhigte ihre aufgewühlten Nerven, zumindest ein kleines Stück weit. Doch vollständig entspannen konnte sie sich nicht. Zu vieles fühlte sich falsch an, zu vieles drängte sich gleichzeitig gegen die Innenseite ihres Schädels. Wo war sie hier? Und was wäre passiert, wenn diese Frau nicht eingegriffen hätte? Der Gedanke ließ ihren Magen erneut schwer werden. ,,Wie ist dein Name?’’ Die ruhige Stimme der Frau riss sie aus ihren Gedanken. „Leyla", antwortete sie knapp. „Und deiner?" Zum ersten Mal nahm sie sich einen Moment, die Frau wirklich zu betrachten. Sie schien etwas älter als Leyla – nicht viel, aber spürbar. Ihre grünen Augen strahlten eine gelassene Ruhe aus, die beinahe im Widerspruch zu den lockigen roten Haaren stand, die sich ihr wenig zahm um die Schultern ringelten. „Ich bin Roxanne", antwortete sie mit dem warmen Lächeln. „Aber nenn mich bitte Roxy." „Roxy…" wiederholte Leyla leise. Langsam, unaufhaltsam breitete sich eine bedrückende Gewissheit in ihr aus. Das hier war kein Mittelaltermarkt. Keine Convention, kein Filmset, keine ausgeklügelte Kulisse. Selbst wenn die Menschen Deutsch sprachen, fühlte sich alles zu fremd an. Aber Leyla wollte Sicherheit. Wenigstens eine klare Antwort, an der sie sich festhalten konnte, bevor alles um sie herum vollends verschwamm. Unsicher hob sie den Blick. „Roxy… wo sind wir hier eigentlich?" Roxy legte leicht den Kopf schief – nicht unfreundlich, eher interessiert. „Wenn du nicht mal das weißt, musst du dich wirklich ziemlich verlaufen haben." Leyla nickte nur und wich ihrem Blick aus. „Nun", begann Roxy schließlich, die Stimme ruhig und gleichmäßig wie fließendes Wasser, „wir sind in Migar. Dem schönsten Dorf der Mittellande." „Der Mittellande?" hakte Leyla sofort nach. Der Name sagte ihr überhaupt nichts. Kein Funken Wiedererkennung, kein Anknüpfungspunkt. Nur ein fremdes Wort in einer fremden Welt. -------------------------------------------------------------------------- Roxy stand auf, reckte sich kurz und griff nach ihrem Schwert, das an der Stuhllehne hing. Die Bewegung wirkte beiläufig, als würde sie ihren Wohnungsschlüssel aufheben. „Komm", sagte sie dann. „Ich erkläre es dir auf dem Weg zum Trunk. Dort kannst du schlafen." Leyla nickte und erhob sich ebenfalls. Während sie Roxy zur Tür folgte, ließ sie den Blick noch einmal durch das kleine Zimmer wandern. Es wirkte nicht wie ein Ort, an dem jemand wirklich lebte – eher wie eine Unterkunft auf Zeit, die man bezog und wieder verließ. Die wenigen Möbel waren schlicht und zweckmäßig, persönliche Gegenstände fehlten beinahe vollständig. Keine Bilder, keine Kleinigkeiten, nichts, das von ihrem Leben erzählt hätte. Leyla überlegte einen Moment, ob sie nachfragen sollte – entschied sich dann aber dagegen. Draußen empfing sie erneut das geschäftige Treiben des Dorfes. Stimmen hallten durch die staubigen Straßen, irgendwo klapperten Wagenräder rhythmisch über den festen Boden, und aus einem offenen Fenster drang der Geruch von gebratenem Fleisch. Leyla rümpfte die Nase. „Wir sind im Herzogtum der Mittellande", begann Roxy, den Blick geradeaus gerichtet. „Eines von vielen im Kaiserreich." Das Kaiserreich. Leyla wiederholte das Wort innerlich, als könnte sie es so greifbar machen. Ein echtes Kaiserreich? Mit einem echten Kaiser? „Die Hauptstadt der Mittellande liegt nördlich – Sie heißt Malyl." Roxy machte eine kurze Pause. „Regiert von der Familie de Coteau." Der Tonfall war neutral. Zu neutral. „Ist das… gut?" fragte Leyla vorsichtig. Roxy warf ihr einen kurzen Seitenblick zu. „Es ist wie es ist." Leyla beschloss, die Antwort vorerst so stehen zu lassen. „Im Osten liegen die Larifen", fuhr Roxy fort. „Das höchste Gebirge des Landes. Dahinter beginnt das direkte Einflussgebiet der Kaiserstadt." Sie warf Leyla einen prüfenden Seitenblick zu. „Und im Westen die Hamalien, im Süden der Grünwald." Leyla merkte, dass sie versuchte, alles gleichzeitig zu behalten. Namen, Himmelsrichtungen, Grenzen. Als würde das Verstehen der Karte ihr irgendwie helfen, zu begreifen was passiert war. Es half nicht. Nach einem Moment fragte sie: „Gibt es hier Bibliotheken? Oder so etwas wie eine Universität?" Roxy sah sie kurz an. Diesmal etwas länger. „In Malyl gibt es beides. Eine der größten Bibliotheken des Kaiserreichs. Und eine Magierakademie." Eine kurze Pause. „Warum?" Leyla zuckte die Schultern, bemüht beiläufig. „Ich muss irgendwo anfangen." -------------------------------------------------------------------------- Müde öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer. Zu ihrem Zimmer. Der Gedanke fühlte sich noch immer seltsam an, wie ein Kleidungsstück, das nicht ganz passte. Es war ein kleines Zimmer im Grünwalder Trunk – gemietet von Roxy, für sie. Nachdem der Tag ihr kaum einen Moment Ruhe gelassen hatte, hatten die Gespräche mit Roxy sich bis weit in den Abend gezogen. Inzwischen war es draußen dunkel. Leylas Blick fiel auf das schmale Bett in der Ecke des Raumes. Darauf lagen eine dünne braune Decke und ein weißes Kissen, dessen Stoff schon sichtbar viele Nächte erlebt hatte. Ohne lange nachzudenken streifte sie ihre Kleidung ab und ließ sich schwer auf die Matratze fallen. —QUIETSCH— Das Bett gab unter ihrem Gewicht ein langes, klagendes Geräusch von sich. „Na super." Leyla verzog müde das Gesicht. Einen Moment lang starrte sie einfach nur an die dunkle Decke. Sie hatte kein Handy mehr. Kein vertrautes Leuchten vor dem Schlafen. Dann schloss sie langsam die Augen. Alles fühlte sich unwirklich an. Der Marktplatz mit seinen fremden Waren und seinem fremden Lärm. Die Menschen, deren Kleidung zu echt gewesen war, um Kostüme zu sein. Das Fell des Mannes am Straßenrand. Die Mittellande. Herzogtümer in einem Kaiserreich. Dies war wirklich eine andere Welt.
- Kapitel 7 - Der Wald der Spinnen
[???] „Na, alles gut da unten?" Leyla hob erschrocken den Kopf. Am Rand des Kraters kniete ein Mann und blickte zu ihr hinunter. Hinter ihm bewegten sich die Baumwipfel leicht im Wind, während Sonnenlicht zwischen den Ästen hindurchfiel und sein Gesicht teilweise beleuchtete. Er hatte zerzauste blonde Haare, eine grüne Jacke mit mehreren Rissen im Stoff und… Spitze Ohren. Leyla starrte ihn an. Für einen kurzen Moment verdrängte die Überraschung sogar den pochenden Schmerz in ihrem Fuß. „Bist du ein Elf?" Die Frage platzte direkt aus ihr heraus. Der Mann zog leicht eine Augenbraue hoch und musterte sie mit sichtbarer Neugier. Dann erschien ein schiefes, beinahe amüsiertes Grinsen auf seinem Gesicht. „Was soll ich denn sonst sein?" Leyla blinzelte ein wenig eingeschüchtert. Natürlich kannte sie Elfen, nicht nur aus dem Buch, das sie in der Taverne gelesen hatte, sondern auch aus den Serien und Spielen ihrer eigenen Welt. Aber tatsächlich einem gegenüberzustehen fühlte sich vollkommen anders an. Noch bevor sie etwas sagen konnte, sprang der Elf mit erstaunlicher Leichtigkeit in den Krater hinab. Er fing den Aufprall sauber ab und richtete sich sofort wieder auf, als wäre die Höhe nichts Besonderes. Dann trat er näher heran und ging vor ihr in die Hocke. „Ich bin Liam", sagte er ruhig. „Und? Alles gut bei dir?" Er wirkte leicht außer Atem, doch Leyla achtete kaum darauf. „Ich bin abgerutscht", erklärte sie und versuchte, den Schmerz in ihrem Fuß zu ignorieren. „Ich glaube, er ist gebrochen." Liam warf einen kurzen Blick auf die Verletzung. „Ja", meinte er trocken. „Das sieht definitiv gebrochen aus." Dann hob er den Blick wieder zu ihr. ,,Ich wollte aber wissen, ob es dir gut geht.’’ Sofort stieg ihr die Hitze ins Gesicht. „Naja, beschissen vielleicht?" entgegnete sie gereizt. „Ich sitze in einem Loch fest und ich kann nicht aufstehen." Leyla wollte noch etwas hinzufügen – brach jedoch ab, als ein neuer Schmerzstoß durch ihr Bein zog. Sie presste kurz die Lippen zusammen und atmete zittrig aus. „Kannst du mir bitte helfen?" Der Wald um sie herum war wieder still geworden, nur das Rascheln der Blätter und das entfernte Rufen eines Vogels waren zu hören. Zwischen den hohen Felsen des Kraters fühlte Leyla sich plötzlich unangenehm klein. Liam verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Klar kann ich dir helfen", sagte er. „Aber dann hätte ich gern was dafür." Dabei grinste er plötzlich breit. Leyla fühlte, wie ihr Magen sich zusammenzog. Was meinte er damit? Sie hatte kaum Geld. Keine Wertgegenstände, nichts wirklich Nennenswertes. Und trotzdem hatte sie gerade keine wirkliche Wahl. Langsam blickte sie wieder zu ihm auf. „Was willst du denn?" Ihre Stimme klang angespannt, deutlich vorsichtiger als zuvor. Liams Grinsen wurde nur noch breiter. Dann beugte er sich langsam näher zu ihr herunter. Viel näher. Leyla hielt unwillkürlich den Atem an, ihr Herz begann schneller zu schlagen, während seine grünen Augen sie aufmerksam musterten. Erst jetzt bemerkte sie die Wassertropfen in seinem Haar, die durchnässten Stellen an seiner Jacke. „Ich will …" begann Liam leise. Leylas Körper spannte sich reflexartig an. „… deinen Namen.“ -------------------------------------------------------------------------- Leylas Lippen öffneten sich leicht, doch zunächst brachte sie kein Wort heraus. Verwirrt sah sie Liam an, während der pochende Schmerz in ihrem Fuß weiter durch ihr Bein zog und ihr langsam Schweiß über den Rücken lief. „Meinen Namen?" Liam nickte entspannt. Noch immer lag dieses lockere, beinahe freche Grinsen auf seinem Gesicht. „Ja, deinen Namen", antwortete er ruhig. „Du kennst meinen schließlich schon. Da wäre es doch irgendwie unfair, wenn ich deinen nicht kenne." Leyla musterte ihn skeptisch. Gerade eben hatte sie noch mit etwas deutlich Schlimmerem gerechnet. „Leyla", sagte sie schließlich leise. Für einen kurzen Moment veränderte sich Liams Gesichtsausdruck. Es war nur eine kleine Regung, kaum merklich, doch Leyla bemerkte es trotzdem. Allerdings schmerzte ihr Fuß inzwischen so stark, dass sie kaum die Kraft hatte, länger darüber nachzudenken. Dann lächelte er wieder. „Leyla", wiederholte er ruhig. „Gefällt mir." Noch bevor sie darauf reagieren konnte, kniete er sich neben sie und griff vorsichtig nach ihrem verletzten Fuß. Reflexartig spannte Leyla sich an – doch plötzlich begann ein sanftes weißes Leuchten seine Hand zu umhüllen. Das Licht wirkte nicht grell oder bedrohlich. Eher warm. Ruhig. Es breitete sich langsam über ihren geschwollenen Fuß aus und ließ die Haut leicht golden schimmern, während sich eine wohlige Wärme tief durch ihr Bein zog, bis in die Knochen hinein. Ungläubig starrte Leyla auf das Leuchten. Nach wenigen Sekunden verblasste es wieder – als hätte es sich einfach in der Luft aufgelöst. Und mit ihm verschwand der Schmerz. Abrupt. Vollständig. Leylas Augen weiteten sich. Vorsichtig bewegte sie den Fuß erst ein kleines Stück, dann stärker. Nichts. Kein Ziehen, kein Stechen, kein dumpfes Pulsieren mehr. Verwirrt tastete sie die Stelle ab, die eben noch verdreht und geschwollen gewesen war. „So", meinte Liam ruhig und richtete sich wieder auf. „Damit solltest du wieder laufen können." Er sagte es in einem Tonfall, als hätte er gerade eine Kleinigkeit erledigt. Leyla hingegen sah ihn weiterhin fassungslos an. „Das war wirklich Magie…" „Danke", sagte sie schließlich. „Wirklich." Liam winkte locker ab. „Schon gut. War ja nichts Großes." Dann sah er sie neugierig an. „Und was jetzt? Wohin reisen wir eigentlich?" Leyla runzelte leicht die Stirn. Die Frage kam unerwartet. Langsam stand sie auf und musterte ihn dabei genauer. Trotz seiner zerrissenen, noch immer teilweise feuchten Kleidung wirkte Liam erstaunlich entspannt. Einzelne blonde Haarsträhnen klebten ihm an der Stirn, und trotzdem hatte er diese lockere Haltung. Genau das machte Leyla misstrauisch. Er wirkte freundlich. Vielleicht sogar charmant. Aber irgendetwas an ihm fühlte sich seltsam an. Sie streckte ihm schließlich die Hand entgegen. „Ich bin dir wirklich dankbar", sagte sie vorsichtig. „Aber ich glaube, ich würde lieber alleine weiterreisen." Liam sah sie einen kurzen Moment überrascht an. Dann zuckte er lediglich mit den Schultern. „Na gut." Noch bevor Leyla weiter darüber nachdenken konnte, sprang er mit einer fließenden Bewegung aus dem Krater. Die Höhe schien ihn dabei überhaupt nicht zu interessieren. Oben angekommen blickte er noch einmal zu ihr hinunter. „Dann wünsche ich dir viel Glück, Leyla." Kurz darauf verschwand er aus ihrem Sichtfeld. Leyla blieb noch einige Sekunden regungslos stehen, dann hob sie langsam den Blick nach oben. Erst jetzt, da sie allein war, wurde ihr richtig bewusst, wie tief dieses Loch eigentlich war. Bestimmt fünf Meter. Mit einem leisen Seufzen trat sie an die Wand heran und betrachtete sie genauer. Die Erde wirkte seltsam glatt abgeschnitten, beinahe künstlich – fast so, als hätte jemand ein riesiges Stück aus dem Boden ausgestanzt. Wie mit einer gigantischen Keksform. Vorsichtig drückte Leyla die Finger gegen die Wand. Die Erde war weich genug, um kleine Tritte hineinzugraben. Nach kurzem Überlegen begann sie sich langsam nach oben zu arbeiten. Die Erde bröckelte mehrfach unter ihren Händen weg, mehr als einmal rutschte ihr Fuß gefährlich ab – doch schließlich zog sie sich keuchend über den Rand. Kaum richtete sie sich auf, blieb sie abrupt stehen. Liam war gar nicht gegangen. Ganz entspannt lag er auf einem flachen Stein einige Meter entfernt in der Sonne, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, als würde er dort einfach nur das Wetter genießen. Hinter ihm rauschte der Wald im Wind, und zwischen den hohen Stämmen tanzten helle Lichtflecken auf dem Boden. Liam öffnete leicht ein Auge und grinste. „Wenn du dem Weg weiter folgst, kommst du übrigens ins Gebiet der Arachnen." Leyla blinzelte irritiert. „Ins Gebiet der was?" „Arachnen", wiederholte Liam ruhig. „Große Spinnen." Er machte eine kurze Pause. „Sehr große Spinnen." Sofort lief ihr ein kalter Schauer den Rücken hinunter. Liam setzte sich langsam auf und streckte sich zufrieden. „Ich hoffe wirklich, du hast keine Angst vor Spinnen." Sein Blick wirkte dabei verdächtig belustigt – fast so, als hätte er genau auf diese Reaktion gewartet. Leyla rieb sich genervt über das Gesicht. „Okay", murmelte sie schließlich. „Von mir aus können wir ein Stück zusammen reisen." Sofort sprang Liam vom Stein. „Sehr vernünftige Entscheidung." Gemeinsam gingen sie den Waldweg entlang. Während Liam entspannt neben ihr herschlenderte, die Hände hinter dem Kopf verschränkt, beobachtete Leyla ihn aus dem Augenwinkel. ,,Irgendwie sieht er erleichtert aus…’’ dachte Leyla. -------------------------------------------------------------------------- Trotz ihrer Entscheidung, gemeinsam weiterzureisen, vertraute Leyla Liam noch immer nicht wirklich. Irgendetwas an ihm ließ sie nicht zur Ruhe kommen.War es diese lockere Art, mit der er jede Situation behandelte, als würde ihn nichts ernsthaft beunruhigen? Während sie nebeneinander den Waldweg entlangliefen, beobachtete Leyla ihn diesmal genauer. Seine grüne Kleidung wirkte beinahe wie eine Uniform – robust und praktisch, allerdings an mehreren Stellen aufgerissen und verschmutzt. Seine Arme zeigten feine Kratzer, manche frisch, manche älter, und an seiner Hose klebten Schlamm und dunkle Flecken, die Leyla lieber nicht genauer identifizieren wollte. Dann blieb ihr Blick an einem Emblem auf seiner Jacke hängen. Es zeigte einen grauen Drachenkopf mit geschlossenem Maul. „Was ist das für ein Zeichen?" fragte sie neugierig. Liam warf nur einen kurzen Blick darauf. „Das Wappen einer Adelsfamilie. Es zeigt einen Graudrachen." Sofort wurde Leyla aufmerksam. „Moment mal… gibt es hier wirklich Drachen?" Die Worte kamen schneller heraus, als sie eigentlich wollte. „Also echte Drachen?" Allein die Vorstellung ließ ihre Augen aufleuchten. Leyla hatte Drachen schon immer geliebt – als Kind hatte sie Bücher über sie verschlungen, Filme geschaut und sogar ein Drachenkuscheltier besessen. Kurz runzelte sie die Stirn. „Oder war das damals gar nicht meins?" Die Erinnerung fühlte sich seltsam verschwommen an. Sie verdrängte den Gedanken. Liam schmunzelte leicht über ihre Reaktion. „Natürlich gibt es Drachen. Sie gehören zu den mächtigsten Wesen dieser Welt." „Und sie können wirklich fliegen? Feuer speien und sowas?" „Manche schon." Er zuckte locker mit den Schultern. „Aber Drachen sind keine Tiere. Auch keine Monster. Sie sind intelligent – wahrscheinlich intelligenter als wir." Leyla sog jedes Wort in sich auf. Diese Welt überraschte sie immer wieder. Dann fiel ihr plötzlich ein Abschnitt aus dem Buch in der Taverne ein. „Stimmt es eigentlich, dass Drachen die Kinder von Kamera sind?" Liam blieb abrupt stehen. Dann prustete er los. „Die Kinder Kameras?" Er schüttelte lachend den Kopf. „Wo hast du denn bitte sowas her?" Leyla verschränkte leicht die Arme. „Aus einem Buch." „Ah." Sein Grinsen wurde breiter. „Dann wundert es mich nicht." Noch während er sprach, stieß er ihr leicht gegen die Schulter. „Nein. Drachen sind definitiv nicht ihre Kinder." Dann kratzte er sich kurz nachdenklich am Kopf. „Wobei… manche Leute beten sie genauso an, wie die Kameristen Kamera.’’ „Wie meinst du das?" „Im Elfenkönigreich Astaris gibt es die Drachenkirche", erklärte Liam, während sie weitergingen. „Die glauben an die drei Urdrachen Jade, Juka und Idaka." Leyla blinzelte überrascht. „Die Drachenkirche klingt ehrlich gesagt ziemlich cool." „Bis sie anfangen, dir stundenlang ihre Geschichten zu erzählen." „Also ist sie wie jede andere Religion?" Liam sah sie kurz überrascht an. Dann musste er lachen. Je länger sie miteinander sprachen, desto mehr veränderte sich der Wald um sie herum. Die Bäume standen inzwischen deutlich dichter beieinander, ihre dunklen Kronen verschluckten fast das gesamte Licht der untergehenden Sonne. Wurzeln ragten wie verdrehte Finger aus dem Boden, und zwischen den Stämmen hing stellenweise feuchter Nebel, der sich um die Äste wand wie feuchter Atem. Die Luft wirkte schwerer. Still. Bedrückend. Das Zwitschern der Vögel war längst verstummt, und selbst der Wind schien nur noch gedämpft durch die Äste zu streichen. Stattdessen hörte Leyla immer wieder leises Rascheln irgendwo zwischen den Stämmen – kurz, kaum greifbar, immer woanders. Der Wald fühlte sich nicht mehr friedlich an. „Und hier gibt es wirklich Riesenspinnen?" fragte sie schließlich vorsichtig. Allein die Vorstellung sorgte dafür, dass sich ihr Magen zusammenzog. Gegen normale Spinnen hatte sie nie wirklich etwas gehabt. „Arachnen", korrigierte Liam beiläufig. „Und ja, die gibt es." Dann grinste er leicht. „Solange wir nicht in ihre Netze laufen oder ihnen zu nahe kommen, passiert normalerweise nichts." Leyla blieb kurz stehen. „Normalerweise?" „Ach, entspann dich." Während sie weiterliefen, verschwand das letzte Tageslicht endgültig hinter dem Horizont. Zwischen den dichten Baumkronen wurde es zunehmend dunkler, bis Leyla kaum noch erkennen konnte, wo genau der Weg verlief. Der Wald wirkte jetzt vollkommen anders – die Schatten zwischen den Bäumen erschienen tiefer, dichter und irgendwie lebendiger. Immer wieder glaubte Leyla Bewegungen zwischen den Ästen zu erkennen, nur damit dort beim zweiten Blick doch nichts war. Liam hatte ihr erklärt, dass sie in diesem Teil des Waldes auf keinen Fall schlafen sollten. Also mussten sie weitergehen. Plötzlich flammte helles Licht auf. Leyla zuckte zusammen und hob reflexartig den Arm vor die Augen. Einige Meter über ihnen schwebte eine weiße Lichtkugel durch die Dunkelheit und tauchte den Wald in einen silbrigen Schimmer. Das Licht spiegelte sich auf feuchten Blättern und ließ den Nebel zwischen den Stämmen beinahe geisterhaft wirken. Leyla starrte nach oben. „Hast du die erschaffen?" In ihrer Stimme lagen gleichzeitig Staunen und ehrliche Erleichterung. „Jap", antwortete Liam vollkommen beiläufig. „Im Dunkeln durch diesen Wald zu laufen wäre ziemlich dumm." Dann grinste er leicht zu ihr hinüber. „Oder wäre es dir lieber gewesen, wenn ich dein Zittern nicht sehen könnte?" Leyla seufzte genervt. „Du genießt das viel zu sehr." „Ein bisschen vielleicht." Leyla verdrehte die Augen. Trotzdem musste sie innerlich leicht schmunzeln. Je länger sie mit Liam unterwegs war, desto mehr erinnerte er sie an einen ihrer ehemaligen Kommilitonen. Dieselbe lockere Art. Dieselben provokanten Kommentare. Dieses ständige Bedürfnis, andere leicht aus dem Konzept zu bringen. „Ob wir uns in meiner Welt verstanden hätten?" — KNACK — Das Geräusch kam irgendwo über ihnen aus den Baumkronen. Leyla erstarrte sofort. Langsam hob sie den Blick in die Dunkelheit zwischen den Ästen. Ihr Herz begann augenblicklich schneller zu schlagen. Sie konnte nichts erkennen. Zwischen den schwarzen Kronen bewegte sich irgendetwas. Oder zumindest glaubte sie das. Ein unangenehmes Kribbeln breitete sich in ihrem Nacken aus, langsam, hartnäckig. „Hast du das auch gehört?" flüsterte sie und trat unbewusst einen kleinen Schritt näher zu Liam. Ihre Stimme zitterte leicht.
- Kapitel 6 - Liam Valleri
Nachdem die Elfen im Großen Krieg von den Menschen unterworfen worden waren, zerfielen nahezu alle bestehenden Strukturen ihres Volkes. Alte Bündnisse verschwanden wie Rauch. Städte wurden von Menschen übernommen oder zerstört, Traditionen gingen innerhalb weniger Generationen verloren – erst die kleinen, dann die großen, dann jene, die man für unzerstörbar gehalten hatte. Zahlreiche Elfen passten sich notgedrungen den neuen Machtverhältnissen an, lernten zu schweigen, zu dienen, ihre Sprache zu verbergen. Andere versuchten, ihre Herkunft vollständig auszulöschen, und wurden dabei zu Fremden in ihrer eigenen Haut. Nur an wenigen Orten gelang es den Elfen noch, ihre alte Kultur zu bewahren. Im Grünwald existierten weiterhin kleinere Stämme tief zwischen den uralten Bäumen, dort, wo menschliche Händler und Soldaten nur selten erschienen. Im Tiefenwald lebten einige abgeschottete Gemeinschaften, fernab aller Städte und Handelswege, in einer Stille, die sie sich mit Bedacht bewahrt hatten. Selbst in einem abgelegenen Tal der Hamalien hielten vereinzelte Elfenfamilien noch an ihren alten Bräuchen fest – zäh, geduldig, wie Wurzeln, die sich unter Fels hindurchwinden. Einer dieser Stämme war der Stamm Valleri im Tiefenwald. Die Valleri lebten zurückgezogen und mieden den Kontakt zur Außenwelt so weit wie möglich. Der Stamm zählte kaum vierzig Mitglieder und hatte sich tief im Wald niedergelassen, verborgen zwischen mächtigen Bäumen, deren Stämme breiter waren als Hauswände, dichtem Nebel und schmalen Flüssen, die das Licht zerteilten wie Glas. Dort wurde schließlich der zweite Sohn des Stammesoberhauptes geboren. Er erhielt den Namen Liam. Als zweiter Sohn lasteten nur wenige Erwartungen auf ihm. Während sein älterer Bruder Renea früh und beständig auf seine spätere Rolle vorbereitet wurde – geformt, unterwiesen, in eine Form gepresst, die der Stamm für ihn vorgesehen hatte – durfte Liam sich freier entfalten. Kein fester Platz, kein festgelegter Weg. Nur Zeit und die Welt des Waldes um sich herum. Und genau dadurch bemerkte sein Vater schon früh das außergewöhnliche Talent des Jungen. Also begann er, Liam gezielt zu fördern. Bereits in jungen Jahren zeigte sich, dass Liam nahezu jedes Werkzeug und jede Waffe mit erschreckender Leichtigkeit beherrschte. Ob Messer, Speer oder Bogen – er lernte schneller als die meisten anderen Kinder seines Stammes, mit einer Selbstverständlichkeit, die älteren Mitgliedern bisweilen unwohl war. Doch noch deutlicher zeigte sich sein Talent in einem anderen Bereich. Magie. Besonders seine Affinität zur Licht- und Feuermagie war ungewöhnlich stark ausgeprägt – weit über das hinaus, was man bei einem Kind seines Alters erwarten durfte. Selbst erfahrene Mitglieder des Stammes begannen darüber zu sprechen, leise zunächst, dann immer offener. So kam es schließlich, dass Liam im Alter von nur zehn Jahren zur Magieakademie von Rubendy geschickt wurde. -------------------------------------------------------------------------- Liam erinnerte sich noch gut an den Tag, an dem er zum ersten Mal vor den gewaltigen weißen Toren der Akademie von Rubendy gestanden hatte. Allein ihr Anblick hatte ihn damals mit Ehrfurcht erfüllt. Die hohen Mauern aus hellem Stein ragten über ihm auf wie Monumente einer anderen Welt – zu groß, zu still, zu selbstsicher in ihrer eigenen Bedeutung. Überall bewegten sich Magier, Händler, Schüler und Gelehrte durch die Straßen rund um die Akademie, Banner flatterten im Wind, und magische Lichter schimmerten selbst nachts zwischen den Türmen wie eingefrorene Sterne. In diesem Moment hatte Liam sich zugleich besonders und vollkommen unbedeutend gefühlt. Ein kleiner Junge aus einem abgeschotteten Elfenstamm, plötzlich umgeben von Wissen, Macht und einer Welt, die weit größer war als alles, was er je gekannt hatte. Anfangs bewunderte er das Kaiserreich. Die Ordnung. Die Größe der Städte. Das Wissen, das in den Gängen der Akademie hing wie Staub in alten Bibliotheken – allgegenwärtig, unsichtbar, überall. Und Liam lernte schnell. Schneller als die meisten anderen Schüler. Doch mit den Jahren veränderte sich sein Blick auf Rubendy – so wie es bei vielen geschah, die lange genug dort lebten und irgendwann aufhörten, nur die Fassaden zu sehen. Die Stadt lag am Goldenen Fluss und war durch ihn geteilt. Nur zwei Brücken verbanden die westliche und die östliche Hälfte miteinander – zwei schmale Verbindungen zwischen zwei völlig verschiedenen Welten. Im Westen lagen der Handelshafen, die großen Märkte, Tempel und die Villen der Reichen. Händlerfamilien, Beamte und Magier bewegten sich dort durch breite Straßen aus hellem Stein, als wäre die Stadt nur für sie gebaut worden. Der Osten war etwas vollkommen anderes. Dort lebte der Großteil der Armen. Enge Straßen, überfüllte Häuser, Viertel, die von der Stadtwache oft bewusst ignoriert wurden – als existierten sie offiziell gar nicht. Besonders die Dracharen prägten diesen Teil Rubendys. Einer von vier Bewohnern der Stadt war ein Drachar, und dennoch blieben sie Außenseiter in einer Stadt, die sie seit Jahrhunderten mit aufgebaut hatten. Das war die Art von Widerspruch, die einem erst dann ins Auge fiel, wenn man lange genug hinschaute. Während seiner Jahre an der Akademie lernte Liam nicht nur Magie. Er lernte auch, wie das Kaiserreich wirklich funktionierte. Mit siebzehn Jahren schloss er seine Ausbildung ab und kehrte voller Erwartungen zu seinem Stamm zurück. Doch dort erwartete ihn keine Freude. Seine Familie wies ihn ab. Für die Valleri hatte Liam sich zu weit von ihrer Kultur entfernt. Zu viel Mensch. Zu sehr geprägt von Städten und Stein und den Wegen des Kaiserreichs. Die Jahre in Rubendy hatten ihn verändert, und sein eigener Stamm erkannte ihn kaum noch als einen der ihren an. Enttäuscht begann Liam daraufhin, verschiedenste Aufträge anzunehmen. Mal arbeitete er als Eskorte, mal als Jäger, mal als Magier für Händler oder kleinere Adlige – immer weiter, immer weiter weg von dem, was er einmal für sich selbst vorgestellt hatte. So lief es, bis er mit zwanzig Jahren einer Frau begegnete, die ihm eine einfache Frage stellte. Wenige Wochen später trat er der Söldnergilde von Malyl bei. Die Jahre in der Gilde vergingen. Bis mit dreiundzwanzig Jahren plötzlich jemand fehlte, der ihm wichtig geworden war. Danach verließ Liam die Gilde und begann fortan außerhalb des Gesetzes zu arbeiten. Deshalb zögerte er auch nicht, als der Baron von Faumheing ihm ein neues Angebot unterbreitete. Für Liam war es nur ein weiterer Auftrag. Nicht anders als die vielen zuvor. Zumindest glaubte er das damals noch. -------------------------------------------------------------------------- Die fünf schweren Wagen rollten knarrend über die staubige Straße und hinterließen dichte Wolken aus Sand und trockener Erde, die sich langsam hinter der Karawane ausbreiteten. Das gleichmäßige Rattern der Holzräder mischte sich mit dem dumpfen Stampfen der Zugtiere zu einem Geräusch, das sich nach einer Weile anfühlte wie das Ticken einer Uhr – monoton, unvermeidlich. Die Straße führte durch die offenen Ebenen der Mittellande. Zu beiden Seiten erstreckten sich weite Felder und vereinzelte Hügel, über denen die Mittagshitze flimmerte wie ein unsichtbares Zittern in der Luft. Der Himmel war wolkenlos, die Sonne brannte erbarmungslos herab und tauchte die Landschaft in ein grelles, beinahe bleiches Licht, das die Schatten kurz und hart machte. Die Wagen selbst wirkten ungewöhnlich. Gezogen wurden die Wagen von Halbdrachen – massigen Kreaturen mit breiten Körpern, kräftigen Klauen und schuppiger Haut, die im Sonnenlicht matt glänzte. Fliegen konnten sie nicht, doch ihre rohe Kraft war beeindruckend. Selbst die schweren Wagen bewegten sie beinahe mühelos vorwärts, während tiefe Atemzüge aus ihren Nüstern drangen und ihre schweren Schritte dumpf auf dem festgetretenen Boden hallten. Ein Trupp bewaffneter Söldner begleitete die Karawane zu Pferd. Liam beobachtete das Geschehen aufmerksam. Es war zu viel Aufwand. Zu viele bewaffnete Männer. Zu viele Sicherheitsmaßnahmen. Und all das angeblich nur wegen einer Lieferung Nahrung. Liam glaubte kein Wort davon. Der Baron von Faumheing hatte nicht nur eine komplette Söldnergilde aus Malyl engagiert, sondern zusätzlich auch ihn persönlich angefordert. Das allein war bereits verdächtig genug – als würde jemand ein ganzes Haus mit Schlössern sichern, nur um eine leere Schatulle darin aufzubewahren. Ein knappes, skeptisches Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Er mochte weder das Kaiserreich noch die Gilden oder den Adel besonders. Für ihn unterschieden sie sich kaum voneinander. Alle predigten Ordnung, Ehre oder Pflicht – solange sie selbst davon profitierten. Und trotzdem arbeitete Liam weiterhin für sie. Weil er Gold brauchte. Langsam legte er eine Hand an Ruvens Hals. Der Hengst schnaubte leise, während Liam mit den Fingern durch die schwarze Mähne strich. Das Fell fühlte sich warm von der Sonne an. Ruven war eines der wenigen Dinge in seinem Leben, denen Liam wirklich vertraute. Der schwarze Hengst war die Bezahlung eines Adligen gewesen – für einen Auftrag, bei dem Liam nur knapp überlebt hatte. Seitdem waren sie gemeinsam gereist, durch Hitze und Regen, durch volle Städte und über leere Straßen. Ruven hatte nie geklagt. „Du hältst besser durch als die meisten Halbdrachen hier", murmelte Liam leise. Ruven bewegte leicht die Ohren und schnaubte zufrieden. Die Reise selbst war bisher ruhig verlaufen. Fast schon zu ruhig. Doch genau das war oft das Ergebnis von ausreichend Gold. Adlige wie der Baron wussten sehr genau, welche Leute man bezahlen musste, damit Überfälle plötzlich ausblieben und gewisse Gruppen zufällig woanders unterwegs waren. Ein unsichtbares System, das reibungslos funktionierte – solange niemand zu gierig wurde. Zumindest meistens. Liam spürte die Erschöpfung langsam in seinen Gliedern. Seit fast zwei Tagen ritten sie beinahe ohne Unterbrechung. Der Staub klebte an Kleidung und Haut, und selbst die Pferde wirkten zunehmend gereizt von der Hitze – die Ohren flach, die Bewegungen schwerer als noch am Morgen. „Nicht mehr lange", sagte Liam ruhig und strich Ruven beruhigend über die Seite. „Dann machen wir Rast." Der Hengst antwortete mit einem leisen Schnauben und drückte den Kopf kurz gegen Liams Hand. Die Mittagssonne stand hoch. Hitze flimmerte über der Straße, und das Licht spiegelte sich auf den dunklen Schuppen der Halbdrachen, als wären sie aus poliertem Metall gefertigt. Alles wirkte träge. Ruhig. Fast einschläfernd. Und genau in diesem Moment starb der erste Söldner. -------------------------------------------------------------------------- „Scheiße!" Fluchend ließ Liam sich hinter einen der Wagen fallen, gerade als etwas Schweres gegen das Holz krachte und die Planken erzittern ließ. Schreie hallten über die Brücke, begleitet vom panischen Brüllen der Halbdrachen und dem dumpfen Aufschlagen von Körpern auf Stein. Staub, Blut und Chaos erfüllten innerhalb weniger Sekunden die gesamte Karawane. Liams Blick fiel auf Ruven. Der schwarze Hengst lag einige Meter entfernt am Boden, umgerissen von einem der fliehenden Halbdrachen. Das Vorderbein stand in einem unnatürlichen Winkel ab. Liam erkannte den Bruch sofort. Zusätzlich schmerzte seine eigene Brust. Er hatte den Ellbogen eines Söldners abbekommen. Ruven erwiderte seinen Blick. „Ich heile das." Liam zwang sich, ruhig zu atmen. „Sobald wir hier lebend rauskommen." Dann hob er wieder den Kopf über den Wagenrand – und sofort zog sich sein Magen zusammen. „Was bei Geeri macht sie hier…?" Die Worte entkamen ihm beinahe reflexartig. Hastig griff Liam nach einem Pfeil, spannte die Sehne seines Bogens und richtete sich blitzschnell auf. Sein Ziel stand mitten auf der Brücke. Bournadette Lacroix. Die Frau hatte die gesamte Karawane abgefangen – soweit er erkennen konnte, war sie alleine. Nicht dass es einen Unterschied gemacht hätte, wenn sie Verstärkung gehabt hätte. Liam kannte ihren Namen sofort. Jeder, der lange genug im Kaiserreich gearbeitet hatte, kannte ihn. Auch wenn er ihr bisher nie persönlich begegnet war. Bournadette war die Nummer Zwei der Kaiserlichen Kopfgeldjäger – der Eliteeinheit direkt unter dem Kaiser. Liam ließ die Sehne los. Der Pfeil durchschnitt zischend die Luft. Bournadette stand zwischen einem großgewachsenen Krieger und einer Frau mit Streitkolben. Die Kämpferin schlug mit voller Wucht nach ihr – Bournadette wich mit einer fließenden Bewegung aus. Dann hätte Liams Pfeil sie treffen müssen. Direkt in den Bauch. Ihr Körper bewegte sich. Nicht wie der eines Menschen. Oder der eines Elfes. Es wirkte, als würde ihr gesamter Leib nachgeben und sich verformen, noch bevor der Pfeil sie erreichte – als hätte sie keine Knochen, keine festen Strukturen, nur etwas Elastisches unter der Haut, das sich jeder Bedrohung einfach entzog. Der Pfeil glitt an ihr vorbei. Liam duckte sich sofort wieder hinter den Wagen, während irgendwo in seiner Nähe zwei Körper hart auf den Boden schlugen. Metall kratzte über Stein. Jemand schrie. „Ich schaffe das nicht." Sein Herz raste so stark, dass er es bis in den Hals spürte. „Sie wird mich töten." Für einen kurzen Moment dachte Liam an Emily. Und genau da fiel seine Entscheidung. Er wollte leben. Egal wie. Also sprang er hinter dem Wagen hervor und verschaffte sich einen Überblick. Die Brücke war ein einziges Schlachtfeld. Tote Söldner lagen zwischen den Wagen verstreut, Halbdrachen zerrten panisch an ihren Ketten, und Blut lief in dunklen Rinnsalen zwischen den Pflastersteinen hindurch in den Fluss unter ihnen. Liam stand nahezu mittig auf der Brücke. Zu weit entfernt von beiden Seiten. Und selbst wenn nicht – Flucht war sinnlos. Vor jemandem wie Bournadette lief man nicht davon. Gerade schnitt sie einem Söldner die Kehle durch. Die Bewegung wirkte erschreckend mühelos. Schnell. Präzise. Als würde sie etwas erledigen, nicht Soldaten bekämpfen. Dann hob sie den Blick. Direkt zu Liam. Sofort setzte sein Herzschlag für einen Moment aus. Bournadette stürmte auf ihn zu – nicht so schnell wie ein gewöhnlicher Mensch. Schneller. Viel schneller. Liam riss reflexartig einen weiteren Pfeil aus dem Köcher, spannte und schoss. Die Kopfgeldjägerin wich aus. Doch diesmal blieb es nicht dabei. Mit einer einzigen fließenden Bewegung fing sie den Pfeil aus der Luft – einfach so, mit der bloßen Hand, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Dann drehte sie sich leicht und schleuderte ihn zurück. Mit einer Kraft, die kein gewöhnlicher Bogen jemals hätte erzeugen können. Der Pfeil traf Liams Arm. Brutaler Schmerz explodierte durch seinen Körper, die Wucht riss ihn nach hinten. Er verlor den Halt, sah für einen kurzen Moment nur den Himmel… Dann stürzte er rückwärts über die steinerne Brüstung der Brücke. Zehn Meter tief ins tosende Wasser des Flusses. -------------------------------------------------------------------------- In unregelmäßigen Abständen tropfte Wasser von Liams Kleidung auf den moosbedeckten Boden der Höhle. Jeder Tropfen hallte leise zwischen den feuchten Steinwänden wider, während Liam schwer atmend gegen den kalten Felsen hinter sich lehnte. Er hatte es geschafft. Wenn auch nur knapp. Noch immer raste sein Herz von der Flucht, und jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er wieder Bournadette Lacroix auf der Brücke stehen – ruhig, mühelos, als hätte sie nicht gerade eine ganze Karawane ausgelöscht. „Was hat der Baron überhaupt transportiert…?" murmelte Liam erschöpft vor sich hin. Mit einer zittrigen Hand fuhr er sich durch das nasse Haar und zwang sich, langsamer zu atmen. Seine Gedanken überschlugen sich. Zu viele Tote. Zu viel Aufwand. Und vor allem – warum hatte eine der Kaiserlichen Kopfgeldjäger diesen Transport persönlich angegriffen? Das ergab keinen Sinn, egal wie er es drehte. Frustriert ließ er den Blick über seine verbliebene Ausrüstung wandern. Oder eher das, was davon noch übrig war. Sein Bogen war beim Sturz in den Fluss zerbrochen. Den Dolch hatte die Strömung mitgerissen. Und selbst sein Schwert war kaum noch brauchbar. Liam hob die Klinge kurz an und betrachtete die abgebrochene Spitze schweigend. Dann stieß er genervt die Luft aus und warf sie beiseite. „Unbrauchbar." Das Geräusch des Aufpralls hallte dumpf durch die Höhle. Eine Schwere legte sich über Liams Herz. „Tut mir leid, Ruven, alter Freund..." Es ärgerte ihn mehr, als er sich eingestehen wollte – nicht wegen der Waffe selbst, sondern weil es bedeutete, dass er sich nun fast vollständig auf seine Magie verlassen musste. Und Mana war begrenzt. Erst jetzt bemerkte Liam das pochende Brennen in seinem Arm. Langsam zog er den durchnässten Mantel zurück und betrachtete die Wunde. Der Pfeil war sauber hindurchgegangen. Zumindest etwas. Erleichtert atmete er aus. Vorsichtig legte er zwei Finger auf die verletzte Stelle und ließ Mana durch seinen Körper fließen. Sofort breitete sich ein warmes Kribbeln unter der Haut aus – vertraut, beständig. Die Wunde begann sich langsam zu schließen. Fleisch verband sich, beschädigte Sehnen wuchsen zusammen, und schließlich zog sich die Haut über der Verletzung wieder zu. Sobald die schlimmsten Schäden verheilt waren, stoppte Liam den Zauber. Mehr Mana wollte er nicht verschwenden. Erschöpft lehnte er den Kopf gegen die feuchte Steinwand und ließ den Blick nach draußen wandern. Dichtes Blätterdach spannte sich über den Wald und ließ nur vereinzelte Lichtstrahlen durch. Die Luft war kühl und feucht, der Boden von Moos und alten Wurzeln überzogen. Nach der glühenden Hitze auf der Brücke wirkte der Wald beinahe unwirklich still. Doch genau diese Stille ließ Liam frösteln. „Egal", murmelte er schließlich und richtete sich langsam auf. „Erst mal brauche ich ein Dorf. Und Schlaf." Doch noch bevor der Gedanke sich richtig festsetzen konnte, durchschnitt ein Schrei die Stille des Waldes. „Fuck – fuck, fuck, fuck!" Eine Frauenstimme. Verzweifelt. Wütend. Überrascht. Liam erstarrte sofort. Für einen einzigen Moment schoss ihm ein Bild durch den Kopf. Noch bevor der Gedanke Form annehmen konnte, hatte er sich bereits in Bewegung gesetzt – natürlich wusste er, dass sie es nicht war. Und trotzdem zog ihn dieses Schreien, ohne dass er hätte erklären können warum, augenblicklich in seine Richtung. Lautlos arbeitete Liam sich durch das dichte Unterholz. Äste strichen über seinen Mantel, während er sich zwischen Farnen, Wurzeln und moosbedeckten Steinen hindurchbewegte. Schließlich erreichte er eine Stelle, an der scharfkantige Felsen aus dem Boden ragten wie aus dem Boden gerissene Zähne. Direkt daneben klaffte ein tiefes Loch in der Erde. Liam trat an den Rand und blickte hinunter. Am Boden des Kraters saß eine junge Frau. Ihr Gesicht war vor Schmerz verzerrt, die Hände um ihren Fuß geklammert. Tränen standen ihr in den Augen, und ihr Haar hing wirr in ihr Gesicht. Auffallend blaues Haar. Liam blinzelte kurz. Blaue Haare?
- Kapitel 1 - Morgensonne
Prolog Dreizehn. Das war die Anzahl der Steine, die auf dem Tisch lagen. Dreizehn dunkle Steine, überzogen mit frischen Runen, deren Linien im fahlen Licht fast den Anschein erweckten, als würden sie atmen. Jeder von ihnen trug etwas in sich, das sich nicht benennen ließ. Und doch war da etwas. Unausgesprochen. [???] ,,Bist du dir sicher, Bruder?’’ Die Stimme neben ihm war ruhig, beinahe sanft – und doch lag darunter dieser unverkennbare Stolz. Jener scharfe, durchdringende Stolz, der niemals verborgen und niemals gezügelt wurde. Er hob langsam den Blick. Einen Moment lang sah er in die Augen. Dann griff er wortlos nach den Steinen und ließ sie einen nach dem anderen in den ledernen Beutel gleiten. Das dumpfe Klacken, mit dem sie aufeinandertrafen, verlor sich im Raum, ohne nachzuhallen. „Ja", sagte er. „Ich bin mir sicher, Schwester." Er hielt kurz inne. Seine Stimme wurde tiefer. „Ich bin mir schon sehr lange sicher." Viel zu lange. Ein Seufzen entwich ihm, doch es war weder schwer, noch erschöpft. Nur abschließend. Er wandte sich vom Tisch ab und trat langsam auf das Fenster zu. „Du verlässt deinen Platz", warnte die Stimme. Nun lag in ihr keine Ruhe mehr. Nur eine gewisse Kälte. „Du weißt, welche Konsequenzen das nach sich ziehen wird." Er antwortete nicht. Mit einer langsamen Bewegung öffnete er das Fenster. Kalte Morgenluft drängte sofort in den Raum. Draußen lag das Reich, das als seins galt. Der See erstreckte sich weit unter ihm, still und vollkommen glatt. Das Licht der Morgensonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche – blasses, farbloses Gold, das keine Wärme in sich trug. Feine Nebelschleier trieben träge über dem Ufer. In der Ferne ragten Türme empor, aus der Nähe gewaltig, aus dieser Höhe nur Striche gegen einen leeren Himmel. Er betrachtete alles schweigend. Dann trat er auf die Fensterkante. Hinter ihm erklang noch einmal die Stimme – leiser diesmal, doch nicht weniger scharf. „Das ist keine Freiheit." Er schloss für einen Moment die Augen. Dann sprang er. Der Wind griff sofort nach ihm, doch noch bevor die Schwerkraft ihn erfassen konnte, breiteten sich gewaltige schwarze Flügel hinter ihm aus. Ein einziger Schlag – und er stieg hinauf. Immer höher. Fort von dem See. Fort von der Stimme. Fort von allem. -------------------------------------------------------------------------- ,,Please allow me to introduce myself…’’ —KLICK— Leyla schaltete ihren Wecker aus. „Sympathy for the Devil" von den Rolling Stones. Es war das Lieblingslied ihrer Mutter gewesen. Damals, als sie noch gemeinsam in der engen Küche getanzt hatten, die Hände ineinandergeschlungen und das Radio viel zu laut aufgedreht. Nächtelang hatten sie Filme geschaut, sich ins Sofa gekuschelt, über Dinge geredet, die eigentlich keine Bedeutung hatten – und doch alles bedeuteten. Eine Zeit, die sich inzwischen fremd anfühlte. Leyla wollte das Gesicht ihrer Mutter noch einen Herzschlag lang festhalten – doch das Bild zerfiel, ehe es sich schärfen konnte, wie Rauch, der sich im Wind auflöst. Missmutig öffnete sie die Augen und richtete sich langsam auf. Ihr Blick glitt zu der freien Seite ihres großen Betts. Sie hatte es sich zu Beginn ihres Kunststudiums gekauft, getragen von stillen Hoffnungen und romantischen Vorstellungen, es irgendwann mit jemandem zu teilen. Doch bisher hatten nur ihre Kuscheltiere die andere Hälfte der Matratze für sich beansprucht. Mit verschlafenen Schritten schlurfte sie zum Fenster und zog den Vorhang beiseite. Draußen lag der kleine Park, der ihre Wohnung von der Busstation trennte, still und friedlich im goldenen Licht des frühen Morgens. Frisches Grün wiegte sich sanft im Wind, irgendwo zwitscherten Vögel ihr morgendliches Konzert. Es war einer dieser klaren Maitage, an denen man das Gefühl bekam, dass der Sommer endlich zurückgekehrt war. Leyla lehnte sich einen Moment gegen den kühlen Fensterrahmen, atmete tief ein und ließ den Atem langsam wieder entweichen. Dann wandte sie sich ab. Mit einem leisen Seufzen streckte sie sich, bis ihre Schultern laut knackten, und begann sich anzuziehen. Heute wollte sie endlich ihren neuen Hoodie tragen. Der gestrige Ausflug mit Katja hatte sich mehr gelohnt, als sie erwartet hatte. Katja war bei ihrem Einzug nur ihre Mitbewohnerin gewesen – doch irgendwann, ganz unbemerkt und selbstverständlich, hatte sich das verändert. Leyla konnte nicht einmal mehr sagen, wann genau es passiert war. Sie hatte es einfach eines Tages begriffen: Katja war längst ihre beste Freundin. Ein kurzer Blick auf die Uhr genügte, um jede Spur morgendlicher Ruhe in einem Atemzug zu zerstreuen. „Scheiße." Hastig griff Leyla nach ihrem Rucksack. Sorgfältig schob sie ihr neues Kunstwerk hinein – das Gemälde von ihr und Katja in einem Vogelkäfig. Bei dem Anblick musste sie leicht grinsen. Noch halb im Stress eilte sie zur Tür. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf den Spiegel an der Wand, der seit Wochen schief hing und so wirkte, als würde er jeden Moment in die Tiefe stürzen. „Heute Abend hänge ich ihn endlich richtig auf." Mit diesem Gedanken öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Guten Morgen, Leyla. Gut geschlafen?’’ Katjas fröhliche Stimme empfing sie, noch bevor Leyla die Zimmertür ganz geöffnet. Das warme Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und legte sich weich über Katjas blonde Haare, die ihr locker über ihre Schultern fielen. Leyla nickte leicht. „Ganz okay. Und du?" „Erstaunlich gut", antwortete Katja mit ihrem typischen Grinsen. Auch Katja hatte ihr Outfit vom gestrigen Shoppingtag ausgewählt. Sie trug ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift „Summer Girl" und dazu eine neue hellblaue Jeans, die überraschend gut zu ihr passte. Mit sichtlicher Zufriedenheit hielt sie Leyla eine dampfende Tasse entgegen. „Kaffee? Frisch gemacht." Leyla schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will mit dem Koffein aufhören." „Schon wieder?" Katja zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Leyla ignorierte den Blick ihrer Freundin. In den letzten Monaten hatte sie sich angewöhnt, morgens zwei – manchmal sogar drei – Tassen Kaffee zu trinken. Das war der Preis für die langen Nächte gewesen, in denen sie an ihren Bildern gearbeitet hatte. Und doch hatte sich die Mühe gelohnt: Das Geld, das sie dabei verdient hatte, würde ihr nächsten Monat endlich ein neues Fahrrad bescheren. Kein Warten mehr an überfüllten Haltestellen, kein Hetzen mehr, um den Bus zu kriegen. Bezahlt hatte sie bereits. Leyla griff nach ihrem Schlüsselbund und öffnete die Wohnungstür. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um. „Schauen wir heute Abend die neue Folge?" „Klar", antwortete Katja sofort, während sie die Brötchen aus dem Ofen holte. Der Duft von warmem Brot breitete sich augenblicklich durch die ganze Wohnung aus. Es war längst zu einem festen Ritual geworden, jeden Montag gemeinsam die neue Folge von „Graue Federn" zu schauen. Für Leyla war die Serie inzwischen mehr als bloße Unterhaltung. Besonders Alex faszinierte sie – der Vampir mit seiner ruhigen, undurchdringlichen Art und den dunklen Augen, die immer so wirkten, als würden sie etwas sehen, das alle anderen übersahen. „Dann bis später", rief Leyla schließlich und trat hinaus auf den Hausflur. Die Wohnungstür fiel hinter ihr ins Schloss. -------------------------------------------------------------------------- Während Leyla durch den Park lief, öffnete sie den Brief, den sie eben aus dem Briefkasten gefischt hatte. Das Papier knisterte leise zwischen ihren Fingern, während ihr Blick die Zeilen überflog. „Wieder eine Mahnung", murmelte sie genervt und stopfte den Brief zurück. Sie würde wohl erneut ihren Vater bitten müssen, die Rechnung für sie zu begleichen. Der Gedanke hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Zwar verstand sie sich noch immer gut mit ihm – aber sie hasste das Gefühl, immer wieder abhängig von ihm zu sein. —WRUMM— Der Motor des Busses heulte auf. Gerade noch rechtzeitig erreichte Leyla den Parkzaun – nur um dabei zuzusehen, wie sich der Bus bereits lautlos von der Haltestelle entfernte. Schwer atmend blieb sie stehen und blickte ihm hinterher. Sie würde wieder zu Fuß zur Universität laufen müssen. Mit der Zeit wurde ihr Schritt jedoch ruhiger. Die Anspannung fiel langsam von ihr ab, während die warme Morgensonne auf ihre Haut schien und ein leiser Wind durch die Bäume strich. Das entfernte Rauschen der Stadt klang gedämpft, fast friedlich, als hätte jemand den Lautstärkeregler der Welt ein wenig heruntergedreht. Es dauerte nicht lange, bis sie die Brücke erreichte, die sie jeden Tag mindestens zweimal überquerte. Für einen kurzen Moment blieb Leyla stehen und ließ den Blick über den Fluss wandern. Das Wasser glitzerte träge im Sonnenlicht. Bald würde man hier wieder schwimmen können. Da bemerkte sie etwas am Ufer. Einen Hund. Leyla kniff leicht die Augen zusammen. Das kleine Tier bewegte sich unruhig und schien irgendwo festzuhängen – vielleicht in einem Netz? Ohne groß nachzudenken lief sie über die Brücke, kletterte über die Absperrung und begann vorsichtig die Böschung hinabzusteigen. —RATSCH— Das Geräusch ließ sie sofort zusammenzucken. Leyla blickte kurz an sich herunter. Ihr neuer Hoodie war am Ärmel aufgerissen worden. „Scheiße, warum passiert sowas immer mir?" fluchte sie leise. Trotzdem verlangsamte sie ihren Schritt nicht. Sie konnte das Tier unmöglich einfach dort unten zurücklassen. Vorsichtig arbeitete sie sich weiter durch dichtes Gestrüpp und hängende Äste. Während sie sich durch die letzten Zweige zwängte, begann ihre rechte Schläfe unangenehm zu pochen. Ein stechender Schmerz breitete sich langsam aus, als würde etwas tief hinter den Knochen drücken. Leyla ignorierte es und kniete sich vor den Hund. Es war eine Terriermischung – erstaunlich ähnlich zu dem Hund, den ihre Eltern ihr früher als Kind geschenkt hatten. Das Tier wich ängstlich zurück und beobachtete sie mit angespannten, misstrauischen Augen. „Keine Angst. Ich helfe dir." Ihre ruhige Stimme schien etwas in ihm zu lösen. Nach kurzem Schnüffeln ließ er Leyla schließlich näher heran. Jetzt erkannte sie das Problem. Der Hund hatte sich wirklich in einem kleinen Netz verfangen und humpelte leicht mit einem Hinterbein. Leyla versuchte zunächst, die Maschen mit den Händen auseinanderzuziehen, doch das Material gab keinen Millimeter nach. Sie hielt inne, ließ den Blick über das Ufer gleiten und entdeckte schließlich einen spitzen Stein zwischen Schlamm und Kieseln. Zügig hob sie ihn auf und begann damit, den Strang Stück für Stück zu durchtrennen. Das Material spannte sich unter dem Druck, bis es nach kurzer Zeit mit einem leisen Reißen nachgab. Das Netz fiel auseinander. „Alles gut. Du bist frei. Jetzt bringen wir dich noch zum…" Mitten im Satz gaben plötzlich ihre Knie nach. ,,Huch?!’’ Hart landete Leyla im feuchten Schlamm. Sofort begann sich alles um sie herum zu drehen. Das Pochen an ihrer Schläfe schwoll zu einem brennenden Schmerz an, der ihr den Atem raubte und die Gedanken auflöste. Benommen versuchte sie noch, ihr Handy aus der Tasche zu ziehen, doch ihre Finger gehorchten ihr kaum noch. Sie spürte die nasse Zunge des Hundes auf ihrer Hand. Ein letzter Gedanke an Katja schoss ihr durch den Kopf. Dann wurde alles schwarz.
- Kapitel 220 - Das Ende der Nacht
Die Wellen des Meeres brachen unaufhörlich gegen die zerklüfteten Felsen, auf denen Leyla stand. Gischt stieg in feinen Schleiern auf, wurde vom Wind erfasst und trieb als kalter, beißender Nebel über die Küste hinweg, ließ sich auf ihrer Haut nieder wie eine zweite, unsichtbare Schicht. Von hier oben hatte sie einen klaren Blick auf Randurin. Oder das, was davon übrig war. Die Stadt war nicht einfach beschädigt worden, sie war vollständig zerstört. Straßen existierten nicht mehr als zusammenhängende Linien, sondern nur noch als Fragmente zwischen Trümmerfeldern, die ineinanderflossen, ohne Grenze und ohne Ordnung. Mauern waren eingestürzt, Türme zerborsten, und kaum ein Gebäude hatte seine ursprüngliche Form behalten. Die wenigen Häuser, die den Flammen entgangen waren, hatte das Wasser schließlich niedergerissen, als es mit zerstörerischer Wucht über die Küste hinweggerollt war. Wellen, die nicht natürlich gewesen waren. Wellen, die auf Leylas Magie zurückgingen. Sie ließ den Blick über das Ausmaß der Zerstörung gleiten, ohne ihn abzuwenden, ohne zu versuchen, sich davon zu distanzieren, sich hinter einem bequemen Gedanken zu verstecken. Es war ein Anblick, den man nicht ignorieren konnte, und sie tat es auch nicht. ,,Die zweite Stadt, die ich mit dem Runenstein des Meeres zerstört habe'', stellte sie schließlich fest, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen, das nicht ganz zu der Szene passte, die sich vor ihr ausbreitete – oder vielleicht doch, auf eine Art, die sie selbst nicht erklären konnte. Eine kleine Bewegung riss sie aus dem Moment. Vinessa knuffte sie empört gegen das Handgelenk, nicht stark, aber deutlich genug, um eine Reaktion zu erzwingen, und mit einer Entschlossenheit, die ihre winzige Gestalt weit übertraf. ,,Du kannst dir nicht die Schuld dafür geben. Randurin war schon vorher verloren.'' Ihre Stimme war ernst, beinahe tadelnd, als wolle sie verhindern, dass Leyla einen Gedanken zu Ende führte, der in eine Richtung ging, die sie nicht akzeptieren wollte und der keine Antwort geboten hätte, die ihr geholfen hätte. Leyla schwieg einen Moment. Es stimmte. Das Feuer war bereits da gewesen, bevor sie eingegriffen hatte. Yang, oder jemand anderes, hatte die Stadt entzündet, hatte den Prozess begonnen, der schließlich in vollständiger Zerstörung geendet hatte, als wäre das Ende immer schon von Anfang an geplant gewesen. Und doch… Leylas Blick senkte sich. Unterhalb der Felsen lag der Körper. Yangs Leichnam war vom Wasser an die Küste getragen worden und ruhte nun zwischen nassen Steinen, halb vom Meer umspült, halb vom Land gehalten, irgendwo zwischen zwei Welten, die sich nicht einigen konnten, wohin sie gehörte. Die Wellen berührten sie immer wieder, als würden sie den Körper zurückholen wollen, als gehöre er noch immer dorthin. Leyla betrachtete ihn lange. Sie empfand nichts für Yang. Keine Dankbarkeit, keine Sympathie, keine Form von persönlicher Bindung, die sich über das Gespräch mit einer Toten hätte erstrecken können. Zwischen ihnen hatte nie etwas existiert, das über Kampf und Hierarchie hinausgegangen wäre. Und doch fühlte es sich falsch an, sie einfach dort unten zu lassen, zwischen den Steinen, vom Wasser berührt und von niemandem gesehen. ,,Wie gedenkst du die Situation mit Zensa und Alexandra zu lösen?’’ Vinessas Frage durchbrach die Stille, lenkte Leylas Aufmerksamkeit für einen Moment weg von dem reglosen Körper zu ihren Füßen und zurück in die Gegenwart, in der noch andere, wichtigere, Entscheidungen zu treffen waren. Leyla schüttelte leicht den Kopf, während sie den Leichnam Yangs mit ihrer Magie zu sich auf den Felsen hob. ,,Für den Anfang gar nicht. Ich gehe nach Eratula, daran hat sich nichts geändert. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich schon wissen, was zu tun ist.'' Die Antwort kam ruhig, ohne sichtbares Zögern. Es war keine endgültige Lösung, sondern ein bewusster Aufschub, eine Entscheidung, sich jetzt nicht damit zu befassen, weil jetzt nicht der Moment dafür war. Vinessa musterte sie einen Augenblick lang, sorgfältig und ohne Eile, dann scheinbar zufrieden mit dem was sie sah, löste sich sich vom Boden und begann, in kleinen, leichten Kreisen um Leylas Kopf zu schwirren, ihre Bewegung fast verspielt, als würde sie die Schwere des Moments bewusst nicht weiter anwachsen lassen wollen. Leylas Blick kehrte zu Yang zurück. Noch einen Moment blieb sie stehen, betrachtete die reglose Gestalt. Dann handelte sie. Sie ließ ihr Mana fließen. Der Runenstein der Heilung reagierte sofort. Die Spuren des Kampfes verschwanden, Verletzungen schlossen sich, Gewebe wurde erneuert, bis der Körper wieder makellos dalag, als hätte die Gewalt, die ihn zerstört hatte, nie Geltung besessen. Dann griff der Runenstein der Erde ein. Die zerrissene Kleidung fügte sich wieder zusammen, Stoffe glätteten sich und nahmen ihre ursprüngliche Form zurück. Nur die Farbe änderte sich, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus. Das Weiß wich einem klaren Himmelblau, ein stiller, beinahe unscheinbarer Akzent, den Leyla setzte – und der ihr allein gehörte. Ein Moment der Ruhe folgte, getragen vom gleichmäßigen Rauschen des Meeres. Dann sprach sie. ,,Du, Vinessa?’’ Die kleine Fee ließ sich auf ihrer Schulter nieder, ihre Bewegung sanft und vertraut, ihre Präsenz warm und unveränderlich. ,,Ja, Leyla?'' Leyla blickte noch einmal auf das Meer hinaus, auf die Wellen, die weiterhin gegen die Felsen schlugen, gleichmäßig und unbeeinflusst von allem, was geschehen war, als hätte die Welt keine Notiz davon genommen. Dann antwortete sie. ,,Ich bin froh, dass du bei mir bist.’’ -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Admiral, was sind Ihre Befehle?’’ Frederico di Lorenzo wandte sich langsam zu Bendito um. Der Lupid stand aufrecht vor ihm, die Haltung diszipliniert, der Blick fest auf seinen Vorgesetzten gerichtet. In seinen Augen lag keine Unsicherheit, nur Erwartung – und eine Loyalität, die keine Erklärung brauchte, um sich mitzuteilen. Er wartete nicht auf eine Rechtfertigung, sondern auf eine Richtung. Frederico erwiderte den Blick einen Moment lang, sagte jedoch nichts. Stattdessen wandte er sich wieder ab und trat näher an die Fensterscheibe der Kajüte heran. Vor ihm lag das Meer, unruhig, aufgewühlt, als hätte die See noch nicht zur Ruhe gefunden, als würde sie das Nachbeben dessen verarbeiten, was über ihr geschehen war. Und dahinter… Randurin. Oder das, was davon übrig geblieben war. Er hatte die Stadt zwei Wochen lang blockiert. Kein Schiff hatte sie erreicht, keine Hilfe war durchgekommen. Jeder Versuch, den Schwarzen Stern zu versorgen, war gescheitert, noch bevor er überhaupt eine Chance gehabt hatte, sich zu entfalten. Es war ein sauber geführter Einsatz gewesen, präzise, kontrolliert, nach jeder Regel eines Mannes geführt, der weiß, was er tut. Und nun war nichts mehr übrig. Und noch dazu… ,,Admiral, die Crew fordert eine Entscheidung. Wir stehen loyal hinter Euch, das wisst Ihr hoffentlich.'' Benditos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, blieb jedoch ruhig, respektvoll und ohne jede Spur von Druck. Es war keine Forderung, sondern eine Erinnerung daran, dass sie bereit waren, in jede Richtung zu folgen, die er wies. Frederico atmete langsam aus. ,,Ich werde gleich zur Crew sprechen. Bitte halte sie hin, Bendito.'' Der Lupid nickte knapp, ohne weitere Nachfrage, und verließ die Kajüte mit festen, gleichmäßigen Schritten. Die Tür schloss sich hinter ihm, und für einen kurzen Moment war Frederico allein mit dem Rauschen des Meeres und dem, was er nicht vergessen konnte. Er trat noch näher an das Fenster heran. Sein Blick verharrte auf der Küstenlinie, auf den rauchenden Resten der Stadt, die sich dunkel und gebrochen gegen den Horizont abzeichneten. Doch was er wirklich sah, lag nicht dort draußen. Er hatte den Kampf beobachtet. Jede Bewegung, jede Eskalation, jeden Moment, in dem das Gleichgewicht der Kräfte sich verschoben hatte. Leyla. Dieselbe Frau, die ihm einst den Ruhm genommen hatte, den er sich im Krieg gegen die Tabakinseln hatte sichern wollen. Derselbe Name, der sich mit dem Tod seines Bruders verbunden hatte wie eine Narbe, die nicht verblassen wollte. Leandro. Fredericos Blick verhärtete sich unmerklich. ,,Bruder…’’ Die Erinnerung kam klar und unverfälscht, als hätte sie nur darauf gewartet, wieder aufgerufen zu werden. Das letzte Gespräch, das sie geführt hatten, bevor sich ihre Wege getrennt hatten, bevor aus Abschied Endgültigkeit geworden war. ,,Geh in den Keller unseres Anwesens. Frag die Sonne nach dem Ende der Nacht.’’ Bis heute hatte Frederico nicht verstanden, was Leandro damit gemeint hatte. Die Worte hatten sich nie vollständig erschlossen, waren ein Rätsel geblieben, das sich keiner Deutung öffnete, egal wie oft er es von allen Seiten betrachtete. Und nun war Leandro tot. Gestorben als Reichsverräter, hingerichtet von derselben Person, die er eben noch hatte kämpfen sehen, hoch über dem brennenden Randurin. Frederico ließ den Blick erneut über das Meer gleiten, über die träge Unruhe des Wassers, über die Küste, die aussah wie das Ende von etwas. ,,Yang ist tot. Wer weiß, was aus dem Kaiserreich wird.’’ Die Worte waren leise gesprochen, beinahe mehr Gedanke als Aussage, in die stille Kajüte hinein, die keine Antwort gab. Yang war nicht nur eine Kämpferin gewesen, sondern ein Pfeiler, auf den das gesamte Gefüge sich stützte, ohne dass die meisten es je ausgesprochen hätten. Ihr Tod war kein isoliertes Ereignis. Er war eine Zäsur. Ein Machtvakuum. Und eine Gelegenheit. Frederico hatte seine Entscheidung bereits getroffen, noch bevor er sich von der Fensterscheibe löste, noch bevor er den ersten Schritt in Richtung Tür gemacht hatte. Er wandte sich ab, verließ die Kajüte und trat hinaus an Deck. Die Crew hatte sich bereits versammelt, Männer und Frauen standen in geordneten Reihen, die Aufmerksamkeit vollständig auf ihn gerichtet, still und bereit. Frederico trat vor sie, ließ den Blick einen langen Moment über die Gesichter gleiten, von Reihe zu Reihe, als wolle er jeden Einzelnen in seinem Entschluss bestätigen wissen. Dann sprach er. ,,Männer und Frauen. Wir segeln in die Kaiserstadt!'' -------------------------------------------------------------------------- Der Sarg bestand aus Schwarzholz, einem Material, das selbst unter seltenen Hölzern hervorstach. Sein dunkler Ton wirkte nicht nur tief, sondern beinahe lichtverschluckend, als würde er jede Reflexion in sich aufnehmen und nichts davon zurückgeben, als wäre er nicht aus Holz gefertigt, sondern aus Stille. Dieses Holz stammte aus dem Denja-Dschungel, von einem Ort nahe Jidars, an dem selbst die Natur eine andere Schwere zu besitzen schien, als würden die Bäume dort nicht einfach wachsen, sondern etwas tragen. Das Innere war sorgfältig ausgekleidet. Unter Yangs Kopf lag ein weiches Kissen aus Daunen, dessen helle Oberfläche einen stillen Kontrast zu dem dunklen Rahmen bildete, während ihre Hände auf der Brust ruhten, ihre Finger umschlossen Edelblüten. Weiße Blüten, makellos, deren Bedeutung Leyla noch genau erinnerte – ein ehrenhaftes Leben, ein würdiger Abschied. Eroica hatte ihr das einst erklärt, in einer Zeit, in der solche Rituale noch wie entfernte Praktiken gewirkt hatten, wie Dinge, die andere betrafen und nicht sie. Nun stand sie vor ihr. Yang lag friedlich im Sarg, die Augen geschlossen, der Ausdruck entspannt, losgelöst von allem, was geschehen war, als hätte der Tod ihr etwas zurückgegeben, das der Kampf ihr genommen hatte. Ihre Haut schimmerte sanft, unversehrt, kein Zeichen der Gewalt, kein Hinweis auf das Ende, das sie gefunden hatte. Es war ein Bild von absoluter Vollkommenheit, das nicht zu dem passte, was Leyla wusste. Unter anderen Umständen hätte das Ergebnis anders ausgesehen. Ohne Fluch. Ohne Einschränkungen. Yang wäre ihr überlegen gewesen. Dieser Gedanke kam nicht als Zweifel, sondern als einfache Feststellung, die sich nicht verdrängen ließ und auch nicht verdrängt werden durfte. ,,Ich muss stärker werden.’’ Leyla stand still, während sich dieser Entschluss in ihr festsetzte, ruhig und ohne Aufhebens, wie etwas, das schon immer da gewesen war und sich nun lediglich in Worte gefasst hatte. Neben ihr schwebte Vinessa, ungewohnt still, ihre sonst so lebhafte Art gedämpft, als würde sie die Bedeutung dieses Moments verstehen und ihr keinen Widerstand entgegensetzen wollen. Sie hatten den Sarg mit sich genommen, fort von den Ruinen Randurins, hinaus auf das Meer, bis zu einer kleinen Eisinsel, die wie ein einsamer, unbeanspruchter Punkt auf der Wasseroberfläche trieb. Hier war es stiller. Der Wind war schwächer, das Wasser ruhiger, beinahe gedämpft, als hätte die Umgebung diesen Ort für etwas anderes vorgesehen als Zerstörung, als hätte er seit jeher gewartet. Leyla trat einen Schritt näher. Ihre Worte kamen ruhig, klar, ohne jeden Anflug von Pathos. ,,Ich habe deine Macht stets respektiert. Deine absolute Beherrschung. Ich habe viel von dir gelernt. Ruhe in Frieden.'' Es war keine lange Rede. Nur das, was sie als notwendig empfand, und nicht ein Wort mehr. Mit einem leichten, gezielten Impuls ließ sie ihr Mana in das Wasser fließen. Die Oberfläche reagierte sofort, schob sich sanft unter den Sarg und begann, ihn zu tragen, mit einer Sorgfalt, die das Meer sonst nicht kannte. Langsam glitt er von der Eisfläche hinab auf das offene Gewässer, wurde von den Wellen aufgenommen, die sich ungewöhnlich ruhig verhielten, als würden sie sich diesem Moment anpassen, als hätten sie verstanden, dass hier etwas anderes gefragt war als ihre gewöhnliche Gleichgültigkeit. Das Schwarzholz reagierte ebenfalls. Ohne äußeres Eingreifen begannen sich die Platten zu verschieben, schlossen sich sauber, nahtlos, bis der Deckel vollständig versiegelt war, als hätte das Material gewusst, was von ihm erwartet wurde. Dann ließ Leyla ihn sinken. Nicht abrupt, sondern kontrolliert, mit derselben Sorgfalt, mit der sie ihn getragen hatte. Das Wasser gab den Weg frei, ließ den Sarg tiefer gleiten, langsam und ohne Hast, bis er in der Dunkelheit unter der Oberfläche verschwand. Dort unten reagierte die Erde. Der Meeresboden öffnete sich, formte einen Raum, der den Sarg aufnahm, bevor sich das Gestein wieder schloss und ihn endgültig umhüllte, fest und absolut. Ein Grab, verborgen und unangetastet. Für immer. Leyla verharrte einen Moment, blickte auf die Stelle, an der er verschwunden war, als könnte sie ihn noch sehen, als könnte die Aufmerksamkeit allein den Abstand überbrücken, der sich in Wirklichkeit längst zwischen ihnen geöffnet hatte. Dann wandte sie sich ab. Ihr Blick fiel auf Vinessa, die nun wieder etwas näher an sie herangekommen war, still und abwartend. Auch sie hatte gewusst, dass dieser Moment eine Grenze war, nach der etwas Neues beginnen würde. ,,Lass uns aufbrechen. Auf nach Eratula.’’ Ende von Ark VI
- Kapitel 219 - Yang
—KNACK— Die Frucht am Lebensbaum gab nach, zunächst kaum hörbar, dann mit einem klaren, sich langsam ausbreitenden Geräusch, das durch die gesamte Umgebung zog, als hätte der Baum selbst diesen Moment ankündigen wollen. Die Oberfläche spannte sich, riss entlang feiner, vorgezeichneter Linien auf und begann sich zu öffnen, Schicht für Schicht, ohne Hast, ohne Zögern, als würde etwas im Inneren ganz bewusst den richtigen Augenblick abwarten. Umat stand davor, reglos, doch vollkommen aufmerksam, jede Veränderung in der Umgebung registrierend. Vor ihm erhob sich der Lebensbaum in seiner vollen Größe, ein gewaltiges, uraltes Gebilde, dessen Existenz weit über die der einzelnen Leben hinausging, die aus ihm hervorgegangen waren. Jeder Wacal hatte hier seinen Ursprung, war aus einer solchen Frucht hervorgetreten, getragen von einer Ordnung, die sich niemals verändert hatte. Bis jetzt. Es war lange her, seit sich zuletzt eine Frucht geöffnet hatte. Zu lange, um es noch als Zyklus zu betrachten. Und unter den Wacal war längst ein stilles Verständnis entstanden, ein Wissen, das niemand aussprach und doch jeder trug. Dieses Kind würde das letzte sein. Umat trat einen Schritt näher, nicht hastig, sondern mit Bedacht, als würde er sich einem Moment nähern, der größer war als er selbst und größer als alles, was er je erlebt hatte. Seine Arme hoben sich leicht, vorbereitet auf das, was folgen sollte, bereit, das Neugeborene aufzufangen, so wie es immer geschehen war, so wie die Ordnung es vorsah. Dann zeigte sich Bewegung im Inneren der Frucht. Eine kleine Hand schob sich durch die Öffnung, zart und doch vollkommen geformt, als wäre sie nie Teil eines unfertigen Zustands gewesen, als hätte sie niemals zu etwas gehört, das noch nicht bereit war. Für einen Augenblick verharrte alles, als würde selbst die Zeit diesen Anblick würdigen, als wäre sie bereit, innezuhalten. Dann löste sich das Kind. Ein Mädchen glitt aus der Frucht, ihr Körper vom sanften Leuchten des Baumes umgeben, ihr Haar ein dichter, schwarzer Afro, ihre Haut makellos, ohne jeden Bruch, ohne jede Spur von Unreinheit. Sie war neu – und zugleich absolut vollkommen, als wäre das eine dem anderen als Konsequenz gefolgt. Doch sie fiel nicht. Noch bevor sie Umats ausgestreckte Arme hätte erreichen können, hielt sie inne, als hätte die Schwerkraft schlicht keinen Anspruch auf sie. Ihr Körper blieb in der Luft, ruhig, stabil, getragen von einer Kraft, die nicht sichtbar war, aber mit einer Eindeutigkeit existierte, die jeden Zweifel ausschloss. Langsam drehte sie sich, ließ den Blick über ihre Umgebung gleiten, als würde sie sie nicht zum ersten Mal sehen, sondern lediglich bestätigen, was sie längst wusste. Umat ließ seine Arme sinken. Seine Haltung blieb gefasst, doch sein Blick verriet, dass dieser Moment allem widersprach, was er erwartet hatte, was er überhaupt hätte erwarten können. Die Ordnung war gebrochen, nicht durch Gewalt, nicht durch einen Eingriff von außen, sondern durch etwas, das sich ihr einfach entzog. „Lebe, Kind. Dein Name soll Zecar sein.“ Seine Stimme war ruhig, getragen von der Tradition, die er bewahrte – auch wenn sie in diesem Augenblick bereits begann, in sich zu zerfallen. Das Mädchen wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren klar, durchdringend, ohne jeden Hauch von Unsicherheit oder jener Orientierungslosigkeit, die bei einem Neugeborenen, selbst einer Wacal, nicht nur zu erwarten, sondern schlicht selbstverständlich gewesen wäre. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich mag Yang mehr.“ Die Worte kamen ohne Zögern, ohne Abwägung, als wären sie nicht spontan entstanden, sondern längst entschieden gewesen – als hätte sie diesen Moment nicht erlebt, sondern lediglich bestätigt. Umat sagte nichts. Er beobachtete, wie sie sich vom Baum entfernte, wie ihr Körper sich leicht anhob und schließlich in eine ruhige, selbstverständliche Bewegung überging. Sie flog, als wäre es keine Fähigkeit, die gelernt oder errungen werden musste, sondern ein Zustand, der nie hatte infrage stehen können. Ihr Blick richtete sich nach vorn. Auf den Horizont. Ohne sich ein einziges Mal umzusehen, entfernte sie sich, wurde kleiner, löste sich aus der klaren Wahrnehmung heraus und verlor sich schließlich in der Weite, bis sie nicht mehr als eine kaum wahrnehmbare Bewegung war, die sich gegen das Licht abzeichnete. Dann verschwand auch das. Umat blieb zurück. Sein Blick war ihr gefolgt, so lange es möglich war, hielt sich an der letzten Spur fest, die von ihr blieb – bis auch diese erlosch. Dann ließ er los. Die Tränen kamen ohne Widerstand. Sie liefen über sein Gesicht, während er allein vor dem Lebensbaum stand, der so viele hervorgebracht hatte und nun sein letztes Kind in eine Welt entlassen hatte, die nicht auf sie vorbereitet war. Noch nie hatte ein Wacal solches Potenzial gezeigt. Noch nie hatte ein Anfang so wenig wie ein Anfang gewirkt – und zugleich so sehr wie etwas, das alles verändern würde. ,,Möge dein Weg vom Raben gesegnet sein.’’ -------------------------------------------------------------------------- Yang flog über die Weiten des Landes, und unter ihr erstreckte sich eine Wüste, deren Dünen sich wie erstarrte Wellen bis zum Horizont zogen. Der Wind trug feinen Sand durch die Luft, ließ ihn in schimmernden, sich ständig verändernden Schleiern tanzen, während die Hitze, selbst in dieser Höhe, noch spürbar war, ein gleichmäßiges, trockenes Drücken, das die meisten anderen Wesen zur Umkehr gezwungen hätte. Für Yang jedoch war all das kein Hindernis, sondern Teil einer Welt, die sich ihr ohne Widerstand offenbarte. Mit jedem Augenblick, der verstrich, wuchs ihr Verständnis. Es war kein Lernen im gewöhnlichen Sinne. Sie musste nichts wiederholen, nichts einüben, nichts hinterfragen. Das Wissen kam zu ihr, formte sich in ihrem Bewusstsein, als hätte es schon immer dort existiert und würde sich lediglich erinnern, sich aus einem Zustand des Schweigens heraus in Sprache verwandeln. Zusammenhänge wurden klar, Strukturen verständlich, und selbst komplexe Prinzipien erschienen ihr nicht fremd, sondern selbstverständlich, wie Dinge, die man eigentlich schon immer gewusst hatte. Yang war zwei Jahre alt. Zwei Jahre, in denen sie die Magie nicht entdeckt, sondern durchdrungen hatte. Die sechs Elemente reagierten auf sie, nicht zögernd, sondern bereitwillig, als würden sie in ihr eine Autorität erkennen, die nicht infrage gestellt werden konnte und nicht infrage gestellt werden musste. Feuer, Wasser, Erde, Luft, Licht und Schatten – sie alle ließen sich formen, lenken, ineinanderfalten, ohne dass sie je an eine Grenze gestoßen wäre, die ihr Einhalt geboten hätte. Und zweimal… Zweimal hatte sie etwas erreicht, das über all das noch hinausging. Äthermagie. Selbst diese höchste Form hatte sich ihr nicht vollständig verschlossen. Kurzzeitig, flüchtig, wie ein Schimmer hinter einem Vorhang, hatte sie sie greifen können, hatte gespürt, was es bedeutete, etwas zu berühren, das jenseits der gewöhnlichen Ordnung der Welt lag. Sie freute sich. Nicht auf eine kindliche, unreflektierte Weise, sondern mit einer Klarheit, die ihre gesamte Wahrnehmung durchdrang. Das Leben war neu, voller Eindrücke, voller Möglichkeiten, die sich bei jedem Blick nach vorn zu vervielfältigen schienen. Jeder Moment brachte etwas mit sich, das es zu erfassen galt, und sie nahm alles in sich auf, ohne je zu ermüden. Wie viel es noch zu lernen gab. Wie weit sich diese Welt erst noch erstreckte. Erst gestern hatte sich ihr ein Drache in den Weg gestellt. Ein gewaltiges Wesen, dessen Schuppen im Wüstenlicht geglänzt hatten wie poliertes Erz, dessen bloße Präsenz den Raum selbst zu verdichten schien. Er hatte sich ihr entgegengestellt, hatte gesprochen, hatte ihr erklärt, dass sie seinen Berg nicht überfliegen dürfe, mit der ruhigen Gewissheit eines Wesens, das diese Grenze noch nie hatte verteidigen müssen. Yang hatte ihn angesehen. Und dann gekämpft. Der Kampf war nicht knapp gewesen. Die Kräfteverhältnisse hatten sich schnell geklärt, die Auseinandersetzung hatte kein offenes Ende zugelassen, kein Gleichgewicht, das hätte bewahrt werden können. Doch das war nicht der Punkt gewesen. Es hatte Spaß gemacht. Die Bewegung, die Reaktion, das Wechselspiel aus Angriff und Anpassung, das sich entfaltete, als zwei Willen aufeinandertrafen – all das hatte etwas in ihr ausgelöst, das sie genoss, etwas Scharfes und Klares, das keine andere Erfahrung bislang erzeugt hatte. Doch während sie nun weiter über die Wüste glitt, schlich sich ein Gedanke in ihr Bewusstsein. „Was, wenn das irgendwann aufhört?" Der Gedanke dehnte sich, fand Raum, bevor sie ihn aufhalten konnte. „Was, wenn der Moment kommt, in dem nichts mehr neu ist? In dem alles verstanden, alles erfahren, alles durchdrungen ist?" Sie ließ ihn noch einen Atemzug lang stehen. „Was, wenn selbst der Kampf… langweilig wird?" Der Gedanke blieb nicht lange. Yang schob ihn beiseite, fast beiläufig, als wäre er eine unnötige Unterbrechung eines ansonsten vollkommen zufriedenstellenden Tages. „Ach was. Das wird bestimmt noch lange hin sein." Ihr Blick wanderte zurück auf die endlosen Dünen unter ihr, die sich träge und gleichgültig bis zum Horizont erstreckten, als hätten sie diese Frage schon tausendmal gehört und keine Antwort darauf für nötig befunden. -------------------------------------------------------------------------- Yang spürte, wie sich die Kälte in ihrem Körper ausbreitete, nicht abrupt, sondern schleichend, als würde sie sich von innen heraus durch jede Faser ihrer Glieder legen, einen Bereich nach dem anderen in Besitz nehmen. Es war ein fremdes Gefühl, eines, das sie in dieser Form noch nie erlebt hatte, und gerade deshalb so schwer einzuordnen. Ihre Wahrnehmung wurde dumpfer, ihre Bewegungen schwerer, und selbst das Atmen verlor seine Selbstverständlichkeit, als wäre es eine Fähigkeit, die sie erst kürzlich erworben hatte und nun wieder zu vergessen drohte. Sie hatte sich mit Jess gemessen. Der Erzdämonin des Krieges. Im Nachhinein war es eine Entscheidung gewesen, die sich nicht mehr rechtfertigen ließ. Nicht aus Notwendigkeit, nicht aus einem übergeordneten Ziel heraus, sondern aus etwas weitaus Einfacherem, etwas, das sie selbst kaum hatte benennen wollen. Langeweile. Es war zu lange her gewesen, seit sie wirklich gefordert worden war, seit ein Kampf mehr gewesen war als eine Abfolge von Bewegungen, deren Ausgang von Anfang an feststand, noch bevor die erste Faust gehoben wurde. Zu lange, seit ihr Dasein eine Richtung gehabt hatte, die über ihre bloße Existenz hinausging, die nach etwas griff, das außerhalb ihrer selbst lag. Was bedeutete ein Körper, der niemals krank wurde, der nicht alterte, der sich stets wieder herstellte, wenn man ihn nicht einsetzte? Wenn man nicht lebte? Die Antwort hatte sie gesucht. Und gefunden. Blut rann aus ihrem Bauch, warm und unaufhaltsam, während sich die Wunde, die Jess ihr zugefügt hatte, nicht schloss, nicht einmal im Ansatz. Die Klinge hatte sie sauber durchtrennt, geführt mit einer Präzision, die nichts dem Zufall überließ, und die Verletzung war mehr als nur physisch. Es war nicht allein die rohe Macht der Erzdämonen gewesen, die Jess ihr überlegen gemacht hatte. Es war ihr Verständnis vom Kampf. Jede Bewegung, jede Entscheidung war perfekt, als würde sie bereits wissen, was Yang tun würde, noch bevor Yang es selbst wusste, als würde sie einen Text lesen, dessen Ende sie auswendig kannte. Der Kampf hatte nur Minuten gedauert. Und doch hatte er gereicht. ,,Sterbe ich nun?’’ Der Gedanke war ruhig, nüchtern, als würde sie eine Tatsache erkennen, nicht eine Angst in Worte fassen. Dann hörte sie Schritte. Langsam hob sie den Blick. Vor ihr stand ein Mensch. Goldenes Haar, klar erkennbar selbst in ihrem eingeschränkten Sichtfeld, das sich an den Rändern bereits zu trüben begann. Doch es war nicht sein Äußeres, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und festhielt. Es war seine Magie. Etwas daran war anders. Nicht nur in ihrer Struktur, sondern in ihrer Natur selbst. Sie war nicht chaotisch, nicht roh, nicht von jener ungefilterten Gewalt, die sie bisher an mächtigen Wesen erlebt hatte. Sie war fremd. Ein Muster, das Yang nicht kannte, das keiner der Kategorien entsprach, die sie in den vergangenen zwei Jahrtausenden aufgebaut hatte. Und das sie nun nicht mehr würde erkunden können. Es war ein flüchtiger Gedanke, der sich sofort wieder auflöste. Dann spürte sie seine Hände. Berührungen. Direkt auf ihrer Haut. „Was tut er?" Die Antwort kam sofort, ohne Umweg. Die Wunde in ihrem Bauch begann sich zu schließen, nicht langsam, nicht mit jener gleichmäßigen Behutsamkeit, die sie von gewöhnlicher Heilung kannte, sondern mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung weit übertraf. Gewebe setzte sich zusammen, Blut zog sich zurück, Strukturen fanden in ihren ursprünglichen Zustand zurück, als wäre die Verletzung nie entstanden, als hätte sie nie einen Platz in der Ordnung der Dinge gehabt. Die Kälte wich. Wärme kehrte zurück, breitete sich aus, ließ ihre Muskeln wieder reagieren, ihr Bewusstsein sich schärfen, die Ränder ihrer Wahrnehmung wieder an Kontur gewinnen. Yang blinzelte. Verwirrung mischte sich in ihre Wahrnehmung, ein Gefühl, das sie ebenfalls selten kannte. Das sollte nicht möglich sein. Jess hatte es gesagt. Man konnte sie nicht heilen. ,,W-Was ist das für Magie?’’ Ihre Stimme war schwach, anders als sie es gewohnt war, hörte sich fremd an, als käme sie aus einem Körper, der noch nicht wieder ganz ihr gehörte. Doch die Frage war klar. Der junge Mann lächelte. Sein Ausdruck war ruhig, beinahe beiläufig, als würde er etwas Triviales erklären. ,,Zeitmagie. Ich versetze deinen Körper in seinen Ursprungszustand zurück.'' Er zog die Hände zurück, erhob sich und ließ den Blick kurz und prüfend über die Umgebung gleiten, als wolle er sicherstellen, dass keine weiteren Gefahren im Verborgenen warteten. Dann sah er wieder zu ihr. ,,Was genau bist du? Wie ist dein Name? Ich werde die nächsten Tage hier bleiben, bis es dir besser geht.'' Yang versuchte, sich aufzurichten. Ihr Körper reagierte, doch die Kraft fehlte noch, lag irgendwo zwischen Rückkehr und Vollständigkeit. Die Regeneration war im Gange, aber sie hatte ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Sie sank leicht zurück, fing sich jedoch, hielt den Blick fest auf ihn gerichtet. ,,Ich bin eine Wacal… und mein Name ist Yang. Wie ist dein Name?'' Der Mann ließ sich auf einem nahegelegenen Baumstamm nieder, seine Haltung entspannt und ohne jede Eile, als hätte er alle Zeit der Welt und hätte es auch nie anders gekannt. ,,Ich bin Simour'', sagte er ruhig. ,,Simour Algavia.'' -------------------------------------------------------------------------- Yang wurde durch die Luft geschleudert, fortgerissen von der rohen Gewalt des Einschlags, der sie aus dem Kampfzentrum hinauskatapultierte wie ein Stein aus einer Schleuder, der nie wieder zurückfindet. Unter ihr zerriss das brennende Randurin in ein flackerndes Mosaik aus Glut und Schatten, während sie selbst, unkontrolliert rotierend, in Richtung des offenen Meeres getragen wurde. Erst nach mehreren Atemzügen gelang es ihr, den Körper zu stabilisieren, die Orientierung zurückzugewinnen und die Drehbewegung durch einen gezielten Impuls abzufangen. Doch das kostete Kraft. Ihre Atmung ging schwer, ungewohnt schwer, schwerer als sie es seit Jahrhunderten gekannt hatte. Jeder Atemzug verlangte mehr Kontrolle, mehr Konzentration als er sollte. Es war kein unmittelbarer, lokalisierbarer Schmerz, der sie dominierte, sondern etwas Diffuseres, ein stetiger, unaufhaltsamer Verlust an Stabilität, der sich durch jede Bewegung zog wie ein Riss durch Glas, der wächst, ohne dass man ihm zusieht. Leyla war stärker gewesen, als sie erwartet hatte. Deutlich stärker. Doch das allein hätte sie nicht in diese Lage gebracht. Der Fluch war es. Er pulsierte durch ihren Körper wie ein fremdes Herz, das nicht im Einklang mit ihr schlug, das seinen eigenen Rhythmus hatte und sich um den ihrer ignorierte. Er durchzog ihre Adern, griff in ihren Manastrom ein und verzerrte ihn, ließ ihn aufbrechen, neu ansetzen, wieder zerfallen, bevor er sich hatte festigen können. Wo einst klare, fließende Bahnen gewesen waren, herrschte nun ein unstetes Flackern, ein permanenter Verlust an Präzision. Gleichzeitig entzog er ihr etwas, das sie so lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte, weil es immer da gewesen war, wie Luft, wie Licht. Lebenskraft. Die Erkenntnis traf sie nicht plötzlich, sondern setzte sich zusammen, während sie weiter durch die Luft glitt, Stück für Stück, wie ein Bild, das sich aus einzelnen Fragmenten zusammenfügt. Dieser Fluch war nicht neu. Er hatte Zeit gebraucht, sich zu entfalten, hatte im Verborgenen gewirkt, lange bevor sie ihn überhaupt bemerkt hatte. In ihren Gedanken tauchten Namen auf, klar und strukturiert, abgearbeitet mit jener Nüchternheit, die sie seit Jahrtausenden begleitete. Zil, der Erzdämon der Dunkelheit, dessen Fähigkeiten weit genug gereicht hätten, um selbst sie zu schwächen. Doch er war seit Jahrhunderten verschwunden, und sein Einfluss hätte eine andere Signatur getragen. Barathila, seine Tochter, die Fluchhexe, deren Macht für solch eine Wirkung ausgereicht hätte. Doch nach allem, was Yang wusste, war sie längst tot. Und Juka, der Urdrache von Astaris, eine uralte Existenz, deren Verständnis von Magie jenseits gewöhnlicher Grenzen lag und die keinen Grund hatte, sich um sie zu kümmern. Keiner dieser Namen passte wirklich zu dem, was sie in sich spürte. Vielleicht war es einer dieser drei Namen. Vielleicht nicht. Letztlich spielte es keine Rolle mehr. Yang richtete ihren Körper aus, versuchte, die Flugbahn zu kontrollieren, doch noch bevor sie vollständig wieder Stabilität gewinnen konnte, spürte sie es. Leyla. Ihr Einfluss griff nach dem Meer. Hinter Yang begann das Wasser sich zu heben, zunächst wie ein fernes Grollen unter dem Horizont, dann mit wachsender Intensität, bis sich gewaltige Wellen auftürmten wie aufgerichtete Gebirge aus lebendiger Gewalt. Die Ätherbarrieren, die das Meer zuvor zurückgehalten hatten, brachen unter diesem Druck auf, und die aufgestaute Masse entlud sich mit einer unaufhaltsamen Kraft, als hätte jemand eine Schleuder freigegeben, die zu lange gespannt gewesen war. Yang reagierte sofort. Ihr Mana schoss nach vorne, griff nach den Wassermassen, versuchte, ihre Struktur zu durchdringen, ihre Wucht zu dämpfen, ihnen eine beherrschbare Ordnung aufzuzwingen. Doch sie wusste bereits, dass es nicht ausreichen würde. Diese Erkenntnis kam nicht von Angst begleitet, sondern von Klarheit, von derselben nüchternen Klarheit, die sie ihr ganzes Leben geleitet hatte. Sie würde sterben. Ein einfacher, logischer Schluss, der sich aus allem ergab, was sie spürte und verstand, der keiner Ausschmückung bedurfte und keine zuließ. Ohne den Fluch hätte sie Atorm ohne nennenswerte Anstrengung besiegt, hätte Barbarossa nicht einmal als ernsthafte Bedrohung eingestuft, und Leyla – Leyla hätte sie mit derselben absoluten Selbstverständlichkeit überwältigt, mit der sie es immer getan hatte, als wäre es keine Frage, sondern ein Gesetz. Doch der Fluch hatte ihre Grundlage zerstört. Er hatte ihren Manastrom zerbrochen, ihre Kontrolle von innen heraus untergraben und sie in einen Zustand gebracht, in dem selbst einfache Stabilität zur ständigen Aufgabe wurde. Und jede Begegnung in dieser Nacht hatte diesen Zustand weiter verschärft, hatte ihr etwas genommen, das sie nicht zurückbekommen würde. Ohne Atorm hätte der Fluch keinen Ansatzpunkt gefunden, hätte sich nicht in dieser Geschwindigkeit entfalten können. Ohne Barbarossa hätte sie ihre Reserven nicht bis an die äußerste Grenze verbrauchen müssen, hätte genug Kraft behalten, um dagegen anzukämpfen. Und ohne Leyla… Ohne Leyla hätte sie überlebt. Hätte sich zurückgezogen, regeneriert, sich neu ausgerichtet und wäre zurückgekehrt. Doch diese Möglichkeit war verloren, so absolut wie alles, was man erst bemerkt, wenn es bereits hinter einem liegt. Die Wellen brachen über ihr zusammen. Das Meer verschlang sie vollständig, zog sie in seine Tiefe, ließ die Welt um sie herum schwer und dicht werden, als würde die gesamte Last des Wassers auf einem einzigen Punkt ruhen. Jede Bewegung verlangte mehr Kraft, jede Reaktion mehr Zeit, als sie noch aufbringen konnte. Noch bevor sie sich vollständig orientieren konnte, war Leyla bei ihr. Der Griff kam sofort. Fest. Unnachgiebig. Yang reagierte instinktiv, ihr Körper bewegte sich, blockte, suchte nach einem Ansatzpunkt, um sich zu lösen. Nicht aus Hoffnung heraus, sondern aus Prinzip. Aufgeben war für sie nie eine Option gewesen, in keinem Augenblick ihres langen Lebens. Noch ein letztes Mal griff sie nach dem Äther, doch die Verbindung brach, noch bevor sie sich hatte schließen können, zerfiel wie Rauch, der sich auflöste. Die Angriffe trafen sie in schneller Folge. Bewegungen verschwammen, Übergänge lösten sich auf, während Schläge sie weiter in die Tiefe drängten. Ihr Körper reagierte, doch es war kein kontrollierter Kampf mehr, sondern ein Reflex, ein schwaches Echo dessen, was sie einst gewesen war, was sie ein Leben lang gewesen war. Leyla war hier überlegen. Das Wasser antwortete auf sie, verstärkte ihre Bewegungen, hielt Yang fest, ließ keinen Raum für eine Gegenwehr, die mehr als bloße Verzögerung gewesen wäre. „Vergib mir, Simour. Ich werde unser Reich nicht länger schützen können." Der Gedanke war leise, klar und vollständig, frei von Bitterkeit, von jeder Form des Vorwurfs. Dann traf sie auf dem Meeresboden auf. Der Aufprall ließ den Untergrund nachgeben, während sich gleichzeitig die Erde um sie schloss, sie fixierte, jede Bewegung vergrub. Leylas Hände legten sich um ihren Hals, und das Wasser drang in ihre Lungen ein, langsam und unausweichlich, ersetzte den Atem durch etwas, das keinen Platz dafür ließ. Der Schmerz war intensiv, durchdringend. Doch Yang ließ ihn nicht nach außen dringen. Sie würde nicht zulassen, dass Leyla auch nur einen einzigen Moment von Schwäche in der Haltung von Yangs Verstand sah. Das war das eine Absolut, das sie nie brechen würde. ,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.’’ Die Worte erreichten sie gedämpft und verzerrt durch das Wasser und doch klar genug, um ihre Bedeutung vollständig zu tragen. Yang reagierte nicht. Langsam wich die Spannung aus ihrem Körper, löste sich auf, Schicht für Schicht. Die Kälte, die zuvor nur am Rand präsent gewesen war, breitete sich nun vollständig aus, legte sich über sie wie eine Decke, die man nicht mehr abwerfen kann, nahm ihr jede verbleibende Wärme, jede letzte Bewegung, jede letzte Möglichkeit. Das Leben verließ sie. Unaufhaltsam. Ein letzter Gedanke formte sich, ruhig und in sich abgeschlossen, ohne Bruch und ohne Zögern. „Wenigstens habe ich am Ende meines Lebens noch ein letztes Mal den Spaß meiner Kindheit genießen dürfen."
- Kapitel 218 - In den Flammen Randurins
Leyla ließ ihren Willen ohne Zögern in die Umgebung greifen, präzise und mit der Klarheit eines Befehls, der keinen Widerstand duldete. Der Schnee reagierte augenblicklich. Was eben noch lose und nachgiebig gewesen war, verlor seine Struktur, verdichtete sich unter ihrem Einfluss und erstarrte zu hartem, scharfkantigem Eis. Aus der weißen Fläche erhoben sich unzählige Klingen, langgezogen, spitz zulaufend, jede einzelne ausgerichtet auf ihr Ziel wie eine Anklage. Innerhalb eines Herzschlags setzten sie sich in Bewegung, ein dichter, tödlicher Schwarm, der mit zunehmender Geschwindigkeit auf Yang zuraste. Gleichzeitig wandte Leyla ihre Aufmerksamkeit der Erde zu. Ihr Einfluss griff tiefer, schwerer, und als sie sprach, trug der Befehl eine Wucht in sich, die sich unmittelbar in der Umgebung widerspiegelte. ,,Erhebe dich!’’ Der Boden antwortete mit einem dumpfen Grollen, das aus einer Tiefe aufstieg, als hätte der Fels selbst auf ihre Worte gewartet. Zunächst bebte er nur, ein kaum wahrnehmbares Zittern, das sich jedoch rasch steigerte, bis die Oberfläche aufbrach. Massive Erdplatten lösten sich aus ihrer Verankerung, hoben sich schwerfällig und stiegen mit einer trägen, unaufhaltsamen Gewalt in die Höhe, als das Land seine Fäuste ballte. Für einen kurzen Moment verharrten sie schwebend über dem Schlachtfeld, dunkel und bedrohlich gegen den Himmel, bevor die Schwerkraft sie wieder beanspruchte und sie mit voller Wucht auf Yang herabdonnerten. Unter normalen Umständen hätte Yang das abgewehrt, da war sich Leyla sicher. Doch sie tat es nicht. Leyla sah, wie die Eisklingen ihr Ziel erreichten. Die Spitzen gruben sich durch Haut und Gewebe, bohrten sich tief in Yangs Körper, ohne dass sie sich zu wehren schien. Im selben Herzschlag traf die herabfallende Erde. Die kolossale Masse schlug mit brutaler Endgültigkeit ein, presste sich zusammen, schloss sich über ihr wie ein zuschnappender Kiefer. Ein trockenes, widerwärtiges Knacken breitete sich aus, als Knochen unter der Gewalt zersplitterten. Der Angriff war vollständig. Für einen Moment wirkte es, als hätte er seine Aufgabe erfüllt. Dann traf eine unsichtbare Kraft Leyla, hart und präzise. Der Einschlag kam ohne Vorwarnung, ohne sichtbare Quelle, ohne Ankündigung, und riss sie von ihren Füßen. Ihr Körper wurde nach hinten geschleudert, verlor jeden Halt, jede Orientierung, und die Welt um sie herum kippte abrupt aus ihrer Perspektive. ,,Du bist stärker geworden, Leyla. Wie genau du das angestellt hast, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, dass du, wenn du stirbst, deinen Tod weitergibst.'' Yangs Stimme war klar, ruhig und vollkommen frei von Anstrengung. Ihre Aura flammte erneut auf, kraftvoll und absolut, als hätte der Angriff nicht einmal ihr Interesse erregt. „Woher weiß sie davon?" Der Gedanke blitzte in Leylas Bewusstsein auf, doch sie schob ihn sofort beiseite. Es gab keine Antwort, die ihr jetzt helfen würde, und Yang würde sie ihr ohnehin nicht geben. Das Eis unter ihr reagierte noch während ihres Sturzes. Es verlor seine harte Struktur, wurde weicher, nachgiebiger, fing ihren Aufprall ab und verwandelte die Gewalt des Einschlags in eine gedämpfte Bewegung. Gleichzeitig hob sich die Erde unter ihr, stabilisierte ihren Stand und brachte sie zurück auf die Beine, noch bevor sie vollständig zum Stillstand gekommen war. Als Leyla den Blick hob, stand Yang bereits wieder vor ihr. Unversehrt. Dieselbe aufrechte, unangreifbare Präsenz, die keinen Zweifel an ihrer absoluten Überlegenheit zuließ, dieselbe Stille, die keine Niederlage kannte. Und doch war da eine Veränderung, die sich nicht übersehen ließ. Feine, violette Linien zogen sich über ihren Körper, verzweigten sich unter der Haut wie lebendige Adern aus fremdem Licht. Sie wirkten nicht statisch, sondern aktiv, pulsierend, als würde etwas durch sie fließen, das nicht zu Yang gehörte und dennoch Teil von ihr geworden war, eingeflochten in ihre Struktur wie Tinte in Papier. Leyla ließ ihren Willen erneut in den Boden sinken, suchte nach der Verbindung, die sie eben noch mühelos genutzt hatte. In ihrem Inneren formte sich der Befehl, die Erde zu Speeren zu formen, die Yang von unten aufreißen sollten. Yang war bereits in Bewegung. Die Distanz zwischen ihnen löste sich auf, verschwand in einem Augenblick, der zu kurz war, um bewusst wahrgenommen zu werden. Zu kurz für Leylas Magie. Ein Wimpernschlag, und sie stand direkt vor Leyla, nah genug, um jeden Atemzug zu spüren. Dann traf der Schlag. Die Faust grub sich in Leylas Bauch wie ein Keil aus Stahl, presste ihr die Luft aus den Lungen und ließ jeden Muskel instinktiv nachgeben. Für einen Moment existierte nichts außer diesem Aufprall und der Leere, die er hinterließ, eine Leere, die tiefer war als Schmerz. „Warum ist sie so schnell?" Trotz der sichtbaren Erschöpfung, trotz der fremdartigen Linien, die sich über Yangs Körper zogen, bewegte sie sich mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung widerlegte. Yangs Faust begann zu leuchten. Das Licht war nicht klar definiert, sondern vereinte alle Farben in einem einzigen Punkt konzentrierter Energie, der in seiner Dichte beinahe greifbar wirkte. Äthermagie. Leyla reagierte ohne Verzögerung. Sie ließ die Reserven aktiv werden, die sie vorbereitet hatte. Schwarzeisen formte sich über ihrer Lederrüstung, wuchs in dichten Schichten und schloss sich über jeder Schwachstelle, eine zusätzliche Barriere aus jenem Material, das Eroica ihr einst beschrieben hatte – Stahl, der Magie abweist wie Glas Wasser. Der Einschlag folgte unmittelbar. Die Rüstung hielt nicht stand. Die Energie durchdrang sie, ließ das Schwarzeisen unter der Belastung zerbersten wie gebrannten Ton. Splitter wurden in alle Richtungen geschleudert, während die freigesetzte Kraft ungebremst in Leylas Körper einströmte. Ihr Brustkorb wurde aufgerissen, Knochen zerbrachen unter dem Druck, Gewebe wurde auseinandergetrieben. Blut schoss hervor, zerstäubte in der kalten Luft zu einem feinen, dunklen Schleier. Die Wucht des Angriffs riss sie vom Boden los und schleuderte sie in einem hohen Bogen durch den Nachthimmel. Während ihr Verstand noch der Bewegung folgte, setzte bereits die Gegenreaktion ein. Der Runenstein der Heilung griff ein, still, sanft und unerbittlich. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Muskeln formten sich in ihren ursprünglichen Bahnen neu, Knochen richteten sich aus und wuchsen zusammen, als hätte die Verletzung nie existiert. ,,Was Yang kann, kann er auch.’’ Der Gedanke formte sich klar, während sie versuchte, in der Luft die Orientierung zurückzugewinnen. Doch die Gelegenheit wurde ihr verwehrt. Ein Projektil aus reiner Ätherenergie bohrte sich in ihren Oberschenkel, drang tief in das Gewebe ein und entlud seine gesamte Kraft im Inneren ihres Körpers. —BUMM— Die Explosion fraß sich durch Muskeln und Haut, verbrannte frisch regeneriertes Gewebe zu Asche und riss neue Wunden auf, bevor die alten vollständig verheilt waren. Die Druckwelle erfasste ihren Körper wie eine unsichtbare Faust und schleuderte sie weiter, unkontrolliert, ohne jeden Halt. —KRACH— Sie schlug in ein Dach aus Holz ein. Die Konstruktion zerbrach unter der Wucht, Balken splitterten wie trockene Äste, Dachziegel explodierten in alle Richtungen. Der Runenstein der Erde reagierte im selben Moment, nahm einen Teil des Aufpralls auf und verteilte die Kraft in den Boden darunter, doch nicht genug, um die Auswirkungen vollständig zu absorbieren. Die Luft entwich ihr ein weiteres Mal aus den Lungen. Einen Herzschlag lang blieb sie reglos liegen, gefangen zwischen dem Nachhall der Bewegung und der Schwere der Erschöpfung, die sich wie Blei in ihre Glieder senkte. Dann drang eine Stimme an ihr Ohr. Leise, unsicher, vollkommen fehl am Platz inmitten dieser Verwüstung. [???] ,,Wer ist diese Frau, Mama?’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte in das ängstliche Gesicht eines kleinen Mädchens, das sich mit beiden Händen an das Bein seiner Mutter klammerte, als könne es sich dadurch vor dem Geschehen schützen. Die Augen des Kindes waren weit aufgerissen, suchten nach einer Erklärung, die es nie erhalten würde, während die Mutter reglos dastand, unfähig, mehr zu tun, als ihr Kind festzuhalten. Für einen Moment ließ Leyla den Blick schweifen, löste sich von der unmittelbaren Szene und griff nach Erinnerungen. Sie dachte an die Dörfer entlang der Küste, an jene kleinen Ansammlungen von Häusern, die sich zwischen Meer und Land drängten. Fischerdörfer. Außenbezirke, weit genug entfernt von Randurin, um unbedeutend zu wirken, und doch nah genug, um von den Konflikten der Großstadt erfasst zu werden. Der Runenstein der Heilung hatte seine Arbeit bereits vollendet. Ihr Körper war wiederhergestellt, jede Verletzung getilgt, als hätte sie nie existiert. Die Erinnerung daran blieb, doch sie hatte keine physische Entsprechung mehr. Ohne ein weiteres Wort stieß Leyla sich ab und sprang aus der Hütte. Noch während sie sich durch die Öffnung bewegte, reagierte das Holz auf ihren Willen. Die zersplitterten Balken begaben sich zurück an ihren Platz, als wäre nichts geschehen. Draußen ließ sie den Blick über die Landschaft gleiten, schnell, suchend, ohne innezuhalten. Dann sah sie es. Flammen. Am Horizont erhob sich die Silhouette einer Stadt, groß genug, um selbst aus dieser Entfernung unverkennbar zu sein. Die Gebäude standen in Brand, das Feuer fraß sich gierig durch Holz und Stein, ließ ganze Fassaden auflodern und in sich zusammenstürzen. Rauch stieg in dichten, trägen Schwaden auf und verschmolz mit der Schwärze des Nachthimmels zu einer einzigen, formlosen Dunkelheit. Randurin. Die Stadt lag mehrere Kilometer entfernt, und dennoch war das Ausmaß der Zerstörung unübersehbar. Kurz stellte sich ihr die Frage, wer dafür verantwortlich war. Barbarossa? Oder Yang? Leyla ließ den Gedanken fallen. Es spielte keine Rolle. Sie richtete den Blick nach oben. Der Nachthimmel lag schwer über ihr, dunkel und nahezu leer, kaum ein Stern durchbrach die Schwärze, als hätte sich selbst das Licht in Erwartung von etwas zurückgezogen. Dann zerbrach das Bild abrupt. Helligkeit erleuchtete durch die Dunkelheit – Hunderte von Lichtkugeln erschienen, schwebten für den Bruchteil eines Atemzugs reglos am Himmel. Sie bestanden aus reinem Äther, pulsierend, geladen, jede einzelne ein komprimiertes Versprechen aus Zerstörung. Im nächsten Moment strömten sie herab. Direkt auf Leyla zu. Sie ließ ihren Willen in die Erde greifen, und diese antwortete ohne Zögern. Der Boden vor ihr wölbte sich, wuchs rasch in die Höhe und verdichtete sich zu einer massiven Barriere. Schicht um Schicht schob sich übereinander, formte einen Schild aus gefrorenem Erdreich, der sich schützend über sie und das gesamte Fischerdorf spannte. Der Schnee ließ sich ebenfalls in die Verteidigung einweben, nahm ihr Mana auf, verstärkte die Struktur von außen und erhöhte ihre Widerstandsfähigkeit. —BUMM—BUMM—BUMM— Die Einschläge folgten in rascher Folge, ohrenbetäubend und ohne Gnade. Die Lichtkugeln explodierten beim Auftreffen, entluden ihre Energie in die Barriere, ließen sie erzittern, knacken und vibrieren. Druckwellen breiteten sich über das gesamte Gefüge aus, suchten nach Schwachstellen, fanden keine. Der Schild hielt stand. Und verwandelte sich. Die Oberfläche begann aufzubrechen, doch nicht unkontrolliert, sondern gelenkt. Teile der Struktur lösten sich, verdichteten sich neu, wurden zu kompakten Geschossen aus gefrorener Erde, die sich sammelten und im nächsten Augenblick mit enormer Geschwindigkeit hinauf in den Nachthimmel jagten. Leylas Blick folgte ihnen. Die Projektile erreichten ihr Ziel nicht. Sie trafen nichts. Und dann war Yang da. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne den geringsten Hinweis auf eine Annäherung stand sie direkt vor ihr, nah genug, dass Leyla den Luftzug ihrer Bewegung spürte. Der Schlag traf ihren Kopf. Präzise, vernichtend, ohne die kleinste überflüssige Bewegung. Der Kiefer zerbarst unter dem Aufprall, Knochen brachen an mehreren Stellen gleichzeitig, und noch bevor das Bewusstsein den Schmerz vollständig erfassen konnte, riss die Wucht ihren Körper abermals vom Boden. Sie durchschlug die Wand des nächsten Hauses, brach durch Holz und Träger wie durch nasses Papier und wurde auf der anderen Seite in den Schnee geworfen, wo sie wieder zum Stillstand kam. [???] ,,Liebling?!’’ Ein entsetzter Schrei drang an ihr Ohr. Der Runenstein der Heilung setzte bereits ein. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Knochen richteten sich neu aus und wuchsen zusammen, Verletzungen lösten sich auf in derselben Geschwindigkeit, in der sie entstanden waren. Leyla rappelte sich auf. Ihr Blick fand Yang sofort. Die Kaiserliche stand auf der anderen Seite der Hütte und sah durch das Loch, das Leylas Körper in die Wand gerissen hatte. Fokussiert. Ruhig. Und doch hatte sich etwas verändert. Yangs Atem ging schwerer als zuvor. Die Bewegungen ihrer Brust waren sichtbar, weniger kontrolliert, als hätte sich ihre absolute Maske zu verschieben begonnen. War sie erschöpft? Es war schwer einzuschätzen. In einem Moment wirkte sie unantastbar, und im nächsten zeigten sich Anzeichen einer Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ. Leylas Blick glitt zur Seite. Neben ihr lag ein Mann. Sein Körper war verdreht, der Hals in einem Winkel, der keinen Zweifel zuließ. Knochen gebrochen, die natürliche Form des Körpers zerstört. ,,Heile ihn.'' Sie legte die Hand auf seine Schulter, und der Runenstein antwortete. Gewebe begann sich zu schließen, Knochen fanden zurück in ihre ursprüngliche Ausrichtung, bis der Körper wieder eine Form annahm, die Leben zuließ. ,,Du hast also Mitleid mit ihnen?'' Yangs Stimme war ruhig, beinahe nüchtern, als äußerte sie eine Beobachtung über das Wetter. Im selben Atemzug setzte sie sich in Bewegung. Sie übersprang die Hütte in einem einzigen, mühelosen Satz, überbrückte die gesamte Distanz zwischen ihnen und landete direkt neben Leyla. Yang trat zu. Der Fuß traf mit voller Kraft in Leylas Seite, und der Boden verschwand unter ihr. Ihr Körper wurde von der Wucht erfasst und in einem steilen Bogen in den Nachthimmel gerissen, die Kontrolle über ihre Lage erneut vollständig verloren. Yang folgte. Sie holte Leyla in der Luft ein, griff nach ihrem Bein und begann sich zu drehen. Die Rotation beschleunigte sich in einem Herzschlag von null auf etwas Unkontrollierbares, Leylas Körper wurde um sie herum gewirbelt wie ein Stein in einer Schleuder, immer schneller, bis Himmel und Erde zu einem einzigen, verschwommenen Strich verschmolzen. Leyla suchte nach einem Ansatzpunkt, nach irgendeiner Möglichkeit, die Bewegung zu unterbrechen. Yang ließ los. Die aufgestaute Fliehkraft explodierte in eine einzige, für Leyla unkontrollierte Richtung. Sie wurde davongeschleudert, durchpflügte die Luft und schlug schließlich in eine massive Steinmauer ein. Das Material gab nach, Risse zogen sich wie Blitze durch den Stein, Brocken sprangen heraus, während ihr Körper die Struktur teilweise durchdrang und darin zum Stillstand kam. —KNISTER— Ein neues Geräusch. Sie registrierte es sofort. Die Wärme, die sich in der Luft staute. Der beißende, vertraute Geruch. Das leise, stetige Knistern von Holz, das beginnt nachzugeben. Feuer. Sie richtete den Blick neu aus und erkannte, was geschehen war. Yang hatte den Kampf nach Randurin verlagert. -------------------------------------------------------------------------- ,,Du bist zu weich.’’ Die Stimme des Runensteins der Erde hallte durch Leylas Inneres, tief und schwer, als würde sie nicht gesprochen, sondern in ihrem Sein verankert werden. Sie hallte in ihrem Bewusstsein nach, ließ keinen Raum für Zweifel und trug eine Kälte in sich, die nichts mit Emotionen zu tun hatte, sondern mit dem Gewicht eines Urteils. Leyla reagierte unmittelbar. Ihr Wille griff nach der Umgebung, tastete nach den Trümmern, die sie umgaben, wollte sie auseinanderreißen, zur Seite drängen, sich wieder Raum verschaffen. Doch es geschah nichts. Die Verbindung, die eben noch so selbstverständlich gewesen war wie ihr eigener Atem, blieb aus. Ihre Kontrolle verpuffte ins Leere. Der Runenstein verweigerte ihr den Gehorsam. ,,Anscheinend müssen noch mehr sterben, bis du es begreifst.’’ Die Worte trafen sie mit einer Schärfe, die tiefer ging als jeder körperliche Schmerz. Sie waren ruhig gesprochen – und gerade deshalb unerbittlich. ,,Gib mir die Kraft wieder. Sie gehört mir!’’ Leylas Stimme brach aus ihr hervor, roh und ungefiltert, getragen von Zorn und einem aufkeimenden Gefühl von Kontrollverlust, das sie nicht akzeptieren wollte und nicht akzeptieren konnte. Doch ihre Forderung verhallte ohne Antwort. Stattdessen bewegte sich Yang. Sie schoss nach vorn, ihre Gestalt von einer dichten, fließenden Ätheraura umhüllt, die jede ihrer Bewegungen beschleunigte und bündelte. Ihre Annäherung war nicht bloß schnell, sondern zwingend, als würde sich der Raum selbst um sie herum verschieben, um ihr Platz zu machen. Leyla suchte fieberhaft nach Alternativen. Ihr Bewusstsein streckte sich aus, griff nach dem Meer, nach der gewaltigen Wassermasse, die sie zuvor gespürt hatte. Sie wollte sie heranziehen, als Schutz oder als Waffe. Doch da war nichts. Ihr Blick fuhr zum Horizont, und was sie sah, ließ sie für einen Moment erstarren. Das Meer war da – aber unerreichbar. Gewaltige Ätherbarrieren hielten die Wassermassen zurück, pressten sie in starre, unverrückbare Formen, die sich jeder Einflussnahme entzogen. Der Schnee, der zuvor überall gelegen hatte, war verschwunden, restlos geschmolzen, von der Hitze einfach ausgelöscht. Sie fühlte sich völlig allein. Der Einschlag folgte unmittelbar. Yangs Faust traf sie mit einer Wucht, die jede Verteidigung durchbrach. Ihr Körper wurde erfasst und durch die Häuserreihen geschleudert. Wände barsten, Balken splitterten, Dächer wurden durchbrochen, während sie ungebremst durch die Gebäude der Stadt riss und jede davon hinter sich in Trümmer verwandelte. Überall hörte sie Schreie. Verzweifelte Stimmen mischten sich unter das stetige, drohende Knistern der Flammen, die sich weiter ausbreiteten und von Dach zu Dach fraßen. Leyla spürte es deutlich. Die Hitze wurde intensiver, drang nicht nur an die Oberfläche, sondern schien sich durch jede Schicht ihres Körpers zu fressen. Die kühlende Präsenz des Runensteins des Meeres ließ nach, zog sich zurück wie eine Flut, die zur Ebbe wurde. Ohne diesen Schutz begann ihre Haut zu reagieren. Erst spannte sie sich, dann verbrannte sie unter der anhaltenden Hitzeeinwirkung, bis sich dunkle, glühende Muster über sie zogen wie eine fremde Schrift. Das Gewebe verlor seine Integrität, begann sich aufzulösen. ,,Ich bleibe bei dir.’’ Die Stimme war leise, beinahe tröstend. Im selben Moment griff die Magie des Runensteins der Heilung ein. Zerstörte Haut wurde ersetzt, verbrannte Stellen schlossen sich, Muskeln und Gewebe regenerierten sich mit einer Präzision, die jede Verletzung auslöschte, noch während sie entstand. ,,Danke'', murmelte Leyla leise, während ihre Hand bereits nach ihrem Schwert griff. Zcepes Klinge glitt in ihre Faust, vertraut und doch in ihrer Bedeutung nicht vollständig greifbar. Sie erinnerte sich an den Kampf gegen Leandro di Lorenzo, daran, wie diese Waffe nicht nur ihren Feind zerstört, sondern auch sie selbst wiederhergestellt hatte. Doch ein Zweifel blieb. „Werde ich sie überhaupt treffen können?" Die Frage verhallte in ihrem Kopf, noch bevor sie eine Antwort gefunden hatte. Yang traf sie erneut. Die Kraft des Angriffs riss sie zu Boden, zwang sie mit brutaler Direktheit in die Oberfläche, ließ den Untergrund unter dem Aufprall nachgeben, während ihr Körper tief in den Boden gedrückt wurde. Noch bevor sie sich sammeln konnte, war Yang über ihr. Ihre Hand schloss sich um Leylas Hals, fest und unnachgiebig wie Eisen. Der Druck setzte sofort ein, schnürte die Luftzufuhr ab und ließ jeden Atemzug scheitern. Leylas Körper reagierte instinktiv, suchte nach Luft, fand keine. Dann erklang Yangs Stimme. ,,Absoluter Äther – löse dich!’’ Die Worte durchdrangen alles. Sie klangen nicht wie ein gewöhnlicher Zauber, sondern wie ein Gesetz, das ausgesprochen und damit Wirklichkeit wurde. Die Umgebung selbst schien darauf zu reagieren, als würde sie sich auflösen und in einer anderen Ordnung neu zusammensetzen. Und dann eskalierte alles gleichzeitig. Der Runenstein der Erde griff ein. Ohne Leylas Einfluss, ohne ihren Befehl riss der Boden unter ihnen auf. Stein zerbarst mit einem Donnern, das die Luft selbst erschütterte, Straßen brachen auseinander, und ein tiefer Abgrund öffnete sich wie ein Maul, das beide verschlang. Gebäude verloren ihren Halt, kippten träge zur Seite, während die Struktur der Stadt gewaltsam auseinandergerissen wurde. Gleichzeitig spürte Leyla etwas anderes. Die Runensteine reagierten. Alle. Und sie reagierten mit Panik. Es war kein diffuses Gefühl, kein Rauschen im Hintergrund, sondern eine klare, erschütternde Gewissheit, die sich durch jede Verbindung in ihr fortpflanzte. Der Angriff, den Yang entfesselte, war anders als alles zuvor. Er war nicht nur zerstörerisch. Er war endgültig. „Das kann mich töten. Vollständig." Diese Erkenntnis ließ Leyla handeln. Ihr Mana brach aus ihr hervor, nicht mehr kontrolliert in feinen, gezielten Strömen, sondern in einem massiven, alles durchdringenden Ausstoß, der die Grenzen ihrer bisherigen Kontrolle weit hinter sich ließ. Es breitete sich aus, griff nach der Umgebung, suchte in jede Richtung nach etwas, das sie noch erreichen konnte. Und es fand das Feuer. Die Flammen, die zuvor unkontrolliert durch die Stadt gewütet hatten, reagierten auf ihren Einfluss. Ihr chaotisches Flackern wurde gebündelt, ihre wilde Bewegung in Bahnen gezwungen. Sie verdichteten sich zu massiven, aufragenden Säulen aus reinem Feuer, sammelten sich in einem einzigen Augenblick – und schossen dann mit geballter, konzentrierter Wucht auf Yang zu. Der Angriff traf. Noch bevor Yangs Zauber vollständig entfaltet werden konnte, wurde sie von der Wucht der Flammen erfasst und zur Seite gerissen. Ihre Position brach auf, der Griff um Leylas Hals löste sich, und der gewaltige Druck verschwand. Leyla fiel. Der Abgrund verschlang sie, zog sie in die Tiefe, während die Dunkelheit sich von allen Seiten schloss. Doch sie handelte weiter. Die Erde reagierte auf ihren letzten Impuls. Der Spalt schloss sich über ihr, Stein legte sich auf Stein, Schicht um Schicht, bis kein Licht mehr hindurchdrang und kein Laut von oben zu ihr gelangte. Sie war eingeschlossen, vollständig umhüllt von kalter, dichter Materie, die sich wie eine Umarmung anfühlte, die nichts durchließ. Die Geräusche des Kampfes verstummten. Zurück blieb Stille. Und Dunkelheit. Für einen Moment geschah nichts. Kein Angriff, kein Druck, kein unmittelbares Bedrohungsgefühl. Leyla sammelte sich, zwang ihre Gedanken in eine klare Form und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Präsenz, die sich ihr zuvor entzogen hatte. ,,Was fällt dir ein, mir im Kampf die Kraft zu nehmen?’’ -------------------------------------------------------------------------- Vor Leylas innerem Auge breitete sich der Garten der Freiheit aus, ihre Domäne, ein Raum, der nicht nur existierte, sondern auf ihre bloße Anwesenheit reagierte. Die Luft war erfüllt von einer stillen Spannung, durchzogen von einem kaum greifbaren Puls, als würde jeder Halm, jede Wurzel, jedes Blatt ein Teil eines größeren Ganzen sein, das sich ihrem Willen beugte und gleichzeitig einen eigenen Willen in sich trug. Pflanzen wuchsen in verschlungenen Formen, rankten sich umeinander, bildeten natürliche Bögen und dichte Geflechte, die mehr Ordnung als Wildnis in sich trugen. Ihr Blick glitt durch diese Szenerie, bis er auf Vinessa fiel. Die Fee stand unweit von ihr, die Haltung angespannt, die Augen groß und voller Sorge. Ihr Blick suchte Leyla, hielt sich an ihr fest, als wäre sie der einzige feste Punkt inmitten all dessen, was gerade geschah. Ihre Lippen bewegten sich, zaghaft zunächst, dann entschlossener, als wolle sie etwas Dringendes aussprechen, etwas, das nicht unausgesprochen bleiben durfte. Doch sie kam nicht dazu. Noch bevor ein Laut ihren Mund verlassen konnte, reagierte der Garten selbst. Ranken lösten sich aus dem Geflecht, schnell und zielgerichtet, wanden sich um ihren Körper und legten sich schließlich sanft, aber unmissverständlich über ihre Lippen. Die Bewegung ließ keinen Raum für Widerstand. Ihre Stimme wurde erstickt, noch ehe sie Form annehmen konnte. Leylas Blick verhärtete sich. Der alte Mann trat nach vorne. Seine Erscheinung war unverändert, geprägt von einer Schwere, die sich nicht nur physisch äußerte, sondern sich in jeder seiner Bewegungen und Gesten widerspiegelte. Als trüge er das Gewicht der Erde selbst in sich, als wäre er nicht aus ihr hervorgegangen. Seine Augen ruhten auf Leyla, ruhig, prüfend, ohne jede Hast. ,,Ich werde diese Gespräche leid.’’ Seine Stimme war tief, getragen von einer nüchternen Klarheit, die keinen Widerspruch erwartete und keinen zuließ. Sie war nicht laut, nicht scharf, und doch lag in ihr eine Endgültigkeit, die jede Diskussion im Keim ersticken konnte, bevor sie auch nur begonnen hatte. Leyla wusste, worauf er anspielte. Die Bilder des Fischerdorfs drängten sich in ihr Bewusstsein, die Menschen, die sie geschützt hatte, die Entscheidung, die sie in jenem Moment getroffen hatte, obwohl sie den Ausgang des Kampfes hätte beeinflussen können. Es war kein Zufall gewesen, kein flüchtiger Moment der Schwäche, sondern eine bewusste Handlung. „War es für Alexandra gewesen?" Der Gedanke formte sich klar und ruhig. Vielleicht war es der Versuch gewesen, sich selbst zu beweisen, dass noch etwas in ihr existierte, das sich nicht vollständig der Logik von Stärke und Notwendigkeit unterwarf. Dass sie noch nicht vollständig zu dem geworden war, was andere längst in ihr sahen. Ein Wesen ohne Rücksicht. Ein Monster. ,,Du musst mich befreien, ich will mitkämpfen!’’ Die Stimme durchbrach die gespannte Stille. Sie war energisch, beinahe trotzig, getragen von einer Entschlossenheit, die sich nicht unterdrücken ließ. Die muschelbesetzte Frau trat näher. Der Runenstein des Meeres bewegte sich mit einer fließenden Eleganz, die in scharfem Kontrast zu ihrem Ausdruck stand. Ihr Gesicht wirkte nahezu gelangweilt, als hätte sie das Geschehen bereits zu oft beobachtet, um sich noch davon beeindrucken zu lassen. Ihr Blick glitt über Leyla, ohne Eile, ohne erkennbare Dringlichkeit, wie der Blick einer Frau, die bereits weiß, wie die Geschichte ausgeht. Leyla wandte sich ihr zu, direkt, ohne Umschweife. ,,Was war das für ein Angriff?’’ fragte Leyla. Die Frage hing kurz in der Luft, bevor die Antwort folgte. ,,Das war die höchste Form der Äthermagie. Etwas, das selbst den Raben verletzen könnte.'' Die Worte waren sachlich gesprochen, doch ihre Bedeutung war schwer. Sie legten sich über die gesamte Szene wie ein Schatten, der sich nicht so leicht wieder verflüchtigte. Auf einem Ast saß das weißhaarige Kind, scheinbar unbeteiligt, die Beine locker baumelnd, während es das Geschehen mit einem leichten Lächeln verfolgte, das mehr wusste, als es zeigte. Seine Präsenz wirkte fehl am Platz und gleichzeitig unheimlich passend, als würde es etwas sehen, das den anderen noch verborgen blieb. ,,Aber sie hat den Zauber nicht vollständig wirken können. Ihr Mana scheint unzuverlässig zu arbeiten.'' Seine Stimme war leicht, beinahe beiläufig, doch gerade diese Leichtigkeit verlieh den Worten eine beunruhigende Schärfe, die unter ihrer Oberfläche lag wie Eis unter Schnee. Leyla atmete ruhig ein und aus, ließ die Eindrücke auf sich wirken, ließ die Informationen sich in ihr ordnen. Dann setzte sie sich in Bewegung, ging auf den alten Mann zu, jeder Schritt kontrolliert und von einer wachsenden Entschlossenheit getragen. ,,Ich werde in diesem Kampf keine Rücksicht mehr nehmen.’’ Die Worte waren ruhig, aber endgültig. Es war keine Drohung, kein Versuch der Überzeugung. Es war eine Entscheidung, die sie getroffen hatte, die sie nicht mehr diskutieren musste. Der alte Mann betrachtete sie einen langen Moment, als würde er die Konsequenzen dieser Aussage in aller Stille abwägen, dann nickte er knapp. ,,Gut.’’ Mehr war nicht nötig. Leyla spürte bereits, wie sich ihre Form aufzulösen begann. Die Verbindung zu ihrem physischen Körper wurde stärker, zog sie zurück in die Wirklichkeit, während der Garten langsam an Schärfe verlor und die Konturen um sie herum weicher wurden. Doch bevor sie ging, hielt sie inne. Ein Impuls durchzog sie, etwas, das sich über die vergangenen Monate hinweg aufgebaut hatte, immer drängender, immer ungeduldiger. Ohne Vorwarnung trat sie näher an den alten Mann heran und schlug zu. Ihre Faust traf sein Gesicht mit voller Wucht. Die Bewegung war direkt, ungefiltert, getragen von mehr als nur physischer Kraft. Es war keine impulsive Handlung, sondern eine klare Grenzziehung, ein unmissverständlicher Ausdruck dessen, was sie akzeptierte – und was nicht. Und dem, was sie nicht länger stillschweigend hinnehmen würde. Der Aufprall hallte kurz und deutlich durch den Garten, bevor wieder Stille einkehrte. Leylas Blick blieb fest auf ihm. ,,Wenn du noch einmal Vinessa den Mund verbietest, werde ich dich in diesem Garten begraben.'' -------------------------------------------------------------------------- Leyla reagierte ohne Zögern. Kaum war sie in ihren Körper zurückgekehrt, ließ sie ihr Mana in den Untergrund strömen, tief und kraftvoll. Die Verbindung griff diesmal wieder, wenn auch nicht so stabil wie zuvor, zögerlicher, als müsste sie jeden Schritt neu verhandeln. Metall formte sich um ihren Körper, legte sich eng an jeden Muskel, verdichtete sich zu einer schützenden Hülle, die nichts durchließ. Im nächsten Moment schoss sie nach oben. Der Aufstieg war brutal und ohne Rücksicht. Gestein, Erde und Pflaster gaben nach, wurden durchbrochen und auseinandergerissen, als Leyla sich ihren Weg an die Oberfläche erzwang. Mit einem lauten Krachen durchstieß sie die Straßen von Randurin und katapultierte sich weiter in den Himmel, bis sie endlich wieder freie Luft um sich spürte. Der Metallmantel löste sich von ihr, zerfiel in Fragmente und verschwand im Fall. Für einen kurzen Moment verharrte sie in der Höhe und ließ den Blick über die Stadt gleiten. Das Ausmaß der Zerstörung war gigantisch. Fast die Hälfte Randurins lag bereits in Trümmern, ganze Straßenzüge waren ausgelöscht, als hätte jemand sie schlicht aus der Welt gestrichen. Das gewaltige Loch, das sich in die Erde gefressen hatte, zeichnete sich klar ab – eine Narbe in der Struktur der Stadt, deren Ränder noch immer unruhig wirkten, als hätten sie sich nicht vollständig gesetzt, als würde die Wunde noch atmen. Der Rest der Stadt brannte weiterhin. Flammen fraßen sich durch Dächer und Fassaden, krochen über Straßen und verschlangen alles, was ihnen begegnete. Rauch lag schwer in der Luft und drückte den Himmel noch tiefer hinab, als er ohnehin schon war. Leyla griff nach diesem Feuer. Ihr Mana breitete sich aus, verband sich mit den lodernden Zungen, zwang sie in eine neue Form. Das Flackern wurde länger, strukturierter, geordneter, bis sich das Feuer hinter ihr zu Flügeln ausbreitete, ähnlich denen, die sie an dem Mädchen gesehen hatte. Für einen Augenblick spürte sie die Hitze direkt an ihrem Rücken, das Pulsieren der Energie, die sich ihrem Willen unterwarf. Die Flügel trugen sie nicht. Enttäuschung flackerte kurz in ihr auf – flüchtig, kaum greifbar – bevor sie die Konstruktion auflöste und sich dem freien Fall überließ. Der Wind rauschte an ihr vorbei, während die zerstörte Stadt schnell näher drängte. Ihr Blick glitt zum Meer. Sie musste es befreien. Doch noch bevor sie handeln konnte, sah sie Yang. Die Wacal lehnte gegen eine steinerne Säule, scheinbar reglos, als hätte sie sich in dieser Trümmerstadt einen Moment der Stille genommen. Ihre Haltung wirkte ungewohnt passiv, beinahe beiläufig, vollkommen im Widerspruch zu allem, was um sie herum brannte. Leyla steuerte auf sie, soweit es ihr möglich war, zu und landete auf dem Dach eines nahegelegenen Hauses. —KRCKS— Das Holz gab sofort nach. Die Balken brachen unter ihr wie alte Knochen, das Dach stürzte in sich zusammen, und Leyla wurde mit den Trümmern ins Innere gerissen, durch Schicht um Schicht aus splitterndem Holz, bis sie auf einem Bett landete, das unter ihrem Aufprall zerbarst. Für einen Moment blieb sie liegen. Dann hob sie den Blick. Auf dem Bett lagen drei Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Die Flammen hatten sie bereits geholt, krochen über ihre Körper, fraßen sich durch Kleidung und Haut. Ein Elternpaar und ihr Kind, eng beieinander, als hätten sie im letzten Moment noch Schutz in der Nähe des anderen gesucht. Leyla sah sie nur einen einzigen Augenblick an. Dann stieß sie sich ab. Mit einem einzigen Satz durchbrach sie das Fenster und trat wieder hinaus, ließ die Szene hinter sich, ohne ein weiteres Zögern, ohne den Blick zu wenden. Sie landete vor Yang und begann, sich ihr zu nähern. ,,Du siehst gar nicht gut aus, Yang. Wie wäre es, wenn du dich zur Ruhe setzt? Platz für die jüngere Generation machst?'' Ihre Worte waren leicht, spöttisch, doch ihre Aufmerksamkeit blieb vollständig und ohne Abweichung auf die Frau vor ihr gerichtet. Yang richtete sich langsam auf. Jetzt konnte Leyla die Details erkennen, die zuvor verborgen gewesen waren. Das Kleid war verdreckt, an mehreren Stellen aufgerissen, und zwischen den violetten Linien, die sich über ihren Körper zogen, waren kleine Wunden sichtbar. Sie wirkten unscheinbar im Vergleich zu dem, was die letzten Stunden bei jedem anderen angerichtet hätten – und doch waren sie da. Yang sagte nichts. Ihr Blick blieb fest, unerschütterlich, wie immer. Doch etwas hatte sich verändert, eine Verschiebung, kaum greifbar. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Leyla erstarrte innerlich für einen Moment. Sie hatte Yang noch nie lächeln sehen. Nicht in all der Zeit, in der sie ihr begegnet war, nicht in einem einzigen Augenblick. Dann verstand sie. Yang genoss das. Den Kampf. Ohne weitere Vorwarnung ließ Leyla ihr Schwert fallen. Die Bewegung war bewusst, kalkuliert, eine gesetzte Absicht und keine Kapitulation. Im nächsten Moment schoss sie nach vorne, direkt auf Yang zu, ihre Hände bereits in Bewegung. Feuerbälle formten sich darin, kompakt und dicht, während sie kontinuierlich Mana hineinleitete, sie verdichtete, aufpumpte, bis sie an der Grenze der Selbstentladung glühten. Yang reagierte sofort, senkte den Schwerpunkt, ging in eine Abwehrhaltung, bereit, den direkten Angriff abzufangen. Doch der Angriff kam nicht. Stattdessen brach hinter ihr der Boden auf. Eine massive Steinsäule schoss aus der Erde empor, traf Yang von unten mit einer Wucht, als würde die Stadt selbst ihre Faust ballen, und katapultierte sie in den Himmel. Die Bewegung war abrupt und gewaltsam, ließ ihr keine Möglichkeit, den Einschlag abzumildern oder zu neutralisieren. Leyla hatte sich selbst als Köder benutzt. Sie stieß sich vom Boden ab und folgte Yang ohne Verzögerung, trieb sich immer höher in den Nachthimmel hinein. Stein sammelte sich um ihre Hände, verdichtete sich, wuchs und schichtete sich, bis sich ein gewaltiger Hammer ergeben hatte, massiv und schwer, größer als alles, was ein gewöhnlicher Kämpfer jemals hätte führen können. Das Gewicht war real, drückte nach unten, zog an ihren Armen. Sie holte aus. —BAMM— Die gesamte aufgestaute Wucht entlud sich frontal in Yang und schleuderte sie mit brachialer Gewalt hinaus aus der Stadt, über die brennenden Dächer hinweg, hinaus in Richtung des offenen Meeres, wo die Barrieren das Wasser noch immer eingekesselt hielten. Leyla ließ sich fallen. Nicht unkontrolliert, sondern mit Absicht. Sie nutzte die gewonnene Höhe, sprang von Struktur zu Struktur, von Dach zu Mauer zu Trümmer, hielt die Verfolgung aufrecht, während sie Yangs Flugbahn keine Sekunde aus dem Blick ließ. Dabei spürte sie es. Ihr Mana ließ nach. Nicht abrupt, sondern schleichend, wie Sand, der durch geöffnete Finger rieselt. Die Regeneration wurde langsamer, weniger präzise. Manche Verletzungen schlossen sich nicht mehr im selben Atemzug, blieben offen, wurden ignoriert, weil die Energie nicht mehr ausreichte, alles gleichzeitig zu versorgen. Auch ihre Kontrolle litt. Die Formen, die sie der Erde aufzwang, hielten nicht mehr so lange wie zu Beginn des Kampfes. Strukturen zerfielen früher, verloren schneller an Kohärenz, als würde ihr Einfluss von innen her ausdünnen. Und doch war da noch etwas anderes. Etwas, das sich über diese Erschöpfung legte und sie beinahe in den Hintergrund drängte. Freude. Ein klares, unverfälschtes Gefühl, scharf und echt. Zum ersten Mal seit langer Zeit war dieser Kampf nicht nur notwendig. Er war erfüllend. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ sich von der Erde nach oben tragen, ohne eine eigene Bewegung ausführen zu müssen. Der Stein unter ihr reagierte auf ihren Willen, hob sich aus der Struktur der Burg und wuchs zu einer tragenden Säule, die sie bis an die Spitze eines Turms emporhob. Von hier aus lag Randurin unter ihr wie ein aufgerissenes Gefüge aus Flammen, Rauch und zerbrochenem Gestein, eine Stadt, die sich selbst zu fressen begann. Ob es sich um die Herzogsburg handelte, spielte für sie keine Rolle – der Ort war hoch genug, um Überblick zu geben, und stabil genug, um als Ausgangspunkt zu dienen. Der Wind riss an ihr, trug den Geruch von verbranntem Holz und geschmolzenem Metall mit sich, während die Hitze der brennenden Stadt selbst hier oben noch wie ein zweites Klima spürbar war. Leyla ließ den Blick nur einen einzigen Augenblick über die Zerstörung schweifen, bevor sie sich wieder auf ihr Ziel konzentrierte. Dann stieß sie sich ab. Ihr Körper spannte sich, und der Sprung trug sie weit über die Dächer hinaus in die offene, rauchgeschwängerte Luft, direkt auf Yang zu. Die Wacal war noch in Bewegung, fing sich gerade aus der vorangegangenen Attacke, stabilisierte ihre Flugbahn und brachte Ordnung in ihre Haltung zurück, mit der ruhigen Präzision eines Wesens, das Rückschläge nur als temporäre Abweichungen kennt. Leyla griff nach vorne. Ihr Mana streckte sich aus, tastete die Umgebung ab, überquerte die Distanz zwischen ihr und dem Horizont und fand schließlich das, was sie gesucht hatte. Das Meer. Die Verbindung entstand nicht zögernd, sondern mit einer Wucht, die sofort durch sie hindurchfuhr wie ein Strom durch eine geöffnete Leitung. Tief unter ihr bewegte sich eine gewaltige, eingesperrte Masse, und als sie ihren Willen darauf legte, antwortete sie. Mit einem tosenden, alles überlagernden Geräusch brach das Wasser durch die Ätherbarrieren, die es zuvor zurückgehalten hatten. Die Struktur gab nach, riss auf, und die aufgestauten Wassermassen entluden sich in einer einzigen, gewaltigen Geste der Befreiung. Wellen erhoben sich, nicht wie natürliche Brandung, sondern wie aufgerichtete Gebirge aus fließender, lebendiger Gewalt, die sich über Leyla und Yang gleichermaßen auftürmten und den Himmel verdunkelten. Am Rand ihres Blickfelds erkannte Leyla Bewegungen. Eine Flotte. Kaiserliche Schiffe, dicht beieinander, klein wirkend im Vergleich zu den Wassermassen, die sich nun über ihnen aufbäumten. Sie ignorierte sie. Ihre Aufmerksamkeit lag vollständig auf Yang. Die Wacal reagierte sofort. Leyla sah, wie sie ihr Mana auf das Wasser richtete, wie sie versuchte, die heranrollenden Fluten zu glätten, ihre Wucht zu brechen, ihnen eine beherrschbare Struktur aufzuzwingen. Leylas Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Das Meer entzog sich dieser Kontrolle. Es antwortete nur Leyla. Mit einem scharfen, gezielten Impuls ließ Leyla die Wellen brechen. Die Wassermassen stürzten herab, erfassten Yang und rissen sie mit sich fort. Im selben Moment ließ Leyla sich selbst fallen, ließ sich von der Bewegung der Welle erfassen und verwandelte ihren Sturz in eine gezielte, kraftvolle Fortbewegung durch das tobende Element. Hier veränderte sich alles. Die Dichte des Wassers trug sie, leitete ihre Bewegungen, verstärkte jeden Impuls ihres Körpers auf eine Weise, die sie im Kampf noch nicht erlebt hatte. Ihr Körper schnitt durch die Strömung wie ein Kiel durch ruhiges Wasser, ihr Mana verband sich mit der Umgebung, ließ sie voranschießen, als würde das Meer selbst sie werfen. Sie erreichte Yang inmitten der tobenden Flut. Die Wacal versuchte, sich zu lösen, kämpftesich gegen die Strömung. Es verdichtete sich um Yang herum, legte sich um ihre Gliedmaßen wie eine unsichtbare Hand, verlangsamte jede ihrer Bewegungen und machte Ausweichen zur Unmöglichkeit. Um Yang herum blitzten Fragmente von Äthermagie auf. Sie flackerten, formten sich kurz und zerfielen wieder, instabil und unzuverlässig, als würde ihr Mana nicht mehr vollständig auf ihre Befehle hören – als hätte etwas in ihr begonnen, sich selbst zu widersprechen. Leyla setzte nach. Ihr Bein schnellte vor und traf Yang im Gesicht. Der Aufprall wurde vom Wasser verstärkt, die Bewegung durch die Strömung fortgetragen und in Wucht übersetzt. Sie zog zurück und schlug erneut zu, ließ keine Lücke entstehen, keinen einzigen Augenblick, in dem Yang sich hätte sammeln können. Schlag folgte auf Schlag, jeder präzise gesetzt, jeder darauf ausgelegt, die Kontrolle weiter zu brechen und die bereits brüchige Stabilität ihrer Gegenspielerin zu zerstören. Mit jedem Treffer trieb sie Yang tiefer. Das Licht von der Oberfläche wurde schwächer, die Umgebung dunkler und schwerer, während der Druck des Wassers zunahm und die Bewegungen der Wacal in eine langsamere, härtere Dynamik zwang, in der Schnelligkeit nicht mehr galt und Beharrlichkeit alles war. Yang kämpfte. Sie versuchte, sich zu befreien, spannte ihren Körper gegen den Strom, suchte nach einem Ausweg, nach einem Moment, den sie nutzen konnte. Doch das Meer selbst stellte sich gegen sie. Die Strömung verdrehte sich, schloss sich enger, hielt sie fest und zog sie mit einer Geduld weiter hinab, die keine Gegenwehr kannte. Leyla spürte es deutlich. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, einen Runenstein vollständig zu nutzen. Das Element selbst unterstützte sie, verstärkte ihre Kontrolle, machte ihre Angriffe schwerer, zwingender, endgültiger, als sie es allein je hätten sein können. Gemeinsam mit dem Wasser drängte sie Yang bis auf den Meeresboden. Dort traf sie sie mit voller Wucht auf den Grund, ließ die Bewegung in den Schlick laufen und den letzten Rest an Ausweichmöglichkeit zerstören, bevor sie nachsetzte. Sie ging dicht heran, legte ihre Hände um Yangs Hals und fixierte sie, ließ keinen Raum für Bewegung, keinen Spalt, durch den sich irgendetwas hätte zwingen lassen. Ihre Finger schlossen sich. Unnachgiebig. Leyla beugte sich vor und sah Yang direkt in die Augen. Die violetten Linien hatten sich weiter ausgebreitet, zogen sich nun auch durch die Iriden, durchzogen den Blick mit einer fremden, unruhigen Struktur, die nicht zu ihr zu gehören schien, als wäre dort etwas eingewachsen, das nicht eingeladen worden war. Ein Fluch? Vielleicht. Der Gedanke blieb flüchtig, ohne Raum, sich zu entfalten. Leyla ließ das Wasser reagieren. Es drang in Yangs Körper ein, füllte langsam ihre Lungen, während sich gleichzeitig die Erde unter ihnen auftat und sich eng um Yang schloss – fixierte sie, nahm ihr jeden letzten Rest von Beweglichkeit, versiegelte jeden Ausweg. ,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.'' Ihre Stimme war ruhig, beinahe leise, von dem Druck des Wassers gedämpft, und doch trug sie eine Klarheit, die keinen Zweifel zuließ und keinen Raum für eine Antwort öffnete. Das Mitgefühl war echt. Die Entscheidung ebenfalls. Leyla hielt den Druck aufrecht, ließ keine Öffnung entstehen, keinen Ausweg. Sie spürte, wie Yangs Körper nachgab, wie die Kraft der Wacal wich, wie die Gegenwehr schwächer wurde, von Schlag zu Schlag weniger, bis sie schließlich ganz verstummte. Langsam, kaum merklich, erlosch das Leben in ihren Augen. Und mit ihm verschwand die Präsenz der stärksten Kämpferin des Kaiserreichs.
- Kapitel 217 - Die letzte Nacht der Kopfgeldjägerin
Yang ließ ihr Mana erneut erwachen. Die Aura der Kopfgeldjägerin flammte auf, doch sie hielt sie gedämpft, absolut kontrolliert, als würde sie ein gefährliches Tier an einer unsichtbaren Leine führen. Atorm war mächtig gewesen. Das musste sie ihm zugestehen. Er hatte nicht blind gehandelt – er hatte einen Plan gehabt. Einen Plan, der nach allem, was er wusste, hätte funktionieren müssen. Yang strich mit den Fingern über den Stoff ihres Kleides. Die Farbe veränderte sich, verdunkelte sich, bis ein tiefes Schwarz zurückblieb. Ein stilles Zeichen des Respekts gegenüber einem Gegner, der sie tatsächlich gefordert hatte. Es war der erste Kampf seit dem Großen Krieg, der ihr so etwas wie echte Freude bereitet hatte. Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lippen. Flüchtig, beinahe fremd in ihrem Gesicht. Es war kein Lächeln der Gegenwart, sondern eines aus einer anderen Zeit – aus einer Kindheit, die über dreitausend Jahre zurücklag. Sie hatte bereits im Alter von fünfzig Jahren entschieden, dass sie im Kampf in erster Linie auf Magie setzen würde. Es war zu ihrem Markenzeichen geworden. Yang, die mächtigste Magierin. Die Meisterin des Äthers. Und doch war genau das Atorms Makel gewesen. Er hatte nur diese Yang gekannt. Er hatte nichts gewusst von der anderen. Von jener, deren Muskeln die rohe Kraft von Drachen trugen. Von jener, die auch ohne Magie fliegen konnte, deren Körper selbst eine Waffe war. Es war nicht sein Fehler gewesen. Und dennoch war es ein verdienter Tod. Wer sich gegen ihr Absolut im Kaiserreich auflehnte, würde beseitigt werden. Ihr Blick glitt über die Eiswüste, bis er an den Burgzinnen Randurins hängen blieb, die sich schemenhaft durch den tobenden Schneesturm abzeichneten. Weder Leyla noch Zuphoor oder Cornelius waren dort. Langsam ließ sie ihre Aura weiter anwachsen. Jetzt ohne jede Zurückhaltung. Sie breitete sich aus, tastete die Umgebung ab, durchdrang Schnee, Stein und Luft gleichermaßen. Sofort nahm sie den Menschen wahr. Er hatte sich mit den beiden Untoten getroffen. Drei Signaturen, die sich hastig bewegten – fort von diesem Ort, in Richtung Süden. „Sollte ich mich jetzt ihnen widmen?" Der Gedanke war kaum entstanden, da verschob sich ihr Fokus bereits. Da war noch etwas. Oder vielmehr: jemand. Ein Mädchen. Kaum mehr als ein schwaches Flackern im Gefüge der Kräfte. Lächerlich gering. Und doch unverkennbar. Barbarossas Hülle. Yang hob langsam eine Hand gen Himmel. Die Bewegung war ruhig, präzise, beinahe rituell. Sie wollte gerade die Verbindung zum Äther erneut vollständig öffnen, die Ströme bündeln, als etwas sie innehalten ließ. Ein kaum merkliches Heben und Senken ihrer Brust. Erschöpfung. Ein Zustand, den sie nur ein einziges Mal zuvor gespürt hatte. Für einen kurzen Moment verharrte sie. Sie schob den Gedanken beiseite, kühl und konsequent. Dann entfesselte sie abermals ihre Äthermagie. -------------------------------------------------------------------------- Der Nachthimmel über Randurin wurde abermals von einem grellen Licht zerrissen, das schien, als bündele es sämtliche Farben in sich, nur um sie im nächsten Moment in einer unnatürlichen, schmerzhaften Helligkeit freizusetzen. Helmut stand im ersten Stock seines Eigenheims. Neben ihm standen seine Frau Isabell und sein zehnjähriger Sohn Uwe. Keiner von ihnen sprach zunächst ein Wort. Sie blickten nur hinaus, gefangen von einem Anblick, der zu groß war, um ihn wirklich zu begreifen. ,,Warum kämpfen die wieder, Papa?'’ fragte Uwe schließlich und klammerte sich fester an Helmuts Arm. Seine Stimme war leise, brüchig, als hätte er nicht nur vor den Antwort, sondern auch vor der Frage Angst. Helmut zögerte einen Moment zu lange. ,,Weil der Böse immer noch lebt. Die ehrenwerte Yang wird uns befreien, mein Sohn.'' Seine Worte klangen fest, doch in ihnen lag eine Anspannung, die sich nicht vollständig verbergen ließ. Sie hatten aus der Ferne gesehen, wie Yang sich diesem unheimlichen Mann entgegengestellt hatte. Dem Mann ohne richtige Augen, dessen bloße Erscheinung bereits Unruhe auslöste. ,,Aber Papa, du meintest doch, dass Yang gewonnen hat.'' Uwes Griff wurde noch fester. ,,Ja…'' begann Helmut, bevor er sich fing. ,,Ja, du hast recht. Das dachte ich auch. Dass sie jetzt weiterkämpft, bedeutet nur, dass er noch lebt. Niemand außer diesem Mann könnte sich ihr entgegenstellen.'' Er zwang sich, den eigenen Worten Glauben zu schenken. Es musste so sein. Alles andere würde bedeuten, dass etwas geschah, das jenseits jeder Ordnung lag, die er kannte. Denn wenn nicht dieser Mann – wer war dann die Gestalt, die Yang mit Flammen angriff? Wer war es, der den Himmel selbst in Brand setzte? Helmut verengte die Augen und bemühte sich, durch das flirrende Licht hindurch mehr zu erkennen. ,,Ist das ein Mädchen?’’ Der Gedanke kam ihm absurd vor, beinahe lächerlich – und doch ließ er sich nicht sofort verdrängen. Mit einer abrupten Bewegung zog er die Vorhänge zu. Das Licht verschwand. ,,Lass uns schlafen gehen, Liebling.’’ Isabell sah ihn an. In ihrem Blick lag Angst, unverhüllt, roh. Doch sie nickte, weil es nichts anderes gab, woran sie sich hätten halten können. Zu dritt legten sie sich ins Bett. Die Nähe war eng, beinahe erdrückend, doch keiner von ihnen wich zurück. Helmut schloss die Augen. Die Erschöpfung übermannte ihn schneller, als ihm lieb war. Er schlief ein. Wäre er wach geblieben, hätte er vielleicht bemerkt, dass Randurin in eine unnatürliche Stille gefallen war – eine Stille, die nicht beruhigte, sondern warnte. Wäre er wach gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie sich vor dem Fenster erste Flammen regten, züngelnd, tastend, als würden sie nach Halt suchen. Wäre er aufgewacht, hätte er vielleicht noch rechtzeitig reagieren können. Vielleicht. Doch als der brennende Balken schließlich nachgab und in die Dunkelheit stürzte, war es längst zu spät. -------------------------------------------------------------------------- Der Ätherangriff Yangs hatte sein Ziel verfehlt. Nicht, weil er unpräzise gewesen wäre. Die Bahn, die Dichte, die Ausrichtung – alles hatte gestimmt. Doch Barbarossa war ihm entkommen, indem er sich im entscheidenden Moment erhoben hatte. Seine brennenden Flügel trugen ihn in steilem Winkel nach oben, schnitten durch die kalte Luft und hinterließen verzerrte Strömungen aus Hitze, die den Himmel selbst unruhig wirken ließen. Kaum hatte er Höhe gewonnen, ging er zum Gegenangriff über. Seine Flammen waren kein bloßes Element, sondern ein Zustand. Sie fraßen sich durch den Raum, überlagerten die Kälte der Umgebung und griffen mit einer Intensität an, die selbst Yangs Schutz durchbrach. Ihr Kleid fing Feuer. Die Flammen hafteten, brannten sich in den Stoff, bevor sie sie mit einer einzigen kontrollierten Bewegung ersetzte und die Hitze auslöschte. Doch der Umstand blieb bestehen. Es hatte gebrannt. Und das allein genügte, um die Dimension ihres Gegners endgültig einzuordnen. Yang hielt ihre Position nicht. Sie bewegte sich weiter durch den Himmel, beschleunigte in variierenden Bahnen, wechselte abrupt die Richtung, während ihr Blick unablässig über Barbarossas Angriffe glitt. Sie suchte keine Öffnung im klassischen Sinne, sondern eine strukturelle Schwäche im Muster seines Flammenregens. Es gab keine. Die Angriffe überlappten sich, ergänzten einander, schlossen Lücken, noch bevor sie überhaupt entstehen konnten. Ein durchgehendes Geflecht aus Hitze und Druck, das keine offensichtliche Angriffsfläche bot. Ein direkter Vorstoß wäre möglich gewesen. Doch Yang verzichtete darauf. Sie wusste, was Barbarossa in sich trug. Die Erzzauber von Gabriel und Ismael. Ismaels Zauber war eindeutig. Potenzialentfaltung. Ein Eingriff, der das maximale Leistungsvermögen eines Wesens sofort und vollständig freisetzte, ohne jede Rücksicht auf Stabilität oder Dauer. Die Konsequenz war ein beschleunigter Verbrauch der eigenen Existenz. Für diesen Kampf bedeutungslos. Eine gewaltige Feuerkugel durchbrach die Luft und raste knapp an ihr vorbei. Die Druckwelle ließ ihre Flugbahn kurz erzittern. Die Signatur war fremd, aber nicht gänzlich unbekannt. General van Trey. Zumindest vermutlich. Yang schenkte dem keine weitere Beachtung. Seine Magie hatte sie nie interessiert. Stattdessen verlagerte sie ihren Fokus vollständig zurück auf Barbarossa. Ihre Aura breitete sich aus, verdichtete sich gezielt entlang seiner Flugbahn und legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf seine Flügel, um deren Bewegung zu behindern. Doch Barbarossa reagierte korrekt. Er stabilisierte sich gegen ihre Einwirkung, verankerte sich nicht physisch, sondern energetisch im Raum und hielt seine Flugstruktur aufrecht, ohne dabei an Kontrolle zu verlieren. Yang erhöhte die Geschwindigkeit. Noch weiter. Die Luft begann unter der plötzlichen Beschleunigung zu reißen, ihre Bewegung wurde zu einer Abfolge kaum noch nachvollziehbarer Positionswechsel. Für einen kurzen Moment überschritt sie das Reaktionsvermögen ihres Gegners. Gleichzeitig sammelte sie Mana in ihrer Hand. Absolute Verdichtung. Absolute Kompression. Absolute Kontrolle. Parallel dazu entstand eine Sphäre aus elektrischer Spannung, deren Oberfläche instabil flackerte, aufgeladen bis an die äußerste Grenze der Selbstentladung. Ohne Zögern schleuderte sie das Konstrukt auf Barbarossa zu. Ungefährlich. Ablenkend. Genau so war es beabsichtigt. Yang beobachtete nicht die Kugel, sondern die Reaktion. Barbarossa registrierte den Angriff, korrigierte seine Position und holte aus. Seine Bewegung war klar, ohne jede unnötige Verzögerung. Ein gewaltiger Eissplitter formte sich, massiv und dicht, und wurde mit enormer Kraft auf die Sphäre geworfen. Die Kollision war unvermeidlich. Und genau darauf hatte Yang gewartet. Im Moment der Abwehr schoss sie vor. Ihre Beschleunigung erreichte einen Punkt, an dem der Raum selbst hinter ihr zurückzubleiben schien. Die Distanz zwischen ihnen brach in sich zusammen. Ihre Hand streckte sich aus, zielgerichtet, präzise. Nicht, um zu zerstören. Um zu stören. Schattenmagie sammelte sich an ihren Fingern, bereit, sich in Barbarossas Struktur zu legen, seinen Manafluss zu destabilisieren, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Kein Angriff im klassischen Sinne, sondern eine gezielte Unterbrechung. Denn das eigentliche Ziel lag woanders. ,,Welt in Perfektion.’’ -------------------------------------------------------------------------- Drei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Yang beschleunigte ihren Herzschlag. Der Rhythmus ihres Körpers stieg abrupt an, präzise kontrolliert, weit über das hinaus, was für Sterbliche auch nur annähernd denkbar war. Es war eine Fähigkeit der Wacal – kein Zauber, sondern ein bewusster Eingriff in die eigene Funktionsweise. Für einen kurzen Moment vervielfachte sich ihre gesamte Leistungsfähigkeit, jede Reaktion wurde schärfer, jede Bewegung unmittelbarer, jeder Impuls direkter. Der Preis war hoch. Sie würde ihr Mana nicht mehr speichern können. Sie würde einige Tage, nachdem es vollständig verbraucht war, ohne ihre Magie auskommen müssen. Doch er war akzeptabel. Zwei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Ihre Aura zog sich zusammen, verdichtete sich entlang ihres Körpers, schloss sich enger, kompakter, bis sie nicht mehr als Ausstrahlung, sondern als strukturierte Hülle existierte. Daraus formte sie einen Schild aus reinem Äther, lückenlos über ihre Haut gelegt, stabilisiert durch konstante Rückkopplung. Nur eine einzige Stelle blieb offen. Ihre Hand. Dort hielt sie weiterhin konzentriertes Mana, dicht genug gebunden, um es jederzeit und ohne Verzögerung freisetzen zu können. Gleichzeitig öffnete sie den Fluss an anderer Stelle. Ein erheblicher Teil ihres Manas entwich durch ihren Mund, transformiert in rohe Windmagie. Kein gerichteter Angriff, sondern ein kontrollierter Ausstoß, der sich hinter ihr entfaltete und den gesamten Raum in Bewegung versetzte. Eine Sekunde bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Ihre Hand erreichte ihr Ziel. Sie berührte die Schulter des Mädchens. Im selben Moment entlud sich die Schattenmagie. Kein sichtbarer Effekt, keine Explosion – sondern ein gezielter Eingriff. Direkt, präzise, auf den Manastrom ausgerichtet, der Barbarossa durch diese Hülle verband. Die Struktur wurde gestört, nicht zerstört, aber spürbar aus dem Gleichgewicht gebracht. Ohne auch nur einen Moment zu verharren, verlagerte Yang ihr Gewicht und stieß sich ab. Die Bewegung war explosiv, ihre Beine lieferten den entscheidenden Impuls, während die zuvor freigesetzte Windmagie hinter ihr griff und sie zusätzlich beschleunigte. Ihr Körper wurde rückwärts katapultiert, weit fort von der unmittelbaren Gefahrenzone, noch bevor die Konsequenz ihres Eingriffs vollständig einzusetzen begann. ,,Welt in Perfektion.’’ -------------------------------------------------------------------------- Der gestohlene Erzzauber Gabriels traf Yang. Die Ätherschutzschicht absorbierte einen erheblichen Teil der einströmenden Kraft. Die Struktur hielt stand, leitete Energien um, dämpfte die unmittelbare Wirkung – doch sie war nicht vollständig ausreichend. Was durchdrang, war kein Rest, sondern ein konzentrierter Kern. Der Abstand, den sie sich verschafft hatte, reduzierte die Intensität zusätzlich. Die Wirkung streckte sich, verlor an Dichte. Aber sie entkam dem Radius nicht. Die Störung in Barbarossas Manafluss zeigte Wirkung. Der Zauber war nicht stabil. Seine Struktur flackerte, verlor Kohärenz, wurde geschwächt. Yang hatte genau das einkalkuliert. Sie hatte den Angriff erwartet. Mehr noch – sie hatte ihn provoziert. Jede ihrer Bewegungen, jede einzelne Entscheidung war darauf ausgelegt gewesen, ,,Welt in Perfektion'' unter Bedingungen auszulösen, die sie überleben konnte. Und dennoch – zerriss der Zauber sie. Die verbleibende Kraft durchbrach ihre Verteidigung und traf ihren Körper mit unmittelbarer Brutalität. Ein klaffendes Loch öffnete sich in ihrem Rumpf. Kein langsames Versagen, kein gradueller Schaden – ein abruptes Fehlen von Substanz. Ihr rechter Arm wurde vollständig pulverisiert, ohne Übergang, ohne den geringsten Widerstand. Ihr Blut verteilte sich in der Luft, wurde vom Aufprall auseinandergerissen und fiel in dunklen Bahnen zur Erde hinab. Für einen Moment verlor ihr Körper jede geschlossene Form. Dann reagierte sie. Ohne Zögern ließ Yang Lichtmagie tief in sich fließen. Nicht oberflächlich, sondern hinein in die beschädigten Strukturen selbst. Muskelfasern rekonstruierten sich, setzten sich neu zusammen, Knochen wuchsen in präziser Ausrichtung nach, und darüber spannte sich frische, makellose Haut, als hätte der Schaden niemals existiert. Die Regeneration war vollständig. Kontrolliert. Effizient. Absolut. Auch ihr Kleid stellte sie wieder her. Diesmal kehrte es zu seinem ursprünglichen Zustand zurück – ein klares, ungebrochenes Weiß. Yang atmete schwer. Ihre Brust hob und senkte sich deutlich, ein sichtbares Zeichen für eine Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ. Ihr Manaverbrauch hatte eine Schwelle erreicht, die selbst für sie nicht mehr trivial war. An diesem einen einzigen Abend setzte sie konstant Mengen an Mana ein, die sonst über Jahre verteilt gewesen wären. ,,Wie hast du diesen Angriff überlebt?’’ Die Stimme des Mädchens hallte durch die Nacht. Doch sie war nicht rein menschlich. Sie war überlagert, verstärkt, getragen von der fremden, dominanten Präsenz Barbarossas. Jeder Laut vibrierte in der Luft, als würde er mehr sein als bloßer Schall. Yang antwortete nicht. Stattdessen breitete sie die Arme aus. Hinter ihr begann sich der Raum zu verändern. Punkte aus Licht erschienen, zunächst vereinzelt, dann in rasch wachsender Zahl. Sie ordneten sich, formten sich zu klar definierten Strukturen – Ätherpfeile, jeder einzelne durchzogen von dicht gebundenem Mana, stabilisiert und präzise ausgerichtet. Hunderte. Diesmal beließ sie es nicht bei reiner Konstruktion. Zusätzlich legte sie Schattenmagie über die gesamte Formation. Kein sichtbarer Effekt, sondern eine Anweisung, ein eingebetteter Befehl, der jedem einzelnen Projektil eine Zielpriorität gab. Ihre Stimme war ruhig, eindeutig. ,,Jagt Barbarossa.’’ -------------------------------------------------------------------------- Taliba saß in einem dunklen Raum. Es war kein Ort mit klaren Grenzen. Keine Wände, die man hätte ertasten können, kein Boden, der irgendeinen Halt versprach. Nur Enge – eine bedrückende, formlose Enge, die sich um sie gelegt hatte. Vor ihr öffnete sich ein schmaler Spalt, kaum mehr als ein Riss in dieser Finsternis, durch den sie nach draußen sehen konnte. Dort draußen entfaltete sich der Kampf. Verzerrt, fragmentiert, als würde sie ihn durch eine fremde Wahrnehmung hindurch betrachten, und doch klar genug, um die Bedeutung zu begreifen. Sie wusste, wer die Frau war. Yang. Die Perfekte. Die Absolute. Ein Name, der nicht nur eine einzelne Person beschrieb, sondern einen Zustand, ein Prinzip, dem sich alles andere unterordnete. In Taliba regte sich etwas. Freude. Kein reines, unbeschwertes Gefühl, sondern ein scharfes, beinahe schmerzhaftes Aufleuchten inmitten der Dunkelheit. Sie spürte es deutlich – das ,,Monster'', das sie gefangen hielt, reagierte. Seine Präsenz verschob sich, wurde unruhiger. Angst. Es erkannte den Unterschied. Nicht als abstrakte Einschätzung, sondern als unmittelbare Gewissheit. Eine Differenz in Stärke, so eindeutig, dass sie sich nicht ignorieren ließ. Taliba presste sich näher an den schmalen Spalt, als könnte sie dadurch mehr von dem sehen, was dort draußen geschah. Ihre Finger krümmten sich, suchten Halt in etwas, das sich nicht greifen ließ. Sie wollte schreien. Wollte sich bemerkbar machen, wollte eingreifen, wollte gehört werden. Doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Was sie hervorbrachte, war kaum mehr als ein schwacher Impuls, ein gedämpfter Gedanke, der sich nur mühsam durch die fremde Präsenz hindurchzwängte. Keine Worte im eigentlichen Sinne, sondern ein fragmentierter Wille, der nur mit größter Anstrengung überhaupt Form annahm. „Bitte…" Der Rest zerfiel beinahe, noch bevor er entstehen konnte. Und doch erreichte ein Teil davon sein Ziel. ,,Lass uns bitte gemeinsam sterben…’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte den Kampf von Yang lange, bevor sie ihn überhaupt sehen konnte. Die Aura war nicht nur ein fernes Signal, sondern durchzog den Wind selbst, legte sich in jede Bewegung der kalten Luft und machte die Präsenz der Kämpfenden auf eine Weise greifbar, die keine Augen brauchte. Es war eine klare, dominante Signatur, die keinen Zweifel daran ließ, wer dort kämpfte. Sie hatte den Denja-Dschungel längst hinter sich gelassen und bewegte sich nun durch die Kälte des Herzogtums Randurin. Die Umgebung hatte sich vollständig verändert. Wo zuvor feuchte, schwere Luft und dichtes Grün geherrscht hatten, lag nun eine offene, von Schnee bedeckte Landschaft, in der jede Form von Leben zurückgedrängt wirkte. Der Boden war hart gefroren, der Wind schnitt scharf über die weiten Flächen und ließ selbst stabile Strukturen spröde erscheinen. Leyla nutzte diese Bedingungen zu ihrem Vorteil. Anstatt sich wie zuvor über die Äste der Bäume fortzubewegen, glitt sie nun über den Schnee. Unter ihren Schuhen hatten sich Kufen ausgebildet, glatt und präzise geformt, während sie gleichzeitig mit ihrem Mana die Oberfläche des Bodens ebnete und jede Unebenheit beseitigte. Ihre Bewegung wurde dadurch beinahe reibungslos, ein gleichmäßiges Gleiten, das sie mit hoher Geschwindigkeit vorantrieb. Die Landschaft zog in langen, unscharfen Linien an ihr vorbei, ohne dass sie auch nur im Geringsten an Kontrolle verlor. Sie hätte nicht sagen können, wann genau sie diese Technik entwickelt hatte. Es gab keinen Moment des Lernens, keine bewusste Entscheidung. Die Idee war einfach da gewesen, vollständig und funktional, als hätte sie schon immer darauf zurückgreifen können. Vinessa befand sich noch immer in ihrer Innentasche. Leyla achtete ununterbrochen darauf, dass sie keinen Schaden nahm. Jede Bewegung, so schnell sie auch war, blieb kontrolliert genug, um die kleine Fee zu schützen. Doch ihr wurde klar, dass sie sich im weiteren Verlauf diese Einschränkung nicht länger leisten konnte. Ein Gedanke formte sich. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen und suchte die Verbindung zu jenem Ort, der sich in ihr entwickelte. Zu ihrer werdenden Domäne. Zu jenem Raum, den ihr der Runenstein der Heilung eröffnet hatte und der noch nicht vollständig greifbar war, aber bereits existierte. ,,Bitte, nimm Vinessa zu dir.’’ Der Gedanke war klar formuliert, frei von jedem Zweifel. Unmittelbar darauf verschwand die Bewegung an ihrer Brust. Kein Übergang, kein spürbarer Prozess – das Gewicht war einfach nicht mehr da. Vinessa war fort, aufgenommen von etwas, das außerhalb der normalen Welt lag. Leyla nahm es zur Kenntnis, ohne innezuhalten. ,,Sehr gut'', murmelte sie leise. Nun konnte sie sich vollständig auf das konzentrieren, was vor ihr lag. Die Frage blieb bestehen: Gegen wen kämpfte Yang? Zu Beginn hatte sie eine dunkle Aura wahrgenommen, schwer und eindeutig feindlich. Dann war eine Phase gefolgt, in der die Intensität plötzlich abgefallen war, als hätte der Kampf kurzzeitig ausgesetzt. Dieses Muster war ungewöhnlich gewesen, aber nicht lange relevant geblieben. Denn nun hatte sich die Situation erneut verändert. Die Aura, die jetzt von Yangs Gegner ausging, war von Flammen durchzogen. Sie war nicht nur heiß, sondern trug eine Qualität in sich, die sich nicht allein durch rohe Kraft erklären ließ. Sie wirkte alt. Nicht im Sinne von Zeit, sondern in ihrer Struktur – als würde sie auf etwas zurückgreifen, das weit vor der Gegenwart lag. Zunächst hatte Leyla angenommen, dass es sich um das Mädchen handelte, von dem Aragi im Ministerium gesprochen hatte. Doch diese Einschätzung hielt nicht stand. Die Ausstrahlung passte nicht zu einem einzelnen Leben, nicht zu einem jungen Körper. Dann bekam sie Sichtkontakt. Yang bewegte sich durch den Himmel, ihr schwarzes Kleid klar erkennbar, selbst durch den tobenden Schneesturm hindurch. Neben ihr befand sich ein Kind, dessen Präsenz in direktem Widerspruch zu der Macht stand, die es ausstrahlte. Leyla verengte die Augen, während sich die Erkenntnis in ihr formte. Es war das Mädchen, das Yaga ihr gezeigt hatte. In diesem Moment durchbrach eine Stimme die Distanz. Sie war laut genug, um selbst über die weite, offene Fläche hinweg klar verständlich zu bleiben, getragen von einer Kraft, die nicht ausschließlich dem Kind gehörte. ,,Welt in Perfektion.’’ Eine weiße Kugel entstand um die beiden. Sie war makellos geschlossen, ohne erkennbare Schwachstelle, und wirkte weniger wie ein Zauber als ein vollständig abgeschlossener Zustand. Leyla konnte aus ihrer Entfernung keine Details erkennen, nur die klare Begrenzung und die perfekte Abgeschlossenheit dessen, was sich darin befand. Nach wenigen Sekunden fiel die Kugel in sich zusammen. Yang war noch dort. Doch ihr Körper war schwer beschädigt. Große Teile fehlten, ihre Form war unvollständig, als hätte etwas sie aus der Realität selbst herausgeschnitten. Für einen kurzen Moment wirkte sie instabil, als könnte sie jeden Augenblick endgültig zerfallen. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Nicht vor Furcht. Vor Freude. Yangs Tod würde vieles vereinfachen. Doch dieser Moment verstrich. Vor ihren Augen begann sich Yangs Körper zu regenerieren. Muskeln bildeten sich neu, Knochen wuchsen nach, und die Struktur ihrer Gestalt schloss sich wieder, als wäre der vorherige Zustand lediglich eine vorübergehende Abweichung gewesen. Leyla hielt inne, analysierte die Situation neu und begann abzuwägen, wie sie weiter vorzugehen hatte. Noch während dieser Überlegung fiel ihr eine weitere Präsenz auf. Ein Mann stand zwischen den Bäumen, teilweise verdeckt, aber eindeutig auf den Kampf fixiert. Er bewegte sich nicht, beobachtete lediglich. Leyla reagierte ohne Zögern. Sie änderte ihre Richtung abrupt, nutzte ihre Geschwindigkeit, um die Distanz in kürzester Zeit zu überbrücken, und löste sich schließlich vom Boden. Der Sprung war präzise kalkuliert, kraftvoll genug, um ihn direkt zu erreichen. Ihre Hand griff nach seinen Hörnern. Mit einem einzigen, entschlossenen Zug riss sie ihn zu Boden. Der Aufprall ließ den Schnee unter ihnen aufbrechen, während Leyla jede Möglichkeit einer Gegenwehr im Ansatz unterband. Leyla beugte sich über ihn und blickte in sein Gesicht. ,,Hallo, Yaga'', sagte Leyla ruhig, während ihr Blick prüfend über das Gesicht ihres ehemaligen Lehrers glitt. -------------------------------------------------------------------------- Yaga brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer über ihm kniete. Der Aufprall hatte ihm die Orientierung genommen, und für einen kurzen Moment wirkte sein Blick leer, als müsse er die Realität erst mühsam wieder zusammensetzen. Dann schärften sich seine Züge, und Erkenntnis trat an die Stelle des bloßen, instinktiven Reagierens. ,,Ahh, Leyla. Es freut mich wirklich, dass wir uns wiedersehen'', sagte er und versuchte, sich aufzurichten. Seine Stimme klang gefasst, beinahe so, als hätte er diese Begegnung längst erwartet, doch die feine Anspannung in seinem Körper verriet, dass er jede einzelne Bewegung sorgfältig kalkulierte. Leyla entging nicht, wie sich seine rechte Hand bewegte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie seine Finger nach ihrem Knöchel griffen. Die Absicht dahinter war eindeutig. Es war derselbe Ansatz wie damals in Sonnensand, derselbe Versuch, ihren Verstand direkt anzugreifen, ohne den Umweg über einen offenen Kampf zu nehmen. Sie ließ es nicht dazu kommen. Auf ihren Befehl hin verdichtete sich der Schnee unter ihnen, erstarrte augenblicklich zu Eis und formte schmale, scharfkantige Klingen. Diese schossen mit präziser Ausrichtung nach oben und bohrten sich durch Yagas Handgelenk, durchtrennten jede Möglichkeit, die Bewegung auch nur fortzusetzen, bevor sie überhaupt Wirkung hätte entfalten können. ,,AHH, LEYLA!'' schrie Yaga auf, und für einen Moment brach jede Fassade in sich zusammen, die er bis dahin aufrechterhalten wollte. Er setzte an, weiterzusprechen, doch noch bevor auch nur ein weiterer Laut seine Lippen verlassen konnte, reagierte die Umgebung erneut auf Leylas Willen. Wurzeln eines nahen Baumes durchbrachen den gefrorenen Boden, schoben sich über sein Gesicht und verschlossen seinen Mund vollständig. Die Bewegung war kontrolliert, fest genug, um jedes Wort zu ersticken, ohne ihn sofort zu töten. Leyla hielt ihn nieder und betrachtete ihn. Sie hatte sich oft vorgestellt, wie dieses Wiedersehen verlaufen würde. In den ersten Wochen nach Sonnensand war sie von Fragen geplagt gewesen, unruhig, fast getrieben. Sie hatte ihn zur Rede stellen wollen, ihn zwingen wollen, sich zu erklären, ihm die Gründe für sein Handeln abzuringen. Warum er ihr die Qualen des Mädchens gezeigt hatte. Warum er sie gezielt Dingen ausgesetzt hatte, die sie niemals hätte sehen dürfen. Doch mit der Zeit war dieses Bedürfnis verblasst. Mehr als ein Jahr war vergangen, und mit ihm war jede Erwartung verschwunden, noch etwas von ihm zu erhalten, das den Wert eines echten Gesprächs gehabt hätte. Es gab keine Rechtfertigung für das, was er getan hatte. Der Gedanke stand fest, ohne Raum für Zweifel oder Ergänzung, ohne die Möglichkeit eines Kompromisses. Dennoch hielt sie inne. Eine Erinnerung regte sich, vage, aber präsent genug, um sie aufzugreifen. Ein Gespräch nach ihrem Kampf in der Arena, beiläufig, unvollständig, doch mit einem Bezug, der nun plötzlich relevant wurde. ,,Ob er was zu den Runensteinen weiß?’’ Leyla ließ die Wurzeln zurückweichen, gerade weit genug, um ihm das Sprechen zu ermöglichen. ,,Was weißt du über die Runensteine?'' fragte sie, ohne jede Einleitung, ohne jede Umschreibung. Yaga schwieg einen Moment. Es war kein Ausdruck von Unwissenheit, sondern ein sichtbares, bewusstes Abwägen. Sein Blick verriet, dass er überlegte, wie viel er preisgeben konnte und welche Konsequenzen jede mögliche Antwort nach sich ziehen würde. Leyla verkürzte diesen Prozess. Ihre Hand schloss sich um seinen Hals, der Druck war kontrolliert, aber völlig unmissverständlich. Fest genug, um seine Atmung zu erschweren und ihm klarzumachen, dass Zeit ein Luxus war, den er in diesem Moment schlicht nicht besaß. ,,Du willst doch leben, oder Yaga?'' Er hob leicht die Hände, soweit es ihm mit der Verletzung noch möglich war, und gab nach. ,,Schon gut… ich sag es dir'', begann er, seine Stimme rauer als zuvor, angestrengt und knapp. ,,Raya, eine Wacal vom Orden der Goldenen Sonne, wusste viel darüber. Sie hat mir erzählt, dass es auf einem Kontinent im Westen einen Mann gibt, der vor ungefähr zwanzig Jahren einen Runenstein gefunden hat. Mit dem soll er sich eine Stadt auf einem Berg errichtet haben.'' Leyla registrierte jedes Wort, ohne ihre Miene auch nur im Geringsten zu verändern. Ein Kontinent im Westen widersprach allem, was sie bisher wusste. Nach ihrem Kenntnisstand war das Kaiserreich der äußerste Westen der bekannten Welt. Dennoch verwarf sie den Gedanken nicht, sondern legte ihn beiseite. Das war keine Information, die sie jetzt auswerten musste. ,,Wo finde ich Raya?’’ Yaga hustete, rang kurz nach Luft, bevor er antwortete. ,,Das letzte Mal habe ich sie in Welldyl gesehen.'' Leyla hielt seinen Blick noch einen langen Moment fest, prüfte, ob er zögerte, ob er irgendetwas zurückzuhalten versuchte. ,,Sonst noch was?’’ Yaga schüttelte den Kopf. Leyla lächelte. Dann griff sie zu. Mit einer schnellen, vollkommen präzisen Bewegung brach sie ihm das Genick. —KNACK— Sein Körper erschlaffte sofort, jede Spannung wich aus ihm heraus, als hätte man eine Verbindung mit einem einzigen Schnitt gekappt. Leyla ließ ihn los und richtete sich auf. Ohne auch nur einen weiteren Blick auf den leblosen Körper zu werfen, wandte sie sich wieder dem eigentlichen Geschehen zu. Yang und das Mädchen. Die Situation hatte sich verändert. Yang wirkte erschöpft, nicht in ihrer Präzision, sondern in der Art und Weise, wie sie ihre Kraft aufrechtzuerhalten versuchte. Ihre Bewegungen waren noch immer kontrolliert, doch der Aufwand dahinter war sichtbar geworden, spürbar selbst über die Distanz hinweg. Auch das Mädchen zeigte Anzeichen von Belastung, wenn auch in anderer Form, weniger klar greifbar, schwerer einzuordnen. Leyla nutzte die Gelegenheit. Mit einem kraftvollen Sprung überbrückte sie die Distanz, landete neben den beiden und fing die Bewegung sauber ab, während der Schnee unter ihren Füßen kurz nachgab und sich unmittelbar darauf wieder verhärtete. Yang wandte sich ihr zu. Für einen kurzen Moment lag Überraschung in ihrem Blick, klar und unverstellt, bevor sie wieder verschwand, als hätte sie nie existiert. Leyla registrierte es sofort. Sie war davon ausgegangen, dass Yang sie längst bemerkt hatte. Ihre Aura hätte sie verraten müssen, lange bevor sie sich auch nur genähert hatte. Doch offenbar war das nicht der Fall gewesen. ,,Du bist da. Gut. Nimm Barbarossa gefangen.'' Die Worte kamen ohne jedes Zögern. Der Ton war derselbe wie immer, getragen von absoluter Autorität, die keinerlei Widerspruch zuließ. Es war kein Vorschlag, kein Angebot, kein Versuch der Überzeugung – sondern ein Befehl, wie er selbstverständlich aus ihr hervorging, als wäre jede andere Antwort undenkbar. Und doch war etwas anders. Die Ausstrahlung, die diesen Worten sonst innewohnte, war nicht mehr vollständig vorhanden. Die Präsenz war noch immer gewaltig, aber nicht mehr unangreifbar. Etwas darin fehlte, kaum merklich, und doch unverkennbar, wenn man wusste, worauf man achten musste. In diesem Moment breitete das Mädchen seine Flügel aus. Weiß, klar strukturiert, in ihrer Form ähnlich jenen von Nea, jedoch ausgeprägter, dominanter, von einer Reinheit, die in scharfem Kontrast zu der Gewalt des gesamten Kampfes stand. Ohne zu zögern stieß es sich ab, gewann rasch an Höhe und entfernte sich in Richtung der Wolken, bis es im Schneesturm verschwand. Yang ließ es geschehen und richtete ihren Blick wieder auf Leyla. ,,Willst du mir erklären, warum du ihn hast gehen lassen? Dir ist sicher klar, welche Konsequenzen eine Befehlsverweigerung hat.'' Leyla wusste es. Die Konsequenz war eindeutig und unumkehrbar. Doch gleichzeitig hatte sich ihre Einschätzung in diesem Moment endgültig gefestigt. Yang war nicht mehr in ihrem idealen Zustand. Sie war erschöpft, ihre Ressourcen spürbar belastet, ihre Wahrnehmung nicht mehr lückenlos. Sie hatte Leyla nicht kommen sehen, obwohl sie es hätte spüren müssen. Sie war… angreifbar. ,,Dann ist das hier mein Rücktritt'', sagte Leyla ruhig, ohne jede Betonung, ohne jeden Anflug von Zögern, ihre Gedanken nur auf Yang fokussiert, die Erwähnung des Namens Barbarossa völlig ignorierend. Im selben Moment setzte sie sich in Bewegung und griff an, ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung, mit der vollen und unumkehrbaren Konsequenz ihrer Entscheidung.











