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- Kapitel 13 - Warmes Wasser
Es war bereits später Abend, als Leyla wieder nach Ramir zurückkehrte. Der Dorfplatz lag beinahe verlassen unter dem blassen Licht des Mondes – nur vereinzelt brannte noch Licht hinter den Fenstern der kleinen Häuser, und aus einigen Schornsteinen stieg dünner Rauch in die kühle Nachtluft auf. Leyla verlangsamte ihren Schritt und blickte nach oben. Der Mond hing wie immer direkt über ihr am Himmel. Groß. Still. Unverändert. Seit sie in dieser Welt angekommen war, hatte sie ihn niemals an einer anderen Stelle gesehen – sobald das Licht der Sonne verblasste, erschien er mitten am Himmel, als würde er dort einfach warten. Nie wanderte er. Nie veränderte er seine Position. Unwillkürlich runzelte Leyla die Stirn. „Steht der Mond hier eigentlich immer direkt über einem?" murmelte sie leise. Der Gedanke fühlte sich plötzlich seltsam unangenehm an. Falsch. „Das muss ich Liam fragen…" Liam selbst war wie erwartet außerhalb des Dorfes geblieben. Trotzdem begann Leyla langsam zu merken, dass sie genau das inzwischen störte – sie wusste nicht genau warum, aber der Gedanke, ihn jedes Mal draußen warten zu lassen, fühlte sich zunehmend seltsam an. Wie eine Gewohnheit, die man sich angewöhnt hatte, ohne sie je bewusst gewählt zu haben. Schließlich wandte sie den Blick zum Kräuterladen. Noch immer brannte Licht hinter den Fenstern, und durch die Scheiben konnte sie Birgit und Herbert erkennen, die offenbar gerade miteinander redeten. Leyla blieb kurz stehen – ein Teil von ihr überlegte, ob sie die Varellen nicht lieber erst morgen vorbeibringen sollte. Doch die Aufregung in ihr war zu groß. Sie wollte ihre Reaktion sehen. Also trat sie zur Tür und läutete die kleine Silberglocke. —DING— Das helle Geräusch durchschnitt die nächtliche Ruhe des Dorfes. Nach einigen Sekunden öffnete sich die Tür und Birgit blickte überrascht hinaus. „Liebes", sagte sie sofort besorgt, „was machst du denn noch so spät hier draußen? Geht es dir gut?" Leyla nickte rasch. Dann zog sie langsam den Bund Varellen aus ihrer Tasche hervor. Augenblicklich weiteten sich Birgits Augen. „Varellen…" hauchte sie ungläubig. „Wie hast du die…?" Noch bevor Leyla antworten konnte, erklang von hinten Herberts Stimme. „Kommt erstmal rein." Leyla folgte Birgit zurück in den Laden. Die vertraute Wärme des Ofens schlug ihr sofort entgegen, und erneut erfüllten Kräuterdüfte die Luft – dieselbe Wärme, die sie am Morgen schon ein wenig zur Ruhe gebracht hatte. Herbert trat näher und betrachtete die Pflanzen aufmerksam. „Wo hast du die her?" fragte er ernst. Leyla richtete sich leicht auf. „Aus der Grotte." Der Stolz in ihrer Stimme war kaum zu überhören. Sofort veränderte sich Birgits Gesichtsausdruck. „Da darfst du auf keinen Fall nochmal hingehen", sagte sie besorgt. „Du hast großes Glück, dass du überhaupt noch lebst." Leyla zögerte kurz und sah zwischen den beiden hin und her. „Wegen Maegnar? Der wird euch kein Problem mehr machen." Für einen Augenblick wurde es vollkommen still im Laden. Birgit und Herbert sahen sich schweigend an – dann stiegen Birgit plötzlich Tränen in die Augen, während Herbert langsam lächelte. Ein müdes, ehrliches Lächeln, das noch älter wirkte als sein Gesicht. „Du hast uns wirklich geholfen", sagte er leise. Birgit schüttelte leicht den Kopf und wischte sich über die Augen. „Wie lange ist es her, seit wir das letzte Mal Varellen hatten?" murmelte Herbert nachdenklich. „Ich weiß es nicht mehr", antwortete Birgit leise. Nach einigen Sekunden griff Herbert schließlich zu einem kleinen Geldbeutel und zog zwei Silbermünzen heraus. Vorsichtig drückte er sie Leyla in die Hand. „Mehr kann ich leider nicht entbehren. Aber bitte nimm das als Dank." Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Zwei Silbermünzen – deutlich mehr, als sie erwartet hatte. Breit grinsend verstaute sie die Münzen sorgfältig. „Vielen Dank." Ihre Stimme klang beinahe feierlich. Dann trat sie langsam wieder zur Tür und warf den beiden ein letztes Lächeln zu. „Ich wünsche euch noch einen schönen Abend." Mit diesen Worten verließ Leyla den Kräuterladen und trat zurück hinaus in die kühle Nachtluft von Ramir. -------------------------------------------------------------------------- Leylas Füße trugen sie beinahe automatisch in Richtung der Taverne. Der Dorfplatz war inzwischen fast vollkommen still geworden – nur vereinzelt hörte man Stimmen hinter verschlossenen Fenstern oder das ferne Knarren einer Tür im Wind. Unwillkürlich ließ Leyla ihren Blick über die Umgebung wandern. Von Rigor war keine Spur zu sehen – und obwohl sie sich selbst nicht ganz sicher war warum, fragte sie sich sofort, ob das etwas Gutes bedeutete. Schließlich erreichte sie Varmins Stube und drückte die schwere Holztür auf. Sofort schlug ihr angenehme Wärme entgegen. Der Geruch von Essen, Holz und Rauch erfüllte den Raum und ließ die Müdigkeit in ihrem Körper plötzlich deutlicher werden. Mehrere Regale standen entlang der Wände, und zwischen den wenigen Tischen lagen allerlei Waren ausgebreitet – die Taverne war offenbar gleichzeitig auch eine Art Gemischtwarenladen. „Guten Abend. Was darf's sein?" Leyla blickte auf. Hinter der Theke stand derselbe Elf mit den braunen Haaren und dem freundlichen Lächeln, den sie bereits am Morgen durch das Fenster gesehen hatte. „Das muss wohl Varmin sein…" murmelte Leyla leise vor sich hin. Der Elf lächelte sofort breiter. „Ganz genau. Ich bin Varmin. Wie kann ich Ihnen behilflich sein?" Leyla zuckte leicht zusammen, als ihr klar wurde, dass er sie gehört hatte. Ein Hauch von Röte schlich sich auf ihre Wangen, doch Varmin schien sich darüber nur zu amüsieren. Sie räusperte sich kurz und ließ den Blick durch den Raum schweifen, während ihre Finger beinahe automatisch zu den Silbermünzen in ihrer Tasche glitten. „Ich würde gerne einkaufen… und danach ein Zimmer mieten." „Natürlich", antwortete Varmin sofort. „Suchen Sie etwas Bestimmtes?" Leyla betrachtete die Regale genauer. Zwischen Schüsseln, Töpfen, Besteck und zusammengerollten Teppichen standen auch kleine Werkzeuge und Reiseutensilien – offenbar kauften die Dorfbewohner einen Großteil ihrer Alltagsdinge direkt hier. Nach kurzem Überlegen wandte sie sich wieder an Varmin. „Verkaufen Sie zufällig Taschenmesser?" „Taschenmesser nicht", sagte Varmin nachdenklich. „Aber ich könnte Ihnen ein Jagdmesser anbieten." Er ging zu einem kleinen Tisch hinter der Theke, nahm ein Messer auf und reichte es ihr. Leyla betrachtete die Klinge aufmerksam. Das Messer war schlicht, aber sauber verarbeitet – die etwa fünfzehn Zentimeter lange Klinge bestand aus dunklem Stahl und fühlte sich überraschend stabil an. Sofort nickte sie. „Das nehme ich auf jeden Fall." Während sie weitersprach, wanderte ihr Blick erneut durch den Raum. Dann blieb er an einer dunkelgrünen Jacke hängen, die an einem Haken nahe der Wand hing. „Und die grüne Jacke dort? Wie viel kostet die?" „Drei Kupfer." „Dann nehme ich die auch." Eigentlich hatte sie die Jacke sofort wegen Liam ausgesucht. Seit er seine entsorgt hatte, lief er nur noch mit seinem dunkelgrünen Hemd herum – die neue war schlicht und ohne besondere Verzierungen, doch genau deshalb fand Leyla, dass sie zu ihm passen würde. Zusätzlich kaufte sie noch einen kleinen Notizblock, einen schwarzen Stift, etwas Proviant für die Reise und schließlich ein Buch, das sofort ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. „Reichsmythologie" von Jonar di Lorenzo – allein der Titel genügte, um ihre Neugier zu wecken. Vielleicht würde sie darin mehr über diese Welt erfahren. Oder über die seltsamen Dinge, die hier geschahen und für die sie noch keine Erklärung hatte. Nachdem Varmin alles sorgfältig zusammengerechnet hatte, blickte er wieder zu ihr auf. „Das macht dann insgesamt ein Silber und zwei Kupferstücke", sagte er freundlich lächelnd. -------------------------------------------------------------------------- Langsam öffnete Leyla die Tür zu ihrem Zimmer im oberen Stockwerk der Taverne. Der Flur draußen war still. Müde trat sie ein und schloss die Tür hinter sich. Es war eines von nur vier Gästezimmern. Klein, aber überraschend gemütlich. Ein ordentlich gemachtes Bett stand an der Wand, daneben ein kleiner Nachttisch mit einer Öllampe, deren warmes Licht den Raum in sanfte goldene Farben tauchte. Gegenüber befand sich ein schlichter Schrank aus dunklem Holz. Dann blieb Leylas Blick plötzlich an etwas anderem hängen. An einer Badewanne. Einen Moment lang starrte sie sie einfach nur an. Natürlich kannte sie Badewannen aus ihrer alten Welt – doch hiermit hatte sie in einem kleinen Dorf wie Ramir überhaupt nicht gerechnet. Sie hatte inzwischen verstanden, dass diese Welt in vielen Dingen deutlich fortschrittlicher war, als sie zunächst gedacht hatte. Aber trotzdem überraschte sie so etwas immer wieder. „Darüber muss ich Liam später unbedingt ausfragen…" Der Gedanke ließ sie leicht lächeln. Dann verlor die Müdigkeit endgültig den Kampf gegen ihren Körper. Ohne lange nachzudenken streifte Leyla ihre Schuhe ab, zog ihre Kleidung aus und ließ sich erschöpft auf das Bett fallen. Sofort sank sie tief in die weiche Matratze ein. Die Decken fühlten sich warm und angenehm an, beinahe so, als würde der Stoff sie sanft umschließen – nach Nächten auf hartem Boden und in kalten Schlafsäcken fühlte sich selbst einfaches Bettzeug plötzlich unglaublich luxuriös an. Für einige Sekunden blieb Leyla einfach regungslos liegen und starrte an die Decke. Dann fiel ihr Blick auf das Buch, das sie unten gekauft hatte. Neugierig griff sie danach und schlug es auf. Auf der Rückseite befand sich kein Klappentext, sondern lediglich eine Illustration – ein schwarzer Rabe, dessen Augen seltsam lebendig wirkten, fast so, als würde er sie direkt ansehen. Unwillkürlich lief Leyla ein leichter Schauer über den Rücken. Sie schlug eine zufällige Seite auf und begann zu lesen. „… und da betete er zu seinem Vater, zum Herrscher der Erde, zum Erzdämon Dharait. ‚Oh Vater, Schützer meines Volkes, schenke uns deinen Segen, auf dass wir erneut träumen dürfen.' Doch Dharait schwieg, so wie er seit Jahrhunderten geschwiegen hatte." Leyla runzelte sofort die Stirn. Ein Erzdämon – allein das Wort fühlte sich unangenehm an. Sie blätterte einige Seiten zurück, bis sie den Anfang des Kapitels fand. „Kapitel Fünf — Die Dualität der Erzwesen." Langsam begann sie von vorne zu lesen. „Es begab sich, dass einst ein Komet vom Firmament stürzte und auf der zuvor leeren Erde landete. Als der Komet sich öffnete, traten zwanzig Wesen hervor – die Erzwesen." „Das klingt schon wieder wie irgendeine Schöpfungsgeschichte …" murmelte Leyla leise. Trotzdem las sie weiter. Immer wieder überflog sie einzelne Absätze über Erzengel, Erzdämonen und uralte Kriege, bis ihre Konzentration langsam nachließ. Irgendwann legte sie das Buch schließlich neben sich auf das Bett. Dann wanderte ihr Blick erneut zur Badewanne. Ein kleines Grinsen erschien auf ihrem Gesicht. „Mal sehen, ob die wirklich funktioniert." -------------------------------------------------------------------------- Angenehm warmes Wasser floss aus einem hölzernen Rohr in die Badewanne. Leyla beobachtete fasziniert, wie der aufsteigende Dampf langsam den Raum erfüllte. Selbst nach allem, was sie in den letzten Wochen gesehen hatte, überraschten sie solche Dinge noch immer – Magie war für die Menschen dieser Welt offenbar so selbstverständlich geworden, dass selbst fließendes warmes Wasser nichts Besonderes mehr zu sein schien. Für Leyla dagegen fühlte es sich beinahe absurd an. „Magie ist wirklich unglaublich…" murmelte sie leise. „In meiner Welt hätte man sich im Mittelalter so etwas wahrscheinlich nicht einmal vorstellen können." Langsam stieg sie in das warme Wasser. Sofort breitete sich ein angenehmes Gefühl in ihrem Körper aus – die Wärme löste langsam die Anspannung aus ihren Muskeln, und zum ersten Mal seit Tagen begann sich Leyla wirklich sauber zu fühlen. Sie schloss kurz die Augen und lehnte den Kopf entspannt zurück. Während das Wasser leise gegen den Rand der Wanne schwappte, begannen ihre Gedanken erneut um die letzten Wochen zu kreisen. So vieles war passiert. Viel zu viel. Noch vor nicht einmal drei Wochen hatte sie ein völlig normales Leben geführt – und nun saß sie in einer fremden Welt in einer kleinen Taverne, nachdem sie gemeinsam mit einem Elfen einen Magier getötet hatte, der Seelen verschlang. Allein der Gedanke klang vollkommen verrückt. Und trotzdem war er inzwischen Realität geworden, so selbstverständlich und unausweichlich wie das warme Wasser um sie herum. „Ich habe wirklich Glück gehabt…" Zuerst war da Roxy gewesen. Dann Liam. Ein kleines Lächeln schlich sich auf Leylas Lippen. Auch wenn sie noch immer nicht genau wusste, wie sie Liam eigentlich einordnen sollte, hatte sie längst verstanden, dass sie ihn mochte – vielleicht sogar mehr, als sie sich selbst bisher wirklich eingestehen wollte. Seine spöttische Art, die sie anfangs fast zur Weißglut gebracht hatte, fühlte sich inzwischen seltsam vertraut an. Beruhigend sogar. „Eigentlich ist er ja ganz süß…" Als ihr plötzlich bewusst wurde, worüber sie gerade nachdachte, spürte Leyla, wie ihr die Hitze ins Gesicht stieg. Genervt und überrascht von sich selbst tauchte sie kurzerhand komplett unter Wasser und blieb für einige Sekunden einfach dort, die Luft angehalten, das Geräusch der Welt zu einem dumpfen Rauschen gedämpft. Doch selbst dort ließen ihre Gedanken sie nicht in Ruhe. Wieder erinnerte sie sich an Liams Worte. „Ich gehe nicht mit dir ins Dorf. Ich will dir deinen Ruhm nicht streitig machen." Langsam tauchte Leyla wieder auf, Wassertropfen liefen ihr über das Gesicht, während sie nachdenklich die Stirn runzelte. Bisher war sie eigentlich davon ausgegangen, dass Liam wegen Maegnar nicht nach Ramir kommen wollte. Doch jetzt war sie sich plötzlich nicht mehr sicher. Was war der wirkliche Grund? Warum blieb er jedes Mal draußen? Irgendetwas daran fühlte sich seltsam an – ein leises Unbehagen, das sie nicht ganz benennen konnte. Sie nahm sich fest vor, ihn später darauf anzusprechen. Noch eine ganze Weile blieb sie einfach im warmen Wasser sitzen und genoss die seltene Ruhe. Das flackernde Licht der Öllampe spiegelte sich auf der Wasseroberfläche, und langsam begann die Müdigkeit wieder schwer auf ihren Körper zu drücken – sanft, beständig, wie etwas, gegen das man nicht ankämpfen wollte. Schließlich stieg Leyla aus der Wanne. Das kühle Holz unter ihren nassen Füßen ließ sie kurz zusammenzucken. Sie griff nach dem grauen Handtuch an der Tür und trocknete sich langsam ab, dann schleppte sie sich erschöpft zum Bett. Kaum hatte sie sich in die weichen Decken fallen lassen, schlossen sich ihre Augen wie von selbst. Und nur wenige Augenblicke später war Leyla bereits eingeschlafen. -------------------------------------------------------------------------- „Möge Kamera deinen Weg segnen!" rief Leyla noch einmal fröhlich zurück, während sie die Taverne verließ. Varmin hob hinter der Theke lächelnd die Hand zum Abschied, bevor die Tür sich hinter ihr schloss. Draußen empfing sie sofort warme Morgenluft. Die Sonne war noch nicht einmal besonders hoch gestiegen, und trotzdem lag bereits drückende Wärme über Ramir. Leyla spürte schon nach wenigen Minuten, wie ihr unangenehm heiß wurde. Mit einem leichten Seufzen band sie sich die Jacke um die Taille und begann die Straße entlangzulaufen. Leyla fühlte sich befreit an. Sie hatte Geld. Eine Richtung. Und sie lebte noch. Unbewusst begann Leyla leise vor sich hin zu pfeifen. „Guten Morgen, Liebes!" Leyla blickte zur Seite. Birgit stand vor dem Kräuterladen und goss gerade einige Pflanzen, die ordentlich in Tontöpfen entlang der Hauswand standen – der Morgen schien die alte Frau bereits vollkommen geweckt zu haben. „Guten Morgen", antwortete Leyla lächelnd. „Du gehst also schon?" fragte Birgit und winkte sie näher heran. „Malyl wartet schließlich auf mich." Birgit lächelte warm. „Warte bitte einen Moment." Ohne weitere Erklärung verschwand sie wieder im Laden. Leyla blieb stehen und beobachtete kurz die ruhige Dorfstraße. Während sie wartete, fragte sie sich unwillkürlich, was Birgit wohl noch von ihr wollte – einen weiteren Auftrag würde sie vermutlich ablehnen müssen. Sie wollte endlich weiterreisen. Schon wenige Augenblicke später kehrte Birgit jedoch zurück, einen kleinen Stoffbeutel in den Händen. „Hier. Nimm das bitte als Abschiedsgeschenk." Überrascht nahm Leyla den Beutel entgegen und öffnete vorsichtig die kleine Schnur. „Ist das…?" „Salz", antwortete Birgit sofort mit einem leichten Lächeln, als hätte sie Leylas Gedanken gelesen. „Das kann man auf Reisen immer gebrauchen." Leylas Augen begannen sofort zu leuchten. Sie wusste, dass Salz wertvoll war – und vor allem nützlich. Breit grinsend zog sie den Beutel wieder zu. „Dankeschön!" Dann hob sie noch einmal lächelnd die Hand. „Möge Kamera deinen Weg segnen!" Birgits Gesicht wurde weich. „Und deinen ebenso, Liebes." -------------------------------------------------------------------------- „Und?" fragte Liam grinsend, sobald Leyla die vereinbarte Stelle erreichte. „Wie war die Nacht mal in einem richtigen Bett?" Er saß lässig auf einem dicken Ast über dem Weg, die Arme locker hinter dem Kopf verschränkt. Offenbar hatte er dort oben geschlafen und einfach auf sie gewartet. Leyla konnte sich nicht einmal vorstellen, freiwillig auf einem Ast zu schlafen. Trotzdem musste sie leicht grinsen. „Sehr gut", antwortete sie ehrlich. Für einen kurzen Moment herrschte angenehme Stille zwischen ihnen. Der warme Morgenwind rauschte durch die Baumwipfel, und irgendwo in der Ferne zwitscherten Vögel. Doch Leyla dachte noch immer an die Frage, die sie seit der letzten Nacht beschäftigte. Sie zögerte kurz. Dann sah sie zu Liam auf. „Warum kommst du eigentlich nie mit ins Dorf?" Das Grinsen auf Liams Gesicht wurde schwächer. Für einen Augenblick sah er sie einfach nur an, bevor sein Blick leicht zur Seite wanderte. „Hab ich dir doch gesagt. Ich will dir deinen Ruhm nicht…" „Das stimmt nicht." Leyla unterbrach ihn sofort, die Stimme ruhig, aber deutlich entschlossener als zuvor. „Und du weißt das selbst. Also warum wirklich?" Langsam sah Liam sie wieder an. In seinem Blick lag plötzlich etwas, das Leyla nicht richtig einordnen konnte – als würde er kurz überlegen, ob er ihr tatsächlich antworten sollte. Doch stattdessen stellte er selbst eine Frage. „Wenn du mich schon so ausfragst …" sagte er langsam, „was ist eigentlich mit dir?" Leyla spürte sofort, wie sich etwas in ihr anspannte. „Warum hast du bei der Spinne damals so reagiert?", fragte Liam weiter. „Und gestern vor Maegnars Tür auch." Seine Stimme blieb ruhig. „Du wirkst in solchen Momenten plötzlich wie erstarrt." Die Worte trafen Leyla härter, als sie erwartet hatte. Sofort schossen Erinnerungen durch ihren Kopf – das Dröhnen eines Motors, der Schrei ihrer Mutter, der Aufprall. Sie spürte innerlich wieder dieses dumpfe Chaos aus Schmerz und Panik, das sie damals verschlungen hatte. Unwillkürlich versteifte sich ihr gesamter Körper, die Hände ballten sich leicht. „Das geht dich nichts an." Die Antwort kam schärfer heraus, als sie eigentlich wollte. Für einen kurzen Moment wurde es vollkommen still zwischen ihnen. Leyla wandte den Blick ab und sah die Straße entlang. „Komm. Wir müssen weiter." Ohne auf eine Antwort zu warten, setzte sie sich in Bewegung. Hinter ihr sprang Liam lautlos vom Ast und landete auf dem Boden – doch diesmal sagte auch er nichts mehr. Während Leyla weiterging, begann es in ihrem Inneren unangenehm zu rumoren. Warum wich Liam ihrer Frage so aus? Warum hatte er das Gespräch plötzlich auf sie gelenkt? Und überhaupt – wer war Liam eigentlich wirklich? Mit diesen Gedanken machten sich die beiden schließlich schweigend auf den Weg.
- Kapitel 4 - Ein Abschied ist auch ein Anfang
Helle, warme Sonnenstrahlen fielen auf Leylas Gesicht und kitzelten sie langsam wach. Verschlafen rieb sie sich die Augen, streckte sich ausgiebig und gähnte leise in die Stille des Morgens hinein. Einen Moment lang blieb sie einfach liegen und ließ den Blick durch das kleine Zimmer wandern. Das vergilbte Buch lag noch immer auf dem Nachttisch, genau dort, wo sie es in der Nacht zurückgelegt hatte. Diesmal ignorierte sie es bewusst. „Ich habe früher nicht an Götter geglaubt. Warum sollte ich jetzt damit anfangen?" murmelte sie leise. Religion war für sie schon immer nur ein Weg gewesen, der Realität auszuweichen – eine Art, sich in Geschichten zu flüchten, anstatt den Dingen ins Auge zu sehen. Und Verdrängung würde ihr weder helfen, ihren Weg in dieser Welt zu finden, noch würde sie sie nach Hause bringen. Langsam zog sie ihre Schuhe an und trat zur Tür. Einen kurzen Moment blieb sie stehen. Dann verließ sie das Zimmer. Die hölzerne Treppe knarrte unter ihren Schritten. Noch ehe sie unten ankam, stieg ihr bereits der Geruch von warmer Suppe entgegen – dicht, sättigend, überraschend angenehm. Unten entdeckte sie Roxy. Ihre erste – und bisher einzige – Freundin in dieser Welt saß an einem der Tische und lächelte ihr ruhig entgegen. Das Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und fing sich in ihren roten Haaren, ließ es warm aufleuchten. „Guten Morgen, Leyla. Hast du gut geschlafen?" Leyla ließ sich ihr gegenüber auf die Bank sinken. „Ging so", antwortete sie ehrlich. „Das Bett war laut. Und ich hatte ein paar Gedanken, die mir keine Ruhe gelassen haben." Noch bevor Roxy antworten konnte, trat der Wirt an ihren Tisch heran. Ein älterer, schlanker Mann mit weißem Vollbart, dessen Stimme so rau klang, als hätte er sie sein Leben lang in dieser Taverne eingesetzt. „Was möchtet ihr zum Frühstück? Ich kann euch Weizenbrot mit Früchten und Honig anbieten, eine Nudelsuppe mit Schweinefleisch oder einen Haseneintopf." Leyla zögerte. Seit fast fünfzehn Jahren hatte sie kein Fleisch mehr gegessen. Schon der bloße Gedanke daran fühlte sich falsch an. Kurz fragte sie sich, wann genau das eigentlich begonnen hatte. Warum es ihr damals so wichtig geworden war. Sie bestellte das Weizenbrot. Roxy nahm ohne Zögern den Haseneintopf. „Du, Roxy", begann Leyla vorsichtig, während der Wirt sich wieder entfernte. „Was für Möglichkeiten gibt es unterwegs, wenn ich keinen Proviant mehr habe – und keine Tiere essen möchte?" Roxy sah sie einen Moment an. Dann brach ein kurzes Lachen aus ihr heraus, herzlich und unverblümt. „Du bist echt komisch, Leyla." Dennoch legte sie leicht den Kopf schief und dachte nach. „Nun… es gibt einige Wurzeln, die man essen kann. Dazu verschiedene Beeren und Früchte, je nach Jahreszeit." Leyla biss sich leicht auf die Lippe. Hoffentlich würde sie ihre Prinzipien nicht aufgeben müssen. Der Gedanke war unangenehm. „Apropos Proviant", sagte sie schließlich und sah Roxy an. „Hilfst du mir später beim Einkaufen?" -------------------------------------------------------------------------- Die nächsten Stunden verbrachten Roxy und Leyla damit, durch das Dorf zu schlendern und einzukaufen. Migar war, wie Leyla inzwischen wusste, eine der größten Siedlungen der gesamten Region. Vor einigen Monaten hatte das Dorf sogar den Status einer Kleinstadt beantragt – und beim Blick auf die belebten Straßen und die dicht gedrängten Häuser konnte sie verstehen, warum. Mit Roxy an ihrer Seite fühlte sie sich deutlich sicherer. Weniger verloren. Langsam öffnete Leyla ihren schwarzen Lederrucksack. Auch den hatte Roxy ihr geschenkt – zusammen mit den sieben Kupfermünzen vom Vortag, überreicht mit einer Selbstverständlichkeit, bei der Leyla noch immer nicht ganz wusste, wie sie sie einordnen sollte. Neugierig ließ sie den Blick über ihre Einkäufe wandern und ging ihn innerlich noch einmal durch. Ein Schlafsack und eine dicke Decke lagen ordentlich zusammengerollt im Inneren – für die Nächte unterwegs, die kälter werden konnten, als sie sich im Moment vorstellen mochte. Zusammen hatten sie drei Kupfermünzen gekostet. Der teuerste Teil. Aber mit Sicherheit auch der wichtigste. Dann fiel ihr Blick auf den eisernen Kochtopf. Früher hatte sie manchmal mit ihrem Vater draußen übernachtet. Lagerfeuer, kalte Morgenluft, heißer Tee in der Hand. Sie verdrängte die Erinnerung und sah zu Roxy. „Kann man das Wasser in der Natur einfach trinken? Oder muss ich es abkochen?" Roxy lächelte leicht. „Du hast Glück. Der Ter'Chu, der durch die Mittellande fließt, hat klares Trinkwasser. Da musst du dir keine Sorgen machen." Erleichterung machte sich in Leyla breit. Das vereinfachte vieles. Der Topf hatte sie zusammen mit einem Trinkschlauch eine weitere Kupfermünze gekostet. Deutlich mehr hatte das Essen verschlungen – für zwei Kupfermünzen hatte sie einen kleinen Proviantbeutel mit Käse, Brot und Äpfeln, der laut dem Verkäufer ungefähr fünf Tage reichen sollte, erstanden. Zusätzlich hatte Roxy ihr noch etwas Persönliches zugesteckt. Ein schweres silbernes Feuerzeug. Der obere Teil war wie ein Drachenkopf geformt, das Maul weit aufgerissen, bereit, auf Knopfdruck eine kleine Flamme auszuspeien. „Taschendrache", hatte Roxy es genannt. Leyla hatte es sofort in die Hand genommen und zweimal gedrückt, einfach um zu sehen, wie die Flamme aufflackerte. Sie ließ den Blick noch einmal durch den Rucksack gleiten, von oben nach unten, und suchte nach Lücken. „Gibt es noch irgendetwas, das mir fehlt?" Roxy sah sie vielsagend an – mit einem Ausdruck, der gerade so zwischen Ernst und Vergnügen balancierte, sodass Leyla nicht sicher war, was als Nächstes kommen würde. „Dir fehlt doch noch das Wichtigste überhaupt." Leyla wartete. Roxy ließ die Pause absichtlich einen Moment länger andauern. Dann grinste sie. ,,Deine Waffe!’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla schluckte nervös. Sie hatte noch nie eine echte Waffe in der Hand gehalten. Nicht einmal aus Neugier. Vom Kämpfen ganz zu schweigen. „Brauche ich wirklich eine Waffe?" fragte sie unsicher. Ihr Blick glitt zu Roxy, die sich gerade entspannt streckte und dabei ein Selbstbewusstsein ausstrahlte, das Leyla bei sich selbst inzwischen schmerzlich vermisste. Schließlich blieb ihr Blick an Roxys Schwert hängen – abgenutzt am Griff, vertraut in der Art, wie es am Gürtel hing. „Ich habe noch nie eine Waffe benutzt", gab sie leise zu. „Und ich habe sowieso nur noch eine Kupfermünze." Roxy winkte sofort ab. „Das ist ein Abschiedsgeschenk", sagte sie locker. „Oder willst du doch lieber in Migar bleiben?" Leyla schüttelte den Kopf. Anfangs hatte sie tatsächlich kurz darüber nachgedacht – einfach hierbleiben, bei Roxy, in diesem Dorf, das sich bereits halbwegs vertraut anfühlte. Doch sie wollte weder dauerhaft von ihr abhängig sein, noch ihr weiterhin zur Last fallen. Und hier würde sie auch niemals herausfinden, wie sie nach Hause zurückkehren konnte. „Gut", sagte Roxy zufrieden. „Dann brauchst du definitiv etwas, womit du dich verteidigen kannst. Wir wollen doch nicht, dass dich unterwegs ein Stahlbär frisst." Sofort zog sich Leylas Magen unangenehm zusammen. Unbewusst zuckte ihre Hand, und sie musste sich bewusst davon abhalten, sich am Handgelenk zu kratzen. Ein Stahlbär klang absolut nicht nach etwas, dem sie begegnen wollte. Über wilde Tiere hatte sie bisher kaum nachgedacht. Roxy bemerkte ihre Nervosität offenbar sofort. „Das war ein Witz", sagte sie lachend und tätschelte ihr beruhigend die Schulter. „Monster gibt es hier in der Region kaum. Bleib einfach auf den Wegen, dann passiert dir schon nichts." Leyla atmete langsam aus. „Aber", fuhr Roxy dann fort, „eine Waffe brauchst du trotzdem." Kurz musterte sie Leyla mit einem neugierigen Blick. „Oder kannst du etwa Magie benutzen?" Magie. Allein das Wort ließ Leylas Herz einen Takt schneller schlagen. Unwillkürlich stellte sie sich vor, wie das wohl aussehen würde – Magie im Alltag, einfache Zaubersprüche, die man lernen konnte wie Vokabeln. Halb gedankenverloren murmelte sie: „Abrakadabra." Roxy starrte sie einen Moment lang an. Verständnislos. Vollkommen still. Dann prustete sie los. „Was bitte soll ein Abkadaba sein?" Sofort schoss Leyla die Röte ins Gesicht. „Ich dachte einfach… vielleicht funktioniert Magie so", murmelte sie. Roxy grinste noch immer breit – doch nach und nach wurde ihr Gesichtsausdruck etwas ruhiger, nachdenklicher. Für einen kurzen Moment wirkte es, als wolle sie etwas sagen. Als hätte sie bereits die Worte auf der Zunge. Dann hellte sich ihre Miene wieder auf. „Komm", sagte sie schließlich. „Lass uns zu Bertram gehen. Der wird schon irgendetwas für dich haben." -------------------------------------------------------------------------- Feine Linien verliefen über das helle Eisen der Klinge. Sie schienen beinahe lebendig – kunstvoll eingravierte Glyphen, die sich über das Metall zogen und im warmen Licht der Mittagssonne leicht schimmerten. Das Schwert hing an der Wand zwischen Dutzenden anderen Waffen, doch Leylas Blick war sofort daran hängen geblieben und nicht mehr losgelassen worden. Es besaß eine beinahe mystische Ausstrahlung, etwas Ruhiges und gleichzeitig Gefährliches. Und trotz seines eleganten Erscheinungsbildes wirkte es leicht genug, dass selbst sie es führen könnte. Unwillkürlich fragte sie sich, wie schwer es wohl sein würde, den Schwertkampf wirklich zu lernen. „Ein gutes Auge haben Sie." Die raue, tiefe Stimme ließ Leyla leicht zusammenzucken. Sie gehörte Bertram, dem Schmied von Migar. Der Mann war ein wahrer Hüne – über zwei Meter groß und breit gebaut wie ein Schrank, die Lederschürze kaum breit genug für seine massigen Schultern. Trotz des harten, faltigen Gesichts lagen in seinen Augen eine unerwartete Wärme und eine stille Freundlichkeit, die man direkt bemerkte. Roxy trat näher an das Schwert heran. „Was ist das für eine Klinge?" Bertram strich beinahe ehrfürchtig über das helle Metall. „Dieses Schwert trägt den Namen Riesenschlächter. Die Klinge wurde mit magischen Runen versehen – triffst du jemanden damit, verteilt sich ein lähmendes Gift in seinem Körper." Kurz grinste er. „Und es kostet nur sechs Silber." „Riesenschlächter. Das klingt wirklich wie aus einem Fantasyroman." Leyla wandte den Blick leicht enttäuscht ab. Das Gift hätte ihre fehlende Kampferfahrung vermutlich ausgleichen können. Aber sechs Silber waren eindeutig außerhalb jeder Reichweite – und sie wollte Roxy nicht noch mehr schulden, als sie es ohnehin schon tat. Während Roxy und Bertram beide weiter über die Klinge sprachen, begann Leyla sich im Laden umzusehen. An den Wänden hingen Speere, Äxte und Schilde in allen Größen. Daneben standen mehrere Rüstungen auf hölzernen Gestellen wie stille Wächter. Überall hing der schwere Geruch von Eisen, Holzkohle und erhitztem Metall in der Luft. Dann blieb ihr Blick an etwas anderem hängen. Langsam trat Leyla näher. Vor ihr hing ein schlichtes Schwert mit lederumwickeltem Griff. Keine magischen Runen. Kein verzierter Stahl. Keine Glyphen, die im Licht schimmerten. Und trotzdem zog es ihren Blick auf eine Weise an, die sie nicht recht erklären konnte. Plötzlich spürte sie Roxys Hand auf ihrer Schulter. „Gefällt dir dieses Schwert?" Leyla nickte leicht. „Das ist ein Garnisches Kurzschwert", erklärte Bertram hinter ihr. „Ideal für Anfänger. Kostet nur fünf Kupfer." „Möchtest du es einmal halten?" fragte Roxy lächelnd. Leyla griff vorsichtig nach dem Schwert. Sofort spürte sie das Gewicht in ihrer Hand – schwerer, als sie erwartet hatte, jede kleine Bewegung ungewohnt und unnatürlich. Und obwohl die Waffe in Leyla ein Unbehagen auslöste, hatte sie das seltsame Gefühl, dass die Waffe irgendwie zu ihr passte. Als würde sie warten, dass jemand sie richtig hielt. „Dann nehmen wir das", entschied Roxy. „Können wir noch eine Schwertscheide und einen passenden Gürtel dazu haben?" Dann wandte sie sich wieder Leyla zu, und ein Grinsen schlich sich in ihr Gesicht. „Bevor du gehst, zeige ich dir wenigstens einmal die Grundlagen. So wie du das Schwert gerade hältst, sieht es eher aus, als würdest du eine Wespe verscheuchen wollen." -------------------------------------------------------------------------- „Ich bin dir wirklich unglaublich dankbar, Roxy. Du hast mir so sehr geholfen." Leyla sah sie an, während der Wind um sie herum strich und einzelne Haarsträhnen ihrer Freundin vor ihr Gesicht wehte. „Das Geld gebe ich dir irgendwann auf jeden Fall zurück." Sie standen am nördlichen Ausgang von Migar, dort, wo der Weg in Richtung Halfen begann. Nach längerem Überlegen hatte Leyla sich entschieden, auf halben Weg abzubiegen, und durch den Wald hindurch nach Ramir zu reisen. Roxy winkte sofort ab und verschränkte locker die Arme vor der Brust. „Leyla, das waren Geschenke", sagte sie mit einem kleinen Schmunzeln. „Ich habe dir die Sachen nicht gegeben, damit du dich jetzt verschuldet fühlst." „Trotzdem", erwiderte Leyla leiser. „Das war alles nicht billig." „Und trotzdem will ich nichts zurückhaben." Leyla musterte sie einen Moment lang schweigend. Seit ihrer Rettung in der Gasse hatte sich ihr immer wieder dieselbe Frage aufgedrängt, und schließlich rang sie sich dazu durch, sie laut auszusprechen. „Warum?" Für einen kurzen Augenblick wurde Roxys Blick ernster. Das lockere Lächeln verschwand, und sie sah an Leyla vorbei hinaus auf die weiten Felder, als würde sie dort eine Antwort suchen, die sie längst kannte. „Weil ich weiß, wie es ist, allein zu sein", sagte sie schließlich ruhig. „Vor allem als Frau." Dann wurde ihre Stimme wieder weicher, fast beiläufig. „Und ehrlich gesagt wirkst du nicht gerade wie jemand, der lange alleine klarkommen würde." Leyla atmete leise durch die Nase aus. Eine kurze, angenehme Stille legte sich zwischen sie – die Art von Stille, die nur zwischen Menschen entstehen konnte, die sich bereits ein kleines Stück verstanden. Dann lächelte Roxy wieder. „Ich hoffe wirklich, dass wir uns wiedersehen." Sie hob die Hand zum Abschied. „Möge Kamera deinen Weg segnen." Bei diesen Worten zog sich etwas in Leylas Brust zusammen. Sie mochte Roxy bereits jetzt erstaunlich gern – vielleicht gerade deshalb, weil sie in dieser fremden Welt die Person gewesen war, die ihr ohne Hintergedanken geholfen hatte. Einfach so. Ohne etwas zu erwarten. Unwillkürlich musste sie an Katja denken. Die beiden hätten sich vermutlich verstanden – sofort, ohne große Worte. Der Gedanke ließ sie kurz lächeln. Sie, Katja und Roxy wären bestimmt ein gutes Trio gewesen. „Möge Kamera deinen Weg sehen", antwortete Leyla unbeholfen und erwiderte den Gruß, auch wenn sie selbst nicht wirklich an Kamera glaubte. Dann drehte sie sich um und begann zu gehen. Der Weg vor ihr war kaum mehr als ein sandiger Pfad, der sich durch die weiten Hügel der Mittellande schlängelte. Mehrmals blickte Leyla noch zurück. Roxy stand noch immer am Dorfausgang, sah ihr nach und winkte, bis die Entfernung zwischen ihnen langsam zu groß wurde. Erst dann richtete Leyla den Blick wieder vollständig nach vorne. Die Mittellande waren friedlich. Zu beiden Seiten des Weges erstreckten sich endlose Felder aus goldenem Weizen, die sich im Wind bewegten wie Wellen auf einem ruhigen Meer. Dazwischen lagen vereinzelte Bauernhäuser mit strohgedeckten Dächern, kleine Windmühlen und schmale Zäune aus dunklem Holz. Über allem wölbte sich ein weiter blauer Himmel, an dem nur wenige helle Wolken träge vorüberzogen. Das Rascheln der Ähren, das entfernte Klappern eines Wagens und der warme Duft von Erde und Sommergras vermischten sich zu einer Ruhe, die Leyla gleichzeitig fremd und seltsam vertraut vorkam. Die Landschaft erinnerte sie an Zugfahrten von Hamburg nach Oldenburg. Dieses monotone Vorbeiziehen weiter Felder, das Gefühl von Weite, die Art, wie das Sonnenlicht auf dem Weizen lag und alles ein wenig unwirklich schöner machte als es war. Doch Leyla verdrängte den Gedanken bewusst. Sie war nicht mehr in Deutschland. Sie war hier. Im Kaiserreich. Wenn sie jede Kleinigkeit mit ihrer alten Heimat verglich, würde sie niemals wirklich vorankommen – niemals aufhören, nach hinten zu schauen. Langsam ließ sie den Blick in die Ferne wandern. Am Horizont erhob sich eine gewaltige Gebirgskette, deren Gipfel selbst aus dieser Entfernung noch beeindruckend wirkten – dunkle Mauern gegen den Himmel, fast zu groß, um echt zu sein. „Das müssen die Larifen sein", murmelte sie nachdenklich. „Das heißt, dahinter liegt die Kaiserstadt." Sofort fragte sie sich wieder, wie der Kaiser wohl war. Ob er gerecht regierte oder ob das Kaiserreich genauso funktionierte wie die grausamen Monarchien aus ihren Geschichtsbüchern. Roxys angespanntes Gesicht fiel ihr ein, die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte – knapp, ohne Wärme. Leyla seufzte leise. Wahrscheinlich eher Letzteres. Schließlich wanderte ihr Blick zu dem Wald, der sich einige Kilometer vor ihr bereits gegen den Horizont abzeichnete. Dunkle Baumkronen, dichter und schwerer als alles, was sie bisher in dieser Welt gesehen hatte. Bis nach Malyl würde es mehrere Wochen dauern. Und trotzdem breitete sich langsam etwas Warmes in ihr aus. Vielleicht war es die Freiheit. Vielleicht einfach nur die Sonne auf ihrer Haut und die frische Luft, die nach Gras und offenem Land roch. Leyla schloss für einen Moment die Augen, breitete die Arme leicht aus und spürte den Wind, der durch ihre Haare strich – warm und gleichmäßig, als würde er sie vorwärtsdrängen. ,,Ist doch eigentlich ganz schön.’’ -------------------------------------------------------------------------- Roxy blieb noch eine ganze Weile am Dorfausgang stehen, selbst nachdem Leyla längst hinter den sanften Hügeln verschwunden war. Sie hatte ihr alles gegeben, was sie entbehren konnte. Eine vernünftige Ausrüstung. Nützliche Hinweise über die Region. Und mehrere Stunden lang die Grundlagen des Schwertkampfes, obwohl sie dabei sehr viel Geduld gebraucht hatte. Allein der Gedanke daran ließ ein leichtes Schmunzeln über ihr Gesicht huschen. Doch hinter der Unsicherheit hatte Roxy auch etwas anderes gesehen. Einen gewissen Trotz. Den stillen, hartnäckigen Willen, trotzdem weiterzugehen – auch wenn man völlig überfordert war und es einem ins Gesicht geschrieben stand. Langsam verschwand das Lächeln wieder. Wer Leyla wohl wirklich war? In ihrem ganzen Leben hatte Roxy noch nie jemanden mit natürlich blauen Haaren gesehen. Und dann war da noch die Art gewesen, wie Leyla gesprochen hatte – manche Wörter, manche Fragen, als würde sie Dinge nicht kennen, die für jede Person so selbstverständlich sein sollten wie das Atmen. „Sie wirkte so verloren", murmelte Roxy leise. Ein trauriger Ausdruck legte sich über ihre Züge. „Ich hoffe wirklich, dass sie den Weg schafft." Für einen Moment glitten ihre Gedanken zu den Gerüchten, die sie in den letzten Wochen immer häufiger aufgeschnappt hatte. Geschichten, die zunächst wie gewöhnliches Tavernengeschwätz geklungen hatten – die Art von Geschichten, über die man lachte und die man vergaß. Doch inzwischen machten sie selbst erfahrene Reisende nervös. Roxy schüttelte den Gedanken ab. ,,Die Wahrscheinlichkeit, dass Leyla ihm begegnet, liegt quasi bei null.’’ Schließlich wandte sie sich ab und machte sich langsam auf den Rückweg.
- Kapitel 12 - Eine Kerze erlischt
Leyla ließ ihren Blick über den gewaltigen Wasserfall gleiten, der donnernd von der hohen Klippe in die Tiefe stürzte. Das Tosen des Wassers erfüllte die gesamte Schlucht und vibrierte beinahe in ihrer Brust. Dichter Nebel hing wie ein glitzernder Schleier über dem kleinen See am Fuß der Fälle und ließ die Umgebung unwirklich wirken – als wäre dieser Ort aus einem anderen Zeitalter hierher versetzt worden. Von dort schlängelte sich ein schmaler Fluss weiter nach Westen, sein Wasser funkelte schwach im wenigen Sonnenlicht, das durch die dichten Baumwipfel drang. Dann blieb Leylas Blick an der Höhle hängen. Sie lag seitlich im Felsen verborgen und wirkte trotzdem unmöglich zu übersehen. Eine große Tür aus dunklem Holz verschloss den Eingang, verwitterte Steinplatten rahmten sie ein und ließen den Ort beinahe künstlich erscheinen. Unwillkürlich lief Leyla ein Schauer über den Rücken. „Wohnt dort Maegnar?" fragte sie leise. Dabei warf sie einen unsicheren Blick zu Liam, der einige Meter entfernt gegen einen Baum gelehnt saß. Auf den ersten Blick wirkte er beinahe entspannt. Doch wenn man genauer hinsah, bemerkte man sofort die kleinen Unsicherheiten. Das unruhige Wippen seines Fußes. Die Finger, die sich immer wieder anspannten. Der Blick, der rastlos die Umgebung absuchte. „Genau dort", bestätigte Liam ruhig, ohne seine lockere Haltung aufzugeben. Dann sah er zu ihr. „Und? Hast du inzwischen einen Plan, wie wir ihn besiegen?" Leyla biss sich nachdenklich auf die Unterlippe. Je länger sie über Maegnar nachgedacht hatte, desto klarer war ihr geworden, dass ein direkter Kampf wahrscheinlich Selbstmord wäre. „In einem normalen Kampf hätten wir vermutlich keine Chance", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber… vielleicht könnten wir ihm eine Falle stellen?" Liam öffnete langsam ein Auge und hob skeptisch eine Augenbraue. „Eine Falle?" wiederholte er trocken. „Was genau stellst du dir darunter vor? Dass wir eine Grube graben und hoffen, dass er hineinläuft?" Leyla verzog sofort das Gesicht. „Nein, natürlich nicht!" Sie verschränkte kurz die Arme und versuchte, ihre Gedanken zu ordnen. „Ich dachte eher daran, dass einer von uns ihn ablenkt, während der andere aus dem Hinterhalt angreift." Kaum hatte sie den Satz ausgesprochen, spürte sie bereits, wie ihr Gesicht heiß wurde. In ihrem Kopf hatte der Plan deutlich intelligenter geklungen. Langsam schlich sich ein schelmisches Grinsen auf Liams Gesicht. „Also hast du dich endlich mit deiner Rolle als Köder abgefunden?" fragte er belustigt. „So viel Entwicklung hätte ich dir ehrlich gesagt gar nicht zugetraut." „So war das nicht gemeint!" Leyla lief knallrot an und ballte die Fäuste. Liam lachte leise – schloss dann jedoch nachdenklich die Augen. Für einige Sekunden sagte er nichts mehr und schien die Möglichkeiten tatsächlich ernsthaft abzuwägen. Schließlich nickte er leicht. „Eigentlich ist die Idee gar nicht schlecht." Leyla gefiel die Art nicht, wie er das sagte. Liam stieß sich vom Baum ab und richtete sich vollständig auf. Seine Haltung wurde augenblicklich ernster, während er zur Klippe hinaufblickte. „Wenn du ihn unten beschäftigst", erklärte er ruhig, „könnte ich von oben angreifen. Damit würde ihm vermutlich die Zeit fehlen, auf uns beide gleichzeitig zu reagieren." Er deutete kurz zur Felskante über der Höhle. „Das könnte tatsächlich funktionieren." Leyla nickte langsam. Innerlich versuchte sie bereits verzweifelt, sich den Ablauf vorzustellen – doch je mehr sie darüber nachdachte, desto nervöser wurde sie. Ihre Hände begannen leicht zu zittern, und erneut biss sie sich auf die Unterlippe. Die Angst war noch immer da. Schwer. Erdrückend. Doch trotzdem nickte sie. „Okay…" sagte sie leise. „Von mir aus machen wir es so." Ihre Stimme klang ruhiger, als sie sich tatsächlich fühlte. Tief in ihrem Inneren schrie ihr Instinkt sie längst an, einfach wegzulaufen. Doch ihr Wunsch, Liam zu helfen, war stärker als ihre Angst. Liam musterte sie kurz. Dann grinste er plötzlich wieder. „Na dann", wisperte er und gab ihr einen leichten Klaps auf die Schulter, „runter mit dir, Köder." -------------------------------------------------------------------------- Leylas Hände begannen immer stärker zu zittern, je näher sie der gewaltigen Holztür kam. Mit jedem einzelnen Schritt fühlte es sich an, als würde die Luft schwerer werden. Nicht nur stickig oder drückend – es war, als würde irgendetwas Unsichtbares ihr langsam die Kehle zuschnüren. Der Wasserfall donnerte hinter ihr in die Tiefe, doch selbst dieses gewaltige Geräusch schien dumpfer zu werden, je näher sie der Höhle kam. Nach einigen endlos wirkenden Sekunden stand Leyla schließlich direkt vor der Tür. Das dunkle Holz war alt und von tiefen Kratzspuren überzogen, als hätte etwas von innen heraus immer wieder dagegen geschlagen. Zwischen den verwitterten Steinplatten ringsherum hing kalter Nebel wie ein lebendiger Schleier. Hoch über ihr hatte Liam bereits seine Position eingenommen. Sie konnte ihn kaum erkennen – doch sie wusste, dass er dort war. Zumindest hoffte sie das. Mit schweißnasser Hand hob Leyla langsam den Arm und klopfte gegen die Tür. —KLOPF, KLOPF— Sofort wich sie instinktiv einige Schritte zurück. Ihr Atem ging flach und hektisch. Sie versuchte verzweifelt, ruhig zu bleiben, doch ihr Herz schlug so heftig, dass sie glaubte, Maegnar müsse es selbst durch die Tür hören können. Insgeheim hoffte Leyla plötzlich, dass überhaupt niemand öffnen würde. Oder wenigstens jemand anderes. Irgendjemand, der nicht Maegnar war. Die Sekunden dehnten sich endlos. Ihre Knie fühlten sich weich an – und gerade, als sie erneut klopfen wollte, begann die Tür langsam knarrend aufzugehen. Das Geräusch ließ ihr sofort einen kalten Schauer über den Rücken laufen. „Weeen haben wir denn daaa?" Die Stimme traf Leyla wie Eiswasser. Sie zuckte unwillkürlich zusammen. Maegnar war etwas kleiner als sie erwartet hatte – doch genau das machte ihn nur verstörender. Sein gesamter Körper war mit grauen, metallisch glänzenden Schuppen bedeckt, die im schwachen Licht beinahe wie polierter Stein wirkten. Seine schwarzen Augen waren vollkommen leer. Kalt. Verächtlich. Und dann war da dieses Grinsen. Es zog sich viel zu weit über sein Gesicht und entblößte scharfe Zähne, die eher an ein Raubtier erinnerten als an irgendetwas Menschliches. Ein sauber gekämmter weißer Bart hing von seinem Kinn herab und verlieh ihm auf groteske Weise beinahe etwas Würde. Doch nichts an diesem Wesen wirkte normal. Leylas Herz raste. „Ähm … i-ich bin Leyla", brachte sie mühsam hervor, die Stimme deutlich zitternd. „Ich habe schon von euch gehört, großer Maegnar. Würdet ihr mich vielleicht als Schülerin aufnehmen?" Während sie sprach, grub sie die Fingernägel so tief in ihre Handflächen, dass es schmerzte. Sie durfte keinen Verdacht erregen. Sie durfte jetzt nicht zusammenbrechen. „Soso… Leeeyla alsooo?" Maegnars Worte zogen sich langsam und kalt durch die Luft. „Wenn duuu von mir gehööört hast… dann müsstest duuu wissen, dass ich keine Schüüüler nehme." Langsam machte er einen Schritt näher auf sie zu. Sofort hatte Leyla das Gefühl, die Temperatur würde sinken – als würde allein seine Nähe die Luft gefrieren lassen. „Aaaber…" Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter. „Ich kenne vielleicht eine aaandere Verwendung füüüür dich." Leyla schluckte schwer. Die Angst schnürte ihr inzwischen regelrecht die Kehle zu. „Alles… was in meiner Macht steht", antwortete sie trotzdem. Ihre Stimme klang dünn. Fast flehend. Die Welt um sie herum schien sich immer weiter zusammenzuziehen. Sie spürte, wie ihre Zehen in ihren Schuhen zu krampfen begonnen. Dann explodierte plötzlich direkt über ihnen eine glühende Feuerkugel. —BUMM— Grelles Licht riss die Dunkelheit auseinander. Maegnar taumelte einen Schritt zurück – und im nächsten Augenblick schoss Liam mit gezogenem Schwert von oben herab. „Liam!" rief Leyla sofort erleichtert. Für einen kurzen Moment durchströmte sie pure Hoffnung, als er direkt neben ihr landete. Endlich. Doch Liam reagierte nicht auf ihre Stimme. Sein Blick blieb starr auf Maegnar gerichtet. Und langsam schüttelte er den Kopf. „Ich hab ihn nicht getroffen…" sagte er leise. „D-Das darf nicht wahr sein“, flüsterte Leyla, ihre Stimme brach. Die Hoffnung, die für einen kurzen Moment aufgeflammt war, verlosch wie eine flackernde Kerze im tobenden Sturm. -------------------------------------------------------------------------- „Einen Hinterhalt hattet ihr also geplaaant?" Maegnars Stimme kroch wie kaltes Gift durch die Luft. Jedes seiner gedehnten Worte war von Spott durchzogen und ließ Leylas Brust enger werden – als würde sich unsichtbarer Druck auf ihre Schultern legen und ihr langsam die Luft abschnüren. Der Drachar stand noch immer vollkommen ruhig vor ihnen. Kein Funken Wut war in seinem Gesicht zu erkennen. Nicht einmal echte Vorsicht. Nur Belustigung. „Ich habe mich schon gefraaagt, wie ihr versuchen würdet, mich zu töööten", fuhr er fort. Seine schwarzen Augen funkelten im schwachen Licht des Wasserfalls. „Eure Mordlust habe ich schooon seit Stunden gespüüürt." Die Art, wie er sprach, machte Leyla inzwischen mehr Angst als sein Äußeres. Maegnar wirkte nicht wie jemand, der kämpfte. Er wirkte wie jemand, der spielte – als wären Liam und sie nichts weiter als eine kleine Unterhaltung, die ihn für ein paar Minuten beschäftigte. „Nun frage ich mich…“ Langsam legte er den Kopf schief. „Was genau habe ich getaaan, um diesen Hass zu verdiiienen?" Neben Leyla spannte sich Liam augenblicklich an. Sie sah, wie seine Hände sich zu Fäusten ballten und sein ganzer Körper leicht zu zittern begann. „Du Bastard hast Emily getötet!" schrie er. Seine Stimme war rau vor Schmerz und Zorn zugleich. „Echt?" Maegnar hob leicht eine Augenbraue. „Ich erinnere mich niiicht daran. Würdest du mir auf die Sprüüünge helfen?" Die beiläufige Art, mit der er über Emily sprach, ließ selbst Leylas Magen verkrampfen. „Wie kannst du es wagen?" Liams Stimme brach beinahe. „Erst bringst du sie um und dann erinnerst du dich nicht einmal an sie?" Maegnar legte erneut leicht den Kopf schief, der weiße Bart bewegte sich dabei kaum merklich, während er Liam mit unverhohlener Belustigung musterte. „Ahhh… jetzt wooo du es sagst…" murmelte er gedehnt. „Das war doch diese Söööldnerin, die so jämmerlich um ihr Leeeben gefleht hat." Das grausame Grinsen auf seinem Gesicht wurde breiter. „Sie war so bedeutungslooos, dass ich sie fast vergessen hääätte." Leyla spürte sofort, wie Liam immer weiter die Kontrolle verlor. Sein Atem wurde hektischer, seine Haltung aggressiver. Und plötzlich verstand Leyla, dass Maegnar genau das wollte. Er wollte Liam brechen. Mit Worten. Mit Erinnerungen. Mit Wut. ,,Das ist auch eine Art zu kämpfen’’, schoss es Leyla durch den Kopf. Maegnar wollte mit seinen Worten Liam brechen. „Es bringt nichts, mit ihm zu reden!" rief sie Liam zu. Fast gleichzeitig zog sie das Garnische Kurzschwert aus der Scheide und stürmte los. Doch kaum hatte sie den ersten Schritt gemacht, packte Liam sie brutal am rechten Arm und riss sie zurück. Leyla verlor sofort das Gleichgewicht und schlug hart auf dem felsigen Boden auf. „Willst du sterben?!" schrie Liam sie an. Leyla erkannte direkt die schiere Panik in seinen Augen. „Hast du vergessen, dass er dich mit einer einzigen Berührung töten kann?" Leyla presste die Lippen zusammen und schloss kurz die Augen. Nein. Natürlich hatte sie das nicht vergessen. Aber sie hatte gehofft, Maegnar überraschen zu können. Und vor allem wollte sie verhindern, dass Liam sich weiter von seinen Worten zerfressen ließ. Noch bevor sie etwas erwidern konnte, griff Liam erneut an. Mit einer schnellen Bewegung zog er einen Dolch und schleuderte ihn direkt auf Maegnar zu. Die Klinge durchschnitt pfeifend die Luft – und verfehlte. Leyla blinzelte verwirrt. Das ergab keinen Sinn. Sie hätte schwören können, dass der Dolch treffen würde. Doch Maegnar hatte sich scheinbar überhaupt nicht bewegt. Oder vielleicht doch? Sie konnte es nicht sagen. Im nächsten Moment hob Liam bereits die Hand. Ein gewaltiger Feuerstoß brach aus seiner Magie hervor und raste wie ein brennender Sturm auf Maegnar zu. Die Hitze war so intensiv, dass Leyla sie selbst mehrere Meter entfernt auf ihrer Haut spürte. Flammen verschlangen den Bereich vor der Höhle. Der Nebel des Wasserfalls zischte verdampfend auf. Doch als das Feuer langsam schwächer wurde, stand Maegnar noch immer dort. Unversehrt. Hatte Magie überhaupt keine Wirkung auf ihn? Währenddessen begann Liams Feuer sichtbar schwächer zu werden. Die Flammen verloren an Intensität – und Maegnar nutzte das aus. Langsam. Fast gemütlich. Schritt für Schritt verringerte er die Distanz zwischen ihnen, als hätte er alle Zeit der Welt. Leyla spürte die Gefahr inzwischen beinahe körperlich. Es fühlte sich an, als würde ein riesiger Schatten immer näher über sie kriechen, träge und unaufhaltsam. Und plötzlich wusste sie es. Wenn sie nichts tat, würde Liam sterben. Der Gedanke ließ ihren Körper sofort reagieren. Sie umklammerte den Griff ihres Schwertes fester und stürmte erneut los. Diesmal hob Maegnar jedoch lediglich seine linke Hand. Mehr tat er nicht. Im nächsten Augenblick traf Leyla etwas Unsichtbares mit voller Wucht – wie ein gewaltiger Hammerschlag, der aus dem Nichts kam. Ihr Körper wurde von den Füßen gerissen und quer durch die Luft geschleudert, bevor sie mit brutaler Härte gegen die Felswand krachte. Schmerz explodierte in ihrem gesamten Körper. Ein widerliches Knacken ging durch ihren Schädel. Dann wurde alles schwarz. -------------------------------------------------------------------------- Leyla befand sich in einem dunklen Raum. Sie konnte sich nicht bewegen und aus ihrem Mund kamen keine Geräusche. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem drei Kerzen standen. Eine gelbe, eine rote und eine grüne. ,,Was hat das zu bedeuten? Wo bin ich hier? War ich nicht eben am kämpfen? Bin ich tot? Wo ist Liam? Geht es ihm gut? Was sind das für Kerzen? Warum spüre ich keinen Schmerz? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Warum? Eine der Kerzen, die gelbe, erlosch. -------------------------------------------------------------------------- Plötzlich wurde Leyla von einem grellen Licht geblendet. Es war so hell, dass es ihr direkt in den Augen schmerzte – für einen kurzen Moment fühlte es sich an wie das Licht einer Taschenlampe. ,,Katja?’’ Langsam blinzelte sie und versuchte zu begreifen, was überhaupt passiert war. Ihr Kopf pochte dumpf, und ihre Gedanken fühlten sich an, als würden sie durch dichten Nebel waten. Als ihre Sicht langsam klarer wurde, erkannte sie Liam – er saß einige Meter entfernt mit dem Rücken gegen einen Baum gepresst, während Maegnar direkt vor ihm stand, die Hand bereits ausgestreckt. Zu nah. Viel zu nah. Liam bewegte sich nicht, wirkte vollkommen erstarrt, als würde allein Maegnars Anwesenheit seinen Körper lähmen. Leyla wollte aufspringen, doch ihr eigener Körper fühlte sich schwer an. Träge. Fast fremd. „Ist das… mein Blut?" Unwillkürlich schüttelte sie den Kopf. Nein. Das konnte nicht sein. Verzweifelt versuchte Leyla erneut aufzustehen, doch ihre Arme gaben beinahe sofort nach. Ihre Finger gruben sich in den feuchten Boden, während Tränen über ihre Wangen liefen. Und dann sah sie ihn. Den kleinen Stein. Ihren Glücksbringer – direkt vor ihr im Dreck. Für einen kurzen Moment starrte Leyla ihn einfach nur an, während Panik, Angst und Verzweiflung in ihrem Inneren ineinander verschwammen. Dann begann plötzlich der Boden zu beben. Zuerst nur leicht, kaum wahrnehmbar – doch innerhalb eines Augenblicks wurde das Zittern stärker, bis die Erde unter Maegnar mit einem gewaltigen Krachen aufbrach und ein massiver Steinspeer aus dem Boden schoss. „Waaas ist daaass?!" schrie Maegnar – zum ersten Mal wirklich überrascht. Doch es war zu spät. Der gewaltige Speer durchbohrte seine Brust vollständig. Blut schoss über die grauen Schuppen seines Körpers, und ein röchelndes Geräusch entrang sich seiner Kehle. Das grausame Grinsen verschwand augenblicklich von seinem Gesicht. Liam zögerte keine Sekunde. Mit einer abrupten Bewegung sprang er zu Leylas Kurzschwert, das einige Meter entfernt im Dreck lag, und riss die Klinge nach oben. Ein einziger Hieb – dann löste sich Maegnars Kopf von seinem Körper. Der Seelenfresser sackte reglos zusammen, während sein Blut sich langsam zwischen den Felsen ausbreitete. Still. Endgültig. „Leyla!" Liam war sofort bei ihr. Er packte sie an den Armen und half ihr hastig auf die Beine, die Hände leicht zitternd. „Ich dachte, du wärst tot. Du hast dich überhaupt nicht bewegt." Er versuchte zu grinsen. „Willst du mir etwa erzählen, dass du ein Nickerchen gemacht hast, nur um dich für die Sache mit der Spinne zu rächen?" Seine Stimme klang scherzhaft. Doch Leyla hörte die echte Erleichterung darin – unverkennbar, egal wie sehr er sie zu verbergen versuchte. Sie blickte schweigend an Liam vorbei, zu dem gewaltigen Steinspeer, der Maegnars Körper noch immer durchbohrte und wie ein Monument aus der aufgebrochenen Erde ragte. War sie das gewesen? „Leyla?" ,,Mhm?’’ „Geht es dir gut?", fragte Liam besorgt. „Du bist voller Blut." Leyla sah an sich herab und schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin unverletzt." Doch innerlich verstand sie selbst nicht, was passiert war. Wenn das nicht ihr Blut war – wessen dann? Liam wirkte sichtlich irritiert, doch schließlich schüttelte er den Kopf, als würde er entscheiden, später darüber nachzudenken. „Der Steinspeer war übrigens ziemlich beeindruckend. Wie hast du das gemacht?" In seinen Augen lag diesmal keine Ironie, keine Stichelei. Nur ehrliche Bewunderung. „Ehrlich gesagt…" Leyla sah erneut zu dem Speer. „Ich weiß es selbst nicht." Liam grinste wieder leicht. „Vielleicht sollte ich dich öfter unter Druck setzen. Was meinst du? Soll ich dich beim nächsten Kampf wieder alleine lassen?" „Mach doch." Trotz allem schlich sich ein kleines herausforderndes Grinsen auf ihr Gesicht. „Ich bin sowieso bald stärker als…" Noch bevor sie richtig reagieren konnte, zog Liam sie plötzlich fest in seine Arme. Überrascht verstummte Leyla mitten im Satz. Sie spürte seine Arme um ihren Rücken und merkte sofort, wie fest er sie hielt – nicht spielerisch, nicht locker. Als hätte er Angst, sie loszulassen. Sein ruhiger Atem strich gegen ihren Hals. „Ich bin wirklich froh, dass du noch lebst", flüsterte Liam leise. Leyla antwortete zunächst nicht. Sie spürte sein Herz schlagen – schnell, unruhig, ehrlicher als jedes seiner Worte. Langsam hob sie schließlich den Blick zu ihm und lächelte. Nach einigen Sekunden löste Liam die Umarmung wieder und räusperte sich leicht. „Wir sollten jetzt die Höhle durchsuchen. Wer weiß, vielleicht finden wir etwas Nützliches." Leylas Augen begannen sofort wieder zu leuchten. „Vergiss nicht, dass ich noch die Varellen pflücken muss!" -------------------------------------------------------------------------- Leylas Blick wanderte langsam durch das Zimmer des Dracharen. Nachdem Liam die Treppe am Ende des Raumes hinabgestiegen war, um die Varellen aus der Grotte zu holen, war eine unangenehme Stille zurückgekehrt – nur das Donnern des Wasserfalls hallte dumpf durch die Höhle und erinnerte sie daran, dass die Welt draußen noch existierte. Der Raum selbst wirkte überraschend gewöhnlich. An der Wand stand ein einfaches Holzbett, ordentlich gemacht und beinahe sauber. Ein schwarzer Teppich bedeckte einen Teil des Steinbodens und verlieh dem Raum eine seltsame Wärme, die überhaupt nicht zu Maegnar passen wollte. In einer Ecke befand sich ein großer Schreibtisch, auf dem unzählige Stapel aus Pergamenten verteilt lagen. Neugierig trat Leyla näher und begann vorsichtig einige der Zettel durchzublättern. Doch schon nach wenigen Sekunden runzelte sie verwirrt die Stirn. Kein einziges Wort war darauf geschrieben – nicht einmal Zeichnungen. Nur leeres Pergament, Seite um Seite, als hätte jemand etwas festhalten wollen und nie gewusst, womit anfangen. Während sie weiter durch die Stapel blätterte, fiel ihr plötzlich etwas Dunkles zwischen den Zetteln auf. Ein schwarzes Buch lag halb verborgen unter mehreren Pergamenten, das Material seltsam kühl unter ihren Fingerspitzen – fast unangenehm, wie etwas, das keine Wärme annehmen wollte. Neugierig schlug Leyla es auf. Doch bereits nach wenigen Sekunden wich ihre Neugier sichtbarer Enttäuschung. „Ich kann das nicht lesen…" murmelte sie leise. Die Schrift darin wirkte vollkommen fremd – die Zeichen erinnerten sie an keine ihr bekannte Schrift, nicht einmal im Ansatz. Gerade wollte Leyla das Buch wieder schließen, als sie aus dem Augenwinkel ein leichtes Flackern bemerkte. Auf einem kleinen Nachttisch neben dem Bett stand eine einzelne Kerze, deren Flamme sich kaum bewegte. Sie hielt inne. „Ich habe dir übrigens zehn Varellen gepflückt!" Liams Stimme riss sie sofort aus ihren Gedanken. Sie drehte sich um und sah ihn die Treppe hinaufkommen, in der Hand mehrere kleine blau-violette Pflanzen, deren Blätter im schwachen Licht leicht schimmerten. Unwillkürlich lächelte Leyla. „Danke, Liam." „Und?" fragte er neugierig. „Hast du irgendetwas Interessantes gefunden?" Leyla hob das schwarze Buch leicht an. „Nur das hier. Kannst du lesen, was darin steht?" Liam tauschte die Varellen gegen das Buch und überflog einige Seiten. Schon nach kurzer Zeit schüttelte er langsam den Kopf. „Nein. Ich erkenne nicht einmal die Sprache." Sein Blick blieb kurz auf den seltsamen Schriftzeichen hängen. „Vielleicht finden wir in Malyl jemanden, der das entziffern kann." Leyla nickte leicht und folgte Liam schließlich zur Tür. Kaum hatten sie den Eingang erreicht, schnippte Liam beiläufig mit den Fingern – sofort schossen Flammen über den Schreibtisch, die Pergamente begannen augenblicklich zu brennen, und das Feuer fraß sich schnell durch den Raum. Innerhalb weniger Sekunden stieg dunkler Rauch zur Decke auf. „Kommst du?" rief Liam bereits von draußen. Leyla blieb jedoch noch einen Moment stehen. Schweigend beobachtete sie die Flammen, die sich in ihren Augen spiegelten, während die Hitze langsam den gesamten Raum verschlang. Irgendetwas daran fühlte sich endgültig an. Erst einige Sekunden später drehte sie sich um und ging nach draußen. Ihr Blick glitt kurz über den felsigen Boden – und dann entdeckte sie ihn. Der kleine ovale Stein lag zwischen Erde und Geröll, als hätte er geduldig auf sie gewartet. Leyla beugte sich hinab, nahm ihn auf und hielt ihn einen kurzen Moment in der Hand. Die Oberfläche war noch immer glatt und kühl, unbeeindruckt von allem, was um ihn herum geschehen war. Dann ließ sie ihn in ihrer Tasche verschwinden und folgte Liam. Doch ihre Gedanken ließen sie nicht los. Verwirrt blickte sie auf ihre Hände hinab und strich unwillkürlich über ihren Arm. Die Spinne hätte sie beinahe getötet, und die Narben davon trug sie noch immer. Aber diesmal – nichts. Kein Schmerz, keine Verletzung, keine Spur davon, dass etwas passiert war. Das ergab keinen Sinn. Während hinter ihr dunkle Rauchschwaden aus der Höhle aufstiegen und sich träge mit dem Nebel des Wasserfalls vermischten, wurde Leyla das Gefühl nicht los, dass sich etwas verändert hatte. Etwas, das sie nicht benennen konnte.
- Kapitel 11 - Das Monster namens Maegnar
Liam spürte, wie seine Kehle enger wurde. Der Name der Pflanze allein genügte. Alles in ihm schrie plötzlich danach, einfach zu verschwinden. Weg von Ramir, weg von dieser Region, weg von allem, was mit diesem Ort verbunden war. Er kannte dieses Dorf. Er war bereits hier gewesen. Und genau deshalb breitete sich nun dieses Gefühl in seiner Brust aus – schwer und kalt, wie etwas, das man lange vergraben hatte und das sich trotzdem noch bewegte. „Liam…?" Leylas Stimme war leiser geworden. Vorsichtiger. Sie musterte ihn aufmerksam und schien sofort zu bemerken, dass sich seine Stimmung schlagartig verändert hatte. „Du machst mir gerade wirklich Angst. Stimmt irgendetwas nicht?" Doch Liam antwortete nicht. Seine Gedanken rasten bereits weiter. Hatte man ihm eine Falle gestellt? War das wirklich Zufall? Oder wusste ,er’ inzwischen, dass Liam wieder in dieser Gegend unterwegs war? Die bloße Möglichkeit reichte aus, um alte Erinnerungen in ihm wachzurufen – Bilder, die er längst hinter sich gelassen zu haben glaubte. „Antworte doch, Liam. Wenn du nicht…" „Von wem hast du diesen Auftrag?" Seine Stimme schnitt härter durch die Luft, als er es beabsichtigt hatte. Sofort zuckte Leyla leicht zusammen. Ihre Reaktion traf ihn direkt. Für einen kurzen Moment sah sie ihn tatsächlich verängstigt an. „Es… es ist kein Auftrag", stammelte sie hastig. „Das alte Ehepaar aus dem Kräuterladen hat nur darüber geredet, dass sie Varellen brauchen, und ich dachte mir einfach, dass ich ihnen helfen könnte…" Liam schwieg. Er betrachtete Leyla aufmerksam. Sie wirkte ehrlich verwirrt und inzwischen auch deutlich eingeschüchtert. Sie war einfach nur eine Frau, die jemandem hatte helfen wollen. Langsam atmete er tief durch. In seinem Inneren tobte noch immer ein Sturm aus Misstrauen und Erinnerungen, doch Leyla durfte davon nichts mitbekommen. Sie hatte nichts damit zu tun. Als er wieder sprach, klang seine Stimme kontrollierter. Ruhiger. „Wenn das kein richtiger Auftrag ist", sagte er schließlich, „dann sollten wir die Sache besser ignorieren." Doch Leyla ließ sich davon nicht überzeugen. Sie trat einen kleinen Schritt näher und sah ihn ernst an. „Warum? Ich würde ihnen wirklich gern helfen. Und wenn du mir keinen vernünftigen Grund nennst, warum wir das nicht tun sollten, gehe ich eben alleine." Liam schluckte. Mittlerweile kannte er Leyla gut genug, um zu wissen, dass sie das ernst meinte. Wenn sie sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hatte, ließ sie sich kaum davon abbringen. Und der Gedanke, sie alleine dorthin gehen zu lassen, war vollkommen ausgeschlossen. Mehrere Sekunden lang herrschte Stille. Der Wind rauschte leise durch die Baumwipfel, während Liam schweigend auf den Boden blickte. Dann stieß er langsam die Luft aus. „Nun gut", murmelte er schließlich. „Dann gehen wir eben zu den Varellen." Sofort hellte sich Leylas Gesicht auf. „Die wachsen allerdings nur an einem einzigen Ort im gesamten Kaiserreich", fuhr Liam fort. „In einer unterirdischen Grotte." Leylas Augen begannen zu leuchten. „Danke, Liam!" Schon wollte sie aufspringen, doch Liam hob eine Hand und hielt sie zurück. Verwirrt blickte Leyla zu ihm. Er sah sie einige Sekunden schweigend an – und plötzlich traf ihn ein Gedanke, den er versucht hatte, zu ignorieren. ,,Sie sieht ihr wirklich ähnlich…’’ Für einen kurzen Moment zog sich etwas schmerzhaft in seiner Brust zusammen. Dann verdrängte er den Gedanken. Liam richtete sich langsam auf. Die lockere Haltung war verschwunden. Selbst sein Blick wirkte plötzlich schwerer, als hätte er an Gewicht gewonnen. „Bevor wir losgehen", sagte er ruhig, „muss ich dir etwas über ein Monster erzählen." Eine kurze Pause. Er versuchte zu lächeln, doch merkte, dass es nicht ganz klappte. „Es trägt den Namen Maegnar." -------------------------------------------------------------------------- Drei Jahre bevor Liam auf Leyla stieß. Liam betrachtete schweigend das große Ölgemälde an der Wand, während unter seinen Stiefeln leise der alte Holzboden knarrte. Der Raum war nur spärlich beleuchtet – einige wenige Kerzen warfen flackerndes Licht über die dunklen Wände und ließen lange Schatten durch das Arbeitszimmer wandern. In der Luft hing der schwere Geruch von Staub, altem Holz und verbranntem Wachs. Das Gemälde selbst wirkte beinahe fehl am Platz. Zu gewaltig. Zu lebendig. Ein Drache mit tiefroten Schuppen spannte dort seine Schwingen auf und kämpfte gegen einen gehörnten Mann in langen gelben Gewändern. Im Hintergrund zuckten Blitze durch schwarze, wirbelnde Sturmwolken und tauchten die Szene in kaltes, flackerndes Licht. Die Farben waren so intensiv gemalt, dass Liam fast glaubte, das Donnern des Himmels hören zu können, wenn er das Bild nur lange genug ansah. Sein Blick glitt langsam über die Details. Die Krallen des Drachen. Die zerschmetterten Felsen. Die goldenen Muster auf den Gewändern des gehörnten Mannes. „Ich frage mich, ob dieser Kampf wirklich stattgefunden hat", murmelte Liam leise, „oder ob das einfach nur die Fantasie irgendeines Künstlers war." „Was guckst du wieder so grimmig, Lee?" Emilys Stimme riss ihn sofort aus seinen Gedanken. Liam drehte sich leicht um und blickte zu ihr hinüber. Die junge Menschenfrau grinste ihn frech an. Ihre langen grünen Haare fielen locker über die Schultern, und ihre leuchtend blauen Augen erinnerten Liam jedes Mal aufs Neue an geschliffene Saphire. Erst vor wenigen Wochen war sie zwanzig geworden, doch sie bewegte sich bereits mit der Selbstsicherheit einer erfahrenen Söldnerin. Emily hatte bereits zahlreiche Aufträge gemeinsam mit Liam und ihrem Bruder Mile abgeschlossen. Anfangs hatte Liam sie noch für übermütig gehalten, doch inzwischen wusste er, dass deutlich mehr hinter ihrem ständigen Grinsen steckte. Außerdem genoss er ihre Nähe mehr, als er eigentlich zugeben wollte. „Ich gucke nicht grimmig", erwiderte Liam mit einem leichten Seufzen. „Ich denke nur nach." Er nickte in Richtung des Gemäldes. „Wer glaubst du, ist der Typ dort?" Emily legte den Kopf leicht schief. „Hm … vielleicht ein Gott?" Dabei schnippte sie spielerisch eine Silbermünze in die Luft, fing sie wieder auf und beobachtete Liam grinsend. Sofort verzog dieser das Gesicht. „Unsinn", sagte er trocken. „Götter gehören der Vergangenheit an." Unwillkürlich musste er an seine Zeit in Rubendy denken. Zwar hatte er dort nur ein einziges Semester Mythologie studiert, doch selbst das hatte gereicht, um zu verstehen, wie alt die meisten Geschichten über Götter und Erzwesen tatsächlich waren. Weder Kamera noch die Erzengel oder Erzdämonen gehörten wirklich in das dreizehnte Jahrhundert. Die letzten bestätigten Berichte über ihr Auftreten stammten noch aus dem Großen Krieg. Emily zuckte leicht mit den Schultern. In ihren Augen lag plötzlich etwas Nachdenkliches, das Liam nur schwer einordnen konnte. „Ich glaube trotzdem, dass es sie noch gibt", sagte sie ruhig. „Götter verschwinden nicht einfach grundlos." Dann grinste sie wieder herausfordernd und warf die Münze erneut hoch. Liam schüttelte entschieden den Kopf. „Wenn sie noch existieren würden, müsste man ihre Präsenz spüren können. Aber weder in Engelstempeln noch in alten Wäldern findet man echte Spuren von ihnen. Kein Erzengel antwortet auf Gebete. Kein Erzdämon erhört dein Flehen." „Ich würde Yang als das bezeichnen, was einer Göttin am nächsten kommt." Die ruhige Stimme kam von hinten. Liam wandte den Blick zum Fenster. Dort stand Mile, der bisher geschwiegen hatte und hinaus auf die Straßen blickte. Das fahle Licht von draußen fiel auf sein Gesicht und ließ seine ohnehin ernste Ausstrahlung noch schwerer wirken. „Und wenn es Yang gibt", fuhr Mile fort, „dann existieren vielleicht auch noch andere Wesen, die man als Götter bezeichnen könnte." Liam schnaubte leise. „Yang ist das Absolut. Es gibt nichts, womit man sie vergleichen könnte." Kaum hatte er ausgesprochen, öffnete sich plötzlich die Tür. Das Gespräch verstummte augenblicklich. Ein junger Mann trat in den Raum – schwarze Haare, edle Kleidung und eine Haltung, die noch ungewohnt steif wirkte, als hätte jemand die Würde eines Herrschers in einen Körper gegossen, der noch nicht ganz wusste, wie er damit umgehen sollte. Liam erkannte ihn sofort. Der frisch ernannte Herzog. Noch einmal glitt sein Blick kurz zu dem gewaltigen Gemälde – zu dem gehörnten Mann, den gelben Gewändern, den Blitzen im Hintergrund. Dann verdrängte er den Gedanken und wandte sich dem eigentlichen Auftrag zu. -------------------------------------------------------------------------- Ein Jahr und vier Tage bevor Liam auf Leyla stieß. Liams Brust hob und senkte sich in hektischen, unkontrollierten Atemzügen. Seine Hände zitterten so stark, dass er Mühe hatte, sie stillzuhalten. Trotzdem versuchte er verzweifelt, die Tränen zurückzudrängen, die ihm unaufhaltsam über die Wangen liefen. Vor ihm lag Emily. Reglos. Still. Auf den ersten Blick hätte man beinahe glauben können, sie würde schlafen. Ihr Gesicht wirkte friedlich, fast unberührt vom Chaos um sie herum. Genau das machte den Anblick jedoch unerträglich. Denn Liam wusste, dass sie niemals wieder die Augen öffnen würde. Der Wind heulte durch die Bäume und ließ die Äste über ihnen knarren. Dunkle Wolken hingen schwer am Himmel und tauchten den Wald in kaltes, graues Licht. Das Rascheln der Blätter klang beinahe wie flüsternde Stimmen, die sich zwischen den Stämmen verloren. Liam kniete neben Emilys Körper und starrte sie an, als könnte allein sein Blick sie zurückholen. Mit bebender Stimme brachte Liam schließlich Worte hervor. „Wer…" Seine Kehle fühlte sich trocken an. „Wer war das?" Langsam drehte er den Kopf zu den beiden Söldnern hinter ihm. „Warum habt ihr sie nicht beschützt?" Die Männer wagten es nicht, ihm direkt in die Augen zu sehen. Selbst sie wirkten gebrochen. Himmer, ein schmächtiger Mann mit langen schwarzen Haaren, sprach schließlich zuerst. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „Wir sollten eine Gruppe Räuber erledigen", begann er stockend. „Sie haben mehrere Dörfer in der Gegend überfallen." Er schluckte schwer und ballte unbewusst die Hände zu Fäusten. „Als wir ihren Unterschlupf erreicht haben… bei den Wasserfällen nahe Ramir… dort, wo die Varellen in der Grotte wachsen…" Seine Stimme zitterte stärker. „…waren die Räuber bereits tot." Liam schwieg. Irgendetwas in Himmers Tonfall ließ bereits ein unangenehmes Gefühl in ihm aufsteigen – eine Vorahnung, die er noch nicht benennen konnte, aber die sich in seinen Magen grub wie ein kalter Finger. „Und dann war da…" Himmer brach mitten im Satz ab. Seine Augen wirkten leer, als würde allein die Erinnerung ihn zurück an diesen Ort reißen – an etwas, das er nie wieder sehen wollte. „… Maegnar." Der Name hing schwer zwischen den Bäumen. Selbst der Wind schien für einen Moment leiser zu werden. „Er hat uns sofort angegriffen", fuhr Himmer mit brüchiger Stimme fort. „Wir haben versucht wegzulaufen, aber…" Weiter sprach er nicht. Liam hörte die Angst in seiner Stimme. Nicht gewöhnliche Angst – purer Horror, der tiefer saß als Vernunft und tiefer als Mut. Und plötzlich begann sich in Liam etwas zusammenzuziehen. Wut. Dunkel. Brennend. „Maegnar…" wiederholte Liam langsam. Allein der Name fühlte sich falsch an. Schwer. Wie etwas, das besser niemals ausgesprochen werden sollte. „Wer ist Maegnar?" Nun trat der zweite Söldner langsam vor. Ein massiger Halbriese mit kurzem blondem Haar und kalten braunen Augen. Doch trotz seiner Größe wirkte selbst er wie ein verängstigtes Tier – als hätte jemand ihm jede Sicherheit aus dem Körper gerissen und nichts als leere Hülle zurückgelassen. „M-Maegnar…" stotterte er. „D-Das ist der Seelenfresser." Liam erstarrte kurz. Diesen Titel kannte er. Ein Drachar. Ein Monster, das die Seelen seiner Opfer verschlang – Geschichten zufolge genügte eine einzige Berührung, damit seine Ziele augenblicklich starben. Und trotzdem ließ das Kaiserreich ihn frei umherziehen. Es gab Gerüchte über einen Prinzen, der Gefallen an Maegnar gefunden hatte. Einen Wahnsinnigen, der das Monster wie ein Spielzeug behandelte. Liam blickte erneut zu Emily hinunter. Dann sah er langsam wieder zu den beiden Männern. Himmer zitterte noch immer sichtbar. „Dann lasst uns ihn töten", sagte Liam leise. Sofort zuckten beide Männer zusammen. „N-Nein!" stammelte der Halbriese panisch. „I-Ich gehe da nicht nochmal hin!" Himmer sagte überhaupt nichts mehr. Der blanke Horror stand ihm ins Gesicht geschrieben. Liam fluchte leise. Die Wut in ihm begann inzwischen alles andere zu verschlingen. Schmerz. Vernunft. Angst. Alles, was übrig blieb, war das dumpfe, brennende Bedürfnis, sich zu bewegen. Mit einer abrupten Bewegung sprang er auf und drehte sich um. Ohne ein weiteres Wort lief er zu Ruven. Das schwarze Pferd schnaubte nervös, als Liam sich in den Sattel zog. Seine Hände umklammerten die Zügel so fest, dass die Knöchel weiß hervortraten. In diesem Moment wünschte er sich verzweifelt, Mile wäre hier. Doch Mile befand sich auf einem Auftrag in Karintes. Also war Liam allein. Er trieb Ruven nach vorne und jagte zwischen den Bäumen hindurch, während der Wind an seinem Mantel riss und die Äste über ihm rauschten. Immer wieder hallte derselbe Gedanke durch seinen Kopf, unerbittlich wie ein Herzschlag. „Emily darf nicht umsonst gestorben sein." -------------------------------------------------------------------------- Ein Jahr bevor Liam auf Leyla stieß. „Du bist ein Monster!“ Liams Stimme bebte vor Wut, als er die Worte über die Lichtung schleuderte. Sein Schrei durchschnitt die kalte Nachtluft und hallte zwischen den Bäumen wider – doch Maegnar reagierte kaum darauf. Der Drachar stand regungslos zwischen den Leichen und betrachtete die Szenerie mit einer Ruhe, die schlimmer war als jede Bedrohung. Innerhalb weniger Minuten hatte er sämtliche Söldner getötet, die Liam auf dem Weg hierher begleitet hatten. Es hatte nicht einmal wie ein richtiger Kampf gewirkt. Nur eine Berührung. Mehr hatte Maegnar nicht gebraucht. Seine Hand hatte kurz die Brust seiner Opfer gestreift – und im nächsten Augenblick waren sie zusammengesackt wie Puppen, denen man die Fäden durchtrennt hatte. Keine sichtbaren Wunden. Kein Blut. Nur diese leeren Gesichter, aus denen jedes Leben verschwunden war, als hätte jemand etwas Unsichtbares und Unersetzliches einfach herausgezogen. So wie bei Emily. Das fahle Mondlicht fiel durch die Baumkronen und spiegelte sich auf Maegnars schuppiger Haut. Die dunklen Schuppen wirkten beinahe metallisch, als wären sie aus schwarzem Stahl geformt worden. Seine tiefschwarzen Augen ruhten vollkommen emotionslos auf Liam. Dann begann Maegnar langsam zu grinsen. Nicht wie ein Drachar. Nicht natürlich. Es wirkte eher wie ein verzerrtes Zerren seiner Gesichtszüge – als hätte jemand das Konzept eines Lächelns gesehen und es falsch nachgebaut. Allein seine Anwesenheit ließ die Luft schwer werden. Selbst sein ruhiger Atem schien etwas Krankes an sich zu haben, als würde die Welt um ihn herum instinktiv verstehen, dass dieses Wesen nicht existieren sollte. „Ein Mooonster?" Seine Stimme war tief und gedehnt, beinahe singend. „So hat mich noch niiiemand genannt." Keine Wut lag darin. Keine Belustigung. Nicht einmal echtes Interesse. Nur diese leere, kalte Gleichgültigkeit. Liam ballte die Fäuste so fest, dass seine Fingernägel sich schmerzhaft in die Handflächen bohrten. Sein ganzer Körper bebte unter der Mischung aus Angst, Zorn und Verzweiflung. Und plötzlich sah er Emilys Gesicht vor sich. Ihr Grinsen. Ihre Stimme. Die Art, wie sie ihn vermutlich angeschrien hätte, wenn sie ihn jetzt sehen könnte. Sie hätte gewollt, dass er weglief. Dass er überlebte. Emily hätte niemals zugelassen, dass er sich sinnlos für sie opferte. Doch allein dieser Gedanke fühlte sich falsch an. Jeder Schritt weg von Maegnar würde bedeuten, Emily ungerächt zurückzulassen. Es fühlte sich feige an. Schwach. Trotzdem wusste Liam tief in seinem Inneren bereits die Wahrheit. Er konnte nicht gewinnen. Nicht gegen dieses Monster. „Scheiße…" fluchte er heiser. Fast augenblicklich schleuderte er eine Lichtkugel nach vorne. Das Geschoss raste durch die Dunkelheit und explodierte direkt vor Maegnar in einem grellen Blitz aus weiß-goldenem Licht. Für einen einzigen Moment wurde die gesamte Lichtung erhellt. Die Bäume. Die Leichen. Das Blut auf dem Boden. Und Maegnars Gestalt, die regungslos mitten im Licht stand – ohne zu blinzeln, ohne zurückzuweichen, als wäre das Licht nicht der Rede wert. Dann drehte Liam sich um und rannte. Sofort. Ohne nachzudenken. Er stolperte über einen der leblosen Körper am Boden und knickte schmerzhaft um. Ein stechender Schmerz schoss durch seinen Knöchel, doch Liam ignorierte ihn vollkommen. Sein Körper bewegte sich längst nur noch aus purem Instinkt. Die Luft fühlte sich schwer an wie Blei. Jeder Atemzug brannte in seiner Brust, sein Herz raste so heftig, dass ihm beinahe übel wurde. Trotzdem zwang er sich weiter. Immer weiter. Kurz bevor er die ersten Bäume erreichte, blickte Liam noch einmal zurück. Maegnar stand noch immer auf der Lichtung und lachte. Langsam hob der Drachar eine Hand und winkte ihm beinahe verspielt hinterher – eine kleine, fast beiläufige Geste, die sich tiefer in Liams Erinnerung einbrannte als alles andere in dieser Nacht. Dann verschlang der Wald ihn. Die dunklen Baumstämme zogen an ihm vorbei wie schwarze Schatten. Äste rissen an seiner Kleidung, Zweige zerkratzten seine Haut, und der unebene Boden brachte ihn mehrmals beinahe zu Fall. Doch Liam hörte nicht auf zu laufen. Nicht eine Sekunde. Und mit jedem einzelnen Schritt begann sich der blanke Horror in seinem Inneren langsam zu verändern. Er verschwand nicht. Er wurde zu etwas anderem. Zu Schuld. -------------------------------------------------------------------------- Leyla hatte Liam schweigend zugehört. Je länger er sprach, desto mehr verschwand ihre anfängliche Neugier und machte einem schweren Gefühl des Bedauerns Platz. Sie konnte sich Emily inzwischen erstaunlich gut vorstellen. Das freche Grinsen, von dem Liam gesprochen hatte. Ihre Sturheit. Die Art, wie sie ihn wahrscheinlich ständig herausgefordert hatte. Und vor allem erkannte Leyla etwas Vertrautes darin. Etwas von sich selbst. Vielleicht war genau das der Grund, weshalb Liam sie manchmal auf diese seltsame Weise ansah. Der Gedanke ließ ein unangenehmes Ziehen in ihrer Brust zurück. Emily tat ihr leid. Doch noch stärker fiel ihr etwas anderes auf. Die Angst. Liam versuchte sie zu verstecken, doch sobald der Name Maegnar fiel, veränderte sich seine Stimme beinahe unmerklich. Die lockere Art bekam Risse. Allein die Erinnerung an dieses Monster schien etwas in ihm auszulösen, das er kaum kontrollieren konnte. Und genau das machte Leyla traurig. Schon immer hatte sie den Drang verspürt, jedem zu helfen, wenn sie Leid sah. Selbst in ihrer alten Welt war sie nie besonders gut darin gewesen, einfach wegzusehen. Jetzt war es nicht anders. Sie trat langsam näher zu ihm. „Lass uns Emily ihren Frieden schenken." Einen Moment lang schwieg sie. „Ich weiß nicht, wie wir Maegnar besiegen sollen", gab sie schließlich ehrlich zu. „Aber wir finden einen Weg." Liam sah sie an. In seinem Blick lag etwas Dankbares, doch gleichzeitig zögerte er noch immer – als würde ein Teil von ihm bereits überzeugt sein, während ein anderer sich weiterhin verzweifelt dagegen sträubte. Leyla bemerkte es sofort. Ohne weiter darüber nachzudenken, trat sie einen Schritt näher und zog ihn vorsichtig in eine Umarmung. Liam versteifte sich zunächst leicht vor Überraschung. Doch nur für einen kurzen Moment. Dann ließ er es zu. Leyla spürte seinen Herzschlag gegen ihre Brust – unruhig, rastlos, als würde in ihm noch immer ein Sturm toben, den er seit einem Jahr mit sich herumschleppte. Langsam jedoch begann sich sein Atem zu beruhigen. Sein Herz schlug gleichmäßiger. Und für einige Sekunden standen sie einfach nur schweigend zwischen den Bäumen, während der Wind leise durch die Lichtung strich. Schließlich löste Leyla sich wieder von ihm und sah ihm direkt in die Augen. Sie wollte, dass er verstand, dass sie es ernst meinte. „Wir werden Emily rächen", sagte sie ruhig, aber mit fester Stimme. „Wir werden Maegnar töten. Und danach sammeln wir die Varellen." Liam hielt ihrem Blick stand. Die Unsicherheit war noch nicht vollständig verschwunden, doch langsam begann sich etwas in seiner Haltung zu verändern. Die Angst wich Stück für Stück zurück und machte Platz für etwas anderes – eine dunkle, brennende Entschlossenheit, die tiefer saß als Wut und beständiger war als Schmerz. Schließlich atmete Liam tief durch. „Du hast recht", murmelte er. „Lass uns diesen Bastard ein für alle Mal erledigen." Mit einer schnellen Bewegung sprang er auf und streckte sich, als wollte er die Schwere der Erinnerungen einfach abschütteln. Kurz darauf erschien wieder dieses typische Grinsen auf seinem Gesicht. „Vielleicht kann ich dich dabei als Köder benutzen", meinte er trocken. „Was hältst du davon?" Leyla runzelte die Stirn. Trotzdem konnte sie ein kleines Lächeln nicht unterdrücken. „Du bist wirklich unmöglich." Liam grinste noch einen Moment weiter – doch dann hielt er plötzlich inne und drehte sich noch einmal vollständig zu ihr um. Diesmal lag keine Ironie in seinem Gesicht. Keine Provokation. Nur unverstellte Ehrlichkeit. „Danke, Leyla", sagte er leise.
- Kapitel 3 - Die Lehren des ersten Tages
Leyla konnte nicht schlafen. —QUIETSCH— Ob es an den Stimmen und dem dröhnenden Gelächter lag, das aus der Taverne unter ihr nach oben schwappte, oder an dem Bett, das bei jeder kleinen Bewegung protestierend aufschrie – sie hätte es nicht sagen können. Vielleicht an beidem. Vielleicht auch an keinem von beiden. Mit jeder weiteren Minute wich ihre Müdigkeit den Gedanken. Und die Gedanken ließen sich nicht aufhalten. Was sollte jetzt aus ihr werden? Leylas Blick ruhte auf dem Gemälde an der Wand. Es zeigte eine Frau mit weißen Flügeln, ein Zepter in der Hand, die Kleidung vollständig weiß. Vielleicht ein Engel. Gab es hier überhaupt Engel? Abgesehen von dem Bild und dem Bett war das Zimmer beinahe leer. Neben dem Bett stand lediglich ein kleiner Nachttisch, auf dem eine Öllampe flackerte und den Raum in warmes, aber unruhiges Licht tauchte. Sie hatte bereits gebrannt, als Leyla das Zimmer betreten hatte, und sie hatte nicht daran gedacht, sie zu löschen. —QUIETSCH— Von unten drang besonders lautes Gelächter herauf. Tief, rau und schwer von Bier. „Vielleicht sollte ich auch wieder anfangen, Alkohol zu trinken?" Der Gedanke kam plötzlich – und verschwand genauso schnell wieder. Seit fast zwei Jahren hatte Leyla keinen Alkohol mehr angerührt. Der Auslöser war eine besonders schlimme Nacht mit Katja gewesen, bei der beide fast im Krankenhaus gelandet wären. Seitdem hatten weder sie noch ihre beste Freundin auch nur ernsthaft daran gedacht, wieder anzufangen. Nein, gerade jetzt brauchte sie einen klaren Kopf und nicht die kurze Betäubung, die der Alkohol versprach. Langsam griff sie in ihre Tasche und zog eine der Kupfermünzen hervor, die Roxy ihr gegeben hatte. Die Münze war rund, von kleinen Zacken umgeben. Auf ihrer Oberfläche war das Gesicht eines alten Mannes eingeprägt, dessen Blick eine merkwürdige Schwere hatte, als würde er zurückschauen. Nachdenklich drehte Leyla die Münze zwischen den Fingern. Dann wanderte ihr Blick zurück zu dem Gemälde, zu den weißen Federn – und sofort dachte sie an Katja. Ob sie die neue Folge ohne sie geschaut hatte? Ob sie sich Sorgen machte? Ob sie jetzt gerade auf dem Sofa saß und wartete, dass ihr Handy klingelte? Leyla vermisste sie. Besonders in Momenten wie diesem, wenn der Stress sie zu Entscheidungen drängte, die sie später bereuen würde, war Katja immer ihr Ruhepol gewesen. Jemand, der sie mit einer einzigen Bemerkung erden konnte, bevor sie sich selbst verlor. ,,Das sollte ich mir versuchen anzueignen.’’ Ob sie Katja jemals wiedersehen würde? Sie klammerte sich noch immer an die Hoffnung, bald nach Hause zurückzukehren. Vielleicht war dort kaum Zeit vergangen. Vielleicht konnte sie den Hund noch zum Tierarzt bringen und am Abend neben Katja auf dem Sofa sitzen, als wäre nichts gewesen. Doch tief in ihrem Inneren wusste sie, dass es vermutlich nicht so einfach werden würde. Diese Furcht saß still und schwer in ihr, wie etwas, das sie noch nicht laut denken wollte. —QUIETSCH— Leyla zuckte zusammen. Schweigend betrachtete sie die Münze in ihrer Hand. Das fremde Gesicht. Der eindringliche Blick. ,,Was soll ich nun tun?’’ fragte sich Leyla, während sie an das Gespräch mit Roxy zurückdachte, das erst einige Stunden zurücklag. -------------------------------------------------------------------------- „Ich muss also nach Malün?" fragte Leyla und leerte den Rest ihres Traubensafts in einem langen Schluck. „Malün?" Roxy grinste kurz, nahm einen Schluck von ihrem Bier, und fuhr dann fort. „Du meinst wohl Malyl." Leyla verzog leicht das Gesicht. „Es ist auf jeden Fall eine von drei Möglichkeiten", fuhr Roxy fort, „zumindest dann, wenn du mehr lernen willst." Sofort wurde Leyla aufmerksamer. Drei Möglichkeiten. Allein der Gedanke ließ sie ruhiger werden. Sie hatte es nie gemocht, nur einen einzigen Weg vor sich zu haben – keinen Spielraum, keine Wahl, kein Ausweichen. Roxy schien ihr die aufkeimende Neugier direkt anzusehen, denn sie sprach ohne Pause weiter. „Alternativ könntest du von Langfeld aus nach Osten reisen", erklärte sie. „Bis zum Dreispitzenpass. Der führt durch die Larifen direkt zur Kaiserstadt." Die Kaiserstadt. Allein der Name klang nach etwas Gewaltigem. Nach hohen Mauern und breiten Straßen und einer Größe, die man sich nur schwer vorstellen konnte, wenn man sie nie gesehen hatte. „Regiert dort der Kaiser?" fragte Leyla. Roxy nickte langsam. Dabei wurde ihr Gesichtsausdruck für einen kurzen Moment angespannt, kaum wahrnehmbar, doch Leyla bemerkte es. „Ja", antwortete sie ruhig. „Seit einem halben Jahr regiert Kaiser Verion III." Irgendetwas schien Roxy zu stören. Vielleicht war es die Art, wie sie den Namen ausgesprochen hatte. Oder vielleicht war es der kurze Schatten, der für einen Herzschlag durch ihren Blick gezogen war. Leyla bemerkte es. Entschied sich jedoch, nicht weiter nachzufragen. „Und was wäre für mich in der Kaiserstadt?" „Zum einen die Kaiserliche Akademie", erklärte Roxy. „Falls du dort angenommen wirst, erhältst du Zugang zur Reichsbibliothek – eine der bedeutendsten des gesamten Landes." Die Kaiserliche Akademie. Leyla versuchte sich vorzustellen, wie ein Studium in dieser Welt wohl aussehen würde. Ob es Vorlesungen gab, Bücher, Prüfungen – oder etwas völlig anderes? „Und was ist die dritte Option?" fragte sie schließlich. Roxys Miene wurde ruhiger. Ernster. Die Leichtigkeit der letzten Sätze war verschwunden. „Die dritte Möglichkeit", begann sie langsam, „wäre eine Reise nach Süden." Ein leiser Anflug von Sorge schwang in ihrer Stimme mit – nicht laut, aber spürbar. „Du müsstest durch den Grünwald reisen, bis hin zur Hafenstadt Inhantes. Dort gibt es ebenfalls eine große Bibliothek." Sie hielt kurz inne. „Allerdings ist dieser Weg der gefährlichste von allen dreien." Das Wort Hafenstadt ließ sofort etwas in Leyla aufsteigen, warm und schmerzhaft zugleich. Unweigerlich musste sie an Hamburg denken. An den Hafen im Herbst, wenn der Wind nach Salz und nassem Stein roch. An das Tuten der Schiffe in der Ferne, an das Kreischen der Möwen, an das vertraute Pulsieren einer Stadt, die nie wirklich zur Ruhe kam. An eine Welt, die sich gerade mit jedem Atemzug weiter von ihr zu entfernen schien. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ die Münze langsam über ihre Finger wandern. Drei Möglichkeiten. Sollte sie in die Kaiserstadt? Dort gab es vermutlich die besten Chancen, mehr über diese Welt herauszufinden. Vielleicht sogar einen Weg zurück nach Hause – irgendeinen Hinweis, irgendeinen Anfang. ,,Und vielleicht treffe ich ja einen heißen Prinzen oder eine süße Prinzessin.’’ Ein schwaches Schmunzeln huschte über ihr Gesicht, verschwand aber genauso schnell wieder. Doch wirklich dorthin wollte sie nicht. Allein der Gedanke an die Kaiserstadt fühlte sich erdrückend an – riesig, fremd, voller Menschen und Regeln und unausgesprochener Erwartungen. Und den Gedanken, erneut Jahre in einem langen Studium zu verbringen, mochte sie kaum zu Ende denken. Also doch Malyl? Anfangs hatte Inhantes sie gereizt. Eine Hafenstadt hatte wenigstens etwas Vertrautes an sich, etwas, an das sie sich innerlich hatte klammern können. Doch Roxy hatte unmissverständlich klargemacht, wie gefährlich der Grünwald war. Und auch Inhantes selbst sollte kein besonders sicherer Ort sein. Nachdenklich begann Leyla damit, sich mit den Fingernägeln über ihr rechtes Handgelenk zu kratzen. Erst nach einigen Sekunden bemerkte sie es. Sofort zog sie die Hand zurück und strich stattdessen mit den Fingern über den gezackten Rand der Münze, ruhig und gleichmäßig. „Ich muss aufpassen, dass ich mir das nicht wieder angewöhne." Malyl schien letztlich die vernünftigste Wahl zu sein. Der Weg galt als sicher, führte durch zahlreiche Dörfer, und sie wäre somit zumindest nicht völlig auf sich alleine gestellt. Sie würde in Gaststätten schlafen können, bei Händlern Vorräte einkaufen können. Es fühlte sich ohnehin so an, als hätte sie nie wirklich eine Wahl gehabt. Leyla seufzte leise. Sie hätte lieber die beste von drei guten Optionen ausgewählt, nicht die einzig gute. —QUIETSCH— Genervt verzog sie das Gesicht. „Scheiß Bett", murmelte sie leise. Sie drehte sich auf die Seite und ließ den Blick zum Nachttisch neben sich wandern. Die Öllampe flackerte noch immer, warf zitternde Schatten an die Wand. Darunter entdeckte sie eine kleine Klappe. Ob wohl etwas darin lag? Neugierig zog Leyla die Klappe auf. Darin lag ein altes Buch. Der ehemals weiße Einband war vergilbt und wellig an den Rändern, die goldene Schrift darauf bereits leicht verblasst – als hätte das Buch schon viele Nächte in genau diesem Nachttisch verbracht und auf genau diese Frage gewartet. Leise las Leyla den Titel. ,,Lehren des Kamerismus.’’ -------------------------------------------------------------------------- „Und so schuf Kamera, die Geflügelte, die Menschen und gab ihnen das Recht, über alle anderen Völker zu herrschen." Leylas Blick löste sich kurz von den vergilbten Seiten und wanderte zu dem Gemälde an der Wand. Zu der Frau mit den weißen Flügeln. Ob das Kamera darstellen sollte? Nach kurzem Grübeln las sie weiter. „Sie wies die Oger an, den Menschen mit ihrer Körperkraft zu dienen, befahl den Dracharen, ihr magisches Wissen mit den Menschen zu teilen, und gebot den Elfen, die Menschen mit ihrer Weisheit zu unterstützen." Leyla verzog angewidert das Gesicht. „Das klingt wie Sklaverei…" Unsicher betrachtete sie die Seiten. Konnte sie dem überhaupt vertrauen? Vielleicht war das nur eine Sammlung von Geschichten, die die Menschen hier sich erzählten, um die Welt ein wenig ordentlicher erscheinen zu lassen, als sie war. Und trotzdem ließ der Gedanke sie nicht los. Wenn das Buch recht hatte, dann existierten andere Völker wirklich. Elfen. Oger. Dracharen. Langsam stand Leyla auf und begann, unruhig im Zimmer auf und ab zu gehen, die Dielen knarrten leise unter ihren Schritten. „Was sind eigentlich Dracharen?" murmelte sie vor sich hin. „Sind das Drachen?" Ihre Gedanken wanderten zurück zu dem Mann auf dem Marktplatz. Dem Bettler mit dem Wolfskopf, der dort am Straßenrand gesessen hatte, als wäre das die normalste Sache der Welt. „War das dann ein Werwolf?" Allein der Gedanke jagte ihr einen Schauer über den Rücken, der sich bis in die Fingerspitzen zog. Sie entschied noch etwas weiterzulesen und blätterte zu einer zufälligen Seite: „Darum bete dreimal am tag. Bete am Morgen für den Tag, am Mittag für die Mahlzeit, am Abend für deinen Dank gegenüber Kamera." Leyla verdrehte die Augen. „Das klingt doch einfach wie eine schlechte Kopie des Christentums." Nach einigen weiteren Schritten ließ sie sich wieder auf das Bett fallen. —QUIETSCH— Genervt schloss sie kurz die Augen. Dann öffnete sie sie wieder und betrachtete einen weiteren Moment das Buch in ihrer Hand – die blassen Buchstaben, den abgenutzten Einband, die Gewissheit, mit der jemand diese Worte einmal zu Papier gebracht hatte. Dann legte sie es zurück auf den Nachttisch. Und trotzdem kreisten ihre Gedanken weiter. Ob sie irgendwann einem Elfen begegnen würde? Für einen kurzen Moment breitete sich etwas Warmes in ihrer Brust aus. Doch genauso schnell verschwand es wieder. Irgendetwas legte sich wie ein Schatten über Leylas Geist. Irritiert runzelte sie die Stirn, dann fiel es ihr ein: Katja hätte Elfen geliebt. Schon allein dieser Gedanke ließ Leylas Brust schmerzhaft eng werden. Sie vermisste ihre beste Freundin mehr, als sie sich eingestehen wollte – die Art, wie Katja in solchen Momenten gelacht hätte, breit und ungezähmt, und wie sie sofort angefangen hätte, sich Namen für die Elfen auszudenken. Wenn Katja doch nur hier wäre… Langsam zog Leyla die Beine an ihre Brust und rollte sich unter der dünnen Decke zusammen, als könnte sie sich so etwas kleiner machen. Ihre letzten Gedanken galten Katja. Dann schlief sie endlich ein.
- Kapitel 1 - Morgensonne
Prolog Dreizehn. Das war die Anzahl der Steine, die auf dem Tisch lagen. Dreizehn dunkle Steine, überzogen mit frischen Runen, deren Linien im fahlen Licht fast den Anschein erweckten, als würden sie atmen. Jeder von ihnen trug etwas in sich, das sich nicht benennen ließ. Und doch war da etwas. Unausgesprochen. [???] ,,Bist du dir sicher, Bruder?’’ Die Stimme neben ihm war ruhig, beinahe sanft – und doch lag darunter dieser unverkennbare Stolz. Jener scharfe, durchdringende Stolz, der niemals verborgen und niemals gezügelt wurde. Er hob langsam den Blick. Einen Moment lang sah er in die Augen. Dann griff er wortlos nach den Steinen und ließ sie einen nach dem anderen in den ledernen Beutel gleiten. Das dumpfe Klacken, mit dem sie aufeinandertrafen, verlor sich im Raum, ohne nachzuhallen. „Ja", sagte er. „Ich bin mir sicher, Schwester." Er hielt kurz inne. Seine Stimme wurde tiefer. „Ich bin mir schon sehr lange sicher." Viel zu lange. Ein Seufzen entwich ihm, doch es war weder schwer, noch erschöpft. Nur abschließend. Er wandte sich vom Tisch ab und trat langsam auf das Fenster zu. „Du verlässt deinen Platz", warnte die Stimme. Nun lag in ihr keine Ruhe mehr. Nur eine gewisse Kälte. „Du weißt, welche Konsequenzen das nach sich ziehen wird." Er antwortete nicht. Mit einer langsamen Bewegung öffnete er das Fenster. Kalte Morgenluft drängte sofort in den Raum. Draußen lag das Reich, das als seins galt. Der See erstreckte sich weit unter ihm, still und vollkommen glatt. Das Licht der Morgensonne spiegelte sich auf der Wasseroberfläche – blasses, farbloses Gold, das keine Wärme in sich trug. Feine Nebelschleier trieben träge über dem Ufer. In der Ferne ragten Türme empor, aus der Nähe gewaltig, aus dieser Höhe nur Striche gegen einen leeren Himmel. Er betrachtete alles schweigend. Dann trat er auf die Fensterkante. Hinter ihm erklang noch einmal die Stimme – leiser diesmal, doch nicht weniger scharf. „Das ist keine Freiheit." Er schloss für einen Moment die Augen. Dann sprang er. Der Wind griff sofort nach ihm, doch noch bevor die Schwerkraft ihn erfassen konnte, breiteten sich gewaltige schwarze Flügel hinter ihm aus. Ein einziger Schlag – und er stieg hinauf. Immer höher. Fort von dem See. Fort von der Stimme. Fort von allem. -------------------------------------------------------------------------- ,,Please allow me to introduce myself…’’ —KLICK— Leyla schaltete ihren Wecker aus. „Sympathy for the Devil" von den Rolling Stones. Es war das Lieblingslied ihrer Mutter gewesen. Damals, als sie noch gemeinsam in der engen Küche getanzt hatten, die Hände ineinandergeschlungen und das Radio viel zu laut aufgedreht. Nächtelang hatten sie Filme geschaut, sich ins Sofa gekuschelt, über Dinge geredet, die eigentlich keine Bedeutung hatten – und doch alles bedeuteten. Eine Zeit, die sich inzwischen fremd anfühlte. Leyla wollte das Gesicht ihrer Mutter noch einen Herzschlag lang festhalten – doch das Bild zerfiel, ehe es sich schärfen konnte, wie Rauch, der sich im Wind auflöst. Missmutig öffnete sie die Augen und richtete sich langsam auf. Ihr Blick glitt zu der freien Seite ihres großen Betts. Sie hatte es sich zu Beginn ihres Kunststudiums gekauft, getragen von stillen Hoffnungen und romantischen Vorstellungen, es irgendwann mit jemandem zu teilen. Doch bisher hatten nur ihre Kuscheltiere die andere Hälfte der Matratze für sich beansprucht. Mit verschlafenen Schritten schlurfte sie zum Fenster und zog den Vorhang beiseite. Draußen lag der kleine Park, der ihre Wohnung von der Busstation trennte, still und friedlich im goldenen Licht des frühen Morgens. Frisches Grün wiegte sich sanft im Wind, irgendwo zwitscherten Vögel ihr morgendliches Konzert. Es war einer dieser klaren Maitage, an denen man das Gefühl bekam, dass der Sommer endlich zurückgekehrt war. Leyla lehnte sich einen Moment gegen den kühlen Fensterrahmen, atmete tief ein und ließ den Atem langsam wieder entweichen. Dann wandte sie sich ab. Mit einem leisen Seufzen streckte sie sich, bis ihre Schultern laut knackten, und begann sich anzuziehen. Heute wollte sie endlich ihren neuen Hoodie tragen. Der gestrige Ausflug mit Katja hatte sich mehr gelohnt, als sie erwartet hatte. Katja war bei ihrem Einzug nur ihre Mitbewohnerin gewesen – doch irgendwann, ganz unbemerkt und selbstverständlich, hatte sich das verändert. Leyla konnte nicht einmal mehr sagen, wann genau es passiert war. Sie hatte es einfach eines Tages begriffen: Katja war längst ihre beste Freundin. Ein kurzer Blick auf die Uhr genügte, um jede Spur morgendlicher Ruhe in einem Atemzug zu zerstreuen. „Scheiße." Hastig griff Leyla nach ihrem Rucksack. Sorgfältig schob sie ihr neues Kunstwerk hinein – das Gemälde von ihr und Katja in einem Vogelkäfig. Bei dem Anblick musste sie leicht grinsen. Noch halb im Stress eilte sie zur Tür. Im Vorbeigehen fiel ihr Blick auf den Spiegel an der Wand, der seit Wochen schief hing und so wirkte, als würde er jeden Moment in die Tiefe stürzen. „Heute Abend hänge ich ihn endlich richtig auf." Mit diesem Gedanken öffnete sie die Tür zum Wohnzimmer. -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Guten Morgen, Leyla. Gut geschlafen?’’ Katjas fröhliche Stimme empfing sie, noch bevor Leyla die Zimmertür ganz geöffnet. Das warme Morgenlicht fiel schräg durch die Fenster und legte sich weich über Katjas blonde Haare, die ihr locker über ihre Schultern fielen. Leyla nickte leicht. „Ganz okay. Und du?" „Erstaunlich gut", antwortete Katja mit ihrem typischen Grinsen. Auch Katja hatte ihr Outfit vom gestrigen Shoppingtag ausgewählt. Sie trug ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift „Summer Girl" und dazu eine neue hellblaue Jeans, die überraschend gut zu ihr passte. Mit sichtlicher Zufriedenheit hielt sie Leyla eine dampfende Tasse entgegen. „Kaffee? Frisch gemacht." Leyla schüttelte den Kopf. „Nein. Ich will mit dem Koffein aufhören." „Schon wieder?" Katja zog skeptisch eine Augenbraue hoch. Leyla ignorierte den Blick ihrer Freundin. In den letzten Monaten hatte sie sich angewöhnt, morgens zwei – manchmal sogar drei – Tassen Kaffee zu trinken. Das war der Preis für die langen Nächte gewesen, in denen sie an ihren Bildern gearbeitet hatte. Und doch hatte sich die Mühe gelohnt: Das Geld, das sie dabei verdient hatte, würde ihr nächsten Monat endlich ein neues Fahrrad bescheren. Kein Warten mehr an überfüllten Haltestellen, kein Hetzen mehr, um den Bus zu kriegen. Bezahlt hatte sie bereits. Leyla griff nach ihrem Schlüsselbund und öffnete die Wohnungstür. Im Türrahmen drehte sie sich noch einmal um. „Schauen wir heute Abend die neue Folge?" „Klar", antwortete Katja sofort, während sie die Brötchen aus dem Ofen holte. Der Duft von warmem Brot breitete sich augenblicklich durch die ganze Wohnung aus. Es war längst zu einem festen Ritual geworden, jeden Montag gemeinsam die neue Folge von „Graue Federn" zu schauen. Für Leyla war die Serie inzwischen mehr als bloße Unterhaltung. Besonders Alex faszinierte sie – der Vampir mit seiner ruhigen, undurchdringlichen Art und den dunklen Augen, die immer so wirkten, als würden sie etwas sehen, das alle anderen übersahen. „Dann bis später", rief Leyla schließlich und trat hinaus auf den Hausflur. Die Wohnungstür fiel hinter ihr ins Schloss. -------------------------------------------------------------------------- Während Leyla durch den Park lief, öffnete sie den Brief, den sie eben aus dem Briefkasten gefischt hatte. Das Papier knisterte leise zwischen ihren Fingern, während ihr Blick die Zeilen überflog. „Wieder eine Mahnung", murmelte sie genervt und stopfte den Brief zurück. Sie würde wohl erneut ihren Vater bitten müssen, die Rechnung für sie zu begleichen. Der Gedanke hinterließ einen bitteren Nachgeschmack. Zwar verstand sie sich noch immer gut mit ihm – aber sie hasste das Gefühl, immer wieder abhängig von ihm zu sein. —WRUMM— Der Motor des Busses heulte auf. Gerade noch rechtzeitig erreichte Leyla den Parkzaun – nur um dabei zuzusehen, wie sich der Bus bereits lautlos von der Haltestelle entfernte. Schwer atmend blieb sie stehen und blickte ihm hinterher. Sie würde wieder zu Fuß zur Universität laufen müssen. Mit der Zeit wurde ihr Schritt jedoch ruhiger. Die Anspannung fiel langsam von ihr ab, während die warme Morgensonne auf ihre Haut schien und ein leiser Wind durch die Bäume strich. Das entfernte Rauschen der Stadt klang gedämpft, fast friedlich, als hätte jemand den Lautstärkeregler der Welt ein wenig heruntergedreht. Es dauerte nicht lange, bis sie die Brücke erreichte, die sie jeden Tag mindestens zweimal überquerte. Für einen kurzen Moment blieb Leyla stehen und ließ den Blick über den Fluss wandern. Das Wasser glitzerte träge im Sonnenlicht. Bald würde man hier wieder schwimmen können. Da bemerkte sie etwas am Ufer. Einen Hund. Leyla kniff leicht die Augen zusammen. Das kleine Tier bewegte sich unruhig und schien irgendwo festzuhängen – vielleicht in einem Netz? Ohne groß nachzudenken lief sie über die Brücke, kletterte über die Absperrung und begann vorsichtig die Böschung hinabzusteigen. —RATSCH— Das Geräusch ließ sie sofort zusammenzucken. Leyla blickte kurz an sich herunter. Ihr neuer Hoodie war am Ärmel aufgerissen worden. „Scheiße, warum passiert sowas immer mir?" fluchte sie leise. Trotzdem verlangsamte sie ihren Schritt nicht. Sie konnte das Tier unmöglich einfach dort unten zurücklassen. Vorsichtig arbeitete sie sich weiter durch dichtes Gestrüpp und hängende Äste. Während sie sich durch die letzten Zweige zwängte, begann ihre rechte Schläfe unangenehm zu pochen. Ein stechender Schmerz breitete sich langsam aus, als würde etwas tief hinter den Knochen drücken. Leyla ignorierte es und kniete sich vor den Hund. Es war eine Terriermischung – erstaunlich ähnlich zu dem Hund, den ihre Eltern ihr früher als Kind geschenkt hatten. Das Tier wich ängstlich zurück und beobachtete sie mit angespannten, misstrauischen Augen. „Keine Angst. Ich helfe dir." Ihre ruhige Stimme schien etwas in ihm zu lösen. Nach kurzem Schnüffeln ließ er Leyla schließlich näher heran. Jetzt erkannte sie das Problem. Der Hund hatte sich wirklich in einem kleinen Netz verfangen und humpelte leicht mit einem Hinterbein. Leyla versuchte zunächst, die Maschen mit den Händen auseinanderzuziehen, doch das Material gab keinen Millimeter nach. Sie hielt inne, ließ den Blick über das Ufer gleiten und entdeckte schließlich einen spitzen Stein zwischen Schlamm und Kieseln. Zügig hob sie ihn auf und begann damit, den Strang Stück für Stück zu durchtrennen. Das Material spannte sich unter dem Druck, bis es nach kurzer Zeit mit einem leisen Reißen nachgab. Das Netz fiel auseinander. „Alles gut. Du bist frei. Jetzt bringen wir dich noch zum…" Mitten im Satz gaben plötzlich ihre Knie nach. ,,Huch?!’’ Hart landete Leyla im feuchten Schlamm. Sofort begann sich alles um sie herum zu drehen. Das Pochen an ihrer Schläfe schwoll zu einem brennenden Schmerz an, der ihr den Atem raubte und die Gedanken auflöste. Benommen versuchte sie noch, ihr Handy aus der Tasche zu ziehen, doch ihre Finger gehorchten ihr kaum noch. Sie spürte die nasse Zunge des Hundes auf ihrer Hand. Ein letzter Gedanke an Katja schoss ihr durch den Kopf. Dann wurde alles schwarz.
- Kapitel 220 - Das Ende der Nacht
Die Wellen des Meeres brachen unaufhörlich gegen die zerklüfteten Felsen, auf denen Leyla stand. Gischt stieg in feinen Schleiern auf, wurde vom Wind erfasst und trieb als kalter, beißender Nebel über die Küste hinweg, ließ sich auf ihrer Haut nieder wie eine zweite, unsichtbare Schicht. Von hier oben hatte sie einen klaren Blick auf Randurin. Oder das, was davon übrig war. Die Stadt war nicht einfach beschädigt worden, sie war vollständig zerstört. Straßen existierten nicht mehr als zusammenhängende Linien, sondern nur noch als Fragmente zwischen Trümmerfeldern, die ineinanderflossen, ohne Grenze und ohne Ordnung. Mauern waren eingestürzt, Türme zerborsten, und kaum ein Gebäude hatte seine ursprüngliche Form behalten. Die wenigen Häuser, die den Flammen entgangen waren, hatte das Wasser schließlich niedergerissen, als es mit zerstörerischer Wucht über die Küste hinweggerollt war. Wellen, die nicht natürlich gewesen waren. Wellen, die auf Leylas Magie zurückgingen. Sie ließ den Blick über das Ausmaß der Zerstörung gleiten, ohne ihn abzuwenden, ohne zu versuchen, sich davon zu distanzieren, sich hinter einem bequemen Gedanken zu verstecken. Es war ein Anblick, den man nicht ignorieren konnte, und sie tat es auch nicht. ,,Die zweite Stadt, die ich mit dem Runenstein des Meeres zerstört habe'', stellte sie schließlich fest, ein leichtes Schmunzeln auf den Lippen, das nicht ganz zu der Szene passte, die sich vor ihr ausbreitete – oder vielleicht doch, auf eine Art, die sie selbst nicht erklären konnte. Eine kleine Bewegung riss sie aus dem Moment. Vinessa knuffte sie empört gegen das Handgelenk, nicht stark, aber deutlich genug, um eine Reaktion zu erzwingen, und mit einer Entschlossenheit, die ihre winzige Gestalt weit übertraf. ,,Du kannst dir nicht die Schuld dafür geben. Randurin war schon vorher verloren.'' Ihre Stimme war ernst, beinahe tadelnd, als wolle sie verhindern, dass Leyla einen Gedanken zu Ende führte, der in eine Richtung ging, die sie nicht akzeptieren wollte und der keine Antwort geboten hätte, die ihr geholfen hätte. Leyla schwieg einen Moment. Es stimmte. Das Feuer war bereits da gewesen, bevor sie eingegriffen hatte. Yang, oder jemand anderes, hatte die Stadt entzündet, hatte den Prozess begonnen, der schließlich in vollständiger Zerstörung geendet hatte, als wäre das Ende immer schon von Anfang an geplant gewesen. Und doch… Leylas Blick senkte sich. Unterhalb der Felsen lag der Körper. Yangs Leichnam war vom Wasser an die Küste getragen worden und ruhte nun zwischen nassen Steinen, halb vom Meer umspült, halb vom Land gehalten, irgendwo zwischen zwei Welten, die sich nicht einigen konnten, wohin sie gehörte. Die Wellen berührten sie immer wieder, als würden sie den Körper zurückholen wollen, als gehöre er noch immer dorthin. Leyla betrachtete ihn lange. Sie empfand nichts für Yang. Keine Dankbarkeit, keine Sympathie, keine Form von persönlicher Bindung, die sich über das Gespräch mit einer Toten hätte erstrecken können. Zwischen ihnen hatte nie etwas existiert, das über Kampf und Hierarchie hinausgegangen wäre. Und doch fühlte es sich falsch an, sie einfach dort unten zu lassen, zwischen den Steinen, vom Wasser berührt und von niemandem gesehen. ,,Wie gedenkst du die Situation mit Zensa und Alexandra zu lösen?’’ Vinessas Frage durchbrach die Stille, lenkte Leylas Aufmerksamkeit für einen Moment weg von dem reglosen Körper zu ihren Füßen und zurück in die Gegenwart, in der noch andere, wichtigere, Entscheidungen zu treffen waren. Leyla schüttelte leicht den Kopf, während sie den Leichnam Yangs mit ihrer Magie zu sich auf den Felsen hob. ,,Für den Anfang gar nicht. Ich gehe nach Eratula, daran hat sich nichts geändert. Wenn wir uns wiedersehen, werde ich schon wissen, was zu tun ist.'' Die Antwort kam ruhig, ohne sichtbares Zögern. Es war keine endgültige Lösung, sondern ein bewusster Aufschub, eine Entscheidung, sich jetzt nicht damit zu befassen, weil jetzt nicht der Moment dafür war. Vinessa musterte sie einen Augenblick lang, sorgfältig und ohne Eile, dann scheinbar zufrieden mit dem was sie sah, löste sich sich vom Boden und begann, in kleinen, leichten Kreisen um Leylas Kopf zu schwirren, ihre Bewegung fast verspielt, als würde sie die Schwere des Moments bewusst nicht weiter anwachsen lassen wollen. Leylas Blick kehrte zu Yang zurück. Noch einen Moment blieb sie stehen, betrachtete die reglose Gestalt. Dann handelte sie. Sie ließ ihr Mana fließen. Der Runenstein der Heilung reagierte sofort. Die Spuren des Kampfes verschwanden, Verletzungen schlossen sich, Gewebe wurde erneuert, bis der Körper wieder makellos dalag, als hätte die Gewalt, die ihn zerstört hatte, nie Geltung besessen. Dann griff der Runenstein der Erde ein. Die zerrissene Kleidung fügte sich wieder zusammen, Stoffe glätteten sich und nahmen ihre ursprüngliche Form zurück. Nur die Farbe änderte sich, nicht aus Notwendigkeit, sondern aus einer bewussten Entscheidung heraus. Das Weiß wich einem klaren Himmelblau, ein stiller, beinahe unscheinbarer Akzent, den Leyla setzte – und der ihr allein gehörte. Ein Moment der Ruhe folgte, getragen vom gleichmäßigen Rauschen des Meeres. Dann sprach sie. ,,Du, Vinessa?’’ Die kleine Fee ließ sich auf ihrer Schulter nieder, ihre Bewegung sanft und vertraut, ihre Präsenz warm und unveränderlich. ,,Ja, Leyla?'' Leyla blickte noch einmal auf das Meer hinaus, auf die Wellen, die weiterhin gegen die Felsen schlugen, gleichmäßig und unbeeinflusst von allem, was geschehen war, als hätte die Welt keine Notiz davon genommen. Dann antwortete sie. ,,Ich bin froh, dass du bei mir bist.’’ -------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Admiral, was sind Ihre Befehle?’’ Frederico di Lorenzo wandte sich langsam zu Bendito um. Der Lupid stand aufrecht vor ihm, die Haltung diszipliniert, der Blick fest auf seinen Vorgesetzten gerichtet. In seinen Augen lag keine Unsicherheit, nur Erwartung – und eine Loyalität, die keine Erklärung brauchte, um sich mitzuteilen. Er wartete nicht auf eine Rechtfertigung, sondern auf eine Richtung. Frederico erwiderte den Blick einen Moment lang, sagte jedoch nichts. Stattdessen wandte er sich wieder ab und trat näher an die Fensterscheibe der Kajüte heran. Vor ihm lag das Meer, unruhig, aufgewühlt, als hätte die See noch nicht zur Ruhe gefunden, als würde sie das Nachbeben dessen verarbeiten, was über ihr geschehen war. Und dahinter… Randurin. Oder das, was davon übrig geblieben war. Er hatte die Stadt zwei Wochen lang blockiert. Kein Schiff hatte sie erreicht, keine Hilfe war durchgekommen. Jeder Versuch, den Schwarzen Stern zu versorgen, war gescheitert, noch bevor er überhaupt eine Chance gehabt hatte, sich zu entfalten. Es war ein sauber geführter Einsatz gewesen, präzise, kontrolliert, nach jeder Regel eines Mannes geführt, der weiß, was er tut. Und nun war nichts mehr übrig. Und noch dazu… ,,Admiral, die Crew fordert eine Entscheidung. Wir stehen loyal hinter Euch, das wisst Ihr hoffentlich.'' Benditos Stimme riss ihn aus seinen Gedanken, blieb jedoch ruhig, respektvoll und ohne jede Spur von Druck. Es war keine Forderung, sondern eine Erinnerung daran, dass sie bereit waren, in jede Richtung zu folgen, die er wies. Frederico atmete langsam aus. ,,Ich werde gleich zur Crew sprechen. Bitte halte sie hin, Bendito.'' Der Lupid nickte knapp, ohne weitere Nachfrage, und verließ die Kajüte mit festen, gleichmäßigen Schritten. Die Tür schloss sich hinter ihm, und für einen kurzen Moment war Frederico allein mit dem Rauschen des Meeres und dem, was er nicht vergessen konnte. Er trat noch näher an das Fenster heran. Sein Blick verharrte auf der Küstenlinie, auf den rauchenden Resten der Stadt, die sich dunkel und gebrochen gegen den Horizont abzeichneten. Doch was er wirklich sah, lag nicht dort draußen. Er hatte den Kampf beobachtet. Jede Bewegung, jede Eskalation, jeden Moment, in dem das Gleichgewicht der Kräfte sich verschoben hatte. Leyla. Dieselbe Frau, die ihm einst den Ruhm genommen hatte, den er sich im Krieg gegen die Tabakinseln hatte sichern wollen. Derselbe Name, der sich mit dem Tod seines Bruders verbunden hatte wie eine Narbe, die nicht verblassen wollte. Leandro. Fredericos Blick verhärtete sich unmerklich. ,,Bruder…’’ Die Erinnerung kam klar und unverfälscht, als hätte sie nur darauf gewartet, wieder aufgerufen zu werden. Das letzte Gespräch, das sie geführt hatten, bevor sich ihre Wege getrennt hatten, bevor aus Abschied Endgültigkeit geworden war. ,,Geh in den Keller unseres Anwesens. Frag die Sonne nach dem Ende der Nacht.’’ Bis heute hatte Frederico nicht verstanden, was Leandro damit gemeint hatte. Die Worte hatten sich nie vollständig erschlossen, waren ein Rätsel geblieben, das sich keiner Deutung öffnete, egal wie oft er es von allen Seiten betrachtete. Und nun war Leandro tot. Gestorben als Reichsverräter, hingerichtet von derselben Person, die er eben noch hatte kämpfen sehen, hoch über dem brennenden Randurin. Frederico ließ den Blick erneut über das Meer gleiten, über die träge Unruhe des Wassers, über die Küste, die aussah wie das Ende von etwas. ,,Yang ist tot. Wer weiß, was aus dem Kaiserreich wird.’’ Die Worte waren leise gesprochen, beinahe mehr Gedanke als Aussage, in die stille Kajüte hinein, die keine Antwort gab. Yang war nicht nur eine Kämpferin gewesen, sondern ein Pfeiler, auf den das gesamte Gefüge sich stützte, ohne dass die meisten es je ausgesprochen hätten. Ihr Tod war kein isoliertes Ereignis. Er war eine Zäsur. Ein Machtvakuum. Und eine Gelegenheit. Frederico hatte seine Entscheidung bereits getroffen, noch bevor er sich von der Fensterscheibe löste, noch bevor er den ersten Schritt in Richtung Tür gemacht hatte. Er wandte sich ab, verließ die Kajüte und trat hinaus an Deck. Die Crew hatte sich bereits versammelt, Männer und Frauen standen in geordneten Reihen, die Aufmerksamkeit vollständig auf ihn gerichtet, still und bereit. Frederico trat vor sie, ließ den Blick einen langen Moment über die Gesichter gleiten, von Reihe zu Reihe, als wolle er jeden Einzelnen in seinem Entschluss bestätigen wissen. Dann sprach er. ,,Männer und Frauen. Wir segeln in die Kaiserstadt!'' -------------------------------------------------------------------------- Der Sarg bestand aus Schwarzholz, einem Material, das selbst unter seltenen Hölzern hervorstach. Sein dunkler Ton wirkte nicht nur tief, sondern beinahe lichtverschluckend, als würde er jede Reflexion in sich aufnehmen und nichts davon zurückgeben, als wäre er nicht aus Holz gefertigt, sondern aus Stille. Dieses Holz stammte aus dem Denja-Dschungel, von einem Ort nahe Jidars, an dem selbst die Natur eine andere Schwere zu besitzen schien, als würden die Bäume dort nicht einfach wachsen, sondern etwas tragen. Das Innere war sorgfältig ausgekleidet. Unter Yangs Kopf lag ein weiches Kissen aus Daunen, dessen helle Oberfläche einen stillen Kontrast zu dem dunklen Rahmen bildete, während ihre Hände auf der Brust ruhten, ihre Finger umschlossen Edelblüten. Weiße Blüten, makellos, deren Bedeutung Leyla noch genau erinnerte – ein ehrenhaftes Leben, ein würdiger Abschied. Eroica hatte ihr das einst erklärt, in einer Zeit, in der solche Rituale noch wie entfernte Praktiken gewirkt hatten, wie Dinge, die andere betrafen und nicht sie. Nun stand sie vor ihr. Yang lag friedlich im Sarg, die Augen geschlossen, der Ausdruck entspannt, losgelöst von allem, was geschehen war, als hätte der Tod ihr etwas zurückgegeben, das der Kampf ihr genommen hatte. Ihre Haut schimmerte sanft, unversehrt, kein Zeichen der Gewalt, kein Hinweis auf das Ende, das sie gefunden hatte. Es war ein Bild von absoluter Vollkommenheit, das nicht zu dem passte, was Leyla wusste. Unter anderen Umständen hätte das Ergebnis anders ausgesehen. Ohne Fluch. Ohne Einschränkungen. Yang wäre ihr überlegen gewesen. Dieser Gedanke kam nicht als Zweifel, sondern als einfache Feststellung, die sich nicht verdrängen ließ und auch nicht verdrängt werden durfte. ,,Ich muss stärker werden.’’ Leyla stand still, während sich dieser Entschluss in ihr festsetzte, ruhig und ohne Aufhebens, wie etwas, das schon immer da gewesen war und sich nun lediglich in Worte gefasst hatte. Neben ihr schwebte Vinessa, ungewohnt still, ihre sonst so lebhafte Art gedämpft, als würde sie die Bedeutung dieses Moments verstehen und ihr keinen Widerstand entgegensetzen wollen. Sie hatten den Sarg mit sich genommen, fort von den Ruinen Randurins, hinaus auf das Meer, bis zu einer kleinen Eisinsel, die wie ein einsamer, unbeanspruchter Punkt auf der Wasseroberfläche trieb. Hier war es stiller. Der Wind war schwächer, das Wasser ruhiger, beinahe gedämpft, als hätte die Umgebung diesen Ort für etwas anderes vorgesehen als Zerstörung, als hätte er seit jeher gewartet. Leyla trat einen Schritt näher. Ihre Worte kamen ruhig, klar, ohne jeden Anflug von Pathos. ,,Ich habe deine Macht stets respektiert. Deine absolute Beherrschung. Ich habe viel von dir gelernt. Ruhe in Frieden.'' Es war keine lange Rede. Nur das, was sie als notwendig empfand, und nicht ein Wort mehr. Mit einem leichten, gezielten Impuls ließ sie ihr Mana in das Wasser fließen. Die Oberfläche reagierte sofort, schob sich sanft unter den Sarg und begann, ihn zu tragen, mit einer Sorgfalt, die das Meer sonst nicht kannte. Langsam glitt er von der Eisfläche hinab auf das offene Gewässer, wurde von den Wellen aufgenommen, die sich ungewöhnlich ruhig verhielten, als würden sie sich diesem Moment anpassen, als hätten sie verstanden, dass hier etwas anderes gefragt war als ihre gewöhnliche Gleichgültigkeit. Das Schwarzholz reagierte ebenfalls. Ohne äußeres Eingreifen begannen sich die Platten zu verschieben, schlossen sich sauber, nahtlos, bis der Deckel vollständig versiegelt war, als hätte das Material gewusst, was von ihm erwartet wurde. Dann ließ Leyla ihn sinken. Nicht abrupt, sondern kontrolliert, mit derselben Sorgfalt, mit der sie ihn getragen hatte. Das Wasser gab den Weg frei, ließ den Sarg tiefer gleiten, langsam und ohne Hast, bis er in der Dunkelheit unter der Oberfläche verschwand. Dort unten reagierte die Erde. Der Meeresboden öffnete sich, formte einen Raum, der den Sarg aufnahm, bevor sich das Gestein wieder schloss und ihn endgültig umhüllte, fest und absolut. Ein Grab, verborgen und unangetastet. Für immer. Leyla verharrte einen Moment, blickte auf die Stelle, an der er verschwunden war, als könnte sie ihn noch sehen, als könnte die Aufmerksamkeit allein den Abstand überbrücken, der sich in Wirklichkeit längst zwischen ihnen geöffnet hatte. Dann wandte sie sich ab. Ihr Blick fiel auf Vinessa, die nun wieder etwas näher an sie herangekommen war, still und abwartend. Auch sie hatte gewusst, dass dieser Moment eine Grenze war, nach der etwas Neues beginnen würde. ,,Lass uns aufbrechen. Auf nach Eratula.’’ Ende von Ark VI
- Kapitel 219 - Yang
—KNACK— Die Frucht am Lebensbaum gab nach, zunächst kaum hörbar, dann mit einem klaren, sich langsam ausbreitenden Geräusch, das durch die gesamte Umgebung zog, als hätte der Baum selbst diesen Moment ankündigen wollen. Die Oberfläche spannte sich, riss entlang feiner, vorgezeichneter Linien auf und begann sich zu öffnen, Schicht für Schicht, ohne Hast, ohne Zögern, als würde etwas im Inneren ganz bewusst den richtigen Augenblick abwarten. Umat stand davor, reglos, doch vollkommen aufmerksam, jede Veränderung in der Umgebung registrierend. Vor ihm erhob sich der Lebensbaum in seiner vollen Größe, ein gewaltiges, uraltes Gebilde, dessen Existenz weit über die der einzelnen Leben hinausging, die aus ihm hervorgegangen waren. Jeder Wacal hatte hier seinen Ursprung, war aus einer solchen Frucht hervorgetreten, getragen von einer Ordnung, die sich niemals verändert hatte. Bis jetzt. Es war lange her, seit sich zuletzt eine Frucht geöffnet hatte. Zu lange, um es noch als Zyklus zu betrachten. Und unter den Wacal war längst ein stilles Verständnis entstanden, ein Wissen, das niemand aussprach und doch jeder trug. Dieses Kind würde das letzte sein. Umat trat einen Schritt näher, nicht hastig, sondern mit Bedacht, als würde er sich einem Moment nähern, der größer war als er selbst und größer als alles, was er je erlebt hatte. Seine Arme hoben sich leicht, vorbereitet auf das, was folgen sollte, bereit, das Neugeborene aufzufangen, so wie es immer geschehen war, so wie die Ordnung es vorsah. Dann zeigte sich Bewegung im Inneren der Frucht. Eine kleine Hand schob sich durch die Öffnung, zart und doch vollkommen geformt, als wäre sie nie Teil eines unfertigen Zustands gewesen, als hätte sie niemals zu etwas gehört, das noch nicht bereit war. Für einen Augenblick verharrte alles, als würde selbst die Zeit diesen Anblick würdigen, als wäre sie bereit, innezuhalten. Dann löste sich das Kind. Ein Mädchen glitt aus der Frucht, ihr Körper vom sanften Leuchten des Baumes umgeben, ihr Haar ein dichter, schwarzer Afro, ihre Haut makellos, ohne jeden Bruch, ohne jede Spur von Unreinheit. Sie war neu – und zugleich absolut vollkommen, als wäre das eine dem anderen als Konsequenz gefolgt. Doch sie fiel nicht. Noch bevor sie Umats ausgestreckte Arme hätte erreichen können, hielt sie inne, als hätte die Schwerkraft schlicht keinen Anspruch auf sie. Ihr Körper blieb in der Luft, ruhig, stabil, getragen von einer Kraft, die nicht sichtbar war, aber mit einer Eindeutigkeit existierte, die jeden Zweifel ausschloss. Langsam drehte sie sich, ließ den Blick über ihre Umgebung gleiten, als würde sie sie nicht zum ersten Mal sehen, sondern lediglich bestätigen, was sie längst wusste. Umat ließ seine Arme sinken. Seine Haltung blieb gefasst, doch sein Blick verriet, dass dieser Moment allem widersprach, was er erwartet hatte, was er überhaupt hätte erwarten können. Die Ordnung war gebrochen, nicht durch Gewalt, nicht durch einen Eingriff von außen, sondern durch etwas, das sich ihr einfach entzog. „Lebe, Kind. Dein Name soll Zecar sein.“ Seine Stimme war ruhig, getragen von der Tradition, die er bewahrte – auch wenn sie in diesem Augenblick bereits begann, in sich zu zerfallen. Das Mädchen wandte sich ihm zu. Ihre Augen waren klar, durchdringend, ohne jeden Hauch von Unsicherheit oder jener Orientierungslosigkeit, die bei einem Neugeborenen, selbst einer Wacal, nicht nur zu erwarten, sondern schlicht selbstverständlich gewesen wäre. Dann schüttelte sie den Kopf. „Ich mag Yang mehr.“ Die Worte kamen ohne Zögern, ohne Abwägung, als wären sie nicht spontan entstanden, sondern längst entschieden gewesen – als hätte sie diesen Moment nicht erlebt, sondern lediglich bestätigt. Umat sagte nichts. Er beobachtete, wie sie sich vom Baum entfernte, wie ihr Körper sich leicht anhob und schließlich in eine ruhige, selbstverständliche Bewegung überging. Sie flog, als wäre es keine Fähigkeit, die gelernt oder errungen werden musste, sondern ein Zustand, der nie hatte infrage stehen können. Ihr Blick richtete sich nach vorn. Auf den Horizont. Ohne sich ein einziges Mal umzusehen, entfernte sie sich, wurde kleiner, löste sich aus der klaren Wahrnehmung heraus und verlor sich schließlich in der Weite, bis sie nicht mehr als eine kaum wahrnehmbare Bewegung war, die sich gegen das Licht abzeichnete. Dann verschwand auch das. Umat blieb zurück. Sein Blick war ihr gefolgt, so lange es möglich war, hielt sich an der letzten Spur fest, die von ihr blieb – bis auch diese erlosch. Dann ließ er los. Die Tränen kamen ohne Widerstand. Sie liefen über sein Gesicht, während er allein vor dem Lebensbaum stand, der so viele hervorgebracht hatte und nun sein letztes Kind in eine Welt entlassen hatte, die nicht auf sie vorbereitet war. Noch nie hatte ein Wacal solches Potenzial gezeigt. Noch nie hatte ein Anfang so wenig wie ein Anfang gewirkt – und zugleich so sehr wie etwas, das alles verändern würde. ,,Möge dein Weg vom Raben gesegnet sein.’’ -------------------------------------------------------------------------- Yang flog über die Weiten des Landes, und unter ihr erstreckte sich eine Wüste, deren Dünen sich wie erstarrte Wellen bis zum Horizont zogen. Der Wind trug feinen Sand durch die Luft, ließ ihn in schimmernden, sich ständig verändernden Schleiern tanzen, während die Hitze, selbst in dieser Höhe, noch spürbar war, ein gleichmäßiges, trockenes Drücken, das die meisten anderen Wesen zur Umkehr gezwungen hätte. Für Yang jedoch war all das kein Hindernis, sondern Teil einer Welt, die sich ihr ohne Widerstand offenbarte. Mit jedem Augenblick, der verstrich, wuchs ihr Verständnis. Es war kein Lernen im gewöhnlichen Sinne. Sie musste nichts wiederholen, nichts einüben, nichts hinterfragen. Das Wissen kam zu ihr, formte sich in ihrem Bewusstsein, als hätte es schon immer dort existiert und würde sich lediglich erinnern, sich aus einem Zustand des Schweigens heraus in Sprache verwandeln. Zusammenhänge wurden klar, Strukturen verständlich, und selbst komplexe Prinzipien erschienen ihr nicht fremd, sondern selbstverständlich, wie Dinge, die man eigentlich schon immer gewusst hatte. Yang war zwei Jahre alt. Zwei Jahre, in denen sie die Magie nicht entdeckt, sondern durchdrungen hatte. Die sechs Elemente reagierten auf sie, nicht zögernd, sondern bereitwillig, als würden sie in ihr eine Autorität erkennen, die nicht infrage gestellt werden konnte und nicht infrage gestellt werden musste. Feuer, Wasser, Erde, Luft, Licht und Schatten – sie alle ließen sich formen, lenken, ineinanderfalten, ohne dass sie je an eine Grenze gestoßen wäre, die ihr Einhalt geboten hätte. Und zweimal… Zweimal hatte sie etwas erreicht, das über all das noch hinausging. Äthermagie. Selbst diese höchste Form hatte sich ihr nicht vollständig verschlossen. Kurzzeitig, flüchtig, wie ein Schimmer hinter einem Vorhang, hatte sie sie greifen können, hatte gespürt, was es bedeutete, etwas zu berühren, das jenseits der gewöhnlichen Ordnung der Welt lag. Sie freute sich. Nicht auf eine kindliche, unreflektierte Weise, sondern mit einer Klarheit, die ihre gesamte Wahrnehmung durchdrang. Das Leben war neu, voller Eindrücke, voller Möglichkeiten, die sich bei jedem Blick nach vorn zu vervielfältigen schienen. Jeder Moment brachte etwas mit sich, das es zu erfassen galt, und sie nahm alles in sich auf, ohne je zu ermüden. Wie viel es noch zu lernen gab. Wie weit sich diese Welt erst noch erstreckte. Erst gestern hatte sich ihr ein Drache in den Weg gestellt. Ein gewaltiges Wesen, dessen Schuppen im Wüstenlicht geglänzt hatten wie poliertes Erz, dessen bloße Präsenz den Raum selbst zu verdichten schien. Er hatte sich ihr entgegengestellt, hatte gesprochen, hatte ihr erklärt, dass sie seinen Berg nicht überfliegen dürfe, mit der ruhigen Gewissheit eines Wesens, das diese Grenze noch nie hatte verteidigen müssen. Yang hatte ihn angesehen. Und dann gekämpft. Der Kampf war nicht knapp gewesen. Die Kräfteverhältnisse hatten sich schnell geklärt, die Auseinandersetzung hatte kein offenes Ende zugelassen, kein Gleichgewicht, das hätte bewahrt werden können. Doch das war nicht der Punkt gewesen. Es hatte Spaß gemacht. Die Bewegung, die Reaktion, das Wechselspiel aus Angriff und Anpassung, das sich entfaltete, als zwei Willen aufeinandertrafen – all das hatte etwas in ihr ausgelöst, das sie genoss, etwas Scharfes und Klares, das keine andere Erfahrung bislang erzeugt hatte. Doch während sie nun weiter über die Wüste glitt, schlich sich ein Gedanke in ihr Bewusstsein. „Was, wenn das irgendwann aufhört?" Der Gedanke dehnte sich, fand Raum, bevor sie ihn aufhalten konnte. „Was, wenn der Moment kommt, in dem nichts mehr neu ist? In dem alles verstanden, alles erfahren, alles durchdrungen ist?" Sie ließ ihn noch einen Atemzug lang stehen. „Was, wenn selbst der Kampf… langweilig wird?" Der Gedanke blieb nicht lange. Yang schob ihn beiseite, fast beiläufig, als wäre er eine unnötige Unterbrechung eines ansonsten vollkommen zufriedenstellenden Tages. „Ach was. Das wird bestimmt noch lange hin sein." Ihr Blick wanderte zurück auf die endlosen Dünen unter ihr, die sich träge und gleichgültig bis zum Horizont erstreckten, als hätten sie diese Frage schon tausendmal gehört und keine Antwort darauf für nötig befunden. -------------------------------------------------------------------------- Yang spürte, wie sich die Kälte in ihrem Körper ausbreitete, nicht abrupt, sondern schleichend, als würde sie sich von innen heraus durch jede Faser ihrer Glieder legen, einen Bereich nach dem anderen in Besitz nehmen. Es war ein fremdes Gefühl, eines, das sie in dieser Form noch nie erlebt hatte, und gerade deshalb so schwer einzuordnen. Ihre Wahrnehmung wurde dumpfer, ihre Bewegungen schwerer, und selbst das Atmen verlor seine Selbstverständlichkeit, als wäre es eine Fähigkeit, die sie erst kürzlich erworben hatte und nun wieder zu vergessen drohte. Sie hatte sich mit Jess gemessen. Der Erzdämonin des Krieges. Im Nachhinein war es eine Entscheidung gewesen, die sich nicht mehr rechtfertigen ließ. Nicht aus Notwendigkeit, nicht aus einem übergeordneten Ziel heraus, sondern aus etwas weitaus Einfacherem, etwas, das sie selbst kaum hatte benennen wollen. Langeweile. Es war zu lange her gewesen, seit sie wirklich gefordert worden war, seit ein Kampf mehr gewesen war als eine Abfolge von Bewegungen, deren Ausgang von Anfang an feststand, noch bevor die erste Faust gehoben wurde. Zu lange, seit ihr Dasein eine Richtung gehabt hatte, die über ihre bloße Existenz hinausging, die nach etwas griff, das außerhalb ihrer selbst lag. Was bedeutete ein Körper, der niemals krank wurde, der nicht alterte, der sich stets wieder herstellte, wenn man ihn nicht einsetzte? Wenn man nicht lebte? Die Antwort hatte sie gesucht. Und gefunden. Blut rann aus ihrem Bauch, warm und unaufhaltsam, während sich die Wunde, die Jess ihr zugefügt hatte, nicht schloss, nicht einmal im Ansatz. Die Klinge hatte sie sauber durchtrennt, geführt mit einer Präzision, die nichts dem Zufall überließ, und die Verletzung war mehr als nur physisch. Es war nicht allein die rohe Macht der Erzdämonen gewesen, die Jess ihr überlegen gemacht hatte. Es war ihr Verständnis vom Kampf. Jede Bewegung, jede Entscheidung war perfekt, als würde sie bereits wissen, was Yang tun würde, noch bevor Yang es selbst wusste, als würde sie einen Text lesen, dessen Ende sie auswendig kannte. Der Kampf hatte nur Minuten gedauert. Und doch hatte er gereicht. ,,Sterbe ich nun?’’ Der Gedanke war ruhig, nüchtern, als würde sie eine Tatsache erkennen, nicht eine Angst in Worte fassen. Dann hörte sie Schritte. Langsam hob sie den Blick. Vor ihr stand ein Mensch. Goldenes Haar, klar erkennbar selbst in ihrem eingeschränkten Sichtfeld, das sich an den Rändern bereits zu trüben begann. Doch es war nicht sein Äußeres, das ihre Aufmerksamkeit auf sich zog und festhielt. Es war seine Magie. Etwas daran war anders. Nicht nur in ihrer Struktur, sondern in ihrer Natur selbst. Sie war nicht chaotisch, nicht roh, nicht von jener ungefilterten Gewalt, die sie bisher an mächtigen Wesen erlebt hatte. Sie war fremd. Ein Muster, das Yang nicht kannte, das keiner der Kategorien entsprach, die sie in den vergangenen zwei Jahrtausenden aufgebaut hatte. Und das sie nun nicht mehr würde erkunden können. Es war ein flüchtiger Gedanke, der sich sofort wieder auflöste. Dann spürte sie seine Hände. Berührungen. Direkt auf ihrer Haut. „Was tut er?" Die Antwort kam sofort, ohne Umweg. Die Wunde in ihrem Bauch begann sich zu schließen, nicht langsam, nicht mit jener gleichmäßigen Behutsamkeit, die sie von gewöhnlicher Heilung kannte, sondern mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung weit übertraf. Gewebe setzte sich zusammen, Blut zog sich zurück, Strukturen fanden in ihren ursprünglichen Zustand zurück, als wäre die Verletzung nie entstanden, als hätte sie nie einen Platz in der Ordnung der Dinge gehabt. Die Kälte wich. Wärme kehrte zurück, breitete sich aus, ließ ihre Muskeln wieder reagieren, ihr Bewusstsein sich schärfen, die Ränder ihrer Wahrnehmung wieder an Kontur gewinnen. Yang blinzelte. Verwirrung mischte sich in ihre Wahrnehmung, ein Gefühl, das sie ebenfalls selten kannte. Das sollte nicht möglich sein. Jess hatte es gesagt. Man konnte sie nicht heilen. ,,W-Was ist das für Magie?’’ Ihre Stimme war schwach, anders als sie es gewohnt war, hörte sich fremd an, als käme sie aus einem Körper, der noch nicht wieder ganz ihr gehörte. Doch die Frage war klar. Der junge Mann lächelte. Sein Ausdruck war ruhig, beinahe beiläufig, als würde er etwas Triviales erklären. ,,Zeitmagie. Ich versetze deinen Körper in seinen Ursprungszustand zurück.'' Er zog die Hände zurück, erhob sich und ließ den Blick kurz und prüfend über die Umgebung gleiten, als wolle er sicherstellen, dass keine weiteren Gefahren im Verborgenen warteten. Dann sah er wieder zu ihr. ,,Was genau bist du? Wie ist dein Name? Ich werde die nächsten Tage hier bleiben, bis es dir besser geht.'' Yang versuchte, sich aufzurichten. Ihr Körper reagierte, doch die Kraft fehlte noch, lag irgendwo zwischen Rückkehr und Vollständigkeit. Die Regeneration war im Gange, aber sie hatte ihre Arbeit noch nicht abgeschlossen. Sie sank leicht zurück, fing sich jedoch, hielt den Blick fest auf ihn gerichtet. ,,Ich bin eine Wacal… und mein Name ist Yang. Wie ist dein Name?'' Der Mann ließ sich auf einem nahegelegenen Baumstamm nieder, seine Haltung entspannt und ohne jede Eile, als hätte er alle Zeit der Welt und hätte es auch nie anders gekannt. ,,Ich bin Simour'', sagte er ruhig. ,,Simour Algavia.'' -------------------------------------------------------------------------- Yang wurde durch die Luft geschleudert, fortgerissen von der rohen Gewalt des Einschlags, der sie aus dem Kampfzentrum hinauskatapultierte wie ein Stein aus einer Schleuder, der nie wieder zurückfindet. Unter ihr zerriss das brennende Randurin in ein flackerndes Mosaik aus Glut und Schatten, während sie selbst, unkontrolliert rotierend, in Richtung des offenen Meeres getragen wurde. Erst nach mehreren Atemzügen gelang es ihr, den Körper zu stabilisieren, die Orientierung zurückzugewinnen und die Drehbewegung durch einen gezielten Impuls abzufangen. Doch das kostete Kraft. Ihre Atmung ging schwer, ungewohnt schwer, schwerer als sie es seit Jahrhunderten gekannt hatte. Jeder Atemzug verlangte mehr Kontrolle, mehr Konzentration als er sollte. Es war kein unmittelbarer, lokalisierbarer Schmerz, der sie dominierte, sondern etwas Diffuseres, ein stetiger, unaufhaltsamer Verlust an Stabilität, der sich durch jede Bewegung zog wie ein Riss durch Glas, der wächst, ohne dass man ihm zusieht. Leyla war stärker gewesen, als sie erwartet hatte. Deutlich stärker. Doch das allein hätte sie nicht in diese Lage gebracht. Der Fluch war es. Er pulsierte durch ihren Körper wie ein fremdes Herz, das nicht im Einklang mit ihr schlug, das seinen eigenen Rhythmus hatte und sich um den ihrer ignorierte. Er durchzog ihre Adern, griff in ihren Manastrom ein und verzerrte ihn, ließ ihn aufbrechen, neu ansetzen, wieder zerfallen, bevor er sich hatte festigen können. Wo einst klare, fließende Bahnen gewesen waren, herrschte nun ein unstetes Flackern, ein permanenter Verlust an Präzision. Gleichzeitig entzog er ihr etwas, das sie so lange nicht mehr bewusst wahrgenommen hatte, weil es immer da gewesen war, wie Luft, wie Licht. Lebenskraft. Die Erkenntnis traf sie nicht plötzlich, sondern setzte sich zusammen, während sie weiter durch die Luft glitt, Stück für Stück, wie ein Bild, das sich aus einzelnen Fragmenten zusammenfügt. Dieser Fluch war nicht neu. Er hatte Zeit gebraucht, sich zu entfalten, hatte im Verborgenen gewirkt, lange bevor sie ihn überhaupt bemerkt hatte. In ihren Gedanken tauchten Namen auf, klar und strukturiert, abgearbeitet mit jener Nüchternheit, die sie seit Jahrtausenden begleitete. Zil, der Erzdämon der Dunkelheit, dessen Fähigkeiten weit genug gereicht hätten, um selbst sie zu schwächen. Doch er war seit Jahrhunderten verschwunden, und sein Einfluss hätte eine andere Signatur getragen. Barathila, seine Tochter, die Fluchhexe, deren Macht für solch eine Wirkung ausgereicht hätte. Doch nach allem, was Yang wusste, war sie längst tot. Und Juka, der Urdrache von Astaris, eine uralte Existenz, deren Verständnis von Magie jenseits gewöhnlicher Grenzen lag und die keinen Grund hatte, sich um sie zu kümmern. Keiner dieser Namen passte wirklich zu dem, was sie in sich spürte. Vielleicht war es einer dieser drei Namen. Vielleicht nicht. Letztlich spielte es keine Rolle mehr. Yang richtete ihren Körper aus, versuchte, die Flugbahn zu kontrollieren, doch noch bevor sie vollständig wieder Stabilität gewinnen konnte, spürte sie es. Leyla. Ihr Einfluss griff nach dem Meer. Hinter Yang begann das Wasser sich zu heben, zunächst wie ein fernes Grollen unter dem Horizont, dann mit wachsender Intensität, bis sich gewaltige Wellen auftürmten wie aufgerichtete Gebirge aus lebendiger Gewalt. Die Ätherbarrieren, die das Meer zuvor zurückgehalten hatten, brachen unter diesem Druck auf, und die aufgestaute Masse entlud sich mit einer unaufhaltsamen Kraft, als hätte jemand eine Schleuder freigegeben, die zu lange gespannt gewesen war. Yang reagierte sofort. Ihr Mana schoss nach vorne, griff nach den Wassermassen, versuchte, ihre Struktur zu durchdringen, ihre Wucht zu dämpfen, ihnen eine beherrschbare Ordnung aufzuzwingen. Doch sie wusste bereits, dass es nicht ausreichen würde. Diese Erkenntnis kam nicht von Angst begleitet, sondern von Klarheit, von derselben nüchternen Klarheit, die sie ihr ganzes Leben geleitet hatte. Sie würde sterben. Ein einfacher, logischer Schluss, der sich aus allem ergab, was sie spürte und verstand, der keiner Ausschmückung bedurfte und keine zuließ. Ohne den Fluch hätte sie Atorm ohne nennenswerte Anstrengung besiegt, hätte Barbarossa nicht einmal als ernsthafte Bedrohung eingestuft, und Leyla – Leyla hätte sie mit derselben absoluten Selbstverständlichkeit überwältigt, mit der sie es immer getan hatte, als wäre es keine Frage, sondern ein Gesetz. Doch der Fluch hatte ihre Grundlage zerstört. Er hatte ihren Manastrom zerbrochen, ihre Kontrolle von innen heraus untergraben und sie in einen Zustand gebracht, in dem selbst einfache Stabilität zur ständigen Aufgabe wurde. Und jede Begegnung in dieser Nacht hatte diesen Zustand weiter verschärft, hatte ihr etwas genommen, das sie nicht zurückbekommen würde. Ohne Atorm hätte der Fluch keinen Ansatzpunkt gefunden, hätte sich nicht in dieser Geschwindigkeit entfalten können. Ohne Barbarossa hätte sie ihre Reserven nicht bis an die äußerste Grenze verbrauchen müssen, hätte genug Kraft behalten, um dagegen anzukämpfen. Und ohne Leyla… Ohne Leyla hätte sie überlebt. Hätte sich zurückgezogen, regeneriert, sich neu ausgerichtet und wäre zurückgekehrt. Doch diese Möglichkeit war verloren, so absolut wie alles, was man erst bemerkt, wenn es bereits hinter einem liegt. Die Wellen brachen über ihr zusammen. Das Meer verschlang sie vollständig, zog sie in seine Tiefe, ließ die Welt um sie herum schwer und dicht werden, als würde die gesamte Last des Wassers auf einem einzigen Punkt ruhen. Jede Bewegung verlangte mehr Kraft, jede Reaktion mehr Zeit, als sie noch aufbringen konnte. Noch bevor sie sich vollständig orientieren konnte, war Leyla bei ihr. Der Griff kam sofort. Fest. Unnachgiebig. Yang reagierte instinktiv, ihr Körper bewegte sich, blockte, suchte nach einem Ansatzpunkt, um sich zu lösen. Nicht aus Hoffnung heraus, sondern aus Prinzip. Aufgeben war für sie nie eine Option gewesen, in keinem Augenblick ihres langen Lebens. Noch ein letztes Mal griff sie nach dem Äther, doch die Verbindung brach, noch bevor sie sich hatte schließen können, zerfiel wie Rauch, der sich auflöste. Die Angriffe trafen sie in schneller Folge. Bewegungen verschwammen, Übergänge lösten sich auf, während Schläge sie weiter in die Tiefe drängten. Ihr Körper reagierte, doch es war kein kontrollierter Kampf mehr, sondern ein Reflex, ein schwaches Echo dessen, was sie einst gewesen war, was sie ein Leben lang gewesen war. Leyla war hier überlegen. Das Wasser antwortete auf sie, verstärkte ihre Bewegungen, hielt Yang fest, ließ keinen Raum für eine Gegenwehr, die mehr als bloße Verzögerung gewesen wäre. „Vergib mir, Simour. Ich werde unser Reich nicht länger schützen können." Der Gedanke war leise, klar und vollständig, frei von Bitterkeit, von jeder Form des Vorwurfs. Dann traf sie auf dem Meeresboden auf. Der Aufprall ließ den Untergrund nachgeben, während sich gleichzeitig die Erde um sie schloss, sie fixierte, jede Bewegung vergrub. Leylas Hände legten sich um ihren Hals, und das Wasser drang in ihre Lungen ein, langsam und unausweichlich, ersetzte den Atem durch etwas, das keinen Platz dafür ließ. Der Schmerz war intensiv, durchdringend. Doch Yang ließ ihn nicht nach außen dringen. Sie würde nicht zulassen, dass Leyla auch nur einen einzigen Moment von Schwäche in der Haltung von Yangs Verstand sah. Das war das eine Absolut, das sie nie brechen würde. ,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.’’ Die Worte erreichten sie gedämpft und verzerrt durch das Wasser und doch klar genug, um ihre Bedeutung vollständig zu tragen. Yang reagierte nicht. Langsam wich die Spannung aus ihrem Körper, löste sich auf, Schicht für Schicht. Die Kälte, die zuvor nur am Rand präsent gewesen war, breitete sich nun vollständig aus, legte sich über sie wie eine Decke, die man nicht mehr abwerfen kann, nahm ihr jede verbleibende Wärme, jede letzte Bewegung, jede letzte Möglichkeit. Das Leben verließ sie. Unaufhaltsam. Ein letzter Gedanke formte sich, ruhig und in sich abgeschlossen, ohne Bruch und ohne Zögern. „Wenigstens habe ich am Ende meines Lebens noch ein letztes Mal den Spaß meiner Kindheit genießen dürfen."
- Kapitel 218 - In den Flammen Randurins
Leyla ließ ihren Willen ohne Zögern in die Umgebung greifen, präzise und mit der Klarheit eines Befehls, der keinen Widerstand duldete. Der Schnee reagierte augenblicklich. Was eben noch lose und nachgiebig gewesen war, verlor seine Struktur, verdichtete sich unter ihrem Einfluss und erstarrte zu hartem, scharfkantigem Eis. Aus der weißen Fläche erhoben sich unzählige Klingen, langgezogen, spitz zulaufend, jede einzelne ausgerichtet auf ihr Ziel wie eine Anklage. Innerhalb eines Herzschlags setzten sie sich in Bewegung, ein dichter, tödlicher Schwarm, der mit zunehmender Geschwindigkeit auf Yang zuraste. Gleichzeitig wandte Leyla ihre Aufmerksamkeit der Erde zu. Ihr Einfluss griff tiefer, schwerer, und als sie sprach, trug der Befehl eine Wucht in sich, die sich unmittelbar in der Umgebung widerspiegelte. ,,Erhebe dich!’’ Der Boden antwortete mit einem dumpfen Grollen, das aus einer Tiefe aufstieg, als hätte der Fels selbst auf ihre Worte gewartet. Zunächst bebte er nur, ein kaum wahrnehmbares Zittern, das sich jedoch rasch steigerte, bis die Oberfläche aufbrach. Massive Erdplatten lösten sich aus ihrer Verankerung, hoben sich schwerfällig und stiegen mit einer trägen, unaufhaltsamen Gewalt in die Höhe, als das Land seine Fäuste ballte. Für einen kurzen Moment verharrten sie schwebend über dem Schlachtfeld, dunkel und bedrohlich gegen den Himmel, bevor die Schwerkraft sie wieder beanspruchte und sie mit voller Wucht auf Yang herabdonnerten. Unter normalen Umständen hätte Yang das abgewehrt, da war sich Leyla sicher. Doch sie tat es nicht. Leyla sah, wie die Eisklingen ihr Ziel erreichten. Die Spitzen gruben sich durch Haut und Gewebe, bohrten sich tief in Yangs Körper, ohne dass sie sich zu wehren schien. Im selben Herzschlag traf die herabfallende Erde. Die kolossale Masse schlug mit brutaler Endgültigkeit ein, presste sich zusammen, schloss sich über ihr wie ein zuschnappender Kiefer. Ein trockenes, widerwärtiges Knacken breitete sich aus, als Knochen unter der Gewalt zersplitterten. Der Angriff war vollständig. Für einen Moment wirkte es, als hätte er seine Aufgabe erfüllt. Dann traf eine unsichtbare Kraft Leyla, hart und präzise. Der Einschlag kam ohne Vorwarnung, ohne sichtbare Quelle, ohne Ankündigung, und riss sie von ihren Füßen. Ihr Körper wurde nach hinten geschleudert, verlor jeden Halt, jede Orientierung, und die Welt um sie herum kippte abrupt aus ihrer Perspektive. ,,Du bist stärker geworden, Leyla. Wie genau du das angestellt hast, weiß ich nicht. Ich weiß jedoch, dass du, wenn du stirbst, deinen Tod weitergibst.'' Yangs Stimme war klar, ruhig und vollkommen frei von Anstrengung. Ihre Aura flammte erneut auf, kraftvoll und absolut, als hätte der Angriff nicht einmal ihr Interesse erregt. „Woher weiß sie davon?" Der Gedanke blitzte in Leylas Bewusstsein auf, doch sie schob ihn sofort beiseite. Es gab keine Antwort, die ihr jetzt helfen würde, und Yang würde sie ihr ohnehin nicht geben. Das Eis unter ihr reagierte noch während ihres Sturzes. Es verlor seine harte Struktur, wurde weicher, nachgiebiger, fing ihren Aufprall ab und verwandelte die Gewalt des Einschlags in eine gedämpfte Bewegung. Gleichzeitig hob sich die Erde unter ihr, stabilisierte ihren Stand und brachte sie zurück auf die Beine, noch bevor sie vollständig zum Stillstand gekommen war. Als Leyla den Blick hob, stand Yang bereits wieder vor ihr. Unversehrt. Dieselbe aufrechte, unangreifbare Präsenz, die keinen Zweifel an ihrer absoluten Überlegenheit zuließ, dieselbe Stille, die keine Niederlage kannte. Und doch war da eine Veränderung, die sich nicht übersehen ließ. Feine, violette Linien zogen sich über ihren Körper, verzweigten sich unter der Haut wie lebendige Adern aus fremdem Licht. Sie wirkten nicht statisch, sondern aktiv, pulsierend, als würde etwas durch sie fließen, das nicht zu Yang gehörte und dennoch Teil von ihr geworden war, eingeflochten in ihre Struktur wie Tinte in Papier. Leyla ließ ihren Willen erneut in den Boden sinken, suchte nach der Verbindung, die sie eben noch mühelos genutzt hatte. In ihrem Inneren formte sich der Befehl, die Erde zu Speeren zu formen, die Yang von unten aufreißen sollten. Yang war bereits in Bewegung. Die Distanz zwischen ihnen löste sich auf, verschwand in einem Augenblick, der zu kurz war, um bewusst wahrgenommen zu werden. Zu kurz für Leylas Magie. Ein Wimpernschlag, und sie stand direkt vor Leyla, nah genug, um jeden Atemzug zu spüren. Dann traf der Schlag. Die Faust grub sich in Leylas Bauch wie ein Keil aus Stahl, presste ihr die Luft aus den Lungen und ließ jeden Muskel instinktiv nachgeben. Für einen Moment existierte nichts außer diesem Aufprall und der Leere, die er hinterließ, eine Leere, die tiefer war als Schmerz. „Warum ist sie so schnell?" Trotz der sichtbaren Erschöpfung, trotz der fremdartigen Linien, die sich über Yangs Körper zogen, bewegte sie sich mit einer Geschwindigkeit, die jede Erwartung widerlegte. Yangs Faust begann zu leuchten. Das Licht war nicht klar definiert, sondern vereinte alle Farben in einem einzigen Punkt konzentrierter Energie, der in seiner Dichte beinahe greifbar wirkte. Äthermagie. Leyla reagierte ohne Verzögerung. Sie ließ die Reserven aktiv werden, die sie vorbereitet hatte. Schwarzeisen formte sich über ihrer Lederrüstung, wuchs in dichten Schichten und schloss sich über jeder Schwachstelle, eine zusätzliche Barriere aus jenem Material, das Eroica ihr einst beschrieben hatte – Stahl, der Magie abweist wie Glas Wasser. Der Einschlag folgte unmittelbar. Die Rüstung hielt nicht stand. Die Energie durchdrang sie, ließ das Schwarzeisen unter der Belastung zerbersten wie gebrannten Ton. Splitter wurden in alle Richtungen geschleudert, während die freigesetzte Kraft ungebremst in Leylas Körper einströmte. Ihr Brustkorb wurde aufgerissen, Knochen zerbrachen unter dem Druck, Gewebe wurde auseinandergetrieben. Blut schoss hervor, zerstäubte in der kalten Luft zu einem feinen, dunklen Schleier. Die Wucht des Angriffs riss sie vom Boden los und schleuderte sie in einem hohen Bogen durch den Nachthimmel. Während ihr Verstand noch der Bewegung folgte, setzte bereits die Gegenreaktion ein. Der Runenstein der Heilung griff ein, still, sanft und unerbittlich. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Muskeln formten sich in ihren ursprünglichen Bahnen neu, Knochen richteten sich aus und wuchsen zusammen, als hätte die Verletzung nie existiert. ,,Was Yang kann, kann er auch.’’ Der Gedanke formte sich klar, während sie versuchte, in der Luft die Orientierung zurückzugewinnen. Doch die Gelegenheit wurde ihr verwehrt. Ein Projektil aus reiner Ätherenergie bohrte sich in ihren Oberschenkel, drang tief in das Gewebe ein und entlud seine gesamte Kraft im Inneren ihres Körpers. —BUMM— Die Explosion fraß sich durch Muskeln und Haut, verbrannte frisch regeneriertes Gewebe zu Asche und riss neue Wunden auf, bevor die alten vollständig verheilt waren. Die Druckwelle erfasste ihren Körper wie eine unsichtbare Faust und schleuderte sie weiter, unkontrolliert, ohne jeden Halt. —KRACH— Sie schlug in ein Dach aus Holz ein. Die Konstruktion zerbrach unter der Wucht, Balken splitterten wie trockene Äste, Dachziegel explodierten in alle Richtungen. Der Runenstein der Erde reagierte im selben Moment, nahm einen Teil des Aufpralls auf und verteilte die Kraft in den Boden darunter, doch nicht genug, um die Auswirkungen vollständig zu absorbieren. Die Luft entwich ihr ein weiteres Mal aus den Lungen. Einen Herzschlag lang blieb sie reglos liegen, gefangen zwischen dem Nachhall der Bewegung und der Schwere der Erschöpfung, die sich wie Blei in ihre Glieder senkte. Dann drang eine Stimme an ihr Ohr. Leise, unsicher, vollkommen fehl am Platz inmitten dieser Verwüstung. [???] ,,Wer ist diese Frau, Mama?’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte in das ängstliche Gesicht eines kleinen Mädchens, das sich mit beiden Händen an das Bein seiner Mutter klammerte, als könne es sich dadurch vor dem Geschehen schützen. Die Augen des Kindes waren weit aufgerissen, suchten nach einer Erklärung, die es nie erhalten würde, während die Mutter reglos dastand, unfähig, mehr zu tun, als ihr Kind festzuhalten. Für einen Moment ließ Leyla den Blick schweifen, löste sich von der unmittelbaren Szene und griff nach Erinnerungen. Sie dachte an die Dörfer entlang der Küste, an jene kleinen Ansammlungen von Häusern, die sich zwischen Meer und Land drängten. Fischerdörfer. Außenbezirke, weit genug entfernt von Randurin, um unbedeutend zu wirken, und doch nah genug, um von den Konflikten der Großstadt erfasst zu werden. Der Runenstein der Heilung hatte seine Arbeit bereits vollendet. Ihr Körper war wiederhergestellt, jede Verletzung getilgt, als hätte sie nie existiert. Die Erinnerung daran blieb, doch sie hatte keine physische Entsprechung mehr. Ohne ein weiteres Wort stieß Leyla sich ab und sprang aus der Hütte. Noch während sie sich durch die Öffnung bewegte, reagierte das Holz auf ihren Willen. Die zersplitterten Balken begaben sich zurück an ihren Platz, als wäre nichts geschehen. Draußen ließ sie den Blick über die Landschaft gleiten, schnell, suchend, ohne innezuhalten. Dann sah sie es. Flammen. Am Horizont erhob sich die Silhouette einer Stadt, groß genug, um selbst aus dieser Entfernung unverkennbar zu sein. Die Gebäude standen in Brand, das Feuer fraß sich gierig durch Holz und Stein, ließ ganze Fassaden auflodern und in sich zusammenstürzen. Rauch stieg in dichten, trägen Schwaden auf und verschmolz mit der Schwärze des Nachthimmels zu einer einzigen, formlosen Dunkelheit. Randurin. Die Stadt lag mehrere Kilometer entfernt, und dennoch war das Ausmaß der Zerstörung unübersehbar. Kurz stellte sich ihr die Frage, wer dafür verantwortlich war. Barbarossa? Oder Yang? Leyla ließ den Gedanken fallen. Es spielte keine Rolle. Sie richtete den Blick nach oben. Der Nachthimmel lag schwer über ihr, dunkel und nahezu leer, kaum ein Stern durchbrach die Schwärze, als hätte sich selbst das Licht in Erwartung von etwas zurückgezogen. Dann zerbrach das Bild abrupt. Helligkeit erleuchtete durch die Dunkelheit – Hunderte von Lichtkugeln erschienen, schwebten für den Bruchteil eines Atemzugs reglos am Himmel. Sie bestanden aus reinem Äther, pulsierend, geladen, jede einzelne ein komprimiertes Versprechen aus Zerstörung. Im nächsten Moment strömten sie herab. Direkt auf Leyla zu. Sie ließ ihren Willen in die Erde greifen, und diese antwortete ohne Zögern. Der Boden vor ihr wölbte sich, wuchs rasch in die Höhe und verdichtete sich zu einer massiven Barriere. Schicht um Schicht schob sich übereinander, formte einen Schild aus gefrorenem Erdreich, der sich schützend über sie und das gesamte Fischerdorf spannte. Der Schnee ließ sich ebenfalls in die Verteidigung einweben, nahm ihr Mana auf, verstärkte die Struktur von außen und erhöhte ihre Widerstandsfähigkeit. —BUMM—BUMM—BUMM— Die Einschläge folgten in rascher Folge, ohrenbetäubend und ohne Gnade. Die Lichtkugeln explodierten beim Auftreffen, entluden ihre Energie in die Barriere, ließen sie erzittern, knacken und vibrieren. Druckwellen breiteten sich über das gesamte Gefüge aus, suchten nach Schwachstellen, fanden keine. Der Schild hielt stand. Und verwandelte sich. Die Oberfläche begann aufzubrechen, doch nicht unkontrolliert, sondern gelenkt. Teile der Struktur lösten sich, verdichteten sich neu, wurden zu kompakten Geschossen aus gefrorener Erde, die sich sammelten und im nächsten Augenblick mit enormer Geschwindigkeit hinauf in den Nachthimmel jagten. Leylas Blick folgte ihnen. Die Projektile erreichten ihr Ziel nicht. Sie trafen nichts. Und dann war Yang da. Ohne Vorwarnung, ohne Ankündigung, ohne den geringsten Hinweis auf eine Annäherung stand sie direkt vor ihr, nah genug, dass Leyla den Luftzug ihrer Bewegung spürte. Der Schlag traf ihren Kopf. Präzise, vernichtend, ohne die kleinste überflüssige Bewegung. Der Kiefer zerbarst unter dem Aufprall, Knochen brachen an mehreren Stellen gleichzeitig, und noch bevor das Bewusstsein den Schmerz vollständig erfassen konnte, riss die Wucht ihren Körper abermals vom Boden. Sie durchschlug die Wand des nächsten Hauses, brach durch Holz und Träger wie durch nasses Papier und wurde auf der anderen Seite in den Schnee geworfen, wo sie wieder zum Stillstand kam. [???] ,,Liebling?!’’ Ein entsetzter Schrei drang an ihr Ohr. Der Runenstein der Heilung setzte bereits ein. Zerstörtes Gewebe schloss sich, Knochen richteten sich neu aus und wuchsen zusammen, Verletzungen lösten sich auf in derselben Geschwindigkeit, in der sie entstanden waren. Leyla rappelte sich auf. Ihr Blick fand Yang sofort. Die Kaiserliche stand auf der anderen Seite der Hütte und sah durch das Loch, das Leylas Körper in die Wand gerissen hatte. Fokussiert. Ruhig. Und doch hatte sich etwas verändert. Yangs Atem ging schwerer als zuvor. Die Bewegungen ihrer Brust waren sichtbar, weniger kontrolliert, als hätte sich ihre absolute Maske zu verschieben begonnen. War sie erschöpft? Es war schwer einzuschätzen. In einem Moment wirkte sie unantastbar, und im nächsten zeigten sich Anzeichen einer Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ. Leylas Blick glitt zur Seite. Neben ihr lag ein Mann. Sein Körper war verdreht, der Hals in einem Winkel, der keinen Zweifel zuließ. Knochen gebrochen, die natürliche Form des Körpers zerstört. ,,Heile ihn.'' Sie legte die Hand auf seine Schulter, und der Runenstein antwortete. Gewebe begann sich zu schließen, Knochen fanden zurück in ihre ursprüngliche Ausrichtung, bis der Körper wieder eine Form annahm, die Leben zuließ. ,,Du hast also Mitleid mit ihnen?'' Yangs Stimme war ruhig, beinahe nüchtern, als äußerte sie eine Beobachtung über das Wetter. Im selben Atemzug setzte sie sich in Bewegung. Sie übersprang die Hütte in einem einzigen, mühelosen Satz, überbrückte die gesamte Distanz zwischen ihnen und landete direkt neben Leyla. Yang trat zu. Der Fuß traf mit voller Kraft in Leylas Seite, und der Boden verschwand unter ihr. Ihr Körper wurde von der Wucht erfasst und in einem steilen Bogen in den Nachthimmel gerissen, die Kontrolle über ihre Lage erneut vollständig verloren. Yang folgte. Sie holte Leyla in der Luft ein, griff nach ihrem Bein und begann sich zu drehen. Die Rotation beschleunigte sich in einem Herzschlag von null auf etwas Unkontrollierbares, Leylas Körper wurde um sie herum gewirbelt wie ein Stein in einer Schleuder, immer schneller, bis Himmel und Erde zu einem einzigen, verschwommenen Strich verschmolzen. Leyla suchte nach einem Ansatzpunkt, nach irgendeiner Möglichkeit, die Bewegung zu unterbrechen. Yang ließ los. Die aufgestaute Fliehkraft explodierte in eine einzige, für Leyla unkontrollierte Richtung. Sie wurde davongeschleudert, durchpflügte die Luft und schlug schließlich in eine massive Steinmauer ein. Das Material gab nach, Risse zogen sich wie Blitze durch den Stein, Brocken sprangen heraus, während ihr Körper die Struktur teilweise durchdrang und darin zum Stillstand kam. —KNISTER— Ein neues Geräusch. Sie registrierte es sofort. Die Wärme, die sich in der Luft staute. Der beißende, vertraute Geruch. Das leise, stetige Knistern von Holz, das beginnt nachzugeben. Feuer. Sie richtete den Blick neu aus und erkannte, was geschehen war. Yang hatte den Kampf nach Randurin verlagert. -------------------------------------------------------------------------- ,,Du bist zu weich.’’ Die Stimme des Runensteins der Erde hallte durch Leylas Inneres, tief und schwer, als würde sie nicht gesprochen, sondern in ihrem Sein verankert werden. Sie hallte in ihrem Bewusstsein nach, ließ keinen Raum für Zweifel und trug eine Kälte in sich, die nichts mit Emotionen zu tun hatte, sondern mit dem Gewicht eines Urteils. Leyla reagierte unmittelbar. Ihr Wille griff nach der Umgebung, tastete nach den Trümmern, die sie umgaben, wollte sie auseinanderreißen, zur Seite drängen, sich wieder Raum verschaffen. Doch es geschah nichts. Die Verbindung, die eben noch so selbstverständlich gewesen war wie ihr eigener Atem, blieb aus. Ihre Kontrolle verpuffte ins Leere. Der Runenstein verweigerte ihr den Gehorsam. ,,Anscheinend müssen noch mehr sterben, bis du es begreifst.’’ Die Worte trafen sie mit einer Schärfe, die tiefer ging als jeder körperliche Schmerz. Sie waren ruhig gesprochen – und gerade deshalb unerbittlich. ,,Gib mir die Kraft wieder. Sie gehört mir!’’ Leylas Stimme brach aus ihr hervor, roh und ungefiltert, getragen von Zorn und einem aufkeimenden Gefühl von Kontrollverlust, das sie nicht akzeptieren wollte und nicht akzeptieren konnte. Doch ihre Forderung verhallte ohne Antwort. Stattdessen bewegte sich Yang. Sie schoss nach vorn, ihre Gestalt von einer dichten, fließenden Ätheraura umhüllt, die jede ihrer Bewegungen beschleunigte und bündelte. Ihre Annäherung war nicht bloß schnell, sondern zwingend, als würde sich der Raum selbst um sie herum verschieben, um ihr Platz zu machen. Leyla suchte fieberhaft nach Alternativen. Ihr Bewusstsein streckte sich aus, griff nach dem Meer, nach der gewaltigen Wassermasse, die sie zuvor gespürt hatte. Sie wollte sie heranziehen, als Schutz oder als Waffe. Doch da war nichts. Ihr Blick fuhr zum Horizont, und was sie sah, ließ sie für einen Moment erstarren. Das Meer war da – aber unerreichbar. Gewaltige Ätherbarrieren hielten die Wassermassen zurück, pressten sie in starre, unverrückbare Formen, die sich jeder Einflussnahme entzogen. Der Schnee, der zuvor überall gelegen hatte, war verschwunden, restlos geschmolzen, von der Hitze einfach ausgelöscht. Sie fühlte sich völlig allein. Der Einschlag folgte unmittelbar. Yangs Faust traf sie mit einer Wucht, die jede Verteidigung durchbrach. Ihr Körper wurde erfasst und durch die Häuserreihen geschleudert. Wände barsten, Balken splitterten, Dächer wurden durchbrochen, während sie ungebremst durch die Gebäude der Stadt riss und jede davon hinter sich in Trümmer verwandelte. Überall hörte sie Schreie. Verzweifelte Stimmen mischten sich unter das stetige, drohende Knistern der Flammen, die sich weiter ausbreiteten und von Dach zu Dach fraßen. Leyla spürte es deutlich. Die Hitze wurde intensiver, drang nicht nur an die Oberfläche, sondern schien sich durch jede Schicht ihres Körpers zu fressen. Die kühlende Präsenz des Runensteins des Meeres ließ nach, zog sich zurück wie eine Flut, die zur Ebbe wurde. Ohne diesen Schutz begann ihre Haut zu reagieren. Erst spannte sie sich, dann verbrannte sie unter der anhaltenden Hitzeeinwirkung, bis sich dunkle, glühende Muster über sie zogen wie eine fremde Schrift. Das Gewebe verlor seine Integrität, begann sich aufzulösen. ,,Ich bleibe bei dir.’’ Die Stimme war leise, beinahe tröstend. Im selben Moment griff die Magie des Runensteins der Heilung ein. Zerstörte Haut wurde ersetzt, verbrannte Stellen schlossen sich, Muskeln und Gewebe regenerierten sich mit einer Präzision, die jede Verletzung auslöschte, noch während sie entstand. ,,Danke'', murmelte Leyla leise, während ihre Hand bereits nach ihrem Schwert griff. Zcepes Klinge glitt in ihre Faust, vertraut und doch in ihrer Bedeutung nicht vollständig greifbar. Sie erinnerte sich an den Kampf gegen Leandro di Lorenzo, daran, wie diese Waffe nicht nur ihren Feind zerstört, sondern auch sie selbst wiederhergestellt hatte. Doch ein Zweifel blieb. „Werde ich sie überhaupt treffen können?" Die Frage verhallte in ihrem Kopf, noch bevor sie eine Antwort gefunden hatte. Yang traf sie erneut. Die Kraft des Angriffs riss sie zu Boden, zwang sie mit brutaler Direktheit in die Oberfläche, ließ den Untergrund unter dem Aufprall nachgeben, während ihr Körper tief in den Boden gedrückt wurde. Noch bevor sie sich sammeln konnte, war Yang über ihr. Ihre Hand schloss sich um Leylas Hals, fest und unnachgiebig wie Eisen. Der Druck setzte sofort ein, schnürte die Luftzufuhr ab und ließ jeden Atemzug scheitern. Leylas Körper reagierte instinktiv, suchte nach Luft, fand keine. Dann erklang Yangs Stimme. ,,Absoluter Äther – löse dich!’’ Die Worte durchdrangen alles. Sie klangen nicht wie ein gewöhnlicher Zauber, sondern wie ein Gesetz, das ausgesprochen und damit Wirklichkeit wurde. Die Umgebung selbst schien darauf zu reagieren, als würde sie sich auflösen und in einer anderen Ordnung neu zusammensetzen. Und dann eskalierte alles gleichzeitig. Der Runenstein der Erde griff ein. Ohne Leylas Einfluss, ohne ihren Befehl riss der Boden unter ihnen auf. Stein zerbarst mit einem Donnern, das die Luft selbst erschütterte, Straßen brachen auseinander, und ein tiefer Abgrund öffnete sich wie ein Maul, das beide verschlang. Gebäude verloren ihren Halt, kippten träge zur Seite, während die Struktur der Stadt gewaltsam auseinandergerissen wurde. Gleichzeitig spürte Leyla etwas anderes. Die Runensteine reagierten. Alle. Und sie reagierten mit Panik. Es war kein diffuses Gefühl, kein Rauschen im Hintergrund, sondern eine klare, erschütternde Gewissheit, die sich durch jede Verbindung in ihr fortpflanzte. Der Angriff, den Yang entfesselte, war anders als alles zuvor. Er war nicht nur zerstörerisch. Er war endgültig. „Das kann mich töten. Vollständig." Diese Erkenntnis ließ Leyla handeln. Ihr Mana brach aus ihr hervor, nicht mehr kontrolliert in feinen, gezielten Strömen, sondern in einem massiven, alles durchdringenden Ausstoß, der die Grenzen ihrer bisherigen Kontrolle weit hinter sich ließ. Es breitete sich aus, griff nach der Umgebung, suchte in jede Richtung nach etwas, das sie noch erreichen konnte. Und es fand das Feuer. Die Flammen, die zuvor unkontrolliert durch die Stadt gewütet hatten, reagierten auf ihren Einfluss. Ihr chaotisches Flackern wurde gebündelt, ihre wilde Bewegung in Bahnen gezwungen. Sie verdichteten sich zu massiven, aufragenden Säulen aus reinem Feuer, sammelten sich in einem einzigen Augenblick – und schossen dann mit geballter, konzentrierter Wucht auf Yang zu. Der Angriff traf. Noch bevor Yangs Zauber vollständig entfaltet werden konnte, wurde sie von der Wucht der Flammen erfasst und zur Seite gerissen. Ihre Position brach auf, der Griff um Leylas Hals löste sich, und der gewaltige Druck verschwand. Leyla fiel. Der Abgrund verschlang sie, zog sie in die Tiefe, während die Dunkelheit sich von allen Seiten schloss. Doch sie handelte weiter. Die Erde reagierte auf ihren letzten Impuls. Der Spalt schloss sich über ihr, Stein legte sich auf Stein, Schicht um Schicht, bis kein Licht mehr hindurchdrang und kein Laut von oben zu ihr gelangte. Sie war eingeschlossen, vollständig umhüllt von kalter, dichter Materie, die sich wie eine Umarmung anfühlte, die nichts durchließ. Die Geräusche des Kampfes verstummten. Zurück blieb Stille. Und Dunkelheit. Für einen Moment geschah nichts. Kein Angriff, kein Druck, kein unmittelbares Bedrohungsgefühl. Leyla sammelte sich, zwang ihre Gedanken in eine klare Form und richtete ihre Aufmerksamkeit auf die Präsenz, die sich ihr zuvor entzogen hatte. ,,Was fällt dir ein, mir im Kampf die Kraft zu nehmen?’’ -------------------------------------------------------------------------- Vor Leylas innerem Auge breitete sich der Garten der Freiheit aus, ihre Domäne, ein Raum, der nicht nur existierte, sondern auf ihre bloße Anwesenheit reagierte. Die Luft war erfüllt von einer stillen Spannung, durchzogen von einem kaum greifbaren Puls, als würde jeder Halm, jede Wurzel, jedes Blatt ein Teil eines größeren Ganzen sein, das sich ihrem Willen beugte und gleichzeitig einen eigenen Willen in sich trug. Pflanzen wuchsen in verschlungenen Formen, rankten sich umeinander, bildeten natürliche Bögen und dichte Geflechte, die mehr Ordnung als Wildnis in sich trugen. Ihr Blick glitt durch diese Szenerie, bis er auf Vinessa fiel. Die Fee stand unweit von ihr, die Haltung angespannt, die Augen groß und voller Sorge. Ihr Blick suchte Leyla, hielt sich an ihr fest, als wäre sie der einzige feste Punkt inmitten all dessen, was gerade geschah. Ihre Lippen bewegten sich, zaghaft zunächst, dann entschlossener, als wolle sie etwas Dringendes aussprechen, etwas, das nicht unausgesprochen bleiben durfte. Doch sie kam nicht dazu. Noch bevor ein Laut ihren Mund verlassen konnte, reagierte der Garten selbst. Ranken lösten sich aus dem Geflecht, schnell und zielgerichtet, wanden sich um ihren Körper und legten sich schließlich sanft, aber unmissverständlich über ihre Lippen. Die Bewegung ließ keinen Raum für Widerstand. Ihre Stimme wurde erstickt, noch ehe sie Form annehmen konnte. Leylas Blick verhärtete sich. Der alte Mann trat nach vorne. Seine Erscheinung war unverändert, geprägt von einer Schwere, die sich nicht nur physisch äußerte, sondern sich in jeder seiner Bewegungen und Gesten widerspiegelte. Als trüge er das Gewicht der Erde selbst in sich, als wäre er nicht aus ihr hervorgegangen. Seine Augen ruhten auf Leyla, ruhig, prüfend, ohne jede Hast. ,,Ich werde diese Gespräche leid.’’ Seine Stimme war tief, getragen von einer nüchternen Klarheit, die keinen Widerspruch erwartete und keinen zuließ. Sie war nicht laut, nicht scharf, und doch lag in ihr eine Endgültigkeit, die jede Diskussion im Keim ersticken konnte, bevor sie auch nur begonnen hatte. Leyla wusste, worauf er anspielte. Die Bilder des Fischerdorfs drängten sich in ihr Bewusstsein, die Menschen, die sie geschützt hatte, die Entscheidung, die sie in jenem Moment getroffen hatte, obwohl sie den Ausgang des Kampfes hätte beeinflussen können. Es war kein Zufall gewesen, kein flüchtiger Moment der Schwäche, sondern eine bewusste Handlung. „War es für Alexandra gewesen?" Der Gedanke formte sich klar und ruhig. Vielleicht war es der Versuch gewesen, sich selbst zu beweisen, dass noch etwas in ihr existierte, das sich nicht vollständig der Logik von Stärke und Notwendigkeit unterwarf. Dass sie noch nicht vollständig zu dem geworden war, was andere längst in ihr sahen. Ein Wesen ohne Rücksicht. Ein Monster. ,,Du musst mich befreien, ich will mitkämpfen!’’ Die Stimme durchbrach die gespannte Stille. Sie war energisch, beinahe trotzig, getragen von einer Entschlossenheit, die sich nicht unterdrücken ließ. Die muschelbesetzte Frau trat näher. Der Runenstein des Meeres bewegte sich mit einer fließenden Eleganz, die in scharfem Kontrast zu ihrem Ausdruck stand. Ihr Gesicht wirkte nahezu gelangweilt, als hätte sie das Geschehen bereits zu oft beobachtet, um sich noch davon beeindrucken zu lassen. Ihr Blick glitt über Leyla, ohne Eile, ohne erkennbare Dringlichkeit, wie der Blick einer Frau, die bereits weiß, wie die Geschichte ausgeht. Leyla wandte sich ihr zu, direkt, ohne Umschweife. ,,Was war das für ein Angriff?’’ fragte Leyla. Die Frage hing kurz in der Luft, bevor die Antwort folgte. ,,Das war die höchste Form der Äthermagie. Etwas, das selbst den Raben verletzen könnte.'' Die Worte waren sachlich gesprochen, doch ihre Bedeutung war schwer. Sie legten sich über die gesamte Szene wie ein Schatten, der sich nicht so leicht wieder verflüchtigte. Auf einem Ast saß das weißhaarige Kind, scheinbar unbeteiligt, die Beine locker baumelnd, während es das Geschehen mit einem leichten Lächeln verfolgte, das mehr wusste, als es zeigte. Seine Präsenz wirkte fehl am Platz und gleichzeitig unheimlich passend, als würde es etwas sehen, das den anderen noch verborgen blieb. ,,Aber sie hat den Zauber nicht vollständig wirken können. Ihr Mana scheint unzuverlässig zu arbeiten.'' Seine Stimme war leicht, beinahe beiläufig, doch gerade diese Leichtigkeit verlieh den Worten eine beunruhigende Schärfe, die unter ihrer Oberfläche lag wie Eis unter Schnee. Leyla atmete ruhig ein und aus, ließ die Eindrücke auf sich wirken, ließ die Informationen sich in ihr ordnen. Dann setzte sie sich in Bewegung, ging auf den alten Mann zu, jeder Schritt kontrolliert und von einer wachsenden Entschlossenheit getragen. ,,Ich werde in diesem Kampf keine Rücksicht mehr nehmen.’’ Die Worte waren ruhig, aber endgültig. Es war keine Drohung, kein Versuch der Überzeugung. Es war eine Entscheidung, die sie getroffen hatte, die sie nicht mehr diskutieren musste. Der alte Mann betrachtete sie einen langen Moment, als würde er die Konsequenzen dieser Aussage in aller Stille abwägen, dann nickte er knapp. ,,Gut.’’ Mehr war nicht nötig. Leyla spürte bereits, wie sich ihre Form aufzulösen begann. Die Verbindung zu ihrem physischen Körper wurde stärker, zog sie zurück in die Wirklichkeit, während der Garten langsam an Schärfe verlor und die Konturen um sie herum weicher wurden. Doch bevor sie ging, hielt sie inne. Ein Impuls durchzog sie, etwas, das sich über die vergangenen Monate hinweg aufgebaut hatte, immer drängender, immer ungeduldiger. Ohne Vorwarnung trat sie näher an den alten Mann heran und schlug zu. Ihre Faust traf sein Gesicht mit voller Wucht. Die Bewegung war direkt, ungefiltert, getragen von mehr als nur physischer Kraft. Es war keine impulsive Handlung, sondern eine klare Grenzziehung, ein unmissverständlicher Ausdruck dessen, was sie akzeptierte – und was nicht. Und dem, was sie nicht länger stillschweigend hinnehmen würde. Der Aufprall hallte kurz und deutlich durch den Garten, bevor wieder Stille einkehrte. Leylas Blick blieb fest auf ihm. ,,Wenn du noch einmal Vinessa den Mund verbietest, werde ich dich in diesem Garten begraben.'' -------------------------------------------------------------------------- Leyla reagierte ohne Zögern. Kaum war sie in ihren Körper zurückgekehrt, ließ sie ihr Mana in den Untergrund strömen, tief und kraftvoll. Die Verbindung griff diesmal wieder, wenn auch nicht so stabil wie zuvor, zögerlicher, als müsste sie jeden Schritt neu verhandeln. Metall formte sich um ihren Körper, legte sich eng an jeden Muskel, verdichtete sich zu einer schützenden Hülle, die nichts durchließ. Im nächsten Moment schoss sie nach oben. Der Aufstieg war brutal und ohne Rücksicht. Gestein, Erde und Pflaster gaben nach, wurden durchbrochen und auseinandergerissen, als Leyla sich ihren Weg an die Oberfläche erzwang. Mit einem lauten Krachen durchstieß sie die Straßen von Randurin und katapultierte sich weiter in den Himmel, bis sie endlich wieder freie Luft um sich spürte. Der Metallmantel löste sich von ihr, zerfiel in Fragmente und verschwand im Fall. Für einen kurzen Moment verharrte sie in der Höhe und ließ den Blick über die Stadt gleiten. Das Ausmaß der Zerstörung war gigantisch. Fast die Hälfte Randurins lag bereits in Trümmern, ganze Straßenzüge waren ausgelöscht, als hätte jemand sie schlicht aus der Welt gestrichen. Das gewaltige Loch, das sich in die Erde gefressen hatte, zeichnete sich klar ab – eine Narbe in der Struktur der Stadt, deren Ränder noch immer unruhig wirkten, als hätten sie sich nicht vollständig gesetzt, als würde die Wunde noch atmen. Der Rest der Stadt brannte weiterhin. Flammen fraßen sich durch Dächer und Fassaden, krochen über Straßen und verschlangen alles, was ihnen begegnete. Rauch lag schwer in der Luft und drückte den Himmel noch tiefer hinab, als er ohnehin schon war. Leyla griff nach diesem Feuer. Ihr Mana breitete sich aus, verband sich mit den lodernden Zungen, zwang sie in eine neue Form. Das Flackern wurde länger, strukturierter, geordneter, bis sich das Feuer hinter ihr zu Flügeln ausbreitete, ähnlich denen, die sie an dem Mädchen gesehen hatte. Für einen Augenblick spürte sie die Hitze direkt an ihrem Rücken, das Pulsieren der Energie, die sich ihrem Willen unterwarf. Die Flügel trugen sie nicht. Enttäuschung flackerte kurz in ihr auf – flüchtig, kaum greifbar – bevor sie die Konstruktion auflöste und sich dem freien Fall überließ. Der Wind rauschte an ihr vorbei, während die zerstörte Stadt schnell näher drängte. Ihr Blick glitt zum Meer. Sie musste es befreien. Doch noch bevor sie handeln konnte, sah sie Yang. Die Wacal lehnte gegen eine steinerne Säule, scheinbar reglos, als hätte sie sich in dieser Trümmerstadt einen Moment der Stille genommen. Ihre Haltung wirkte ungewohnt passiv, beinahe beiläufig, vollkommen im Widerspruch zu allem, was um sie herum brannte. Leyla steuerte auf sie, soweit es ihr möglich war, zu und landete auf dem Dach eines nahegelegenen Hauses. —KRCKS— Das Holz gab sofort nach. Die Balken brachen unter ihr wie alte Knochen, das Dach stürzte in sich zusammen, und Leyla wurde mit den Trümmern ins Innere gerissen, durch Schicht um Schicht aus splitterndem Holz, bis sie auf einem Bett landete, das unter ihrem Aufprall zerbarst. Für einen Moment blieb sie liegen. Dann hob sie den Blick. Auf dem Bett lagen drei Menschen. Oder das, was von ihnen übrig geblieben war. Die Flammen hatten sie bereits geholt, krochen über ihre Körper, fraßen sich durch Kleidung und Haut. Ein Elternpaar und ihr Kind, eng beieinander, als hätten sie im letzten Moment noch Schutz in der Nähe des anderen gesucht. Leyla sah sie nur einen einzigen Augenblick an. Dann stieß sie sich ab. Mit einem einzigen Satz durchbrach sie das Fenster und trat wieder hinaus, ließ die Szene hinter sich, ohne ein weiteres Zögern, ohne den Blick zu wenden. Sie landete vor Yang und begann, sich ihr zu nähern. ,,Du siehst gar nicht gut aus, Yang. Wie wäre es, wenn du dich zur Ruhe setzt? Platz für die jüngere Generation machst?'' Ihre Worte waren leicht, spöttisch, doch ihre Aufmerksamkeit blieb vollständig und ohne Abweichung auf die Frau vor ihr gerichtet. Yang richtete sich langsam auf. Jetzt konnte Leyla die Details erkennen, die zuvor verborgen gewesen waren. Das Kleid war verdreckt, an mehreren Stellen aufgerissen, und zwischen den violetten Linien, die sich über ihren Körper zogen, waren kleine Wunden sichtbar. Sie wirkten unscheinbar im Vergleich zu dem, was die letzten Stunden bei jedem anderen angerichtet hätten – und doch waren sie da. Yang sagte nichts. Ihr Blick blieb fest, unerschütterlich, wie immer. Doch etwas hatte sich verändert, eine Verschiebung, kaum greifbar. Ihre Lippen verzogen sich zu einem Lächeln. Leyla erstarrte innerlich für einen Moment. Sie hatte Yang noch nie lächeln sehen. Nicht in all der Zeit, in der sie ihr begegnet war, nicht in einem einzigen Augenblick. Dann verstand sie. Yang genoss das. Den Kampf. Ohne weitere Vorwarnung ließ Leyla ihr Schwert fallen. Die Bewegung war bewusst, kalkuliert, eine gesetzte Absicht und keine Kapitulation. Im nächsten Moment schoss sie nach vorne, direkt auf Yang zu, ihre Hände bereits in Bewegung. Feuerbälle formten sich darin, kompakt und dicht, während sie kontinuierlich Mana hineinleitete, sie verdichtete, aufpumpte, bis sie an der Grenze der Selbstentladung glühten. Yang reagierte sofort, senkte den Schwerpunkt, ging in eine Abwehrhaltung, bereit, den direkten Angriff abzufangen. Doch der Angriff kam nicht. Stattdessen brach hinter ihr der Boden auf. Eine massive Steinsäule schoss aus der Erde empor, traf Yang von unten mit einer Wucht, als würde die Stadt selbst ihre Faust ballen, und katapultierte sie in den Himmel. Die Bewegung war abrupt und gewaltsam, ließ ihr keine Möglichkeit, den Einschlag abzumildern oder zu neutralisieren. Leyla hatte sich selbst als Köder benutzt. Sie stieß sich vom Boden ab und folgte Yang ohne Verzögerung, trieb sich immer höher in den Nachthimmel hinein. Stein sammelte sich um ihre Hände, verdichtete sich, wuchs und schichtete sich, bis sich ein gewaltiger Hammer ergeben hatte, massiv und schwer, größer als alles, was ein gewöhnlicher Kämpfer jemals hätte führen können. Das Gewicht war real, drückte nach unten, zog an ihren Armen. Sie holte aus. —BAMM— Die gesamte aufgestaute Wucht entlud sich frontal in Yang und schleuderte sie mit brachialer Gewalt hinaus aus der Stadt, über die brennenden Dächer hinweg, hinaus in Richtung des offenen Meeres, wo die Barrieren das Wasser noch immer eingekesselt hielten. Leyla ließ sich fallen. Nicht unkontrolliert, sondern mit Absicht. Sie nutzte die gewonnene Höhe, sprang von Struktur zu Struktur, von Dach zu Mauer zu Trümmer, hielt die Verfolgung aufrecht, während sie Yangs Flugbahn keine Sekunde aus dem Blick ließ. Dabei spürte sie es. Ihr Mana ließ nach. Nicht abrupt, sondern schleichend, wie Sand, der durch geöffnete Finger rieselt. Die Regeneration wurde langsamer, weniger präzise. Manche Verletzungen schlossen sich nicht mehr im selben Atemzug, blieben offen, wurden ignoriert, weil die Energie nicht mehr ausreichte, alles gleichzeitig zu versorgen. Auch ihre Kontrolle litt. Die Formen, die sie der Erde aufzwang, hielten nicht mehr so lange wie zu Beginn des Kampfes. Strukturen zerfielen früher, verloren schneller an Kohärenz, als würde ihr Einfluss von innen her ausdünnen. Und doch war da noch etwas anderes. Etwas, das sich über diese Erschöpfung legte und sie beinahe in den Hintergrund drängte. Freude. Ein klares, unverfälschtes Gefühl, scharf und echt. Zum ersten Mal seit langer Zeit war dieser Kampf nicht nur notwendig. Er war erfüllend. -------------------------------------------------------------------------- Leyla ließ sich von der Erde nach oben tragen, ohne eine eigene Bewegung ausführen zu müssen. Der Stein unter ihr reagierte auf ihren Willen, hob sich aus der Struktur der Burg und wuchs zu einer tragenden Säule, die sie bis an die Spitze eines Turms emporhob. Von hier aus lag Randurin unter ihr wie ein aufgerissenes Gefüge aus Flammen, Rauch und zerbrochenem Gestein, eine Stadt, die sich selbst zu fressen begann. Ob es sich um die Herzogsburg handelte, spielte für sie keine Rolle – der Ort war hoch genug, um Überblick zu geben, und stabil genug, um als Ausgangspunkt zu dienen. Der Wind riss an ihr, trug den Geruch von verbranntem Holz und geschmolzenem Metall mit sich, während die Hitze der brennenden Stadt selbst hier oben noch wie ein zweites Klima spürbar war. Leyla ließ den Blick nur einen einzigen Augenblick über die Zerstörung schweifen, bevor sie sich wieder auf ihr Ziel konzentrierte. Dann stieß sie sich ab. Ihr Körper spannte sich, und der Sprung trug sie weit über die Dächer hinaus in die offene, rauchgeschwängerte Luft, direkt auf Yang zu. Die Wacal war noch in Bewegung, fing sich gerade aus der vorangegangenen Attacke, stabilisierte ihre Flugbahn und brachte Ordnung in ihre Haltung zurück, mit der ruhigen Präzision eines Wesens, das Rückschläge nur als temporäre Abweichungen kennt. Leyla griff nach vorne. Ihr Mana streckte sich aus, tastete die Umgebung ab, überquerte die Distanz zwischen ihr und dem Horizont und fand schließlich das, was sie gesucht hatte. Das Meer. Die Verbindung entstand nicht zögernd, sondern mit einer Wucht, die sofort durch sie hindurchfuhr wie ein Strom durch eine geöffnete Leitung. Tief unter ihr bewegte sich eine gewaltige, eingesperrte Masse, und als sie ihren Willen darauf legte, antwortete sie. Mit einem tosenden, alles überlagernden Geräusch brach das Wasser durch die Ätherbarrieren, die es zuvor zurückgehalten hatten. Die Struktur gab nach, riss auf, und die aufgestauten Wassermassen entluden sich in einer einzigen, gewaltigen Geste der Befreiung. Wellen erhoben sich, nicht wie natürliche Brandung, sondern wie aufgerichtete Gebirge aus fließender, lebendiger Gewalt, die sich über Leyla und Yang gleichermaßen auftürmten und den Himmel verdunkelten. Am Rand ihres Blickfelds erkannte Leyla Bewegungen. Eine Flotte. Kaiserliche Schiffe, dicht beieinander, klein wirkend im Vergleich zu den Wassermassen, die sich nun über ihnen aufbäumten. Sie ignorierte sie. Ihre Aufmerksamkeit lag vollständig auf Yang. Die Wacal reagierte sofort. Leyla sah, wie sie ihr Mana auf das Wasser richtete, wie sie versuchte, die heranrollenden Fluten zu glätten, ihre Wucht zu brechen, ihnen eine beherrschbare Struktur aufzuzwingen. Leylas Lippen verzogen sich zu einem Grinsen. Das Meer entzog sich dieser Kontrolle. Es antwortete nur Leyla. Mit einem scharfen, gezielten Impuls ließ Leyla die Wellen brechen. Die Wassermassen stürzten herab, erfassten Yang und rissen sie mit sich fort. Im selben Moment ließ Leyla sich selbst fallen, ließ sich von der Bewegung der Welle erfassen und verwandelte ihren Sturz in eine gezielte, kraftvolle Fortbewegung durch das tobende Element. Hier veränderte sich alles. Die Dichte des Wassers trug sie, leitete ihre Bewegungen, verstärkte jeden Impuls ihres Körpers auf eine Weise, die sie im Kampf noch nicht erlebt hatte. Ihr Körper schnitt durch die Strömung wie ein Kiel durch ruhiges Wasser, ihr Mana verband sich mit der Umgebung, ließ sie voranschießen, als würde das Meer selbst sie werfen. Sie erreichte Yang inmitten der tobenden Flut. Die Wacal versuchte, sich zu lösen, kämpftesich gegen die Strömung. Es verdichtete sich um Yang herum, legte sich um ihre Gliedmaßen wie eine unsichtbare Hand, verlangsamte jede ihrer Bewegungen und machte Ausweichen zur Unmöglichkeit. Um Yang herum blitzten Fragmente von Äthermagie auf. Sie flackerten, formten sich kurz und zerfielen wieder, instabil und unzuverlässig, als würde ihr Mana nicht mehr vollständig auf ihre Befehle hören – als hätte etwas in ihr begonnen, sich selbst zu widersprechen. Leyla setzte nach. Ihr Bein schnellte vor und traf Yang im Gesicht. Der Aufprall wurde vom Wasser verstärkt, die Bewegung durch die Strömung fortgetragen und in Wucht übersetzt. Sie zog zurück und schlug erneut zu, ließ keine Lücke entstehen, keinen einzigen Augenblick, in dem Yang sich hätte sammeln können. Schlag folgte auf Schlag, jeder präzise gesetzt, jeder darauf ausgelegt, die Kontrolle weiter zu brechen und die bereits brüchige Stabilität ihrer Gegenspielerin zu zerstören. Mit jedem Treffer trieb sie Yang tiefer. Das Licht von der Oberfläche wurde schwächer, die Umgebung dunkler und schwerer, während der Druck des Wassers zunahm und die Bewegungen der Wacal in eine langsamere, härtere Dynamik zwang, in der Schnelligkeit nicht mehr galt und Beharrlichkeit alles war. Yang kämpfte. Sie versuchte, sich zu befreien, spannte ihren Körper gegen den Strom, suchte nach einem Ausweg, nach einem Moment, den sie nutzen konnte. Doch das Meer selbst stellte sich gegen sie. Die Strömung verdrehte sich, schloss sich enger, hielt sie fest und zog sie mit einer Geduld weiter hinab, die keine Gegenwehr kannte. Leyla spürte es deutlich. Zum ersten Mal hatte sie das Gefühl, einen Runenstein vollständig zu nutzen. Das Element selbst unterstützte sie, verstärkte ihre Kontrolle, machte ihre Angriffe schwerer, zwingender, endgültiger, als sie es allein je hätten sein können. Gemeinsam mit dem Wasser drängte sie Yang bis auf den Meeresboden. Dort traf sie sie mit voller Wucht auf den Grund, ließ die Bewegung in den Schlick laufen und den letzten Rest an Ausweichmöglichkeit zerstören, bevor sie nachsetzte. Sie ging dicht heran, legte ihre Hände um Yangs Hals und fixierte sie, ließ keinen Raum für Bewegung, keinen Spalt, durch den sich irgendetwas hätte zwingen lassen. Ihre Finger schlossen sich. Unnachgiebig. Leyla beugte sich vor und sah Yang direkt in die Augen. Die violetten Linien hatten sich weiter ausgebreitet, zogen sich nun auch durch die Iriden, durchzogen den Blick mit einer fremden, unruhigen Struktur, die nicht zu ihr zu gehören schien, als wäre dort etwas eingewachsen, das nicht eingeladen worden war. Ein Fluch? Vielleicht. Der Gedanke blieb flüchtig, ohne Raum, sich zu entfalten. Leyla ließ das Wasser reagieren. Es drang in Yangs Körper ein, füllte langsam ihre Lungen, während sich gleichzeitig die Erde unter ihnen auftat und sich eng um Yang schloss – fixierte sie, nahm ihr jeden letzten Rest von Beweglichkeit, versiegelte jeden Ausweg. ,,Tut mir leid. Aber für meine Ziele musst du sterben.'' Ihre Stimme war ruhig, beinahe leise, von dem Druck des Wassers gedämpft, und doch trug sie eine Klarheit, die keinen Zweifel zuließ und keinen Raum für eine Antwort öffnete. Das Mitgefühl war echt. Die Entscheidung ebenfalls. Leyla hielt den Druck aufrecht, ließ keine Öffnung entstehen, keinen Ausweg. Sie spürte, wie Yangs Körper nachgab, wie die Kraft der Wacal wich, wie die Gegenwehr schwächer wurde, von Schlag zu Schlag weniger, bis sie schließlich ganz verstummte. Langsam, kaum merklich, erlosch das Leben in ihren Augen. Und mit ihm verschwand die Präsenz der stärksten Kämpferin des Kaiserreichs.
- Kapitel 217 - Die letzte Nacht der Kopfgeldjägerin
Yang ließ ihr Mana erneut erwachen. Die Aura der Kopfgeldjägerin flammte auf, doch sie hielt sie gedämpft, absolut kontrolliert, als würde sie ein gefährliches Tier an einer unsichtbaren Leine führen. Atorm war mächtig gewesen. Das musste sie ihm zugestehen. Er hatte nicht blind gehandelt – er hatte einen Plan gehabt. Einen Plan, der nach allem, was er wusste, hätte funktionieren müssen. Yang strich mit den Fingern über den Stoff ihres Kleides. Die Farbe veränderte sich, verdunkelte sich, bis ein tiefes Schwarz zurückblieb. Ein stilles Zeichen des Respekts gegenüber einem Gegner, der sie tatsächlich gefordert hatte. Es war der erste Kampf seit dem Großen Krieg, der ihr so etwas wie echte Freude bereitet hatte. Ein leichtes Lächeln trat auf ihre Lippen. Flüchtig, beinahe fremd in ihrem Gesicht. Es war kein Lächeln der Gegenwart, sondern eines aus einer anderen Zeit – aus einer Kindheit, die über dreitausend Jahre zurücklag. Sie hatte bereits im Alter von fünfzig Jahren entschieden, dass sie im Kampf in erster Linie auf Magie setzen würde. Es war zu ihrem Markenzeichen geworden. Yang, die mächtigste Magierin. Die Meisterin des Äthers. Und doch war genau das Atorms Makel gewesen. Er hatte nur diese Yang gekannt. Er hatte nichts gewusst von der anderen. Von jener, deren Muskeln die rohe Kraft von Drachen trugen. Von jener, die auch ohne Magie fliegen konnte, deren Körper selbst eine Waffe war. Es war nicht sein Fehler gewesen. Und dennoch war es ein verdienter Tod. Wer sich gegen ihr Absolut im Kaiserreich auflehnte, würde beseitigt werden. Ihr Blick glitt über die Eiswüste, bis er an den Burgzinnen Randurins hängen blieb, die sich schemenhaft durch den tobenden Schneesturm abzeichneten. Weder Leyla noch Zuphoor oder Cornelius waren dort. Langsam ließ sie ihre Aura weiter anwachsen. Jetzt ohne jede Zurückhaltung. Sie breitete sich aus, tastete die Umgebung ab, durchdrang Schnee, Stein und Luft gleichermaßen. Sofort nahm sie den Menschen wahr. Er hatte sich mit den beiden Untoten getroffen. Drei Signaturen, die sich hastig bewegten – fort von diesem Ort, in Richtung Süden. „Sollte ich mich jetzt ihnen widmen?" Der Gedanke war kaum entstanden, da verschob sich ihr Fokus bereits. Da war noch etwas. Oder vielmehr: jemand. Ein Mädchen. Kaum mehr als ein schwaches Flackern im Gefüge der Kräfte. Lächerlich gering. Und doch unverkennbar. Barbarossas Hülle. Yang hob langsam eine Hand gen Himmel. Die Bewegung war ruhig, präzise, beinahe rituell. Sie wollte gerade die Verbindung zum Äther erneut vollständig öffnen, die Ströme bündeln, als etwas sie innehalten ließ. Ein kaum merkliches Heben und Senken ihrer Brust. Erschöpfung. Ein Zustand, den sie nur ein einziges Mal zuvor gespürt hatte. Für einen kurzen Moment verharrte sie. Sie schob den Gedanken beiseite, kühl und konsequent. Dann entfesselte sie abermals ihre Äthermagie. -------------------------------------------------------------------------- Der Nachthimmel über Randurin wurde abermals von einem grellen Licht zerrissen, das schien, als bündele es sämtliche Farben in sich, nur um sie im nächsten Moment in einer unnatürlichen, schmerzhaften Helligkeit freizusetzen. Helmut stand im ersten Stock seines Eigenheims. Neben ihm standen seine Frau Isabell und sein zehnjähriger Sohn Uwe. Keiner von ihnen sprach zunächst ein Wort. Sie blickten nur hinaus, gefangen von einem Anblick, der zu groß war, um ihn wirklich zu begreifen. ,,Warum kämpfen die wieder, Papa?'’ fragte Uwe schließlich und klammerte sich fester an Helmuts Arm. Seine Stimme war leise, brüchig, als hätte er nicht nur vor den Antwort, sondern auch vor der Frage Angst. Helmut zögerte einen Moment zu lange. ,,Weil der Böse immer noch lebt. Die ehrenwerte Yang wird uns befreien, mein Sohn.'' Seine Worte klangen fest, doch in ihnen lag eine Anspannung, die sich nicht vollständig verbergen ließ. Sie hatten aus der Ferne gesehen, wie Yang sich diesem unheimlichen Mann entgegengestellt hatte. Dem Mann ohne richtige Augen, dessen bloße Erscheinung bereits Unruhe auslöste. ,,Aber Papa, du meintest doch, dass Yang gewonnen hat.'' Uwes Griff wurde noch fester. ,,Ja…'' begann Helmut, bevor er sich fing. ,,Ja, du hast recht. Das dachte ich auch. Dass sie jetzt weiterkämpft, bedeutet nur, dass er noch lebt. Niemand außer diesem Mann könnte sich ihr entgegenstellen.'' Er zwang sich, den eigenen Worten Glauben zu schenken. Es musste so sein. Alles andere würde bedeuten, dass etwas geschah, das jenseits jeder Ordnung lag, die er kannte. Denn wenn nicht dieser Mann – wer war dann die Gestalt, die Yang mit Flammen angriff? Wer war es, der den Himmel selbst in Brand setzte? Helmut verengte die Augen und bemühte sich, durch das flirrende Licht hindurch mehr zu erkennen. ,,Ist das ein Mädchen?’’ Der Gedanke kam ihm absurd vor, beinahe lächerlich – und doch ließ er sich nicht sofort verdrängen. Mit einer abrupten Bewegung zog er die Vorhänge zu. Das Licht verschwand. ,,Lass uns schlafen gehen, Liebling.’’ Isabell sah ihn an. In ihrem Blick lag Angst, unverhüllt, roh. Doch sie nickte, weil es nichts anderes gab, woran sie sich hätten halten können. Zu dritt legten sie sich ins Bett. Die Nähe war eng, beinahe erdrückend, doch keiner von ihnen wich zurück. Helmut schloss die Augen. Die Erschöpfung übermannte ihn schneller, als ihm lieb war. Er schlief ein. Wäre er wach geblieben, hätte er vielleicht bemerkt, dass Randurin in eine unnatürliche Stille gefallen war – eine Stille, die nicht beruhigte, sondern warnte. Wäre er wach gewesen, hätte er vielleicht gesehen, wie sich vor dem Fenster erste Flammen regten, züngelnd, tastend, als würden sie nach Halt suchen. Wäre er aufgewacht, hätte er vielleicht noch rechtzeitig reagieren können. Vielleicht. Doch als der brennende Balken schließlich nachgab und in die Dunkelheit stürzte, war es längst zu spät. -------------------------------------------------------------------------- Der Ätherangriff Yangs hatte sein Ziel verfehlt. Nicht, weil er unpräzise gewesen wäre. Die Bahn, die Dichte, die Ausrichtung – alles hatte gestimmt. Doch Barbarossa war ihm entkommen, indem er sich im entscheidenden Moment erhoben hatte. Seine brennenden Flügel trugen ihn in steilem Winkel nach oben, schnitten durch die kalte Luft und hinterließen verzerrte Strömungen aus Hitze, die den Himmel selbst unruhig wirken ließen. Kaum hatte er Höhe gewonnen, ging er zum Gegenangriff über. Seine Flammen waren kein bloßes Element, sondern ein Zustand. Sie fraßen sich durch den Raum, überlagerten die Kälte der Umgebung und griffen mit einer Intensität an, die selbst Yangs Schutz durchbrach. Ihr Kleid fing Feuer. Die Flammen hafteten, brannten sich in den Stoff, bevor sie sie mit einer einzigen kontrollierten Bewegung ersetzte und die Hitze auslöschte. Doch der Umstand blieb bestehen. Es hatte gebrannt. Und das allein genügte, um die Dimension ihres Gegners endgültig einzuordnen. Yang hielt ihre Position nicht. Sie bewegte sich weiter durch den Himmel, beschleunigte in variierenden Bahnen, wechselte abrupt die Richtung, während ihr Blick unablässig über Barbarossas Angriffe glitt. Sie suchte keine Öffnung im klassischen Sinne, sondern eine strukturelle Schwäche im Muster seines Flammenregens. Es gab keine. Die Angriffe überlappten sich, ergänzten einander, schlossen Lücken, noch bevor sie überhaupt entstehen konnten. Ein durchgehendes Geflecht aus Hitze und Druck, das keine offensichtliche Angriffsfläche bot. Ein direkter Vorstoß wäre möglich gewesen. Doch Yang verzichtete darauf. Sie wusste, was Barbarossa in sich trug. Die Erzzauber von Gabriel und Ismael. Ismaels Zauber war eindeutig. Potenzialentfaltung. Ein Eingriff, der das maximale Leistungsvermögen eines Wesens sofort und vollständig freisetzte, ohne jede Rücksicht auf Stabilität oder Dauer. Die Konsequenz war ein beschleunigter Verbrauch der eigenen Existenz. Für diesen Kampf bedeutungslos. Eine gewaltige Feuerkugel durchbrach die Luft und raste knapp an ihr vorbei. Die Druckwelle ließ ihre Flugbahn kurz erzittern. Die Signatur war fremd, aber nicht gänzlich unbekannt. General van Trey. Zumindest vermutlich. Yang schenkte dem keine weitere Beachtung. Seine Magie hatte sie nie interessiert. Stattdessen verlagerte sie ihren Fokus vollständig zurück auf Barbarossa. Ihre Aura breitete sich aus, verdichtete sich gezielt entlang seiner Flugbahn und legte sich wie ein unsichtbarer Druck auf seine Flügel, um deren Bewegung zu behindern. Doch Barbarossa reagierte korrekt. Er stabilisierte sich gegen ihre Einwirkung, verankerte sich nicht physisch, sondern energetisch im Raum und hielt seine Flugstruktur aufrecht, ohne dabei an Kontrolle zu verlieren. Yang erhöhte die Geschwindigkeit. Noch weiter. Die Luft begann unter der plötzlichen Beschleunigung zu reißen, ihre Bewegung wurde zu einer Abfolge kaum noch nachvollziehbarer Positionswechsel. Für einen kurzen Moment überschritt sie das Reaktionsvermögen ihres Gegners. Gleichzeitig sammelte sie Mana in ihrer Hand. Absolute Verdichtung. Absolute Kompression. Absolute Kontrolle. Parallel dazu entstand eine Sphäre aus elektrischer Spannung, deren Oberfläche instabil flackerte, aufgeladen bis an die äußerste Grenze der Selbstentladung. Ohne Zögern schleuderte sie das Konstrukt auf Barbarossa zu. Ungefährlich. Ablenkend. Genau so war es beabsichtigt. Yang beobachtete nicht die Kugel, sondern die Reaktion. Barbarossa registrierte den Angriff, korrigierte seine Position und holte aus. Seine Bewegung war klar, ohne jede unnötige Verzögerung. Ein gewaltiger Eissplitter formte sich, massiv und dicht, und wurde mit enormer Kraft auf die Sphäre geworfen. Die Kollision war unvermeidlich. Und genau darauf hatte Yang gewartet. Im Moment der Abwehr schoss sie vor. Ihre Beschleunigung erreichte einen Punkt, an dem der Raum selbst hinter ihr zurückzubleiben schien. Die Distanz zwischen ihnen brach in sich zusammen. Ihre Hand streckte sich aus, zielgerichtet, präzise. Nicht, um zu zerstören. Um zu stören. Schattenmagie sammelte sich an ihren Fingern, bereit, sich in Barbarossas Struktur zu legen, seinen Manafluss zu destabilisieren, ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen. Kein Angriff im klassischen Sinne, sondern eine gezielte Unterbrechung. Denn das eigentliche Ziel lag woanders. ,,Welt in Perfektion.’’ -------------------------------------------------------------------------- Drei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Yang beschleunigte ihren Herzschlag. Der Rhythmus ihres Körpers stieg abrupt an, präzise kontrolliert, weit über das hinaus, was für Sterbliche auch nur annähernd denkbar war. Es war eine Fähigkeit der Wacal – kein Zauber, sondern ein bewusster Eingriff in die eigene Funktionsweise. Für einen kurzen Moment vervielfachte sich ihre gesamte Leistungsfähigkeit, jede Reaktion wurde schärfer, jede Bewegung unmittelbarer, jeder Impuls direkter. Der Preis war hoch. Sie würde ihr Mana nicht mehr speichern können. Sie würde einige Tage, nachdem es vollständig verbraucht war, ohne ihre Magie auskommen müssen. Doch er war akzeptabel. Zwei Sekunden bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Ihre Aura zog sich zusammen, verdichtete sich entlang ihres Körpers, schloss sich enger, kompakter, bis sie nicht mehr als Ausstrahlung, sondern als strukturierte Hülle existierte. Daraus formte sie einen Schild aus reinem Äther, lückenlos über ihre Haut gelegt, stabilisiert durch konstante Rückkopplung. Nur eine einzige Stelle blieb offen. Ihre Hand. Dort hielt sie weiterhin konzentriertes Mana, dicht genug gebunden, um es jederzeit und ohne Verzögerung freisetzen zu können. Gleichzeitig öffnete sie den Fluss an anderer Stelle. Ein erheblicher Teil ihres Manas entwich durch ihren Mund, transformiert in rohe Windmagie. Kein gerichteter Angriff, sondern ein kontrollierter Ausstoß, der sich hinter ihr entfaltete und den gesamten Raum in Bewegung versetzte. Eine Sekunde bevor Yang von ,,Welt in Perfektion’’ getroffen wurde: Ihre Hand erreichte ihr Ziel. Sie berührte die Schulter des Mädchens. Im selben Moment entlud sich die Schattenmagie. Kein sichtbarer Effekt, keine Explosion – sondern ein gezielter Eingriff. Direkt, präzise, auf den Manastrom ausgerichtet, der Barbarossa durch diese Hülle verband. Die Struktur wurde gestört, nicht zerstört, aber spürbar aus dem Gleichgewicht gebracht. Ohne auch nur einen Moment zu verharren, verlagerte Yang ihr Gewicht und stieß sich ab. Die Bewegung war explosiv, ihre Beine lieferten den entscheidenden Impuls, während die zuvor freigesetzte Windmagie hinter ihr griff und sie zusätzlich beschleunigte. Ihr Körper wurde rückwärts katapultiert, weit fort von der unmittelbaren Gefahrenzone, noch bevor die Konsequenz ihres Eingriffs vollständig einzusetzen begann. ,,Welt in Perfektion.’’ -------------------------------------------------------------------------- Der gestohlene Erzzauber Gabriels traf Yang. Die Ätherschutzschicht absorbierte einen erheblichen Teil der einströmenden Kraft. Die Struktur hielt stand, leitete Energien um, dämpfte die unmittelbare Wirkung – doch sie war nicht vollständig ausreichend. Was durchdrang, war kein Rest, sondern ein konzentrierter Kern. Der Abstand, den sie sich verschafft hatte, reduzierte die Intensität zusätzlich. Die Wirkung streckte sich, verlor an Dichte. Aber sie entkam dem Radius nicht. Die Störung in Barbarossas Manafluss zeigte Wirkung. Der Zauber war nicht stabil. Seine Struktur flackerte, verlor Kohärenz, wurde geschwächt. Yang hatte genau das einkalkuliert. Sie hatte den Angriff erwartet. Mehr noch – sie hatte ihn provoziert. Jede ihrer Bewegungen, jede einzelne Entscheidung war darauf ausgelegt gewesen, ,,Welt in Perfektion'' unter Bedingungen auszulösen, die sie überleben konnte. Und dennoch – zerriss der Zauber sie. Die verbleibende Kraft durchbrach ihre Verteidigung und traf ihren Körper mit unmittelbarer Brutalität. Ein klaffendes Loch öffnete sich in ihrem Rumpf. Kein langsames Versagen, kein gradueller Schaden – ein abruptes Fehlen von Substanz. Ihr rechter Arm wurde vollständig pulverisiert, ohne Übergang, ohne den geringsten Widerstand. Ihr Blut verteilte sich in der Luft, wurde vom Aufprall auseinandergerissen und fiel in dunklen Bahnen zur Erde hinab. Für einen Moment verlor ihr Körper jede geschlossene Form. Dann reagierte sie. Ohne Zögern ließ Yang Lichtmagie tief in sich fließen. Nicht oberflächlich, sondern hinein in die beschädigten Strukturen selbst. Muskelfasern rekonstruierten sich, setzten sich neu zusammen, Knochen wuchsen in präziser Ausrichtung nach, und darüber spannte sich frische, makellose Haut, als hätte der Schaden niemals existiert. Die Regeneration war vollständig. Kontrolliert. Effizient. Absolut. Auch ihr Kleid stellte sie wieder her. Diesmal kehrte es zu seinem ursprünglichen Zustand zurück – ein klares, ungebrochenes Weiß. Yang atmete schwer. Ihre Brust hob und senkte sich deutlich, ein sichtbares Zeichen für eine Belastung, die sich nicht mehr vollständig verbergen ließ. Ihr Manaverbrauch hatte eine Schwelle erreicht, die selbst für sie nicht mehr trivial war. An diesem einen einzigen Abend setzte sie konstant Mengen an Mana ein, die sonst über Jahre verteilt gewesen wären. ,,Wie hast du diesen Angriff überlebt?’’ Die Stimme des Mädchens hallte durch die Nacht. Doch sie war nicht rein menschlich. Sie war überlagert, verstärkt, getragen von der fremden, dominanten Präsenz Barbarossas. Jeder Laut vibrierte in der Luft, als würde er mehr sein als bloßer Schall. Yang antwortete nicht. Stattdessen breitete sie die Arme aus. Hinter ihr begann sich der Raum zu verändern. Punkte aus Licht erschienen, zunächst vereinzelt, dann in rasch wachsender Zahl. Sie ordneten sich, formten sich zu klar definierten Strukturen – Ätherpfeile, jeder einzelne durchzogen von dicht gebundenem Mana, stabilisiert und präzise ausgerichtet. Hunderte. Diesmal beließ sie es nicht bei reiner Konstruktion. Zusätzlich legte sie Schattenmagie über die gesamte Formation. Kein sichtbarer Effekt, sondern eine Anweisung, ein eingebetteter Befehl, der jedem einzelnen Projektil eine Zielpriorität gab. Ihre Stimme war ruhig, eindeutig. ,,Jagt Barbarossa.’’ -------------------------------------------------------------------------- Taliba saß in einem dunklen Raum. Es war kein Ort mit klaren Grenzen. Keine Wände, die man hätte ertasten können, kein Boden, der irgendeinen Halt versprach. Nur Enge – eine bedrückende, formlose Enge, die sich um sie gelegt hatte. Vor ihr öffnete sich ein schmaler Spalt, kaum mehr als ein Riss in dieser Finsternis, durch den sie nach draußen sehen konnte. Dort draußen entfaltete sich der Kampf. Verzerrt, fragmentiert, als würde sie ihn durch eine fremde Wahrnehmung hindurch betrachten, und doch klar genug, um die Bedeutung zu begreifen. Sie wusste, wer die Frau war. Yang. Die Perfekte. Die Absolute. Ein Name, der nicht nur eine einzelne Person beschrieb, sondern einen Zustand, ein Prinzip, dem sich alles andere unterordnete. In Taliba regte sich etwas. Freude. Kein reines, unbeschwertes Gefühl, sondern ein scharfes, beinahe schmerzhaftes Aufleuchten inmitten der Dunkelheit. Sie spürte es deutlich – das ,,Monster'', das sie gefangen hielt, reagierte. Seine Präsenz verschob sich, wurde unruhiger. Angst. Es erkannte den Unterschied. Nicht als abstrakte Einschätzung, sondern als unmittelbare Gewissheit. Eine Differenz in Stärke, so eindeutig, dass sie sich nicht ignorieren ließ. Taliba presste sich näher an den schmalen Spalt, als könnte sie dadurch mehr von dem sehen, was dort draußen geschah. Ihre Finger krümmten sich, suchten Halt in etwas, das sich nicht greifen ließ. Sie wollte schreien. Wollte sich bemerkbar machen, wollte eingreifen, wollte gehört werden. Doch ihre Stimme gehorchte ihr nicht. Was sie hervorbrachte, war kaum mehr als ein schwacher Impuls, ein gedämpfter Gedanke, der sich nur mühsam durch die fremde Präsenz hindurchzwängte. Keine Worte im eigentlichen Sinne, sondern ein fragmentierter Wille, der nur mit größter Anstrengung überhaupt Form annahm. „Bitte…" Der Rest zerfiel beinahe, noch bevor er entstehen konnte. Und doch erreichte ein Teil davon sein Ziel. ,,Lass uns bitte gemeinsam sterben…’’ -------------------------------------------------------------------------- Leyla spürte den Kampf von Yang lange, bevor sie ihn überhaupt sehen konnte. Die Aura war nicht nur ein fernes Signal, sondern durchzog den Wind selbst, legte sich in jede Bewegung der kalten Luft und machte die Präsenz der Kämpfenden auf eine Weise greifbar, die keine Augen brauchte. Es war eine klare, dominante Signatur, die keinen Zweifel daran ließ, wer dort kämpfte. Sie hatte den Denja-Dschungel längst hinter sich gelassen und bewegte sich nun durch die Kälte des Herzogtums Randurin. Die Umgebung hatte sich vollständig verändert. Wo zuvor feuchte, schwere Luft und dichtes Grün geherrscht hatten, lag nun eine offene, von Schnee bedeckte Landschaft, in der jede Form von Leben zurückgedrängt wirkte. Der Boden war hart gefroren, der Wind schnitt scharf über die weiten Flächen und ließ selbst stabile Strukturen spröde erscheinen. Leyla nutzte diese Bedingungen zu ihrem Vorteil. Anstatt sich wie zuvor über die Äste der Bäume fortzubewegen, glitt sie nun über den Schnee. Unter ihren Schuhen hatten sich Kufen ausgebildet, glatt und präzise geformt, während sie gleichzeitig mit ihrem Mana die Oberfläche des Bodens ebnete und jede Unebenheit beseitigte. Ihre Bewegung wurde dadurch beinahe reibungslos, ein gleichmäßiges Gleiten, das sie mit hoher Geschwindigkeit vorantrieb. Die Landschaft zog in langen, unscharfen Linien an ihr vorbei, ohne dass sie auch nur im Geringsten an Kontrolle verlor. Sie hätte nicht sagen können, wann genau sie diese Technik entwickelt hatte. Es gab keinen Moment des Lernens, keine bewusste Entscheidung. Die Idee war einfach da gewesen, vollständig und funktional, als hätte sie schon immer darauf zurückgreifen können. Vinessa befand sich noch immer in ihrer Innentasche. Leyla achtete ununterbrochen darauf, dass sie keinen Schaden nahm. Jede Bewegung, so schnell sie auch war, blieb kontrolliert genug, um die kleine Fee zu schützen. Doch ihr wurde klar, dass sie sich im weiteren Verlauf diese Einschränkung nicht länger leisten konnte. Ein Gedanke formte sich. Sie richtete ihre Aufmerksamkeit nach innen und suchte die Verbindung zu jenem Ort, der sich in ihr entwickelte. Zu ihrer werdenden Domäne. Zu jenem Raum, den ihr der Runenstein der Heilung eröffnet hatte und der noch nicht vollständig greifbar war, aber bereits existierte. ,,Bitte, nimm Vinessa zu dir.’’ Der Gedanke war klar formuliert, frei von jedem Zweifel. Unmittelbar darauf verschwand die Bewegung an ihrer Brust. Kein Übergang, kein spürbarer Prozess – das Gewicht war einfach nicht mehr da. Vinessa war fort, aufgenommen von etwas, das außerhalb der normalen Welt lag. Leyla nahm es zur Kenntnis, ohne innezuhalten. ,,Sehr gut'', murmelte sie leise. Nun konnte sie sich vollständig auf das konzentrieren, was vor ihr lag. Die Frage blieb bestehen: Gegen wen kämpfte Yang? Zu Beginn hatte sie eine dunkle Aura wahrgenommen, schwer und eindeutig feindlich. Dann war eine Phase gefolgt, in der die Intensität plötzlich abgefallen war, als hätte der Kampf kurzzeitig ausgesetzt. Dieses Muster war ungewöhnlich gewesen, aber nicht lange relevant geblieben. Denn nun hatte sich die Situation erneut verändert. Die Aura, die jetzt von Yangs Gegner ausging, war von Flammen durchzogen. Sie war nicht nur heiß, sondern trug eine Qualität in sich, die sich nicht allein durch rohe Kraft erklären ließ. Sie wirkte alt. Nicht im Sinne von Zeit, sondern in ihrer Struktur – als würde sie auf etwas zurückgreifen, das weit vor der Gegenwart lag. Zunächst hatte Leyla angenommen, dass es sich um das Mädchen handelte, von dem Aragi im Ministerium gesprochen hatte. Doch diese Einschätzung hielt nicht stand. Die Ausstrahlung passte nicht zu einem einzelnen Leben, nicht zu einem jungen Körper. Dann bekam sie Sichtkontakt. Yang bewegte sich durch den Himmel, ihr schwarzes Kleid klar erkennbar, selbst durch den tobenden Schneesturm hindurch. Neben ihr befand sich ein Kind, dessen Präsenz in direktem Widerspruch zu der Macht stand, die es ausstrahlte. Leyla verengte die Augen, während sich die Erkenntnis in ihr formte. Es war das Mädchen, das Yaga ihr gezeigt hatte. In diesem Moment durchbrach eine Stimme die Distanz. Sie war laut genug, um selbst über die weite, offene Fläche hinweg klar verständlich zu bleiben, getragen von einer Kraft, die nicht ausschließlich dem Kind gehörte. ,,Welt in Perfektion.’’ Eine weiße Kugel entstand um die beiden. Sie war makellos geschlossen, ohne erkennbare Schwachstelle, und wirkte weniger wie ein Zauber als ein vollständig abgeschlossener Zustand. Leyla konnte aus ihrer Entfernung keine Details erkennen, nur die klare Begrenzung und die perfekte Abgeschlossenheit dessen, was sich darin befand. Nach wenigen Sekunden fiel die Kugel in sich zusammen. Yang war noch dort. Doch ihr Körper war schwer beschädigt. Große Teile fehlten, ihre Form war unvollständig, als hätte etwas sie aus der Realität selbst herausgeschnitten. Für einen kurzen Moment wirkte sie instabil, als könnte sie jeden Augenblick endgültig zerfallen. Leylas Herz begann schneller zu schlagen. Nicht vor Furcht. Vor Freude. Yangs Tod würde vieles vereinfachen. Doch dieser Moment verstrich. Vor ihren Augen begann sich Yangs Körper zu regenerieren. Muskeln bildeten sich neu, Knochen wuchsen nach, und die Struktur ihrer Gestalt schloss sich wieder, als wäre der vorherige Zustand lediglich eine vorübergehende Abweichung gewesen. Leyla hielt inne, analysierte die Situation neu und begann abzuwägen, wie sie weiter vorzugehen hatte. Noch während dieser Überlegung fiel ihr eine weitere Präsenz auf. Ein Mann stand zwischen den Bäumen, teilweise verdeckt, aber eindeutig auf den Kampf fixiert. Er bewegte sich nicht, beobachtete lediglich. Leyla reagierte ohne Zögern. Sie änderte ihre Richtung abrupt, nutzte ihre Geschwindigkeit, um die Distanz in kürzester Zeit zu überbrücken, und löste sich schließlich vom Boden. Der Sprung war präzise kalkuliert, kraftvoll genug, um ihn direkt zu erreichen. Ihre Hand griff nach seinen Hörnern. Mit einem einzigen, entschlossenen Zug riss sie ihn zu Boden. Der Aufprall ließ den Schnee unter ihnen aufbrechen, während Leyla jede Möglichkeit einer Gegenwehr im Ansatz unterband. Leyla beugte sich über ihn und blickte in sein Gesicht. ,,Hallo, Yaga'', sagte Leyla ruhig, während ihr Blick prüfend über das Gesicht ihres ehemaligen Lehrers glitt. -------------------------------------------------------------------------- Yaga brauchte einen Moment, um zu begreifen, wer über ihm kniete. Der Aufprall hatte ihm die Orientierung genommen, und für einen kurzen Moment wirkte sein Blick leer, als müsse er die Realität erst mühsam wieder zusammensetzen. Dann schärften sich seine Züge, und Erkenntnis trat an die Stelle des bloßen, instinktiven Reagierens. ,,Ahh, Leyla. Es freut mich wirklich, dass wir uns wiedersehen'', sagte er und versuchte, sich aufzurichten. Seine Stimme klang gefasst, beinahe so, als hätte er diese Begegnung längst erwartet, doch die feine Anspannung in seinem Körper verriet, dass er jede einzelne Bewegung sorgfältig kalkulierte. Leyla entging nicht, wie sich seine rechte Hand bewegte. Aus dem Augenwinkel sah sie, wie seine Finger nach ihrem Knöchel griffen. Die Absicht dahinter war eindeutig. Es war derselbe Ansatz wie damals in Sonnensand, derselbe Versuch, ihren Verstand direkt anzugreifen, ohne den Umweg über einen offenen Kampf zu nehmen. Sie ließ es nicht dazu kommen. Auf ihren Befehl hin verdichtete sich der Schnee unter ihnen, erstarrte augenblicklich zu Eis und formte schmale, scharfkantige Klingen. Diese schossen mit präziser Ausrichtung nach oben und bohrten sich durch Yagas Handgelenk, durchtrennten jede Möglichkeit, die Bewegung auch nur fortzusetzen, bevor sie überhaupt Wirkung hätte entfalten können. ,,AHH, LEYLA!'' schrie Yaga auf, und für einen Moment brach jede Fassade in sich zusammen, die er bis dahin aufrechterhalten wollte. Er setzte an, weiterzusprechen, doch noch bevor auch nur ein weiterer Laut seine Lippen verlassen konnte, reagierte die Umgebung erneut auf Leylas Willen. Wurzeln eines nahen Baumes durchbrachen den gefrorenen Boden, schoben sich über sein Gesicht und verschlossen seinen Mund vollständig. Die Bewegung war kontrolliert, fest genug, um jedes Wort zu ersticken, ohne ihn sofort zu töten. Leyla hielt ihn nieder und betrachtete ihn. Sie hatte sich oft vorgestellt, wie dieses Wiedersehen verlaufen würde. In den ersten Wochen nach Sonnensand war sie von Fragen geplagt gewesen, unruhig, fast getrieben. Sie hatte ihn zur Rede stellen wollen, ihn zwingen wollen, sich zu erklären, ihm die Gründe für sein Handeln abzuringen. Warum er ihr die Qualen des Mädchens gezeigt hatte. Warum er sie gezielt Dingen ausgesetzt hatte, die sie niemals hätte sehen dürfen. Doch mit der Zeit war dieses Bedürfnis verblasst. Mehr als ein Jahr war vergangen, und mit ihm war jede Erwartung verschwunden, noch etwas von ihm zu erhalten, das den Wert eines echten Gesprächs gehabt hätte. Es gab keine Rechtfertigung für das, was er getan hatte. Der Gedanke stand fest, ohne Raum für Zweifel oder Ergänzung, ohne die Möglichkeit eines Kompromisses. Dennoch hielt sie inne. Eine Erinnerung regte sich, vage, aber präsent genug, um sie aufzugreifen. Ein Gespräch nach ihrem Kampf in der Arena, beiläufig, unvollständig, doch mit einem Bezug, der nun plötzlich relevant wurde. ,,Ob er was zu den Runensteinen weiß?’’ Leyla ließ die Wurzeln zurückweichen, gerade weit genug, um ihm das Sprechen zu ermöglichen. ,,Was weißt du über die Runensteine?'' fragte sie, ohne jede Einleitung, ohne jede Umschreibung. Yaga schwieg einen Moment. Es war kein Ausdruck von Unwissenheit, sondern ein sichtbares, bewusstes Abwägen. Sein Blick verriet, dass er überlegte, wie viel er preisgeben konnte und welche Konsequenzen jede mögliche Antwort nach sich ziehen würde. Leyla verkürzte diesen Prozess. Ihre Hand schloss sich um seinen Hals, der Druck war kontrolliert, aber völlig unmissverständlich. Fest genug, um seine Atmung zu erschweren und ihm klarzumachen, dass Zeit ein Luxus war, den er in diesem Moment schlicht nicht besaß. ,,Du willst doch leben, oder Yaga?'' Er hob leicht die Hände, soweit es ihm mit der Verletzung noch möglich war, und gab nach. ,,Schon gut… ich sag es dir'', begann er, seine Stimme rauer als zuvor, angestrengt und knapp. ,,Raya, eine Wacal vom Orden der Goldenen Sonne, wusste viel darüber. Sie hat mir erzählt, dass es auf einem Kontinent im Westen einen Mann gibt, der vor ungefähr zwanzig Jahren einen Runenstein gefunden hat. Mit dem soll er sich eine Stadt auf einem Berg errichtet haben.'' Leyla registrierte jedes Wort, ohne ihre Miene auch nur im Geringsten zu verändern. Ein Kontinent im Westen widersprach allem, was sie bisher wusste. Nach ihrem Kenntnisstand war das Kaiserreich der äußerste Westen der bekannten Welt. Dennoch verwarf sie den Gedanken nicht, sondern legte ihn beiseite. Das war keine Information, die sie jetzt auswerten musste. ,,Wo finde ich Raya?’’ Yaga hustete, rang kurz nach Luft, bevor er antwortete. ,,Das letzte Mal habe ich sie in Welldyl gesehen.'' Leyla hielt seinen Blick noch einen langen Moment fest, prüfte, ob er zögerte, ob er irgendetwas zurückzuhalten versuchte. ,,Sonst noch was?’’ Yaga schüttelte den Kopf. Leyla lächelte. Dann griff sie zu. Mit einer schnellen, vollkommen präzisen Bewegung brach sie ihm das Genick. —KNACK— Sein Körper erschlaffte sofort, jede Spannung wich aus ihm heraus, als hätte man eine Verbindung mit einem einzigen Schnitt gekappt. Leyla ließ ihn los und richtete sich auf. Ohne auch nur einen weiteren Blick auf den leblosen Körper zu werfen, wandte sie sich wieder dem eigentlichen Geschehen zu. Yang und das Mädchen. Die Situation hatte sich verändert. Yang wirkte erschöpft, nicht in ihrer Präzision, sondern in der Art und Weise, wie sie ihre Kraft aufrechtzuerhalten versuchte. Ihre Bewegungen waren noch immer kontrolliert, doch der Aufwand dahinter war sichtbar geworden, spürbar selbst über die Distanz hinweg. Auch das Mädchen zeigte Anzeichen von Belastung, wenn auch in anderer Form, weniger klar greifbar, schwerer einzuordnen. Leyla nutzte die Gelegenheit. Mit einem kraftvollen Sprung überbrückte sie die Distanz, landete neben den beiden und fing die Bewegung sauber ab, während der Schnee unter ihren Füßen kurz nachgab und sich unmittelbar darauf wieder verhärtete. Yang wandte sich ihr zu. Für einen kurzen Moment lag Überraschung in ihrem Blick, klar und unverstellt, bevor sie wieder verschwand, als hätte sie nie existiert. Leyla registrierte es sofort. Sie war davon ausgegangen, dass Yang sie längst bemerkt hatte. Ihre Aura hätte sie verraten müssen, lange bevor sie sich auch nur genähert hatte. Doch offenbar war das nicht der Fall gewesen. ,,Du bist da. Gut. Nimm Barbarossa gefangen.'' Die Worte kamen ohne jedes Zögern. Der Ton war derselbe wie immer, getragen von absoluter Autorität, die keinerlei Widerspruch zuließ. Es war kein Vorschlag, kein Angebot, kein Versuch der Überzeugung – sondern ein Befehl, wie er selbstverständlich aus ihr hervorging, als wäre jede andere Antwort undenkbar. Und doch war etwas anders. Die Ausstrahlung, die diesen Worten sonst innewohnte, war nicht mehr vollständig vorhanden. Die Präsenz war noch immer gewaltig, aber nicht mehr unangreifbar. Etwas darin fehlte, kaum merklich, und doch unverkennbar, wenn man wusste, worauf man achten musste. In diesem Moment breitete das Mädchen seine Flügel aus. Weiß, klar strukturiert, in ihrer Form ähnlich jenen von Nea, jedoch ausgeprägter, dominanter, von einer Reinheit, die in scharfem Kontrast zu der Gewalt des gesamten Kampfes stand. Ohne zu zögern stieß es sich ab, gewann rasch an Höhe und entfernte sich in Richtung der Wolken, bis es im Schneesturm verschwand. Yang ließ es geschehen und richtete ihren Blick wieder auf Leyla. ,,Willst du mir erklären, warum du ihn hast gehen lassen? Dir ist sicher klar, welche Konsequenzen eine Befehlsverweigerung hat.'' Leyla wusste es. Die Konsequenz war eindeutig und unumkehrbar. Doch gleichzeitig hatte sich ihre Einschätzung in diesem Moment endgültig gefestigt. Yang war nicht mehr in ihrem idealen Zustand. Sie war erschöpft, ihre Ressourcen spürbar belastet, ihre Wahrnehmung nicht mehr lückenlos. Sie hatte Leyla nicht kommen sehen, obwohl sie es hätte spüren müssen. Sie war… angreifbar. ,,Dann ist das hier mein Rücktritt'', sagte Leyla ruhig, ohne jede Betonung, ohne jeden Anflug von Zögern, ihre Gedanken nur auf Yang fokussiert, die Erwähnung des Namens Barbarossa völlig ignorierend. Im selben Moment setzte sie sich in Bewegung und griff an, ohne Vorwarnung, ohne Vorbereitung, mit der vollen und unumkehrbaren Konsequenz ihrer Entscheidung.
- Kapitel 216 - Gefangen in der Dunkelheit
Tag 1: Liams ganzer Körper schmerzte. Es war kein klar lokalisierbarer Schmerz, sondern ein dumpfes, allgegenwärtiges Ziehen, das sich durch jede einzelne Faser zog und ihn daran hinderte, auch nur für einen Moment in einen Zustand wirklicher Ruhe zu gelangen. Verwirrt hob er den Kopf, so weit es seine Situation überhaupt zuließ, und versuchte, seine Umgebung zu erfassen. Er hing mit ausgestreckten Armen von der Decke, die Handgelenke fixiert, sodass sein gesamtes Gewicht unerbittlich daran zog. Neben ihm befand sich kahler Stein, zu glatt, um Halt zu bieten, selbst wenn er ihn erreichen könnte. Es waren Wände, bestehend aus grauem, unbehandeltem Gestein, roh und massiv, als wären sie direkt aus dem lebendigen Fels geschlagen worden, ohne Rücksicht auf das, was darin eingeschlossen werden sollte. Ein kleines Loch in einer der Wände ließ Licht herein. Es war kein grelles Licht, sondern ein blasses, gedämpftes Leuchten, das gerade ausreichte, um grobe Konturen sichtbar zu machen, und mehr versprach, als es hielt. Dunkelheit lag schwer im Raum und verschluckte jedes Detail, das über die unmittelbare Umgebung hinausging. Es war vollkommen unmöglich zu erkennen, ob sich noch etwas, oder jemand, mit ihm in dieser Zelle befand. „Wo bin ich?" Die Frage blieb nicht lange unbeantwortet. Stück für Stück setzte sich das Geschehene in seinem Kopf wieder zusammen. Die Bilder waren zunächst unscharf, bruchstückhaft, doch sie gewannen schnell an Klarheit und Schärfe. Nidhoggs Leiche. Das plötzliche Auftauchen von Kronprinz Sebastian. Der Tod Claurians. Und schließlich Hypos. Hypos. Der Name allein reichte aus, um seine Gedanken zu bündeln und zu fokussieren. Liam erinnerte sich daran, wie er ihn mitgenommen hatte. Ohne Erklärung. Und im Gegenzug hatte er den Rebellen seinen Bruder überlassen. „Warum?" Die Entscheidung ergab keinen Sinn. Nicht strategisch, nicht persönlich. Sie widersprach jeder Logik, die Liam kannte, jeder Berechnung, die er anzustellen vermochte. —DONG— Der Klang durchschnitt die Stille der Zelle, tief und getragen, mit einer Resonanz, die sich durch den Stein grub und in seinem Körper spürbar nachhallte. „Eine Glocke?" Der Ton war klar genug, um ihn einzuordnen. „Vielleicht eine Kathedrale." Sein Mund war von einem fein gewebten Leinentuch bedeckt. Es lag eng an, ließ kaum Raum zum Atmen und machte jedes Wort unmöglich. Selbst wenn jemand gekommen wäre, hätte er sich nicht verständlich machen können, hätte keinen Laut produzieren können, der mehr als ein dumpfes Rauschen ergeben hätte. Während seine Gedanken weiterarbeiteten, glitten sie unwillkürlich zu jemand anderem. Jakira. Wie es ihr wohl ging? Er zwang sich, ihr Bild vor Augen zu halten, fest und ohne Abweichung. Ralf. Ralf würde sich kümmern, würde sie beschützen, so gut es ihm möglich war. Daran hielt er fest. Schweiß rann ihm die Stirn hinab, sammelte sich an seinem Kinn und tropfte schließlich zu Boden. Die Hitze seines Körpers speiste sich aus Schmerz, Anspannung und tiefer Erschöpfung gleichermaßen. Sein Magen knurrte. Ein trockenes, unangenehmes Geräusch, das in der fast allgegenwärtigen Stille überdeutlich wirkte, beinahe obszön in seiner Banalität. Doch niemand kam. Der Tag, oder vielmehr den Zeitraum den Liam als Tag wahrnahm, verging, ohne dass Schritte zu hören gewesen wären, ohne dass ihm Nahrung oder Wasser gebracht wurde. Die Zeit verlor ihre Struktur, zerfiel in einzelne, formlose Abläufe, die sich nur noch durch das gleichmäßige Hämmern des Schmerzes und seiner Hoffnung voneinander unterschieden, die sich mit jedem Gedanken mehr in Leere verwandelte. -------------------------------------------------------------------------- Tag 2: Liams ganzer Körper schmerzte, und im Gegensatz zum Vortag war es kein Zustand mehr, an den er sich erst gewöhnen musste, sondern eine konstante, drückende Realität, die jede seiner Empfindungen überlagerte und keinen freien Gedanken zuließ. Schlaf hatte er kaum gefunden. Wenn er für kurze Momente das Bewusstsein verloren hatte, war es kein erholsamer Schlaf gewesen, sondern ein unruhiges Abdriften, aus dem ihn die anhaltende Belastung seiner Arme oder ein neuer Schmerzimpuls sofort wieder zurückriss. In der Nacht war die Kälte unerträglich gewesen. Sie hatte sich nicht nur über die Welt gelegt, sondern war tief in den Stein, in die Luft und schließlich in seinen Körper eingedrungen, Schicht für Schicht. Seine Muskeln hatten sich zusammengezogen, seine Knochen waren steifer geworden, und selbst sein Atem hatte sich flacher angefühlt, als würde der Raum die Luft rationieren. Nun jedoch, da das Licht des Tages endlich wieder durch die kleine Öffnung in der Wand fiel, veränderte sich die Temperatur allmählich. Es wurde wärmer, langsam, träge, doch spürbar genug, um den Kontrast zur Nacht deutlich spürbar zu machen. Plötzlich wurde die Dunkelheit von einem blendenden Licht durchbrochen. Eine Tür hatte sich geöffnet, und für einen Moment wurde der Raum von einer Helligkeit erfüllt, die in den Augen brannte. Liam kniff sie zusammen, bis sich seine Sicht langsam anpasste, und richtete dann den Blick auf die Gestalt, die eingetreten war. Kronprinz Hypos stand in der Tür. Seine Kleidung war Gold, nicht nur in der Farbe, sondern in der Art und Weise, wie sie das Licht reflektierte und die gesamte Umgebung zu dominieren schien. Auf seinem Kopf saß eine schwarze Seemannsmütze, ein Detail, das in Kombination mit seiner sonstigen Erscheinung seltsam wirkte, aber dennoch nicht zufällig erschien, sondern eher wie eine bewusste Entscheidung. ,,Hallo, Elfenfreund. Ich hoffe, dir hat dein erster Abend in dieser Gaststätte gefallen.'' Das Wort ,,Gaststätte’’ wirkte fehl am Platz, offensichtlich absichtlich gewählt, um die Situation zu verzerren und jeder ernsthaften Einordnung den Boden zu entziehen. Liam reagierte nicht mit Worten, konnte es ohnehin nicht, doch ein leises, gedämpftes Schnauben entwich ihm durch das Tuch, das seinen Mund bedeckte. ,,Du fragst dich sicher, warum ich dich hier gefangen halte.'' Natürlich tat er das. Jeder Gedanke, den er noch klar zu fassen vermochte, drehte sich um genau diese Frage. Es gab keinen logischen Grund, keinen erkennbaren Nutzen, der dieses Vorgehen irgendwie erklärte. ,,Nun, das weiß ich selber nicht. Aber ich finde es bestimmt noch raus.'' Liam sah ihn an, diesmal ohne wegzusehen. Irritation war das einzige Gefühl, das sich noch eindeutig einordnen ließ. —DONG— Der Klang hallte erneut durch den Raum, tief und getragen, als würde er aus großer Entfernung stammen und dennoch jede einzelne Oberfläche berühren. ,,Wieder die Kathedrale?’’ Der Gedanke kam automatisch, ohne dass Liam ihm weiter folgte. Hypos bewegte sich nun näher auf ihn zu, ohne jede Eile, und griff schließlich nach Liams Fuß. Sein Griff war fest, kontrolliert, und im nächsten Moment gab er ihm einen gleichmäßigen Stoß. Die Bewegung setzte Liams Körper in Schwingung, ein gleichmäßiges Hin und Her, das seine ohnehin schwer belasteten Arme zusätzlich beanspruchte und einen neuen Strom aus Schmerz durch seine Schultern schickte. ,,Weißt du, Liam? Mir ist heute Morgen eine Erleuchtung gekommen. Du bist ein Elf.'' Liam schloss die Augen. Es war keine bewusste Entscheidung, sondern ein reiner Reflex, um sich von dem Gesagten zu distanzieren, um dem, was Hypos aussprach, keinerlei weitere Bedeutung einräumen zu müssen. ,,Das heißt, du brauchst Nahrung und Wasser. Sollst du haben.'' Die Aussage klang sachlich, fast fürsorglich, und genau darin lag etwas zutiefst Verwirrendes, das schwerer wog als jede offene Grausamkeit. Ohne eine weitere Erklärung drehte sich Hypos um und verließ den Raum. Die Tür schloss sich hinter ihm, und mit ihr verschwand auch das zusätzliche Licht. Die Zelle fiel zurück in ihre gedämpfte, ungleichmäßige Beleuchtung, als wäre der kurze Moment der Helligkeit bloß Einbildung gewesen. Liam spürte, wie sich das Tuch vor seinem Mund auflöste. Die Fasern gaben nach, zerfielen und verschwanden, bis nichts mehr übrig war, das ihn am Sprechen oder Atmen hinderte. —TROPF— Ein einzelnes Geräusch durchbrach die Stille. Liam hob den Kopf so weit es ihm möglich war, seine Nackenmuskulatur reagierte verzögert und angespannt von der dauerhaften Belastung. Über ihm bildete sich Wasser. —TROPF— Ein Tropfen fiel, traf genau den Punkt, an dem er den Mund öffnete, und verschwand darin. Die Nässe war unmittelbar spürbar, ein kurzer, klarer Kontrast zu dem trockenen, ausgedörrten Gefühl, das sich in seinem Körper ausgebreitet hatte. —TROPF— Ein weiterer Tropfen folgte, in gleichmäßigem Abstand, als wäre der Rhythmus mit Bedacht gewählt worden. Während Liam sich darauf konzentrierte, die Tropfen aufzufangen, fiel sein Blick auf etwas anderes. Etwa fünfzehn Zentimeter vor ihm hing ein Laib Brot von der Decke. Er war nicht direkt vor seinem Gesicht platziert, sondern leicht versetzt, sodass er ihn nicht erreichen konnte, ohne sich aktiv in Bewegung zu setzen. Der Laib bewegte sich minimal, kaum sichtbar, doch genug, um zu zeigen, dass er nicht starr fixiert war. —TROPF— „Ich muss mich schwingen, um das Essen zu erreichen…" Die Erkenntnis setzte sich langsam fest, nicht als plötzlicher Einfall, sondern als unausweichliche Schlussfolgerung aus seiner Situation, die sich mit jedem Tropfen ein wenig deutlicher abzeichnete. —TROPF— Er spürte seine Arme kaum noch im herkömmlichen Sinne. Das Gefühl war nicht verschwunden, sondern überlagert von einem konstanten, pulsierenden Schmerz, der jede Handlung begleitete und sich mit jeder Bewegung weiter verstärkte. —TROPF— Der Rhythmus blieb unverändert. -------------------------------------------------------------------------- Tag 3: Liams ganzer Körper schmerzte, und mittlerweile hatte der Schmerz eine Intensität erreicht, die sich kaum noch in Worte fassen ließ. Er war allumfassend geworden, lag wie ein konstanter, unerbittlicher Druck auf seinem gesamten Körper und ließ keine einzige Stelle unberührt. Schlaf hatte er wieder nicht gefunden. Selbst die kurzen, unfreiwilligen Pausen, in denen sein Bewusstsein am Vortag kurz ausgesetzt hatte, blieben diesmal vollständig aus. Er war durchgehend wach gewesen, gefangen in einem Zustand, der weder Ruhe noch Erschöpfung kannte, sondern nur ein fortwährendes, zermürbendes Anhalten. Sein Zeitgefühl war vollständig verschwunden. Es gab keine klaren Anhaltspunkte mehr, keine Struktur, an der er sich auch nur annähernd hätte orientieren können. Das Licht, das durch die Öffnung in der Wand fiel, war heller als zuvor, doch ob das bedeutete, dass es bereits Mittag war, konnte er nicht mit Sicherheit sagen. Selbst ob es Tageslicht war, wusste Liam nicht. —TROPF— Das Geräusch war unverändert geblieben. Gleichmäßig, präzise, beinahe mechanisch, als würde es von etwas gesteuert werden, das keinen Zufall kannte und keinen brauchte. Die Temperatur hingegen hatte sich drastisch verändert. Die Kälte der Nacht war verschwunden und hatte einer Hitze Platz gemacht, die sich im gesamten Raum festgesetzt hatte, ohne Lücke, ohne Ausweg. Sie war nicht bloß unangenehm, sondern drückend, schwer, als würde die Luft selbst dichter werden und weniger Raum für das lassen, was sie tragen sollte. Jeder Atemzug fühlte sich anstrengender als der vorherige an, als müsse er gegen einen unsichtbaren Widerstand ankämpfen, den er nicht bezwingen konnte. ,,Bin ich in der Wüste?’’ Der Gedanke entstand langsam, beinahe zögerlich, doch er ergab Sinn. Die extremen Unterschiede zwischen Tag und Nacht, die plötzliche Hitze, die vorherige, beißende Kälte – es fügte sich zu einem Bild zusammen, das zumindest eine Erklärung anbot, wo keine andere zu finden war. —TROPF— Liam richtete seinen Blick auf seine Arme. Was er sah, ließ keinen Raum für Zweifel. Die Haut hatte sich verfärbt, war durchzogen von dunklen, ungesunden Tönen, die sich nicht mehr wie lebendiges Gewebe anfühlten. Lila, Schwarz, stellenweise beinahe grau. Die Struktur wirkte fremd, abgestorben, als gehöre sie nicht mehr zu ihm, als hätte sein Körper begonnen, sich von ihm zu verabschieden. Das Fleisch starb. Langsam. Unaufhaltsam. Er brauchte keine weitere Bestätigung, um zu wissen, wohin das führen würde. —TROPF— Dann öffnete sich die Tür. Das einfallende Licht schnitt erneut scharf in den Raum und verdrängte für einen kurzen Moment die dumpfe Gleichförmigkeit der Zelle. Hypos trat ein, in derselben ruhigen, vollkommen kontrollierten Art wie zuvor, als hätte sich für ihn nicht das Geringste verändert. Im selben Moment verstummte das Tropfen. Die plötzliche Stille wirkte beinahe lauter als das Geräusch zuvor. ,,Liam! Wie geht es dir heute?’’ Die Frage wurde mit einer Leichtigkeit gestellt, die in direktem Widerspruch zu allem stand, was sie umgab. Liam reagierte ohne zu zögern. Er sammelte, so gut es ihm möglich war, Speichel und spuckte in die Richtung des Kronprinzen. Die Bewegung war schwach, ungenau, kaum mehr als eine Geste, doch sie trug alles an Ablehnung in sich, was ihm in diesem Moment noch blieb. Hypos wich lediglich einen knappen Schritt zur Seite. Die Bewegung war minimal, beinahe beiläufig, als hätte er nichts anderes erwartet und auch nichts anderes verdient. ,,Warum folterst du mich? Was willst du von mir?'' Seine Stimme war rau, brüchig, doch die Wut darin war deutlich. Sie hatte sich gehalten, trotz allem, was ihm widerfahren war, trotz der Kälte, der Hitze, des Dröhnens, der Stille, des Schmerzes. Hypos hob eine Hand und kratzte sich nachdenklich am Kopf, als würde er über eine einfache, vollkommen belanglose Frage nachdenken. ,,Ich hab dir Essen, Trinken und ein Dach über dem Kopf gegeben. Sei glücklich. Timothy hat weniger als du.'' Der Name sagte Liam nichts. ,,Timothy?’’ Ein flüchtiger Gedanke, der sofort wieder verblasste. Es spielte keine Rolle. —DONG— Der Klang der Glocke erfüllte erneut den Raum, tief und tragend, als würde er von einer Struktur ausgehen, die weit größer war als alles, was Liam bisher auch nur erahnt hatte. „Ist das wirklich eine Kathedrale?" Die Frage blieb unbeantwortet. Hypos reagierte nicht darauf. Stattdessen richtete er seine Aufmerksamkeit vollständig auf Liam und begann, einen Zauber zu wirken. Die Veränderung setzte unmittelbar ein und war so deutlich, dass sie sich nicht ignorieren ließ. Zuerst reagierten die Muskeln. Die Spannung kehrte zurück, die geschwächten Fasern richteten sich neu aus und gewannen ihre ursprüngliche Struktur und Kraft zurück. Danach folgte das Gewebe. Das abgestorbene Fleisch regenerierte sich, verdrängte die dunklen Verfärbungen und wurde durch neue, intakte Substanz ersetzt, als hätte der Körper beschlossen, die letzten Tage einfach auszulöschen. Selbst die Wunden an seinen Handgelenken schlossen sich, die Haut zog sich zusammen, als wäre sie nie aufgerissen gewesen. Der Prozess war vollständig. Und viel zu schnell. ,,Wir wollen ja nicht, dass du mir wegstirbst, bevor ich weiß, was ich mit dir mache.'' Die Worte klangen ruhig, sachlich, als würde er eine einfache Notwendigkeit aussprechen, die ihn selbst kaum interessierte. Dann wandte sich Hypos ab und verließ den Raum, ohne einen weiteren Blick zurückzuwerfen. Die Tür schloss sich hinter ihm, und das Licht wurde wieder auf das gedämpfte Niveau reduziert, das zuvor geherrscht hatte, gleichmütig und unveränderlich. Liam blieb zurück. Sein Körper war wiederhergestellt, doch der Zustand, in dem er sich befand, hatte sich nicht im Geringsten verändert. Die Wände waren dieselben. Die Ketten waren dieselben. Der Raum war derselbe. Er sagte nichts. Er konnte nichts sagen. —Tropf— -------------------------------------------------------------------------- Die Tage verschwammen ineinander, ohne klare Trennung, ohne Anfang und Ende. Was einst als einzelne, grob wahrnehmbare Abschnitte existiert hatte, verlor jegliche Form und wurde zu einem gleichförmigen Strom aus Momenten, die sich nicht mehr voneinander unterscheiden ließen. Mal erschien Hypos, trat durch die Tür, sprach, veränderte etwas – und mal blieb er aus, ließ Liam allein zurück mit der Stille, dem Schmerz und der eigenen, zunehmend unzuverlässigen Wahrnehmung. Es gab kein Muster, keine Regelmäßigkeit, an der man sich hätte orientieren können, und genau darin lag eine eigene, kaum greifbare und doch wirksame Struktur. In einer dieser Wochen brachte Hypos ihm einen Hund. Das Tier wirkte fehl am Platz in der Zelle, ein lebendiges Wesen in einem Raum, der sonst nur aus Stein, Kälte und Kontrolle bestand. Für einen kurzen Moment veränderte sich die Atmosphäre spürbar. Die bloße Präsenz des Hundes durchbrach die Monotonie, brachte etwas in den Raum, das nicht direkt mit Schmerz oder Zwang verbunden war. Der Kronprinz hatte ihn Aragi II. genannt, in demselben Tonfall, in dem er alles benannte, als wäre es selbstverständlich, dass Dinge ihren Platz durch seine Worte erst erhielten. Dieser Zustand hielt nicht lange an. Hypos nahm den Hund wieder mit, ebenso plötzlich, wie er ihn gebracht hatte. Es gab keine Erklärung, keine Rechtfertigung, nur eine beiläufige Aussage, die beinahe wie ein nachträglicher Gedanke wirkte, der ihm erst auf dem Weg zur Tür eingefallen war. ,,Aragi II. wird anderweitig gebraucht. Tut mir leid, Lima.'' Die Tage setzten sich fort, jeder auf seine eigene, unvorhersehbare Weise. An einem Tag erhielt Liam statt des trockenen Brotes einen Braten, warm und reichhaltig, etwas, das in diesem Kontext beinahe grotesk wirkte, weil es so vollständig nicht zu dem passte, was er sonst bekam. An einem anderen Tag veränderte Hypos seine Position und ließ ihn von den Füßen hängen, verlagerte die Belastung seines Körpers und damit auch den Schmerz auf andere Stellen, ohne dass sich dadurch irgendetwas verbesserte. Es gab keine erkennbare Absicht hinter diesen Entscheidungen, zumindest keine, die Liam hätte erfassen können. Kein Tag glich dem anderen. Und dennoch existierten Konstanten. —DONG— Der Klang durchzog alles. Tief, regelmäßig, unverrückbar. Er kam aus der Ferne und war doch stets präsent, als würde er nicht nur durch den Raum, sondern durch die gesamte unsichtbare Struktur dieses Ortes getragen werden. In Liams Vorstellung hatte er längst eine feste Form angenommen. Eine Kameristische Kathedrale, gewaltig und fern, ein Ort, der diesem Geräusch einen Ursprung gab, der verständlich genug war, um daran festzuhalten, wenn alles andere sich auflöste. —TROPF— Das zweite Geräusch war näher, unmittelbarer, und strukturierte seine Wahrnehmung auf eine ganz andere Weise. Jeder einzelne Tropfen war ein klar abgegrenzter Moment, ein Punkt in der Zeit, der sich wiederholte, ohne sich jemals zu verändern. Es war ein Rhythmus, der nichts erklärte, der keine Antworten gab, aber dennoch alles bestimmte, alles ordnete, weil es nichts anderes gab, das diese Aufgabe übernehmen konnte. Zu Beginn hatte Liam noch gedacht. Er hatte sich bewusst an Dinge erinnert, hatte Namen wiederholt, hatte versucht, Verbindungen aufrechtzuerhalten, die ihn mit der Welt außerhalb dieser Zelle verbanden. Leyla. Jakira. Ralf. Theol, der Schwarze Stern. Randurin. Es waren Anker gewesen, fragil, aber notwendig, unerlässliche Strukturen, um sich selbst nicht vollständig zu verlieren. Doch diese Gedanken hielten nicht. Nicht, weil er sie aufgegeben hatte, sondern weil sie mit der Zeit an Klarheit verloren. Sie wurden undeutlicher, schwerer zu greifen, bis sie schließlich verschwanden. Es geschah nicht plötzlich, sondern schleichend, kaum wahrnehmbar, bis der Moment erreicht war, in dem sie einfach nicht mehr da waren – und er nicht einmal genau sagen konnte, wann das gewesen war. Liam dachte nicht mehr. An ihre Stelle trat ein anderer Zustand. Eine Trance, die sich weder wie Schlaf anfühlte noch wie echtes Wachsein, sondern wie ein Dazwischen, in dem Wahrnehmung und Bedeutung auseinanderfielen und sich weigerten, wieder zusammenzufinden. In diesem Zustand begann er, mit sich selbst zu sprechen. Die Worte folgten keinem Ziel, waren nicht klar strukturiert, sie entstanden und verschwanden, ohne dass er sie bewusst steuerte oder auch nur bemerkte, dass er sprach. Er begann, den Raum zu benennen. Die Wände erhielten Namen, nicht aus Logik heraus, sondern aus einem tiefen, inneren Drang, der wachsenden Leere etwas entgegenzusetzen. Ralf. Theol. Aragi III. König Wand. Jeder Name stand für etwas, das einmal Bedeutung gehabt hatte, und wurde nun auf etwas übertragen, das diese Bedeutung unmöglich tragen konnte – und doch tat es das, weil es nichts anderes mehr gab. Und dennoch war da noch ein Rest. Der klare Liam verschwand nicht vollständig. Er trat in unregelmäßigen Abständen hervor, durchbrach die Trance für kurze, kostbare Momente und erkannte, was geschah. In diesen Augenblicken versuchte er, sich festzuhalten, gegen das anzukämpfen, was sich langsam und unaufhaltsam in ihm ausbreitete. Gegen den Wahnsinn. Nicht als plötzlicher Bruch, sondern als schleichender, sorgfältig aufgebauter Prozess, nicht durch direkte Gewalt herbeigeführt, sondern durch das systematische Entfernen von Struktur, von Verlässlichkeit, von allem, was Bedeutung getragen hatte. Doch dieser Widerstand hielt nicht stand. Mit jedem weiteren Tag in den Ketten, mit jedem Moment in dieser kontrollierten Unordnung, mit jedem —TROPF— und jedem —DONG— verlor der klare Liam an Raum. Und etwas anderes begann, diesen Raum auszufüllen. Etwas, das durch den Wahnsinnigen Prinzen gesät worden war.
- Kapitel 215 - Das Kind des Todes
Atorm rappelte sich auf und blickte in den Himmel, oder besser gesagt auf das, was ihn nun zu verdecken drohte. In seinem Inneren rasten die Gedanken in ihrer gewohnten Geschwindigkeit, präzise, geordnet ohne emotionale Verzerrung. „Äthermagie. Kann sie die Sterne als Konstante entfernen? Oder ist es nur visuell? Muss ich reagieren? Ich kann sie absorbieren." Er formte zwei schwarze Sphären. Die Energie verdichtete sich sofort, völlig stabil. Eine schoss er auf Yang, die zweite in Richtung des Äthermantels. Dann richtete er seinen Blick auf einen Punkt in der Luft unmittelbar hinter Yang. Dort erschuf er eine dritte Sphäre, verborgen ihrem toten Winkel, hinter ihrem Rücken, vollständig außerhalb ihres direkten Sichtfeldes. Er grinste. „Eine wird treffen. Sie wird die hinter sich ohne Aura nicht wahrnehmen. Sie wird schwächer werden. Ich nicht. Ich werde immer wieder aufstehen. Ich gewinne." Yang schien unbeeindruckt. Doch Atorm registrierte die minimale Bewegung ihrer Augen, das blitzschnelle Erfassen der Flugbahnen. Die erste Sphäre raste auf sie zu und traf sie direkt in der Brust. Der Einschlag war kräftig genug, um sie rückwärts durch die Luft zu schleudern. Es war der zweite klare Treffer, den Atorm in diesem Kampf gelandet hatte. Für einen kurzen Moment wirkte es wie die Bestätigung seiner gesamten Berechnung. Er beobachtete, wie Yang rückwärts durch die Luft geschleudert wurde, exakt auf die dritte Sphäre zu. Doch dann veränderte sich ihr Bewegungsfluss. Yang drehte sich in der Luft, eine absolut kontrollierte Rotation ohne erkennbare Verzögerung, und griff nach der Sphäre. Atorms Manafluss geriet für den Bruchteil eines Moments ins Stocken. Entsetzt musste er zusehen, wie sie die Sphäre, die er für außerhalb jeder möglichen Wahrnehmung gehalten hatte, mit einer einzigen Bewegung erfasste und direkt auf die zweite Sphäre schleuderte, die noch immer auf den Äthermantel zuraste. —BUMM— Die Kollision erzeugte eine massive Druckwelle, die sich radial ausbreitete und die Luft über dem gesamten Schlachtfeld für einen Moment verzerrte. „Wie hat sie das gemacht? Das sollte nicht möglich sein. Ich muss erneut handeln." Atorm sammelte sein Mana und stabilisierte den nächsten Angriff, doch in genau diesem Moment traf ihn bereits Yangs Faust im Magen. Der Schlag war nicht nur von erschreckender Schnelligkeit, sondern auch geschickt platziert, mit maximaler Übertragung der gesamten Kraft auf einen einzigen Punkt. Er wurde zurückgeschleudert, doch bevor er den nötigen Abstand vollständig herstellen konnte, packte Yang sein Bein und riss ihn zurück unter sich. Während sie erneut begann, auf ihn einzuschlagen, registrierte Atorm, wie sich der Äthermantel über ihnen endgültig und vollständig schloss. -------------------------------------------------------------------------- Lange bevor die ersten Sterblichen das Licht der Welt erblickten, existierten Kräfte fernab jeder Vorstellung. Konzepte wie das Leben waren damals eigenständige Entitäten, nicht bloß ein Zustand, sondern Wesen aus sich selbst heraus, bewusst und handelnd. Es war ein Zeitalter lange vor den Erzwesen, vor Kamera, vor den Wacal. Eine Zeit, in der ein Wesen regierte, das man heutzutage, wenn überhaupt, nur noch als „Der Rabe" kennt. Der Rabe hatte viele Feinde. Den Hunger, der die Welt verschlingen wollte. Das Gleichgewicht, das ihn aufgrund seiner Macht zu vernichten suchte. Die Mutter der Magie, die ihn als unwürdig betrachtete. Doch sein mächtigster Feind war der Tod. Auch zu jener Zeit existierte der Tod als das gesetzte Ende allen Lebens. Er verabscheute es, dass so viele Wesen unaufhörlich weiterlebten. Und so trat er an den Raben heran. ,,Gib mir die Seelen jener, die sterben. Sie gehören mir.’’ Der Rabe stimmte zu, und so schien es, als wäre der Konflikt damit gelöst. Ein stiller Gedanke formte sich in den Tiefen seines Bewusstseins, als er die Ordnung der Dinge betrachtete und sie dennoch akzeptierte. Es verging Zeit, bis der Tod erneut an den Raben herantrat. ,,Zu wenig Seelen gelangen zu mir. Sorge dafür, dass ich mehr erhalte.'' Was er forderte, war etwas, das der Rabe ihm nicht geben wollte. Und so entbrannte ein Kampf, unvorstellbar für die Sterblichen der heutigen Zeit. Die Realität selbst riss, als sich zwei Prinzipien der Existenz gegeneinander wandten. Zeit wurde unförmig, Raum verlor seine Bedeutung, und selbst die Idee von Ursache und Wirkung begann zu zerfallen. Der Rabe triumphierte. Er versiegelte den Tod. Dann bemerkte er etwas. Der Tod war durch den Kampf so schwer verletzt worden, dass ein Teil sich vor der Versieglung abgespalten hatte. Ein neuer Tod war entstanden, keine bloße Kopie, sondern eine eigenständige, noch vollkommen ungeschriebene Idee seines ursprünglichen Prinzips. Der Rabe überlegte und band den neuen Tod an den Himmel. Sein Versprechen bezüglich der Seelen der Verstorbenen wollte er nicht brechen. Zum Schutz schuf er fünf Wesen und platzierte sie am Firmament. Arkibe. Manifest. Brahatross. Skullaer. Lunar. Die Fünf Monde. Und so entstand das Endlose Schwarz, das Ende aller Lebewesen. Jede Seele kehrt zu ihm zurück und speist es mit Kraft. Und als Dank werden besondere Seelen zu Sternen, die den Nachthimmel für alle Zeit erleuchten. -------------------------------------------------------------------------- Atorm spürte, wie er schwächer wurde. Seine Regeneration versagte nicht abrupt, sondern zerfiel in unvollständige, stockende Impulse. Seine Aura flackerte, als würde sie unter einer unsichtbaren Last versuchen, sich freizukämpfen, und immer wieder in sich zusammenfallen. „Warum verliere ich. Ich sollte nicht verlieren. Ich habe mich vorbereitet. Wie konnte sie mich überwinden? Sie kannte meine Fähigkeiten nicht. Ich muss sie besiegen." Immer wieder versuchte Atorm, sein Mana zu sammeln, es zu stabilisieren, zu verdichten – Sphären zu formen, präzise genug, um einen Riss im Äthermantel zu erzwingen. Doch jede Magie zerfiel, noch bevor sie Gestalt annehmen konnte. Yang gab ihm nicht die Zeit dazu. „Ich schaffe es nicht. Sie ist zu stark. Zu schnell." Seine Gedanken wurden träger, als würde selbst sein Bewusstsein in zähem Nebel versinken. Atorm, der es stets als selbstverständlich betrachtet hatte, zu überleben, zu dominieren, zu bestehen – erstmals erkannte er die Möglichkeit seines eigenen Endes nicht als bloße Theorie, sondern als unmittelbaren, greifbaren Zustand. „Ich muss sie vernichten. Alles oder nichts. Jetzt." Atorm ließ das gesamte Mana seines Selbst auf einmal entweichen. —BUMM— Die Explosion war nicht bloß ein Ausbruch, sondern ein Zerreißen seiner eigenen Struktur. Druckwellen aus roher Energie schleuderten Yang mehrere Meter zurück. Der Boden vibrierte, als würde der Raum selbst zittern. Schwarzes Blut trat aus Atorms Mund. Langsam richtete er sich auf. Seine Haut begann sich zu lösen, feine Schichten seiner Existenz bröckelten wie verbrannte Kohle. Jede Bewegung war ein einziger, stechender Schmerz. Schmerz. Wieder etwas, das Atorm niemals als Bestandteil seiner Realität akzeptiert hatte. „Ich habe gewonnen. Nichts ist absolut." Ein Riss formte sich im Äthermantel. Atorm breitete die Arme aus, um den Sieg willkommen zu heißen. —KRACK— Der Äthermantel zerbrach. Für einen Augenblick glaubte er, das Ende der Barriere gesehen zu haben. Doch… …hinter dem ersten lag ein weiterer Äthermantel. Dicht. Unversehrt. Unnachgiebig. Er erstarrte. Kein Mana blieb ihm. Kein Rückgriff. Keine Struktur mehr, die er hätte formen können. „Ich muss den Nachthimmel sehen. Dann gewinne ich." Atorm setzte sich in Bewegung. Zunächst ein Stolpern, dann ein verzweifeltes Vorwärtsfallen, das sich langsam in Laufen verwandelte. Jeder Schritt hinterließ einen Bruch in seinem eigenen Körper, doch er zwang sich weiter – direkt auf den Äthermantel zu, als wäre bloßer Wille allein noch ein Gesetz, das die Realität zu biegen vermochte. -------------------------------------------------------------------------- Während sich die Welt unter dem Endlosen Schwarz veränderte, während die Mächtigen der Urzeit in den Hintergrund rückten, während die Erzwesen die Welt betraten und sich mit den Goblins das erste sterbliche Volk formte: Währenddessen sammelte es Kraft. Jede Seele nährte es. Die Seele einer Mücke. Die Seele eines Menschen. Die Seele eines Titanen. Das allein war kein Grund zur Sorge. Die Monde hielten es fest am Firmament, unverrückbar, wie ein Urteil, das niemals infrage stand. Es wäre ewig so weitergegangen, wenn nicht eben jene Wächter einen Fehler gemacht hätten. Vier von ihnen, die lilane Lunar, der gelbe Brahatross, die blaue Manifest und der schwarze Arkibe – sie alle trugen denselben Makel in sich: den Wunsch nach etwas Neuem, nach etwas, das ihre Ewigkeit zu durchbrechen vermochte. Und dieser Wunsch wurde zum Riss. Am Ende blieb allein der weiße Skullaer zurück. Skullaers Kraft reichte aus, um das Endlose Schwarz zu binden. Unnachgiebig. Doch die Ordnung war nicht mehr geschlossen – sie war beschädigt. Und aus dieser kleinsten Unstimmigkeit heraus begann etwas, das kein Maßstab mehr war, sondern ein Prozess. Ein Tropfen. Unaufhörlich. Ein Teil der Essenz der Seelen löste sich aus der Bindung und fiel hinab in die Welt darunter. Nicht als Flut, nicht als Strahl, sondern als stetiges, kaum wahrnehmbares Entweichen, das kein Ende kannte. Und dort unten, wo nichts für dergleichen vorgesehen war, begann es zu wirken. Es formte keinen Körper im klassischen Sinne. Keine Geburt. Keinen Ursprung, den man hätte greifen können. Es formte einen Willen, der sich selbst nicht verstand. Einen Verstand, der nicht wusste, dass er einer war. Es formte Atorm. -------------------------------------------------------------------------- Plötzlich wurde Atorm von den Füßen gerissen. Sein Körper schlug hart auf den Boden auf, die Erschütterung durchfuhr ihn, als hätte die Welt selbst entschieden, ihn zu brechen. Für einen Moment blieb er einfach liegen, ohne Orientierung, ohne Richtung, ohne jeden Halt. Er hob den Blick, verwirrt. Sein Bewusstsein tastete nach Gedanken – doch dort war nichts mehr, das sich hätte greifen lassen. Kein klarer Satz, kein geordneter Impuls. Nur Fragmente, die sich auflösten, noch bevor sie irgendetwas von Bedeutung annehmen konnten. Yang stand dort, absolut unversehrt. Ihr weißes Kleid war in makellosem Zustand, als hätte kein Kampf stattgefunden. Ihr schwarzer Afro saß vollkommen, unberührt von Staub, Energie oder Zeit, als wäre selbst die Realität um sie herum gezwungen gewesen, Rücksicht zu nehmen. Die Wacal trat langsam auf Atorm zu. Ihr Blick blieb ruhig, beinahe distanziert, als würde sie kein Wesen betrachten, sondern einen Zustand, der sich seinem Ende näherte. Sie hielt inne, musterte ihn für einen kurzen, gleichgültigen Moment – und wandte sich dann ab, ohne ein einziges Wort. Atorms Sicht begann zu zerfallen. Die Konturen der Welt lösten sich in unregelmäßige Flächen aus Licht und Dunkelheit auf, die sich nicht mehr zu einem kohärenten Bild fügen wollten. Weiße Blitze zuckten durch sein inneres Wahrnehmungsfeld, nicht außen, sondern tief in dem, was einmal Bewusstsein gewesen war. „Ich…" Der Gedanke brach ab, noch bevor er sich vollständig hatte formen können. Und dann löste er sich auf. -------------------------------------------------------------------------- Ralf blickte sprachlos auf das, was er soeben mit eigenen Augen gesehen hatte, während er sich in den Schnee gepresst hielt, instinktiv klein gemacht, als könne ihn bloßes Verstecken vor dem Absoluten schützen. Er war nicht in der Lage gewesen, den Kampf zwischen Yang und Atorm zu begreifen. Zu schnell, zu fremd, zu weit außerhalb jeder Logik, die er kannte. Doch eine einzige Erkenntnis hatte sich ihm eingebrannt, klarer als jeder Gedanke zuvor: Atorm war tot. Es war das Ende von Randurin. Daran zweifelte er nicht. Langsam rappelte er sich auf. Jeder Muskel seines Körpers protestierte, als hätte selbst der Schnee ihn bestraft, Zeuge gewesen zu sein. Sein ganzer Körper tat weh. Atorm hatte sich aufgelöst. Kein Rest, kein Echo, kein Blut. Nichts war zurückgeblieben, als hätte er niemals existiert. Yang war erneut in den Himmel gestiegen. Die grelle Halbkugel, die zuvor das gesamte Schlachtfeld verschlossen hatte, löste sich ebenfalls auf – als wäre sie nur ein vorübergehender Gedanke gewesen, der nun nicht länger gebraucht wurde. Nur das Heulen des Windes blieb zurück. „Es war von Anfang an aussichtslos, sich gegen das Kaiserreich zu stellen…" Der Gedanke formte sich schwer in seinem Kopf. Nicht wie ein Entschluss, sondern wie eine Erkenntnis, die sich gegen seinen Willen durchsetzte. Er schmeckte bitter, und doch war er nicht mehr zu verdrängen. Dann fiel sein Blick auf etwas. Zwei Gestalten, kaum mehr als Schatten in den Schneeverwehungen einer Düne. Jakira und Jester.











