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- Kapitel 206 - Die Rückkehr einer Schuldigen
Sorgfältig löschte Alexandra das Lagerfeuer. Jeder Handgriff war kontrolliert, fast mechanisch. Sie hatte ein kleines Grab aus glühenden Steinen gegraben, um sicherzugehen, dass kein Funke überging – nicht in diesem verwundeten Dschungel, nicht nach allem, was passiert war. Sie hatte nicht geschlafen. Nicht diese Nacht, nicht die davor. Ihre Lider waren schwer, aber Schlaf kam nicht. Seit Leylas Tod fühlte sie sich wie ein Wrack. Eine Hülle aus Gewohnheit und Pflicht. Nur noch das Ziel, nur noch der Weg nach Jidar hielt sie aufrecht. Der Weg – und der Körper, den sie bei sich trug. Vinessa saß auf ihrer Schulter. Die Fee war ein Schatten ihrer selbst. Ihre Augen, sonst lebendig und wachsam, waren glasig, verweint, ohne Glanz. Die Flügel lagen schlaff an ihrem Rücken, halb durchsichtig, eingefallen wie zerknittertes Pergament. Ihr Körper wirkte ausgezehrt, ihre Haltung gebrochen. Alexandra hatte sie nicht gefragt, ob sie noch mitwollte. Vinessa hatte auch nicht gesprochen. Es gab nichts zu sagen. Sieben Tage lang waren sie durch Asche und Schweigen gewandert. Immer tiefer in den Denja-Dschungel, vorbei an Kratern, verkohlten Bäumen, halb verrotteten Kadavern, bis sie schließlich wieder in den unverwundeten Teil des Waldes gelangt waren. Alles Erinnerungen an die Schlacht gegen Bläsk. An das, was sie verloren hatten. Vorsichtig, beinahe ehrfürchtig, hob Alexandra nun den in weiße Leinen gewickelten Körper von Leyla auf. Die Leinen waren von Vinessa behandelt worden – mit einem Wachs, das die Zersetzung verlangsamte. Ein letzter Schutz für einen geliebten Körper. Der Geruch von Tod war trotzdem da, kaum wahrnehmbar, aber hartnäckig. Und trotzdem konnte Alexandra sie noch riechen. Leylas Haar, Leylas Haut – ein Hauch von wildem Rauchkraut, von Magie, von Kampf. Heute würden sie Jidar erreichen. Das hatte ihr ein Chimp vor drei Tagen versprochen. Jidar. Die Stadt der Sectododen. Und dort, so klammerte sich Alexandra an einen letzten Funken Hoffnung, gab es vielleicht jemanden, der helfen konnte. Den Runenstein des Dracharen. Sie hatte in jener Nacht mit eigenen Augen gesehen, was dieser Stein vermochte. Der Drachar hatte sie getötet. Und dann… hatte er sie zurückgebracht. Als Teil seines Plans. Die Macht war real gewesen. Was, wenn diese Macht noch existierte? Was, wenn man sie erneut entfachen konnte? Was, wenn…? Ein Zittern unterbrach ihren Gedanken. Ein kaum spürbares Zucken in ihren Armen. Alexandra hielt augenblicklich inne. Ihr Körper spannte sich an. Ihre Augen fixierten den Leichnam. Dann – noch ein Zucken. Ein kurzes, ruckartiges Anheben der Schultern. Instinktiv wich sie zurück. Ihre Hände verkrampften sich. Fast hätte sie den Leichnam fallen lassen. Die Leinen begannen sich zu lösen. Nicht von außen. Von innen. Alexandra keuchte. Ungläubig, starr, verwurzelt. Die Wickelungen lösten sich Schicht für Schicht. Als hätte ein unsichtbarer Wind sie abgetragen, als würden die Bänder nicht mehr gebraucht werden. Dann kam eine Hand zum Vorschein. Blass. Fein. Lebendig. Leylas Hand. Die Finger bewegten sich, als tasteten sie nach der Welt. Alexandra stolperte ein paar Schritte zurück. Ihre Kehle war trocken, ihre Gedanken brachen auseinander. Und dann fiel das letzte Tuch. Leyla lag da – nicht zerschmettert, nicht verwest. Ihr Körper war unversehrt. Keine Wunden. Keine Spuren der Zerstörung, die sie eigentlich zerreißen sollte. Ihre Haut war blass, aber nicht tot. Ihre Lippen leicht geöffnet. Ihre Brust hob und senkte sich. „L-Leyla?“ stammelte Alexandra, die Stimme rau, kaum mehr als ein Hauch. Leyla öffnete langsam die Augen. Und blickte sie an. -------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte Alexandra an – das Gesicht ihrer Alexandra. Etwas in ihr zerbrach. Kein Schmerz, keine Wut, kein Zorn – sondern das letzte Überbleibsel der Trauer. Die Schwere, die Eroicas Tod in ihr hinterlassen hatte, wich. Der Runenstein der Erde dämpfte wie immer ihre Emotionen, doch diesmal war es nicht nur Magie. Es war Alexandras Anblick. Ihre Nähe. Statt der Trauer war da jetzt etwas anderes. Freude. „Alexandra …“ flüsterte Leyla und hob die Hand. Ihre Finger strichen sacht über Alexandras Wange, als müsste sie sich vergewissern, dass es wirklich sie war. Dass dies nicht nur ein Traum war. Ein Echo. Tränen sammelten sich in Alexandras Augen. Der Moment stand still – bis ein Schrei durch das Blattwerk schnitt. ,,LEYLA!!!’’ Vinessa kam mit einem sirrenden Flügelschlag herangeschossen und landete unsanft auf Leylas Brust. Ihre winzigen Fäuste schlugen auf sie ein, wild und hilflos. „Wieso hast du uns so Angst gemacht?! Wenn du nicht tot warst … wenn du nur geschlafen hast … dann hättest du uns das sagen können!“ Leyla lächelte müde. Ihre Hand glitt über Vinessas flatternde Gestalt, beruhigte sie. „Tut mir leid“, murmelte sie, während sie sich die Müdigkeit aus den Augen rieb. Alexandra beugte sich wieder zu ihr hinab. Ihre Tränen liefen nun frei, ohne Zurückhaltung. „Du … du lebst. Leyla, du lebst …“ Sie schluchzte, und Leyla hob sich an ihr empor, zog sie zu sich, küsste sie – zärtlich, warm, erschöpft. Es war ein Kuss, der mehr sagte als jedes Wort: Ich bin zurück. Nach einem Moment lösten sie sich voneinander. Alexandra fuhr Leyla vorsichtig über die Arme. „Kannst du gehen?“ Leyla nickte und Alexandra half ihr, vorsichtig auf die Beine zu kommen. Sie streckte sich, prüfte ihre Beweglichkeit – alles war in Ordnung. Kein Schmerz. Keine Spur des Todeskampfes. Sie sah sich um. Dieser Teil des Dschungels war unversehrt, grün, lebendig – ein bizarrer Kontrast zu der verbrannten Einöde, in der sie gestorben war. „Ich bin gleich wieder da“, sagte Leyla leise, ging zu einer Liane und legte ihre Hand an sie. Ein Schimmer durchzog die Ranke, als ihr Mana hineinfloss. Sie zog sie sanft nach oben, durch das Blätterdach hindurch, bis sie in den Wipfeln stand. Der Wind strich durch ihr Haar, und ihr Blick schweifte über das Land. In der Ferne stieg Rauch auf – schwarz, bedrohlich, aus jener Zone, in der sie Bläsk bekämpft hatte. Leyla hob die Arme. Sie wollte dem, was zerstört worden war, etwas entgegensetzen. Ihr Mana flutete über die Wipfel, sickerte in die verbrannte Erde, über die verkohlten Ranken, die Krater. Pflanzen begannen zu keimen. Erst kaum sichtbar, dann zögerlich, dann entschlossen. Grüne Ranken durchbrachen Asche. Farne rollten sich auf. Leben kehrte zurück. Nach einer Weile ließ Leyla die Arme sinken und kletterte wieder hinunter. Alexandra sah sie an, erschöpft, leer – aber mit wachem Blick. Fragen lagen in ihren Augen, schwer wie die feuchte Luft. Leyla antwortete mit einem stillen Lächeln. „Lass uns aufbrechen“, sagte sie. Ihre Stimme war ruhig, fester als zuvor. „Wisst ihr, wo genau wir sind? Und wo ist Zensa?“ Vinessa – die inzwischen auf Alexandras Schulter saß – nickte langsam. „Wir sind fast in Jidar angekommen. Zensa sollte bereits dort sein.“ Leyla atmete tief durch. „Gut.“ Dann sah sie Alexandra an, mit einem Blick, der keine Ausflüchte mehr kannte. „Und unterwegs“, fügte sie hinzu, „reden wir darüber, warum ich noch lebe.“ -------------------------------------------------------------------------- „Vor über zwei Jahren war ich mit einem Elf namens Liam unterwegs“, begann Leyla ruhig, während sie durch das dichte Grün des Dschungels schritten. Ihre Stimme war leise, fast tonlos. „Wir trafen auf einen Dracharen. Sein Name war Maegnar. Wir kämpften gegen ihn. Ich wurde gegen eine Wand geschleudert. Da bin ich das erste Mal gestorben.“ Alexandra war stehen geblieben. Neben ihr verharrte Vinessa in der Luft, reglos, den Blick auf Leyla gerichtet. Selbst die Vögel schienen verstummt zu sein, als hielte die Natur selbst den Atem an, um Leylas Geschichte zu hören. „Das zweite Mal war kurz bevor ich in die Kaiserstadt kam“, fuhr Leyla fort. Ihre Stimme blieb ruhig, nüchtern. Als würde sie nicht von sich selbst sprechen, sondern aus einem alten Buch vorlesen. „Damals reiste ich mit einer anderen Gruppe. Bournadette Lacroix begegnete uns. Ohne Vorwarnung griff sie mich an, rammte mir ein Messer in den Hals. Ich habe es noch gespürt, wie das Blut mir die Kehle hinabrann. Das war mein zweiter Tod.“ Ein leises Rascheln ging durch das Laub. Niemand sagte etwas. „Der dritte kam, als ich bereits bei den Kaiserlichen Kopfgeldjägern war. Ich war auf meinem ersten offiziellen Auftrag. Bläsk griff uns an – mich und Nea. Er hat mich ohne Zögern getötet. Einfach so. Ich war machtlos. Und beim letzten Kampf… hat er mich wieder getötet. Das war mein vierter Tod.“ Sie hielt inne. Keine Betonung lag auf ihren Worten, keine Bitterkeit, keine Tränen – nur eine kalte, sachliche Chronik des Unfassbaren. Alexandra presste die Lippen zusammen. Vinessa starrte Leyla mit weit geöffneten Augen an. Dann, mit einem überraschend hellen Ton, sagte Vinessa: „Du bist also unsterblich? Wie von der Jüngerin zu erwarten.“ Ihre Stimme wirkte bemüht heiter, fast kindlich. Ein Versuch, die Schwere zu zerstreuen. Ihr Körper schwebte etwas höher, und man konnte erkennen, dass sie wieder zu Kräften kam – das Harz, den sie die letzten Stunden gegessen hatte, hatte geholfen. Leyla schüttelte langsam den Kopf. „Ich bin nicht unsterblich. Nicht wirklich.“ Ihre Worte klangen jetzt schwerer. „Wenn ich sterbe, komme ich an einen Ort … einen Raum. Er ist leer. Dunkel. Still. Nur ein Tisch steht dort. Und auf diesem Tisch brennen Kerzen.“ Alexandra runzelte die Stirn. Ihre Intuition schien ihr bereits zu sagen, was jetzt kommen würde. Leyla sprach weiter, den Blick in die Ferne gerichtet. „Jede Kerze steht für jemanden, den ich liebe. Jemanden, der mir nahe ist. Und jedes Mal, wenn ich diesen Raum betrete … erlischt eine von ihnen.“ Ein leiser Windstoß zog durch die Bäume. „Du willst doch nicht sagen …“ setzte Alexandra an, doch Leyla kam ihr zuvor. „Doch. An meiner Stelle stirbt jemand anderes.“ Ihr Blick war klar. Hart. „Ich werde nicht einfach wiederbelebt. Ich nehme einer anderen Person das Leben. Ihre Lebenskraft. Ihre Zeit.“ Alexandras Augen weiteten sich entsetzt. Vinessa sah sie nur an, dann – ohne jede Ironie – sagte sie: „Ich geb dir gern mein Leben. Ehrlich. Wenn’s hilft.“ Leyla lächelte traurig. Sagte aber nichts. Es war nicht der Moment, ihr zu sagen, dass Vinessa gar keine Kerze gehabt hatte. Dass ihre Selbstlosigkeit eine Illusion war. „Und wer ist …“ setzte Alexandra an. Ihre Stimme war brüchig. „Wer ist im Kampf gegen Bläsk an deiner Stelle gestorben?“ Leyla senkte den Blick. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Hauch. „Eroica.“ Das Schweigen, das folgte, war anders als zuvor. Kein lauschendes, kein wartendes Schweigen. Es war schwer. Voller Verlust. Voller Schuld. Schließlich fragte Alexandra, leiser als je zuvor: „Nutzt du diesen Raum bewusst? Kannst du wählen, wer …?“ „Nein“, flüsterte Leyla. „Ich wähle nicht. Ich weiß nicht, wer stirbt. Ich betrete den Raum – und eine Kerze erlischt. Der Raum wurde mir gegeben. Ich habe ihn mir nicht ausgesucht.“ Alexandra legte eine Hand auf Leylas Schulter. „Dann darfst du dich nicht dafür verantwortlich machen. Es ist nicht deine Schuld, dass es ihn gibt.“ Doch Leyla schüttelte kaum merklich den Kopf. „Aber ich entscheide mich, zu lieben. Ich lasse euch an mich heran. Ich erschaffe Kerzen. Ich bin es, die diese Verbindung zulässt.“ Alexandras Griff wurde fester. Ihre Stimme war entschlossen. „Und das ist keine Schuld. Das ist menschlich. Du darfst dich nicht dafür bestrafen, dass du nicht einsam sein willst. Lass uns lieber dafür sorgen, dass du nicht stirbst.“ Leyla sah sie an. Ein schwaches Lächeln erschien auf ihren Lippen, aber es war nicht mehr als ein Schatten dessen, was einmal war. In ihrem Innersten hatte sie sich längst entschieden – in jenem Raum der Dunkelheit, zwischen Kerzenflammen und Schuld. Und diese Entscheidung würde sie nicht zurücknehmen. -------------------------------------------------------------------------- Nach einigen Minuten, in denen sie schweigend durch das feuchte Dickicht des Dschungels liefen, wandte sich Leyla an die beiden anderen. Ihre Stimme war leise, fast zögerlich, doch deutlich genug, dass sie nicht überhört werden konnte. „Was … was ist eigentlich nach meinem Tod passiert?“ Alexandra seufzte, als hätte sie genau auf diese Frage gewartet. Sie sah Leyla an, ernst, doch nicht anklagend. „Ich bin in dem Moment angekommen, in dem du gestorben bist. Ich wollte kämpfen – ich wollte dich retten. Aber Jess … sie hat meinen Körper übernommen.“ Leylas Herz schlug schneller. Ihre Augen weiteten sich. „Jess?“ wiederholte sie tonlos. Vinessa erhob sich flatternd in die Luft. Ihre Stimme war aufgeregt, aber nicht fröhlich. Eher wie die eines Kindes, das gerade etwas Unglaubliches gesehen hatte und es nicht fassen konnte. „Das war total krass! Jess und Bläsk haben sich einen echten Megakampf geliefert! Er hat mit Blitzen geworfen und Feuer gespien, und sie … sie hat ihn verprügelt, als wär sie ein wildgewordener Panther.“ Leyla runzelte die Stirn, versuchte sich vorzustellen, was die Fee da beschrieb. Es war wie ein Bild aus einem Fiebertraum. „Und dann“, fuhr Vinessa fort, „ist so ein Loch im Himmel erschienen! Richtig unheimlich! Und da kam eine riesige Hand raus – die war so groß wie der Mond – und hat Bläsk gepackt und einfach … mitgenommen! Weggezerrt!“ Leyla konnte sich das alles kaum vorstellen. Es klang wie ein Albtraum, der sich selbst verschlungen hatte. Aber inmitten der Verwirrung breitete sich etwas anderes in ihr aus. Eine langsame, zögerliche Erleichterung. „Also … ist Bläsk tot?“ fragte sie vorsichtig. Alexandra nickte. „Jess hat ihn getötet. Oder … fortgerissen. Was auch immer das war – er ist weg. Und sie war nicht unsere Feindin, Leyla. Im Gegenteil.“ Leyla ließ die Worte auf sich wirken. Der Sturm, der sie so lange gejagt hatte, war vorüber. Ein leises Lächeln schlich sich auf ihre Lippen. Sie sah zwischen Alexandra und Vinessa hin und her. Vielleicht … vielleicht war die Welt doch nicht so erbarmungslos, wie sie geglaubt hatte. Nicht jeder war ihr Feind. Und nicht jeder, der Macht hatte, benutzte sie, um sie zu zerstören.
- Kapitel 205 - Sie war Franca
Während Alexandra in stummer Trauer verweilte und Leyla jenseits aller Worte eine Entscheidung traf, saß an einem anderen Ort, weit entfernt vom Chaos des Dschungels, eine junge Frau hoch oben in den Ästen eines uralten Baumes. Die Luft im Tiefenwald war feucht, schwer von Blütenduft und Verwesung, und zwischen den moosbewachsenen Zweigen kauerte Franca Aldobrandini, die Tochter Giolittis, unbewegt und wachsam. Unter ihr lag ein prächtiges Anwesen, dessen Mauern sich aus dem Wurzelgeflecht alter Bäume erhoben wie eine Festung der Vergangenheit. In seinen Mauern lebte – noch – Luca Aldobrandini. Ihr Cousin. Ihr Ziel. Es war einer der Rückzugsorte der Familie – abgelegen, verborgen, gesichert. Vor drei Wochen hatte sie ihm empfohlen, genau hierher zu fliehen. Unter einem Vorwand, unter dem Siegel der Sorge. In Wahrheit war sie geschickt worden, um ihn zu töten. Von Yang selbst. Doch sie hatte ihn nicht töten wollen. Nicht damals. Heute aber war sie zurückgekehrt, um ihre Entscheidung zu überdenken – und vielleicht rückgängig zu machen. Seit jener Begegnung mit Atorm war etwas in ihr zerbrochen. Oder vielleicht hatte es sich zum ersten Mal überhaupt geordnet. Anfangs war es nur ein Flackern gewesen, ein leises Infragestellen dessen, was sie zu sein glaubte. Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Eine Tochter des Hauses Aldobrandini. Eine Waffe in den Händen ihres Vaters. Doch dann war aus diesem Flackern ein Feuer geworden. Ein Feuer, das sie nicht mehr löschen konnte. Franca hatte begonnen, ihre Loyalität zu hinterfragen. Erst gegenüber ihrem Vater. Dann gegenüber Yang. Schließlich gegenüber dem gesamten Konstrukt, das sie umgab. Sie hatte ihren Vater immer zufriedenstellen wollen. Sich bemüht, seine kalte Anerkennung zu erringen – durch Disziplin, Erfolg, und tadellose Erscheinung. Doch nun erkannte sie, dass es niemals genug gewesen war. Niemals genug sein würde. Sie war nur ein Werkzeug gewesen. Ein Name. Ein Mittel zur Macht. Und so hatte sie begonnen, ihn zu verfluchen. Nicht laut. Nicht impulsiv. Sondern leise, systematisch, tief aus der Enttäuschung geboren. Aus der Klarheit, dass es nicht um sie ging – nie um sie gegangen war. Sie war gegen ihn in den Krieg gezogen. Nicht mit Worten. Nicht mit einem offenen Bekenntnis. Sondern mit jeder Handlung, mit jedem Schritt, den sie seitdem getan hatte. Und dieser Schritt, heute Nacht, mochte der entscheidendste bisher sein. Giolitti war nicht nur Vater. Er war Architekt des Schmerzes. Verkörperung des dekadenten Adels. Ein Fossil aus einer Zeit, in der Macht durch Blut bestimmt wurde, nicht durch Fähigkeit. Und Franca war es leid, Teil davon zu sein. Doch sie hatte erkannt, dass die Familie nur Symptom war. Nicht Ursache. Die Ursache war Yang. Die Ursache war die Ordnung selbst. Die Ordnung der Algavia. Die kalte, alles verschlingende Maschinerie einer Herrschaft, die das Reich in Fesseln gelegt hatte, unsichtbar und allgegenwärtig. Franca wollte das beenden. Nicht für das Volk. Nicht aus Mitleid. Sie hatte kein Herz für das gemeine Volk entwickelt – sie verachtete die stumpfe Masse noch immer, wie es ihr anerzogen worden war. Doch sie verachtete gleichermaßen die Illusion, die über allem lag. Die Lüge vom Erbe. Vom Anspruch. Von der göttlichen Ordnung. Was sie zerstören wollte, war die Kette, die auch sie gefangen hielt. Sie strich sich aus Gewohnheit über das Haar. Jeder Strang musste perfekt sitzen. Kein Makel durfte ihr Bild trüben – nicht einmal jetzt. Nicht einmal in dieser Nacht, in der sie bereit war, endgültig zu entscheiden. Ihr Blick ruhte auf dem oberen Stockwerk. Genauer: auf dem Fenster des Schlafgemachs. Das Licht war noch an. Er schlief nicht. Noch nicht. Vielleicht schrieb er. Vielleicht las er. Vielleicht dachte er nach – an sie? Sie wartete. Geduldig. Reglos wie ein Raubtier. In ihren Augen lag kein Zorn. Kein Mitgefühl. Nur ein Vorbote einer Entscheidung. Dann, endlich, bewegte sich der Vorhang. Eine Silhouette trat ans Fenster. Luca. Er wirkte müde, fast gealtert. Er trat näher und zog langsam die Vorhänge zu. Franca blinzelte nicht. Sie veränderte nicht einmal ihre Haltung. Denn sie wusste: Heute Nacht würde etwas enden. -------------------------------------------------------------------------- „BLÜTENTUNNEL!“ rief Franca, während sie Gendihr von ihrem Rücken riss. Der Runenhammer vibrierte in ihrer Hand, als die Zeichen darauf zu glimmen begannen. Die Luft um sie zitterte, wurde dünn wie Seide – und im nächsten Moment wurde sie aus dem Raum der Welt gerissen. Dann stand sie in Lucas Schlafgemach. Der Raum war warm, der Boden aus hellem Holz, die Wände mit alten Gemälden geschmückt. Auf dem Bett saß ihr Cousin, nur in ein Hemd gekleidet, das Gesicht im Halbschatten. Neben ihm richtete sich seine Frau auf – Eda Aldobrandini, ihre Freundin aus Kindertagen. Ihre Miene schwankte zwischen Überraschung und Misstrauen. „F-Franca?“ flüsterte Luca, als glaubte er, sie sei ein Trugbild. „Was machst du hier?“ Franca trat einen Schritt vor. „Ich bin hier, um einen Fehler zu korrigieren.“ Ihre Stimme war ruhig. Klar. Wie Wasser über kaltem Stein. „Sagt mir – wie steht ihr zu Vater? Wie steht ihr zum Hause Aldobrandini?“ Einen Moment lang herrschte Stille. Dann antwortete Eda, ganz die gehorsame Adelige, die sie erzogen worden war zu sein: „Unsere Familie… steht natürlich über allem.“ Das war die falsche Antwort. Franca hob Gendihr und ließ ihn ohne Zögern auf Eda herabsausen. Der Aufprall zerschmetterte Knochen und Fleisch, ein hässliches, dumpfes Knacken erfüllte das Zimmer. Blut spritzte auf das Kopfkissen. Luca keuchte, als hätte er selbst den Schlag gespürt. „Was zur Hölle tust du da?!“ brüllte er, als er sich über Eda beugte. Ihre Augen waren glasig, ihre Brust bewegte sich nicht mehr. Franca drückte ihm den Hammer gegen die Brust. „Also, Luca. Wo liegt deine Loyalität?“ Sein Blick war starr auf sie gerichtet. Er blinzelte nicht. Dann, ganz leise, knirschte er: „Du verrätst also die Familie? Für Yang? Oder für Aragi?“ Franca neigte den Kopf, als überlege sie ernsthaft. Dann nahm sie Gendihr zurück und trat einen Schritt zurück. „Nein.“ Ein Moment des Atems, ein Flackern der Hoffnung in Lucas Augen. „Also hast du uns nicht verraten?“ fragte er vorsichtig. Franca lächelte. Ein kaltes, klares, leeres Lächeln. „Ihr wart es, die mich verraten haben. Ihr habt mich benutzt, gelenkt, verkauft. Und ich tue das hier nicht für Yang. Nicht für den Minister. Ich tue das nur für mich.“ Dann holte sie aus. Der Hammer zerschlug Lucas Brustkorb mit einem einzelnen Hieb. Blut explodierte über die weißen Laken, klebte an ihren Stiefeln. An der Wand bildete sich ein roter Halbmond. Franca trat ans Fenster. Der Regen hatte eingesetzt, tropfte sacht auf das Laub des Waldes. Sie warf einen letzten Blick zurück. Auf Luca, der ihr Cousin gewesen war. Auf Eda, die sie wie eine Schwester genannt hatte. Dann sprang sie hinaus in die Nacht. -------------------------------------------------------------------------- Die Kühle der Nacht empfing Franca wie ein stummer Schwur. Der feuchte Wind strich ihr übers Gesicht, trug den metallischen Geruch des Blutes aus dem Haus hinter ihr in die Welt hinaus. Ein einzelner, durchdringender Schrei durchbrach die Stille des Anwesens – Lucas Sohn, vermutlich. Oder ein Bediensteter. Es war ihr egal. Sie hatte keine Familie mehr. Mit gemessenen Schritten setzte sie sich in Bewegung, in Richtung Süden, fort vom Ort des Mordes, fort von einer Vergangenheit, die sie endgültig abgestreift hatte. Ihre Stiefel berührten kaum den Boden, als schwebte sie über dem nassen Laub, mühelos den Pfützen ausweichend. Kein Matsch durfte ihre Erscheinung trüben. Nicht heute. Nicht nach dieser Entscheidung. Zwischen den Wurzeln und Moosen des Tiefenwaldes drängten sich die ersten Frühlingsblumen hervor – zarte Farben im Schatten des alten Adels. Der Regen verstärkte sich, prasselte auf das dichte Blätterdach über ihr, während Mücken und Nachtinsekten im Takt der Tropfen zu tanzen begannen. Es war, als hätte die Natur nicht mitbekommen, was geschehen war. Franca blieb kurz stehen. Ihre Hand glitt durch das feuchte Haar. Ihr Blick ging ins Leere. Der Mord an Luca und Eda war kein Ende – es war ein Anfang. Doch jede Revolution brauchte Verbündete. Mächtige Verbündete. Und sie wusste bereits, zwischen welchen dreien sie wählen musste. Der erste war der Mann, der im Schatten herrschte: Selfmun Aragi. Der Kaiserliche Minister, gefährlich wie ein verschlossener Dolch. Ein Emporkömmling, den das einfache Volk bewunderte, weil es ihn nicht verstand. Franca fürchtete ihn nicht – aber sie wusste, dass er sie zerquetschen würde, wenn sie einen Fehler machte. Und doch… niemand kannte das politische Spiel so wie er. Er würde ihr helfen, ihre Familie zu vernichten. Doch was würde es sie kosten? Dann war da Leyla, die Siegerin von Tripolis, die Naturgewalt, die in jeder Liste der kaiserlichen Feinde ganz oben stand – und doch ein Werkzeug des Reiches geblieben war. Franca war ihr mehrfach begegnet, flüchtig, beobachtend. Es hieß, sie habe einen ehemaligen Prinzen getötet, einen aus der Blutlinie der Algavia. Es hieß, sie kämpfe nicht für einen Thron, sondern für eine Idee. Vielleicht, dachte Franca, ließen sich ihre Wege kreuzen. Und vielleicht ließe sich etwas aus dieser Kreuzung gewinnen. Der dritte war gefährlicher als die ersten beiden, weil er nicht zu durchschauen war: Hypos, der fünfte Kronprinz. Der Wahnsinnige. Der Spieler. Der Mann, der das Prinzenspiel nicht nur anführte, sondern beherrschte wie ein Meister seine Schachfiguren. Er hatte keine Ideale, keine Verbündeten – nur eine Richtung: nach oben. Aber genau das war sein Vorteil. Wer ihn für sich gewann, hatte Chaos auf seiner Seite. Drei Wege, drei Monster, drei Möglichkeiten. Ein leises Donnern rollte über den Himmel. Der Regen verwandelte sich in ein stürzendes Meer. Franca hob Gendihr erneut. „WÜSTENSCHIRM!“ rief sie, und der Runenhammer entfaltete gehorchend eine schwebende Kuppel aus gläserner Energie über ihrem Kopf. Das Wasser perlte daran ab wie an einem unsichtbaren Schild. Der Lärm des Regens wurde gedämpft, die Welt schien für einen Moment kleiner, geschützter. Intimer. Sie steckte Gendihr zurück an ihren Rücken, dann griff sie unter ihr Kleid. Ihre Finger berührten das Metall – das Siegel der Aldobrandini. Der silberne Löwe. Der Stolz eines Hauses, das sich selbst längst zur Beute gemacht hatte. Mit ruhiger Bewegung löste sie das Siegel, hielt es einen Moment lang in der Hand. Dann warf sie es in den Matsch. Der Löwe versank in der Nässe, unbeachtet. Sie war keine Aldobrandini mehr. Sie war Franca.
- Kapitel 204 - Wer tröstet die Lebenden?
Das Schlachtfeld der Leichen, auf dem Jess sie zurückgelassen hatte, schien sich endlos auszubreiten. Eine Ebene aus Tod und Stille, so weit das Auge reichte. Kein Windhauch, kein Geräusch, nicht einmal das Echo von Erinnerungen. Alexandra hatte sich entschieden, diesen Ort zu durchqueren – nicht aus Neugier, sondern um der Hilflosigkeit zu entkommen. Sie wusste, dass Jess ihren Körper nur einmal und nur für eine Stunde beanspruchen durfte. Danach würde sie zurückkehren. Und Alexandra wollte bereit sein – für alles, was danach kam. „Ob sie Bläsk besiegt hat?“ flüsterte sie leise in den leeren Raum hinein, die keine Antwort gab. Sie versuchte, die Gedanken an Leyla beiseitezuschieben. Die Bilder ihres toten Körpers, das Blut, das aus ihr geflossen war. Doch sie schaffte es nicht. Immer wieder holte sie der Schmerz ein, drängte sich in ihren Geist, schnürte ihr die Kehle zu. Immer wieder rannen Tränen über ihr Gesicht, immer wieder zerbrach sie innerlich von neuem. Dann, plötzlich, durchbrach eine Stimme das Schweigen. ,,Ich habe meine Aufgabe erfüllt.’’ Die Stimme der Erzdämonin des Krieges. Jess. Alexandra zuckte zusammen. Ihre Augen flackerten, blinzelten – und im nächsten Moment war der endlose Totenacker verschwunden. Stattdessen war sie zurück. Fliegend. Hoch über dem Dschungel. Doch der Dschungel war nicht mehr derselbe. Der Sturm war verschwunden. Die bedrohliche Magie, die den Himmel zerrissen hatte, war verflogen. Doch der Boden unter ihr war verwüstet – wie von einer anderen Welt zerfressen. Flüsse aus Asche, aufgerissene Erde, verbrannte Bäume. Ganze Flächen waren schlicht nicht mehr da. Nur in der Ferne – am Horizont – sah sie grüne Flecken. Unberührter Wald, der wie eine Erinnerung wirkte. „Was ist hier passiert?“ murmelte sie, obwohl sie die Antwort längst erahnte. Etwas war geschehen, das nicht rückgängig zu machen war. Etwas Endgültiges. Bläsk war verschwunden. Vernichtet, verbannt – was auch immer geschehen war. Aber er war weg. Alexandra konnte es spüren. Sie flog tiefer, ließ den Blick schweifen. Suchte. Nicht nach dem Dämon. Sondern nach den Überlebenden. Zensa. Vinessa. Leyla. Und dann sah sie ihn. Zensa saß am Rand eines gigantischen Kraters. Sein Körper war verdreckt, seine Kleidung zerrissen, sein Blick leer. Neben ihm schwebte Vinessa, kaum größer als seine Schulter, zusammengesunken. Alexandra landete vorsichtig, der Boden knirschte unter ihren Stiefeln. „Alexandra…“ piepste eine brüchige, kaum hörbare Stimme. Vinessa hatte sie bemerkt. Ihr Gesicht war aufgedunsen vom Weinen, ihre Flügel zitterten. In ihren Augen lag dieselbe Verzweiflung, die Alexandra in sich selbst spürte. Langsam trat sie näher. Dann sah sie es. Leyla. Ihr Körper lag still auf der zerborstenen Erde. Ein Schatten ihrer selbst. Die einst so mächtige Kämpferin war kaum wiederzuerkennen. Ihr linker Arm fehlte, das Bein war fortgerissen, ihr Gesicht entstellt, ihre Augen leer und kalt. Alexandra fiel auf die Knie. Ihre Hände griffen nach Leyla, als könnte sie sie noch festhalten, als könnte sie sie mit Berührung zurückholen. Aber da war nichts mehr. Nur der kalte, tote Körper ihrer Geliebten. „Warum… warum habe ich nicht bei dir gekämpft?“ stammelte sie, die Worte brüchig wie Glas. „Warum habe ich dich im Stich gelassen?“ Doch niemand antwortete. Nicht Jess. Nicht Vinessa. Nicht Zensa. Nicht einmal der Wind. Und so blieb Alexandra zurück, auf den Knien neben der Frau, die sie hätte retten müssen – und es nicht getan hatte. -------------------------------------------------------------------------- Leyla kauerte in dem Raum der Kerzen. Eine Kammer außerhalb der Zeit, jenseits von Schmerz, aber nicht frei davon. Hier drin war alles anders – klarer, schärfer, unerträglicher. Die Dunkelheit war nicht feindlich, sie war ehrlich. Und sie spiegelte zurück, was sie sonst unterdrückte. Sie wusste, wenn sie wollte, konnte sie zurückkehren. Zurück in die Welt, zurück zu Zensa, zu Alexandra, zu allem, was geschehen war. Doch der Gedanke daran fühlte sich leer an. Wozu? Für wen? Wofür sollte sie wieder aufstehen, wenn doch nur neue Verluste auf sie warteten? Hier, im Kreis der vier Kerzen, war nichts verborgen. Kein Runenstein dämpfte ihre Emotionen, keine Macht der Erde verschloss ihr Herz. Alles war offen. Der Raum zwang sie, zu fühlen. Und das tat sie. Mehr als je zuvor. Trauer, Schmerz, Reue. Sie brannten in ihr wie ein kaltes Feuer. Kein Hass, kein Zorn – nur ein dumpfer, unaufhörlicher Sog. Und dazwischen: ein neues Gefühl. Eines, das sie nicht sofort benennen konnte. Es schlich sich leise in ihren Geist. Eine Mischung aus Schuld und Angst. Ihr Blick wanderte zu dem Tisch mit den vier Kerzen. Sie kannte dieses Ritual. Sie wusste, was es bedeutete. Die Farben hatten sich tief in ihr eingebrannt, jedes Licht ein Leben. Die blassgrüne Kerze brannte. Zensa. Ihr Schüler. Der Junge, der sich ihr blind anvertraut hatte. Der Junge, der bereit gewesen war, für sie zu sterben – doch es war nicht er gewesen, der geopfert worden war. Daneben: eine weiße Flamme. Nea. Ihre Kerze flackerte unruhig, unbeständig, als würde der Tod mit ihr ringen. Ganz rechts stand die schwarze Kerze. Alexandra. Auch sie brannte. Auch sie hatte überlebt. Aber… Die blaue Kerze. Eroica. Ihre Vertraute. Ihre Leibdienerin. Ihre ruhige, treue Filina, die sie immer unterstützt hatte, seit jener Nacht in der Bibliothek von Malyl. Die Frau, die nie Fragen stellte, nie forderte – die einfach nur da war. Und deren Licht nun verloschen war. Leyla konnte den Gedanken kaum ertragen. Ein kalter Schock durchfuhr sie, lähmte sie. Es war, als hätte man ihr einen Teil des Rückgrats herausgerissen. Sie stand auf, taumelte zu dem Tisch, wollte es nicht glauben. Sie berührte die blauen Reste der Kerze, wollte die Flamme wieder herbeizwingen. Doch es ging nicht. Wie immer in diesem Raum war sie nur Beobachterin. Die Flammen waren jenseits ihrer Macht. Tränen sammelten sich in ihren Augen, ein Zittern erfasste ihre Schultern. Sie fiel auf die Knie, ihre Hand umklammerte das kalte Holz des Tisches, als könnte sie sich daran festhalten. Doch auch dieser Halt war Illusion. Wieder hatte die Macht in ihr entschieden, wer sterben musste. Zum vierten Mal. Vier Leben, vier Opfer, vier Flammen. Und jedes Mal blieb sie zurück. Warum? Warum war ausgerechnet sie dazu verdammt, zu überleben? Warum hatte sie diese Fähigkeit, diese abscheuliche Gnade, für die nicht sie, sondern andere bezahlten? Jeder, der ihr nahekam, jeder, der ihr vertraute, schwebte in tödlicher Gefahr – durch sie. Sie hörte Stimmen, fern und gedämpft. Zensas schluchzendes Murmeln, Vinessas zerbrechliches Wispern, Alexandras gebrochene Worte. Sie alle glaubten, Leyla sei tot. Vielleicht sollten sie es auch weiter glauben. Vielleicht wäre es besser so. Besser, als weiterzumachen und noch mehr Leben zu fordern. Noch mehr Kerzen verlöschen zu sehen. Leyla sank zu Boden. Ihr Körper krümmte sich, ihre Schultern zuckten. Tränen liefen frei, hemmungslos. Sie weinte. Bitterlich. Tiefer als je zuvor. Nicht nur um Eroica. Sondern um sich selbst. Um das, was sie geworden war. Um das, was sie nie hatte sein wollen. Ein Zentrum des Leidens. Ein Katalysator des Verlusts. Und niemand war da, um sie zu trösten. -------------------------------------------------------------------------- Alexandra starrte mit leerem Blick in das flackernde Licht des Lagerfeuers. Die Flammen tanzten reglos in ihren Augen, ohne Wärme, ohne Trost. Der Wald um sie herum war still, zu still. Kein Laut, kein Wind, nicht einmal das Rauschen der Blätter – nur das Knacken des Feuers, das wie eine höhnische Erinnerung an Leben klang, wo keines mehr war. Vier Tage waren vergangen. Vier lange, langsame, lähmende Tage, seit der Kampf mit Bläsk geendet hatte. Vier Tage seit Leyla... gegangen war. Getötet worden war. Vor ihr, in weißen Leinen gewickelt, lag der Körper ihrer Geliebten. Ruhig. Friedlich. Viel zu still. Vinessa hatte ein besonderes Wachs aus den Feenlanden verwendet, eines, das die Verwesung aufhalten konnte – zumindest für eine Weile. Sie hatte darauf bestanden, dass Leyla nicht einfach irgendwo begraben werden durfte. Nicht hier, nicht auf diesem verseuchten, verwüsteten Boden. Nicht an einem Ort, an dem der Tod gesiegt hatte. Alexandra hatte genickt. Sie hatte zu allem genickt. Zu allem geschwiegen. Es war leichter so. Zensa war fort. Irgendwann hatte er seine Sachen gepackt, mit zitternder Stimme gesagt, er würde in Jidar auf sie warten. In der Stadt der Sectododen, die ihm fremd und doch sicherer erschien als dieses leere, verbrannte Stück Erde. Alexandra hatte ihm nicht widersprochen. Nicht aus Zustimmung. Sondern weil sie keine Kraft mehr hatte, überhaupt noch etwas zu sagen. Vinessa kauerte in ihrem Schoß, die kleine Fee wirkte zerbrechlicher als je zuvor. Ihre Augen waren geschlossen, der Körper zitterte in unregelmäßigen Abständen. Vielleicht fror sie. Vielleicht weinte sie. Vielleicht war sie längst in einer Welt versunken, in der sie Leyla wiedersehen durfte. Alexandra wusste es nicht. Es war ihr auch egal. Sie selbst fühlte nichts mehr. Kein Schmerz. Keine Wut. Keine Verzweiflung. Es war, als hätte etwas in ihr den Schalter umgelegt, als wäre sie aus der Welt herausgelöst worden. Ein Schatten unter den Lebenden, atmend ohne Zweck. Warum nur? Warum hatte Leyla sterben müssen? Die Frage brannte sich immer wieder in ihr Denken, wie ein Mantra, das keine Antwort kannte. Wie ein Messer, das stumpf geworden war vom vielen Schneiden – und doch immer wieder angesetzt wurde. Leyla war ihr Anker gewesen. Nicht nur ihre Geliebte – sondern auch Richtung, Halt, Überzeugung. Mit ihr hatte alles begonnen. Und nun? Jetzt war nur noch die Kälte geblieben. Und ein leiser Wind, der nicht einmal ihre Tränen trocknete. Denn es gab keine mehr. -------------------------------------------------------------------------- Leyla lag noch immer auf dem kalten Boden des Raums, in dem es keine Zeit gab, keinen Wind, kein Außen. Die Kerzen flackerten in ihrem stummen Tanz, jede einzelne von ihnen ein leiser Vorwurf, ein leuchtendes Mahnmal. Hier verspürte sie keinen Hunger, keinen Durst. Sie schlief nicht. Auch die Tränen waren versiegt, wie ein Fluss, der sich selbst verloren hatte. Sie betrachtete ihre Finger. Die Finger, mit denen sie Eroicas weiches Fell berührt hatte – so oft, so gedankenverloren. Immer war es Eroica gewesen, die ihre Hand gehalten hatte, wenn die Welt zu laut wurde. Die still neben ihr gewacht hatte, wenn alle anderen schliefen. Und jetzt... war nichts mehr von ihr übrig als Erinnerung. Und eine erloschene Kerze. Langsam setzte sich Leyla auf. Der Schmerz war nicht verschwunden. Er würde nie verschwinden. Doch über die Stunden – vielleicht waren es auch Tage gewesen, Zeit war hier bedeutungslos – hatte sich eine Wahrheit in sie eingebrannt. Nicht mit Worten. Sondern mit einer leisen, unumstößlichen Klarheit. Eroica hätte nicht gewollt, dass sie sich aufgab. Leyla atmete tief durch. Ihre Schultern hoben sich, als würden sie zum ersten Mal seit Ewigkeiten wieder Gewicht tragen. Dann senkten sie sich, fest, entschlossen. Sie würde zurückkehren. Zurück in die Welt der Lebenden, zurück zu Zensa, zu Alexandra, zu Vinessa. Sie würde ihnen vom Raum der Kerzen erzählen – von dem stillen Ort, an dem sich Leben und Tod küssten, ohne sich zu erkennen. Der Kampf im Denja-Dschungel war nicht vorbei. Sie würde ihn zu Ende führen, wie es ihr Auftrag verlangte. Danach aber... danach würde sie allein weitergehen. Nicht aus Kälte. Sondern aus Verantwortung. Aus Schuld. Sie wollte nicht noch mehr mit ihrer Fähigkeit töten. Und sie wusste, dass es einen anderen Weg gab. Einen, der nicht mit Blut bezahlt wurde. Es war schon einmal geschehen. Liam. Ihr erster Begleiter. Freund. Und für kurze Zeit... mehr. Ihre Wege hatten sich getrennt, sanft, ohne Zorn. Kein Verrat, kein Streit. Nur das stille Vergehen einer Verbindung. Und irgendwann – war seine Kerze verschwunden. Nicht erloschen. Sondern weg. Aufgelöst. Entschwunden. Wenn sie also alle, die ihr wichtig waren, von sich stieß... Wenn sie sich selbst aus ihrem Leben herauszog, Schritt für Schritt, wie eine Narbe, die sich selbst zurückbildete... Dann, vielleicht, wären sie sicher. Der Gedanke schnitt tief. Tiefer als jede Wunde, die sie im Kampf erlitten hatte. Doch wenn es das war, was notwendig war, um sie zu schützen – dann war es ihr Weg. Der Kampf mit Bläsk hatte es gezeigt. Sie war nicht unverwundbar. Drei Runensteine hin oder her – es gab Wesen, die stärker waren als sie. Die bereit waren, alles zu zerstören, was sie liebte. Und sie konnte nicht riskieren, dass noch eine weitere Kerze auf diesem Tisch erlosch. Leyla stand auf, streckte sich. Ihre Bewegungen waren langsam, fast rituell. Dann trat sie an den Tisch. Die blaue Kerze – Eroicas Kerze – war und blieb erloschen. Eine Narbe aus Wachs. Eine Leerstelle im Leben. Sie senkte den Blick ein letztes Mal. Dann wandte sie sich ab und verließ den Raum.
- Kapitel 202 - Absolut
Yang stand auf dem höchsten Turm des Kaiserpalasts. Der Wind zerrte an ihrem weißen Kleid, ließ die Stoffbahnen wie dünne Schleier flattern, doch sie stand still. Unbewegt. Ihre Haltung war die der Stärksten. Unter ihr wimmelte die Kaiserstadt. Eine kalte, klare Frühlingsnacht hatte sich über das Reich gelegt, doch in den Straßen war es noch lebendig – Händler, Trunkenbolde, Kinder mit Laternen. Leben, wohin das Auge reichte. Doch Yangs Blick sah nicht nach unten. Nicht zu den Menschen. Sie sah darüber hinaus. Zwei Attentäter hatten es heute gewagt, das Leben des Kaisers zu fordern. Ihre Klingen hatten nicht einmal den Klang eines Alarms erzeugt. Yang hatte sie zerfetzt, ohne einen Schritt zu machen. Ein Blick hatte genügt. Ein Gedanke. Sie war der Schild des Kaisers. Dann war da noch Kronprinz Hypos – der wahnsinnige Prinz, der sich in den Schatten seines Anwesens zurückgezogen hatte. Sie spürte seine Bewegungen wie Druckwellen unter ihrer Haut. Was immer er plante, es war bedeutend. Vielleicht der Aufstieg des Reiches. Vielleicht sein Ende. Plötzlich hielt Yang inne. Etwas war zerrissen. Kein Geräusch. Kein Bild. Nur ein Riss – tief in ihrer Seele. Ein Band, das einst gewebt war, war zerfallen. Nea. Ihr Blick ging nach Süden. Ihre Augen sahen nicht den Ort – doch ihre Macht wusste, wo es geschehen war. Keine Sekunde Zögern. Yang stieß sich ab, durchbrach den Himmel. Der Turm unter ihr schrumpfte zu einem Punkt, die Stadt zu einem Nebel. Sie war schneller als der Schall, fast so schnell wie das Licht. Und dann war sie da. Ein Hügel, karg und still. Der Wind schwieg. Der Himmel hatte sich verdunkelt. Die Welt hielt den Atem an. Sie landete mit der Leichtigkeit eines Blattes. Der Boden unter ihren Füßen verformte sich, ohne sie zu berühren. Ihre Augen begannen zu leuchten – ein tiefes, flammendes Rot, das jeden Widerstand verbrannte. Vor ihr lag Nea. Blutüberströmt. Die Flügel zerfetzt. Die Brust durchbohrt. Der Kopf… durchstoßen. Und daneben – der Mörder. Ein Mann. Ruhig. Wahnsinnig. Immer wieder rief er dasselbe Wort. Wie ein Kind, das an ein Märchen glaubt, das nie geschehen wird. „Ätherbrand! … Ätherbrand! … Ätherbrand!“ Yang trat den Hügel hinab. Der Dreck wich vor ihr zurück. Kein Staub wagte es ihr Kleid zu berühren. Dann blieb sie hinter ihm stehen. Und sie sprach, mit einer Stimme, die Jahrhunderte tragen konnte: „Eine so armselige Existenz wie du wird niemals den Äther erreichen.“ -------------------------------------------------------------------------- Jamall fuhr herum. Seine Hand schnellte zum Schwertgriff, doch seine Bewegungen waren fahrig. Nicht aus Schwäche – aus Schock. Er kannte diese Stimme nicht. Doch die Macht, die sie mit sich brachte… Ein Druck, wie das Gewicht eines einstürzenden Gebirges, legte sich auf seinen Verstand. Er musste nicht sehen, um zu wissen, wer vor ihm stand. „Y–Yang…“ brachte er hervor. Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauchen. Kein Name – ein Urteil. Vor ihm stand die lebende Legende. Yang. Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Schild des Kaisers. Die mächtigste Wacal der Welt. Ein Wesen, das man nicht herausforderte. Nicht berührte. Nicht verstand. Jamall schluckte, griff fester nach dem Griff seines Schwertes. Die Klinge der Fünf Monde war sein einziges Mittel. Ein Werkzeug der Monde. Yang stand reglos am Fuß des Hügels. Ihr weißes Kleid fiel faltenlos an ihr herab, unbefleckt, obwohl sie durch Blut und Schlamm gewandelt war. Ihre Haut schimmerte dunkel unter dem fahlen Licht des Mondes, und ihr Haar – ein perfekter, schwarzer Schopf – wurde nicht vom Wind berührt. Nicht einmal der Himmel wagte es, sie zu stören. Ihr Blick war das Gegenteil von Zorn. Kein Hass, kein Ekel. Nur absolute Autorität. „Du hast Nea getötet“, sagte sie schließlich. Es war keine Anklage. Kein Schrei. Nur eine Feststellung, in der der Tod selbst mitschwang. „Dir ist bewusst, dass das Verletzen oder Töten einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin mit dem Tod bestraft wird?“ Jamall sagte nichts. Was hätte er sagen sollen? Dass es ein Unfall war? Dass Nea ihn gezwungen hatte sie zu töten? Dass er geglaubt hatte, sie würde nicht sterben? Nichts davon spielte eine Rolle. Nicht für sie. Sie bewegte sich nicht. Nicht ein Schritt. Doch ihre Präsenz kam näher. Drang in ihn ein, als würde sie seine Lügen prüfen, seine Gedanken durchwühlen, seine Ängste sezieren. Er wagte es trotzdem. Hebelte das Schwert nach vorn, stellte es wie ein dünnes Schild zwischen sich und die Frau. Yang blickte auf das Schwert herab, als sei es ein schmutziger Stock in einer Kinderhand. „Damit also“, sagte sie. „Wie feige.“ Jamall schluckte. Ihre Worte schnitten härter als jede Klinge. Sie war nicht einmal wütend. Für Yang war das hier kein Kampf. Er biss die Zähne zusammen. Er wollte nicht sterben. Nicht jetzt. Nicht, wenn er so kurz davor war, Leyla zu töten. Aber konnte er sie besiegen? Nein. Fliehen? Unmöglich. Nicht bei ihr. Sie war das Ende. Der Schlussstrich unter seiner Geschichte. Der Punkt, nach dem nichts mehr kam. Es blieb nur ein Ausweg: Worte. Vielleicht, wenn sie ihn reden ließ. Vielleicht, wenn sie es verstand. Er richtete sich auf, zwang sich zu einem ruhigen Ton, obwohl sein Herz raste. „Wisst Ihr, warum Leyla so mächtig ist?“ fragte er, leise, fast versöhnlich. Ein Versuch, nicht zu flehen – sondern zu verführen. Zu erklären. Vielleicht ein Versuch, um sich zu retten. -------------------------------------------------------------------------- Es war ein eisiger Winterabend gewesen, als Yang zum ersten Mal auf Nea traf. Der Wind hatte durch die vergoldeten Gänge des Kaiserpalastes geheult. Benjuro, der siebte Kaiserliche Kopfgeldjäger, hatte das Mädchen gefangen genommen – ein Wesen mit durchscheinenden Flügeln, pechschwarzem Haar und einer Aura, die eindeutig nicht normal für ein Kind war. Nea war kaum älter als zehn. Und dennoch war sofort klar gewesen, was sie war. Ein Engel. Und Engel bedeuteten Gefahr. So wie Dämonen galten sie als instabile Elemente in der Ordnung des Reiches – Kräfte, die nicht kontrolliert werden konnten, weder durch Stahl noch durch Worte. Sie waren Mahnmale aus einer anderen Zeit, fremd und voller Risiken. Yang hatte nicht gezögert. Solche Wesen durften nicht existieren. Sie wollte sie töten. Rasch, effizient, ohne Aufsehen. Kein Verhör. Kein Zaudern. Doch dann hatte sie ihr in die Augen geblickt. Und etwas war geschehen. Neas Augen leuchteten in einem sanften Violett, ohne Angst, ohne Trotz – aber mit einer seltsamen Ruhe, einer Neugier und Lebensfreude, die tiefer ging, als Yang je zuvor gesehen hatte. In diesem Moment, inmitten der Kälte, geschah etwas, das sie selbst nicht erklären konnte. Etwas berührte sie. Sie, die Unberührbare. Diejenige, die seit über eintausend Jahren niemandem zu nah gekommen war. Dann sprach das Mädchen. Ihre Stimme war klar, kindlich – und dennoch durchdrang sie den Raum wie ein Gebet. „Bist du nicht Yaya?“ Ein kindlicher Name. Eine Assoziation. Ein Missverständnis? Vielleicht. Aber es war, als hätte sich ein Spalt in der Rüstung geöffnet, die Yang sich über Jahrhunderte aufgebaut hatte. Sie ließ ihre Hand sinken. Und entschied. Gegen jeden Grundsatz. Gegen jede Vernunft. Sie würde das Mädchen nicht töten. Sie würde sie ausbilden. Wenn sie dem Weg der Kaiserlichen Kopfgeldjäger nicht gewachsen war, würde die Welt sie richten. Doch wenn sie es war… dann sollte sie es beweisen. Nea lernte schnell. Rasend schnell. Auch wenn Yang keine Geduld zeigte, selten sprach, keine Erklärungen lieferte. Nea wuchs. Körperlich, geistig – und magisch. Sie sog Wissen auf wie trockene Erde den Regen. Und sie kämpfte. Nicht aus Wut. Nicht aus Angst. Sondern aus einem inneren Antrieb, den selbst Yang nicht ganz verstand. Nach drei Jahren stand sie mit geradem Rücken vor Kaiser Leo V., der ihr feierlich den Titel der zehnten Kaiserlichen Kopfgeldjägerin verlieh. Ein Mädchen, das tot hätte sein sollen – jetzt ein offizielles Schwert des Reiches. Yang hatte nie Stolz empfunden. Es war ein menschliches Konzept, nutzlos in der Struktur, die sie sich selbst auferlegt hatte. Doch an diesem Tag… war da etwas. Ein leises Ziehen in der Brust. Vielleicht war es Stolz. Oder vielleicht etwas Tieferes. Sie verstand nicht, warum gerade Nea ihr Herz berührte. Warum dieses Wesen aus Licht und Schweigen mehr in ihr auslöste als die zahllosen Personen zuvor. Mehr als Kaiser, mehr als Gefährten, mehr als Gegner. Vielleicht, weil Nea nicht nur überleben wollte – sondern leben. Doch sie zeigte es niemandem. Auch Nea nicht. Nach außen blieb sie distanziert. Die Öffentlichkeit kannte sie als das, was sie war: unnahbar, kompromisslos, perfekt. Selbst den Kaisern, die mit den Jahrhunderten kamen und gingen, blieb verborgen, was Nea für sie bedeutete. Und das sollte so bleiben. Sie prüfte Nea mit immer gefährlicheren Aufträgen. Nicht aus Grausamkeit. Aus Hoffnung. Sie wollte wissen, wie weit die junge Engelin gehen konnte. Wo ihre Grenzen lagen. Ob sie ihr ähnlich werden würde. Und Nea enttäuschte sie nicht. Sie lernte alle sechs Grundelemente, wurde eine Meisterin im waffenlosen und magischen Kampf, wurde eine Stimme unter den Jägern – respektiert, gefürchtet, bewundert. Yang hatte versucht, ihr auch den Äther zugänglich zu machen. Doch schon bald erkannte sie: Nea fehlte etwas. Etwas, das nicht gelehrt werden konnte. Ein innerer Schlüssel, eine bestimmte Art von Instinkt. Yang wusste es nicht genau. Nur, dass Nea ihn nicht hatte. Also stellte sie das Training ein. Ohne Erklärung. Ohne Groll. Doch ihr Blick ruhte stets auf ihr. Wie der einer Mutter, die das Kind nicht als solches benennen durfte. In der Hoffnung, dass sie eines Tages doch ihre Grenzen durchbrechen würde. Nicht, weil sie es musste. Sondern weil Yang es wollte. -------------------------------------------------------------------------- ,,Sprich.’’ Ein einziges Wort. Leise gesprochen, ohne jede Schärfe, ohne Zorn. Und doch ließ es keine Alternative zu. Es war ein Befehl, reiner als Stahl, unausweichlich wie der Tod. Jamall schluckte. Die Kälte in seiner Kehle lähmte für einen Moment seine Zunge. Er holte tief Luft, zwang seine Stimme zur Ruhe. „Leyla besitzt eine Fähigkeit… eine, die nicht existieren dürfte.“ Er hielt inne. Ihre Augen fixierten ihn. Keine Reaktion. Kein Zucken. Kein Blinzeln. „Wenn sie stirbt, dann stirbt jemand anderes für sie. Jemand, der ihr nahesteht. Es passiert einfach – als würde die Welt selbst ihren Tod ablehnen und dafür andere opfern.“ Nichts. Nicht einmal ein Nicken. Nur dieser stumme, kontrollierte Blick. Yang war wie eine Statue aus Fleisch und Wille. „Deshalb will ich sie töten. Nicht aus Hass. Sondern weil sie eine Gefahr ist. Jeder, der ihr zu nahe kommt, riskiert, für sie zu sterben. Sie ist ein Knotenpunkt des Leidens – und niemand will es sehen. Auch Nea wollte es nicht begreifen.“ Er machte einen Schritt nach hinten. Yang machte einen Schritt nach vorn. So leicht. So langsam. Und doch fühlte es sich an, als käme eine Lawine auf ihn zu. „Was gibt dir das Recht, absolute Urteile über andere zu fällen?“ Ihre Stimme war so ruhig, als würde sie über das Wetter sprechen. „Du maskierst deine Unbedeutsamkeit mit Idealen. Das ist kein Gerechtigkeitssinn. Das ist Größenwahn.“ Jamalls Zähne mahlten aufeinander. Er hatte mit vielem gerechnet. Verachtung, Ablehnung, vielleicht sogar Zorn. Aber nicht mit dieser kalten, klinischen Demontage seiner Motivation. Er verstand nicht, warum sie ihn so behandelte. Warum sie nicht sah, was er sah. Sie war Yang. Die Vollkommene. Diejenige, die Recht über Leben und Tod sprach. Warum verurteilte sie ihn, der doch das Richtige wollte? Er spürte, wie die Wut sich in seiner Brust sammelte, heiß wie geschmolzenes Erz. „Mit diesem Schwert…“ Er hob es, und in seinem Blick flackerte wieder Hoffnung auf. „kann ich jede Form von Unsterblichkeit durchdringen. Jede göttliche Rettung. Jede Umkehr des Todes. Wenn man damit getroffen wird, endet der eigene Weg. Für immer.“ Die Klinge des Schwerts der Fünf Monde glänzte matt im Licht der Mondsichel. Fünf Edelsteine funkelten wie das letzte Aufbegehren einer sterbenden Sonne. Es war kein gewöhnliches Schwert. Es war ein Werkzeug der Auslöschung. Yang sah es sich an. Ein flüchtiger Blick, kurz, abwertend. Dann wandte sie ihre Augen wieder ihm zu. Das war der Moment. Der Moment, in dem Jamall entschied, dass es keine Umkehr mehr gab. Er spannte jeden Muskel, sein Körper eine einzige gezielte Bewegung. Das Schwert durchbrach die Luft mit gnadenloser Präzision – und bohrte sich tief in Yangs Bauch. Blut spritzte. Ihr weißes Kleid färbte sich sofort tiefrot, wie zerfetzte Seide im Sturm. Die Zeit schien für einen Augenblick stillzustehen. Jamalls Brust hob sich. Er atmete schneller. Spürte die Vibration der Klinge in ihrer Wunde. Er hatte sie erwischt. Yang, das Symbol der Unantastbarkeit. Verwundet. Gebrochen? Er grinste. Ein breites, triumphierendes Grinsen. „Das hast du davon! Ich wollte dich nicht töten. Du hättest gehen können! Aber du… du zwingst mich!“ Seine Stimme bebte, nicht vor Furcht, sondern vor Erregung. Zum ersten Mal spürte er, was es bedeutete, oben zu stehen. Es war ein Taumel, ein Sog. Die Möglichkeit, nicht nur Leyla zu stürzen – sondern Yang. Warum nicht? Warum sollte nicht er der Stärkste sein? Der neue Maßstab. Er brauchte keinen Schild. Nicht Diener des Reiches – sondern Herr darüber. -------------------------------------------------------------------------- ,,Sag mir, Yang. Warum willst du die Stärkste sein?’’ Seine Stimme war ruhig, fast beiläufig – und doch bohrte sich die Frage tief in sie hinein. Yang saß in einer dunklen Ecke des frisch errichteten Kaiserlichen Schlafgemachs des neuen Kaiserpalastes. Der Boden unter ihr war noch nicht ganz trocken. Der Duft von neuem Stein und verbranntem Holz lag in der Luft – ein Mahnmal für die Ruinen, auf denen dieser Palast errichtet worden war. Die Ruinen der Verlierer. Sie hatte sie alle unterworfen. Die Menschenreiche, die Rebellen, die Götzendiener. Für Simour. Für ihn allein. „Ich bin es längst“, antwortete sie ohne Zögern. Simour Algavia, der Erste seines Namens, erhob sich von seinem Sitz und trat aus dem Halbschatten. Sein goldenes Haar fiel ihm ins Gesicht, doch er strich es nicht zurück. Stattdessen lächelte er. Dieses typische Lächeln – müde, wissend, überlegen. „Das ist nicht, was ich meine.“ Er trat näher, seine Stimme klang nun ernster. „Warum willst du das Symbol der Stärksten sein? Warum diese Rolle – dieses Bild, das nicht verblassen darf?“ Yang blickte zu ihm auf. Ihre schwarzen Augen suchten nach dem wahren Kern seiner Frage. Für einen Moment wirkte sie nachdenklich. Dann antwortete sie ruhig: „Für Frieden?“ Ein dünnes Lächeln zuckte über Simours Lippen. „Nein, Yang, Liebes. Das ist nicht die Wahrheit. Du willst Kontrolle. Die absolute. Über das Reich. Über diesen Kontinent. Über mich. Über meine Kinder. Meine Enkel. Alle, die Algavia im Blut tragen.“ Sie schwieg. Simour hatte sie durchschaut. Wieder einmal. Sie senkte den Kopf, nicht in Scham, sondern in Anerkennung. „Das ist nicht meine Absicht“, erwiderte sie ruhig, beinahe geflüstert. Doch Simour schüttelte den Kopf. „Sag es nicht so. Nicht in diesem Ton. Wenn du dieses Symbol werden willst – die Verkörperung von Stärke und Ordnung – dann musst du mehr sein als eine Soldatin. Du musst mit Kaisern sprechen, wie mit deinen Feinden. Ohne Angst. Ohne Ehrfurcht. Ohne Zweifel.“ Yang wirkte einen Herzschlag lang irritiert. „Du heißt meine Idee gut?“ „Natürlich.“ Simours Blick wurde weich. „Ich vertraue niemandem mehr als dir. Wenn ich eines Tages sterbe – und das werde ich – sollst du nicht nur das Reich beschützen. Du sollst es lenken. Formen. Erheben.“ Er machte eine Geste zur Seite, als wolle er ihr die Zukunft zeigen. „Überlege dir Regeln. Für dich. Für alle anderen. Und wenn jemand deine Position bedroht, dann vernichte ihn. Es spielt keine Rolle, ob es ein Freund ist. Ein Kind. Oder ein Kaiser. Nur so erreichst du das, was du sein willst: das Maß aller Dinge.“ Yang nickte langsam. In ihren Augen spiegelte sich kein Zweifel. Sie verstand, was er ihr übergeben wollte – keine Krone, kein Thron. Etwas Höheres. „Ich weiß, dass du diese Zukunft formen wirst“, sagte Simour leise. „Und wenn du es tust, werden die Kaiser zwar herrschen – aber du wirst regieren. Du wirst entscheiden, wer lebt. Wer Macht verdient. Wer vergessen wird.“ Yang trat an den Spiegel. Sie trug ihre alte Uniform, das schwere Leder, den vergoldeten Kragen, das Abzeichen ihres Ranges. Alles daran war martialisch, zweckhaft, ehrfürchtig. Sie zog sie langsam aus, Stück für Stück. Legte sie über einen der Stühle. Dann drehte sie sich zu Simour um. Ihre Haltung hatte sich verändert – weniger starr, dafür zielgerichtet. Ein Hauch von Neugier lag in ihrem Blick. „Wie würden mir leichte, perfekt gefertigte Kleider stehen?“, fragte sie, als wäre es eine strategische Überlegung – nicht Eitelkeit, sondern Symbolik. Simour trat zu ihr und betrachtete sie still. Dann strich er ihr über den Arm. „Wundervoll“, sagte er schließlich. „Unbesiegbar.“ -------------------------------------------------------------------------- Yang blickte hinab auf die Klinge, die tief in ihrem Bauch steckte. Sie glänzte im kalten Licht des Mondes, als wäre sie etwas Besonderes. Doch in ihren Augen war sie nur ein gescheitertes Werkzeug. Sie spürte keine Schmerzen, kein Ziehen, nicht einmal den Hauch von Irritation. Es war, als wäre da gar nichts. Wie dumm musste dieser Mann sein? Wusste er nicht, dass die wahre Macht des Schwertes – die Fähigkeit, das Unsterbliche zu töten – nicht einfach verfügbar war? Dass sie versiegelt war, solange der Träger nicht von allen Monden anerkannt wurde? Langsam, beinahe desinteressiert, griff sie an den Knauf und zog die Klinge aus sich heraus. Fleisch, Organstruktur, selbst das Gewebe ihres weißen Kleids – alles schloss sich augenblicklich. Kein Blut, kein Laut. Nur Perfektion. Vollkommene, furchterregende Perfektion. Der Mann wich einen Schritt zurück, sein Blick flackerte zwischen Panik und Unglaube. In seinen Händen zitterte das Schwert der Fünf Monde. „W-Warum?“ stammelte er, seine Stimme ein Krächzen, das selbst ihn zu erschrecken schien. Yang musterte ihn einen Moment, als würde sie überlegen, ob diese Information überhaupt noch einen Wert hatte. Dann atmete sie einmal tief durch. „Du weißt nicht mal, was das Problem ist. Dieses Schwert... wäre in der Lage gewesen, meine Existenz zu beenden. Wenn der Arkibe dich akzeptiert hätte.“ Ihre Stimme klang leise, doch sie schnitt durch ihn wie eine Guillotine. Sie trat einen halben Schritt auf ihn zu und streckte die Hand aus – nur ein Finger tippte das Schwert an. Ein leiser Klang. Dann zerbarst die Klinge. Splitter aus Sternenstahl regneten zu Boden, wirkungslos, bedeutungslos. Ein Werkzeug ohne Zweck. Genau wie der Mann, der es geführt hatte. Er sah auf die Bruchstücke in seinen Händen, als könnten sie ihm die Antwort geben, die er nicht verstand. Sein Atem ging flach, seine Gedanken rasten. Yang wandte sich ab. Ohne Hast, ohne Triumph. Der Sieg war für sie selbstverständlich. Sie war nicht hier, um sich zu rechtfertigen. Sie war hier, um zu urteilen. Nur sie hatte das Recht auf ein absolutes Urteil. Langsam erhob sie sich in die Lüfte, getragen vom Wind, als sei sie selbst ein Teil der Naturgesetze. Ihr Kleid wehte makellos um sie, das Mondlicht spiegelte sich auf ihrer Haut wie auf poliertem Obsidian. Dann sprach sie. „Ich danke dir, Mann ohne Namen, ohne Gewicht, ohne Bedeutung. Du hast mir gezeigt, was ich noch nicht klar genug gesehen hatte.“ Sie drehte sich halb zu ihm um. Ihre Augen glühten nun in einem tiefen, unmenschlichen Rot. „Leyla muss vernichtet werden.“ Der Mann wollte etwas erwidern, doch es war zu spät. Ihre Worte waren endgültig. „Trage diese Wahrheit mit dir ins Grab – dass dein erbärmlicher Versuch dazu geführt hat, dass ich den letzten Zweifel verloren habe.“ Dann breitete sie ihre Arme aus – nicht als Geste des Triumphs, sondern als Bote der unausweichlichen Apokalypse. Und der Himmel begann zu beben. -------------------------------------------------------------------------- Jamall verstand es nicht. Der schwarze Mond hatte ihn abgelehnt? Der Arkibe – der einzige, den er wirklich gebraucht hatte? Er starrte auf Yang, die nun langsam in den Himmel aufstieg, als würde sie vom Schicksal selbst getragen. So leuchtend. So fern. So uneinholbar. Was für eine Ironie. Er hatte alles gegeben. Sein Leben, seine Seele, seine Menschlichkeit. Alles geopfert, um diese Welt von dem zu befreien, was er für ihre größte Bedrohung hielt. Und nun war er nichts weiter als ein Häufchen Asche auf dem Altar der Bedeutungslosigkeit. Ein leises Flüstern entkam seinen Lippen, kaum lauter als der Wind, der durch die Nacht strich: „Es tut mir leid, Welt… Ich habe dich enttäuscht.“ Dann hörte er Yangs Stimme – klar, eiskalt, endgültig. „Ich danke dir, Mann ohne Namen, ohne Gewicht, ohne Bedeutung. Du hast mir gezeigt, was ich nicht sehen wollte.“ Sein Blick hob sich. War das… Gnade? Anerkennung? „Leyla muss vernichtet werden.“ Hatte sie ihn doch verstanden? Vielleicht, nur vielleicht, würde sie ihn am Leben lassen. Vielleicht würde sie Leyla vernichten – für ihn, an seiner Stelle. Dann musste er sich die Hände nicht schmutzig machen. Dann konnte er zurück in das ruhige Leben, das er sich einst gewünscht hatte. Doch bevor er den Gedanken vollenden konnte, folgte ihr Urteil. „Trage diese Wahrheit mit dir ins Grab – dass dein erbärmlicher Versuch dazu geführt hat, dass ich den letzten Zweifel verloren habe.“ Sein Blick glitt nach oben – und erstarrte. Dann bebte der Himmel. Sein Blick glitt nach oben – und erstarrte. Abertausende Lichter in allen Farben des Regenbogens erschienen hinter Yang. Sie schwebten über ihr, tanzten wie ein Sturm aus Hoffnung und Verdammnis zugleich. Und in der Mitte: Sie. Das Symbol aller Kontrolle. Die Richterin über Leben und Tod. Sie, die Absolute, entfesselte das, was ihm misslungen war. Äthermagie. Nicht eine Kugel. Nicht ein Pfeil. Ein Sturm aus Äther. Eine kosmische Antwort auf sein armseliges Spiel mit göttlichen Kräften. Jamalls Knie gaben nach, doch er hielt sich aufrecht. Und dann… begann er zu lachen. Erst leise, ungläubig, dann lauter, beinahe ekstatisch. Ein Lachen aus Wahnsinn und Erleichterung zugleich. „Nun denn! Edle Miss Yang!“ rief er, mit weit ausgebreiteten Armen. „Erfüllt mir meinen Wunsch! Lasst mich sterben, auf dass Ihr meine Träume in Erfüllung gehen lasst! Ich mag hier fallen, doch mein Name wird leben! Er wird besungen werden in Liedern! In Legenden!“ Er schloss die Augen. Wärme überkam ihn. Ein letzter, tröstender Gedanke. Vielleicht hatte er doch etwas bewirkt. Doch dann hörte er sie. Die letzten Worte, die je an ihn gerichtet wurden. ,,Niemand interessiert sich für deinen Namen.’’ Und dann fielen die Ätherpfeile. Tausend Sterne, geboren aus reiner Magie, rasten auf ihn nieder. Sein Körper wurde zerrissen, noch bevor er den Boden berührte. Keine Spur blieb. Kein Rauch. Kein Schatten. Nur Stille.
- Kapitel 201 - Das siebte Element
Leyla befand sich in einem dunklen Raum. Sie konnte sich zwar bewegen, doch aus ihrem Mund kamen keine Worte. Vor ihr befand sich nur ein Tisch, auf dem vier Kerzen standen. Eine blattgrüne, eine blaue, eine schwarze und eine weiße. Resigniert seufzte Leyla. Sie war gestorben. Zum vierten Mal war sie nun in diesem Raum. Sie sah zu den Kerzen, versuchte sie mit ihrem Blick am Ausgehen zu hindern. Eine der Kerzen erlosch. Und für einen Moment fiel Leyla in einen Abgrund voller Selbsthass und Trauer. -------------------------------------------------------------------------- Das Schiff, das im Hafen von Welldyl anlegte, war kein gewöhnliches Handelsschiff. Es war ein stolzer, tief liegender Dreimaster aus Garnime – seine Planken dunkel vom Salz zahlloser Seetage, seine Segel noch aufgebläht vom ersten, warmen Windhauch, der vom Westen her über das weite Meer gezogen war. Die Takelage knarrte unter dem Echo der Reise, als wolle das Schiff erzählen, was es gesehen hatte. Es kam aus Berillihara, der goldenen Perle Garnimes. Einer Stadt, deren Kanäle in Silber eingefasst sind, wo die Luft nach Safran, getrocknetem Fisch und altem Geld duftet – einem Ort, an dem die Händler in Gold gewogen und die Lügen in Samt gesprochen werden. Doch diesmal trug das Schiff keine friedliche Fracht. Die Entladung begann im ersten Morgenlicht. Zuerst rollten kräftige Hafenarbeiter schwere Fässer aus dem Bauch des Schiffes – berillischer Rotwein, so dunkel und dickflüssig wie getrocknetes Blut, mit Korken versiegelt, auf denen das Siegel des Handelshauses Palass prangte. Danach folgten sorgfältig verschlossene Holzkisten, ausgepolstert mit feinem Leinen und schwer von Reichtum. Sie waren gefüllt mit Edelsteinen aus der Zentralen Wüste – Rubine, die in der Morgensonne wie flüssiges Feuer glühten, Smaragde, so grün und tief, dass man sich darin verlieren konnte, und Saphire, deren Blau an vergessene Ozeane erinnerte. Und schließlich kamen die Artefakte. Alt. Fremd. In schwarze Tücher gewickelt, doch noch immer vibrierend von einer Magie, die selbst den Luftzug veränderte. Dann kamen die Flüchtlinge. Vor allem Dracharen. Männer, Frauen, Kinder – gezeichnet von einer Flucht, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele ausgezehrt hatte. Ihre Kleidung war verrußt, ihre Gesichter bleich wie kalkgetünchte Wände, und in ihren Augen flackerten noch die Brände ihrer Heimat. Drakia war gefallen. Nicht einfach besiegt – ausgelöscht. In einem einzigen Atemzug Geschichte geworden. Die verlorenen Seelen stiegen an Land wie Schatten, und ihr Schweigen war lauter als jedes Klagen. Zuletzt kamen die Passagiere, es war bereits Abends. Händler mit dicken Säcken, Reisende mit müden Gesichtern, Abenteurer mit zu vielen Geschichten in den Augen. Sie vermischten sich mit den Arbeitern, den Bettlern, den Wachen – doch einer stach hervor wie ein Messer in weichem Brot. Ein Mann mit grauem, vom Wind zerzaustem Haar, das sich wie eine zerfaserte Standarte um sein kantiges Gesicht legte. Sein Blick war wach, durchdringend, jede Bewegung gezielt. Auf seinem Rücken ruhte ein Schwert, schlicht in der Form, doch auf dem Griff glänzten fünf Edelsteine, eingefasst in schwarzes Metall – sie glühten schwach im Licht der sinkenden Sonne, als atmeten sie selbst. Er trug es nicht wie ein Andenken. Er trug es wie eine Schuld. Oder einen Eid. Der Mann hatte keine Zeit für den Hafen. Keine Zeit für Fragen. Er verschwand zwischen den Gassen von Welldyl wie ein Schatten in der Dämmerung. Seine Schritte waren schnell, entschlossen, als wüssten sie schon seit Tagen wohin. Zielgerichtet durchquerte er den Markt, ließ das Geschrei der Händler hinter sich, und fand, was er suchte: die Ställe am östlichen Stadtrand. Dort wartete sie. Eine weiße Stute, edel und still. Ihr Fell glänzte wie frisch gefallener Schnee im ersten Licht des Tages. Auf ihrer Stirn zogen sich drei schwarze Punkte in einer Linie – als hätte der Nachthimmel selbst sie gezeichnet. Die Stute wieherte nicht. Sie bewegte sich kaum. Doch ihre Augen suchten ihn, als hätten sie gewusst, dass er kommt. Ohne zu zögern warf er dem Stallknecht eine goldene Münze zu, deren Gewicht mehr sagte als jedes Wort. Dann schwang er sich auf das Tier – ein einziger, fließender Bewegungsablauf – und ohne weitere Verzögerung ritt er los. Er jagte durch die Stadttore, ließ das murmelnde Welldyl hinter sich. Vorbei an Feldern, auf denen der letzte Geruch des Winters hing, und Dörfern, deren Lichter in der Ferne wie verlorene Sterne schimmerten. Der Wind biss in sein Gesicht, der Himmel über ihm begann zu glühen – nicht vom Licht, sondern von der Erwartung der Nacht. Erst als sich die ersten Hügel vor ihm auftürmten, raue, uralte Zeugen der Ebene, hielt er an. Ein guter Ort. Abgeschieden. Still. Das Lager war schnell gemacht. Seine Hände bewegten sich sicher, das Feuer gehorchte ihm wie ein alter Freund. In wenigen Minuten züngelte die Flamme, und er saß davor – schweigend, wartend. Aus seiner Tasche zog er eine Flasche. Dunkles Glas, rauer Korken. Kein gewöhnlicher Schnaps. Etwas Würziges, Starkes, das nach Berillihara schmeckte – nach Gewürzen, nach Tabak, nach dem Ende eines Traums. Er trank. Langsam. Schluck für Schluck. Und sein Blick wanderte zum Himmel, zu den Sternen, die sich nun langsam über das Land legten. Es wirkte, als lausche er. Als erwartete er ein Zeichen. Vielleicht vom Himmel. Vielleicht aus der Vergangenheit. Aber der Himmel schwieg. Und der Mann trank weiter. -------------------------------------------------------------------------- Nea lauerte in den Büschen, reglos wie ein Schatten, eingespannt zwischen Blattwerk und Stille. Ihre Haut war vom Mondlicht gebleicht, ihr Atem flach, ihr Blick starr auf das Ziel gerichtet. Nur wenige Schritte entfernt saß der Mann, den sie töten würde. Nein – den sie vernichten würde. Er war ruhig. Fast zu ruhig. Der Schein des Lagerfeuers tanzte über sein Gesicht, doch es war nicht das Licht, das ihn lebendig wirken ließ – es war die Unruhe in seinen Fingern, das gelegentliche, kaum merkliche Zittern in seiner Kieferlinie. Wie hatte Aragi ihn genannt? Jamall? War das wirklich sein Name? Nea war es gleich. Sein Name war bedeutungslos. Seine Geschichte ebenfalls. Ob er einst ein Held, ein Mörder oder ein Verlorener war – es spielte keine Rolle. Was zählte, war einzig eines: Er wünschte Leyla den Tod. Und dafür würde er nicht einfach nur bezahlen. Er musste ausgelöscht werden. Nicht einfach ein normaler Tod, nicht mit einem Dolch durch die Kehle oder einer Klinge ins Herz. Nein. Nea würde ihn verbrennen. Aus der Welt reißen. Bis nichts blieb. Kein Körper. Kein Staub. Kein Echo. Sie würde nicht zulassen, dass er auch nur einen weiteren Atemzug näher an Leyla kam. Sie hatte drei Pläne. Der erste: ein Blitzangriff. Lichtmagie, so rein und brutal wie die Sonne selbst. Eine Singularität aus Energie. Kein Warnschrei. Kein Zauberwort. Nur Vernichtung. Der zweite: ein offener Kampf. Keine Zier, keine Kunst. Reines Zerschmettern. Wenn es sein musste, würde sie ihn mit bloßen Händen in den Boden drücken, bis seine Knochen splitterten. Der dritte… Darüber dachte sie nicht nach. Nicht jetzt. Jamall saß noch immer da. Seine Silhouette vom Feuer gezeichnet, seine Schultern leicht gesenkt. Er trank – einen schweren, dunklen Schluck aus einer bauchigen Flasche. Dann starrte er in den Himmel, als warte er auf etwas. Eine Botschaft. Ein Urteil. Oder das Ende. Er wirkte nicht nervös. Nicht wachsam. Nicht müde. Er wirkte… bereit. „Wirst du nie schwächer?“ dachte Nea, die Hände zu Fäusten geballt. Wie lange sollte sie noch warten? Wie lange noch dieser seltsame Friede, bevor der Sturm kam? Dann – Bewegung. Jamall stand auf. Langsam. Ohne Eile. Schlurfte ein paar Schritte, blieb unter einer knorrigen Eiche stehen und griff an seinen Gürtel. Er drehte ihr den Rücken zu. Offen. Wehrlos. Ein Fehler. Neas Hass explodierte. Oben über ihr, am Rand der Schatten, erschienen Klingen. Aus purem Licht geboren. Sie schwebten einen Herzschlag lang regungslos, dann zuckten sie wie Raubtiere auf ihr Ziel – gleißend, tödlich, flüsternd schnell. Ein Moment später folgte der zweite Schwarm: Lichtpfeile. Dutzende. Dann Hunderte. Jeder davon ein Fluch, geformt aus Entschlossenheit, Wut – und Liebe. Noch während der Himmel sich öffnete, formte sich in Neas Hand ein Schwert. Kein einfaches, sondern eine Klinge aus Licht, flimmernd wie die Mittagssonne auf spiegelndem Wasser, heiß vor Magie. Dann rannte sie. —BOOM— Die Luft zerriss. Staub wirbelte auf, vernebelte das Bild, als wäre der Wald selbst in Flammen aufgegangen. Doch Nea brauchte ihre Augen nicht. Sie spürte ihn. Den Rhythmus seines Atems. Den dumpfen Schlag seines Herzens. Den genauen Punkt, an dem sie zustechen musste. Sie hob das Schwert, bündelte ihr ganzes Licht darin, und stieß zu – mit einer Zielstrebigkeit, die nicht von dieser Welt war. -------------------------------------------------------------------------- Der Staub verzog sich – langsam, zäh wie kalter Nebel. Und dann stand er da. Jamall. Unversehrt. Sein Schwert, diese abscheuliche Klinge mit den fünf Edelsteinen, ruhte locker in seiner Rechten. Nicht gespannt. Nicht kampfbereit. Einfach nur… da. Als wäre der Angriff nie geschehen. Seine Hose war hochgezogen, kein Blut, kein Kratzer. Kein Funken Respekt in seinen Augen – nur dieses träge, beinahe gelangweilte Blinzeln. Neas Angriff – der Sturm aus Licht, der Klingenhagel, die geballte Entladung aus Rache, Pflicht und Zorn – hatte nichts bewirkt. Nichts. Dann trat er zu. Ein einziger Stoß. Präzise. Brutal. Sie spürte, wie ihre Rippen nachgaben, wie der Aufprall sie zurückwarf. Doch noch im Flug aktivierten sich ihre Reflexe. Sie fing sich, landete schwer, kniete, sprang wieder hoch. Dann sprach er – mit dieser ruhigen, ungerührten Stimme. „Ich will dich nicht töten, wer auch immer du bist. Verzieh dich.“ Neas Blick verengte sich zu Schlitzen. Ihre Stimme war eine Klinge aus gefrorenem Zorn. „Ich bin Nea. Fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Sie machte einen Schritt nach vorne, ihre Flügel waren bereits leicht geöffnet. „Für deine Verbrechen verurteile ich dich zum Tode.“ Ein winziges Zucken ging durch Jamalls Augenwinkel. Überraschung? Vielleicht. Doch sie war flüchtig. Zu schnell verschwunden, um sie zu greifen. „Ihr habt also herausgefunden, dass ich Bournadette getötet habe?“ Dann war es, als ob die Welt für Nea kurz aufhörte, sich zu drehen. Bournadette. Tot? Getötet? Von ihm? Es war unmöglich. Es durfte nicht sein. Bournadette war nicht irgendeine ehemalige Kopfgeldjägerin. Sie war die Zweite. Eine, die selbst Bunj besiegen konnte. Warum er? Warum ausgerechnet dieser Mann? Nea rang nach Fassung. Ihre Hände zitterten nicht – doch ihre Seele bebte. Trotzdem: keine Tränen. Kein Aufschrei. Nur Stille. Dann: Entschlossenheit. „Du wirst Leyla niemals zu Gesicht bekommen. Dein Feldzug gegen sie endet hier.“ Jamall lachte. Leise. Kurz. Wie ein Lehrer über die Naivität eines Schülers. „Ach, darum geht es?“ Er schüttelte kaum merklich den Kopf, seufzte. „Dann muss ich dich wohl enttäuschen. Ich werde dich töten, wenn ich muss. Eigentlich hätte ich nichts gegen dich – aber du wirst mich wohl nicht einfach zu ihr lassen, oder?“ Nea öffnete ihre Flügel und flog einige Meter in die Luft. Sie waren weiß. Blendend. Ein himmlischer Kontrast zur Dunkelheit, die sich zusammenzog. Und doch waren sie kein Symbol von Frieden – sie waren ein Vorzeichen. Für das, was kommen würde. „Ich will nur sie töten“, sagte Jamall, beinahe beiläufig. „Sonst niemanden. Das wirst du doch verstehen, oder?“ Doch Nea verstand nur eines: die Sprache von Gewalt. Sie antwortete nicht mit Worten. Sie antwortete mit einem offenen Krieg. Feuer flammte in ihren Handflächen auf, ein gleißender Zorn, gespeist aus Pflichtgefühl und Verzweiflung. Kugeln aus brennender Energie schossen hervor, rissen durch die Luft wie Meteoriten. Sie regneten auf Jamall nieder, ein Flächenangriff, der selbst Dächer schmelzen lassen konnte. Gleichzeitig zog ihre Magie jede Wärme aus der Luft. Die Frühlingsnacht starb. Der Atem der Bäume erstarrte. Der Boden unter ihren Füßen knisterte leise, vereist. Dann kam die Finsternis. Nicht einfach Dunkelheit – absolute Finsternis. Eine Magie, so schwarz, dass selbst das Licht davor zurückwich. Ein Schleier, der sich über die Hügel legte, den Himmel verhüllte, selbst das Lodern des Feuers erstickte. Nea sah alles. Ihre Augen durchdrangen die Schwärze. Für sie war es, als hätte sich nichts verändert. Für einen Menschen wie Jamall? Es war, als hätte jemand alles Licht ausgelöscht. Sie spannte sich. Der Griff um ihr Schwert aus Licht wurde fester. Die Luft flimmerte, kaum wahrnehmbar, vor der geballten Energie, die sich in ihr sammelte. Dann stieß sie vor. Kein Laut, kein Zögern. Ein Angriff, so fließend wie Wasser, so schnell wie Wind, so tödlich wie das Urteil eines Gottes. Hundert Schläge in einer Bewegung. Jeder ein Versuch, Jamall zu treffen – oder zu vernichten. Ihr Schwert zerschnitt die Dunkelheit, durchbrach die Luft, suchte nach Haut, nach Fleisch, nach Jamall. -------------------------------------------------------------------------- Jamall spürte, wie sich die Finsternis um ihn legte. Wie sie wuchs, sich an seinen Körper schmiegte, ihn umschloss wie eine schwarze Haut. Doch es war bedeutungslos. Seit er das Schwert der Fünf Monde in Händen hielt, konnten ihn solche Kinderspielchen nicht mehr berühren. Nicht wirklich. Die Feuerkugeln, die auf ihn zurasten, zerplatzten am Rande seines Einflusses, ohne Hitze, ohne Klang. Sein Schwert – länger als gewöhnlich, geschmiedet aus einem silbernen Metall, das im Licht der Monde pulsierte – sog das Mana förmlich auf. Jede Flamme wurde ein Teil seiner Kraft, jedes Element ein Tropfen in seinem Ozean. Nea stürmte auf ihn zu, ihre Klinge aus Licht hell wie die Sonne in der Nacht – doch er parierte. Ohne Kraftaufwand. Ohne Emotion. Der erste Schlag prallte ab, der zweite ebenso. Dann der dritte. Der vierte. Dutzende folgten, dann hunderte – eine Flut aus Entschlossenheit. Doch sie alle fanden nichts als das Echo ihrer eigenen Vergeblichkeit. Jamall bewegte sich kaum. Er wich nicht zurück. Parierte im Stand. Jeder Hieb verpuffte gegen die überlegene Wucht und uralte Gravitation seines Schwertes. Ihr Stil war sauber, präzise. Doch es reichte nicht. Ihr Schwert war strahlend, voller Ideale. Doch gegen das Schwert der Fünf Monde – ein Relikt, geschaffen von den Monden selbst und durchzogen von Urmagischen Licht gleichermaßen – war es nur Spielzeug. Er seufzte. Es war nicht Hochmut. Es war Müdigkeit. Er hatte nicht vor, sie zu töten. Nicht sie. Nicht jetzt. Nicht in der Zukunft. Nur Leyla. Aus Jamalls Brust schob sich ein dritter Arm hervor – metallisch, grob, überzogen mit Adern aus runenverzinktem Stahl. Kein Kunststück – sondern eine Erweiterung seines neuen Wesens. In der Hand formte sich ein Hammer, massiv wie ein Felsen, aus purem Stein, geboren aus seinem Willen. Er schwang ihn. Ein einziger Schlag. Nea flog. Hart, ungebremst. Sie schlug gegen einen Baumstamm, die Rinde splitterte, Vögel stoben kreischend davon. Sie hustete, rappelte sich hoch, wischte Blut vom Mundwinkel. „Lass uns das Ganze doch ohne Kampf klären, Nea“, sagte Jamall ruhig. Ihre Antwort war ein Blick wie kalter Stahl. „Es gibt nichts zu klären. Was hat Leyla dir getan? Hat sie dich gedemütigt? Bist du so schwach, dass du mit ihrer Stärke nicht leben kannst? Oder hat dein fragiles Ego den Kampf verloren und will jetzt Vergeltung?“ Jamall lachte. Nicht spöttisch – sondern fast erleichtert. „Du weißt es also wirklich nicht.“ Er trat einen Schritt näher, sein Schwert in der Rechten, den Hammer und den dritten Arm löste er auf. „Gut“, sagte er. „Dann will ich es dir erzählen. Nicht, um dich zu überzeugen. Sondern weil du verdienst zu wissen, für welches Monster du dich opferst.“ Neas Haltung blieb angespannt, doch sie wartete. Jamalls Stimme wurde fester. ,,Dann erzähle ich dir, wie Leyla die Welt verleugnet.’’ -------------------------------------------------------------------------- Neas Gedanken überschlugen sich. Leyla? Die Welt verleugnen? Was für ein lächerlicher Unsinn war das bitte? Die Leyla, die sie selbst beschützt, unterstützt, geliebt hatte wie ein eigenes Kind – sie sollte ein Monster sein? Eine Gefahr für die Welt? Unmöglich. Und doch … Jamalls Stimme klang nicht wie die eines Fanatikers. Er war ruhig, sachlich, müde. Er lehnte sich gegen einen der Bäume, als würde die Wahrheit schwerer als jede Klinge wiegen. „Leyla ist verantwortlich für den Tod ihrer engsten Vertrauten“, sagte er schließlich. „Zu ihrer Zeit als Abenteurerin war sie Teil einer Gilde. Zwei Mitglieder: ein Zwerg namens Fer. Und eine Frau namens Roxy. Beide tot. Durch sie.“ Nea verzog keine Miene. Die Worte prallten ab wie Hagel auf Stahl. „Ich weiß nicht, wie viele seitdem ihrer Fähigkeit zum Opfer gefallen sind. Vielleicht Dutzende. Vielleicht mehr.“ Leyla sollte ihre Freunde verraten haben? Die Frau, die für andere lebte, die Verantwortung trug, selbst wenn sie daran zerbrach? Das ergab keinen Sinn. Und selbst wenn es wahr wäre – Nea war nicht hier, um zu urteilen. Sie war hier, um zu schützen. „Und?“ fragte sie kühl, die Augen auf ihn gerichtet wie Speere aus Glas. Er war stärker als alles, was sie erwartet hatte. Viel stärker. Kein gewöhnlicher Feind. Seine Aura brannte wie Sternenfeuer, seine Fähigkeiten übertrafen die von Bournadette, von ihr selbst – und selbst Leyla im Vollbesitz ihrer Kraft schien in seinem Schatten zu stehen. Woher kam diese Macht? War es das Schwert? „Wenn Leyla stirbt“, sagte Jamall und hob langsam die Waffe, „gibt sie diesen Tod weiter. Nicht an den Angreifer. Sondern an jemanden, der ihr nahesteht. Sie überlebt – weil andere für sie sterben.“ Ein kalter Schauer fuhr Nea über den Rücken. „Das ist absurd. So eine Magie gibt es nicht.“ „Doch. Ich habe mit Liam gesprochen. Ihrem ehemaligen Partner. Er hat es bestätigt.“ Jamalls Augen wurden dunkler. „Fer ist gestorben, ohne einen Kratzer. Zeitgleich wurde Leyla von Bournadette getötet – durch einen Schnitt in den Hals. Doch Leyla stand wieder auf. Und Fer war tot.“ Neas Fäuste zitterten. „Roxy starb hunderte Kilometer entfernt. Leyla war nicht in ihrer Nähe. Einfach tot – genau in dem Moment, als Leyla wieder einmal gefallen war.“ Er log nicht. Sie spürte es. Er war zu ernst. Zu klar. Und doch … War das wirklich wichtig? „Interessiert mich nicht“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war leise. Fest. „Bist du fertig?“ Jamall seufzte. „Ich hatte dich für intelligenter gehalten. Ich dachte, du würdest erkennen, was das bedeutet. Was es mit der Welt macht.“ Er stieß sich vom Baum ab, glitt fließend in Kampfhaltung. Die Luft um ihn vibrierte. Auch Nea spannte ihre Muskeln, breitete die Flügel aus. Schneeweiß im Mondlicht. Ein Kontrast zu seinem schwarzen Stahl. Sie wusste, was kam. „Moment mal“, sagte sie dann. „Wenn sie nicht sterben kann – wie willst du sie dann töten?“ Jamall grinste. Zum ersten Mal zeigte er echte Emotion. „Dafür habe ich dieses Schwert“, sagte er. Er hielt es höher, ließ es im Licht der Sterne glänzen. „Das Schwert der Fünf Monde. Es ignoriert alle Schutzmechanismen, alle Unsterblichkeit, alle Rückkehr. Wenn ich damit töte, ist es endgültig.“ Nea atmete scharf ein. Also war das seine Waffe gegen das Unmögliche. Gut. Dann war klar, was sie tun musste. Sie ballte ihre Faust, ließ die Magie in ihre Knochen fließen. Sie würde alles geben. Ihre Kraft, ihr Blut, ihr Leben, wenn es nötig war. Jamall durfte Leyla niemals erreichen. Nicht solange Nea noch atmete. Und wenn sie aufhören musste zu atmen, um ihn aufzuhalten, dann war es eben so. -------------------------------------------------------------------------- Jamall blickte auf Nea. Eine Närrin. Verloren in blinder Loyalität. Nicht fähig zu begreifen, was Leyla wirklich war: Eine Entehrung dieser Welt, eine wandelnde Beleidigung für jedes Opfer, das je gebracht wurde. Er hatte gewusst, dass man ihn nicht verstehen würde. Dass viele ihn für einen Wahnsinnigen halten würden, für einen Mörder, einen Besessenen. Er war darauf vorbereitet gewesen, verachtet, bekämpft, ausgelacht zu werden. Aber es enttäuschte ihn trotzdem. Er dachte an Bournadette. Ihre ruhige Entschlossenheit. Ihre letzten Worte. Sie war für seine Mission gestorben. Nicht aus blinder Hörigkeit – sondern weil sie es begriffen hatte. Und er? Er hatte geschworen, nicht dasselbe zu tun wie Leyla. Nicht andere opfern, um selbst zu überleben. Aber… er hatte gehofft. Dass die Starken es verstehen würden. Dass jemand wie Nea – eine der Zehn Kaiserlichen Kopfgeldjäger – erkennen würde, was auf dem Spiel stand. Doch sie war geblendet. Zu sehr verstrickt in ihren Gefühlen. Zu dumm, um es zu begreifen. Yang hätte ihn verstanden. Ganz sicher. Jamall seufzte. Die Bitterkeit in seinem Herzen schnitt tiefer als jedes Schwert. Dann ging er langsam, kontrolliert in Kampfhaltung. Er würde es beenden. Doch dann spürte er es. Die Luft veränderte sich. Nea hatte ihre Hand ausgestreckt, die Finger weit gespreizt – wie eine Beschwörerin am Rande des Wahnsinns. Sechs Kugeln bildeten sich in einem Kreis um sie herum. Eine tiefschwarze, finster wie ein Nachthimmel ohne Sterne. Eine meeresblaue, schwer und drückend wie die Tiefe des Ozeans. Eine smaragdgrüne, lebendig, pulsierend wie eine Urwaldwurzel. Eine blendend weiße, klar wie die Wolken über den Bergen. Eine goldgelbe, warm wie das erste Licht eines neuen Tages. Und eine rote, flackernd wie das Herz eines Vulkans. Jamalls Augen verengten sich. Nein. Das konnte nicht sein. Wenn es das war, was er dachte … „Ätherbrand!“ rief Nea – nicht geschrien vor Angst, sondern gerufen wie eine Richterin, die das Urteil verkündet. Ein Licht brach hervor. Grelle Magie explodierte aus dem Zentrum der sechs Kugeln – nicht roh, nicht wild, sondern in perfekter Harmonie. Eine siebte Kugel entstand. Größer. Reiner. Strahlender. Nicht die Macht eines einzelnen Elements – sondern aller sechs zusammen. Reine Äthermagie. -------------------------------------------------------------------------- In der Welt der Magie existieren sechs Grundelemente. Jedes von ihnen bildet das Fundament zahlloser Zauber, Rituale und Fähigkeiten. Sie sind Ursprung und Grenze zugleich – für fast alle. Naturmagie steht für Kontrolle über die lebendige und unbelebte Welt: Erde, Stein, Metall – aber auch Pflanzen, Tiere und selbst manche Bestien unterstehen ihr. Sie ist urtümlich, wild und dennoch schaffend. Feuermagie ist die Magie der Zerstörung und der Leidenschaft. Sie lenkt Flammen, Hitze, Asche – entfesselt den Zorn der Vulkane und das lodernde Inferno im Herzen des Magiers. Wassermagie formt Flüssigkeiten, verändert ihre Dichte, ihr Wesen. Wer sie beherrscht, kann Ströme umlenken, Körper verformen oder sogar aus Dunst tödliche Klingen formen. Eismagie ist eine Unterform davon – sie zieht aus Stillstand und Kälte ihre Kraft. Windmagie gibt Kontrolle über Luft und Bewegung. Sie erlaubt es, zu fliegen, Stürme zu entfesseln, Klänge zu lenken. Eine Unterform ist die Donnermagie – laut, präzise, tödlich. Wer Blitze ruft, spielt mit der Wut des Himmels. Lichtmagie ist der wohl ambivalenteste Zweig. Sie heilt, schützt, stärkt – doch in der richtigen Form kann sie auch vernichten. Sie interagiert mit dem Reinen im Sein und macht den Unsichtbaren sichtbar. Schattenmagie ist ihr Gegenstück. Sie umhüllt, täuscht, vernebelt den Geist, lähmt das Herz und verschlingt Licht. Sie ist keine rein böse Macht – aber eine gefährliche. Fast jeder Sterbliche – ob Magier oder nicht – besitzt eine Affinität zu einem dieser Elemente. Manche wenige beherrschen zwei. Zwei Elemente gelten als das Maximum für einen gewöhnlichen Körper, für ein normales Bewusstsein. Doch Ausnahmen existieren. Wesen mit drei, vier oder gar sechs Affinitäten sind selten – oft sind sie gebrochen, gesegnet oder verflucht. Ihre Kräfte wachsen über Grenzen hinaus, doch der Preis ist hoch. Und dann gibt es die Auserwählten. Wesen, die jedes der sechs Grundelemente in sich vereinen. Solche Individuen stehen am Rande des Verständlichen. Für sie öffnet sich ein siebter Pfad. Äthermagie. Der Zugriff auf Äthermagie erfolgt durch den Zauber „Ätherbrand“ – ein Akt, der den eigenen Geist durch das Prisma der Elemente zwingt. Wer alle Grundelemente meistert, kann diesen Zauber nicht nur wirken, sondern leben. Äthermagie ist keine bloße Kombination der Elemente. Sie ist ursprünglicher. Sie ist das, was vor den sechs Elementen war. Roh. Gewaltig. Formlos. Ein einziger Zauber dieser Magie kann ein ganzes Schlachtfeld umformen. Eine einzige Berührung ein Schicksal wenden. Ein Meister der Äthermagie steht über Kaisern und Generälen. Ein Meister der Äthermagie kann selbst Erzengel töten. -------------------------------------------------------------------------- Sie musste es schaffen. Noch nie in ihrem Leben hatte Nea es über den kritischen Punkt hinaus geschafft. Zwar hatte sie die sechs Grundelemente gemeistert – die Erde, das Feuer, das Wasser, den Wind, das Licht und den Schatten – doch die Äthermagie blieb ihr stets verwehrt. Sie konnte den Ätherbrand wirken, konnte die Elemente versammeln, doch im entscheidenden Moment zerrann die Macht zwischen ihren Fingern wie Staub im Sturm. Jetzt durfte das nicht geschehen. ,,Ätherbrand!’’ rief sie, ihre Stimme durchdrang die Nacht wie ein Donnerschlag. Um ihre ausgestreckte Hand tanzten sechs Kugeln – jede ein Symbol der Elemente, jedes schimmernd in seiner ureigenen Farbe. Sie vibrierten, kreisten, verdichteten sich – und dann, endlich, geschah es: Eine siebte Kugel erschien. Nicht in einer einzelnen Farbe, sondern als Prisma, in dem alle Farben zugleich existierten. Eine leuchtende Sphäre aus gebündeltem Ursprung, aus Essenz. Die sechs anderen Elemente zogen sich zurück, verschluckt von dem ersten. Zurück blieb nur Äther – rein, klar, unergründlich tief. Neas Herz raste. War es das? Hatte sie es geschafft? War dies der Moment, den sie ihr ganzes Leben gesucht hatte? Jamall, der ihr gegenüberstand, hatte den Wandel bemerkt. Sein Blick war nicht mehr überlegen oder gelangweilt – sondern kalt und schockiert. Er wusste, was das bedeutete. Wer einmal den Äther gemeistert hatte, war kein gewöhnlicher Gegner mehr. „Ich“, sprach Nea mit einer Stimme, die stärker war als jeder Eid, „die fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin, verurteile dich für die Ermordung von Bournadette Lacroix. Und für dein Vorhaben, die sechste Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla zu töten. Dein Urteil ist gesprochen.“ Sie hob die Hand. Die Ätherkugel zog sich zusammen, formte sich zu einem einzigen Pfeil – elegant, tödlich, schön. Er schwebte einen Moment lang in der Luft, flackerte in allen Farben, die je existiert hatten – und in einigen, die jenseits der sichtbaren Welt lagen. Jamall machte keinen Schritt zurück. Nea hielt inne. Nicht aus Zweifel – sondern aus Entschlossenheit. Sie wollte, dass er sie sah. Dass er wusste, wer ihn richten würde. Ein letztes Mal trafen sich ihre Blicke. Dann öffnete sie die Finger. Und der Pfeil aus Äther raste los. -------------------------------------------------------------------------- Der Pfeil raste auf Jamall zu. Ein Geschoss aus purer Urkraft, aus Äther gewoben, aus jener Magie, die selbst Erzengel vernichten konnte. Jamall hob das Schwert der Fünf Monde, seine Haltung fest, seine Augen geschärft. Er spannte sich wie ein Bogen, bereit, dem Unmöglichen zu trotzen. Dann – verpuffte der Pfeil. Ohne Donner, ohne Aufprall. Die Kugel aus Äther zerfiel einfach – in Licht, in Stille, in nichts. Jamall reagierte sofort. Sein Körper schnellte nach vorn wie eine Feder aus Stahl, das Schwert vorgestreckt wie ein Speer. Nea stand noch reglos da, ungläubig, erstarrt in Hoffnung, die gerade zu Asche zerfallen war. Die Klinge durchbohrte sie. Mit einem einzigen, präzisen Stoß glitt sie zwischen die Rippen, durchdrang Haut, Fleisch, Knochen – und fand ihr Ziel. Das Herz der Kopfgeldjägerin. Neas Augen weiteten sich. Ihre Lippen bebten. Ein Ruck ging durch ihren Körper. Blut schoss aus ihrem Mund, heiß und dunkel, und spritzte auf Jamalls Brust. „I… ich…“ stammelte sie, jede Silbe ein Krampf aus Schmerz und Enttäuschung. „Ich… dachte… ich hätte es… geschafft…“ In ihrem Blick war kein Hass. Keine Wut. Nur der bittere Schatten zerbrochener Hoffnung. Jamall zog das Schwert ruhig heraus. Nea sackte zu Boden, wie eine Marionette, deren Fäden plötzlich durchschnitten worden waren. Sie lebte noch. Ihr Brustkorb hob und senkte sich flach. Ihre Finger zuckten, ihre Flügel zitterten. Er trat neben sie, hob das Schwert – und stieß es von oben in ihren Hinterkopf. Schnell. Gnadenlos. Ohne Zögern. Nicht aus Grausamkeit. Er wollte ihr Leiden beenden. Dann wandte er sich ab, ging zurück zu seinem Lagerplatz, wo das Feuer noch flackerte, als hätte es den Kampf beobachtet. Er setzte sich auf den kalten Boden, zog die dunkle Flasche aus der Tasche und trank. Lange. Ohne zu blinzeln. Was war falsch gewesen? Er hatte sich gefragt, ob auch er eines Tages den Äther berühren könnte. Das Schwert der Fünf Monde hatte ihm die Macht über die Elemente gegeben – mehr als ein Mensch je besitzen sollte. Er hob die Hand. ,,Ätherbrand!’’ rief er laut. Nichts. Ein stilles Knistern des Feuers. Der Wind in den Zweigen. Er kniff die Augen zusammen. „Ätherbrand! Ätherbrand!“ Noch einmal. Noch zehn Mal. Vergeblich. Es war, als würde die Welt ihn nicht hören. Als würde der Äther ihn ignorieren. Ablehnen. Er wollte gerade aufgeben, die Hand sinken lassen, den Blick abwenden – Da erklang eine Stimme hinter ihm. [???] „Eine so armselige Existenz wie du wird niemals den Äther erreichen.“
- Kapitel 200 - Ein Name bricht den Himmel
„Wie würdet Ihr gegen Bläsk kämpfen, wenn er erneut auftauchen würde?“ Eroicas grüne Augen lagen ruhig auf Leyla, durchdringend wie ein Seziermesser. Es war keine beiläufige Frage. Sie kam mit Gewicht. Mit Absicht. Leyla saß auf der Terrasse des Anwesens der Kaiserlichen Kopfgeldjäger in der Kaiserstadt. Die Herbstsonne warf lange Schatten, der Minztee dampfte sanft in der Tasse, die ihre Dienerin ihr gerade gereicht hatte. Leyla nahm einen Schluck. Ihre Finger waren ruhig, doch in ihrem Innern begann es zu arbeiten. „Ich bin beim letzten Mal nur knapp entkommen“, sagte sie schließlich. Ihre Stimme war ruhig, fast beiläufig, aber das Glimmen in ihren Augen verriet mehr. „Der Hauptgrund war, dass er mich in die Luft geschleudert hatte. Hoch. Weg von allem, was mir Kontrolle gibt. Ich konnte meine Erdmagie kaum noch einsetzen.“ Eroica nickte langsam. Sie hatten den Kampf mehrmals durchgesprochen, in Theorie zerpflückt. Aber Theorie war immer leichter als Wirklichkeit. „Ich denke, mein erster Versuch wäre es, ihn aus der Luft zu holen. Seine Flügel sind ein Schwachpunkt. Mit konzentrierter Eismagie könnte ich sie einfrieren. Nicht sofort, aber vielleicht mit mehreren gezieltenen Schlägen.“ Sie formte aus einem Stein am Boden eine kleine Halbkugel und ließ sie über ihre Tasse gleiten. Eine schützende Kuppel. Oder ein Gefängnis. „Und sobald er fällt… sperre ich uns beide ein. Ein Sarg aus Stein, massiv und verstärkt mit meiner Magie. Keine Flucht. Kein Himmel mehr. Dann werfe ich alles auf ihn. Alles, was ich habe.“ Eroica lehnte sich zurück, ihre Hände verschränkt. Ein leichtes Lächeln lag auf ihren Lippen, wissend, nicht spöttisch. „Das ist ein solider Ansatz. Und Euer Talent für direkte Konfrontationen ist beeindruckend – Ihr seid im Reich kaum noch vergleichbar. Die meisten würdet Ihr in einem reinen Ausdauerkampf bezwingen. Aber…“ sie hob den Finger, „…was, wenn Ihr angeschlagen seid? Was, wenn Ihr müde, verwundet oder allein seid?“ Leyla schwieg. Natürlich hatte sie darüber nachgedacht. Nächte lang. Bläsk würde sich nicht an einen Ehrenkodex halten. Er würde nicht warten, bis sie bereit war. Wenn er wiederkam – und sie wusste, dass er wiederkommen würde – dann würde er im Moment der Schwäche zuschlagen. „Dann werde ich vorher dafür sorgen, dass ich nicht mehr schwach bin“, sagte sie leise, aber bestimmt. „Ich werde weitere Runensteine finden. Das Wasser, die Erde, das Feuer – das reicht nicht. Ich brauche mehr. Ich werde mächtiger sein als beim letzten Mal. Ich werde nicht noch einmal fliehen müssen.“ Eroica betrachtete sie einen Moment, dann senkte sie den Blick auf ihren eigenen Tee. „Das ist die Antwort einer Kaiserlichen Kopfgeldjägerin. Keine Flucht, kein Ausweichen. Nur Vorbereitung.“ Leyla blickte hinaus über die Gärten ihres Anwesens. Es war friedlich hier. Vögel sangen. Die Luft war klar. Doch in ihr arbeitete bereits die Kälte des nächsten Kampfes. Denn sie wusste es. Der Erzdämon würde zurückkehren. - ------------------------------------------------------------------------- „Jüngerin. Seit unserem letzten Aufeinandertreffen hast du zwei weitere Runensteine gefunden. Meine Hochachtung.“’ Bläsks Stimme donnerte über die Wipfel des Denja-Dschungels, wie ein Sturm, der sich mit Sprache verbündet hatte. „Doch sag mir… wie lebst du noch?“ Leyla antwortete nicht. Sie stand auf einem breiten Ast, knapp achtzig Meter über dem Waldboden, der Regen rann ihr über das Gesicht. Ihre Augen fixierten den Himmel, den Gegner. Kein Wort. Kein Zögern. Der Erdboden war zu weit entfernt, um sie in voller Stärke zu verankern – aber er war nicht verloren. Und sie hatte das Wasser des Regens. Und noch hatte sie Zeit. Noch. Sie begann, ihr Mana in die Fingerspitzen zu leiten, präzise, kontrolliert, versteckt unter der Bewegung ihrer zitternden Hände. Der Regen bot ihr mehr als Deckung – er war Waffe und Schild zugleich. Er war ihr Verbündeter. „Du schweigst?“ dröhnte Bläsk weiter, seine goldenen Augen funkelten höhnisch. „Nun, dann sei es eben so.“ Er riss die Arme in die Höhe. Über ihm antwortete das Gewitter mit einem orchestralen Krachen, als würde der Himmel selbst vor ihm salutieren. Dutzende Blitze brachen aus den Wolken hervor, alle gleichzeitig auf Leyla gerichtet. Sie sprang seitlich ab, rollte sich auf einem Ast ab und schuf im selben Moment eine dicke Schicht Eis über sich. Der erste Blitz durchschlug sie mühelos. Doch noch bevor der zweite einschlug, hatte sie weitere Schichten erzeugt, eine über der anderen – nicht zum Aufhalten, sondern zum Verlangsamen. Die Luft flackerte. Hitze, Licht, Druck. Gleichzeitig schleuderte sie drei Feuerkugeln auf Bläsk, schnell, aggressiv, aber vor allem kalkuliert – sie lenkten ihn ab. Vierzig Meter über ihr tanzte der Erzdämon durch die Luft. Seine Bewegungen waren elegant, fast verspielt. Die Feuerkugeln streiften ihn nicht einmal. „Drei Runensteine, und das ist alles, was du zustande bringst?“ Seine Stimme klang amüsiert, doch da war ein Hauch von Ungeduld darunter. Er begann, tiefer zu sinken, den Druck zu erhöhen. Leyla antwortete nicht. Stattdessen ließ sie unauffällig ihr Mana durch den Baum unter sich fließen. Die Äste begannen zu wachsen, schossen wie Speere auf den Erzdämon zu. Manche versuchten, ihn zu umklammern, andere zielten wie Lanzen auf seinen Rumpf. Er wich mühelos aus, zerfetzte einige mit seinen bloßen Händen, wirbelte durch den Himmel – doch genau das hatte sie einkalkuliert. Während er beschäftigt war, ließ sie hinter ihm in aller Stille mehrere Eiskristalle entstehen – groß, hart, scharf. Sie schwebten regungslos, verborgen im Regen. Warteten. Jetzt war der Moment gekommen. Die Ablenkung war bereit. Der Schlag musste sitzen. „Drei Runensteine?“ Leyla hob den Blick, ihre Stimme war kalt wie der Regen. „Für einen Erzdämon bist du erstaunlich schlecht informiert.“ Bläsk hielt inne. Nur ein Sekundenbruchteil – ein Zucken in seinem Flug, ein Hauch von Überraschung. Genug. Die Eiskristalle schossen nach vorne und rasten in seinen Rücken. Sie explodierten beim Aufprall in eine Lawine aus Kälte. Das Eis umschloss seine Flügel – nicht vollständig, aber gezielt. Die Membranen erstarrten, die Beweglichkeit war dahin. Der Erzdämon begann zu taumeln, flog einen unkontrollierten Bogen, verlor an Höhe. Leyla nutzte den Moment. Sie sprang auf einen langen, dünnen Ast. Der Ast bog sich unter ihr, sie ließ ihn sich spannen, wie einen Bogen, lenkte ihr Gewicht im richtigen Winkel, konzentrierte ihre ganze Kraft auf den Sprung. Sie schoss in die Luft – mit einer Wucht, wie sie es selbst kaum erwartet hatte. Hoch. Hinauf in den Himmel. Weg von der Erde. Direkt auf Bläsk zu. - ------------------------------------------------------------------------- „Ich glaube nicht, dass ich schon bereit bin, gegen Bläsk zu kämpfen…“ Leylas Stimme war leise. Sie lag mit dem Rücken an Alexandras Brust gelehnt, beide ausgestreckt auf einem breiten Ast, der sanft unter ihrem Gewicht schwankte. Der Himmel war dunkelblau, vom weißen Licht des Skullaer erleuchtet, und der Wind trug den Geruch feuchter Erde heran. Der Dschungel war noch nicht zu sehen, aber sie spürte ihn. Alexandra schwieg einen Moment, zog Leyla etwas enger an sich. Ihre Finger streichelten sacht über Leylas Bauch, dann über ihre Seite. „Warum glaubst du das?“ fragte sie schließlich. Ihre Stimme war sanft, aber wach. Leyla drehte den Kopf leicht, sah nach oben in die Blätterkrone. „Es ist nur ein Gefühl. Wenn ich meine Kraft jetzt mit seiner damals vergleiche … Ich komme nicht an ihn heran.“ Alexandra folgte ihrem Blick, sah in das Blätterdach, über das der Skullaer leuchtete. Sie überlegte einen Moment. „Und wenn du dir einen Vorteil verschaffst?“ sagte sie dann. „Du hattest mir erzählt, dass du ihn in eine Kuppel einsperren willst. Aber wie willst du ihn überhaupt da rein kriegen?“ Leyla biss sich auf die Lippe. „Ich dachte daran, ihn einzufrieren. Seine Flügel – damit er fällt.“ „Und dann?’’ fragte Alexandra ruhig. Leyla zuckte mit den Schultern. „Dann würde ich ihn auf dem Boden stellen. Ich kann auf dem Boden eher gewinnen.“ Alexandra drehte sich leicht, sah ihr direkt ins Gesicht. Dann tippte sie ihr mit zwei Fingern auf die Stirn. „Was, wenn du nicht wartest, bis er fällt? Was, wenn du zu ihm springst – ihn in der Luft angreifst und mit dir nach unten reißt?“ Leyla starrte sie einen Moment entgeistert an. „Ich soll freiwillig zu ihm … nach oben?“ Sie wollte weiterreden, doch ein Gedanke stoppte sie. Sie runzelte die Stirn. Es war verrückt. Aber es ergab Sinn. So viel Sinn, dass es wehtat, nicht schon früher daran gedacht zu haben. „Verdammt“, flüsterte sie. „Das ist genau das, womit er am wenigsten rechnet.“ Alexandra lächelte und küsste sie sanft auf die Stirn. „Du musst ihm zeigen, dass du kein Beutetier bist. Du bist Leyla, Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Die Jüngerin.“ Leyla lachte leise. Dann sah sie Alexandra an – wirklich an. Ihre Augen, ihre Ruhe, ihre Präsenz. Sie fühlte sich für einen Moment nicht wie eine Kriegerin. Nur wie eine Frau, die von der richtigen Person gehalten wurde. „Du bist genial“, flüsterte sie. „Ich liebe dich.“ „Ich weiß“, erwiderte Alexandra und schloss die Augen. „Und ich liebe dich auch.“ Während der Wind durch die Blätter strich, formten sich in Leylas Kopf bereits die ersten Skizzen eines neuen Plans. Wenn sie die Flugbahn kontrollierte, wenn sie seine Aufmerksamkeit lenken konnte … dann konnte sie ihn in der Luft schlagen. Es war nicht mehr nur eine Idee. Es war ihre beste Chance. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla schoss auf Bläsk zu wie ein vom Bogen gelöster Pfeil – schneller, als das Auge eines normalen Menschen folgen konnte. Jeder Muskel in ihrem Körper war angespannt, jede Faser bereit, alles zu geben. Der Luftdruck presste sich gegen ihre Brust, während ihr Mana wie ein Sturm durch ihre Adern jagte. Der Wind riss an ihr, der Regen peitschte ihr ins Gesicht. Doch statt sie zu bremsen, trieben die Elemente sie weiter voran. Tropfen wurden zu Nadeln, jeder davon schien sie anzufeuern: Weiter. Härter. Schneller. Bläsk drehte sich um. Zu spät. Seine goldenen Augen weiteten sich, sein Blick ein einziger Ausdruck von Erstaunen – und für einen flüchtigen Moment vielleicht sogar von Furcht. Der Blitz in seiner Hand formte sich, loderte, aber noch ehe er ihn schleudern konnte, war Leyla schon bei ihm. Wie eine Naturgewalt prallte sie gegen ihn, ihre Arme rissen ihn mit sich. Zwei Kräfte, eingeschlossen in einer einzigen Bewegung, taumelnd durch das tobende Firmament. Und dann kam das Feuer. Leyla ließ es entfesseln, ein Befehl ohne Worte. Flammen brachen aus ihrem Körper hervor, loderten um sie herum wie ein zweites Ich. Das Metall ihrer Rüstung begann zu glühen, sich auszudehnen, wurde zur glühenden Waffe, die mit ihr atmete. Ein Schmerzenslaut entrang sich Bläsk. Ein Laut, der nicht hätte existieren dürfen – nicht aus seinem Mund. Doch dann traf sie der Gegenschlag. Elektrizität jagte durch ihren Körper. Nicht wie Blitze, sondern wie ein Gewitter, das sich direkt unter ihrer Haut entlud. Ihre Sehnen spannten sich schmerzhaft, ihre Glieder zuckten. Blut füllte ihren Mund, ihre Zähne splitterten als sie ihre Kiefer unter der Spannung zusammenbiss. „Egal“ , dachte sie. „Solange er fällt.“ Und dann begann es. Sie stürzten wie ein Komet, durchbrachen das Blätterdach mit einem berstenden Knall. Äste splitterten, Lianen rissen, Tiere flohen kreischend in die Nacht. Die Luft füllte sich mit Asche und Dampf. Und dann: —BUMM— Der Aufprall ließ die Erde beben. Der Boden selbst schien zu ächzen. Leyla, kaum mehr als ein glühendes Wrack, war schneller als der Schmerz. Ihre Finger gruben sich in den Dschungelschlamm, und sie sprach – nicht mit Worten, sondern mit ihrem Willen. Die Erde antwortete. Ein tiefes Grollen durchfuhr den Boden, dann riss Stein aus der Tiefe empor. Eine Kuppel – massiv, unausweichlich, zwanzig Meter hoch. Bläsk brüllte auf, schlug mit seinen Flügeln, versuchte sich zu lösen. Doch das Gestein war schneller. Die Öffnung schloss sich, versiegelte ihn – einen Erzdämon, eingesperrt in der Umarmung der Welt. Ein Moment der Stille. Doch nicht der Dunkelheit. Das Innere der Kuppel glühte. Bläsk war ein Stern in der Finsternis, sein Licht pulsierte durch das Gestein, warf tanzende Schatten über den zerstörten Dschungel. Die Welt ringsum war verwüstet: Bäume geknickt wie Strohhalme, verbrannte Erde, Stille, nur durchbrochen vom Knacken schwelender Zweige. Leyla kauerte im Matsch, ihre Finger in den Boden gekrallt, zitternd vor Erschöpfung. Doch sie lebte. Ihre Magie arbeitete – zäh, entschlossen. Ihre Zähne wuchsen zurück. Die verbrannte Haut heilte. Organe ordneten sich neu. Dann regte sie sich. Langsam. Zentimeter für Zentimeter richtete sie sich auf. Ihre Augen, brennend wie zwei Splitter aus Vulkanglas, fanden die Lichtquelle im Innern der Kuppel. Sie sah ihn – nicht mehr als strahlende Gottheit, sondern als Kreatur, gefangen, in Zorn erstarrt. Sie trat vor. Und ihre Stimme, brüchig und doch unüberhörbar, schnitt durch die Luft wie ein Schwert. „Jetzt wirst du mich nicht mehr von dieser Erde reißen.“ Jeder Laut ein Schwur. Jeder Atemzug eine Rebellion gegen das, was war. „Ich beende, was Bolt begann.“ - ------------------------------------------------------------------------- Bläsks Augen weiteten sich, als hätte ihn ein Geist der Vergangenheit gepackt. „B-Bolt? Du wagst es… seinen Namen zu erwähnen?“ Seine Stimme war nicht mehr donnernd, sondern brüchig – ein einziger Klang aus Entsetzen, Zorn und unausgesprochener Furcht. Für einen Moment war der Sturm um sie herum still. Selbst die Blitze hielten inne, als lauschten sie dem Echo dieses Namens. Leyla sah es. Die Maske war gefallen. Genau darauf hatte sie spekuliert. Sie erinnerte sich an den Abend in der Bibliothek von Malyl – an den flackernden Kerzenschein, an das Kratzen der Feder auf altem Pergament. Damals hatte sie zum ersten Mal von ihm gelesen. Von Bolt. Dem Menschen, der Bläsk zum Beben gebracht hatte. Ein Sterblicher, der unbedingt Schüler eines Erzdämons werden wollte. Der, nach unzähligen Zurückweisungen, schließlich doch angenommen worden war. Ein Mensch, der sich über das Menschliche hinaus erhoben hatte, nur um am Ende bitter zu erkennen, dass Bläsk ihn nie als potenziellen Dämon angesehen hatte. Ein Werkzeug. Mehr nicht. Er hatte sich verraten gefühlt. Und er hatte zurückgeschlagen. Bolt hatte versucht, Bläsk zu töten. Ihn zu überlisten. Seine Macht zu stehlen. Und er war gescheitert – aber nur knapp. Beinahe wäre ein Sterblicher zur Legende geworden, auf Kosten eines Gottes. Leyla war sich sicher gewesen: Für Bläsk war dieser Name kein bloßes Echo. Er war ein Fluch. Ein Trauma, das ihn bis in den Schlaf verfolgte. Und jetzt hallte dieser Name durch den Dschungel – direkt in sein Herz. Der Erzdämon zitterte. Zögerte. Sein Blick irrte suchend umher, als könnte er das Gespenst seines längst verstorbenen Schülers zwischen den Blättern erkennen. Seine Magie flackerte. Die goldene Aura, die ihn umgab, verlor für einen Herzschlag ihren Glanz. Leyla zögerte nicht. Mit einem stummen Befehl ließ sie zwei massive Platten aus dunklem Stahl aus dem Boden schnellen. Sie klatschten wie Fallbeile aufeinander – mitten durch Bläsks Rumpf. Ein hässliches Knacken. Rippen brachen. Knochen splitterten. Bevor der Dämon auch nur schreien konnte, spieh Leyla ihr Feuer heraus. Ein gleißender Strom aus weißem Flammenlicht schoss aus ihrem Mund, heißer als das Feuer der Drachen, heißer als das Herz der Vulkane. Bläsks Flügel begannen zu brennen. Nicht lichterloh – sondern still, wie Papier, das sich in Asche auflöst. Seine Federn zerfielen zu Staub. Dann hob Leyla ihre Hände. Eiskristalle tanzten um sie herum, schärfer als Speerspitzen, hunderte, tausende. Ein einziger Gedanke – und sie schossen los. Bläsk wurde durchbohrt. Die Splitter brachen durch seine Arme, seine Beine, seine Schulter. Einer traf sein goldenes Horn, riss es entzwei. Er fiel zurück, taumelte gegen die steinerne Kuppelwand. Zuckte. Leyla schoss vor. Zog mit einem Ruck Zcepes’ Schwert aus der Scheide, wirbelte herum und stach zu – mit all der Wucht ihrer Hoffnung, ihrer Wut, ihrer Geschichte. Doch sie traf nicht. Bläsk, in einem letzten Akt instinktiver Panik, schleuderte Blitze in alle Richtungen. Ein Netz aus reiner Zerstörung. Die Entladung erfasste Leyla, warf sie durch die Luft, riss ihr die Luft aus den Lungen. Sie prallte hart auf den Boden, keuchte, der Geschmack von Eisen im Mund. Ihre Arme zitterten, ihre Beine fühlten sich taub an. Aber sie stand wieder auf. Und sie sah ihn an. Bläsk stand noch, ja – aber es war nicht mehr der majestätische Dämon aus der Luft. Sein Körper war verkohlt, seine Flügel wie Stümmel. Die goldene Haut hatte sich schwarz verfärbt, sein Gesicht war kaum mehr zu erkennen – eher eine Fratze, halb verbrannt, halb zerschnitten. Schwäche lag in seinen Bewegungen. Und Angst. Leyla atmete einmal tief durch, dann lächelte sie. Es war ein kaltes, entschlossenes Lächeln. Nicht triumphierend, sondern wissend. Sie wusste jetzt: Sie konnte gewinnen. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla formte einen Speer aus Stein über ihrem Kopf. Drei Meter lang, mit einer Spitze wie aus diamantgeschliffenem Obsidian. Er begann zu rotieren – schneller und schneller, bis er ein Brummen in der Luft erzeugte, das selbst das Trommeln des Regens auf der Kuppel übertönte. Dieser eine Treffer würde reichen. Er musste reichen. Sie würde ihn töten. Endlich. Ihn als Gefahr für immer beseitigen. Doch dann hallte Bläsks Stimme durch die verwüstete Lichtung. Schwächer als zu Beginn des Kampfes, krächzender, aber noch immer durchdrungen von dieser unmenschlichen Wucht. „Fesseln des Zil... leiht mir eure Macht!“ Ein violettes Leuchten brach aus seinem Körper hervor. Es war kein Licht normaler Magie. Es war älter. Schwerer. Es schien die Luft zu verformen, als würde der Raum selbst brechen. Leyla reagierte sofort. Ohne zu zögern schoss sie den Speer auf ihn ab – wie ein Blitz aus Stein, durchbohrend, final. —BUMM— Eine Druckwelle folgte dem Einschlag, Sand wurde aufgewirbelt, Erde splitterte, der gesamte Boden erbebte. Die Sicht verschwamm in einer Wolke aus Staub und Dampf. Leyla wartete. Ihre Brust hob und senkte sich rasend. War es vorbei? Doch als sich der Schleier lichtete, stand er noch da. Unversehrt. Völlig. Unversehrt. Nicht einmal ein Kratzer. „W-was…?“ Leyla stolperte rückwärts, ihre Augen geweitet, ihre Lippen trocken. Das war kein Zauber. Das war Wahnsinn. Das war unmöglich. Um Bläsk waberte nun eine dichte, pulsierende Aura aus violettem Licht, wie aus einer anderen Dimension geboren. Der Erzdämon lächelte. Ein bitteres, grausames Lächeln. „Glückwunsch, Jüngerin. Du hast es geschafft, mich an den Rand meiner Kräfte zu bringen.“ Er trat einen Schritt näher. „Dafür wirst du die Ehre haben, mich schlafen zu schicken – für ein ganzes Jahrzehnt.“ Er hob die Hand. Violette Blitze begannen sich spiralförmig um seinen Arm zu winden, funkelten wie vergiftete Schlangen. „Doch vorher“ , sprach er, und seine Stimme war jetzt klar wie Glas und kalt wie Stahl, „werde ich dich vernichten.“ Leyla wollte sich bewegen, wollte angreifen, doch ihr Körper gehorchte nicht mehr. „Ich verfluche die Jüngerin Leyla. Auf dass ihr Mana entweicht.“ Mit einem Schlag spürte sie es. Die Leere. Das Nichts. Ihre Magie wich von ihr wie Wasser aus einer geborstenen Amphore. Die Verbindung zu den Runensteinen – durchtrennt. Kein Flüstern mehr. Kein Puls. Kein Widerhall. Sie sackte auf die Knie. Ihre Finger krallten sich in den matschigen Boden, doch selbst die Erde antwortete nicht mehr. „Nein…“ flüsterte sie. „Nein, das… das kann nicht…“ Aber es konnte. Und es war. Bläsk stand da, seine Silhouette lodernd vor Macht, von der sie zu diesem Zeitpunkt nur träumen konnte. Leyla begann zu lachen. Erst leise. Dann lauter. Das Lachen einer Wahnsinnigen. Es war Irrsinn. Reiner Irrsinn. Sie hatte ihn fast besiegt. Sie war so nahe gewesen. Und jetzt? Jetzt war sie machtlos. Schwach. Und allein. „Alles… alles meine Schuld…“ flüsterte sie. Ihre Stimme war brüchig. „Hätte ich mich nicht von Alexandra getrennt… hätte ich Zensa eingeweiht…“ Doch Schuldgefühle brachten keine Stärke. Das violette Licht sammelte sich über ihr, formte sich zu einem pulsierenden Kreis. Es war kein Blitz mehr. Es war ein Urteil. Ein Todesurteil. Es schoss herab – und erfasste sie vollständig. Leylas Gedanken zersplitterten. Ihre Wahrnehmung wurde schwarz. Und der letzte Gedanke, der ihr blieb, war: ,,Wer stirbt diesmal für meinen Fehler..?’’ - ------------------------------------------------------------------------- „Schneller, Alexandra!“ Vinessas Stimme zitterte vor Dringlichkeit, während sie sich tief in Alexandras Ausschnitt verkrochen hatte, um sich vor dem peitschenden Wind zu schützen. Erst wenige Minuten war es her, seit sie die erschütternde Welle gespürt hatte. Eine Magie, so grausam, so überwältigend, dass selbst der Wind ihren Namen flüsterte. Es gab keinen Zweifel. Diese Magie gehörte Bläsk, dem Erzdämon des Donners. Ohne zu zögern hatte Alexandra ihre Dämonenform angenommen. Ihre Augen hatten sich schwarz verfärbt, Hörner waren aus ihrer Stirn gebrochen, und riesige, pechschwarze Schwingen hatten sich entfaltet wie das Banner eines gefallenen Engels. Dann war sie aufgestiegen – hinauf über die Wipfel des Denja-Dschungels, gegen den Sturm, gegen die Natur selbst. Der Regen peitschte gegen ihr Gesicht, der Wind schlug ihr mit brutaler Gewalt entgegen. Ihre Flügel bebten bei jedem Schlag, und dennoch zwang sie sich weiter. „Dort!“ kreischte Vinessa. Am Horizont ragte die Steinkuppel auf, ein Monolith inmitten des Chaos. Genau so hatte Leyla sie beschrieben. Eine letzte Bastion. Oder ein Grab. Alexandras Blick verfinsterte sich. Die Kuppel war nicht leer. Sie sah das Licht, das aus ihren Rissen drang. Sah die Blitze, die durch den Himmel zuckten. Spürte die Vibration der Luft. Und sie wusste: Leyla kämpfte. „Verdammter Sturm!“ presste Alexandra zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, während sie versuchte, dem Orkan zu trotzen. Ihre Flügel wurden nach hinten gerissen, ihr ganzer Körper schwankte in der Luft. Jeder Meter wurde zum Kraftakt. „Ich… ich kann nicht…“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, das im Wind verloren ging. Vinessa hielt sich verzweifelt fest, spürte Alexandras Herz unter sich rasen. „Du musst! Wenn wir zu spät kommen, stirbt sie!“ Ein lautes Grollen durchzuckte den Himmel. Ein weiterer Blitz. Noch einer. Und noch einer. Der Sturm tobte wie ein rasender Gott, als wolle er sie beide verschlingen. Alexandra schrie auf. Nicht vor Schmerz – sondern vor Entschlossenheit. Ihre Flügel schlugen stärker. Schneller. Die Muskeln in ihren Schultern brannten, doch sie ignorierte es. Sie dachte an Leylas Gesicht. An ihr Lächeln. An die Nacht am Lagerfeuer. An ihre gemeinsamen Momente. An das Versprechen, das sie sich gegeben hatten. „Bitte…“ flüsterte sie, während ihr Blut kochte und ihre Magie mit jeder Sekunde dunkler wurde. „Bitte lebe, Leyla… Nur noch ein bisschen… Ich bin gleich da…“
- Kapitel 199 - Doch Zensa flog noch.
,,Wann treffen wir wieder auf die anderen?’’ Zensas Stimme durchschnitt die vielstimmigen Laute des Dschungels. Es war mittlerweile Abend geworden, die Sonne hing tief zwischen den Bäumen und tauchte das Blätterdach in ein unruhiges Spiel aus Licht und Schatten. Seit vier Tagen waren sie nun schon im Denja-Dschungel unterwegs – vier Tage voller Hitze, Nässe, Mücken, seltener Momente der Ruhe… und der wachsenden Gewissheit, dass sie beobachtet wurden. Vor einigen Stunden hatten sie sich getrennt. Oder besser gesagt: Sie hatten sich bewusst aufgeteilt. Zwei Grauschnäbel – flinke, scheue Vögel mit glänzendem Gefieder und besonders nahrhaftem Fleisch – waren durch das Unterholz geflogen, einer links, einer rechts. Zwei Chancen, einen seltenen Fang zu machen. Also hatten sie sich entschieden, beide zu verfolgen und sich danach an einem verabredeten Ort wiederzutreffen. Leyla saß nun auf einer kleinen Lichtung, den Vogel in der Hand. Das Tier war ruhig, fast wie betäubt von ihrer Magie. Zensa stand nur wenige Schritte entfernt, unruhig, nervös, ein Fuß tappte unbewusst im Takt seines Herzschlags auf den moosigen Boden. „Sobald sie fertig sind“, sagte Leyla ruhig. Sie versuchte, Gelassenheit auszustrahlen – für ihn, aber auch für sich selbst. „Ich vertraue Alexandra. Wir müssen einfach nur warten.“ Zensa nickte nicht. Er schluckte. Seine Augen wanderten unruhig durch den Dschungel, als erwartete er, dass jeden Moment etwas aus jedem Schatten springen könnte. Dann donnerte es. Dumpf, grollend, tief – wie eine Stimme aus der Tiefe. Regen setzte ein, schwer, warm, in großen Tropfen, wie jeden Tag. Der Dschungel kannte keine Trockenphasen. Jeder Regen war wie ein kleiner Weltuntergang – und jedes Mal wurde er begleitet von Blitzen und Donner. Leyla verkrampfte sich unmerklich. Wieder dieser Gedanke. Wieder dieses beklemmende Gefühl: Was, wenn Bläsk jetzt zuschlug? Was, wenn gerade dieser Regen nicht nur Wasser war, sondern Vorbote des Erzdämons? Und das, während Alexandra nicht bei ihr war. „Hörst du das auch?“ Zensa hatte sich aufgerichtet. Sein Blick ging nach oben, in das dunkler werdende Blätterdach, das vom Regen zerzaust wurde. Er war angespannt, seine Pupillen verengt, seine Muskeln bereit. Leyla hob den Kopf. „Was meinst du?“ „Das Gewitter…“ Er sprach langsam, fast flüsternd. „Es… atmet.“ Ehe sie reagieren konnte, sprang Zensa nach oben. Er konzentrierte seine Magie, stieß sich ab und verschwand von zuckenden Blitzen begleitet in den Himmel – mitten hinein in die peitschenden Regenmassen, den Nebel, das Grollen, das Flackern. „Zensa!“ rief Leyla, doch er war bereits verschwunden. Zwischen Blättern und Wolken, zwischen Blitzen und Dunst. „Fuck.“ Es entfuhr ihr lauter, als sie wollte. Sie ballte die Faust. Natürlich. Zensa wollte sich beweisen. Er war jung, voller Stolz, voller Ideale. Er hatte gespürt, dass da etwas lauerte – und er wollte der Erste sein, der es konfrontierte. Doch er wusste nicht, was dort wirklich war. Sie hatte ihm nichts gesagt. Nichts von Bläsk. Nichts von der Gefahr. Sie hatte ihn schützen wollen. Hatte geglaubt, ihn aus dem Kampf heraushalten zu können. Jetzt verfluchte sie sich dafür. Ihre Augen suchten die Himmelsdecke ab. Keine Spur von ihm. Kein Lichtblitz. Kein Ruf. Nichts. Regen. Donner. Und ein bedrohlicher Hauch von Magie in der Luft. - ------------------------------------------------------------------------- Zensa schwebte hoch über dem Dschungel, die feuchte, warme Luft klebte an seiner Haut. Um ihn herum brodelten die Gewitterwolken, erfüllt von Druck, Spannung – und Leben. Das Prickeln der Elektrizität, das Summen der aufgeladenen Luft: Es war mehr als nur die Natur. Es war wie ein Ruf, ein Echo seiner selbst. Er sog die Luft ein, spürte das Knistern in seiner Lunge. Es war vertraut. Es war… richtig. Aber warum? Er konnte es nicht sagen. Als würde der Himmel selbst ihn kennen. Die Flügel, die er vor einiger Zeit noch voller Stolz getragen hatte, waren längst verschwunden. Zu viel Kraft hatten sie gekostet. Jetzt trug ihn allein der Wind. Er lenkte ihn mit dem Willen, mit dem Fokus, den er dank Leyla erlernt hatte. Dann spürte er es. Direkt vor ihm. Etwas war da. Ein Wesen. Es war kein Tier. Keine gewöhnliche Magie. Es war wie ein Herzschlag aus purer Macht, pochend, lauernd, uralt. Und dann kam die Stimme. ,,Wer bist du?’’ Sie kam von überall. Von den Wolken, vom Wind, vom Donner selbst. Sie war kein Laut, sie war ein Beben. Zensa zuckte zusammen, sein Herz raste. Doch seine Entschlossenheit wich nicht. „Wer bist du, sollte ich wohl eher fragen?“ rief er, und seine Stimme hallte schwächer zurück, wie gegen eine riesige Wand. Es donnerte. Nein – es war ein Lachen. Dröhnend, übermächtig. Ein Hohn, der wie ein Tropensturm auf ihn herabstürzte. „Du bist stark“ , sagte die Stimme nun ruhiger, gefährlich ruhig. „Aber warum reist du mit der Jüngerin? Was kann sie dir geben, außer eine Zukunft voller Qualen?“ Zensa kniff die Augen zusammen. Um ihn herum begannen Blitze zu tanzen, auf seiner Haut, in seinem Haar. Seine Hände zuckten vor Energie. „Sie hat einen Namen“, sagte er, ruhig, aber fest. „Leyla. Und von jemandem, der sich versteckt, will ich kein Urteil über meine Entscheidungen.“’ Kaum hatte er es ausgesprochen, zuckte ein greller Blitz auf ihn zu. Reflexartig warf er sich zur Seite, spürte die Hitze, das Licht, das Dröhnen in seinen Ohren. Der Blitz war so präzise, so schnell – genau wie seiner. Oder besser. Da wusste er, wer vor ihm stand. Oder vielmehr, was. Der Gegner war wie er. Ein Meister des Donners. Zensa grinste. Die Angst wich dem Rausch. Dies war sein Himmel, seine Bühne, sein Element. Wenn er hier nicht siegen konnte – wo dann? Er würde kämpfen. Nicht um zu gewinnen. Sondern um zu zeigen, dass niemand ihn unterschätzen durfte. - ------------------------------------------------------------------------- Vielleicht war es ein uralter Instinkt, tief vergraben im Herzen des jungen Kriegers. Vielleicht war es eine angeborene Fähigkeit, ein ungeschliffener Edelstein in seiner Seele, der nun zu leuchten begann. Vielleicht war es aber auch schlicht Glück. Das Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein – dem richtigen Gegner zu begegnen, im exakt passenden Moment seiner eigenen Entwicklung. Denn als Zensa den geworfenen Blitz des Erzdämons – ohne zu wissen, dass es Bläsk war – näherkommen sah, geschah etwas in ihm. Kein bewusstes Nachdenken. Kein taktischer Plan. Es war ein Reflex. Ein Schalter, der sich in seinem Innersten umlegte – lautlos, unwiderruflich. Noch während der goldene Tod auf ihn zuraste, pumpte sein Mana durch seinen Körper. Es sammelte sich in seinen Beinen, verdichtete sich, komprimierte sich zu einer einzigen, explosiven Bewegung. Dann entlud es sich – durch seine Füße, durch den Raum, durch sein gesamtes Wesen. Der Blitz, der ihn hätte töten sollen, war kein gewöhnlicher Angriff. Es war der wahre Blitz. Der eine, der einst Leyla getötet hatte. Der sich durch Magier, Engel und Mauern gleichermaßen gefressen hatte. Der vier Erzengel ausgelöscht und Bläsk damit zu einer Macht erhoben hatte, vor der alle Erzwesen den Kopf senken mussten. Und nun – dieser gleiche Blitz, gelenkt von der Wut des Hasses, zischte direkt auf Zensas Brust zu. Leyla, die in einem Anfall panischer Vorahnung den höchsten Baum der Umgebung erklommen hatte, sah es geschehen. Sie sah den Riss in den Wolken, aus dem der Todesstrahl hervorbrach. Sie sah Bläsk, seinen Arm noch ausgestreckt, das Gesicht ausdruckslos. Und sie sah Zensa. Sie sah die roten Blitze, die aus seinen Beinen schossen, ihn mit brutaler Geschwindigkeit zur Seite schleuderten. Für den Bruchteil einer Sekunde wurde der Raum um ihn gebogen, der Himmel selbst schien den Atem anzuhalten. Der tödliche Blitz traf. Natürlich traf er. Niemand wich diesem Angriff vollständig aus. Kein Dämon. Kein Engel. Kein Mensch. Nicht einmal Yang konnte ihm ausweichen. Aber Zensa hatte den Pfad des Todes verlassen. Der Strahl bohrte sich nicht durch sein Herz. Stattdessen traf er das linke Bein, genau am Knie. Ein schmerzhafter, brutaler Treffer. Das Gelenk explodierte in einem Feuer aus Licht, Rauch und geschmolzenem Fleisch. Das Bein war weg. Abgetrennt, verbrannt, zerstört. Leyla sog scharf die Luft ein. Für einen Moment stockte ihr der Atem. Hatte sie gerade zugesehen, wie ihr junger Schüler starb? Doch Zensa flog noch. Oder besser gesagt – er fiel nicht. Irgendwie, entgegen jede Logik, blieb er in der Luft. Schwebte. Trieb. Und inmitten des Rauchs, der noch von seinem zerschossenen Bein aufstieg, sah sie etwas anderes. Etwas Irritierendes. Etwas Erschütterndes. Er grinste. Nicht aus Wahnsinn. Nicht aus Schmerz. Es war das Grinsen eines jungen Kriegers, der gerade die Grenze überschritten hatte. Der nicht mehr zurückkonnte. Und das wusste. Und es liebte. Er hatte überlebt. Er hatte überlebt, was keiner hätte überleben sollen. Er war kein Kind mehr. Er war ein Monster geworden. - ------------------------------------------------------------------------- Zensa spürte keinen Schmerz. Die Energie, die durch ihn pulsierte, war wie ein Rausch. Alles in ihm war elektrifiziert, durchflutet von einer Kraft, die ihn über seine Grenzen hinaustrug. Zweifel existierten nicht mehr. Angst war ein Konzept aus einem anderen Leben. Nur Macht – reine, brennende Macht – blieb. „War das alles? War das dein Trumpf? Wenn ja, dann hast du keine Chance.“ Seine Stimme war ruhig. Ruhiger, als sie sein sollte. Und genau das war es, was den gehörnten Krieger kurz aus dem Gleichgewicht brachte. In seinen Augen glomm zum ersten Mal seit langem so etwas wie Verwunderung auf. Zensa grinste. Und dann war er verschwunden. Ein einzelner Blitz zuckte durch den Himmel, schlug ein – direkt in Bläsks Körper. Oder besser gesagt: Zensa schlug ein. Er schlug zu. Noch ein Schlag. Noch einer. Hunderte. Vielleicht tausende. Jeder Schlag war elektrisch geladen, jeder Schlag traf genau dieselbe Stelle – den Bauch des Erzdämons. Bläsk spuckte goldenes Blut. Kein Laut entwich seinen Lippen. Der Wind hatte sich gedreht. Noch vor Sekunden hatte er Zensa durch den Himmel geschleudert wie ein lästiges Insekt. Jetzt trug er ihn wie einen Verbündeten. Zensa war nicht länger nur ein Kind. Er war der Sturm selbst. Bläsk knurrte, verzog das Gesicht und schleuderte Zensa mit einem magischen Impuls von sich. Die Distanz wuchs wieder. Raum zwischen den beiden. Platz zum Atmen. Zum Denken. „Du… du bist ein Mensch! Was fällt dir ein, mich, den Erzdämonen des Donners, zu verhöhnen? Mich? Bläsk?“ brüllte er. Sein Blick flackerte. Zorn, Entsetzen – und etwas, das wie Furcht aussah. Zensa erstarrte. Der Name. Der Titel. Erzdämon des Donners. Bläsk. Die Legenden, die Geschichten. Die Schlacht der Himmel, das Sterben der Engel, das Donnern über die Schlachtfelder des Alten Reichs. All das formte sich in Zensas Kopf. Er wusste Dinge, die er nie gelernt hatte. Dinge, die niemand ihm beigebracht hatte. Woher dieses Wissen kam – er konnte es nicht sagen. Doch es war da. Glasklar. Bläsk hob die Arme. Der Himmel riss auf, als würde ein Schleier der Welt zerreißen. Das Donnern schwoll an, wurde ohrenbetäubend. Bläsk stand wie ein Gott in der Luft, die Augen geschlossen, die Flügel weit ausgebreitet. ,,Weltenblitz.’’ Nicht geschrien – gesprochen. Ruhig. Respektlos. Wie ein Richter, der das Urteil verkündet. Ein Licht explodierte am Himmel. Die Wolken formten eine gewaltige Kugel – ein Kugelblitz von monströser Größe. Hunderte Meter breit. Er leuchtete in Gold, in Weiß, in tödlicher Klarheit. Der Himmel war nicht mehr zu sehen. Nur noch Licht. Nur noch Zerstörung. Zensa hatte keine Zeit zum Denken. Keine Zeit zum Fühlen. Sein Körper bewegte sich, bevor sein Verstand begriff. Die Arme schnellten nach oben, sein gesamtes Mana schoss aus ihm heraus wie ein Strom, der sich selbst befreite. Kein geformter Zauber. Kein kontrollierter Angriff. Ein einziger, instinktiver Schrei aus Licht. Ein roter Blitz, dick wie ein Baumstamm, schoss in den Himmel. Er brannte, er zischte, er tobte. Und er traf auf den Weltenblitz. Die beiden Magien kollidierten. Leyla stand auf der höchsten Wipfelkrone und starrte in die apokalyptische Himmelslandschaft. Zwei Energien. Zwei Pole. Zwei Wesen. Die Entladung war so gewaltig, dass selbst der Wald unter ihr zu beben begann. Sie wollte schreien, wollte aufspringen, fliegen, helfen – irgendetwas tun. Doch sie konnte nur zusehen. Nur hoffen. Dass der Junge, den sie mitgenommen hatte, überleben würde. Und dass Bläsk – der Erzdämon des Donners – zum ersten Mal seit tausend Jahren einen Fehler gemacht hatte. - ------------------------------------------------------------------------- Der rote Blitz stieß mit ungebändiger Wucht gegen den Weltenblitz. Ein gleißendes Aufeinandertreffen zweier Gewalten, die nicht dafür gemacht waren, gleichzeitig zu existieren. Über dem Dschungel tobte ein Sturm, der alles übertraf, was dieser uralte Wald je erlebt hatte. Blitze zerschnitten den Himmel wie Messerklingen. Sie schlugen in Baumkronen, zerrissen Stämme, legten Schneisen der Verwüstung. Leyla war wie erstarrt. Von ihrer Position auf dem Wipfel aus hatte sie keinen Zugriff. Sie war zu tief. So hoch konnte sie nicht springen – nicht ohne sich selbst aufzugeben. Und selbst wenn sie es schaffte, wäre sie dort oben kein Gegner. Nicht in dieser Höhe, nicht gegen einen Feind wie Bläsk. Was sie jedoch nicht losließ, war die Frage, die wie ein Messer durch ihre Gedanken schnitt: Warum war Zensa so stark? Für einen flüchtigen Moment schien es, als würde der Weltenblitz – diese goldene Kugel der Vernichtung – den roten Blitz verschlucken. Doch dann geschah es. Ein Donnerschlag, der mehr war als nur Schall. Eine Explosion, die die Welt erbeben ließ. Die Druckwelle fegte über das Blätterdach hinweg, riss die Baumkronen auseinander und ließ tausende Blätter in der Luft tanzen wie Asche nach einem Brand. Dann – Stille. Der Weltenblitz war verschwunden. Aufgelöst. Verdrängt. Zerschlagen. Zensa hatte es geschafft. Er hatte den mächtigsten Zauber des Erzdämons nicht nur überlebt – sondern neutralisiert. Doch Leyla empfand keine Freude. Kein Stolz. Nur Entsetzen. Denn Zensa fiel. Wie ein ausgebrannter Stern stürzte er vom Himmel, und hinter ihm raste ein letzter, gezielter Blitz – eine feige, hinterhältige Klinge aus Licht, geschleudert von einem Erzdämon, der Rache am Menschen mehr liebte als alles andere. Er traf. Leyla reagierte instinktiv. Ohne zu zögern sprang sie los, hetzte über die Wipfel wie über festes Land, ihre Füße kaum spürbar auf den Ästen. Sie fing Zensa auf, wenige Meter über dem Boden – gerade noch rechtzeitig. Was sie in den Armen hielt, war kaum wiederzuerkennen. Sein Körper war verbrannt bis zur Unkenntlichkeit. Die Haut – schwarz, verkohlt. Die Lider – geschmolzen, als hätte jemand sie mit glühendem Eisen versiegelt. Kein Laut kam über seine Lippen. Kein Zucken. Nur Leere. „Nein… bitte nicht…“ Leyla spürte, wie ihr Herz zu brechen drohte. Nicht vor Angst, sondern vor Schuld. Es war ihr Fehler. Sie hätte ihn aufhalten müssen. Hätte ihm die Wahrheit sagen sollen. Ihn nicht allein lassen sollen. Ihr Herz verzieh sich selbst in diesem Moment, auch dank dem Einfluss der Erde – doch ihr Verstand tat es nicht. Und er würde es nie tun. Da – ein Hauch. Ein flüchtiger Atemzug. Schwach, aber da. Ohne Zögern ließ Leyla ihr Mana in ihn fließen. Der Runenstein der Heilung erwachte in ihr und begann einen Kampf, den kaum jemand gewinnen konnte. Die Wunden, die sie sah, gehörten nicht mehr in die Welt der Lebenden. Und doch – sie gab nicht auf. Das Mana arbeitete wie ein Strom aus Licht und Leben. Knochen bildeten sich neu, Zellen erneuerten sich, Muskeln spannten sich wieder. Seine Haut – sie verlor langsam das verbrannte Schwarz und wurde wieder hell. Die Lider wuchsen nach, geschlossen wie bei einem Kind im tiefen Schlaf. Und schließlich sprossen erneut seine grünlich schimmernden Haare. Leyla keuchte, ihre Kräfte stark erschöpft. Zum Abschluss formte sie einen stabilen Würfel aus Holz um Zensa, ließ ihn sanft und sicher zum Waldboden hinabgleiten. Dann hob sie den Blick. Bläsk schwebte herab. Langsam, gelassen. Ein genügsames, beinahe belustigtes Grinsen lag auf seinem Gesicht – als wäre das Ganze für ihn nicht mehr als ein Spiel gewesen. Leyla stand auf. Die Runensteine pulsierten in ihrem Körper. Ihr Mana kochte, bereit, jede Form anzunehmen – eine Waffe, eine Rüstung, eine Barriere. Was auch immer nötig war. Sie hatte keine Wahl. Sie konnte nicht fliehen. Nicht verhandeln. Bläsk kam. Und Leyla musste gegen ihn kämpfen.
- Kapitel 198 - Was uns verbindet
„Das ist also der Denja-Dschungel“, flüsterte Vinessa ehrfürchtig, während sie in der Luft schwebte und auf das vor ihnen liegende Naturwunder blickte. Vor ihnen türmte sich eine Wand aus wildem, undurchdringlichem Grün auf. Der Dschungel wirkte nicht wie ein Ort, den man einfach betreten konnte – eher wie ein uraltes Wesen, das in sich ruhte und Eindringlinge prüfend musterte, bevor es sie verschlang. Die feuchte Luft trug den Geruch von nassem Holz, Blütenstaub und tiefem Leben mit sich. Aus dem dichten Blattwerk drang das vielstimmige Konzert fremder Vögel, gelegentlich unterbrochen von fernem Rascheln. Noch ein bis zwei Stunden, dann würde der Pfad sie an seine Schwelle führen. Vinessa ließ den Blick langsam über ihre Gefährten gleiten – jene, mit denen sie in den letzten Wochen durch die Ebenen gereist war. Leyla ging vorneweg, wie immer mit festem Schritt und unbeirrtem Blick. Ihre neue, kurze Frisur verlieh ihr etwas Rohes, etwas Ungestümes – genau das, was Vinessa mit der Rolle einer Jüngerin verband. Sie verkörperte Stärke, Entschlossenheit, aber auch einen Hauch Unnahbarkeit. Und dennoch war da diese warme, stille Freundlichkeit, die Leyla nie ganz ablegte. Vinessa hatte sie von Anfang an gemocht – nicht nur, weil sie mächtig war, sondern weil sie gerecht handelte. Auf dem Weg vom Grünwald zur Kaiserstadt hatte Leyla ohne zu zögern Monster und Räuber zurückgeschlagen. Nicht aus Zorn. Sondern aus Verantwortung. Alexandra lief nur wenige Schritte hinter Leyla. Ihre Augen waren wach, ihr Lächeln offen – sie wirkte entspannt, beinahe glücklich. Vinessa liebte es, wie Alexandras Gesicht sich veränderte, wenn sie Leyla ansah. Da war Zuneigung, echte Verbundenheit. Keine gespielte Romantik, kein leeres Ideal, sondern das ruhige, tiefe Gefühl zweier Seelen, die sich gefunden hatten. Zwei Frauen, die sich auf Augenhöhe begegneten und Freude daran hatten, Zeit miteinander zu verbringen. Für Vinessa war das ein seltener, schöner Anblick – gerade in einer Welt, in der viele Beziehungen aus Zweck, Abhängigkeit oder Lüge bestanden. Dass Leyla so eine Person an ihrer Seite hatte, erfüllte Vinessa mit Hoffnung. Die Rolle als Jüngerin war schwer, das wusste sie. Wer immer an so einem Ort stehen musste, brauchte jemanden, der einen auffing. Und Alexandra war so jemand. Weiter hinten spielte Zensa mit seiner Magie. Kleine, kaum sichtbare Blitze zuckten zwischen seinen Fingern und den Grashalmen zu seinen Füßen. Er hatte die letzten Wochen verbissen trainiert – aus eigenem Antrieb. Seine Kontrolle wurde stetig besser, und das Leuchten in seinen goldenen Augen verriet, dass er seine Kraft langsam verstand. Vinessa erinnerte sich gut daran, wie sie ihm das erste Mal beim Üben zugesehen hatte. Seitdem betrachtete sie ihn fast wie einen kleinen Bruder. Er war laut, frech und ungestüm – aber sein Herz war groß, sein Wille ehrlich. Und vor allem: Er verehrte Leyla. Als Schüler der Jüngerin genoss er eine besondere Stelle. Vinessa sah es als ihre Aufgabe, auch ein Auge auf ihn zu haben. Sie atmete tief durch und streckte sich in der Luft, ließ den Wind durch ihre Flügel streichen. Dieser Tag war bedeutsam. Sie alle standen an einer Schwelle – nicht nur geografisch, sondern auch innerlich. Dies war eine gute Gruppe, dachte sie. Nicht perfekt, aber harmonisch. Eine Gruppe, die Leyla Halt gab. Eine, die sie stärkte. Und vielleicht – wenn es darauf ankam – auch retten konnte. - ------------------------------------------------------------------------- Zensa konzentrierte sich ganz auf die Mücke, die einige Meter entfernt auf einem Blatt saß. Winzig, reglos, unscheinbar – und doch hatte er genau sie als Prüfstein gewählt. Nicht aus Zufall. Sie war klein, schnell und leicht. Der perfekte Test für Kontrolle, Präzision und Fokus. Genau das, woran es ihm bisher gemangelt hatte. Drei Wochen lang hatte er sich gequält. Jeden Tag, vom ersten Sonnenstrahl bis in die Nacht, hatte er geübt, geflucht, ausprobiert. Hatte Leyla und Alexandra beim Training zugesehen, jedes Manöver analysiert, jede Geste in seinem Kopf wiederholt. Er hatte Fragen gestellt, die richtigen, die dummen. Und er hatte nicht aufgegeben. Leyla hatte ihm gezeigt, dass Magie mehr war als Kraft. Dass sie nicht nur auf Zerstörung beruhte, sondern auf Form, Richtung, Wille. Sie hatte ihm gesagt, dass er nicht glauben dürfe, was andere ihm über seine Grenzen erzählten. Dass er frei war, kreativ. Dass er seine Magie selbst erschaffen konnte. Und je mehr Zeit er mit ihr verbrachte, desto stärker wurde sein Wunsch, ihr gerecht zu werden. Sie war mehr als eine Lehrerin. Sie war seine Orientierung. Ihre Stärke, ihr Mut – das alles faszinierte ihn. Und tief in sich spürte er, dass er nicht nur lernen wollte, um besser zu werden. Er wollte, dass sie stolz auf ihn war. Er atmete tief durch, schloss kurz die Augen, dann hob er die Hand. Sein Zeigefinger richtete sich auf das Blatt. Das Mana in ihm begann zu fließen. Nicht explosiv, nicht wild. Es sammelte sich, gehorchte seinem Willen, trat aus ihm hervor wie ein lebendiger Strom. Ein einzelner, präziser Blitz zuckte hervor – kaum hörbar, kaum sichtbar. Doch er traf. Die Mücke zuckte, fiel vom Blatt. Tot. Zensa starrte auf die Stelle. Für einen Moment konnte er es kaum glauben. Dann riss er die Arme hoch und schrie: „JAAA!“ Er hüpfte wie ein Kind, sein ganzer Körper vibrierte vor Stolz. Hinter ihm erklang Klatschen. Er drehte sich um – und sah Leyla. Sie stand am Wegesrand, das Licht des Vormittags ließ ihre hellblauen Haare silbern schimmern. Sie lächelte. „Das hast du sehr gut gemacht, Zensa“, sagte sie warm. Sie ging auf ihn zu, streckte die Hand aus – und wuschelte ihm durchs Haar. Früher hatte ihn das genervt. Aber mittlerweile bedeutete es etwas. Er wurde rot, spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. Unwillkürlich dachte er an ihr erstes Treffen zurück. Daran, wie überheblich, ja beinahe feindselig er damals gewesen war. Und wie wenig es gebraucht hätte, damit sie ihn aus dem Weg räumte. Aber sie hatte es nicht getan. Sie hatte ihn nicht bestraft. Sie hatte ihn aufgenommen. „Lass uns zu Vinessa und Alexandra zurückgehen“, sagte Leyla und wandte sich ab. „Wir sind bald da.“ Er nickte, auch wenn sie es nicht sehen konnte, und folgte ihr mit leichten Schritten. Sein Herz schlug schneller. Nicht wegen der Anstrengung. Sondern wegen des Gefühls, das in ihm wuchs. Er hatte es geschafft. Und Leyla hatte es gesehen. Er würde es ihr beweisen – immer wieder. Dass es richtig gewesen war, ihn mitzunehmen. - ------------------------------------------------------------------------- Als sie den schmalen, fast zugewachsenen Pfad betraten, der in den Denja-Dschungel führte, durchfuhr Alexandra eine Mischung aus Ehrfurcht und Aufregung. Der Moment, in dem ihre Stiefel den ersten wurzelbedeckten Boden berührten, fühlte sich an wie das Überschreiten einer unsichtbaren Grenze. Sie hielt Leylas Hand fester. Der Kontakt gab ihr Halt, Sicherheit – und doch auch Herzklopfen. Vor ihnen erstreckte sich eine grüne Wildnis, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Im Vergleich dazu wirkte der Grünwald, in dem ihr Heimatdorf gelegen hatte, beinahe gezähmt. Dieser Wald war anders. Tropisch, dampfend, lebendig. Die Luft war feucht, schwer, erfüllt vom Summen und Zirpen zahlloser Insekten, vom entfernten Rufen unbekannter Tiere und vom Rascheln des dichten Blattwerks über ihnen. Die Bäume ragten hoch auf, ihre Stämme waren gewunden, mit dicker Rinde überzogen, ihre Wurzeln krochen wie Schlangen über den Boden. Über ihren Köpfen bewegte sich etwas: ein Affe, flink, grau, mit einem grellen Schrei. Er sprang von Ast zu Ast. Eine grün-gelbe Spinne hatte sich unter einem breitblättrigen Farn ein kunstvolles Netz gespannt, das im Licht wie Silber glänzte. Die Farben, die Geräusche – alles war intensiver, unmittelbarer. Der Wald atmete. Und sie spürte es. Alexandra sah zu Leyla. Ihre Silhouette zwischen den Blättern, ihre entschlossene Haltung, der Ausdruck der Aufmerksamkeit in ihren Augen – es war ein Anblick, der ihr Herz stets aufs Neue höher schlagen ließ. Alle Zweifel, die sie vor Monaten noch gequält hatten, all die Ängste, Leyla könnte sie wegen ihrer neuen, dämonischen Herkunft ablehnen, waren längst verflogen. Sie erinnerte sich an den Abend in der Kaiserstadt. Ihr Wiedersehen. Die Umarmung, der Kuss, das Gespräch. Seitdem war alles anders gewesen. Intensiver. Tiefer. Reiner. „Was grinst du so breit?“ fragte Leyla plötzlich mit einem schelmischen Lächeln. Alexandra beugte sich leicht vor, legte den Kopf schief. „Ich liebe dich, Leyla“, sagte sie leise, aber bestimmt – und küsste sie sanft auf den Mund. Hinter ihnen ertönte ein genervtes Schnauben. „Baah, nehmt euch ein Zimmer“, kam es von Zensa, der demonstrativ wegsah. Alexandra löste sich mit einem Lächeln von Leyla und blickte zurück. Vinessa hatte sich an Zensas Ohr festgekrallt und zog kräftig daran. „Sich zu küssen, wenn man sich liebt, ist völlig normal! Hör auf, Leyla und Alexandra zu stören!“ Die Fee war deutlich kleiner, aber in diesem Moment mindestens doppelt so laut. Die beiden Frauen tauschten einen Blick – und lachten. Erst leise, dann lauter, bis das Lachen wie ein Windstoß durch den Dschungel hallte. Alexandra atmete tief durch. Der Geruch nach nasser Erde, Harz und Blütenstaub erfüllte ihre Lungen. Sie waren angekommen. Im Denja-Dschungel. Es gab kein Zurück mehr. Bläsk konnte jederzeit zuschlagen. Irgendwo da draußen lauerte der Erzdämon des Donners – und sie war nicht naiv genug zu glauben, dass er sie verschonen würde. Sie legte die Hand an den Knauf ihres Schwertes, spürte das vertraute Gewicht. Sie war bereit. Zwei Monate hartes Training lagen hinter ihr. Sie hatte ihre Geschwindigkeit geschärft, sich fast Zensas Tempo angenähert. Ihre Kraft war gewachsen – sie war nicht so übermenschlich wie Leyla, aber nah dran. Und, was wichtiger war: Sie hatte gelernt, in Leylas Schatten nicht unterzugehen, sondern darin zu stehen. Sie würde nicht zulassen, dass irgendjemand Leyla etwas antat. Nicht Bläsk. Nicht sonst jemand. Alexandra war bereit zu kämpfen. Bereit zu töten. Bereit zu sterben.
- Kapitel 197 - Was bleibt, wenn wir lachen
Als die vier am nächsten Morgen aufbrachen, lag ein erster Hauch von Frühling in der Luft. Die Sonne stand schon etwas höher am Himmel und strahlte mit einer Klarheit, die den Schnee des Vorabends vollständig hatte schmelzen lassen. Der Boden dampfte leicht, als erwache die Welt selbst aus ihrem Winterschlaf. Ein warmer Wind spielte mit den Haaren der Reisenden, strich über Felder und Bäume und kündigte den Wandel der Jahreszeiten an. Vinessa flatterte mit lebhafter Energie voraus. Die kleine Fee wirbelte um Sträucher, tanzte in der Luft über den Weg und sog gierig die neuen Gerüche des Morgens ein. Man spürte ihr an, wie sehr sie das Licht und die Wärme genoss. Aus Rücksicht auf Leyla und Alexandra hatte sie Zensa am Vorabend dazu gebracht, ein zweites Zimmer zu nehmen. Nun strotzte sie vor guter Laune. Die Straße, auf der sie sich bewegten, trug, wie von Eroica beschrieben, den Namen Salba-Straße. Doch von einer echten Straße war nicht mehr viel übrig. Es war eher ein schmaler Trampelpfad, der sich zwischen knorrigen Bäumen und verwilderten Hecken hindurchschlängelte. An einigen Stellen waren noch Reste einer alten Pflasterung zu erkennen – der letzte Hinweis auf die Zeit, in der Händler hier mit Karren und Lasttieren entlanggezogen waren. Leyla fiel zurück und ging neben Zensa. Sie warf ihm einen Seitenblick zu. „Hattet ihr gestern Abend noch eine schöne Zeit?“ fragte sie beiläufig. Zensa zuckte mit den Schultern. „Wir haben uns die Festung angesehen. War ganz okay.“ Er kickte mit der Schuhspitze einen Kiesel vom Weg, dann sah er Leyla direkt an. „Sag mal… du kannst deine Magie ziemlich präzise einsetzen, oder?“ Leyla runzelte die Stirn. „Was meinst du damit genau?“ Zensa wirkte plötzlich verlegen. Eine leichte Röte trat auf seine Wangen, und er blickte zur Seite. „Na ja… du kannst das Wasser aus einer Flasche in ein Glas fließen lassen, ohne etwas zu verschütten. Bei mir… ist alles immer irgendwie chaotisch. Ich will zum Beispiel einen kleinen Funken erzeugen – und dann zucken die Blitze wild durch die Gegend. Ich habe das Gefühl, meine Magie macht, was sie will.“ Leyla schwieg kurz und ließ die Worte auf sich wirken. Sie konnte das gut nachvollziehen. In den ersten Wochen nach dem Kontakt mit dem Runenstein der Erde hatte sie dasselbe durchgemacht – eine rohe Kraft, die mehr zerstörte als half, schwer zu bändigen, voller Eigenleben. Nachdenklich streckte sie die Hand aus. Aus ihren Fingerspitzen sammelten sich kleine Tropfen, formten sich langsam zu einer schwebenden Kugel aus Wasser, die sich ruhig und kontrolliert in der Luft hielt. „Versuch dir vorzustellen, wie dein Mana in dir fließt“, sagte sie ruhig. „Nicht wie ein Strom, der einfach herausbricht, sondern wie ein Fluss, den du selbst leitest. Wenn du die Öffnung, durch die das Mana strömt, verengst und es gleichmäßig, gezielt herauslässt – nicht zu viel, nicht zu wenig – kannst du lernen, es zu kontrollieren. Es dauert, aber es ist möglich.“ Zensas Augen begannen zu leuchten. Man sah ihm an, dass ihre Worte bei ihm etwas ausgelöst hatten. „Das werde ich ausprobieren. Wirklich, danke Leyla!“ „Dann versuch's gleich mal“, sagte sie grinsend – und schleuderte spielerisch die kleine Wasserkugel achtlos zur Seite. Ein empörter Schrei gellte durch den Morgen. „EY! WAS SOLL DAS?!“ Vinessas Stimme überschlug sich fast vor Empörung. Leyla blickte verdutzt nach vorne. Die Fee taumelte triefnass durch die Luft, ihre winzigen Flügel flatterten schleppend, und Tropfen fielen aus ihren klatschnassen Haaren. Alexandra stand ein paar Schritte weiter hinten und versuchte, nicht laut zu lachen. „Trockne sofort meine Kleidung!“ kreischte Vinessa und schoss wie ein nasser Pfeil auf Leyla zu. Leyla hob beschwichtigend die Hände, konnte sich ein Grinsen aber nicht verkneifen. „Tut mir leid, das war nicht mit Absicht.“ Sie fing die tropfende Fee sanft in ihrer Handfläche auf. Eine wohlige Wärme strömte durch Leylas Hand, und kurz darauf begannen Vinessas nasse Kleider zu dampfen. Binnen Sekunden waren sie wieder trocken – und knisterten sogar ein wenig vor Wärme. Vinessa verschränkte die Arme vor der Brust. „Was ist daran so lustig?’’ fragte sie streng, doch ihre Miene war weniger wütend als gespielt beleidigt. Leyla schmunzelte. „Ach, nichts. Wirklich nichts.“ Sie war froh, dass die Reise mit Alexandra, Vinessa und Zensa nicht nur aus Kämpfen, Sorgen und Verantwortung bestand. Es waren solche Momente, in denen sie für einen Augenblick vergaß, was sie war. Und das war vielleicht wertvoller als jedes Juwel. - ------------------------------------------------------------------------- Gegen Mittag machten sie Rast an einem kleinen, glasklaren See, dessen Oberfläche ruhig in der Frühlingssonne glitzerte. Libellen tanzten über dem Wasser, und ein leiser Wind ließ die Grashalme am Ufer wogen, als wollten sie den Reisenden ihre Anwesenheit versüßen. Der Wald, der sich nördlich erstreckte, wirkte auf den ersten Blick friedlich. Helle Baumstämme, von Vogelrufen begleitet, säumten das Gelände. Doch jeder wusste: Der Tiefenwald begann hier – und das, was sich hinter dieser trügerischen Freundlichkeit verbarg, war etwas anderes. Schon wenige Dutzend Meter tiefer wurde das Dickicht dichter, die Schatten dunkler, die Geräusche fremder. Doch hier, an diesem Ort, herrschte noch Ruhe. Vinessa hatte ihr Geknurre wegen des Wasserangriffs längst eingestellt. Fröhlich flatterte sie an Alexandras Seite entlang, beide unterhielten sich mit kindlicher Begeisterung über die vielen violetten Beeren, die an einem Strauch in Hülle und Fülle wuchsen. Alexandra roch daran, während Vinessa versuchte, die Beeren nach Geschmack zu kategorisieren. Leyla dagegen hatte sich mit Zensa etwas abseits begeben, auf eine kleine Lichtung unweit des Ufers. „Also“, sagte sie ruhig, „versuch es, so wie ich es dir erklärt habe.“ Zensa nickte. Doch seine Miene verriet seine Unsicherheit. Leyla kannte ihn mittlerweile gut genug, um zu erkennen, was in ihm vorging. Zu Beginn ihrer gemeinsamen Reise war Zensa überheblich gewesen – überzeugt von seiner Stärke, getrieben vom Wunsch, mächtiger zu werden. Doch etwas hatte sich verändert. Vinessa hatte ihr erzählt, dass er sich in den letzten Wochen oft nachts zurückzog, um allein zu üben. Und nun, statt nach größerer Kraft zu streben, konzentrierte er sich auf Kontrolle. Feine, präzise Magie – der schwierigste Weg für einen mit solch instinktiver Macht. Zensa schloss die Augen. Tief atmete er ein, dann aus. Sofort begannen kleine, bläuliche Funken über seine Finger zu zucken. Wie feine Adern aus Licht krochen sie über seine Handflächen, knisterten leise in der Luft. Leyla sagte nichts. Sie wollte ihn nicht ablenken. Stattdessen beobachtete sie jeden Muskel in seinem Gesicht, das Spiel der Magie auf seiner Haut. Dann öffnete Zensa die Augen. Seine goldenen Iriden leuchteten kurz auf – ein Moment der Konzentration, ein Bruchteil einer Sekunde, in dem alles passte. Doch plötzlich – ein Zucken, ein Funke zu viel. Die Spannung entlud sich mit einem grellen Lichtblitz. Leyla spürte es nur einen Herzschlag später. —BANG— Ein gleißender Blitz schoss direkt auf sie zu, traf sie an der Schulter und schleuderte sie mehrere Schritte nach hinten. Sie prallte unsanft gegen den Stamm eines Baumes und rutschte dann zu Boden. „Leyla…“ rief Zensa erschrocken und rannte zu ihr. Doch noch bevor er ihr helfen konnte, weiteten sich seine Augen. Er blieb abrupt stehen, stotterte. „L-Ley…la. D-Deine… H-Haare…“ Leyla richtete sich auf, rieb sich mit einem schmerzverzerrten Gesicht den Arm – und blickte an sich herunter. Dort, wo einst ihre langen, hellblauen Strähnen sanft über ihre Schultern gefallen waren, ragten nun verbrannte, versengte Reste empor. Die Spitzen waren versengt, ein Teil sogar gänzlich verkohlt. Sie seufzte leise, dann stand sie auf, trat an Zensa heran und schnippte ihm mit zwei Fingern leicht gegen die Stirn. „Mach dir nichts draus. Halb so wild“, sagte sie freundlich. „Du hattest das richtige Gefühl. Der Anfang war gut. Wenn du das konservieren kannst – ohne Überladung – wird das irgendwann fließend gehen.“ Zensa nickte stumm. Er schien sich Vorwürfe zu machen, doch Leyla ging nicht weiter darauf ein. Mitleid half ihm nicht, Fortschritt schon eher. Sie drehte sich um, ließ Mana durch ihre Handfläche strömen. Es wuchs und formte sich, wurde fest, metallisch. Bald war eine sauber geformte Schere aus dunklem Eisen in ihrer Hand entstanden. Mit einem entschlossenen Lächeln ging sie auf Alexandra zu. ,,Alexandra’’, rief Leyla grinsend, ,,schneidest du mir die Haare?’’ Alexandra sah auf, musterte sie, dann entfuhr ihr ein kurzes Lachen. Sie nahm die Schere entgegen, ließ sie prüfend durch die Luft schnappen und bedeutete Leyla, sich zu setzen. „Na gut“, sagte sie, „aber beschwer dich nachher nicht.“ „Ich sah vorhin aus wie ein gegrillter Phönix. Viel schlimmer kann’s kaum werden.“ Zensa setzte sich schweigend daneben und beobachtete sie. Er sagte kein Wort, aber Leyla spürte, dass er genau zuhörte – und dass in ihm etwas arbeitete. Vielleicht war es Stolz. Vielleicht Reue. Vielleicht aber auch einfach nur der Beginn von Demut. Und während Alexandra mit ruhiger Hand die ersten Strähnen abschnitt, fühlte sich Leyla für einen kurzen Moment einfach nur menschlich. - ------------------------------------------------------------------------- Neugierig beugte sich Leyla über das klare Wasser des Sees und betrachtete ihr Spiegelbild. Ihre neue Frisur war deutlich kürzer als zuvor, die blauen Strähnen wirkten nun zerzauster, ungebändigter – als hätte der Wind selbst sie geschnitten. Es erinnerte sie an früher, an eine Zeit, bevor alles begann. Und doch war da etwas Neues in ihrem Ausdruck – etwas Reiferes. „Gefällt’s dir?“ fragte Alexandra mit leiser Stimme, während sie sich neben sie ins kühle Gras setzte und mit einer Hand einzelne Halme zwischen den Fingern zerrieb. Leyla wandte sich ihr zu, grinste breit. „Ja. Sehr sogar.“ Sie beugte sich zu ihr hinüber und küsste sie zärtlich auf die Wange – ein stiller Dank, ein Zeichen von Nähe. Dann richtete sie sich auf, klopfte sich Erde von der Kleidung und hielt Alexandra die Hand hin. „Komm. Lass uns weiterreisen.“ Alexandra ergriff die Hand, ließ sich von Leyla mühelos auf die Beine ziehen. Sie tauschten einen Blick – wortlos, verständnisvoll – und gingen dann gemeinsam zu Zensa und Vinessa zurück, die etwas abseits warteten. Zensa musterte Leyla kurz, dann atmete er merklich auf. „Ein Glück“, sagte er mit einem schiefen Lächeln, „die Frisur steht dir.“ Leyla grinste und warf ihm einen neckischen Blick zu. Es war rührend, wie sehr er sich Gedanken gemacht hatte. Offenbar hatte ihn das Missgeschick vom Vormittag stärker beschäftigt, als er zugeben wollte. Gemeinsam machten sich die vier wieder auf den Weg. Der Trampelpfad wand sich über sanfte Hügel und flache Felder, immer Richtung Osten. Der Himmel war klar, durchzogen von einzelnen Wolken, und der Wind roch nach Frühling und fernen Regenfällen. Drei Wochen lagen noch vor ihnen. So lange würde es dauern, bis sie die äußere Grenze des Denja-Dschungels erreichten – jener gewaltigen, grünen Welt, das sich wie ein lebendiges Bollwerk über den Nordosten des Kontinents legte. Drei Wochen bis zu einer möglichen Begegnung mit Bläsk. Leyla hatte kein gutes Gefühl bei dem Gedanken. Alexandra war stark – das wusste sie. Und auch Zensa hatte Kraft, wenn er sie zu kontrollieren lernte. Doch Vinessa? Vinessa war klein, zerbrechlich. Ihre Magie reichte kaum aus, um einen ernsthaften Zauber zu wirken. Und dennoch war sie dabei. „Alexandra“, sagte Leyla leise, während sie nebeneinander durch das hohe Gras gingen, „wir werden auf die beiden besonders achten müssen. Zensa ist oft übermütig…“ „…und Vinessa ist eine Fee“, ergänzte Alexandra ernst, „sie kann sich nicht verteidigen. Wenn es hart auf hart kommt, wird sie auf uns angewiesen sein.“ Leyla nickte langsam. Die Verantwortung lastete schwer auf ihr, doch sie war bereit, sie zu tragen. Sie würde dafür sorgen, dass niemand ihrer kleinen Gruppe zu Schaden kam – nicht, wenn es in ihrer Macht stand. Ihr Blick glitt nach Süden, über die weiten Ebenen des Herzogtums Vallyka, wo Wiesen in der Sonne glänzten und verstreute Höfe wie Farbtupfer in der Landschaft lagen. Es war ein Bild des Friedens. Ein Moment der Ruhe vor dem nächsten Sturm. Ein Lächeln schlich sich auf Leylas Lippen. Für diesen einen Tag, für diese eine Stunde, fühlte sich alles richtig an. So wie es jetzt war – so konnte es ewig weitergehen.
- Kapitel 196 - Das Juwel der Menschheit
Leyla drehte sich um, langsam, fast zögerlich – und erstarrte. Vor ihr stand ein Mann mit weißem Haar, schlichten, dunklen Gewändern und einem Ausdruck von tiefer Ruhe in seinem Gesicht. Sein Blick war freundlich, seine Präsenz zugleich schlicht und eindrucksvoll – wie ein Fels in einem Sturm. Es war eine Gestalt, die sie nicht erwartet hatte, aber sofort erkannte. Eine Figur aus ihrer Vergangenheit. Finn. Ein Name, der in ihr Erinnerungen weckte: an Malyl, an die Zeit, als sie noch eine einfache Abenteurerin war, als alles noch ungewiss und voller Fragen war. Damals war er ihr das erste Mal begegnet. Und später, nach dem Chaos von Welldyl, hatte er sie wieder aufgesucht. Er hatte sie geheilt, nachdem sie Leonhardt in einem erbitterten Kampf das Leben genommen hatte. Ein warmes, fast kindliches Lächeln stahl sich auf ihr Gesicht. Ein Moment ehrlicher Freude, ungefiltert und aufrichtig. „Finn!“ rief sie, stand auf und machte einen Schritt auf ihn zu. Alexandra blieb sitzen. Ihr Blick war wachsam, prüfend. „Du kennst ihn?“ fragte sie mit spürbarer Skepsis in der Stimme. Leyla nickte, drehte sich leicht zu ihr um. „Ja. Und er hat mir in einer meiner schwersten Stunden geholfen. Du kannst ihm vertrauen.“ Finn trat näher, seine Augen wanderten freundlich über beide hinweg. „Es freut mich, dich so zu sehen, Leyla. Du hast dich gut entwickelt. Mehr, als ich erwartet hatte.“ Dann sah er zu Alexandra und verneigte sich leicht. „Und auch dich habe ich aufmerksam beobachtet, Alexandra. Es tut gut zu sehen, dass du Leyla begleitest. Dass du sie stützt, wenn sie es braucht.“ Alexandras Blick wurde weicher, aber sie sagte nichts. Noch nicht. Leyla senkte wieder den Blick auf das Juwel in ihrer Hand. Es pulsierte leicht, wie ein Herzschlag, kaum wahrnehmbar. Etwas an seiner Präsenz wirkte fremd – und zugleich vertraut. Sie sprach leise, mehr in den Raum als zu einer bestimmten Person. „Das Juwel der Menschheit also…? Was genau hat es damit auf sich?“ Finn ließ sich mit einer langsamen, fließenden Bewegung auf das breite Bett nieder, dessen schwarze Laken matt im Licht der Dachterrassenlampen schimmerten. Er wirkte, als gehöre er hierher – nicht als Gast, sondern als jemand, der bereits wusste, was gleich geschehen würde. „Nun“, sagte er ruhig, seine Stimme klang klar, wie ein Tropfen Wasser auf ruhigem Stein, „lasst mich euch eine Geschichte erzählen.“ Leyla zögerte keine Sekunde. Sie ließ sich auf dem weichen Teppich nieder, zog die Beine an und hielt das Juwel fest in ihrer Hand. Alexandra blieb noch einen Moment stehen, dann setzte auch sie sich, langsam, wachsam, direkt neben Leyla. Die Nacht war ruhig. In der Ferne hörte man das Rufen einer Eule, das vereinzelte Klirren aus der Stadt, das leise Summen von Stimmen. Doch hier, in diesem Zimmer, war es still. Leylas Blick ruhte auf Finn. Und Finn begann zu erzählen. - ------------------------------------------------------------------------- „Die Geschichte, die ich euch erzählen werde, spielt in einer Zeit, die älter ist als die meisten bekannten Legenden“, begann Finn mit ruhiger Stimme. Der Abendwind strich über die Dachterrasse, trug den entfernten Klang von Musik und Stimmen mit sich, doch nichts davon drang wirklich zu ihnen durch. Alles schien still, als spräche er von einer anderen Welt. „Es war eine Zeit, in der das, was ihr heute als Kaiserreich kennt, nur ein wildes, ungezähmtes Land war. Keine Straßen, keine Städte, keine Karten. Nur Stämme, verstreut, kämpfend ums Überleben. Die Zwerge hatten bereits ihre unterirdischen Hallen, die Elfen lebten in ihren uralten Baumreichen im Grünwald. Aber der Rest der Welt war in Auflösung, geprägt von Not, Hunger und ständiger Gefahr.“ Leyla lehnte sich ein wenig nach vorn, ihre Finger umschlossen das Juwel in ihrer Hand. Etwas daran vibrierte schwach, als spiegele es die Schwingungen der Erzählung wider. „Inmitten dieser chaotischen Zeit“, fuhr Finn fort, „gab es ein Wesen. Dieses Wesen hatte Mitleid mit den Sterblichen. Es wollte sie nicht beherrschen oder richten. Es wollte ihnen eine Wahl geben. Eine Zukunft.“ Eine Erinnerung kam in Leyla hoch, doch sie konnte sie nicht benennen. „Das Wesen durchstreifte die Welt“, sagte Finn leise. „Es suchte die Stärksten. Nicht nur im physischen Sinne, sondern auch jene, die Hoffnung verkörperten. Den stärksten Menschen, die stärkste Elfe, den weisesten Oger, den klügsten Goblin – von jedem Volk einen. Und als es sie gefunden hatte, schuf es für jeden ein Juwel. Kein gewöhnlicher Edelstein. Sondern ein Gefäß reiner Kraft. Ein Anker des Willens. Sie sollten ihren Völkern Hoffnung schenken und sie in eine Zeit des Aufbruchs führen.“ Er blickte Leyla direkt an. „Diese Juwelen wurden die Völkerjuwelen genannt.“ Alexandra zog hörbar die Luft ein. Sie war sichtlich gefesselt, sprach aber klar: „Und das da… ist das Juwel der Menschen?“ Finn nickte. „Ja. Es wurde einst von einem Menschen getragen, der unzählige Stämme geeint und eine erste Stadt errichtet hat. Doch wie viele andere Juwele ist es im Laufe der Jahrhunderte verloren gegangen. Die meisten wurden zerstört, gestohlen, versiegelt. Nur sieben sollen noch existieren. Und dieses hier ist eines davon. Es verleiht demjenigen, der es absorbiert, unvorstellbare Kräfte.“ Leyla sah erneut auf den unscheinbaren Stein in ihrer Hand. Er war glatt, fast unauffällig. Und dennoch – er vibrierte. Als würde etwas in ihr auf ihn reagieren. „Wenn ich es absorbieren würde“, fragte sie vorsichtig, „würde ich dann… stärker werden?“ Ihre Stimme war leise, aber entschlossen. Die Frage war nicht hypothetisch. Sie wusste, was solche Macht bedeuten konnte – für ihre Reise, für den Kampf gegen Yang oder gar gegen Selfmun Aragi. Doch Finn schüttelte den Kopf. Nicht mit Ablehnung, sondern mit einem Hauch von Bedauern. „Diese Juwele funktionieren nur bei Sterblichen. Sie sind für Wesen mit einem sterblichen Herzen gemacht. Für Menschen, Elfen, Oger – aber nicht für dich. Du hast dich zu weit davon entfernt.“ Seine Worte waren sanft, doch sie trafen wie ein Schlag. Leyla blickte auf ihre Hand. Auf das Juwel. Auf sich selbst. Sie wusste, dass er recht hatte. Etwas in ihr war gestorben, als sie den Runenstein der Erde aufgenommen hatte. Etwas war zurückgeblieben. Ihre Sinne, ihre Stärke, ihre Magie – all das war gewachsen. Aber etwas anderes, Menschliches, war abgefallen wie alte Haut. Sie reichte Finn das Juwel. Alexandra sprang auf. „Du gibst es ihm einfach?“ Ihre Stimme klang alarmiert, nicht feindselig, aber beunruhigt. „Können wir ihm so eine Macht anvertrauen?“ Leyla sagte nichts. Sie sah nur auf ihre Hand. Sie fühlte sich leer an. Nicht, weil das Juwel weg war. Sondern weil sie erkannt hatte, dass sie es nie wirklich halten konnte. Nicht als Mensch. Nicht mehr. „Ich vertraue ihm“, sagte sie leise. Alexandra ließ sich wieder nieder. Sie sagte nichts, doch ihre Augen blieben auf Finn gerichtet, aufmerksam, wachsam. Finn nahm das Juwel behutsam entgegen, wie etwas Heiliges. Dann sah er Leyla an. „Was macht dich so traurig?“ Sein Tonfall war ungewohnt weich, fast fürsorglich. Leyla rang um Worte. Doch sie fand keine. Sie fühlte nur das Loch in sich. Den Teil, den sie geopfert hatte. Für Stärke. Für das Überleben. Für einen Weg, den sie nie ganz gewählt hatte. Finn lächelte. „Es ist nichts Schlechtes, Leyla. Im Gegenteil. Es ist gut, dass du deine Menschlichkeit ablegst.“ - ------------------------------------------------------------------------- „Warum soll das etwas Gutes sein?“ rief Alexandra mit scharfer Stimme. Ihre Augen blitzten vor Unverständnis, ihre Hände ballten sich zu Fäusten. „Leyla leidet. Sie kann nicht mehr trauern, nicht mehr fühlen wie früher. Sie verliert sich selbst, Stück für Stück. Und du sitzt einfach da und behauptest, das sei der richtige Weg?“ Finn hob beschwichtigend die Hände, ohne aus der Ruhe zu geraten. „Ich verstehe deinen Einwand. Ehrlich. Diese Veränderung hat ihren Preis. Ja, sie geht mit Verlusten einher – Verlusten, die schwer wiegen. Doch der Pfad, den Leyla gewählt hat, ist nicht einer des Untergangs. Es ist ein Weg der Wandlung. Ein Weg voller Prüfungen, Schmerz, Rückschläge – aber am Ende dieses Weges liegt etwas, das nicht viele je erreichen: echte Freiheit. Eine Freiheit jenseits von Angst, jenseits von Zweifel.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber durchdrungen von Überzeugung. „Wenn Leyla diesen Weg zu Ende geht, wird sie zurückblicken und wissen, dass es sich gelohnt hat. Auch wenn sie sich heute noch nicht sicher ist.“ Leyla saß regungslos auf dem Teppich. Die Worte trafen sie nicht wie Hiebe, sondern wie leise Tropfen auf Stein. Erst kaum spürbar. Aber sie wussten, wo sie hinsickern mussten. Wahrscheinlich hatte Finn recht. Nein – er hatte recht. Das wusste sie. Tief in ihrem Innersten. Dort, wo kein Selbstmitleid, sondern nur Gewissheit wohnte. Alexandra öffnete den Mund, wollte noch etwas erwidern. Doch Leyla hob stumm die Hand. Ein schlichtes Zeichen, aber es reichte. „Lass gut sein“, sagte sie ruhig. „Er hat recht. Ich kann es nicht ändern. Und es zu betrauern bringt nichts.“ Alexandra biss sich auf die Lippe. Ihre Augen spiegelten Widerstand, aber sie sagte kein Wort mehr. Stattdessen senkte sie den Blick, während sich ihre Finger nervös in den Stoff ihrer Hose krallten. Finn atmete leise aus. Dann stand er auf, zog seinen Mantel zurecht und blickte Leyla ernst an. „So sehr ich gern noch bliebe – ich bin aus einem anderen Grund gekommen.“ Leyla hob den Blick. Sie spürte, dass etwas in der Luft lag. Etwas, das schwerer wog als alles zuvor Gesagte. „Ich bin hier, um dich zu warnen“, sagte Finn. Seine Stimme war nun fest. Kein Flüstern, keine Andeutung mehr. „Auf deinem Weg in den Denja-Dschungel wirst du auf einen alten Feind treffen. Jemanden, den du bereits in den Mittellanden getroffen hast. Der, der dich angegriffen hat, während der Sturm tobte.“ Er sprach den Namen nicht aus, doch Leyla wusste sofort, wen er meinte. Der Erzdämon des Donners. Bläsk. Alexandra sah verwirrt von Finn zu Leyla, wollte etwas fragen, doch sie hielt sich zurück. Sie schien zu wissen, dass dies nicht der Zeitpunkt für Fragen war. „Was soll ich tun?“ fragte Leyla schlicht. Finn legte den Kopf leicht schräg, seine Augen musterten sie. „Du bist ihm noch nicht gewachsen. Noch nicht. Wenn du dich trotzdem auf diesen Weg begibst, dann sei vorsichtig. Handle klug. Und vor allem: Halte dich an Alexandra.“ Leyla nickte. Es war keine Überraschung für sie. Nur die Bestätigung dessen, was sie längst befürchtet hatte. Sie hatte mit ihrer Einschätzung Recht gehabt. Sie war weder Bläsk noch Jess gewachsen. Finn atmete tief ein, dann klatschte er einmal in die Hände, als wollte er den Moment abschließen. „Wie dem auch sei, meine Zeit hier ist vorbei.“ Leyla griff instinktiv nach seiner Hand, hielt sie fest. „Wann sehen wir uns wieder?“ fragte sie leise. Finn beugte sich ein wenig vor, schmunzelte und sah sie direkt an. „Wenn dein Weg dich zu mir führt. Nicht früher. Du wirst es spüren, wenn es so weit ist.“ Dann ließ er ihre Hand los, trat einen Schritt zurück – und verschwand. Kein Lichtblitz. Kein Geräusch. Nur das leise Kräuseln des Stoffs auf dem Bett, wo er eben noch gesessen hatte. Zurück blieb eine leichte Delle in den schwarzen Laken – und ein Schweigen, das schwerer wog als Worte. - ------------------------------------------------------------------------- Draußen war die Nacht hereingebrochen, und mit ihr war über Vallyka eine eigentümliche Stille gefallen. Die Straßen waren leer, die Fenster dunkel, nur vereinzelt glommen rötliche Lichter hinter dicken Vorhängen. Schneeflocken tanzten leise in der Luft und legten sich auf das Geländer der Dachterrasse, auf die Ziegel, auf das steinerne Pflaster darunter. Die Stadt schlief – und mit ihr schien die ganze Welt einen Atemzug lang stillzustehen. Der Fruchtwein auf dem kleinen Tisch war längst abgekühlt, das Glas von feinem Reif überzogen. Niemand hatte ihn angerührt. Er war vergessen worden, wie so vieles an diesem Tag. Durch eine halb geöffnete Tür fiel schwaches Licht aus dem Schlafsalon auf die Terrasse. Drinnen lag Leyla dicht an Alexandra geschmiegt, eingehüllt in warme Decken, während ein flackerndes Wandlicht sanfte Schatten auf die Wände warf. Alexandra strich Leyla mit ruhiger Hand durch das Haar. Die Geste war vertraut, beruhigend – ein stilles Versprechen von Nähe. „Derjenige, von dem uns Finn gewarnt hat…“ Leylas Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. „…das ist Bläsk. Der Erzdämon des Donners.“ Alexandras Hand hielt kurz inne. Dann fuhr sie mit der gleichen sanften Bewegung fort. Sie sagte kein Wort, aber Leyla spürte, dass sie zuhörte. Es war ein Schweigen voller Aufmerksamkeit. „Er hat mich vor einem Jahr angegriffen“, murmelte Leyla weiter, während sie den Blick auf den Holzbalken über ihr richtete. „In den Mittellanden. Damals nannte er mich Jüngerin. Ich bin sicher, er wird mich erneut angreifen.“ Die Worte hingen schwer im Raum. Finn hatte sie gewarnt, hatte ihr geraten, vorsichtig zu sein. Doch er hatte nichts gesagt darüber, ob sie und Alexandra gemeinsam stark genug wären. „Und…“ begann Alexandra schließlich, ihre Stimme ruhig, aber fest, „was hast du vor? Umkehren?“ Leyla schüttelte langsam den Kopf. „Diese Möglichkeit gibt es für mich nicht. Aber wenn du gehen willst, wenn du dich nicht in Gefahr bringen willst, dann kann ich… Aua!“ Alexandras Finger hatten ihr unvermittelt in die Wange gezwickt. Nicht grob, aber deutlich genug, um die Worte abzuwürgen. Als Leyla sie verdutzt ansah, erwiderte Alexandra ihren Blick mit einem Ausdruck voller Entschlossenheit. „Sag so etwas nie wieder“, sagte sie leise. „Ich bleibe an deiner Seite, Leyla. Ganz gleich, was du sagst oder was passiert.“ Dann beugte sie sich vor und küsste Leyla auf die Stirn – sanft, beinahe zerbrechlich. Doch es war ein Kuss, der mehr sagte als tausend Worte. Leyla lächelte. Es war ein müdes, aber ehrliches Lächeln. Sie war froh, Alexandra bei sich zu haben. ,,Ich liebe dich’’, murmelte sie, während ihre Augen langsam zufielen. „Lass uns schlafen“, flüsterte Alexandra. Leyla nickte, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Sie schloss die Augen und versuchte, den aufkeimenden Gedanken zu verdrängen. Bläsk würde sie finden. Und der nächste Kampf war unausweichlich. Aber nicht heute. Nicht in dieser Nacht. Der Gedanke schien sich langsam aufzulösen, wie der letzte Dampf über dem vergessenen Glas Wein auf der Terrasse. Ein leiser Windstoß ließ das Licht flackern. Dann fiel Leyla, trotz allem, in einen tiefen, traumlosen Schlaf.
- Kapitel 194 - Das Erbe des Phönix
Die Sonne brannte gnadenlos auf Thibedeau van Trey herab. Der heiße Wind fegte über die karge Ebene, trug Sand und feine Staubkörner in jede Falte seiner Kleidung. Doch Thibedeau schritt unbeirrt weiter. Er hatte sich unmittelbar nach dem Gespräch mit Leyla auf den Weg gemacht – auf den Weg zu dem Mädchen. Das Mädchen, das das Dracharenreich Drakia ausgelöscht hatte. Ausgelöscht. Nicht besiegt. Nicht verdrängt. Vernichtet. Er war nicht naiv. Aber er war sich sicher: Er konnte gewinnen. Sein Blick wanderte über das Dorf, zu dem Aragi ihn geschickt hatte. Der Minister hatte behauptet, dass das Mädchen sich hier aufhielt. Woher Aragi diese Information hatte, wusste Thibedeau nicht. Aber er zweifelte nicht daran. Aragi irrte nicht. Seine Worte waren wie Schachzüge – jedes einzelne hatte ein Ziel, einen Zweck. Eine Konsequenz. Das Dorf hieß Draß. Offiziell Hauptstadt des Herzogtums Kries, das im Süden der Endlosen Wüsten und am östlichen Rand des Kaiserreichs lag. Hauptstadt – ein Wort, das hier fehl am Platz wirkte. Draß zählte kaum zweitausend Seelen. Es besaß nicht einmal den Verwaltungsstatus einer Stadt. Die Häuser waren niedrig, viele aus hellem Stein und Lehm, gegen die Hitze gebaut. Es roch nach trockener Erde, nach Schweiß und Vieh. Keine Stadt der Macht. Ein Ort, den man leicht übersehen konnte. Vielleicht zu lange übersehen hatte. Thibedeau schritt durch die schmalen Straßen, sein roter Mantel flatterte im heißen Wind. Sein Blick war unbewegt, sein Gang zielstrebig. Die wenigen Dorfbewohner, die ihm begegneten, wichen instinktiv zur Seite. Dann blieb er stehen. „Mädchen, das Drakia vernichtet hat!“ rief er laut, seine Stimme wie ein Trompetenstoß. „Ich, General Thibedeau van Trey, bin im Namen Seiner Majestät, Kaiser Verion III., gekommen, um dich zu richten!“ Die Worte hallten durch das Dorf wie Donner. Einige Bewohner hielten inne. Köpfe drehten sich. Türen schlossen sich langsam, Fensterläden fielen ins Schloss. Und dann trat jemand aus der Taverne. Ein Oni. Van Trey erkannte ihn sofort. Yaga. Ehemals dritter Anführer des Ordens der Goldenen Sonne. Ein Name, den man in Militärakten nicht fand. Seit der Auflösung der Organisation in Welldyl galt er als gesuchter Verbrecher. Und doch stand er jetzt vor ihm, als sei nichts geschehen – mit einem freundlichen, fast spöttischen Lächeln. „General“, sagte Yaga und verbeugte sich leicht. „Es freut mich, Euch zu sehen. Wir wurden also entdeckt? Das Kaiserreich weiß von uns?“ Van Trey trat einen Schritt vor, sein Blick unverwandt. Dann zog er sein Schwert. Mit einem Zischen fuhr die Klinge aus der Scheide. In dem Moment entzündete sie sich, Flammen leckten an der Schneide entlang, tanzten in der flimmernden Luft. „Das ist richtig“, antwortete er kühl. „Und es war ein Fehler von euch, hierherzukommen. Wo ist das Mädchen?“ Yaga grinste. „Nur eine Frage, General… Warum seid nur Ihr gekommen? Wo ist Eure Armee? Wo sind die Kopfgeldjäger? Wo ist Yang?“ Er lehnte sich leicht zurück, verschränkte die Arme. „Ihr handelt doch nicht etwa allein?“ Der Treffer saß. Thibedeau spürte es. Er war durchschaut worden. Aber das war bedeutungslos. „Wenn du dich ergibst, erwartet dich ein gerechter Prozess in der Kaiserstadt, Yaga.“ „Hm.“ Yaga lächelte nur. Dann deutete mit einem Nicken auf die Taverne hinter sich. „Sicher, dass Ihr Euch nicht ergeben wollt? Wobei… es spielt keine Rolle. Ihr sterbt hier sowieso.“ Thibedeau drehte leicht den Kopf. Seine Augen verengten sich. Da trat sie heraus. Ein Mädchen – nicht älter als fünfzehn. Dunkle Haut, struppiges braunes Haar, barfuß, ein einfaches Leinenhemd. Nichts an ihr wirkte gefährlich. Und doch – ihr Blick. Ruhig. Direkt. Ohne Furcht. Ohne Zögern. Sein Herz schlug einen Takt langsamer. Die Zerstörerin von Drakia. -------------------------------------------------------------------------- Thibedeau van Trey war geboren worden, um Großes zu erreichen. Er stammte aus einer alten Familie des Hochadels, deren Sitz sich in Anjen befand – jener geschichtsträchtigen Handelsstadt im Süden des Kaiserreichs. Die Familie van Trey genoss Ansehen, Einfluss, Reichtum – und hatte ebenso viele Feinde. Die Lacroix, die Aldobrandini, selbst die Kaiserfamilie standen in stiller, aber tief verwurzelter Rivalität zu ihnen. Intrigen, wirtschaftliche Fehden, alte Kriegsniederlagen – all das lag wie ein Netz aus unausgesprochenem Hass über den Beziehungen. Doch all das bedeutete dem jungen Thibedeau zunächst nichts. Noch nicht. Als Kind war er wild, freiheitsliebend, fast schon trotzig gegenüber dem goldenen Käfig seiner Herkunft. Während andere Adlige in den kaiserlichen Akademien Altelfisch sprachen und Tänze lernten, spielte Thibedeau mit Straßenkindern im Hafenviertel von Anjen. Er klaute Obst, warf Steine, lachte mit denen, die andere Adlige nicht einmal ansahen. Sein Vater duldete es – mehr aus Resignation als aus Nachsicht – aber gut hieß er es nie. Mit dem Eintritt in die kaiserliche Armee änderte sich vieles. Thibedeau war sechzehn. Seine Adelsherkunft verschaffte ihm Vorteile, aber es war sein Können, das ihn voranbrachte. Er war ein Naturtalent mit dem Schwert, aber es war seine Intelligenz, sein strategisches Verständnis, das seine Ausbilder aufmerken ließ. Er führte kleine Einheiten mit einer Präzision, wie man sie bei Männern doppelten Alters selten sah. Seine Kampfkraft war nur ein Bonus. Er war kein Krieger, der dachte – er war ein Denker, der tötete, wenn es nötig war. Dann, mit zwanzig Jahren, kam der erste Wendepunkt. Es begann mit Träumen. Mit Hitzewellen, die seinen Körper in der Nacht durchfluteten. Mit Visionen von brennenden Flügeln, von Stimmen aus Licht. Und dann – kam der Tag, an dem sein Blut Feuer wurde. Das Erbe des Phönix war in ihm erwacht. Eine uralte Kraft, die nur einmal in mehreren Generationen der van Trey sichtbar wurde. Einer Legende nach hatte ein Phönix dem ersten van Trey seine Magie vermacht – als Gegenleistung für Treue, für Schutz, für eine Verbindung zwischen Mensch und Phönix. Eine Macht, die weitergegeben wurde, über Jahrhunderte, schlummernd, wartend. Nun war sie in ihm. Und sie brannte. Die Flammen, die er beschwor, waren nicht bloß Hitze – sie waren Licht. Energie. Leben und Zerstörung zugleich. Seine Magie übertraf bald alles, was gewöhnliche Magier aufzubieten hatten. Manche behaupteten sogar, sie übertraf selbst das, was die meisten Kaiserlichen Kopfgeldjäger entfesseln konnten. Mit dreiundzwanzig Jahren wurde Thibedeau van Trey zum General ernannt – einer der jüngsten in der Geschichte des Reiches. Seine Ernennung war nicht nur ein militärischer Akt. Es war ein politisches Signal. Die van Trey waren zurück. Und mit ihnen ein Mann, der nichts fürchtete. Thibedeau selbst war sich sicher: Sein Name würde sich in die Geschichte einbrennen – so unauslöschlich wie das Feuer, das in ihm loderte. Nichts konnte ihn aufhalten. Noch nicht. -------------------------------------------------------------------------- „Töte ihn!“ befahl Yaga, ohne Zögern. Das Mädchen warf ihm einen wütenden Blick zu, kalt und schneidend, doch sagte nichts. Kein Widerwort, kein Protest. Nur diese unausgesprochene Wut in ihren Augen – nicht gegen Yaga, sondern gegen die Welt selbst. Langsam setzte sie sich in Bewegung. Ihre Schritte hinterließen Abdrücke im heißen Sand. Doch um sie herum begann sich die Luft zu verändern. Eine Aura entfaltete sich – schneidend, fremd, kalt. Und dann begann es zu schneien. Schnee. Inmitten der Wüste. Der Sand wurde von weißen Flocken überzogen, doch sie schmolzen nicht. Nicht einmal unter der gleißenden Sonne. Es war, als hätte sich eine andere Realität um das Mädchen gelegt, eine, die sich nicht um Naturgesetze scherte. Thibedeau verengte die Augen. „Diese Magie… die hast du High Rock gestohlen, oder?“ Seine Stimme war ruhig. Er kannte die Antwort längst. Er wollte sie nur hören. Das Mädchen blieb stehen. Ihr Blick war unbewegt, fast mitleidig. „Gestohlen?“ wiederholte sie. Ihre Stimme war ruhig, klar – und doch vibrierte sie mächtig in der Luft. „Nein. Ich habe sie geschenkt bekommen. Von seinem toten Körper. Ich habe sie gerettet.“ Die Worte drangen ihm bis in die Knochen. Kein Trotz. Kein Spott. Nur eine entsetzliche Wahrheit. Er hatte genug gehört. Er hatte seine Bestätigung. Dieses Mädchen… besaß wirklich jene Fähigkeit, die vor ihr nur ein einziger Mensch getragen hatte: die Gabe den Toten ihre Kräfte zu rauben. Barbarossas Erbe. Er schnellte vor, ohne Warnung. Sein Schwert zuckte durch die Luft, eine Schneise aus brennendem Zorn. Die Klinge loderte, gierig nach Blut. Doch das Mädchen wich aus. Mit einer geschmeidigen Bewegung sprang sie rückwärts, rollte sich ab – und öffnete den Mund. Ein Lichtstrahl schoss heraus, grell, konzentriert, todbringend. Thibedeau stieß sich vom Boden ab, der Aufprall ließ Staub und Glut aufwirbeln. In ihm erwachte das Feuer. Das wahre Feuer. Phönixflammen. Flügel aus purem Licht und Hitze wuchsen aus seinem Rücken – gewaltig, herrlich, uralt. Mit einem Flügelschlag erhob er sich in den Himmel, schraubte sich höher und höher, bis er fünfhundert Meter über dem Dorf schwebte. Von hier aus konnte er alles sehen: die Dächer, die Straßen, die kleine Taverne, aus der das Grauen gekommen war. Er würde alles vernichten. Die Bewohner würden sterben – doch nicht umsonst. Ihr Tod würde das Reich schützen. Sie würden als Helden in die Geschichte eingehen. Als Opfer im Dienste der Ordnung. Er schloss die Augen. Atmete tief. Spürte, wie das Feuer in ihm wuchs. Loderte. Glühte. Die Luft um ihn herum begann zu flimmern. Die Wolken verdampften. Der Himmel öffnete sich. Dann formte er die Kugel. Ein Feuerball, größer werdend mit jeder Sekunde. Glühend wie die Sonne selbst. Er ließ ihn los – und der Ball raste zur Erde, ein Meteor des Untergangs. Doch dann erstarrte er. Im Dorf unter ihm zog etwas auf. Ein Sturm. Kein gewöhnlicher. Ein Sturm aus Eis. Der Feuerball stoppte nicht – aber er wuchs nicht weiter. Im Gegenteil. Mit jeder Sekunde, mit jedem Meter, den er dem Boden näher kam, wurde er kleiner. Die Aura des Mädchens schlug ihm entgegen, riss an der Hitze in seinem Inneren. Thibedeau stieß einen langen Atemzug aus. „Natürlich... es wäre zu einfach gewesen.“ Als der Feuerball aufschlug, war er kaum noch größer als ein Wagenrad. Eine Explosion folgte – hell, wütend, aber begrenzt. Das Flammenlicht erhellte die Wüste, versengte den Boden – und verpuffte im eisigen Gegenwind. Als sich der Rauch verzog, war Yaga verschwunden. Der Feigling hatte sich versteckt. Doch das Mädchen stand noch da. Sie grinste. Und dann geschah es. Zwei gewaltige, leuchtend weiße Flügel brachen aus ihrem Rücken – aus reiner Energie, aus gefrorenem Licht. Sie breiteten sich aus, majestätisch, bedrohlich. Der Schnee tanzte um sie wie um eine Königin. Und in diesem Moment verstand Thibedeau. Er kämpfte nicht gegen irgendein Mädchen mit fremden Kräften. Er kämpfte gegen Barbarossa selbst. -------------------------------------------------------------------------- Leyla schlug das Buch mit einem dumpfen Klopf zu. Der Ledereinband war abgegriffen, die Seiten vergilbt – ein Werk über die bedeutendsten Kämpfe der Geschichte. Sie hatte es fast ohne Unterbrechung gelesen, fasziniert und zugleich verwundert über die Legenden, die es enthielt. Sie hob den Blick. Neben ihr saß Eroica, aufrecht, wie immer in sich ruhend. „Du, Eroica?“ begann Leyla nachdenklich, während sie das Buch leicht in den Händen drehte. „Der Kampf von Barbarossa gegen die vier Erzengel... Hat der wirklich stattgefunden?“ Sie zögerte nur einen Moment. Sie hatte sich längst damit abgefunden, dass es sowohl Erzdämonen als auch Erzengel gab – zu viel hatte sie gesehen, zu viel erlebt, um daran noch zu zweifeln. Aber diese Geschichte? Diese Geschichte wirkte fast absurd. Ein einzelner Mensch, Barbarossa, soll allein gegen vier Erzengel gekämpft haben – himmlische Wesen, Träger uralter Magie. Und nicht nur das: Er hatte dabei zwei von ihnen getötet. Gabriel. Ismael. Namen, die man sonst nur in den Gebeten der Engelsempel hörte. Eroica antwortete nicht sofort. Stattdessen lächelte sie. Ein stilles, wissendes Lächeln. „Ja“, sagte sie schließlich. „Das ist in der Tat geschehen. Es liegt sehr, sehr lange zurück – lange bevor es das Kaiserreich überhaupt gab. Damals war die Welt noch wilder. Die Ordnung instabil. Und die Macht einzelner weit ungezügelter.“ Leyla pfiff durch die Zähne. „Dann ist es ein verdammtes Glück, dass er tot ist. Sonst hätte er heute die Kraft zweier Erzengel.“ Eroica nickte langsam. Ihre Ohren zuckten leicht, ein Zeichen ihrer Aufmerksamkeit. „Das stimmt“, murmelte sie. „Dann wäre selbst Yang nicht mehr unantastbar.“ Leyla sah in die Ferne, hinaus durch das Fenster ihres Wohnzimmers, in dem sie saßen. Der Gedanke an einen Menschen, der Erzengel tötete, ließ sie nicht los. -------------------------------------------------------------------------- Das Mädchen schlug einmal mit den Flügeln – ein einziger Flügelschlag, und sie schoss in die Luft wie ein Pfeil. Ihre Bewegung war fast lautlos, aber die Kraft dahinter war gewaltig. Aus ihren ausgestreckten Händen schossen Kugeln aus grünem Dampf – träge wirbelnde Geschosse, die in der Luft zischten. Gift. Thibedeau reagierte sofort. Er ließ die Hitze in sich anschwellen, pumpte mehr Magie in sein Zentrum. Die Temperatur stieg explosionsartig. Der Himmel flackerte, die Luft flimmerte. Feuer begann zu regnen. Nicht einfach Flammen – sondern ganze Bahnen aus sengendem Licht, die wie brennende Pfeile vom Himmel herabrasten. Die Giftkugeln verglühten in der Luft, verdampften mit einem Zischen. Doch das Gift selbst regnete weiter herab, sank wie ein feiner Nebel auf das Dorf unter ihnen. Ungeachtet des Chaos blieb das Mädchen unverletzt. Es stieg weiter auf. Direkt auf Thibedeau zu. Er spannte sich an, ließ seine Magie durch das Schwert strömen. Die Flammen entlang der Klinge flackerten auf, wurden heißer, greller. Der Stahl leuchtete wie geschmolzenes Metall. Das Feuer antwortete ihm – dem Erben des Phönix. Dann setzte er sich in Bewegung , die Phönixflügel peitschten hinter ihm, und er raste ihr entgegen – ein glühender Komet gegen ein Wesen aus Licht und Frost. Das Mädchen hob den Arm, als sie sich näherten. Eine Klinge formte sich um ihren Unterarm – aus reinem, gleißendem Licht, klar und blendend wie der erste Sonnenstrahl auf Schnee. —KNALL— Als die beiden Klingen aufeinandertrafen, war es, als würde ein Vulkan explodieren. Die Druckwelle fegte durch den Himmel, Funken stoben in alle Richtungen. Der Himmel flackerte, als hätte jemand die Sonne selbst entzündet. Magie kollidierte mit Magie, Hitze mit Kälte, Wille mit Macht. Und dann begann der Schlagabtausch. Erbarmungslos. Rasend schnell. Das Mädchen verfügte über eine absurde Kraft – ungebremst, wild, schier übermenschlich. Doch Thibedeau war ein Krieger, kein bloßes Kraftbündel. Jeder seiner Hiebe war berechnet, jede Parade ein Reflex, geboren aus jahrelanger Disziplin. Er hatte das Schwert geführt, seit er gehen konnte. Und nun zahlte sich jede Stunde aus. Langsam, Schritt für Schritt, gewann er die Oberhand. Er ließ nicht nach. Seine Magie pulsierte weiter. Mit einem Schrei ließ er Energie in den Knauf seiner Waffe fließen – und eine zweite Klinge wuchs aus reiner Flamme hervor und formte ein Doppelschwert. Sein Schwert war nun doppelt, wie ein Phönixschrei in Metallform. Und dann schnitt er zu. Die Klinge fuhr durch den Arm des Mädchens. Blut spritzte – ein dunkler Strahl gegen den gleißenden Himmel. Der abgetrennte Arm drehte sich in der Luft, stürzte wie ein Meteorit herab. Aber Thibedeau wusste: Das war nicht genug. Er setzte nach, schloss die letzte Lücke zwischen ihnen – und stieß die Klinge tief in ihren Bauch. Das Feuer bohrte sich hinein, verschlang ihr Fleisch. Flammen züngelten aus der Wunde, fraßen sich nach oben. Das Mädchen schnappte nach Luft, öffnete den Mund – Blut quoll hervor, dunkelrot, heiß. Doch sie weinte nicht. Sie schrie nicht. Sie sprach. Mit letzter Stimme, mit einer Kraft, die mehr war als Schmerz, flüsterte sie: ,,Welt in Perfektion.’’ -------------------------------------------------------------------------- Als Thibedeau siebenundzwanzig Jahre alt war, erschütterte ein Ereignis sein Leben bis ins Mark. Seine Familie, die van Trey, seit Generationen fest im Hochadel des Kaiserreichs verwurzelt, hatte sich öffentlich gegen den Thron gewandt. Der amtierende Kaiser, Tavil IV., war verstorben, und sein Nachfolger, Verion III., hatte das sogenannte Prinzenspiel ausgerufen – eine grausame, erbarmungslose Form der Erbfolgeregelung, in der seine Söhne gegeneinander antreten würden. Ein blutiger Wettstreit, in dem nur der Sieger überleben und regieren durfte. Die van Trey bezeichneten es als Wahnsinn. Laut, offen, ohne diplomatische Umschweife. Und so geschah es. Thibedeau war gerade in der Kaiserstadt – auf Urlaub von seinem Posten im Süden – als kaiserliche Gardisten ihn auf offener Straße in Handschellen legten. Kein Wort der Erklärung, kein Urteil, keine Anklage. Doch er wusste, was es bedeutete. Der Schatten des Hochverrats hing über seinem Namen. Er wurde direkt zum Palast gebracht, wo man ein Militärtribunal anberaumt hatte. Eine Farce. Das Urteil stand längst fest. Die Formalitäten dienten nur der öffentlichen Ordnung. Hinrichtung – das war beschlossene Sache. Und Thibedeau wusste es. Er machte sich keine Illusionen. Doch anstatt klein beizugeben, nutzte er sein Abschlussplädoyer – die einzige Bühne, die ihm blieb – um seine Familie zu verfluchen. Mit einer Stimme, die fester war als sein Herz es in diesem Moment war, wetterte er gegen ihre Entscheidungen, nannte ihre Worte Hochverrat und Dummheit, warf ihnen vor, das Kaiserreich für persönliche Eitelkeit in Gefahr gebracht zu haben. Und er schloss mit einem Satz, der ihm in der Hitze der Verzweiflung in den Sinn kam – und den er selbst kaum glaubte: „Wenigstens sterbe ich nicht als Verräter des Reiches.“ Es war ein letzter Versuch, mit Würde unterzugehen. Ein gespielter Loyalismus. In Wahrheit war Thibedeau kein glühender Anhänger des Kaisers. Er strebte nach Ruhm, Macht, Unsterblichkeit in den Geschichtsbüchern – nicht nach Idealen. Doch genau diese Worte trafen auf offene Ohren. Kaiser Verion III. selbst war anwesend, wie stets bei bedeutenden Verfahren gegen den Adel. Und irgendetwas in Thibedeaus Rede – sei es die Selbstverleugnung, die Härte gegen die eigenen Blutsverwandten oder die eiserne Selbstdisziplin, mit der er das Urteil hinnahm – beeindruckte ihn. Verion griff ein. Er sprach ein Machtwort. Thibedeau wurde begnadigt. Der Prozess wurde beendet. Die Urteile gegen seine Verwandten jedoch blieben bestehen. Die van Trey wurden aus dem Hochadel verstoßen, ihre Ländereien eingezogen, ihr Einfluss gelöscht. Ihre Namen verschwanden aus dem Adelsregister – für immer. Nur einer durfte seinen Namen behalten: Thibedeau. Er behielt nicht nur den Namen, sondern auch seinen Rang. General der Kaiserlichen Armee. Und in diesem Moment – inmitten der Demütigung, des Verlustes, der bitteren Einsamkeit – geschah etwas in ihm. Aus Worten, die einst leer und taktisch gesprochen worden waren, wurde Realität. Eine Überzeugung keimte auf. Nicht aus Idealismus, sondern aus Konsequenz, aus Überlebenswillen, aus Stolz. Thibedeau schwor sich selbst: Er würde Verion dienen. Bedingungslos. Nicht, weil er musste – sondern weil es das Einzige war, was er jetzt noch hatte. -------------------------------------------------------------------------- ,,Welt in Perfektion.’’ Kaum waren die Worte gesprochen, entstand eine Kugel aus reinem, strahlendem Weiß um das Mädchen. Keine Magie, wie man sie kannte – dies war etwas anderes. Älter. Reiner. Vollkommener. Im nächsten Moment wurde es totenstill. Der Wind erstarrte, als hätte die Welt selbst den Atem angehalten. Selbst die Flammen, eben noch wild lodernd, erstickten lautlos in dem Licht. Kein Knistern, kein Fauchen. Nur das Pochen des Lichts – in gleichmäßigem, unheilvollem Rhythmus, wie der Puls eines Gottes. Thibedeau spürte, wie seine Haut prickelte, wie seine Magie sich auflöste, wie das Feuer in ihm versiegte. Der Himmel rings um ihn begann zu verblassen, der Horizont selbst zerfloss in Weiß. In der Kugel glomm das Licht einmal auf – dann heilten sich die Wunden des Mädchens mit einem einzigen, sanften Ruck. Als hätte die Zeit selbst einen Moment angehalten, um sich zu erinnern, wie ihr Körper ursprünglich beschaffen gewesen war. Und dann… wurde es gleißend hell. Das Licht brach hervor wie eine Welle, erbarmungslos, reinigend. Es verschlang alles: Luft, Raum, Materie. Es fraß sich durch Thibedeaus Körper, löste ihn auf, bis nichts – nicht einmal Asche – zurückblieb. Keine Explosion. Kein Aufschrei. Nur das völlige Verschwinden. Die Stelle, an der er eben noch geflogen war, war nun leer. Als hätte er nie existiert. Langsam ließ das Mädchen die Schultern kreisen, streckte sich, als würde sie sich aus einem langen Schlaf erheben. Dann blickte sie hinab. Was einst ein Dorf gewesen war, war verschwunden. Kein einziger Ziegel, kein Trümmerstück. Nur ein makelloser, runder Krater, der sich tief in die goldene Wüste gegraben hatte. Der Sand an seinen Rändern war glasig, geschmolzen, von göttlicher Hitze gebrannt. ,,Hoffentlich ist dieser Oni tot’’ , murmelte sie und grinste kalt. Doch noch während sie sprach, zuckte ihr Blick nach oben. Ein schwaches Flackern hatte ihre Aufmerksamkeit geweckt. Hoch oben, am Himmel, dort wo der General zuletzt gestanden hatte – flackerte eine winzige Flamme. Klein. Unregelmäßig. Doch lebendig. -------------------------------------------------------------------------- Es war kurz nach seinem achtundzwanzigsten Geburtstag, als Thibedeau auf ihn traf – Finn, einen Mann mit schneeweißem Haar und einer Ruhe in den Augen, wie sie nur jene tragen, die Dinge gesehen hatten, die anderen verborgen bleiben. Finn sprach nicht viel. Doch jedes seiner Worte war durchdacht, gewogen, unmissverständlich. Er sprach von einem Mädchen im Osten. Einem Mädchen mit einer Macht, wie sie die Welt seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hatte. Der Macht von Barbarossa – dem legendären Krieger, der einst zwei Erzengel getötet hatte. Thibedeau horchte auf. Er kannte diese Geschichte. Nicht aus Legenden, sondern weil Selfmun Aragi selbst ihm nur einen Tag zuvor davon berichtet hatte. Finn hatte es direkt gesagt: „Dieses Mädchen ist zu mächtig. Selbst die Kaiserlichen Kopfgeldjäger, mit Ausnahme von Yang, würden versagen. Und Leyla… sie muss sich raushalten.“ Finn hatte ihm dabei tief in die Augen gesehen – ein Blick, der nicht nur Befehle übermittelte, sondern Schicksale lenkte. Dann überreichte Finn ihm ein kleines Objekt. Ein Juwel, kaum größer als eine Haselnuss, schimmernd in changierenden Farben zwischen Gold, Grün und Blaugrau. Er nannte es das „Juwel der Menschen“. Was es genau war, sagte er nicht. Keine Erklärungen, keine Warnungen. Nur ein einziger Satz: „Verschlucke es.“ Thibedeau zögerte nicht. In seinem Leben hatte er gelernt, Befehlen zu folgen – nicht aus blindem Gehorsam, sondern weil Macht nun einmal jenen zufällt, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Er schluckte das Juwel – und sofort durchzuckte ihn eine Kraft, wie er sie nie zuvor gespürt hatte. Seine Sinne schärften sich. Die Welt wurde klarer, die Luft dichter, die Magie in ihm lebendiger. Ein einziger Gedanke formte sich in seinem Geist – glasklar und erschreckend sicher: Er war nun der mächtigste Mensch des Reiches, gleich hinter Yang. Einige Tage später, mit seinem Zorn, seiner Überzeugung und dieser neuen, brennenden Macht im Leib, zog er nach Osten. Nach Draß. Dorthin, wo ein Mädchen mit fremder Macht wartete. Dorthin, wo sein Name Geschichte schreiben sollte – oder untergehen. -------------------------------------------------------------------------- Die kleine Flamme wuchs. Zuerst kaum größer als eine Kerze, dann lodernd wie eine Fackel – bis sie sich windend und zischend zu einem Körper formte. Thibedeau van Trey keuchte auf. Die Luft war dünn, seine Haut verbrannt, doch sein Herz schlug. Langsam, schwer, aber es schlug. Das Erbe des Phönix. Es hatte ihn gerettet. Einmal. Ein einziges Mal – das war die Grenze. Jeder Träger dieses alten Feuers erhielt nur eine Rückkehr aus dem Tod. Und jetzt hatte er sie eingelöst. Er streckte seine Flügel, taumelte, und blickte zu ihr – dem Mädchen, das dort in der Luft schwebte, völlig unversehrt. Er wusste es in diesem Moment. Er konnte nicht gewinnen. Nicht in einem ehrlichen Duell. Nicht mit Leben. Ein bitteres Lächeln stahl sich auf seine Lippen. Ironie? Nein. Anerkennung. Die Dorfbewohner von Draß hatten mit ihrem Leben bezahlt, damit er diese Karte ausspielen konnte. Jetzt war es an ihm, den Preis zu zahlen. Er öffnete die Hand. Eine kleine, leuchtende Flamme tanzte auf seiner Handfläche. Der Phönix – geboren aus seiner Seele, gehorsam, wachsam, verbunden. „Wenn ich falle… dann nimm das Juwel.“ Seine Stimme war heiser, kaum mehr als ein Flüstern. „Bring es zu Leyla.“ Warum Leyla? Er wusste nicht warum. Vielleicht, weil Finn sie erwähnt hatte. Vielleicht, weil in ihrer Nähe die Dinge einfacher wirkten. Oder vielleicht, weil niemand anderes geblieben war, dem er das Juwel anvertrauen konnte. Der Phönix verstand. Er zögerte nicht, wandte sich ab und schoss davon – ein flammender Streif am Himmel. Thibedeau wandte sich wieder dem Mädchen zu. ,,Ey, Barbarossa!’’ rief er dem Mädchen zu. Sie stoppte. Ihre Flügel bewegten sich kaum, sie ließ sich treiben. Ihre Augen funkelten – Interesse, Hunger, Wissen. ,,Oho, du weißt wer ich bin, trotz des Körpers?’’ Ihre Stimme war spöttisch, aber nicht feindselig. Sie hatte ihn nicht sofort angegriffen. Sie wollte ihn sehen. Ihn verstehen. Ihm seine Macht rauben. Sie wollte sein Erbe. Das Phönixerbe. Sie wollte alles. Er wusste, dass es keine zweite Chance mehr geben würde. Keine Flucht. Kein taktischer Rückzug. Nur ein einziger Moment, der alles entschied. Thibedeau breitete die Arme aus. Die Hitze sammelte sich in seinem Inneren. Er rief das Letzte, das Stärkste in sich wach. ,,Sonnenverschmelzung!’’ brüllte er – und die Luft selbst schien zu reißen. Sofort explodierte eine Welle aus Licht und Hitze aus seinem Körper. Weißes Feuer – heißer als jedes irdische Element, jenseits von Natur und Kontrolle – brannte sich in die Welt. Das Mädchen erkannte es zu spät. Sie versuchte zu fliehen, schlug mit den Flügeln, schrie auf – doch da hatte Thibedeau sie schon erreicht. Mit letzter Kraft warf er sich an sie, riss sie an sich, umschlang sie mit brennenden Armen. Er drückte sie an sich wie eine Liebende – oder wie ein Henker seine Beute. „Du stirbst mit mir“ , murmelte er in ihr Ohr. Und die Welt wurde erneut weiß. -------------------------------------------------------------------------- Yaga rappelte sich auf. Jeder Muskel in seinem Körper brannte vor Schmerz, als hätte ihn jemand in glühendes Eisen getaucht. Er schwankte, kniff die Augen zusammen und blinzelte in den Himmel – dorthin, wo vor wenigen Augenblicken eine Feuerwelle explodiert war, gleißend wie eine zweite Sonne, so grell, dass sein rechtes, offenes Auge nun nur noch flimmernde Schatten sah. Sein Haar war versengt, verbrannte Strähnen hingen ihm ins Gesicht. Seine Kleidung war kaum mehr als Ruß und Stofffetzen, und selbst seine Haut fühlte sich an, als würde sie bei der nächsten Berührung abblättern. Von Barbarossa? Keine Spur. Er drehte sich einmal im Kreis, schnaufte, blickte angestrengt über die verkohlte Ebene. War es wirklich vorbei? Hatte der General gesiegt? Yaga fluchte. „Verdammte Scheiße…“ Er spuckte in den verbrannten Sand. Das durfte nicht wahr sein. Barbarossa – gestorben? Gegen einen Menschen, gegen General van Trey? Wie konnte jemand mit so viel Macht fallen? War seine Arroganz schuld? Ein Moment zu spät? Dann – Bewegung am Himmel. Ein kleiner Phönix flog Richtung Norden, ein einzelner Lichtpunkt, der sich durch die Wolken schnitt. In seinem Schnabel trug er etwas – ein graues Steinchen, kaum zu erkennen. Ein Juwel? Yaga kniff die Augen zusammen, hob keuchend die Hand, wollte einen Ball aus fest verdichtetem Gestein formen – ihn vom Himmel holen, bevor er zu weit weg war. Doch da flackerte neben ihm ein Licht auf. Ein einziger, goldener Funke. Dann ein zweiter. Lebendig. Unverletzt. Die Flammen züngelten durch die Luft, sammelten sich zu einer Gestalt – und dann stand er dort im Körper von Taliba. Barbarossa. Lebendig. Unversehrt. Nicht einmal Ruß klebte an ihm. Yaga hielt inne. „Du… du lebst“, brachte er schließlich hervor, und in seiner Stimme lag eine Mischung aus Erleichterung und ungläubigem Staunen. Barbarossa nickte nur. Seine Stimme war ruhig, fast kalt: „Der Mensch ist einen Wimpernschlag vor mir gestorben. Die Kraft der Wiedergeburt hat sich dadurch auf mich übertragen.“ Yaga schnaubte. „Du hast sein Erbe genommen.“ „Ich habe genommen, was mir zustand.“ Der Oni wandte sich wieder dem Himmel zu. Doch der Phönix war bereits fort. Zwischen den Wolken verschwunden. Aber es war egal. Barbarossa war am Leben. Stärker denn je. „Wohin geht es als Nächstes?“ fragte das Mädchen, ihre Stimme gedämpft, aber hungrig. „Ich bin noch nicht bereit für Yang. Noch nicht. Ich brauche mehr Macht.“ Yaga lächelte schief, und trotz seiner Verletzungen leuchtete ein Glanz in seinen Augen – nicht Hoffnung, sondern Zielstrebigkeit. „Zuerst ruhen wir uns aus“, sagte er. „Und dann... reisen wir nach Randurin.“
- Kapitel 193 - Wolkengrab
Franca erwartete die Klingen. Erwartete das Aufspießen, das Zerreißen ihres Körpers. Erwartete das kalte, endgültige Ende. Auch wenn sie sich wehrte, auch wenn ihr Verstand es nicht akzeptieren wollte – ihr Körper hatte sich längst darauf eingestellt zu sterben. Und dann. Plötzlich. Stille. Nicht der Schlag einer Waffe. Kein Rufen. Kein Stöhnen. Kein Klirren von Knochen. Nur das Heulen des Windes in der Ferne. Langsam, zögernd, öffnete Franca die Augen. Und sah – nichts. Nur Schnee. Was war passiert? Langsam, mit schmerzverzerrtem Gesicht, rappelte sie sich auf. Ihre Glieder fühlten sich schwer an, ihr Blut war kalt, die Schulter pochte unter der Wunde, als hätte sich ein glühender Nagel in sie gebohrt. Doch sie ignorierte es. Sie zwang sich aufzustehen und blickte sich um. Kein einziger von Varons Toten war mehr da. Nicht einer. Der Schlachtfeld war leergefegt – so still, dass es beinahe heilig wirkte. Hatte Cyntha es geschafft? Hatte sie Varon besiegt? Franca konnte nicht anders, als Ehrfurcht zu empfinden. Ihr eigentlicher Plan war gewesen, Varon gemeinsam mit Cyntha in den Nahkampf zu zwingen, ihn mit vereinter Kraft zu überwältigen. Doch Cyntha hatte es allein getan. Sie hatte sich dem Feind gestellt – und ihn zu Fall gebracht. Allein. Langsam, mit schleppenden Schritten, ging Franca in die Richtung, in der sie sich von Francesco di Lorenzo getrennt hatte. Die Fußspuren im Schnee waren fast verweht, der Wind hatte die Spuren der Schlacht bereits begonnen zu verschlingen. Dann blieb sie stehen. Francesco di Lorenzo. Der Schwertdämon. Er lag regungslos im Schnee, die Hände noch immer um sein Schwert gekrallt. Die Augen starrten leer gen Himmel. Neben ihm – Hunderte, Tausende – die Männer und Frauen der fünften Armee. Alle tot. Franca stand da. Allein. Niemand hatte überlebt. Niemand außer ihr. Einhunderttausend Soldaten. Vernichtet. Ihr Atem ging stoßweise. Scharfer Wind biss in ihr Gesicht, doch sie spürte es kaum. Dieser Sieg – wenn man es überhaupt so nennen konnte – würde ihr keinen Ruhm bringen. Auch Cyntha nicht. Im Gegenteil. Der Kaisersprech, die größte und einflussreichste Zeitung des Reiches, würde sie zerreißen. Die Schlagzeilen waren schon jetzt vorhersehbar. Man würde ihre Familie in den Dreck ziehen. Ihre Mutter, ihre verstorbene Schwester, ihren Vater – alle würden in ihrem Schatten stehen, obwohl sie nichts getan hatten. Franca biss sich auf die Lippen. Hart. Erst als sie das warme Blut spürte, das über ihr Kinn rann, zwang sie sich, den Blick zu heben. Nach Norden. Dort musste Cyntha sein. Wenn noch mehr Rebellen kamen – und sie würden kommen, das wusste sie – wäre sie fast schutzlos. Sie musste zu Cyntha. Jetzt. Langsam schleppte sie sich zu Gendihr, der noch immer dort lag, halb von Schnee bedeckt, wo sie ihn verloren hatte. Mit letzter Kraft hob sie den Hammer auf, band ihn sich mit zitternden Händen auf den Rücken. Jeder Handgriff schmerzte, jeder Atemzug brannte. Es war mittlerweile Abend geworden. Der Himmel war grau, düster, voller Vorzeichen eines kommenden Sturms. Die meisten Leichen waren schon vom Schnee bedeckt. Bald würde es aussehen, als hätte es nie eine Schlacht gegeben. Nur der Wind erinnerte noch an den Tod. Er heulte kalt über das weiße Land hinweg, und Franca spürte, wie die Kälte in ihre Knochen kroch. Sie wollte losgehen. Doch dann – erstarrte sie. Etwas war da. Eine Präsenz. Nicht sichtbar. Nicht hörbar. Aber spürbar. Wie ein Gewicht auf der Brust, wie eine Hand an der Kehle. Ihre Sinne schrien Alarm, ihr Instinkt zog sich zusammen wie ein verletztes Tier. Es war nicht wie die Toten. Nicht wie Varon. Es war... anders. Eine Aura. Dicht, erdrückend, schwer. Ähnlich wie bei Yang. Doch während Yangs Präsenz gewaltig und ehrfurchtgebietend war, war diese… Rein böse. Ein Abgrund ohne Boden. Und er näherte sich. -------------------------------------------------------------------------- Cyntha stöhnte leise, als sie sich unter Schmerzen aufrichtete. Ihre Glieder fühlten sich taub an, jeder Muskel brannte. Der Kampf hatte ihr mehr abverlangt, als sie sich eingestehen wollte. Doch sie lebte. Neben ihr lag Zorda im Schnee. Sein gewaltiger Körper hob und senkte sich schwer, dampfender Atem stieg aus seinen Nüstern. Blut sickerte aus mehreren Rissen in seinen Schuppen, aber er atmete. Er war bei Bewusstsein. Und das war mehr, als sie sich nach dem Drachenbund zu hoffen gewagt hatte. Sie hatte gewonnen. Varon war tot. Mit seinem Tod waren unzählige Seelen befreit worden – Schatten, die er an sich gebunden hatte. Namenlose Tode, Gefangene seiner Nekromantie, deren Willen verdreht worden war. Auch Jade, der Urdrache, war nun frei. Endlich konnte auch er in jenen Frieden sinken, der ihm so lange verweigert worden war. Doch die Bilder verließen Cyntha nicht. Diese violetten Linien auf Varons Haut – Adern aus Magie, aus Fäulnis, aus etwas, das kein Mensch tragen sollte. Was war das gewesen? Was hatte sich da in seinem Innersten eingenistet? ,,Das hast du gut gemacht, meine Cyntha.’’ Die Stimme von Zorda in ihrem Geist klang erschöpft, aber ruhig. Warm. Und sie beruhigte sie auf eine Weise, die keine Worte je erreicht hätten. Sie wusste, was es ihn gekostet hatte – und trotzdem sprach er mit Sanftmut. War sie rechtzeitig gewesen? Hatte Franca überlebt? Wie viele der Soldaten, die sie zu beschützen geschworen hatte, waren noch am Leben? Fragen, für die es keine Antworten gab. Noch nicht. Cyntha streckte vorsichtig die Arme, zwang sich zur Bewegung. „Kannst du laufen, Zorda!?“ fragte sie, während sie ihren Blick über seine Verletzungen gleiten ließ. „Es ist bei weitem nicht so schlimm wie letztes Mal“ , antwortete er, und ein schwacher Hauch von Stolz schwang in seiner Stimme mit. „Gib mir eine Nacht. Dann kann ich wieder fliegen.“ Erleichterung durchströmte sie. Sie atmete tief durch, erlaubte sich einen Moment innerer Ruhe. Für viele waren Drachen bloß Werkzeuge. Reittiere. Waffen. Bestien, die man bändigen oder auslöschen musste. Aber für Cyntha war das nie so gewesen. Sie wusste es besser. Drachen waren uralte, stolze Wesen – mit Verstand, mit Willen, mit Wissen, das älter war als jedes Buch, jede Bibliothek, jedes Reich. Sie waren nicht zum Gehorchen geschaffen, sondern zum Respektieren. Und gerade deshalb verachtete sie sich selbst dafür, dass sie Zorda zum Drachenbund gezwungen hatte. Doch sie hatte keine Wahl gehabt. Langsam setzte sie sich in Bewegung. Ihre Beine waren wacklig, doch sie bewegten sich. Und Zorda tat es ihr gleich. Er trottete neben ihr her – sein Gang schwer, aber bestimmt. Ihr erstes Ziel war klar: Sie musste Franca finden. Die beiden mussten sich sammeln, Kräfte bündeln. Die Gefahr war noch nicht vorüber. Varon war gefallen, ja – und vermutlich war er der mächtigste Kämpfer im Schwarzen Stern gewesen. Aber er war nicht der Mörder von Bunj. Diese Tat gehörte jemand anderem. Jemandem, der noch lebte. Jemandem, den sie – gemeinsam mit Franca – im Auftrag von Yang zur Strecke bringen mussten. „Lass uns erst einmal ein paar Tage—“ begann Cyntha, doch sie unterbrach sich selbst. Ihr Körper zuckte zusammen, als hätte sie ein unsichtbarer Schlag getroffen. Etwas kam näher. Etwas Gewaltiges. Eine Präsenz, so mächtig, dass sie das Blut in ihren Adern gefrieren ließ. Eine Aura, durchdringend wie kaltes Licht, so deutlich, dass selbst Zorda den Kopf hob und innehielt. Es war nicht Varon. Nicht Jade. Zuerst dachte Cyntha, es wäre Yang. Aber das war es nicht. Aber es war… ähnlich. So ähnlich, dass es ihr das Herz zusammenschnürte. Fast wie die Präsenz ihrer Anführerin. Cyntha spannte ihre Muskeln, griff instinktiv nach ihrem Bogen. Ihr Blick wanderte zum Horizont, über den verwehten Schnee, die leblosen Ebenen, doch noch war da nichts zu sehen. Und trotzdem wusste sie: Etwas kam. Etwas Gefährliches. Oder besser gesagt: Jemand. -------------------------------------------------------------------------- Wie lange saß Franca schon in der Kuhle, die sie sich in den Schnee gegraben hatte, als die Aura sie wie eine Mauer aus Gefahr und Macht getroffen hatte? Sie wusste es nicht. Es konnten Sekunden gewesen sein – oder Stunden. Vielleicht war bereits die halbe Nacht vergangen. Die Kälte spürte sie kaum noch, ihr Körper hatte sich dem Zittern längst ergeben, nur ihr Geist hielt sich noch krampfhaft am Überlebenswillen fest. Dann geschah es. Ein Ruck ging durch ihren Körper, als eine plötzliche Welle von Energie sie durchströmte. Gendihr, der Runenhammer, vibrierte an ihrem Rücken. Sie spürte es deutlich: seine Magie hatte sich erneuert. Drei Aufladungen. Es war Mitternacht. Franca zwang sich auf die Beine. Ihr ganzer Körper fühlte sich an, als wäre er aus Stein. Doch das war egal. Sie musste zu Cyntha. Um jeden Preis. Ganz gleich, was diese Aura bedeutete, ganz gleich, was da kam. Die Nacht war beinahe vollkommen schwarz, das Licht des Mondes schien matt und zögerlich durch dichte Wolken. Es hatte aufgehört zu schneien. Nur der Wind wehte in leisen, kalten Wellen über die weiten, weiß bedeckten Ebenen. Wenn hier nicht vor wenigen Stunden ein Massaker stattgefunden hätte, hätte der Ort beinahe friedlich gewirkt. Fast schön. Franca schleppte sich voran, Schritt für Schritt, zäh, entschlossen. Ihre Muskeln schrien. Ihr verletzter Arm pochte. Doch dann – endlich – sah sie ihn. Zorda. Der Drache war unverkennbar. Massig. Verletzt, aber wachsam. Und daneben: Cyntha. Erleichterung durchfuhr sie wie ein heißer Strom. Franca mobilisierte ihre letzten Reserven und rannte. „Cyntha! Dir geht es gut!“ rief sie mit aufbrechender Stimme. „Was für ein Glück!“ Doch Cyntha antwortete nicht. Sie stand wie erstarrt. Erst als Franca sie an der Schulter berührte, zuckte sie leicht – und blickte langsam zu ihr. Ihr Gesicht war grau vor Erschöpfung. Die Schultern hingen. Ihre Augen – sonst voller Leben – waren müde, leer. „Franca? W… warum bist du hergekommen?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, brüchig wie dünnes Eis. Franca runzelte die Stirn. Was meinte sie? Warum hätte sie nicht kommen sollen? Wegen der Aura? „Was meinst du, Cyntha? Lass uns zurückziehen. Wir haben getan, was wir konnten.“ Doch Cyntha schüttelte den Kopf. Langsam. Schwer. „Wir sind schon mittendrin“, sagte sie leise. „Die Aura wirkt wie ein Käfig. Wir kommen nicht mehr raus.“ Dann hob sie den Arm, zitternd, und deutete auf einen Punkt in der Ferne. Ein Mann. Etwa hundert, vielleicht zweihundert Meter entfernt. Er ging langsam. Sehr langsam. Als hätte er alle Zeit der Welt. Als wolle er sie spüren lassen, wie hilflos sie waren. Franca folgte ihrem Blick – und sofort spürte sie es noch stärker. Die Aura kam von ihm. Eindeutig. Eine Macht, die sich nicht wie ein Sturm anfühlte, sondern wie ein schleichendes Ersticken. Je näher er kam, desto schwerer wurde das Atmen. Als würde die Luft selbst gegen sie sein. „Aber… warum kommt er nicht schneller her?“ fragte Franca, mit wachsender Beklemmung. „Weil er weiß, dass wir ihm nicht entkommen“, antwortete Cyntha tonlos. „Und weil er weiß, dass wir mit jeder Minute in dieser Aura schwächer werden. Er spielt mit uns. Das ist der Krieger, der Bunj getötet hat. Ich spüre es. Und wenn das stimmt... dann sind wir ihm nicht gewachsen. Wir waren es nie. Selbst ohne den Kampf gegen Varon hätten wir keine Chance gehabt.“ Franca fühlte, wie sich ihre Kehle zuschnürte. Für einen Moment wollte sie fliehen. Für einen Moment wollte sie zusammenbrechen. Aber dann tat sie etwas anderes. Sie griff nach Gendihr. Zog den Hammer vom Rücken. Spürte das Gewicht. Die vertraute Wärme der Magie. Sie richtete ihn auf den nahenden Feind – die Hand fest, der Blick klar. Und dann, voller Trotz, mit einem Mut, der keiner Logik folgte, sondern aus einem tieferen Quell kam, sprach sie mit fester Stimme: „Und wenn schon.“ Ein Schritt nach vorn. „Ich kämpfe trotzdem.“ -------------------------------------------------------------------------- Der Mann war beinahe bei ihnen angekommen. Mit jedem Schritt, den er tat, schien die Luft schwerer zu werden, dichter, als würde sie von unsichtbaren Ketten gehalten. Und doch – Franca blieb stehen. Sie zwang sich, standhaft zu bleiben. Die Aura presste auf ihre Glieder, schnürte ihr die Kehle zu. Doch Gendihr pulsierte an ihrer Seite, seine drei Ladungen schützten sie – nicht vollständig, aber genug. Genug, um zu kämpfen. „Wenn du uns noch näher kommst, werde ich dich töten!“ rief sie ihm entgegen. Die Worte hallten kraftvoll in der Dunkelheit, doch sie wusste selbst, dass sie mehr sich selbst galten als ihm. Einschüchtern würde sie ihn nicht. Aber das war auch nicht ihr Ziel. Sie musste sich selbst daran erinnern, dass sie noch nicht aufgegeben hatte. Der Mann trat schließlich zu ihnen. Sein Gesicht lag im Schatten eines tiefen, dunklen Umhangs. Kein einziger Zug war zu erkennen – nur eine Silhouette der Macht. „Du kannst ja noch gerade stehen. Wie heißt du?“ fragte er mit ruhiger Stimme. Franca antwortete nicht. Reden war Zeitverlust. Reden war Schwäche. Sie spürte, wie die Aura weiter an ihr nagte, wie ihre Gedanken begannen zu flackern. Stattdessen griff sie an. „FLAMMENSÄULE!“ schrie sie – und ließ Gendihr herniederfahren. Ein gleißender Strom aus Feuer schoss in die Nacht. Die Luft selbst schien zu explodieren, als der magische Schlag sich entlud. Für einen Augenblick wurde die Nacht zum Tag, der Himmel flammte rot, und der Schnee um sie herum verdampfte mit zischendem Knacken. Hinter dem Mann verbrannte der Boden, schwarze Erde trat hervor, schwelend, dampfend. Doch der Mann hob einfach die Hand. Ein schwarzer Mantel aus Energie schlang sich um ihn – formte sich wie aus Schatten gewoben, dicht und undurchdringlich. Das Feuer tobte, brüllte, fauchte – und prallte einfach ab. Als die Flammen sich legten, fiel der Mantel in sich zusammen. Der Mann stand unverändert. Nicht eine Haarsträhne war versengt. „Warum so ungestüm?“ sagte er – fast belustigt. „Aber gut. Dann machen wir das eben anders.“ Seine Stimme war eiskalt. Kein Zögern, keine Wut – nur Kontrolle. Er sprach wie jemand, der nie gezwungen war, sich zu erklären. Der nie eine Niederlage erlebt hatte. Der wusste, dass er überlegen war. Er klang wie Yang. Er hob die Hand ein weiteres Mal. Ein Strahl schoss aus seinen Fingerspitzen – tiefschwarz, flüssig wie Öl, mit einem blauen Schimmer an den Rändern. Doch er zielte nicht auf Franca. Er schoss an ihr vorbei. Sie wirbelte herum – und sah, wie der Strahl Zorda traf. Der Drache bäumte sich auf, ein markerschütternder Schrei durchschnitt die Nacht. Der Strahl hatte ihn durchbohrt, direkt durch die Brust. Dunkles Blut spritzte in einem schockierenden Bogen über den Schnee. Dampf stieg auf, wo es die Kälte berührte. „Z-Zorda?!“ Cynthas Stimme war ein Aufschrei. Sie stolperte vor, taumelte zu ihm, die Hände ausgestreckt, als wollte sie ihn einfach festhalten und dadurch heilen. Doch da war er schon bei ihr. Der Mann hatte sich mit erschreckender Geschwindigkeit bewegt, raste an Franca vorbei, erreichte Cyntha in einem Herzschlag. Er trat ihr mit brutaler Präzision die Beine weg – sie fiel hart in den Schnee, keuchend, benommen. Dann drehte er sich zu Franca um. „Willst du jetzt reden?“ fragte er, seine Stimme wie ein Messer, das langsam angesetzt wird. Franca spürte, wie Wut in ihr aufstieg. Heiß, brennend, rein. Cyntha war keine Aldobrandini. Nicht ihre Familie. Nicht ihr Blut. Aber in allem, was zählte, war sie mehr als das. Eine Schwester im Geist. Eine Verbündete im Feuer. Langsam hob Franca den Hammer. „Mein Name ist Franca Aldobrandini“, sagte sie mit fester Stimme. „Achte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Und wie heißt Ihr?“ Der Mann die Kapuze zurück. Darunter kamen Augen zum Vorschein – tiefschwarz, ohne Iris, doch in der Mitte leuchtete je ein winziger, blauer Punkt, wie eine Sternenexplosion im schwarzen Nachthimmel. Dunkle Adern zogen sich über sein Gesicht, als würde etwas unter der Haut kriechen. Und dann – grinste er. ,,Ich bin Atorm.’’ -------------------------------------------------------------------------- Atorm blickte Franca mit durchdringenden Augen an, in denen ein Hauch von Neugier aufglomm. „Atorm“ , wiederholte sie in Gedanken. Den Namen hatte sie noch nie gehört. Er legte den Kopf schief. „Von dir wusste ich nichts. Du bist keine der ursprünglichen Kopfgeldjäger, oder?“ Seine Stimme klang nüchtern, fast respektlos. Dann hob er eine Hand und begann an seinen Fingern abzuzählen. „Yang, Bournadette Lacroix, Bunj, Zuphoor, Cyntha, Colart, Vital, Nea, Hepma, Varragil. Zwei von ihnen – Bunj und Colart – sind bereits tot.“ Franca erstarrte. Seine Liste war eindeutig veraltet, sie war knapp anderthalb Jahre alt. Er war nicht auf dem aktuellen Stand. Ihre Gedanken wirbelten: Die Namen der Neuen – sie fehlten komplett. Offenbar ruhte sein Wissen auf alten Informationen. „Ich hab’s“, sagte Atorm nachdenklich und klang dabei fast überrascht. „Geh zurück in die Kaiserstadt und sag Yang, sie soll hierherkommen.“ Franca holte tief Luft. Yang herauszufordern, das war Selbstmord. Die souveräne Herrin der Kaiserlichen, immer an der Seite des Kaisers. Niemand wagte es. Es gab keinen, der es wagen konnte und lebend zurückkehrte. Der Mann war verrückt. Dachte er, sie wäre außerhalb der Kaiserstadt schwächer? Franca spürte immer noch die Angst in ihrem Herzen. Und doch strotzte sie vor Entschlossenheit – und einem brennenden Funken Trotz. „Und wenn ich ihr das ausrichte“, fragte sie leise, „lässt du uns dann gehen?“ Atorm nickte knapp, ohne sein kühles Lächeln zu verlieren. Franca spürte, wie sich in ihrem Inneren Wut formte, wild und unbezwingbar. „Was auch immer“ , dachte sie, „wenn er uns dafür am Leben lässt, dann werde ich Yang die Nachricht überbringen – und seinen Tod herbeiführen.“ „Gut“, bestätigte Franca. „Ich werde es ihr ausrichten.“ Mit jeder Faser ihres Körpers zwang sie sich, langsam einen Schritt nach vorn zu machen. Ihr Herz hämmerte in der Brust, die Angst schrie in ihrem Inneren – doch sie ignorierte sie. Höherer Zweck, höhere Pflicht. Sie kniete sich neben Cyntha, deren Blick leer auf den leblosen Körper Zordas gerichtet war. Die Verwundung, die Atorm ihr zugefügt hatte, glänzte blutig an ihrem Bein. Cyntha wirkte so zerbrechlich, so weit weg von der stolzen Kriegerin, die sie gewesen war. „Lass uns gehen, Cyntha“, flüsterte Franca und streckte die Hand aus, um sie hochzuziehen. Doch in dem Moment, in dem ihre Finger Cynthas Hand berühren sollten, erklang Atorms Stimme erneut – kalt, schneidend. „Mein Fehler“, sagte er, als hätte er einen erneuten Gedankenblitz, „natürlich lasse ich nur dich am Leben, Franca Aldobrandini.“ Bevor Franca reagieren konnte, spürte sie, wie Atorm einen Schritt vortrat. Ein leises Knacken. Dann sah sie, wie seine Stiefelspitze auf Cynthas Hals aufgesetzt wurde – ein Akt brutaler Egalität. Das scharfe Geräusch, als Knochen brach, ließ Franca das Blut in den Adern zusammenschießen. Cyntha zuckte einmal, ihre Augen trübten ein, wurden glasig. Aus ihrem Mund rann dunkles Blut an den blassen Lippen hinab. „DU…!“ begann Franca schreien, doch ihr blieb die Luft weg. Ein heftiger Schlag traf sie direkt in die Magengrube, riss ihr den Atem heraus. Schwarz umfing sie die Welt, und sie sank in die Knie, gefangen zwischen Schmerz und Ohnmacht. -------------------------------------------------------------------------- Als Franca wieder zu sich kam, war es bereits Tag. Die Welt um sie wirkte still, fremd, beinahe leblos. Die Sonne war kaum mehr als ein matter Fleck hinter dichten, grauen Wolken – ein Lichtschein ohne Wärme. Der Wind strich eisig über die verlassene Ebene, schnitt ihr ins Gesicht wie mit kleinen Klingen. Schneekristalle tanzten in der Luft, funkelten im schwachen Licht, als wollten sie die Spuren des Grauens überdecken, das sich hier erst Stunden zuvor abgespielt hatte. Ein krampfartiger Husten schüttelte ihren Körper. Franca krümmte sich, keuchte, spürte die brennende Übelkeit in ihrer Kehle aufsteigen – und erbrach sich. Der Schnee vor ihr färbte sich hellgelb. Der Schmerz in ihrer Magengrube war dumpf, aber bei jedem Zucken stechend, wie ein inneres Echo von Atorms Schlag. Noch schlimmer aber war die pochende Qual in ihrer linken Schulter – die Wunde hatte sich entzündet. Jeder Atemzug fühlte sich an, als würde jemand ein glühendes Messer durch ihr Fleisch ziehen. Wo war Atorm? Panik blitzte kurz auf, doch als sie sich umblickte, wich sie dumpfer Erleichterung. Keine Spur von ihm. Keine Präsenz, keine Bewegung. Nur Schnee, nur Wind. Nur Leere. Langsam, zitternd, zwang sie sich aufzustehen. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, ihr Kopf hämmerte, als würde ihr Schädel jeden Moment bersten. Doch sie konnte nicht liegenbleiben. Nicht jetzt. Nicht hier. Ihr Blick wanderte zu der Stelle, an der Cyntha gelegen hatte. Und da war sie noch immer. Cyntha – regungslos, das Gesicht friedlich, beinahe entrückt. Neben ihr Zorda, der gewaltige Drache, der sie so oft getragen, beschützt und geliebt hatte. Auch er lag still. Wie eine Statue aus längst vergangener Zeit. Der Tod hatte sie beide geholt. Und nur Franca war zurückgeblieben. Etwas schnürte ihr die Kehle zu. Keine plötzliche Explosion von Trauer – sondern ein lähmendes Gewicht, das sich langsam, stetig in ihr ausbreitete. Ein Schatten, der aus ihrem Inneren wuchs und sie erfasste. Es gab keine Tränen – nur Leere. Nur diesen bohrenden, brennenden Schmerz, der kein Ende kannte. Langsam kniete sie nieder, legte eine zitternde Hand auf den gefrorenen Boden neben Cyntha. Ihre Finger sanken nicht ein – der Schnee war hart geworden, gefroren wie alles in ihr. Mit der Rechten griff sie nach Gendihr. Der Runenhammer vibrierte sanft – nicht vor Zorn, sondern fast wie… Trost. Als würde er ihre Trauer verstehen. „WOLKENGRAB!“ rief sie. Ihre Stimme war rau, brüchig, kaum mehr als ein Hauch. Und doch trug der Wind die Worte fort, als wären sie ein Gebet. Die uralte Magie folgte ihrem Ruf. Zuerst begann der Schnee um die Körper von Cyntha und Zorda zu glimmen. Dann lösten sich ihre Umrisse langsam auf – nicht grausam, nicht ruckartig. Sondern in Würde. In Licht. In Erinnerung. Staub, der aufstieg. Glühende Fragmente, die der Wind sanft aufnahm und mit sich nahm. Franca sah zu, wie sie gingen. Sah, wie sie der Welt entglitten, aufstiegen, in den Himmel, in den Nebel. Fort. Fort von Blut, Schmerz und Kampf. Warme Tränen liefen über ihre Wangen. Sie wischte sie nicht weg. „D-du hast das Fliegen geliebt, Cyntha…“ murmelte sie. Ihre Stimme brach ab. Ihre Lippen zitterten, doch sie zwang sich, weiterzusprechen. „Jetzt wirst du für immer mit dem Wind reisen.“ Sie senkte den Kopf, verharrte für einige lange Sekunden in Stille. Dann presste sie die Lippen zusammen, zwang sich aufzustehen. Jede Bewegung war eine Qual. Die Wunde an ihrer Schulter brannte wie Feuer. Und trotzdem – sie band den Hammer auf ihren Rücken. Dann begann sie zu gehen. Kein Ziel. Nur ein Schritt. Und noch einer. Sie wusste, wohin sie musste. Yang. Bericht. Heilung. Schlaf. Aber mit jedem Schritt, den sie machte, wuchs etwas anderes in ihr. Das Bewusstsein. Sie hatte verloren. Alles. Ihre Familie würde sie verdammen. Die Aldobrandinis würden nicht vergessen, was geschehen war. Ein solcher Misserfolg ließ sich nicht schönreden. Und gerade sie – die Unvollkommene, die Unfruchtbare, die Außenseiterin – hatte sich beweisen wollen. Hatte zeigen wollen, dass sie würdig war. Doch sie hatte versagt. Cyntha war tot. Luca. Luca Aldobrandini. Ihr Cousin. Der Mann, den Yang ihr befohlen hatte zu töten. Und sie hatte ihn verschont. Aus Mitleid. Aus familiärer Schwäche. Aus Feigheit. Und wozu? Sie wusste, dass nur ein kompletter Sieg als ehrenvoll angesehen wurde. Gerade ihr würde man die Rückkehr nicht verzeihen. Warum hatte sie sich ihrer Familie so sehr beweisen wollen? ,,Warte auf mich Luca. Ich bringe dich um. Und irgendwann… werde ich Vater töten.’’











