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  • Kapitel 130 - Der Tag, an dem der Ozean den Krieg verschlang

    Als Leyla ihre Augen wieder öffnete, fiel ihr Blick auf Sandyr. Sein Gesicht war voller Entsetzen, seine Augen weiteten sich, als wollte er nicht glauben, was er sah. Neben ihm stand ein weiterer Merid, gekleidet in einen langen, goldenen Mantel. Eine prächtige Krone saß auf seinem Haupt und unterstrich die königliche Würde, die er ausstrahlte. König Nereus? Also hatte Sandyr doch gezögert. Er hatte kalte Füße bekommen und den König mit ins Spiel gebracht. Ein bitteres Lächeln zuckte über Leylas Lippen, doch es verweilte nur einen Moment, bevor es verging. ,,Leyla, hör auf! Ich möchte nicht mehr, dass Mylrie zerstört wird!’’ Sandyrs Stimme war verzweifelt, sein Flehen hallte durch die Kammer. Doch sie hörte nicht hin. Es war ihr nie um Mylrie gegangen. Die Stadt war nicht mal ein Hindernis, nur ein Kollateralschaden auf dem Weg zu dem, was wirklich zählte. In dem Moment, als sie sich zwischen dem Runenstein und der Stadt entscheiden musste, hatte sie Mylrie längst aufgegeben. Unnötige Opfer verhindern – das hatte sie sich geschworen. Doch dieses Opfer war unvermeidlich. Und jetzt war es ohnehin zu spät. Die Verbindung zwischen ihr und dem Stein war bereits vollendet. Die uralte Energie hatte sich in ihr festgesetzt, war mit ihr verschmolzen. Sie konnte es spüren – die Magie war nun Teil ihres Wesens, floss durch ihre Adern wie das Wasser, das sie umgab. Die massiven Wächter des Steins schwebten um sie herum, ihre stachelbewehrten Körper ruhig, beinahe ehrfürchtig. Sie atmeten mit ihr, bewegten sich mit ihr. Sie war Teil dieser Welt geworden. Doch sie hatte keine Zeit, diese neu gewonnene Kraft zu verstehen oder zu erkunden. Sie würde trainieren müssen, Wassermagie meistern, bevor sie mit der neuen Kraft so geschickt werden würde, wie mit ihrer Erdmagie. ,,Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg.’’ Ihre Worte waren ehrlich. Ein tiefer, fast schmerzhafter Wunsch. Wenn es einen anderen Weg gegeben hätte, dann hätte sie ihn genommen. Doch es gab keinen anderen Weg. Sie hob langsam die Hand und legte ihre Finger auf die massive, graue Wand der Kammer. Ein lautloses Flüstern durchzog das Wasser, ein unsichtbarer Befehl, der sich durch den Stein fraß. Ihre Magie floss in ihn hinein, nicht mit Gewalt, sondern mit einer unaufhaltsamen, beherrschenden Kraft. Das alte Gestein begann zu beben. Ein tiefes, donnerndes Knirschen erfüllte den Raum, als Risse über die Oberfläche der Wand krochen. —KRRRR— Der Stein öffnete sich, hinter ihm erblickte Leyla die dunklen, endlosen Tiefen des offenen Meeres. Wellen strömten in die Kammer, kühl und lebendig, als hätten sie nur darauf gewartet, sich mit ihrem Quell zu vereinen. Das Wasser riss an Leyla, zog sie in seine Arme, hieß sie willkommen wie eine Mutter ihr Kind. Freiheit. Hinter ihr brach die Barriere der Luftkammer endgültig zusammen. Sandyr und Nereus wurden von den Fluten erfasst. Das Wasser drang durch die Mauern, füllte die Kammer mit rasender Geschwindigkeit. Doch Leyla wusste, dass sie nicht sterben würden – die Meriden konnten unter Wasser atmen. Sie würden überleben. Aber sie würden sie nicht mehr aufhalten können.  Noch einmal blickte sie zurück. Auf Sandyr. Auf den König. Auf alles, was sie hinter sich ließ. Dann breitete sie die Arme aus und ließ ihre Magie durch ihre Hände strömen. Das Wasser folgte ihrem Ruf. Eine kraftvolle Welle brach unter ihr hervor und trug sie mit sich, katapultierte sie durch die Öffnung hinaus, in das endlose Blau des Meeres. Ihre Bewegungen waren noch unkontrolliert, ihre Kraft wild und unerforscht, doch sie war zielstrebig. Die Stadt, die Kammer, die Vergangenheit – all das verschwand hinter ihr. Und mit jedem Meter, den sie sich entfernte, spürte sie es deutlicher. Ein Runenstein hatte sie erneut verändert. Und nun gehörte ihr das Meer. - ------------------------------------------------------------------------- Während Leyla durch den Ozeans schoss, entfaltete sich vor ihr eine Welt, die sie nie zuvor aus dieser Perspektive gesehen hatte. Korallenriffe in allen erdenklichen Farben schwankten sanft in den Strömungen, schillernde Fischschwärme zogen in synchronen Formationen durch das Wasser, ihre silbernen Schuppen reflektierten das Sonnenlicht in zahllosen flackernden Lichtspielen. Riesige Rochen glitten schwerelos durch die Weiten, während Haie mit ruhiger, tödlicher Eleganz durch die Schatten schwebten. Tief unten, verborgen im sandigen Grund, ruhten die Überreste vergessener Schiffe, ihre Rümpfe von Muscheln und Algen überwuchert. Ihre einst wertvollen Schätze lagen verstreut zwischen geborstenen Planken – glitzernde Juwelen, rostige Schwerter, von der Zeit verschlungene Truhen. Das Meer war gewaltig, unergründlich, wunderschön. Freiheit. Leyla hielt nicht an, sie hatte keine Zeit, sich in der Schönheit dieser Welt zu verlieren. Im Norden, jenseits der stillen Tiefen, tobte bereits die erste Schlacht. Die kaiserliche Flotte hatte die Verteidigungslinien der Tabakinseln erreicht. Goldene Segel trafen auf weiße, eiserne Rümpfe auf kunstvoll geschnitzte Holzschiffe. Der Krieg hatte begonnen – unausweichlich, gnadenlos. Leyla wusste, was ein langer Krieg bedeutete. Nicht nur die Soldaten auf den Schiffen würden sterben – es waren immer die Zivilisten, die den höchsten Preis zahlten. Wochen, Monate, vielleicht Jahre des Hungers, Dörfer, die in Flammen aufgingen, Familien, die auseinandergerissen wurden. Plündernde Soldaten, die sich an den Schwächsten vergingen. Kinder, die ihre Eltern in den Trümmern verloren. Nach dem Krieg würde der Hass bleiben. Die Menschen auf den Tabakinseln würden das Kaiserreich nicht als neue Ordnung, sondern als Eroberer sehen, als Tyrannen. Jede zerstörte Stadt, jedes niedergebrannte Haus, jeder ermordete Zivilist würde ihre Wut schüren, ihre Ablehnung vertiefen. Sie würden nicht in Frieden leben, sondern in einer ständigen Rebellion, getrieben von dem Schmerz, den die Kaiserlichen ihnen zugefügt hatten. Das durfte sie nicht zulassen. Wenn sie die Flotte der Tabakinseln versenkte, wäre der Krieg vorbei, bevor er richtig begonnen hatte. Ein schneller, endgültiger Schlag. Keine Invasion, keine Massaker. Trotzdem sie musste vorsichtig sein. Der Runenstein in ihr pulsierte wie ein Herz, sein Rhythmus wurde schneller, je näher sie der Schlacht kam. Er wollte entfesselt werden. Sie konnte seine Macht spüren – anders als die des Runensteins der Erde, der ruhig und unbeirrbar gewesen war. Dieser hier war wild und unberechenbar. Es war, als würde das Meer selbst sich danach sehnen, seine ganze Kraft zu entfesseln. Leyla spürte, wie die Strömungen um sie herum stärker wurden, wie das Wasser in ihrem Körper vibrierte, als wäre sie selbst ein Teil der Tiefe geworden. Dann hörte sie es. Dumpf, durch das Wasser gedämpft, aber dennoch klar.  Das Donnern der magischen Kanonen. Das Klirren von Metall, das Bersten von Holz. Das Meer schien ihr die Geräusche zuzuflüstern, als wolle es ihr den Weg weisen. Sie änderte ihre Richtung, ließ sich von den Strömungen tragen – und dann sah sie sie. Vor ihr, kaum hundert Meter entfernt, erstreckte sich das Herz der Schlacht. Die Schiffe der kaiserlichen Flotte bildeten eine massive Linie, ihre goldenen Segel spannten sich gegen den Wind, während die ersten Reihen der Tabak’schen Verteidigung sich formierten. Pfeile zischten durch die Luft, brennende Körper stürzten ins Wasser, das von Blut und Feuer getränkt war. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla verlangsamte ihre Bewegung, ließ sich lautlos einige Dutzend Meter unter der Wasseroberfläche treiben. Um sie herum war nur das gleichmäßige Schwingen des Ozeans, ein sanftes Wiegen inmitten des drohenden Sturms. Sie blickte nach oben, beobachtete die Männer an Deck der Schiffe. Junge Soldaten, kaum älter als sie selbst, standen in Reih und Glied, die Hände verkrampft um die Griffe ihrer Waffen. Keine Krieger aus Überzeugung, sondern Jungen, die in einen Krieg geschickt worden waren, weil es ihr Befehl war. Ihre Augen waren hart, aber nicht mit Hass erfüllt – nur mit Pflichtbewusstsein, mit Angst, mit der unausweichlichen Realität dessen, was auf sie zukam. Leyla spürte einen stechenden Schmerz in der Brust. Wie sollte sie vorgehen? Bis heute hatte sie nie Wassermagie eingesetzt. Sie wusste nicht, wie viel Kraft sie entfesseln konnte – oder wie viel zu viel sein würde. Was, wenn sie nicht nur die Flotte versenkte, sondern den Ozean selbst gegen jene richtete, die nichts mit diesem Krieg zu tun hatten? Was, wenn sie erneut ein Massaker anrichtete, so wie damals in Welldyl? Tief in ihrem Inneren vibrierte der Runenstein des Meeres, pulsierte wie ein zweites Herz in ihrer Brust. ,,Lass einfach alles raus.’’ Die Stimme war gleichzeitig hell und fröhlich, wie die Brise auf offener See, aber auch tief und grollend, wie das Rauschen eines uralten Sturms, der sich in den dunklen Gräben des Meeres sammelte. Sie schüttelte den Kopf, als könnte sie die Worte damit vertreiben, als könnte sie das Pochen der Magie in ihrem Inneren zum Schweigen bringen. Egal, wie viele Runensteine sie absorbierte, egal, wie mächtig sie wurde – sie durfte nicht zu einem Werkzeug blinder Zerstörung werden. Sie war es, die entschied. Nicht die Steine. Nicht die Macht. Langsam ließ sie sich näher an die Wasseroberfläche treiben, bis ihr Kopf durchbrach. Die kalte, salzige Luft schlug ihr ins Gesicht, der Wind fuhr durch ihr nasses Haar. Für einen Moment schloss sie die Augen, sog den Geruch des Meeres in sich auf. Dann stellte sie sich eine Fontäne vor, eine Wassersäule, die sie hoch in die Luft trug – hoch genug, um das gesamte Schlachtfeld zu überblicken. Das Meer reagierte sofort. Das Wasser bäumte sich unter ihr auf, riss sie mit sich, hob sie empor, bis sie hoch über der Flotte thronte. Unter ihr lag die tobende Schlacht. Hundert, vielleicht zweihundert Schiffe der Tabakinseln gegen die überlegene kaiserliche Marine. Goldene Segel gegen kunstvoll geschnitzte Holzrümpfe, magische Kanonen gegen Pfeile und Brandgeschosse. Die Männer auf den Schiffen hielten inne. Kaiserliche Soldaten unterbrachen ihre Kämpfe, richteten ihre Blicke nach oben. Dann brandeten erste Jubelschreie auf. Sie hatten sie erkannt. Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Es war selten, dass Kopfgeldjäger direkt in Schlachten eingriffen. Sie ignorierte die Rufe. Sie war nicht hier, um für das Kaiserreich zu kämpfen. Sie war nicht hier, um Ruhm zu erlangen. Sie war hier, um diesen Krieg zu beenden. Ein seltsames Gefühl stieg in ihr auf. Der salzige Duft des Windes, das Rauschen der Wellen, das Gefühl von Wasser unter ihren Füßen – es kam ihr seltsam vertraut vor. Ein Hauch von Nostalgie überfiel sie, ein vages Echo aus einer Zeit, an die sie sich nicht erinnern konnte. Sie war noch nie auf See gewesen. Oder doch? - ------------------------------------------------------------------------- Leyla blickte in das strahlende Gesicht ihrer Mutter. Ihre Augen leuchteten vor Freude und Stolz, während der warme Sommerwind ihr sanft die dunklen Locken aus dem Gesicht strich. Heute war ihr sechster Geburtstag, und ihre Eltern hatten sich eine ganz besondere Überraschung für sie ausgedacht – eine Fahrt nach Helgoland. Der Katamaran hatte den Hamburger Hafen bereits hinter sich gelassen und schnitt nun mit beeindruckender Geschwindigkeit durch das offene Meer. Die Wellen brachen sich sanft am Bug, das Wasser kräuselte sich in eleganten Mustern, als wollte es mit dem Schiff tanzen. Die Sonne spiegelte sich in den kleinen, silbernen Kämmen der Wogen, ließ das Meer funkeln wie ein endloser Teppich aus flüssigem Licht. „Und? Gefällt es dir?“ fragte ihre Mutter sanft, während sie sich zu ihr hinunterbeugte. Leyla riss ihren Blick von der Weite des Ozeans los und sah ihre Mutter an. Ihre Stimme war warm, voller Liebe und Geborgenheit, die sanften, braunen Augen machten sie noch schöner. Leyla nickte begeistert. „Ja, es ist super!“ rief sie, ihre Stimme voller Aufregung. Dann wandte sie sich wieder dem Wasser zu, lehnte sich über die Reling und klammerte sich mit ihren kleinen Fingern an das kalte Metall. Fasziniert beobachtete sie, wie die Wellen in stetigem Rhythmus gegen den Rumpf des Schiffes schlugen, als wollten sie ihm leise Geheimnisse zuflüstern. „Dann war es ja das richtige Geschenk für unseren Engel, nicht wahr, Sabrina?“ Leylas Vater lachte, ein warmes, herzhaftes Lachen, das sich mit dem Wind vermischte. Seine starke Hand legte sich schützend auf ihre Schulter – ein sanfter, aber bestimmter Griff, als wollte er sie daran erinnern, dass er immer da war, um sie aufzufangen, falls sie stolperte. „Ja, es war eine wunderbare Idee, Thomas“, erwiderte Sabrina mit einem sanften Lächeln. Sie tauschten einen kurzen Blick, voller Liebe und Stolz für das kleine Mädchen, das zwischen ihnen stand – ihre Tochter, ihr größter Schatz. Doch Leyla bemerkte es kaum. Ihre Welt war in diesem Moment das Meer. Die unendliche Weite, der endlose Horizont, die weißen Möwen, die kreischend über ihnen kreisten, während sie sich von den Aufwinden tragen ließen. Am Himmel zogen Flugzeuge feine, weiße Linien, als würden sie die Unendlichkeit mit unsichtbaren Fäden durchziehen. Sie konnte sich nicht sattsehen. Die Welt schien so riesig, so voller Möglichkeiten, als könnte sie alles entdecken, wenn sie nur weit genug hinausblickte.  Der Wind wehte ihr die Haare ins Gesicht, ließ sie wild und frei flattern, wie ein dunkles Banner, das in der salzigen Brise tanzte. Dieser Geruch. Das Salz in der Luft, das leise, beständige Rauschen der Wellen – sie kannte es, sie liebte es. In Hamburg, ihrer Heimatstadt, trug der Wind es manchmal vom Hafen zu ihnen nach Hause. Aber hier draußen, auf dem offenen Meer, war es anders. Stärker. Reiner. Als wäre es direkt aus der Tiefe des Ozeans aufgestiegen, nur für sie. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, während sie tief einatmete. Und auch wenn Leyla nicht mehr in ihrer Heimatwelt war, auch wenn sie alle Erinnerungen an ihr altes Leben verloren hatte, auch wenn es nichts gab, was sie noch mit ihrer Vergangenheit verband – der salzige Geruch des offenen Meeres würde für immer in ihr verankert bleiben. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla verscheuchte die aufkeimenden Gefühle aus eine Vergangenheit, die ihr unbekannt und doch unheimlich vertraut war. Jetzt war nicht die Zeit für Gedanken, die nur wie Schatten am Rand ihres Bewusstseins lauerten, unendlich fern und doch so nah. Vor ihr breitete sich die Flotte der Tabakinseln aus – eine riesige Ansammlung von Schiffen, die sich im Rhythmus des Krieges bewegten. Die weißen Segel hoben sich scharf von den goldenen Bannern des Kaiserreichs ab, ein Kontrast, der sie nur noch angreifbarer machte. Gut. Es würde ihr die Entscheidung erleichtern. Doch was sollte sie tun? Eine gewaltige Welle heraufbeschwören, um die Schiffe zu verschlingen? Kanonenkugeln aus Wasser formen, um die Masten und Rümpfe zu durchbohren? Nein. Das war nicht genug. Sie brauchte etwas Absolutes. Etwas Endgültiges. Einen einzigen Angriff, der die Schlacht und vielleicht sogar den gesamten Krieg mit einem Schlag beenden würde. Leyla hob langsam die Hände, spreizte die Finger leicht, als könnte sie die Kraft des Ozeans durch ihre Adern lenken. Sofort begann ihre Aura zu flackern – ein kaltes, pulsierendes Blau, gemischt mit einem Hauch von braun, das die Luft um sie herum vibrieren ließ. Das Licht spiegelte sich auf den nassen Holzplanken der Schiffe, ließ die Gesichter der Soldaten geisterhaft wirken. Ihre Augen begannen zu leuchten. In ihren Gedanken formte sich ein Strudel, der aus dem Herzen des Meeres emporstieg und die Flotte verschlang. Sie stellte sich vor, wie das Meer nach den Schiffen griff und sie in seinen Magen zog.  Einen gewaltigen Mahlstrom, geboren aus den Tiefen des Ozeans, stärker als jede Waffe, unaufhaltsam wie der Tod. Ein Schauer lief über ihren Rücken, als sich ihr Mana in das Wasser ergoss, als es mit den Strömungen verschmolz, als das Meer ihren Befehl mit Freuden entgegennahm. Unter ihr regte sich etwas. Die Meeresoberfläche begann sich zu verdunkeln. Nicht plötzlich, nicht hektisch – sondern mit bedrohlicher, langsamer Unaufhaltsamkeit. Die Wellen bäumten sich auf, wuchsen, türmten sich zu grotesken Höhen, ihre Kämme schäumten in heller Gischt. Und dann begann es. Zuerst kaum sichtbar. Ein sanftes Ziehen, ein kaum merkliches Schieben. Die Schiffe wankten, als hätte sich unter ihnen eine unsichtbare Strömung gebildet. Ein leises Ächzen ging durch die Flotte, Holz knarrte, Seile wurden straff gezogen. Dann wurde die Bewegung stärker. Die Schiffe begannen zu kreisen. Langsam. Dann schneller. Der Strudel hatte sie erfasst. Die Wucht riss sie mit sich, zwang sie in einen gewaltsamen Tanz. Die Masten ächzten unter der Last des Sogs, die Segel flatterten wie verängstigte Vögel im Wind.  Die ersten Schreie erreichten Leylas Ohren. Panik. Verzweiflung. Die Angst vor dem unausweichlichen Abgrund. Leyla hörte sie. Doch sie fühlte nichts. Der Runenstein der Erde, tief in ihr, verschlang jedes Zögern, jede Unsicherheit. Er ließ ihr keine Wahl. Einige kaiserliche Schiffe wurden ebenfalls vom Strudel erfasst. Sie wurden mitgerissen, taumelten hilflos in der sich drehenden Wasserwand. Doch es war Leyla egal. Das Kaiserreich bedeutete ihr nichts. Die Soldaten, die sie bejubelt hatten, hielten sie jetzt vielleicht für eine Retterin. Vielleicht aber auch für ein Monster. Doch es spielte keine Rolle. Nicht mehr. Der Strudel hatte mittlerweile die gesamte Flotte erfasst. Er war so gewaltig, dass er ohne Probleme die gesamte Kaiserstadt hätte verschlucken können.  Die ersten Schiffe erreichten den Mittelpunkt. Sie zerschellten. Ihre Rümpfe brachen unter dem gewaltigen Druck, wurden auseinandergerissen wie Spielzeug in einer Kinderhand. Segel, Masten, Holz – alles verschwand in der unergründlichen Dunkelheit des Wassers. Einer nach dem anderen wurden die weißen Segel in den gähnenden Abgrund gezogen, als hätte das Meer beschlossen, seine eigene Beute zu verschlingen. Das Tosen des Wassers war ohrenbetäubend, lauter als die Schreie, lauter als das Ächzen des zerbrechenden Holzes. Lauter als alles andere. Und dann – Stille. Der letzte Mast versank. Der letzte Schrei verstummte. Die letzte Luftblase platzte an der Oberfläche. Und das Meer beruhigte sich. Die Wellen glätteten sich, die dunklen Strömungen zerstreuten sich, als wäre nie etwas gewesen. Der Strudel löste sich auf, seine Spuren verwischten sich, als hätte sich das Meer sattgegessen und beschlossen, wieder zur Ruhe zu kommen. Leyla ließ ihre Hände sinken. Das blaue Leuchten in ihren Augen erlosch. Die Schlacht war vorbei. Die Flotte der Tabakinseln existierte nicht mehr. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla atmete tief ein, spürte, wie die salzige Luft ihre Lungen füllte, rau und belebend zugleich. Dann ließ sie die Wassersäule, die sie noch immer in der Luft hielt, langsam nachgeben. Das flüssige Konstrukt, das sie getragen hatte, zerfiel in tausend Tropfen und fiel zurück ins Meer. Auch sie selbst sank mit ihm, ließ sich einen Moment lang von den Wellen verschlingen, als wäre sie ein Teil von ihnen. Das kühle, stille Reich unter der Oberfläche umhüllte sie, beruhigte sie, löschte die letzten Spuren der Anstrengung, bevor sie mit einem leichten Schwall wieder auftauchte. Ihre Augen richteten sich auf das gewaltige Kronschiff der kaiserlichen Marine – die Barbarossa. Das unsinkbare Schiff. Ein schwimmender Koloss aus schwarzem Eisen und vergoldetem Holz, größer als jedes andere Kriegsschiff in dieser Schlacht. Die Masten ragten wie Türme in den Himmel, die Segel waren mit dem Wappen der Flotte des Kaiserreichs bestickt – eine goldene Krone, umgeben von zehn silbernen Wellen. Auch jetzt, nach der vollständigen Vernichtung der Tabak’schen Flotte, thronte das Schiff über den ruhigen Wassern wie ein Symbol der Unbesiegbarkeit. Leyla ließ sich von den Wellen an die Oberfläche treiben, dann spannte sie ihre Muskeln an und schoss mit einem einzigen, kraftvollen Sprung aus dem Wasser. Sie landete federleicht auf dem harten Holzdeck der Barbarossa, ihre Bewegungen elegant, aber voller Entschlossenheit. Kaum hatte sie den Boden berührt, verstummte das Gemurmel auf dem Schiff. Einige der Soldaten rissen die Arme in die Höhe, jubelten und riefen ihren Namen. Ihre Stimmen hallten über das Deck, voller Bewunderung und Erleichterung. Sie hielten sie für eine Heldin, für die Retterin, die ihnen den größten Sieg des Krieges geschenkt hatte. Andere hingegen schienen wie erstarrt. Ihre Augen waren geweitet, ihre Mienen von etwas durchzogen, das zwischen Ehrfurcht und Angst schwankte.  Leyla ignorierte sie alle. Ihre Beine fühlten sich schwer an. Die Erschöpfung war jetzt deutlich spürbar, ein dumpfes Zittern in ihren Muskeln, das sie zwang, sich langsam zu bewegen. Doch sie hatte noch keine Zeit, sich auszuruhen. Sie richtete ihren Blick auf die Soldaten, die sie umringten. „Holt euren Admiral“, befahl sie, ihre Stimme fest und unerschütterlich. „Ich möchte mit ihm reden.“ Ein junger Elf, kaum älter als achtzehn, schrak aus seiner Starre auf, seine Haltung wurde steif vor Respekt. „Jawohl, Edle Miss Leyla!“ Seine Stimme bebte leicht, als hätte er Angst, dass er sich durch bloße Verzögerung ihren Unmut zuziehen könnte. Er drehte sich abrupt um und rannte unter Deck, um den Admiral zu holen. Leyla ließ sich auf ein Fass sinken, ihre Arme ruhten auf ihren Oberschenkeln, ihr Blick glitt über das Meer. Die Sonne versank langsam hinter dem Horizont, tauchte den Himmel in ein Gemisch aus violetten, goldenen und tiefroten Tönen. Die Farben des Abends breiteten sich wie ein lebendiges Gemälde über das friedliche Wasser aus. So friedlich, dass der Anblick fast grotesk wirkte. Hätte sie denselben Zauber mit dem Runenstein der Erde gewirkt, wäre alles außer Kontrolle geraten. Sie erinnerte sich noch genau an die rohe, überwältigende Kraft der Erde, wie er sich gegen sie gestemmt hatte, sich nur in Bruchstücken zähmen ließ. Er hatte seine Macht nie freiwillig gegeben – er hatte sie gezwungen, sie sich entschlossen zu nehmen. Doch der Runenstein des Meeres war anders. Er hatte mit ihr gearbeitet. Er hatte ihr gegeben, was sie verlangte – mit Leichtigkeit und voller Freude. Er war fließend. Formbar. Wild und doch vertraut. Sie hörte Schritte hinter sich. Schwer. Bestimmt. [???] ,,Edle Miss Leyla, wollen wir uns nicht in meiner Kajüte unterhalten?’’ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla musterte den Admiral, der sich vor ihr aufgebaut hatte. Er war ein junger Mann von imposanter Statur, seine Schultern breit, sein Rücken kerzengerade. Kurzes, blondes Haar lag sauber gekämmt an seiner Kopfhaut, und seine eiskalten blauen Augen verrieten nichts außer unerschütterlicher Disziplin.  Sein schwarzer Mantel, verziert mit sechs Orden, glänzte im Licht der untergehenden Sonne, jeder einzelne ein Beweis für seine Jahre im Dienste des Kaiserreichs. Doch es war nicht Stolz, der in seinem Blick lag, als er sie ansah. Es war Missfallen. Leyla erkannte es sofort – die Spannung in seinem Kiefer, das kaum merkliche Ballen seiner Fäuste. Sie hatte ihm den Ruhm gestohlen, den er für sich beansprucht hatte. Sein Sieg, sein Triumph, sein Moment – mit einem einzigen Zauber hatte sie ihm alles genommen. Ihr war das egal. Sie nickte nur, dann stand sie auf. Ihre Bewegungen waren ruhig, selbstbewusst, als würde ihr das Schiff schon seit Jahren gehören. Der Admiral sagte nichts, sondern drehte sich um und marschierte los, ohne sich noch einmal umzusehen. Sie folgte ihm durch die engen, hölzernen Gänge der Barbarossa, vorbei an Matrosen, die sich ehrfürchtig an die Wand drückten, ihre Blicke gesenkt. Niemand wagte es, ein Wort zu sprechen. Schließlich erreichten sie die Kapitänskajüte. Der Raum war geräumig, größer als Leyla es erwartet hatte. Ein massiver Holztisch nahm den Mittelpunkt des Raumes ein, darauf ausgebreitet eine große Seekarte mit unzähligen eingezeichneten Routen, Hafenmarkierungen und kleinen Notizen in feiner Handschrift. Navigationsinstrumente hingen an den Wänden, daneben ein gut gepflegtes Schwert, das an einem Waffenständer lehnte. Leyla ließ sich ohne zu fragen in die Hängematte fallen, die in einer dunklen Ecke des Raumes hing, und stützte ihren Kopf in die Handfläche. Der Admiral beobachtete sie mit abschätzendem Blick, seine Lippen zu einer dünnen Linie gepresst, doch er schwieg. Stattdessen trat er an seinen Schreibtisch und lehnte sich dagegen, die Arme locker verschränkt. „Euer Erscheinen wurde mir nicht mitgeteilt“, begann er schließlich, seine Stimme hart und unnachgiebig. Sein Blick bohrte sich in sie, kalt wie gefrorenes Wasser. „Ihr habt dem Kaiserreich einen großen Dienst erwiesen.“ Es klang wie ein Kompliment, doch Leyla hörte den Zorn dahinter. Sie hatte seinen Sieg zu ihrem gemacht, und das nagte an ihm. Doch so sehr er sich auch darüber ärgerte – er konnte es sich nicht leisten, ihr offen zu widersprechen. „Mir war es wichtig, den Krieg schnell zu beenden“, erwiderte sie kühl, ohne auch nur zu blinzeln. „Ein gezielter Schlag, der den Widerstand der Tabakinseln mit einem Mal bricht, schien mir die beste Lösung.“ Der Admiral schnaubte leise, seine Kiefermuskeln zuckten. „In der Tat. Eine effektive Lösung.“ Er schwieg kurz, dann nickte er kaum merklich „Beeindruckende Kräfte habt Ihr da, Kopfgeldjägerin.“ Leyla richtete sich in der Hängematte auf, ihre Augen funkelten scharf. „Meine Kräfte gehen Euch nichts an.“ Ihre Stimme war leise, doch sie schnitt wie eine Klinge durch die angespannte Luft. Der Admiral hielt ihrem Blick stand, doch es war kein offenes Misstrauen mehr darin – vielmehr eine gewisse Wachsamkeit. Leyla wechselte das Thema. Als Kaiserliche Kopfgeldjägerin durfte sie im Krieg Befehle erteilen. Natürlich würde sie sich für die Befehle vor Yang verantworten müssen, doch das war kein Problem. „Ich werde die Kapitulation der Tabakinseln morgen erzwingen.“ Sie verschränkte die Arme. „Bis dahin will ich, dass Eure Flotte sich nicht rührt. Keine Kampfhandlungen. Keine Überfälle.“ Der Admiral schürzte die Lippen, sein Blick wurde scharf wie eine Klinge. Er wollte widersprechen. Sie konnte es an der Art sehen, wie sich seine Haltung leicht versteifte, wie seine Finger sich auf der Tischkante verkrampften. Doch er wusste, dass ein Widerstand gegen ihren Befehl ihm nur Probleme bringen würde. „Sehr wohl, Edle Miss Leyla“, sagte er schließlich, seine Stimme kontrolliert, doch das Knirschen seiner Zähne war fast hörbar. Leyla ließ den Moment noch einige Sekunden wirken, dann stand sie auf. „Ich werde heute Nacht auf diesem Schiff schlafen. Habt Ihr eine freie Kabine für mich?“ Der Admiral rührte sich erst nicht. Dann drehte er sich um, öffnete die Tür und rief: „Matrose Kail!“ Fast augenblicklich tauchte der junge Elf von vorhin auf, seine Haltung aufrecht, seine Augen voller Eifer. „Jawohl, Admiral di Lorenzo!“ „Führe die Edle Miss Leyla zu einer der freien Kabinen.“ „Zu Befehl!“ Kail verbeugte sich tief, dann wandte er sich mit fast kindlichem Enthusiasmus an Leyla. „Bitte folgt mir, Edle Miss Leyla.“ Sie trat mit ihm hinaus in den Korridor. Der Matrose führte sie unter Deck, durch schmale Gänge, vorbei an verschlossenen Türen und Wachposten, die sich jedes Mal steif aufrichteten, sobald sie an ihnen vorbeiging. Schließlich erreichten sie einen Bereich mit mehreren großzügigen Kajüten. Kail öffnete eine Tür auf der linken Seite und trat beiseite. „Dies ist Eure Kabine, Edle Miss Leyla.“ Leyla trat hinein. Der Raum war schlicht, doch zweckmäßig. Eine Koje an der Wand, eine kleine Truhe, eine hölzerne Kommode. Ein Bullauge bot einen Blick auf das dunkle Meer, das sich in sanften Wellen gegen das Schiff schmiegte. Sie nickte. „Danke, Kail.“ Sie drehte sich zu ihm um. „Sorge dafür, dass ich nicht gestört werde.“ Der Elf verbeugte sich hastig. „Wie Ihr befehlt!“ Dann verschwand er eilig. Leyla schloss die Kabinentür hinter sich, trat zur Koje und ließ sich hineinfallen. Ein leises Seufzen entwich ihr. Die Müdigkeit kam mit unerwarteter Wucht, legte sich über sie wie eine bleierne Decke. Kaum hatte sie die Augen geschlossen, fiel sie in einen tiefen, traumlosen Schlaf.

  • Kapitel 129 - Der Wunsch nach Freundschaft

    ,,Sandyr, da bist du ja!’’ Nereus’ Stimme klang fröhlich, als Sandyr das neue Arbeitszimmer des Königs betrat. Der alte Raum war verschwenderisch eingerichtet, mit hohen Decken, kunstvollen Wandteppichen und einem massiven Schreibtisch, der mit Karten, Berichten und königlichen Dekreten übersät war. Die Luft roch nach Tinte und altem Papier, nach Macht und Verantwortung. Der neue Raum war schlicht, lediglich der Geruch war geblieben. Nereus stand hinter dem Tisch, ein breites Lächeln auf dem Gesicht, als hätte er gerade eine besonders erfreuliche Nachricht erhalten. Sandyr trat ein, doch seine Gedanken waren woanders. Er dachte an Leyla, die sich im Palast umsah, sich dem Stein näherte. Er hoffte, dass sie ihn finden und an sich nehmen würde. Was für ein Stein es war, welche Kräfte er hatte – das interessierte ihn nicht. Er brauchte keine Details. Er brauchte nur eines: die Zerstörung Mylries. „Danke, Nereus“, sagte Sandyr und zwang sich, ruhig zu wirken. „Leyla gefällt der Palast wirklich gut. Sie wollte sich noch die Glasfassade mit dem Ausblick auf Mylrie ansehen.“ Für einen Moment musterte Nereus ihn, als hätte er in Sandyrs Stimme etwas entdeckt, das nicht ganz passte. Doch der Ausdruck verschwand so schnell, wie er gekommen war. „Ich wollte dir etwas zeigen“, sagte der König dann und trat an das große Fenster seines Arbeitszimmers. Sandyr folgte ihm und blickte hinaus. Der Anblick raubte ihm den Atem. Unten, in den Straßen von Saphirath – dem wohlhabendsten Bezirk Mylries – bewegten sich lange Reihen von Meriden, geschwächt und ausgezehrt. Sie wurden von Soldaten begleitet, die sie in die leerstehenden Paläste der Aristokraten führten. Sandyr erkannte die kranken Körper, die müden Bewegungen, das fahle Blau ihrer Haut. Kiemenstopfung. Die Krankheit, die unter den Armen wütete, die unzählige Leben forderte. Doch es war nicht nur das, was ihn fesselte. Es war die Abwesenheit der Aristokraten. Nirgendwo waren sie zu sehen. Ihre prachtvollen Häuser waren nicht mehr bewohnt. „Ist das—?“ begann Sandyr, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. „Ja“, unterbrach Nereus ihn. Sein Ton war voller Entschlossenheit, sein Blick leuchtete vor Stolz. „Der zweite Schritt des Sandyr-Plans. Die Verpflegung aller an Kiemenstopfung erkrankten Einwohner Mylries.“ Sandyr erstarrte. „Sandyr-Plan?“ fragte er ungläubig. „Ja“, bestätigte Nereus mit einem zufriedenen Nicken. „Der erste Schritt war es, die Aristokraten zu enteignen und aus der Gesellschaft zu entfernen. Jetzt werden wir die Kranken versorgen, sie heilen. Danach folgt der dritte Schritt: Wir verteilen den Reichtum neu, verbessern die Infrastruktur und treiben das Segraina aus den Straßen. Genau so, wie du es vorgeschlagen hast.“ Sandyr ließ sich langsam in einen Stuhl sinken. Er hatte nicht damit gerechnet. Nereus hatte nicht nur zugehört, sondern gehandelt. Seine Worte waren keine leeren Versprechen gewesen – er hatte die Reformen nicht nur angestoßen, sondern in die Tat umgesetzt. Sandyr hatte erwartet, dass Nereus scheitern würde. Dass das Militär sich gegen ihn stellen, dass er unter der Last seines Idealismus zerbrechen würde. Oder aber, dass er alles halbherzig anging und am Ende nicht veränderte. Doch stattdessen… geschah das hier. Ein Plan, den er einst nur als Mittel zum Zweck gesehen hatte – ein Scheinmanöver, um Vertrauen zu gewinnen – war Wirklichkeit geworden. „Ist etwas los, Sandyr?“ fragte Nereus, als er die plötzliche Stille bemerkte. „Soll ich dir etwas zu Essen holen lassen? Brauchst du Ruhe?“ Sandyr schüttelte langsam den Kopf. Er hatte keinen Platz für Ruhe. Er musste sich sammeln. Denn in wenigen Minuten würde alles vorbei sein. Mylrie würde fallen. Er hatte darauf gewartet, geplant, alles darauf ausgerichtet. Seine Rache war greifbar nahe. Doch warum fühlte es sich an, als würde etwas in ihm zerbrechen? Warum tat der Gedanke daran so weh? - ------------------------------------------------------------------------- Sandyr schüttelte sich, als ob er eine unsichtbare Last abschütteln wollte. Diese seltsamen Gedanken, diese Regungen tief in seinem Inneren – sie konnten nicht von ihm stammen. Zweifel? Nein. Er hatte keine Zweifel. Er durfte keine haben. Er hatte sein Ziel immer klar vor Augen gehabt, hatte jahrelang auf diesen Moment hingearbeitet. Nichts sollte ihn davon abbringen. Doch warum fühlte es sich plötzlich so an, als würde der Boden unter ihm wanken? Nereus betrachtete ihn mit Besorgnis. „Habe ich etwas falsch gemacht?“ fragte er sanft. Sandyr schloss kurz die Augen, atmete tief durch. Nein. Nereus hatte nichts falsch gemacht. Es war vielmehr die absurde Realität dieser Situation, die ihn aus dem Konzept brachte. Als er die Augen wieder öffnete, war seine Stimme ruhig und kontrolliert. „Nein“, sagte er schließlich. „Ich bin nur… überwältigt. Ich hatte nicht erwartet, dass es so gut laufen würde.“ Er zwang sich zu einem Nicken. „Du hast meinen Respekt, Nereus.“ Er wollte nicht weiterreden. Wollte nicht in eine Konversation geraten, die ihm weitere Fragen aufzwang, auf die er keine Antwort wusste. Also stand er auf und trat zum Fenster, den Blick starr auf die Stadt gerichtet, die er so sehr hasste. Mylrie. Die Straßen hinter dem Bezirk der Aristokraten lagen friedlich da. Die Meriden gingen ihren täglichen Geschäften nach, Händler riefen lautstark ihre Waren aus, Kinder rannten lachend durch die Gassen. Die Sonne tauchte alles in ein warmes Licht, ließ das Wasser funkeln. „Wusste ich’s doch…“ murmelte er leise. Ein schiefes Lächeln huschte über sein Gesicht, doch es war bitter. Es war immer noch Mylrie. Die Fassaden hatten sich geändert, die Strukturen verschoben, doch im Kern war diese Stadt dieselbe geblieben. Die Blicke der Aristokraten, als er in den Palast gekommen war, hatten ihn an seine Kindheit erinnert. Das Starren der Wachen, als Nereus ihn durch den Tunnel ließ, hatte ihn erneut daran erinnert, wer er in ihren Augen war. Ein Außenseiter. Nichts hatte sich wirklich geändert. Warum also diese Unruhe in seiner Brust? Hinter ihm räusperte sich Nereus. „Ich habe noch eine Neuigkeit für dich.“ Sandyr drehte sich langsam um, eine ungutes Gefühl im Magen. Was jetzt? Nereus lächelte, voller Überzeugung. „Sobald das Militär erneuert wurde, wirst du als erster Bürgermeister die Regierung von Mylrie übernehmen.“ Sandyr blinzelte. Er hatte sich verhört. …Oder? „Was?“ Nereus nickte. „Es werden freie Wahlen abgehalten. Mylrie wird dadurch in eine neue Ära treten. Und du wirst diese Ära anführen.“ Sandyr hustete, als hätte er sich verschluckt. Sein ganzer Körper verkrampfte sich. „Bürgermeister?“ wiederholte er, als würde das Wort ihm nicht gehorchen. „Ja.“ „Ich?“ „Ja.“ Sandyr starrte ihn an, als hätte der König gerade etwas völlig Absurdes gesagt. „Warum tust du das?“ Seine Stimme war brüchig, zerrissen zwischen Schock und Frustration. „Eine Abdankung war doch gar nicht vorgesehen.“ Nereus’ Blick blieb fest, seine Stimme ruhig, doch voller Entschlossenheit. „Nein, aber es ist der richtige Weg. Meine Familie hat den Meriden genug angetan. Es wird Zeit, dass die Neraner Vergangenheit werden.“ Sandyr fühlte sich, als würde der Boden unter seinen Füßen nachgeben. „Aber… das ergibt doch keinen Sinn! Warum ich?!“ Nereus lächelte leicht. „Weil du derjenige warst, der diese Veränderungen angestoßen hat.“ Seine Worte waren von fester Überzeugung getragen, als wäre das die natürlichste Entscheidung der Welt. „Du, Sandyr, bist der fähigste Merid Mylries.“ Sandyr schüttelte hastig den Kopf. Das war unmöglich. „Aber ich bin nicht fähig genug“, presste er hervor. „Außerdem verabscheuen die Meriden mich.“ „Sie verabscheuen, was sie nicht verstehen.“ Nereus’ Stimme war sanft, doch in seinen Worten lag eine unausweichliche Wahrheit. „Wenn es einem schlecht geht, blickt man stets auf die, die noch weiter unten stehen. Oder auf jene, die anders sind. Man grenzt sie aus, um sich besser zu fühlen. Aber wenn wir dafür sorgen, dass es allen besser geht… wird diese Ausgrenzung nach und nach verschwinden.“ Er machte eine kurze Pause, ließ Sandyr die Worte auf sich wirken. „Vor allem dann, wenn die Meriden erfahren, dass du es warst, der diese Änderungen herbeigeführt hat.“ Sandyr spürte, wie sich seine Kehle zuschnürte. Das durfte nicht sein. Das konnte nicht sein. Er hatte darauf hingearbeitet, diese Stadt zu zerstören. Hatte all die Jahre seinen Hass genährt, hatte sich an die Vorstellung geklammert, dass es keine Rettung für Mylrie gab. Doch nun – Nun sah er sich mit einer Möglichkeit konfrontiert, die nie Teil seines Plans gewesen war. Er hatte nie an eine Zukunft gedacht. Nie an eine Alternative zur Zerstörung. Alles, was er je wollte, war Rache gewesen. „W-Warum vertraust du mir so sehr?“ Seine Stimme war rau, voller Emotionen, die er nicht greifen konnte. Nereus trat näher, legte ihm eine Hand auf die Schulter. Sein Blick war warm, ehrlich. ,,Weil wir Freunde sind.’’ - ------------------------------------------------------------------------- [???] ,,Tormund, geh raus spielen!’’ Der Ruf von Tormunds Mutter hallte durch das Haus, ein sanftes, aber bestimmtes Echo, das jede Fluchtmöglichkeit im Keim erstickte. Ihre Stimme war freundlich, doch Tormund wusste, dass kein Raum für Widerrede blieb. Er kauerte sich auf seinem Bett zusammen, seine Finger vergruben sich in der Decke, als könnte er sich in den Stoff hineinziehen, ihn um sich wickeln und verschwinden. Doch es war nutzlos. Er wusste, dass nie etwas Gutes geschah, wenn er nach draußen ging. Langsam und widerwillig rutschte er vom Bett, schleppte sich zur Tür und schlurfte die Treppe hinunter. Seine Schritte waren schwer, als würden sie ihn in den Abgrund führen, nicht in die Straßen der Stadt. „Kann ich nicht drinnen bleiben, Mama?“ Seine Stimme war leise, unsicher, kaum mehr als ein geflüstertes Flehen.  Seine Mutter drehte sich zu ihm um, ein sanftes Lächeln auf den Lippen. Ihre Augen strahlten Wärme aus, doch Tormund wusste, dass sie ihn nicht verstand. „Nein, Tormund. Deine Haut wird noch ganz trocken, wenn du nie in die Stadt gehst.“ Ihre Worte waren harmlos gemeint, doch sie stachen tief. Tormund biss sich auf die Unterlippe und murmelte: „Aber was soll ich denn draußen?“ Die Antwort kam, bevor er die Frage überhaupt vollständig ausgesprochen hatte. ,,Mit Freunden spielen. Spaß haben.’’ Freunde. Tormund senkte den Blick. Die Wahrheit saß in seiner Kehle wie ein harter Knoten. Wie oft hatte er sich vorgenommen, es ihr zu sagen? Wie oft hatte er gehofft, dass sie es von selbst merken würde? Heute. Heute würde er es tun. Er hob den Kopf, doch seine Worte stolperten über seine Lippen. „I-Ich habe keine F-Freunde.“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Hauch, als würde er befürchten, dass die Wahrheit ihn selbst verletzen könnte. Seine Mutter blinzelte, ihre Augen weiteten sich für einen winzigen Moment. Doch dann kehrte ihr sanftes Lächeln zurück. „Dann geh und such dir Freunde.“ Ihre Stimme war aufmunternd, voller gut gemeinter Ermutigung. „Einer reicht für den Anfang.“ Tormund spürte, wie sein Herz sich zusammenzog. Hatte sie überhaupt gehört, was er gesagt hatte? Verstand sie nicht, dass er es schon versucht hatte? Dass er jedes Mal scheiterte? Dass niemand ihn mochte? Doch er wollte ihr keinen Kummer bereiten. Also nickte er langsam, drehte sich um und ging zur Tür. „Ja, Mama.“ „Pass auf dich auf!“ rief sie ihm noch hinterher, als er hinaustrat. Tormund trat durch die dünne Wasserschicht, die die Luftkammer von den Tiefen des Meeres trennte. Die Nässe auf seiner Haut fühlte sich gut an, beruhigend, ein kurzer Moment der Geborgenheit in einer Welt, die ihn nicht wollte. Zumindest verbarg das Wasser seine Tränen. Er lief durch die Straßen, vermied es, den Blick zu heben, suchte nach einem ruhigen Platz, an dem er sich verstecken konnte. Vielleicht in einer schmalen Gasse, vielleicht hinter einem verlassenen Marktstand. Einfach irgendwo, wo niemand ihn sah. Doch dann hörte er ihn. [???] ,,Tormund!’’ Sein Herz sank.  „Oh nein“, dachte er verzweifelt. Die Stimme war laut, fordernd, voller Überheblichkeit. [???] ,,Bleib stehen Tormund!’’ Langsam drehte er sich um. Meros. Der Sohn des Aristokraten, bei dem seine Eltern arbeiteten, stand vor ihm, umgeben von seinen Freunden. Sein Lächeln war hämisch, voller Spott, als wäre Tormunds bloße Existenz eine Einladung zur Grausamkeit. Tormund erstarrte. „B-Bitte…“ flüsterte er, seine Worte kaum hörbar. Meros zog eine Augenbraue hoch. „Du musst lauter sprechen! Das habe ich dir doch schon so oft gesagt.“ Tormund hörte das Lachen der anderen. Ein dröhnendes, kaltes Geräusch, das ihn noch kleiner machte, als er ohnehin schon war. „Wobei…“ Meros grinste breit. „Wenn du lauter sprichst, lispelst du so schlimm, dass niemand dich versteht.“ Das Gelächter wurde lauter. Tormund suchte verzweifelt nach einem Fluchtweg, doch bevor er sich rühren konnte, traf ihn der erste Schlag. Ein brennender Schmerz schoss durch sein Gesicht, und er taumelte zurück, wie ein lebloser Fisch, den die Strömung mit sich riss. Er wusste, dass es nicht der letzte Schlag sein würde.  Und er wehrte sich nicht. Er hatte gelernt, still zu sein. Es einfach über sich ergehen zu lassen. Bei jedem weiteren Schlag schloss er die Augen und stellte sich vor, wie jemand kam.  Jemand, der ihn beschützte.  Ein Freund. Doch tief in seinem Herzen wusste er, dass dieser Freund nie kommen würde. Er hatte keine Freunde. Niemand beschützte ihn. Niemand mochte ihn. Und so blieb er allein. Ein Junge, der in einer Stadt lebte, die ihn nicht wollte. Ein Junge, der sich nach Freundschaft sehnte – doch nur Schmerz und Einsamkeit fand. - ------------------------------------------------------------------------- Eine einzelne Träne rann Sandyr über die Wange. Reflexartig hob er die Hand, um sie wegzuwischen – als könnte er damit auch die aufkeimenden Gefühle tilgen, die seinen Hass ins Wanken brachten. Doch es war nutzlos. Die nächste Träne folgte, dann die nächste. Die Tränen strömten unaufhaltsam über sein Gesicht, als hätten sie jahrelang darauf gewartet, endlich hervorzubrechen. Seine Hände waren machtlos gegen die Flut, die seine Wangen hinunterlief und seine Seele bloßlegte. Er spürte, wie sein Körper leicht bebte, wie etwas in ihm zerbrach – oder sich vielleicht zum ersten Mal zusammensetzte. Nereus stand vor ihm, schweigend, sein Blick fest auf ihn gerichtet. Doch Sandyr sah ihn nur verschwommen durch den Schleier der Tränen. Die Erinnerungen, die er einst ausgegraben hatte, um seinen Hass zu schüren, waren nun zu einem Strom geworden, der ihn überwältigte. Sie hatten ihn nicht stärker gemacht. Sie hatten ihn nicht vorangetrieben. Sie hatten ihn stattdessen zerschlagen. Und jetzt stand er hier, entwaffnet, verletzlich, vor einem Mann, der ihm alles gegeben hatte, was er einst verzweifelt gesucht hatte. Der größte Wunsch des kleinen Tormund, denr er einst gewesen war, war endlich erfüllt worden. Die Sehnsucht nach einem Freund. Der Traum, nicht alleine zu sein. Nereus hatte das Loch in ihm gefüllt, das er mit Hass zu verschließen versucht hatte. Und dann – Spürte Sandyr eine Umarmung. Nereus zögerte nicht. Er zog ihn einfach an sich, hielt ihn fest. Es war eine Umarmung, wie Sandyr sie seit seiner Kindheit nicht mehr gespürt hatte – warm, sicher, als hielte Nereus ihn zusammen, damit er nicht in tausend Stücke zerbrach. Minutenlang standen sie so. Kein Wort wurde gesprochen. Sandyr ließ es zu. Zum ersten Mal.  Er ließ es zu, dass der Schmerz herausfloss, dass das, was so lange verborgen geblieben war, ans Licht kam. Langsam löste er sich schließlich aus der Umarmung, strich sich mit zitternden Fingern über das Gesicht und atmete tief durch. „Danke, Nereus“, sagte er, seine Stimme rau und brüchig. „Ich werde—“ Er hielt abrupt inne. Etwas fiel ihm ein. Etwas Wichtiges. Etwas, das er in all dem Chaos seiner Gefühle vergessen hatte. Sein Magen zog sich schlagartig zusammen. Leyla. Nereus musterte ihn, sein Blick sanft, ein leichtes Lächeln auf den Lippen, als wollte er Sandyr beruhigen. Doch Sandyr hatte keine Zeit für Beruhigung. Sein Herz schlug schneller. „Nereus, wir müssen sofort zum Stein!“ Seine Stimme war drängend, fast atemlos. Der König runzelte verwirrt die Stirn. „Woher weißt du—?“ „Nein, das ist jetzt nicht wichtig“, unterbrach Sandyr ihn, seine Worte überschlugen sich fast. „Es geht um den Stein. Leyla – sie will ihn an sich nehmen!“ Nereus‘ Augen weiteten sich. Für einen Moment war da nur Stille. Dann erkannte Sandyr, wie die Bedeutung seiner Worte in Nereus‘ Bewusstsein einsickerte. Ein Schatten zog über das Gesicht des Königs. Sandyr spürte, wie sein eigener Puls raste. Jeder Moment, den sie hier zögerten, könnte der Unterschied zwischen Sieg und Niederlage sein. Zwischen Leben und Tod. Zwischen dem Bestehen und der Zerstörung Mylries. Sandyr griff die Hand des Königs und zog ihn mit sich. „Wir müssen los – jetzt!“ - ------------------------------------------------------------------------- Die Schritte der beiden hallten durch die weiten Gänge des Königspalastes, ein rhythmisches Dröhnen, das Sandyrs Herzschlag übertönte. Jeder Schritt fühlte sich schwer an, als würde er durch Wasser laufen, während sich in seinem Kopf eine Flut aus Gedanken, Angst und Hoffnung vermischte. Er blickte nicht zurück. Hinter ihm hörte er Nereus, der laut Befehle an seine Wachen rief, doch Sandyr schenkte den Worten keine Beachtung. Sie waren bedeutungslos, bloßes Rauschen in seinem Kopf. Nur eines zählte. Leyla. Als sie die schmale Wendeltreppe erreichten, spürte er plötzlich eine Hand an seinem Arm, die ihn ruckartig zum Stehen brachte. Nereus’ Griff war fest, sein Atem schwer, seine Stimme angespannt, als er sprach. „Selbst wenn sie bereits an der Tür unten angekommen ist – der Stein lässt nur die Königsfamilie zu sich. Sie wird scheitern.“ Sandyr wollte ihm glauben. Doch in seinem Inneren wusste er es besser. Leyla war zu sicher gewesen, zu entschlossen. Sie hatte keinen Zweifel an ihrem Erfolg gehabt. Wie konnte er also darauf vertrauen, dass der Stein sie einfach abweisen würde? Ohne zu antworten riss er sich los, stürmte die Stufen hinab. Stufe um Stufe, schneller, immer schneller, bis seine Beine brannten. Er hörte Nereus keuchen, spürte die Anspannung des Königs, doch er kümmerte sich nicht darum. ,,Bitte lass uns rechtzeitig sein.’’   Die Worte hallten in seinem Kopf wider wie ein verzweifeltes Gebet, ein Ruf ins Leere, an wen auch immer. An irgendetwas, das mächtig genug war, um das Unvermeidliche aufzuhalten. Als sie den Fuß der Treppe erreichten, keuchend, erschöpft, drängte sich Nereus an Sandyr vorbei. Dann erstarrte er. Sandyr folgte seinem Blick – und sein Herz setzte einen Schlag aus. Die Kammer lag vor ihnen, erfüllt von klarem, schimmerndem Wasser. Ein unwirkliches, beinahe übernatürliches Leuchten lag über der Szenerie, und in der Mitte, umgeben von vier riesigen Antoken, schwebte Leyla. Sie trieb im Wasser, bewegungslos, ihr Gesicht friedlich, als sei sie in einem tiefen Traum versunken. „Leyla, hör auf!“ rief er, seine Stimme schnitt durch die Stille. Doch sie reagierte nicht. Es war, als wäre sie nicht mehr hier, als wäre sie irgendwo anders, in einer Welt, zu der er keinen Zugang hatte. Nereus trat zögernd näher, seine Stirn in Falten gelegt. Mit einer vorsichtigen Bewegung berührte er die Wasseroberfläche. Plötzlich schoss einer der Antoken auf ihn zu. Die Kreatur bewegte sich mit erschreckender Geschwindigkeit, ihre langen Stacheln glitzerten gefährlich im blauen Licht. Bevor Nereus reagieren konnte, bohrte sich ein Stachel zwischen seine Rippen. Ein erstickter Schrei entrang sich seiner Kehle. Sandyr sah, wie der König mit schmerzverzerrtem Gesicht zurücktaumelte, seine Hand blutend an sich gepresst. Da öffnete Leyla die Augen. Sandyr spürte, wie sich ihm der Magen zusammenzog. Ihre Augen leuchteten in einem übernatürlichen Blau. Um sie herum flackerte eine Aura aus purer Magie, als wäre sie zur Quelle einer unbändigen Kraft geworden. „Leyla, hör auf! Ich möchte nicht mehr, dass Mylrie zerstört wird!“ Verzweiflung durchzog seine Stimme wie feine Risse in einem zerbrechenden Glas. Doch sie hörte ihn nicht. Oder sie ignorierte ihn. Sie öffnete langsam den Mund – und sprach. „Ich wünschte, es gäbe einen anderen Weg.“ Ihre Worte klangen ruhig. Bedauernd. Doch unausweichlich. Warum konnte sie unter Wasser reden? Das war eigentlich nur den Meriden möglich, deren Stimme nicht durch das Wasser gebrochen wurde. Sandyr riss den Mund auf, wollte etwas erwidern – doch bevor er reagieren konnte, bewegte sich Leyla. Sie streckte die Hand aus, legte sie flach gegen die massive, graue Steinwand der Kammer. —KRRRR— Ein tiefes, grollendes Geräusch, fraß sich wie ein hungriges Monster durch die Mauern. Risse zogen sich durch die Decke, breiteten sich aus wie Adern. Sandyr spürte, wie sein Atem stockte. Dann brach das Meer in die Kammer herein. Das tosende Wasser stürzte von oben herab, vermischte sich mit dem stillen Quellwasser der Kammer, eine unaufhaltsame Kraft, die alles mit sich riss. Auch die Barriere, die den mit Luft gefüllten Raum von der Kammer des Steines getrennt hatte, riss ein. Sandyr kämpfte gegen die Strömung an, klammerte sich an die Kante der Treppe, während sich das Wasser rasend schnell in den Raum ergoss. Und inmitten des Chaos – Leyla. Sie blickte ihn noch einmal an. Ihr Gesicht war ruhig, aber in ihren Augen lag etwas, das ihn verfolgte, noch bevor sie verschwand. Entschlossenheit. Dann, mit einer einzigen, fließenden Bewegung, schoss sie durch die Öffnung in der Decke und verschwand in den unendlichen Weiten des Meeres.

  • Kapitel 128 - Der Runenstein des Meeres

    Leyla stand regungslos vor der gewaltigen Glasfassade und ließ ihren Blick über die Stadt schweifen, die sich unter ihr ausbreitete. Mylrie.  Die Türme der Stadt ragten kunstvoll in Richtung Wasseroberfläche, ihre schlanken Silhouetten spiegelten das Licht des Ozeans wider, das sich in sanften Wellen um die Insel schmiegte. Alles hier wirkte harmonisch, als wäre die Stadt ein kunstvolles Gemälde, das in Bewegung geraten war. Der Schatz des Meeres, wie Mylrie oft genannt wurde – sie musste zugeben, dass der Name gerechtfertigt war.  Sie hätte noch lange so stehen können, fasziniert von dem Anblick, doch der pochende Schmerz in ihren Schläfen wurde stärker. Je tiefer Sandyr und sie in den Palast vordrangen, desto intensiver wurde das Gefühl. Es war dieselbe Art von Schmerz, die sie in dem Engelstempel gespürt hatte. Kurz bevor sie den ersten Runenstein gefunden hatte. Leyla schloss für einen Moment die Augen, versuchte, den Druck auszublenden – doch es war zwecklos. Das Pochen war mehr als nur ein Symptom. Es war ein Ruf. Der Stein war hier. Er rief nach ihr. Flehte sie an, zu ihm zu kommen. Sandyr schwieg neben ihr, während er sie durch die Gänge führte. Schließlich traten sie in eine große, kunstvoll gestaltete Halle. In der Mitte des Raumes thronte ein gewaltiger, goldener Sitz, verziert mit schimmernden Muscheln und Perlen, die das Licht in sanften Farben reflektierten. Vor dem Thron erstreckte sich ein himmelblauer Samtteppich, der sich über den makellosen Marmorboden zog. Doch Leylas Aufmerksamkeit galt nicht dem Prunk. Ihr Blick fiel sofort auf eine schlichte Wendeltreppe am anderen Ende des Saales.  Kaum hatte sie die Stufen erblickt, wusste sie es. Dort unten lag ihr Ziel. Das Pochen in ihren Schläfen hämmerte nun so heftig, dass sie kaum noch klar denken konnte. Es war, als würde er sie hinabrufen. Sie wandte sich zu Sandyr. „Ich muss dort hinunter. Ab hier schaffe ich es allein.“ Sandyr hielt kurz inne, als wollte er etwas entgegnen. Doch dann nickte er nur. „Dann werde ich mich mit dem König treffen“, sagte er ruhig. „Viel Glück, Leyla.“ Sie erwiderte nichts, beobachtete nur, wie er sich abwandte und in den Gang verschwand. Dann richtete sie ihren Blick wieder auf die Treppe und begann ihren Abstieg. Je tiefer sie ging, desto drückender wurde die Luft. Die Stufen waren feucht und glitschig, das Gestein um sie herum wirkte roh, fast unvollendet. Der Prunk des Palastes lag weit hinter ihr, kein Gold, keine Mosaike, keine kunstvollen Verzierungen mehr. Nur Stein. Hart, kalt, alt. Das Pochen wurde immer heftiger, als würde es versuchen, ihren Körper zu zwingen, schneller voranzugehen. Schließlich erreichte sie einen kleinen Raum. Vor ihr stand eine uralte Tür, ihre Oberfläche übersät mit leuchtenden Runen, die in sanftem Blau pulsierten, atmeten. Kaum hatte Leyla sie erblickt, öffnete sie sich. Ohne dass sie sie berührt hatte. Das Pochen in ihren Schläfen verstummte schlagartig. - ------------------------------------------------------------------------- Vor Leyla offenbarte sich ein gewaltiges Becken, gefüllt mit glasklarem Wasser, das sich mit sanften Wellen bewegte. In der stillen Tiefe bewegten sich vier Kreaturen, doppelt so groß wie sie selbst, mit schweren, schuppenbedeckten Körpern und langen, stachelbewehrten Rücken. Doch sie beachteten sie nicht. Ruhig trieben sie durch das Wasser, als wäre ihre bloße Existenz ein ewiger Tanz mit der Strömung. Und in der Mitte des Raumes schwebte er. Der Runenstein. Ein schimmerndes, pulsierendes Herz aus Licht, sein blaues Leuchten so intensiv, dass es die Wände des Raumes in einen sanften Ozeanschein tauchte. Leyla spürte, wie sich eine unbändige Freude in ihr ausbreitete – ein Gefühl, das nicht nur ihr eigenes war. Ihr Runenstein, der tief in ihrer Seele verankert war, reagierte ebenfalls. Vorfreude. Erwartung. Sehnsucht. Dann hörte sie eine Stimme. Klar. Sanft. Hell wie Sonnenstrahlen, die auf das Meer fielen. ,,Komm zu mir, Jüngerin.’’ Die Worte hallten nicht in ihren Ohren, sondern direkt in ihrem Kopf wider. Vertraut, aber doch fremd. Vorsichtig berührte Leyla die Wasseroberfläche, die sich wie eine unsichtbare Wand vor ihr spannte. Kein einziger Tropfen floss aus dem Raum hinaus, das Wasser wurde von einer unsichtbaren Macht in seiner Form gehalten. Sie ließ ihre Finger in das kühle Nass gleiten. Keine Reaktion. Leyla zögerte nicht länger. Mit einem kräftigen Stoß tauchte sie in das Wasser ein, ihre Bewegungen geschmeidig, ihre Züge stark und kontrolliert. Das Wasser umhüllte sie wie ein zweiter Körper, doch es fühlte sich anders an als normales Wasser. Schwerer, dichter, fast lebendig. Schnell überwand sie die Distanz, ihre Augen fest auf das pulsierende Licht gerichtet.  Dann, endlich, erreichte sie den Stein.  Kaum hatte sie ihn berührt, verstärkte sich das Leuchten. Das Blau verschluckte alles. Leyla sah nichts mehr, doch die Stimme in ihrem Kopf wurde noch klarer. ,,Du bist also Leyla.’’ Anders als der Runenstein der Erde klang dieser freundlich. Ruhig. Fast… warm. ,,Ich habe mich gefragt, wann du mich holen kommst.’’ Etwas in diesen Worten ließ sie aufhorchen. „Du wusstest von mir?“ fragte sie verwundert. „Natürlich.“ Ein sanftes Pulsieren begleitete seine Antwort, wie eine beruhigende Meeresströmung. Leyla zögerte. „Was meinst du mit Jüngerin?“ Plötzlich breitete sich eine Wärme in ihr aus. Nicht nur körperlich – es war tiefer, ein Gefühl von Geborgenheit. Von Nähe. Von Liebe. ,,Das ist dein Titel. Jüngerin des…’’ Eine zweite Stimme durchschnitt den Satz. ,,Zu früh.’’ Der Runenstein der Erde. Seine Stimme war gewohnt tief, wissend, befehlend. ,,Du hast Recht. Ich erzähle es dir ein anderes Mal, Leyla.’’ Das ärgerte sie. Doch sie ließ es vorerst ruhen. ,,Werde ich deine Macht auch absorbieren?’’ ,,Ja. Absorbieren ist aber das falsche Wort. Vielmehr verschmelzen wir.’’ Leyla schwieg einen Moment. Das klang merkwürdig, doch es ergab Sinn. ,,Je länger wir zusammen sind, je mehr du von uns findest, desto mächtiger wirst du.’’ Das hatte sie bereits geahnt. Der Runenstein der Erde hatte ihr erst nach und nach seine Kraft offenbart. „Du bist ganz anders als er“, stellte sie fest. Ein leichtes Lachen vibrierte durch das Wasser. ,,Wir sind ja auch nicht gleich. Jeder von uns ist anders.’’ Sollte sie die Steine mehr als eigenständige Wesen betrachten? ,,Hast du einen Namen?’’ fragte sie den neuen Runenstein. ,,Nein. Nenne mich, wie es dir beliebt.’’ Leyla überlegte kurz. „Dann bist du der Runenstein des Meeres.“ Zufriedenheit strömte von ihm aus, wie warme Strömungen an der Küste eines Ozeans. Für einen Moment erwog sie, ihn zu fragen, ob er ihr die Positionen der anderen Steine verraten konnte. Doch sie entschied sich dagegen. Er würde es ihr nicht sagen. Noch nicht. „Hast du Erwartungen an mich?“ Der Runenstein der Erde hatte ihr eine Aufgabe gegeben. Er hatte sie geformt, sie zu dem gemacht, was sie jetzt war – eine Person, die kaum noch durch negative Gefühle beeinflusst wurde. Die kein Mitleid empfand. Die den Toten nicht nachtrauerte. Und doch hatte sie sich entschieden, weiterhin einen Weg zu gehen, der möglichst wenige Opfer forderte. Die Antwort des Runensteins des Meeres war anders als alles, was sie erwartet hatte. ,,Hab Spaß. Tu, was dich glücklich macht.’’ Sie konnte hören, wie der Runenstein der Erde in ihrem Inneren leise lachte. Bis jetzt gefiel ihr der Meeresstein mehr. Nicht, dass es eine Rolle spielte. Sie würde sowieso beide für immer bei sich tragen. Es war erfrischend, so eine Art Gespräch mit einem Runenstein zu führen.  Dann begann die Verschmelzung. Anders als beim ersten Mal war es diesmal sanft. Kein Schmerz, keine Gewalt. Es fühlte sich… liebevoll an. Wellen der Energie durchströmten ihren Körper, warm und beruhigend, als würde sie in einem endlosen, sicheren Ozean schweben. Ein letztes Mal sprach der Runenstein zu ihr. ,,Wir alle lieben dich, Leyla.’’ Dann verstummte die Stimme. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla trieb im warmen Wasser der Kammer, ihr Körper schwerelos, ihre Gedanken weit entfernt. Ihre Augen waren geschlossen, ihr Geist versunken in dem Moment der Verschmelzung. Die Wächter des Runensteins schwammen lautlos um sie herum, ihre massiven, schuppenbedeckten Körper bewegten sich mit einer unheimlichen Eleganz.  Bedrohlich und doch schützend. Als hätten sie einen Platz in etwas Größerem gefunden. Die Energie des Runensteins durchströmte Leyla in Wellen, pulsierte in einem Rhythmus, der sich mit ihrem Herzschlag vereinte. Es war kein Kampf um Kontrolle, keine Überwältigung, sondern ein Tanz – ein harmonisches Verschmelzen von zwei Kräften, die nun untrennbar miteinander verbunden waren. ,,Ich soll also Spaß haben…’’ Der Gedanke war so fremd, dass sie ihn mehrmals in ihrem Geist wiederholen musste, als könne sie ihn erst dann wirklich begreifen. Wie sollte sie in einem Krieg Spaß haben? Töten bereitete ihr keine Freude. Es war ein Werkzeug, ein Mittel zum Zweck, nicht mehr und nicht weniger. Sie tat es, weil es notwendig war, weil ihr die Welt oft keine andere Wahl gab. Doch der Gedanke, darin Erfüllung oder gar Vergnügen zu finden, war widerwärtig. „Vielleicht sollte ich so viel Zeit wie möglich mit Nea, Eroica und Bunj verbringen?“ Die Vorstellung hatte eine seltsame Verlockung. Sich für einen Moment von all dem zu lösen – von Befehlen, von Pflichten, von der ständigen Jagd nach Macht. War es das, was der Runenstein des Meeres gemeint hatte? Ihr Leben als Kaiserliche Kopfgeldjägerin bot ihr mehr Freiheiten, als sie jemals zuvor gehabt hatte. Und doch spürte sie die unsichtbaren Ketten, die sie zurückhielten. Die Erwartungen des Kaiserreichs. Die Befehle von Yang. Die ständige Angst, dass ihre Verbindungen zu den Runensteinen entdeckt werden könnte. Was wäre, wenn sie sich aus dieser Rolle befreien würde? Würde sie dann selbst zur Gejagten werden? Yang würde sie nicht einfach ziehen lassen, das wusste sie. Sobald ihre Anführerin von den Runensteinen erfuhr, würde sie Leyla als Bedrohung erkennen. Und das Kaiserreich beseitigte Bedrohungen gnadenlos. „Ich muss mehr Steine finden. Mehr Macht erlangen.“ Das war die einzige Möglichkeit, wahre Freiheit zu erreichen. Nicht nur für sich selbst, sondern auch für die, die ihr wichtig waren. Nicht nur für sie. Für Eroica. Für Nea. Für alle.  Ihr Geist kehrte zurück in die Realität, während ihre Gedanken zu dem Krieg abschweiften, der vor zwei Tagen ausgebrochen war. Ein Krieg, der unzählige Opfer fordern würde. Soldaten, Zivilisten, Unschuldige. Leyla wusste, dass sie den Krieg nicht aufhalten konnte. Aber was, wenn sie ihn beenden konnte, bevor er wirklich begann? Was, wenn sie mit der Macht ihres neuen Runensteins dafür sorgte, dass die Zahl der Toten so gering wie möglich blieb? Sie öffnete langsam die Augen. Das Wasser um sie herum war ruhig, die Wächter glitten weiterhin in endlosen Kreisen durch die Kammer. Sie hatte ihre Entscheidung getroffen. Sie würde sich in die Schlacht begeben. Und mit der Macht des Runensteins den Krieg beenden.

  • Kapitel 127 - Legenden wiederholen sich

    Sandyr stand vor der mit Perlen verzierten Holztür, die zum Arbeitszimmer von Nereus führte. Sein Blick glitt über die aufwendigen Schnitzereien, die kunstvollen Muster, die das Tor wie ein Relikt einer längst vergangenen Zeit wirken ließen. Selbst nach all den Tagen in diesem Palast konnte er mit diesem Prunk nichts anfangen. Vielleicht würde Nereus einige Reformen umsetzen, vielleicht würden sich einige Strukturen in Mylrie verändern – doch das würde an der eigentlichen Wahrheit nichts ändern. Diese Stadt, ihre Bewohner, ihre Gesellschaft… sie alle hatten ihn verstoßen. Und das war der wahre Kern seines Hasses. Nicht nur die dekadente Oberschicht, sondern die Meriden selbst. Ein Problem, das er nicht ignorieren konnte. Er hob die Faust und klopfte. —KLOPF— —KLOPF— „Komm rein, Sandyr!“ rief Nereus aus dem Inneren. Sandyr drückte die Tür auf, trat ein und schloss sie hinter sich. Der Raum war in das warme Licht mehrerer Fackeln getaucht, Schatten flackerten an den Wänden, als ob sie seinen eigenen dunklen Gedanken Form verleihen wollten. Ohne zu zögern ließ er sich auf den Stuhl vor dem gewaltigen Arbeitstisch fallen. „Das Militär hat meinem Plan zugestimmt“, verkündete Nereus mit hörbarem Stolz in der Stimme. „Sie sollten gerade dabei sein, die Aristokraten festzunehmen und zu enteignen.“ Sandyr zuckte nicht einmal mit der Wimper. Es interessierte ihn nicht. Heute war er aus einem anderen Grund hier. Er kam, um Nereus um etwas zu bitten. Um ihm Shira zu überreichen. Shira. Die Legende von ihr hallte in seinem Kopf wider wie eine uralte Prophezeiung, die sich bald wiederholen würde. Einst war sie eine junge, wunderschöne Frau gewesen, geboren in einem Dorf der Menschen. Ihre Schönheit soll so überwältigend gewesen sein, dass sie jeden – ob Mensch, Oger oder Vampir – in ihren Bann zog. Damals herrschte der Große Krieg. Menschen und Elfen führten eine erbitterte Schlacht um die Herrschaft über den Süden des Kontinents. Ein nie endender Kreislauf aus Blut und Verrat. Dann wurde Shira krank. Die Krankheit, bekannt als Elfenpest, war für Menschen kaum mehr als eine ewige Erkältung. Doch für Elfen war sie der Tod selbst. Und so wurde Shira zum Instrument des Untergangs.  Die Menschen brachten sie als Zeichen des Friedens nach Melhav, einer blühenden Stadt der Elfen. Dort wurde sie mit offenen Armen empfangen, als wäre sie ein Geschenk der Engel. Doch innerhalb weniger Wochen starben alle Elfen in der Stadt. Ein lautloses Massaker. Ein Genozid, der keine Schwerter, keine Feuer, keine Magie brauchte. Nur eine einzige Frau. Shira war ihr Name.  Und Leyla, die Kaiserliche Kopfgeldjägerin, würde Shira für Mylrie sein. - ------------------------------------------------------------------------- Sandyr lehnte sich leicht nach vorne, seine Finger umklammerten die Armlehnen des Stuhls. Sein Blick ruhte fest auf Nereus, seine Stimme klang ruhig, fast beiläufig – doch in seinem Inneren arbeitete es. ,,Nereus, darf ich dich um etwas bitten?’’ Der König sah von dem Stapel Dokumente auf, die sich auf seinem Schreibtisch türmten. Seine Stirn glättete sich, und ein freundliches Lächeln erschien auf seinen Lippen. Seine Augen wirkten warm, aufrichtig. Nichts davon konnte Sandyr umstimmen. „Natürlich, Sandyr“, erwiderte Nereus, ohne eine Sekunde zu zögern. „Um was geht es denn?“ Sandyr atmete langsam aus, als wäre es nur eine harmlose Angelegenheit, als wäre das, was er jetzt verlangte, nicht der erste Schritt zu etwas viel Größerem. „Es gibt eine junge Frau – eine enge Freundin von mir. Sie ist momentan in Tripolis, und ich würde ihr gerne Mylrie zeigen. Ich will, dass sie mit eigenen Augen sieht, was wir hier erreicht haben… was du bewirkt hast.“ Er sprach mit Bedacht, hielt seinen Tonfall so unverfänglich wie möglich. Dennoch flackerte für einen Moment ein Anflug von Überraschung in Nereus’ Augen. „Eine Freundin?“ wiederholte er nachdenklich, doch sein Vertrauen in Sandyr schien ungebrochen. Schließlich nickte er. „Das sollte kein Problem sein. Wer ist sie?“ Sandyr ließ sich keine Zeit zum Zögern. Sein Blick blieb ruhig, seine Worte glatt wie der polierte Marmor unter seinen Füßen. „Ihr Name ist Leyla. Sie stammt aus dem Kaiserreich und interessiert sich für unsere Kultur.“ Nereus runzelte leicht die Stirn, als würde er die Information gedanklich abwägen, doch dann stand er entschlossen auf. „Komm mit“, sagte er und ging bereits zur Tür. „Ich werde den Wachen alles erklären.“ Sandyr nickte, während er ihm folgte. Dem naiven König. - ------------------------------------------------------------------------- Nereus summte fröhlich, während er den Gang entlangschritt. Seine Schritte hallten leise von den mit Muschelornamenten verzierten Wänden wider, das gedämpfte Licht der magischen Lampen warf tanzende Schatten auf den polierten Boden. Er hatte unglaubliches Glück mit Sandyr gehabt. Dass er jemanden wie ihn gefunden hatte – einen Mann mit Weitsicht, mit der Entschlossenheit, die es brauchte, um eine gerechtere Gesellschaft zu schaffen. Sandyr war anders als die Aristokraten, die nur an ihren eigenen Vorteil dachten. Er gab nichts auf materiellen Reichtum. Er sprach seine Gedanken aus, ohne sich darum zu kümmern, ob sie unbequem waren. Nereus schätzte ihn sehr. Deshalb zögerte er nicht, ihm diese Bitte zu erfüllen – selbst wenn sie etwas ungewöhnlich war. Eine Freundin seines Freundes war auch eine Freundin von ihm selbst. Er war gespannt, sie kennenzulernen. Außerdem würde es nicht mehr lange dauern, vielleicht fünf oder sechs Stunden, dann könnte er Sandyr die Überraschung zeigen, die er vorbereitet hatte. Wie er wohl reagieren würde? Ein zufriedenes Lächeln huschte über sein Gesicht, während sie sich dem Tor näherten. Dahinter lag der Tunnel nach Tripolis – der einzige Zugang zu Mylrie, der nicht durchs offene Meer führte. Als sie ankamen, sprangen die drei Wachen sofort in Haltung. „Eure Hoheit, König Nereus!“ rief einer von ihnen und verbeugte sich tief. Nereus erwiderte den Gruß mit einem knappen Nicken, doch sein Blick fiel auf eine andere Wache, die Sandyr mit unverhohlenem Misstrauen musterte. Er spürte, wie leichte Verärgerung in ihm aufstieg. „Behandelt meinen Berater mit Respekt“, befahl er scharf. Die Wache zuckte zusammen und senkte sofort den Kopf. „Zu Befehl, Eure Hoheit!“ Zufrieden wandte sich Nereus an alle drei. „Mein Freund hier wird durch diesen Tunnel Mylrie verlassen und später, im Laufe des Tages, mit einer Menschin zurückkehren. Ich erwarte, dass ihr sie ohne Verzögerung hereinlasst.“ Ein Hauch von Zögern lag in der Luft. Die Wachen tauschten Blicke aus, als würden sie sich still fragen, ob das wirklich eine gute Idee war. Doch keiner von ihnen wagte, seine Autorität infrage zu stellen. „Verstanden, Eure Hoheit!“ sagten sie schließlich einstimmig und verbeugten sich erneut. Nereus nickte zufrieden und wandte sich dann an Sandyr. „Du kannst hindurch“, sagte er und lächelte. „Stell mir deine Freundin doch später vor.“ Sandyr erwiderte das Lächeln, seine Miene dankbar. „Danke, Nereus. Ich werde sie dir vorstellen, sobald ich ihr den Palast gezeigt habe.“ Dann trat er durch das Tor und verschwand in der Dunkelheit des Tunnels. - ------------------------------------------------------------------------- Es war ein warmer Sommertag, als Sandyr die steinernen Stufen zur Kaifeng-Kampfschule hinaufstieg. Die Sonne stand hoch am Himmel, ließ den gepflasterten Hof in einem goldenen Licht erstrahlen, während eine leichte Brise durch die Blätter der Palmen streifte. Leyla und er hatten nicht explizit ausgemacht, sich hier zu treffen – doch er wusste, dass sie hier sein würde. Und er behielt Recht. Die Kopfgeldjägerin saß im Schneidersitz auf dem Boden, den Rücken gegen eine der Säulen gelehnt, ein Buch in den Händen. Sie wirkte vollkommen vertieft in die Zeilen, ihr Gesicht ruhig, die Stirn leicht gerunzelt, während ihre Augen über die Seiten glitten. Interessiert trat Sandyr näher. „Was liest du, Leyla?“ fragte er neugierig. Sie blickte auf und schenkte ihm ein unerwartet warmes Lächeln.  „Das Buch heißt ,Die Engel von Tripolis‘ “, erklärte sie und hielt es kurz hoch, bevor ihr Blick wieder darauf fiel. „Es geht um die Engelskirche auf den Tabakinseln. Alles ist so detailliert beschrieben, als hätte sie jeden Winkel der Stadt geprägt… aber ich habe bisher kein einziges Anzeichen von ihr gefunden.“ Sandyr legte nachdenklich den Kopf schief. Auch er hatte davon gehört – von der einst allgegenwärtigen Religion, die über die Inseln geherrscht haben sollte. Doch in all den Jahren, die er hier verbracht hatte, war ihm nie auch nur die kleinste Spur ihres Einflusses begegnet. „Die Engelskirche ist mittlerweile verschwunden“, sagte er schließlich. „Warum, kann ich dir auch nicht sagen.“ Leyla ließ ihren Blick an ihm vorbeigleiten, ihre Finger ruhten gedankenverloren auf den vergilbten Seiten des Buches. „Eine Religion, die so einflussreich war, kann doch nicht einfach verschwinden“, murmelte sie. „Selbst wenn das Ganze ein paar Jahrhunderte her ist… irgendetwas müsste doch übrig geblieben sein. Symbole, alte Tempel, Kunstwerke – aber nichts. Das ist seltsam.“ Sandyr hatte darauf keine Antwort. Es gab viele Dinge, die in Tripolis im Dunkeln lagen, viele Geheimnisse, die mit der Zeit verblasst oder absichtlich ausgelöscht worden waren. Doch das war nicht der Grund, warum er hier war. Er entschied, das Thema zu wechseln. „Ich habe alles geregelt“, sagte er ruhig, doch ein Hauch von Zufriedenheit lag in seiner Stimme. „Ich habe dir ermöglicht, nach Mylrie zu kommen. Wir können jetzt aufbrechen.“ Leyla riss den Kopf hoch. Einen Moment lang musterte sie ihn, als wolle sie sichergehen, dass er es ernst meinte – dann blitzten ihre Augen auf, voller Enthusiasmus und Entschlossenheit. „Du hast es so schnell geschafft? Super, Sandyr!“ Ohne zu zögern sprang sie auf, ließ das Buch achtlos auf den Boden fallen. „Lass uns sofort aufbrechen!“ Sandyr konnte sich ein Schmunzeln nicht verkneifen. Er hatte schon geahnt, dass sie nicht lange zögern würde, doch ihre ungebremste Energie überraschte ihn dennoch. Ein Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus, während er ihr zunickte. Heute war der Tag, an dem sich sein einziger Traum, sein einziger Wunsch endlich erfüllen würde. - ------------------------------------------------------------------------- Während sie gemeinsam den Tunnel nach Mylrie hinabschritten, spürte Sandyr, wie sich seine Nervosität zunehmend steigerte. War es wirklich so einfach? Konnte es sein, dass er all die Jahre gewartet, geplant, gehofft hatte – und nun, mit nur wenigen Schritten, würde sich alles erfüllen? Sein Blick glitt zu Leyla. Sie bewegte sich mit einer Ruhe, die beinahe unnatürlich wirkte, doch als er genauer hinsah, bemerkte er, wie sich ihre Finger in ihre Schläfen gruben. Ihr Gesicht war angespannt, ihr Atem ein wenig schwerer als zuvor. „Ist alles okay bei dir?“ fragte er, bemüht, seine Besorgnis nicht zu offensichtlich zu zeigen. Leyla winkte ab, fast zu schnell. „Ja, ich hab nur Kopfschmerzen. Kein Grund zur Sorge.“ Doch warum klang sie dabei so… aufgeregt? Sandyr musterte sie einen Moment länger, entschied sich dann aber, nicht weiter nachzuhaken. Stattdessen wechselte er das Thema. „Weißt du, wo genau der Stein ist?“ Leyla schüttelte den Kopf. „Nein“, sagte sie knapp. „Aber ich bin mir sicher, ich werde ihn finden.“ Ihre Stimme klang fester, beinahe drängend. Sandyr hob eine Augenbraue. Ihre Überzeugung war beunruhigend. Doch er beließ es dabei. Der Tunnel führte sie weiter, bis sie schließlich vor dem gewaltigen Steintor standen, das Mylrie von der Außenwelt trennte. Die uralten Verzierungen auf dem kalten Gestein erzählten stumm von Jahrhunderten der Isolation. Es war verschlossen. Sandyr trat näher und griff nach der schweren Glocke, die an einer Eisenkette hing. —BING— Der Klang hallte ohrenbetäubend durch den Tunnel. Zu laut. Viel lauter, als es eine Glocke dieser Größe hätte sein dürfen. Der Ton vibrierte in der Luft, legte sich wie ein Echo auf ihre Haut. Für einen Moment war alles still. Dann öffneten sich die gewaltigen Tore mit einem tiefen, ächzenden Knarren. Sandyr blickte in die Gesichter der Wachen. Keiner von ihnen sprach ein Wort. Sie musterten ihn, ihre Augen kalt, abweisend. Er kannte diesen Blick. Derselbe Blick wie damals, als er ein Kind war. Dieselbe verächtliche Zurückhaltung, das unausgesprochene Urteil, das sie über ihn gefällt hatten, noch bevor er überhaupt den Mund aufmachen konnte. Doch heute war es anders. Heute würde er gewinnen. Er sagte nichts, erwiderte ihre Blicke nicht einmal. Stattdessen ging er einfach an ihnen vorbei, ließ sie hinter sich, wie er die ganze Stadt hinter sich lassen würde. Und direkt hinter ihm – Seine Shira.

  • Kapitel 126 - Geschichten, die nur das Meer versteht

    Jamall ließ seinen Blick über die aufgewühlte See schweifen, während das Schiff unter ihm unruhig auf den Wellen tanzte. Der Wind trug den salzigen Duft des Ozeans mit sich, ließ die Taue knarren und das Segel mit einem tiefen, dumpfen Geräusch schlagen. Das Boot war klein, aber schnell – gebaut für eine Reise, die keine Verzögerungen duldete. Es gehörte Bournadette, und gemeinsam mit ihr und dem Halbdrachen, den er mittlerweile liebevoll Bruno nannte, hatte er es bestiegen. Die neue Route war klar und kompromisslos. Keine Zwischenstopps, kein Innehalten. Nur das offene Meer, bis sie Malheim erreichten, ein kleines Dorf an der Westküste Heims. Von dort aus würde es nur wenige Tagesreisen bis zum Turm des Weisen sein. ,,GRUUUUH!’’ Jamall drehte sich um und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen, als er sah, wie Bruno – sein schuppiger, silberner Begleiter – zufrieden einen riesigen Vogel in seinem Maul hielt. Mit einem genüsslichem Schmatzen zerbiss er die Knochen, während seine schimmernden Flügel leicht zuckten. Jamall schüttelte amüsiert den Kopf und trat näher. Mit einer selbstverständlichen Vertrautheit, die ihm früher fremd gewesen wäre, tätschelte er die rauen Schuppen des Halbdrachen. Bruno schnaubte vergnügt, ließ sich schwerfällig auf seinen Bauch fallen und rollte sich genießerisch zur Seite. ,,Spielst du wieder mit deinem Haustier?’’ Die spöttischen Worte kamen vom Eingang zur Kajüte. Jamall sah auf und begegnete Bournadettes Blick, als sie mit müheloser Eleganz an Deck trat. Ihre blonden Haare wurden vom Wind zerzaust, doch sie ließ es geschehen, als wäre es ein Teil von ihr. Ihr Gesicht war von einem warmen Lächeln gezeichnet. Er konnte sich nicht erinnern, wann genau sie aufgehört hatte, ihm gegenüber misstrauisch zu sein – oder wann er selbst aufgehört hatte, sie als bloße Zweckgemeinschaft zu sehen. War es nur ihr gemeinsames Ziel, Leyla zu töten, das sie so gut miteinander auskommen ließ? Oder hätten sie sich auch ohne dieses geteilte Verlangen verstanden? Ein nachdenkliches Schmunzeln legte sich auf seine Lippen. ,,Wahrscheinlich wäre es an mir gescheitert…’’ Früher hatte er niemanden an sich herangelassen. Es hatte ihm nichts bedeutet. Aber jetzt… jetzt merkte er, dass sich etwas verändert hatte. Bruno, Bournadette. Er mochte sie beide. Und zum ersten Mal seit langer Zeit war er dankbar, dass er diese Reise nicht allein antreten musste. - ------------------------------------------------------------------------- Bournadette trat an Jamalls Seite und lehnte sich an die Reling, ihr Blick auf das unruhige, endlose Meer gerichtet. Der Wind zerrte an ihren Haaren, trug den salzigen Geruch der Gischt über das Deck. Jamall beobachtete sie einen Moment lang aus dem Augenwinkel. Ihre Haltung, ihre Ausstrahlung – eine Mischung aus Anmut und Arroganz. Sie besaß diese natürliche Überlegenheit, die sie so unnahbar wirken ließ, und doch… er wusste inzwischen, dass mehr hinter dieser Fassade lag. „Wen hattest du eigentlich in Evigane gesucht?“ fragte er schließlich. Es war eine Frage, die er sich schon länger gestellt hatte, doch erst jetzt, hier auf offener See, fühlte es sich richtig an, sie auszusprechen. Bournadette, die ehemalige Kopfgeldjägerin – eine Frau, die das Kaiserreich und Yang hinter sich gelassen hatte – wandte ihm das Gesicht zu. In ihrem Blick lag ein Anflug von Melancholie. „Kronprinz Eugenius“, sagte sie ruhig. Dann, nach einer kurzen Pause: „Er und ich… wir waren Freunde. Er erinnerte mich an meinen kleinen Bruder.“ Ihre Stimme war fest, doch Jamall entging nicht die Trauer, die sich in ihren Augen abzeichnete. Die Bournadette, von der er einst gehört hatte, war eine skrupellose, erbarmungslose Jägerin gewesen, eine Frau, die mit ihren Opfern spielte und ihre Gefühle nie zeigte. Doch die Bournadette, die er in den letzten Wochen kennengelernt hatte, war eine andere. Vielleicht zeigte sie nur ihm diese sanftere Seite, vielleicht war es nur ein flüchtiger Moment der Offenheit – aber er wusste es zu schätzen. Und in gewisser Weise war es ihm ähnlich ergangen. Auch er hatte sich lange verschlossen, hatte seine Emotionen vergraben, als wären sie eine Schwäche. Doch jetzt… jetzt ließ er sie zu. Bei ihr. Bei Bruno. Er lehnte sich leicht zur Seite. „Dein kleiner Bruder?“ fragte er leise. „Ich habe nur davon gehört, dass du eine kleine Schwester hast. Anya war ihr Name, oder?“ Bournadette nickte und ließ sich mit einer fast müden Bewegung neben ihm auf die harten Planken sinken. „Das überrascht mich nicht. Mein Vater hat alles dafür getan, dass niemand von ihm erfährt. Sein Name war Phillip.“ Sie schwieg einen Moment, als würde sie in Erinnerungen versinken. Ihr Blick wanderte zu Bruno, der auf der anderen Seite des Decks lag und mit halb geschlossenen Augen den Wellen lauschte. „Phillip war der Mensch, der mir am wichtigsten war. Er war schwach, zerbrechlich… und mein Vater hat ihn nie akzeptiert. Anya und ich – wir haben uns um ihn gekümmert, so gut wir konnten. Aber mein Vater hielt ihn für eine Schande. Er verbannte ihn auf einen unserer Familiensitze, weit entfernt von der Kaiserstadt. Ich habe ihn so oft besucht, wie es mir möglich war.“ Jamall schwieg und lauschte. Er konnte es nicht nachempfinden – nicht wirklich. Er hatte nie jemanden gehabt, den er so geliebt hatte. Aber er konnte sehen, wie viel es Bournadette bedeutete. Und das allein war Grund genug, ihren Worten mit Respekt zu begegnen. „Als er sieben war“, fuhr sie schließlich fort, „wurde der Familiensitz von Räubern niedergebrannt. Zumindest wurde das behauptet. Aber ich erkannte die Wahrheit. Mein Vater hat ihn beseitigt. Weil er nicht stark genug war.“ Die kalte Härte in ihrer Stimme ließ Jamall erschaudern. Plötzlich verstand er. Er hatte einst Gerüchte gehört, dass Bournadette ihren eigenen Vater getötet hatte. Jetzt wusste er, warum. „Und Eugenius…“ Sie nahm einen tiefen, zitternden Atemzug. „Es war bei einem der ersten Aufträge, die ich für die Kaiserlichen Kopfgeldjäger erledigen sollte. Wir trafen uns in Karintes. Er erinnerte mich an meinen Bruder. Schwach und zerbrechlich, ja – aber auch klug, neugierig, voller Träume. Ich habe mich entschieden, ihn zu beschützen.“ Langsam hob sie eine Hand und bedeckte ihre Augen mit den Fingern. „Ich habe ihn als Ersatz für Phillip geliebt. Und als das Prinzenspiel begann, wollte ich ihn auf den Thron bringen. Ich habe Leyla zu ihm gebracht, in der Hoffnung, dass sie ihn unterstützen würde… doch am Ende hat sie ihn zusammen mit Nea getötet.“ Jamall zögerte kurz, dann hob er eine Hand und legte sie auf ihre Schulter. „Du… Nein, wir werden ihn rächen!“ Seine Stimme war fest, voller Entschlossenheit. Bournadette senkte die Hand von ihrem Gesicht, sah ihn an – und lächelte. Es war ein stilles, trauriges Lächeln. Dann stand sie auf, trat an die Reling, ließ ihren Blick einige Sekunden über das dunkle, aufgewühlte Wasser gleiten. Und ohne zu zögern sprang sie. - ------------------------------------------------------------------------- Jamall sprang auf, sein Herz hämmerte in seiner Brust. Er rannte zur Reling, dorthin, wo Bournadette eben noch gestanden hatte. Seine Hände umklammerten das nasse Holz, während sein Blick wanderte über das tosende, dunkelblaue Meer. Schäumende Wellen krachten gegen den Rumpf des Schiffes, das inmitten des stürmischen Wassers hin und her geworfen wurde. Doch sie war nirgends zu sehen. Warum? Warum war sie gesprungen? Er brauchte sie – er mochte sie. Ein unruhiger Kloß bildete sich in seiner Kehle. Sollte er hinterherspringen? Nein. Das wäre Dumm. Er konnte schwimmen, aber in einem Sturm wie diesem bedeutete das nichts. Das Wasser würde ihn verschlingen, seine Kräfte würden nach wenigen Minuten nachlassen. Er würde ertrinken. Er sank auf die Knie, sein Blick suchte den Horizont, als würde er hoffen, sie würde jeden Moment wieder auftauchen. Ein leises, grummelndes Geräusch ließ ihn aufsehen. Der Halbdrache hatte ihn beobachtet, trat nun näher und ließ seinen massigen Körper neben ihm nieder. Dann stupste er Jamall mit einer großen Pranke an, bevor er ihm mit seiner warmen, rauen Zunge quer über die Brust leckte. ,,GRUU!’’ Jamall blinzelte und konnte nicht anders, als ein schwaches Lächeln zu zeigen. „Du hast recht“, murmelte er und fuhr sich über das Gesicht. „Sie wird bestimmt wiederkommen.“ Er strich mit einer Hand über Brunos silberne Schuppen, bevor er sich aufrichtete und Richtung Kajüte ging. Drinnen nahm er sich einen Krug und trat zum Fass mit Whiskey. Er füllte das Holzgefäß bis zum Rand, ließ sich dann in die Hängematte fallen – das Doppelbett gehörte Bournadette. Der Alkohol brannte, als er ihn in einem großen Schluck hinunterkippte. Der leichte Schwung der Hängematte ließ ihn unwillkürlich entspannen, während seine Gedanken begannen, umherzuwandern. Liam. Der Elf, der ihm einst offenbart hatte, wozu Leyla fähig war. Wo mochte er jetzt sein? Jamall konnte nicht sagen, dass er ihn mochte – aber er hegte auch keinen Groll gegen ihn. Draußen war plötzlich ein dumpfer Aufprall zu hören. Dann Schritte. Jamall setzte sich auf und blickte zur Tür. Dann öffnete sie sich, und Bournadette trat ein. Ihre blonden Haare klebten nass an ihren Wangen, ihre Kleidung triefte, Wasser tropfte auf den Holzboden. Doch ihr Gesicht war ruhig, fast unbeteiligt, als wäre das, was sie getan hatte, nichts Besonderes. „Ich habe eine Abkühlung gebraucht“, erklärte sie mit einem leichten Schulterzucken. Jamall ließ sich aus der Hängematte gleiten und wollte an ihr vorbei nach draußen gehen – doch sie hielt ihn zurück. Überrascht blickte er zu ihr, seine Augen suchten nach einer Erklärung. Bournadette hielt ihn nur für einen Moment fest, dann ließ sie ihn los. „Danke, dass du mir zugehört hast“, sagte sie leise. Ihre Stimme war sanft. Jamall erwiderte nichts. Stattdessen drehte er sich um und ging zurück auf das Deck, wo Bruno bereits auf ihn wartete.

  • Kapitel 125 - Machtspiele im Schatten des Krieges

    Leyla spürte, wie sich ihre Muskeln anspannten, ihr Körper auf den Kampf vorbereitete. Die Magie in ihren Adern flackerte auf, pulsierte in ihr. Ihr Blick war fest auf Miguel Atrasa gerichtet – den Großmagus des Feuerturms, den letzten von ihnen. Doch gerade, als sie sich zum Angriff bereit machte, kniete er sich vor ihr nieder. ,,Lasst uns nicht kämpfen, Edle Miss Leyla.’’  Seine Stimme war ruhig, fast sanft, und doch schwang darin ein Hauch von Stolz. Vielleicht sogar Genugtuung. Das irritierte sie für einen Moment – warum war er so… gefasst? Ohne zu zögern, ließ Leyla Fesseln aus Stein aus dem Boden wachsen. Sie schlangen sich um seine Arme und Beine, pressten ihn auf den rauen Untergrund. Erst als sie sicher war, dass er sich nicht mehr rühren konnte, ließ sie den Fluss aus Mana in ihrem Körper versiegen. Wie hatte Miguel überlebt? Sie war sich sicher gewesen, dass sie alle Großmagi vernichtet hatte. Dass keiner von ihnen mehr lebte. Doch das war jetzt nebensächlich. Ihre Mission war es, ihn auszuschalten – und das würde sie tun. Aber vielleicht… vielleicht hatte er ihr etwas zu bieten. „Gut. Wenn du nicht kämpfen willst, dann reden wir“, sagte sie, ihre Stimme schneidend, ohne eine Spur von Nachsicht. Ihre blauen Augen fixierten ihn, suchten nach Lügen in seinen Zügen. „Sag mir, warum ich dich am Leben lassen sollte.“ Miguel lächelte. Kein ängstliches, kein unsicheres Lächeln – es war selbstbewusst, fast berechnend. „Tot bin ich Euch nicht von Nutzen“, entgegnete er ruhig. „Ihr könntet mich beseitigen, gewiss. Aber wenn Ihr mich leben lasst… dann können wir beide profitieren.“ So ein Gespräch war das also.  Leyla ließ einen Steinstuhl unter sich entstehen, setzte sich langsam, ohne die Anspannung in ihren Schultern zu lösen. Sie legte ein Bein über das andere, ihre Haltung scheinbar gelassen, doch ihre Sinne blieben wachsam. „Ich bezweifle, dass du mir helfen kannst“, erwiderte sie trocken und musterte ihn aufmerksam. Sie würde nicht den Fehler machen, ihm ihr Interesse zu zeigen. Nein – er musste glauben, dass er sich seinen Wert erst verdienen musste. Miguel neigte leicht den Kopf. „Ich bin mir bewusst, dass Ihr uns Magier ausschalten müsst, um diesen Krieg zu euren Gunsten zu wenden. Und ich versichere Euch – abgesehen von mir gibt es keine Großmagi mehr. Sie sind alle gefallen.“ Da war sie wieder, diese seltsame Kälte in seiner Stimme. Kein Schmerz, keine Trauer. Nicht einmal Bedauern. Die Vernichtung seiner Verbündeten ließ ihn offenbar völlig unberührt. Leyla schwieg für einen Moment, beobachtete ihn, ließ die Spannung zwischen ihnen in der Luft hängen. Dann hob Miguel langsam den Blick. „Wenn Ihr mir gestattet, meine Visionen und Träume zu erklären, werdet Ihr es sicher nicht bereuen.“ Er sprach mit einer Überzeugung, die selbst Leyla für einen Moment innehalten ließ. Sie musterte ihn, suchte nach dem Hauch einer Täuschung – doch seine Miene blieb ruhig, gelassen, fast zuversichtlich. Schließlich nickte sie langsam. „Sprich“, forderte sie, ihre Stimme scharf wie ein Dolch. „Beweise mir deinen Wert.“ Wenn es nach ihr ging, wollte sie ihn nicht töten. Wenn er eine Alternative hatte – eine, die ihr half, ihre Ziele zu erreichen – dann würde sie sie nehmen. Aber nur, wenn sie wirklich gut genug war. - ------------------------------------------------------------------------- „Ich bin nicht zufrieden mit der Ausrichtung von Tripolis“, begann Miguel Atrasa, seine Stimme von Unmut triefend. „Handelsstreitigkeiten zwischen den führenden Händlern sorgen immer wieder für Unstimmigkeiten. Die Inseln mögen auf dem Papier vereint sein, aber eine echte zentrale Verwaltung gibt es nicht. Und genau das hat die Tabakinseln angreifbar gemacht.“ Sein Tonfall verriet seinen Ärger. Es war, als würde der bloße Gedanke an diesen Zustand seine Laune trüben. Leyla ließ sich Zeit, über seine Worte nachzudenken. Sie klangen logisch – viel zu logisch, als dass er sie sich gerade erst ausgedacht haben könnte. Doch was hatte sie davon? Noch hatte sie keinen Grund gehört, ihn leben zu lassen. Wenn es nach ihr ginge, würde sie ihn verschonen. Doch sie wusste, dass sie als Kaiserliche Kopfgeldjägerin mehr brauchte als eine persönliche Entscheidung. Sie brauchte einen handfesten Grund. Einen, der stark genug war, um Yang zu überzeugen. „Sprich weiter“, befahl sie knapp. „Der Zustand des Magieturms ist ein weiteres Problem“, fuhr Miguel fort. „Bisher waren fünf der sieben Großmagi erforderlich, um Reformen durchzusetzen. Das hat dazu geführt, dass die Akademie über Jahre hinweg veraltet ist und an starren, unfairen Regelungen festhält.“ Leyla runzelte leicht die Stirn. Davon hatte sie nichts gewusst – und es war ihr eigentlich auch egal. Doch sie ahnte bereits, worauf Miguel hinauswollte. „Wenn Ihr mich leben lasst, würde ich für zweihundert Tage allein über die Regeln der Akademie bestimmen können. Erst danach wäre ich gezwungen, die freien Posten der Großmagi wieder zu besetzen.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause, bevor er weitersprach. „Und während dieser Zeit würde ich im Namen des Magieturms das Kaiserreich als rechtmäßige Regierung anerkennen.“ Nun hatte er ihre volle Aufmerksamkeit. „Die Akademie genießt hohes Ansehen in Tripolis“, fuhr Miguel fort. „Ihr Wort trägt Gewicht – in den Zirkeln der Magier, in den Reihen der Händler, sogar unter den normalen Bürgern. Wenn sich der Magieturm dem Kaiserreich beugt, dann wird Tripolis folgen. Und wenn Tripolis fällt, dann auch der Rest der Inseln.“ Genau das hatte Leyla erwartet. Ein gutes Angebot. Doch war es genug, um eine Befehlsverweigerung zu rechtfertigen? Sie schwieg, ließ Miguel selbst entscheiden, wie viel er bereit war zu geben. Er nahm ihr Schweigen wahr und setzte nach. „Ich kann Euch also zwei Dinge bieten“, sagte er ruhig. „Erstens: die Unterstützung des Magieturms. Damit wird die Zeit nach dem Krieg einfacher – weniger Widerstand, weniger Chaos.“ Er hielt inne, musterte sie, als wollte er einschätzen, wie weit er noch gehen musste. Leyla wartete reglos. Sie wollte ihn nicht drängen. Sollte er ruhig selbst sein Angebot erhöhen. Schließlich seufzte Miguel leise und fügte hinzu: „Und zweitens: Ich kann Euch einen Kontakt zu Yanis Marghri vermitteln. Ich nehme an, Ihr erinnert Euch an ihn?“ Leyla ließ sich nichts anmerken, doch innerlich horchte sie auf. „Yanis ist ein einflussreicher Mann. Sollte es zu Verhandlungen mit den Händlern kommen, wäre er der Schlüssel. Ihr könnt ihn gebrauchen, wenn Ihr Tripolis mit minimalem Widerstand übernehmen wollt.“ Langsam, fast unmerklich, kräuselte sich ein zufriedenes Lächeln auf Leylas Lippen. Das war genug. Mit diesen beiden Angeboten konnte sie die Entscheidung vor Yang vertreten. Und nicht nur das – es würde ihren Auftrag erheblich erleichtern. Sie erhob sich, ihre Miene wieder so verschlossen wie zuvor. „Dann brechen wir auf“, entschied sie. „Ich hoffe für dich, dass dein Freund ebenso klug ist wie du.“ Ihre Stimme blieb emotionslos, unbarmherzig. Hier, auf den Tabakinseln, sollte man sich vor ihr fürchten. Zumindest so lange, bis ihre Mission erfüllt war. Mit einer Handbewegung ließ sie einen Sarg aus Holz und Eisen um Miguel entstehen. Magische Ranken schlängelten sich darum, versiegelten ihn in einer starren Gefängniszelle. Ein weiteres Zucken ihrer Finger – und ein hölzerner Karren materialisierte sich neben ihr. Mit einer mühelosen Bewegung hob sie den Sarg mit magischen Steinsäulen an und ließ ihn auf die Ladefläche gleiten. Mana pulsierte in ihren Armen, durchströmte sie mit neuer Kraft. Dann schloss sie die Finger um die hölzernen Griffe des Wagens – und zog ihn, ohne ein weiteres Wort, in Richtung des Anwesens von Yanis Marghri. - ------------------------------------------------------------------------- Leyla schenkte dem silbernen Zaun, der den Garten des Marghri-Anwesens umschloss, keine Beachtung. Er war nicht mehr als ein Hindernis, das ihrem Ziel im Weg stand. Mit einer beiläufigen Bewegung ließ sie eine massive Kugel aus Stein entstehen und walzte das Metall mühelos nieder. Die schweren Stangen krachten in den gepflegten Rasen, ein leises Knirschen begleitete das Splittern der Verankerungen. Niemand, der ihr auf dem Weg begegnet war, hatte Verdacht geschöpft. Für die Bewohner von Tripolis sah es so aus, als transportiere sie lediglich einen kunstvoll verzierten Felsbrocken – ein ungewöhnliches, aber nicht gänzlich verdächtiges Bild in einer Stadt, in der Kunst und Handel Hand in Hand gingen. Leyla trat auf das Anwesen zu. Wie auch schon vor einigen Tagen: Keine Wachen. Wahrscheinlich hielt Yanis Marghri sich für unantastbar. Vermutlich glaubte er, niemand würde es wagen, ihn in seinem eigenen Heim anzugreifen. Es war bereits Abend, und sie schätzte, dass er sich im Speisesaal befand. Ohne zu zögern legte sie eine Hand auf die geschliffene Steinmauer der Villa – und ließ sie zerbröckeln. Der Stein rieselte zu Boden, als hätte er sich in Sand verwandelt, eine klaffende Öffnung freigebend, die direkt in den Saal führte. Auf der anderen Seite erstarrte eine Dienerin, die gerade dabei gewesen war, das Essen zu servieren. Ein erschrockener Schrei entwich ihren Lippen, bevor sie zurücktaumelte, das Tablett klirrend auf den Boden fiel. Yanis Marghri saß am Tisch und blickte mit weit aufgerissenen Augen auf das Chaos, das sich vor ihm entfaltete. „Was soll da–?“ begann er, doch er kam nicht weit. Mit einer fließenden Geste ließ Leyla Fesseln aus dunklem Holz um seine Arme und Beine wachsen, während eine steinerne Schicht sich fest um seinen Mund legte und ihn zum Schweigen brachte. Seine Augen funkelten vor Empörung, doch sie schenkte ihm keine Beachtung. Stattdessen öffnete sie den Steinsarg, der Miguel Atrasa gefangen hielt, zog den Großmagus mühelos aus seinem Gefängnis und warf ihn auf den Boden wie ein nutzloses Stück Gepäck. Dann trat sie einen Schritt zurück und ließ ihren Blick herausfordernd zwischen den beiden Männern wandern. „Ich mache es kurz“, sagte sie kalt. „Dein Freund behauptet, du wärst in der Lage, die Händler zur Kapitulation zu bewegen. Ich brauche eine Bestätigung – und keine Ausflüchte.“ Mit einer beiläufigen Bewegung löste sie den steinernen Knebel von Marghris Mund, doch die Fesseln an Miguel ließ sie unangetastet. Der Händler rieb sich kurz das Kinn, als würde er die Situation abwägen. Sein Blick glitt zu Miguel, dann wieder zurück zu ihr. Schließlich atmete er tief durch und nickte langsam. „Ich verstehe“, sagte er schließlich. „Ich nehme an, Ihr habt bereits Euren ersten Schritt getan. Dann wird die offizielle Kriegserklärung in den nächsten Tagen hier eintreffen, nicht wahr?“ Leyla erwiderte nichts, sondern hielt seinen Blick einfach nur fest. Marghri zuckte mit den Schultern, als hätte er nichts anderes erwartet. „Nun gut. Ich kann die Händler dazu bringen, zu kapitulieren, sobald Ihr es wünscht. Zudem kann ich sicherstellen, dass der Handel nur wenige Wochen nach Kriegsende wieder auf dem Niveau ist, das wir momentan haben.“ Seine Augen verengten sich, seine Stimme nahm einen geschäftsmäßigen Ton an. „Im Gegenzug verlange ich eine entsprechende Stellung. Ich will als Protektor der Tabakinseln eingesetzt werden. Und sobald die Inseln in ein Herzogtum umgewandelt werden, will ich der Herzog sein.“ Leyla musterte ihn abschätzig. Der Mann hielt sich für clever, aber er wusste offensichtlich nicht, dass sie keine Herzogstitel zu vergeben hatte. Doch das spielte keine Rolle. Noch nicht. „Gut“, sagte sie schließlich. „Ich werde dein Anliegen an die Verantwortlichen des Kaiserreichs weiterleiten. Im Gegenzug wirst du, sobald ich es dir befehle, die Kapitulation der Händler sicherstellen.“ Marghri lächelte zufrieden, als hätte er gerade ein vorteilhaftes Geschäft abgeschlossen. Leyla wusste, was für Menschen sie vor sich hatte: Sowohl er als auch Miguel kümmerten sich nicht um Ehre, nicht um Loyalität – nur um ihren eigenen Vorteil. Die Unabhängigkeit der Tabakinseln interessierte sie nicht, solange sie selbst ihren Platz an der Spitze sichern konnten. Sie löste die Fesseln beider Männer mit einem kurzen Fingerschnippen, doch ihre Miene blieb hart. „Solltet ihr mich verraten oder eure Versprechen brechen, werdet ihr wünschen, heute schon gestorben zu sein“, sagte sie ruhig, doch die Drohung in ihren Worten war unausweichlich. Dann drehte sie sich um und verließ das Anwesen, ohne eine Antwort abzuwarten. - ------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Leyla auf den feuchten Waldboden sinken, ihre Glieder schwer von der Anstrengung des Tages. Die Nacht war still, nur das entfernte Zirpen von Insekten und das gelegentliche Rascheln in den Büschen drangen durch die Dunkelheit. Der Boden unter ihr war kühl, ein harter Kontrast zur Hitze der Stadt, die sie hinter sich gelassen hatte. Heute würde sie draußen schlafen. Es war sicherer so. Spätestens morgen – vielleicht sogar jetzt schon – würde man nach ihr suchen. Die Händler hatten Augen und Ohren überall, und selbst wenn Marghri sich an seine Zusage hielt, konnte sie sich nicht darauf verlassen, dass niemand ihre Spur aufgenommen hatte. Leyla hob den Blick zum Himmel. Über ihr erstreckte sich ein klares Firmament, unzählige Sterne funkelten über den dichten Baumwipfeln. Sie atmete tief ein. Heute war das erste Mal gewesen, dass sie ihre Macht nicht nur als Werkzeug, sondern als Waffe zur Einschüchterung benutzt hatte. Sie hatte zerstört, gedroht, mit einer Kälte gesprochen, die ihr früher fremd gewesen war. Aber sie bereute nichts. Nicht, dass sie den Stein und seine Macht akzeptiert hatte. Nicht, dass sie die Großmagi ausgelöscht hatte. Nicht, dass sie einen Händler bedroht und ausgenutzt hatte, um ihre Ziele zu erreichen. So war es nun mal. Es gehörte zu ihrer Rolle als Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Wer in dieser Welt Schwäche zeigte, wurde zermalmt, ausgenutzt, zu einem Spielball der Mächtigen. Sie hatte sich entschieden, sich niemals wieder in diese Position drängen zu lassen. Irgendwann würde sie alle Runensteine finden. Sie wusste nicht genau, was dann geschehen würde – was sie erwarten würde, wenn sie das letzte Fragment dieser Macht in sich aufnahm. Aber sie war sich sicher, dass es Freiheit bedeutete. Dann würde es keine Bournadette mehr geben, die ihr drohte. Keine Yang, die sie herumstieß. Keinen Selfmun Aragi, der sie ausnutzte. Bald würde der Krieg ausbrechen. Nur noch ein paar Tage. Bis dahin musste sie sich bedeckt halten, abwarten, beobachten. Tagsüber würde sie sich in der Kaifeng-Kampfschule aufhalten. Und vielleicht, nur vielleicht, würde Sandyr bald gute Neuigkeiten für sie haben. Vielleicht würde er sie nach Mylrie bringen, schneller als sie gehofft hatte. Leyla schloss die Augen. ,,Was wird wohl mit mir passieren, wenn ich den nächsten Runenstein absorbiere..?’’

  • Kapitel 124 - Die Stadt, die sich ändern muss

    Sandyr wartete. Wartete, bis Nereus ihn in den Königspalast geführt hatte. Wartete, bis der König ihn wortlos die Treppen hinaufführte, durch lange, düstere Gänge, bis zu einem abgeschiedenen Konferenzraum. Wartete, bis sie schließlich an einem schweren Holztisch saßen, sich gegenüber, die Blicke ineinander verankert. „Du bist der König?“ fragte Sandyr, seine Stimme eine Mischung aus Unglauben und Verachtung. Er versuchte, seinen Hass, seine Abscheu zu verbergen, und dadurch vergaß er, mit wem er sprach. Nereus hingegen ließ sich nicht beirren. Keine Spur von Empörung, keine Regung von Ärger – er antwortete ruhig, fast als wäre diese Frage die selbstverständlichste der Welt. „Ja, ich bin König Nereus, aus dem Hause der Neraner. Und ich habe dich mitgenommen, weil ich Hilfe brauche.“ Hilfe? Sandyr runzelte die Stirn. Ein Jahr regierte Nereus bereits. Ein Jahr, in dem alles immer schlimmer geworden war. Wofür sollte ausgerechnet er, ein Fremder, gebraucht werden? „Mein Berater, Bartesh Nogolemar, wurde getötet“, fuhr Nereus fort, sein Blick hart, aber nicht ohne einen Anflug von Bitterkeit. „Er war derjenige, der mich im letzten Jahr unterstützt hat – oder vielmehr, der mir weismachen wollte, dass er es tat. Ich glaubte ihm. Doch letztlich hat er nichts getan, außer sich selbst zu bereichern und mich mit Lügen zu vertrösten.“ Sandyr verzog das Gesicht. Es überraschte ihn nicht. „Wahrscheinlich hat er geahnt, dass sich ohnehin nichts ändert, und hat sich darauf ausgeruht, jemand anderem die Schuld zuschieben zu können.“ ,,Ich habe heute mit eigenen Augen gesehen, was ich zu lange verdrängt habe. Mylrie zerfällt – und ich kann es nicht länger ignorieren. Aber ich werde es nicht allein schaffen.“  Nereus lehnte sich leicht vor, seine Stimme nun drängender, beinahe flehend. „Ich brauche jemanden, dem ich vertrauen kann. Jemanden, der sich nicht davor scheut, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Jemanden, der den Meriden helfen will, nicht nur aus Eigennutz oder Berechnung, sondern weil es richtig ist.“ Und da dachte er an Sandyr? Jemanden, den er erst seit einigen Stunden kannte? Wie naiv war der König bitte? Dann streckte er seine Hand über den Tisch, seine dunklen Augen bohrten sich in Sandyrs. „Sandyr, willst du mir helfen, Mylrie zu retten? Ich weiß, dass du diesen Zustand genauso wenig erträgst wie ich. Mit dir an meiner Seite kann ich es schaffen. Gemeinsam werden wir die Stadt verändern.“ -------------------------------------------------------------------------- Nereus schaute erwartungsvoll zu Sandyr. Er wusste, wie naiv seine Bitte klang. Er kannte Sandyr kaum, wusste nichts über seine Vergangenheit, seine Absichten. Aber was blieb ihm anderes übrig? Die Aristokraten seiner Stadt waren gierig, besessen von Macht und Wohlstand, während die Bevölkerung litt. Sie würden ihn belügen, betrügen, sich die Taschen füllen, während Mylrie weiter verfiel. Er brauchte jemanden, der nicht in dieser verrotteten Elite aufgewachsen war. Jemanden, der die Armut nicht nur gesehen, sondern erlebt hatte. Sandyr lehnte sich vor, stützte die Unterarme auf den Tisch und ließ seinen Blick für einen Moment auf dem König ruhen, ehe er sprach. „Du hast recht, dieses Mylrie hasse ich“, sagte er mit leiser, aber unmissverständlicher Stimme. „Diese Stadt ist eine Grube, vergiftet von Gier und Gleichgültigkeit. Wenn du wirklich etwas verändern willst, dann reicht es nicht, an ein paar Stellschrauben zu drehen. Es braucht mehr. Viel mehr.“ Nereus lächelte zufrieden. Ihm gefiel, dass Sandyr mit ihm vertraut sprach, sich nicht unterwürfig zeigte. „Die Aristokraten haben die Stadt wie eine Krankheit befallen. Sie häufen Reichtum an, während die Menschen in den Gassen krepieren. Und warum? Weil sie den Segraina-Handel kontrollieren. Sie zwingen die Armen in Abhängigkeit, machen sie wehrlos, halten sie gefangen in ihrer eigenen Verzweiflung. Sie sitzen in ihren Palästen, atmen saubere Luft, während wir unten an Kiemenstopfung verrecken.“ Er lehnte sich noch ein Stück weiter vor, seine Stimme wurde kühler, schärfer. „Und dann ist da noch das Militär. Die, die eigentlich schützen sollten. Sie schlagen zu, wenn sie Lust haben. Lassen ihre Gewaltfantasien an denen aus, die sich nicht wehren können. Sie sind nichts weiter als Monster in Uniform, und solange niemand sie stoppt, wird sich nichts ändern.“ Für einen Moment herrschte Stille zwischen ihnen. Nereus nickte gespannt. Er hatte das Ausmaß nur grob aus seiner Perspektive erfassen können. Sandyr wusste, wovon er sprach. Dann hob Sandyr langsam das Kinn und fixierte Nereus mit eindringlichem Blick. „Wie viel, König Nereus, seid Ihr bereit zu ändern?“ -------------------------------------------------------------------------- Sandyr wartete, seine Augen fest auf Nereus gerichtet. Würde der König nun zurückweichen? Einen Rückzieher machen? Vielleicht anfangen zu zweifeln, zu zögern, sobald er erkannte, was seine Worte wirklich bedeuteten? Doch Nereus tat nichts dergleichen. Er lächelte – nicht spöttisch, nicht herablassend, sondern entschlossen, fast erwartungsvoll. „Ich bin bereit, diese Stadt bis in ihre Grundfeste durchzuspülen, wenn am Ende ein besseres Leben für die Meriden steht.“ Ein seltsames Gefühl durchströmte Sandyr. Kein einfacher Triumph, keine bloße Genugtuung – es war etwas Größeres, etwas, das tief in ihm vibrierte. Er hatte gewonnen. Doch noch wichtiger: Dies war erst der Anfang. Er ließ sich einen Moment Zeit, um über seine nächsten Worte nachzudenken. Die ersten Schritte mussten überlegt sein, jeder Vorschlag bewusst gesetzt. Doch der Plan, der sich in seinem Kopf formte, war weitaus größer. Zuerst würde er Nereus eine Liste an Reformen vorlegen – ehrgeizig, radikal, gefährlich. Forderungen, die das Fundament dieser Stadt erschüttern würden. So würde er das Vertrauen des Königs festigen. Und dann… dann würde er Leyla durch den Tripolistunnel in den Palast holen. Und wenn sie erst einmal hier war, dann gab es kein Zurück mehr. Mylrie würde fallen. Er erhob sich langsam, seine Bewegungen kontrolliert. Sein Blick suchte den des Königs, hielt ihn fest. „Als Erstes müssen wir gegen die Aristokraten vorgehen. Solange sie ihre Macht behalten, wird sich nichts ändern. Sie werden jede Reform blockieren, jeden Fortschritt verhindern. Deshalb nehmen wir ihnen, was sie schützt – ihren Stand, ihre Privilegien, ihre Mauern. Ihre Paläste werden abgerissen, ihr Reichtum wird dorthin gelenkt, wo er gebraucht wird. Das wird unser erster Schritt.“ Nereus stand ebenfalls auf, seine Miene blieb ernst, doch in seinen Augen spiegelte sich ein Funke Nachdenklichkeit. „Das sollte möglich sein. Das Militär ist mir gegenüber loyal, nicht den Aristokraten.“ Sandyr nickte. Genau das wollte er hören. „Gut. Der nächste Schritt ist der Segraina-Handel.“ Nereus zog die Brauen zusammen. „Sollen wir jeden zur Rechenschaft ziehen, der die Droge konsumiert?“ „Nein“, sagte Sandyr sofort. „Die Süchtigen sind keine Schuldigen – sie sind Opfer. Sie sind in eine Falle geraten, die andere für sie ausgelegt haben. Wir müssen die Ursache bekämpfen, nicht die Symptome. Die Segrainafelder müssen zerstört werden. Die Händler, die das Gift verbreiten, gehören bestraft. Und vor allem: Diejenigen, die an Kiemenstopfung leiden, brauchen sofortige Hilfe. Wir werden sie nicht sich selbst überlassen.“ Er machte bewusst eine Pause. Lies seinen Worten Raum zum Atmen, ließ sie auf Nereus wirken. „Dann kommt die Infrastruktur“, fuhr er schließlich fort. „Die Stadt ist ein Scherbenhaufen. Wir brauchen Luftkammern in jedem Haus, sie dürfen keine elitären Annehmlichkeiten mehr sein, sondern ein Grundrecht. Die Straßen müssen erneuert werden, Arbeitsbedingungen verbessert. Aber das reicht nicht – wir müssen die Klassen auflösen. Die Gesellschaft muss durchlässig werden, damit jeder Merid ein würdiges Leben hat.“ Nereus hatte sich bereits Notizen gemacht, als Sandyr zum letzten Punkt kam. „Und zuletzt: das Militär. Es muss reformiert werden. Es muss wieder zum Schutz der Meriden dienen, nicht als Werkzeug für persönliche Machtgelüste. Die, die ihre Stellung ausgenutzt haben, müssen entwaffnet und entlassen werden. Sonst wird sich nichts ändern. Sonst wird die Angst bleiben.“ Er sah den König an, suchte nach dem ersten Anzeichen von Widerstand, nach einer Regung des Zweifels. Doch Nereus zögerte nicht. „Gut“, sagte er schließlich, legte den Stift zur Seite und blickte Sandyr mit unerschütterlicher Entschlossenheit an. „Dann werde ich diese Punkte nach und nach umsetzen. Ich ernenne dich hiermit zu meinem neuen Berater. Noch heute werde ich das Militär zusammentrommeln, um den ersten Schritt einzuleiten – die Entmachtung der Aristokraten.“ Er drehte sich zur Tür, öffnete sie mit einer fließenden Bewegung und rief nach den Wachen. „Bringt Sandyr in den Beraterkomplex. Er soll sich dort einrichten.“ Bevor die Soldaten ihn aus dem Raum führten, drehte sich Nereus noch einmal zu ihm um. Sein Blick war eindringlich, ernst. „Danke, Sandyr. Wenn du etwas brauchst, lass es mich wissen.“ Sandyr hielt dem Blick des Königs stand, dann nickte er knapp. Wortlos folgte er der Wache hinaus.

  • Kapitel 123 - Der Bettlerkönig von Mylrie

    Sandyr schritt durch die Straßen Mylries, während das Wasser in sanften Wellen um seinen Körper strömte. Die vertraute Feuchtigkeit auf seiner Haut war eine Wohltat – seit wie vielen Jahren hatte er das nicht mehr gespürt? Zehn, vielleicht zwanzig? Er hatte aufgehört zu zählen. Sein Blick wanderte über die verfallenen Hütten des Armenviertels. Die Behausungen waren schief, ihre Fassaden von Algen und Salz zerfressen. In einer dunklen Ecke lag eine alte Meridin, völlig benommen vom Rausch des Segrainas. Ihre leeren Augen starrten ins Nichts, während sich ihr Körper in trägen Bewegungen hin und her wiegte. Sandyr verzog den Mund. Er verachtete diese Stadt. Jeden Tropfen Wasser, jede verrottete Planke, jedes jämmerliche Seufzen ihrer Bewohner. Doch er musste einen Weg in den Palast finden. Das Tor zum Tunnel nach Tripolis musste geöffnet werden – damit Leyla, die Kopfgeldjägerin, Zutritt erhielt. Sein Plan führte ihn zum Hauptplatz, einem weitläufigen Markt, auf dem sich Händler, Diebe und Neugierige drängten. In der Mitte ragte eine hohe Säule empor. Auf ihrer Spitze thronte die Statue eines Meriden, der ein stolzes Seepferd ritt – ein Symbol alter Herrlichkeit, das im Dunst der heruntergekommenen Stadt nur noch eine Farce war. Vielleicht konnte er sich mit einem der Händler anfreunden, jemandem, der Zugang zu den höheren Bezirken hatte. Wenn er es schaffte, sich von dort nach Saphirath, dem Viertel der Aristokraten, vorzuarbeiten, würde sich eine Gelegenheit ergeben. Irgendwie. Er betrat den geschäftigen Platz, ließ seinen Blick über die unzähligen Meriden gleiten, die zwischen Ständen mit leuchtenden Stoffen, seltenen Gewürzen und duftenden Meeresfrüchten wuselten. Am Rande der Straße kauerte eine Gruppe Bettler. Ihre Gesichter waren eingefallen, ihre Körper hager – wahrscheinlich bettelten sie um ein paar Münzen, um ihre nächste Dosis Segraina zu finanzieren. Doch einer von ihnen fiel ihm auf. Er war nicht abgemagert, nicht verhärmt wie die anderen. Sein Körper wirkte kräftig, seine Haut war nicht von Hunger gezeichnet. Ungewöhnlich für diesen Teil der Stadt. Doch es war nicht nur seine Statur, die Sandyrs Aufmerksamkeit erregte – es waren seine Augen. Sie funkelten, neugierig, wachsam. Doch da war noch etwas anderes. Etwas, das Sandyr nicht sofort einordnen konnte. Betroffenheit. Ein merkwürdiges Ziehen machte sich in seiner Brust breit, ein Instinkt, der ihm sagte, dass dieser Mann mehr war, als er vorgab zu sein. Ohne zu zögern, setzte er sich in Bewegung. - ------------------------------------------------------------------------- „Mein König, wir haben soeben Kunde von Barteshs Tod erhalten. Anscheinend wurde er in Tripolis, während einer wichtigen diplomatischen Mission, getötet.“ Der Soldat, der vor Nereus kniete, bebte leicht, seine Stimme war angespannt. Nereus konnte es ihm nicht verübeln. Seit seiner Krönung waren die Soldaten auf Barteshs Anweisung aus dem Palast verbannt worden. Sein Vater, König Nero, hatte mit eiserner Faust regiert, jähzornig und unbarmherzig. Die Erinnerung an seine Herrschaft lastete noch immer auf dem Reich. Ein eisiger Schauer durchlief Nereus, als er einen Schritt zurücktrat. Seine Finger krallten sich in den Stoff seiner Robe. „Bist du dir sicher, dass er tot ist?“ fragte er, ein leiser Hauch von Hoffnung in seiner Stimme. Bartesh war sein Vertrauter gewesen. Er hatte ihn gebraucht. Er hatte ihn stets beraten. Ohne ihn fühlte sich die Zukunft plötzlich ungewiss an. ,,Ja, mein König. Es wurde überprüft und bestätigt.’’ Ein Gefühl der Unsicherheit breitete sich in ihm aus, kroch in seine Gedanken wie kaltes Wasser. Wie sollte er ohne Bartesh regieren? Wie sollte er Entscheidungen treffen, wenn er es gewohnt war, dass Bartesh die Richtung vorgab? Der Soldat verbeugte sich und verließ den Thronsaal. Nereus blieb zurück, in der plötzlichen, bedrückenden Stille. Sein Blick wanderte zu der gewaltigen Glasfassade, die ihm einen ungetrübten Blick auf seine Stadt bot. Mylrie erstreckte sich unter ihm, eine lebendige Masse aus Häusern, Straßen und Märkten. Er hatte sie immer aus der Distanz betrachtet, aus der Sicherheit seines Palastes. Vielleicht war es an der Zeit, diese Distanz zu überbrücken. Er musste sich selbst ein Bild machen. Wenn es Probleme gab, dann konnte er sie nicht länger aus der Ferne lösen. Er musste verstehen, was in den Straßen geschah. Mit Bartesh an seiner Seite hatte er sich der Rolle eines passiven Königs gefügt. Nun war er allein. Nun musste er handeln. Den anderen Aristokraten konnte er nicht vertrauen. Sie waren nicht wie Bartesh. Sie waren gierig, listig, manipulativ. Sie würden ihn lenken wollen – und er würde es nicht zulassen. Er wandte sich abrupt um, seine Entschlossenheit festigte sich mit jedem Schritt zum Eingang des Palasts. „Lasst mir Bettlergewänder bringen!“ befahl er laut. Die Wachen erstarrten kurz, warfen einander fragende Blicke zu. Doch dann gehorchten sie. Niemand stellte seinen Befehl infrage. Und so verließ Nereus zum ersten Mal seit seiner Krönung, nein, zum ersten Mal in seinem Leben, die sicheren Mauern des Königspalasts. - ------------------------------------------------------------------------- Nereus eilte durch die schmalen, dunklen Straßen der unteren Bezirke, während ihm das kühle Wasser des Meeres die Haut entlanglief. Seine spärlichen Gewänder klebten an seinem Körper, schwer von der Nässe, doch er schenkte der unangenehmen Kälte kaum Beachtung. Er hatte seine Krone im Palast gelassen, sein Erkennungszeichen abgelegt. Heute wollte er nicht als Herrscher erkannt werden. Heute war er nur ein einfacher Merid. Sein Blick fiel auf eine Hauswand, deren von Algen überwucherte Oberfläche mit groben Schmierereien entstellt war. Die schwarzen Lettern, unmissverständlich und hasserfüllt, brannten sich in sein Bewusstsein: ,,Tod der Königsfamilie!’’ Er erstarrte. Ein Schauder fuhr durch seinen Körper, doch es war nicht die Kälte des Wassers, die ihn erschauern ließ. Warum stand so etwas hier? Warum gab es Meriden, die seinen Tod forderten? War der Hass auf seine Familie wirklich so tief verwurzelt? Und wenn es tatsächlich Rebellen oder Terroristen gab – warum wurden sie nicht zur Rechenschaft gezogen? Warum schien niemand etwas dagegen zu tun? Je tiefer er in die unteren Bezirke der Stadt schwamm, desto bedrückender wurde der Anblick, der sich ihm bot. Mylrie war nicht die wohlhabende, gerechte Stadt, von der Bartesh ihm berichtet hatte. Nein, das hier war etwas anderes. Die Pracht und der Glanz, die er aus den oberen Bezirken kannte, waren hier nichts weiter als ein ferner Traum. Die Straßen waren baufällig, der Boden von scharfkantigen Korallen und Trümmern bedeckt. Kaum ein Haus war mit Luftkammern ausgestattet, viele Behausungen waren nicht einmal stabil. Doch das, was Nereus am meisten erschütterte, waren nicht die Ruinen oder die Armut – es waren die leeren Augen derjenigen, die durch die Wasserströme trieben. Abgemagerte, ausgemergelte Gestalten, deren Bewegungen träge und bedeutungslos wirkten. Drogenabhängige. Sie schienen kaum noch Teil der Welt zu sein, wie leblose Hüllen, denen jegliche Hoffnung entrissen worden war. Schließlich erreichte er den Hauptplatz und ließ sich zwischen den Bettlern nieder. Mit gesenktem Blick beobachtete er das Geschehen um sich herum. Dann riss ihn eine lispelnde Stimme aus seinen Gedanken. [???] ,,Hey, du!’’ Nereus hob den Kopf. Ein Merid trat auf ihn zu, nicht besonders hübsch, doch mit wachen, neugierigen Augen. Er war nicht von adeliger Abstammung, das sah man auf den ersten Blick, doch er wirkte weder krank noch geschwächt. Im Gegenteil – er war kräftig und wirkte gesund, was in diesem Teil der Stadt, soweit Nereus es einschätzen konnte, eine Seltenheit war. ,,Ja, was möchtest du?" fragte Nereus ruhig und musterte ihn aufmerksam. Der Fremde grinste leicht und verschränkte die Arme vor der Brust. ,,Mir ist langweilig, und du siehst aus, als könntest du mir helfen." Seine Stimme klang spielerisch, doch in seinen Augen lag etwas anderes. Neugier? Nereus spürte, wie sein Interesse geweckt wurde. Vielleicht war dies die Gelegenheit, die er gesucht hatte. Er brauchte Informationen, brauchte Einblick in das Leben seiner Bürger, musste wissen, wem er noch trauen konnte. Er suchte nach Verbündeten – Meriden, die noch nicht von Macht und Geld korrumpiert waren. ,,Worum geht es?" fragte er vorsichtig, doch seine Stimme verriet seine Neugier. Der Merid lächelte verschmitzt und deutete mit einer Kopfbewegung auf eine dunkle Gasse, die von den wabernden Lichtstrahlen kaum berührt wurde. ,,Lass uns an einen stilleren Ort gehen. Dann erzähle ich dir alles." Nereus zögerte. War es klug, mit einem Fremden in eine abgelegene Gasse zu schwimmen? War es nicht ein zu großes Risiko? Doch dann erinnerte er sich daran, weshalb er hier war. Wenn er die Wahrheit herausfinden wollte, konnte er sich keine Angst leisten. Er atmete tief ein, dann nickte er. ,,In Ordnung. Zeig mir den Weg." Und mit diesen Worten folgte er dem Fremden in die Dunkelheit. - ------------------------------------------------------------------------- Sandyr führte den Merid tiefer in die verwinkelten Gassen der unteren Bezirke, bis sie schließlich eines der vielen verfallenen Häuser erreichten. Die Wände waren von Algen überwuchert, das einst stabile Holz verrottet, und ein fauliger Geruch lag in der schweren, trüben Strömung. Hier hatte seit langer Zeit niemand mehr gelebt – zumindest niemand, der sich noch um solche Dinge wie Möbel oder Sicherheit scherte. Mit einem leichten Seufzen ließ Sandyr sich auf den zerfallenen Überresten eines Steinstuhls nieder und musterte seinen Begleiter. Der Fremde stand noch im Eingang, die Schultern leicht angespannt, als würde er den Raum taxieren, sich eine Fluchtmöglichkeit offenhalten. Sandyr war sich sicher – jemand, der sich in Lumpen hüllte und trotzdem gut genährt war, musste Kontakte zu den höheren Bezirken haben. Hier unten verhungerten die Meriden, während sie sich in den Strömungen treiben ließen wie tote Fische. Doch dieser Merid war kräftig, seine Haut schimmerte gesund, und seine Haltung verriet ein Selbstbewusstsein, das nicht zu einem einfachen Bettler passte. „Ich bin übrigens Sandyr! Und du?“ fragte Sandyr mit gespielter Leichtigkeit. Der Merid zögerte, als müsse er sich seinen Namen erst zurechtlegen. Dann sagte er: „Melnon.“ Ein Prickeln breitete sich in Sandyrs Brust aus. Melnon. Ein Name, der einst in ganz Mylrie geläufig war, heute jedoch fast ausschließlich in adeligen Kreisen existierte. Hatte sein Gegenüber sich verraten? Sandyr ließ sich nichts anmerken, sondern lächelte nur leicht. „Ah, freut mich, Melnon. Seltsam nur, dass du für einen Bettler erstaunlich gut genährt aussiehst. Hast du eine geheime Essensquelle oder bist du gar kein Bettler?“ Seine Stimme klang amüsiert, doch seine Augen beobachteten jede noch so kleine Regung. Ein kurzes Zucken lief über Melnons Gesicht, bevor er sich schnell fing. „Nein, ich bin Händler“, erwiderte er mit einem leichten Schulterzucken. „Ich wollte das Kaufverhalten der Meriden in den unteren Bezirken studieren. Und du? Du siehst auch sehr gesund aus.“ Ein Händler also. Sandyr wusste, dass das eine Lüge war. Doch er entschied, das Spiel mitzuspielen. Er lachte leise und lehnte sich zurück. „Ich selbst habe einige Jahre in Tripolis verbracht. Jetzt bin ich zurück, um mir eine Aufgabe zu suchen, mit der ich Mylrie helfen kann.“ Er beobachtete genau, wie Melnon auf diese Worte reagierte. Seine Augen flackerten kurz, ein Schatten huschte über sein Gesicht. War es Bedauern? Mitleid? Vielleicht sogar Schuld? Dann sagte Melnon leise: „Das geht mir genauso. Ich war lange nicht mehr in den unteren Bezirken. Ich wusste nicht, wie schlimm es geworden ist.“ Er hob den Blick, fixierte Sandyr eindringlich. „Sag mir, Sandyr, wie willst du die Gesellschaft verbessern?“ Sandyr überlegte. Was sollte er sagen? Die Wahrheit war zu gefährlich. Doch eine zu plumpe Lüge konnte ihn verraten. Also entschied er sich für einen Mittelweg. „Ich möchte diejenigen, die für dieses Elend verantwortlich sind, zur Rechenschaft ziehen. Ich will gegen die verteufelten Händler vorgehen, die Segraina an die Ärmsten verkaufen und sie in den Wahnsinn treiben. Ich will, dass diejenigen bestraft werden, die die Schwächsten ausnutzen und Gewalt über sie ausüben. Keine zerfallenen Straßen mehr, keine Häuser, in denen die Bewohner an Kiemenstopfung sterben, weil es keine Luftkammern gibt. Mylrie soll kein Ort sein, an dem die Aristokraten ungestraft tun können, was sie wollen.“ Melnon betrachtete ihn einen Moment lang, dann schlich sich ein Lächeln auf seine Lippen. Es war nicht übermäßig breit, doch es war aufrichtig. „Dann haben wir dasselbe Ziel, Sandyr.“ Seine Stimme war ruhig, aber entschlossen. „Möchtest du mit mir kommen? Ich denke, wir können gemeinsam planen, wie wir das ändern.“ Sandyr hielt kurz inne. Ein Moment der Stille, in dem sich zwei Fremde abschätzten. Dann nickte er. „Zeig mir den Weg.“ - ------------------------------------------------------------------------- Zusammen glitten sie ruhig durch die sanft geschwungenen Wasserstraßen der Stadt. Die Strömung trug sie mit gemächlicher Leichtigkeit voran, während das Rauschen der belebten Gassen um sie herum ein konstantes Hintergrundgeräusch bildete. Sandyr beobachtete die Umgebung mit scharfem Blick. Sie waren mittlerweile im Handelsbezirk angekommen – ein Ort, den er selbst in seiner Jugend nie betreten hatte. Hier gab es alles im Überfluss. Die Straßen waren gesäumt von bunten Marktständen, an denen Händler exotische Waren anboten: schillernde Korallenstoffe, duftende Gewürze aus den entlegensten Tiefen des Meeres, scharfe Waffen mit kunstvoll verzierten Klingen. Stimmen drangen durch das Wasser, lautstark wurden Preise verhandelt, Waren angeboten, Geschäfte abgeschlossen. Doch dies war nicht ihr Ziel. Ohne auch nur einen Moment zu zögern, trieben sie weiter, unbehelligt von den Wachen, die sonst niemanden ohne Genehmigung in den nächsthöheren Bezirk ließen. Dann erreichten sie Sopa. Sandyr spürte, wie ihm eine Welle des Ekels den Rücken hinaufkroch. Hier, im Bezirk der Aristokraten, war alles anders. Die Straßen waren nicht mehr uneben und von Algen überwuchert – sie waren glatt gepflastert, makellos, beleuchtet von Tiefenlichtern, die in regelmäßigen Abständen an den Fassaden der Häuser angebracht waren.  Diese Gebäude konnte man nicht mehr als Häuser bezeichnen. Jedes einzelne war ein Kunstwerk, eine Demonstration von Macht und Reichtum. Hochaufragende Gebäude, ausgestattet mit großzügigen Luftkammern, verziert mit goldenen Reliefs, Perlen und funkelnden Edelsteinen. Sandyr verzog das Gesicht. Hier oben schwelgten sie in Luxus, während unten in den unteren Bezirken die Leute hungerten, starben. Etwas von ihnen entfernt tauchte eine weitere Festung der Unterdrückung auf. Der Militärdistrikt Masryl. Hoch über ihm zogen die Reitertruppen in präziser Formation durch das schimmernde Wasser, ihre glänzenden Rüstungen reflektierten das Sonnenlicht, das durch das Meer drang. Sie bewegten sich lautlos, unnahbar, wie Raubfische auf der Jagd. Doch anders, als Sandyr es erwartet hatte, hielten sie nicht an, bogen in keine der Seitenstraßen ein. Melnon führte ihn weiter – tiefer in das Herz der Stadt. Sandyr konnte seinen wachsenden Argwohn kaum noch ignorieren. Wer war Melnon wirklich? Dass er ein Aristokrat sein musste, stand außer Frage. Seine Haltung, sein Tonfall, die Art, wie er sich mit den Wachen verständigte, ließen daran keinen Zweifel. Und dann kamen sie an den Wachübergang, die Grenze zwischen dem Rest der Stadt und Saphirath – dem Zentrum der Macht. Melnon sprach mit den Wachen. Ein kurzer Wortwechsel, keine Fragen, keine Kontrolle. Dann wurden sie durchgelassen. Sandyr spürte die Blicke auf sich. Überall, wohin er sah, wurden sie von neugierigen, misstrauischen oder gar angewiderten Augen beobachtet. Die Aristokraten, die sich auf den goldverzierten Straßen bewegten, musterten ihn wie eine abscheuliche Kreatur, ein Wesen, das nicht hierhergehörte. Und dann sah Sandyr sie. Die Paläste. Was hier stand, übertraf selbst seine schlimmsten Vorstellungen. Die Gebäude ragten wie kunstvoll geschliffene Juwelen in die Höhe, ihre Wände waren aus poliertem Stein, besetzt mit Gold und Edelsteinen, sodass sie selbst in der trüben Tiefe des Wassers zu leuchten schienen. Er hatte diesen Bezirk schon oft aus der Ferne gesehen, hatte ihn verflucht, doch nun, da er sich mitten darin befand, traf ihn die Realität mit voller Wucht. Und noch immer hielten sie nicht an. Dann sah er ihr Ziel. Der Königspalast. Ein gewaltiges Bauwerk, unübersehbar, das Symbol der absoluten Herrschaft. Und mit einem Mal fiel es Sandyr wie Schuppen von den Augen. Melnon war kein einfacher Aristokrat. Kein hochgeborener Sohn eines alten Hauses. Er war der König von Mylrie — Nereus. Ein Gefühl wie kochendes Wasser breitete sich in Sandyrs Brust aus. Nereus. Derjenige, der alles verändern konnte. Derjenige, der an der Krone saß, mit all der Macht, das Leid seines Volkes zu lindern – und dennoch tatenlos blieb. Sandyr musste lächeln. Er würde sich das Vertrauen des Königs sichern. Würde sich in sein Herz schleichen, sich unersetzlich machen. Und dann… Dann würde er ihm den Dreizack in den Rücken stoßen.

  • Kapitel 116 - Der Wahnsinn und der Teufel

    Nur vier Personen befanden sich in dem kleinen Raum, hoch oben im Herzen des Kaiserpalastes. Die Wände waren mit kunstvollen Wandteppichen geschmückt, schwere Vorhänge hielten das gleißende Licht der Mittagssonne zurück. Ein massiver, dunkler Holztisch dominierte die Mitte des Raumes, und darauf lagen sorgfältig versiegelte Schriftrollen, Berichte und Karten – Dokumente, die über die Zukunft des Kaiserreichs entscheiden konnten. Kaiser Verion III hatte nur zwei Gäste zu dieser Lagebesprechung eingeladen. Zwei Männer, die zu den einflussreichsten Personen des gesamten Reiches zählten. Der erste war Selfmun Aragi, der Kaiserliche Minister. Er war zweifellos der mächtigste Adlige außerhalb der Algavia-Dynastie. Als Minister lenkte er die Innenpolitik des Landes, kontrollierte die Verwaltung und zog im Hintergrund an den Fäden der einflussreichsten Fraktionen – dem Militär, den Magierakademien, dem Adel. Doch Verion vertraute ihm nicht. Es wäre töricht, Aragi zu vertrauen. Er war ein Mann, der stets an seinen eigenen Zielen arbeitete. Jemand, der mit den richtigen Versprechen und einem lohnenden Angebot selbst ihn, den Kaiser, verraten würde. Doch Verion wusste das – und er wusste auch, dass Aragi sich seiner Beobachtung ebenfalls bewusst war. Der Grund, warum der Kaiser ihn nicht bereits ersetzt oder beseitigt hatte, war so simpel wie pragmatisch: Er machte seinen Job gut. Er hielt die Adelsfraktion unter Kontrolle. Und wenn der Kaiser ihm einen Auftrag erteilte, dann wurde dieser erledigt – effizient, skrupellos und ohne unnötige Verzögerungen. Selfmun Aragi war unter vielen Namen bekannt, doch der, den man am meisten geflüstert hörte, war „Der Rote Teufel“ . Und in diesem Moment konnte Verion es sich nicht leisten, auf ihn zu verzichten. Die zweite Person war sein fünftgeborener Sohn, Kronprinz Hypos. Im laufenden Prinzenspiel führte er mit Abstand. Mit achthunderteinundvierzig Punkten hatte er sich an die Spitze gesetzt, seine Errungenschaften übertrafen die seiner Brüder bei weitem. Er hatte sich bewiesen, hatte dem Reich mit seinen Taten einen erheblichen Nutzen gebracht. Doch er war auch der problematischste der Prinzen. Unter dem Volk war er als „der wahnsinnige Prinz“  bekannt – ein Beiname, der keineswegs unbegründet war. Verion wusste, dass sein Sohn oft Dinge tat, die jegliche Normen sprengten. Er war unberechenbar, seine Handlungen folgten einer Logik, die nur er selbst verstand. Verion wusste auch, dass er Mitschuld daran trug. Die Isolation, die er Hypos in seiner Kindheit auferlegt hatte, hatte das Feuer in ihm nicht gelöscht – es hatte es in etwas anderes verwandelt. Es war einer der wenigen Fehler, die der Kaiser sich selbst eingestand. Doch trotz seiner Unberechenbarkeit war Hypos brillant. Ein wahnsinniges Genie. Wäre ein anderer Kronprinz vor ihm, hätte Verion ihn eingeladen. Doch das Schicksal hatte es anders bestimmt – und so musste er sich nun mit Hypos befassen. Die vierte und letzte Person im Raum war Yang. Die Anführerin der Kaiserlichen Kopfgeldjäger. Die stärkste Person im gesamten Kaiserreich. Und Verions persönliche Leibwache. Sie sprach selten, doch ihre bloße Anwesenheit war eine unausgesprochene Drohung – eine Klinge, die jederzeit bereit war, zu schneiden. Das Kaiserreich stand am Scheideweg. Und in diesem Raum würden Entscheidungen getroffen werden, die über seinen Fortbestand bestimmen würden. - ------------------------------------------------------------------------- „Ihr beide wisst sicher, warum ich Euch herbestellt habe.“ Verions Stimme war ruhig, kontrolliert – ein Mann, der seine Anspannung hinter makelloser Fassade verbarg. Sowohl Aragi als auch Hypos nickten. „Im Herzogtum Randurin gibt es Anzeichen einer Rebellion. Der Schwarze Stern hat seinen ersten großen Schritt getan.“ Seine Augen musterten die beiden Männer, scharf und prüfend. „Nun ist die Frage, wie wir darauf reagieren sollten. Legt mir Eure Pläne vor.“ Wie es sich gehörte, begann Selfmun Aragi. Er erhob sich mit der Eleganz eines Mannes, der es gewohnt war, in höfischen Kreisen zu sprechen. Ein freundliches, kühles Lächeln lag auf seinen Lippen, während er sich tief verbeugte. Dann begann er, ruhig und bedacht. „Eure Majestät, ich danke Euch für die Gelegenheit, hier sprechen zu dürfen. Der Plan, den ich ausgearbeitet habe, ist folgender: Wir isolieren die Stadt.“ Kaum hatte er das ausgesprochen, erklang ein lautes Lachen. Hypos. Doch kaum traf ihn Yangs stechender Blick, verstummte er abrupt und lehnte sich mit verschränkten Armen in seinem Stuhl zurück. Aragi fuhr unbeirrt fort. „Wir errichten einen Wall zwischen Amarilles, Vanatorita und Grun, verstärken ihn mit Truppen und umschließen Randurin. Niemand betritt die Stadt, niemand verlässt sie. Gleichzeitig kappen wir jeglichen Handel. Nicht nur den auf dem Landweg, sondern auch den über das Meer.“ Er machte eine bedeutungsvolle Pause, sein Blick lag auf dem Kaiser. „Wir richten eine maritime Blockade ein und leiten den internationalen Handel über Karintes und Kartaffel um. Die Terroristen in Randurin werden nicht sofort fallen – aber sie werden langsam ersticken. Sie werden hungern, verzweifeln, sich selbst zerfleischen. Nach einigen Monaten wird nichts mehr von ihnen übrig sein.“ Aragi setzte sich wieder, seine Finger legten sich locker über die Armlehnen seines Stuhls. Verion betrachtete ihn nachdenklich. Die Idee hatte ihre Vorzüge. Ein Belagerungskrieg bedeutete minimale Verluste für das Kaiserreich, während sich die Rebellen in Randurin selbst erledigen würden. Doch würde Abwarten wirklich die beste Lösung sein? Gab er den Terroristen zu viel Zeit? Würden sie durchhalten, sich organisieren – oder gar Verstärkung erhalten? Ehe er seine Gedanken weiter vertiefen konnte, erhob sich Hypos. Sein goldener Anzug glänzte im Licht der Kerzen, als er sich mit ausgebreiteten Armen vor Verion stellte. Seine Stimme war laut, beinahe schreiend. „Ich denke, wir sollten sie sofort töten!“ Er riss die Arme hoch, als würde er die Wände selbst einreißen wollen. „Schickt die ganze Armee, schickt den Goldenen Löwen, schickt Yang!“ Seine goldenen Augen funkelten, während er weitersprach, als würde ihn allein der Gedanke an Zerstörung in Euphorie versetzen. „Und wenn nötig, brennen wir die Stadt nieder! Löschen sie aus, bis nur noch Asche übrig ist! Und dann – bauen wir sie neu auf!“ Er ließ sich mit einer dramatischen Bewegung wieder in seinen Stuhl fallen, ein zufriedenes Lächeln auf den Lippen. Ein Moment der Stille folgte. Verion schloss für einen Wimpernschlag die Augen und atmete langsam aus. Sein Sohn war impulsiv. Unberechenbar. Aber eines musste er ihm lassen – Hypos hatte ihm eine Alternative geboten. Doch war ein direkter Angriff die beste Wahl? Klar war: Yang würde er nicht schicken. Sie war sein Schutzschild, seine unerschütterliche Versicherung gegen Verrat und Machtspiele. Ohne sie an seiner Seite wäre seine Kontrolle über das Reich schwächer, vielleicht sogar gefährdet. Aber was war mit dem Goldenen Löwen – seiner Privatarmee? War es das Risiko wert? Der Kaiser lehnte sich langsam zurück, seine Finger trommelten leise auf die Tischplatte. Zwei Vorschläge. Zwei Wege. Welcher würde das Kaiserreich am wenigsten kosten? - ------------------------------------------------------------------------- Jetzt war Selfmun Aragi wieder an der Reihe. Es war an ihm, den Vorschlag von Hypos auseinanderzunehmen, ihn als das bloßzustellen, was er war – ein unüberlegter Wahnsinnsakt, getrieben von Impulsivität statt Strategie. Langsam erhob sich der Kaiserliche Minister, sein Blick fest auf den Kronprinzen gerichtet. Seine roten Augen funkelten scharf, als er Hypos direkt fixierte. „Der Plan, den Ihr vorschlagt, Eure Hoheit, ist, mit Verlaub, Wahnsinn.“ Er sprach das Wort bewusst langsam aus, mit Nachdruck. Natürlich würde er dieses Wort wählen. Er wusste, dass es Wirkung hatte – vielleicht nicht auf Hypos selbst, der stets in lautes Lachen ausbrach, wenn er so genannt wurde, doch auf jede rational denkende Person im Raum. Jeder verstand, was Aragi damit andeuten wollte. „Erstens: Wir stehen nur wenige Tage vor der Kriegserklärung an die Tabakinseln.“ Seine Stimme blieb ruhig, doch sie trug einen eisernen Ton mit sich. „Wir können es uns nicht leisten, den Goldenen Löwen oder große Teile der Armee für einen inneren Konflikt abzuziehen. Das würde uns schwächen. Wir müssen Prioritäten setzen.“ Er legte eine Hand auf den Tisch, sein Blick glitt nun zu Kaiser Verion. „Zweitens: Randurin ist keine gewöhnliche Stadt. Die Boz macht einen direkten Sturm nicht nur kostspielig, sondern zu einem potenziellen Desaster.“ Er ließ den Satz bewusst im Raum stehen, gab dem Kaiser Zeit, das Gewicht dieser Worte zu verinnerlichen. Dann wandte er sich wieder an Hypos, musterte ihn mit einer Mischung aus Belustigung und Berechnung. „Und drittens: Wie könnt Ihr es wagen, zu fordern, dass Seine Majestät Yang nach Randurin schickt?“ Aragi schüttelte langsam den Kopf, als wäre der Gedanke allein eine Beleidigung. Nun, er war es auch. „Natürlich würde die Stadt innerhalb eines halben Tages fallen, falls sie sich selbst die Mühe machen würde. Aber ist Euch überhaupt bewusst, was Ihr damit vorschlagt?“ Seine Stimme wurde schärfer. „Seine Majestät ohne Yangs Schutz? Inmitten einer bevorstehenden Invasion?“ Er lehnte sich leicht vor, sein Tonfall war gespielt arglos. „Oder… möchtet Ihr etwa, dass eine solche Gelegenheit entsteht? Eine, die Euch nützen könnte, Kronprinz?“ Die letzten Worte ließ er mit gezielter Schärfe fallen. Dann setzte sich Aragi wieder hin, schloss kurz die Augen, als hätte er das Gespräch bereits für sich entschieden. Verion musste ihm eines lassen: Aragi war schlau. Und er wusste, wie man Worte in einer Rede geschickt nutzte. Jeder einzelne Punkt, den er genannt hatte, war richtig. Sie konnten nicht riskieren, ihre militärische Stärke in einen Belagerungskrieg zu investieren, während sie gleichzeitig einen Angriffskrieg gegen die Tabakinseln vorbereiteten. Die Boz machte eine gewaltsame Eroberung nicht unmöglich – doch sie würde viele Opfer fordern. Wie viele Soldaten müsste er opfern, nur um eine Handvoll Terroristen zu töten? Terroristen, die nicht nur einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger getötet, sondern sogar das Schwert Kameras besiegt hatten? Und dann war da noch die Frage der Loyalität. Ein Verrat seines Sohnes? Verion konnte es sich nur schwer vorstellen. Es passte nicht zu Hypos. Selbst wenn er das Prinzenspiel gewann – wollte er wirklich den Thron? Der Kaiser ließ seinen Blick auf seinem Sohn ruhen. Ein Wahnsinniger. Ein Genie. Eine unkontrollierbare Kraft. ,,Nun, es ist an dir, Hypos. Was hältst du von Aragis Position?’’ - ------------------------------------------------------------------------- Hypos erhob sich mit einer geschickten Bewegung, trat an den Tisch heran und ließ sich seelenruhig auf die massive Holzplatte sinken. Yangs Augen verengten sich, ihr Blick fragte stumm den Kaiser um Erlaubnis. Doch Verion schüttelte kaum merklich den Kopf. Er wusste, dass es zwecklos war, Hypos in seinen Manieren zu maßregeln – und im Moment war sein Verhalten zweitrangig. Dann begann der Kronprinz zu sprechen. Ein verrücktes Grinsen lag auf seinen Lippen, seine Stimme triefte vor Spott. „Der Plan Aragis ist genauso einfältig wie seine Einwürfe zu meinem Vorschlag.“ Er ließ den Satz kurz in der Luft hängen, bevor er weitersprach. „Für einen Sturm haben wir keine Truppen, aber für eine Blockade schon? Allein die Anzahl der Schiffe, die für eine effektive Seeblockade benötigt würden…“ Sein Blick verengte sich, als er sich leicht nach vorne beugte. „Hat der Kaiserliche Minister etwa vergessen, dass wir uns gerade auf einen Krieg gegen einen Inselstaat vorbereiten?“ Er lachte leise, eine Mischung aus Belustigung und Wahnsinn. „Einen Inselstaat, der nicht nur eine gut ausgebildete Flotte, sondern auch die meisten Schiffe der gesamten Region besitzt?“ Mit einer plötzlichen Bewegung glitt er vom Tisch, ging auf Aragi zu und legte dem Minister eine Hand auf die Schulter. Aragi regte sich nicht. Seine roten Augen fixierten Hypos ausdruckslos, emotionslos – ein Blick, in dem Verion keine erkennbare Reaktion lesen konnte. Der Rote Teufel hörte einfach nur zu. Doch Hypos ließ sich davon nicht beirren. „Ihr wollt einen Verteidigungswall errichten? Wozu?“ Er machte eine theatralische Pause, dann verzog sich sein Mund zu einem hämischen Grinsen. „Um den Kaiser zu Tode zu langweilen?“ Er wandte sich nun direkt an seinen Vater. „Ein Kaiser braucht seine Leibwache nicht ständig um sich herum. Dafür habt Ihr doch uns beide.“ Er setzte ein unschuldiges Lächeln auf, verbeugte sich in gespielter Demut – eine Karikatur höfischer Etikette. Dann richtete er sich wieder auf, ließ seinen Blick herausfordernd über die Anwesenden schweifen. „Wenn Ihr wissen wollt, warum mein Plan besser ist, dann fragt Euch einfach Folgendes: Was passiert, wenn die Stadt Verstärkung erhält?“ Er breitete die Arme aus, als würde er das Unvermeidliche illustrieren. „Wenn sich mächtige Adlige der Rebellion anschließen? Wenn sich die Flammen des Aufstands über das gesamte Kaiserreich ausbreiten?“ Kaum hatte er fertig gesprochen, ließ er sich mit einem plötzlichen Ruck auf den Boden fallen, ging in die Hocke und setzte sich im Schneidersitz auf die kalten Steinfliesen. Verion betrachtete ihn mit einer Mischung aus Missbilligung und Resignation. Sein Sohn war unberechenbar. Wahnsinnig, ja – aber nicht dumm. Tatsächlich würde auch Aragis Plan Ressourcen kosten. Die Truppen für die Blockade müssten unterhalten, der Handel umgeleitet werden. Es war eine langfristige Strategie – und ja, die Verluste wären geringer als bei einem direkten Angriff. Doch Hypos hatte einen Punkt angesprochen, der ihm Sorgen bereitete. Was, wenn Randurin nicht isoliert blieb? Was, wenn andere Adlige sich dem Aufstand anschlossen? Was, wenn sich die Unruhen wie eine Seuche über das Land ausbreiteten? Er wusste genau, wie schnell eine lokale Rebellion zu einem reichsweiten Bürgerkrieg werden konnte. Jeder belesene Mann im Kaiserreich hatte „Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs“  gelesen. Und Verion hatte sie nicht nur gelesen. Er hatte sie verstanden. - ------------------------------------------------------------------------- Die Lehren des Parenski-Bürgerkriegs Sebastian Algavia, 605 n.d.g.K, überarbeitet von Rhovar Trellis, 1201 n.d.g.K Kapitel I – Einleitung Knapp zwanzig Jahre sind vergangen, seit der verheerende Krieg, der unser ruhmreiches Kaiserreich erschütterte, endlich sein Ende fand. Elf Jahre des Chaos. Elf Jahre, in denen ein brandgefährlicher Irrtum die Herzen der treuen Bürger vergiftete. Die Massen, einst pflichtbewusst und aufrichtig, wurden von einem einzigen Mann auf einen verderblichen Pfad geführt – ein Pfad, der sie in die Irre leitete, sie zu Werkzeugen einer ebenso wahnsinnigen wie gefährlichen Idee machte. Ein Brand, der nicht nur Städte, sondern auch den wertvollen Geist des Volkes niederbrannte. Bevor wir jedoch einen detaillierten Blick auf diese Katastrophe werfen, ist es essenziell, zunächst die Ursprünge dieser Ungeheuerlichkeit zu verstehen. Die Wurzel des Übels hatte einen Namen: Kim Parenski. Ein einfacher Bauer, ein Mann von niederer Geburt, der sich für einen Gelehrten hielt. Er war es, der mit seinem verfluchten Werk – einem Machwerk voller Irrtümer und Unwahrheiten – die Grundfesten unserer erhabenen Ordnung in Frage stellte. Seine Anschuldigungen? Der Kaiser? In seinen Augen ein Tyrann. Der Adel? Blutsaugende Parasiten, die sich am einfachen Volk labten. Der Kamerismus? Eine Farce, eine Fessel, die die Massen in Gehorsam hielt, ihnen falsche Träume von einer Erlösung im Jenseits versprach, um sie in ihrem irdischen Leben gefügig zu machen. Lügen. Hinterhältige, bösartige Lügen, die einzig und allein dem Zweck dienten, die unerschütterliche Ordnung unseres Kaiserreichs zu untergraben. Seine Hinrichtung war die einzig richtige Entscheidung. Doch das Gift, das er gesät hatte, war tief in die Herzen der Bürger eingedrungen. Und so kam es, dass im gesamten Reich gute Männer und Frauen zu Rebellen wurden, sich gegen den Kaiser erhoben, verblendet von einem Trugbild der Gerechtigkeit. Seine Majestät, im Glauben an die Vernunft seines Volkes, zögerte. Er hoffte, dass die Bürger den Irrtum erkennen und freiwillig auf den Pfad der Tugend zurückkehren würden. Diese Nachsicht, geboren aus edlem Wohlwollen, erwies sich als verhängnisvoll. Denn während der Kaiser wartete, rüsteten sich die Verräter. Und das Reich zahlte den Preis. Elf lange Jahre dauerte es, das Gift, das unser Land befallen hatte, herauszubrennen. Elf Jahre des Kampfes. Elf Jahre, die – durch einige bedauerliche Fehlentscheidungen – eine Opferzahl forderten, wie wir sie seit dem Großen Krieg nicht mehr gesehen hatten. Doch schließlich siegte die Ordnung. Und aus den Trümmern dieses verwerflichen Aufstands erwuchs eine neue Lehre, eine Wahrheit, die wir niemals vergessen dürfen. Eine Wahrheit, die ich nun erläutern werde. - ------------------------------------------------------------------------- Wie sollte Kaiser Verion sich entscheiden? Sollte er auf Aragi hören? Es wäre die sicherste Option. Die Verluste blieben minimal, das Kaiserreich würde seine militärische Stärke für den bevorstehenden Angriffskrieg bewahren. Doch was, wenn sich der Aufstand dadurch nur weiter ausbreitete? Sollte er stattdessen auf Hypos hören? Ein schneller, brutaler Angriff würde das Problem an der Wurzel packen. Kein Zögern, kein Risiko, dass sich die Rebellion ausweitete. Doch was, wenn die Opfer zu groß wären? Wenn der Krieg gegen die Tabakinseln dadurch zu einem Fehlschlag würde? Gab es noch eine dritte Möglichkeit? Ja, die gab es. Doch auch sie war nicht ohne Gefahr. Es gab einen Mann, der das Chaos im Alleingang beenden konnte. Einen Mann, den sein Vater einst verbannt hatte. Einen Mann, der nicht nur gefürchtet, sondern verachtet wurde. Varon. Ein Name, der selbst unter den kaiserlichen Magiern ein Tabu war. Varon war ein Nekromant – ein Meister der verbotenen Künste. Er hätte den Toten abschwören können. Er hätte seinem Kaiser die Treue schwören und sich von der dunklen Magie lossagen können. Er hatte sich für das Exil entschieden. Und dennoch… Vielleicht war gerade er jetzt die richtige Lösung. Kaiser Verion hatte seine Wahl getroffen. Langsam erhob er sich von seinem Stuhl, sein Blick lag auf seinen beiden Beratern. „Ich werde keine Eurer Optionen wählen.“ Seine Stimme war ruhig, doch voller Autorität. „Varon wird begnadigt. Er kümmert sich um Randurin.“ Einen Moment lang herrschte Stille. Dann bemerkte Verion das Lächeln auf Aragis Lippen. Es war subtil, kaum sichtbar – doch es war da. Irgendetwas an dieser Entscheidung störte Aragi nicht. Nein. Er schien sie zu begrüßen. Hypos hingegen… Hypos lag bereits lachend auf dem Boden. „V-Vater…?“ keuchte er zwischen hysterischen Atemzügen. —HAHAHAHA— Er lachte, als hätte er soeben die beste Pointe seines Lebens gehört. „Ihr seid wirklich ein Genie, Vater.“ Sein Lachen hallte durch den Raum, ungehemmt, wahnsinnig. Verion seufzte. „Genug.“ Seine Stimme war hart, endgültig. „Lasst mich allein.“ Aragi erhob sich, verbeugte sich tief, ehe er sich wortlos umdrehte und den Raum verließ. Hypos sprang auf, machte eine übertrieben höfliche Verbeugung – dann warf er Yang einen Kuss zu. Sie verzog keine Miene.  Dann rannte er Aragi hinterher. Kaiser Verion seufzte erneut. Langsam ließ er sich zurück in seinen Stuhl sinken. - ------------------------------------------------------------------------- „Bist du sicher, dass ich den Wahnsinnigen nicht beseitigen soll?“ fragte Yang mit der gleichen unbeteiligten Stimme wie immer. Kein Zögern, keine Emotion. Als wäre es eine reine Formalität, ein lästiges Hindernis, das sie mit einer einzigen Bewegung aus der Welt schaffen würde. Verion schwieg einen Moment, bevor er antwortete. „Ja, das bin ich.“ Seine Stimme war ruhig, aber in seinen Gedanken wirbelten Zweifel. Hypos war ein Risiko. Ein unberechenbarer Wahnsinniger. Und doch… „Wir brauchen ihn, für das, was kommt.“ Er spürte, wie seine Finger sich wie von selbst um die Armlehne seines Stuhls schlossen. Das, wovor ihn sein Vater gewarnt hatte. Kein Tag verging, an dem Verion sich nicht an diese letzten Worte erinnerte. Die Worte, die in seinen Gedanken nachhallten wie ein dunkles Omen. ,,Du musst sicherstellen, dass unser Reich in den nächsten Jahren stabil bleibt. Er wird kommen…’’ Sein Vater hatte nie gesagt, wer oder was kommen würde. Aber Verion wusste, dass es nur eine Frage der Zeit war. Sein Blick wanderte zu Yang. Zu der einzigen Person, der er wirklich vertraute. „Schicke einen der Kopfgeldjäger nach Arkan. Er soll Varon zurückholen.“ Yang nickte wortlos und drehte sich zur Tür. Doch bevor sie den Raum verließ, warf sie ihm einen letzten Blick zu. Nicht fragend, nicht zweifelnd – nur beobachtend. Dann verschwand sie. Die Tür schloss sich hinter ihr mit einem leisen Klicken. Verion blieb allein zurück. Seine Hände sanken in seinen Schoß, sein Blick ruhte auf dem Marmorboden vor ihm. Er spürte das Gewicht seiner Entscheidung. Die Ungewissheit, die ihn fraß. „Habe ich das Richtige getan?“ murmelte er bedrückt. Niemand antwortete. Nur die Stille war Zeuge seiner Zweifel.

  • Kapitel 122 - Das Schicksal der Magier von Tripolis

    Leyla betrachtete den imposanten Magieturm von dem Fenster ihres kleinen, schlichten Zimmers aus. Die hellen Steine des Turmes ragten hoch in den Himmel, von geheimnisvollen Symbolen durchzogen, die im Licht der Sonne matt schimmerten. Sie hatte eine Gaststätte gewählt, die nahe genug am Turm lag, um ihn stets im Blick zu behalten. Sie hatte noch immer keine konkrete Idee, wie sie die Großmagi ausschalten sollte. Die einzige Möglichkeit, die ihr in den Sinn kam, war es, den Turm einstürzen zu lassen. Doch das war eine Entscheidung mit unabsehbaren Folgen und das Resultat könnte eines von Tod sein – nicht nur für die Magier, sondern für viele andere, die möglicherweise in den Strudel der Zerstörung geraten würden. Solange es noch einen anderen Weg gab, durfte sie diese Option nicht voreilig wählen. Der drohende Krieg rückte jedoch unaufhaltsam näher, und mit ihm schwanden ihre Chancen, eine Lösung mit weniger Opfern zu finden. Der Druck lastete schwer auf ihren Schultern. Erst gestern hatte eine Möwe mit einem Brief auf ihrem Fensterbrett Platz genommen. Die Nachricht war eindeutig gewesen: Der Krieg würde in wenigen Tagen beginnen. Die Zeit lief ihr davon. „Vielleicht sollte ich den Turm besuchen und mir ein besseres Bild verschaffen“, murmelte Leyla, während ihre Finger unruhig über die hölzerne Fensterbank strichen. Sie atmete tief durch und nickte, als würde sie sich selbst überzeugen müssen. „Genau. So mache ich das.“ Mit entschlossenen Schritten verließ sie die Gaststätte und trat hinaus in die geschäftigen Straßen. Die Bürger der Tabakinseln hatten den nahenden Sturm längst gespürt. Soldaten patrouillierten zunehmend durch die Stadt, während die Werften fieberhaft arbeiteten, um Handelsschiffe in kampffähige Kriegsschiffe umzurüsten. An jeder Ecke wurde gewerkelt, vorbereitet, getuschelt – die Angst lag wie ein dichter0000000000000000 Nebel über der Stadt. Der Anblick ließ Leylas Herz schwer werden. Würde sie am Ende selbst in die Kämpfe verwickelt werden? Würde sie auf einem blutgetränkten Schlachtfeld stehen? Der Gedanke ließ sie frösteln, doch sie schüttelte ihn ab. Jetzt war nicht der Moment für Zweifel. Als sie das Gelände der Akademie betrat, hielt sie unwillkürlich inne. Der Magieturm, der aus der Ferne bereits ehrfurchtgebietend gewirkt hatte, erschien ihr nun geradezu gigantisch. Seine steinernen Mauern schienen in den Himmel zu ragen, als gäbe es kein Ende. Leyla musste den Kopf in den Nacken legen, um die Spitze zu sehen, und selbst dann schien sie im Himmel zu verschwinden. Sie ließ ihren Blick durch den Eingangsbereich schweifen. Eine Frau saß dort, in eine lange Robe gehüllt. Nach kurzem Zögern entschied sich Leyla, auf sie zuzugehen. -------------------------------------------------------------------------- „Guten Tag, ich bin eine Magierin, genauer gesagt eine Erdmagierin. Besteht die Möglichkeit, sich mit dem Großmagus des Erdturms zu treffen?“ Leyla bemühte sich, ihre Stimme freundlich klingen zu lassen. Sie durfte keine Ungeduld zeigen, durfte nicht zu fordernd wirken. Die Frau hinter dem Empfangstresen blickte nur kurz von der Zeitung auf, die sie in den Händen hielt. Ihr Gesicht zeigte keinerlei Regung, ihre Stimme war knapp und ohne jede Spur von Interesse. ,,Nein.’’ Leyla runzelte die Stirn. So eine barsche Antwort hatte sie nicht erwartet. „Und wieso nicht?“ fragte sie mit einer Spur von Unglauben in der Stimme. „Weil die Großmagi momentan bei einem wichtigen Treffen sind.“ Bei einem Treffen? Alle von ihnen? Leylas Gedanken setzten sich ruckartig in Bewegung. Vielleicht war das genau die Gelegenheit, die sie gesucht hatte. Sie ließ sich nichts anmerken, betrachtete jedoch die Frau vor sich aufmerksam. Sollte sie nach dem Ort des Treffens fragen? Doch die Chance, eine ehrliche Antwort zu bekommen, war gering. Gewalt anzuwenden war ebenfalls keine Option – das würde nur unnötige Aufmerksamkeit auf sie ziehen. Vielleicht gab es in den privaten Gemächern der Großmagi Hinweise darauf, wo sie sich befanden. Leyla setzte ein gespieltes Lächeln auf. „Alles klar, dann komme ich einfach an einem anderen Tag wieder!“ rief sie betont unbekümmert und drehte sich auf dem Absatz um. Sie verließ den Turm mit schnellen, aber kontrollierten Schritten. Kaum hatte sie das Gebäude umrundet, ließ sie ihre Finger über den warmen, festen Boden gleiten. Ihre Magie floss aus ihr heraus, verband sich mit der Erde unter ihren Füßen. Sie wusste, dass das Eindringen in den Turm gegen die Gesetze von Tripolis verstieß – aber im Vergleich zu Mord oder offener Gewalt waren die Konsequenzen überschaubar. Und sie hatte keine Zeit, sich an Vorschriften zu halten. Ein tiefes Grollen erklang, als sich die Erde unter ihr in Bewegung setzte. Eine massive Steinsäule schoss aus dem Boden, trug sie empor, während der weiße Stein des Turmes in rasender Geschwindigkeit an ihr vorbeizog. Der Wind zerrte an ihrem Mantel, strich durch ihr Haar, doch sie stand sicher. Solange sie festen Boden unter ihren Füßen hatte, war sie unerschütterlich. Immer höher trug sie die Steinsäule, bis sie schließlich die Spitze eines der Türme erreichte. Leyla atmete tief durch und legte ihre Handfläche auf das kalte Gestein. Ihre Magie vibrierte in ihren Fingerspitzen, pulsierte durch den Stein, und langsam begannen die Wände vor ihr auseinanderzugleiten. Ein dunkler Spalt öffnete sich, gerade breit genug, um hindurchzutreten. Ohne zu zögern trat Leyla in die verborgene Dunkelheit des Turms ein. -------------------------------------------------------------------------- Sie öffnete den Spalt weiter, gerade so weit, dass ein sanfter Schimmer von Tageslicht in das düstere Zimmer fiel. Der Staub in der Luft glitzerte im Lichtstrahl, während sich Leylas Augen an das Halbdunkel gewöhnten. Der Raum war vollgestopft mit Regalen, die sich unter der Last unzähliger Bücher über Lichtmagie bogen. Dazwischen lagen verstreut magische Artefakte – einige fein gearbeitet und von strahlender Aura, andere unscheinbar, aber dennoch von zweifellos großer Macht. Auf einem niedrigen Tisch ruhten mehrere Magiestäbe, jeder mit feinen Gravuren verziert. Während Magie ohne Stäbe gewirkt werden konnte, dienten diese als mächtige Verstärker und halfen, die Kräfte ihres Nutzers zu stabilisieren. Leylas Blick wanderte durch den Raum, bis er an einer großen Schiefertafel hängen blieb, die an der gegenüberliegenden Wand befestigt war. Mit Kreide war darauf eine Art Tagesplan notiert. Neugierig trat sie näher und ließ ihre Augen über die hastig geschriebenen Zeilen gleiten, bis sie auf eine bestimmte Notiz stieß. „Großmagitreffen im ‚Carne-Trunk‘. “ Das musste es sein. Ihr gesuchter Hinweis. Ein Funken der Erleichterung durchzuckte sie. Sie kannte diese Taverne – hatte sie schon einmal im Vorbeigehen gesehen, aber nie betreten. „Waren die Carne nicht ein Volk, das Hasen vom Äußeren her ähnelte?“ murmelte Leyla nachdenklich. Sie verspürte den Drang, sich noch weiter umzusehen, doch die Zeit drängte. Jeder Moment, den sie hier zögerte, war ein Moment, in dem sie ihre Gelegenheit verspielen konnte. Entschlossen wandte sie sich wieder zur Öffnung um und trat auf die noch immer schwankende Steinsäule. Sobald sie sich sicher darauf befand, ließ sie die Mauer mit einem sanften Surren wieder zusammenwachsen. Stein legte sich nahtlos an Stein, als hätte es nie eine Öffnung gegeben. Dann ließ sie die Steinsäule langsam sinken. Der Boden kam ihr entgegen, während der kalte Wind wieder an ihr zerrte. Als sie schließlich festen Boden unter den Füßen hatte, fiel ihr Blick auf eine kleine Gruppe Menschen, die sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrten und leise tuschelten. Einige deuteten auf sie, andere tauschten ungläubige Blicke aus. Leyla ignorierte sie. Sie hatte keine Zeit für neugierige Blicke oder Gerüchte. Ohne zu zögern, zog sie die Kapuze tiefer ins Gesicht und setzte sich in Bewegung – ihr Ziel klar vor Augen: die Taverne der Carne. -------------------------------------------------------------------------- Der Carne-Trunk war eine Taverne, die allein durch ihren pechschwarzen Anstrich auffiel. Das Gebäude wirkte düster und abweisend, als wolle es ungebetene Gäste abschrecken. Zwei Carne standen regungslos vor dem Eingang, ihre langen Ohren – oder Löffel, wie man sie nannte – in die Höhe gestreckt. Ihre Blicke waren scharf, ihre Bewegungen präzise, während sie jeden überprüften, der eintreten wollte. Leyla runzelte die Stirn. Welche Rolle spielten die Carne hier? Waren sie einfache Wachten oder hatten sie eine tiefere Verbindung zu den Ereignissen, die sich im Inneren abspielten? Vorsichtig schlich sie um das Gebäude herum, bis sie ein Fenster entdeckte. Sie drückte sich gegen die Wand, spähte langsam über die Fensterkante und ließ ihren Blick durch den Raum gleiten. Ein Carne mit dunkelbraunem Fell stand neben einem runden Tisch, gekleidet in einen makellosen schwarzen Anzug. Seine Haltung war angespannt, seine Augen wachsam. Am Tisch saßen die sieben Großmagi, ihre langen, verzierten Gewänder verhüllten ihre Körper. Neben ihnen saß ein Merid, dessen eisblaue Augen das Gespräch aufmerksam verfolgten. Ansonsten war die Taverne leer. Leyla spürte Erleichterung – sie würde keine Unbeteiligten in das bevorstehende Chaos verwickeln müssen. Dann fiel ihr Blick auf Miguel Atrasa, den Großmagus des Feuerturms. Ein vertrautes Gesicht. Er war einst freundlich zu ihr gewesen, war ihr mit Respekt begegnet. Doch jetzt konnte sie sich keine Sentimentalitäten leisten. Ein Überraschungsangriff war ihre beste Chance. Sie wusste zu wenig über die Fähigkeiten der Anwesenden, um sich auf einen offenen Kampf einzulassen. Langsam legte sie ihre Handfläche auf den Boden. Sie schloss die Augen und ließ ihr Bewusstsein durch die Erde gleiten. Der Untergrund unter der Taverne war stabil – kein Keller, keine magischen Schutzbarrieren. Nur blanker Stein und feste Erde. Sie ließ ihr Mana sachte in den Boden sickern. Tief unter der Taverne begann sich ein Schacht zu formen, leise, unsichtbar. Die Erde wich zurück, bis nur noch eine dünne Schicht unter der Taverne übrig blieb – ein brüchiges Fundament, gehalten allein von ihrer Magie. Als der Schacht tief genug war, leitete sie Wasser durch dünne, verzweigte Kanäle aus dem nahen Meer hinein. Eine List, um selbst den Großmagus des Erdturms handlungsunfähig zu machen. Dann, mit einem einzigen Gedanken, ließ sie ihre Kontrolle los. Ein tiefes, grollendes Geräusch vibrierte durch den Boden, ehe ein ohrenbetäubendes Krachen die Luft zerriss. Die Taverne sackte in die Tiefe und wurde von der Erde verschlungen. Holz und Stein brachen, Schreie hallten durch die Straßen, als die Bewohner von Tripolis in Panik auseinanderstoben. Leyla wirbelte herum, eilte zum Eingang, wo die Carne-Wachen noch verdutzt das Chaos beobachteten. Mit einer schnellen Bewegung ließ sie zwei Steinsäulen aus dem Boden schießen. Die massiven Pfeiler stießen die Wächter in den Abgrund, bevor sie ihre Waffen ziehen konnten. Sie konnte es sich nicht leisten, mit ihnen zu kämpfen. Als sie sich sicher war, dass keines der Ziele entkommen war, schloss sie den Schacht. Diesmal nicht langsam, nicht leise – die Erde raste aufeinander zu, prallte mit donnernder Gewalt zusammen. Ihre Magie tastete den Boden ab, suchte nach Bewegungen, nach Vibrationen, die Überlebende verraten könnten. Doch nichts. Absolute Stille. Die Erde hatte alles verschluckt. Leyla atmete tief durch, die Anspannung wich langsam aus ihrem Körper. Sie hatte es geschafft – ohne offenen Kampf, ohne größeres Risiko. Aber sie durfte keine Zeit verlieren. Ohne zu zögern ließ sie sich in den Boden sinken. Ihr Körper war von einem schützenden Metallmantel umhüllt, während sie sich durch die dichte Erde grub, hunderte Meter weit, fort vom Tatort. Diese Technik war eine ihrer neuesten. Sie mochte sie nicht. Sie war unbequem, kalt, und jeder Meter fühlte sich an, als würde sie sich durch endlose Enge zwängen. Doch sie war effektiv. Als sie weit genug entfernt war, drückte sie sich nach oben, ließ die Erde über sich weichen und trat aus der Dunkelheit ins Freie. Gerade rechtzeitig, um in zwei durchdringend blaue Augen zu blicken.

  • Kapitel 121 - Nachdem der Rauch sich legt

    Ralf saß seit Stunden in dem dunklen Herzogsgemach, die einzigen Geräusche waren sein eigener Atem und das leise Knistern des Kaminfeuers. Seit Hypos mit Liam verschwunden war, hatte er sich eingeschlossen, um nachzudenken, Pläne zu schmieden – und sich der bitteren Realität zu stellen. Der Kronprinz hatte ihnen nicht einmal den Gefallen getan, sie ernst zu nehmen. Stattdessen hatte er gelacht, als wäre das alles ein Spiel. Randurin hatte er ihnen überlassen, als wäre es wertlos. Aber Ralf wusste es besser. Sie mussten die Stadt halten. Egal, was es kostete. Sie hatten immer noch die Boz – die furchteinflößende Waffe, die Randurin in eine Festung verwandelte. Sie hatten immer noch die Mauern, die Straßen, die Menschen, die bereit waren zu kämpfen. Und sie hatten Kronprinz Sebastian. Von Liams ursprünglicher Gruppe war er der Letzte. Die Halbriesen und Gnosch waren im Kampf gefallen. Locart hatte sie von Anfang an verraten. Nidhogg, Claurian und Kroll waren von Sebastian hingerichtet worden. Theol war auf einer Mission, irgendwo in der Ferne. Wann – oder ob – er zurückkehren würde, war unklar. Jakira war auf dem Weg nach Kartaffel, um Verstärkung zu holen. Doch auch bei ihr wusste Ralf nicht, wann sie zurückkehren würde. Und Liam… Liam war fort. Entführt von einem Kronprinzen, dessen Macht weit über das hinausging, was sie hatten verhindern können. Ralf atmete tief durch und zwang sich aufzustehen. Die Welt konnte es sich nicht leisten, dass er jetzt in Selbstmitleid versank. Die Stadt gehörte noch immer dem Schwarzen Stern. Sie hatten einen Kronprinzen gefangen. Sie hatten eine Chance. Er trat zur Tür, straffte seine Schultern und öffnete sie.  Azoph wartete bereits auf der anderen Seite. Sein Gesicht war ernst, doch in seinen Augen lag eine unausgesprochene Frage. „Ist das Verhörzimmer bereit?“ fragte Ralf, seine Stimme klang fester, als er sich fühlte. Azoph nickte knapp. Ohne ein weiteres Wort folgte Ralf ihm. Zeit, den Kronprinzen zu befragen. -------------------------------------------------------------------------- Der Kronprinz lag in einer dunklen Ecke des Raumes, der einst als enge Schlafkammer für die Bediensteten gedient hatte. Die Luft war stickig, das Holz der Wände von Jahren der Vernachlässigung verfärbt, und der schwache Schein einer einsamen Kerze warf flackernde Schatten auf den kargen Boden. Die magischen Fesseln von Hypos hielten Sebastian weiterhin in ihrem unsichtbaren Griff, doch zur Sicherheit hatte man ihn zusätzlich mit groben Hanfseilen an das knarrende Bettgestell gebunden. Ralf setzte sich auf einen schlichten Hocker und beugte sich vor, während er mit einer ruhigen, fast bedächtigen Bewegung den Knebel aus dem Mund des Kronprinzen entfernte. ,,Befreit mich sofort! Was erlaubt ihr euch—’’ fauchte Sebastian, seine Stimme scharf vor Wut und Entrüstung. Doch Ralf erstickte den Protest im Keim, indem er ihm entschlossen mit einer Hand den Mund zudrückte. ,,Du wirst dich an ein paar Regeln halten, ob es dir passt oder nicht’’, sagte Ralf mit einer Stimme, die ruhig, aber von unbeugsamer Festigkeit war. ,,Erstens: Wir sprechen auf Augenhöhe. Ich werde dich mit Respekt behandeln – mit dem Respekt, den ich jedem Menschen entgegenbringe. Aber erwarte nicht die unterwürfige Ehrfurcht, die ihr Prinzen gewohnt seid. Ebenso wirst du mich respektieren. Kein herablassendes Gehabe, keine Befehle.’’ Er beugte sich näher heran, seine Augen fixierten Sebastian, als wolle er jede Regung seines Gegenübers erkennen. ,,Zweitens: Du beantwortest unsere Fragen. Keine Spielchen, keine Ausflüchte, kein taktisches Schweigen. Wir haben keine Geduld für lästige Umwege.’’ Ralf ließ die Worte kurz sacken, bevor er fortfuhr. ,,Drittens: Du stellst keine Forderungen. Wir werden dich nicht verhungern lassen, und niemand wird dich foltern. Aber wir allein bestimmen die Bedingungen deiner Gefangenschaft. Dein Wohlergehen hängt allein davon ab, wie kooperativ du bist. Hast du mich verstanden? Falls ja, blinzel dreimal.’’ Sebastian zögerte. Ein kaltes, unversöhnliches Feuer brannte in seinen Augen, sein Stolz schien mit der Realität seiner Lage zu ringen. Doch letztendlich war Widerstand zwecklos. Nach einem Moment des inneren Kampfes blinzelte er dreimal, langsam, gezwungen. Ralf nahm die Hand von seinem Mund. Sebastian verzog das Gesicht, sein Blick war hasserfüllt, doch seine Stimme blieb ruhig, als er schließlich sprach. ,,Was wollt ihr wissen?’’ Ralf verschränkte die Arme. ,,Wie konntest du so schnell vor Ort sein? Unser Angriff war aus dem Nichts. Jemand musste dich gewarnt haben. Wer hat dir von unserem Plan berichtet?’’ Sebastian musterte ihn spöttisch, als genieße er es, die Antwort hinauszuzögern. Doch dann sagte er mit gespielter Gleichgültigkeit: ,,Selfmun Aragi.’’ Ralf zog scharf die Luft ein. Der Rote Teufel? Der gefürchtete Minister? Wie konnte er davon erfahren haben? Ein ungutes Gefühl machte sich in Ralfs Magen breit. ,,Und Liam? Wohin wurde er gebracht?’’ Seine Stimme war angespannt, beinahe drängend. Sebastian schnaubte. ,,Woher bei Kamera soll ich das wissen? Wenn ich Hypos' Pläne durchschauen könnte, wäre ich jetzt nicht in dieser Lage.’’ Seine Worte klangen plausibel. Ralf biss sich auf die Lippe. Wenn der Kronprinz selbst im Dunkeln tappte, würde es noch schwieriger, wenn nicht unmöglich, werden, Liam zu finden. ,,Welche Truppen hat das Kaiserreich in der Nähe stationiert? Und was ist ihr nächster Schritt?’’ Ralfs Blick verengte sich. Der Kronprinz zuckte mit den Schultern. ,,Ich bin allein losgezogen. Niemand hat mich geschickt. Aber wenn du mich fragst, dann haben die Generäle im Moment besseres zu tun, als sich um euch zu kümmern. Das Kaiserreich bereitet einen Krieg gegen die Tabakinseln vor.’’ Ralf rieb sich nachdenklich das Kinn. Ein Krieg gegen die Tabakinseln? Das war eine unerwartete Wende – und eine, die ihnen womöglich in die Karten spielte. Wenn das Kaiserreich in einen Angriffskrieg verstrickt war, würde es seine Truppen nicht so leicht umdisponieren können. Die Bedrohung einer massiven Gegenoffensive war damit vorerst geringer als befürchtet. ,,Gut’’, sagte Ralf nach einem Moment des Nachdenkens. ,,Für den Augenblick reicht das. Ich komme später wieder.’’ Sebastian lehnte sich gegen die harten Seile, sein Blick war voller kalter Arroganz. ,,Glaubst du wirklich, ihr könnt diese Stadt halten? Ihr seid nichts weiter als eine Horde aufständischer Narren. Ihr habt keine Chance.’’ Ralf hielt kurz inne, dann hob er nur leicht die Augenbrauen. ,,Das werden wir ja sehen.’’ Ohne ein weiteres Wort nahm er den Knebel und drückte ihn Sebastian erneut in den Mund. Ein gedämpftes, verärgerte Knurren war das Letzte, was der Kronprinz von sich gab, bevor Ralf sich erhob, die knarrende Tür öffnete und das Zimmer in der Dunkelheit zurückließ. -------------------------------------------------------------------------- Theol klopfte mit fester Faust an die schwere Tür, deren Adresse auf einem zerknitterten Zettel stand, den Liam ihm gegeben hatte. Die Dunkelheit der engen Gassen um ihn herum ließ ihn unruhig werden, und er war sich bewusst, dass er hier nicht länger verweilen wollte als unbedingt nötig. Den Sack mit Gold hatte er in zwei gleichgroße Hälften geteilt, jede sorgfältig verschnürt, damit sie nicht allzu auffällig klirrten. Die Tür wurde mit einem tiefen Knarren geöffnet. Dahinter stand ein stämmiger Zwerg mit wettergegerbtem Gesicht, das von sichtbaren Schicksalsschlägen gezeichnet war. Seine tiefen Falten und das misstrauische Funkeln in seinen dunklen Augen verrieten, dass er nicht an angenehme Überraschungen gewöhnt war. „Ja?“ brummte er, die Hand noch immer an der Türklinke. „Seid Ihr der Bruder von Fer Stahl?“ fragte Theol knapp. Er hielt sich nicht gerne in Erzofen, einer der größten Zwergenstädte der Larifen, auf. Diese tief in die Berge geschlagene Stadt war ein Wunderwerk der Architektur: riesige Hallen, durchzogen von massiven Brücken, während sich die Häuser der Zwerge wie Schwalbennester an den Felswänden reihten. Doch trotz der imposanten Bauweise fühlte sich Theol in der bedrückenden Enge unwohl. Der Zwerg starrte ihn einige Herzschläge lang ungläubig an, bevor er mit Nachdruck fragte: „Weißt du, wo Fer ist? Was ist mit ihm? Geht es ihm gut?“ Theol seufzte leise. Auf diese Art von Gespräch war er nicht aus. „Fer war Mitglied in der Abenteurergilde meines Bosses. Er… ist vor mehr als acht Monaten verstorben.“ Er hielt dem Zwerg den Beutel mit Gold hin, spürte aber den Widerstand in der Luft, das unausgesprochene Verlangen nach einer anderen Antwort. „Mein Boss hat mich geschickt, um Euch das hier zu überbringen. Fer hatte vor, Euch zu unterstützen, und das hier ist ein Zeichen, dass er es auch über den Tod hinaus tut.“ Der Zwerg griff zögerlich nach dem Beutel, wog ihn in der Hand und öffnete ihn schließlich. Sein Blick verweilte für einige Sekunden auf den glänzenden Münzen, bevor er ihn wieder verschloss. Dann reichte er Theol seine Hand, seine Stimme rau, aber fest. „Danke, Vishap. Wenigstens weiß ich jetzt, was aus ihm geworden ist.“ Theol erwiderte den Händedruck. Er hatte mit mehr Emotionen gerechnet – Tränen, vielleicht Wut. Stattdessen blieb der Zwerg bemerkenswert gefasst, als würde ihn die Bestätigung nur in einem lange gehegten Verdacht bestärken. „Ich muss zurück an die Arbeit. Leb wohl.“ Ohne weiteres schloss der Zwerg die Tür, und ließ Theol in der Kühle des Korridors stehen. Einen Moment lang verharrte er dort, betrachtete das grob behauene Holz, bevor er sich abwandte. Der erste Teil seines Auftrags war erledigt. Mit dem zweiten Sack Gold sicher verstaut, machte er sich auf den Weg, um auch die zweite Pflicht seines Auftrags zu erfüllen. -------------------------------------------------------------------------- Himmel flog förmlich über die verschneite Straße, seine kraftvollen Hufe peitschten den Schnee auf, während seine schwarze Mähne wild im eisigen Wind flatterte. Die Kälte biss in die Nacht, doch das hielt das Pferd nicht auf – und Jakira ebenso wenig. Dicht in ihren Mantel gewickelt, klammerte sie sich fester an den warmen Körper des Tieres. Der Schnee fiel in dichten, wirbelnden Flocken, legte sich auf ihr Haar, auf ihre Schultern, schmolz auf ihrer Haut. Aber sie konnte nicht anhalten. Sie durfte nicht anhalten. Liam hatte ihr aufgetragen, Verstärkung zu holen – und wenn Liam etwas von ihr verlangte, dann würde sie es tun. Doch das war nicht der einzige Grund, warum sie mit solcher Eile ritt. Jedes Mal, wenn ihr seine Stimme in den Sinn kam, wenn sie an seinen Blick dachte, zog sich ihr Magen zusammen. Ihr Herz schlug hart und ungestüm gegen ihre Rippen, wie der verzweifelte Flügelschlag eines gefangenen Vogels. Sie wollte nützlich sein. Das war es, was sie antrieb. Daran hatte sich nichts geändert. Aber es war nicht mehr nur Pflicht, die sie vorantrieb. Sie wollte bei ihm sein. Sie sehnte sich nach seiner Nähe, nach seinem Vertrauen. Ihre Finger gruben sich fester in das warme, dichte Fell des Pferdes. Himmel war mehr als ein Reittier – sie wusste, was Liam für ihn empfand. Er hatte darauf bestanden, dass sie ihn mitnahm. Sein Blick war dabei unergründlich gewesen, seine Stimme ruhig, aber fest: dieses Pferd war ihm wichtig. Unfassbar wichtig. Sie hatte in seinen Augen gesehen, dass da mehr war, etwas, das er ihr nicht sagte. Etwas, das schwer auf seinen Schultern lag. Doch sie hatte nicht nachgefragt. Sie musste es nicht wissen. Ihr Vertrauen in ihn war unerschütterlich. Liam hatte ihr alles gegeben, als sie glaubte, nichts mehr wert zu sein. Als sie dachte, ihr Dasein hätte keinen Sinn mehr. Und nun würde sie ihn niemals enttäuschen.

  • Kapitel 120 - Gefangen im Wahnsinn der Zeit

    ,,Nummer eins ist geschafft. Wer will als nächstes?’’ Liam konnte nicht atmen. Seine Augen waren starr auf den Kronprinzen gerichtet, auf den Mann, der Claurian getötet hatte, als wäre es nichts. Es war kein Kampf gewesen, kein ehrwürdiges Duell. Es war eine Hinrichtung. Eine einseitige Demonstration der Überlegenheit. Sein Körper fühlte sich plötzlich so schwer an. Kalt. ,,D-Das kann nicht sein…’’ Liams eigene Stimme klang ihm fremd. Hohl. War das das Ende? War alles, wofür sie gekämpft hatten, alles, was sie aufgebaut hatten, innerhalb eines einzigen Augenblicks zunichtegemacht worden? Was würde jetzt geschehen? Was würde aus Jakira werden? Was aus seinen Leuten, aus Randurin? Was würde aus dem Traum werden, für den er sein Leben gegeben hätte – eine Zukunft, in der Leyla, in der sie alle, frei sein konnten? Der Kronprinz seufzte theatralisch, als würde er sich über ihre Fassungslosigkeit amüsieren. ,,Es tut mir wirklich leid, aber hier ist eure Rebellion vorbei’’ Jedes Wort drang wie ein Dolch in Liams Brust. Sebastian Algavia trat langsam auf ihn zu, seine Schritte hallten durch die Halle. Unbeeindruckt. Gelassen. Liam zwang sich, nachzudenken. Vielleicht war er nach dem Kampf gegen Claurian geschwächt? Vielleicht gab es eine Möglichkeit, ihn zu besiegen? Nein. Sebastian hatte sich kaum bewegt. Kaum geatmet. Claurian war ihm nicht einmal gefährlich geworden. Wenn selbst sie keine Chance hatte, dann hatte Liam erst recht keine. Und wenn er keine hatte, dann hatten auch Ralf und Azoph keine. Sie würden sterben. Es war vorbei. „Also, wer ist dran?“ fragte Sebastian mit einem amüsierten Unterton. Liam spürte, wie sich seine Hände zu Fäusten ballten. Seine Beine fühlten sich an, als könnten sie ihn kaum noch tragen. Er wusste nicht, ob es Wut war oder Angst, die in ihm tobte. Doch noch bevor er reagieren konnte, bevor überhaupt jemand von ihnen reagieren konnte, ertönte eine Stimme. Von oben. Von einem der hohen Fenster der Burg. [???] ,,Wie wäre es mit mir?’’ - ------------------------------------------------------------------------- Sebastian riss den Kopf nach oben, sein Blick schoss zum Fenstersims. Dort saß eine Gestalt, die Beine lässig über den Rand baumelnd, als wäre dies hier nichts weiter als ein gemütlicher Aussichtspunkt. Sebastian wusste wer das war. Sein Magen zog sich zusammen. „Was willst du hier?!“ brüllte er, die Wut in seiner Stimme kaum unterdrückbar. Sein Bruder. Kronprinz Hypos. Was bei Kamera machte er hier? Warum war er nach Randurin gekommen? War er hier, um ihm seinen Sieg streitig zu machen? Hypos grinste nur. Es war kein freundliches Grinsen. Es war das Grinsen eines Wahnsinnigen. Dann begann er zu lachen. Laut, schrill, wie ein Mann, der sich an der Absurdität der Welt erfreute. „Heeey, wie geht es euch allen?“ rief er vergnügt und breitete die Arme aus, als würde er eine alte Freundesrunde begrüßen. „Ich hoffe, ich störe nicht!“ Sebastian schluckte. Jeder in der Familie wusste von Hypos’ Kräften. Seine Zeitmagie war eine der gefährlichsten Fähigkeiten, die je in der Algavia-Dynastie existiert hatte. Er konnte einen Bereich um sich herum immer wieder auf einen von ihm gewählten Punkt in der Zeit zurücksetzen. Ein perfektes Gefängnis, aus dem es kein Entkommen gab. Sebastian spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Wie groß war Hypos’ Einflussbereich? War er bereits gefangen? Nein. Nein, das spielte keine Rolle. Er wusste von Hypos’ Magie, doch Hypos wusste nichts von seiner eigenen. „Egal“, dachte Sebastian mit einem selbstsicheren Grinsen . „Egal, wie oft er die Zeit zurücksetzt – ich behalte meine Erinnerungen. Und mit jeder Wiederholung, mit jeder Erfahrung, die ich zusätzlich aus meiner Kraft ziehe, wird er sich nur selbst schwächen. Am Ende kann er mich nicht besiegen.“ Dann kam ihm ein Gedanke. Ein dunkler, schleichender Gedanke, der sich in seinen Geist fraß wie ein Lauffeuer. Was, wenn er ihn tötete? Was, wenn er hier und jetzt seinen Bruder aus dem Weg räumte? Hypos war der Erstplatzierte im Prinzenspiel. Wenn er fiel, würde Sebastian auf Platz eins rücken. Und wenn er dazu noch Randurin befreite… Ein hämisches Grinsen zog sich über Sebastians Gesicht. „Gut, Hypos“, sagte er, seine Stimme triefte vor Spott. „Du willst kämpfen? Dann komm und zeig mir, was du kannst!“ Seine Hände legten sich fester um den Griff seines Schwertes. Das hier war seine Chance. Seine eine, einzige Chance. Und er würde sie nicht ungenutzt lassen. - ------------------------------------------------------------------------- Hypos sprang mit spielerischer Leichtigkeit vom Fenstersims auf einen der massiven Kronleuchter. Mit einem Lachen ließ er sich an den Beinen hängen, schwang vor und zurück wie ein Kind auf einer Schaukel. „Oh, Bruder“, rief er übertrieben theatralisch. „Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Dann brach er in schallendes Gelächter aus. Sebastians Wut kochte über. Wie konnte Hypos es wagen, ihn als Wahnsinnigen zu bezeichnen? Er?! Der verdammte Irrsinn in Person?! Sebastians Finger umklammerten den Griff seines Schwertes fester. Er würde ihm dieses selbstgefällige Lächeln aus dem Gesicht schneiden. Dann ließ Hypos los. Er fiel mit ausgestreckten Armen auf Sebastian zu, als wolle er ihn in eine Umarmung reißen. Sebastian riss sein Schwert hoch und machte einen schnellen Ausfallschritt zur Seite. Dies war die perfekte Gelegenheit. Sein Bruder war ungeschützt, unvorbereitet – Seine Klinge sauste herab. Doch Hypos öffnete nur seinen Mund und atmete aus. Ein plötzlicher Windstoß fegte durch die Halle. Sebastian wurde aus dem Gleichgewicht gebracht, sein Angriff schlug ins Leere, und Hypos landete mit der Anmut eines Tänzers sicher auf dem Boden. „Windmagie“ , fuhr es Sebastian durch den Kopf. „Verdammt!“ Er wirbelte herum, um sofort nachzusetzen, doch dann sah er es. In Hypos’ Hand begann sich eine Kugel aus Schatten zu formen. Sie pulsierte bedrohlich, wuchs mit jeder Sekunde und sog das Licht um sich herum ein, als ob sie es verschlingen wollte. „Sag schon, Bruder“, rief Hypos grinsend. „Was geht dir gerade durch den Kopf? Siehst du deine Chancenlosigkeit endlich ein?“ Sebastian knirschte mit den Zähnen. Er wusste, dass er nicht arrogant werden durfte. Aber verlieren? Gegen Hypos? Niemals! Hypos schleuderte die Kugel. Die Schattenmagie traf ihn mit voller Wucht. Ein kaltes Brennen durchzog seinen Körper, und für einen kurzen Moment war da nichts außer Dunkelheit. Dann war er tot. Und zum ersten Mal hatte ihn ein Algavia getötet. - ------------------------------------------------------------------------- „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Dann brach Hypos in schallendes Gelächter aus, sein ganzer Körper bebte vor Amüsement. Er saß wieder auf dem Kronleuchter, baumelte wie ein Affe an einem Ast und schwang sich spielerisch hin und her. Sebastian biss die Zähne so fest zusammen, dass sein Kiefer knackte. Wie oft würde er diesen Satz wohl hören müssen? Wie oft würde er Hypos sterbend verfluchen, bevor er es endlich schaffte, sich an ihm zu rächen? Doch das war unwichtig. Je länger es dauerte, desto süßer würde der Moment der Vergeltung sein. Hypos ließ sich fallen, sein Körper drehte sich elegant in der Luft. Sebastian hechtete sofort zur Seite, bereit für den Moment, in dem sein Bruder Windmagie nutzen würde. Doch er griff nicht sofort an. Er wartete. Beobachtete. Lernte. Wie erwartet atmete Hypos erneut einen Schwall aus Windmagie aus. Die Böe trug ihn sanft zu Boden, ließ ihn mit sanfter Eleganz landen, als wäre er nie gefallen. Sebastian reagierte. Er stürzte sich auf ihn, sein Schwert sauste in einem tödlichen Bogen herab. Die Schattenkugel in Hypos’ Hand hatte sich erst zur Hälfte geformt – das war seine Chance! Die Klinge traf mit voller Wucht. —KLING— Ein metallisches Echo hallte durch die Halle. Sebastian blinzelte verwirrt. Sein Schwert war nicht in Fleisch eingedrungen. Hypos stand unversehrt vor ihm, ein amüsiertes Lächeln auf den Lippen. Eine dünne, fast durchsichtige Schicht aus Eis überzog seine Brust. Sebastian spürte ein kaltes Gefühl der Erkenntnis. „Eismagie?!“ Er hatte nur mit Zeit-, Schatten- und Windmagie gerechnet, doch sein Bruder besaß mehr Tricks, als er geahnt hatte. Dann wurde er erneut von der Schattenkugel getroffen. Ein kaltes Brennen durchzog seinen Körper, Dunkelheit hüllte ihn ein. Und mit einem letzten, unausgesprochenen Fluch starb er zum zweiten Mal. - ------------------------------------------------------------------------- „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Hypos ließ einen Lichtzauber aufblitzen, blendete Sebastian für den Bruchteil einer Sekunde und rammte ihm seine eigene Klinge ins Herz. Tod Nummer siebenundvierzig. „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Sebastian schaffte es, Hypos in den Rücken zu stechen, fühlte den Widerstand der Klinge, das Zucken des getroffenen Körpers. Einen Moment lang glaubte er, es geschafft zu haben – bis eine Flammensäule aus dem Boden brach und ihn in Sekundenschnelle zu Asche verbrannte. Tod Nummer dreihunderteinundneunzig. „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Sebastian machte einen Schritt nach vorne und fiel. Der Boden unter ihm existierte nicht mehr, stattdessen ein bodenloses, schwarzes Nichts. Der Aufprall kam schneller, als er hätte reagieren können. Tod Nummer elftausendachthundertundzwei. „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Ein stechender Schmerz durchzuckte seinen gesamten Körper. Er konnte nicht einmal schreien, als das Blut in seinen Adern zu sieden begann und seine Organe sich in kochende Masse verwandelten. Tod Nummer fünfundachtizigtausendfünfhundertunddrei „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Ein Blitz schoss aus Hypos’ Hand, schneller als jedes menschliche Auge folgen konnte. Der Strom durchfuhr Sebastians Körper, riss seine Muskeln auseinander, ließ sein Herz in seiner Brust explodieren. Tod Nummer sechshundertzweitausendsiebenhundertfünfundachtizig. „Oh, Bruder! Ich wusste ja, dass du ein Wahnsinniger bist, aber anscheinend bist du auch noch völlig verblendet!“ Hunderte magische Angriffe wurden auf Sebastian abgefeuert. Hunderten magischen Angriffen wich er aus. Während dem ganzen Kampf dröhnte das Lachen des wahnsinnigen Prinzen durch die Halle. Doch dann: Hypos’ Lachen wurde abrupt unterbrochen. Sebastian stand bereits vor ihm. Er hatte nicht gezögert, nicht einmal geblinzelt. Seine Klinge drang in den Hals seines Bruders mit erschreckender Präzision. Hypos’ Augen weiteten sich. Ein Zucken ging durch seinen Körper, als warmes Blut aus seinem aufgerissenen Hals strömte. Er taumelte, seine Knie gaben nach, und er fiel. Sebastian grinste, seine Brust hob und senkte sich schwer. Er hatte es geschafft. Nach über zwei Millionen Versuchen. Jedes Mal war er gestorben, immer wieder, gequält von der unzähligen Wiederholung eines gnadenlosen Albtraums. Doch jetzt war es vorbei. „Du bist wohl eher der Wahnsinnige, Bruder Hypos!“ rief er ihm triumphierend entgegen, die Euphorie in seiner Stimme unüberhörbar. Er hatte gesiegt.  Und das Beste daran: Hypos wusste es nicht. Für ihn wirkte es so, als hätte Sebastian ihn mit Leichtigkeit überwältigt, als wäre er von Anfang an unbesiegbar gewesen. Hypos lag nun reglos am Boden, das Leben wich aus seinen Augen. Sebastian trat näher, sein Schwert noch immer blutverschmiert. „Hast du noch letzte Worte, Bruder?“ fragte er mit gespielt beiläufiger Stimme. Hypos atmete schwer, sein Blick flackerte. Dann verzog er die Lippen zu einem blutigen Lächeln. ,,Wir beide sind wohl wahnsinnig.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Sebastian drehte sich langsam zu den verbliebenen Rebellen um. Sein Blick glitt über ihre Gesichter – Furcht, Erstaunen, Verzweiflung. Die paar Tode, die er gegen sie sterben würde, waren nichts im Vergleich zu dem, was er hinter sich hatte. Er wollte gerade nach vorne stürzen, seine Klinge bereit, als es geschah. Ein Wimpernschlag – und plötzlich war er wieder dort. Er stand unter dem Kronleuchter. Sein Herz setzte einen Schlag aus. Über ihm baumelte sein Bruder. Sebastian riss die Augen auf. Was war passiert? Wie konnte das sein? War er doch noch gestorben? Hatte er einen Fehler gemacht, den er nicht bemerkt hatte? Doch etwas war anders. Hypos sagte nichts. Nicht den Satz. Nicht den Satz, den Sebastian über zwei Millionen Mal gehört hatte, der sich wie ein brennendes Mantra in seinen Verstand eingebrannt hatte. Nein, diesmal sprang Hypos nicht mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.  Diesmal sprang er gerade hinab und landete federleicht auf seinen Füßen. Er rückte seinen schwarzen Hut zurecht, sein Grinsen amüsiert. „Das hat doch Spaß gemacht, oder?“ rief er lachend. Sebastian taumelte einen Schritt zurück. Sein Verstand ratterte. Nicht nur, dass er in der Zeit zurückgesetzt worden war – Hypos hatte sein Verhalten geändert. Das war unmöglich. Das war noch nie passiert. „Denkst du etwa, ich würde bei deiner Zeitmagie meine Erinnerungen verlieren?“ fragte Hypos und kicherte. „Bruderherz, durch unsere Adern fließt dasselbe Blut.“ Sebastian spürte, wie seine Kehle trocken wurde. „A-Aber… wieso hast du dann immer wieder das Gleiche gesagt? Wieso hast du mich dich töten lassen?!“ Hypos zuckte mit den Schultern, als wäre es nicht der Rede wert. „Weiß nicht. Wollte mal sehen, wie lange du durchhältst.“ Sebastian öffnete den Mund, doch er brachte kein Wort heraus. Sein ganzer Körper war angespannt, sein Herz schlug rasend schnell. Wenn Hypos die Erinnerungen behalten konnte, wenn er genauso oft in der Zeit zurückgesprungen war wie er selbst… dann konnte er nicht gewinnen. Nein. Er würde nie gewinnen. Ein plötzlicher Druck riss ihn aus seinen Gedanken. Etwas Kaltes schlang sich um seine Handgelenke, kroch wie lebendige Schlangen über seine Arme, seine Brust, seine Beine. Eisenfesseln. Sebastian riss an den Ketten, doch sie wurden nur enger. Sein Schwert fiel mit einem hellen Klirren zu Boden. „Nun, ich könnte dich töten, aber wir beide wissen, dass uns das nicht weiterbringt.“ Hypos grinste, während er einen Schritt auf Sebastian zutrat, der vergeblich versuchte, sich aus den Fesseln zu winden. „Nein, nein. Ich habe etwas viel besseres vor. Du hast wirklich beeindruckende Ausdauer bewiesen, Bruder. Also dachte ich mir, ich belohne dich ein wenig.“ Sebastian knirschte mit den Zähnen. ,,Was hast du mit mir vor?’’ Hypos neigte den Kopf, als würde er überlegen. ,,Ich überlass dich den Rebellen!’’ Sebastian erstarrte. Für einen Moment fühlte es sich an, als würde ihm die Luft aus den Lungen gepresst. „Du bist verrückt…“ brachte er hervor, seine Stimme kaum mehr als ein heiseres Flüstern. Die Ketten hatten sich nun vollständig um seinen Körper gewickelt, drückten ihn so fest ein, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. ,,Ich weiß!’’ antwortete Hypos. Dann drehte er sich schwungvoll zu den Rebellen um. Liam, Azoph und Ralf standen da, unfähig zu begreifen, was sie gerade sahen. Ihre Körper waren angespannt, als hätten sie Angst, sich auch nur zu bewegen. „Oh, ihr seht aus, als hättet ihr euch noch nicht an meine Anwesenheit gewöhnt!“ rief Hypos mit gespielter Überraschung. „Verzeihung, verzeihung! Ich weiß, mein Auftritt war ein bisschen… sagen wir mal… unkonventionell.“ Er trat vor, seine Schritte hallten durch die Burg. Die Rebellen rührten sich nicht. - ------------------------------------------------------------------------- Ralf stand da, wie erstarrt. Sein Körper weigerte sich zu reagieren, sein Verstand konnte kaum erfassen, was gerade geschehen war. Kronprinz Sebastian, ein Monster auf dem Schlachtfeld, war Hunderte Male Hypos’ Angriffen ausgewichen, hatte ihn schließlich niedergestreckt – und doch war es bedeutungslos gewesen. Die Zeit war zurückgesetzt worden. Und in dieser neuen, zweiten, Realität hatte Hypos ihn mühelos besiegt, ihn gefesselt, ihn verspottet. ,,Diese verfluchte Zeitmagie’’ , dachte Ralf verzweifelt. Ralf fühlte, wie sich sein Magen zusammenzog. Wie konnte man gegen jemanden kämpfen, der eine Niederlage einfach ungeschehen machte? Hypos schlenderte auf sie zu, mit der Leichtigkeit eines Mannes, der wusste, dass nichts ihn aufhalten konnte. „Ich biete euch einen Tausch an“, rief er mit übertriebenem Enthusiasmus. „Euren Elfen gegen meinen Bruder!“ Ralf öffnete den Mund, doch kein Wort kam heraus. Dann schloss er ihn wieder. Warum wollte Hypos ausgerechnet Liam? „Ihr kö—“ begann Azoph, doch sofort umschlang eine Schicht aus Eis seinen Mund, erstickte die Worte in der Luft. „Mit dir rede ich nicht“, sagte Hypos kühl. „Ich rede mit dem Menschen. Und nur mit ihm.“ Ralf spürte, wie sein Atem stockte, als er zu Liam hinübersah – und das Blut in seinen Adern gefror.  Liam war gefesselt. Mit den gleichen Ketten wie der besiegte Kronprinz. Und sein Mund war mit dem gleichen Knebel aus Eis versiegelt wie der von Azoph. „Nun, was sagst du?“ Hypos stand jetzt direkt vor ihm, sein Blick erwartungsvoll, amüsiert. Ralf wusste, dass es keine richtige Antwort gab. Egal, was er sagte – Hypos würde tun, was er wollte. Trotzdem nahm er all seinen Mut zusammen und antwortete: „Nein. Wir lehnen ab.“ Hypos legte den Kopf schief, ein gespielter Ausdruck von Bedauern auf seinem Gesicht. „Das ist aber schade“, murmelte er mit einem leisen Seufzen. „Ich hatte mich so gefreut.“ Dann, ohne Vorwarnung, beugte er sich vor und umarmte Ralf. Die Geste war so unerwartet, so bizarr, dass Ralf für einen Moment wie gelähmt war. Dann flüsterte Hypos ihm direkt ins Ohr: „Soll ich dir was verraten? Ich nehme ihn trotzdem mit.“ Bevor Ralf reagieren konnte, spürte er einen brutalen Schlag in den Magen. Die Luft wurde ihm aus den Lungen gepresst, und sein Körper sackte auf die Knie. Er keuchte, versuchte sich aufzurichten, doch seine Muskeln verweigerten ihm den Dienst. Nein. Er konnte nicht zulassen, dass Liam mitgenommen wurde. Er wollte es nicht. Doch sein Körper gehorchte ihm nicht. Mit verschwommenem Blick sah er, wie Hypos sich mühelos den gefesselten Elfen über die Schulter warf. Dann sprang er. Ein einziger Satz nach oben, federleicht, als würde die Schwerkraft für ihn nicht existieren. Er landete auf dem Fenstersims, drehte sich noch einmal mit einem Grinsen um – und verschwand in der Dunkelheit. Ralf kniete auf dem Boden, keuchend, geschlagen. Liam war fort.

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