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- Kapitel 119 - Kronprinz Sebastian
Kronprinz Sebastian wurde als vierter Sohn des damaligen Kronprinzen Verion geboren. Schon von Kindesbeinen an trieb ihn ein unerschütterlicher Ehrgeiz an, getrieben von dem unaufhörlichen Wunsch, seine älteren Brüder zu übertreffen. Doch etwas störte ihn zutiefst, etwas, das ihn in schlaflosen Nächten wach hielt und in den Augen seines Vaters zu einem Makel wurde: Er schien keinerlei Zeitmagie zu besitzen – die heilige Gabe, die seit Generationen ein Erkennungsmerkmal der Algavia-Dynastie war. Diese Frustration begleitete ihn durch seine gesamte Kindheit, eine ständige Erinnerung an seine Unvollkommenheit, ein leiser Zweifel, ob er jemals seinen Platz unter den Großen seiner Familie einnehmen würde. Dann, eines Tages, geschah etwas, das sein Leben für immer veränderte. Es war ein klarer Frühlingstag, und Sebastian verbrachte die Stunden in der gewaltigen Kaiserlichen Bibliothek, wie er es so oft tat. Hoch oben in den Regalen entdeckte er ein altes Buch, dessen Titel im Zwielicht kaum lesbar war. Er kletterte die hohe Leiter hinauf, seine Finger streckten sich nach dem ledergebundenen Band – doch dann rutschte sein Fuß ab. Er fiel. Das Geländer kam rasend schnell auf ihn zu. Die Welt drehte sich, und in diesem Moment wusste er, dass er sterben würde. Ein Fall aus zwanzig Metern Höhe, der Aufprall unausweichlich – doch dann... Er stand wieder am Fuß der Leiter. Die Zeit hatte sich zurückgesetzt, genau eine Minute. Er war nicht tot. Er war nicht einmal verletzt. Er starrte seine Hände an, verwirrt und atemlos. Hatte er sich das alles nur eingebildet? Ein Hirngespinst, ein Trugbild seiner Gedanken? Er schob den Vorfall beiseite, erzählte niemandem davon. Jahre vergingen, und Sebastian vergaß die seltsame Erfahrung. Bis es wieder geschah. Er war neunzehn Jahre alt und nahm an einer Jagd auf Räuber teil, eine Übung, die ihn in die Realität der Kriegsführung einführen sollte. Die Schlacht war chaotisch, Schreie, das Klirren von Stahl, das Pfeifen der Pfeile in der Luft. Dann ein Aufblitzen, ein scharfer Schmerz in seiner Brust. Ein Pfeil hatte ihn getroffen. Er keuchte, spürte, wie das Leben aus ihm wich. Sein Körper sackte zusammen, seine Sicht verschwamm, die Welt wurde dunkler— Und dann stand er wieder da. Gesund. Unversehrt. Zurückversetzt um genau eine Minute. Und da verstand er es endlich. Wenn er starb, setzte sich die Zeit für ihn zurück. Diese Erkenntnis veränderte alles. Von diesem Tag an war Sebastian nicht mehr derselbe. Er begann, Risiken einzugehen, mit einem Selbstvertrauen, das andere als Wahnsinn betrachteten. Er war furchtlos, weil er wusste, dass sein Scheitern nie endgültig war. Wenn eine Entscheidung nicht zum gewünschten Ergebnis führte, konnte er sich töten und die Vergangenheit neu schreiben. Es war ein machtvolles Werkzeug, ein Geschenk, das nur ihm allein gehörte. Als Jahre später das Prinzenspiel begann, wusste Sebastian, dass dies seine Gelegenheit war. Es war seine Chance, seinen Wert zu beweisen, sich seinen Platz auf dem Thron zu sichern. Er kämpfte mit einer Entschlossenheit, die keine Grenzen kannte, ging weiter als jeder andere, wagte mehr, riskierte mehr. Doch so sehr er sich auch bemühte, ein Name stand stets über ihm. Hypos. Sein jüngerer Halbbruder, der wahnsinnige Prinz. Hypos war nicht nur charismatisch und brillant, er war ein Stratege, ein Taktiker, ein Spieler, der immer wusste, welche Züge nötig waren, um zu gewinnen. Er hatte das Reich auf seiner Seite, den Adel, die Soldaten, die Massen. Egal wie oft Sebastian sich in seinen eigenen Tod stürzte, egal wie viele Versuche er sich selbst gönnte – er blieb stets hinter Hypos zurück. Es nagte an ihm, zermürbte ihn. Doch er gab nicht auf. Denn Sebastian wusste eines sicher: Eine Gelegenheit würde sich ihm bieten. Und wenn sie kam, würde er bereit sein. - ------------------------------------------------------------------------- Vierundzwanzig Mal. So oft hatte Sebastian gebraucht, um den Vishap vor dem brennenden Tempel zu töten. Eine akzeptable Zahl. Sicherlich nicht perfekt, aber weitaus effizienter als sein Kampf gegen den Dracharen vor einigen Jahren. Eintausenddreihundertvier Versuche hatte er damals benötigt. Sebastian schlenderte langsam durch die engen Gassen Randurins. Die Nacht war kühl, der Rauch der Brände hing noch in der Luft, und die Stadt war in eine seltsame Stille getaucht. Die Einwohner, eingeschüchtert und verunsichert von den Ereignissen des letzten Tags, hielten sich in ihren Häusern versteckt. Er gähnte und streckte sich, während er überlegte, wie er den morgigen Tag angehen sollte. „Die Befreiung einer besetzten Stadt…“ murmelte er nachdenklich. Dann zuckte er mit den Schultern. „Klingt gut.“ Er ließ seinen Blick über die Gebäude schweifen, bis seine Augen auf ein Gasthaus fielen. Es war eines der wenigen, die unberührt geblieben waren – keine eingeschlagenen Fenster, keine verrußten Mauern, kein Anzeichen für Kämpfe oder Plünderungen. Sebastian trat ein, zahlte mit ein paar Münzen für ein Zimmer und ließ sich ohne weitere Umstände auf das Bett fallen. Er schloss die Augen, und für einen Moment war alles still. Dann schlief er ein. Der nächste Morgen begann nicht, wie er es erwartet hatte. Eine laute Stimme riss ihn aus dem Schlaf. Sebastian blinzelte, setzte sich auf und lauschte. Irgendjemand draußen war lautstark dabei, ein Lied zu singen – und das mit einer Begeisterung, die selbst durch die geschlossenen Fenster zu hören war. Neugierig trat er ans Fenster und spähte nach draußen. Ein Oger. Der massive Kerl arbeitete an einem eingestürzten Haus, offenbar in dem Versuch, es wieder aufzubauen. Während er Balken aufrichtete und Steine verrückte, dröhnte seine tiefe Stimme über den Platz. Sebastian erkannte ihn sofort. Ein Mitglied der Rebellen. ,,Sie wollen sich also bei den Bürgern einschmeicheln…’’ murmelte er und rieb sich nachdenklich das Kinn. Dann griff er an. Der Kampf war eine Herausforderung. Der Vishap war an sich ein geschickterer Kämpfer gewesen, aber die rohe Kraft des Ogers zwang ihn zu mehr Toden als nötig gewesen wären. Siebenundfünfzig Mal musste er sterben, bis er den Oger schließlich niederstreckte. Sebastian atmete schwer, wischte sich das Blut – sein Blut, das Blut seiner unzähligen vergangenen Tode – aus dem Gesicht und schüttelte den Kopf. „Egal, wie oft ich es tue… sterben fühlt sich einfach nicht gut an.“ Mit einem Seufzen wandte er sich von der Leiche ab und machte sich auf den Weg zur Herzogsburg. Die Burg lag still da, ihre großen Tore standen weit offen. Sebastian nahm sich Zeit, stieg die Stufen langsam hinauf, ließ seinen Blick über die alten Mauern gleiten. Er kannte diesen Ort – er hatte ihn früher bereits besucht. Nur nie als Feind. Als er eintrat, wusste er sofort, dass er am richtigen Ort war. Da standen sie. Claurian, die Bestie von Grabzen – ihre kristallklaren Augen funkelten. Der Elf, den die Bevölkerung Randurins als Anführer ansah, und der Mensch, dessen Name ihm gerade nicht einfiel. Außerdem ein Drachar, den er nicht kannte, stand ebenfalls an ihrer Seite. Sebastian ließ seinen Blick über sie gleiten. Ein kurzes Lächeln huschte über seine Lippen. ,,Da haben sich ja alle Ziele auf einem Haufen versammelt. Das ist echt anstrengend, wisst ihr?’’ Er verschränkte die Arme, sein Tonfall war amüsiert. Er ließ den Kopf zur Seite fallen, überlegte. Wie viele Tode würde er diesmal sterben müssen? - ------------------------------------------------------------------------- Claurian wurde in Takar geboren, einer der wenigen M Say-Städte am entlegenen Westkap, einem Ort, der für ihr Volk sowohl Zuflucht als auch Gefängnis war. Weit entfernt vom Zentrum des Kaiserreichs, abgeschottet von den großen Handelsrouten und den wachsamen Augen der Adligen, hatte Takar seinen Bewohnern etwas zu bieten, das sie sonst nirgendwo fanden – Frieden. Doch Claurian wollte mehr als Frieden. Schon als Kind spürte sie, dass sie nicht für das ruhige Leben in der Abgeschiedenheit bestimmt war. Während andere M Say ihre Tage mit Kunst, Handwerk oder der Arbeit in den Minen verbrachten, übte Claurian mit Stöcken das Kämpfen. Sie kletterte auf die höchsten Klippen und rannte über die schroffen Pfade der Küste, immer auf der Suche nach Herausforderungen. Ihre Eltern versuchten, sie von diesem Weg abzuhalten. ,,Wenn du uns verlässt, wirst du sterben!’’ ,,Im Kaiserreich hasst man uns, bleib hier.’’ ,,Das Kämpfen ist nicht der Weg, der dir Glück bringt.’’ Doch Claurian war taub für ihre Mahnungen. Etwas in ihr zog sie hinaus in die Welt. Und so, mit fünfzehn Jahren, verließ sie ihr Zuhause. Ohne Ziel, ohne Plan – nur mit der Gewissheit, dass sie ihren eigenen Weg finden würde. Ihre Reise führte sie durch die Hamalien, eine wilde, ungezähmte Region voller Gefahren. Doch für Claurian war das genau der Ort, den sie brauchte. Hier wurde sie geprüft. Sie kämpfte gegen wilde Bestien, gegen Plünderer und gegen die gnadenlose Natur selbst. Und während sie kämpfte, veränderte sie sich. Die M Say-Verwandlung war ein Mysterium. Manche M Say blieben ihr Leben lang unverändert, während andere eine Transformation durchliefen, die sie zu etwas Stärkerem machte. Für Claurian war es keine Frage, ob sie sich verwandeln würde – es war unausweichlich. Zuerst wurde sie zu einem Ghoul. Ihre Sinne wurden schärfer, ihr Körper schneller und beweglicher. Ihre Bewegungen wurden zu einem Tanz aus Klingen und Schatten, und bald schon fürchteten jene, die in den Hamalien lebten, die Gestalt, die sich lautlos durch die Finsternis bewegte. Doch das war erst der Anfang. Als sie schließlich Inhantes erreichte, die große Stadt im Herzen des Kaiserreichs, wurde ihr schnell bewusst, dass ihre Eltern Recht gehabt hatten. Misstrauische Blicke, abfällige Bemerkungen, Hohn und Verachtung – all das schlug ihr entgegen, sobald sie ihren Fuß in die Straßen der Stadt setzte. Wo immer sie hinging, wurde sie gemieden. Wo immer sie sich niederlassen wollte, wurde sie fortgejagt. Und wenn jemand dachte, dass er es sich leisten konnte, sie anzugreifen, dann tat er es auch. Claurian ließ sich das nicht gefallen. Sie kämpfte. Sie schlug zurück. Und mit jedem Kampf, den sie gewann, wuchs in ihr ein neuer Hass – ein Hass auf das Kaiserreich, auf seine Bewohner, auf die Welt, die ihr und den M Say keinen Platz bot. Und dann geschah es. Vielleicht war es ihr Zorn, vielleicht ihr unbeugsamer Wille – doch eines Tages durchlief sie eine weitere Verwandlung. Sie wurde zu einer Divs. Ihre Kraft vervielfachte sich. Ihre Geschwindigkeit wurde unmenschlich. Sie war nicht mehr nur eine geschickte Kämpferin – sie war eine außergewöhnlich Kraft. Wo sie ging, hinterließ sie besiegte Gegner, und bald schon wurden Gerüchte über die „Bestie von Grabzen“ laut. Es dauerte nicht lange, bis sie die Aufmerksamkeit der Mächtigen auf sich zog. Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin namens Bournadette Lacroix suchte sie auf. Sie war eine der besten ihres Standes, eine Jägerin, die nur auf die fähigsten Krieger des Kaiserreichs angesetzt wurde. Doch statt Claurian zu töten, machte sie ihr ein Angebot. „Komm mit mir. Werde eine von uns. Deine Kraft würde dem Kaiser dienen.“ Claurian lachte ihr ins Gesicht. Das Kaiserreich? Ihr Feind? Sie sollte für jene kämpfen, die ihr Volk unterdrückten? Nie. Sie lehnte ab. Doch Bournadette Lacroix hatte in ihr einen Funken geweckt – den Gedanken, dass sie ihre Kräfte nicht für sich selbst nutzen musste, sondern für etwas Größeres. Und so begann Claurian zu suchen. Sie suchte nach einer Möglichkeit, das Kaiserreich zu vernichten. Nach einer Waffe, nach einer Armee, nach Gleichgesinnten. Und dann fand sie sie. Den Schwarzen Stern. - ------------------------------------------------------------------------- Claurian wirbelte auf ihn zu, und Sebastian starb. Es war ein harter, schmerzhafter Tod. Der erste von vielen. Über vierhundert Anläufe brauchte er, um auch nur zu begreifen, wie ihr erster Angriff funktionierte. Jedes Mal wurde er zerschlitzt, erstochen, enthauptet oder einfach zerschmettert. Ihr Kampfstil war eine tödliche Symphonie aus Geschwindigkeit und Präzision, und er war nichts weiter als ein ahnungsloser Zuhörer. Eine Sache verwirrte Sebastian. Sie schien ihn nicht töten zu wollen, trotzdem griff sie mit einer Kraft an, die für seinen Körper zu viel war. Wusste sie nicht, wie schwach er war? Weitere siebenhundert Versuche, bis er endlich ausweichen konnte. Doch selbst als er ihren ersten Schlag überlebte, tötete ihn der nächste. Immer wieder. Jedes Mal ein anderer Angriff, jede Bewegung anders, nie ein Muster, das er ausnutzen konnte. Sebastian kannte Erschöpfung nicht. Sein Körper regenerierte sich mit jeder Wiederholung, seine Wunden verschwanden, als wären sie nie da gewesen. Doch sein Geist… Sein Geist war müde. Sein Verstand brannte aus, die endlosen Wiederholungen raubten ihm den letzten Rest von Menschlichkeit. „Siebenundzwanzigtausendvierhundertsiebenundneunzig.“ Er murmelte die Zahl, als wäre sie ein Mantra. Ein Fixpunkt in der unaufhörlichen Spirale des Todes. Bei diesem Versuch schaffte er es zum ersten Mal, sie zu treffen. Eine minimale Wunde, kaum der Rede wert. Aber es war ein Fortschritt. „Einhunderttausendunddreizehn.“ Sein Schlag war präziser, tiefer. Er hatte sie beinahe getötet. Beinahe. Doch beinahe war nicht genug. Sie nutzte den winzigen Moment des Zögerns und riss ihn in Stücke. Sebastian bewegte sich wie in Trance. Sein Körper wich aus, griff an, wich aus, griff an. Er wusste, dass sie jeden geradlinigen Schlag sehen und parieren konnte. Wenn er sie treffen wollte, musste er anders kämpfen. Seine Klinge aus der Rückhand führen, unvorhersehbare Winkel nutzen. Er schwang sich herum, ließ die Wucht seiner Drehung in seine Klinge fließen – und stach zu. Die Spitze seines Schwertes grub sich in ihr Herz. Zum ersten Mal seit Beginn des Kampfes erwartete ihn nicht der Tod. Claurians Körper versteifte sich. Ihre Augen weiteten sich, und für einen Moment sah er etwas in ihrem Blick, das er nicht erwartet hatte – Überraschung. Blut lief aus ihrem Mund, tropfte auf den staubigen Boden der Burg. Sie versuchte, etwas zu sagen, und ein ersticktes Gurgeln kam aus ihrer Kehle. ,,W-Wie?’’ gurgelte sie. Dann sackte sie in sich zusammen. Stille. Der Elf, der Mensch und der Drachar starrten ihn an. Fassungslos. Ungläubig. Sie konnten nicht begreifen, was gerade geschehen war. Sebastian ließ seinen Blick über sie gleiten, genoss ihre Unsicherheit, ihre Angst. Er grinste. Für sie hatte er gerade ihre beste Kriegerin ohne Probleme besiegt. Wüssten sie von seiner Kraft, dann würden sie eine Chance haben. Doch niemand wusste von ihr. Niemand. Außer ihm. „Nummer eins ist geschafft. Wer will als nächstes?“ Der Elf stammelte, seine Stimme bebte vor Panik. „D-Das kann nicht sein…“ Sebastian lächelte breiter, ließ die Worte absichtlich langsam über seine Lippen rollen. „Es tut mir wirklich leid, aber hier ist eure Rebellion vorbei.“ Er setzte sich in Bewegung. Seine Schritte hallten in der Burg wider, langsam, bedrohlich. „Also, wer ist jetzt dran?“ Dann, noch bevor einer der drei reagieren konnte, erklang eine Stimme über ihm. [???] ,,Wie wäre es mit mir?’’
- Kapitel 118 - Das Lächeln eines Mörders
Es war bereits morgens, als Claurian durch die verwüsteten Straßen Randurins schritt. Die Sonne hing noch tief am Horizont, ihr fahles Licht tauchte die Stadt in einen unruhigen Dämmerzustand, der das Ausmaß der Zerstörung nur noch deutlicher machte. Der Wind trug den beißenden Geruch von Rauch und Asche mit sich – eine letzte Erinnerung an die Kämpfe, die die Stadt erschüttert hatten. Ruß und verbrannte Holzsplitter bedeckten den Boden, und hier und da waren noch Glutnester zu sehen, die in der kalten Morgenluft schwach glommen. Liam hatte sie losgeschickt, um Nidhogg zu suchen, nachdem er Jakira fortgeschickt hatte. Nicht, dass sie wirklich Lust darauf hatte. Der Vishap und seine ewigen Predigten über Kaen, sein wahnhaftes Festhalten an dieser feurigen Götze, gingen ihr gehörig auf die Nerven. Doch ein Befehl war ein Befehl, und Liam hatte seine Anweisung deutlich formuliert. Immerhin wusste sie bereits, wo sie suchen musste. Der Tempel Cassiels – oder das, was davon übrig war. Vom höchsten Turm der Herzogsburg hatte sie in der Nacht die Rauchsäule gesehen, die sich wie ein Mahnmal in den Himmel erhoben hatte. Sie hatte es sich bereits gedacht, noch bevor sie davon hörte: Nidhogg war es gewesen. Während sie sich ihrem Ziel näherte, nahm sie die Stadt um sich herum aufmerksam wahr. Die Stimmung unter den Bürgern hatte sich merklich verändert. Während am Vortag noch Widerstand in den Gesichtern der Menschen zu lesen gewesen war, lag nun eine seltsame Resignation in ihren Augen. Vielleicht war es Liams Rede gewesen, vielleicht die pure Erschöpfung. Sie wussten, dass es vorbei war. Der Schwarze Stern hatte Randurin eingenommen, und wer noch gekämpft hatte, war entweder tot oder hatte sich seinem Schicksal gefügt. Einige hatten sich sogar freiwillig bei Ralf gemeldet, um sich der neuen Ordnung anzuschließen. Claurian konnte es ihnen nicht verdenken. Verstärkung würde erst in einigen Monaten eintreffen, und bis dahin war jede fähige Klinge willkommen. Sie bog in eine enge Gasse ein, die in die Straße führte, an deren Ende sich einst der Tempel befunden hatte. Der Anblick, der sich ihr bot, ließ sie kurz innehalten. Der Tempel, einst ein imposantes Bauwerk mit hohen Türmen, kunstvollen Verzierungen und Fenstern aus buntem Glas, war nur noch ein verkohlter Schatten seiner selbst. Die einst hellen Mauern waren zu schwarzen Ruinen zerfallen, die hohen Säulen umgestürzt oder so stark beschädigt, dass sie jeden Moment in sich zusammenbrechen konnten. Der Boden war mit Trümmern übersät – zersplittertes Glas, geschmolzene Metallrahmen, verkohlte Bücher und Schriften, die von den Flammen gnadenlos verzehrt worden waren. Der Rauch hing noch schwer in der Luft, vermischt mit dem widerlichen Geruch verbrannten Fleisches. Dann sah sie ihn. Ein regloser Körper lag inmitten der Asche, teilweise von Ruß und Trümmern bedeckt. Die einst roten Schuppen waren an vielen Stellen verbrannt, das Fleisch darunter rissig und blutig. Seine mächtige Gestalt, die sonst für andere so furchteinflößend war, wirkte nun seltsam klein und verletzlich. Nidhogg. Claurian blieb stehen, ihr Blick ruhte auf ihm. Ihr erster Instinkt war es, sich umzudrehen und einfach zu gehen. Vielleicht hatte Kaen endlich seinen fanatischen Diener zu sich geholt. Vielleicht war das die Strafe für seine Raserei, für seinen blinden Glauben an ein Feuer, das am Ende nicht einmal ihn verschont hatte. Doch sie wusste, dass es nicht so einfach war. „Verdammt“, murmelte sie und trat näher. - ------------------------------------------------------------------------- ,,Hey, Nidhogg. Ich soll dich zu Liam bringen.’’ Keine Reaktion. Claurian verschränkte die Arme, ihr Geduldsfaden war ohnehin schon dünn. Sie wusste, dass der Vishap manchmal so tat, als würde er schlafen, nur um andere zu ärgern. Doch irgendetwas fühlte sich diesmal anders an. Ein ungutes Gefühl breitete sich in ihr aus, als sie sich widerwillig zu ihm hinunterbeugte. Und dann erstarrte sie. Sein Körper war kalt. Eiskalt. Sie bemerkte es erst jetzt – die Verletzung in seiner Brust. Ein Stich, genau über dem Herzen. Ihre Hand fuhr automatisch zu seinem Hals, suchte nach einem Puls. Nichts. Sie legte eine Hand über seinen Mund, hoffte auf den Hauch eines Atemzugs. Nichts. Der sonst so hitzige, glühende Körper Nidhoggs lag da wie ein Block aus Eis. Nidhogg war tot. Für einen Moment starrte Claurian einfach nur auf ihn hinab. Ihr Verstand weigerte sich, das Offensichtliche zu akzeptieren. „Fuck…“ entkam es ihr leise. Ihr Herz schlug schneller. Wer war dazu in der Lage gewesen? Nidhogg hatte einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger getötet. Sie hatten sich vergewissert, dass niemand mehr in der Stadt war, der auch nur ansatzweise mit ihr oder Nidhogg hätte mithalten können. Doch er war eindeutig im Kampf gefallen. Hatten sie sich geirrt? Hatten sie jemanden übersehen? Das war jetzt egal. Sie musste Liam Bescheid geben. Ohne weiter nachzudenken, hievte sie Nidhoggs schweren Körper auf ihre Schultern. Sie spürte die verbrannten Schuppen, die rauen Kanten seiner Verletzungen, das kalte, leblose Gewicht. Dann setzte sie sich in Bewegung. Sie rannte durch die Straßen Randurins, vorbei an den vom Ruß geschwärzten Häusern, an den ersten Händlern, die bereits wieder ihre Stände öffneten, als wäre nichts geschehen. Einige Passanten warfen ihr neugierige Blicke zu. Sie erreichte die Herzogsburg, sprang die Stufen hinauf und stieß die Türen auf. In der Eingangshalle standen Liam, Ralf und Azoph, der Drachar, der sich ihnen direkt nach der Rede angeschlossen hatte. „Claurian, ist alles—“ begann Liam, doch dann sah er Nidhogg. Seine Stimme brach ab. Er wusste es sofort. „Wie ist das passiert?“ fragte er, und in seiner Stimme lag eine Panik, die sie selten von ihm hörte. Claurian atmete schwer. „Ich weiß es nicht. Er lag so vor dem Tempel…“ Ralf trat näher, seine Augen verengten sich, als er die Wunde begutachtete. „Er wurde definitiv im Kampf getötet“, murmelte er. Dann hob er den Blick zu ihr. „Du hattest gestern vorgeschlagen, ihn zu beseitigen. Du hast doch nicht etwa—?“ „Nein! Natürlich nicht!“ fuhr Claurian dazwischen. Wut und Entrüstung flammten in ihr auf. „Ich hätte das nie ohne Liams Befehl getan!“ Liam nickte langsam. „Das war nicht Claurian. Das war jemand anderes…“ Sein Blick wanderte zu Azoph. „Gab es in der Stadt noch jemanden, der ähnlich stark war wie Jasmin?“ Azoph zögerte, schüttelte dann den Kopf. „Nein. Niemanden. Es gibt einige starke Krieger, ja, stärker als Hauptmann Ralf vielleicht, aber niemanden, der an den Vishap heranreichen könnte.“ Liam überlegte einen Moment. „Claurian, durchsuche die Stadt. Finde heraus, ob irgendjemand etwas gesehen hat.“ Sie wollte gerade antworten, da erklang eine fremde Stimme hinter ihnen. Lässig, entspannt – und doch durchtränkt von einer unterschwelligen Bedrohung. [???] „Da haben sich ja alle Ziele auf einem Haufen versammelt. Das ist echt anstrengend, wisst ihr?“ - ------------------------------------------------------------------------- Kaum einem Volk wurde so viel Ablehnung und Hass entgegengebracht wie den M Say. Sie waren ein Volk, das nicht aus Jahrtausenden natürlicher Entwicklung hervorgegangen war, sondern aus den blutigen Überresten des Großen Krieges. Sie waren das Vermächtnis eines einzigen Mannes – Mermilur, einem der mächtigsten Magier, den die Welt je gesehen hatte. Mit Kräften, die selbst unter den Erzmagiern als unnatürlich galten, erschuf er sie nicht aus Fleisch und Blut, sondern aus Leichen, die einst auf den unzähligen Schlachtfeldern gefallen waren. Doch er erweckte sie nicht als Untote, nicht als seelenlose Hüllen, sondern als ein neues Volk – denkend, fühlend, atmend. Die M Say waren lebendig. Sie liebten, sie fürchteten, sie träumten. Und doch wurden sie nie als gleichwertig angesehen. Ihr Ursprung machte sie zu Außenseitern. Während die Menschen und Elfen ihre Abstammung auf Götter, Wesen wie den Drachen oder uralte Blutlinien zurückführten, trugen die M Say die Last ihrer Schöpfung auf ihren Körpern. Ihre Haut war oft blass, von Narben durchzogen, ihre Augen glühten in unnatürlichen Farben, als ob die Magie, die sie geschaffen hatte, niemals ganz aus ihnen gewichen war. Für die anderen Völker waren sie kein Zeichen des Fortschritts, sondern eine Mahnung an die Grauen des Krieges. Sie waren eine Erinnerung an die gefallenen Söhne und Töchter, die einst auf den Schlachtfeldern ihr Leben gelassen hatten – und nun in fremder Gestalt weiterlebten. Doch trotz des Misstrauens, der Angst und des offenen Hasses, den sie erfuhren, ließen sich die M Say nicht unterkriegen. Sie gründeten Familien, bauten Siedlungen und entwickelten ihre eigene Kultur. Sie wurden Künstler, Handwerker, Krieger und Gelehrte. Ihre Verbindung zur Magie war tief, vielleicht tiefer als die der meisten Völker, denn ihre gesamte Existenz war von ihr durchdrungen. Sie sprachen eine eigene Sprache, führten eigene Rituale aus und lebten nach ihren eigenen Gesetzen. Doch all das reichte nicht aus, um das Misstrauen der Welt ihnen gegenüber zu besänftigen. Jahrzehntelang wurden sie ausgegrenzt, in manchen Städten sogar gejagt. In den Gassen der großen Metropolen lebten sie in versteckten Vierteln, oft unter ärmlichen Bedingungen, ständig der Gefahr ausgesetzt, als Abscheulichkeiten gebrandmarkt oder aus der Stadt vertrieben zu werden. Immer wieder kam es zu gewaltsamen Übergriffen, zu Pogromen, die sie zwangen, ihr Zuhause zu verlassen. Irgendwann hatten sie genug. Die meisten M Say zogen sich ans Westkap zurück, in die entlegenste Ecke des Kaiserreichs. Dort, am Rande der Welt, zwischen tosenden Wellen und schroffen Klippen, bauten sie sich eine neue Heimat. Das Westkap war rau, unwirtlich und von der restlichen Welt vergessen – doch es war ihr Zufluchtsort. Ein Ort, an dem sie keine Angst haben mussten, in der Nacht von feindlichen Soldaten aus ihren Häusern gezerrt zu werden. Aber selbst dort fanden sie keinen Frieden. Die Geschichten über die „Kadavermenschen“, wie man sie in abfälligem Ton nannte, hielten sich hartnäckig. Gerüchte kursierten, dass sie dunkle Rituale vollzogen, dass ihre Körper nicht alterten, dass sie mit den Geistern der Toten sprechen konnten. Kaufleute, die am Westkap Handel trieben, kehrten mit abergläubischen Geschichten zurück. Sie sprachen von Wesen mit kalten, leblosen Augen, von Stimmen, die in den Schatten flüsterten, und von einer Stadt, die niemals schlief. Und so lebten die M Say weiter – zwischen den Welten, zwischen Angst und Hoffnung. Gefangen zwischen einer Vergangenheit, die sie nicht abschütteln konnten, und einer Zukunft, die ihnen vielleicht niemals gehören würde. - ------------------------------------------------------------------------- Vor Claurian stand ein junger Mann mit pechschwarzem Haar, das in der tiefstehenden Sonne glänzte. Das Licht spiegelte sich in seinen kalten Augen, die so reglos waren wie ein stiller See vor einem Sturm. Er trug einen dunkelgrünen Umhang mit goldenen Verzierungen, feine Stickereien, die seinen adligen Status verrieten. In seiner Hand hielt er ein kurzes Schwert, dessen Klinge schimmerte. Seine Haltung war ruhig, gelassen – fast schon überheblich. Er wirkte nicht angespannt, nicht alarmiert. Er stand da, als wäre er nicht inmitten einer feindlichen Festung, sondern in seinem eigenen Garten. Ihr Griff um ihre Säbel verstärkte sich. „Wer bist du? Was willst du hier? Hast du Nidhogg getötet?“ Ihre Stimme glich einem Donnern, das durch die Hallen der Herzogsburg widerhallte. Ihre kristallblauen Augen verengten sich misstrauisch, jeder Muskel ihres Körpers war gespannt. Der Mann hob nur leicht die Augenbraue. Dann lächelte er. Es war ein leises, unbeteiligtes Lächeln, eines, das keinerlei Spuren von Angst oder Nervosität zeigte. „Ich?“ Seine Stimme war ruhig, fast amüsiert. „Ich bin Kronprinz Sebastian Algavia. Und ich bin hier, um euren kleinen Aufstand niederzuschlagen.“ Claurian fühlte, wie ihr Herz für einen Moment aussetzte. Ein Kronprinz? Hier? Das ergab keinen Sinn. Kein Mitglied der kaiserlichen Familie würde sich in eine von Rebellen besetzte Stadt begeben – nicht ohne eine Armee. Und doch stand er hier, allein, ruhig und selbstsicher. „Kannst du ihn gefangen nehmen?“ Ralfs Stimme klang hinter ihr. Natürlich konnte sie das. Sie war eine Kämpferin. Sie hatte gegen viele Feinde gekämpft, gegen Magier, gegen Bestien, gegen Menschen, gegen Jasmin. Und dieser Kronprinz? Er sah nicht aus, als wäre er stärker als ein erfahrener Offizier. Sie würde ihn innerhalb von Sekunden zu Boden ringen. Ohne weitere Warnung stürmte sie nach vorne. Ihre Säbel schnitten durch die Luft, zwei silberne Blitze, die sich von beiden Seiten auf ihn herabsenkten. Die Klingen zielten nicht auf tödliche Punkte – sie wollte ihn lebendig, wollte seine Arme unbrauchbar machen, sodass er sich nicht mehr wehren konnte. Doch dann geschah etwas, das sie nicht erwartet hatte. Der Kronprinz tauchte unter ihren Angriffen hinweg, nicht hastig oder panisch, sondern mühelos, als wäre es nichts weiter als ein Tanz für ihn. Claurian knirschte mit den Zähnen und ließ eine Welle von Hieben auf ihn niederprasseln. Jede ihrer Bewegungen war präzise, berechnet, tödlich – und doch wich er aus, schlängelte sich zwischen ihren Angriffen hindurch, als könnte er voraussehen, was sie als Nächstes tun würde. Sein Schwert hob sich nicht einmal zum Blocken. „Das ergibt keinen Sinn…“ Ein Gefühl der Unruhe kroch in ihre Gedanken. Ihre Gegner hatten immer auf eine bestimmte Art reagiert – sie hatten gekämpft, geblockt, nach Schwächen gesucht. Doch dieser Mann schien keinerlei Anstrengung zu zeigen. Er wich aus, als hätte er alle Zeit der Welt. Dann kam der Schlag. Ein scharfes Stechen. Claurian spürte es, bevor sie es sah. Ein brennender Schmerz breitete sich in ihrer Brust aus. Sie sah nach unten. Die Klinge des Kronprinzen steckte in ihr – genau dort, wo ihr Herz schlug. Die Welt um sie herum wurde dumpf. Die Geräusche schienen gedämpft, als ob sie in Wasser gefallen wäre. Ihre Finger verkrampften sich um die Griffe ihrer Säbel, doch ihre Kraft wich aus ihrem Körper. Sie hob ihren Blick, suchte nach einer Antwort in seinem Gesicht. Nichts. Keine Emotion. Kein Triumph. Kein Hass. Nur das gleiche kalte, berechnende Lächeln. ,,W-Wie..?’’ gurgelte sie. Ihre Knie gaben nach. Die Kälte des Bodens umfing sie, als sie in die Finsternis fiel.
- Kapitel 117 - Geboren in Flammen
Nidhogg ließ seinen Blick über den verkohlten Leichnam von Colart gleiten. Der Kaiserliche Kopfgeldjäger war gefallen, seine Überreste ein rauchendes Mahnmal des Sieges. Der Gestank von verbranntem Fleisch lag schwer in der Luft, beißend und allgegenwärtig. Sein eigener Körper war gezeichnet von dem Kampf, seine Schuppen an mehreren Stellen verkohlt, sein Fleisch blutig und aufgerissen. Doch Schmerz war bedeutungslos. Er hatte gesiegt, und das war alles, was zählte. Er streckte die Arme gen Himmel, schloss die Augen und atmete tief durch, ließ die Luft voller Tod und Zerstörung in seine Lungen strömen. Dann öffnete er den Mund, seine Stimme rau, zerschlissen von Rauch und Hitze. "Kaen, nimm dieses Opfer an dich! Es ist nur die Vorspeise zu dem Festmahl, das folgen wird!" Die Worte hallten durch die verwaisten Straßen. Für einen Moment war nichts zu hören außer dem Knacken brennender Trümmer. Dann, das unverkennbare Klirren von Rüstungen. Soldaten. Ihre Stiefel donnerten über den Pflasterstein, ihre Klingen blitzten im letzten Licht der untergehenden Sonne. Sie kamen auf ihn zugerannt, ihre Gesichter entschlossen, ihre Haltung voller Kampfgeist. Nidhogg spürte die Erschöpfung in seinen Knochen. Eine weitere Verwandlung würde er heute nicht mehr schaffen. Mit den Soldaten würde er aber wohl noch fertig werden. Doch dann – Die Soldaten blieben abrupt stehen. Ihre Bewegungen froren ein, mitten im Lauf. Feine Kristalle begannen sich auf ihren Rüstungen zu bilden, breiteten sich rasend schnell aus, umschlossen Metall, Fleisch und Knochen gleichermaßen. Nidhogg erkannte sofort — die Boz hatte gesprochen. Innerhalb weniger Herzschläge waren die Männer zu unbeweglichen Eisskulpturen erstarrt, ihre Gesichter in einem letzten, stummen Schrei des Entsetzens gefangen. Ein Lachen stieg in ihm auf, tief und kehlig, vibrierend in seiner Brust. Der Elf hatte Erfolg gehabt. Die Boz gehörte nun ihnen. Und ihre Macht war in dieser Stadt absolut. "Dann kann ich mich ja meinem persönlichen Geschenk zuwenden", murmelte er mit dunkler Vorfreude. Er setzte sich in Bewegung. Sein Gang war schwer, seine Muskeln brannten, doch es spielte keine Rolle. Sein Körper würde sich regenerieren, so wie er es immer tat. Die verbrannte Haut begann bereits, sich zu schälen, neue Schuppen wuchsen an den offenen Stellen nach. Er hatte keine Zeit zu warten. Als er den Engelstempel des Cassiel erreichte, war die Sonne fast vollständig hinter dem Horizont verschwunden. Der Platz vor dem Tempel lag im Zwielicht, lange Schatten krochen über das Kopfsteinpflaster. Ein einzelner Mann stand dort. Ein Engelskultist, gekleidet in ein zerknittertes, weißes Gewand, das von Staub und Asche befleckt war. Seine Hände zitterten, als er den Dolch umklammerte, der ihm kaum mehr als ein Symbol der Verzweiflung war. Nidhogg beachtete ihn nicht. Er ging einfach an ihm vorbei, langsam, unbeirrt, als sei der Kultist nicht mehr als ein Insekt am Wegesrand. Er wollte, dass der Mann sah, was nun geschehen würde. Er wollte, dass er verstand. Dann spürte er es. Ein plötzliches Stechen im Rücken, ein Schmerz, der kurz aufflackerte, bevor sein Körper ihn dämpfte. Langsam drehte sich Nidhogg um. Seine Augen funkelten, glühten auf im Dunkel der Dämmerung. ,,Du wagst es, mich zu stören?" Seine Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie durchbohrte den Kultisten wie eine Lanze. Der Mann zitterte, versuchte zurückzuweichen, doch Nidhoggs Hand schnellte vor. Seine Klauen schlossen sich um den Schädel des Kultisten, bohrten sich in die Haut. Dann kam das Feuer. Flammen brachen aus, verschlangen den Mann in Sekundenschnelle. Er schrie, sein Körper verkrampfte, doch es gab kein Entkommen. Nidhogg ließ ihn brennen. Mit den Todesschreien als sinistre Melodie setzte er seinen Weg fort, schritt die breite Treppe des Tempels hinauf. Seine Schritte hallten schwer durch die Nacht, sein Atem dampfte in der kühlen Luft. Die Tür des Tempels stand offen. Ein warmes, goldenes Licht flackerte im Inneren. Er trat ein. - ------------------------------------------------------------------------- Nidhogg wuchs in einem kleinen Vishapdorf auf, gelegen am Rande des Waldes der Träume. Es war ein friedlicher Ort, abgeschieden und ruhig, ein Dorf, in dem die Tage in stetigem Rhythmus vergingen, fernab der großen Konflikte der Welt. Doch das änderte sich an dem Tag, an dem die Dracharen kamen. Um das, was damals geschah, zu begreifen, muss man auf die Geschichte der Drachisten blicken. Die Drachisten sind eine fanatische, radikale Splittergruppe, bestehend aus Dracharen. Sie glauben – fälschlicherweise – dass ihr Volk direkten Drachenblutes sei. Sie sehen sich als die einzig wahren Erben der alten Drachen, als reines Geschlecht, geschaffen, um über die Welt zu herrschen. Doch während diese Überzeugung in sich schon gefährlich ist, so ist es ihr Hass, der sie zu einer Bedrohung macht. Die Vishaps, die tatsächlich von Drachen abstammen, gelten ihnen als abartige Entartungen, als verfälschte Wesen, deren bloße Existenz eine Beleidigung für das Blut der Drachen darstellt. In ihrer verdrehten Ideologie ist ein Angriff auf die Vishaps kein Gewaltakt – sondern eine Tat der Gerechtigkeit. An jenem Tag stießen die Drachisten auf das Vishapdorf. Und sie zögerten nicht. Wie ein Sturm brachen sie über das Dorf herein. Häuser wurden in Brand gesetzt, das trockene Holz fing sofort Feuer, und binnen Minuten loderten Flammen gen Himmel. Die Schreie der Dorfbewohner hallten zwischen den Bäumen wider, während die Drachisten durch die Straßen jagten, ihre Magie mit einer tödlichen Entschlossenheit nutzend. Nidhogg, noch ein Kind, hatte sich in einem der Häuser versteckt. Doch das Feuer fand ihn. Die Hitze umhüllte ihn, sengend, verschlingend. Rauch brannte in seinen Lungen, die Flammen leckten an seiner Haut, an seinen Schuppen. Der Schmerz war unaussprechlich. In diesen Flammen wurde etwas in ihm geboren – ein Moment, der sich für immer in seine Seele einbrennen sollte. Als das Dorf nur noch verkohlte Ruinen waren, schleppte er sich fort, hinaus in die Wildnis. Er wanderte, halb bewusstlos, in den Norden, wo die brennenden Erinnerungen des Massakers allmählich vom eisigen Hauch der Schneewälder betäubt wurden. Doch die Kälte war gnadenlos. Seine Glieder wurden schwer, sein Atem wurde flach, und schließlich sank er in den Schnee. Der Frost kroch in seine Knochen, sein Körper zitterte. Er spürte, dass der Tod nahe war. Dann hörte er Schritte. Eine Silhouette erschien vor ihm, ein Schatten in der weißen Leere. Ein Mensch. Er kniete sich neben Nidhogg, betrachtete seine geschwärzten Schuppen, seine verbrannten Gliedmaßen. Er sagte nichts. Doch er nahm ihn mit. - ------------------------------------------------------------------------- Während Nidhogg die letzten Stufen des Tempels erklomm, spürte er die Erschöpfung tief in seinen Knochen. Jeder Muskel brannte, sein Körper war schwer, doch nichts davon konnte ihn aufhalten. Hinter sich hörte er immer noch die schrillen Schreie des Kultisten, ein klägliches Echo seines bevorstehenden Todes. Das Knacken von brennendem Fleisch, das Zischen verdampfenden Blutes – eine Symphonie, die Nidhogg mit tiefster Zufriedenheit erfüllte. Er drehte sich noch einmal um und ließ seinen Blick über den zuckenden, verkohlten Körper gleiten. Ein breites Grinsen zog sich über sein Gesicht. Dann wandte er sich ab und betrat den Tempel des Cassiel. Den Tempel des Erzengels, den er von allen am meisten verabscheute. Hier, in diesen Mauern, hatte man Cassiel angebetet, hatte ihn gefeiert, hatte in seinem Namen Gebete gesprochen und Schutz gesucht. Schutz vor ihm. Schutz vor Kaen. Und nun? Nun war es Nidhogg, der diese heiligen Hallen betrat, der sich ihren kalten Mauern entgegenstellte. Nun war es seine Flamme, die über Leben und Glauben entschied. Fast zärtlich ließ er seine Klauen über die Wände am Tempeleingang gleiten. Wo immer seine Fingerspitzen den Stein berührten, züngelten kleine Flammen auf, setzten sich in den alten, trockenen Balken fest, krochen wie lebendige Wesen die Säulen empor. Während das Feuer begann, sich hungrig durch den Tempel zu fressen, erhob er die Stimme. ,,Ich habe so lange auf diesen Moment gewartet" , begann er, seine Worte bebend vor unterdrückter Ekstase. ,,Mein ganzes Leben lang brenne ich schon darauf, es dir heimzahlen zu können. All diese fehlgeleiteten Heiden, die aus Dummheit, Faulheit oder Ignoranz ein falsches Götzenbild wie dich anbeten, werden heute lernen, was es heißt, sich mit einem wahren Gott anzulegen." Er trat tiefer in den Tempel, während die Flammen sich um ihn schlangen, ihn umfingen wie eine glühende Umarmung. ,,Sie werden lernen, was Furcht bedeutet, wenn sie sehen, wie ihr Tempel im Feuer des Großen Kaen aufgeht. Wenn all ihr Glaube, all ihre Überzeugungen, nur noch Asche im Wind sind." Dann sah er sie. Die Statue. Cassiel. Sie ragte vor ihm auf, eine massive Gestalt aus poliertem Stein, makellos, unberührt vom Feuer. Noch. Nidhogg sprang. Mit einem einzigen, kraftvollen Satz landete er auf den Schultern der Statue. Seine Klauen packten den steinernen Kopf, hielten ihn fest, als würde er sich in dessen leblosen Augen spiegeln. ,,Wo ist dein Schutz jetzt, Cassiel?" flüsterte er, ehe er seine Flammen entfesselte. Das Feuer brach aus seinen Händen hervor, ein loderndes Inferno, das sich gnadenlos in den kalten Stein fraß. Zuerst begann er zu schwelen, dann zu bröckeln, dann zu schmelzen. Nidhoggs eigene Schuppen glühten, seine Haut verbrannte, sein Fleisch fraß sich selbst auf. Doch der Schmerz war belanglos. Er war nur ein weiterer Tropfen in dem Ozean seiner Ekstase. Er roch es – das verbrannte Fleisch, das sich mit dem Geruch von geschmolzenem Stein vermischte. Und er genoss es. Als der Kopf der Statue kaum mehr als eine formlose Masse aus geschwärztem Stein war, ließ er los. Mit einem Satz sprang er nach unten, landete sicher auf dem Boden, während hinter ihm die einst makellose Statue in sich zusammenfiel. Seine Brust hob und senkte sich schwer, seine Finger zuckten, als das Feuer langsam verebbte. Dann fiel sein Blick auf etwas. Eine Treppe. Versteckt in den Schatten der Flammen, führten die Stufen weiter hinab, tiefer in das Herz des Tempels. Etwas regte sich in ihm. Ein unbändiger Hunger. Ohne zu zögern setzte er den ersten Schritt nach unten. - ------------------------------------------------------------------------- Der Mann, der Nidhogg aufnahm, war kein gewöhnlicher Mann. Er war ein Priester des Dämonenkults – ein Hüter vergessener Lehren, ein Mann, der an Dinge glaubte, die andere fürchten. Und doch war er wie ein Vater für Nidhogg. Unter seinem Schutz lernte der junge Vishap von den Zehn Erzdämonen. Er sog die Lehren in sich auf, ließ sich von ihnen formen. Doch mit diesem Wissen erwachte in ihm ein innerer Kampf, ein Konflikt, der ihn in zwei Richtungen zog. Da war die eine Seite, die sich nach Geborgenheit sehnte. Die kindliche Seite, die nichts weiter wollte als Ruhe und Frieden. Sie drängte ihn, sich der Erzdämonin Mew zuzuwenden, der Schutzherrin der Völker, der Erzdämonin des Gleichgewichts, die das Leben bewahrte und den Erhalt über die Zerstörung stellte. Doch tief in ihm existierte eine zweite Stimme, eine dunklere, hungrigere Kraft. Sie erinnerte sich an die Flammen, die sein Dorf verschlungen hatten. Sie erinnerte sich an die Gesichter der Drachisten, an ihr grausames Lächeln, als sie metzelten, brannten, zerstörten. Diese Stimme schrie nach Rache. Sie rief nach Feuer. Sie rief nach Kaen, dem Erzdämonen des Feuers, der Zerstörung, der Vergeltung. Lange Zeit war die friedliche Seite stärker. Nidhogg entschied sich, einen rechtschaffenen Weg einzuschlagen. Er verließ das Dorf seines Ziehvaters, ließ die eisige Wildnis hinter sich und zog hinaus in die Welt des Kaiserreichs. Er reiste durch die gewaltigen Metropolen, durch die Kaiserstadt, durch Inhantes und Welldyl. Er wanderte durch fremde Straßen, lauschte den Geschichten unbekannter Kulturen und sah zum ersten Mal die Vielfalt der Welt mit eigenen Augen. Doch am wichtigsten war, was er über jene lernte, die er einst hasste. Er begegnete Dracharen. Nicht fanatischen Drachisten, nicht Mördern und Brandstiftern, sondern Leuten mit stolzen Gesichtern, die nichts mit der Blutideologie ihrer fanatischen Artgenossen gemein hatten. Sie lehnten die Lehren der Drachisten ab. Sie verabscheuten deren Hass. Und Nidhogg verstand. Die Schuld lag nicht in der Blutlinie, nicht in der Herkunft. Es waren die Taten, die den Wert eines Wesens bestimmten. Und so, nach langen Reisen und noch längeren Gedanken, verzieh er. Als er schließlich in das Dorf zurückkehrte, das er einst sein Zuhause genannt hatte, wünschte er, er wäre nie fortgegangen. Nichts war mehr, wie es gewesen war. Es stand in Flammen. Die alte, vertraute Siedlung brannte lichterloh. Auf den Mauern, auf den Türen der Häuser waren Symbole geschmiert, grobe, hastige Zeichnungen, die das allsehende Auge von Cassiel darstellten. Überall Schreie. Schmerzensschreie, Todesrufe, Flehen um Gnade, die ungehört im Chaos verhallten. Ein weiteres Mal sah Nidhogg, wie seine Welt niederbrannte. Er rannte. Durch die Flammen, durch den Rauch, seine Schuppen sengten sich, doch er achtete nicht darauf. Er musste nach Hause. Er stolperte durch die brennende Tür, rief nach seinem Vater – doch es kam keine Antwort. Dann sah er ihn. Sein Körper war nur noch eine schwarze Silhouette. Verkohlt, reglos, ein lebloser Schatten in einem Meer aus Flammen. Nidhogg packte ihn, zog ihn aus den Flammen, versuchte ihn zu retten, doch es war zu spät. Der Körper war kalt, leblos, Asche in seinen Händen. Er sank in den Schnee. Seine Knie gaben nach, seine Schultern sanken herab. Warme Tränen rannen über sein Gesicht und tropften auf die eiskalte Oberfläche des Bodens. Minuten vergingen, dann Stunden, bis er nicht mehr wusste, wie lange er dort saß. Schließlich begann es zu schneien. Flocke für Flocke begrub ihn der Winter unter sich, als würde die Welt selbst versuchen, ihn zu vergessen. Doch tief in ihm geschah etwas. Ein Funke begann sich zu regen. Langsam, aber unaufhaltsam begann er zu wachsen. Er fraß sich durch die Trauer, ließ den Kummer verdampfen, bis nur noch eine brennende Flamme zurückblieb. Dann stand er auf. Seine Augen waren trocken, sein Herz eine glühende Kohle. Er griff nach einem brennenden Ast, zog ihn aus den Trümmern des Hauses, sah auf die flackernde Glut. Mit fester Hand presste er die Flamme gegen seine Brust. Das Zeichen Kaens brannte sich tief in seine Haut. Sofort loderte sein Körper in einer Stichflamme auf. Schmerz explodierte in ihm, heißer als alles, was er je gefühlt hatte. Sein Atem stockte, sein Verstand taumelte unter der Wucht des Feuers, doch er fiel nicht. Und dann hörte er sie. Die Stimme. Allgegenwertig, tief, warm wie die Glut selbst. „Fürchte nicht, mein Kind. Die Flammen deiner Wut und Trauer, lasse sie niemals erlöschen.“ Er schloss die Augen. Und ließ sich vom Feuer verschlingen. - ------------------------------------------------------------------------- Als Nidhogg am Fuße der Treppe ankam, stand er vor einer massiven Holztür. Die Flammen, die sich gierig durch den Tempel fraßen, hatten sie noch nicht erreicht. Doch es war nur eine Frage der Zeit, bis auch dieses letzte Refugium verschlungen werden würde. Die Tür war kunstvoll verziert, ein Werk von Jahrhunderten. In den schweren, dunklen Holzplatten waren Szenen geschnitzt – Engel mit ausgebreiteten Flügeln, himmlische Heerscharen, göttlicher Schutz. Cassiels Zeichen. Ein Symbol des Glaubens, den Nidhogg verachtete. Mit einer langsamen Bewegung legte er seine Klauen auf das Holz. Für einen Moment spielte er mit dem Gedanken, die Tür einfach in Flammen aufgehen zu lassen. Doch dann packte er den Griff und riss sie auf. Er trat hinein. Und erstarrte. Vor ihm kauerten sie – Kinder. Vielleicht ein Dutzend. Zitternd, zusammengekauert in einer Ecke des Raumes. Große, angsterfüllten Augen, flehende Blicke. Einige weinten leise, ihre Körper von Ruß und Asche beschmutzt, während andere ihn mit panischem Entsetzen anstarrten, als könnten sie nicht fassen, was sie sahen. Nidhogg blieb stehen. Seine Klauen zuckten, sein Atem verlangsamte sich. Erinnerungen stiegen in ihm auf. An eine andere Zeit. An seine Kindheit. An seinen Vater. An den friedvollen Glauben, den er einst kannte. Die Lehren Mews, die Lehren der Erhaltung. Das Versprechen von Schutz, von Mitgefühl. Der Wunsch nach Frieden, der ihn einst begleitet hatte. Ein winziges Flackern, ein Funke in der Dunkelheit seiner Seele. Sollte er sie retten? Er beugte sich langsam hinunter, sein Blick fiel auf ein kleines Mädchen, nicht älter als sechs Jahre. Sie saß am Rand der Gruppe, ihr Gesicht war schmutzig, verwaschen von Tränen, ihr dünnes, zitterndes Händchen klammerte sich an den Saum eines älteren Jungen. Doch ihre Augen – ihre Augen waren voller Hoffnung. Als Nidhogg zu sprechen begann, war seine Stimme ungewohnt sanft. "Ich helfe euch. Kommt mit mir, und ihr werdet den morgigen Tag erleben." Die Kinder zuckten zusammen, unsicher, ob sie seinen Worten glauben konnten. Dann löste sich das Mädchen aus der Gruppe, trat zaghaft einen Schritt vor und hob den Blick zu ihm. „Cassiel muss dich geschickt haben,“ flüsterte sie, ihre Stimme kaum hörbar, aber mit einer Überzeugung, die tief in seine Knochen drang. „Ich danke dir.“ Ein einziger Satz. Und mit ihm zerbrach alles. Es war, als hätte sie ihm einen Dolch in die Brust gestoßen. Cassiel. Sie glaubte, dass er ein Werkzeug des Erzengels war. Dass sein Feuer, seine Macht, seine Entscheidung, ihr Leben zu verschonen, Cassiels Wille war. Sein Gesicht erstarrte. Die sanfte Maske fiel. Seine Augen begannen zu glühen. Ohne ein weiteres Wort packte er das Mädchen am Arm. Seine Krallen bohrten sich in ihre zarte Haut, und sofort loderten Flammen aus seinen Fingern. Das Kind schrie. Ihre Schreie waren schrill, panisch, füllten den Raum, während sich die Flammen über sie legten, ihre Kleidung, ihre Haut verschlangen. Sie versuchte, sich loszureißen, doch Nidhogg hielt sie fest, spürte, wie das Fleisch unter seinen Fingern zerfiel. Die anderen Kinder schrien ebenfalls auf, krochen weiter in die Ecke, einige wankten vor Angst, einer begann zu beten. Beten. Zu Cassiel. Etwas in Nidhogg lachte. Ein dunkler, verzerrter Teil von ihm, der sich über die Ironie dieser Situation amüsierte. Während die Kinder verbrannten, schloss er die Augen. Lauschte den Schreien und dem Knistern der Flammen. Er hatte ihnen eine Wahl gelassen. Sie hätten mit ihm gehen können. Sie hätten leben können. Doch sie wollten Cassiels Schutz? Dann sollten sie Cassiel um Schutz anflehen. Die Flammen breiteten sich aus. Der Raum wurde zu einem Gefängnis des Feuers. Die Schreie der Kinder hallten, wurden lauter, drangen durch das steinerne Gewölbe. Nidhogg stand still inmitten des Feuers. Er wartete. Wartete, bis die Schreie verstummten. Wartete, bis das Knistern des Feuers die einzigen Geräusche waren, die blieben. Wartete, bis sich der beißende Geruch von verbranntem Fleisch mit dem Rauch vermischte. Dann drehte er sich um. Seine Schritte waren schwer, aber ruhig, als er sich aus dem brennenden Raum zurückzog. Er schloss die Tür hinter sich, ließ die Flammen hinter diesen Mauern ihren letzten Dienst verrichten. Er sah nicht zurück. Er war noch nicht fertig. - ------------------------------------------------------------------------- In den Jahren nach seiner Geburt in den Flammen wuchs Nidhoggs Macht unaufhaltsam. Sein Feuer brannte heißer, seine Wut loderte tiefer, und schließlich gelang ihm etwas, das nur wenigen Vishap vergönnt war – die vollkommene Drachenverwandlung. Sein Körper wurde zu einem lebenden Inferno, ein Wesen aus Flammen und Zerstörung, eine Verkörperung von Kaens brennender Wut. Doch während seine Kräfte wuchsen, veränderte sich auch sein Hass. Die Dracharen waren längst nicht mehr das Ziel seiner Vergeltung – ihr Platz wurde von einem neuen Feind eingenommen. Cassiel. Sein Zorn richtete sich nun gegen die Erzengel und ihre Anhänger, gegen die selbstgerechten Priester, die blinden Gläubigen, die sich in ihren goldenen Tempeln verkrochen, während sie Verbrechen im Namen ihrer "Gerechtigkeit" begingen. Nidhogg zog durch den kalten Norden, ließ Städte hinter sich in Asche versinken, erschlug jeden Anhänger Cassiels, den er fand und wurde für viele zum schlimmsten Albtraum. Die Flammen des Vishap brannten Dörfer nieder, doch nicht aus wahllosem Hass. Nein, er wählte seine Ziele. Jeder Brand war eine Strafe, jeder tote Priester eine Antwort auf vergangenes Unrecht. Er war überzeugt, dass er Gerechtigkeit übte, dass er die falschen Götzen von ihrem Thron stürzte. Doch für das Kaiserreich war er nur ein Monster – ein wahnsinniger Mörder, eine Bedrohung, die aus der Dunkelheit heraus zuschlug. Das Kaiserreich suchte nach ihm und es fand ihn. Und so begann die Jagd. Söldner, Soldaten, Attentäter – viele versuchten, ihn zu fassen, ihn zu töten. Doch keiner war ihm gewachsen, bis schließlich Nea kam. Nea, eine der Kaiserlichen Kopfgeldjäger, stellte sich ihm entgegen. Ihr Kampf dauerte Stunden, zog sich über brennende Hügel und zugefrorene Flüsse, bis schließlich Nidhogg fiel. Doch sie tötete ihn nicht. Sie ließ ihn leben. Stattdessen wurde er dem Kaiser übergeben – ein Geschenk an den Thron. Und anstatt ihn hinzurichten, entschied sich Kaiser Tavil IV für eine andere Strafe. Er schickte Nidhogg nach Loin de la Peur. Die berüchtigte Gefängnisinsel, verborgen im kalten, endlosen Nordmeer. Ein Ort, an dem die schlimmsten Verbrecher des Kaiserreichs verrotteten, wo das Eis alles verschlang, wo kein Leben jemals wiederkehrte. Der Transport war sicher, die Wachen zahlreich, und doch … Vielleicht war es Zufall. Vielleicht war es Schicksal. Vielleicht war es der Wille Kaens. In Greifen, einem Küstendorf, das als letzte Station vor der Überfahrt nach Loin de la Peur diente, brach ein Feuer aus. Die Flammen rasten durch die engen Straßen, sprangen von Dach zu Dach, verschlangen Holz und Stein gleichermaßen. Der Feuersturm traf den Gefängniswagen. Die Wachen verbrannten. Die Fesseln zerfielen zu Asche. Nidhogg trat aus den Flammen hervor – ungebrochen, unaufhaltsam. Er war frei. Doch diesmal war er vorsichtiger. Er hatte gesehen, wie nah der Tod ihm gekommen war, hatte gelernt, dass rohe Gewalt nicht immer die Antwort war. Also tauchte er in den Schatten ab. Er brannte keine Dörfer mehr nieder – nicht sofort. Er tötete weiterhin jene, die er für schuldig hielt. Doch er tat es stiller, präziser. Er lauerte, beobachtete, schlug erst dann zu, wenn er sicher war. Er wurde zu einem Flüstern im Wind. Und dann, eines Tages… klopfte ein Elf an seine Tür. - ------------------------------------------------------------------------- Nidhogg schritt langsam durch die brennenden Überreste des Tempels, seine Schritte hallten dumpf über dem steinernen Boden, während sich die Flammen um ihn wie ein lebendiges Wesen wanden. Die Hitze war unerträglich, das Holz knisterte, und der Rauch bildete dichte, dunkle Säulen, die zur Decke aufstiegen. Doch all das war für ihn nichts weiter als eine vertraute Umarmung, eine Erinnerung an den Tag, an dem er in den Flammen wiedergeboren wurde. Er drehte sich noch einmal zu den Trümmern hinter ihm um. Dort, wo einst die imposante Statue des Cassiel gestanden hatte, lagen nun nur noch geschwärzte Bruchstücke auf dem Boden verstreut. Das Gesicht des Erzengels war kaum noch zu erkennen, zerschmolzen und entstellt von den Flammen, die ihn verzehrt hatten. Ein Bild der Vergänglichkeit, der Ohnmacht der Engel vor der absoluten Macht des Feuers. Nidhogg ließ seinen Blick über die Ruinen gleiten, sein Brustkorb hob und senkte sich schwer. Dann sprach er, und seine Worte hallten zwischen den brennenden Mauern wider, jedes Wort getränkt in tiefen, jahrzehntelang aufgestauten Hass. „Du warst es, der den Funken gelegt hat, der in mir zu einem Inferno wurde“, sagte er leise, seine Stimme ein Grollen wie glühende Kohlen unter einer dicken Schicht Asche. „Du und deine Diener habt mein Volk abgeschlachtet, meine Heimat in Schutt und Asche gelegt. Du warst es, der meinen Vater sterben ließ. Und jetzt, Cassiel, bist du nichts weiter als ein Haufen geschmolzener Stein.“ Er schwieg für einen Moment, seine Klauen ballten sich zu Fäusten, als ob er das letzte bisschen Leben aus dem Erzengel selbst herausdrücken wollte. „Aber du wirst nicht der Letzte sein.“ Seine Augen loderten auf, spiegelten das Feuer, das um ihn herum tobte. „Jeder von euch wird fallen. Jeder Erzengel. Jeder, der es wagt, sich mir entgegenzustellen. Jeder, der sich weigert, die Reinheit des Infernos anzunehmen und sich stattdessen an falsche Götzen klammert. Ihr werdet alle brennen. Ihr werdet euch wünschen, es ginge schneller.“ Er wandte sich ab. Sein Werk hier war getan. Mit schweren Schritten verließ er den Tempel, und als er ins Freie trat, spürte er die Kälte der Nacht auf seiner verbrannten Haut. Der Kontrast zwischen der eisigen Luft und der Hitze, die noch immer von ihm ausging, war beinahe berauschend. Das brennende Gebäude warf ein unnatürliches, flackerndes Licht auf die Straße, und in seinen Gedanken hörte Nidhogg noch immer das Knistern der Flammen, die die Kinder verschlungen hatten – das süße Geräusch der Vergeltung. Er ging ein paar Schritte, dann sank er auf ein Knie. Der Schweiß auf seinen Schuppen verdampfte augenblicklich in der Hitze, seine Brust hob und senkte sich schwer. Dann sah er es. Eine Silhouette im Feuer. Kaen. Nur für einen Moment. Ein Dämon aus Flammen, eine Erscheinung in den tanzenden Lichtern des brennenden Tempels. Doch es war genug. Tränen rannen über seine geschwärzte Haut. Tränen aus Lava, aus Glut, Tränen, die verdampften, kaum dass sie seine Augen verließen. Doch sie waren echt. Zum ersten Mal seit langer Zeit spürte er Frieden. Er senkte den Kopf, legte die Hände auf den Boden und begann zu beten. „Oh, großer Kaen, Meister der Flammen, Herr des allesverschlingenden Feuers…“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch es war voller Inbrunst, ein rohes, ungefiltertes Bekenntnis. „Ich bringe dir diese Opfergabe, ein Tempel deines Feindes, zurückgegeben an die Flammen, die ihn einst formten. Doch dies ist erst der Anfang. Ich werde nicht ruhen, bis jeder dieser falschen Heiligen in Asche zerfallen ist. Bis ihre Namen vergessen sind, bis ihre Tempel Staub und ihre Anhänger entweder tot oder auf Knien sind, bettelnd um den gnädigen Feuertod.“ Er spürte die Hitze in seiner Brust anschwellen, als seine Gebete lauter wurden. „Mein Blut ist Lava. Mein Herz ein wütendes Inferno. Und wo immer ich gehe, bleibt nichts als Glut und Rauch zurück. Dein Wille ist mein Wille, Kaen! Deine Flammen sind mein Pfad! Gepriesen sei dein Name, oh großes ewiges Feuer!“ Die Welt um ihn herum schien für einen Moment stillzustehen. Dann… ein Geräusch. Hinter ihm. Eine Stimme, lässig und voller amüsierter Überheblichkeit. [???] „Das ist aber mal ein Empfang. Ich muss mich bei dir bedanken, du hast mir mit deiner Tat noch mehr Ruhm ermöglicht.“ Langsam drehte Nidhogg den Kopf. Seine Augen blitzten auf. Wer wagte es, diesen Moment zu stören?
- Kapitel 115 - Hass auf die Heimat
Die ersten Sonnenstrahlen fielen durch das kleine, salzverkrustete Fenster der Salzigen Schenke , der Taverne, in der Leyla untergekommen war. Das sanfte Licht tanzte auf den rauen Holzdielen, während das entfernte Rauschen der Wellen und die ersten geschäftigen Stimmen aus dem Hafenviertel den Morgen ankündigten. Leyla drehte sich in ihrem Bett um und zog die dünne Decke enger um sich. Sie hatte nicht gut geschlafen. Ihre Gedanken hatten wie ein undurchdringlicher Nebel über ihr gehangen, schwer und bedrückend. Der Krieg rückte näher. Sie hatte den Stein und die damit verbundene Macht akzeptiert. Sie hatte beschlossen, nicht in der Vergangenheit zu verweilen, nicht an dem zu zerbrechen, was sie längst nicht mehr ändern konnte. Stattdessen hatte sie sich geschworen, stärker zu werden. Kontrollierter. Rationaler. Und Opfer zu vermeiden. Doch war das überhaupt möglich? „Wie soll ich in einem Krieg Opfer vermeiden?“ murmelte sie in die Stille des Zimmers, ihre Stimme rau vom Schlaf. Was, wenn die Händler sich weigerten zu kapitulieren? Würde sie sie dann mit Gewalt zwingen müssen? Und selbst wenn – was, wenn der Krieg dann trotzdem weiterging? Wie viele Unschuldige würden sterben müssen, ehe es vorbei war? Langsam setzte sie sich auf, rieb sich mit einer Hand über das Gesicht und atmete tief durch. Der salzige Duft des Meeres drang durch das offene Fenster, vermischt mit dem fernen Aroma von frisch gebackenem Brot und dem leichten Gestank nach Fisch und Teer. Sie stand auf, trat ans Fenster und ließ ihren Blick über die Hafenstadt und das weite, schimmernde Blau des Ozeans gleiten. Die Handelsrouten waren bereits erwacht. Segelschiffe mit vollen Laderäumen verließen den Hafen, steuerten gen Norden, zu den wohlhabenden Märkten der kaiserlichen Städte. Ihre weißen Segel flatterten im Wind, eine perfekte Harmonie aus Ordnung und Zweckmäßigkeit. Dann entdeckte sie ein weiteres Schiff. Ein Kriegsschiff. Ihr Blick verengte sich. Zwischen den friedlichen Handelsschiffen segelten andere Schiffe – größer, massiver. Schwarzgraue Rümpfe, mit verstärktem Bug, und magischen Kanonen an den Seiten, die bedrohlich im Morgenlicht glänzten. Eines. Dann noch eines. Und dann noch viele mehr. Kriegsschiffe. Die See war nicht so unbewacht, wie sie es gehofft hatte. Wenn die Schlachten auf dem Wasser entschieden wurden, würde dieser Krieg weitaus schwieriger werden, als sie angenommen hatte. „Vielleicht wird es doch nicht so einfach…“ murmelte sie leise und legte eine Hand auf das kalte Fensterglas. Der Krieg war nicht mehr nur ein Schatten am Horizont. Er war bereits auf den Tabakinseln angekommen. Leyla drehte sich schließlich um und begann, sich anzuziehen. Sie musste ihren Kopf frei bekommen. Grübeln würde ihr nicht weiterhelfen. Sie brauchte einen Plan. -------------------------------------------------------------------------- „Kannst du mir sagen, wie ich zur Kaifeng-Kampfschule komme?“ Leyla hatte mittlerweile gefrühstückt und war hinunter zum Hafen gegangen. Die salzige Luft war erfüllt vom geschäftigen Treiben der Seeleute, die Waren entluden, Netze flickten oder sich lautstark über den Kurs der kommenden Schiffe stritten. Der Geruch von Fisch, Teer und feuchtem Holz hing schwer in der Luft. Hier, zwischen den geschäftigen Gestalten, hatte sie schließlich einen Seefahrer angesprochen – einen wettergegerbten Mann mit tiefen Falten um die Augen, einem grauen Bart und kräftigen Armen, die von harter Arbeit gezeichnet waren. Er blinzelte sie an, bevor er mit rauer, kehliger Stimme antwortete. „Die K’feng-Kampfschule? Die fin’st du beim Kristallturm.“ Seine Stimme war tief, seine Worte von einem Dialekt durchzogen, bei dem Leyla einen Moment brauchte, um ihn vollständig zu verstehen. „Der Kristallturm?“ fragte sie nach, ihre Stirn leicht gerunzelt. Der Seemann nickte und deutete mit einem kurzen Ruck seines Kopfes in Richtung der Hügel, die vor dem Kilassahara lagen. „Ja. Wenn du den Wech in Richtung Berch nimmst, fin’st du ihn bald. Bist nech von hie, wa?“ Seine Augen musterten sie prüfend. „Nein, ich komme aus dem Kaiserreich.“ Kaum hatte sie die Worte ausgesprochen, verdüsterte sich sein Gesicht. Sein zuvor freundlicher, wenn auch distanzierter Blick wurde kalt, seine Kiefer mahlten für einen kurzen Moment, als würde er seine Gedanken zurückhalten müssen. Dann, ohne ein weiteres Wort, wandte er sich um und ging. Leyla blieb stehen, betrachtete seinen Rücken, der im Gedränge der Hafenarbeiter verschwand. „Ich kann es ihm nicht verübeln…“ murmelte sie leise. Das Kaiserreich war für viele kein Zeichen von Ordnung oder Wohlstand, sondern von Unterdrückung und blutigem Ehrgeiz. Für sie selbst war es lange einfach nur Heimat gewesen. Doch für die Bewohner hier? Sie schüttelte den Gedanken ab und konzentrierte sich auf das Wesentliche. Nun wusste sie, wohin sie musste. Mit zügigen Schritten folgte sie dem ihr beschriebenen Weg. Die belebten Straßen von Tripolis’ Innenstadt lagen bald hinter ihr, die Geräusche des Hafens wurden leiser. Der Wind frischte auf, brachte den Duft von feuchter Erde und wilden Kräutern mit sich. Dann sah sie ihn. Den Leuchtturm. Er ragte hoch über die Stadt, ein stolzer Turm, dessen Spitze in der Sonne funkelte. Doch das Besondere an ihm war nicht seine Höhe oder seine Form – sondern das, was ihn umgab. Anstelle von gewöhnlichem Glas umgab ein grüner Kristall das Leuchtfeuer an seiner Spitze. Er fing das Licht ein und verwandelten es in ein smaragdfarbenes Schillern000000000000000000000, der sich sanft über die Landschaft legte. Leyla blieb kurz stehen und betrachtete das Schauspiel. Eine seltsame Ruhe lag auf diesem Ort. Als sie sich schließlich weiter umsah, fiel ihr Blick auf ein hölzernes Schild, das am Wegesrand stand. Die Schrift war einfach, aber deutlich. ,,Kaifeng-Kampfschule’’ -------------------------------------------------------------------------- Die Kaifeng-Kampfschule hob sich deutlich von den anderen Gebäuden der Stadt ab. Während der Großteil der Häuser in Tripolis entweder aus massivem Tropenholz oder sonnengebleichtem Sandstein errichtet war, bestand die Kampfschule aus geschichtetem Bambus. Die Wände wirkten auf den ersten Blick fragil, doch Leyla erkannte schnell, dass sie mit außergewöhnlicher Präzision und Stabilität bearbeitet worden waren. Der Garten war eine Oase der Ruhe. Kleine, gepflegte Teiche lagen verstreut auf dem Gelände, in deren klarem Wasser schillernde Fische in ruhigen Bahnen schwammen. Die Blumen und Sträucher, die den Garten säumten, waren fremdartig – keine Pflanzen aus dem Kaiserreich, doch auch keine, die Leyla von den Tabakinseln kannte. Ihre Blätter waren ungewöhnlich geformt, ihre Blüten leuchteten in satten Farben, die sie noch nie zuvor gesehen hatte. Sie betrat den Kiesweg, der zum Eingang der Schule führte. Anstelle einer massiven Tür hing nur ein leichter Vorhang aus feinem Stoff vor dem Eingang, sanft im Wind schwingend. Sie hob ihn mit einer Hand an und spähte vorsichtig ins Innere. Ihr Blick blieb sofort an einer Gestalt haften. „Ein Merid?“ murmelte sie überrascht. Mitten im Raum stand ein Merid, sein Körper schlank. In den Händen hielt er ein Schwert, dessen Klinge von einer dünnen, flüssigen Schicht aus Wasser umgeben war. Leyla beobachtete ihn einen Moment lang. Wozu das diente, konnte sie nicht einschätzen. War es eine Art Magieverstärkung? Ein Schutz für die Klinge? Oder eine Technik, die ihre Wirkung erst im Kampf entfaltete? Ohne ein weiteres Zögern betrat sie den Raum und ließ sich mit gekreuzten Beinen auf eine der Matten am Boden sinken. Sie beobachtete den Merid weiter, ließ ihm Zeit, sein Training zu beenden, bevor sie schließlich das Wort ergriff. „Hey, ich bin Leyla. Ein… Bekannter hat mir geraten, hierherzukommen. Gehört die Schule dir?“ Der Merid drehte sich zu ihr um, und sie nahm sich einen Moment, um sein Gesicht zu mustern. Seine großen, wässrigen Augen waren unübersehbar, seine Gesichtszüge leicht asymmetrisch, und als er den Mund öffnete, fielen ihr sofort seine schiefen Zähne auf. „Nein, tut sie nicht,“ antwortete er mit einem leichten Lispeln, das seinen ohnehin markanten Ausdruck unterstrich. „Derjenige, der die Schule erbaut hat, ist schon lange tot. Es steht Kämpfern frei, hier zu trainieren. Die Kampfschule gehört der Stadtverwaltung von Tripolis.“ Seine Stimme war nicht feindselig, aber distanziert. Kein Interesse an höflichem Geplänkel, kein unnötiger Respekt. Das Wasser um sein Schwert verschwand und er steckte die Waffe mit geübter Ruhe weg. Dann drehte er sich um, bereit zu gehen. Doch Leyla wollte ihn nicht einfach ziehen lassen. Vielleicht war er die Gelegenheit, die sie brauchte. „Ich habe gehört, dass es einen Tunnel gibt, der direkt in den Palast von König Nereus führt“, sagte sie, ihre Stimme ruhig, aber bestimmend. „Kannst du mir helfen, eine Erlaubnis zu erhalten?“ Der Merid erstarrte mitten in der Bewegung. Langsam drehte er sich zu ihr um. Seine großen Augen fixierten sie, in ihnen ein Funkeln, das irgendwo zwischen Zorn und Abscheu lag. „Warum glaubst du, dass ich dir helfen könnte?“ Seine Stimme war nun kälter, sein Blick durchdringender. „Nun, du bist ein Merid,“ begann Leyla vorsichtig, „deswegen dachte…“ „Ja, falsch gedacht.“ Seine Worte scharf wie eine Klinge. „Nur damit du es weißt.“ Seine Finger ballten sich zur Faust. „Ich hasse Mylrie!“ Die letzten Worte ließ er mit scharfem Nachdruck in den Raum fallen, als wäre allein die Erwähnung der Stadt eine Beleidigung. Leyla sagte nichts. -------------------------------------------------------------------------- „Also Leyla, tu mir einen Gefallen und lass mich in Ruhe!“ Seine Stimme klang gereizt, seine Haltung spannte sich an, als wäre jede weitere Sekunde dieses Gesprächs eine Zumutung für ihn. Für einen Moment wusste Leyla nicht, wie sie reagieren sollte. Doch anstatt sich zurückzuziehen, trat sie einen Schritt näher und stellte sich ihm direkt gegenüber. Ihr Blick blieb ruhig, doch sie spürte die unterschwellige Spannung in der Luft. „Nun, es tut mir leid, dass ich das angenommen hatte.“ Ihre Stimme blieb fest, aber nicht herausfordernd. „Darf ich wenigstens fragen, warum du Mylrie hasst?“ Der Merid funkelte sie an, seine Kiefer mahlten, als würde er sich das nächste Wort genau überlegen. Sie konnte sehen, dass er mit sich rang – ob er einfach gehen oder sich doch auf dieses Gespräch einlassen sollte. Schließlich entschied er sich. „Die Stadt ist das letzte.“ Seine Stimme triefte vor Verachtung. „Glaub mir, dort zu leben ist ein Albtraum. Der König behält alles für sich selbst. Und die Armen? Die fressen sich gegenseitig auf!“ Seine Finger ballten sich zu Fäusten, während er weitersprach. „Es wäre für alle am Besten, wenn Mylrie untergeht.“ Leyla musterte ihn nachdenklich. Das war ein völlig anderes Bild, als das, was sie bisher über Mylrie gehört hatte. In den Erzählungen, die sie kannte, war die Stadt ein Paradies gewesen – ein Ort des Reichtums, des Friedens und der fortschrittlichsten Wassermagie. Ein Wunder inmitten des Ozeans. Doch dieser Mann, ein Merid, jemand, der dort gelebt haben musste, sprach mit reinem Hass über diesen Ort. Diese neue Erkenntnis machte ihre Entscheidung jedoch nur einfacher. Der Runenstein, das Artefakt, das die Stadt vor den Monstern der tiefen Gewässer schützte, lag in Mylrie. Sobald sie ihn in ihren Besitz brachte, würde Mylrie fallen. Die Stadt würde von den Monstern des Meeres verschlungen werden. Und wenn sie wirklich so verkommen war, wie der Merid es behauptete, dann war das vielleicht nichts weiter als ein unausweichliches Ende. Ein Schicksal, das sich Mylrie selbst zugezogen hatte. „Da hast du nichts zu sagen, wa’?“ Der Merid wurde aufgrund ihres Schweigens zusehends wütender. Seine Augen blitzten, als er Leyla scharf musterte. „Du würdest dich also freuen, wenn Mylrie fallen würde?“ fragte sie langsam, mit bedachtem Ton. Sie wollte es genau wissen. Er zögerte keine Sekunde. „Ja!“ schrie er, die Stimme von reiner Emotion getränkt. Leyla ließ einen Moment verstreichen, ließ ihn in seiner Wut stehen. Dann setzte sie ein ruhiges, beinahe kühles Lächeln auf. „Nun, dann haben wir ein gemeinsames Ziel.“ Sie richtete sich auf, ihre Haltung strahlte absolute Entschlossenheit aus. „Ich stelle mich noch einmal vor: Ich bin Leyla, zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Ihre nächsten Worte ließ sie bewusst langsam fallen, damit jedes einzelne Gewicht hatte. „Und ich werde Mylrie zerstören.“ -------------------------------------------------------------------------- Sandyr stand einfach nur da. Hatte er sich verhört? Eine Kaiserliche Kopfgeldjägerin? Und noch dazu eine, die Mylrie zerstören wollte? War das die Gelegenheit, auf die er so lange gewartet hatte? Seine Augen verengten sich, als er die Frau vor sich genauer musterte. Ihr tiefblaues Haar fiel ihr bis zu den Schultern, ihre Haltung war aufrecht, voller Selbstsicherheit. Er suchte nach Unsicherheiten, nach dem kleinsten Anzeichen von Täuschung – einem nervösen Zucken, einem unruhigen Blick. Doch da war nichts. „Wie genau willst du die Stadt zerstören? Und warum?“ fragte er schließlich, seine Stimme klang ruhig, doch in seinem Inneren tobten die Fragen. Die Frau zögerte. Es war nur ein kurzes Zögern, kaum wahrnehmbar – aber es war da. Sandyr erkannte, dass sie ihm nicht die ganze Wahrheit sagen wollte. Er schnaubte leise. Gerade als er sich abwenden und das Gespräch beenden wollte, bereit, in die nächste Taverne zu gehen und die Erinnerung daran im Alkohol zu ertränken, begann sie plötzlich zu sprechen. „Es gibt in Mylrie ein besonderes… Artefakt.“ Ihre Stimme war ruhig, doch er hörte die unterschwellige Spannung darin. „Dieses Artefakt gehört zu mir, und ich werde es mir holen. Sobald es nicht mehr in Mylrie ist, wird die Barriere, die die Stadt vor den Monstern des Ozeans schützt, verschwinden.“ Ein Artefakt? Sandyr runzelte die Stirn. So hatte er nie über die Barriere nachgedacht. Er hatte sie immer als gegeben betrachtet – ein ewiges, unerschütterliches Schutzschild, das die Stadt umgab, seit er denken konnte. Doch jetzt, wo er darüber nachdachte… Es ergab Sinn. Jemand, oder etwas, musste diese Barriere erschaffen haben. Und das, was auch immer es war, musste sie erhalten. Und wenn das wirklich von einem Artefakt abhing… dann war Mylries Schicksal an einen einzigen Gegenstand gebunden. Er spürte, wie sich sein Puls beschleunigte. Das hier könnte seine Chance sein. Die Gelegenheit, endlich Rache zu nehmen. Langsam formte sich ein grimmiges Lächeln auf seinen Lippen. „Wollen wir zusammen arbeiten?“ fragte er schließlich, seine Stimme klang ernster als zuvor. Leyla erwiderte sein Lächeln mit einer kühlen Zufriedenheit. „Gerne“, sagte sie, und es war keine leere Floskel. Sie meinte es ernst. „Ich würde das Ganze gerne schnell hinter mich bringen.“ Sandyr nickte zufrieden. ,,Dann machen wir das so. Mein Name ist übrigens Sandyr.’’
- Kapitel 114 - Der Händler von Tripolis
Es war ein warmer Sommertag in Tripolis, und die Stadt pulsierte im Rhythmus des Meeres. Der salzige Duft der Wellen lag in der Luft, getragen von sanften, warmen Winden, die über die geschäftigen Straßen strichen. Die Geräusche des Hafens vermischten sich mit dem Stimmengewirr der Händler, die lautstark ihre Waren anpriesen, und dem gelegentlichen Lachen von Matrosen, die von ihren Schiffen in die Tavernen strömten. Überall war Bewegung. Karren rollten über das Pflaster, beladen mit frischem Fisch, exotischen Gewürzen und bunten Stoffen, während Kunden feilschten und Geschäfte abschlossen. Ein paar Straßen weiter, in einem von Zitronenbäumen gesäumten Garten, tobten spielende Kinder herum, ihre unbeschwerte Freude ein Kontrast zum geschäftigen Treiben der Erwachsenen. Plötzlich erstarrte eines der Kinder mitten im Spiel. Seine Augen wurden groß, und mit ausgestrecktem Finger deutete es aufgeregt in den Himmel. „Da oben! Da fällt etwas!“ Die anderen hielten inne, drehten sich ruckartig um und folgten dem ausgestreckten Arm ihres Freundes. „Was ist das?“ fragte eines von ihnen, die Stirn gerunzelt. „Ich glaube… das ist ein Mensch“, flüsterte ein anderes, ungläubig. „Mama, guck mal!“ rief ein kleiner Junge mit heller Stimme. „Da fällt eine Frau vom Himmel!“ Neugier und eine Spur Besorgnis spiegelten sich in den Gesichtern der Kinder, als sie den sinkenden Schatten beobachteten, der sich rasend schnell der Erde näherte. Die Mutter, die gerade mit einem Korb voller Granatäpfel aus dem Haus trat, folgte dem Finger ihres Sohnes. Ihre Augen suchten den Himmel ab, verengten sich gegen das helle Sonnenlicht, während sie versuchte, die fallende Gestalt zu erkennen. Doch bevor sie ausmachen konnte, wer oder was dort herabstürzte, verschwand die Silhouette hinter den Dächern der Stadt. —KWAMM— Ein gewaltiger Knall erschütterte den Garten. Ein plötzlicher Luftstoß raste durch die Gassen, ließ Staub aufwirbeln und fegte durch die Wäsche, die zwischen den Häusern zum Trocknen hing. Die Zitronenbäume erzitterten, einige Blätter wurden losgerissen und segelten träge zu Boden. - ------------------------------------------------------------------------- Begeistert schritt Leyla durch die Straßen von Tripolis. Noch nie war sie so weit im Süden gewesen. Genau genommen hatte sie das Kaiserreich noch nie zuvor verlassen. Die exotische Welt um sie herum war faszinierend – die tropischen Palmen, deren breite Blätter sanft im warmen Wind raschelten, die leuchtenden Früchte, die an den Bäumen hingen, reif und süß duftend. Selbst die Luft war anders. Sie schmeckte nach Salz und Sonne, nach Gewürzen und Meer. Nach Leben. Alles wirkte lebendig, farbenfroh, voller Energie. Und doch nagte in ihrem Inneren eine unangenehme Regung. Trauer. Ein Hauch von Schuld. Denn sie war nicht hier, um diese Schönheit zu genießen. Nicht, um sich der Magie dieses Ortes hinzugeben. Sie war hier, um einen Krieg vorzubereiten. Einen Angriffskrieg gegen eben diesen friedlichen Ort. Ihr Herz fühlte sich schwer an, als sie daran dachte. Natürlich hoffte sie, dass es mit so wenigen Opfern wie möglich ablaufen würde. Ein sauberer Sieg. Ein schnelles Ende. Doch sie wusste, wie selten Kriege so verliefen, wie naiv es war, auf Schonung und Mäßigung zu hoffen. Am liebsten hätte sie darauf verzichtet, hätte den Inseln ihre Freiheit gelassen. Doch gegen die geballte Macht des Kaiserreichs hatten sie keine wirkliche Chance. Es war kein Kampf, den sie gewinnen konnten. Ihre Augen wanderten über die Silhouetten der Stadt, bis ihr Blick an einem Gebäude hängen blieb. Der Magieturm. Majestätisch ragte er über Tripolis empor, sein heller Stein schimmerte im Licht der tiefstehenden Sonne. Hier lebten und arbeiteten die sieben mächtigsten Magier der Tabakinseln. Und ihr Auftrag war es, sie aus dem Weg zu räumen. Doch wie? Leyla presste die Lippen aufeinander. Natürlich könnte sie den gesamten Turm zum Einsturz bringen. Eine Geste roher, unmissverständlicher Gewalt. Doch wenn sie sich für diesen Weg entschied, würden Unschuldige sterben – Menschen, die nichts mit der Magie, nichts mit dem Konflikt zu tun hatten. Und wenn es eine Sache gab, die sie vermeiden wollte, dann war es unnötiges Blutvergießen. Also musste sie eine andere Lösung finden. Doch nicht heute. Heute hatte sie andere Prioritäten. Zuerst musste sie eine Unterkunft finden. Sie griff nach der kleinen Ledertasche an ihrem Gürtel und spürte das vertraute Klimpern der Münzen, die Eroica ihr mitgegeben hatte. Es war ein seltsames Gefühl. Zum ersten Mal seit über einem halben Jahr trug sie wieder Geld bei sich. Im Kaiserreich hatte sie nie welches gebraucht. Das Medaillon der Kaiserlichen Kopfgeldjäger reichte aus – mit diesem Abzeichen konnte sie jede Dienstleistung in Anspruch nehmen, ohne je eine einzige Münze zu zahlen. Doch hier, in Tripolis, war sie nur eine Reisende mit einer gut gefüllten Tasche. Von den Engelstempeln, von denen sie gelesen hatte, gab es hier keine. Keine Spur von den Erzengeln, kein Anzeichen für gläubige Bürger. ,,Hmm, wahrscheinlich ist das Buch nichts als ein Relikt der Vergangenheit. “ Während sie weiterging, änderte sich das Stadtbild. Die geschäftigen Straßen mit ihren bunten Marktständen und Tavernen lagen nun hinter ihr. Sie war in ein ruhigeres Viertel gelangt, ins Zentrum der Stadt. Hier standen prachtvolle Villen, von hohen Mauern umgeben, mit großzügigen Gärten, in denen exotische Blumen in leuchtenden Farben blühten. Der Duft von Jasmin und Sandelholz lag in der Luft, ein sanfter Kontrast zum Trubel des Marktes. Hier würde sie sicher keine Taverne finden. Gerade als sie sich wieder umdrehen wollte, ertönte eine Stimme hinter ihr. [???] „Kaiserliche Kopfgeldjägerin Leyla. Dürfte ich Euch zu einem Essen einladen?“ - ------------------------------------------------------------------------- Leyla hielt inne. Ihre Schultern spannten sich leicht an, ein instinktiver Reflex, den sie nicht unterdrücken konnte. Doch sie ließ sich nichts anmerken, drehte sich langsam um und musterte den Mann, der sie angesprochen hatte. Er wusste genau, wer sie war. Das bedeutete, dass dies entweder eine freundliche Einladung war – oder der Auftakt zu etwas, das viel mehr war als ein bloßes Abendessen. Vor ihr stand ein Mann von beeindruckender Statur. Seine Kleidung war aus feinster weißer Seide, mit kunstvollen Stickereien, die seinen Reichtum unverhohlen zur Schau stellten. Er war kräftig gebaut, mit breiten Schultern und einer selbstbewussten Haltung, die ihn größer wirken ließ, als er tatsächlich war. Sein schwarzer Vollbart war gepflegt, sein kurzes, graues Haar wild. Die Art, wie er sie ansah – ruhig, selbstsicher, mit einem Hauch von Belustigung – verriet, dass er jemand war, der an Einfluss gewöhnt war. Mächtig. Wichtig. Jemand, der gewohnt war, dass andere ihm zuhörten. Leylas Blick verengte sich leicht. „Wer seid Ihr?“ fragte sie kühl, ihr Tonfall ruhig, aber wachsam. Der Mann lachte, ein warmes, aber kalkuliertes Lachen. „Ich bin Yanis Marghri.“ Er machte eine ausladende Geste mit der Hand, als ob allein sein Name genügen sollte. „Mir gehört die Marghrigruppe, eine der vier führenden Handelsgesellschaften auf den Tabakinseln.“ Leyla ließ sich seine Worte durch den Kopf gehen. Sie hatte von den Handelsgesellschaften gehört. Sie beherrschten die Wirtschaft der Inseln, kontrollierten die Warenströme und waren die wahren Herrscher der Tabakinseln. Wenn dieser Mann ihr mit einer Einladung entgegenkam, dann hatte er einen Plan. ,,Und was wollt ihr von mir?’’ Yanis lächelte, trat einen Schritt näher und musterte sie mit prüfendem Blick. „Nun“, begann er langsam, als würde er jedes Wort auf die Goldwaage legen, „neben der angenehmen Gesellschaft einer schönen Frau gibt es natürlich auch Geschäftliches zu besprechen.“ Seine Stimme hatte einen sanften, fast charmanten Klang, doch Leyla ließ sich nicht täuschen. Männer wie er spielten das Spiel mit Worten ebenso gut wie mit Reichtum. Dann legte er ihr eine Hand auf die Schulter. Ein harter, kräftiger Griff – nicht unangenehm, aber spürbar. Ein Statement. „Wir sind hier direkt bei meinem Anwesen“, fügte er mit einem zufriedenen Lächeln hinzu. Leyla überlegte nur kurz. Das hier könnte eine einmalige Gelegenheit sein. Schließlich war es nicht nur ihre Aufgabe, die Großmagi auszuschalten – sie musste auch die Händler davon überzeugen, die Kapitulation anzunehmen. Ihr Blick blieb für einen Moment auf Yanis haften. Dann nickte sie knapp. „Gut“, sagte sie ruhig. „Reden wir.“ Kurz, bestimmt, ohne Zögern. Sie würde sich von diesem Mann nicht einschüchtern lassen. - ------------------------------------------------------------------------- Auf dem prachtvollen Tropenholztisch war ein wahres Festmahl angerichtet. Krabbenbeine, umhüllt von einer dunkel schimmernden, würzigen Soße, dampfende Fischgerichte, Muscheln, die in aromatischen Kräutern gegart wurden, und saftiges, gewürztes Fleisch, das mit exotischen Beilagen serviert wurde. Dazwischen lagen Früchte in leuchtenden Farben – einige erkannte Leyla, doch viele waren ihr völlig fremd. Der süßlich Duft der Speisen vermischte sich mit dem sanften Rauch der Öllampen, die den Raum in warmes Licht tauchten. Sie begann zu essen, während ihr Blick auf Yanis ruhte. Er saß ihr gegenüber, entspannt zurückgelehnt, ein breites, zufriedenes Lächeln auf seinem Gesicht. „Also, was möchtest du von mir?‘‘ fragte sie direkt. Sie hatte sich entschieden, auf die höfliche Sprechweise zu verzichten. Förmliche Titel waren auf den Tabakinseln nicht üblich – hier sprach man Klartext. Yanis lehnte sich leicht nach vorne, sein Lächeln wurde schärfer. „Nun, ich würde gerne wissen, was eine Auftragsmörderin des Kaisers in unserer schönen Tropenstadt zu suchen hat. Gewiss ist es nicht nur Euer Ziel, unsere Märkte zu begutachten, oder?‘‘ Seine dunklen Augen fixierten sie. Nicht herausfordernd, aber aufmerksam. Berechnend. Leyla kaute langsam, ihre Gedanken arbeiteten. Was sollte sie ihm erzählen? Dass sie einen Krieg vorbereitete? Dass sie sich nur ein Bild von der Stadt machen wollte? Beides würde zu viele Fragen aufwerfen. Stattdessen entschied sie sich für die dritte Option. „Ich suche etwas in Mylrie. Du weißt nicht zufällig, wie ich dorthin gelangen könnte?‘‘ Yanis hob überrascht eine Augenbraue. „Mylrie? Was könnte eine Frau wie du in der Stadt der Meriden zu suchen haben?‘‘ Leyla nahm einen Schluck von dem tiefroten Wein. Sein kräftiger Geschmack brannte angenehm in ihrer Kehle. Dann setzte sie das Glas mit einem leichten Klirren ab und antwortete fest: „Beantworte meine Frage. Was ich dort suche, geht dich nichts an.‘‘ Yanis hob beschwichtigend die Hände, sein Lächeln blieb gelassen. „Nun, es gibt tatsächlich eine Möglichkeit. Es existiert ein Tunnel, der Tripolis direkt mit dem Palast des Königs verbindet. Eine praktische Abkürzung, allerdings nur für einige wenige Auserwählte zugänglich. Man benötigt eine persönliche Einladung von König Nereus.‘‘ Leyla überlegte. Sie hatte in Betracht gezogen, mit Gewalt in die Stadt einzudringen, doch die Vorstellung, sich unter Wasser auf ihre Erdmagie verlassen zu müssen, war riskant. Sie wusste nicht, wie stark ihre Kräfte dort sein würden – und ein Fehler konnte in dieser Umgebung tödlich sein. „Und wie gelange ich an eine Einladung?‘‘ Yanis schüttelte langsam den Kopf. „Momentan gar nicht. Die Meriden haben sich abgeschottet. Sie empfangen keine Besucher.‘‘ Leyla runzelte leicht die Stirn. ,,Ich verstehe.’’ Ohne weiter nachzufragen stand sie auf, ließ ihren Blick noch einmal über den Tisch wandern, dann sah sie Yanis an. „Ich würde mich dann verabschieden. Vielen Dank für das Essen.‘‘ Yanis erhob sich ebenfalls, sein Blick auf ihr ruhend, als wolle er sie einschätzen. „Nun, ich hatte mir etwas mehr von diesem Gespräch erhofft, aber für den ersten Abend soll es mir genügen.‘‘ Er trat neben sie und machte eine einladende Geste. „Ich begleite dich zur Tür.‘‘ Gemeinsam schritten sie durch die großen Türen hinaus in den Garten. Der Duft von Blüten lag schwer in der Luft, vermischt mit dem entfernten Salz des Meeres. Die warme Nacht war erfüllt von den Geräuschen tropischer Insekten, das leise Zirpen und Rascheln zwischen den Blättern unterstrich die trügerische Ruhe dieses Ortes. Dann, aus dem Halbdunkel, tauchte eine Gestalt auf. Ein Mann kam ihnen entgegen. Seine Schritte waren ruhig, kontrolliert – doch in der Art, wie er sich bewegte, lag eine Selbstsicherheit, die Leylas Aufmerksamkeit sofort erregte. Yanis verlangsamte seinen Schritt. „Ah“, sagte er lächelnd. „Da kommt jemand, den du vielleicht kennenlernen solltest.‘‘ - ------------------------------------------------------------------------- Der Mann, der auf sie zukam, hatte lange, tiefrote Haare, die im sanften Licht der Öllampen schimmerten. Sein schwarzer Mantel, schwer und verziert mit dezenten, magischen Symbolen, wehte leicht im lauen Nachtwind. Leyla musste ihn nicht lange mustern, um zu erkennen, was er war. Ein Magier. Ein mächtiger noch dazu. Es lag in seiner Haltung – in der Art, wie er sich bewegte, mit einer selbstverständlichen Eleganz und der Gelassenheit eines Mannes, der wusste, dass er in jedem Raum, den er betrat, Macht ausstrahlte. Yanis lächelte und legte ihm beiläufig eine Hand auf den Arm. „Darf ich dir Miguel Atrasa vorstellen?“ sagte er mit der lässigen Selbstverständlichkeit eines Gastgebers, der stolz seine wertvollste Errungenschaft präsentierte. „Er ist der Großmagus des Feuerturms.“ Dann zog er Miguel an sich heran und küsste ihn. Die Geste war vertraut, besitzergreifend und doch voller Zuneigung. Miguel erwiderte den Kuss mit einem sanften Lächeln, bevor er sich mit ruhiger Neugier zu Leyla wandte. „Freut mich“, sagte er, sein Ton höflich, aber durchdrungen von ehrlichem Interesse. „Darf ich erfahren, mit wem ich die Ehre habe?“ Leyla musterte ihn für einen Moment, ihre Augen scharf, abwägend. Dann antwortete sie, ruhig und direkt. „Mein Name ist Leyla. Ich bin die zehnte Kaiserliche Kopfgeldjägerin.“ Ein Lächeln huschte über Miguels Gesicht, und es war nicht das übliche, distanzierte Lächeln, das Magier oft aufsetzten, wenn sie mit Fremden sprachen. Es war breit, offen – fast erfreut. „Leyla“, wiederholte er. „Freut mich, dich kennenzulernen.“ Dann neigte er leicht den Kopf zur Seite, als wolle er ihre Reaktion genau beobachten. „Sag, wie geht es Eroica?“ Leyla blinzelte. Von all den möglichen Fragen, die er hätte stellen können, war das die letzte, mit der sie gerechnet hatte. „Ihr geht es gut“, antwortete sie nach einem kurzen Moment der Überraschung. „Woher kennst du sie?“ Miguels Lächeln vertiefte sich. „Wir waren gemeinsam in der Akademie beim Magieturm“, erklärte er. „Sie war mir eine gute Freundin.“ Leyla stutzte. Eroica hatte nicht viel über ihr eigenes Leben gesprochen, nicht über ihre Vergangenheit und erst recht nicht über eine Ausbildung in Tripolis. Sie ließ sich ihre Gedanken nicht anmerken, nickte nur leicht. „Ich verstehe.“ Dann machte sie einen Schritt zurück und richtete ihren Blick erneut auf Yanis und Miguel. „Nun, ich würde mich trotzdem verabschieden. Hat mich gefreut, euch beide zu treffen.“ Sie schüttelte ihre Hände, dann wandte sie sich um und verließ das Anwesen. Die Nacht war warm, aber der kühle Hauch des Meeres trug eine angenehme Frische mit sich, als sie durch die Straßen zurück zum Hafenviertel ging. Ihre Gedanken jedoch waren schwer. Eroica. Sie erinnerte sich an ihre gemeinsamen Gespräche in der Kaiserstadt, an die drei Tage, die sie nach Erhalt ihres Auftrags dort verbracht hatte. Sie hatten über den Krieg gesprochen, über den Runenstein in Mylrie. Doch der Magieturm? Nicht ein einziges Mal hatte Eroica ihn erwähnt. Leyla seufzte, ließ ihren Blick über die dunklen, sanften Wellen des Ozeans schweifen. Das Meer lag ruhig vor ihr, ungerührt von all den Intrigen, Kämpfen und Schicksalen, die an seinen Küsten verwoben wurden. „Ich hoffe wirklich, dass der Krieg schnell vorbei ist“, murmelte sie leise, ihre Stimme kaum mehr als ein Hauch in der endlosen Nacht.
- Kapitel 113 - Ein Anführer in der Festungsstadt
„Wen haben wir verloren?“ fragte Liam in die Runde, seine Stimme ruhig, aber von einer unterschwelligen Schwere getragen. Er, Ralf und Claurian hatten sich wie vereinbart in der Eingangshalle der Herzogsburg getroffen. Die großen Hallen, die einst von Prunk und Macht erfüllt waren, wirkten nun leer, fast gespenstisch. Der Tag hatte seine Spuren hinterlassen – und nicht nur in den Mauern der Stadt. Ralf sah ihn nachdenklich an, ließ sich einen Moment Zeit, bevor er antwortete. „Wir haben nur Gnosch verloren.“ Seine Stimme war fest, aber nicht ohne Bedauern. „Er hat sich alleine über fünfzig Soldaten in den Weg gestellt, um uns die Zeit zu verschaffen, die wir brauchten.“ Liam schloss für einen Moment die Augen. Ein würdiges Opfer. Genau deshalb hatte er Gnosch und Kroll an seiner Seite haben wollen – wegen ihrer unerschütterlichen Stärke und bedingungslosen Loyalität. „Das ist schade“, sagte Claurian schließlich, ihre azurblauen Augen glänzten für einen Moment, ein Schimmer von Trauer darin. „Aber es klingt nach einem Ende, das ihm gerecht wurde.“ Sie atmete leise aus, ehe sie weitersprach. „Die vier Halbriesen sind ebenfalls gefallen… aber ohne sie hätte ich Jasmin nicht besiegt.“ Liam nickte langsam. Ein Verlust, ja, aber keiner, den sie nicht erwartet hatten. Die Halbriesen waren genau mit diesem Ziel in den Kampf gezogen – sich, wenn nötig, für den Sieg zu opfern. Und sie hatten ihr Versprechen gehalten. Dann sprach er selbst. „Locart war in Wirklichkeit der Kaiserliche Kopfgeldjäger Colart.“ Seine Stimme war angespannt. „Er hatte uns von Anfang an unterwandert.“ Er machte eine kurze Pause. „Nidhogg…“ Für einen Moment stockte er. „Nidhogg hat ihn getötet – und dabei fast ein Viertel der Stadt niedergebrannt.“ Er seufzte leise, ein dunkler Ausdruck huschte über sein Gesicht. „Damit haben wir viele, die sich uns sonst vielleicht angeschlossen hätten, verloren.“ Wut flackerte in seinem Inneren auf. Nidhogg war ein verdammter Fanatiker – unkontrollierbar, rücksichtslos. Aber so sehr Liam ihn dafür verfluchte, musste er auch zugeben, dass sie ohne ihn jetzt alle tot wären. Ralf runzelte die Stirn. „Wo ist Nidhogg jetzt?“ Seine Stimme klang besorgt – und Liam konnte ihm das nicht verübeln. Liam sah ihn an, erkannte dasselbe Zögern in seinen Augen, das er selbst spürte. „Er ist aufgebrochen, um den Engelstempel niederzubrennen.“ Seine Stimme blieb ruhig, aber es lag eine angespannte Schwere darin. „Ich habe mir versichern lassen, dass er sich nur auf den Tempel konzentriert. Nichts weiter.“ Claurian verschränkte die Arme. „Ich kann ihn ausschalten, wenn du es willst.“ Liam schwieg für einen Moment, dachte darüber nach. Er wusste nicht, wer gewinnen würde. Nidhogg hatte immerhin einen Kopfgeldjäger zur Strecke gebracht. Aber Jasmin war von ähnlichem Kaliber gewesen… Bevor er eine Antwort geben konnte, flog plötzlich die Tür auf. Jakira trat ein. Ihre Bewegungen waren wie immer leise, gewandt – aber in ihrem Blick lag ein Hauch von Dringlichkeit. „Draußen hat sich eine große Menschenmenge versammelt“, berichtete sie. „Sie wollen wissen, was wir vorhaben. Ich bin mir nicht sicher, aber es wirkt, als hätten sie noch nicht entschieden, wie sie zu uns stehen.“ Liam nickte. Es war zu erwarten gewesen. Die Stadt war gefallen, doch der Wille der Bürger noch nicht. „Ich werde zu ihnen sprechen.“ Er wandte sich Jakira zu. „Jakira?“ ,,Ja?’’ „Ich will mich danach mit dir unterhalten.“ Er ließ sich einen Moment Zeit, bevor er weitersprach. „Such uns ein schönes Zimmer in der Burg aus.“ Jakiras Augen funkelten. Ein Lächeln stahl sich auf ihre Lippen, und sie nickte sofort. ,,Das mache ich gerne!’’ Als Liam an ihr vorbeiging, hob er eine Hand und tätschelte ihr im Vorbeigehen leicht den Kopf. ,,Das hast du heute gut gemacht.’’ - ------------------------------------------------------------------------- Liam stand auf der Rednerplattform des Winterplatzes, dem weitläufigen Platz vor der Herzogsburg, und ließ seinen Blick über die versammelte Menschenmenge gleiten. Mehr als fünftausend Personen hatten sich hier eingefunden – Männer, Frauen, Kinder. Die Bürger Randurins. Handwerker mit schwieligen Händen, Händler in abgetragenen Mänteln, Mütter mit müden Augen, die ihre Kinder an sich drückten. Doch er erkannte auch andere: Oger, Lupiden, Zwerge. Wesen, die normalerweise nicht gemeinsam auf einem Platz standen, die durch das Kaiserreich voneinander getrennt worden waren – und nun, durch diesen einen Tag, durch diesen Kampf, hier zusammengekommen waren. Das leise Murmeln der Menge klang gedämpft, als würde die Kälte des Abends es verschlucken. Schnee fiel in sanften Flocken aus dem dunklen Himmel, legte sich auf die rußbedeckten Straßen und die rauchenden Ruinen einst prächtiger Gebäude. Die Brände, die noch vor wenigen Stunden gewütet hatten, waren größtenteils gelöscht, doch an manchen Stellen stieg noch schwarzer Qualm auf – ein letztes Echo der Schlacht. Als Liam auf die Plattform trat, verstummte die Menge fast augenblicklich. Alle Blicke ruhten auf ihm. Einige voller Misstrauen. Einige voller Angst. Andere voller kalter Wut. Doch was ihn am meisten beschäftigte, war die Unsicherheit, die in so vielen Augen lag. Sie wussten nicht, ob er ihr Befreier oder ihr neuer Tyrann war. Ob er genauso wie der Herzog ihnen eine Religion aufzwingen und sie mit der Macht von Jasmin und der Boz unterdrücken würde. Er ließ sich einen Moment Zeit. Seine Haltung war aufrecht, sein Blick fest, aber nicht fordernd. Er wusste, dass Worte allein keine Herzen eroberten, doch sie konnten ein Fundament legen, auf dem sich etwas aufbauen ließ. Dann erhob er die Stimme. „Bürger Randurins!“ Seine Worte hallten über den Platz, klar und kräftig, getragen von der eisigen Luft. „Ich weiß, dass ihr Fragen habt. Dass ihr Antworten wollt. Wer sind wir? Was ist heute passiert? Ist Randurin noch sicher? Was wird nun geschehen?“ Er ließ seinen Blick durch die Menge wandern, sah, wie einige zustimmend nickten. Ja, diese Fragen brannten ihnen auf der Seele. „Ich werde euch diese Fragen beantworten.“ Er machte eine kurze Pause, ließ die Stille wirken, bevor er weitersprach. „Mein Name ist Liam, und ich bin der Anführer dieser Gruppe. Wir sind der Schwarze Stern.“ Ein leises, nervöses Raunen ging durch die Menge. Jeder hier kannte diesen Namen. Die einen sahen sie als Freiheitskämpfer, die anderen als Terroristen. Manche schienen erschrocken, andere misstrauisch, und wieder andere wirkten fasziniert. Doch sie alle hörten ihm zu. „Heute Morgen sind wir in drei Gruppen in die Stadt eingedrungen. Wir hatten drei Ziele – und wir haben sie alle erreicht.“ Er machte eine kurze Pause, musterte die Reaktionen, bevor er weitersprach. „Erstens: Wir haben die Boz unter unsere Kontrolle gebracht. Ich denke, viele von euch haben es bereits geahnt, als sie die Eisstatuen der Soldaten sahen.“ Ein kollektives Einatmen ging durch die Menge. Einige rissen erschrocken die Augen auf, eine ältere Frau sank mit einem leisen Wimmern auf die Knie, während einige Männer unruhig schauten, als überlege jeder für sich, ob er nicht sofort fliehen sollte. Die Boz – eine Waffe von unermesslicher Macht. „Aber ihr braucht keine Angst zu haben.“ Liam hob beruhigend die Hand. „Wir haben nicht vor, sie gegen euch einzusetzen. Unser Ziel ist es nicht, Randurin zu unterwerfen – sondern es zu schützen.“ Einige in der Menge entspannten sich leicht, doch viele wirkten noch unsicher. „Unser zweites Ziel war Jasmin – das Schwert Kameras.“ Er deutete mit einem kurzen Nicken auf das Schwert, das als Trophäe über dem Eingang der Burg prangte. „Jasmin ist tot.“ Die Worte waren einfach. Direkt. Und sie trafen ihr Ziel. Einige Krieger, die zuvor mit wütender Entschlossenheit zu ihm aufgesehen hatten, erblassten. Sie verstanden, was das bedeutete. Jasmin war keine einfache Kriegerin gewesen. Wer sie bezwingen konnte, war kein gewöhnlicher Feind. „Und drittens.“ Erneut ließ er eine kurze Pause entstehen. „Es gibt keinen Herzog von Randurin mehr.“ Jetzt war die Reaktion der Menge unkontrollierbar. Als er den Tod des Herzogs verkündete, sah er gemischte Gefühle. Einige riefen wütend, andere starrten fassungslos, während einige tatsächlich erleichtert wirkten. „Ich weiß, dass nicht jeder von euch um ihn trauert,“ sagte Liam ruhig. „Er war kein Herrscher, der für alle da war. Manche von euch haben unter ihm gelitten, andere haben von seiner Herrschaft profitiert. Doch was geschehen ist, kann nicht rückgängig gemacht werden. Randurin gehört nicht mehr dem Herzog. Diese Stadt gehört euch.“ Er ließ die Worte wirken, ließ sie in die Köpfe und Herzen der Menschen sinken. Dann kam das schwierigste Thema. „Und was das Feuer angeht…“ Er machte eine Pause. „Ein Kaiserlicher Kopfgeldjäger griff uns an. Während der Schlacht wurden Häuser zerstört. Das war nicht unsere Absicht – aber es ist geschehen.“ Er sah den Schmerz in den Augen einiger Anwesender. Er fühlte mit ihnen mit, merkte wie die Wut auf den Vishap erneut hochkam. Er hatte kein Problem damit gehabt, die Soldaten oder Jasmin zu töten. Auch der Herzog hatte vielen seiner Untertanen Leid bereitet. Doch unschuldige Zivilisten? Das war nichts gewesen, das er gewollt hatte. „Doch wir werden Randurin wieder aufbauen. Das schwöre ich euch.“ Seine Stimme war fest, entschlossen. Keine leere Versprechung, sondern eine Zusicherung. Nun war es Zeit, die Zukunft in den Blick zu nehmen. „Wir werden diese Stadt als unsere Basis nutzen. Wir werden das Kaiserreich herausfordern. Und wir werden eine neue Ordnung errichten. Eine, in der niemand mehr unterdrückt wird.“ Einige in der Menge reagierten mit Unglauben, andere schüttelten skeptisch den Kopf. Doch es gab auch jene, die still lächelten, die leise nickten. „Natürlich zwingen wir niemanden, sich uns anzuschließen.“ Er ließ seinen Blick über die Menge schweifen. „Aber wer gegen die Ungerechtigkeiten der Algavia kämpfen will, ist hier willkommen.“ Plötzlich trat jemand hervor. Ein großgewachsener Drachar reckte die Faust in die Luft. Liam erkannte es sofort. Der erste Funke in den Herzen der Bürger Randurins. „Randurin wird eine sichere Stadt sein. Wir haben die Boz. Wir haben die Kontrolle. Es gibt nur eine Person, die diese Stadt noch im Alleingang einnehmen könnte – Yang. Aber Yang wird nicht kommen. Sie bleibt, wo sie immer bleibt – in der Kaiserstadt.“ Er sah, wie sich einige in der Menge entspannten. Tatsächlich war Randurin eine Stadt, die er ohne große Probleme halten konnte. Natürlich würde, wenn das Kaiserreich es drauf anlegen würde, die Stadt irgendwann fallen. Er wusste jedoch eins. Das Kaiserreich war aufgrund seiner gigantischen Größe schwerfällig. Zudem würden, bei reichsweiten Aufständen, die Ressourcen fehlen, um Raundurin einzunehmen. „Wer sich uns anschließen will, soll sich in der Herzogsburg melden. Wer Hilfe braucht, ebenfalls. Diejenigen, die ihr Zuhause verloren haben, werden in den Villen der Adligen unterkommen. Und jene Adlige, die nicht geflohen sind…“ Er machte eine kurze Pause. „Teilen. Oder gehen.“ Nun wurde die Atmosphäre spürbar lockerer. Einige schienen erleichtert, andere murmelten untereinander. Die ersten Zeichen eines möglichen Wandels. „An alle anderen: Lebt euer Leben. Geht euren Geschäften nach. Ihr habt von uns nichts zu befürchten.“ Zunächst blieb es still. Dann, langsam, setzte Applaus ein. Noch nicht von allen. Aber von genug. Liam drehte sich um und ging in die Burg zurück. Die erste Schlacht war gewonnen. Doch der wahre Kampf begann erst jetzt. - ------------------------------------------------------------------------- Erschöpft ließ sich Liam auf das Bett in dem Zimmer fallen, das Jakira für sie ausgesucht hatte. Es war ein Gästezimmer – gut eingerichtet, aber nicht so prunkvoll, dass er sich unwohl fühlte. Der Raum war gemütlich, mit warmen Farben und einem großen Fenster, das den Blick auf das Nordmeer freigab. „Das war eine tolle Rede, Liam“, sagte Jakira mit einem Lächeln, als sie sich neben ihn setzte. Dann zog sie sanft an seinem Arm und deutete auf das Bad in der Ecke des Zimmers. „Ich habe dir ein heißes Bad eingelassen. Du hast es dir verdient.“ Ein heißes Bad klang tatsächlich verlockend. Liam stand auf und trat langsam an die Wanne heran. Er wollte sich gerade das Hemd abstreifen, als er Jakiras Finger an seinem Kragen spürte. „Entspann dich“, flüsterte sie. „Lass mich das für dich machen.“ Liam seufzte. Er wollte sie nicht ausnutzen, doch er wusste, dass er sie unglücklich machen würde, wenn er ablehnte. Also ließ er es zu, dass sie ihn entkleidete, während sein Blick aus dem Fenster schweifte. Das große Nordmeer erstreckte sich bis zum Horizont, und in der Nacht sah es aus wie ein Teppich aus Schwarz, der sich endlos ausbreitete. Als Jakira fertig war, stieg Liam ins Wasser und ließ sich entspannt in das heiße Nass gleiten. Die Wärme umhüllte ihn, und er spürte, wie die Anspannung langsam aus seinem Körper wich. Er schloss die Augen, während Jakira begann, ihn zu massieren. „Tut das gut…“ murmelte er leise. Erst als Jakira hinter ihm kicherte, merkte er, dass er die Worte laut ausgesprochen hatte. Er mochte die Schattenläuferin. Und er vertraute ihr. Sie hatte heute gute Arbeit geleistet, und er wusste, dass sie mehr war als nur eine Gefolgsfrau. „Jakira, willst du nicht auch ein Bad nehmen? Nicht nur ich muss mich heute entspannen.“ Jakira trat neben ihn und begann, ihr Kleid auszuziehen. Sie lächelte ihn warm an, während sie sich entkleidete. Liam betrachtete ihren schönen Körper – die Narben, die ihre graue Haut wie Risse durchzogen, ihre kräftigen Arme, ihre weiche Haut, ihre schönen Brüste und das pechschwarze Haar. Sie war eine Schönheit, auch wenn die meisten im Kaiserreich einer Schattenläuferin mit Hass, Ekel und Abscheu begegnen würden. Für Liam war sie einfach eine Frau, die er wertschätzte. Sie stieg zu ihm in die Wanne und ließ sich zwischen seinen Beinen nieder. Jakira lehnte ihren Rücken gegen ihn und legte ihren Kopf an seine Brust. Liam schlang seinen linken Arm um ihre Taille und zog sie näher. Mit seinem rechten Arm strich er über ihre Wange. „Weißt du, Jakira“, begann er leise, „du bist eine tolle Person.“ Jakira begann, seinen Oberschenkel zu streicheln. „Ja? Bin ich dir von Nutzen?“ „Ja, das bist du. Sehr sogar. Aber das ist nicht der Grund, warum ich finde, dass du toll bist. Ich mag dich für dich. Ich mag deine fürsorgliche Art, und ich mag deine Präzision im Kampf.“ Jakira wollte protestieren, doch Liam zog sie zu einem Kuss heran. Ihre Lippen trafen sich, und für einen Moment war alles andere unwichtig. Als sie sich voneinander lösten, sprach er weiter. „Ich weiß, dass du das momentan nicht akzeptieren kannst. Behalte einfach die Worte im Kopf und nimm sie dir dann zu Herzen, wenn du bereit bist.“ - ------------------------------------------------------------------------- Nachdem sie gemeinsam gebadet hatten, legten sie sich ins Bett, ihre Körper warm und entspannt von der Hitze des Wassers. Das Zimmer lag in gedämpfter Stille, einzig das entfernte, sanfte Rauschen des Nordmeers drang durch das geöffnete Fenster. Ein kühler Luftzug streifte die dünnen Vorhänge, ließ sie leicht wehen, während der Mond sein fahles Licht über die dunklen Holzbalken der Decke warf. Jakira schmiegte sich enger an Liam, ihre Haut fühlte weich an, ein stilles Versprechen, ein sanfter Trost. Ihr Kopf ruhte auf seiner Brust, ihr Atem strich wie ein flüchtiger Hauch über seine Haut. Mit langsamen, unbewussten Bewegungen malte sie mit den Fingerspitzen Kreise auf seiner Brust, als wolle sie sich jeden Moment, jede Berührung einprägen. „Jakira, ich habe einen Auftrag für dich.“ Sie hob den Kopf, ihre dunklen Augen funkelten in dem fahlen Licht. Freude und Neugier spiegelten sich in ihrem Blick. „Wir werden für eine Weile voneinander getrennt sein“, fuhr Liam fort. Seine Hand glitt über ihren Rücken, streichelte ihr warme Haut. „Aber ich kann diesen Auftrag nur dir anvertrauen.“ Jakiras Miene veränderte sich nicht – keine Spur von Zögern, kein Anzeichen von Unsicherheit. Sie wartete nur, aufmerksam lauschend. „Morgen früh wirst du nach Kartaffel aufbrechen.“ Seine Stimme war leise, aber bestimmt. „Dort wirst du Prinzessin Nara und ihren Mann treffen. Sie sind die Anführer des Schwarzen Sterns. Du wirst sie und den Rest unserer Truppen hierher bringen. Kann ich mich auf dich verlassen?“ Ein Lächeln stahl sich auf Jakiras Lippen. „Natürlich“, erwiderte sie, ihre Stimme voller Gewissheit. „Das mache ich gerne.“ Liam beobachtete sie für einen Moment, und ein leiser Stich durchzuckte sein Herz. Er wusste, dass sie schnell war, dass sie geschickt war, aber selbst wenn alles nach Plan lief, würden sie sich für Monate nicht sehen. Der Gedanke, ohne sie hier zu sein, fühlte sich schwerer an, als er erwartet hatte. Doch seine Pflicht stand über allem. Er atmete tief ein. „Jakira?“ Seine Stimme war jetzt sanfter, beinahe unsicher. „Hm?“ Sie blickte ihn an, ihre dunklen Augen suchten nach seiner Antwort. „Ich möchte, dass du ehrlich bist.“ Sein Blick hielt ihren fest. „Bist du nur so sanft zu mir, weil du mir nützlich sein willst?“ Für einen Moment schwieg sie, ließ die Frage auf sich wirken. Ihr Blick wanderte zur dunklen Decke, dann zu seinem Gesicht zurück. „Ja, ich will dir nützlich sein“, gab sie schließlich leise zu. „Aber nicht nur das.“ Ihre Stimme klang ruhig, doch in ihren Augen lag etwas Tiefes, Ehrliches. „Ich mag dich. Und wenn ich bei dir bin, schlägt mein Herz schneller.“ Sie hielt inne, als würde sie ihre nächsten Worte abwägen. „Ist das falsch?“ Liam sah sie an, und dann lächelte er. Nicht das übliche, zurückhaltende Lächeln, das er oft zeigte, sondern etwas Wärmeres, Sanfteres, etwas, das seine sonst so ernste Miene weicher machte. Er zog sie an sich, seine Lippen fanden ihre in einem stillen, verlangenden Kuss. Seine Hände strichen über ihre Taille, glitten über die Narben ihres Körpers, als würde er sie in diesem Moment für immer in seiner Erinnerung festhalten wollen. Als sie sich voneinander lösten, sah er ihr tief in die Augen. „Nein“, sagte er leise. „Es ist genau das, was ich auch fühle.“ Jakira sagte nichts, doch das Glitzern in ihren Augen, das leichte Zittern ihres Atems sprach für sie. Liam zog sie enger an sich, ihre Körper verschmolzen in der Dunkelheit miteinander. Draußen rauschte das Meer, der Wind strich sanft durch die Nacht, aber für sie beide schien die Welt stillzustehen. Er spürte die Wärme ihrer Haut, den gleichmäßigen Rhythmus ihres Atems gegen seine Brust, und in diesem Moment wusste er – das hier war etwas, das er nie vergessen würde.
- Kapitel 112 - Der Stolz der Namenlosen
In Jasmins Hand manifestierte sich ein goldenes Schwert, das in der Sonne aufleuchtete, als wäre es aus flüssigem Licht geschmiedet. Keine Sekunde verstrich, bevor sie sich mit erschreckender Geschwindigkeit auf Claurian stürzte. Ihr Angriff war so rasant, dass die Luft um sie herum von einer unsichtbaren Kraft zerrissen wurde. Claurian reagierte instinktiv. Sie machte einen blitzschnellen Satz zur Seite, ihre Bewegungen präzise wie die einer Tänzerin, ihr Atem ruhig, kontrolliert. Doch sie wusste, dass Ausweichen allein nicht reichen würde. Jasmin war schneller, stärker. Am Rand des Kampfplatzes hatten die vier Halbriesen bisher gewartet, bereit zum Eingreifen. Nun brüllten sie auf, ihre massiven Waffen wirbelten durch die Luft, als sie sich wie eine unaufhaltsame Welle auf Jasmin zubewegten. Ihre Schritte ließen den Boden erbeben. Doch Jasmin schien nicht einmal Notiz von ihnen zu nehmen. Sie hob lediglich eine Hand, und mit einem einzigen, unsichtbaren Stoß entlud sich eine Druckwelle. Die Halbriesen wurden von ihren Füßen gerissen, wie Spielzeugfiguren von einer gigantischen Hand fortgeschleudert. Einer prallte mit einem markerschütternden Krachen gegen eine Häuserwand, die unter der Wucht des Aufpralls in sich zusammenbrach. Die anderen landeten hart auf dem Pflaster, ihre Waffen klirrten, als sie aus ihren Griffen glitten. Claurians Kiefer spannte sich an. Ihre Hände umklammerten ihre beiden Säbel fester. Jeder Kämpfer, egal wie mächtig, hatte eine Schwachstelle. Sie musste sie nur finden. Sie atmete tief durch, sammelte sich – und dann bewegte sie sich. Mit tödlicher Präzision schoss sie auf Jasmin zu, ihre Klingen wie Verlängerungen ihres Körpers. Der erste Säbel zielte auf den Kopf, der zweite auf die Beine – ein perfekter Doppelangriff, der jeden normalen Gegner in die Knie gezwungen hätte. Doch Jasmin war alles andere als normal. Mit müheloser Eleganz sprang sie hoch, ihr weißer Umhang flatterte im Wind, als sie den oberen Säbel mit ihrem eigenen Schwert parierte. Dann konterte sie mit einem gnadenlosen Hieb nach unten. Claurian sah die Klinge kommen und warf sich zur Seite, ließ sich fallen, um dem tödlichen Schlag zu entgehen. Sie rollte sich über den harten Steinboden ab, ihre Muskeln spannten sich erneut, und sie griff ein weiteres Mal an. Diesmal führte sie einen Frontalangriff aus – beide Säbel zielten direkt auf Jasmins Brust. Doch im letzten Moment ließ Claurian ihre Waffen los. Während sie an Jasmin vorbeiglitt, tauchte sie unter ihren ausgebreiteten weißen Flügeln hindurch, zog in einer fließenden Bewegung einen weiteren Säbel aus ihrem Gürtel und stieß blitzschnell nach oben – direkt auf die verwundbarste Stelle ihrer Gegnerin. Die Flügel. Doch Jasmin schoss nach oben, schneller, als Claurian erwartet hatte, und entkam mit atemberaubender Leichtigkeit. Sie schwebte nun über dem Kampfplatz, ihr Blick kalt und unbarmherzig. Ihr Schwert glänzte bedrohlich in der Sonne, während sich ihre Flügel weit ausbreiteten, makellos, unerreichbar. Claurian biss die Zähne zusammen und sammelte ihre Kräfte. Sie sprintete los, nutzte die Kraft ihrer Beine, und katapultierte sich mit aller Wucht in die Luft. Während sie auf Jasmin zuschoss, schleuderte sie einen ihrer Säbel auf den linken Flügel. Die Klinge wirbelte durch die Luft, doch bevor sie ihr Ziel treffen konnte, explodierte ein blendendes Licht direkt vor ihr. Ein Schmerz zuckte durch ihren Rücken, als ein brutaler Tritt sie mitten im Sprung erwischte. Ihre Welt drehte sich. Dann der Aufprall. Der Boden unter ihr erbebte, als sie auf das harte Pflaster knallte. Der Aufprall raubte ihr die Luft, ein dumpfer Schmerz durchzuckte ihren Körper. Sie blinzelte gegen das gleißende Licht an, versuchte, sich aufzurichten – doch ihre Glieder fühlten sich schwer an. Jasmin näherte sich langsam. Ihr weißer Umhang wehte friedlich im Wind, ihr Blick war eisig, emotionslos. Das Schwert in ihrer Hand war auf Claurian gerichtet, bereit, den finalen Schlag auszuführen. Claurian versuchte, sich zu bewegen, ihre Finger zu krümmen, sich auf die Knie zu zwingen – aber ihr Körper gehorchte nicht. Sie war zu langsam. „Fuck“, zischte sie zwischen zusammengebissenen Zähnen. Plötzlich stürzte sich eine dunkle Gestalt zwischen sie und den sicheren Tod. - ------------------------------------------------------------------------- Neben den mächtigen Metropolen des Kaiserreichs gibt es noch andere Städte – Orte, die oft auf Karten fehlen, als hätten die Kartografen sie bewusst ausgelassen. Sie sind geheimnisvoll, abgeschottet, Relikte vergangener Zeiten oder Zufluchtsorte für jene, die sich der Ordnung des Reiches entziehen. Die Stadt des kriegerischen Pantano-Volkes, Eleriades. Die im Denja-Dschungel liegende Hauptstadt der Sectododen, Jidar. Die verborgenen Zwergenstädte tief in den Bergen der Larifen. Sie alle existieren, doch nur wenige wissen um ihre wahre Größe und Bedeutung. Eine weitere dieser geheimnisvollen Städte ist Karnta. Tief in den Hamalien, den zerklüfteten Bergen im Westen des Kaiserreichs, liegt sie verborgen. Die einzige Stadt der Halbriesen. Eingebettet in ein abgelegenes Tal, umgeben von schroffen Gipfeln, deren eisige Spitzen die Wolken durchbohren. Es führt keine Straße nach Karnta. Keine Handelsrouten verbinden sie mit der Außenwelt. Kein Kaufmann trägt Waren hinein, kein Bote bringt Nachrichten hinaus. Wer die Stadt sucht, findet nichts als endlose Bergketten und verschlungene, gefährliche Pfade. Niemand weiß genau, wie Karnta regiert wird. Die Struktur ihrer Gesellschaft bleibt ein Mysterium. Ebenso ungewiss ist ihre Einwohnerzahl – manche sagen, dort lebten nur fünftausend Halbriesen, während andere von einer gewaltigen Metropole mit über hundertfünfzigtausend Bewohnern sprechen. Und die Halbriesen, die außerhalb der Hamalien leben? Sie schweigen. Sie sprechen nicht über Karnta, nicht über seine Mauern, seine Gesetze oder seinen Herrscher – als gäbe es ein unausgesprochenes Gebot, einen stillen Pakt, der ihnen verbietet, auch nur ein Wort darüber zu verlieren. Was zwischen den Bergen geschieht, bleibt hinter den Bergen. - ------------------------------------------------------------------------- Einer der Halbriesen warf sich zwischen Claurian und Jasmins tödlichen Angriff. Das goldene Schwert durchbohrte seinen massigen Körper, drang tief in seinen Bauch ein, bis die Spitze aus seinem Rücken ragte. Claurian befreite sich aus ihrer Starre und sprang zur Seite, ihre Muskeln schmerzten, ihr Atem ging schwer. Dann sah sie sein Gesicht. Der Halbriese grinste. Blut quoll aus seinem Mundwinkel, tropfte auf den kalten Pflasterstein, doch er zeigte keine Spur von Schmerz. Seine Augen funkelten – nicht in Furcht, sondern in Stolz. In Erfüllung. Er hatte seine Pflicht erfüllt. Jasmin zog ihr Schwert mit einem Ruck aus seinem Körper, als wäre er nicht mehr als ein Hindernis auf ihrem Weg. Sie würdigte den Halbriesen keines Blickes, für sie war er bedeutungslos, kaum mehr als ein Kiesel am Rand der Straße. Ihr Blick lag nun wieder auf Claurian. Claurian spürte, wie sich ihre Finger um den Griff einer ihrer beiden verbliebenen Säbel schlossen. Ihr Körper war angespannt, jeder Muskel zum Zerreißen gespannt. Jasmins blitzschnelle Schritte ließen keinen Raum für Gedanken – sie kam auf sie zu, ihr Schwert erhoben, bereit für den finalen Hieb. Claurian riss einen ihrer Säbel hoch. Metall kreischte auf. Doch kaum hatte die Klinge den goldenen Stahl berührt, zerschnitt Jasmins Schwert sie mit erschreckender Leichtigkeit. Die Klinge zerbrach, funkelnde Splitter flogen durch die Luft, und ein glühender Schmerz explodierte in Claurians Schulter, als das Schwert sich tief in ihr Fleisch grub. Ein Schrei entrang sich ihrer Kehle. Doch noch bevor Jasmin nachsetzen konnte, schlug Claurian zu – und traf. Die geborstene Klinge schnitt über Jasmins Wange, riss die Haut auf, ließ Blut spritzen. Jasmin taumelte einen Schritt zurück. Claurian stolperte ebenfalls, beide trennten sich, als hätte ein unsichtbarer Sog sie voneinander weggezogen. Für einen Moment verharrten sie so. Dann begann sich Jasmins Wunde zu schließen. Das Fleisch heilte, als wäre es nie verletzt worden. Doch auch Claurians Wunden begannen sich zu regenerieren. Der brennende Schmerz ließ nach, das aufgeschnittene Fleisch wuchs zusammen, als wäre nichts geschehen. Die Kraft der Divs. Ein Fluch oder ein Segen – sie erlaubte ihnen, sich zu heilen, solange sie ihren Feind verletzten. Zwei Kriegerinnen, gefangen in einem Kampf, der sie beide unaufhörlich wiederherstellte. Claurian sog scharf die Luft ein. Sie wusste, dass ihr Kampfstil gegen eine Gegnerin wie Jasmin kaum geeignet war. Ihre Stärken lagen in Geschwindigkeit und Präzision – doch wie tötete man jemanden, der sich nach jeder Verletzung erneut erholte? Sie hatte nur noch einen Säbel. Die anderen beiden waren zerstört oder lagen unerreichbar weit entfernt. Jasmin hob eine Hand. Goldenes Licht begann sich in ihrer Handfläche zu formen, ein gleißender Blitz, reine zerstörerische Macht. Claurians Muskeln spannten sich – doch sie kam nicht mehr dazu, zu reagieren. Plötzlich wurde Jasmin mit roher Gewalt von den Füßen gerissen. Mit einem wuchtigen Aufprall krachte sie durch das Fenster eines Hauses, Glassplitter regneten auf die Straße. Hinter ihr ertönte ein markerschütternder Kampfschrei – und der Halbriese, der sich mit unbändiger Kraft in sie geworfen hatte, sprang ihr mit brennendem Zorn hinterher. - ------------------------------------------------------------------------- In der Gesellschaft der Halbriesen existiert eine uralte Tradition – die der zwei Namen. Den ersten Namen erhalten sie bei ihrer Geburt, ein einfacher Name, der sie als Kind dieser Welt kennzeichnet. Doch dieser Name ist nur eine Leihgabe, eine vorübergehende Bezeichnung, die nicht ihr wahres Selbst widerspiegelt. Ihr eigentlicher Name, ihr wahrer Name, muss verdient werden – nicht durch Worte oder Geburt, sondern durch Blut und Kampf. Viele Halbriesenkrieger legen deshalb ihren ersten Namen ab und ziehen namenlos durch die Welt. Sie streben unermüdlich danach, sich im Kampf zu beweisen. Ihre Stärke, ihren Mut und ihre Ehre zu beweisen. Ein Name ist mehr als ein Wort – er ist ein Vermächtnis, eine Anerkennung durch die Ahnen. Doch nicht jeder, der diesen Weg beschreitet, erreicht sein Ziel. Unzählige Halbriesen sterben, bevor sie je ihren zweiten Namen erlangen können. Doch dies ist kein Scheitern. Kein Grund zur Trauer. Denn nach ihrem Glauben werden die im Kampf Gefallenen von ihren Urahnen aufgenommen. Jene, die mit Stolz und Entschlossenheit sterben, kämpfen auf einer anderen Ebene weiter – an der Seite jener, die vor ihnen gekommen sind. Ihr Kampf endet nicht mit dem Tod. Er setzt sich fort, bis sie sich ihren Namen auch im Jenseits verdient haben. Für die Halbriesen, die sich dem Pfad des Kriegers verschrieben haben, gibt es also nur zwei mögliche Enden. Entweder sie erringen ihren Namen – oder sie werden zu ihren Ahnen gerufen. In ihren Augen ist beides ein Sieg. - ------------------------------------------------------------------------- Claurian setzte dem Halbriesen nach, der sich ohne Zögern hinter Jasmin hergestürzt hatte. Ihre Schritte hallten auf dem Pflaster wider, doch ihr Blick glitt noch einmal zu dem bereits gefallenen Halbriesen. Er lag reglos auf dem Rücken, sein massiger Körper im Todeskampf erstarrt. Doch sein Grinsen – dieses unerschütterliche, wilde Grinsen – war selbst im Tod nicht gewichen. Es war, als hätte er bis zum letzten Atemzug Freude an dem Chaos gefunden, das er mit entfesselt hatte. Doch Claurian hatte keine Zeit für Trauer. Sie betrat das Gebäude, in dem der Kampf weiter tobte, und nahm die Szenerie mit einem einzigen, scharfen Blick auf. Zwei Dinge fielen ihr sofort auf. Zum einen lag der Halbriese, der Jasmin nachgejagt hatte, schwer atmend gegen eine bröckelnde Steinwand gelehnt. Sein riesiger Brustkorb hob und senkte sich unregelmäßig, eine tiefe, klaffende Wunde zog sich quer über seine Brust, das Blut lief in dunklen Strömen über seinen Bauch. Doch er hielt sich noch aufrecht – ein Zeugnis der schieren Kraft seines Volkes. Vor ihm stand Jasmin. Majestätisch. Eiskalt. Ihr goldenes Schwert war noch erhoben, doch sie machte keinen weiteren Schlag. Ihr Blick war herablassend, fast angewidert, als wäre der Halbriese nicht einmal würdig genug, von ihr getötet zu werden. In ihren Augen lag kein Zorn, keine Befriedigung – nur Abscheu. Doch das zweite, das Claurian auffiel, war noch viel wichtiger. Jasmins Wunden waren noch nicht verheilt. Das war seltsam. Zuvor regenerierte sie sich augenblicklich, ihre Haut schloss sich schneller, als eine Klinge sie durchtrennen konnte. Doch hier, in diesem dunklen Raum, blieben die Schnitte in ihrem Körper, blieben die feinen Risse, die der Halbriese ihr zugefügt hatte. Claurian zog eine Schlussfolgerung. Jasmin brauchte das Licht. Vielleicht den offenen Himmel. Vielleicht die Sonne selbst. Ohne sie war ihre Heilung gehemmt. Eingeschränkt. Ein langsames, gefährliches Lächeln schlich sich auf Claurians Lippen. Auch sie hatte eine Schwäche – sie musste ihre Gegner verletzen, um sich selbst zu regenerieren. Doch jetzt wusste sie, dass Jasmin ebenfalls eine Grenze hatte. Ein Sieg war möglich. Ohne zu zögern sprang sie zurück ins Freie, ließ den sterbenden Halbriesen hinter sich. Sie rannte mit festen, entschlossenen Schritten zu den verbliebenen beiden Halbriesen, die am Rand des Schlachtfelds standen, blutbedeckt, aber kampfbereit. Ihre Augen loderten, als sie vor ihnen zum Stehen kam. „Ich habe einen Plan“, keuchte sie, ihre Stimme entschlossen. „Aber er wird euch wahrscheinlich das Leben kosten.“ Die beiden Halbriesen tauschten einen kurzen Blick. Kein Zögern. Keine Furcht. Dann verzogen sich ihre Lippen zu breiten, wilden Grinsen. Der größere von ihnen, ein massiger Mann mit einem Gesicht, das von Narben gezeichnet war wie eine Landkarte vergangener Schlachten, trat vor. In seinen Augen brannte ungebrochene Kampfeslust. „Dann lass mal hören“, grollte er. Seine Stimme war tief, rau, voller Vorfreude. - ------------------------------------------------------------------------- Auch die vier Halbriesen, die später beim Sturm auf Randurin kämpften, waren Krieger ohne Namen. Sie hatten Karnta schon früh verlassen – junge, ungestüme Krieger, getrieben von einem einzigen Ziel: sich ihren zweiten Namen zu verdienen. Für sie bedeutete das, sich dem Kampf zu stellen, Ruhm zu erlangen, einen Platz in der Geschichte zu beanspruchen. Ihre Reise führte sie zuerst nach Malyl, die pulsierende Handelsstadt im Herzen der Mittellande. Dort erlebten sie zum ersten Mal die Welt außerhalb der Hamalien – das Stimmengewirr zahlloser Händler, das Klirren von Münzen, den Geruch exotischer Gewürze. Doch sie verweilten nicht lange. Ihr Weg führte weiter nach Norden, durch verschneite Täler und gefrorene Ebenen, bis sie Schneeburg erreichten. Von dort reisten sie weiter nach Kartaffel. Doch nirgendwo fanden sie, wonach sie suchten. Also zogen sie weiter nach Osten, immer auf der Suche nach einer Herausforderung, die ihresgleichen würdig war. Dann, im Herzogtum Randurin, trafen sie auf Liam. Einen Elfen mit einer Vision. Ein Anführer mit einem Angebot, das sie nicht ablehnen konnten. Er sprach nicht von Reichtum, nicht von Sicherheit oder Einfluss. Was er ihnen anbot, war mehr als das. Ein Kampf. Ein legendärer Kampf auf Leben und Tod. Die Halbriesen tauschten kaum einen Blick. Sie zögerten nicht, stellten keine Fragen. Sie schlossen sich ihm an. Denn was war ein besserer Weg, sich ihren Namen zu verdienen, als gegen das mächtigste Reich der Welt zu kämpfen? - ------------------------------------------------------------------------- Als Jasmin aus den Schatten des Hauses trat, schlossen sich ihre Wunden in einem Augenblick. Das Sonnenlicht, das über ihre Haut strich, schien ihre Kräfte zu durchfluten, ihr Körper wurde wieder makellos. Ihre weißen Flügel breiteten sich weit aus, funkelten in der Mittagssonne wie göttliche Insignien. Jeder Muskel in ihrem Körper schien darauf vorbereitet, sich in den nächsten Angriff zu stürzen. Claurian stand mitten auf der Straße, ein schiefes, herausforderndes Grinsen auf den Lippen. Sie kannte ihre Rolle in diesem Spiel – sie war der Köder. Und Jasmin würde sich darauf einlassen. Wie erwartet reagierte Jasmin sofort. Mit rasender Geschwindigkeit schoss sie auf Claurian zu, ihre Flügel schnitten durch die Luft wie scharfe Klingen, ihr Blick fixierte Claurian. Doch bevor sie ihr Ziel erreichte, krachte plötzlich eine gigantische Masse von oben herab. Der größere der Halbriesen, jener mit der rauen Stimme und den Narben im Gesicht, war vom Dach eines Hauses gesprungen – und in seinen riesigen Händen hielt er einen schweren Holzwagen, der eben noch randvoll mit Waren beladen war. Mit brutaler Wucht krachte das massive Holzgebilde auf Jasmin herab. Der Boden unter ihr gab nach. Mit einem lauten Knirschen brach der Straßenbelag auf, und sie stürzte mitsamt dem Halbriesen in die Tiefe. Ein Schacht. Claurian sprang hinterher. Ihre Füße berührten kaum den Boden, als sie landete. Das schwache Licht, das von oben herabfiel, warf lange, verzerrte Schatten auf die steinernen Wände der Katakomben – ein uraltes Labyrinth aus Gängen und Kammern, das sich unter Randurin erstreckte. Vor ihr lag der Halbriese, schwer atmend, sein gewaltiger Körper gezeichnet von dem Sturz. Blut sickerte aus einer klaffenden Wunde in seiner Brust. Und über ihm – Jasmin. Sie stand bereits wieder auf den Beinen, das goldene Schwert locker in der Hand, als wäre nichts geschehen. Kein Hauch von Zorn, kein Anflug von Überraschung in ihrem Gesicht – nur derselbe kalte, abfällige Blick, mit dem sie die Halbriesen betrachtete, als wären sie nichts weiter als lästige Insekten. Dann bewegte sie sich. Eine blitzschnelle, gnadenlose Bewegung – das Schwert drang tief in den Rücken des Halbriesen, durch Fleisch und Knochen, und in einem Moment war es vorbei. Claurian wich zurück, täuschte einen panischen Rückzug vor. Sie wusste, dass Jasmin sie nicht entkommen ließ. Jasmin folgte ihr. Genau wie geplant. Tiefer in die Katakomben hinein, fort vom Sonnenlicht. Die Dunkelheit legte sich um sie wie eine kalte Hand, die Luft wurde schwer, feucht und stickig. Dann stoppte Claurian. Jasmin bemerkte die Falle nicht. Als sie zum Schlag ausholte, zuckte ein Schatten aus der Finsternis hervor – massive Arme schlangen sich um sie, rissen sie mit unmenschlicher Kraft zurück. Ihr Schwert entglitt ihren Fingern, schlug klirrend auf den Boden. Der letzte verbliebene Halbriese hatte sie gepackt. Er hielt sie in einem eisernen Griff, seine Muskeln spannten sich, als würde er mit jeder Faser seines Seins verhindern, dass sie sich befreite. Jasmin wand sich, versuchte, sich mit purer Kraft loszureißen – doch er ließ nicht los. Zum ersten Mal seit dem Beginn des Kampfes sprach sie. Ihre Stimme war kalt wie ein gefrorener Dolch. „Lass mich los, minderwertiger Halbriese. Kamera möge dich richten und deine ganze Brut ausrotten!“ Der Halbriese lachte nur. Ein tiefes, dröhnendes Lachen, das von den Wänden widerhallte, als würde die Dunkelheit selbst sich darüber amüsieren. Claurian verlor keine Zeit. Sie stürzte sich auf Jasmins gefallenes Schwert. Der Griff brannte sich in ihre Handflächen, als hätte die Waffe ein eigenes Bewusstsein, als würde sie sich gegen sie auflehnen. Doch Claurian ignorierte den Schmerz. Ihr Atem war ruhig, ihre Bewegungen entschlossen. Sie holte aus. Und schlug zu. Mit einem einzigen, präzisen Hieb durchtrennte das goldene Schwert Fleisch, Knochen – Leben. Zwei Köpfe fielen zu Boden. Der Halbriese. Jasmin. Ihre Körper folgten kurz darauf, brachen zusammen wie leere Hüllen. Claurian stand über ihnen, das Schwert in der Hand, ihr Atem schwer. Der brennende Schmerz in ihren Handflächen ließ nach, und mit ihm verheilten die Wunden – als hätte das Schwert selbst ihr den Tribut gezollt. Langsam, erschöpft, ließ sie die Waffe auf den kalten Steinboden sinken. Sie hatte gewonnen. Nein. Die Halbriesen hatten gewonnen.
- Kapitel 111 - Der Herzog von Randurin
Während draußen der Stadtteil nahe der Herzogsburg in Flammen aufging, drangen Ralf, Jakira und Kroll immer tiefer in die düsteren Korridore des Ministeriums ein. Jakira hatte die geblendeten Armbrustschützen lautlos ausgeschaltet, während Ralf den Ogern die Tür geöffnet hatte. Doch Gnosch war zurückgeblieben. Ein Schatten lag auf Jakiras Gedanken. Ein Hauch von Neid, kaum greifbar, aber doch da. Sie hatte gesehen, wie Ralfs Blick sich verändert hatte, als er begriff, was Gnosch tat. Wie sich in seinen Zügen eine stumme Anerkennung spiegelte, eine Wertschätzung für einen Mann, der mehr war als nur ein Verbündeter – er war nützlich im tiefsten, reinsten Sinne. Ein Opfer, das nicht in Vergessenheit geraten würde. Jakira spürte, wie sich in ihr ein neuer Ehrgeiz regte. Sie musste mehr leisten, geschickter, schneller, entschlossener sein. Bis auch sie diesen Blick verdiente. Am besten von Liam. Der Gang vor ihnen verengte sich, das Licht der Wandfackeln flackerte unruhig. Sie näherten sich dem Versammlungsraum, in dem der Herzog sich aufhalten sollte. Zwei Wachen standen vor der großen, schweren Tür, ihre Haltungen angespannt, aber nicht alarmiert. „Scheint, als wären die meisten Soldaten nach draußen gestürzt“, murmelte Ralf und beugte sich leicht zu Jakira. „Gnosch hat uns einen verdammten Gefallen getan.“ Er ließ seinen Blick kurz über die Wachen gleiten und sah Jakira dann direkt an. „Schaffst du das lautlos?“ Jakira erwiderte seinen Blick, nickte kaum merklich – und wurde zur Dunkelheit selbst. Ihr Körper begann zu verschwimmen, zu zerfließen, bis sie nur noch ein Schatten unter Schatten war. Lautlos glitt sie an der Decke entlang. Die Wachen standen reglos, nichtsahnend, ihre Atemzüge gleichmäßig. Dann ließ sie sich fallen. Kaum dass ihre Füße den Boden berührten, kehrte ihre Gestalt in die Realität zurück. Mit einem schnellen Schwung ihrer Arme durchbrachen ihre Dolche die Nackenpanzer, tauchten blitzschnell in die ungeschützten Hälse der Männer. Ein ersticktes Röcheln, ein leises Zucken – und dann war es vorbei. Sie fing die Körper geschickt auf, ließ sie nicht einfach zu Boden sacken, sondern legte sie sanft ab, als wäre selbst ihr Tod Teil eines kunstvollen Tanzes. Ein leichter Duft von Eisen lag in der Luft, ein flüchtiges Versprechen von Blut. Als sie sich aufrichtete, traf sie Ralfs Blick. Er musterte sie mit anerkennendem Funkeln in den Augen und nickte ihr zufrieden zu. Ein warmes, seltsam tiefes Gefühl breitete sich in Jakira aus. - ------------------------------------------------------------------------- Ralf gab Kroll ein kurzes, präzises Handzeichen. Der Oger atmete tief ein, spannte seine mächtigen Muskeln an – und trat mit brutaler Wucht gegen die Flügeltüren des Versammlungsraumes. Mit einem markerschütternden Krachen barsten die schweren Türen auf, Holz splitterte, und der dumpfe Aufprall hallte durch den Raum. Ralf trat mit gezogenem Schwert über die Schwelle, seine Schritte ruhig, kontrolliert. Sein Blick glitt sofort durch den Saal, erfasste die schockierten Gesichter der Anwesenden. Acht Menschen. Sieben Männer, und eine Frau, die sich mit zitterndem Griff an den Arm des Mannes klammerte, den Ralf als Herzog Will de Randurin erkannte. Sie waren unbewaffnet. Ralf hatte das erwartet. Es entsprach den Gepflogenheiten der Mächtigen des Kaiserreichs, sich in ihrer trügerischen Sicherheit zu wiegen. Sie hätten fliehen können. Sie hätten ihren Einfluss nutzen können, um sich einen Ausweg zu bahnen, um das Ministerium oder gar die gesamte Stadt hinter sich zu lassen. Doch sie hatten nichts unternommen. Weil sie sich für unantastbar hielten. Die Aristokratie des Kaiserreichs lebte in der Illusion, dass ihre Namen und Titel sie schützten. Sie wussten, dass es außerhalb der Städte kaum jemand wagen würde, einen Adligen anzugreifen – mit einer einzigen Ausnahme: den Kaiserlichen Kopfgeldjägern, die nur auf direkten Befehl des Kaisers handelten. In einem solchen Fall war Flucht ohnehin sinnlos. Ein Angriff auf einen Herzog? Für Will de Randurin war das undenkbar. Ralf fragte sich, welche absurden Gedanken dem Mann durch den Kopf gingen. Glaubte er, dies sei eine Laune, ein Missverständnis, eine Farce, die sich gleich auflösen würde? Doch dann sah er, wie der Herzog langsam aufstand. Sein Gesichtsausdruck war steinern, seine Haltung gerade, als könne er durch bloße Arroganz die Realität verbiegen. „Ihr stört eine Tagung des Herzoglichen Rates von Randurin“, erklärte er mit frostiger Ruhe. „Ich verlange eine sofortige Erklärung für diesen Übergriff.“ Ralf trat vor, jeder Schritt langsam, bedacht. Jakira bewegte sich lautlos an seiner Seite, während Kroll sich hinter ihnen postierte und mit einem Schrank die Tür versperrte. Ohne zu zögern zog Ralf einen zusammengefalteten Brief aus seiner Tasche und reichte ihn dem Herzog. Will de Randurin nahm ihn mit einer hochgezogenen Augenbraue entgegen, entfaltete das Pergament und überflog den Inhalt mit schnellen Blicken. Dann, ohne eine Regung in seinem Gesicht, riss er den Brief in mehrere Stücke. Die Fetzen segelten zu Boden. „Abgelehnt“, sagte er kühl. „Ich werde euch die Stadt nicht überlassen. Meine Wachen sollten bereits dabei sein, die Boz zu aktivieren.“ Ralf lachte leise, ein dunkles, kurzes Geräusch. Dann stieß er dem Herzog mit der flachen Hand hart gegen die Brust, zwang ihn einen Schritt zurück. „Ich glaube, Eure Hoheit versteht die Lage falsch“, sagte Ralf leise, doch seine Stimme war wie ein Dolch – scharf, präzise, tödlich. „Das hier ist keine Verhandlung. Es ist ein Befehl. Ihr werdet die Halskette an eurem Hals nutzen und verkünden, dass Randurin nun unter der Herrschaft des Schwarzen Sterns steht.“ Der Herzog zuckte nicht einmal. Sein Blick blieb kalt, unerschütterlich. „Ihr würdet es nicht wagen, einem von uns zu schaden“, sagte er, und in seiner Stimme lag eine abgrundtiefe Überzeugung. „Dann wärt ihr alle totgesagt.“ Ralf schwieg einen Moment, dann zuckte er kaum merklich mit dem Kopf. Ein Zeichen. Jakira war bereits in Bewegung. Sie wirbelte um den großen runden Tisch herum, schneller als ein Wimpernschlag, lautlos wie ein jagendes Raubtier. Bevor auch nur einer der Männer reagieren konnte, stürzten sie mit dumpfen Lauten zu Boden. Die Luft war erfüllt von einem kurzen, abrupten Stöhnen – und dann war es still. Jakira stand nun hinter der Herzogin. Ihr Dolch ruhte sanft, aber unmissverständlich an der Kehle der Frau. „Ich sage es noch ein letztes Mal“, flüsterte Ralf, sein Blick auf den Herzog gerichtet. „Nutzt die Halskette – und rettet das Leben eurer Frau.“ - ------------------------------------------------------------------------- Von draußen drangen gedämpfte Rufe und das Rasseln von Rüstungen ins Zimmer. Das Echo der Stimmen hallte durch die Flure des Ministeriums. Der Herzog lehnte sich leicht zurück, ein selbstzufriedenes Lächeln auf den Lippen. „Meine Wachen sind gleich hier“, sagte er mit ruhiger Arroganz. „Damit seid ihr erledigt. Selbst wenn ihr uns hier niederstreckt, wird euch das nichts nützen. Ihr kommt nicht lebend aus diesem Gebäude. Also gebt besser gleich auf, dann verschone ich vielleicht euer Leben.“ Ralf schenkte ihm einen langen, durchdringenden Blick, ehe er sich zu Kroll wandte. „Halte sie so lange auf, wie du kannst.“ Der Oger nickte wortlos, packte den schweren Wandschrank und schob ihn mit Leichtigkeit beiseite. Dann trat er durch die Tür, die dahinterlag, und zog das massive Möbelstück mit einem einzigen kräftigen Ruck wieder davor, versperrte den Weg. Ein dumpfes Grollen erfüllte die Luft, als draußen die ersten Klingen aufeinanderprallten. Schreie zerrissen die Stille, das trampelnde Echo schwerer Stiefel durchzog den Korridor. Ralf wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Herzog zu. Es war sein Auftrag, ihn zu töten. Ihn und die Frau an seiner Seite. Doch wenn der Herzog vorher Randurins Kapitulation verkündete, wäre alles einfacher. Weniger Widerstand. Weniger Blutvergießen. Liam, Locart und Nidhogg sollten inzwischen die Boz erreicht haben. Die Frage war: Würde Liam sie einsetzen? Und wenn ja, gegen wen? Ralf wusste wenig über die genaue Funktionsweise der Boz. Wie gezielt konnte man sie einsetzen? War sie eine präzise Waffe oder ein unkontrollierbares Instrument der Zerstörung? Doch letztlich spielte das keine Rolle. Die Würfel waren längst gefallen. Der Kampf draußen eskalierte. Krolls tiefes Brüllen hallte durch die Gänge, begleitet von dem gellenden Aufschrei eines sterbenden Soldaten. Das Klirren von Klingen, das Splittern von Holz, das aufschlagen lebloser Körper – das Ministerium verwandelte sich in ein weiteres Mal in ein Schlachtfeld. Ralf seufzte leise und schüttelte kaum merklich den Kopf. „Ich hatte gehofft, es nicht so weit kommen lassen zu müssen.“ Dann gab er Jakira das Zeichen. Die Schattenläuferin bewegte sich in einem einzigen fließenden Moment. Ihre Klinge blitzte im schwachen Licht auf, durchschnitt die Luft mit präziser Grazie – und dann spritzte warmes Blut über den Tisch, tränkte Pergament und Wachssiegel. Die Herzogin sog gurgelnd die Luft ein, ihre Augen weiteten sich, während sie röchelnd nach Halt suchte. Doch Jakira hielt sie fest, stützte ihren Körper. Ein verzweifeltes Keuchen – dann sank sie in ihren Armen zusammen. Ralf blickte wieder zum Herzog. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft schien dieser seine Lage wirklich zu begreifen. Das selbstgefällige Lächeln war verschwunden. Sein Blick huschte zwischen Jakira, der reglosen Frau und Ralf hin und her, suchte nach einem Ausweg, nach einer Möglichkeit, die Kontrolle zurückzugewinnen. „Noch kann sie gerettet werden“, sagte Ralf mit unerschütterlicher Kälte. „Nutzt das Amulett.“ - ------------------------------------------------------------------------- Liam stand vor der Boz und betrachtete sie nachdenklich. Er hatte sich das legendäre Artefakt immer wie eine gigantische Kanone vorgestellt – ein Ungetüm aus Stahl und Runen, das mit donnernder Wucht entfesselt werden musste. Doch was vor ihm lag, war kein Geschütz, keine monströse Kriegsmaschine. Die Boz war ein Spiegel. Oder zumindest das, was einmal einer gewesen sein könnte. Dort, wo das Glas sein sollte, wirbelte ein tobender Sturm aus blauem Licht, wild und bedrohlich. Eis kristallisierte sich um den Rahmen, als würde die Kälte tief aus dem Inneren der Waffe selbst dringen. Ob das Teil der Mechanik war oder nur eine Begleiterscheinung der Magie – Liam konnte es nicht sagen. Sein Blick glitt über die gefrorene Oberfläche des Artefakts. Wie aktivierte man es? Er wusste, dass es nur einmal am Tag genutzt werden konnte. Eine einzige Chance. Er hatte zwei Möglichkeiten. Die Boz konnte präzise töten. Sie konnte eine einzelne Person mit unfehlbarer Sicherheit ausschalten. Oder aber, sie konnte den Tod über eine Gruppe bringen – unaufhaltsam, unausweichlich. Wen auch immer er anvisierte, der Tod würde sie finden. Plötzlich erklang eine laute, markante Stimme. „Bürger Randurins. Ich, Will de Randurin, spreche zu euch mit tiefem Bedauern.“ Liam hielt inne. Dann verzog sich seine Miene zu einem schmalen Grinsen. Er ließ ein leises, zufriedenes Lachen erklingen. Ralf hatte es geschafft. Der Herzog benutzte das Amulett – ein Geschenk des Kaisers, ein mächtiges Artefakt, das nur ihm allein erlaubte, direkt zur gesamten Stadt zu sprechen. „Randurin befindet sich nicht länger unter kaiserlicher Herrschaft. Der Schwarze Stern hat nun die volle Kontrolle über die Stadt…“ Dann – eine Pause. Ein stockender Atemzug. Liam runzelte die Stirn. ,,Was ist jetzt lost?’’ murmelte er. Eigentlich hätte der Herzog nun den entscheidenden Befehl geben müssen. Die Soldaten auffordern, ihre Waffen niederzulegen. Ohne ihren Widerstand würde der Sieg zum Greifen nah sein. Niemand außer Jasmin würde sich weiter gegen sie stellen. Aber dann setzte der Herzog wieder an. „Nein! Niemals sollten wir uns beugen! Soldaten, tötet die Terroristen! Für Ka—“ Die Stimme brach abrupt ab. Liam fluchte. Der Bastard war also stolzer, als er es eingeschätzt hatte. Zu stolz, um sein eigenes Leben und das seiner Leute über sein verdammtes Ehrgefühl zu stellen. Sein Blick flog zurück zur Boz. Die Entscheidung lag nun bei ihm. Er dachte an seine zwei Optionen. Er konnte Jasmin ins Visier nehmen. Sie war ihre gefährlichste Gegnerin – doch das bedeutete, dass sie anschließend hunderten von Soldaten gegenüberstehen würden. Selbst mit ihrer überlegenen Kampfkraft konnte die schiere Masse der Feinde zur Gefahr werden. Oder aber, er richtete die Waffe gegen die Soldaten selbst. Ein einziger Befehl, und er könnte den Großteil ihrer Gegner auslöschen. Doch dann bliebe Jasmin – das Schwert Kameras. Er hatte bereits Vorsichtsmaßnahmen getroffen, hatte seine Stärkste, Claurian, sowie die vier Halbriesen auf sie angesetzt. Doch konnte selbst diese geballte Kraft sie besiegen? Liam ballte die Faust. Seine Entscheidung würde über ihren Sieg oder ihre Niederlage bestimmen. - ------------------------------------------------------------------------- Ralf ließ seinen Blick über den reglosen Körper des Herzogs wandern. Die Dunkelheit des Raumes schien schwerer auf ihm zu lasten, jetzt, da alles vorbei war. Er seufzte leise, eine Spur von Enttäuschung in seiner Miene. Der Herzog hatte sich nicht gebeugt. Hatte sich nicht gefügt. Und nun würde der Preis für seine Sturheit in Blut bezahlt werden – von vielen, die hätten leben können. Er wandte sich Jakira zu. Die Schattenläuferin hockte noch immer da, die Herzogin in ihren Armen, deren Leben in einem stetigen Strom über ihre Kleidung auf den Boden sickerte. „Wir müssen zu Liam. Lass sie liegen.“ Ohne zu zögern ließ Jakira die Sterbende los. Der Körper sackte schlaff in sich zusammen und schlug mit einem dumpfen Aufprall auf den kalten Steinboden. Ralf trat an den Wandschrank. Hinter ihm drang noch immer das Echo des Kampfes durch die Wände, das Schmettern von Stahl auf Stahl, das Röcheln sterbender Männer. Er spannte die Schultern an. Wenn sie Pech hatten, warteten auf der anderen Seite ein Dutzend Soldaten – oder mehr. Er legte eine Hand an das Holz und wollte den Schrank zur Seite ziehen – doch plötzlich verstummte das Schlachtgetöse. Ralf hielt inne. Irritiert drehte er sich zu Jakira um, doch ihr Blick spiegelte dieselbe Ratlosigkeit wider. „Was zur Hölle…?“ murmelte er. Kein einziger Schrei mehr. Kein Stöhnen Verwundeter. Nichts als Stille. Dann – eine Bewegung. Der Wandschrank ruckte. Ralf sprang zurück, zog sein Schwert, seine Haltung instinktiv kampfbereit. Jakira verschwand lautlos in der Dunkelheit unterhalb des Fensterbretts, ihre Präsenz kaum mehr als ein Flüstern der Schatten. —BUMM— Mit brachialer Wucht krachte der Wandschrank auf den Boden, zerbarst in einer Wolke aus Splittern. Und dahinter – Kroll. Ralf stieß ein befreites Schnauben aus, ein Anflug von Erleichterung huschte über sein Gesicht. „Du hast es geschafft, Kroll!“ rief er, doch der Oger schüttelte nur langsam den Kopf. Ohne ein Wort trat er zur Seite – und gab den Blick auf das frei, was hinter ihm lag. Ralf erstarrte. Eine Armee von dutzenden Soldaten, erstarrt in grotesken Posen, ihre Rüstungen mit einer dicken Schicht frostigen Eises überzogen. Gesichter voller Entsetzen, Arme, die in unvollendeten Bewegungen zum Schlag erhoben waren – als hätte die Zeit sie mitten in ihrem letzten Atemzug versteinert. Eine ganze Einheit. Ausgelöscht in einem einzigen Moment. Ralf brauchte keine Erklärung. Er wusste, was geschehen war. Ein Grinsen stahl sich auf sein Gesicht, ein Hauch von Stolz in seinem Blick. „Ich wusste, du schaffst es, Boss“ , dachte er.
- Kapitel 110 - Die Flammen eines Drachen
Liam, Nidhogg und Locart bewegten sich vorsichtig durch das düstere Verlies der Herzogsburg. Das fahle Licht der Fackeln warf tanzende Schatten auf die feuchten Steinwände, während der modrige Geruch von jahrhundertelangem Verfall in der Luft lag. Liam hatte damit gerechnet, hier auf Gefangene zu treffen – auf politische Gegner, auf Deserteure oder auf unglückliche Bauern, die das Pech gehabt hatten, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Doch die Zellen waren leer. Jede einzelne. Kein einziges Stöhnen, kein leises Wimmern. Nur eiskalte Stille. Ein ungutes Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. War das eine Falle? „Lasst uns nach oben gehen“, rief er Nidhogg und Locart zu, seine Stimme angespannt. Ohne ein weiteres Wort führte er sie die Steintreppen hinauf. Kein einziger Wächter versperrte ihnen den Weg. Keine Alarmglocken, keine hastigen Schritte eilender Soldaten. Es war, als ob man seinen Plan durchschaut hatte. Nidhogg begann die Räume zu durchkämmen, Türen aufzureißen, nach versteckten Feinden zu suchen, während Liam und Locart weiter vordrangen. Schließlich standen sie vor der Tür, hinter der sich die Boz befinden sollte. Liam spürte, wie sich seine Muskeln anspannten. Irgendetwas stimmte nicht. Das hier war zu einfach. Viel zu einfach. „Warum ist hier niemand?“ murmelte er, während er vorsichtig eine Hand zur Tür ausstreckte. Da kam der Schlag. Er traf ihn mit brutaler Kraft in die Seite. Der Aufprall schleuderte ihn quer durch den Raum, sein Körper rollte über den kalten Steinboden, bevor er sich instinktiv abfing und auf die Knie kam. Ein stechender Schmerz pulsierte durch seine Rippen, doch er ignorierte ihn. Sein Blick schnellte hoch – direkt zu Locart, der über ihm stand. Oder vielmehr: zu dem, was einmal Locart gewesen war. ,,Was soll das Locart?’’ schrie Liam ihm entgegen. Das spöttische Funkeln in seinen Augen hatte sich in ein triumphierendes Leuchten verwandelt. Doch noch viel erschreckender war die Veränderung seines Körpers. Vor Liams Augen begann sich Locart zu wandeln – Muskeln wuchsen, seine Haut riss auf und wurde von dichten, schwarzen Fellflecken überzogen. Hörner brachen aus seinem Schädel, groß wie Dolche, und seine Finger streckten sich zu Klauen, scharf genug, um Fleisch und Knochen mühelos zu durchtrennen. Ein Minotaur. Ein Grollen ertönte aus seiner Kehle. Tief, vibrierend, durchdringend. ,,Iiich biiin niiicht Looocaaart. Meeeiiin Naaameee iiist Cooolaaart.’’ Seine Stimme war tief, donnernd. Liams Herzschlag setzte für einen Moment aus. Colart. Er kannte diesen Namen. Der sechste Kaiserliche Kopfgeldjäger. Ein Albtraum für jeden, der sich gegen das Kaiserreich stellte. Und jetzt stand er direkt vor ihm. Das bedeutete, dass ihre gesamte Operation von Anfang an unterwandert gewesen war. Das bedeutete, dass das Kaiserreich alles wusste. „Scheiße…“ entfuhr es Liam, während sein Verstand fieberhaft arbeitete. Warum hatte Colart sie so weit in die Stadt vordringen lassen? Warum hatte er nicht längst zugeschlagen? Wollte er sie hier an diesem Ort vernichten? Nein… Er wollte etwas anderes. Die Boz. Liams Blick flog zur Tür hinter Colart. Mit dieser Waffe in den Händen konnte er sie alle auslöschen – innerhalb von Sekunden. Er musste verhindern, dass Colart sie als Erster erreichte. Adrenalin schoss durch Liams Adern, als er sich aus seiner geduckten Haltung herausstieß und zur Tür hechtete. Doch Colart war schneller. Viel schneller, als es seine monströse Statur vermuten ließ. Mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung riss er einen Arm hoch – und sein gewaltiger Schlag traf Liam mit der Wucht eines einstürzenden Turms. Alles um ihn herum verschwamm in einem Strudel aus Schmerz und Taubheit. Sein Körper wurde in die Luft geschleudert, bevor er mit einem markerschütternden Krachen gegen eine Steinsäule prallte. Der Aufprall raubte ihm den Atem, sein Bewusstsein flackerte. Er spürte, wie der Boden unter ihm vibrierte. Dann wurde alles schwarz. - ------------------------------------------------------------------------- Nidhogg hörte den Aufprall und das schmerzerfüllte Stöhnen von Liam, dann folgten die schweren Schritte eines Wesens, das sich seinem Freund – nein, seinem Verbündeten – näherte. Ohne zu zögern stürmte er los. Was auch immer dort geschah, er konnte nicht zulassen, dass Liam fiel. Nicht aus Loyalität – sondern weil er ihn brauchte. Nur mit Liams Erfolg konnte er sein eigenes Ziel verwirklichen: die Vernichtung des Engelstempels von Cassiel. Als Nidhogg die Halle erreichte, erstarrte er für einen Moment. Liam lag reglos auf dem kalten Steinboden, sein Körper schwer gezeichnet von dem, was geschehen war. Ein gigantischer Minotaur stand über ihm, sein muskulöser Körper ragte über den am Boden liegenden Elfen. In seinen leuchtend roten Augen lag keine Spur von Emotion – nur kalte Berechnung. Gerade hob das Wesen sein massives Bein, bereit, Liams Kopf mit einem einzigen Tritt zu zermalmen. „Das wirst du schön lassen!“ fluchte Nidhogg, während er sich nach vorne katapultierte. Der Minotaur bemerkte ihn sofort. Mit überraschender Agilität machte er einen weiten Satz rückwärts, sein massiger Körper bewegte sich mit erschreckender Leichtigkeit. Nidhogg ließ sich nicht beirren. „Was hast du mit Liam gemacht? Und wo ist Locart?“ Der Minotaur verzog die Lefzen zu etwas, das ein Lächeln sein sollte. Doch als er sprach, klang seine Stimme, als würde sie aus einer anderen Welt stammen – tief, gedehnt, beinahe geisterhaft. ,,Iiich biiin niiicht Looocaaart. Iiich biiin Cooolaaart, Kaaaiiiseeerliiicheeer Kooopfgeeeldjääägeeer.’’ Nidhogg knirschte mit den Zähnen. Also hatte sich das Kaiserreich in ihre Reihen eingeschlichen. Sie hatten all ihre Schritte gekannt, und jetzt standen sie einem Gegner gegenüber, der alles andere als gewöhnlich war. Das bedeutete, dass dieser Bastard besiegt werden musste – egal, wie. Flammen loderten in Nidhoggs Händen, während er sich auf den Kampf vorbereitete. Die Hitze war so intensiv, dass selbst seine roten Schuppen zu knistern begannen. Er spürte, wie das Feuer an seinem Körper nagte, sich in seine Haut brannte – ein Schmerz, der für andere unerträglich gewesen wäre. Doch für ihn war es eine Erinnerung. Eine Erinnerung an Kaen, den Gott des Feuers, der ihm diese Gabe verliehen hatte. Seine Brandwunden heilten mit übernatürlicher Geschwindigkeit, sein Körper erstrahlte in loderndem Rot. Dann schoss er vor. Seine Faust peitschte nach vorne, doch kurz bevor sie Colart erreichte, öffnete er die Finger. Eine gewaltige Feuerkugel schoss aus seiner Hand und raste mit unbändiger Kraft auf den Minotaur zu. Die Luft knisterte, als die Magie die Umgebung verformte. Die Explosion war gewaltig. Ein roter Blitz zerriss den Raum, Feuerzungen leckten über die Steinwände, und für einen Moment war Colarts gesamte Gestalt von lodernden Flammen umhüllt. Nidhogg atmete schwer. Er hatte nicht erwartet, dass dieser Angriff seinen Gegner töten würde, doch zumindest musste er ihm Schaden zugefügt haben. Dann lichtete sich der Rauch – und Nidhoggs Augen weiteten sich. Colart stand ungerührt da. Nicht einmal eine einzige Haarspitze seines dichten Fells war versengt. Kein einziger Kratzer. Keine Spur von Schmerz oder Unsicherheit. Nidhogg schluckte. Das hier würde kein einfacher Kampf werden. Colart grinste, während er sich langsam auf ihn zubewegte. „Meeehr“, brummte der Minotaur. „Zeeeiiig miiir meeehr…“ - ------------------------------------------------------------------------- Nidhogg löste seinen Blick nicht von Colart, während er langsam einen Schritt zurücktrat. Der Minotaur war ein Monster, das war ihm nun vollkommen klar. Doch wenn es eine Sache gab, die Nidhogg von sich behaupten konnte, dann war es, dass er ebenfalls ein Monster war – ein Geschöpf der Flammen, ein Anhänger Kaens, geboren, um zu brennen. „Nun gut… Du willst mehr sehen? Dann zeige ich dir etwas“, sagte Nidhogg, seine Stimme herausfordernd. Doch sein Blick blieb wachsam. Er wusste, dass er Colart aus der Burg locken musste. Solange Liam bewusstlos am Boden lag, war er leichte Beute. Hier drinnen würde der Kampf zu viele unvorhersehbare Gefahren bergen. Der Minotaur grunzte, seine Nasenlöcher blähten sich. „Naaa guuut“, brummte er mit seiner tiefen, gedehnten Stimme. Dann hob Colart seine gewaltige Faust und schlug mit erschreckender Leichtigkeit ein Loch in die Steinmauer der Herzogsburg. Staub und Trümmer regneten zu Boden, als sich die Öffnung nach draußen auftat. Die kalte Luft strömte herein, mischte sich mit dem Geruch von Ruß und Blut. Nidhogg trat an den Rand des Lochs und warf einen kurzen Blick hinunter. Der verschneite Asphalt der Straßen lag gut sechs Meter unter ihm. Hoch genug, um einen Menschen schwer zu verletzen – aber für ihn war es nichts. Ohne zu zögern, machte er einen Satz nach draußen, seine Krallen fanden Halt auf dem rutschigen Boden. Kaum war er gelandet, krachte Colart hinter ihm auf den Boden, hinterließ ein tiefes Loch im Schnee. Der Minotaur richtete sich auf, sein Blick fixierte Nidhogg mit kühlem Interesse. „Nuuun, waaas zeeeiiigst duuu miiir?“ Nidhogg hob die Arme gen Himmel, ließ die Augen zufallen. Er konnte die Kälte kaum noch spüren – denn er war dabei, sie auszulöschen. ,,Oh Kaen, Erzdämon des Feuers, lasse deine Flammen lodern. Umhülle mich mit dem Feuer der Liebe und gib mir die Kraft, meine Feinde zu verbrennen!’’ Kaum hatte er die Worte ausgesprochen, brannte er. Sein ganzer Körper ging in Flammen auf, doch er schrie nicht. Er kämpfte nicht dagegen an. Er nahm den Schmerz an, ließ ihn sich durchdringen, wie eine Liebkosung seines Gottes. Die Hitze war so intensiv, dass der Schnee um ihn herum sofort schmolz. Der Boden unter ihm begann zu glühen, schwarze Risse zogen sich durch den Asphalt. Der Geruch von verbranntem Fleisch und schmelzenden Schuppen lag in der Luft. Doch Nidhogg lächelte. Denn er wusste, was nun kam. ,,Iiist daaas daaas, waaas du miiir zeeeiiigeeen wiiilst?’’ Colarts Stimme dröhnte durch die Straße, doch diesmal klang sie weniger amüsiert, mehr… neugierig. Nidhogg antwortete nicht. Sein Körper begann sich zu verändern. Seine Gliedmaßen streckten sich, seine Muskeln wuchsen. Ein widerlicher, knirschender Laut hallte durch die Nacht, als seine Knochen sich verformten, brachen und wieder zusammenwuchsen. Sein Rücken riss auf, Flammen züngelten aus der Wunde, bevor sie sich in zwei leuchtend rote Flügel verwandelten. Seine Finger wurden länger, Klauen sprossen aus den Spitzen, während seine Schnauze sich streckte, seine Zähne schärfer wurden. Ein letzter Flammenstoß explodierte aus seinem Körper, ließ die nächste Häuserreihe in rotes Licht tauchen. Wo eben noch Nidhogg gestanden hatte, kniete nun ein kleiner Drache mit glühenden Schuppen und feurigen Augen. Die Hitze, die von ihm ausging, war so intensiv, dass selbst Colart einen Schritt zurückwich. Nidhogg öffnete seine neuen Augen, ließ die Flammen in seinem Maul lodern. „Nun… sehen wir, ob du Feuer wirklich verträgst.“ - ------------------------------------------------------------------------- Die Vishap zählen zu den ältesten Völkern der westlichen Welt. Ihr Ursprung liegt in den Landen von Juspa, von wo aus sie sich über Jahrtausende hinweg langsam über die Kontinente und Inseln ausbreiteten. Ihre Existenz reicht bis in die frühesten Epochen zurück. Sie sind Wesen von beeindruckender Gestalt, eine faszinierende Verschmelzung aus Mensch und Drache. Ihre Statur ähnelt der eines Menschen, doch ihre Haut ist von dichten, widerstandsfähigen Schuppen bedeckt. Ihre Gesichter tragen die markanten Züge ihrer Ahnen: eine ausgeprägte Schnauze, scharfe Zähne und glühende Augen, in denen das uralte Erbe der Drachen lodert. Denn tatsächlich: Die ersten Vishap stammen direkt von den großen, mächtigen Drachen ab. Es heißt, dass in ferner Vergangenheit Drachen ein neues Volk schufen, aus dem die Vishap hervorgingen – Wesen, in deren Adern das Blut der Drachen fließt, ein Echo vergangener Zeiten, in denen sie die unangefochtenen Herrscher der Lüfte waren. Doch obwohl alle Vishap dieses Erbe in sich tragen, ist es nur den wenigsten vergönnt, seine wahre Macht zu entfalten. Nur einer unter tausend Vishaps besitzt die Gabe, in die Drachenform zu wechseln – eine seltene Fähigkeit, die als das größte Geschenk der Ahnen angesehen wird. Diejenigen, die zu dieser Verwandlung fähig sind, erlangen die Kräfte eines jungen Drachen. Sie wachsen an Größe, ihre Muskeln verhärten sich, Flügel brechen aus ihrem Rücken hervor und ermöglichen es ihnen, die Lüfte zu beherrschen. Ihre Kehle wird zur Quelle verzehrender Flammen, ihre Klauen und Zähne werden so scharf, dass sie selbst Stein und Metall mühelos durchtrennen können. Diese Gabe macht sie zu gefürchteten Kriegern und verehrten Legenden. Doch sie ist ebenso ein Fluch – denn mit der Macht der Drachen kommt auch deren unbändiger Zorn, ein Feuer, das schwer zu kontrollieren ist. Wer die Verwandlung wagt, muss sich der Gefahr bewusst sein, dass das Drachenblut in ihm die Oberhand gewinnen könnte – und ihn dann in eine Kreatur verwandelt, die nichts als Zerstörung kennt. - ------------------------------------------------------------------------- Nidhogg breitete seine Flügel aus und stürzte sich mit ungebändigter Wut auf Colart. Seine Klauen bohrten sich tief in das Fleisch des Minotauren, rissen durch Muskeln und durchbrachen das linke Schulterblatt. Ein triumphierendes Grinsen breitete sich über sein reptilienartiges Gesicht aus, während er sein Maul öffnete, bereit, eine verzehrende Feuersalve auf seinen Gegner niederregnen zu lassen. Doch dazu kam es nicht. Colart packte Nidhogg mit erschreckender Geschwindigkeit am Arm und riss die Klauen brutal aus seiner eigenen Wunde. Noch bevor der Vishap reagieren konnte, schleuderte der Minotaur ihn mit enormer Kraft durch die Luft. Nidhogg krachte mit voller Wucht gegen eine steinerne Hauswand – der Aufprall ließ das gesamte Gebäude erzittern, und mit einem donnernden Knall brach die Wand unter seinem massiven Körper zusammen. Nidhogg überschlug sich mehrfach, prallte gegen Trümmer, bevor er sich endlich fing und seine Krallen in den Boden grub. Doch kaum hatte er sich neu orientiert, war Colart schon wieder da. Wie ein Schatten sprang er nach vorne, packte Nidhogg am Kopf und rammte ihn mit unbarmherziger Kraft in den steinernen Boden des Hauses. Ein grelles Pfeifen erfüllte Nidhoggs Ohren. Er spürte, wie sich sein Kopf drehte, doch sein Körper reagierte instinktiv. Er bäumte sich auf, versuchte, seinen Kiefer zu befreien – doch Colarts Griff war unerschütterlich. Der Minotaur ließ eine Serie brutaler Schläge auf ihn niederprasseln, die seine Knochen knacken und sein Fleisch erbeben ließen. Prellungen blühten auf seinem Körper auf, und die Schmerzen drohten, ihn in die Bewusstlosigkeit zu reißen. Aber Nidhogg war nicht bereit, sich zu ergeben. Wieder sammelte er Feuer in seinem Maul, ließ die Hitze durch seine Adern pulsieren. Als die Flammen in seiner Kehle wüteten, stieß er sie in einem brüllenden Feuerstrahl aus. Er wusste, dass er Colart nicht direkt traf – doch das war auch nicht sein Ziel. Der Feuerschwall zwang den Minotauren dazu, zurückzuweichen, sein Griff lockerte sich für den Bruchteil eines Moments. Genau das, was Nidhogg brauchte. Mit einem wilden Ruck stieß er Colart von sich und riss seine Klaue mit aller Kraft durch den Bauch des Minotauren. Blut spritzte in dicken Tropfen auf den Fußboden, während eine klaffende Wunde zurückblieb. Schwer atmend richtete Nidhogg sich auf und blickte in die Augen seines Gegners. Colart… lächelte. Es war kein Lächeln des Schmerzes. Kein Lächeln der Niederlage. Es war die verzerrte Fratze eines Mannes, der das Kämpfen genoss, der inmitten des Chaos lebte. Ein ungutes Gefühl machte sich in Nidhogg breit. Er konnte nicht hier im Innern eines Hauses kämpfen. Nicht mit einem Gegner, der so stark war. Ohne zu zögern sprang er aus dem brennenden Gebäude, das nun lichterloh in Flammen stand. Die Balken krachten unter der Hitze zusammen, Funken stoben in alle Richtungen. Die Flammen leckten bereits an den benachbarten Häusern, und dicker, schwarzer Rauch begann, in den Nachthimmel aufzusteigen. Er breitete seine kräftigen Flügel aus und erhob sich in die Luft. Zwanzig Meter, dreißig – er flog über die Straßen hinweg, seine Kehle brannte bereits mit neuem Feuer. Ohne Rücksicht auf Verluste ließ er einen Strom aus Flammen auf das brennende Gebäude niederregnen, dann auf die Häuser daneben, dann auf die Straßen. Die Schreie von Menschen, die sich noch in den oberen Etagen der Gebäude befanden, hallten durch die Nacht – doch Nidhogg kümmerte sich nicht darum. Seine Augen suchten nach Colart. Wo war er? War er in den Trümmern verschwunden? Dann, mit einer unerbittlichen Wucht, spürte er plötzlich, wie etwas durch seinen linken Flügel schoss. Er riss die Augen auf. Schmerz explodierte in seiner Schulter, als sein Flug abrupt unterbrochen wurde. Der Himmel drehte sich um ihn herum, während er unkontrolliert zu Boden stürzte. In der Sekunde, bevor er aufprallte, erkannte er die Ursache. Ein massiver Holzbalken, mehrere Meter lang, ragte wie ein Speer aus seinem Flügel. Colart hatte ihn geschleudert und mit einem einzigen, präzisen Wurf hatte er Nidhogg die Fähigkeit zu fliegen genommen. - ------------------------------------------------------------------------- Mit einem dumpfen Knall krachte Nidhogg auf das Pflaster der vereisten Straße. Der Aufprall jagte ihm einen stechenden Schmerz durch den Körper, doch er weigerte sich, sich dem Dunkelwerden seiner Sinne hinzugeben. Er knirschte mit den Zähnen, zwang sich, nicht auf die klaffende Wunde in seinem Flügel oder die brennenden Kratzer entlang seiner Schuppen zu achten. Colart setzte sofort nach. Der Minotaur stürmte mit roher, unaufhaltsamer Kraft auf ihn zu, die den Boden unter seinen schweren Schritten erbeben ließ. Doch Nidhogg war bereit. Gerade als der gewaltige Arm des Kopfgeldjägers auf ihn herniedersauste, machte er einen Satz zurück. Er nutzte die Wucht des Schlages, ließ sich wegdrücken und gewann so kostbare Meter Abstand zwischen sich und seinem Gegner. Noch bevor er landete, formte sich bereits Feuer in seinem Rachen. Erneut wogte die glühende Hitze durch seinen Körper, sammelte sich in seiner Brust – dann entlud sich eine lodernde Welle aus gleißenden Flammen auf Colart. Während die Feuersbrunst ihn umhüllte, spannte Nidhogg seine Muskeln an. Mit einem einzigen, kraftvollen Sprung setzte er nach. Sein Körper schoss durch die Luft, seine rechte, zur Faust geballte, Pranke zog eine glühende Spur hinter sich her – und krachte mit voller Wucht in Colarts Gesicht. Ein dumpfes Knacken erfüllte die Nacht. Der Unterkiefer des Minotauren brach mit einem unheilvollen Laut. Doch Nidhogg war noch nicht fertig. Seine Klauen an den Füßen, scharf wie Dolche, gruben sich tief in Colarts Oberschenkel und rissen das Fleisch auf. Gleichzeitig packte er mit seinen Händen die breiten Schultern des Minotauren, ließ seine Krallen in das verbrannte Fell sinken. Dann biss er zu. Seine Kiefer schnappten um Colarts Hals zu, seine Zähne bohrten sich durch die verbrannte Haut, durchdrangen Fleisch und Sehnen. Der Geschmack von heißem Blut erfüllte seinen Mund, metallisch und rau. Er riss Stücke heraus, verschluckte sie, während der Minotaur unter ihm zu zucken begann. Doch Colart war noch nicht besiegt. Ein gewaltiger, eiserner Griff schloss sich um Nidhoggs Kehle. Ihm blieb der Atem weg, als der Kopfgeldjäger ihn mit einer brutalen Bewegung in die Luft hob. Die Welt begann, sich vor seinen Augen zu drehen. Sein Körper wurde schlaff, die Kraft wich aus seinen Gliedmaßen. Er spürte, wie sich ein lähmendes Brennen in seiner Brust ausbreitete. Seine Lungen flehten nach Luft, doch Colarts Griff war unnachgiebig. Trotz seines verschwommenen Blicks konnte Nidhogg den Ausdruck in den Augen seines Gegners erkennen. Keine Wut, kein Zorn – nur reine, manische Freude. „Daaas haaat Spaaaß geeemaaacht“, dröhnte Colart, während Blut aus seinen aufgesprungenen Lippen tropfte. „Haaast du leeetzteee Wooorteee?“ Der Griff um seinen Hals lockerte sich leicht, gerade genug, damit Nidhogg einen letzten Atemzug nehmen konnte. Ein Lächeln stahl sich auf seine blutverschmierten Lippen. „Für Kaen!“ brüllte er, und mit diesen Worten ließ er los. Nicht nur im metaphorischen Sinne – er ließ wirklich los. Die Flammen, die er bisher gezügelt hatte, brachen in einem gewaltigen Inferno aus. Sein Körper wurde zur Quelle reiner, unbändiger Zerstörung. Die Hitze war unnatürlich – eine Macht, von der Nidhogg wusste, dass sie selbst ihn verschlingen konnte. Colarts Augen weiteten sich in plötzlicher Angst. Er verstand, was kommen würde. Er holte aus, bereit, den Kampf mit einem letzten Schlag zu beenden. Dann – —BUMMMMM— - ------------------------------------------------------------------------- Liam erwachte mit einem stechenden Dröhnen in seinem Schädel. Sein Geist war benommen, seine Gedanken wirbelten wild durcheinander, bis sie sich nach und nach ordneten. Der Plan. Die Boz. Colart. Sofort sprang er auf – oder versuchte es zumindest. Ein scharfer Schmerz durchzuckte seine Seite, und er taumelte leicht, bevor er sich fing. Sein Blick flog durch den Raum, suchte nach dem Minotauren, doch nirgends war eine Spur von ihm zu sehen. Wo war er? Dann fiel sein Blick auf die schwere Tür, hinter der sich die Boz befinden musste. Sie war noch immer verschlossen, unversehrt. Doch das ungute Gefühl in Liams Magen ließ nicht nach. Sein Blick wanderte weiter, und schließlich sah er es – ein riesiges Loch in der Wand. Er humpelte zur Öffnung und erstarrte. Ein eisiger Schauer lief ihm über den Rücken. Randurin stand in Flammen. Nicht die ganze Stadt, aber ein erheblicher Teil. Mindestens ein Fünftel der Gebäude brannte lichterloh. Die schwarzen Rauchschwaden zogen wie unheilvolle Schleier durch die engen Gassen, während Menschen in Panik durch die Straßen rannten. Schreie hallten durch die Stadt, begleitet vom Krachen einstürzender Häuser und dem Funkenflug der Flammen. Nidhogg. Liam fluchte leise. „Verdammt…“ Er hätte es wissen müssen. Hätte niemals auf einen Fanatiker vertrauen dürfen. Aber jetzt war es zu spät, um sich über Fehler Gedanken zu machen. —BUMMMMM— Eine ohrenbetäubende Explosion ließ die gesamte Festung erzittern. Die Druckwelle erfasste Liam, riss ihn beinahe von den Füßen. Staub und Asche stoben durch die Luft, und er musste blinzeln, um zu erkennen, woher die Detonation gekommen war. Sein Blick fiel auf eine Stelle mitten in der Stadt. Ein ganzer Häuserblock, der vor wenigen Sekunden noch stand, existierte nicht mehr. Er war dem Erdboden gleichgemacht worden, nichts als Schutt und rauchende Trümmer blieben zurück. Und inmitten dieses infernalischen Chaos stand eine verkohlte Gestalt. Nidhogg. Seine Arme waren weit in den Himmel gereckt, schwarze Rauchschwaden stiegen von seinem Körper auf, als hätte er selbst die Flammen des Himmels entfesselt. Und dann – dann begann er zu lachen. Es war kein normales Lachen. Kein Lachen eines Siegers, kein Lachen der Erleichterung. Es war ein hämisches, brennendes Lachen, das von purer Ekstase und Zerstörungswut durchtränkt war. Liam wollte den Blick abwenden, doch dann sah er es. Etwas lag vor Nidhogg auf dem rußgeschwärzten Boden. Ein Körper – oder besser gesagt das, was einmal der Körper von Colart gewesen war. Sein Oberkörper lag zerschmettert auf dem Stein, die massige Brust aufgerissen, die Arme unnatürlich verdreht. Von seinem Kopf oder seinen Beinen fehlte jede Spur. Liam hielt den Atem an. Nidhogg hatte ihn tatsächlich besiegt. Er hatte einen Kaiserlichen Kopfgeldjäger vernichtet. Ein Moment des ungläubigen Staunens überkam Liam, bevor sein Verstand wieder die Oberhand gewann. Jetzt war keine Zeit für Zweifel oder Ehrfurcht. Jetzt musste er handeln. Mit einem letzten Blick auf das Inferno drehte er sich um. Die Stadt brannte, doch das war jetzt Nebensache. Sein Ziel war klar – Nidhogg hatte seinen Teil getan. Nun war es an ihm, sich die Boz zu holen.
- Kapitel 109 - Vierzig Tote im Schnee
Gnosch ließ seinen Blick über die acht Soldaten wandern, die sich mit gezogenen Klingen vor ihm aufstellten. Menschen in schweren Eisenrüstungen, bewaffnet mit Schwertern – doch für ihn waren sie nichts weiter als kümmerliche Hindernisse. Menschen halt. Er schnaubte amüsiert, während er seine Keule hob. Die Nägel, die aus dem Holz ragten, funkelten im fahlen Licht. „Kommt doch, kämpft! Kämpft!“ brüllte er ihnen entgegen, während er sich in Bewegung setzte. Seine gewaltigen Schritte ließen den Boden erbeben. Neben ihm bewegte sich Kroll, sein Bruder – ruhig, kontrolliert. Ein Kontrast zu Gnoschs tobender Wut. Kroll kämpfte wie ein Jäger, berechnend und mit tödlicher Präzision. Gnosch hingegen war ein Sturm, der alles niederwalzte, das sich ihm in den Weg stellte. Mit einem dröhnenden Lachen ließ er seine Keule auf den ersten Soldaten niedersausen. —KRAK— Knochen barsten, der Schädel des Mannes wurde in einer grotesken Explosion aus Blut und Splittern zertrümmert. Die Wucht des Schlags ließ den leblosen Körper nach hinten taumeln, wo er wie eine zerbrochene Holzpuppe zusammenbrach. Die drei verbliebenen Soldaten, die ihm gegenüberstanden, erstarrten für einen Moment. Der Jüngste unter ihnen – ein blasser Junge, kaum älter als vierzehn – trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sein Griff um das Schwert war zittrig, seine Augen weit aufgerissen vor blanker Angst. Ein Kind. Gnosch grinste breit, das Adrenalin rauschte durch seine Adern. „Na, Jungchen? Hast wohl Pech gehabt!“ donnerte er und setzte zum Sturmangriff an. Einer der Soldaten versuchte, sich zwischen ihn und den Jungen zu schieben, doch Gnosch rammte ihm kurzerhand seine Faust in die Seite. Der Mann wurde mit einem unterdrückten Keuchen zur Seite geschleudert, als hätte ihn ein Pferd mit voller Wucht getreten. Der Junge stand nun völlig schutzlos vor ihm. Gnosch hob seine Keule und ließ sie mit brutaler Kraft niedersausen. —BANG— Der Aufprall ließ die Luft vibrieren. Der metallene Klang des Plattenharnischs, der unter der Wucht des Schlags nachgab, hallte über den ganzen Hinterhof. Der Junge wurde förmlich aus seinen Stiefeln gerissen, Blut spritzte aus seinem Mund, als er mit voller Wucht gegen die steinerne Wand des Ministeriums geschleudert wurde. Sein Körper prallte ab und blieb reglos im Schnee liegen. Doch dann, noch bevor Gnosch sich seinem nächsten Opfer zuwenden konnte, durchschnitt ein neuer Laut das Schlachtgetümmel. —BUDOOOOO— Ein Hornstoß, tief und durchdringend, hallte über die Mauern Randurins hinweg. Ein Signal. Die Verstärkung kam. - ------------------------------------------------------------------------- Kroll und Gnosch wurden in einem Ogerstamm nahe Schneeburg im Herzogtum Kartaffel geboren, der letzten Hochburg ihres Volkes auf dem Kontinent. Schon früh zeichnete sich ab, dass die beiden Brüder selbst für Oger außergewöhnlich Kräftig waren – größer, stärker und furchtloser als die meisten ihrer Artgenossen. Bereits als Kinder nahmen sie an Jagden und Stammesfehden teil, getrieben von einem unbändigen Kampfgeist und einem unerschütterlichen Willen, sich zu beweisen. Gnosch war eine unaufhaltsame Lawine auf dem Schlachtfeld. Mit wilder Entschlossenheit und roher Gewalt mähte er alles nieder, was sich ihm in den Weg stellte, ohne Rücksicht auf sich selbst. Verletzungen waren für ihn nichts weiter als Erinnerungen an vergangene Kämpfe, Narben Trophäen auf seiner Haut. Doch genau diese Rücksichtslosigkeit brachte ihn immer wieder an den Rand des Todes – nach jedem Gefecht musste er von den Schamanen des Stammes notdürftig zusammengeflickt werden, nur um beim nächsten Kampf noch erbarmungsloser zuzuschlagen. Kroll hingegen war sein Gegenstück. Er besaß die gleiche rohe Kraft wie sein Bruder, doch anstatt sich kopfüber in die Schlacht zu stürzen, kämpfte er mit Bedacht. Sein scharfer Verstand machte ihn zu einem Jäger, der die Schwächen seiner Gegner analysierte, bevor er zuschlug. Während Gnosch zerstörte, beobachtete Kroll. Während Gnosch tobte, blieb Kroll ruhig. Gemeinsam wurden sie zur Legende unter den Ogern, gefürchtet und bewundert gleichermaßen – unaufhaltsame Krieger, die wie die letzten Bollwerke einer sterbenden Ära wirkten. Doch eines Tages wurde ebendiese Ära mit einem einzigen Befehl des Kaisers ausgelöscht. Kaiser Tavil IV, besessen von seiner Vision eines reinen Kaiserreichs ohne Oger, Schattenläufer oder Lupiden, ließ die Kaiserliche Armee ausschwärmen, um den letzten Ogerstämmen den Garaus zu machen. Die Feuer der Menschen brannten hell in den Dörfern des Nordens, das Blut der Oger färbte den Schnee rot. Die ersten Siedlungen fielen innerhalb weniger Tage, und als die Kunde vom Massaker die Brüder erreichte, zögerten sie keinen Moment. Mit ihren Waffen in der Hand wollten sie losziehen, sich der Übermacht der kaiserlichen Truppen entgegenstellen. Sie wussten, dass es aussichtslos war. Sie wussten, dass es ihr Tod sein würde. Doch sie waren bereit – lieber wollten sie im Kampf fallen, als ihre Heimat kampflos aufzugeben. Doch der Älteste ihres Dorfes, Jork, hatte andere Pläne. Er sah in ihnen mehr als nur Krieger. Er sah Hoffnung. Und so überredete er sie, vor dem Aufbruch noch einmal mit ihm zu speisen – ein letztes Mahl, um ihre Stärke zu ehren. In den schweren Becher Met, den er ihnen reichte, mischte er ein mächtiges Schlafmittel. Sie bemerkten nichts und als sie erwachten, war es bereits zu spät. Das Dorf, das sie beschützen wollten, war niedergebrannt. Die Oger, ihre Brüder und Schwestern, waren tot. Die Stämme, die seit Jahrhunderten im Schnee von Kartaffel überlebt hatten, existierten nicht mehr. Gnosch tobte vor Wut, wollte sich sofort auf den Weg zur Kaiserstadt machen, wollte alles niederbrennen, das den Menschen gehörte. Doch Kroll hielt ihn zurück. Jetzt blindlings zuzuschlagen würde nichts ändern. Sie mussten warten. Sie mussten einen Plan haben. Und so verharrten sie in den Schatten der Welt, gezwungen, sich zu verstecken, während das Kaiserreich weiter bestand. Die Jahre vergingen. Kaiser Tavil IV starb, ersetzt durch seinen Sohn. Das Blutvergießen geriet in Vergessenheit, und langsam begann sich die Einstellung der Menschen zu ändern. Doch für Kroll und Gnosch war nichts vergessen. Sie zogen nach Schneeburg, verbargen ihre Identität so gut sie konnten und verdingten sich als Söldner. Sie warteten. Auf den richtigen Moment. Auf die richtige Gelegenheit. Dann, eines Tages, betraten drei Fremde die Stadt. Ein Elf mit durchdringenden Augen, ein Vishap mit schwarzen Schuppen und ein Mensch, der ruhig und berechnend wirkte. Der Elf kam direkt auf sie zu, stellte sich als Liam vor – und erzählte ihnen von seinem Plan. Er wollte Randurin einnehmen. Einen Aufstand entfachen. Das Kaiserreich zum Einsturz bringen. Kroll und Gnosch mussten nicht lange überlegen. Es spielte keine Rolle, ob dieser Plan Aussicht auf Erfolg hatte. Es spielte keine Rolle, ob es Wahnsinn war. Alles, was zählte, war die eine Chance, die sie ihr ganzes Leben lang gesucht hatten. Die Chance auf Rache. - ------------------------------------------------------------------------- Die engen Gassen Randurins bebten unter den schweren Stiefeln der heranrückenden Soldaten. Von allen Seiten strömten sie herbei, ein endlos scheinender Strom aus stählernen Rüstungen und gezogenen Schwertern. Ihre Gesichter waren entschlossen, ihre Bewegungen koordiniert – sie wussten, dass sie zahlenmäßig überlegen waren. Viele Krieger hatten sich bereits versammelt, und es wurden immer mehr. Kroll ließ seinen Blick über die Reihen gleiten, zählte die Feinde. Zwanzig, dreißig, vierzig… schließlich über fünfzig. Zu viele für einen offenen Kampf, selbst für ihn und Gnosch. Neben ihm lagen die leblosen Körper der vier Soldaten, die er bereits niedergerungen hatte. Ihre Waffen, nutzlos aus ihren Fingern geglitten, spiegelten das fahle Licht der Straßenlaternen wider. Ein paar Schritte entfernt stand sein Bruder Gnosch, ebenfalls über vier Toten – seine Keule war blutverschmiert, und sein Brustkorb hob und senkte sich schwer vor Erregung. Kroll wollte ihm gerade etwas zurufen, als plötzlich hinter ihnen das große Tor aufschwang. Ralf trat hervor, an seiner Seite Jakira, die lautlos wie ein Schatten neben ihm stand. Seine Augen ruhten auf den anrückenden Soldaten, dann auf Kroll. „Kroll, du kommst mit uns. Wir werden den Herzog finden“, befahl er mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. Ein Hauch von Besorgnis schwang in seinen Worten mit. Kroll öffnete den Mund, wollte widersprechen – wollte bei seinem Bruder bleiben. Doch bevor er etwas sagen konnte, fiel sein Blick auf Gnosch. Sein Bruder grinste breit, seine Zähne funkelten im Halbdunkel. Er lebte für diesen Moment. Für den Kampf, für das Chaos, für rohe Gewalt. Gnosch nickte, sein Grinsen wurde noch breiter. „Wie du willst, kleiner Bruder.“ Es war kein Abschied, kein langes Zögern – nur ein letzter Blick, ein stilles Verständnis zwischen den beiden. Eine stumme Anerkennung der Tatsache, dass jeder seinen eigenen Kampf zu führen hatte. Dann trat Kroll durch das Tor, und mit einem dröhnenden Knall fiel es hinter ihm ins Schloss. - ------------------------------------------------------------------------- Gnosch drehte sich um, ließ seine mächtigen Schultern kreisen und schwang die blutverschmierte Keule durch die kalte Luft. Die Soldaten zögerten, als sie den riesenhaften Oger betrachteten, der sich ihnen allein entgegenstellte. Ein Berg aus Muskeln und Wut, bereit, sie in Stücke zu schlagen. Doch dann, nach einem kurzen Moment der Unsicherheit, setzten sich die ersten in Bewegung. „Na los“, knurrte Gnosch mit einem breiten, zähnefletschenden Grinsen. Seine Augen loderten vor Blutlust. „Wer will als Erster?“ Ohne zu warten, stürmte er los. Der erste Soldat hatte nicht einmal Zeit, sein Schwert zu heben, bevor Gnoschs Keule ihn mit der Wucht eines Bergrutsches erfasste. Sein Körper wurde durch die Luft geschleudert, krachte gegen zwei seiner Kameraden und riss sie mit zu Boden. Bevor sie sich wieder aufrappeln konnten, sprang Gnosch über sie hinweg, packte den nächstbesten Gegner mit seiner gewaltigen Pranke am Kopf und drückte zu. Der Helm des Mannes beulte nach innen, Blut und Hirnmasse quollen hervor, während ein entsetzlicher Laut aus dem sich verformenden Stahl drang. Gnosch ließ die leblose Hülle achtlos fallen und riss seine Keule herum, um den nächsten Feind zu zerschmettern. Er war in seinem Element. Ein wandelnder Albtraum aus Muskeln, Stahl und Blut. Jeder Schlag seiner Keule hinterließ gebrochene Körper, jeder Tritt schleuderte Feinde durch die Luft, und wenn sich ihm jemand zu nahe wagte, verbiss er sich mit seinen scharfen Reißzähnen in Rüstungen, Fleisch und Knochen. Die Soldaten wichen zurück, doch es half ihnen nichts. Gnosch fegte durch ihre Reihen, ein Sturm aus roher Gewalt und unbändigem Zorn. Er spürte nicht, wie Schwerter und Speere in sein Fleisch schnitten. Spürte nicht, wie Pfeile in seine Arme und Beine drangen. Blut rann in dicken Strömen aus seinen Wunden, mischte sich mit dem seiner Feinde und färbte den vereisten Boden rot. Doch er kämpfte weiter. Walzte durch ihre Reihen, ließ seine Keule niedersausen, brach Glieder, zerschmetterte Helme, zertrümmerte Rippen. Doch egal wie viele er tötete, es kamen immer mehr. Er wusste, dass seine Kräfte schwanden. Sein Atem wurde schwerer, seine Arme fühlten sich an, als würde Blei in seinen Muskeln ruhen. Doch er hielt durch. Er musste durchhalten. Jede Sekunde, die er die Soldaten aufhielt, war eine Sekunde mehr für Ralf, für Jakira, für seinen Bruder. Das war alles, was zählte. „Ist das alles, was ihr draufhabt?“ brüllte er, spuckte Blut aus und grinste höhnisch. Sein ganzer Körper war ein Schlachtfeld, doch seine Entschlossenheit weiter ungebrochen. Sie kämpften weiter. Immer mehr Soldaten stürzten sich auf ihn, schienen ihn unter ihrer Masse erdrücken zu wollen. Doch er kämpfte, brüllte, hieb um sich, riss weitere kaiserliche mit sich in den Tod. Schließlich, mit letzter Kraft, hob Gnosch seine Keule ein letztes Mal und ließ sie auf einen Gegner niederdonnern. Der Boden bebte, Holz splitterte, Knochen brachen. Dann sanken seine Knie langsam auf den Boden. Seine Kraft verließ ihn, seine Atemzüge wurden flacher. Er spürte den kalten Schnee unter sich, das warme Blut auf seiner Haut. Um ihn herum lagen die Leichen seiner Feinde, der Hinterhof war zu einem blutigen Massengrab geworden. Gnosch hörte Stimmen, doch sie klangen fern, verzerrt, als kämen sie aus einer anderen Welt. [???] „Was für ein fürchterlicher Oger… er hat allein mehr als vierzig Soldaten getötet…“ Ein zufriedenes Grunzen entwich Gnoschs Kehle. Vierzig. Eine gute Zahl. Mit einem letzten, tiefen Atemzug ließ er den Kopf nach vorne sinken – und wurde von der Dunkelheit umfangen.
- Kapitel 108 - Der Sturm auf Randurin beginnt
Ralf ließ seinen Blick über Jakira schweifen. Die Schattenläuferin wirkte heute… anders. Zufriedener, ausgeglichener – als hätte sie etwas gefunden, das ihr Ruhe schenkte. Er wusste, dass sie die Nacht bei Liam verbracht hatte. Es war ihm nicht entgangen, wie sie am Morgen mit einem kaum wahrnehmbaren Lächeln auf den Lippen aus seinem Zimmer getreten war. Er sagte nichts. Würde es niemals ansprechen. Alles, was Liam half, war für ihn eine Sache, die er befürwortete. Er hatte sich geschworen, seinem Boss zu folgen, ihn zu unterstützen, egal was passierte. Doch es bedeutete nicht, dass es nicht wehtat. Er verdrängte das Stechen in seiner Brust und richtete seine volle Aufmerksamkeit auf ihre Mission. Sie hatten es ohne Zwischenfälle durch die Tore Randurins geschafft. Nun standen er, Jakira und die Ogerbrüder Kroll und Gnosch in einer schmalen Gasse, nur eine Straße vom Ministerium entfernt – dem Gebäude, in dem sich Herzog Will de Randurin tagsüber aufhielt. Ralf lehnte sich gegen die vereiste Wand eines Lagerhauses und spähte vorsichtig um die Ecke. Sein Blick fiel auf den Hinterhof des Ministeriums. Die Wachen waren erwartungsgemäß gut aufgestellt. Er musterte die Soldaten und begann, leise zu zählen. „Acht Fußsoldaten im Hinterhof, vier Armbrustschützen hinter den Schießscharten“, murmelte er mehr zu sich selbst als zu den anderen. Eine direkte Konfrontation wäre dumm. Er war ein fähiger Kämpfer, aber nicht auf dem Level von Jakira, Liam oder gar Nidhogg. Er musste klug vorgehen. Sein Blick wanderte zu Kroll und Gnosch. Die beiden Oger waren Muskelberge, kaum in Rüstungen zu zwängen, aber wenn es darum ging, eine Ablenkung zu schaffen, gab es niemanden Besseren. „Kroll, Gnosch, kommt mal her“, rief er ihnen leise zu. Die Brüder traten näher, ihre massiven Körper wirkten in der engen Gasse noch furchteinflößender. ,,Ja, Ralf?’’ ,,Ja, Unterboss?’’ Er zeigte auf die Wachen im Hinterhof. „Meint ihr, ihr könnt sie lange genug beschäftigen?“ Die Oger grinsten breit, Zähne, die zu groß für ihre Münder schienen, blitzten im schwachen Licht auf. „Leicht“, brummte Kroll. „Ich kann’s kaum erwarten“, fügte Gnosch hinzu, während er seine massiven Finger knacken ließ. Ralf nickte zufrieden, dann wandte er sich an Jakira. Bei ihr musste er nicht erst fragen. „Jakira, du kommst mit mir“, flüsterte er und trat näher an sie heran. Sie hob eine Augenbraue, ihre Augen funkelten neugierig. „Und was hast du vor, Stratege?“ Er ließ seinen Blick nach oben wandern, zu den kleinen, schmalen Fensteröffnungen der Wachtürme, hinter denen sich die Armbrustschützen positioniert hatten. „Du kannst doch mit den Schatten verschmelzen, oder?“ fragte er, obwohl er die Antwort längst kannte. Jakira lächelte. „Was glaubst du denn? Ich bin eine Schattenläuferin.“ Er erwiderte ihr Lächeln nicht. „Ich werde die Schützen blenden. Sobald sie nichts mehr sehen können, erledigst du sie.“ „Hm“, machte Jakira nachdenklich. „Das klingt nach Spaß.“ Noch bevor er reagieren konnte, war sie bereits in Bewegung. Sie trat lautlos in den Schatten einer gefrorenen Hauswand – und verschwand. Ralf beobachtete, wie ihre Silhouette im Nichts aufging. Kein Flüstern, kein Geräusch. Sie war ein Geist. Er holte tief Luft. Jetzt war er dran. Die Oger betraten den Hinterhof, und wie erwartet zogen sie sofort die Aufmerksamkeit der Wachen auf sich. Ein Alarmruf ertönte, Schwerter wurden gezückt, die Fußsoldaten formierten sich. Das war sein Moment. Ralf streckte seine Hände aus, sammelte die Magie in seinen Fingerspitzen. Sein Licht war keine zerstörerische Kraft, nicht so wie Feuer oder Blitze, aber sie konnte seine Feinde blenden. „Komm schon, Ralf“, murmelte er sich selbst zu. „Du darfst den Boss nicht enttäuschen.“ -------------------------------------------------------------------------- Liam, Nidhogg und Locart stiegen die engen, in den Fels gehauenen Treppen hinab, die tief in die uralten Katakomben der Festungsstadt führten. Der Geruch von feuchtem Stein und die abgestandene Luft lag schwer, während schummrigen Fackeln an den Wänden schwach flackerten. Die Schatten tanzten um sie herum wie geisterhafte Wesen, die in den Ecken lauerten. Liam hielt sich an die Baupläne, die ihm Prinzessin Nara zugespielt hatte. Ohne diese Karten hätten sie sich in diesem unterirdischen Labyrinth hoffnungslos verirrt. Randurin war eine Festung, die darauf ausgelegt war, unerwünschte Besucher zu verschlingen. Jeder Tunnel konnte in eine Falle führen, jede Abzweigung in eine Sackgasse. „Von hier aus… nach rechts…“ murmelte er und führte die Gruppe durch die verworrenen Gänge. Liams Gedanken kreisten um die Boz. Wer würde die Waffe bewachen? Selbst wenn Jasmin, seine stärkste Gegnerin, nicht hier war, wäre es töricht anzunehmen, dass die Aufgabe leicht sein würde. Der Herzog war nicht dumm – er würde sein größtes Gut nicht ungeschützt lassen. Immer weiter führte ihr Weg sie nach unten. Die Stufen unter ihren Füßen waren glattgetreten von Jahrhunderten der Nutzung, und die Wände trugen die Spuren zahlloser Hände, die einst durch diese Tunnel gewandert waren. Das Knistern einer fernen Fackel hallte in der Stille wider, und irgendwo in der Dunkelheit tropfte Wasser auf den Steinboden. Dann hielt Liam abrupt an. Sie standen vor einer unscheinbaren Wand – sie sah aus wie jede andere in diesem endlosen Gewirr aus Korridoren und Kammern. Locart trat näher, strich mit den Fingern über die kalte Oberfläche. „Das hier soll der Eingang sein?“ fragte er skeptisch. Liam nickte. „Ja, ganz sicher. Hinter dieser Wand liegt das Verlies der Herzogsburg. Wenn wir hier durchkommen, sind wir nur noch einige Stockwerke von der Boz entfernt.“ Er überlegte gerade, wie sie die Mauer leise und effizient überwinden konnten, als plötzlich— —BAMM— Ein ohrenbetäubender Knall riss ihn aus seinen Gedanken, als eine gewaltige Explosion den Gang erschütterte. Glühende Flammen schossen durch den Tunnel, versengten Liams Augenbrauen und füllten die Luft mit brennendem Staub. Die Druckwelle schleuderte ihn einen Schritt zurück, während lose Steine aus den Wänden brachen und scheppernd auf den Boden fielen. Liam riss die Arme vors Gesicht, hustete und blinzelte durch die dichte Rauchwolke. Er spürte die Hitze noch immer auf seiner Haut brennen, während sich der Staub langsam legte. „Nidhogg?!“ schrie er ungläubig. Der Vishap stand mitten in den Trümmern der einst soliden Wand, seine verbrannte Hand noch immer ausgestreckt. Glühende Asche umhüllte ihn wie ein Inferno, seine Schuppen war versengt, doch sein Gesicht zeigte nicht den Hauch von Schmerz – nur pures Entzücken. Seine Lippen verzogen sich zu einem manischen Grinsen, als er mit tiefer, inbrünstiger Stimme sprach: „Oh großer Kaen, leite mich auf meinem Weg… entzünde meine Flammen… sodass ich den Tempel Cassiels niederbrennen kann.“ Liam presste die Kiefer zusammen, unterdrückte den Drang, Nidhogg für seine Dummheit niederzuschlagen. Er hasste diesen Fanatiker. Hasste ihn für seine Unberechenbarkeit, für seine Besessenheit, für seine kranke Faszination für Feuer und Zerstörung. Doch bevor er eine spitze Bemerkung machen konnte, erklang Locarts Stimme aus der Dunkelheit hinter den Trümmern. „Kommt ihr?“ rief er in seiner üblichen, fast gelangweilten Stimme. Er war bereits ins Verlies geschlichen, als ob die Explosion nur eine Nebensächlichkeit gewesen wäre. Nidhogg lachte tief in seiner Kehle, trat zufrieden durch die rauchenden Überreste der Mauer und ließ seine verbrannte Hand dabei achtlos hängen – als wäre das Fleisch, das sich in schwarzen Fetzen von seinen Knochen löste, ein Opfer, das er freudig für seinen Glauben erbracht hatte. Liam ballte die Fäuste, unterdrückte seine Wut und trat ebenfalls durch die Trümmer. Er hatte keine andere Wahl. Wenn er die Boz wollte, musste er sich mit diesem Monster verbünden – zumindest für jetzt. -------------------------------------------------------------------------- Claurian huschte mit flinken, beinahe lautlosen Bewegungen durch die gefrorenen Straßen Randurins. Der eisige Wind zerrte an ihrem Mantel, ließ ihre schneeweißen Haare wild flattern, während ihre scharfen Augen die Umgebung durchdrangen. Jede Faser ihres Körpers war angespannt, jede Bewegung präzise. Ihre Finger krallten sich fester um die verzierten Griffe ihrer beiden Säbel, das Metall fühlte sich kalt und vertraut an. Wo war sie? Jasmin musste hier irgendwo sein. Claurian hatte bereits die Kirche des Kamerismus überprüft, das Ministerium und sogar die Herzogsburg – doch nirgends hatte sie die Frau mit den weißen Flügeln gefunden. Oder hatte sie sie etwa übersehen? Dann – ein flüchtiger Blick zur Seite, ein Funken der Erkenntnis. In einer unscheinbaren Ecke der Stadt, vor einem kleinen Fischrestaurant, saß eine Frau an einem hölzernen Tisch. Schwarze Haare, weiß gefaltete Flügel. Jasmin. Seelenruhig, in aller Ruhe speisend, als wäre nichts in der Welt von Bedeutung. Claurian zögerte nicht. Mit einer blitzschnellen Bewegung riss sie ihren Arm gen Himmel, eine knisternde Kugel aus Elektrizität formte sich in ihrer Handfläche. Einen Moment lang ließ sie die Spannung in der Luft vibrieren, dann schoss sie den Kugelblitz hoch über die Häuserdächer. —BOOM!— Ein grelles Licht explodierte am Himmel wie eine zweite Sonne. Das Signal war gegeben. Die Halbriesen würden wissen, dass sie Jasmin gefunden hatte. Ohne einen weiteren Moment zu verschwenden, stürzte sie auf Jasmin zu. Ihre Schritte waren federleicht, der Schnee unter ihr gab kaum einen Laut von sich. In einer flüssigen Bewegung ließ sie ihre Klingen tanzen – der rechte Säbel raste auf die gefalteten Flügel zu, während der linke mit tödlicher Präzision direkt in Jasmins Brust stach. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass es so einfach sein würde. Sie hatte nicht geglaubt, dass Jasmin unvorbereitet sein könnte. Doch dann – der Widerstand. Ein Schock fuhr durch Claurian, als sie spürte, wie das Metall tief in Fleisch und Knochen drang. Dunkles, warmes Blut spritzte hervor, färbte den weißen Schnee in ein tiefes, sattes Rot. Ein heiseres Keuchen entwich Jasmins Lippen, ihr Körper sackte leicht zur Seite, ihre Hände zuckten – ungläubig, als ob sie selbst nicht begreifen konnte, was gerade geschehen war. ,,Claurian, wir kommen!’’ Die lauten Rufe hallten durch die Straßen, als die vier Halbriesen um eine Ecke gestürmt kamen. Ihre gewaltigen Waffen – schwarze Streitäxte und massive Kriegshämmer – blitzten im kalten Licht auf, während sie sich zu ihr gesellten. Sie hielten einen Moment inne, musterten die gefallene Jasmin. Ihre Brust hob und senkte sich flach, ihre dunklen Augen waren halb geschlossen, während ihr Blut weiterhin auf das Pflaster tropfte. „Verdammt“, murmelte einer der Halbriesen, sein Blick eine Mischung aus Überraschung und Ehrfurcht. „Du bist der Wahnsinn, Claurian.“ Claurian öffnete gerade den Mund, um etwas zu erwidern – da geschah es. Ein Licht, heller als tausend Sonnen, brach aus Jasmins Körper hervor. Claurian riss die Arme vor ihr Gesicht, um nicht geblendet zu werden, während ein heiliger Glanz die gesamte Straße überflutete. Eine gewaltige, brennende Aura flammte auf – unheilvoll, göttlich, erbarmungslos. Als Claurian wieder blinzeln konnte, sah sie Jasmin. Nicht am Boden, nicht sterbend – sondern schwebend in der Luft. Ihre Wunden waren verschwunden, jede Spur von Verletzung ausgelöscht, als hätte sie nie geblutet. In ihrer rechten Hand hielt sie nun einen gewaltiges Schwert, dessen Klinge mit hellem Licht getränkt war. Dann öffnete sie die Lippen, und ihre Stimme hallte über die Stadt: „Im Namen Kameras verurteile ich euch Ungläubigen zum Tode!“ Mit einem mächtigen Flügelschlag stürzte sie sich auf Claurian und die Halbriesen herab – eine lebendige Kriegerin des göttlichen Zorns.
- Kapitel 107 - Aus den Augen eines Drachen
Immer wieder ließ Leyla ihren Blick über die sorgfältig zusammengestellten Schriften gleiten, die Eroica ihr beschafft hatte. Geschichten von Tabak’schen Seeleuten, detaillierte Handelsberichte über die florierenden Geschäfte in Tripolis, die politische Struktur der Tabakinseln und zahllose kleinere Werke, die ihr helfen sollten, sich auf ihre Mission vorzubereiten. Über Mylrie jedoch fand sich kaum etwas. Ein Umstand, der sie überraschte – und zugleich misstrauisch machte. Lediglich einige alte Geschichtsbücher und der Bericht eines Meriden, der vor über siebenhundert Jahren niedergeschrieben worden war, standen ihr zur Verfügung. Dass eine Stadt von solcher Größe und Bedeutung kaum dokumentiert war, konnte kein Zufall sein. Nachdenklich klappte sie das Buch in ihren Händen zu. ,,Ramons Schiffsbauschule’’ Der Titel hatte sie anfangs getäuscht. Sie hatte eine technische Abhandlung über den Schiffsbau erwartet, doch stattdessen handelte das Werk von der einflussreichen Rolle der Engelskirche auf den Tabakinseln. Der Kamerismus, die dominante Religion im Kaiserreich, hatte dort nur einen geringen Fußabdruck. Stattdessen folgten viele den alten Lehren der Erzengel, die anders als im Kaiserreich mehr als ein Relikt der Vergangenheit war. Leyla schnaubte leise, als sie das Buch beiseitelegte. Ihr Blick wanderte über das offene Feld, das sich sanft über die Landschaft ausbreitete. Sie befand sich einige Kilometer von der Kaiserstadt entfernt auf einem abgelegenen Hügel, genau an dem Ort, den Yang ihr für die Abholung genannt hatte. Wie und von wen sie abgeholt werden würde? Das hatte man ihr nicht gesagt. Das Transportmittel? Ebenfalls unbekannt. Yang hatte ihr lediglich befohlen, sich hier zur vereinbarten Zeit einzufinden. Mehr Informationen hatte sie nicht erhalten. Sie wusste nur eines: Keiner der anderen Kaiserlichen Kopfgeldjäger befand sich derzeit in der Kaiserstadt. Nea und Bunj waren beide auf Missionen unterwegs, und auch Yang war wieder im Kaiserpalast verschwunden, nachdem sie ihr den Befehl für die Reise nach Tripolis erteilt hatte. Leyla seufzte. Schade. Nach ihrem Auftrag in Welldyl hatte sie gehofft, ihre Freunde wiederzusehen, sich mit ihnen auszutauschen – eine kleine Pause. Doch es sollte nicht sein. Sie ließ ihren Blick über den Horizont schweifen, während der Wind sanft durch ihr Haar strich. Plötzlich entdeckte sie eine dunkle Silhouette am Himmel. Ein schwarzer Punkt, der stetig näher kam. Leyla musste nicht lange überlegen, um zu wissen, was es war. Ein Drache. -------------------------------------------------------------------------- Was machte ein Drache hier? Leyla wusste, dass Drachen äußerst selten waren – und die wenigen, die existierten, hielten sich meist fern von großen Städten und menschlichen Siedlungen. Drachen waren alte, mächtige Wesen. Sie waren gefährlich. Für sie waren Menschen kaum mehr als niedere Lebensformen – schwächer, kleiner, dümmer. Ein unbedeutendes Volk, das sich wie Insekten auf ihrem Land ausbreitete. So, wie Menschen auf Schweine oder Kühe herabblickten, so betrachteten Drachen die Menschen. Leyla ballte die Faust. Würde sie kämpfen müssen? Der Drache begann, in einem weiten Kreis tiefer zu fliegen – auf sie zu. Sollte sie angreifen? Ein präziser Steinspeer, geschleudert mit all ihrer Kraft, könnte ihn vielleicht aufhalten, bevor er ihr zu nah kam. Aber was, wenn er nicht feindlich gesinnt war? Was, wenn er ihr Transportmittel war? „Nein…“ murmelte sie, während sie den gewaltigen Schatten über sich musterte. „Ich kann mir nicht sicher sein. Vielleicht soll er mich nach Tripolis bringen.“ Plötzlich sprang eine Gestalt vom Rücken des Drachen – ein Schatten, der mit unglaublicher Geschwindigkeit auf sie herabstürzte. —BAMM— Die Erde bebte unter der Wucht des Aufpralls. Feine Risse bildeten sich im harten Boden, und ein Windstoß wirbelte Staub in die Luft. Leyla zuckte zurück, riss den Blick hoch und begegnete den Augen der Person. Helle, stechende blaue Augen. Die Frau vor ihr wirkte kaum älter als Ende zwanzig, ihr langer, lilafarbener Schopf tanzte im Wind. Sie trug rote Gewänder, die sich eng an ihren Körper schmiegten und mit Gold bestickt waren. Ein roter Mantel wehte hinter ihr im Wind. Trotz der Wucht ihres Sprungs wirkte sie entspannt, als ob es das Normalste der Welt gewesen wäre, sich aus solcher Höhe fallen zu lassen. Ein breites Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Du musst Leyla sein!“ Die Stimme war fröhlich, energiegeladen – und hatte einen Druck, der Leyla das Gefühl gab, angebrüllt zu werden, obwohl die Frau nicht schrie. Jedes einzelne Wort hallte kraftvoll in ihrem Kopf nach. Leyla blinzelte irritiert. „Bringst du mich nach Tripolis?“ Während sie sprach, wanderte ihr Blick misstrauisch zu dem Drachen, der nun in engen Kreisen über ihnen flog – seine schuppenbedeckten Flügel spannten sich gewaltig, während er an Höhe verlor. „Genau!“ Die Frau nickte begeistert. „Ich bin Cyntha! Freut mich, dich kennenzulernen!“ Cyntha. Ein Name, den Leyla kannte. Die fünfte Kaiserliche Kopfgeldjägerin. Sie war eine der vier, die Leyla noch nicht getroffen hatte. Über ihre Fähigkeiten wusste sie nichts – in den offiziellen Dokumenten des Kaiserreichs stand kaum etwas über sie, was ungewöhnlich war, selbst für einen Kopfgeldjäger. Das Kaiserreich versuchte, die Stärken und Fähigkeiten der Kaiserlichen Kopfgeldjäger geheim zu halten – doch in Cynthas Fall schien es fast, als wäre ihre gesamte Existenz absichtlich aus den Aufzeichnungen entfernt worden. Leylas Blick fiel auf die spitzen Ohren, die unter Cynthas Haaren hervorschauten. Eine Elfe? Ein weiteres gewaltiges Flügelschlagen ließ den Boden erneut erbeben. Der schwarze Drache landete direkt neben ihnen, seine massigen Krallen gruben sich in die Erde, während er seinen Kopf zu den beiden wandte. Er war riesig. Noch größer als der Drache, dem Leyla einst in den Mittellanden begegnet war. Sein tiefschwarzes Schuppenkleid glänzte im schwachen Licht, seine Augen – leuchtend wie zwei rubinrote Leuchtfeuer – fixierten sie mit einem Ausdruck von stiller Dominanz. Ein Luftstoß, ausgelöst durch das mächtige Schlagen seiner Flügel, ließ Leyla kurz taumeln, bevor sie sich wieder fing. Cyntha kicherte und kletterte mit geübten Bewegungen auf den Rücken des Drachen. Dann streckte sie Leyla ihre Hand entgegen. ,,Komm! Lass uns losfliegen!’’ Leyla atmete tief durch. Dieser Tag wurde immer seltsamer. Zögernd hob sie die Hand – und ergriff Cynthas ausgestreckte Finger. -------------------------------------------------------------------------- Unter Leyla und Cyntha zog die Landschaft wie ein lebendiges Gemälde vorbei. Zu ihrer Rechten erstreckten sich die gewaltigen Berge der Larifen. Zu ihrer Linken breiteten sich endlose Felder, sanfte Wiesen und dichte, tiefgrüne Wälder aus, die sich bis zum Horizont erstreckten. Leyla hatte so eine atemberaubende Aussicht noch nie in ihrem Leben erblickt. Von hier oben wirkte die Welt friedlich, fast schon unwirklich. ,,Gefällt es dir?!’’ Cynthas fröhliche Stimme durchbrach den Wind. Leyla konnte sie mühelos verstehen – eine Tatsache, die sie überraschte. Eigentlich hätte der Fahrtwind ihre Worte zerreißen und unverständlich machen müssen. Außerdem, selbst als absolute Anfängerin fiel ihr das Sitzen auf dem Rücken des Drachen erstaunlich leicht. „Ja, total“, rief sie zurück. „Aber sag mal, Cyntha – warum können wir eigentlich so normal miteinander reden? Bei dieser Höhe und Geschwindigkeit müsste ich dich doch kaum hören.“ Cyntha drehte sich zu ihr um und setzte sich ohne Zögern im Schneidersitz auf die schwarzen Schuppen des Drachen. Eine beunruhigend sorglose Haltung für jemanden, der sich in tausenden Metern Höhe befand. „Das liegt an Zorda!“ erklärte sie fröhlich und tätschelte den mächtigen Hals des Drachen. „Mit seiner Magie lenkt er den Wind um uns herum, damit er uns nicht aus dem Gleichgewicht bringt! Außerdem erleichtert er dir das Sitzen, damit du nicht herunterfällst!“ Leylas Blick wanderte zu dem gewaltigen Wesen unter ihnen. Zorda. Der Name passte zu ihm – kraftvoll und alt. „Beeindruckend…“ murmelte sie, während sie eine Hand vorsichtig über die schuppige Oberfläche unter ihr gleiten ließ. Sie war noch nie auf einem Drachen gereist, doch diese Erfahrung war mehr als nur Fliegen – es war Freiheit. Nach einer kurzen Pause fragte sie: „Sag mal, Cyntha… wie bist du eigentlich an einen Drachen gekommen?“ Cyntha grinste breit, als ob sie genau auf diese Frage gewartet hatte. „Er ist zu mir gekommen!“ erklärte sie, voller Stolz. „Wir sind uns begegnet, als ich noch ganz klein war – in meiner Heimat. Und sofort hat er mich als seine Freundin ausgesucht!“ Leyla nickte beeindruckt. Von einem Drachen erwählt zu werden, war eine Seltenheit, vielleicht sogar Schicksal. Sie konnte sich nicht vorstellen, dass ein Wesen wie Zorda sich einfach irgendjemanden aussuchte. Ein leiser Wunsch regte sich in ihr. Würde sie jemals ein solches Band zu einem Drachen knüpfen können? Sie hatte noch so viele Fragen, so vieles, was sie über Cyntha und Zorda wissen wollte. Doch sie wollte sie nicht mit zu vielen auf einmal überfallen. Plötzlich breitete Cyntha die Arme aus, als wollte sie den Wind umarmen. „Immer wenn ich fliege, fühle ich mich meinem Zuhause näher!“ rief sie. „Deinem Zuhause?“ Leyla runzelte die Stirn. „Was ist denn dein Zuhause?“ Cyntha drehte sich halb zu ihr um, ihr Lächeln war warm und voller Nostalgie. „Ich komme aus Alkyre!“ Alkyre? Der Name traf Leyla wie ein verlorenes Fragment einer Erinnerung. Sie kannte diesen Ort. Nur woher? Dann fiel es ihr ein. ,,Die Reisen des Gheng Chu’’ Ein Buch, das sie einst in ihrer Gefangenschaft im Kaiserpalast gelesen hatte. -------------------------------------------------------------------------- Es war ein gar früher Morgen auf dem Kontinent Garnime, als mich ein tiefes, grollendes Dröhnen aus dem Schlafe riss. Ein Laut, der durch Mark und Bein fuhr, ein urgewaltiges Grollen, gleich einem fernen Donnerhall – doch kein Wölkchen trübte den Himmelsbogen. Mit klopfendem Herzen richtete ich mich auf, das Blut in meinen Adern pulsierte wie ein aufgeschreckter Strom. Noch von den Nebeln des Schlummers umfangen, trat ich an das runde Fenster meines bescheidenen Gemachs im Gasthause. Die Sonne, kaum mehr als ein junger Spross am Horizont, sandte ihre ersten goldenen Strahlen über das Land, tauchte Himmel und Erde in ein feuriges Gemisch aus Glutrot und Bernsteingelb. Frieden schien zu ruhen über der noch schlafenden Stadt – und doch war jenes unheilvolle Grollen fehl am Platze. Mein Blick wanderte über die dämmernde Siedlung, suchte nach dem Ursprung des unheimlichen Klanges. Und da sah ich es. Am Rande des Sichtfeldes, gleich einer Fata Morgana, flog eine Gestalt von so unermesslicher Größe, dass selbst die Berge im Gegenschein winzig erschienen. Der Urtitan Glike. Viele Lieder wurden gesungen, viele Legenden gewoben um jene wandelnden Titanen, deren körperliche Gestalt selbst den ältesten Erdenrücken überragte. Doch kein Wort der Weisen, kein Pergament gefüllt mit Mythen konnte mich auf diesen Anblick vorbereiten. Glike war nicht bloß Fleisch und Stein, nein, er war eine Welt für sich. Sein körperlicher Leib war umwuchert von uralten Wäldern, deren Baumkronen schienen, als würden sie den Himmel selbst tragen. Silberne Wasserfälle ergossen sich über seine felsgewordenen Schultern, sammelten sich in nebelverhangenen Strömen und stürzten in schimmernder Pracht hinab in die Weiten. Und auf seinem Rücken thronte eine Stadt. Mein Atem stockte. Es war eine Stadt von unvergleichlicher Erhabenheit, deren Türme, bekrönt von goldenen Kuppeln, im Lichte der jungen Sonne funkelten wie eingefangene Sternenflammen. Brücken, feingliedrig wie das Gewebe der Spinnwebenelfen, spannten sich von Turm zu Turm, gleichsam schwebend, als hätten Zauberhände sie gewoben. Wahrlich, solch ein Anblick mochte keinem sterblichen Auge je zuvor vergönnt worden sein. Ein Ruf – oder war es eine stumme Sehnsucht? – erfasste mich mit solcher Macht, dass ich nicht zögerte. Ich eilte hinaus und schwang mich auf den Rücken meines treuen Gefährten, eines Greifen, dessen Schwingen in goldenem Braun leuchteten und der stärker war als jede noch so wilde Windböe. Mit kräftigem Schlag hob er sich empor, durchbrach die frische Morgenluft, und wir setzten dem reisenden Koloss nach. Der Wind riss an meiner Gewandung, trug den salzigen Atem des nahen Meeres zu mir, während mein Blick unverwandt auf die Stadt gerichtet blieb, die mit jedem Herzschlag näher zu rücken schien. Doch dann – ein unsichtbarer Schlag. Wie gegen eine Wand aus gehärtetem Stahl fuhr ich, der Greif unter mir stieß einen schmerzvollen Schrei aus, seine Flügel fanden keinen Halt, rangen gegen eine unsichtbare Kraft. Ein Wall, gewebt aus Magie, pulsierte in der Luft, machte jeden näheren Vorstoß zunichte. Ich verfluchte mein Ungeschick. So nah war ich, und doch so fern. Mein Blick schweifte, suchte nach einer Schwäche in der magischen Sperre, einer Lücke, durch die ich hindurchbrechen könnte. Und da – ein anderes Bild fesselte meine Aufmerksamkeit. Auf dem höchsten der Türme stand eine Frau. Ihr Haar, dunkel wie die tiefste Nacht, tanzte mit dem Wind, als flüstere es ihm geheime Verse zu. Ihr Antlitz war hell, glatt wie polierter Marmor, und ihre Augen von solch einer Tiefe, dass sie dem unermesslichen Ozean glichen, den ich einst in fernen Landen erblickt hatte. Und sie sah mich. Nicht mit Angst. Nicht mit Verwunderung. Nein, mit einem Lächeln. Ein Lächeln, das mich traf wie der Pfeil eines Meisterschützen, direkt ins Herz. Lange folgte ich dem Titanen, sah die glitzernden Wasserfälle, die sich von seinen Schultern ergossen, die prächtige Stadt, die wie ein leuchtendes Juwel auf seinem Rücken ruhte. Doch meine Gedanken waren nicht mehr beim Titanen. Sie weilten bei ihr. Der Tag verging, und mit ihm schwand meine Hoffnung, die Barriere je zu durchdringen. Ich wusste, dass die Stadt mir auf ewig verschlossen bleiben würde. Doch was mich heimsuchte, war nicht die unerreichbare Stadt. Es war ihr Lächeln. Noch viele Monde darauf, in stillen Stunden, in den Schatten der Nacht und den fernen Träumen, sah ich ihr Gesicht. Und ich wusste, dass ich sie wiederfinden musste. -------------------------------------------------------------------------- Die Erkenntnis traf Leyla wie ein Blitz, und mit ihr explodierte pure Begeisterung in ihrer Brust. „Du bist eine Sonnensängerin, oder?!“ rief sie, ihre Stimme bebte vor Aufregung. Sonnensänger. Das geheimnisvolle Volk, das auf dem Rücken des Urtitanen Glike lebte. Über sie gab es kaum Berichte, kaum Legenden, kaum Wissen. Sie blieben in der Regel für sich, abgeschottet von der Welt, unerreichbar für jeden, der nicht zu ihnen gehörte. Niemand, der nicht selbst ein Sonnensänger war, konnte Alkyre betreten – oder verlassen. Cyntha kicherte und legte einen Finger an die Lippen. „Ganz richtig! Aber pssst! Behalte das für dich! Yang will nicht, dass jemand zu viel über mich weiß!“ Yang? Natürlich. Wenn sie angeordnet hatte, dass nichts über Cyntha an die Öffentlichkeit dringen durfte, dann war es kein Wunder, dass selbst innerhalb der Kopfgeldjäger kaum etwas über sie bekannt war. Leyla platzte fast vor Neugier. Sie hatte so viele Fragen. „Wie ist es so, in Alkyre zu leben?“ fragte sie mit großen Augen. Cyntha schien kurz zu überlegen, dann breitete sie mit strahlendem Lächeln die Arme aus. „Das würde ich dir so gerne erzählen! Aber... wir haben leider keine Zeit mehr!“ Sie deutete nach unten. Leylas Blick folgte ihrer Geste – und ihr Atem stockte. Das unendliche Blau des Ozeans erstreckte sich unter ihnen, eine spiegelnde Wasserwüste, durchzogen von kleinen Inseln, die wie verstreute Juwelen darin lagen. Einige waren winzig, kaum mehr als aus dem Wasser ragende Felsen, andere größer, mit dichten Wäldern und weißen Sandstränden. Doch eine Insel war anders. Eine gewaltige Hafenstadt breitete sich an ihrer Küste aus, ihre Straßen und Gebäude wirkten von oben wie ein Mosaik aus Farben. Tripolis. Aber es war nicht die Stadt, die Leyla in ihren Bann zog. Es war der Berg. Neben der Stadt ragte er in den Himmel – nicht bloß ein Berg, sondern ein Titan. Sein schneeweißer Gipfel durchbrach die Wolken, sein massiver Leib schien die Welt in zwei Hälften zu teilen. Der Schatten, den er auf das Meer warf, war so gewaltig, dass er einen Teil der Insel in Dunkelheit tauchte. Der Kilassahara — der höchste Berg der Welt. Leyla hatte sich so sehr in das Gespräch mit Cyntha verloren, dass sie ihn gar nicht bemerkt hatte. Nun, da er sich ihr offenbarte, konnte sie nicht anders, als ihn mit ehrfürchtigem Staunen anzusehen. Doch genau in diesem Moment – ein harter Stoß in ihren Rücken. Bevor sie auch nur begreifen konnte, was geschah, wurde ihr der Boden unter den Füßen entrissen. Die Welt drehte sich. Sie fiel. -------------------------------------------------------------------------- Während sie wie eine Sternschnuppe durch den Himmel raste, hörte Leyla Cynthas Stimme über sich, getragen vom Wind. „Yang meinte, ich soll dich abwerfen, du würdest es schon schaffen!“ Der Boden kam rasend schnell näher, die Luft pfiff in ihren Ohren, und der schwarze Punkt, der der Drache gewesen war, wurde immer kleiner. Sie war zu weit vom Kilassahara entfernt, um die steilen Felswände mit ihrer Magie zu erfassen. Unter ihr erstreckte sich nur dichter Wald – eine tödliche Falle, wenn sie ungebremst aufprallen würde. Panik drohte sich in ihr auszubreiten. Sie konnte nur Erdmagie nutzen – und in der Luft war sie wertlos. ,,Denk nach, denk nach!’’ Der Boden war nur noch Sekunden entfernt. Ihr Herz schlug gegen ihre Rippen wie ein gefangenes Tier. Sie hatte keine Möglichkeit, ihre Geschwindigkeit zu verringern, keine Chance, dem unausweichlichen Aufprall zu entkommen. Und dann— —KWAMM— Eine gewaltige Detonation erschütterte den Wald. Die Erde riss auf, Steine und Staub explodierten in alle Richtungen, als ob der Boden selbst versuchte, sie zu verschlingen, statt sie zu zerschmettern. Leyla spürte den brutalen Einschlag, fühlte, wie ihr ganzer Körper von der Wucht des Aufpralls durchgerüttelt wurde. Sie lag am Boden. Schmerzen durchzogen ihre Glieder, doch sie war am Leben. Sie öffnete vorsichtig die Augen. Über ihr erstreckte sich eine metertiefe Grube, ihr eigenes Kratergrab. Sie bewegte ihre Finger, dann ihre Arme, schließlich ihre Beine. Nichts gebrochen. Sie keuchte und ließ den Kopf zurückfallen, während die Erkenntnis langsam zu ihr durchdrang. Die Erde hatte den größten Teil der Energie aufgenommen. Ihre Magie, oder besser gesagt der Runenstein, hatte den Aufprall abgeschwächt, indem sie die Erde unter ihr erweicht und sich um sie gelegt hatte, als sie einschlug. „Yang wusste also, dass das passiert?“ murmelte sie fluchend. Natürlich wusste sie es. Yang schien ihre Stärke genau zu kennen. Sie wusste, dass Leyla überleben würde. Aber musste es wirklich auf diese Art sein? Sie stöhnte, richtete sich mühsam auf und rief eine Steinsäule, die sie aus dem Krater hob. Als sie schließlich wieder auf festem Boden stand, musterte sie das, was von dem Wald übrig war. Die Szenerie war verheerend. Bäume lagen wie achtlos hingeworfene Zahnstocher kreuz und quer, ihre Stämme zersplittert. Der weiche Waldboden war verschwunden, begraben unter einer dicken Schicht aus aufgewirbeltem Staub und Trümmern. „Das hätte doch sicher auch anders gehen können…“ brummte Leyla. Dann wandte sie den Blick nach vorne. Am Horizont, einige Kilometer entfernt, erstreckte sich eine Stadt am glitzernden Meer – ein pulsierendes Handelszentrum, eine Metropole voller Möglichkeiten, Gefahren und Geheimnisse. Tripolis.











